<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Österreich</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/oestereich/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Mon, 10 Mar 2014 08:48:09 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>17. September 2011 &#8211; 100 Jahre Aufstand in Ottakring</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/16/ottakringaufstand/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/16/ottakringaufstand/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 12:01:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Riots]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2347</guid>
		<description><![CDATA[Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.

Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.<br />
<span id="more-2347"></span><br />
Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung die sozialdemokratische Partei, und gekommen waren vor allem die BewohnerInnen der Vorst&#228;dte, aus Landstra&#223;e, Simmering, Ottakring …</p>
<p><strong>Hunger wird gemacht</strong></p>
<p>Der Hunger in den Vorst&#228;dten war nicht Folge von Missernten, sondern der Zollgesetzgebung, die den Interessen der Gro&#223;agrarier folgte. Ebenso hatte es sich mit der Hungersnot in Frankreich 1846/47 verhalten, die auf die massenhafte Ausfuhr von Getreide zur&#252;ck zu f&#252;hren war (und die zu massenhaften Aufst&#228;nden f&#252;hrte). Und genauso verh&#228;lt es sich mit der Preisexplosion bei Getreide seit 2008, die Folge der Umstellung auf „Bio-Sprit“-Produktion ist und ebenfalls zu weltweiten Hungerrevolten f&#252;hrt.<br />
Ebenso konnte die Wohnungsnot nicht auf die massive Zuwanderung nach Wien zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Sie war Ergebnis von Spekulation mit Grund und Boden sowie Baumaterialien. Neu-Ottakring war ein in den 1890er Jahren errichteter, auf dem Reissbrett entworfener Bezirksteil, mit schnurgeraden Stra&#223;en, Substandardwohnungen und horrenden Mieten. Die Architektur spiegelt bereits die Angst der Herrschenden vor den „Geistern, die sie gerufen hatten“ (gemeint sind die f&#252;r die kapitalistische Entwicklung n&#246;tigen Arbeitskr&#228;fte) wider: Es gab keine verwinkelten Gassen, die sich, wie in der Revolution 1848, leicht verbarrikadieren lie&#223;en. Das gesamte Gr&#228;tzl war von drei Seiten leicht abzuriegeln: zur Innenstadt stellte der G&#252;rtel mit der hoch gef&#252;hrten Stadtbahn eine ideale Befestigungsanlage dar, nach S&#252;den grenzte ein riesiger Truppen&#252;bungsplatz an das Gel&#228;nde, und im Westen endete das Gebiet an der Vorortelinie.</p>
<p><strong>Verschiedene Sprachen</strong></p>
<p>Am 17. September 1911 explodierte die Wut der VorstadtbewohnerInnen. Nach den Reden vor dem Rathaus zogen Gruppen von mehreren tausend DemonstrantInnen durch die Innenstadt. Sie wurden von Polizei und Armee st&#228;ndig angegriffen und abgedr&#228;ngt. Dagegen wehrten sie sich mit allem, was ihnen in die H&#228;nde fiel.<br />
Und wenn die Presse (und die Sozialdemokratie) sp&#228;ter von „unverantwortlichen Elementen“ und „Lumpenproletariat“ sprach, so musste sie gleichzeitig zugestehen, dass die „Exzedenten“ von einem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung unterst&#252;tzt wurden: Frauen versorgten Jugendliche mit Steinen, die sie in ihren Sch&#252;rzen herbeischafften, aus Gasth&#228;usern wurden die Ordnungsh&#252;ter mit Bierkr&#252;geln, aus den Fenstern der Wohnh&#228;user mit allem, was verf&#252;gbar war, beworfen. Die sozialdemokratischen F&#252;hrer verstanden ebenso wenig wie die B&#252;rger, warum Papierhandlungen und Schulen verw&#252;stet und Stra&#223;enlaternen zerst&#246;rt wurden. F&#252;r sie standen diese Einrichtungen f&#252;r den „Fortschritt“. Wir verstehen diese Zerst&#246;rungswut besser, wenn wir uns an Stelle der Stra&#223;enbeleuchtung die Kamera&#252;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume und an Stelle der Papierhandlungen und Bezirks&#228;mter die Datenbanken der Ministerien und Polizei (sowie die privatwirtschaftliche Sammelwut von Daten) vorstellen.<br />
Was die einen notwendige Voraussetzung f&#252;r „sozialen Frieden“ und „geordnetes Zusammenleben“ nennen, bedeutet f&#252;r andere &#220;berwachung, Reglementierung, Unterdr&#252;ckung jeglichen Ansatzes eines selbstbestimmten Lebens. Und oft Bestrafung und/oder Abschiebung.<br />
Die sozialdemokratische F&#252;hrung verstand den Aufruf zur Kundgebung als „Ventil“ f&#252;r die Massen, die ihre Wut artikulieren „durften“, und als Unterst&#252;tzung ihrer Parlamentsfraktion. Die Massen selbst verstanden, dass eine Kundgebung nichts &#228;ndern w&#252;rde, sahen sie sich doch von Anfang an tausenden Ordnungsh&#252;tern gegen&#252;ber, die nur darauf warteten, die Demonstration so rasch wie m&#246;glich aufzul&#246;sen.<br />
Die Polizei wiederum konnte ebenso wenig wie die Armee begreifen, wieso die Aufst&#228;ndischen nicht abhauten, wenn der Befehl, die Gewehre anzulegen, erteilt wurde. Sie verstanden nicht, dass es f&#252;r diese Menschen, die in ihrem eigenen Bezirk angegriffen wurden, gar keine R&#252;ckzugsm&#246;glichkeit mehr gab. Und sie verstanden nicht, dass Menschen, die f&#252;r ihre eigenen Interessen k&#228;mpfen, sich anders verhalten als zum Dienst f&#252;r fremde Interessen verpflichtete Soldaten.</p>
<p><strong>Verlorene Schlacht</strong></p>
<p>Der Aufstand in Neu-Ottakring endete noch am Abend des 17. September 1911. Er endete mit dem Einsatz nahezu der gesamten in Wien verf&#252;gbaren Truppen gegen die Bev&#246;lkerung eines einzigen Bezirksteiles. Er endete mit der milit&#228;rischen Besetzung des gesamten Bezirks, mit drei toten und hunderten verletzten BewohnerInnen. Und er sollte so rasch wie m&#246;glich aus dem kollektiven Ged&#228;chtnis getilgt werden, das war sowohl die Absicht der Regierung und der Bourgeoisie als auch der sozialdemokratischen F&#252;hrung.<br />
Er hatte gezeigt, dass es keinerlei Vertrauen der Vorstadtbev&#246;lkerung in die Regierung mehr gab. Er hatte auch gezeigt, dass die Menschen genug hatten von den Reden der sozialdemokratischen Opposition. Und dass sie verstanden hatten, dass „geordnete, disziplinierte Demonstrationen“ nichts &#228;ndern. Dieser Aufstand musste so rasch wie m&#246;glich unterdr&#252;ckt werden, ehe er sich so weit entwickeln konnte, dass die Menschen selbstorganisiert ihr Leben in die Hand nahmen.<br />
Wohin selbstorganisierter Widerstand f&#252;hren kann, lernen wir zur Zeit etwa von den &#196;gypterInnen. Die Zugest&#228;ndnisse, die die Milit&#228;rs gemacht haben, indem sie Pr&#228;sident Mubarak verhafteten und anklagten, k&#246;nnen die Menschen nicht mehr beruhigen. In immer neuen Mobilisierungen stellen sie immer weitergehende Forderungen, die schlie&#223;lich nicht nur die Milit&#228;rf&#252;hrung, sondern das Prinzip der kapitalistischen Verwertung selbst betreffen k&#246;nnten. Nicht vergessen Der 17. Septemer 1911 in Neu-Ottakring ist uns wichtig, und deshalb erinnern wir an ihn. Er ist in vielerlei Hinsicht aktuell. Spekulation mit Lebensmitteln und Wohnraum, &#220;berwachung und Unterdr&#252;ckung sind so wenig Geschichte wie ihre Ursache, die kapitalistische Verwertung – und der Kampf dagegen. Am 17. September 2011 werden wir einige der Brennpunkte des Aufstands von 1911 besuchen und neben der Erinnerung an die Ereignisse vor 100 Jahren auch Parallelen zu heute ziehen. Wir gedenken der K&#228;mpferInnen in angemessener Form, indem wir sie nicht vergessen, indem wir aus ihren Fehlern lernen, und indem wir den Kampf um ein besseres Leben weiterf&#252;hren.</p>
<p>&#220;bernommen von <a href="http://17september.noblogs.org/">http://17september.noblogs.org</a></p>
<p><strong>Programm am 17. September 2011:</strong><br />
ab 12:00 Uhr: Aufst&#228;ndische K&#246;stlichkeiten: Volxk&#252;che, Infostand und szenische Interventionen am Yppenplatz<br />
16:00 Uhr: Rundgang durch das aufst&#228;ndische Ottakring, Treffpunkt Schuhmeierplatz<br />
ab 18:00 Uhr: Stra&#223;enfest am Hofferplatz mit Infos, Live-Musik und Volksk&#252;che<br />
ab 19:00 Uhr: Arbeitsleben Ottakring: Austellungser&#246;ffnung mit anarchischem Liedgut<br />
ab 22:00 Uhr: Fortsetzung im BOEM (Koppstra&#223;e 26)</p>
<p><strong>22.9.2011, Donnerstag 20 Uhr</strong><br />
Diskussion mit Wolfgang Maderthaner und Susan Zimmermann (HistorikerInnen) im <a href="http://boem.postism.org/">BOEM</a>.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/16/ottakringaufstand/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Uni-Revolten als Klassenk&#228;mpfe?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/uni-revolten-als-klassenkaempfe/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/uni-revolten-als-klassenkaempfe/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Klassentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[unibrennt]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1953</guid>
		<description><![CDATA[Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? Benjamin Opratko fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.

Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten Akademie der Bildenden K&#252;nste in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? <em>Benjamin Opratko</em> fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.<br />
<span id="more-1953"></span><br />
Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten <em>Akademie der Bildenden K&#252;nste</em> in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung vervielfachten, waren – zumindest in &#214;sterreich – sicherlich die sichtbarsten und dynamischsten sozialen K&#228;mpfe der letzten Jahre. Retrospektiv l&#228;sst sich die <em>unibrennt</em>-Bewegung auch als Teil eines breiter verstandenen, neuen Kampfzyklus’ einordnen: Dieser k&#252;ndigte sich Anfang 2006 in den massenhaften Protesten gegen den CPE in Frankreich an<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und fand seinen j&#252;ngsten und wohl nicht letzten H&#246;hepunkt in militanten Aktionen w&#252;tender Studierender in London, die aus Protest gegen angek&#252;ndigte Erh&#246;hungen der Studiengeb&#252;hren das Hauptgeb&#228;ude der Konservativen Partei entglasten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Den K&#228;mpfen, die in &#228;hnlicher Form, rund um &#228;hnliche Themen, in ganz Europa und dar&#252;ber hinaus gef&#252;hrt wurden, ist gemein, dass sie sich rund um die Institution Universit&#228;t organisieren und ma&#223;geblich von Studierenden getragen werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Begriff „Studierendenbewegung“ – in der massenmedialen Verarbeitung meist als „Studentenbewegung“ – wurde dabei dem historisierenden Zugriff jener entzogen, die gerade noch das Jubil&#228;umsjahr 2008 zum Anlass genommen hatten, wahlweise nostalgisch oder als letzte Abrechnung die „68er“ zu beschw&#246;ren, und neu aufgeladen in das politische Vokabular der Gegenwart eingeschrieben. Auch wenn konkrete, politisch-legislative Erfolge bisher weitgehend ausblieben, m&#252;ssen die positiven Effekte dieser R&#252;ckkehr der Uni-Revolten herausgestrichen werden. Das Br&#252;chigwerden des neoliberalen Alltagsverstands, die Artikulation von politischem „Gegenfeuer“ (Bourdieu), die Diskussion um bildungspolitische Forderungen, die implizit &#252;ber den Kapitalismus selbst hinausweisen<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> und nicht zuletzt die praktischen Bewegungserfahrungen von Tausenden sind nur einige davon. Sie waren Grund genug f&#252;r viele AktivistInnen der Gruppe, die sich um dieses Magazin organisieren, und noch mehr seiner LeserInnen, sich an diesen Bewegungen aktiv zu beteiligen. Eine erste Runde der Reflexion f&#252;hrte zu Perspektiven Nr. 10, in der wir unsere Diskussionen und Einsch&#228;tzungen zu den „K&#228;mpfen um Bildung“ vorstellten. Dabei standen, noch ganz unter dem Eindruck der enormen Dynamik der Proteste, strategische und gegenwartsdiagnostische Gesichtspunkte im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. &#196;hnliches l&#228;sst sich von anderen, seither aus aktivistischen Zusammenh&#228;ngen entstandenen Publikationen sagen – exemplarisch seien die Beitr&#228;ge im Sammelband <em>Uni brennt </em>erw&#228;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Zugleich wurden im Zuge der Bewegung Lernprozesse zum Thema Bildung und Universit&#228;t angesto&#223;en, die sich auf sich auf Debatten und Forschungsergebnisse kritischer WissenschafterInnen beziehen, in denen meist die „&#214;konomisierung“ der Bildung, der mehr oder weniger direkte Zugriff des Kapitals auf Forschung und Lehre und die staatliche Zurichtung der Hochschulen auf die „Anforderungen des Arbeitsmarktes“ diskutiert und kritisiert werden.<br />
Dies sind wichtige und fortzuf&#252;hrende Debatten. Die studentischen Proteste der letzten Jahre werfen aber weitere Fragen auf, die dar&#252;ber hinaus reichen, n&#228;mlich: Welcher Art sind diese K&#228;mpfe, und wer sind diejenigen, die sie f&#252;hren? Welche Subjekte wehren sich hier? Diese Themen wurden bereits durch die am Beginn dieses Zyklus stehende Bewegung gegen das franz&#246;sische CPE ganz unmittelbar relevant, ging es hier doch nicht um Studienbedingungen oder Universit&#228;tsreformen, sondern um die Einf&#252;hrung neuer Arbeitsvertr&#228;ge, die den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r junge LohnarbeiterInnen de facto aufheben sollten. Die Bewegung wurde zwar ma&#223;geblich von Studierenden getragen und beinhaltete die Besetzung mehrerer Universit&#228;ten, die Studierenden f&#252;hlten sich jedoch „als ArbeiterInnen, nicht als Studierende angegriffen“, wie auf Flugbl&#228;ttern betont wurde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Rahmen der <em>Onda Anomale</em>, der Protestbewegung gegen die Bildungsreformen der Regierung Berlusconi im Herbst 2008, wurde das Thema von italienischen StudentInnen auf andere, und doch &#228;hnliche Weise aufgegriffen, indem sie sich als <em>WissensarbeiterInnen </em>verstanden und organisierten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Und an der besetzten Universit&#228;t in Berkeley, Kalifornien, entstand 2009 das <em>Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft</em>, in dem die Trennung zwischen Schule, Universit&#228;t und Arbeitsplatz analytisch wie politisch abgelehnt wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Es werden also in den Bewegungen Fragen aufgeworfen, die sich aus der undogmatisch marxistischen Perspektive, die dieses Magazin pr&#228;gt, auch theoretisch aufdr&#228;ngen: Wie verhalten sich diese „studentischen“, auf die Universit&#228;t bezogenen Proteste zum Konzept des „Klassenkampfs“? Welche Funktionen kommen Hochschulen in einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r die Potenziale und Grenzen studentischer K&#228;mpfe? Um einer Antwort n&#228;her zu kommen, werden im Folgenden einige Zug&#228;nge zu dieser Problematik diskutiert, die sich mehr oder weniger direkt auf Marx und die eine oder andere marxistische Tradition berufen, diese aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten.</p>
<p><strong>Warum Marx f&#252;r Studiengeb&#252;hren war</strong><br />
Marx selbst hatte zu Forderungen nach kostenloser h&#246;herer Bildung eine &#252;beraus deutliche Haltung. In seiner Kritik am „Gothaer Programm“ der SPD, in dem die deutschen SozialdemokratInnen sich f&#252;r „unentgeltliche[n] Unterricht“ aussprachen, erkl&#228;rte er: „Wenn in einigen Staaten [...] auch ‚h&#246;here’ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so hei&#223;t das faktisch nur, den h&#246;heren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuers&#228;ckel bestreiten.“ (MEW 19: 30) Wenn das Kapital also, so Marxens Argument, f&#252;r das eigene Bestehen auf eine Fraktion gut ausgebildeter Techniker, Juristen, Staatsbeamte usw.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> angewiesen ist, so hat es die Kosten f&#252;r deren Ausbildung gef&#228;lligst selbst zu &#252;bernehmen. Die ArbeiterInnenklasse hat von einem unentgeltlichen Hochschulstudium nichts zu gewinnen. Diese &#220;berlegung mag auf den ersten Blick paternalistisch und elit&#228;r erscheinen – wird hier nicht unterstellt, ProletarierInnen w&#252;rde das Bed&#252;rfnis oder die F&#228;higkeit f&#252;r h&#246;here Bildung abgehen? Tats&#228;chlich begriff Marx die Universit&#228;ten als das, was sie zu jener Zeit tats&#228;chlich waren: Reproduktionsapparate der herrschenden Klasse, die entsprechend, via Geb&#252;hren, aus den Kapital- und Renteneinkommen derselben finanziert werden sollten. Zwar stieg die Zahl der Studierenden in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts stark an – 1880 sprachen Kommentatoren in Deutschland gar von einer „Akademikerschwemme“ – dies betraf aber in erster Linie Studien der Medizin und Rechtswissenschaften, in welche die S&#246;hne der an Selbstbewusstsein gewinnenden deutschen Bourgeoisie str&#246;mten.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Aus Marxens Perspektive war eine &#214;ffnung der Universit&#228;ten f&#252;r ArbeiterInnen dar&#252;ber hinaus schon allein deshalb wenig erstrebenswert, weil das kritische, demokratische und sozialistische Wissen dort ohnehin keine Rolle spielte. Nat&#252;rlich war f&#252;r Marx und seine MitstreiterInnen die Teilhabe der ArbeiterInnenklasse an Wissen und Bildung nicht nur w&#252;nschenswert, sondern f&#252;r den Aufbau einer schlagkr&#228;ftigen sozialistischen Bewegung auch unabdingbar. Das daf&#252;r notwendige <em>kritische </em>Wissen wurde jedoch an anderen Orten entwickelt und vermittelt, n&#228;mlich in den Schulen, Bildungseinrichtungen und Publikationen der ArbeiterInnenbewegung selbst, eng gebunden an deren Parteien.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Dequalifizierung</strong><br />
Dass die Universit&#228;ten haupts&#228;chlich zur Reproduktion der herrschenden Klasse dienten lag auch daran, dass die Entwicklungsweise des Kapitalismus im 19. und fr&#252;hen 20. Jahrhunderts keinen Bedarf f&#252;r an Hochschulen ausgebildete LohnarbeiterInnen hatte.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sich etablierenden Industrien besch&#228;ftigten zum gr&#246;&#223;ten Teil ungelernte ArbeiterInnen bzw., nach der Einf&#252;hrung komplexerer Maschinen, FacharbeiterInnen, die im Betrieb ausgebildet wurden. Hinzu kamen Produktionsst&#228;tten, die zwar dem Kapitalverh&#228;ltnis untergeordnet waren und LohnarbeiterInnen besch&#228;ftigten, in denen der Arbeitsprozess aber weitgehend unver&#228;ndert „handwerklich“ blieb – was Marx als rein „formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ bezeichnete.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Unter den Bedingungen dieser spezifischen Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, der tendenziellen Trennung von planender Kopf- und ausf&#252;hrender Handarbeit sowie der in Form und Inhalt elit&#228;ren Universit&#228;ten gab es keine gesellschaftliche Impulse f&#252;r eine Ausweitung h&#246;herer Bildung. Mit der Herausbildung der „fordistischen“, auf Flie&#223;bandarbeit und wissenschaftlicher Betriebsf&#252;hrung beruhenden Entwicklungsweise des Kapitalismus ab den 1930er Jahren &#228;nderte sich dies kaum. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit wurde vielmehr noch versch&#228;rft. War in der Person des Facharbeiters zumindest noch das Wissen &#252;ber die technischen Abl&#228;ufe des Produktionsprozesses vereint, spaltete das neue Entwicklungsmodell dieses Wissen endg&#252;ltig? von den „MassenarbeiterInnen“ der fordistischen Fabrik ab. Das bedeutete freilich nicht, dass f&#252;r den tayloristisch-fordistischen Produktionsprozess der Faktor „Wissen“ unbedeutend gewesen w&#228;re; im Gegenteil waren f&#252;r diesen gerade die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die Einf&#252;hrung neuer, die Produktivit&#228;t der Arbeit enorm steigernder Technologien und die Professionalisierung der Kontrolle &#252;ber die lebendige Arbeit charakteristisch. Dieses neue und umfangreiche Wissen, das in den Produktionsprozess integriert wurde, war aber nicht in den ArbeiterInnen verk&#246;rpert, sondern in den Produktionsmitteln. Marx spekulierte bereits fr&#252;h &#252;ber diesen Prozess, in dem das gesellschaftliche Wissen als „<em>automatisches System der Maschinerie</em>“ im Produktionsprozess existiert. In den skizzenhafte Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk <em>Das Kapital</em>, die sp&#228;ter als <em>Grundrisse </em>ver&#246;ffentlicht wurden, schreibt er &#252;ber diese Tendenz des Kapitalismus: „Die T&#228;tigkeit des Arbeiters, auf eine blo&#223;e Abstraktion der T&#228;tigkeit beschr&#228;nkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgem&#228;&#223; als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewu&#223;tsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Integration von Wissen in fixes Kapital bei gleichzeitiger Reduktion der Bildungsund Qualifikationsanforderungen der lebendigen Arbeit sind, grob vereinfacht gesagt, f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus charakteristisch. Das „Modell der Massenproduktion“ war demnach auch verbunden mit der <em>Dequalifizierung </em>der ArbeiterInnen „durch die Zerlegung qualifizierter Arbeit in einfache Verrichtungen und den anschlie&#223;enden Einsatz von spezialisierten, automatischen Maschinen f&#252;r die vereinfachten Arbeitsgange“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Marx’sche Charakterisierung der Hochschulen als Reproduktionsorgane der herrschenden Klasse, und die damit verkn&#252;pfte Einsch&#228;tzung der sozialen Stellung jener, die an ihnen studierten, konnte als weithin g&#252;ltig angenommen werden.</p>
<p><strong>Reform und &#214;ffnung der Hochschulen</strong><br />
Dies &#228;nderte sich grundlegend erst, als das fordistische Modell in den 1960er Jahren begann, br&#252;chig zu werden. An dieser Stelle k&#246;nnen weder Ursachen noch Verlauf der globalen „Krise des Fordismus“ nachgezeichnet werden; f&#252;r unsere Zwecke sollen blo&#223; drei f&#252;r den Zusammenhang von Universit&#228;t und  Klassenverh&#228;ltnissen relevante Gesichtspunkte genannt werden.<br />
Erstens geriet der Nachkriegsboom, der dem Kapital au&#223;ergew&#246;hnliche Profite und den (m&#228;nnlichen Industrie-)Arbeitern – &#252;ber die korporative Einbindung der Gewerkschaften und die indirekte Beteiligung an den Gewinnen aus Produktivit&#228;tsfortschritten – historisch einmalige Wohlstandssteigerungen brachte, allm&#228;hlich an sein konjunkturelles Ende. Das fordistisch-tayloristische Paradigma der Technologisierung und Optimierung der Arbeitsprozesse n&#228;herte sich seiner Ersch&#246;pfung, was bereits Ende der 1950er Jahre in Diskussionen um eine „Innovationskrise“ vorweggenommen wurde. Als Bearbeitung der sich abzeichnenden Krise schlugen die weitsichtigeren unter den organischen Intellektuellen des Kapitals eine Ausweitung und Intensivierung der Investitionen in Forschung und Ausbildung vor, wobei auch und gerade die Hochschulen zum Ziel entsprechender Reformen erkl&#228;rt wurden. Sp&#228;testens ab den 1960er Jahren wurde in ganz Europa und in den USA &#246;ffentlich &#252;ber die Notwendigkeit von Bildungsreformen diskutiert, was in einen „tiefgreifenden Perspektivwechsel in der Bildungspolitik“ in Staat und Zivilgesellschaft m&#252;ndete.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Zentraler Bestandteil der Reformen war, bisher unerschlossene „Bildungsreserven“ anzuzapfen, d.h. bisher von h&#246;herer Bildung <em>de facto</em> ausgeschlossenen Fraktionen der Subalternen/ArbeiterInnenklasse den Besuch von h&#246;heren Schulen und  niversit&#228;ten nicht nur zu erm&#246;glichen, sondern diesen aktiv zu f&#246;rdern. Zweitens traf in den dazu entworfenen staatlichen Programmen, die von der Reform bestehender Hochschulstrukturen &#252;ber die Einf&#252;hrung von Stipendien und Beihilfen bis zu einem „Gr&#252;ndungsboom“ neuer Universit&#228;ten“ reichten, das Interesse der auf Innovation und Bildungsausweitung setzenden Kapitalfraktionen auf ein sozialdemokratisches Modernisierungsprojekt, das den individuellen „Aufstieg durch Bildung“ propagierte.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die zentrale Rolle, die Erziehung und Bildung in der Politik und Ideologie insbesondere der deutschsprachigen Sozialdemokratie spielte, hat eine lange Geschichte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Insbesondere in den 1970er Jahren wurden zentrale, die Universit&#228;ten &#246;ffnende Hochschulreformen von sozialdemokratisch gef&#252;hrten Regierungen – in &#214;sterreich unter Bundeskanzler Bruno Kreisky und Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg – durchgesetzt, wobei &#252;ber die Intentionen der Innovationsoffensive des Kapitals teilweise hinausgegangen wurde.<br />
Drittens schlie&#223;lich, und nicht weniger entscheidend, war die &#214;ffnung der Universit&#228;ten auch Effekt immer deutlicher ge&#228;u&#223;erter W&#252;nsche von ArbeiterInnen und anderen von Hochschulbildung ausgeschlossenen Subalternen. Der &#246;konomische Aufschwung des unmittelbaren Nachkriegsbooms verbesserte nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler „Arbeiterfamilien“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> dramatisch, sondern w&#228;lzte auch den Alltagsverstand weiter Teile des Proletariats um. Mit dem sozialen Aufstieg und der kulturell repr&#228;sentierten neuen Stellung „des Arbeiters“ als Teil des gemeinsam mit Unternehmern und Staat geschaffenen Wirtschaftswunders wuchsen auch dessen Anspr&#252;che, an Bildung und Kultur teilzuhaben.<br />
Kurz zusammengefasst kann die Transformation der Hochschulen also weder „funktionalistisch“ allein aus den Bed&#252;rfnissen und Initiativen des Kapitals, noch „politizistisch“ aus der Strategie der erstarkten Sozialdemokratie erkl&#228;rt werden. Es war gerade das historische Zusammentreffen von innovationsorientierten Kapitalstrategien, sozialdemokratischem Modernisierungsprojekt und dem Integrationsbegehren von Teilen der ArbeiterInnenklasse, die diese spezifische Konjunktur erm&#246;glichte. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der selten benannt wird, ist, dass diese Reformen mit einem enormen finanziellen Aufwand f&#252;r die staatlichen Haushalte verbunden waren; eine Voraussetzung f&#252;r ihre Durchsetzung war entsprechend, dass der „allgemeine Steuers&#228;ckel“, von dem Marx einst gesprochen hatte, gut gef&#252;llt war. Dies war nach den langen Jahren des Wirtschaftswunders der Fall – insofern kann die &#214;ffnung und Ausweitung der Bildungsanstalten als eine historische Episode gesehen werden, die nur vor dem Hintergrund des langen Nachkriegsaufschwungs stattfinden konnte.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Arbeit</strong><br />
In den 1970er Jahren wurde die f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus typische „Entwertung“ der Ware Arbeitskraft in Teilen der Linken unter dem Stichwort der „Dequalifizierungsthese“ diskutiert. Die Ersetzung von lebendiger Arbeit durch komplexe Maschinen ist schlie&#223;lich, in Marxscher Terminologie, gleichbedeutend mit einer Absenkung des Werts der Ware Arbeitskraft. Dieser bemisst sich an der im gesellschaftlichen Durchschnitt f&#252;r ihre (Re-)Produktion notwendige Arbeitszeit. Besser gebildete und h&#246;her qualifizierte Arbeitskraft ist in diesem Sinne „mehr wert“ und muss vom Kapital entsprechend h&#246;her entlohnt werden: „Jede zus&#228;tzliche Qualifikation erh&#246;ht den Wert der Ware Arbeitskraft und bildet so eine Verwertungsschranke f&#252;r das Kapital“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Hinzu kommt, dass die tayloristische Arbeitsorganisation ein effektives Mittel zur Kontrolle der ArbeiterInnen und zur Eind&#228;mmung von Widerstand darstellte, wie der US-amerikanische Betriebsaktivist Harry Braverman in seiner einflussreichen Studie argumentierte.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Aus dieser Perspektive erschien die Dequalifizierung der Arbeit nicht mehr als Spezifikum einer bestimmten Epoche, sondern als der kapitalistischen Produktionsweise inh&#228;rente Tendenz. Die „tayloristisch-fordistische Form der Organisation der kapitalistischen Arbeitsprozesse“ wurde, wie Roland Atzm&#252;ller es formuliert, „r&#228;umlich und zeitlich verallgemeinert und nicht als historisch konkrete Auspr&#228;gung das kapitalistischen Arbeitsprozesses erkannt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dies wurde mit der Durchsetzung neuer, „postfordistischer“ Arbeitsverh&#228;ltnisse ab den 1970er Jahren deutlich. Zwar verschwanden die tayloristisch zergliederten, stupiden und von planender Kopfarbeit abgetrennten Arbeitsformen nicht, es traten jedoch zunehmend neue, durch ein anderes Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit gepr&#228;gte Formen hinzu und – zumindest in den kapitalistischen Zentren – in den Vordergrund. Teile der Belegschaften wurden mit gr&#246;&#223;eren inhaltlichen Kompetenzen betraut, Prozesse der „Requalifizierung“ und „Reprofessionalisierung“ der Arbeit beobachtet; das Kapital setzte neue Management- und Personalf&#252;hrungsstrategien ein, die Projekt- und Gruppenarbeit an Stelle von direkter &#220;berwachung und individualisierter Arbeitsschritte f&#246;rderte; die formalen Anstellungsverh&#228;ltnisse wurden vervielfacht, sogenannte „atypische“, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zur neuen Norm gemacht; und nicht zuletzt wurden an die ArbeiterInnen neue Anforderungen wie Eigenverantwortung und die st&#228;ndige Arbeit am eigenen „Humankapital“ in Form von lebenslangem Lernen und permanenter Weiterbildung herangetragen. Gleichzeitig mit der Ausweitung der Hochschulbildung und der Entstehung der „Massenuniversit&#228;t“ in den 1970er Jahren etabliert sich also, was Roland Atzm&#252;ller die „P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse“ nennt: „&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll [...] nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden, f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.&#8221;<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Dieser neuerliche Schub der Verwissenschaftlichung kapitalistischer Produktionsprozesse unterscheidet sich also vom fordistischen Modell unter anderem dadurch, dass er nicht nur auf Produktivit&#228;tssteigerung durch neue, komplexe Maschinerie setzt, sondern die lebendige Arbeit selbst in eine neue Beziehung zu Wissen und Wissenschaft setzt.</p>
<p><strong>Kognitiver Kapitalismus?</strong><br />
