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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Polen</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
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		<title>Revolution im &#8220;falschen Kommunismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 03:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.<br />
<span id="more-91"></span><br />
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der imperialistischen Neuaufteilung Europas fiel Osteuropa unter russische Kontrolle. Der so genannte Kommunismus der sich in L&#228;ndern wie Polen, Tschechien, Rum&#228;nien, Bulgarien und Ungarn etablierte, war weder durch soziale noch politische Revolutionen von unten erk&#228;mpft, sondern von externen Kr&#228;ften eingef&#252;hrt worden. Die kommunistischen Parteien in diesen L&#228;ndern hatten bis dahin nicht zwangsl&#228;ufig eine wichtige Rolle gespielt.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sie verbreiteten ihre Macht in den Nachkriegsjahren nicht durch politischen Zuspruch aus der Bev&#246;lkerung, sondern &#252;ber den Aufbau eines b&#252;rokratischen Verwaltungs-Apparates, gest&#252;tzt durch sowjetische Milit&#228;r-Pr&#228;senz. Es entstand eine neue Klassenstruktur in Osteuropa. Die wirtschaftliche Umverteilung, die nat&#252;rlich in erster Linie russischen Interessen diente, erm&#246;glichte innerhalb der L&#228;nder eine gewisse soziale Mobilit&#228;t. ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen konnten durch eine Mitgliedschaft in den wachsenden kommunistischen Parteien in privilegierte Stellungen aufsteigen. Die stalinistische Ideologie wurde &#252;berall verbreitet und wurde Teil des Alltagslebens der Menschen. Doch all das konnte die Tatsache nicht verschleiern, dass das wirtschaftliche und politische Schicksal dieser L&#228;nder von nun an von Moskau aus diktiert wurde, ein Umstand gegen den sich die betroffen Menschen mehr als ein Mal zur Wehr setzten.</p>
<h3>Polen – Widerstand und Repression</h3>
<p>Die polnische Bev&#246;lkerung litt in den 50er Jahren schwer unter der sowjetischen Ausbeutungspolitik. Der Lebensstandard der polnischen ArbeiterInnen fiel zwischen 1949 und 1955 um zehn Prozent. Vierzig Prozent der nationalen Produktion wurde f&#252;r die Gro&#223;industrie verwendet, anstatt den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung zu dienen. Auch der strategische Kurswechsel der sowjetischen Eliten im Jahr 1953 bedeutete f&#252;r die Menschen keine tats&#228;chliche Verbesserung ihrer Lebenssituation.<br />
Das Jahr 1953 war ein Wendepunkt f&#252;r die Kommunistische Partei Russlands. Unter dem Druck der Revolten in Ostdeutschland und erm&#246;glicht durch den Tod Stalins wurde in vielen der so genannten „Volksdemokratien“ eine liberalere Politik eingef&#252;hrt. In Polen waren die wirtschaftlichen Zugest&#228;ndnisse eher halbherzig und oft erst erreicht, wenn die ArbeiterInnen selbst daf&#252;r eintraten. So gab es gegen die sinkenden L&#246;hne und die steigende Arbeitszeit immer wieder kleinere Streiks, wie in Danzig und Warschau. Politisch wurden allerdings durch die Lockerung der Zensur neue Spielr&#228;ume f&#252;r kritische Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik er&#246;ffnet. Mitte der 50er traten Studierende, JournalistInnen und sozialistische AutorInnen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> eine Welle der Kritik am Regime los. Im Zentrum der kritischen Debatten stand eine Gruppe, die sich als „Oktober Linke“ bezeichnete. Die studentische marxistische Wochenzeitschrift <em>Po Prostu</em>, die bis zu 90.000 LeserInnen erreichte, wurde in Polen zum wichtigsten Medium der Kritik gegen das Regime. Viele Artikel behandelten den chaotischen Zustand der Industrie und die Probleme, die offiziell nicht existierten (z.B. 300.000 Arbeitslose), aber sie portraitierten auch die unglaublichen Privilegien der herrschenden B&#252;rokraten-Klasse und kontrastierten diese mit der Lebenssituation der ArbeiterInnen.<br />
