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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Organizing</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Organize!</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:16:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Organizing]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Brinkmann, Ulrich/ Choi, Hae-Lin/Detje, Richard/ D&#246;rre, Klaus/ Holst, Hajo/ Karakayali, Serhat/ Schmalstieg, Catharina: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden: VS Verlag f&#252;r Sozialwissenschaften 2008. 19,90 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Brinkmann, Ulrich/ Choi, Hae-Lin/Detje, Richard/ D&#246;rre, Klaus/ Holst, Hajo/ Karakayali, Serhat/ Schmalstieg, Catharina: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden: VS Verlag f&#252;r Sozialwissenschaften 2008. 19,90 €<br />
<span id="more-129"></span><br />
Die AutorInnen des Buches <em>Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung</em> greifen die international immer intensiver gef&#252;hrte Debatte rund um gewerkschaftliches <em>Organizing </em>auf und stellen dabei zwei Fragen ins Zentrum: (1) K&#246;nnen die Konzepte des <em>Organizing</em>, die insbesondere im angloamerikanischen Raum entstanden sind, auf kontinentaleurop&#228;ische und insbesondere bundesdeutsche Verh&#228;ltnisse angewendet werden? (2) Was kann eine, sich als kritisch verstehende Gewerkschaftsforschung dazu beitragen, dass sich Gewerkschaften aus der Ohnmachtsfalle befreien, in die sie gegenw&#228;rtig offensichtlich gekommen sind? Zum Einstieg geben die AutorInnen einen Einblick in ihre eigenen theoretischen Grundlagen. Dabei grenzen sie sich von institutionalistischen Forschungsans&#228;tzen ab, da diese gesellschaftliche Kr&#228;fte- und Machtverh&#228;ltnisse aus der Analyse gewerkschaftlicher Praxis zum gro&#223;en Teil ausblenden. Dieser Ausschluss wird besonders schlagend in der Betrachtung von <em>Organizing</em>-Konzepten, da es hier vor allem um die die Wiedergewinnung und Ausweitung von Organisationsmacht geht.<br />
Grunds&#228;tzlich gehen die AutorInnen von einem Machtressourcen-Ansatz aus, der eine Asymmetrie zwischen Kapital und Lohnarbeit voraussetzt. Dieser Asymmetrie zugunsten des Kapitals kann von ArbeiterInnen nur durch eine kollektive Mobilisierung entgegengetreten werden. Auf dieser Grundlage entstehen bis heute immer neue ArbeiterInnenbewegungen. Diese werden von den AutorInnen in zwei unterschiedliche Typologien unterteilt. Sie k&#246;nnen eher „marxschen Typs“ sein und die &#220;berwindung des kapitalistischen Systems zum Ziel haben oder eher „polanyischen Typs“, der defensiv auf den Schutz der ArbeitnehmerInnen innerhalb des kapitalistischen Systems und auf die Abmilderung der Folgen kapitalistischer Ausbeutungslogik abzielt. Entgegen homogenisierender Vorstellungen sehen die AutorInnen eine Vielzahl von ArbeiterInnenbewegungen, die keinen einheitlichen Charakter aufweisen, oft durch klassenunspezifische Grenzziehungen bestimmt sind und daher in ihren geographisch-historischen Spezifikationen erfasst werden m&#252;ssen.<br />
Diese ArbeiterInnenbewegungen st&#252;tzen sich allerdings auf gemeinsame Machtressourcen. So gibt es f&#252;r die AutorInnen drei Formen von ArbeiterInnenmacht. &#196;hnlich wie Erik O. Wright und Beverly J. Silver unterscheiden sie zun&#228;chst zwischen struktureller und Organisationsmacht. Strukturelle Macht ergibt sich aus der Positionierung der Lohnabh&#228;ngigen im &#246;konomischen Prozess. So k&#246;nnen ver&#228;nderte Strukturen des Arbeitsprozesses, wie zum Beispiel der derzeitige Boom von individualisierten Arbeitsprozessen in der Dienstleistungsbranche, zu ver&#228;nderten Einflussm&#246;glichkeiten f&#252;hren. Die Organisationsmacht ist dem gegen&#252;ber abh&#228;ngig vom Grad der kollektiven Organisierung der Lohnabh&#228;ngigen in Form von Gewerkschaften, Parteien oder &#196;hnlichem. Au&#223;erdem stellen die AutorInnen noch eine dritte Form von Machtressource f&#252;r Lohnabh&#228;ngige heraus: die institutionelle Macht. Diese basiert auf den beiden zuvor dargestellten. &#220;ber auf Dauer gestellte Normen und Gesetze sowie institutionelle Arrangements kann eine eigene Robustheit entwickelt werden, die &#252;ber kurzfristige konjunkturelle Ver&#228;nderungen hinaus Wirkm&#228;chtigkeit entfaltet. Alle drei Machtressourcen sind miteinander verbunden und existieren nie in Reinformen, sondern nur in unterschiedlichen Kombinationen.<br />
F&#252;r Gewerkschaften der westlichen Welt entwickelte sich in der Bl&#252;tezeit des Fordismus, insbesonders in Teilen Europas, die institutionelle Macht zum wichtigsten Referenzpunkt gewerkschaftlichen Handelns. Diese Form der Macht pr&#228;gte den Arbeitskonflikten nicht nur einen in hohem Ma&#223;e verrechtlichten Charakter auf, sondern bestimmte &#252;ber weite Strecken das Selbstverst&#228;ndnis der Gewerkschaften als wichtige und nicht selten staatstragende Verhandlungspartner.<br />