Die hier nur grob skizzierte Entwicklung hin zu einem „postfordistischen“ Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit wurde in den letzten 40 Jahren aus verschiedensten Perspektiven kritisch analysiert. Eine Interpretation, die besonders um die letzte Jahrtausendwende popul&#228;r wurde, soll hier vorgestellt werden, da sie in den Debatten zu den „neuen Uni-Revolten“, insbesondere in aktivistischen Zusammenh&#228;ngen, wieder deutlich pr&#228;senter ist. Ausgehend von Theorien, die in Italien von sogenannten „post-operaistischen“ AktivistInnen und AutorInnen entwickelt wurden, verstehen sie die postfordistische Entwicklungsweise als „kognitiven Kapitalismus“, der sich vom Fordismus nicht nur durch ver&#228;nderte Organisationsformen des Arbeitsprozesses abhebt, sondern eine grundlegend neue Gesellschaftsformation bildet, die durch die zentrale Bedeutung von Wissen und Wissensarbeit gepr&#228;gt ist. Die prominentesten Vordenker dieser These sind zweifellos Michael Hardt und Toni Negri, deren Mega-Bestseller <em>Empire</em>, der Anfang der 2000er Jahre f&#252;r Aufsehen gesorgt hatte, mit <em>Commonwealth </em>j&#252;ngst seine zweite Fortsetzung erfahren hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Sie verwenden den Begriff der „immateriellen Arbeit“, um diesen historischen Bruch anzuzeigen – dass also im Zentrum des neuen Kapitalismus Arbeit steht, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Paolo Virno, ein weiterer „post-operaistischer“ Autor, setzt diese These explizit in Beziehung zu Marx’ Bemerkungen in den <em>Grundrissen</em>, die oben vorgestellt wurden. Dort – in dem Abschnitt, der sp&#228;ter als „Maschinenfragment“ bezeichnet wurde – spekuliert Marx ja, dass die Integration von gesellschaftlichem Wissen in die kapitalistische Maschinerie die ArbeiterInnen tendenziell auf blo&#223;e Anh&#228;ngsel der Produktionsmittel reduzieren w&#252;rde. Er geht aber noch einen Schritt weiter. Wenn dies der Fall w&#228;re, so seine &#220;berlegung, bedeute dies, dass das gesellschaftliche, <em>qua </em>Wissenschaft produzierte Wissen selbst „zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden“ sei.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Hier hakt Virno ein. Seine These ist, dass der Postfordismus „<em>die empirische Umsetzung des ‚Fragments &#252;ber Maschinen‘ von Marx</em>“ darstelle. „Das abstrakte Wissen“, so Virno, „[...] schickt sich an, nichts weniger als die grundlegende Produktivkraft zu werden“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dieses gesellschaftliche Wissen, das Marx <em>General Intellect</em> nennt, sei jedoch, anders als von Marx vorhergesehen, nicht im fixen Kapital, also v.a. in den Maschinen, verk&#246;rpert, sondern wird zum „Attribut der lebendigen Arbeit“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wenn Arbeitsprozesse nicht vom stumpfen Kommando bestimmt sind, sondern Kooperation, Teamarbeit, Kommunikation und gemeinsames Wissen beinhalten, &#228;ndert sich aus dieser Perspektive der Charakter der Arbeit – und der ArbeiterInnen – selbst grundlegend. Die „Gesamtheit der lebendigen postfordistischen Arbeit“ – und nicht blo&#223; die formal wissenschaftlich ausgebildeten Klassenfraktionen – sind f&#252;r Virno „intellektuelle Arbeitskr&#228;fte“, sind Massenintellektualit&#228;t“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Eine j&#252;ngere Generation von AktivistInnen und TheoretikerInnen hat in den letzten Jahren an diese &#220;berlegungen angeschlossen und sie seither f&#252;r die Interpretation der K&#228;mpfe um die Universit&#228;ten – und f&#252;r Interventionen in dieselben – weiter entwickelt. Dies geschieht aktuell besonders im Rahmen des <em>Edu-factory-</em>Kollektivs, das eine wichtige Rolle in den studentischen K&#228;mpfen in Italien spielt und j&#252;ngst eine internationale Konferenz zu den K&#228;mpfen an den Universit&#228;ten in Paris veranstaltet hat, an der auch zahlreiche AktivistInnen aus &#214;sterreich teilgenommen haben. In ihren Analysen gehen sie ebenfalls davon aus, dass das gesellschaftliche Wissen nunmehr, im kognitiven Kapitalismus, „unmittelbar produktiv“ sei. Gigi Roggero, einer der bekannteren Autoren der <em>Edu-factory</em>, formuliert fast wortgleich mit Hardt, Negri und Virno: „Der <em>General Intellect</em> vergegenst&#228;ndlicht sich [...] nicht mehr im toten Wissen [also in den Maschinen, Anm. B.O.], sondern bildet sich vornehmlich in der sozialen Kooperation und in der Produktion des lebendigen Wissens heraus.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die „Kognitivisierung“ der Arbeit f&#252;hre demnach dazu, dass alle Formen der Arbeit entlang einer „kognitiven Arbeitsteilung“ organisiert w&#252;rden, wobei sie einen „gemeinsamen Zug“ aufwiesen: „den Zweck und das Ziel, Wissen zu produzieren, permanente Innovation hervorzubringen und den technischen Fortschritt in &#246;konomischen Wert umzusetzen“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Die Hochschulreformen der letzten zehn, 15 Jahre, die auf EU-Ebene ma&#223;geblich durch den <em>Bologna-Prozess</em> angeschoben wurden, m&#252;ssten in diesem Zusammenhang begriffen werden: Es handelt sich um den Versuch, die Universit&#228;ten so umzugestalten, dass sie wie ein Konzern auf den globalen Wissens- und Bildunsm&#228;rkten konkurrieren k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Edu-factory</strong><br />
Aus dieser Diagnose leiten Roggero und die AktivistInnen um das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv eine Reihe von Thesen ab, die man so zusammenfassen k&#246;nnte.<br />
<em>Erstens</em>: Die Hierarchisierung und Segmentierung der ArbeiterInnenklasse wird auf globaler Ebene &#252;ber die Bewertung und Einteilung von „Wissen“ durchgesetzt. „‚Kognitiver Kapitalismus‘ [...] bedeutet auch, dass st&#228;ndig neue, k&#252;nstliche Ma&#223;einheiten geschaffen werden, um das lebendige Wissen auf abstraktes Wissen zu reduzieren (vom Copyright und Patenten bis zur in den Studienpl&#228;nen und Ausbildungsprogrammen festgelegten Bringschuld, den <em>Credits</em>; von der Akkumulation sozialen und humanen Kapitals bis zur ‚reference economy’ f&#252;r ForscherInnen und Studierende).“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Die ArbeiterInnenklasse wird in ein immer feineres, kleinteiligeres Raster segmentiert, dessen Koordination von dem Versuch aufgespannt werden, das Wissen der Arbeitenden zu messen und zu bewerten. Welche Schule besucht wurde, welche Fortbildungsma&#223;nahmen ergriffen oder wie viele ECTSPunkte gesammelt wurden, diese und &#228;hnliche Formen der „Kognitivisierung“ der Klassenverh&#228;ltnisse stellen aus dieser Perspektive die zentrale Momente, um „den Wert der kognitiven Arbeitskraft durch die Stratifizierung von <em>Skills </em>und intellektuelle Qualifikation k&#252;nstlich zu messen und zu regulieren.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
<em>Zweitens</em>: Die zentralen Orte, an denen diese Prozesse der Hierarchisierung und Segmentierung vollzogen werden, sind die Bildungseinrichtungen, und hier besonders die Universit&#228;ten. Die Universit&#228;t, so Roggero, kann „in diesem Rahmen als der privilegierte Ort betrachtet werden, um die Produktion des lebendigen Wissens zu untersuchen“.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die j&#252;ngsten K&#228;mpfe der Studierenden sind wesentlich K&#228;mpfe, die sich gegen die kognitive Segmentierung ihrer Arbeitskraft richten, in der sie „deklassiert“ werden, d.h. dass der Wert ihres Wissens, und damit ihrer Arbeitskraft, dequalifiziert wird. Denn in den Prozessen der Hierarchisierung z&#228;hlt nicht die Qualit&#228;t der Bildung, des Wissens oder der Qualifikation, die jemand erarbeitet hat, sondern formale Kriterien wie <em>Credit-Point</em>s, das Prestige einer Bildungseinrichtung oder die Akkumulation von unbezahlten Praktika. „<em>Déclassement </em>war in den letzten Jahren eines der zentralen Themen der K&#228;mpfe von Studierenden in aller Welt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
<em>Drittens</em>: In diesem kongnitiven Kapitalismus <em>sind Studierende selbst schon ArbeiterInnen</em>. Das ist die entscheidende Pointe, mit denen das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv in die K&#228;mpfe der Studierenden interveniert. Die Positon scheint den AutorInnen so selbstverst&#228;ndlich, dass sie nicht weiter ausgef&#252;hrt wird: Der oder die Studierende ist nicht l&#228;nger eine Arbeitskraft „in Ausbildung“, sondern „bereits ArbeiterIn, einE ProduzentIn von Wissen“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
<em>Viertens</em>: Die diesen Verh&#228;ltnissen entsprechende Strategie f&#252;r erfolgreiche K&#228;mpfe an den Universit&#228;ten muss darauf abzielen, eigene, autonome Formen der Wissensarbeit, der Aneignung, Weiterentwicklung und Vermittlung von Wissen zu schaffen, die sich weit &#252;ber die Grenzen der alten Universit&#228;t hinaus erstrecken. Das Ziel einer solchen Bewegung w&#228;re die Schaffung einer „globalen autonomen Universit&#228;t“ – so auch der Titel des Sammelbands, in dem der bisherige Diskussionsprozess des Kollektivs festgehalten wurde – auf den Ruinen der alten.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a></p>
<p><strong>Studierende als ArbeiterInnen?</strong><br />
Damit sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angekommen: Wer revoltiert hier eigentlich in den Uni-Protesten der letzten Jahre? Und wie verhalten sich diese Bewegungen zu dem Konzept der Klassenk&#228;mpfe? Die post-operaistische Antwort des <em>Edu-factory</em>-Kollektivs lautet: Es revoltieren Studierende als ArbeiterInnen gegen die Bewertung, Hierarchisierung und Dequalifizierung ihrer Arbeitskraft. Und diese K&#228;mpfe stellen selbst eine, und vielleicht die fortschrittlichste, Form der Klassenk&#228;mpfe unter den Bedingungen des kognitiven Kapitalismus dar. So naheliegend einige dieser Thesen manchen AktivistInnen scheinen m&#246;gen und so sympathisch die enge Verzahnung, ja Verschmelzung von theoretischer und aktivistischer Arbeit ist, die vom <em>Edufactory</em>-Kollektiv praktiziert wird, so bleibt doch grundlegende Skepsis gegen&#252;ber ihren Positionen angebracht. An dieser Stelle kann keine umfassende Kritik formuliert werden; teilweise l&#228;sst sich das Problematische an den Thesen direkt auf die theoretischen Grundlagen bei Hardt, Negri und Virno zur&#252;ckf&#252;hren (die an anderer Stelle ausf&#252;hrlicher kritisiert wurden).<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Einige zentrale Einw&#228;nde wurden in der aktuellen Debatte auch von sympathisierenden KommentatorInnen formuliert, etwa dass Begriffe wie „immaterielle“ oder „kognitive“ Arbeit so weit gefasst sind, dass „beinahe jede Form der Arbeit zu ‚kognitiver’ Arbeit wird“, was „beliebige Gleichsetzungen“ erzeuge.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Vor allem aber muss die zentrale These, nach der das gesellschaftliche Wissen, wie in Marx’ Maschinenfragment, zur wichtigsten, direkten Produktivkraft geworden ist, grunds&#228;tzlich bezweifelt werden. Niemand kann in Abrede stellen, dass wir es – zumindest im globalen Norden und in den „Zentren der Peripherie“ – aktuell mit einer hochtechnologisierten und verwissenschaftlichten Produktionsweise zu tun haben, in der Wissen, Kommunikation, Information und Kooperation zu zentralen Momenten der Organisationsform des Arbeitsprozesses geworden sind. Das bedeutet aber noch lange nicht, wie die post-operaistischen Thesen behaupten, dass alle Menschen, die Wissen, Information oder blo&#223; ein Gef&#252;hl erzeugen, auch Wert produzieren, also im Marx’schen Sinne „produktive ArbeiterInnen“ sind. Denn darauf baut das ganze Argument auf: „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“, so Hardt und Negri – und meinen damit, dass Produktion und die Ausbeutung nicht mehr an Arbeitszeiten gekn&#252;pft sind.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> An eben dieser Idee kn&#252;pft das <em>Edu-factory-</em>Kollektiv an, wenn es die Tatsache, dass Studierende Wissen produzieren und somit arbeiten (was zweifellos richtig ist) mit der Behauptung gleichsetzt, dies w&#228;re „unmittelbar produktive“ Arbeit auch aus der Perspektive des Kapitals (was nur unter sehr spezifischen Umst&#228;nden richtig ist, etwa wenn schlecht oder nicht bezahlte Arbeit von Studierenden in kommerzielle Forschungsprojekte o.&#228;. einflie&#223;t, was immer h&#228;ufiger der Fall ist). Dahinter steht die These, dass die zentrale Linie des Klassenkampfs im kognitiven Kapitalismus durch den Widerspruch zwischen dem kollektiv, erarbeiteten Wissen als „Gemeinsames“ oder <em>Common </em>und den Versuchen der Einhegung, Vereinnahmung und Verwertung dieses Wissens durch Staat und Kapital gezogen.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> An einer Stelle verweisen die <em>Edu-factory-</em>AktivistInnen zur Unterst&#252;tzung der Behauptung, Studierende w&#228;ren selbst schon ArbeiterInnen, auf eine Studie von Marc Bousquet.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Dieser zeigt in <em>How the University Works</em> detailliert und empirisch ges&#228;ttigt, dass so viele Studierende in den USA neben ihrem Studium einer Lohnarbeit nachgehen – teilweise direkt an den Universit&#228;ten bzw. am Campus, teilweise als Niedriglohnkr&#228;fte in umliegenden Dienstleistungsbetrieben – dass eine soziologische Unterteilung in „Studierende“ und „ArbeiterInnen“ kaum noch m&#246;glich ist.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dies betrifft in den USA rund zehn Millionen Menschen, die sich zum Gro&#223;teil selbst nicht als ArbeiterInnen einsch&#228;tzen, sondern als „Studierende, die arbeiten“ (und entsprechend wenig bereit sind, sich f&#252;r bessere Bezahlung oder Arbeitsbedingungen an ihrem „tempor&#228;ren“ Arbeitsplatz einzusetzen). Doch was Bousquet hier zeigt, ist gerade das Gegenteil davon, was die <em>Edu-factory</em>-AktivistInnen behaupten. Ja, die allermeisten Studierende sind auch LohnarbeiterInnen (&#252;brigens auch in &#214;sterreich, wo 61 Prozent aller Studierenden erwerbst&#228;tig sind).<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Sie sind Studierende und ArbeiterInnen, aber sie sind nicht ArbeiterInnen <em>als </em>Studierende. Tats&#228;chlich ist die widerspr&#252;chliche gesellschaftliche Position von studierenden ArbeiterInnen Grundlage f&#252;r zahlreiche, meist auf subjektiver Ebene bearbeiteter Konflikte. Das reicht von einer fragmentierten Identit&#228;t als ArbeiterInnen, die ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach „eigentlich“ StudentInnen sind, bis zur ganz praktischen Arbeits&#252;berlastung zwischen Studium und Abend- bzw. Nachtschicht-Job. Die Verkn&#252;pfung der Klassenposition als ArbeiterIn und jener als StudentIn kann politisch und in K&#228;mpfen hergestellt werden, wie das Ansatzweise in den Protesten gegen den CPE in Frankreich geschehen ist; sie ergibt sich aber nicht automatisch aus der Rolle von Studierenden als WissensarbeiterInnen. Die apodiktischen, das Fehlen theoretischer Stringenz oft hinter einer mit post-operaistischen Codew&#246;rtern durchsetzten Privatsprache versteckenden Formulierungen der <em>Edu-factory</em> sind f&#252;r die theoretische wie praktische Vermittlung von Uni-Revolten und Klassenk&#228;mpfen hier wenig hilfreich.<br />
Dabei spielen in den Uni-Revolten der letzten Jahre Aspekte, die von den Edu-factory-AktivistInnen hervorgehoben werden, eine durchaus nicht zu vernachl&#228;ssigende Rolle. Zweifellos ist es verk&#252;rzt, die neoliberale Transformation der Universit&#228;ten allein als Strategien der Privatisierung oder &#214;konomisierung zu verstehen. Hochschulen werden zwar nach dem Vorbild der Privatunternehmen neu strukturiert, direkt profitabel im Sinne von Gewinn abwerfend k&#246;nnen sie aber kaum gef&#252;hrt werden. Ihre Funktion im Sinne der Strategien des Kapitals besteht eher darin, wie das Edu-factory-Kollektiv betont, neue und feiner abgestufte Hierarchien und Segmentierungen innerhalb der besser ausgebildeten ArbeiterInnenklasse herzustellen. Auf nichts anderes l&#228;uft die Einteilung in Bakkalaureats- und Master-Abschluss, und die Einf&#252;hrung von Credit Points schlie&#223;lich hinaus. Die aktuelle Entwicklungsweise des Kapitalismus ist auf gro&#223;e Zahlen von relativ gut ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften angewiesen, und die Universit&#228;ten sind nun mal der Ort, an dem die „Inwertsetzung der Arbeitskraft“ konzentriert stattfindet.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Zugleich m&#252;ssen die Massen an den Hochschulen in f&#252;r das Kapital verf&#252;g- und verwertbare Form gebracht, m&#252;ssen m&#246;glich punktgenau an die Stellen im Produktionsprozess eingewiesen werden, an denen sie gebraucht werden. Daf&#252;r sind spezialisierte, in vergleichbaren Modulen organisierte und „praxisnahe“ Studieng&#228;nge n&#246;tig, wie sie an den Universit&#228;ten zur Zeit durchgesetzt werden. Und es m&#252;ssen institutionelle Barrieren eingezogen werden, um die Zahl jener, die &#252;ber eine fachliche Basisausbildung hinaus studieren, auf ein n&#252;tzliches Ma&#223; zu reduzieren, was durch Zugangsbeschr&#228;nkungen f&#252;r Masterstudien sichergestellt werden soll. Dass die Regierungen und Universit&#228;tsleitungen dabei auf Widerstand von Studierenden sto&#223;en, liegt nicht unbedingt daran, dass das Bewusstsein um diese Zusammenh&#228;nge unter Studierenden breit geteilt w&#228;re. Aber ein wesentliches Treibmittel f&#252;r den Unmut, der sich in Studierendenprotesten Bahn bricht, ist die konkrete Erfahrung, dass die hehren – letztlich Humboldt’schen – Bildungsideale, die weiterhin an Schulen, Unis und in Familien vermittelt werden (Bildung als Selbstbildung der Pers&#246;nlichkeit, interessegeleitetes Studieren etc.) sich permanent an verschulten Studienpl&#228;nen, &#252;berf&#252;llten H&#246;rs&#228;len und autorit&#228;ren B&#252;rokratien brechen. Ob und wie diese Erfahrungen politisiert werden, l&#228;sst sich aber nicht aus der gemeinsamen Lage als „WissensarbeiterInnen“ ableiten, sondern h&#228;ngt von den politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen in den Bewegungen ab.</p>
<p><strong>Klassenk&#228;mpfe von oben</strong><br />
Um den Zusammenhang von Studierendenbewegungen und Klassenk&#228;mpfen zu diskutieren, k&#246;nnen aber auch andere, sich ebenfalls auf Marx berufende theoretischer Zug&#228;nge, hilfreiche Hinweise liefern. In der akademischen Debatte der kritischen „Internationalen Politischen &#214;konomie“ wird seit vielen Jahren &#252;ber die Transformation des Bildungssystems unter dem Neoliberalismus diskutiert. Dabei wird die Ausgangsthese (post-)operaistischer Theorien, wonach Klassenk&#228;mpfe immer als Revolten „von unten“ ihren Ausgang nehmen und das Kapital zur Reaktion zwingen, abgelehnt. Vielmehr wird die aktive Rolle der verschiedenen Kapitalfraktionen und der mit ihnen organisch verbundenen „Intellektuellen“ betont, die ihre Verwertungsinteressen l&#228;ngerfristig durch die Formulierung und Durchsetzung von „hegemonialen Projekten“ durchsetzen und absichern. Dabei muss zwar zumindest teilweise auf Interessen und Begehren der beherrschten Klassen kompromisshaft eingegangen werden, letztlich haben wir es aber mit Formen des gesellschaftlichen Klassenkampfs „von oben“ zu tun. Die Durchsetzung des Neoliberalismus als globales politisches Projekt zur Disziplinierung der ArbeiterInnenklasse und zur Erschlie&#223;ung neuer gesellschaftlicher Bereiche f&#252;r die kapitalistische Akkumulation kann unter diesem Gesichtspunkt verstanden werden.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Klassenkampf ist aus dieser Perspektive nichts rein „&#246;konomisches“, sondern bezeichnet die vielf&#228;ltigen gesellschaftlichen Strategien von Klassenakteuren zur Durchsetzung ihrer Interessen. Der Politikwissenschaftler Kees van der Pijl etwa unterscheidet zwischen drei Ebenen der Klassenauseinandersetzungen. Neben den K&#228;mpfen in Phasen der „sogenannten urspr&#252;nglichen Akkumulation“, in denen es um die Durchsetzung von Lohnarbeit und kapitalistischer Produktion geht, und K&#228;mpfen innerhalb und um die Produktion um Lohnh&#246;he und Arbeitsbedingungen, besteht eine dritte, laut van der Pijl f&#252;r den neoliberalen Kapitalismus besonders virulente Form des Klassenkampfs in Auseinandersetzungen um die <em>Reproduktion </em>der Arbeitskraft selbst.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Damit meint er, dass bislang nicht der kapitalistischen Logik unterworfene gesellschaftliche Bereiche, in denen ArbeiterInnen sich sich im weitesten Sinne regenerieren, als potenzielle Akkumulationsfelder identifiziert werden – von der Familie &#252;ber &#246;ffentliche Dienstleistungen bis hin zur Natur selbst. Zu diesen Prozessen geh&#246;ren auch Konflikte um die Form und Organisation von Schulen und Hochschulen. Die Reformen der letzten Jahre zielen letztlich auch darauf ab, Bildung als &#246;konomischen „Sektor“ zu etablieren, der als potenziell profitables Anlagefeld f&#252;r das Kapital funktioniert. Daf&#252;r m&#252;ssen Universit&#228;ten „unternehmerisch“ gef&#252;hrt werden: es werden Konkurrenzmechanismen innerhalb und zwischen den Hochschulen eingef&#252;hrt, der Wettbewerb um „Drittmittel“ zur Finanzierung von Forschung und Lehre hergestellt und autorit&#228;re, den Vorst&#228;nden und Aufsichtsr&#228;ten gro&#223;er Konzerne nachempfundene F&#252;hrungsstrukturen implementiert.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Dies auch dann, wenn – wie es bei den gro&#223;en Massenuniversit&#228;ten der Fall ist – die einzelne Institution gar nicht profitabel gef&#252;hrt werden kann. Es geht um die politische Herstellung eines Bildungs-Marktes, in dem dann einzelne Segmente (z.B. globale Elite-Universit&#228;ten, berufsbegleitende Weiterbildung etc.) als rentable Anlagefelder identifiziert werden k&#246;nnen. Wenn wir diese „Reformen“ als Bestandteile eines Klassenkampfs begreifen, der von oben um die Herstellung neuer M&#246;glichkeiten zur Kapitalakkumulation, d.h. f&#252;r die Unterwerfung weiterer gesellschaftlicher Bereiche unter die Logik von Profit und Konkurrenz, gef&#252;hrt wird, dann erhalten auch die K&#228;mpfe der Studierenden, die sich genau dagegen wehren, eine Dimension des Klassenkampfs – ohne, dass wir die Studierenden deshalb gleich kollektiv zu Bestandteilen der ArbeiterInnenklasse erkl&#228;ren m&#252;ssen. Ob diese „Dimension des Klassenkampfs“ in den Protesten auch artikuliert wird, h&#228;ngt letztlich von den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in den Bewegungen selbst ab: In diesen geht es darum, welche Kampfformen wir annehmen, was und wen wir zum politischen Gegner oder zum potenziellen Verb&#252;ndeten erkl&#228;ren, und, nicht zuletzt, als was wir uns selbst verstehen und definieren. Denn wenn Studierende sich als Subjekte in einem Klassenkampf verstehen, der nicht nur gegen sie gef&#252;hrt wird, l&#228;sst sich auch die Frage nach gemeinsamen Interessen und darauf aufbauenden Allianzen anders aufwerfen und in der Verbindung verschiedener anti-neoliberaler K&#228;mpfe m&#246;glicherweise etwas politisch Gemeinsames herstellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ein &#220;berblick zu den K&#228;mpfen gegen den CPE findet sich hier: http://www.labournet.de/internationales/fr/cpe.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine erste Sammlung von Berichten und Einsch&#228;tzungen zu den Protesten in<br />
Gro&#223;britannien findet sich in Hancox, Dan: Fight Back! A Reader on the Winter of<br />
Protest, London (2011): OpenDemocracy, online: http://www.opendemocracy.net/ourkingdom/ourkingdom/fight-back-reader-on-winter-of-protest<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Caffentzis, George: University Struggles at the End of the Edu-Deal, in: Mute<br />
Magazine, 2 (16), S. 72-77<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Probst, Stefan et al.: Utopia?! Alternative Formen der Wissensproduktion und –aneignung, in: Perspektiven Nr. 10 (2010), S. 16-21<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Heissenberger, Stefan et al. (Hg.): Uni brennt. Grunds&#228;tzliches – Kritisches – Atmosph&#228;risches, Wien (2010): Turia+Kant.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. http://www.prol-position.net/nl/2006/07/cpe-leaflet<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Benino, Andrea: Die perfekte Welle&#8230;, in: kulturrisse 2/2009, S. 24-27.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Research &#038; Destroy: Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft, in: grundrisse Nr. 32 (2009), S. 22-30.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Frauen wurde in Deutschland und &#214;sterreich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts die Immatrikulation an Universit&#228;ten erlaubt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Demirovi&#196;, Alex: Kritische Gesellschaftstheorie und ihre Bildungsbedingungen, in: Kurswechsel 4/2005, 13-27, hier: 18f.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd.: 19<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation in<br />
Deutschland und &#214;sterreich, bleiben notwendig kursorisch und in mancherlei Hinsicht vereinfachend; die beschriebene Entwicklung kann jedoch, so meine ich, zumindest in der Tendenz auf die Gesellschaften des kapitalistischen Nordwestens ausgeweitet werden.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> MEW 23: 533<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> MEW 42: 593<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Sabel, Charles: Struktureller Wandel der Produktion und neue Gewerkschaftsstrategien,in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 41-60, hier: S. 41.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> von Osten, Marion: reformpause! Zur Genealogie aktueller Bildungsreformen,<br />
Wien (2009), edition PROLLpositions, S. 11<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> ebd. Obwohl die Konstellation in &#214;sterreich sich von jener Deutschlands etwas<br />
unterschied und eher durch Prozesse der verz&#246;gerten und nachholenden Entwicklung gepr&#228;gt war, lassen sich bereits ab 1963, mit der Einf&#252;hrung eines Studienbeihilfengesetzes, &#228;hnliche Tendenzen erkennen. Vgl. Reithmayer, Thomas: Kritisch studieren an &#214;sterreichs Universit&#228;ten, in: Perspektiven Nr. 8, S. 32-39, hier S. 34.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a>Vgl. f&#252;r &#214;sterreich Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: Sozialismus in einer Stadt, in: Perspektiven Nr. 11, S. 12-19.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Das fordistische Entwicklungsmodell beruhte ma&#223;geblich auf einem spezifischen<br />
Geschlechter- und Familienregime, das Frauen auf ihre Rolle als unbezahlte und untergeordnete Haushaltsarbeiterinnen reduzierte. Der Mann war als Alleinverdiener zugleich „Familienoberhaupt“, womit das ehemals b&#252;rgerliche Modell der patriarchalen Kleinfamilie universalisiert wurde – auch und gerade in „Arbeiterfamilien“. Vgl. Hajek, Katharina/Opratko, Benjamin: Wessen Wirtschaft, welche Krise?, in: Perspektiven Nr. 9, S. 22-31.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Kapfinger, Emanuel/Sablowski, Thomas: Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus, in: Unbedingte Universit&#228;t (Hg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universit&#228;t, Z&#252;rich (2010): Diogenes, S. 249-275, hier: 256.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess, Frankfurt/M.<br />
(1977): Campus; an Bravermans Thesen schloss sich eine breite, kontrovers gef&#252;hrte Diskussion unter dem Label der Labor Process Debate an. F&#252;r einen kritischen &#220;berblick vgl. Wood, Stephen: Neue Technologien, Arbeitsorganisation und Qualifikation: die britische Labor-Process-Debatte, in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 74-104.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Atzm&#252;ller, Roland: Qualifikationsanforderung und Berufsbildung im Postfordismus, in: Prokla Nr. 137 (2004), S. 587-605, hier S. 588.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven Nr. 10, 22-28, hier: 24f.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Die Thesen von Hardt und Negri habe ich an anderer Stellen ausf&#252;hrlich kritisert: Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus, in: Perspektiven Nr. 3, S. 10-17.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Hardt, Michael/Negri, Antonio: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M. (2004): Campus, S. 126.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> MEW 42: 602, Herv. i. O.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der<br />
General Intellect, Wien (2005): Turia+Kant, S. 140, Herv. i. O.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 149.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 153.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Roggero, Gigi: Was das lebendige Wissen vermag, http://eipcp.net/transversal/0809/roggero/de<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> De Nicola, Alberto/Roggero, Gigi: Vom Leben in einer Ruine, in: Kulturrisse<br />
2/2008, S. 24-27, hier: 24.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> The Edu-factory Collective: All Power to Self-Education!, in: dies.: Toward a Global Autonomous University. Cognitive Labor, The Production of Knowledge and Exodus from the Education Factory, New York: Autonomedia, S. 0-15, hier: S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Roggero: Was&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Do, Paolo/Roggero, Gigi: We Won’t Pay for Your Crisis: Italian Struggles Against Education Reform, in: Mute Magazine (2009), http://www.metamute.org/en/content/we_won_t_pay_for_your_crisis_italian_struggles_against_education_reform<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Do/Roggero: We Won’t Pay&#8230;, a.a.O.; vgl. Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Ashram, Vidya: The Global Autonomous University, in: The Edu-factory Collective, Towards&#8230;, a.a.O., S. 165-170.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Opratko, Benjamin: Sei spontan&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Caffentzis, George/Federici, Silvia: Arbeit im Schatten der Kognitivit&#228;t, in: kulturrisse 2/2009, S. 10-15, hier: S. 13.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Hardt/Negri: Multitude, S. 130.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Gigi Roggero schreibt etwa: „Produktivit&#228;t [entsteht] nicht durch den Umstand, ob man f&#252;r seine T&#228;tigkeit bezahlt wird oder nicht, sondern durch die konfliktuale Beziehung zwischen der Produktion des Gemeinsamen und dessen Vereinnahmung“ (Roggero: Was&#8230;, a.a.O.)<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10 (Fn 9); Bousquet, Marc: How the<br />
University Works. Higher Education and the Low-Wage Nation, New York: New York<br />
University Press<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Bousquet: How&#8230;, a.a.O., S. 146ff.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Unger, Martin et al: Studierenden-Sozialerhebung 2009, Wien: IHS, S. 133ff.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Raunig, Gerald: Im Modus der Modulation, in: Unbedingte Universit&#228;ten: Was passiert?, a.a.O., 55-63, hier: 63.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Vgl. Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich (2007): Rotpunkt.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Van der Pijl, Kees: Transnational Classes and International Relations, London (1998): Routledge, S. 38ff.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Vgl. Demirovi&#196;, Alex: Die Transformation der Staatlichkeit von Hochschulen, in: Das Argument Nr. 272 (2007), S. 531-545; Zeuner, Bodo: Die Freie Universit&#228;t Berlin vor dem B&#246;rsegang? Bemerkungen zur &#214;konomisierung der Wissenschaft, in: Prokla Nr. 148 (2007), S. 325-350.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/uni-revolten-als-klassenkaempfe/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>RELEASE-Veranstaltung P12: &#8220;Die FP&#214; – Nutznie&#223;erin der Krise?&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 19:03:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1638</guid>
		<description><![CDATA[HipHop Einlagen, Discobesuche, HC-Comics – die rechtsextreme FP&#214; l&#228;sst nach der Schlappe rund um die Bundespr&#228;sidentInnenwahl im Fr&#252;hjahr nichts unversucht, sich das Image einer jungen, modernen und sozialen „Heimatpartei“ zu geben. Dabei geht es ihr darum, die allgemeine Verunsicherung in Krisenzeiten f&#252;r sich auszunutzen und &#252;ber ihr deutschnationales Stammpublikum hinaus eine neue Massenbasis zu erlangen. Dass dabei soziale Themen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>HipHop Einlagen, Discobesuche, HC-Comics – die rechtsextreme FP&#214; l&#228;sst nach der Schlappe rund um die Bundespr&#228;sidentInnenwahl im Fr&#252;hjahr nichts unversucht, sich das Image einer jungen, modernen und sozialen „Heimatpartei“ zu geben. <span id="more-1638"></span>Dabei geht es ihr darum, die allgemeine Verunsicherung in Krisenzeiten f&#252;r sich auszunutzen und &#252;ber ihr deutschnationales Stammpublikum hinaus eine neue Massenbasis zu erlangen. Dass dabei soziale Themen und Krisen&#228;ngste der Bev&#246;lkerung mit Nationalismus, (Kultur-)Rassismus und rassistisch konnotierten Sicherheitsdiskursen verbunden werden, ist typisch f&#252;r die Politik der FP&#214;. Wie die Vergangenheit zeigt, ist der Versuch, zur Gro&#223;partei aufzusteigen, allerdings auch von Widerspr&#252;chlichkeiten gepr&#228;gt: das Image einer modernen Rechtspartei st&#246;&#223;t sich mit ihrer Funktion als Kristallisationspunkt der extremen Rechten; die Selbstdarstellung als Partei der Lohnabh&#228;ngigen mit der neoliberalen Politik des eigenen wirtschaftsliberalen Fl&#252;gels.</p>
<p>Auf welche Strategien greift die FP&#214; in Zeiten der Krise zur&#252;ck? Wie wirken sich ihre internen Widerspr&#252;che in taktischen Man&#246;vern aus? Und welche Herausforderungen ergeben sich f&#252;r die Linke angesichts einer in der Krise erstarkenden FP&#214;?</p>
<p>Wann: Mittwoch, 03. November 2010, 19Uhr<br />
Wo: Aula der Akademie der Bildenden K&#252;nste, Schillerplatz 3, 1010 Wien</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die FP&#214; – Nutznie&#223;erin der Krise?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 15 Oct 2010 13:02:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1610</guid>
		<description><![CDATA[Wie agiert die rechtsextreme FP&#214; in der Krise? Gelingt es ihr, als Soziale Heimatpartei zu punkten? Nico Schlitz und Felix Wiegand analysieren die Krisenantworten des Dritten Lagers und zeigen auf, mit welchen internen Widerspr&#252;chen die FP&#214; auf dem Weg zur Gro&#223;partei zu k&#228;mpfen hat.