Auch in den Betrieben wurden die Unmuts&#228;u&#223;erungen immer lauter. Die Arbeitsbedingungen hatten sich zunehmend verschlechtert. Am 28. Juni 1956 entlud sich die angestaute Wut der ArbeiterInnen in Posen. 16.000 FabriksarbeiterInnen mit selbst angefertigten Bannern zogen durch die Stra&#223;en und skandierten “Wir wollen Brot!”, “Wir wollen niedrigere Preise und h&#246;here L&#246;hne!”. Leute aus den umliegenden Fabriksgeb&#228;uden und Gesch&#228;ften schlossen sich der Demonstration an. Bald hatte sich ein Drittel der gesamten Stadtbev&#246;lkerung vor dem Rathaus versammelt und forderte: “Wir wollen Freiheit!”, “Nieder mit dem falschen Kommunismus!”, “Nieder mit den Russen!”.<br />
Die spontane Massendemonstration entwickelte immer mehr Dynamik. Ein Teil der Demonstration marschierte weiter zum Stadtgef&#228;ngnis, um dort politische Gefangene zu befreien, die Waffen der W&#228;rter wurden konfisziert. Ein anderer Teil der Menge &#252;bernahm die Radiostation. Die gesamte Machtstruktur wurde pl&#246;tzlich herausgefordert.<br />
Die Regierung in Warschau antwortete mit Spezialeinheiten der Armee. Bis zum Abend &#252;bernahmen diese mit ihrer &#252;berlegenen Bewaffnung wieder die Kontrolle &#252;ber die Stadt. Der Aufstand, auch wenn teilweise am n&#228;chsten Tag noch weiter gek&#228;mpft wurde, war in den sp&#228;ten Stunden niedergerungen. Am n&#228;chsten Tag erst konnte der Rest der polnischen Bev&#246;lkerung direkt aus der offiziellen Parteizeitung erfahren was geschehen war:<br />
“Feindliche Agenten haben erfolgreich Unruhen provoziert. Die Geschehnisse gingen so weit, dass &#246;ffentliche Geb&#228;ude attackiert wurden, Todesopfer waren die Folge … Die Organisatoren dieser Aktion, eine breit und sorgf&#228;ltig vorbereitete Provokation, werden die volle H&#228;rte der Gesetze zu sp&#252;ren bekommen. … Die Provokation in Posen war von Feinden unseres Vaterlandes organisiert.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Doch ein wachsender Teil der herrschenden Klasse sah in Posen eine Warnung. Weitere Aufst&#228;nde w&#228;ren sicher nicht wieder so einfach niederzuschlagen. Der reformistische Fl&#252;gel innerhalb der Regierung wurde durch den Aufstand in Posen gest&#228;rkt. Der Widerspruch jedoch zwischen Reformern und jenen, die Reformen verabscheuten, spitzte sich immer weiter zu – bis im Oktober 1956 sogar ein B&#252;rgerkrieg drohte. Doch am 18. Oktober rollten russische Panzer in Polen ein um genau diesen zu verhindern und die Macht der Anti-Reformer zu st&#228;rken.</p>
<h3>Ungarn – die Revolution bricht aus</h3>