Mit der Krise der fordistischen Gesellschaftsformation hat auch diese Machtressource der Gewerkschaftsbewegung an Bedeutung verloren. Die institutionalisierte Machtbalance zwischen Kapital, Lohnabh&#228;ngigen und Staat verschiebt sich zuungunsten der Arbeit, womit auch die Handlungsr&#228;ume f&#252;r korporatistische Interessenspolitik enger werden und sich Konflikte verst&#228;rkt auf betriebliche Ebene verlagern m&#252;ssen. Da sich Gewerkschaften traditionell auf die institutionalisierte Machtressource konzentrierten, wurde &#252;ber Jahrzehnte Organisationsarbeit im Sinne gewerkschaftlicher Organisierung in den Betrieben, und damit die eigentliche Machtbasis von Gewerkschaften vernachl&#228;ssigt. Diese macht den Gewerkschaften heute zusehends zu schaffen. Der postfordistische Transformationsprozess spielte nicht nur der Kapitalseite zus&#228;tzliche Machtpotentiale in die H&#228;nde, ebenso trieb die Stellvertreterpolitik die Gewerkschaften in eine Repr&#228;sentations- und Praxiskrise. Zwar stellen die AutorInnen fest, dass nicht von einem Ende der Gewerkschaften die Rede sein kann, doch lassen sich sehr wohl einschneidende Ver&#228;nderungen in den Arbeitsbeziehungen festmachen, auf die insbesondere Gewerkschaften in Deutschland und &#214;sterreich keine ad&#228;quaten Antworten finden.<br />
Vor dem Hintergrund dieser Analysen stellen die VerfasserInnen die Frage, ob <em>Organizing </em>einen Weg aus dieser Defensive weisen kann und welche Rolle kritische Gewerkschaftsforschung dabei spielen kann, neue Handlungsspielr&#228;ume zu er&#246;ffnen. Anhand eingehender Literaturstudien arbeiten die VerfasserInnen zwei Begriffe von <em>Organizing </em>heraus, die unterschiedliche praktische Implikationen haben. Ein weiter <em>Organizing</em>-Begriff hebt auf nachhaltige und tiefgreifende Ver&#228;nderungen im Verh&#228;ltnis zwischen Gewerkschaftsb&#252;rokratie und Mitgliedern ab. Es geht um eine Ver&#228;nderung gewerkschaftlicher Praxis hin zu demokratischeren Strukturen innerhalb der Organisation und einem konfliktorientierten <em>Campaigning </em>in der Au&#223;enwendung. Ein enger<em> Organizing</em>-Begriff ist eher funktionalistisch und instrumentell ausgerichtet.<em> Organizing </em>wird hier als Erg&#228;nzung zu bestehenden gewerkschaftlichen Strukturen verstanden. Beide Praxen, so haben empirische Untersuchungen gezeigt, k&#246;nnen erfolgreich sein, doch muss f&#252;r die jeweils spezifische Situation eine Verbindung von unterschiedlichen Strategien, Taktiken und Methoden angewandt werden. Dies gilt insbesondere f&#252;r Versuche, das <em>Organizing</em>-Konzept auf den deutschsprachigen Raum anzuwenden.<br />
Die AutorInnen betonen, dass es Aufgabe einer kritischen Wissenschaft im Feld der Gewerkschaftsforschung sein muss, derartige Prozesse der Generierung von neuen Praxen wissenschaftlich analytisch und beratend zu begleiten. Mit <em>Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung</em> geben die VerfasserInnen einen kompakten Einblick in kritische und eingreifende Gewerkschaftsforschung sowie einen Ausblick auf zuk&#252;nftige Forschungsaufgaben. Das Buch kann damit als Anfangspunkt f&#252;r eine wichtige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaften dienen.</p>
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		<title>Gewerkschaft bewegen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 11:00:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Organizing]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Organizing-Prinzip, als Best-Practice-Modell zur Organisierung der so genannten „Unorganiserbaren“, steht auf der (Gewerkschafts-)Linken vor allem daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> argumentieren, dass f&#252;r eine Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung nicht nur organisatorischer Wiederaufbau, sondern auch eine strategisch-politische Umorientierung n&#246;tig ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Organizing-Prinzip, als Best-Practice-Modell zur Organisierung der so genannten „Unorganiserbaren“, steht auf der (Gewerkschafts-)Linken vor allem daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> argumentieren, dass f&#252;r eine Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung nicht nur organisatorischer Wiederaufbau, sondern auch eine strategisch-politische Umorientierung n&#246;tig ist.</p>
<p><span id="more-12"></span></p>
<p>Gewerkschaften im europ&#228;ischen und im nordamerikanischen Raum sehen sich in den letzten zehn bis f&#252;nfzehn Jahren zunehmend mit einer Verringerung ihrer organisatorischen St&#228;rke, ihrer Handlungsm&#246;glichkeiten und ihrer Glaubw&#252;rdigkeit konfrontiert. Dass die Gewerkschaften zusehends an gesellschaftlicher Relevanz verlieren, wird dabei h&#228;ufig den ver&#228;nderten &#246;konomischen Strukturen, zusammengefasst unter dem Schlagwort neoliberale Globalisierung, und der rasanten Prekarisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse zugeschrieben. Gerade in diesem Kontext ist aber eine durchsetzungsf&#228;hige Vertretung der Interessen lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigter unbedingt n&#246;tig. Die Schwierigkeiten, vor denen die Gewerkschaftsbewegung heute steht, haben jedoch nicht nur externen Charakter. F&#252;r die genauere Betrachtung von L&#246;sungsstrategien m&#252;ssen daher zun&#228;chst Problemfelder ausgemacht werden.</p>
<h3>Attraktivit&#228;tsverlust</h3>