Die (Erfolgs-)Geschichte der rechtsextremen FP&#214; beruht ganz wesentlich auf dem Faktor „Krise“. Zu diesem Fazit gelangten wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie agiert die rechtsextreme FP&#214; in der Krise? Gelingt es ihr, als Soziale Heimatpartei zu punkten? <em>Nico Schlitz</em> und <em>Felix Wiegand</em> analysieren die Krisenantworten des Dritten Lagers und zeigen auf, mit welchen internen Widerspr&#252;chen die FP&#214; auf dem Weg zur Gro&#223;partei zu k&#228;mpfen hat.<br />
<span id="more-1610"></span><br />
Die (Erfolgs-)Geschichte der rechtsextremen FP&#214; beruht ganz wesentlich auf dem Faktor „Krise“. Zu diesem Fazit gelangten wir im Artikel „FP&#214;: Rechts extrem erfolgreich“ in Perspektiven Nr. 8. Hier versuchten wir, den Aufstieg der Partei in den 1990er Jahren unter J&#246;rg Haider sowie ihr Wiedererstarken ab 2005 unter Heinz-Christian Strache zu erkl&#228;ren.</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Demnach schufen die vielf&#228;ltigen Krisen- und Umbruchprozesse, die mit dem Ende der fordistischen Periode Mitte der 1980er Jahre und der folgenden neoliberalen Wende verbunden waren und bis heute sind, die Bedingungen f&#252;r die Erfolge der FP&#214;. Dass sie auch tats&#228;chlich Nutznie&#223;erin dieser Bedingungen werden konnte, verdankt die Partei – neben dem Fehlen einer linken Alternative sowie der inhaltlichen und personellen Anbiederung der &#252;brigen politischen Akteure – einer Ver&#228;nderung der eigenen Strategie: Die FP&#214; konnte erst &#252;ber ihre b&#252;rgerlichen und b&#228;uerlichen Kernw&#228;hlerInnenschichten deutschnationaler Pr&#228;gung hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen und zu einer Gro&#223;partei werden, indem sie sich als jugendlich-moderne, gegen das Establishment gerichtete Rechtspartei inszenierte. Dar&#252;ber hinaus richtete sie den Fokus ihrer Agitation auf jene, die von den Krisen- und Umbruchprozessen (potentiell) betroffen sind und durch die neoliberalisierte Sozialdemokratie nicht mehr repr&#228;sentiert werden. Zentrales Mittel war und ist dabei ein Populismus, der insofern als autorit&#228;r zu bezeichnen ist, als er zwar ideologisch an den Erfahrungen und Bed&#252;rfnissen breiter Bev&#246;lkerungsschichten ankn&#252;pft, aufgrund seiner undemokratischen Form und seines reaktion&#228;ren, insbesondere rassistischen Inhalts jedoch zur Stabilisierung der b&#252;rgerlichen Herrschaft beitr&#228;gt. </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie die Serie von Wahlniederlagen sowie die Verwerfungen innerhalb des Dritten Lagers zwischen 2002 und 2005 zeigen</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>, l&#228;sst der Versuch der FP&#214;, auf diese Art und Weise zur Gro&#223;partei zu werden, jedoch auch (neue) Widerspr&#252;che aufbrechen: etwa den zwischen der Inszenierung als moderner Rechtspartei und der Funktion als zentralem Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich mit entsprechend vielf&#228;ltigen &#220;berschneidungen zur burschenschaftlich-deutschnationalen und neonazistischen Szene. Oder den Widerspruch zwischen der Selbstdarstellung als Partei der Lohnabh&#228;ngigen und den Interessen des eigenen (wirtschafts-)liberalen Fl&#252;gels bzw. den neoliberalen Politiken der schwarz-blauen Regierung. Wenn wir im Folgenden analysieren, ob es Strache und KonsortInnen auch in den letzten eineinhalb Jahren gelungen ist, aus der Krise und ihren Folgen politisch Kapital zu schlagen, interessiert uns deshalb neben der Frage, wie die FP&#214; nach Au&#223;en agiert,  insbesondere, welche unterschiedlichen Positionen innerhalb der Partei existieren und ob sich erneut Widerspr&#252;che und Konflikte abzeichnen.</p>
<p><strong>Die FP&#214; als <em>Soziale Heimatpartei</em></strong><br />
Ein kurzer R&#252;ckblick auf die zweite H&#228;lfte von 2009 zeigt zun&#228;chst, dass die FP&#214; auch w&#228;hrend des (medialen) H&#246;hepunkts der Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa ihrem bew&#228;hrten Kurs treu blieb. Sowohl im Vorfeld der Landtagswahlen in Vorarlberg und Ober&#246;sterreich im September als auch im Zuge erster Kampagnen f&#252;r die Wien-Wahl im Herbst/Winter 2009/10 setzte die Partei mit dem omnipr&#228;senten Strache und dem harmlos klingenden Namenszusatz <em>Soziale Heimatpartei</em></em><a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> voll auf die Inszenierung als junge und moderne Rechtspartei. Welche strategische Ausrichtung sich hinter dieser Fassade verbirgt, offenbaren Forderungen nach einem Elterngeld f&#252;r „heimische“ Familien (FP&#214; Vorarlberg) oder „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger“ (FP&#214; Wien) sowie die best&#228;ndige Hetze gegen „Rekordzuwanderung“, „osteurop&#228;ische Bettelbanden“ und „Islamismus“</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: die aus der Vergangenheit bekannte Verkn&#252;pfung von Krisenangst und sozialen Themen mit Nationalismus, (Kultur-)Rassismus und rassistisch konnotierten Sicherheitsdiskursen.<br />
Dass diese autorit&#228;r-populistische Strategie in Krisenzeiten insbesondere in Verbindung mit dem f&#252;r die FP&#214; seit den 1990er Jahren zentralen Motiv der EU¬¬¬¬-Kritik umfassende Agitationsm&#246;glichkeiten er&#246;ffnet, zeigt die FP&#214;-Kampagne f&#252;r die Europawahlen (Juni 2009). Neben unverhohlen rassistischen Schwerpunkten wie dem Kampf gegen einen m&#246;glichen EU-Beitritt der T&#252;rkei („Abendland in Christenhand“) machte die Partei die wirtschaftliche und soziale Krise aktiv zum Thema, indem sie z.B. die EU zum „Verursacher von Massenarbeitslosigkeit und Pleitenwellen“ erkl&#228;rte und das Versagen des „Neoliberalismus Marke Br&#252;ssel“ ausrief. Noch deutlicher wurde FP&#214;-Generalsekret&#228;r Herbert Kickl, der – im R&#252;ckgriff auf antisemitische Metaphorik – erkl&#228;rte, die EU verk&#246;rpere die „Problematik […], vor der wir stehen. Es ist ein Tanz um das goldene, neoliberale Kalb, und der h&#246;chste Wert, der dort herrscht, ist nicht die Freiheit, ist nicht die soziale Sicherheit der Bev&#246;lkerung, sondern das Gewinnstreben und die Profitgier von einigen wenigen Gro&#223;konzernen, die im Grunde genommen das Geschehen in dieser europ&#228;ischen Union bestimmen.“</em><a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Statt dieser „EU f&#252;r Konzerne“ propagierte die FP&#214; „Soziale W&#228;rme“ – im Sinne der <em>Sozialen </em>Heimat<em>parte</em>i aber selbstverst&#228;ndlich nur f&#252;r &#214;sterreicherInnen: Gefordert wurde etwa die „R&#252;ckf&#252;hrung von Gastarbeitslosen in ihre Heimatl&#228;nder“ sowie „[k]eine versteckte Zuwanderung durch die sog. ,Blue-Card‘“.</p>
<p><strong>„Eurokrise“ und Wahlerfolge</strong><br />
War bereits im EU-Wahlkampf von einer „Finanzmafia“ die Rede, so wurde die Polemik gegen „Banker und Spekulanten“ im Zuge der so genannten „Eurokrise“ zu einem Kernelement der FP&#214;-Agitation. Unter dem Slogan „Banken sollen selber zahlen“ starteten etwa Strache und Generalsekret&#228;r Harald Vilimsky auf einer eigens eingerichteten Homepage</em><a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> ein als „Initiative f&#252;r soziale Gerechtigkeit“ tituliertes „Internet-Volksbegehren“ f&#252;r die Einf&#252;hrung einer Bankensteuer oder die Begrenzung von Geh&#228;ltern und Bonuszahlungen. Das Ziel seien „Faire Banken – ehrliche Geh&#228;lter“. Die Selbstdarstellung als Interessensvertretung der „&#246;sterreichischen Steuerzahler“, „Sparer“ und „Kleinunternehmer“ gegen&#252;ber den spekulationsw&#252;tigen „Bankenbossen“ und „H&#252;tchenspielern im Nadelstreif“ fand ihre Fortsetzung in einer Kampagne gegen die finanzielle Unterst&#252;tzung Griechenlands in der Eurokrise. Darin erhob die FP&#214; die Forderung, Griechenland und andere „Schuldenstaaten“ aus dem Euro-Verbund auszuschlie&#223;en und eine „wirtschaftlich starke“ Euro-Zone mit – wer h&#228;tte es gedacht – Deutschland und &#214;sterreich zu bilden. Au&#223;erdem solle, statt Steuergelder im „Rachen von Banken und Spekulanten“ bzw. einem „griechischen Fass ohne Boden“ verschwinden zu lassen, „unser Geld“ lieber in Arbeitspl&#228;tze, Armutsbek&#228;mpfung, Pensionsgerechtigkeit usw. investiert werden.<br />
Wie die Wahlergebnisse und -analysen aus dem Jahr 2009 zeigen, gelang es der FP&#214; mit ihrer Strategie zun&#228;chst, die Finanz- und Wirtschaftskrise f&#252;r sich zu nutzen. Demnach konnte die Partei bei den Europawahlen (12,7% Stimmenanteil; 6,4% Zugewinn) sowie den Landtagswahlen in Vorarlberg (25,1%; +12,2%) und Ober&#246;sterreich (15,3%; +6,9%) ihren positive Trend von 2008/09 v.a. deshalb fortsetzen und einen Teil der 2003/04 erlittenen Verluste wettmachen, weil die Selbstdarstellung als junge, moderne Rechtspartei mit sozialer Ausrichtung gerade in Krisenzeiten aufgeht: die FP&#214; wurde &#252;berdurchschnittlich oft von jungen Menschen, M&#228;nnern, „ArbeiterInnen“</em><a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> und jenen Erwerbst&#228;tigen gew&#228;hlt, die bei Wahltagsbefragungen angaben, von der Krise stark betroffen zu sein (Personalabbau, Lohneinbu&#223;en oder Kurzarbeit im Betrieb). Auch dass bei den Wahlmotiven neben „gegen Zuwanderung“ die Nennungen „vertritt meine Interessen“ sowie „wichtige Themen“ dominierten, spricht daf&#252;r, dass die FP&#214; tats&#228;chlich von vielen Menschen als <em>Soziale Heimatpartei</em> wahrgenommen wird.</em><a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> So sehr jedoch bereits dieser Slogan innerhalb des Dritten Lagers durchaus unterschiedlich bewertet wird</em><a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, so gro&#223; ist auch die Bandbreite an Positionen, aus denen sich die konkreten Inhalte der FP&#214;-Inszenierung speisen. Worin bzgl. der Finanz- und Wirtschaftkrise im Dritten Lager gemeinsame Ansichten bestehen, aber auch, wo sich diese unterscheiden, zeigen exemplarisch Statements aus der deutschnationalen und neonazistischen Szene sowie vom <em>Ring freiheitlicher Wirtschaftstreibender</em> (RfW).</p>
<p><strong>„Antikapitalismus“ von Rechtsau&#223;en</strong><br />
Angesichts der – unter Strache mehr denn je gegebenen – direkten personellen Kontinuit&#228;ten zwischen der FP&#214;, der burschenschaftlich organisierten deutschnationalen Szene sowie dem organisierten Neonazismus</em><a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> &#252;berrascht es nicht, dass es auch inhaltlich massive &#220;berschneidungen gibt. Im Hinblick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise liegen diese zun&#228;chst v. a. darin, dass die ProtagonistInnen des internationalen Finanzmarktes als Verursacher ausgemacht werden. So ist in der <em>Aula</em>, dem Sprachrohr der deutschnationalen Burschenschafter, von „globalisierten Finanzspekulanten in Europa und der Welt“ die Rede, die „auf &#228;u&#223;erst brutale Weise ohne R&#252;cksicht auf W&#228;hrungen, Staat und V&#246;lker ihre schmutzigen Gesch&#228;fte abwickeln und Milliarden kassieren.“</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schuld an der „Krise der Zockerbanken“ sei jedoch nicht nur der Profitwahn der Banken, sondern v.a. auch die „durch hemmungslose Geldflutung der Federal Reserve Bank von den USA ausgehende Geldschwemme“.</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Entspricht die in der <em>Aula </em>vertretene Position bis hierher durchaus der offiziellen FP&#214;-Linie, geht das deutschnationale Blatt noch einen Schritt weiter: Der Ursprung allen &#220;bels sei n&#228;mlich der Zins. Dieser w&#228;re reiner „Diebstahl“ und als „Wucher gesetzlich zu verbieten“.</em><a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> &#196;hnlich argumentieren anonyme AutorInnen von <em>Alpen-Donau.Info</em>, dem neuen B&#252;ndelungspunkt der au&#223;erparlamentarischen extremen Rechten im Internet.</em><a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Auch hier wird festgestellt, die „Wurzel des Betrugssystems ist und bleibt der Zins“, der als „Peitsche des Kapitalismus […] die Menschen dazu bringt, ihre Umwelt zu zerst&#246;ren, ihre V&#246;lker zu zerschlagen, ihre Kultur zu vergessen und ihre Familien zu verlassen.“</em><a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Eine derartige Diktion ist typisch f&#252;r einen v&#246;lkisch-deutschnationalen „Antikapitalismus“ von Rechts(-au&#223;en)</em><a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, der darauf verzichtet, Privateigentum oder Mehrwertproduktion einer grundlegenden Kritik zu unterziehen, um stattdessen lediglich die Zirkulationssph&#228;re des Kapitals zum Problem zu erkl&#228;ren. Die Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital, die einer solchen Sichtweise zugrunde liegt, ist ein zentrales antisemitisches Motiv. W&#228;hrend auf den Plakaten, die von Neonazis aus dem Umfeld von <em>Alpen-Donau.Info</em> in der Nacht auf den 1. Mai diesen Jahres an zahlreichen Arbeits&#228;mtern in Wien als Aufruf an die „erwerbslosen Volksgenossen“ angebracht wurden, im Zusammenhang mit der Krise offen vom „weltweit agierenden Finanzjudentum“ und der „Zinssklaverei“ die Rede war</em><a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>, versteckt man sich demgegen&#252;ber bei der Aula hinter einschl&#228;gigen Andeutungen. Eindeutig scheint die antisemitisch aufgeladene Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital aber z.B. dort durch, wo – ganz &#228;hnlich der FP&#214;-Agitation – beklagt wird, „die Hochfinanz und globale Konzerne“ w&#252;rden das Geschehen bestimmen, w&#228;hrend „die mittelst&#228;ndische Wirtschaft […] vor die Hunde [gehe]“.</em><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>  Diese Furcht vor dem Ruin des Mittelstands korrespondiert mit einer allgemein pessimistischen Einsch&#228;tzung des weiteren Krisenverlaufs: „Da eine echte Korrektur nicht geschehen ist und nicht gewollt wird, bleibt uns die Krise erhalten und wuchert metastasenartig in weitere Bereiche: von der privaten Finanzkrise zur Krise der Staatsfinanzen, zur Realkrise unserer Wirtschaft, zur Krise der Sozialsysteme bis zur Verarmung und zu gesellschaftlichen Unruhen.“</em><a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Um f&#252;r den Ernstfall ger&#252;stet zu sein – immerhin w&#228;ren auch „blutige Ausschreitungen, Pl&#252;nderungen und Milit&#228;reins&#228;tze“ in Krisenzeiten nicht auszuschlie&#223;en –, wird im Untergangsszenario auf <em>Alpen-Donau.Info</em> daher allen „freien Nationalisten“ empfohlen, ihren gesamten Besitz in vermeintlich krisensicherem Gold anzulegen, dieses dann zuhause zu „vergraben“ und sich zur Selbstverteidigung „Waffen + Munition zu[zu]legen“.</em><a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a></p>
<p><strong>Die „Volksgemeinschaft“ als L&#246;sung?</strong><br />
Von supranationalen Instrumenten zur Steuerung und Kontrolle der Finanzm&#228;rkte halten diese Neonazis hingegen nichts, sind sie doch der Meinung, die Mehrheit der &#246;sterreichischen Bev&#246;lkerung lehne „&#252;bernationale Organisationen“ strikt ab und rufe „nicht nach einer Weltregierung, sondern nach einem starken, nationalistischen und sozialistischen Staat.“</em><a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Das Idealbild dieses Staates entspricht dabei zum einen einer raumorientierten <em>Volks</em>wirtschaft, in der zum Schutz „unsere[r] Bauern, unsere[r] Industrie und unsere[s] Gewerbe[s]“ der Geld-, Waren- und Personenverkehr kontrolliert wird und die also einen Gegenentwurf dazu verk&#246;rpert, dass wirtschaftliche Liberalisierung „mit hohlen Phrasen […] als ‚Teilnahme am globalen Wettbewerb‘, ‚Freihandel, der allen n&#252;tzt‘, ‚soziale Marktwirtschaft‘ usw. besch&#246;nigt [wird].“</em><a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Zum anderen steht dieser Staat f&#252;r die auch im FP&#214;-Konzept der Sozialen Heimatpartei anklingende „Reduzierung der Idee des Sozialismus auf den Gedanken der (Volks)Gemeinschaft“</em><a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>, also f&#252;r das Motto „Volksgemeinschaft statt Klassenkampf“: Da – so die Statements auf <em>Alpen-Donau.Info</em></em><a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> – in einer „national und sozial ausgerichteten Weltanschauungsgemeinschaft kein Platz f&#252;r die Vertretung von Einzel- oder Gruppeninteressen“ und also auch nicht f&#252;r „Ha&#223;“ zwischen „k&#252;nstlich geschaffenen Klassen“ sei, solle „jeder Volksgenosse […], unabh&#228;ngig von seinem Geldbeutel oder Stand, seinen angestammten Platz in der Volksgemeinschaft einnehmen“ und sich der „nat&#252;rlichen Verschiedenartigkeit des Menschen“ sowie dem „Leistungsprinzip“ unterordnen. Letzteres stehe schlie&#223;lich f&#252;r echte „soziale Gerechtigkeit“. Daher habe es auch „nichts mit kapitalistischer Ausbeutung zu tun“, wenn der Unternehmer als „Gehirn des Betriebs“ den Gro&#223;teil des produzierten Werts einbeh&#228;lt, „sondern mit dem Drang, die Arbeitspl&#228;tze der Arbeiter sowie die Existenz des Unternehmens zu retten.“ Im Sinne ihrer Losung „Nationaler Sozialismus statt Kapitalismus“ fordern die Neonazis folglich in der gegenw&#228;rtigen Krise „Ausl&#228;nderr&#252;ckf&#252;hrung statt Integration“ sowie „Arbeit zuerst f&#252;r Deutsch&#246;sterreicher“.</p>
<p><strong>Der RfW und die Krise</strong><br />
Mit einer solchen v&#246;lkisch-neonazistischen Ideologie scheint der <em>Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender</em> (RfW) zun&#228;chst keinerlei inhaltliche Ber&#252;hrungspunkte zu haben, bekennt sich dieser gem&#228;&#223; des eigenen Leitbilds</em><a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> doch explizit zu einer „fairen und sozialen Marktwirtschaft im vereinten Europa” sowie einer „freiheitlichen-freisinnigen Weltanschauung[,] die [eine] liberale, wirtschaftsorientierte und unternehmerische Wertvorstellung kommuniziert und lebt.“ Ganz in diesem Sinne stellt der RfW gegenw&#228;rtig eine wichtige Bastion f&#252;r den innerhalb der FP&#214; stark marginalisierten</em><a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> liberalen Fl&#252;gel des Dritten Lagers dar. Dies umso mehr, als die parteipolitische Spaltung zwischen FP&#214; und BZ&#214; bei den „freiheitlichen Wirtschaftstreibenden“ fast ausnahmslos (s.u.) nur eine geringe Rolle spielt.<br />
Wie sehr die „freiheitlichen Wirtschaftstreibenden“ trotz ihrer vergleichsweise liberalen Ausrichtung durchaus an die Positionen der deutschnationalen Burschenschaften sowie der organisierten Neonazis anschlussf&#228;hig sind, l&#228;sst sich freilich daran ablesen, dass sich der RfW insbesondere als Interessensvertretung der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bzw. des „Mittelstandes“ gegen Gro&#223;konzerne, die „Bankenlobby“ oder eine „Diktatur der Handelskartelle“ versteht.</em><a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Unmittelbar ersichtlich werden die inhaltlichen &#220;berschneidungen dann in der Interpretation der Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch aus der Perspektive des RfW von Gro&#223;banken und der „internationalen Heuschrecken-Finanz“</em><a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> verursacht wurde. Die Hauptsorge der Freiheitlichen Wirtschaftstreibenden gilt den &#246;sterreichischen KMU, deren hinreichender Zugang zu Krediten durch das internationale Regelwerk <em>Basel II</em> bedroht wird – selbstverst&#228;ndlich eine Erfindung „amerikanischer Banken“.</em><a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Eine Mitschuld komme zudem der &#246;sterreichischen Politik zu, habe diese doch, so der RfW in einer bemerkenswerten Resolution vom M&#228;rz 2009</em><a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>, in der Krise „v&#246;llig versagt“ und „[s]ogar die gesunden Spielregeln des Marktes […] nicht verstanden, sondern so massiv beeintr&#228;chtigt, dass das gewachsene Wirtschaftsystem zusammen zu brechen droht“. Deshalb sei „[d]as gr&#246;&#223;te Problem im Land […] nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern die Vertrauenskrise in die Politik“.<br />
Weil aber „Macht ohne Vertrauen in die F&#228;higkeit der Machthaber […] fatale Folgen f&#252;r die gesamte Gesellschaft und derer Wohlstand haben [kann]“, „verlangt“ der RfW vom Parlament nicht weniger als den Beschluss eines „Notgesetzes“ [sic!]: „Den Betrieben muss erlaubt sein, eigenst&#228;ndig und ohne Einfluss der Sozialpartner und der Politik, einzig und allein im Einvernehmen mit allen im Betrieb Betroffenen, ma&#223;geschneiderte &#220;berlebensstrategien zu treffen und umzusetzen.“ Was zuvor bereits durch die Wahl einschl&#228;giger Metaphern („Notgesetz“, „Front“, „&#220;berlebenskampf“, „Tintenburgen“) angedeutet wurde, nimmt mit dieser offenen Forderung nach der Aussetzung demokratischer Prinzipien in Krisenzeiten nun auch inhaltlich Form an: die Hoffnung auf freie Hand bei der Krisenbearbeitung, d.h. de facto auf eine autorit&#228;re L&#246;sung. Mit der hier zum Ausdruck kommenden Feindschaft gegen&#252;ber der Demokratie und insbesondere den Organisationen der ArbeiterInnenklasse – also gegen die „Knebelung“ (RfW-Bundesobmann Fritz Amann</em><a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>) der Wirtschaft durch Gewerkschaften, Arbeiterkammer, SP&#214; usw. – besteht eine weitere &#220;berschneidung zu den Positionen der deutschnationalen Burschenschafter bzw. organisierten Neonazis.</p>
<p><strong>Das Ziel: Neoliberale Klassenpolitik</strong><br />
W&#228;hrend letztere Klassengegens&#228;tze jedoch systematisch zugunsten der „Volksgemeinschaft“ leugnen, steht der RfW bewusst f&#252;r die eigenen Partikularinteressen ein. So tr&#228;gt etwa der stellvertretende RfW-Bundesobmann und langj&#228;hrige Vizepr&#228;sident der &#246;sterreichischen Wirtschaftskammer, Matthias Krenn (FPK), zwar deren Slogan „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ vor sich her, verk&#252;ndet dann jedoch mit Blick auf die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise im gleichen Atemzug: „Unsere Verpflichtung ist das Eintreten f&#252;r die Leistungstr&#228;ger der Gesellschaft, n&#228;mlich den Mittelstand. […] Ohne Sparen und K&#252;rzungen von Sozialleistungen geht es nicht mehr. Die Frage wird also sein, vertreten wir die Leistungsempf&#228;nger oder die Leistungstr&#228;ger. Dasselbe gilt f&#252;r das Pensions- und Gesundheitssystem, wo Milliarden verschleudert werden.“</em><a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Auch viele andere Forderungen</em><a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> lassen wenig Zweifel an der klassenpolitischen Ausrichtung des RfW und widersprechen der Selbstdarstellung der FP&#214; als anti-neoliberaler, <em>sozialer Heimatpartei</em>: regul&#228;re Lohnerh&#246;hungen, Arbeitzeitverk&#252;rzungen sowie die Einf&#252;hrung von Mindestlohn und Verm&#246;genssteuer werden abgelehnt und stattdessen – im Sinne der „Schaffung einer neuen ,Kultur der Selbstst&#228;ndigkeit‘“</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> – der Ausbau geringf&#252;giger Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sowie eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse und insbesondere der Lehrlingsausbildung gefordert. W&#228;hrend kranke ArbeitnehmerInnen in den Augen von Amann offensichtlich nichts zu den gew&#252;nschten „neuen und effizienten Leistungspotenzialen“</em><a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> beizutragen haben und deshalb pauschal der Simulation bezichtigt werden</em><a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>, soll eine <em>Flat-Tax</em> (gleicher Steuersatz f&#252;r alle) sicherstellen, dass die Belastungen f&#252;r die KMU und den „Mittelstand“ nur ja nicht zu gro&#223; ausfalle.</p>
<p><strong>Stagnation trotz Krise</strong><br />
Obwohl der RfW also auch in Krisenzeiten an typischen neoliberalen Positionen festh&#228;lt, musste er bei der Wirtschaftskammer-Wahl im Februar/M&#228;rz 2010 bundesweit Verluste von 1,5% hinnehmen und sich mit 8,4% der Stimmen begn&#252;gen. Zu dieser Wahlniederlage trugen zum einen interne Probleme wie der <em>Hypo-Alpe-Adria</em>-Skandal, die Konflikte um die Wiedervereinigung des Dritten Lagers in K&#228;rnten sowie die Kandidatur einer eigenst&#228;ndigen Liste <em>FP&#214; pro Mittelstand</em> gegen den vom BZ&#214;-Mann Detlev Neudeck geleiteten RfW-Wien bei.</em><a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Dass dem RfW trotz einer im Vorfeld der Wahl verst&#228;rkten Fokussierung von FP&#214; und BZ&#214; auf wirtschaftspolitische Themen und die Bedeutung des „Mittelstands“ („Heimatland braucht Mittelstand“) kein besseres Ergebnis gelang, zeugt jedoch auch davon, dass f&#252;r KapitalistInnen das Dritte Lager in der aktuellen Krise – anders als in den 1990er Jahren – keine Option darstellt. Die Gr&#252;nde daf&#252;r, dass selbst die (Gro&#223;-)Industrie als einem der traditionell wichtigsten Sponsoren gegenw&#228;rtig weitgehend von (monet&#228;rer) Unterst&#252;tzung absieht</em><a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a>, liegen neben der infolge des Rechtsrucks der FP&#214; unter Strache geringer gewordenen inhaltlichen und personellen Durchl&#228;ssigkeit der FP&#214;</em><a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> v. a. an der Krisenpolitik von SP&#214; und &#214;VP. Weil diese ohnehin v&#246;llig unternehmens- und kapitalfreundlich ausf&#228;llt, wird das Dritte Lager in seiner m&#246;glichen Funktion als Rammbock gegen die Interessen und Organisationen der ArbeiterInnenklasse schlicht und ergreifend nicht ben&#246;tigt, eine Unterst&#252;tzung erscheint so wenig opportun.<br />
Erhielt der Versuch der FP&#214;, die Krise f&#252;r den Aufstieg zur Gro&#223;partei zu nutzen, bei der Wirtschaftskammer-Wahl also bereits einen ersten D&#228;mpfer, so folgte ein zweiter im M&#228;rz dieses Jahres bei den Gemeinderatswahlen in Nieder&#246;sterreich, der Steiermark, Vorarlberg sowie Tirol, wo die FP&#214;, wenn &#252;berhaupt, nur gering zulegen konnte. Auch hier machten sich offenkundig die Nachwehen der FP&#214;-BZ&#214;-Spaltung bemerkbar, verf&#252;gt die FP&#214; doch &#252;ber deutlich weniger Ortsgruppen als zuvor.</em><a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Zudem machte sich die Debatte um Barbara Rosenkranz’ zweideutig-eindeutige Aussagen zum NS-Verbotsgesetz und der Existenz von Gaskammern negativ bemerkbar. Dass es der FP&#214; mit ihrer Kandidatin bei den Bundespr&#228;sidentInnenwahlen Ende April nicht gelang, gegen Amtsinhaber Heinz Fischer auch nur einen Achtungserfolg zu erzielen, ist schlie&#223;lich der dritte D&#228;mpfer, den die Partei dieses Fr&#252;hjahr hinnehmen musste. Statt der von Strache ausgerufenen 35% reichte es am Ende lediglich f&#252;r 15,2% der Stimmen, was nicht nur das schw&#228;chste Ergebnis einer/s FP&#214;-Kandidatin/en bei einer Bundespr&#228;sidentInnen-Wahl aller Zeiten war</em><a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>, sondern gegen&#252;ber der Nationalratswahl 2008 auch eine Halbierung der Stimmenanzahl bedeutete</em><a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a>.<br />
Obwohl die breite und &#246;ffentlichkeitswirksame Mobilisierung gegen Rosenkranz politisch wichtig war und zweifellos zu ihrer Schlappe beigetragen hat, sollte diese nicht als grunds&#228;tzliche Absage an den Kurs der FP&#214; interpretiert werden. Vielmehr gelang es der Partei – bei ungef&#228;hr gleichbleibender sozialer Zusammensetzung der W&#228;hlerInnenschaft (&#252;berdurchschnittlich jung, m&#228;nnlich und aus der Erwerbsgruppe „Arbeiter“) – nicht in ausreichendem Ma&#223;, ihre eigenen Anh&#228;ngerInnen sowie &#214;VP-W&#228;hlerInnen zu mobilisieren.</em><a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Dies l&#228;sst sich erkl&#228;ren, wenn man sich vor Augen f&#252;hrt, warum Strache der Kandidatur von Rosenkranz zun&#228;chst ablehnend gegen&#252;berstand und sich im Wahlkampf dann nach Kr&#228;ften bem&#252;hte, nicht zu sehr mit ihr und ihren Positionen identifiziert zu werden. Neben pers&#246;nlichen Animosit&#228;ten gelten hierf&#252;r taktische &#220;berlegungen zur offensichtlichen Signalwirkung der Rosenkranz-Kandidatur als wichtigste Ursache</em><a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>: eine Strickjacken-tragende zehnfache Mutter, die ihre Kinder u. a. Mechthild, Sonnhild, Alwine oder Wolf nennt, mit einem bekannten rechtsextremen Publizisten verheiratet ist und aus ihrer Affinit&#228;t zu Nationalsozialismus und Neonazismus auch sonst kein Hehl macht, passt nicht recht in das m&#252;hsam inszenierte Bild von der modernen Rechtspartei mit jugendlicher Ausstrahlung, f&#252;r das Strache nach Au&#223;en hin steht.</p>
<p><strong>Fl&#252;gelk&#228;mpfe…</strong><br />
Wenn trotz des Wissens um diesen Widerspruch die „Reichsmutter“ Rosenkranz – so ihr parteiinterner Spitznahme – und nicht einE leichter vermittelbareR KandidatIn ins Renner gegen Fischer geschickt wurde, muss dies als Hinweis auf bzw. als Zugest&#228;ndnis an die Macht des deutschnational-burschenschaftlichen und neonazistischen Fl&#252;gels innerhalb der FP&#214; gewertet werden. W&#228;hrend im Wahlkampf neben Straches mangelnder Unterst&#252;tzung f&#252;r Rosenkranz lediglich die Kritik des Tiroler FP-Chefs Gerald Hauser an ihren Aussagen zum NS-Verbotsgesetz vom Konfliktpotential dieser Konstellation zeugte, entbrannte unmittelbar nach der Wahl kurzfristig eine &#246;ffentlich ausgetragene Debatte um den zuk&#252;nftigen Kurs der Partei.<br />