<p>W&#228;hrend die Unzufriedenheit in Polen 1956 dahinbrodelte, kochte sie in Ungarn &#252;ber. Um die Situation in Ungarn 1956 zu erkl&#228;ren, m&#252;ssen erst die zuvor liegenden, von Moskau gelenkten, Regierungsman&#246;ver betrachtet werden, die letztendlich zu einer Fraktionierung der politisch herrschenden Klasse Ungarns f&#252;hrten. Bis 1953 wurde der 5-Jahresplan Stalins in Ungarn unbarmherzig umgesetzt. Die Schwerindustrie wuchs um 210%, w&#228;hrend der Lebensstandard der Bev&#246;lkerung kontinuierlich sank. Exekutiert wurde diese harte Wirtschaftspolitik bis zum Jahr 1953 durch die Regierung um Mátyás Rákosi<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dann leitete Chruschtschow auch in Ungarn einen Kurswechsel ein. Die neue politische Leitfigur war Imre Nágy mit seiner Idee des „nationalen und menschlichen Sozialismus“. Er sollte Unruhen vorbeugen und so kam es zu einigen Reformen, im Sinne der arbeitenden Bev&#246;lkerung: ArbeiterInnen sollten h&#246;here Bez&#252;ge erhalten und die Wirtschaftspl&#228;ne weniger &#252;berspannt werden, den Bauern wurden die Strafen f&#252;r nicht-vollbrachte Zwangsablieferungen gestrichen und Partei und Staatsapparat sollten st&#228;rker getrennt werden. Ungarn erlebte 1953 den Beginn einer neuen Epoche – eine Epoche des „Neuen Kurs“. Die Gruppe um Imre Nágy setzte diese Reformen jedoch nicht ohne Widerstand aus der eigenen Partei um. Rákosi lehnte diese strikt ab. Auch das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau war alles andere als ein homogener Block. Nicht einmal zwei Jahre nach der Einf&#252;hrung dieser Reformen schwang das ZK der KPdSU nach einem Besuch Rákosis in Moskau um und Rákosi wurde der R&#252;cken gest&#228;rkt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Mitte 1956 konzentrierte sich die Diskussion in ganz Ungarn auf die Politik der Diktatur der KP. Das Zentrum der Kritik stellte der so genannte Pet&#246;fi-Kreis<sup>6</sup> dar. Das war vorerst ein studentischer Diskussionszirkel, der sich mit Fragen marxistischer Philosophie und Realpolitik besch&#228;ftigte. Bald wurden aber immer gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen organisiert und die Themen wurden immer brisanter: der wirtschaftspolitische Kurs Ungarns, Demokratie, Pressefreiheit, uvm. Die TeilnehmerInnen waren RegierungskritikerInnen, vor allem aus privilegierten Milieus, wie Universit&#228;t, Verwaltungsapparat oder Armee. Mit diesem Zirkel formierte sich ein zweites politisches Zentrum in Ungarn, welches die Politik des Zentralkomitees der MDP (kommunistische Partei Ungarns) herausforderte.<br />
Im Juli 1956 musste Rákosi aufgrund der immer st&#228;rkeren Opposition, nicht zuletzt bedroht durch die Entwicklungen in Polen, zur&#252;cktreten. Der ehemalige Chef der Staatsschutzbeh&#246;rde (AVH) und Mitstreiter Rákosis Ern&#246; Ger&#246; nahm seinen Posten ein. Doch die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch in den Betrieben begannen die ArbeiterInnen nach und nach Fragen zu stellen. Die Stimmung unter den Intellektuellen und unter den ArbeiterInnen heizte sich auf.</p>
<h3>Massenaufstand in Budapest</h3>
<p>Am 22. Oktober riefen einige StudentInnengruppen zu einer Demonstration in der Hauptstadt auf, um ihre Solidarit&#228;t mit “unseren polnischen Br&#252;dern” auszudr&#252;cken. Vielleicht w&#228;re es auch bei einem friedlichen Zeichen der Solidarit&#228;t geblieben, w&#228;ren die Menschen nicht gleich mit der Willk&#252;r ihrer eigenen herrschenden Klasse konfrontiert worden, die die Demonstration zun&#228;chst erlaubte und diese Erlaubnis kurz danach wieder entzog. Trotzdem, oder gerade deswegen, versammelten sich 100.000 Menschen am Platz vor der Statue von Josef Bem<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. In flammenden Reden wurden Reformen gefordert. Reformen, wie eine eigene, von Russland unabh&#228;ngige Politik, auf Basis sozialistischer Prinzipien. Betriebe sollten von ArbeiterInnen selbst gef&#252;hrt werden. Gewerkschaften sollten zur echten Repr&#228;sentantin der Interessen der ungarischen ArbeiterInnenklasse werden. Und nat&#252;rlich die Forderung nach freien Wahlen.<br />