<p>Ein Gro&#223;teil der Besch&#228;ftigten sieht die Gewerkschaften immer weniger als Vertreterinnen ihrer Interessen, insbesondere als <em>erfolgreiche</em> Vertreterinnen ihrer Interessen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein hat sich das Bild der Gewerkschaften gewandelt von einem verl&#228;sslichen Garanten f&#252;r weitgehende soziale Sicherheit zu einer tr&#228;gen, den Herausforderungen der Krise, der Globalisierung und damit einhergehenden Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt und dem Abbau sozialstaatlicher Einrichtungen nicht gewachsenen Organisation. Messbar ist diese Ver&#228;nderung an einem stetigen Mitgliederschwund in den Industriestaaten Europas und Nordamerikas. Dabei gibt es einen allgemeinen Trend, der jedoch von verschiedenen Faktoren &#252;berlagert und beeinflusst wird<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>.<br />
Eine offensichtliche Schw&#228;che der Gewerkschaften ist die halbherzige Reaktion auf die Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt, in der immer mehr Frauen in die Erwerbst&#228;tigkeit gehen und MigrantInnen vorwiegend f&#252;r niedrig bezahlte Jobs eingesetzt werden. Einzelne Gewerkschaften haben in den letzten Jahren Ma&#223;nahmen gegen die Benachteiligung von Minderheiten und Frauen in den Gewerkschaften ergriffen und f&#246;rdern eine st&#228;rkere Ber&#252;cksichtigung ihrer Interessen. Separate Strukturen und Netzwerke wurden eingerichtet, so dass zumindest spezielle Interessen und Bed&#252;rfnisse formuliert werden k&#246;nnen.<br />
Quotenregelungen in den Entscheidungsgremien wurden eingef&#252;hrt. Die daraus resultierenden Strukturver&#228;nderungen – Frauen und MigrantInnen in Gewerkschaftsvorst&#228;nden usw. – f&#252;hren allerdings nicht automatisch zu Ver&#228;nderungen in der Mitgliederzusammensetzung. Der Ausdruck der intensiven Auseinandersetzungen mit dem Thema Gleichstellung ist demnach vorwiegend formaler und organisatorischer Natur und st&#246;&#223;t schnell an Grenzen. Obwohl zum Beispiel in &#214;sterreich der Anteil der erwerbst&#228;tigen Frauen immer weiter anw&#228;chst<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, ist der Anteil von Frauen in der Gewerkschaft &#252;ber Jahrzehnte mit ca. 30% gleich geblieben.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
In Studien, die die Ursachen f&#252;r die sinkende Mitgliedschaft von Jugendlichen<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> in den Gewerkschaften untersuchen, taucht immer wieder ein Faktor auf: W&#228;hrend organisierte Protestaktionen, Streiks und Solidarit&#228;t als positiv wahrgenommen werden, empfinden Jugendliche gewerkschaftliche Strukturen als zu starr, zu undurchsichtig, zu undemokratisch. Das trifft ebenso f&#252;r immer mehr Besch&#228;ftigte zu, die direkt oder indirekt mit prek&#228;ren Arbeitssituationen konfrontiert sind und bisher nicht die Erfahrung haben, dass ihnen die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft Unterst&#252;tzung bieten k&#246;nnte.</p>
<h3>Wer ist hier prek&#228;r?</h3>
<p>Dass ein Kernst&#252;ck der neoliberalen Umstrukturierung der globalen &#214;konomie die so genannte Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen ausmacht, wurde im Schwerpunkt dieses Magazins bereits ausf&#252;hrlich diskutiert. Wie von gewerkschaftlicher Seite damit umgegangen wird, ist eng an das n&#228;here Verst&#228;ndnis dieses Konstrukts gekn&#252;pft, das hei&#223;t, wie breit wird der Begriff gefasst, sprich, wer ist eigentlich von Prekarisierung betroffen?<br />
Prekarisierung wird h&#228;ufig definiert als Zuwachs an unsicheren, flexiblen Arbeitsverh&#228;ltnissen, wie Leih- und Zeitarbeit, befristete Besch&#228;ftigung, erzwungene Teilzeit, Mini- und Midi-Jobs, Scheinselbstst&#228;ndige usw.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dass damit nur die Menschen, die in solchen Verh&#228;ltnissen besch&#228;ftigt sind, als „Betroffene“ angesehen werden, ist dabei aber zu kurz gegriffen. Prekarisierung bedeutet gesamtgesellschaftliche Verunsicherung, „die Wiederkehr sozialer Unsicherheit“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>. In einem „sicheren“ Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis zu stehen, wird immer mehr zum Privileg. Das Heer der Prekarisierten scheint stetig zu wachsen und der Diskurs zur neuen Unterschicht sch&#252;rt die &#196;ngste, noch weiter abzusteigen und irgendwann die Chance auf einen Platz in der Mitte der Gesellschaft endg&#252;ltig verloren zu haben<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. Das Wort Angst ist dabei keine &#220;bertreibung. In der in Deutschland durchgef&#252;hrten INFRATEST-Studie<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> geben 49 Prozent der Befragten an, dass sie bef&#252;rchten, „ihren Lebensstandard nicht halten zu k&#246;nnen“, 46 Prozent empfinden ihr „Leben als st&#228;ndigen Kampf“ und 63 Prozent machen „die gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen Angst“. Diese Angst, gepaart mit der uns t&#228;glich berieselnden Konkurrenzideologie, f&#252;hrt zu einer Art „neuen Gef&#252;gigkeit“, die es den herrschenden Eliten wiederum erleichtert, die gesamtgesellschaftliche Prekarisierung/Verunsicherung voranzutreiben.<br />
Um in einer solchen Situation als gewerkschaftliche Interessensvertretung ernst genommen zu werden, muss die Problematik in ihrem vollen Umfang verstanden werden. Das Problem „atypischer“ Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse zu separieren und als Randthema festzumachen, vertieft den Spalt zwischen Kernbelegschaft und „den Prek&#228;ren“. Hyman<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> fordert hier eine Redefinition der ArbeiterInneninteressen: „Dabei geht es um neue Definitionen und Repr&#228;sentationen der ArbeiterInnen-Interessen, diese muss einerseits sensitiv f&#252;r die tats&#228;chlichen und eventuell unterschiedlichen Interessen der (potentiellen) Mitglieder sein, andererseits eine Agenda aufstellen, die vereint anstatt zu spalten.“</p>