Zun&#228;chst nutzten RfW-Bundesobmann Amann sowie der ober&#246;sterreichische FP-Chef Manfred Haimbuchner das schlechte Abschneiden von Rosenkranz, um eine liberalere, st&#228;rker auf die omin&#246;se politische „Mitte“ hin fokussierte Ausrichtung der FP&#214; zu fordern. W&#228;hrend sich Haimbuchner dabei explizit nur auf den Bereich der Wirtschafts- und Steuerpolitik bezog, pl&#228;dierte Amann, der bereits im Herbst 2009 mit negativen &#196;u&#223;erungen &#252;ber den rechtslastigen Wahlkampf der Vorarlberger FP&#214; sowie die „Exil-Juden“-Aussage von Landesparteichef Dieter Egger als parteiinterner Kritiker auf sich aufmerksam gemacht hatte</em><a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, f&#252;r eine Abkehr vom „Ausl&#228;nderthema“ und st&#228;rkere Ausrichtung an „freiheitlich-liberalen“ Werten. Zudem warf er Strache vor, die Kandidatur der „rechtslastigen“ Barbara Rosenkranz sei ein schwerer strategischer Fehler gewesen, aus dem er selbst und die anderen Verantwortlichen personelle Konsequenzen zu ziehen h&#228;tten.</em><a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Nimmt man die Welle an Solidarit&#228;tsbekundungen zum Ma&#223;stab, die Strache in der Folge aus allen (un-)m&#246;glichen Winkeln der Partei erhielt</em><a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>, war diese R&#252;cktrittsforderung zwar keineswegs mehrheitsf&#228;hig. Dass sich das RfW-Bundespr&#228;sidium jedoch in einer Resolution hinter Amanns Forderung nach einer inhaltlichen Neuausrichtung der Bundes-FP&#214; stellte</em><a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> und ihn gegen den von Strache vorgeschlagenen Mathias Krenn (FPK) f&#252;r das Amt des Vizepr&#228;sidenten der &#246;sterreichischen Wirtschaftskammer nominierte</em><a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a>, zeugt von einer offenkundigen Unzufriedenheit des RfW mit dem derzeitigen Kurs der FP&#214;.<br />
Um Straches parteiinterne KritikerInnen zu bes&#228;nftigen, v.a. aber, um den infolge der Rosenkranz-Kandidatur zumindest zaghaft entstandenen &#246;ffentlichen Druck abzumildern und die FP&#214; wieder ins (moderne) „rechte“ Licht zu r&#252;cken, bem&#252;hte sich die F&#252;hrung der Bundespartei in der Folge vordergr&#252;ndig um eine Distanzierung von deutschnationalem Revisionismus, Rechtsextremismus und Neonazismus. So behauptete etwa Strache, sich selbst und die Mehrzahl seiner KollegInnen verleugnend, in seiner Partei h&#228;tte „NS-Ideologie nichts verloren“. Wer glaube, „eine Vergangenheitspartei beleben zu wollen“, sei in der  FP&#214; falsch, die Partei biete „weder f&#252;r linke [sic!] noch rechte Extreme einen Platz“.</em><a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Auch Harald Stefan, wie Martin Graf ein „Alter Herr“ bei der rechtsextremen Burschenschaft <em>Olympia</em>, sah sich zu einer Klarstellung gen&#246;tigt: „Wir sind eine rechte Partei, aber keine Totalitaristen [sic!].“</em><a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Wie um dies zu beweisen, nahm die Bundespartei in Tirol einen angeblichen „Putschversuch“ einiger Funktion&#228;re gegen den u.a. f&#252;r seinen „b&#252;rgerlichen“, &#214;VP-nahen Kurs kritisierten Gerald Hauser sowie den Vorwurf „massiver Ausl&#228;nderfeindlichkeit und rechtsradikaler Ansichten“ zum Anlass, sich per Parteiausschluss einiger unliebsam gewordener Mitglieder zu entledigen.</em><a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> In der Folge sagte sich der Tiroler <em>Ring freiheitlicher Jugend</em> (RFJ), aus dessen Umfeld einige der Ausgeschlossenen kamen und der in der Vergangenheit bereits mehrmals durch Konflikte mit dem Verbotsgesetz und rechtsextreme Positionen aufgefallen war</em><a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a>, mitsamt seiner angeblich mehr als 600 [!] Mitglieder</em><a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> einstimmig vom bundesweiten RFJ-Dachverband los. Auch verlie&#223;en einzelne Funktion&#228;re die Partei freiwillig, um gegen die Parteiausschl&#252;sse und die Kritik von Hauser an Pr&#228;sidentInnenschaftskandidatin Rosenkranz zu protestieren.</em><a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a></p>
<p><strong>…und personelle Rochaden</strong><br />
Wie diese Episode zeigt, ist die FP&#214; unter Strache personell und ideologisch derart stark mit dem (au&#223;erparlamentarischen) Rechtsextremismus und Neonazismus verworben, dass schon der geringste Versuch einer Distanzierung f&#252;r die Partei die Gefahr eines massiven Aderlasses beinhaltet. Anders als medial mitunter dargestellt, ist es daher keineswegs als Zeichen f&#252;r eine tats&#228;chliche Liberalisierung der FP&#214; zu werten, dass bei den personellen Weichenstellungen, die auf Bundesebene und in Wien auf die verlorene Pr&#228;sidentInnen-Wahl folgten, mit Barbara Rosenkranz, Andreas M&#246;lzer sowie Martin Graf drei zentrale VertreterInnen des deutschnationalen Fl&#252;gels leer ausgingen. Nicht umsonst zeigte sich M&#246;lzer &#252;berzeugt, „[d]er Bruch mit den Burschenschaften [w&#228;re] ein Wunschdenken.“</em><a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> F&#252;r welche taktischen &#220;berlegungen die Rochaden vielmehr stehen, verdeutlicht der Blick auf jene „glorreichen sieben Pers&#246;nlichkeiten“ bzw. „jungen, tollen Kr&#228;fte“</em><a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a>, die von Strache im Mai auserkoren wurden, die Bundespartei nach au&#223;en breiter zu repr&#228;sentieren und ihn selbst z.B. bei Talkshows zu vertreten: Neben erfolgreichen Landeschefs – Manfred Haimbuchner (Ober&#246;sterreich) und Dieter Egger (Vorarlberg) sowie, je nach Interpretation, auch Johann Tsch&#252;rtz (Burgenland) und Uwe Scheuch (FPK/K&#228;rnten) – finden sich dort auch je zwei f&#252;r ihre soziale (Herbert Kickl und Vizeparteichef Norbert Hofer) bzw. deutschnationale (Harald Vilimsky und Harald Stefan) Ausrichtung bekannte Funktion&#228;re sowie mit Barbara Kappel auch eine Vertreterin wirtschaftsliberaler Positionen.</em><a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Diese personelle Besetzung steht zum einen f&#252;r den Versuch, innerparteilich das Verh&#228;ltnis der unterschiedlichen Fraktionen so auszutarieren, dass die bestehenden Konflikte und Widerspr&#252;che nicht erneut ausbrechen. Zum anderen will die FP&#214; gegen&#252;ber der &#214;ffentlichkeit Geschlossenheit demonstrieren und sich nach der missgl&#252;ckten Kandidatur der Traditionalistin Rosenkranz als eine – in den Worten von Strache – „Mitte-Rechtspolitische Kraft“ pr&#228;sentieren, die &#252;ber ein modernes, vielf&#228;ltiges politisches Angebot verf&#252;gt und trotzdem ein „organisches Ganzes“ bildet.</em><a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Martin Graf bleibt es vorbehalten, zu erkl&#228;ren, worum es dabei letztlich geht: „Wir bereiten vor, dass wir kurz- oder mittelfristig die st&#228;rkste Kraft in &#214;sterreich werden. Wir m&#252;ssen im Sinne einer Volkspartei uns daf&#252;r organisatorisch wappnen.“</em><a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a></p>
<p><strong>Weiter wie bisher</strong><br />
W&#228;hrend es also infolge der innerparteilichen Debatten in der Au&#223;endarstellung einige kleinere personelle und organisatorische Korrekturen gab, blieb sich die FP&#214; in den Monaten nach der Bundespr&#228;sidentInnenwahl inhaltlich und in ihrer autorit&#228;r-populistischen Agitation treu. Dies bedeutet zun&#228;chst, dass sie weiterhin massiv auf den Faktor „Krise“ und die Inszenierung als moderne <em>Soziale Heimatpartei</em> setzt, um ihr erkl&#228;rtes Ziel von &#246;sterreichweit 30 Prozent</em><a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> zu erreichen. So versuchte die FP&#214; im Vorfeld der Landtagswahlen im Burgenland (Mai), in der Steiermark (September) sowie in Wien (Oktober) ausgehend von einer fortgesetzten Polemik gegen „Banker und Spekulanten“ sowie dem – z.B. durch Transparente im Parlament medial inszenierten – Widerstand gegen eine &#246;sterreichische Beteiligung an der Griechenland-Hilfe und dem so genanten „Euro-Schutzschirm“ v.a. die Frage zu politisieren, wer f&#252;r die Krise zahlt und wie ihre sozialen Folgen aussehen. Am explizitesten war diesbez&#252;glich die Kampagne zur Steiermark-Wahl, in der einem in der H&#228;ngematte mit einem Paket 500-Euro-Scheine spielenden „Griechen“ auf unterschiedlichen Plakaten einE leidendeR &#214;sterreicherIn gegen&#252;bergestellt und die Forderung erhoben wurde: „Unser Geld f&#252;r unsre Leut“. In eine &#228;hnliche Kerbe schlug auch die Kampagne in Wien, wo nicht allein die Abw&#228;lzung der Krisenkosten „auf die Masse“ statt auf „Reiche und Spekulanten“ thematisiert und gegen die „SP&#214;-Bonzen“ polemisiert wurde. Vielmehr versuchte die FP&#214; hier, unterschiedliche soziale Gruppen und deren Krisenangst ganz gezielt anzusprechen und sich so in einem umfassenden Sinn als soziale Alternative zur SP&#214; in Stellung zu bringen. So wurde zum einen – durchaus widerspr&#252;chlich – mit Verweisen auf den Wert „ehrlicher Arbeit“ – in der Gegen&#252;berstellung zum „Nichtstun“ „unf&#228;higer Manager“ – sowie z.T. durchaus zeitgem&#228;&#223;en Forderungen (z.B. „volle sozialrechtliche Absicherung f&#252;r atypische Arbeitsverh&#228;ltnisse“, „Schluss mit AMS-Kurs-Schikanen“) um die Gruppe der Lohnabh&#228;ngigen sowie den (potentiell) vom sozialen Abstieg bedrohten „Mittelstand“ geworben. Zum anderen standen auff&#228;llig stark SeniorInnen, Familien sowie junge W&#228;hlerInnen (inkl. Straches n&#228;chtlicher Diskobesuche, dilettantischer Rapeinlagen und „HC-Comic“) im Fokus der Agitation, die sich ganz allgemein um die „sozial Schwachen“ bem&#252;hte.<br />
Ist diese Vorgehensweise bereits aus der Vergangenheit bekannt, so gilt dies umso mehr f&#252;r die Praxis, soziale Fragen nationalistisch und (kultur-)rassistisch zu rahmen. Insofern wiederholte die FP&#214; in den letzten Monaten mit ihren Forderungen, den Zugang zu Elterngeld, Kinderbetreuungspl&#228;tzen oder Gemeindewohnungen an die Staatsb&#252;rgerschaft zu koppeln und an „unsere Jugend“ statt – wie die SP&#214; – an „Zuwanderung“ zu glauben (FP&#214; Wien) ebenso ein bew&#228;hrtes Erfolgsrezept wie mit dem Slogan „Arbeitspl&#228;tze zuerst f&#252;r die heimische Bev&#246;lkerung!“ (FP&#214; Steiermark). Als neues Agitationsfeld entpuppte sich hier die f&#252;r 1. Mai 2011 bzw. 2014 geplante vollst&#228;ndige Arbeitsmarkt&#246;ffnung f&#252;r Besch&#228;ftigte aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten: Neben der Ank&#252;ndigung eines Volksbegehrens zu diesem Thema</em><a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> versuchte die FP&#214; mit der best&#228;ndigen Warnung vor Lohndumping, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit unter &#214;sterreicherInnen sowie einer „Ausnutzung unseres Sozialsystems“ die Krisen&#228;ngsten der Bev&#246;lkerung in nationalistische und (kultur-)rassistische Bahnen zu lenken und sich so als <em>Soziale </em>Heimat<em>partei</em> zu profilieren.</em><a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a></p>
<p><strong>Rassistische Hetze</strong><br />
Grunds&#228;tzlich agiert die FP&#214; in ganz &#214;sterreich nach diesem Muster – nicht umsonst hat Strache f&#252;r 2011 bereits eine bundesweite Neuauflage des so genannten „Ausl&#228;ndervolksbegehrens“ von 1993 angek&#252;ndigt</em><a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a>. Dennoch fand diese Strategie – verkn&#252;pft mit rassistischen Sicherheitsdiskursen – zuletzt in den an „Osteuropa“ angrenzenden Bundesl&#228;ndern Burgenland und Wien ihren traurigen H&#246;hepunkt. Dabei konnte die burgenl&#228;ndische FP&#214; mit dem Slogan „Heimat sch&#252;tzen – Grenze dicht“ nicht nur eine der gr&#246;&#223;ten sprachlichen Geschmacklosigkeiten f&#252;r sich reklamieren. Mit ihrer Agitation gegen ein m&#246;gliches Asylaufnahmezentrum in Eberau bewies sie vielmehr auch, dass die FP&#214; nicht unbedingt soziale Themen im engeren Sinn ben&#246;tigt, um rassistische Hetze zu betreiben. Dies unterstrichen nicht zuletzt die Wahlk&#228;mpfe in Steiermark und v.a. in Wien, wo unter der &#220;berschrift „Mehr Mut f&#252;r unser, Wiener Blut‘. Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ ganz bewusst mit der unscharfen Grenze zwischen kulturellem und biologischen Rassismus</em><a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> gespielt wurde. An dieser Kampagne, die de facto in erster Linie um islamophobe, antimuslimische Stereotype und Ressentiments kreiste, war zumindest dreierlei bemerkenswert: <em>erstens </em>der bereits aus der Vergangenheit bekannte Versuch, „gut integrierte und t&#252;chtige Zuwanderer“ gegen „Islamisten“ und „Schwarze Schafe, die nur unseren Sozialstaat ausn&#252;tzen“, auszuspielen, um so und mit Hilfe gezielt eingesetzter Symbole wie Straches serbisch-orthodoxen Gebetsarmband einzelne MigrantInnen-Gruppen als W&#228;hlerInnen zu gewinnen;</em><a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> <em>zweitens </em>die Fortsetzung der Fokussierung auf familien-, jugend- und bildungspolitische sowie allgemein soziale Themen, z.B. in der Warnung vor „t&#252;rkischen Schulen“ oder den Forderungen nach einer „Streichung von Familienleistungen bei Deutschverweigerung“ sowie der Einf&#252;hrung einer H&#246;chstquote pro Klasse f&#252;r Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache; schlie&#223;lich war es <em>drittens </em>bemerkenswert, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit die FP&#214; zur Begr&#252;ndung ihrer explizit rassistischen Forderungen z.B. nach einem „Bauverbot f&#252;r Minarette und Islamzentren“ oder einem „Kopftuchverbot im &#246;ffentlichen Raum“ pl&#246;tzlich die Verteidigung von „Freiheit“ sowie „Menschen- bzw. Frauenrechten“ f&#252;r sich entdeckte und wie leicht es ihr dabei fiel, sich auf die &#196;u&#223;erungen bekannter Pers&#246;nlichkeiten wie Henryk M. Broder oder Alice Schwarzer zu berufen.</p>
<p><strong>Ber&#252;hrungspunkte zum (Neo-)Nazismus</strong><br />
Auch wenn letztere &#252;ber diese Vereinnahmung Unmut &#228;u&#223;erten</em><a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a>, so schafft gerade die Verallgemeinerung antimuslimischer Stereotype und Ressentiments durch Personen, die – wie eben Schwarzer, Broder oder in j&#252;ngster Vergangenheit Thilo Sarrazin – als vermeintlich seri&#246;se KritikerInnen des „Islamismus“ auftreten, ein gesellschaftliches Klima, in dem es sich eine Partei wie die FP&#214; erlauben kann, mit einem Spiel wie „Moschee-Baba“ auf Stimmenfang zu gehen. Ziel dieses Spieles der steirischen FP&#214; ist es, die in einer alpinen Landschaft zwischen der Grazer Silhouette emporwachsenden Minarette und Moscheen bzw. die auf diesen erscheinenden Muezzins mit dem Cursor abzuschie&#223;en und damit Punkte zu sammeln. Dass „Moschee-Baba“, nachdem es infolge der Einschaltung der Staatsanwaltschaft nach wenigen Tagen vom Netz genommen wurde, kurz darauf wieder auf <em>Alpen-Donau.Info</em> online ging</em><a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a>, spricht ebenso f&#252;r sich, wie der Umstand, dass der steirische RfW-Funktion&#228;r G&#252;nther Harnuss diese und andere Naziseiten auf seinem &#246;ffentlich zug&#228;nglichen <em>Facebook</em>-Account verlinkte und dies mit seinem „Privatinteresse“ verteidigte.</em><a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Derlei direkte ideologische und personelle Kontinuit&#228;ten zum (Neo-)Nazismus beschr&#228;nken sich freilich nicht auf die untere Funktion&#228;rsebene. Wenn jemand, der wie Gunter Hadwiger glaubt, am Nationalsozialismus w&#228;re „nicht wirklich alles schlecht [gewesen]“, designierter steirischer FP&#214;-Landtagsabgeordnete ist</em><a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a>, und mit Gerhard Kurzmann ein &#252;berzeugtes Mitglied der rechtsextremen Waffen-SS-Veteranenorganisation <em>Kameradschaft IV</em> Spitzenkandidat und Landesparteiobmann sein kann</em><a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a>, dann verweist dies vielmehr ebenso auf die fortgesetzte Macht des deutschnational-burschenschaftlichen und neonazistischen Fl&#252;gels innerhalb der Partei wie die FP&#214;-KandidatInnen-Liste f&#252;r die Wien-Wahl. Hier nehmen vor den VertreterInnen gem&#228;&#223;igt-rechter oder (wirtschafts-)liberaler Positionen zwei Kandidaten die Listenpl&#228;tze unmittelbar hinter Strache ein, die selbst innerhalb der FP&#214; als Rechtsau&#223;en gelten: Vilimsky und der neue starke Mann innerhalb der Wiener FP&#214;, der ehemalige RFJ-Bundesobmann Johann Gudenus. Letzterer ist nicht nur der Sohn des wegen NS-Wiederbet&#228;tigung verurteilten fr&#252;heren FP&#214;-Nationalratsabgeordneten John Gudenus, sondern selbst bereits durch die Warnung vor einer „voll einsetzenden Umvolkung“ oder die Forderung nach einer Kondomsteuer zur Erh&#246;hung der Geburtenrate „echter“ &#214;sterreicher auff&#228;llig geworden.</em><a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a></p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Fasst man die Entwicklung der FP&#214; seit der Schlappe bei der Bundespr&#228;sidentInnenwahl und dem folgenden kurzfristigen Aufbrechen der parteiinternen Widerspr&#252;che zusammen, entsteht das Bild einer starken Kontinuit&#228;t. Weder in der Art ihrer Agitation, ihrer Selbstdarstellung und ihren Inhalten, noch in ihrem Verh&#228;ltnis zu deutschnationalem Revisionismus und Neonazismus hat sich ma&#223;geblich etwas ver&#228;ndert. Leider gilt dieses Fazit auch f&#252;r ihre Ergebnisse bei Landtagswahlen. Wie die Resultate im Burgenland im Mai (9%; +3,2%) und der Steiermark im September (10,8%; +6,3%) zeigen, waren all jene voreilig, die von den Wahlergebnissen im Fr&#252;hjahr dieses Jahres auf ein grunds&#228;tzliches Ende der Erfolgsgeschichte der Strache-FP&#214; geschlossen hatten. Offensichtlich ist es der Partei vielmehr gelungen, sich nach der Rosenkranz-Schlappe intern soweit zu konsolidieren, dass ihre strategische Ausrichtung weiter zu greifen vermag. Daf&#252;r spricht, dass sich an der sozialen Zusammensetzung der W&#228;hlerInnen und den Gr&#252;nden, warum die FP&#214; gew&#228;hlt wird, kaum etwas ge&#228;ndert hat und die Partei nach wie vor von ihrer Inszenierung als <em>Soziale Heimatpartei</em> profitieren kann.</em><a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a> Da die vorliegende Ausgabe unmittelbar vor den Wien-Wahlen in Druck geht, k&#246;nnen wir &#252;ber das Ergebnis nur Vermutungen anstellen. Allerdings w&#228;ren wir (positiv) &#252;berrascht, sollte die FP&#214; die anvisierten 20% nicht deutlich &#252;bertreffen.<br />
Dar&#252;ber, wie sich die Situation nach den Wien-Wahlen entwickelt, kann zum jetzigen Zeitpunkt zwar nur spekuliert werden. Geht man aber davon aus, dass die FP&#214; an ihrer strategischen Ausrichtung nichts Wesentliches &#228;ndert und es ihr mehr oder minder gelingt, ihre internen Widerspr&#252;che am Aufbrechen zu hindern, scheint ihr bundesweiter Aufstieg zur Gro&#223;partei nicht unrealistisch. Dies gilt umso mehr, als sich mit den anstehenden Sparpaketen nicht nur allgemein die soziale Krise versch&#228;rfen und die Verunsicherung erh&#246;hen, sondern insbesondere die SP&#214; weiter an Glaubw&#252;rdigkeit verlieren wird. Wenn die VertreterInnen der b&#252;rgerlichen Parteien zudem, wie zuletzt der steirische Landeshauptmann und SP&#214;-Schwergewicht Franz Voves, die inhaltliche und personelle Anbiederung an die rechtsextreme FP&#214; fortsetzen und der Partei so den Schein demokratischer Legitimit&#228;t verleihen, wird man sich &#252;ber weitere Erfolge nicht wundern d&#252;rfen. Wann diese auf Bundesebene in eine Regierungsbeteiligung m&#252;nden k&#246;nnen, h&#228;ngt wesentlich davon ab, ob die FP&#214; – wie schon Ende der 1990er Jahre – f&#252;r das b&#252;rgerliche Lager zur Machtoption wird. Statt sich im Kampf gegen die FP&#214; also auf die b&#252;rgerlichen Parteien zu verlassen, w&#228;re es notwendig, eine linke Alternative zur SP&#214; auf den Weg zu bringen, um das gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnis nach links zu verschieben. Die beste antirassistische und antifaschistische Strategie ist immer noch der Aufbau einer organisierten, starken und handlungsf&#228;higen Linken.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. Fuchs, Daniel/Wiegand, Felix: FP&#214;: Rechts extrem erfolgreich, in: Perspektiven Nr. 8 (2009). S. 4–15<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> ebd., S. 6ff.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Auf das BZ&#214; wird in diesem Artikel nicht weiter eingegangen, weil die Partei nach dem Tod ihrer F&#252;hrerfigur Haider sowie der de facto Wiedervereinigung von FP&#214; und BZ&#214; in K&#228;rnten weder in der Bundespolitik noch innerhalb des Dritten Lagers noch eine bedeutende Rolle spielt.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Nicht umsonst denken Teile der rechtsextremen NPD in Deutschland dar&#252;ber nach, sich mit Hilfe dieses Namenszusatzes einen modernen und gem&#228;&#223;igten Anstrich zu geben (vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 06.06.2010, unter: http://www.sueddeutsche.de/bayern/parteitag-der-npd-in-bamberg-zwischen-fusion-und-konfusion-1.954345).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Diese und alle in der Folge nicht ausgewiesenen Zitate stammen von Wahlplakaten, -foldern und -kampagnen der FP&#214; und sind unter  http://www.fpoe.at und http://www.hcstrache.at sowie den Seiten der FP&#214;-Landesverb&#228;nde nachzulesen.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Herbert Kickl bei der Vorstellung der FP&#214;-Kampagne, unter: http://www.youtube.com/watch?v=5FA02cF0eOw&#038;feature=related<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> http://www.banken-sollen-selber-zahlen.at<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Die Kategorie „Arbeiter“ wird in der dominanten Wahlforschung zumeist nicht oder nur unklar bestimmt, Prozesse der Klassenneuzusammensetzung bleiben weitgehend ausgeklammert (vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Wie macht man eine Arbeiterpartei? in: grundrisse. Zeitschrift f&#252;r linke theorie und debatte, 4 (2002), unter: http://www.grundrisse.net/grundrisse04/4arbeiterpartei.htm).<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. die Analysen von SORA zu den genannten Wahlen unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/eu-wahl09.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-vbg09.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-ooe09.html<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. z.B. M&#246;lzer, Andreas: Was hei&#223;t hier „soziale Heimatpartei“? Der „kleine Mann“ und die FP&#214; als Arbeiterpartei neuen Typs, unter: http://www.andreas-moelzer.at/index.php?id=485<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. Schiedel, Heribert: Der rechte Rand. Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft, Wien 2007; sowie Schiedel, Heribert: Zwischen Hegemonie und Gewalt, in: Kulturrisse, 0210 (2010), unter: http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1277469129/1277472076<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Arlt, Erwin: Raubtierkapitalismus auf dem Vormarsch, in: Die Aula, Juni 2010, S. 25<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Hamer, Eberhard: Es knirscht nicht nur in Griechenland, in: Die Aula, M&#228;rz 2010, S. 26<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Reisegger, Gerhoch: Zins als Wucher gesetzlich verbieten, in: Die Aula, M&#228;rz 2010, S. 28<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> F&#252;r detaillierte Informationen zum Inhalt sowie dem personellen und organisatorischen Umfeld der Seite vgl. http://www.stopptdierechten.at/think/88-fragen-zu-alpen-donau<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Alpen-Donau.Info: Wirtschaft-Bankenwesen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/wirtschaft<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. z.B. St&#252;tzel, Kevin: Antikapitalismus von rechts?, in: rls Standpunkte, 13/2007; RSO (Hg.): „Antikapitalismus“ von Rechts. Von SA bis NPD: Geschichte, Politik, Theorie und Elend des „nationalen Sozialismus“, in: Marxismus Nr. 25 (2009)<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Alpen -Donau.Info: Sozial geht nur national!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2010/05/sozial-geht-nur-national<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Reisegger, Gerhoch: Antwort auf ‚Zinseszins t&#246;tet Marktwirtschaft‘ von W. Hofer, in: Die Aula, J&#228;nner 2010, S. 8<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Hamer 2010, a.a.O., S. 26<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Alpen -Donau.Info: Wirtschaft-Bankenwesen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/wirtschaft<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Alpen -Donau.Info: Perverse P&#228;dagogen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/weltanschauung/perverse-padagogen<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Virchow, Fabian: Von der „antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes“, in: UTOPIE kreativ, Heft 198 (April 2007), S. 359<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Alpen -Donau.Info: Kommunismus ist keine L&#246;sung!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2009/12/kommunismus-ist-keine-losung; Alpen -Donau.Info: Sozial geht nur national!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2010/05/sozial-geht-nur-national; Alpen -Donau.Info: Das Prinzip der schaffenden Gemeinschaft, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2009/10/das-prinzip-der-schaffenden-gemeinschaft<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. http://www.rfw.at<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561582/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. die Themenschwerpunkte im Programm des RfW, unter: http://www.rfw.at<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Wirtschaftsliste Salzburg (RfW), unter: http://blog.wirtschaftsliste.at<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> RfW: Neudeck: Leere Versprechungen der WK&#214; bez&#252;glich BASEL II, OTS 11.03.2009, unter: http://derstandard.at/1234509181491<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> RfW: Vertrauenskrise in die Politik verlangt nach Notgesetzgebung!, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/Resolutionen/Resolution_-_Vertrauenskrise_in_die_Politik_verlangt_nach_Notgesetzgebung1.pdf<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Amann, Fritz: Wirtschaftskrise muss mit innerbetrieblichen Vereinbarungen bew&#228;ltigt werden!, in: Wirtschaftsinfo, 2/2010, S. 3, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-2-Newsletter_Layout_2.pdf<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Krenn, Matthias: Fraktionserkl&#228;rung zur neuen Funktionsperiode der WK&#214;, in: Wirtschaftsinfo, 3/2010, S. 5, unter: </p>
<p>http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-3-Newsletter1.pdf</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Alle hier aufgelisteten Forderungen entstammen den Presse-Aussendungen des RFW, dem RFW-Newsletter Wirtschaftsinfo, den Antr&#228;gen des RFW an das Wirtschaftsparlament sowie Interviews mit RFW-Funktion&#228;rInnen; sie alle sind online abrufbar unter: http://www.rfw-daten.com<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Amann, Fritz: Gegen Zwang und f&#252;r freies Unternehmertum. Interview gemeinsam mit Matthias Krenn, in: Wirtschaftsinfo, 2/2010, S. 5, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-2-Newsletter_Layout_2.pdf<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Das Kleine Blatt, 17. Juli 2009, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/presse/Pressestimmen/2009/Das_kleine_Blatt_-_17.7.2009.pdf<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> vgl. Die Presse, 05.03.2010, unter: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/544279/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 30.01.2010, unter: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/kordiconomy/536419/index.do<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Der Standard, 30./31.08.2008, unter: http://derstandard.at/1219938496698<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. z. B. die &#196;u&#223;erungen Straches zu seinem Team f&#252;r die Wien-Wahl, Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561356/index.do?from=suche.intern.porta<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. Die Presse, 14.03.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/546230/index.do?from=suche.intern.portal; Der Standard, 22.03.2010, unter: http://derstandard.at/1269045577451/Maerz-Wahlen-FPOe-relativ-schwach<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/564415/index.do<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. SORA-Wahlanalyse, unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/bpw10.html<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. ebd.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> vgl. Der Standard, 01.03.2010, unter: http://derstandard.at/1267131962381/Rosenkranz-Ein-Angebot-aus-dem-rechten-Eck; Der Freitag, 01.04.2010, unter: http://www.freitag.de/datenbank/freitag/2010/13/fpoe-strache-praesidentenwahl-oesterreich/print; Die Presse, 13.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/557830/index.do?from=simarchiv;<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. orf.at, 21.09.2009, unter: http://vorarlberg.orf.at/stories/391276<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> vgl. Die Presse, 26.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/560908/index.do<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. Die Presse, 27.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561228/index.do?direct=561133&#038;_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/561133/index.do&#038;selChannel=<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> RfW: RfW-Bundespr&#228;sidium fordert R&#252;ckbesinnung auf wirtschaftsliberale Grunds&#228;tze! W&#228;hler brauchen ein liberaleres freiheitliches Angebot an die Mitte, unter:</p>