Der Protestmarsch schien schon vor&#252;ber zu sein. Die Kundgebungen gehalten. Doch die Menschen wollten sicher gehen, dass ihre Forderungen tats&#228;chlich erf&#252;llt werden. Langsam bewegte sich die Menge weg vom Platz der Bem-Statue hin Richtung Parlament. Die Demonstration radikalisierte sich. “Raus mit den Russen!”, “Nieder mit Rákosi!”, “Freie und geheime Wahlen!”, “Nágy an die Macht!”. Die Demonstration schwoll immer mehr an. &#220;ber Radio sprach Ger&#246; zu den Menschen. Seine Rede machte klar, dass die Gruppe um ihn keinen Politikwechsel vorhatte.<br />
Zum Gef&#252;hl der Solidarit&#228;t und St&#228;rke kam nun auch das Gef&#252;hl der Bitterkeit, der Wut. Ein gro&#223;er Teil der Demonstration marschierte im Anschluss weiter zur Radiostation, um Ger&#246; zu antworten. Ein anderer Teil marschierte zum Stadtpark und riss die Stalin-Statue nieder. Ein weiteres verhasstes Symbol der Diktatur stellte sich den Menschen bei der Radiostation entgegen. 500 Soldaten der Staatsschutzbeh&#246;rde AVH bewachten sie. Es kam zu erbitterten Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den sich spontan bewaffnenden DemonstrantInnen. In diesem Moment begann in Ungarn die Revolution. Entgegen den Beteuerungen der Propaganda waren nicht einzelne Individuen am Werk, sondern ein gro&#223;er Teil der Budapester Bev&#246;lkerung.<br />
Ein Reporter aus Jugoslawien beschreibt die Situation folgenderma&#223;en:<br />
„Tausende Menschen eigneten sich Waffen an, indem sie Soldaten entwaffneten. Einige dieser Soldaten solidarisierten sich mit den erbittert k&#228;mpfenden Massen. Es wird berichtet, dass sie in Baracken eingebrochen und die Waffenfabrik Budapests eingenommen haben. Auf den Stra&#223;en tauchten Maschinengewehre und sogar leichte Infanterie auf. Gem&#228;&#223; den Augenzeugenberichten sind die Beh&#246;rden handlungsunf&#228;hig, es ist ihnen nicht m&#246;glich die blutigen Auseinandersetzungen zu beenden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Der ungarische Staatsapparat drohte v&#246;llig zusammenzubrechen. Am 23. und 24. Oktober geriet die Budapester F&#252;hrung derma&#223;en in Panik, dass einige in die Untergrundbunker flohen, die f&#252;r die ArbeiterInnen nicht zug&#228;nglich waren. Die regul&#228;re Polizei war machtlos und in Budapest liefen 1.200 Offiziere angef&#252;hrt vom Polizeichef Sandor Kopasci zu den DemonstrantInnen &#252;ber.</p>
<h3>Doppelherrschaft</h3>
<p>Die Herrschenden mussten reagieren. Am n&#228;chsten Morgen verk&#252;ndete Ger&#246; die Bildung einer neuen Regierung mit Imre Nágy als Ministerpr&#228;sident, was einer Forderung der Aufst&#228;ndischen entsprach. Die Auseinandersetzungen gingen jedoch auch unter der neuen Regierung weiter.<br />
Am dritten Tag der K&#228;mpfe, am 26. Oktober, begannen die Menschen Strukturen zu schaffen, um ihrer neuen Macht Ausdruck zu verleihen und effizienter zu agieren. Sie formierten “Revolution&#228;re R&#228;te” in den St&#228;dten und Stadtvierteln, in den D&#246;rfern, in Zeitungsb&#252;ros und in Schulen, auf Bauernh&#246;fen und in den Fabriken. Die R&#228;te organisierten die Revolution und das Alltagsleben. Sie waren die Koordinationspunkte um Kampfstrategien weiterzuentwickeln, aber sie organisierten auch die Arbeit in den Fabriken und die Verteilung von Lebensmitteln und anderen G&#252;tern. Sie waren der Ausdruck von Demokratie und Selbstverwaltung in dieser revolution&#228;ren Phase, sie zeigten das Potenzial der ArbeiterInnenklasse, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<br />