<h3>Wen wie vertreten?</h3>
<p>Im Hintergrund dieser Problemstellungen steht die Selbstdefinition der Gewerkschaft und ihrer gesellschaftlichen Rolle, sowie die Frage, wessen Interessen genau vertreten werden sollen, d. h. eigentlich die Frage des Klassenbegriffs. Warum ist es so &#252;berraschend, dass auch teilzeitbesch&#228;ftigte Frauen, MigrantInnen in inoffiziellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen oder <em>Working Poor</em> zur ArbeiterInnenklasse geh&#246;ren? Warum werden sie als „neues Klientel“ so sp&#228;t entdeckt? H&#228;ufig ist die Klassendefinition im gewerkschaftlichen Bereich sehr eng gefasst und mit dem Stereotyp des wei&#223;en, m&#228;nnlichen Industriearbeiters assoziiert. Tradierte Vorstellungen von ArbeiterInnen-Kultur und -Habitus verhindern einen weiter gefassten Begriff der Klasse. In diesem Zusammenhang erscheint es wesentlich, sich nicht durch traditionelle Denkfiguren den Blick auf die reale Vielfalt der ArbeiterInnenklasse verstellen zu lassen.<br />
Die n&#228;chste grundlegende Frage ist, wie k&#246;nnen „Interessen der Klasse“ durchgesetzt werden. In verschiedenen L&#228;ndern haben sich hier unterschiedliche strategische B&#252;ndnisse und unterschiedliche Gewerkschaftsidentit&#228;ten entwickelt, vom <em>Business Unionism</em> (z. B. USA), &#252;ber <em>Sozialpartnerschaft</em> (z. B. Deutschland, &#214;sterreich), bis <em>Antikapitalistische Opposition</em> (z. B. Italien).<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Diese unterschiedlichen Formen flie&#223;en aus dem Selbstverst&#228;ndnis und der Geschichte der jeweiligen Gewerkschaft<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a>, sie sind aber auch an die &#246;konomische Situation gebunden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> “Nachdem der Triumph der Sozialpartnerschaft bisher stark auf &#246;konomischer Basis beruht hat und diese Basis jetzt untergraben wird, m&#252;ssen Gewerkschaften nach neuen Instrumenten der Marktregulation suchen, die das Konsensuale &#252;berwindet. Und da das Aufeinanderprallen &#246;konomischer Interessen jetzt wieder im Mittelpunkt steht, erlangt die Klassenlogik neue Resonanz.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Die (sozial-)partnerschaftlichen Modelle sind unter den aktuellen &#246;konomischen Bedingungen nicht tragf&#228;hig. Beispielsweise in &#214;sterreich ist die Sozialpartnerschaft bereits einseitig aufgek&#252;ndigt und besteht letztlich als eine Scheinpartnerschaft, die nur zu einer einfacheren Umsetzung der Interessen des Kapitals dient. Die Gewerkschaft wird damit zur Handlangerin des neoliberalen Umbaus und verliert nicht wegen <em>verlorener</em>, sondern vor allem wegen <em>nicht gef&#252;hrter</em> K&#228;mpfe das Vertrauen der Mitglieder.</p>
<h3>Das Zauberwort <em>Organizing</em></h3>
<p>In fortschrittlichen Teilen einiger Gewerkschaften z. B. in Gro&#223;britannien oder Deutschland wird jetzt die Forderung laut, aus einer n&#246;tigen Problemanalyse nun auch Konsequenzen zu ziehen und zu handeln. Das Zauberwort „Organizing“ wird dabei gerne angef&#252;hrt und steht in erster Linie daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Organizing</em> kann ein Weg sein, um wieder in die Offensive zu kommen. Nicht nur im neoliberalen Sachzwangdenken zu verharren, sondern eine starke Gewerkschaftsbewegung zu formieren, die wieder gewichtigere Forderungen stellen kann.<br />
Der Begriff <em>Organizing</em> ist dabei unscharf. Das zeigt z. B. der Definitionsversuch von Bremme<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>: „Organizing eignet sich nach der &#220;berfrachtung dieses Begriffs nur noch als &#220;berschrift f&#252;r ein strategisches, an den Themen der Besch&#228;ftigten ausgerichtetes Empowermentkonzept, das f&#252;r die Durchsetzung gewerkschaftlicher Ideen viele Elemente des Campaignings, des Communitiy Organizings wie des klassischen Projektmanagementwissens zur Durchsetzung gewerkschaftlicher Machtentfaltung immer wieder neu kombiniert.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Trotz bzw. auch wegen der Schwammigkeit des Begriffs <em>k&#246;nnen</em> damit relevante Debatten aufgeworfen werden. Ob die <em>Organizing</em>-Debatte um den hei&#223;en Brei herum gef&#252;hrt wird, oder ob Fragen der politischen Positionierung und der neuen Herausforderungen tats&#228;chlich gestellt werden, liegt vor allem an den AkteurInnen und f&#228;llt demnach in verschiedenen Gewerkschaften unterschiedlich aus. Dass damit ein nachhaltiger Revitalisierungsversuch der Gewerkschaftsbewegung steht und f&#228;llt wird hier vorausgeschickt, soll aber im Folgenden genauer diskutiert werden.</p>
<h3>Die Technik oder <em>plan to win</em></h3>
<p>In einem ersten Betrachtungsversuch wird an dieser Stelle die Organizing<em>technik</em> vorgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Art schematischen Handlungsablauf, der Gewerkschaften, die sich dem <em>Organizing</em>-Projekt anschlie&#223;en wollen, zur Verf&#252;gung gestellt wird. Es ist eine Art Aktions-Leitfaden, der sich an den erfolgreichen Kampagnen US-amerikanischer Gewerkschaften<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> orientiert, aber von vielen AktivistInnen/AutorInnen ins Zentrum der Debatte gestellt wird.<br />