<p>http://rfw-daten.com/index.php?id=101&#038;tx_ttnews[pS]=1270072800&#038;tx_ttnews[pL]=2591999&#038;tx_ttnews[arc]=1&#038;tx_ttnews[tt_news]=501&#038;tx_ttnews[backPid]=241&#038;cHash=b5cd5a4a0a</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> vgl. Die Presse, 30.07.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/kulisse/584453/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> vgl. Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561356/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Der Standard, 14.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376608706/Noch-ein-Alter-Herr-fuer-die-erste-Reihe<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> So hatten einige Tiroler FP&#214;-Funktion&#228;re alle Parteien seit 1945 als unw&#228;hlbar bezeichnet und sich damit ger&#252;hmten, den Kinderwagen einer T&#252;rkin &#252;ber eine Stiege geworfen zu haben (vgl. Tiroler Tageszeitung, 03.05.2010, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/658117-6/fp-putschversuch-der-ist-uns-nicht-weggestorben.csp; Tiroler Tageszeitung, 20.05.2010, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/731790-6/fpler-warf-kinderwagen-von-t&#252;rkin-&#252;ber-stiege&#8211;ausschluss.csp).<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> vgl. Tiroler Tageszeitung, ohne Datum, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/PolitikTirolContainer/667865-8/ehemaliger-fp&#246;-jugend-droht-anzeige-bei-staatsanwaltschaft.csp; Tiroler Tageszeitung, ohne Datum, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/PolitikTirolContainer/746232-8/wiederbet&#228;tigungsverdacht-im-jugendzentrum-der-fp&#246;.csp<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> vgl. Schiedel 2010, a.a.O.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> vgl. Der Standard, 27.08.2010, unter: http://derstandard.at/1282273681506/Tiroler-Ex-FPOe-Funktionaere-unterstuetzen-Revisionisten<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Der Standard, 16.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376658895/Zitate-der-Woche-Bruch-mit-Burschenschaften-ist-ein-Wunschdenken?_slideNumber=4&#038;_seite=1&#038;sap=2<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> vgl. Der Standard, 11.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376380619/Die-Geister-die-er-rief<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564240/index.do?direct=564402&#038;_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/564402/index.do&#038;selChannel=; Die Presse, 12.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564557/index.do<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 27.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561133/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> vgl. Der Standard, 11.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376380619/Die-Geister-die-er-rief<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> vgl. Der Standard, 17.07.2010, unter: http://derstandard.at/1277338340363/Arbeitsmarktoeffnung-FPOe-Burgenland-plant-Volksbegehren<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> vgl. z. B. die Wahlkampagne in Wien oder die FP&#214;-Agitation im Nationalrat (vgl. Der Standard, 16.06.2010, unter: http://derstandard.at/1276413231705/Nationalrat-stellte-dringliche-Anfrage-an-Hundstorfer).<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> vgl. Der Standard, 14.07.2010, unter: http://derstandard.at/1277338094472/Strache-plant-neues-Anti-Auslaender-Volksbegehren<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> vgl. Asenbaum, Maria/Wiegand, Felix: Islamophobie und die Kulturen des Rassismus, in: Perspektiven Nr. 4 (2008). S. 8–17<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> vgl. Rajkovi&#196;, Amar/Niżnik, Iga: Der Kampf um die Ausl&#228;nder, in: Biber, 07(2010), unter: http://www.dasbiber.at/content/der-kampf-um-die-ausl&#228;nder; Die Presse, 20.02.2008, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/364103/index.do<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> vgl. Die Presse, ohne Datum, unter: http://diepresse.com/home/politik/wienwahl/597757/index.do?_vl_backlink=/home/index.do<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> vgl. Der Standard, 06.09.2010, unter: http://derstandard.at/1282978957343/Moschee-baba-Verbotenes-FPOe-Spiel-auf-Neonazi-Homepage-wieder-online<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> vgl. Der Standard, 04.06.2010, unter http://derstandard.at/1271378113365/FPOeler-ist-aus-Privatinteresse-mit-einer-Neonazi-Homepage-verlinkt<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> vgl. Die Presse, 29.09.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/steiermarkwahl/597943/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> vgl. Alles, was rechts ist. &#220;ber Haider-Kult und Waffen-SS: Gerald Grosz (BZ&#214;) und Gerhard Kurzmann (FP&#214;) im Falter-Sommergespr&#228;ch, in Falter, Nr. 31/10, S. 40f., unter: http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=1204; zum rechtsextremen Charakter der Kameradschaft IV vgl. http://www.doew.at/frames.php?/projekte/rechts/organisation/kamerad.html<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> vgl. Die Presse, 19.06.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/575090/index.do?from=simarchiv; Die Presse, 25.08.2010, unter: http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/589753/index.do?from=simarchiv; Die Presse, ohne Datum, unter: http://diepresse.com/home/politik/wienwahl/589672/index.do#kommentar0<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> vgl. die SORA-Wahlanalysen unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-bgld10.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-stmk10.html</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/kampf-um-die-stadt-politik-kunst-und-alltag-um-1930/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/kampf-um-die-stadt-politik-kunst-und-alltag-um-1930/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:26:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Austromarxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rotes Wien]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1586</guid>
		<description><![CDATA[Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010

Das Wien Museum am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010<br />
<span id="more-1586"></span><br />
Das <em>Wien Museum</em> am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext von Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Armut.  Die Ausstellung faszinierte vor allem durch eine Vielzahl von Originalen aus den 1930er Jahren. Eine unglaubliche F&#252;lle an Plakaten und Photos, aber auch einiger f&#252;r die damalige Zeit typischer oder neuartiger Gegenst&#228;nde wie Zapfs&#228;ulen, Leuchtreklamen oder Radios vermittelte der/m BesucherIn das Gef&#252;hl, in die Wiener 1930er Jahre einzutauchen.<br />
Wie so oft jedoch, wenn politische Inhalte in einem b&#252;rgerlichen Rahmen vermittelt werden, war dies f&#252;r ein politisch „vorbelastetes“ Publikum auch im vorliegenden Fall mit einigen Abstrichen verbunden. Am besten war die Ausstellung zu genie&#223;en, wenn man m&#246;glichst alle politischen Erwartungen und Ansichten hinten anstellte und sich „einfach“ unvermittelt auf das Pr&#228;sentierte einlie&#223; – was bei diesem Thema zugegeben nicht so einfach ist.<br />
Den historischer Rahmen der Ausstellung stellte einerseits das Rote Wien mit den bekannten Bildern von Massenaufm&#228;rschen, wehenden roten Fahnen und Menschen voller Hoffnung auf eine neue Zeit dar. Anderseits wurde die zunehmende Macht der Konservativen, Katholiken, des Adels, der Heimwehren und der Nazis thematisiert, also all jener, die vom „Weg in den Sozialismus“ nichts wissen wollten bzw. alles dagegen unternahmen, dass dieser eingeschlagen w&#252;rde. Deren regelm&#228;&#223;ige Aufm&#228;rsche und Kr&#228;ftedemonstrationen sowie die Provokationen der Heimwehren brachten damals zwar die sozialdemokratische Basis zum Kochen, wurden seitens der sozialdemokratischen F&#252;hrung jedoch nur mit Z&#246;gern und Ignoranz beantwortet. Auseinandersetzungen mit Schwerverletzten und Toten standen auf der Tagesordnung.<br />
F&#252;r politisch Interessierte hielt diese Darstellung der Ereignisse der damaligen Zeit keine Neuigkeiten bereit. Die Ausstellung fokussierte jedoch ohnehin eher auf die Menge sozialer und technischer Ver&#228;nderungen, in welche die K&#228;mpfe zwischen Rot und Schwarz beziehungsweise Braun eingebettet waren. Der gesamte &#246;ffentliche Raum wurde rund um 1930 neu gestaltet und belebt. Der sich stark ver&#228;ndernde und rasant zunehmende Verkehr sorgte f&#252;r eine vollkommene Umgestaltung des Lebens auf der Stra&#223;e. Das Tempo erh&#246;hte sich und in Konsequenz auch die Gefahren; der L&#228;rm und der Geruch nahmen zu. Auch brachte etwa der neuartige Einsatz von Leuchtreklamen und den – gerade erst aufgekommenen – &#246;ffentlichen Lautsprechern gro&#223;e Ver&#228;nderungen des Alltags der damals lebenden Menschen mit sich.<br />
Bei vielen R&#252;ckblicken auf die 1930er Jahre werden diese tiefgreifenden Ver&#228;nderungen h&#228;ufig kaum bedacht. Diese Auslassung leistete sich<em> Kampf um die Stadt</em> nicht – vielmehr stand das Alltagsleben im Wien der 1930er Jahre im Zentrum der Ausstellung. Durch diesen Fokus wurde angenehmerweise auch der in der Geschichtsschreibung verbreitete Fehler vermieden, nur die Geschichte der Herrschenden zu erz&#228;hlen.<br />
Gerade weil aber der behandelte Zeitraum derart von Widerspr&#252;chen und K&#228;mpfen gepr&#228;gt war, h&#228;ngt die Darstellung des Alltags sehr wohl auch davon ab, auf welcher „Seite“ man stand. Da es nicht im Interesse der KuratorInnen sein konnte, die subjektive Lebenssituation der aufkommenden Nazis oder des an Bedeutung schwindenden Adels nachvollziehbar zu machen, w&#228;re es naheliegend gewesen, die Ereignisse aus den Augen eines/r gl&#252;henden Sozialdemokraten/in nachzuzeichnen. Eine Ahnung von der massiven Aufbruchsstimmung bekam man in der Ausstellung aber nur durch den Anblick der sozialdemokratischen (Wahl-)Plakate. Die angebotenen, von einem gelangweilten Ton getragenen F&#252;hrungen durch die Ausstellung arbeiteten demgegen&#252;ber einer emphatischen Betrachtung der Ereignisse eher entgegen. Sie f&#252;gten sich durch entpolitisierte Ausf&#252;hrungen und den Erz&#228;hlstil des „Experten“ nur zu gut in das gesamte Muster der Ausstellung.<br />
Besonders deutlich war dies anhand einer Installation zu sehen, bei der in einem etwas verdunkelten Raum kurze Ausschnitte aus zeitgen&#246;ssischen politischen Reden im Originalton zu h&#246;ren waren. Dabei sollten die verschiedenen Redestile von Politikern anschaulich gemacht und gegen&#252;ber gestellt werden: der alte, die Massen &#252;berschreiende Stil im Gegensatz zum neuen, ruhig ins gerade erst aufkommende Mikrophon Sprechende. Dies ist zwar kein uninteressantes Ph&#228;nomen, jedoch war der „technische“ Fokus allein auf den Redestil gelegt – es wurde nicht thematisiert, ob der Redner „Tod allen Juden!“ oder „Es lebe das Proletariat!“ schreit. Ein weiteres Beispiel f&#252;r die entpolitisierte Herangehensweise der KuratorInnen. Insgesamt vermittelten die Darstellung und Aufbereitung der Themen und Ereignisse den Eindruck, als w&#228;re zwischen den reaktion&#228;r-faschistischen und den linken und antifaschistischen Kr&#228;ften kein Unterschied zu machen.<br />
Auch der Versuch, die gesellschaftlichen Entwicklungen in einzelne, sauber von einander getrennte Themenbereiche und Ausstellungsr&#228;ume zu unterteilen, wirkte aus einer politischen Perspektive nicht gegl&#252;ckt, lassen sich doch gerade in einer so bewegten Zeit gesellschaftliche Themen nicht isoliert voneinander betrachten. Zudem herrschte die bedenkliche Tendenz vor, die Sozialdemokratie und die konservativ-reaktion&#228;ren Kr&#228;fte in diesen R&#228;umen anhand eines Schlagwortes auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – um sie dann erst innerhalb dieses vage vorgegebenen Rahmens auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen. Nat&#252;rlich musste in der Gestaltung der Ausstellung wohl ein Kompromiss zwischen der detaillierten Darstellung der K&#228;mpfe – auch in ihren Widerspr&#252;chen – und einer massentauglichen Aufbereitung der Inhalte gefunden werden.<br />
Trotzdem war es bei der F&#252;hrung manchmal zuviel des Guten: So endete diese im Raum zur „politischen Gewalt“.  Als der Experte, der durch die Ausstellung f&#252;hrte, schlie&#223;lich bei der Schilderung der Ereignisse rund um den Brand des Justizpalastes anmerkte, dass dies wohl die gewaltt&#228;tigste Aktion „bis dato“ war, sank die Lust, den Ausf&#252;hrungen weiter zu lauschen, stark ab: „War da nicht kurz vorher ein Weltkrieg?“ Noch eine kurze Geschichte zu einem Einschussloch in einem Pokal musste man &#252;ber sich ergehen lassen, und es war &#252;berstanden. Im kurzen Schlagabtausch mit einer anderen Besucherin dar&#252;ber, ob und wie entpolitisiert man diese Ereignisse darstellen darf/kann, bzw. wie sehr BesucherInnen mit gewissen Darstellungsweisen „indoktriniert“ oder doch eher nur „konfrontiert“ werden, wurde indes klar, dass die gew&#228;hlte Darstellungsweise der Ausstellung durchaus auch ihr Publikum hat.<br />
Das Buch zur Ausstellung hingegen ist jeder/m nur w&#228;rmstens zu empfehlen. Darin enthalten sind nicht nur die Fotos aller(!) Ausstellungsst&#252;cke – was besonders aufgrund der gro&#223;en Anzahl von Plakaten und Fotos imponiert – sondern auch eine Menge an Text in Form von Erkl&#228;rungen, Erz&#228;hlungen, Berichten und Statistiken. Auf knapp 600 Hochglanzseiten findet die/der Interessierte eine Unmenge an Material zum gem&#252;tlichen Schm&#246;kern, Studieren und Wundern vom Sofa aus&#8230; ganz ohne langweilige Expertisen, im Weg stehende Menschen und Rauchverbot. Nicht zuletzt wird hier auch abseits aller politischen Nivellierungen der Ausstellung die bremsende und kalmierende Rolle der sozialdemokratischen F&#252;hrung im Kampf gegen die aufkommenden FaschistInnen aktiv thematisiert. </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/kampf-um-die-stadt-politik-kunst-und-alltag-um-1930/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/wiens-salzamt-neoliberalismus-und-der-fonds-soziales-wien/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/wiens-salzamt-neoliberalismus-und-der-fonds-soziales-wien/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1581</guid>
		<description><![CDATA[
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a name="anm_1"></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a name="anm_2"></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a name="anm_3"></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a name="anm_4"></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a name="anm_5"></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a name="anm_6"></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a name="anm_7"></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a name="anm_8"></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a name="anm_9"></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a name="anm_10"></a> „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden.</p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a name="anm_11"></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a name="anm_12"></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a name="anm_13"></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a name="anm_13"></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a name="anm_15"></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a name="anm_16"></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a name="anm_17"></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a name="anm_18"></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird.</p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a name="anm_19"></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe.</p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a name="anm_20"></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a name="anm_21"></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a name="anm_22"></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a name="anm_23"></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a name="anm_24"></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a name="anm_25"></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a name="anm_26"></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a name="anm_27"></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a name="anm_28"></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a name="anm_29"></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a name="anm_30"></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a name="anm_31"></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a name="anm_32"></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a name="anm_33"></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a name="anm1"></a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a name="anm2"></a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a name="anm3"></a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a name="anm4"></a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a name="anm5"></a> Ebd., S.219ff.<br />
<a name="anm6"></a> Ebd.<br />
<a name="anm7"></a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a name="anm8"></a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a name="anm9"></a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a name="anm10"></a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a name="anm11"></a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a name="anm12"></a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a name="anm13"></a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a name="anm14"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a name="anm15"></a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a name="anm16"></a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a name="anm17"></a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a name="anm18"></a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a name="anm19"></a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a name="anm20"></a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a name="anm21"></a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a name="anm22"></a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a name="anm23"></a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a name="anm24"></a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a name="anm25"></a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a name="anm26"></a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a name="anm27"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a name="anm28"></a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a name="anm29"></a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a name="anm30"></a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a name="anm31"></a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a name="anm32"></a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a name="anm33"></a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/wiens-salzamt-neoliberalismus-und-der-fonds-soziales-wien/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/aufstand-in-der-vorstadt-wiens-verborgene-klassenkaempfe-um-1900/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/aufstand-in-der-vorstadt-wiens-verborgene-klassenkaempfe-um-1900/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Riots]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1577</guid>
		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/aufstand-in-der-vorstadt-wiens-verborgene-klassenkaempfe-um-1900/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sozialismus in einer Stadt?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:40:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rotes Wien]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=798</guid>
		<description><![CDATA[Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. Benjamin Opratko und Stefan Probst stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. </em>Benjamin Opratko<em> und </em>Stefan Probst <em>stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.</em><br />
<span id="more-798"></span></p>
<p>Zwischen 19. und 26. April 1931 war das neu errichtete Wiener Prater-Stadion Schauplatz einer gigantischen Inszenierung sozialdemokratischer Symbolpolitik. Anl&#228;sslich der zweiten Internationalen Arbeiterolympiade waren mehrere zehntausend ArbeitersportlerInnen aus 19 L&#228;ndern der Sozialistischen Arbeitersport-Internationalen nach Wien gepilgert, um die Hauptstadt der Republik in eine Manifestation proletarischer Kollektivit&#228;t und St&#228;rke zu verwandeln. W&#228;hrend der Aufmarsch von 100.000 disziplinierten ArbeiterInnen &#252;ber die Ringstra&#223;e zum Stadion offensichtlich den Charakter einer Milit&#228;rparade annahm, der die Entschlossenheit des Wiener Proletariats bezeugen sollte, bildete ein gigantomanisches historisches Spektakel den H&#246;hepunkt des begleitenden Kulturprogramms. Dabei eigneten sich insgesamt 4.000 sozialdemokratische TurnerInnen, MusikerInnen, S&#228;ngerInnen und AktivistInnen der Roten Falken und der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend in Blauhemden das Spielfeld als riesige Theaterb&#252;hne an, um in einer guten Stunde die Geschichte der arbeitenden Massen und ihrer K&#228;mpfe vom Mittelalter bis zum Industriekapitalismus samt Soundeffekten und Requisiten nachzuspielen. Die Choreographie m&#252;ndete schlie&#223;lich in den symbolischen Sturz einer vergoldeten Statue, die den Kapitalismus repr&#228;sentierte, und einen Eid, in dem zehntausende ZuseherInnen ihre Loyalit&#228;t zu den Idealen des Sozialismus einer Lautsprecherstimme nachbeteten.<br />
In den &#220;berlegungen sozialdemokratischer Parteif&#252;hrer verfolgten Massenspektakel dieser Art in erster Linie den Zweck, den Massen ein Gef&#252;hl symbolischer St&#228;rke und Solidarit&#228;t zu injizieren und sie emotional st&#228;rker an Partei und Bewegung zu binden. So sehr sich die sozialdemokratische Presse dementsprechend von der Symbolwirkung der proletarischen Festspiele begeistert zeigte, so sehr t&#228;uschte die Inszenierung jedoch dar&#252;ber hinweg, wie stark sozialdemokratische Politik in den sp&#228;ten 1920ern und fr&#252;hen 1930ern bereits auf ein hohles Schattentheater reduziert worden war.<br />
Zwei Monate zuvor hatten die steirischen Heimwehren unter Walter Pfrimer ihren ersten Putschversuch gestartet, der zwar an internen Uneinigkeiten scheiterte, aber als deutliches Zeichen zunehmender St&#228;rke faschistischer Bewegungen ernst genommen werden musste. Angesichts dessen war die Inszenierung im Wiener Prater kaum mehr als ein gro&#223; angelegtes Theater der Illusionen, in dem, in den Worten des Historikers Helmut Gruber, „die Macht, den kapitalistischen G&#246;tzen zu st&#252;rzen, nichts anderes war als ein magisches Blendwerk innerhalb der gesch&#252;tzten Betonmauern des Wiener Stadions.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ohne realpolitische Strategien in konkreten K&#228;mpfen konnten Massenaufm&#228;rsche, Feste und Beschw&#246;rungen proletarischer Einheit wenig mehr sein als ritualisierte Bezeugungen symbolischer St&#228;rke, die abstrakte Heilsversprechen einer besseren Zukunft mobilisierten, politisch aber inhaltsleer blieben und letztlich allein zur &#196;sthetisierung der Politik und Kontrolle der Massen beitrugen. Das Spektakel des Juli 1931, in dem Pr&#228;senz durch Fahnen, Slogans, Blauhemden usw. demonstriert wurde, verdeckt die Paralyse und strategische Sackgasse sozialdemokratischer Politik und markiert somit auch das Scheitern eines der faszinierendsten Experimente eines „kommunalen Sozialismus“ in der neueren europ&#228;ischen Geschichte.</p>
<p>Im Folgenden soll zun&#228;chst gezeigt werden, dass die Kultur- und Bildungspolitik der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit als gro&#223;angelegte Erziehungsstrategie und spezifische Version eines b&#252;rgerlichen Modernisierungsprojekts gedeutet werden kann. Zweitens schlagen wir vor, dieses Experiment, das als Rotes Wien zeitgen&#246;ssische BeobachterInnen begeisterte und bis heute in der sozialdemokratischen Linken romantisiert wird, als Produkt einer historischen Niederlage zu verstehen. Die Politik des Roten Wien gr&#252;ndete auf einer besonderen Lesart marxistischer Theorie, die wir in einem weiteren Schritt kritisch darstellen. Zuletzt fragen wir, was vom Austromarxismus als Theorie und dem Roten Wien als politisch-praktischem Projekt &#252;brig bleibt.</p>
<p><strong>&#8220;Antizipatorischer Sozialismus&#8221;</strong><br />
Arbeitersport und Massenfeste bildeten nur einen – und beileibe nicht den wichtigsten – Teil des umfassenden kulturpolitischen Projekts der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit, das im Roten Wien den „Sozialismus in einer Stadt“ zu verwirklichen suchte, als Vorwegnahme einer besseren Zukunft und Konkretisierung einer kulturellen Utopie. Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts war die Heranbildung „Neuer Menschen“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> &#220;ber ein weitverzweigtes, engmaschiges Geflecht aus Kultur- und Sportorganisationen sollten die ArbeiterInnen emotional, politisch und kulturell an sozialistische Werthaltungen herangef&#252;hrt und mittels kulturpolitischer Initiativen (Zeitungen, Theater, Konzerte, Bibliotheken) im Geiste des Sozialismus erzogen werden. 1931/32 waren mehr als 400.000 Menschen in diesem Netzwerk sozialdemokratischer Kulturvereine organisiert.<br />
Bisweilen trieben diese Anstrengungen recht seltsame Bl&#252;ten. Der Beitrag der 2.000 im Zentralverband der Arbeiter-Mandolinenorchester organisierten WienerInnen zum zivilisatorischen Projekt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei d&#252;rfte jedenfalls als ebenso gering zu veranschlagen sein wie jener des Bunds der Arbeiter-Alpinen, Trachtenerhaltungs- und Volkst&#228;nzervereine oder des Arbeiter-Feuerbestattungsvereins „Die Flamme“.<br />
Zentral f&#252;r die sozialdemokratische Erziehungsmission war aber die Verschmelzung wohlfahrtsstaatlicher und p&#228;dagogischer Initiativen zu einem gro&#223;angelegten Projekt des <em>social engineering</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>.  So dienten etwa die neu errichteten Gemeindebauten nie allein der Linderung der akuten Wohnungsnot, sondern sollten zugleich als architektonische Verwirklichung p&#228;dagogischer und zivilisatorischer Ideale, als „materieller Ausdruck der politischen wie (massen-)kulturellen Intentionen der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> fungieren. Der physische Kontext einer bestimmten Form des Wohnens spielte im kulturpolitischen Projekt eine organisierende Rolle zur Herausbildung „ordentlicher Arbeiterfamilien“: „Die ‚Volkswohnpal&#228;ste‘ sollten von Beginn an mehr sein als bessere Wohnungen. Sie sollten jene Umwelt bereiten, in denen die proletarische Familie als ordentlich sozialisiert und durch die entstehende Parteikultur in Richtung ‚Neuer Menschen‘ erzogen w&#252;rde.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Dementsprechend streng reglementiert gestaltete sich das proletarische Leben im Gemeindebau. Die Hausverwaltung bestimmte, wann und wo Teppiche geklopft und Abfall entsorgt werden durfte, wo und wie Kinder im Hof spielen durften, kontrollierte den Zutritt zu den Waschr&#228;umen, &#252;berwachte die Ordnung in G&#228;ngen, Kellern und Balkonen und inspizierte die Sauberkeit der Wohnungen. &#220;berall und jederzeit waren die MieterInnen der Gemeindewohnungen mit Strukturen, R&#228;umen, Einrichtungen und Regeln konfrontiert, die „f&#252;r sie“ entworfen waren, deren Ausgestaltung aber von den Betroffenen selbst kaum beeinflusst werden konnte.<br />
&#196;hnlich paternalistische &#220;berzeugungen waren dem st&#228;dtischen F&#252;rsorgewesen eingeschrieben, das mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie m&#246;glichst optimale Sozialisationsbedingungen organisieren sollte. Ein dichtes Netz f&#252;rsorgerischer Institutionen und Ma&#223;nahmen sicherte den erzieherischen Zugriff auf das Proletariat. &#220;ber Hausbesuche von F&#252;rsorgerInnen wurden die „ordentlichen“ Verh&#228;ltnisse im ArbeiterInnenhaushalt (sanit&#228;re Standards, elterliches Erziehungsverhalten) &#252;berwacht. Dass solche Initiativen &#252;berwiegend familienbezogen waren und auf die Hebung der Geburtenrate zielten, sei hier ebenso nur am Rande erw&#228;hnt wie die damit verbundenen sozialeugenischen Visionen etwa des Stadtrats f&#252;r Wohlfahrtspflege Julius Tandler.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Sozialreform</strong><br />