Die R&#228;te machten klar, dass es den Menschen in der ungarischen Revolution um eine tats&#228;chliche Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ging, mit dem zentralen Punkt der Kontrolle der ArbeiterInnen &#252;ber die Produktion. So wurde bei einer Versammlung von 24 R&#228;ten aus Budapest eine Resolution verabschiedet, die unter anderem folgende Punkte enthielt:<br />
- Die Fabriken sind Eigentum der ArbeiterInnen.<o></o><br />
- Die Kontrolle &#252;ber ein Unternehmen wird von dem demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenrat ausge&#252;bt.<br />
- Die Rechte der ArbeiterInnenr&#228;te werden folgenderma&#223;en definiert:<br />
o Die Zustimmung und Ratifizierung aller Projekte, die das Unternehmen betreffen<br />
o Die Festlegung des Lohnniveaus<o></o><br />
o Die Entscheidungsbefugnis &#252;ber alle Vertr&#228;ge im Export-Bereich<o></o><br />
o Finanzierungsentscheidungen<o></o><br />
o Einstellungs- und Entlassungspolitik<o></o><br />
o Die Ernennung eines Leiters des Unternehmens, der dem Rat gegen&#252;ber                                 verantwortlich ist.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Netz der R&#228;testrukturen wurde immer gr&#246;&#223;er und ihre Forderungen radikaler. In solch einer Situation konnte die Regierung auf zwei Arten reagieren: Entweder sie versuchte, den Aufstand und die daraus entstandenen Strukturen blutig niederzuschlagen, oder durch gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse auf die Forderungen der Masse einzugehen und damit die revolution&#228;re Krise zu entsch&#228;rfen. Die Regierung entschied sich f&#252;r zweiteres. Am 30. Oktober verk&#252;ndete Nágy: “Das Kabinett wird das Ein-Parteiensystem abschaffen und die Regierung auf die Basis demokratischer Kooperation der Parteien von 1945 stellen.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Die ArbeiterInnenr&#228;te, so wurde versprochen, sollten offiziell eingebunden werden. Bis Anfang November wurden immer mehr der popul&#228;ren Figuren der Revolution in die Regierung integriert. In den R&#228;ten selbst stellte sich nun die Frage, ob man dieser neuen Regierung vertrauen, oder eine eigene, in Form eines zentralen ArbeiterInnenrats, gr&#252;nden sollte. W&#228;hrend in den Revolution&#228;ren R&#228;ten noch diskutiert wurde, wurde von Moskau aus bereits die Konter-Revolution vorbereitet.</p>
<h3>Verrat und Konterrevolution</h3>
<p>Am 4. November r&#252;ckten russische Panzer in Budapest ein. Die ungarische Regierung wollte sich den Invasoren nicht kampflos ergeben. Imre Nágy verk&#252;ndete:<br />
“Heute im Morgengrauen haben sowjetische Kr&#228;fte begonnen unsere Hauptstadt anzugreifen, um offensichtlich die legale, demokratische ungarische Regierung zu st&#252;rzen. Unsere Truppen k&#228;mpfen. Die Regierung ist im Amt.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Aber wenige Stunden sp&#228;ter hatte die russische Armee alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt eingenommen. Nágy und die anderen Minister mussten fliehen. Doch in ganz Ungarn griffen die ArbeiterInnen zu den Waffen und stellten sich der einr&#252;ckenden russischen Offensive entgegen. In Csepel, Újpest, in Pécs, in Miskolc und in Dunapentele – &#252;berall str&#246;mten Menschen auf die Stra&#223;en um die Revolution zu verteidigen.<br />