<em> Organizing</em> hat zum Ziel, durch <em>comprehensive campaigns</em> Mitglieder zu aktivieren, Netzwerke zu schaffen, neue Mitglieder zu rekrutieren, indem professionelle <em>OrganizerInnen</em> eingesetzt werden und vor allem ein (Arbeits)kampf gewonnen wird. Die gesamte Kampagne wird zentral geplant, w&#228;hrend die MitarbeiterInnen im Betrieb erst sp&#228;ter einbezogen werden. Bei der Planung und Durchf&#252;hrung einer <em>comprehensive campaign</em> wird dabei meist folgenderma&#223;en vorgegangen:<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><br />
Am Anfang steht der <em>Plan to win</em>. Es wird ein strategisch bedeutsamer Betrieb gew&#228;hlt, bei dem es realistische Erfolgsaussichten gibt. In Vorbereitung auf die Kampagne wird  ausf&#252;hrlich &#252;ber das Unternehmen und seine gesch&#228;ftlichen Beziehungen recherchiert, m&#246;gliche Allianzen mit zivilgesellschaftlichen AkteurInnen z. B. Prominenten, NGOs, Community Organisationen, werden ausgelotet, die Medienarbeit wird vorbereitet und Informationen zur rechtliche Absicherung werden eingeholt. Dann startet das <em>Ground Campaining</em> vor Ort. Dazu werden professionell ausgebildete <em>OrganizerInnen</em> eingesetzt, die die Besch&#228;ftigten am Arbeitsplatz oder zuhause aufsuchen und mit ihnen ihre Anliegen und Probleme diskutieren. Dabei sollen nicht nur der Kontakt hergestellt und m&#246;gliche Konfliktthemen im Betrieb eruiert, sondern auch SprecherInnen und MultiplikatorInnen ausgemacht werden, die dann die St&#252;tzen der Basisnetzwerke werden sollen. In Bezug auf die gef&#252;hrten Gespr&#228;che wird dann zun&#228;chst ein Kampf um ein kleines erreichbares Ziel organisiert, um Selbstbewusstsein zu schaffen (<em>Empowerment</em>). Die Kampagne im engeren Sinn, deren Ziel bereits im <em>plan to win</em> zentral festgelegt wurde, wird dann mit den Besch&#228;ftigten gemeinsam in Betriebs-/Orts-/Branchen-weiten Treffen aufgebaut. Dabei wird eine Strategie der „<em>Eskalation mit kalkulierbarem Risiko</em>“ verfolgt, d.h. ein Mix aus kleineren Arbeitsk&#228;mpfen mit Medienaktionen, Kundgebungen, Einbindung der Zivilgesellschaft, Aktionen auf der KonsumentInnenseite, Aktionen, die die Kundenfirmen betreffen usw. Jetzt sollte der <em>plan to win</em> aufgehen und die Unternehmensleitung muss nachgeben. Darauf folgend wird eine „<em>Blitz</em>“-Rekrutierungsaktion unter Einsatz aller verf&#252;gbaren <em>OrganizerInnen</em> durchgef&#252;hrt, um m&#246;glichst schnell m&#246;glichst viele neue Mitglieder zu gewinnen.<br />
Diese Vorgehensweise ist der rechtlichen und politischen Situation der Gewerkschaften in den USA angepasst.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Schon allein deswegen erscheint eine &#220;bertragung eines <em>Organizing</em>-Modells in einige europ&#228;ische L&#228;nder auf der rein technischen Ebene fragw&#252;rdig. So begr&#252;&#223;enswert die Idee ist, aktiv auf potentielle Mitglieder zuzugehen und sich &#252;ber das F&#252;hren und Gewinnen von K&#228;mpfen und Kampagnen Geh&#246;r im &#246;ffentlichen Raum zu verschaffen, sowenig stellt OrKa<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> (<em>Organizing and Campaigning</em>) eine L&#246;sung f&#252;r oben angesprochene politische Probleme der Gewerkschaften dar.</p>
<h3>Gewerkschaft als Bewegung</h3>
<p>Das <em>Organizing</em>konzept, welches in der bisherigen Darstellung eher als Projektmanagementtechnik klassifiziert werden kann, hat seinen Ursprung allerdings in Auseinandersetzungen um unterschiedliche Versuche der Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung in den USA. In einer viel weiter gefassten <em>gesamt</em>-strategischen Debatte geht es dabei seit Ende der 1990er Jahre in den USA um eine Umorientierung der Gewerkschaft vom traditionellen <em>Business Unionism</em> (beschr&#228;nkt auf wirtschaftliche Forderungen auf der betrieblichen Ebene) zu einer neuen Art der Gewerkschaft, dem <em>Social Movement Unionism</em> (SMU). Dabei handelt es sich um mehr als einen Wiederbelebungsversuch der traditionellen ArbeiterInnen-Organisationen, die Gewerkschaft soll hier zur Sozialen Bewegung werden. Das Zusammenkommen von Gewerkschaft und sozialer Bewegung nimmt hier wiederum in verschiedenen Konzeptionen des SMU unterschiedliche Formen an.</p>
<h3>Raus aus der Klasse…</h3>