Gerade in diesen p&#228;dagogischen und kulturpolitischen Dimensionen, die das Rote Wien von anderen wohlfahrtsstaatlich inspirierten Kommunalpolitiken abhebt, &#228;hnelt das sozialdemokratische Experiment der Zwischenkriegszeit nun aber jenen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weitverbreiteten Rezepten b&#252;rgerlicher Sozialreform, die in erster Linie um die soziale Stabilisierung einer urbanen und industriellen ArbeiterInnenschaft bem&#252;ht waren. Zentrale Gemeinsamkeit war die „Verbindung von F&#252;rsorge- und Wohlfahrtsintentionen mit Funktionen der Domestizierung und &#220;berwachung“ – eine Strategie, in der die ArbeiterInnen zuallererst als Objekte thematisiert wurden. In diesem Sinn handelt es sich beim Wiener „Kommunalsozialismus“ der 1920er Jahre mit Wolfgang Maderthaner wohl um ein „exemplarisches Unternehmen der Sp&#228;taufkl&#228;rung“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, das „auf Zivilisierung, Kulturalisierung und Hygienisierung der Massen, also auf die umfassende Hebung ihrer lebensweltlichen und sozialen, vor allem aber kulturellen Standards abzielte.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Tats&#228;chlich konnte sich das p&#228;dagogische Experiment der Wiener Sozialdemokratie vielfach auf bereits um die Jahrhundertwende gegr&#252;ndete Kulturorganisationen st&#252;tzen. Die Sozialdemokratie der Vorkriegsjahre hatte es verstanden, „in Hochburgen wie in den Wiener Vorst&#228;dten kleinnetzige, aus vormodernen Traditionen herr&#252;hrende soziale Beziehungsgeflechte ehemals d&#246;rflicher Formationen in die Zellen- und Sektionsstruktur einer modernen Parteiorganisation &#252;berzuf&#252;hren.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Entscheidendes Vehikel in diesem Organisationskonzept bildeten Volksbildungseinrichtungen, Sportvereine, Kultur- und Bildungsorganisationen und lebensreformerische Vereinigungen, sowie ein ritualisierter Kanon von Festen und Feiern (bestes Beispiel: 1. Mai), denen gerade unter den schwierigen Bedingungen der Habsburgermonarchie ein besonderer Stellenwert im Parteiaufbau zukam. Das Verbot politischer Organisierung konnte gerade dadurch umgangen werden, dass der kulturelle und p&#228;dagogische Charakter der Bewegung betont wurde. Victor Adler, der Gr&#252;ndungsvater der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, theoretisierte diesen emotionalisierenden, &#228;sthetisierenden und kulturalisierenden Zugriff auf politische Fragen in der Strategie der „Revolutionierung der Gehirne“ als eigentliche Aufgabe und Ziel der Bewegung.<br />
Die austromarxistischen TheoretikerInnen und PraktikerInnen des Roten Wien griffen diese &#220;berlegungen auf, indem sie den Aufbau eines gegenkulturellen Netzwerks zum zentralen Angelpunkt ihrer Konzeption eines „antizipatorischen Sozialismus“ ausbauten und die Kulturorganisationen als Massenerziehungsmittel funktionalisierten.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Ziel war es erstens, wesentliche Elemente einer sozialistischen Zukunft bereits in der urbanen Gegenwart vorwegzunehmen, und zweitens „den Arbeiter“ in moralischer Hinsicht f&#252;r seine Rolle in dieser Zukunft vorzubereiten.<br />
Den notwendigen Spielraum f&#252;r diese vorbereitende Strategie, so argumentierte der sozialdemokratische Parteif&#252;hrer Otto Bauer, schuf die spezifische Situation im Nachkriegs&#246;sterreich, die von einem „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“ gepr&#228;gt gewesen sei, in dem „die au&#223;erparlamentarische Macht des Proletariats … die parlamentarische Mehrheit der Bourgeoisie hinderte, ihre Klassenherrschaft aufzurichten.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Weil keine gesellschaftliche Klasse ohne die (stillschweigende) Teilnahme der gegnerischen Klasse herrschen k&#246;nnte, der Kampf um die politische Macht somit auf eine unbestimmte Zukunft vertagt war, entst&#252;nden Freir&#228;ume zum schrittweisen Aufbau einer sozialistischen Infrastruktur, ohne Risiko des B&#252;rgerkriegs. „Aus diesem Grund konnte sich Bauer auf das austromarxistische Engagement der Vorkriegszeit f&#252;r kulturelle Entwicklung und Bildung berufen, um der Rolle der sozialistischen Bewegung bei der Vorwegnahme einer neuen Gesellschaft innerhalb des alten Systems gro&#223;e Bedeutung zuzuschreiben.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Der „Wille zur Ohnmacht“</strong><br />
Je st&#228;rker sich nun aber die tats&#228;chlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Laufe der 1920er Jahre zuungunsten der ArbeiterInnenbewegung verschoben, desto mehr kompensatorische Funktionen fielen der Wiener Stadtpolitik zu. Sukzessive &#252;bernahm die kulturpolitische Konzentration auf das Rote Wien den Charakter eines Substituts f&#252;r weitergehende Perspektiven politischer Transformation.<br />
Wie der Historiker Anson Rabinbach richtig betont, resultierte der Wiener Kommunalsozialismus letztlich „aus einer stillschweigenden Anerkennung einer entscheidenden politischen Niederlage“ 1918/19.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schon w&#228;hrend der Welle wilder Streiks im Juni 1917 war die &#246;sterreichische Sozialdemokratie in erster Linie als Stabilisierungsfaktor und Ordnungsmacht in Erscheinung getreten. In der sozialrevolution&#228;ren Situation ab dem Fr&#252;hjahr 1918, als sich aus Streikversammlungen heraus ArbeiterInnenr&#228;te<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> bildeten, der alte Staat zerfiel und die Macht f&#246;rmlich auf der Stra&#223;e lag, transformierte sie die revolution&#228;ren Energien in eine Strategie zur Eroberung der parlamentarischen Demokratie und der umfassenden sozialen Reform. Damit verschaffte sie nicht zuletzt den desorganisierten konservativen Kr&#228;ften ausreichend Zeit zur Neuformierung.<br />
Sozialdemokratischen Parteigranden wie Friedrich Adler war sehr wohl bewusst, dass es 1918/19 „wohl keinen anderen Staat [gab], wo es … f&#252;r die Arbeiterklasse so leicht m&#246;glich gewesen w&#228;re, die ganze Macht an sich zu rei&#223;en, wie gerade in Deutsch&#246;sterreich.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Entscheidung zur „Selbstbeschr&#228;nkung“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> der Revolution kann daher nicht auf vermeintlich „objektive“ Bedingungen abgew&#228;lzt werden. Erst auf Grundlage dieser strategischen Weichenstellung wird die Konzentration auf Kultur- und Bildungspolitik verst&#228;ndlich, die infolge als Rechtfertigung daf&#252;r herhalten musste, jeder „verfr&#252;hten“ politischen Auseinandersetzung auszuweichen, um eben den Zusammenbruch des „Aufbauwerks“, auf das sich die p&#228;dagogische „Vorbereitungsstrategie“ st&#252;tzte, nicht zu riskieren.<br />
Die fatale Zirkularit&#228;t sozialdemokratischer Politik gr&#252;ndet darin, dass dieselben &#220;berzeugungen, welche die Bedingungen politischer Defensive produzierten, auch den R&#252;ckzug in die Wiener Kulturenklave legitimierten. Zun&#228;chst lenkte die Sozialdemokratie die revolution&#228;re Dynamik der Jahre 1918/19 in die Bahnen des b&#252;rgerlichen Republikanismus, um schlie&#223;lich ihre politischen Ambitionen in die Kultur der Hauptstadt zu kanalisieren<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Gewisserma&#223;en wiederholt sich hier die Geschichte des &#246;sterreichischen Liberalismus als Farce. Dieser hatte in den 1890ern seine politische Schw&#228;che durch die Kulturpolitik im Wien des <em>fin de siècle</em> kompensiert. Als selbsternannte Erbin des gescheiterten liberalen Modernisierungsprojekts adaptierte die SDAP nun dessen „Programm der kulturellen Erneuerung unter dem Banner des Konstitutionalismus“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Mit der Entscheidung, 1918/19 nicht auf die revolution&#228;re R&#228;tebewegung zu setzen, wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die eine Situation selbstgew&#228;hlter Ohnmacht produzierte. Solange sich die Konservativen vor der Macht&#252;bernahme der ArbeiterInnen f&#252;rchten mussten, konnte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) weitreichende soziale Reformen – vom bezahlten Urlaub bis zum Betriebsr&#228;tegesetz – durchsetzen. Sobald die SDAP aber die R&#228;tebewegung in ein Mittel zur Bindung und Disziplinierung des Proletariats verwandelt hatte, erwiesen sich die Illusionen in den b&#252;rgerlichen Staat als verheerende Sackgasse. Die reaktion&#228;re Christlichsoziale Partei und ihre faschistischen Verb&#252;ndeten (Heimwehr, Landbund) gewannen an Initiative und wurden in weiten, vor allem l&#228;ndlichen Teilen &#214;sterreichs hegemonial, w&#228;hrend sich die Sozialdemokratie auf ihre Hochburgen in Wien, Linz und der Obersteiermark konzentrierte.</p>
<p><strong>Orientierungspunkte</strong><br />
Die entscheidenden Stichworte f&#252;r diese Strategie wurden von den TheoretikerInnen des Austromarxismus formuliert. Dennoch l&#228;sst sich die Politik des „Sozialismus in einer Stadt“ nicht als einfache „&#220;bersetzung“ einer austromarxistischen Theorie in die sozialdemokratische Praxis verstehen. Dies w&#252;rde den gewichtigen Aspekt der Pragmatik in der konkreten Politik der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg unterschlagen. In mancher Hinsicht ist die austromarxistische Theoriearbeit besser als nachtr&#228;gliche oder begleitende Rechtfertigung politischer Entscheidungen zu verstehen, die selbst eher auf Basis aktueller M&#246;glichkeiten und Notwendigkeiten – oder was die SozialdemokratInnen daf&#252;r hielten – getroffen wurden. Zugleich spielten theoretische Erw&#228;gungen der f&#252;hrenden Intellektuellen der SDAP nat&#252;rlich eine Rolle f&#252;r die Politik des Roten Wien – nicht zuletzt f&#252;r die Einsch&#228;tzung, welche Strategien eben als (un-)m&#246;glich oder notwendig angesehen wurden. Die sozialdemokratischen Stadt- und KommunalpolitikerInnen, die Obleute der zahlreichen Arbeitervereine sowie die ArchitektInnen der Gemeindebauten und die F&#252;hrer des Schutzbundes setzten nicht einfach in die Tat um, was Otto Bauer im „Kampf“, dem zentralen Theorieorgan der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, schrieb; sie erhielten durch die austromarxistische Theorie jedoch eine Grundanschauung, eine „Reihe von <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>, die das Experiment des Roten Wien pr&#228;gten. Zwar hat eine inhaltlich koh&#228;rente theoretische „Schule“, die so unterschiedliche Pers&#246;nlichkeiten wie Max Adler und Karl Renner, Otto Leichter und Otto Bauer umfasst h&#228;tte, so nie existiert. Darauf verweisen schon die von den oben genannten „Austromarxisten“ in den Publikationen der Sozialdemokratie teils scharf polemisch gef&#252;hrten Debatten. Im Folgenden soll jedoch dargestellt werden, was &#252;ber alle Differenzen innerhalb der F&#252;hrungsriege der SDAP hinweg als gemeinsame &#220;berzeugungen ausgemacht werden kann, die es letztlich doch erlauben, vom „Austromarxismus“ zwar nicht als einheitliche theoretische Schule, jedoch als ein Set von „Leitideen“ zu sprechen. Diese waren f&#252;r den Alltagsverstand sozialdemokratischer Funktion&#228;rInnen und zahlreicher ArbeiterInnen in der Zwischenkriegszeit absolut pr&#228;gend – und tats&#228;chlich hat wohl erst der politische und orientierende Effekt der theoretischen Positionen eine Einheit des Austromarxismus hergestellt, die in der Theorie selbst so gar nicht vorhanden war.</p>
<p><strong>Determinismus</strong><br />
Die wichtigste Grundlage austromarxistischer Theorien ist &#252;beraus simpel. Sie zu benennen, fordert jedoch unweigerlich einen hartn&#228;ckigen Mythos heraus, der die Selbstverortung des Austromarxismus „zwischen Bolschewismus und Revisionismus“ f&#252;r bare M&#252;nze nimmt. In dieser Darstellung h&#228;tte der „Dritte Weg“ zwischen der revolution&#228;ren Strategie Lenins und der offen parlamentarisch-reformistischen Eduard Bernsteins in der SPD die &#246;sterreichische Sozialdemokratie auch vor den Gefahren des „Determinismus“ bewahrt, der f&#252;r die Geschichtsauffassung der sozialdemokratischen Zweiten Internationale so charakteristisch war. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass die immanenten Widerspr&#252;che der kapitalistischen Gesellschaft unweigerlich in den Sozialismus f&#252;hren. Die angeblich von Marx entdeckten und von Engels popularisierten ehernen Gesetze der Geschichte w&#252;rden dies beweisen: die &#220;berwindung des Kapitalismus erg&#228;be sich aus der historischen „Dialektik“ von Produktionsverh&#228;ltnissen und Produktivkraftentwicklung; Aufgabe der Sozialdemokratie w&#228;re demnach „der Aufbau ihrer Organisation, die Verst&#228;rkung ihres Stimmenanteils und das Vermeiden von Abenteuern, w&#228;hrend sie geduldig darauf wartete, dass die &#246;konomische Entwicklung ihre Arbeit leistete“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dass die &#246;sterreichische Sozialdemokratie, die der Bildungs-, Erziehungs- und Kulturarbeit so viel Wert beima&#223; – also ja gerade auf die „subjektiven“ Aspekte der Geschichte einwirken wollte – einer solchen „objektivistischen“, sprich den „objektiven Gesetzm&#228;&#223;igkeiten“ vertrauenden Auffassung anhing, scheint nur auf den ersten Blick paradox. Dass sie es tat, l&#228;sst sich an allen Ecke und Enden austromarxistischer Publizistik ablesen – nicht nur bei den „rechten“, offen revisionistischen Sozialdemokraten wie Karl Renner, sondern auch bei Otto Bauer selbst, der ohne &#220;bertreibung als F&#252;hrer und wichtigster Theoretiker der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit bezeichnet werden kann.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Er schloss etwa seinen programmatischen Aufsatz „Der Weg zum Sozialismus“ mit den Worten: „Der Sozialismus ist zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden; kommen wird er auf jeden Fall. Fraglich ist nur, auf welchem Weg er kommen soll.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> In der popul&#228;ren sozialdemokratischen Tagespresse wurde dieselbe &#220;berzeugung mit etwas mehr Poesie ausgedr&#252;ckt. Nach dem Sieg der SDAP bei den Wiener Gemeinderatswahlen schrieb die „Arbeiterzeitung“ am 5. Mai 1919: „Rot flammt es am Horizont und k&#252;ndigt den herrlichen, unwiderruflichen Sieg des Sozialismus an.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a></p>
<p><strong>Kartell-Sozialismus</strong><br />
Der geschichtsphilosophische Determinismus der AustromarxistInnen wurde polit&#246;konomisch unterf&#252;ttert von der These des „organisierten Kapitalismus“. Diese st&#252;tzte sich ma&#223;geblich auf die Untersuchungen von Rudolf Hilferding, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil der Gruppe um Otto Bauer und Max Adler war (mit letzterem gab er bis 1925 die „Marx-Studien“ heraus). Hilferding hatte in seinem 1910 erschienenen Werk „Das Finanzkapital“ argumentiert, dass der Kapitalismus im „Zeitalter des Imperialismus“ von der „Aufhebung der freien Konkurrenz durch die Bildung von Kartellen und Trusts“ gekennzeichnet w&#228;re. Durch Konzentrations- und Monopolisierungstendenzen sowie durch die zunehmende Integration von Bank- und Industriekapital entst&#252;nde eine Form kapitalistischer Wirtschaft, in der das anarchisch-freie Spiel der Marktkr&#228;fte in eine Art Planwirtschaft des Finanzkapitals umschlage. Diese These hat bedeutsame politische Konsequenzen, wie Hilferding noch 1931 festhielt:<br />
„Indem aber das Finanzkapital die kapitalistische Wirtschaft immer st&#228;rker organisiert, schafft es die M&#246;glichkeit der Kontrolle dieser Organisation. Denn Organisation hei&#223;t nichts anderes als die Zusammenfassung bisher zersplitterter Kr&#228;fte unter einer einzigen Leitung. Erst damit kann sich diesem Bewu&#223;tsein, diesem Willen der Leitung unter Umst&#228;nden ein anderes Bewu&#223;tsein, ein anderer Wille entgegensetzen. Dem rein wirtschaftlichen Willen und seinen wirtschaftlichen Motiven, dem Streben nach Rentabilit&#228;t und Steigerung der Profitrate kann sich ein anderes organisiertes Bewu&#223;tsein, ein anders motivierter Wille, das politische, das staatliche Bewu&#223;tsein entgegensetzen.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#220;bergang zum Sozialismus im Bereich der &#214;konomie wird so als &#220;bernahme der Kommandopositionen in den Trusts und Kartellen konzipiert. In Hilferdings Worten: „Die Diktatur der Kapitalmagnaten (schl&#228;gt) um in die Diktatur des Proletariats“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> F&#252;r austromarxistische Theorien und Praxis dienten Hilferdings Thesen als Grundlage; sie wurden weiterentwickelt zur Theorie des „organisierten Kapitalismus“, der als „letzte Phase des Kapitalismus“ verstanden wurde. In ihr w&#252;rden sich die Plan- und Leitungselemente in der Wirtschaft zunehmend verst&#228;rken, was als „Ansatz zur Emanzipation von der ‚freien’ kapitalistischen Marktwirtschaft, ein Ansatz zu organisierter Wirtschaft“ verstanden wurde.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Auf dieser &#220;berzeugung basierte auch Otto Bauers Politik der „Sozialisierung“, durch die jene Industriezweige, in denen der Konzentrations- und Integrationsprozess besonders weit fortgeschritten war – etwa in der Montan- und Schwerindustrie – der Privatwirtschaft entzogen werden sollte. Wohlweislich sah dieses Konzept keine Kontrolle der Produktionseinheiten durch die ArbeiterInnen vor – die „sozialisierten“ Betriebe h&#228;tten von Gremien aus GewerkschafterInnen, KonsumentInnenverb&#228;nden und Staatsbeamten geleitet werden sollen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Diese Perspektive eines „Kartell-Sozialismus“, der mit Formen proletarischer Wirtschaftsdemokratie nur wenig zu tun hatte, wurde auch von den „linken“ TheoretikerInnen des Austromarxismus geteilt. So schreibt Otto Leichter: „Die Entwicklungselemente einer sozialistischen Ordnung sind zumindest der Tendenz nach vorhanden: schon innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wird der Beweis f&#252;r die M&#246;glichkeit einer gemeinwirtschaftlichen Regelung der Produktion erbracht, aber das Proletariat mu&#223; erst die politische Macht erobern, um die Elemente der sozialistischen Gesellschaft freisetzen zu k&#246;nnen.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Staat als Instrument</strong><br />
Damit sind wir bei einer Frage angekommen, deren Beantwortung f&#252;r die Charakterisierung des austromarxistischen Projekts entscheidend ist. Alle TheoretikerInnen der SDAP, vom „rechten“ Karl Renner bis zum „linken“ Max Adler, waren sich darin einig, dass es darum ging, die „politische Macht zu erobern“. Doch was soll darunter verstanden werden? Die Antwort der AustromarxistInnen lautete unisono: die &#220;bernahme des Staates, der nicht mehr wie im Kommunistischen Manifest als „Ausschu&#223;, der die gemeinschaftlichen Gesch&#228;fte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> verstanden wurde, sondern als „Instrument“, das den H&#228;nden der KapitalistInnen entrissen werden m&#252;sse, um es zum Aufbau des Sozialismus zu nutzen. Max Adler hat daf&#252;r eine einpr&#228;gsame Metapher gew&#228;hlt: „So wie man auf einer Druckmaschine ebenso reaktion&#228;re wie revolution&#228;re Schriften drucken kann, so kann der Staatsapparat an sich jeder beliebigen Staatsordnung die Rechtsform geben.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Zwar wandte er gegen Karl Renner ein, dass man nicht davon ausgehen d&#252;rfe, die „Besetzung von staatlichen Machtpositionen durch das Proletariat bedeute schon eine &#196;nderung des b&#252;rgerlichen Staates“; der entscheidende Faktor f&#252;r Adler war jedoch jener des Bewusstseins: „Denn nicht darauf kommt es an, da&#223; die Machtpositionen besetzt werden, sondern <em>welchen Geistes und Willens das Proletariat ist, das dies tut</em>.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Wir werden noch darauf zur&#252;ck kommen, dass diese Adler’sche Konzeption sich passgenau in die politische Praxis der SDAP und deren Konzentration auf Bildungsarbeit und „Bewusstseinsreform“ einf&#252;gte. Wichtig ist festzuhalten, dass auch f&#252;r den „linken“ Adler die politische Macht&#252;bernahme nur als Eroberung des b&#252;rgerliche Staatsapparats denkbar war, der dann in den Dienst des Sozialismus gestellt werden sollte. Nicht-staatliche, autonome Formen proletarischer Selbstverwaltung konnten in diesem Konzept bestenfalls eine erg&#228;nzende Rolle spielen. So befand Adler 1919, dass die ArbeiterInnenr&#228;te in Deutschland und &#214;sterreich zwar legitime Kampfmittel seien, sie d&#252;rften aber keinesfalls als „dauernde Gestaltungsprinzipien eine[r] neuen Gesellschaft“ gelten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Letztlich dienten die R&#228;te in Adlers Konzeption als „Verwaltungsinstrumente des friedlichen Hineinwachsens in den Sozialismus, dazu noch verfassungsm&#228;&#223;ig abgesichert“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Otto Bauer teilte den instrumentalistischen Staatsbegriff seiner GenossInnen, integrierte ihn jedoch in eine als Theorie ausgegebene Zeitdiagnose vom „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“. Demnach w&#228;re die politische Situation in Europa nach dem Ersten Weltkrieg von einer Pattsituation der Klassen gepr&#228;gt, die sich in &#214;sterreich in einem Zustand ausdr&#252;ckte, „in dem zwar das Proletariat noch nicht zu herrschen vermag, in dem aber die Bourgeoisie nicht mehr imstande ist, dem Proletariat zu diktieren und daher mit dem Proletariat paktieren mu&#223;“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Diese Konstellation wurde von Bauer als „&#220;bergangsphase“ interpretiert: „Wie die Bourgeoisie durch die Periode des Gleichgewichtes zwischen Grundaristokratie und Bourgeoisie hindurchgehen mu&#223;te, ehe sie die Staatsgewalt erobern und die ganze Rechtsordnung dem Kapitalismus anpassen konnte, so wird das Proletariat durch die Periode des Gleichgewichts zwischen Bourgeoisie und Proletariat nur hindurchgehen, um schlie&#223;lich die Staatsgewalt zu erobern und die sozialistische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen.“  Diese Analogisierung von b&#252;rgerlicher und proletarischer Revolution wurde bereits von Bauers Parteigenossen Otto Leichter einer treffenden Kritik unterzogen. Schlie&#223;lich hat die ArbeiterInnenklasse „keine &#246;konomische Macht in dem Sinne, wie etwa bereits die Bourgeoisie bereits am Beginn der Revolution &#246;konomisch m&#228;chtig war. [...] Die b&#252;rgerliche Revolution wird von einer &#246;konomisch m&#228;chtige Klasse, die proletarische Revolution von den &#246;konomisch im individuellen Sinne Machtlosen durchgef&#252;hrt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Dieser Einwand ist wichtig, die Folgerung, dass die proletarische Revolution eine zuvorderst politische sein muss, ebenso. Der entscheidende Fehler war jedoch die von keinem der austromarxistischen TheoretikerInnen hinterfragte Grundannahme, dass die politische Revolution die &#220;bernahme der b&#252;rgerlichen Staatsapparate bedeutet. Letztlich zielte die austromarxistische Strategie auf jenes friedliche „Hineinwachsen“ in den Sozialismus, das Otto Bauer 1924 so pr&#228;gnant auf den Punkt brachte: „Wir k&#246;nnen binnen weniger Jahre mit dem Stimmzettel die Mehrheit im Parlament erobern <em>und damit die Macht ergreifen</em>“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Das glatte Band der Geschichte</strong><br />
Die Kombination aus deterministischer Geschichtsphilosophie, wirtschaftspolitischer Orientierung auf einen „Kartell-Sozialismus“ und konsequenter Staatsfixierung lie&#223; der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie wenig konzeptionellen Spielraum f&#252;r eingreifendes, politisches Handeln. Dennoch waren die austromarxistischen Positionen nicht blo&#223; Rechtfertigung f&#252;r politische Passivit&#228;t. Vielmehr f&#252;hrten sie dazu, die Anstrengungen der Partei in &#252;berw&#228;ltigendem Ma&#223;e auf den Aspekt der Bildungs- und Kulturpolitik zu lenken. In welchem Ma&#223;e es sich beim Austromarxismus um die Theoretisierung einer politischen Praxis handelt, die mehr auf die Entstehungsgeschichte der SDAP und den konkreten M&#246;glichkeitsrahmen einer de facto auf die Stadt Wien reduzierten sozialistischen Partei zur&#252;ck zu f&#252;hren ist, kann hier nicht weiter er&#246;rtert werden. Jedenfalls aber haben die beschriebenen theoretischen Grundlagen die Politik des Roten Wien pr&#228;zise erg&#228;nzt. Denn wenn die &#214;konomie ohnehin ihren ehernen Gesetzen folgt und der Staat mit dem Stimmzettel erobert werden kann, bleibt f&#252;r sozialistische Politik vor allem eine Aufgabe: „Nicht die K&#246;pfe einschlagen, die K&#246;pfe gewinnen!“, wie Otto Bauer es formuliert hatte. Was zwischen dem Jetzt und der zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft steht, ist demnach das falsche Bewusstsein der ProletarierInnen. Den Arbeiter gilt es zum „Neuen Menschen“ zu erziehen; die praktisch-politische Umw&#228;lzung wird als Ergebnis des ver&#228;nderten Bewusstseins erwartet. Dies wird besonders deutlich bei Max Adler, der den Klassenkampf in erster Linie als „Umgestaltung der Ideologie durch die Theorie“, als „<em>Reform des Bewu&#223;tseins</em>“ verstand.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Das Experiment des Roten Wien als gigantisches Erziehungsprojekt hat hier seine theoretische Entsprechung. Ziel war es nicht nur, Wien als „Werbearbeit f&#252;r den Sozialismus“ (so der Wiener Landtagspr&#228;sident Robert Danneberg) heraus zu stellen, sondern auch und vor allem, die ArbeiterInnen „aus aller b&#252;rgerlich-demokratischen Ideologie herauszurei&#223;en“, wie dies Max Adler gefordert hatte.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a><br />
Der Lauf der Geschichte erschien den AustromarxistInnen als glattes Band, das unaufh&#246;rlich dem Sozialismus entgegen ratterte; die einzige &#214;se, in die sich Politik einhaken konnte, um den Verlauf der Geschichte offenbar doch zu beeinflussen, war die „Bewusstseinsarbeit“ und hier vor allem die Bildungs- und Kulturpolitik. Politik und &#214;konomie w&#228;ren f&#252;r den Marxismus Gegenst&#228;nde der Erkl&#228;rung, so Max Adler; die sozialistische Erziehung hingegen entspr&#228;che dem Prinzip des Handelns.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Die austromarxistische Bearbeitung des Widerspruchs zwischen objektivem Geschichtsprozess und subjektiver Bewusstseinsbildung war eben jener „antizipatorische Sozialismus“ des Roten Wien. Es galt, die ArbeiterInnen f&#252;r eine Zukunft aufzubereiten, deren Ankunft ohnehin unvermeidlich war. Der von der SDAP-F&#252;hrung erhoffte Sozialismus war schlie&#223;lich auf ein diszipliniertes, geschultes und aufgekl&#228;rtes Proletariat angewiesen, das schon im Heute geschaffen werden sollte.</p>
<p><strong>Mythos Rotes Wien</strong><br />