Die russische Armee setzte ihren Angriff ohne Gnade fort. In ihrer Verzweiflung baten die Aufst&#228;ndischen den Westen um Hilfe. Doch sie hatten keine Unterst&#252;tzung zu erwarten. Der westlichen herrschenden Klasse war klar, dass diese Revolution, auch wenn gegen ihren Feind den Stalinismus gerichtet, nicht in ihrem Interesse war. Au&#223;erdem h&#228;tten sie damit eine Eskalation des Konflikts zwischen den gro&#223;en imperialistischen Bl&#246;cken riskiert.<br />
Als Russland die Kontrolle nach schweren K&#228;mpfen und mehr als 20.000 Toten wieder erlangte, &#252;bergaben sie sie an die neue ungarische Regierung unter Ministerpr&#228;sident János Kádár. Trotzdem war der Widerstand noch nicht gebrochen. Die Industrieproduktion war gestoppt, es gab keine Elektrizit&#228;t, die Nahrungsvorr&#228;te neigten sich dem Ende zu und das Telefonnetz und die Post funktionierten nur dann, wenn die ArbeiterInnen es wollten. Auch wenn sie milit&#228;risch geschlagen waren, ihre m&#228;chtigste Waffe gaben die ArbeiterInnen Ungarns nicht so schnell aus der Hand. Sie organisierten einen Generalstreik. Die Organisation des Streiks war weitaus schwieriger in dieser Situation. Viele der ArbeiterInnen hatten die Hoffnung auf einen Sieg l&#228;ngst aufgegeben. Nun war es wichtig die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln, wenn doch noch etwas erreicht werden sollte. Am 8. November fand ein Koordinationstreffen der Budapester ArbeiterInnenr&#228;te statt und ein Zentraler ArbeiterInnenrat wurde gegr&#252;ndet. Man einigte sich auf die folgenden Forderungen: Die Betriebe sollten Eigentum der ArbeiterInnen unter der Kontrolle der R&#228;te werden, die Macht der R&#228;te sich auch auf die wirtschaftlich, soziale und kulturelle Sph&#228;re ausweiten, eine eigene Miliz sollte geschaffen werden und ein Mehr-Parteien System auf sozialistischer Basis etabliert werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass diese Forderungen nicht zur G&#228;nze umgesetzt werden k&#246;nnten. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich aufgrund ihrer milit&#228;rische &#220;berlegenheit schon weit zugunsten der herrschenden Klasse verschoben. So begannen nun die Verhandlungen zwischen der Kádár-Regierung und VertreterInnen des Zentralen ArbeiterInnenrates. R&#252;ckblickend erscheint das Verhalten der ehemaligen Revolutionsf&#252;hrerInnen etwas naiv. Denn w&#228;hrend noch &#252;ber die formale Annerkennung der R&#228;te verhandelt wurde, wurden mehr und mehr ihrer Mitglieder verhaftet, verschleppt und wie sich sp&#228;ter herausstellte, exekutiert. Die Regierung wollte und konnte die Macht der R&#228;te niemals akzeptieren. So wurde am 11. Dezember 1956 – 30 Tage seit seinem Bestehen – der Zentrale ArbeiterInnenrat von Gro&#223;budapest zur G&#228;nze verhaftet. Am 15. Dezember wurde die Todesstrafe f&#252;r wilde Streiks eingef&#252;hrt. Die ehemaligen Anf&#252;hrer der R&#228;te, wie Janoz Soltezs oder Josef Dudas wurden verhaftet und ermordet. Gleichzeitig wurden Lohnerh&#246;hungen f&#252;r die Mehrheit der ArbeiterInnen eingef&#252;hrt. Es wurde alles daran gesetzt den Arbeitsalltag wieder herzustellen. Am 6. J&#228;nner l&#246;ste sich der letzte ArbeiterInnenrat selbst auf.</p>
<h3>Sozialismus von unten</h3>
<p>Es stellt sich die Frage, warum ein System, das sich „Kommunismus“ oder „ArbeiterInnenstaat“ nennt, von ArbeiterInnen derart herausgefordert werden kann. In dieser Geschichte wird deutlich, dass der “real existierende Sozialismus” seit dem Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun hatte. Es wurden weder Produktion noch Verteilung unter der demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen organisiert. Die Kontrolle wurde durch einen repressiven b&#252;rokratischen Staatsapparat ausge&#252;bt.<br />