<p>Ansto&#223; der seit den 1980ern gef&#252;hrten Debatte &#252;ber alternative Organisationsmodelle waren zun&#228;chst Arbeitsk&#228;mpfe in Brasilien und S&#252;dafrika, sowie die Ans&#228;tze der Neuen Sozialen Bewegungen<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a>. Die ersten theoretischen &#220;berlegungen von Waterman, der sich selbst als Erfinder des SMU bezeichnet, waren weniger als Handlungsanleitung f&#252;r Gewerkschaften gedacht, sondern viel mehr eine Konzeptionierung und Theoretisierung des Zusammenkommens der Gewerkschafts- mit der sozialen Bewegung, dessen st&#228;rkster Ausdruck die Demonstration 1999 in Seattle gegen die WTO war. Watermans Intention kann dabei eher dahingehend gedeutet werden, die Gewerkschaftsbewegung in der breiteren Bewegung<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> aufzul&#246;sen. In seinen retrospektiven Texten<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> verwehrt er sich gegen jede Lesart, die versucht, „leninistisches“ Avantgarde-Denken in seine Konzepte zu packen. Jede strategische &#220;berlegung zu einer spezifischen Positioniertheit der ArbeiterInnenklasse ist f&#252;r ihn abzulehnen. Hier wird ein Bezug auf negrianische Denkfiguren deutlich<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a>, sowohl in seiner Anti-Klassentheorie und der damit verbundenen Anti-Strategie, als auch in einer gewissen Terminologie vom „Informationsarbeiter“ und der „Netzwerkgesellschaft“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a>. In seinen neueren Arbeiten versucht Waterman, sich gegen&#252;ber SMU-Theorien abzugrenzen, die von einem Klassenstandpunkt ausgehen und praxisorientierter sind, deshalb bezeichnet er seine Theorie jetzt als <em>New Social Unionism</em>.</p>
<h3>Rein in die Klasse</h3>
<p>Eine klassenorientierte Konzeption des SMU stammt beispielsweise vom amerikanischen Gewerkschaftsaktivisten Kim Moody. In Moodys SMU soll sich die Gewerkschaft nicht in der Bewegung aufl&#246;sen, sondern sich auf ihre St&#228;rke als ArbeiterInnenbewegung besinnen. „Die <em>Social-Movement-Unionism</em>-Bewegung ist zutiefst demokratisch, denn das ist die beste Art, die St&#228;rke der Vielen zu mobilisieren, um den gr&#246;&#223;tm&#246;glichen &#246;konomischen Druck aufzubauen. Sie ist k&#228;mpferisch in gemeinsamen Verhandlungen durch den Glauben, dass jeder R&#252;ckzug nur zu mehr R&#252;ckschl&#228;gen f&#252;hrt – der Schaden des/der Einzelnen ist der Schaden von allen. Sie versucht, Forderungen zu entwickeln, die mehr Arbeitspl&#228;tze schaffen und die gesamte Klasse unterst&#252;tzen. Sie k&#228;mpft um die Macht und die Organisation am Arbeitsplatz, weil dort der Hebel am meisten Wirkung hat, wenn er richtig angesetzt wird. Sie ist politisch, indem sie unabh&#228;ngig von den nachgiebigen liberalen oder sozialdemokratischen Parteien agiert, egal in welchem Verh&#228;ltnis die Gewerkschaft zu solchen Parteien steht. Sie vervielfacht ihre politische und soziale Macht, indem sie sich bem&#252;ht, andere Sektoren der Klasse zu erreichen, seien es andere Gewerkschaften, Nachbarschaftsorganisationen oder soziale Bewegungen.“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a></p>
<p>Ausgehend von dieser Definition k&#246;nnen drei Eckpfeiler einer klassenorientierten SMU-Strategie ausgemacht werden:<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
•    <em>Die R&#252;ckbesinnung auf den Klassencharakter der Gewerkschaften als Interessensorganisationen</em><br />
Hier geht es um eine aktive Abgrenzung von <em>Business Unionism</em> oder Sozialpartnerschaft und einer Identit&#228;t als au&#223;erparlamentarische Gegenmacht. Dies bedeutet ein militantes Auftreten mit Mitgliedermobilisierung und kollektiven Aktionen als zentralem Handlungsfokus. Dahinter steht eine Klassenideologie, die &#252;ber jeglichem Partnerschaftlichkeitsverst&#228;ndnis steht, wobei die „Klasse“ breit definiert wird und auch Gemeinde- oder KonsumentInneninteressen mit einbezogen werden.<br />
•    <em>Die Bem&#252;hungen, B&#252;ndnisse mit anderen gesellschaftlichen Initiativen, Gruppen und sozialen Bewegungen zu schlie&#223;en</em><br />
Im Sinne der Erweiterung des Handlungsfelds sind Gewerkschaften damit auch Tr&#228;gerinnen von sozialen Interessen (wie in den Bereichen Bildung, Infrastruktur, Wohnen, Kinderbetreuung und Umwelt). Hier kommen auch Ans&#228;tze des <em>Community-based Organizings</em> zum tragen. Als Kampagnenorganisatorin muss die Gewerkschaft B&#252;ndnisse mit den sozialen Bewegungen suchen. Ziel sind Synergie-Effekte, im Sinne von gr&#246;&#223;erer Reichweite, befruchtender Zusammenarbeit mit Nicht-GewerkschaftaktivistInnen und gesellschaftlichem Machtzuwachs.<br />
•    <em>Die Demokratisierung der eigenen Organisationsstrukturen und die Aktivierung der Organisationsbasis</em><br />
Neben der Organisation neuer Mitglieder soll eine breitere Partizipation und Mobilisierung der Mitglieder den Charakter der Gewerkschaft ausmachen. Statt b&#252;rokratischer und intransparenter Entscheidungsfindung sollen die Mitglieder selbst &#252;ber Ziele und Aktionsformen der Gewerkschaft direkt mitbestimmen. Auch dadurch gewinnt die Gewerkschaft an Schlagkraft. Die Debatte &#252;ber die beste formale Umsetzung, partizipative vs. repr&#228;sentative Demokratie, ist dabei noch nicht abgeschlossen und muss letztlich auch situationsabh&#228;ngig diskutiert werden. Ein Spannungsfeld zwischen gr&#246;&#223;tm&#246;glicher Partizipation und einheitlicher Aktion bleibt dabei aber erhalten.</p>
<p>Diese gegens&#228;tzlichen politischen Positionen im SMU, dargestellt anhand der Konzeptionen von Waterman und Moody, finden sich in der aktuellen <em>Organizing</em>-Debatte wieder, auch wenn sie gerne hinter technokratischen Diskussionen versteckt werden.</p>
<h3>Was bringt <em>Organizing</em></h3>