Mit der Zerschlagung der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung durch den Austrofaschismus im Februar 1934 wurde die historische Niederlage des Austromarxismus, die sich bereits mehrere Jahre davor abgezeichnet hatte, gewaltsam besiegelt. Die Politik der Erziehung zum Sozialismus und die Strategie der symbolischen St&#228;rkung des Proletariats erwiesen sich nicht nur als unzureichend im Kampf f&#252;r den Sozialismus, sondern konnten auch dem Aufstieg des st&#228;ndestaatlichen und sp&#228;ter des nationalsozialistischen Faschismus nichts entgegen halten. Trotzdem blieben das Rote Wien als beeindruckendes Experiment des „kommunalen Sozialismus“ und der Austromarxismus als „Dritter Weg“ zwischen sowjetischer Diktatur und sozialdemokratischem Kapitulantentum f&#252;r die Teile der europ&#228;ischen Linken noch lange mythische Bezugspunkte. Interessant ist hier etwa die kleine „Bauer-Renaissance“ im Zuge der Debatten um „Eurokommunismus“ und Linkssozialismus Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als versucht wurde, Bauer als Kronzeugen f&#252;r eine Ann&#228;herung post-stalinistischer und sozialdemokratischer Parteien aufzurufen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Tats&#228;chlich setzt die Betonung von Alltagskultur und Alltagsbewusstsein als wichtiger Einsatzpunkt sozialistischer Politik den Austromarxismus von anderen zeitgen&#246;ssischen linken Positionen ab. Aber hier fangen die Probleme auch schon an. Denn erstens wurde im Projekt des Roten Wien diese Orientierung auf den Alltagsverstand in das Projekt einer paternalistischen Zivilisierungsmission &#252;berf&#252;hrt. Real existierende ArbeiterInnenkulturen wurden als unzivilisiert und undiszipliniert denunziert und die Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands gerade nicht als Ankn&#252;pfungspunkt begriffen. Und zweitens war die Kultur- und Bildungspolitik eingebettet in eine Transformationsstrategie, die jeder Konfrontation auswich und auf Machtergreifung durch die Stimmzettel setze. Dass ausgefochtene K&#228;mpfe und konkrete Erfahrungen der Selbstorganisierung den besten Beitrag zur „Revolutionierung der Gehirne“ leisten k&#246;nnen, kam den AustromarxistInnen nicht in den Sinn.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Gruber, Helmut: Red Vienna. Experiment in Working Class Culture 1919-1934, Oxford 1991, S.110<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Adler, Max: Neue Menschen. Gedanken &#252;ber sozialistische Erziehung, Berlin 1924<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Social engineering bezeichnet soziale Ordnungstechniken, die das Verhalten der Bev&#246;lkerung  regulieren sollen. Um 1900 wurde social engineering zur Leitidee unterschiedlichster politischer Projekte, links wie rechts. Zum Begriff vgl. Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009. Siehe auch die Rezension des Buchs in diesem Heft.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Maderthaner, Wolfgang: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945, in: Csendes, Peter/Opll, Ferdinand (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt, Bd. 3: Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien 2006, S.383<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S.63<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Maderthaner, Wolfgang 2006, a.a.O., S.362<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebenda, S.390<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_1">8</a> Ebenda, S.338<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. ebenda, S.366, S.392<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Bauer, Otto: Die &#246;sterreichische Revolution, Wien 1923<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Rabinbach, Anson: Vom Roten Wien zum B&#252;rgerkrieg, Wien 1989, S.460<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebenda, S.30<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zur &#246;sterreichischen R&#228;tebewegung (und zur sozialdemokratischen Transformation derselben in einen politischen Konsolidierungsfaktor) vgl. Hautmann, Hans: Geschichte der R&#228;tebewegung in &#214;sterreich, 1918-1924, Wien, Z&#252;rich 1987<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Adler, Friedrich: Machtfragen und Formfragen in: Der Kampf 5 (1919), S. 242. Zit. nach: Butterwegge, Christoph: Austromarxismus und Staat. Politiktheorie und Praxis der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen, Marburg 1991, S.223<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Bauer, Otto 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rabinbach, Anson 1989, a.a.O., S.31<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_1">17</a> Ebenda, S.7<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S. 34<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Molineux, John: Is Marxism deterministic? in: International Socialism Journal 68, Autumn 1995, S. 37-73<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Max Adler stellt hier in gewisser Hinsicht eine Ausnahme dar. Er kritisierte 1931, als die deterministische Theorie Bauers die Partei im Angesicht der faschistischen Bedrohung auf fatale Weise l&#228;hmte, die Darstellung des Sozialismus als „unvermeidlich“ und argumentierte, dass der Kapitalismus „sich immer wieder auf Kosten des Massenelends rekonstruieren“ k&#246;nne und in diesem Sinne „endlos“ sei: „Vielmehr h&#228;ngt es vom revolution&#228;ren Aktivismus des Proletariats ab, was die Arbeiterklasse aus der Krise des Kapitalismus selbst machen kann.“ (Adler, Max: Endlosigkeit oder Beendigung der kapitalistischen Widerspr&#252;che? in: Mozetic, Gerald (Hg.): Austromarxistische Positionen, Wien 1983, S.363) Diese &#220;berzeugung wurde von Adler, der nie eine leitende Funktion in der Partei aus&#252;bte, jedoch letztlich dem Dogma der Parteieinheit untergeordnet und blieb, wie Trotzki in einem Brief bissig bemerkte, „Literaturkritik“ (Rabinbach, Anson, 1989, a.a.O., S. 92-94).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Bauer, Otto: Der Weg zum Sozialismus. In: ders.: Werkausgabe, Bd. 2, Wien 1976, S.131<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Frei, Alfred Georg: Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919 – 1934, Berlin 1984, S. 52<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hilferding, Rudolf: Die Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen Entwicklung, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.417-418<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hilferding, Rudolf: Das Finanzkapital, Hamburg 1974, S.507<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Leichter, Otto: Der organisierte Kapitalismus und seine Dialektik, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S. 339<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. M&#228;rz, Eduard/Weber, Fritz: Otto Bauer und die Sozialisierung, in: Albers, Detlev/Hindels, Josef/Lombardo Radice, Lucio (Hg.): Otto Bauer und der „Dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/M. und New York 1979, S. 74-98<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebenda S. 345, S.348<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Berlin 1961, S.464<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.61<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebenda, S.62<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Adler, Max: Demokratie und R&#228;tesystem, zitiert nach: L&#246;w, Raimund: Theorie und Praxis des Austromarxismus, in: Ders./Mattl, Siegfried/Pfabigan, Alfred: Der Austromarxismus – eine Autopsie. Drei Studien, Frankfurt/Main 1986, S.70<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Kulemann, Peter: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in &#214;sterreich von Hainfeld bis zur Dollfu&#223;-Diktatur, Hamburg 1979, S.252<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bauer, Otto: Das Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.223<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebenda, S.231<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Leichter, Otto: Zum Problem der sozialen Gleichgewichtszust&#228;nde, 1924, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.232-233<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Bauer, Otto: Der Kampf um die Macht, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.334<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Robert Danneberg 1930, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.344; Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ebenda, S.55<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Albers, Detlev: Versuch &#252;ber Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Die Explosion eines politischen Unbehagens“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 14:32:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsproteste]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[unibrennt]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=750</guid>
		<description><![CDATA[Die Uni brennt! Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire haben mit AktivistInnen im und um das Audimax gesprochen. Entstanden ist eine Momentaufnahme, in der die unterschiedlichen Blickwinkel, aber auch der gemeinsame Enthusiasmus zum Ausdruck kommt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Uni brennt! <em>Maria Asenbaum</em>, <em>Katharina Hajek</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Ako Pire</em> haben mit AktivistInnen im und um das Audimax gesprochen. Entstanden ist eine Momentaufnahme, in der die unterschiedlichen Blickwinkel, aber auch der gemeinsame Enthusiasmus zum Ausdruck kommt.<br />
<span id="more-750"></span></p>
<p class="MsoNormal">Mitte Oktober fanden, ausgehend von der Akademie der bildenden K&#252;nste, die gr&#246;&#223;ten Studierendenprosteste seit 1997 in Wien und ganz &#214;sterreich statt. Tausende Studierende haben &#252;ber Monate hinweg verschiede Universit&#228;ten besetzt gehalten, sich selbst organisiert, Arbeitsgruppen gegr&#252;ndet, eine eigene Infrastruktur aufgebaut, gemeinsam gekocht und geputzt und die gr&#246;&#223;te Demonstration seit der Anti- Schwarz-Blau-Bewegung 2000 auf die Beine gestellt – die b&#252;rgerlichen Medien sprachen sogar von einem „Hauch von 68, der durch die Universit&#228;ten &#214;sterreichs zieht“. Da sich die Bewegung vor allem auch durch ihre Heterogenit&#228;t ausgezeichnet hat, war es uns ein Anliegen, keine Analyse von au&#223;en zu verfassen, sondern als am Protest beteiligte Personen andere AktivistInnen selbst sprechen zu lassen. Wir haben zehn – aus verschiedenen Studienrichtungen kommende, mehr oder weniger lang politisch aktive – TeilnehmerInnen der Proteste interviewt und sie nach ihren Beweggr&#252;nden, Zielen, Eindr&#252;cken und Meinungen gefragt.</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Wir besetzen das jetzt!“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">„Hammer! &#220;berraschend, komplett &#252;berraschend. Ich glaub’, keineR von uns h&#228;tte damit gerechnet, dass es abends so voll ist. Wir dachten, wir machen eine symbolische Besetzung … KeineR h&#228;tte sich gedacht, dass wir da l&#228;nger drin bleiben als eine Nacht, beziehungsweise haben wir damit gerechnet, dass wir am selben Tag wieder rausgehen. Und das, was dann passiert ist, war eindeutig die Explosion eines politischen und eines pers&#246;nlichen Unbehagens, das eigentlich schon lange geschwelt hat, aber der Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen gebracht hat, war einfach da.“ Wie wohl die meisten Leute, hat auch der Gro&#223;teil der von uns interviewten Personen via SMS von der Audimax-Besetzung erfahren. Anna<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>: „Ich hab’ am Donnerstag Nachmittag der Besetzung, so um vier, ein SMS bekommen und bin dann hin. Meine Mitbewohnerin war auch schon bei der Demo und ist mit rein gegangen.“ Viele waren zwar etwas verwirrt, aber doch &#252;berw&#228;ltigt: von den vielen Menschen, dem hohen Aktivit&#228;tslevel, der Ausdauer und der Tatsache der Besetzung an sich. Anna: „Ich war total geflashed. Es war total riesig! Es waren sooo viele Leute, ich war total beeindruckt! Ich h&#228;tte es mir nicht vorstellen k&#246;nnen, wenn mir das vorher wer erz&#228;hlt h&#228;tte. Ich h&#228;tte die f&#252;r verr&#252;ckt erkl&#228;rt.“ Spontane „Moblisierungsgruppen“ zogen durch die Uni. So hat Sarah gerade auf der Bibliothek gelernt, als sie Rufe h&#246;rte: „Mitmarschieren, solidarisieren!“ und ist neugierig hinausgegangen. „Das waren vielleicht so 200 Leute oder so und ich hab keine Ahnung gehabt, was das jetzt ist … und alle sind ins Audimax und da ist dann beschlossen worden, okay, wir besetzen das jetzt, wir k&#228;mpfen jetzt f&#252;r eine bessere Bildung … Das ganze Audimax ist so euphorisch, ja, euphorisch, dass da jetzt was passiert und dass wir jetzt, einfach wir, die ‚mickrigen Studenten‘ bestimmen, wir besetzen das jetzt und wir tun jetzt was.“ Oguz, der damals erst seit „ein, zwei Wochen in Wien“ war, hat &#252;ber den Mail-Verteiler der Akademie der Bildenden K&#252;nste von der dortigen Besetzung erfahren, ist hingegangen und hat „am Mittwoch noch geholfen, Flyer zu verteilen und am Donnerstag war ja dann die Demo. Also ziemlich zuf&#228;llig alles … es hat mit relativ wenig Leuten, so 200, 300 an der Votiv-Kirche angefangen und als wir im Audimax drinnen waren, wars komplett voll! &#8230; Ich hab’ dann gedacht, ‚ah ja, so ist es immer in Wien und in &#214;sterreich &#8230; nicht schlecht, hier geht was‘!“ Andreas beeindruckte die Stimmung im Audimax-Gang, welchen er von seiner „Studienanfangszeit“ „als den ganz gem&#252;tlichen heruntergekommenen Audimax-Gang“ kannte, der sich ver&#228;nderte und „im Laufe der Jahre wurde das dann dieser ‚sch&#246;ne‘ Schaukasten-Wirtschaftskarriere-Poster- h&#228;ngende“ Ort. „Und man geht wieder hinein und es ist alles verraucht (*lacht*). Es war ein sch&#246;nes Gef&#252;hl: so viele Leute und alle waren interessiert, was da passiert und alle m&#246;glichen sind ans Mikropult und haben ihre Meinung sagen k&#246;nnen … Es hat mich wachger&#252;ttelt. Es waren viele Leute, es war irrsinnig laut … Man hat ja gar nicht gewusst, wo man hin will. Und das ist aus den Aussagen auch rausgekommen, dass jeder so ein bissl wo anders hin will. Ja… aufgew&#252;hlt und selbst nicht so gewusst wo ich bin… hab’ dort so als Stimmung erfahren, dass total viel m&#246;glich ist &#8230; Es war aber gleichzeitig auch ein bisschen be&#228;ngstigend, weil irgendwie alles in Frage gestanden ist… also der normale Studienalltag.“ Gio, der von einer Freundin via SMS zur Besetzung mobilisiert wurde, hat sofort Getr&#228;nke und Essen gekauft und ist hingefahren. „Dann hat’s Probleme gegeben, dass ich &#252;berhaupt rein komm’, weil an dem Tag waren Polizisten dort und haben alles abgesperrt“. Es „hat eine Zeit gedauert bis ich rausgefunden hab’, um was es geht und was die Forderungen sind. Wie gesagt, ich bin das erste Semester in Wien. Da k&#246;nnte man sich denken ‚Erstsemestrige wissen noch gar nicht, um was es geht‘. Aber als Theater- und Film-Student hab ich eben viel mitgekriegt, wo die Probleme liegen und meiner Meinung nach muss man gar nicht Student sein, um sich zu solidarisieren und dahinter zu stehen.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„In welcher Form bringst du dich hier ein?“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">…war die zweite Frage, die wir gestellt haben. Dabei sind wir mit enorm vielen verschiedenen Motivationen und Begr&#252;ndungen, warum wer gerade wo mitarbeitet, konfrontiert worden. Ein guter Teil der Aktionen kam zuf&#228;llig und spontan zustande, weil jemand gerade zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort eine Idee hatte und diese dann auch umsetzen wollte. Andere waren von momentaner Lust und Laune motiviert und wieder andere haben sich genau &#252;berlegt, wie und wo sie ihre Ressourcen am optimalsten einsetzen k&#246;nnen. Eine Erfahrung, die alle Beteiligten gemacht haben ist, dass die Bet&#228;tigungsfelder sich immer ver&#228;ndert haben und jedeR in st&#228;ndiger Bewegung war. Tausende, Lehrende und andere solidarische Personen haben sich in weit &#252;ber hundert Arbeitsgruppen (AGs) eingebracht, Workshops und Veranstaltungen organisiert, haben Versorgung, Infrastruktur, Pressearbeit, bis hin zu psychischer Betreuung bereit gestellt und ein un&#252;berschaubares Konglomerat aus AktivistInnen und Aktivit&#228;ten gebildet. F&#252;r die Unzahl an unterschiedlichen Arten, wie sich Menschen in die Bewegung eingebracht haben, wollen wir einige Beispiele f&#252;r sich sprechen lassen. Gio: „Ich hab’ die ersten N&#228;chte nur als DJ gearbeitet, und da war Soli-Party bis tief in die Nacht und unglaublich viele Betrunkene und Randale und Beschmierereien. Dann hab ich mich in die AG [Abendgestaltung] eingebracht. Ich hab’ versucht, die Leute zu &#252;berzeugen, dass wir das Partygeschehen ein bisschen runter schrauben, dass das Audimax nicht zu <em>der</em> Party-Location in Wien wird.“ Oguz war vor allem in der „AG MigrantInnen und ArbeiterInnen“ aktiv: „Unsere Haltung ist in erster Linie anti-kapitalistisch, deswegen hei&#223;en wir ja auch „AG MigrantInnen und ArbeiterInnen”, weil die meisten, die aus Nicht-EUL&#228;ndern hier her migrieren, vor allem auch Studierende, dazu gezwungen sind, unter prek&#228;ren Bedingungen zu arbeiten. Und die kriegen auch keine Arbeitserlaubnis und deswegen haben wir uns so genannt.“ Diese AG brachte vor allem „Forderung migrantischer Gleichberechtigung“ ein, gegen „diese vielen Diskriminierungen gegen Nicht-EU-B&#252;rger… dass Studierende aus Nicht-EU-L&#228;ndern immer noch Studiengeb&#252;hren zahlen, fr&#252;her das Doppelte. Keine Arbeitserlaubnis; um das Visum zu verl&#228;ngern, musst du jedes Jahr 7200 Euro auf dem Konto haben und das wird jetzt auch diskutiert, dass man das Geld auch nicht sofort wieder abziehen darf, sondern dass das ein paar Monate drauf bleiben muss.“ Felix hat sich vor allem im Rahmen der „Squatting Teachers“ eingebracht: „Eine AG, die einerseits auf einer sehr konkreten Ebene organisiert, dass Lehrende, die sich einbringen m&#246;chten, auch wirklich mit Audimax, C1 und TU in Kontakt treten k&#246;nnen und dass das wirklich passiert. Andererseits wollten wir uns allgemeiner mit der Frage ‚wie k&#246;nnte kritische, emanzipatorische Wissensproduktion und Wissensvermittlung aussehen?‘ besch&#228;ftigen.” Anna ging es, wie so vielen anderen auch, so, dass sie hin und her gerissen war. „Gleich am Anfang hab’ ich eigentlich ein bisschen Info-Tisch gemacht, und dann war ich bei der AG R&#228;ume … am ehesten bin ich bei der AG Programm, obwohl ich das schon l&#228;nger nicht mehr mach’. Aber wenn ich da bin, dann werd’ ich noch immer mit dieser AG identifiziert und mach’ deren Arbeit. &#8230; Ich studier’ Jus und hab’ am Juridicum in der AG mitgearbeitet. Sonst mach’ ich halt, was so anf&#228;llt, f&#252;r Aktionen, Gespr&#228;chsvorbereitungen, da was checken&#8230; und so weiter. Auch in der neuen Presse-AG mach’ ich wahrscheinlich mit.“ Sie schildert eine f&#252;r viele AktivistInnen all zu bekannte Situation: „Gestern war der erste Tag, an dem ich gar nicht da war. Die ersten Wochen habe ich alle drei Tage mal zu Hause geschlafen, aber sonst war ich nicht zu Hause.” Was die Hyperaktivit&#228;t mit sich gebracht hat, zeigt auch der „Fall der AG Programm. Da war grad ein bisschen Flaute und die zwei, die das gemacht haben, waren ausgebrannt und die waren dann weg. Da gab’s dann eine neue AG und da bin ich hin. Info-Tisch war auch &#228;hnlich. Da ist das M&#228;dl gestanden und hat gemeint ‚oh Gott, oh Gott, wir brauchen Leute! Hilfe! Dableiben!‘“ und das hat Anna auch gemacht. Sie findet es selbstverst&#228;ndlich, sich &#252;berall einzubringen, wo gerade jemand gebraucht wird: „Wenn man so lang da ist, merkt man, wo Leute fehlen. Irgendwann gibt es halt niemanden, der das Plenum macht und dann machst halt mal das Plenum, oder was grad anf&#228;llt.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„&#220;berrollt von den Ereignissen“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Als n&#228;chstes hat uns interessiert, wie der Einfluss der T&#228;tigkeiten der jeweiligen AGs auf die Bewegung eingesch&#228;tzt wird. Gio der sich in die Gestaltung des Abendprogramms eingebracht hat, meint diesbez&#252;glich: „Ich w&#252;rd’ schon sagen, dass durch das Abendprogramm Leute angelockt wurden, die sich sonst nicht beteiligen w&#252;rden … Am Anfang war’s nicht so stark. Aber zum Beispiel mit <em>Ja, Panik!</em> und <em>Luise Pop</em>, also gr&#246;&#223;eren Acts, ist der Einfluss schon vergr&#246;&#223;ert worden, weil’s dann doch ein wichtiger Punkt wurde, der in der Presse behandelt wurde.“ Au&#223;er den erw&#228;hnten AktivistInnen und Unterst&#252;tzerInnen kann sich generell die gro&#223;e Anzahl an solidarischen ‚BesucherInnen‘ sehen lassen, die sich beteiligt haben: in Form von Vortr&#228;gen, Konzerten, Performances, oder einfach nur, um ihre Solidarit&#228;t pers&#246;nlich kund zu tun: Anti-Flag, Female Pressure, Hans S&#246;llner, Josef Hader, Christian Felber, Klaus Werner Lobo, Corinna Milborn, Jean Ziegler, Alex Calinicos, Chanie Rosenberg, die Kindergartenp&#228;dagogInnen des Kollektiv Kindergartenaufstand, Robert Menasse, Beat Weber, Hubsi Kramar, Florian Scheuba…<span> </span>Sarah erkl&#228;rt, dass sich der Einfluss ihrer Psychologie-Instituts- AG ver&#228;ndert hat, weil sich die Bewegung „dezentralisiert“ hat: „Das Audimax war der Ausgangspunkt und das hat sich einfach ge&#228;ndert, dass es jetzt einfach mehrere Basisstellen gibt auf den Instituten … Deswegen finde ich es wichtig, dass da jetzt etwas passiert. Ich habe in sechs Jahren Studium noch nie so politische Leute kennen gelernt, auf der Psychologie, und das ist dann auch toll, die zu treffen.“ Lisa hat „das Gef&#252;hl, Einfluss zu haben, bis zu einem gewissen Grad.“ Letzteres erkl&#228;rt sie folgenderma&#223;en: „Aber nur, weil ich auch das Gef&#252;hl hab’, dass man diese Bewegung einfach nicht einsch&#228;tzen kann. Diese Bewegung &#252;berholt dich immer wieder, du wirst &#252;berrollt von den Ereignissen und ich glaub’ auch, dass das eine Bewegung ausmacht, dass das einfach nicht so vorhersehbar ist, dass sie sich nicht vorne hertreiben l&#228;sst, sondern dich vorne hertreibt. Und ich glaub’, das ist das, was einfach so faszinierend ist: dass du einfach einen Abend nicht da bist und du kommst am n&#228;chsten Tag und es ist alles anders. Ob das jetzt gut ist oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Aber ich glaube, dass die Bewegung so eine Dynamik hat, dass nie einzelne Personen oder Gruppen, AGs wirklich diese Bewegung vereinnahmen k&#246;nnten, da sich die Menschen dagegen wehren w&#252;rden… Als wir eben 2000 oder 3000 Leute, beziehungsweise &#252;ber den Tag verteilt 10.000 Leute im Audimax hatten, da war das nochmal eine ganz andere Situation. Ich denk’, die Leute, die &#252;brig geblieben sind, von den Personen, die am Anfang da waren, sind die Menschen, die sich vorher auch viel auseinandergesetzt haben. So denk’ ich, dass jetzt momentan Menschen, die sich mit den Perspektiven [der Proteste] auseinandersetzen, grade weil die Bewegung Perspektiven braucht, schon einen gr&#246;&#223;eren Einfluss haben, als am Anfang.“ Auch Sebastian war es bald unm&#246;glich, sich so intensiv wie am Anfang einzubringen: „Es war mir mit der Zeit, vom Arbeiten her, zu stressig. Ich hab das nicht mehr unter einen Hut bringen k&#246;nnen. Es ist eine Zeit lang gut gegangen, nach einer gewissen Zeit hab’ ich mich dann wieder zur&#252;ckziehen m&#252;ssen, ich muss halt auch f&#252;r die Berufsschule lernen.“ Reza hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bez&#252;glich der Arbeit der AG Iran, in der er sich engagiert hat, waren „die R&#252;ckmeldungen sehr positiv, auch von wildfremden Leuten, die … gemeint haben, das, was du zum Iran gesagt hast, war gut und spannend und spitze, und sie wollen bei der AG mitmachen, oder w&#252;rden sich f&#252;r ein Referat interessieren“. Angesprochen auf die T&#228;tigkeiten der Organisation, in der er Mitglied ist – die Revolution&#228;r Sozialistische Organisation (RSO) – und die auch im Audimax pr&#228;sent war, meint er, dass es dazu „fast schon Anfeindungen“ gab und „dass teilweise sehr laute Stimmen gegen Organisiertheit aufgetreten sind. W&#252;rde aber auf keinen Fall sagen, dass die repr&#228;sentativ f&#252;r die Bewegung sind.“ Bez&#252;glich der Arbeit in den AGs – nicht zuletzt Uni-&#252;bergreifend – konnten ebenfalls Ver&#228;nderungen festgestellt werden. So h&#228;lt Michael f&#252;r die Situation an der TU fest: „Es gibt definitiv AGs, die Einfluss aus&#252;ben, weil sie &#246;ffentlich sichtbar sind. Zum Beispiel die AG Protestwelle: wenn die eine Demonstration organisiert, oder Flyer macht, dann ist das ein sichtbares Ding. Was man im Moment wahrscheinlich nicht sieht, ist die Hintergrundarbeit von der AG Forderungen beziehungsweise von der AG Gesellschaftsbild/ Bildungsgesellschaft, welche wir auf der TU haben, und die eine extrem spannende AG ist. Das sind eher langfristige Zielsetzungen, die dabei verfolgt werden, und da muss man schauen, was in den n&#228;chsten Monaten an Output kommt… Das Ganze ist von einem Mobilisierungs-Charakter in einen Arbeits-Charakter gewandelt worden, wenn man das so sehen will.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Alle Macht den Arbeitsgruppen!’“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">So unterschiedlich die Zug&#228;nge zu dieser Bewegung waren, so deutlich kristallisierte sich, zumindest dem Namen nach, ein Konzept von Demokratie heraus, das hier – gem&#228;&#223; der Meinung aller Interviewten – vorherrschte und den Charakter der Bewegung pr&#228;gte: Basisdemokratie. Das Wort wurde von allen, bis hin zur b&#252;rgerlichen Presse und der Bundesregierung &#252;bernommen, und als ein wichtiges Charakteristikum der Bewegung herausgestrichen. Aber was ist unter Basisdemokratie genau zu verstehen? So viele Personen wir gefragt haben, so viele unterschiedliche Definitionen haben wir bekommen: von „wenn keine bestimmte Person &#252;ber anderen Personen steht“ &#252;ber „die M&#246;glichkeit eines konstanten Diskurses“ und „dass man seine Meinung &#228;u&#223;ern kann“ bis hin zu „Individualterrorismus, … dass jeder, dem’s halt nicht passt ein Veto einlegen kann“. Besonders wichtig dabei sei, dass „jeder Einzelne bei allen Entscheidungen ein Mitentscheidungsrecht hat“, meinte zum Beispiel Sarah von der Psychologie, beziehungsweise, dass „die Menschen, die an einer Entscheidung beteiligt sind, am Ende auch das Gef&#252;hl haben, dass es ihre Entscheidung ist und nicht die Entscheidung, die &#252;ber ihre K&#246;pfe hinweg getroffen worden ist“, erkl&#228;rt die Aktivistin Lisa. Eine Situation im Audimax, die die unterschiedlichen Auffassungen von Basisdemokratie in der Praxis gut illustriert, schildert Reza: „Zum Beispiel hab ich vorhin schon die Abstimmung nach dieser Soli-Resolution f&#252;r die iranischen Studentinnen angesprochen. Da war’s wirklich so, dass ich von der B&#252;hne gekommen bin und so ein wirklicher Basisdemokratie-Freak zu mir gekommen ist und gemeint hat: ‚wie jetzt? mit einer Gegenstimme angenommen worden?’. Und ich hab’ gesagt ‚ja eine Gegenstimme gab’s halt’. Und hab’ die Frage gar nicht verstanden. Dann hat er gemeint: ‚Warum ist das nicht ausdiskutiert worden?’ und dann hab ich gemeint ‚ja, ich hab’ eh gesagt, gibt’s dazu noch Wortmeldungen’ und wollt’ dem Raum einr&#228;umen, um das zu diskutieren. Dann gab’s keine Wortmeldungen und er hat gemeint, ‚den h&#228;tt’ man doch auffordern m&#252;ssen, dass er mit seiner Kritik herangeht.’ Und ich hab’ gemeint ‚den kann man ja nicht zwingen’ und ich meine: 799 zu eins (wenn man von 800 Personen im vollen Audimax ausgeht Anm. d. Red) ist f&#252;r mich ein relativ klares Verh&#228;ltnis.“ Nachdem es offenbar sehr viele Missverst&#228;ndnisse und Konflikte um das Thema (Basis-)Demokratie gab, die nicht zuletzt der politischen Heterogenit&#228;t dieser Bewegung geschuldet waren, ist es erstaunlich, dass sich ein bestimmtes, recht diffuses Konzept so durchsetzen konnte, dass damit so produktiv &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum gearbeitet werden konnte. Lisa: „Besonders faszinierend finde ich halt, dass Menschen, die sich noch nie mit basisdemokratischer Entscheidungsfindung auseinandergesetzt haben, hier pl&#246;tzlich basisdemokratisch handeln und zum Teil hab’ ich auch das Gef&#252;hl, dass das auch von einem Impuls ausgeht und nicht unbedingt von einem theoretischen Hintergrund. Und das ist das, was, glaub’ ich, niemand so erwartet h&#228;tte, dass das so weit aufgenommen wird. Demokratie in dem Sinne, wie dieses System laufen sollte und zum Teil auch immer noch l&#228;uft mit diesem ‚alle Macht den Arbeitsgruppen!’“ An dieser Form der Entscheidungsfindung wurde allerdings bem&#228;ngelt, dass, wie Sebastian sagt „bei manchen Plena gewisse wichtige Themen nur zur H&#228;lfte behandelt wurden, aber gewisse Themen, die eigentlich unn&#246;tig sind, sich gleichzeitig endlos gezogen haben. Also so Sachen, dass Leute abstimmen mussten, ob man jetzt zehn Packungen Schei&#223;hauspapier einkauft“. Auch Reza kritisiert, „dass Leute, die berufst&#228;tig sind, oder bei denen ein Stipendium auf dem Spiel steht, die Kinder haben oder andere Pflichten, dass diese Leute dann eben von so Entscheidungsfindungen komplett ausgeklammert werden“. Trotz dieser Einw&#228;nde wurde &#252;ber Monate hinweg nach diesem Prinzip gearbeitet. Dies scheint einen tiefen Eindruck bei den Beteiligten hinterlassen zu haben. So ist diese Organisationsform f&#252;r Sarah ein wichtiger Faktor f&#252;r die St&#228;rke der Bewegung: „Also, es dauert halt alles immer ein bisschen l&#228;nger, &#252;ber irgendwas zu diskutieren oder Entscheidungen zu treffen. Aber es funktioniert gut. Und dieses Basisdemokratische ist auch genau der Grund, warum das schon so lange geht und warum so viele Menschen mittun … weil dann auch jeder einzelne irgendwie selbst Verantwortung zeigen muss oder auch zeigen kann, ja, und auch irgendwie das Gef&#252;hl kriegt, auch was Wichtiges beizutragen.“</p>