Worin liegt dann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ArbeiterInnenr&#228;te: Die Tatsache, dass sie gegen einen so genannten sozialistischen ArbeiterInnenstaat aufgebaut und von demselben wieder zerst&#246;rt wurden, zeigt, dass Ungarn weder vor noch nach 1956 in irgendeiner Weise sozialistisch war. Dass die R&#228;te die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel &#252;bernahmen, zeigt auch, dass das Problem nicht die politische Degeneration an der Spitze war, sondern ein System, das ArbeiterInnen politisch und &#246;konomisch unterdr&#252;ckt. „Die Kommunisten verstaatlichten alle Fabriken und &#228;hnliche Unternehmen mit dem Slogan: Das sind eure Fabriken – ihr arbeitet f&#252;r euch selbst. Aber das genaue Gegenteil war der Fall“, betonte ein Arbeiter aus Csepel.</p>
<p>Aus diesem Grund wird der “real existierende Sozialismus” von uns als „b&#252;rokratischer Staatskapitalismus“ analysiert. Was die ArbeiterInnenr&#228;te dagegen geschaffen haben, n&#228;mlich der Ansatz einer demokratischen selbstverwalteten Gesellschaft, steht f&#252;r uns in der Tradition des “Sozialismus von unten”.<br />
„Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen H&#228;nden ergreifen, die sich “von unten” in einen Kampf werfen, um die Kontrolle &#252;ber ihr Schicksal zu &#252;bernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der B&#252;hne der Geschichte.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> In Ungarn, Polen und Rum&#228;nien waren die kommunistischen Parteien vor und w&#228;hrend dem Krieg verschwindend klein nur in Tschechien hatten sie etwas mehr Bedeutung mit 240.00 Mitgliedern.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. Adam Wazyk, der bereits vor dem Krieg Anh&#228;nger der Kommunistischen Partei war und dann bekannter Vertreter „sozialistischen Realismus“ wurde<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-1983. London: Bookmarks 1988. p98.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Mátyás Rákosi war bereits vor dem 2. Weltkrieg, den er gro&#223;teils im russischen Exil verbrachte, Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihm wird die „Sowjetisierung“ Ungarns zugeschrieben, er baute die AVH auf und bezeichnete sich selbst als „Stalins bester Sch&#252;ler“.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Varga, Gy&#246;rgy T.: Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution 1956. p73.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Die Pet&#246;fi-Zirkeln entstanden aus einer Untergruppe der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Ungarns.<br />
Benannt wurden sie nach dem Dichter und Held des ungarischen Freiheitskampfs 1848 Sándor Pet&#246;fi.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Josef Bem, urspr&#252;nglich aus Polen stammenden Helden im ungarischen Aufstand von 1848.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p131.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council. http://www.marxists.de/statecap/nagy/budapest.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p138.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zit. n. ebd.: p159.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Draper, Hal: Die zwei Seelen des Sozialismus. http://www.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm<o></o></p>
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