<p>Zun&#228;chst soll hier festgehalten werden, dass es verschiedenste internationale Beispiele gibt, die den <em>Organizing</em>-Ansatz als eine erfolgreiche Praxis zeigen. Am bekanntesten ist wohl die „<em>Justice for Janitors</em>“-Kampagne in den USA, aber auch in Gro&#223;britannien und Deutschland waren Kampagnen vor allem in Bereichen mit vorwiegend „prek&#228;r“ besch&#228;ftigten MitarbeiterInnen erfolgreich. Erfolg wird dabei meist an Mitgliederzuwachs gemessen, aber auch die Aktivierung der Mitglieder und das Erregen &#246;ffentlichen Interesses macht den Erfolg von Projekten wie der <em>Lidl</em>-Kampagne in Deutschland oder der <em>Canary Wharf</em>-Kampagne in London aus.<br />
Nat&#252;rlich wird diskutiert, inwiefern es m&#246;glich war, &#252;ber solche Kampagnen Mitglieder dauerhaft an die Gewerkschaft zu binden<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a>, bzw. ob die Rekrutierung der so genanten „Unorganisierbaren“ nicht ein schwaches Pendant zum stetigen Mitgliederschwund ist und damit als eine halbherzige Alibi-Aktion bezeichnet werden sollte.<br />
Viel wichtiger ist, dass die Debatte &#252;ber die Interessen (potentieller) Mitglieder &#252;berhaupt gef&#252;hrt wird. Bisher konnte in sozialpartnerschaftlichen Modellen der gesellschaftliche Einfluss der Gewerkschaften auch &#252;ber institutionellen Machtgewinn gest&#228;rkt werden. Im Gegensatz dazu ist eine ernsthaft gef&#252;hrte Debatte &#252;ber den Charakter einer Gewerkschaft, die neue Mitglieder anziehen soll und „alteingesessenen“ die Motivation gibt, wieder aktiv zu werden, ein progressiver L&#246;sungsansatz. Die Frage ist, wie tief die Debatte geht und ob die Kernfragen einer politischen Agenda davon ber&#252;hrt werden. Schlagworte wie „Organizing“ machen noch kein politisches Programm aus.<br />
So fordert Susanne Kim<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> als ersten wichtigen Punkt einer eventuellen &#220;bernahme von SMU-Strategien f&#252;r deutsche Gewerkschaften die &#220;berwindung der Sozialpartnerschaft und des Glaubens an die Soziale Marktwirtschaft: „Sie [die Gewerkschaften] m&#252;ssen sich entscheiden, entweder Ordnungsfaktor oder Gegenmacht zu sein, sich in konflikthafter Opposition oder partnerschaftlicher Verbindung zu bewegen und entweder auf einen Wiederaufbau der Sozialen Marktwirtschaft zu insistieren oder einzusehen, dass diese beiden Elemente unvereinbar sind.“ In einem Beitrag des von <em>Ver.di</em>-Funktion&#228;rInnen herausgegebenen <em>Organizing</em>-Buchs „Never work alone“<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> steht dagegen unter der &#220;berschrift <em>Organizing und Sozialpartnerschaft</em>: „Organizing setzt Konfliktbereitschaft voraus. Damit steht es vordergr&#252;ndig im Spannungsverh&#228;ltnis zu (sozial)partnerschaftlichen Strategien. Dennoch sollten einzelne Organizing-Techniken nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass Organizing im Grundsatz keine Festlegung einer bestimmten Grundhaltung im Verh&#228;ltnis von Gewerkschaften und Unternehmen beinhaltet.“<br />
„Organizing pur“ als Mutation eines technischen Details einer wichtigen und spannenden Grunddebatte verzichtet also auf eine politische Strategie und kann daher, wenn &#252;berhaupt, nur eine kurzfristige L&#246;sung zum Problem des Mitgliederschwunds darstellen. Eine starke Organisation der ArbeiterInnenklasse, wie sie in prekarisierten Zeiten dringend gebraucht wird, muss sich den grundlegenden Fragen nach Demokratie und Klassenkampf stellen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Aus verschiedenen Quellen ist ersichtlich, dass sich der Verlauf der Mitgliederzahlen je Land unterscheidet. In den skandinavischen L&#228;ndern etwa verringert sich die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder erst seit Mitte der 1990er. (Ebbinghaus, Bernhard/ Visser, Jelle: Trade Unions in Western Europe since 1945, London 2000) In Osteuropa ist der Mitgliederschwund seit Anfang der 1990er extrem hoch (EIRonline, Trade Union Membership 1993 -2003)<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Von 1971 bis 2001 erh&#246;hte sich die Zahl der besch&#228;ftigten Frauen um ein Drittel, seit 1991 um 9 Prozent. (Statistik Austria, Bev&#246;lkerung nach sozio&#246;konomischen Merkmalen)<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Mitgliederstatistik &#214;GB von 1945-1999, Mitgliederstatistik &#214;GB 2006<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  H&#228;lker, Juri/ Vellay, Claudius (Hg.): Union Renewal – Gewerkschaften in Ver&#228;nderung. Texte aus der internationalen Gewerkschaftsforschung, D&#252;sseldorf 2007. Hier sind Aufs&#228;tze Frankreich und Gro&#223;britannien betreffend rezensiert.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Vgl. z. B. Tálos, Emmerich: Atypische Besch&#228;ftigung in &#214;sterreich, in: ders. (Hg.): Atypische Besch&#228;ftigung. Internationale Trends und sozialstaatliche Regelungen, Wien 1999, S. 252-284<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  D&#246;rre, Klaus: Prekarit&#228;t – Selbstorganisation f&#246;rdern. www.perspektiven.verdi.de<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  D&#246;rre, Klaus: Prekarit&#228;t. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts und M&#246;glichkeiten zu ihrer Politisierung. in: Kulturrisse 4/2006, S. 8-13<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Vgl. M&#252;ller-Hilmer, Rita: Gesellschaft im Reformprozess. TNS Infratest, Juli 2006<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Hyman, Richard: An emerging agenda for trade unions? Discussion Paper Series des International Institute for Labour Studies 98/1999, Genf<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  Hyman, Richard: Understanding European Trade Unionism. Between market, class and society, London 2001, zit. n. Kim, Susanne: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung. Zur Konzeption des „Social Movement Unionism“, Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit, Universit&#228;t Hamburg 2004<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Vgl. &#214;GB – Gefangen in der Sozialpartnerschaft?, in: Perspektiven 1 (2006)<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>  Hyman: Understanding European Trade Unionism, a.a.O., zit. n. Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.aO.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>  „Yet the triumph of the social partnership model half a century depended strongly on economic foundation; as these foundations have been undermined, so unions have had to seek instruments of market regulation which transcended the consensual. And as the clash of economic interests has returned to centre stage, so the logic of class has acquired new resonance.”<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>  Bremme, Peter/ F&#252;rni&#223;, Ulrike/ Meinecke, Ulrich (Hg.): Never Work Alone. Organizing – Ein Zukunftsmodell f&#252;r Gewerkschaften, Hamburg 2007, S. 195<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>  Zit. n. Bachmann, Andreas: [Rezension zu „Never Work Alone“], in: Express – Zeitschrift f&#252;r sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 6/2007<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>  In erster Linien sind das die in den 1990er Jahren gef&#252;hrten Kampagnen der SEIU (<em>Service Employees International Union</em>).<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>  Nach Bremme et al.: Never Work Alone, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>  Insgesamt ist das Klima in den USA sehr gewerkschaftsfeindlich. Das Management vieler Betriebe stellt eigene <em>Union Buster</em> an, die die Gr&#252;ndung einer Gewerkschaft verhindern sollen. Im heute oft praktizierten <em>Closed Shop System</em> wird eine Gewerkschaft dann zugelassen, wenn mehr als 50 Prozent der Besch&#228;ftigten beitreten wollen, das ist der sogenannte <em>Card Check</em>.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>  Ver.di hat hier einen eigenen Arbeitskreis aufgebaut: „ORKA ist ein bundesweit aktiver Kreis von Kampagnenberatern, der gewerkschaftliche Kampagnen plant, organisiert und begleitet. Das Team b&#252;ndelt Erfahrungen aus der Durchf&#252;hrung von Kampagnen in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Neben betrieblichem, gewerkschaftlichem und sozialwissenschaftlichem know-how sind us-gewerkschaftliche Konzepte der Kampagnen- und Organisierungsarbeit wichtige Bezugspunkte f&#252;r die Arbeit.“ (www.verdi.de)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>  Waterman, Peter: The New Social Unionism: A New Union model for a New World Order, in: Munck, Ronaldo/ Wateman, Peter (Hg.): Labour Worldwide in the Era of Globalisation. Alternative Union Models in the New World Order, London 1999<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>  Nach Waterman kann diese Bewegung nicht definiert werden, es ist nur festzuhalten, dass sie keine sozialistische aber auch keine NGO-Bewegung ist.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>  Waterman, Peter: Adventures in emancipatory labour strategy as the new global movement challenges unionism. www.labournet.de/disskussion/gewerkschaft/smu/smuadvent.html (2003)<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>  Vgl. Birke, Peter: Tristesse und Suchbewegungen. Der Social Unionism und die Gewerkschaften in der Bundesrepublik. Beitrag zum buko, 20.-23. Mai 2004 in Kassel<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>  Waterman, Peter: Re-Conceptulising the World Working Class: A Matter of What and Who? Or Why and Wherefore?, Manuskript, Amsterdam  2003<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>  „Social Movement Unionism is one that is deeply democratic, as that is the best way to mobilize the strength of the numbers in order to apply the maximum economic leverage. It is militant in collective bargaining in the belief that retreat anywhere only leads to more retreats – an injury to one is an injury to all. It seeks to craft bargaining demands that create more jobs to aid the whole class. It fights for power and organization in the workplace or on the job that is there that the greatest leverage exists, when properly applied. It is politically by acting independently of the retreating parties of liberalism and social democracy, whatever the relations of the union with such parties. It multiplies its political and social powers by reaching out to other sectors of the class, be they other unions, neighbourhood-based organisation, or other social movements.“<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>  Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.a.O.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>  Vgl. das Interview mit Kim Moody in dieser Ausgabe.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a>  Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.a.O.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Bremme et al.: Never Work Alone, a.a.O.</p>
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