<p class="MsoNormal">Felix von den Squatting Teachers stellt das auch in einen l&#228;ngerfristigen Zusammenhang politischen Arbeitens: „Einerseits versteh’ ich FreundInnen, die nach stundenlangen AGs entnervt wegen der basisdemokratischen Entscheidungsfindung die Gruppe verlassen haben, aber es hat sich gezeigt, dass tats&#228;chliche politische Praxis viel mehr ist als nur clevere politische Positionen zu entwickeln… Die Frage, wie geht man mit Leuten weiter, mit denen man was tun will, die aber andere Positionen haben. Das sind Skills, die total wichtig sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss. So gesehen sind die m&#252;hseligen Plena eine wichtige Erfahrung, obwohl es viel Energie geraubt hat. Das nehm’ ich auf jeden Fall als Frage mit.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Und jetzt fangen wir an, Bedingungen zu stellen!“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Das Thema Demokratie war aber nicht die einzig umstrittene Frage innerhalb der Bewegung. Wir haben nach wich tigen Debatten und umk&#228;mpften Fragen im und rund um das Audimax gefragt und versucht, hier die wichtigsten Konfliktlinien herauszuarbeiten. Da w&#228;re zun&#228;chst einmal die Frage der Strategie. F&#252;r Anna ist das die Frage: „… wie unterschiedlich die Haltung zu Verhandlungen ist. Wie konstruktiv man ist. Wobei das vielleicht auch keine direkten Unterschiede sind, sondern eine Frage des Ma&#223;es, weil viele sagen: Okay, die Angebote, die wir bis jetzt bekommen haben, sind so l&#228;cherlich, dass wir &#252;berhaupt nicht auf sie eingehen. Das kann auch konstruktiv sein, wenn es hei&#223;t, wir warten auf was Besseres. Viele sagen aber wieder, das ist unkonstruktiv und wir m&#252;ssen gleich verhandeln.“ Oder f&#252;r Sarah, die sich Gedanken dar&#252;ber macht, ob die Form der Besetzung eine gute Protestform darstellt: „Also, mit der Besetzung sind ja viele nicht einverstanden. Oder viele, wei&#223; ich gar nicht, aber zumindest gibt es eine <em>Facebook</em>-Gruppe namens „Studieren statt blockieren“ wo mittlerweile 25.000 Fans dabei sind und das sind halt die, die sagen, sie finden das nicht okay, wie das abl&#228;uft, weil eben H&#246;rs&#228;le besetzt werden und dass das halt nicht okay ist … Ich denke mir, es w&#228;re anders nicht gegangen, also gerade die Besetzung hat eben so eine mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dadurch ist das ja alles ins Rollen gekommen, anders w&#228;re das gar nicht gegangen, ist meine Meinung.“ Oguz von der AG MigrantInnen und ArbeiterInnen ist dagegen der Meinung, dass sich jegliche z&#246;gerliche Haltung vollkommen er&#252;brigt „N&#246;! Wir sind hier die Streikenden und streiken eben genau dagegen, dass uns der b&#252;rgerliche Staat die Bedingungen stellt. Und jetzt fangen wir an, Bedingungen zu stellen!“ Das sind Debatten zum Thema: Wie erreichen wir unsere Ziele? Die h&#228;ngen aber nicht zuletzt mit den inhaltlichen Fragen, wie weit unsere Ziele denn gefasst sind, zusammen. Dazu meint Felix von den Squatting Teachers: „Ja, die PragmatikerInnen haben gemeint, die gesamtgesellschaftliche Haltung schadet der Bewegung, weil sie ablenkt von konkreten Forderungen, also ‚nicht &#252;ber Kapitalismus reden, sondern &#252;ber Studienbedingungen’. Die Radikaleren, die ich auch als die Vern&#252;nftigeren sehen w&#252;rde, meinen dann eher: ‚Ohne gesellschaftliche Einbettung wird man nicht sehr weit kommen’, weil dann besteht die Gefahr von kleinen Zugest&#228;ndnissen, die im Endeffekt nicht viel ver&#228;ndern. Zum Beispiel die Reihe von Solidarisierungen: Dass sich bis zum Rektorenchef Badelt alle solidarisch erkl&#228;ren k&#246;nnen, h&#228;ngt an der Forderung, dass die Unis mehr Geld brauchen, ohne im gleichen Atemzug die Demokratisierung zu erw&#228;hnen! Also man muss das einbetten, damit es eben nicht zu so einer Vereinnahmung durch diese Leute kommt!“ Andere hingegen standen der Frage der inhaltlichen Ausweitung mit gr&#246;&#223;erer Skepsis gegen&#252;ber. Andreas, der ein Theaterst&#252;ck &#252;ber Leistungsdruck an der Uni geschrieben hat, &#252;berlegt sich dazu Folgendes: „Ja und dann hab’ ich den Eindruck, ist die Bildungsdiskussion zur gesellschaftspolitischen Diskussion geworden. Was seine Berechtigung hat, was aber dann schnell ausufern kann. Solidarisierungen mit verschiedenen Gruppierungen haben ihre Berechtigung, wenn’s um den Kampf um Freiheiten geht. Aber das kann man dann ganz schwer konkret festmachen. Wenn jetzt die Metaller streiken, dann geht’s da um Lohnerh&#246;hungen, inwiefern das jetzt mit dem Unisystem in &#214;sterreich zu verbinden ist, ist nicht ganz so leicht zu denken. Dieses gesellschaftspolitische Ding ist ganz schnell ausgeufert, auch mit ganz klaren ideologischen Aussagen. Nat&#252;rlich, das Bildungssystem steht in einem kapitalistischen Zusammenhang, wir sind in einer Welt, die &#246;konomisch funktioniert, … ja, um die Bildung reformieren, braucht’s aber nicht notwendigerweise einen Sturz vom Wirtschaftssystem. Also ich find’ das sehr heterogen, die ganze Debatte. Aber sie ist ein Zeichen, und grad weil auch Kinderg&#228;rtnerInnen, Metaller und andere Gruppierungen sich im Zuge dessen auch wieder zu Wort gemeldet haben, glaub’ ich, dass sehr viel Wut vorhanden ist in den Menschen. Dass sehr viel nicht stimmt.“ Die Debatte um die Einbeziehung gesellschaftspolitischer Themen ist nicht nur eine um AkteurInnen, sondern eine, die sich &#252;ber die Zeit ver&#228;ndert hat, meint Lisa: „Ich glaub’, dass diese zentralen Debatten und Diskussionen sich ganz stark ver&#228;ndert haben w&#228;hrend den letzten Wochen. W&#228;hrend am Anfang schon ganz stark die Sachen im Vordergrund standen, die sich wirklich mit dem Bildungsthema in allererster Linie besch&#228;ftigt haben, kommen jetzt – glaub’ ich – auch gesamtgesellschaftliche Fragen in die Debatten.“ Auch Sebastian, Lehrling und bei der <em>Sozialistischen Jugend</em> aktiv, stellt die Frage, „ob die Bewegung denn jetzt links ist?“ – und genau das wird in den skizzierten Debatten verhandelt</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Antisexismus muss ein Prinzip sein!“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Der Umgang mit Geschlechterverh&#228;ltnissen stellte ein wichtiges Thema innerhalb der Bewegung dar. Nicht zuletzt spiegelten diese sowohl die gegebenen Machtverh&#228;ltnisse im universit&#228;ren Feld, als auch die Pr&#228;senz feministischer Positionen auf den jeweiligen Universit&#228;ten wider. So beschreibt Michael den Protest an der TU als „stark m&#228;nnlich dominiert“, w&#228;hrend Sarah die Beteiligung von Studentinnen und Studenten an der Bewegung an der Hauptuni als „ausgeglichen“ empfindet. Dass dies jedoch nicht nur ein Abbild der bestehenden Verh&#228;ltnisse darstellt, zeigen die harten Debatten um das Thema Anti-Sexismus und Feminismus im und um das Audimax. So meint etwa Oguz: „Dass es Sexismus in der Bewegung gibt, braucht ja auch keine gro&#223;e logische Ableitung. Es ist offensichtlich, wenn die Gruppe [AG Frauen*Lesben*] vorne steht und meint, wir wollen eine Frauen-Quote von 50% und dann gibts zwei Wochen Diskussion&#8230; auf Facebook gab’s dann so Sachen zu lesen wie ‚Lesben-Nazis‘ und sowas &#8230; das ist totaler Schwachsinn! Das ist der objektive Beweis, dass es Sexismus gibt.“ Auch Reza ist „schockiert, weil vermeintlich aufgekl&#228;rte, gebildete, kritische Menschen im Plenum sitzen und trotzdem Wortmeldungen von feministischen Frauen mit Buh-Rufen und sexistischen Meldungen quittiert worden sind. Es hat auch &#220;bergriffe gegeben, gegen die nicht mit der notwendigen Vehemenz vorgegangen wurde.“ In den ersten Wochen wurden Sexismen und &#220;bergriffe vor allem von der AG Frauen*Lesben* aufgegriffen, politisiert und im Laufe der Bewegung daf&#252;r auch immer wieder vehement Raum eingefordert. Die Art und Weise, wie dies geschehen ist, war – auch unter FeministInnen – umstritten. So meint etwa Anna, dass „das am Anfang echt brutal gebracht worden ist&#8230; Ich glaube, das hat auch einen echten Diskurs dar&#252;ber verhindert“. Felix dagegen ist der Ansicht, dass „das total wichtig war, dass es diese Gruppen gab und dass die auch nach au&#223;en feministische Forderungen eingefordert haben, zu sagen: diese Bewegung ist entweder feministisch oder nicht links. … Da muss man sehen, dass es Leute gibt, die feministische Positionen auf diese Art und Weise einbringen und die sind auch Teil der Bewegung. Ich kann dieser Radikalit&#228;t auch was abgewinnen, diesem Nichtdiskutieren- Wollen&#8230; aber ich versteh’ diese Kritik.“ F&#252;r Lisa sind feministische Positionierungen auch Grundvoraussetzung f&#252;r das Funktionieren einer emanzipatorischen (Basis-)Demokratie: „Da ist halt die Unterscheidung zwischen Prinzip und Forderung, die ganz wichtig ist. Es ist etwas, was ich immer wieder wiederhol’: Antisexismus, Antirassismus <em>muss ein Prinzip sein</em>, es kann keine Forderung sein.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Alle Forderungen sind umk&#228;mpft“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Apropos Forderungen: Gefragt nach den f&#252;r sie pers&#246;nlich wichtigsten Forderungen wurden von den Interviewten h&#246;chst unterschiedliche Priorit&#228;ten gesetzt. Einige hatten sehr konkrete Vorstellungen. So forderte Michael „mehr als zwei Prozent des BIP f&#252;r Bildung“ und Andreas „dass es statt Erweiterungscurricula<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> freie Wahlf&#228;cher, und statt STEPs<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> freie Module“ geben m&#252;sse. Viele pers&#246;nliche Forderungen bezogen sich auf „ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf Bildung“. Sebastian: „Bildung ist ein Menschenrecht und ein Menschenrecht darf nix kosten“. Gio betont „die soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem, dass keiner bevorzugt wird, egal welcher ethnischen Herkunft“. Anna ist vor allem gegen „diese Kommerzialisierung, diese &#220;berschreibung durch wirtschaftliche Interessen“, denn „das ist ein allgemeiner Trend und gerade bei Unis ist der sehr gef&#228;hrlich. Ich denke, dass es seit es Universit&#228;ten gibt, keine derartige zweckgebundene Bildung gab“. Dar&#252;ber hinaus fordert Felix eine „gesamtgesellschaftliche Debatte“ ein und Lisa setzt darauf, „dass sich hier eine emanzipatorische Bewegung entwickelt … die sich als internationale emanzipatorische Bewegung versteht.“ Die Forderungen waren st&#228;ndig in Entwicklung begriffen. Auf die Nachfrage, welche denn die umstrittensten waren, rekapitulierte beispielsweise Michael von der TU Wien: „Die umk&#228;mpftesten Forderungen waren… es waren alle Forderungen umk&#228;mpft und sie sind umk&#228;mpft – das ist eine unglaubliche St&#228;rke.“ Selbst &#252;ber Studiengeb&#252;hren, deren Abschaffung lange Zeit als einziges hochschulpolitisches Ziel pr&#228;sent war, und &#252;ber die f&#252;r Lisa „ein gemeinsamer Konsens“ besteht, wurde wieder diskutiert. Beispielsweise meint Michael von der TU: „Also es hat mich pers&#246;nlich erstaunt, dass teilweise gleich in der ersten Diskussionsrunde &#252;ber die Forderungen die Frage der Studiengeb&#252;hren wieder aufgeworfen wurde und ein gewisser Anteil von Personen, die sich an dieser Diskussionsrunde beteiligt haben, gemeint haben, wir brauchen Studiengeb&#252;hren in der H&#246;he von 30.000 Euro, die dann irgendwie wieder &#252;ber Sozialstaffelungen den sozial Bed&#252;rftigen r&#252;ckerstattet werden.“ In diesem Kontext war die gemeinsame Forderung nach freier Bildung erneut mit Inhalt zu f&#252;llen. Sarah: „F&#252;r mich ist freie Bildung am wichtigsten. Also, freie Bildung hei&#223;t f&#252;r mich, dass sich jeder bilden kann, in dem Bereich, der ihn interessiert und das hei&#223;t auch, dass eben Themenvielfalt herrscht. Also, das hei&#223;t auch, dass ich mir aussuchen kann bis zu einem gewissen Grad, was, welche F&#228;cher mag ich jetzt machen, welche mag ich nicht machen, also das finde ich wichtig. Ja, freie Bildung und auch Forschung nat&#252;rlich.“ Eine weitere Debatte betraf die Einsch&#228;tzung des Bologna- Prozesses. Dazu meint Gio aus der AG Abendgestaltung, dass „sich die meisten ja doch nicht so gut auskennen damit, ob man den ganz abschaffen soll oder ob man den bearbeiten soll.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Eine Frage, die sehr fr&#252;h auftauchte, war die der Solidarisierung oder Vernetzung mit anderen politischen K&#228;mpfen, die M&#246;glichkeiten und Chancen der Ausweitung der Proteste auf andere Teile der Gesellschaft, wobei neben den Sch&#252;lerInnen drei Gruppen ins Auge fielen: Zum einen die Gewerkschaften Metall-Textil-Nahrung sowie Druck-Journalismus- Papier, die sich im Herbst in teils ungewohnt harten Kollektivvertragsverhandlungen befanden. Zum anderen die Kindergartenp&#228;dagogInnen, „die eigenst&#228;ndig Demonstrationen auf die Beine gestellt haben, die auch recht gro&#223; waren, die recht k&#228;mpferisch waren und es gab’ auch eine gemeinsame Aktion“. Mit der Zeit wurde die „Bildungsbewegung“ auch von einer anderen Thematik eingeholt: Eine immer gr&#246;&#223;ere Zahl von Obdachlosen suchte und fand Unterschlupf im Audimax. In Folge enstanden einige Aktionen mit den Obdachlosen und gemeinsame Demonstrationen fanden statt. Anna findet es „cool, dass sich das so mit der Obdachlosen-Frage verbunden hat: die sind jetzt da, die kennen wir, die sehen wir jeden Tag. Das ist jetzt auf jeden Fall ein Teil der Bewegung, weil da sieht man, was mit freien R&#228;umen passiert… Dass, wenn man – wie hier – mal einen Raum ge&#246;ffnet hat, auch Leute kommen, die hier schlafen wollen, verweist auf ein gro&#223;es gesellschaftliches Problem. Das ist auch zu unserem Thema geworden.“ Ihre allgemeine Einsch&#228;tzung bez&#252;glich einer Ausweitung der Bewegung formuliert sie folgenderma&#223;en: „Ich glaube, wir kommen nicht direkt zu den ArbeiterInnen, aber &#252;ber diese ganzen Verbindungen – Schule, Kindergarten, Prekarit&#228;t des Mittelbaus… – das h&#228;ngt alles schon sehr zusammen… und so kann das Ganze schon sehr gro&#223; werden, wenn man es wirklich in den Kontexten sieht.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Schei&#223;e, das geht echt!“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Die wohl gr&#246;&#223;ten – und wohl nicht zuf&#228;lligen – inhaltlichen &#220;bereinstimmungen in den Antworten gab es auf die Frage, was denn als Erfolg der Proteste bezeichnet werden k&#246;nnte. So wurde zum einen noch einmal explizit auf die Erf&#252;llung der konkreten Forderungen verwiesen, denn – wie es Anna formuliert – „die bleiben ja auch… Mir fallen jetzt nach und nach weitere Forderungen ein, weil ich mir vorher ja nie so wirklich gedacht hab: was st&#246;rt mich denn eigentlich wirklich?“ So meint auch Felix von den <em>Squatting Teachers</em> mit dem Hinweis, dass dieses Thema in den letzten Wochen nicht zuletzt viele „Bier-Runden“ besch&#228;ftigt hat: „Auch wenn ich das nicht darauf reduzieren m&#246;chte, f&#228;nde ich’s gut, wenn diese unseligen STEPs abgeschafft werden und von offizieller Seite eingestanden wird: Das war ein Fehler! Die Studis haben das abgeschafft! Dann g&#228;b’s noch mehr: Demokratisierung, mehr Ressourcen, weg von dieser Prekarisierung, der Uni als prek&#228;rem Arbeitsort. Da sollten wir hin.“ Zum anderen wurden die Proteste selbst als Erfolg hervorgehoben – ihre konkrete Ausgestaltung und Organisation, sowie ihre breitere Resonanz und ihre Bedeutung als Bezugspunkt und Identifikationsmoment f&#252;r zuk&#252;nftige emanzipatorische Projekte wurden betont. In diesem Sinne meint auch Felix, dass „schon viel geschafft wurde: Die Debatten sind schon ein Sieg. Was wird &#246;ffentlich diskutiert&#8230; im Vergleich zu ein paar Wochen vorher! Bis in die Wohnzimmer ist das ein Thema! Auch Studierende k&#246;nnen mit ihren Eltern anders reden, weil sie ein back-up haben, daf&#252;r dass sie Orchideen-F&#228;cher studieren. Also dass diesem schleichendem &#220;bernehmen von so neoliberalen Ideen schon was entgegengesetzt wird. Das ist gut als Kontext f&#252;r Dinge, die jetzt noch passieren werden und passieren… Man wei&#223; einfach nicht, wohin sich das ver&#228;stelt und was da noch passieren kann&#8230; Ich glaub’, diese Proteste haben eine Generation von Studierenden geschaffen, die dadurch ein bisschen problematischer sind f&#252;r die Welt, als sie es w&#228;ren, wenn es das nicht gegeben h&#228;tte. So ist zum Beispiel das wahre Problem mit dem bedingungslosen Grundeinkommen nicht, dass die Leute aufh&#246;ren werden zu arbeiten. Sondern das, wovor die da oben wirklich Angst haben m&#252;ssen, ist: Was werden die Leute in ihrer Freizeit tun, was f&#252;r emanzipative Prozesse werden sich da entwickeln. Ich glaub’, das hat diese Bewegung diesen Leuten schon klar gemacht, dass sie irrsinnig viel auf die Beine stellen k&#246;nnen. Ich glaub’, dass das viele Leute &#252;berrascht hat, was sie selber eigentlich k&#246;nnen, wenn sie mal nicht nur Tests bestehen und Deadlines einhalten m&#252;ssen, sondern wenn es ihnen &#252;berlassen wird. Insofern bin ich auch der Meinung, dass da wirklich ganz viel passiert ist! … Man hat eine neue Situation und von dort wird dann weiter gearbeitet. Alles andere w&#228;re eine falsche Sicht auf politische Praxis.“ Auch Anna formuliert dies mit dem Hinweis auf die konkrete Arbeitsweise im Zuge der Proteste: „Ich sehe es schon als Erfolg, dass hier irrsinnig stark vernetzt wurde zwischen Leuten, die was machen. … Ich denke, die Leute, die jetzt so viel da waren, da kann ich mir nicht vorstellen, dass sich das jetzt einfach so aufl&#246;st. Das ist so eine Schicksalsgemeinschaft geworden, wir haben alle Krisen gemeinsam erlebt… also da bleibt sicher eine Art Netzwerk. Auch eine starke Politisierung … Dass sich die Leute auch mit dem Uni-Gesetz auseinandergesetzt haben. Ich erwarte mir auch eine andere Einstellung zur Raum-Nutzung. Also so das ‚wir bleiben jetzt einfach mal da und machen‘. Und zu merken: Wir k&#246;nnen wirklich! Wir haben irrsinnig viel aufgebaut und gelernt: konkrete Presse-Arbeit oder die Betreuung der Homepage. … Das sind Sachen, wo du dir denkst, ‚schei&#223;e, das geht echt. Wir k&#246;nnen was auf die Beine stellen‘, dieses Empowerment.“ Schlie&#223;ich verweist Oguz von der AG MigrantInnen und ArbeiterInnen auch darauf, dass es ein Erfolg w&#228;re, „wenn man f&#252;r den Bologna-Gipfel im M&#228;rz nochmal was &#228;hnliches machen k&#246;nnte.“ Eben diese Aspekte der erfolgreichen politischen Mobilisierung sowie der Selbstorganisation werden wiederum zum Thema, als wir nach den beeindruckendsten Erfahrungen fragen. So nennt hier Michael von der TU nicht als einziger die gro&#223;en Demonstrationen. „Weil einfach … man sitzt irgendwo in einem K&#228;mmerchen, arbeitet die ganze Zeit darauf hin, man telefoniert raus, mit irgendwelchen Personen und versucht zu mobilisieren und dann geht man raus auf die Stra&#223;e und pl&#246;tzlich hat man da tausendeMenschen. Also mich hat das … ich hab jedes Mal einen Schauder bekommen, wie ich die ganzen Menschen gesehen hab, beziehungsweise wie ich gesehen hab, wer aller mitgeht bei dem Demozug. Und das finde ich &#8230; Also es sind immer so … so kleine Punkte die mich riesig freuen.“ Schlie&#223;lich f&#252;gt er noch das „ordentlich Feiern“ dazu „… weil man sich einfach auch belohnen muss“ und nennt damit wohl einen Punkt, dem die meisten Beteiligten ebenfalls keinen geringen Stellenwert zukommen lassen w&#252;rden. Reza bezieht sich wiederum auf die Stimmung und die konkrete Selbstorganisation (nicht nur) im Audimax: „Am beindruckendsten war sicher die erste Zeit, der erste Tag im Audimax, im besetzten, wo’s &#252;berall herumgewurlt hat und wo im verschlafen &#214;sterreich endlich wieder die Lust an politischer Aktivit&#228;t an den Leuten zu sp&#252;ren war &#8230; Auch der Punkt, dass ganz viele Leute eben ganz viel Energie und ganz viel Arbeit auch in die Sache gesteckt haben: Das Klo geputzt haben, die VoK&#252; am Leben erhalten haben. Was eben auch zeigt, dass Arbeit an sich eben nicht oasch sein muss und dass das abh&#228;ngig ist, eben von ganz konkreten Umst&#228;nden und man das Gef&#252;hl hat, dass man das in einem Kontext macht, wo’s sinnvoll ist. Kloputzen f&#252;r politische MitstreiterInnen macht halt viel mehr Spa&#223; als Kloputzen f&#252;r irgendwelche Oaschl&#246;cher, die die Arbeit &#252;berhaupt nicht sch&#228;tzen, also Lohnarbeit.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Die Welt, wie sie aussehen k&#246;nnte“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Schlie&#223;lich haben wir danach gefragt, was von diesen Protesten mitgenommen wird und ob bzw. was sich im Bezug auf das politische (Selbst-)Verst&#228;ndnis ge&#228;ndert hat. Ein wichtiger Begriff dabei war zum ersten schlichtweg „Mut“, wie es Sarah vom Psychologie-Institut mit den Worten auf den Punkt bringt: „Ja, irgendwie … mehr Mut habe ich wahrscheinlich, ja, ich habe auch mehr Mut gelernt.“ Auch Andreas von der Theater-AG betont dies im Kontext der gemeinsamen Arbeit: „Ja, wenn man was machen will, dann kann man auch was machen. Man muss sich nur auf die F&#252;&#223;e stellen. Man kann Leute finden, die einem helfen… Es hat Mut gemacht, diese drei Wochen, dass man sich selbst fragt, wo steht man und wenn man sich positioniert hat, dann kann man das auch &#228;u&#223;ern.“ Einen Aspekt, den Gio schlichtweg mit „Selbstorganisierung, halt“ kommentiert. Des Weiteren wird hier der Umstand genannt, dass wohl die Wenigsten mit den Protesten in dieser Form und diesem Ausma&#223; gerechnet hatten. So formuliert es etwa Michael, wenn er erkl&#228;rt, dass er sich davor zwar auch als politischen Menschen gesehen und immer wieder die Diskussion gesucht hat, „aber ich hab’ nie geglaubt, dass ich etwas ver&#228;ndern kann. Durch die Proteste hab’ ich gelernt, dass es m&#246;glich ist als einzelne Person im Rahmen von etwas gr&#246;&#223;erem etwas zu schaffen.“ Auch Lisa res&#252;miert vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung als politische Aktivistin: „Erwarte das Unerwartete! Glaub’ nie, dass du irgendwie sicher sein kannst, selbst wenn du deine tausend Theorien im Kopf hast, tausend Plena die Woche, selbst wenn du dir denkst ‚hmm, hmm, passiert nix‘… gib nicht auf!“ Dass diese Erfahrung nicht zuletzt auch einen wichtigen Impuls f&#252;r zuk&#252;nftige Projekte und Bewegungen darstellt, betont Sebastian: „Ich glaube, die Linke an sich wird in &#214;sterreich nachher nicht mehr dieselbe sein, die sie davor war.“ Schlie&#223;lich fasst Felix die breit geteilte Euphorie in Worte: „Das zu sehen, dass da so ein ‚Staat im Staat‘ errichtet wurde von den Studierenden. Dass es Tage gab, wo es am Abend sieben Arbeitsgruppen mehr gab als in der Fr&#252;h und da wirklich viel passiert ist. Auch die Basisdemokratie, dass es Gruppen gab, die das wirklich zu einem emanzipatorischen Projekt gemacht haben. Es war toll, diese Vielf&#228;ltigkeit von politischer Praxis mitzuerleben: also vom theoretischen &#220;berlegen, was hat Bologna mit Rassismus zu tun; danach in einem zugigen, kalten H&#246;rsaal sich einen Vortrag &#252;ber Popkultur anh&#246;ren und dann sich zu &#252;berlegen, wie bastelt man eigentlich ein Transparent, ohne dass es durchh&#228;ngt. Da gab’s Tage, wo ich mir dachte: okay, so k&#246;nnte die Welt also aussehen!“</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Alle Namen von der Redaktion ge&#228;ndert.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Modular aufgebaute Wahlfachk&#246;rbe, die im Gegensatz zu dem alten Konzept der (freien) Wahlf&#228;cher viel weniger Gestaltungsfreiraum lassen<br />
(Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Steps sind strukturierte Eingangsphasen, &#252;ber die (versteckte) Zugangsbeschr&#228;nkungen exekutiert werden (Anm. d. Red.).</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Anti-unique</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/12/15/anti-unique/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/12/15/anti-unique/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 15 Dec 2009 14:14:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsproteste]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[unibrennt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=636</guid>
		<description><![CDATA[Zur Verleumdung der unibrennt-Bewegung durch die Zeitung der &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft Wien

In der aktuellen Ausgabe der Zeitung „unique“ (#08/09) lassen uns eine Reihe von Autorinnen wissen, was sie von den aktuellen Protesten gegen die herrschenden bildungspolitischen Zust&#228;nde halten. Die unique, das macht die Sache interessant, ist die offizielle Zeitung der – ihrem Selbstverst&#228;ndnis nach „linken“ – &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft der Universit&#228;t Wien, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Zur Verleumdung der unibrennt-Bewegung durch die Zeitung der &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft Wien</em><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/12/adorno1.jpg"><img class="aligncenter size-thumbnail wp-image-643" title="adorno1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/12/adorno1-150x150.jpg" alt="adorno1" width="150" height="150" /></a></p>
<p>In der aktuellen Ausgabe der Zeitung <a href="http://www.univie.ac.at/unique/unique/index.php/home" target="_blank">„unique“</a> (#08/09) lassen uns eine Reihe von Autorinnen wissen, was sie von den aktuellen Protesten gegen die herrschenden bildungspolitischen Zust&#228;nde halten. Die unique, das macht die Sache interessant, ist die offizielle Zeitung der – ihrem Selbstverst&#228;ndnis nach „linken“ – &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft der Universit&#228;t Wien, und geht nach eigenen Angaben an bis zu 60.000 Studierenden-Haushalte. Immerhin sechs Artikel, zwei Kommentare und ein halber Absatz im Editorial werden nun also der „unibrennt“-Bewegung gewidmet.<br />
<span id="more-636"></span><br />
Wer die Publikationen der &#214;H Uni Wien in den letzten Jahren verfolgt hat, wei&#223;, dass die Themen, die durch diese Bewegung mit lange nicht gesehener Vehemenz auf die politische Tagesordnung gebracht wurden – freier Bildungszugang f&#252;r alle, Demokratisierung der Hochschulen, Ausfinanzierung der Bildungseinrichtungen, Kampf gegen die &#214;konomisierung der Bildung – schon seit langem zum politischen Kerngesch&#228;ft der StudierendenvertreterInnen geh&#246;ren. Umso erstaunlicher scheint uns nun diese Reaktion auf eine Bewegung, die von der &#214;H Uni Wien ja immer wieder eingefordert wurde.</p>
<p><strong>Diffamierung einer Bewegung</strong><br />
Die unique-Redaktion hat sich in der Auseinandersetzung mit der unibrennt-Bewegung f&#252;r eine klare Blattlinie entschieden, die bereits im Editorial deutlich gemacht wird. Dort hei&#223;t es, die sechs Sonderseiten zu den Protesten speisten sich aus der „Wut und Entt&#228;uschung &#252;ber den normalgesellschaftlichen Charakter von unibrennt, der wenig bis gar kein emanzipatorisches Potential f&#252;r eine Bewegung in sich tr&#228;gt“ (S. 2). Entsprechend wird in jedem einzelnen Beitrag auf diesen Sonderseiten mit der „– by the way: typisch &#246;sterreichische(n) – Protestbewegung“ abgerechnet, auf die selbst „die KronenZeitung (&#8230;) stolz“ w&#228;re (S. 3). Uns wird erkl&#228;rt, dass „in diesem Protest voller bildungsaffiner Studis nichts Befreiendes zu finden ist“ (S. 4) und das besetzte Audimax ein Sammelbecken f&#252;r Securities, Burschenschafter und einen „szenebekannten Gewaltt&#228;ter und Antisemiten“ sei (S. 5). Auf den Punkt bringt die Positionierung der unique ein – wie fast alle unter Pseudonym verfasster – Artikel &#252;ber den „gef&#228;hrliche(n) Wahnsinn der Bewegung“, der mit folgenden S&#228;tzen endet: „Revolution spielende Massen waren schon immer bedenklich, doch durch diese Audimax-Besetzung wurde eindr&#252;cklich demonstriert, wie gef&#228;hrlich ein solch entpolitisiertes Bewegungsspektakel ist. Der Sexismus in dieser sogenannten Bewegung hat ein unertr&#228;gliches Ma&#223; erreicht. Es ist unverantwortlich, solche Proteste ausschlie&#223;lich zu kritisieren – <em>eigentlich sollte mensch diese Wahnsinnigen diffamieren und sabotieren!</em>&#8221; (S. 6, eigene Hervorhebung).</p>
<p><strong>Kritik von au&#223;en</strong><br />
Dies ist es auch genau, was die unique-Redaktion mit dieser Ausgabe geschafft hat. Jeder Artikel zur aktuellen Bildungs-Bewegung in &#214;sterreich hat ausschlie&#223;lich denunziatorischen Charakter. Es findet sich keine Analyse der Entstehung und Zusammensetzung der Bewegung, keine Besch&#228;ftigung mit der Tatsache, dass „squatting teachers“, Kinderg&#228;rtnerInnen, solidarische K&#252;nstlerInnen oder k&#228;mpferische Gewerkschaften diese Bewegung zu weit mehr als einer „Studibewegung“ machen, keine Einordnung der Ereignisse in vergangene Protestzyklen, keine strategischen Vorschl&#228;ge oder politischen Interventionen. Zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den im Zuge der Bewegung formulierten Forderungen und deren bildungs- und gesellschaftspolitischen Implikationen wollte man sich offenbar erst gar nicht herablassen. Statt dessen werden Halb- und Unwahrheiten verbreitet (etwa &#252;ber den Umgang seitens der unibrennt-AktivistInnen mit Burschenschaftern), die selbst geschaffenen Strukturen der Bewegung l&#228;cherlich gemacht und einzelne Teile der Bewegung ohne jede inhaltliche Begr&#252;ndung verleumdet.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der gew&#228;hlte Standpunkt ist jener der „unbeteiligten Kritik“, die von au&#223;en &#252;ber jene tumben Massen richtet, die sich erdreisten sich in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen, ohne zuvor die Absolution durch die HohepriesterInnen der &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft zu erbitten. Die Bewegung wurde von der unique-Redaktion gewogen, f&#252;r zu leicht befunden und muss sich fortan als „die Wahnsinnigen“ bezeichnen lassen.</p>
<p><strong>Warum dieser Hass?</strong><br />
Das festzuhalten halten wir f&#252;r politisch wichtig. Es erkl&#228;rt jedoch noch nicht, weshalb Teile der &#214;H Uni Wien sich f&#252;r eine solch desastr&#246;se Haltung entschieden haben. In Diskussionen auf der Linken taucht dazu oft folgende Erkl&#228;rung auf: Die &#214;H wurde von der spontanen Dynamik der Bewegung &#252;berrascht und musste bald erkennen, dass sie weder die Kontrolle &#252;ber sie erlangen, noch eine Repr&#228;sentationsrolle &#252;bernehmen kann. Nun w&#228;ren die Funktion&#228;rInnen, die doch seit Jahren bildungspolitische Themen einer angeblich weitgehend uninteressierten Studierendenschaft n&#228;her zu bringen versuchte, beleidigt – und w&#252;rden die Bewegung deshalb „anpissen“.<br />
Wir halten diese Erkl&#228;rung f&#252;r nicht hinreichend. Zumindest zwei Faktoren sind unserer Einsch&#228;tzung nach mindestens ebenso bedeutend:</p>
<p><strong>Besetzung und Besetzung</strong><br />
Erstens: Manche der Angriffe auf die unibrennt-Bewegung in der unique sind auf ein grundlegendes Missverst&#228;ndnis zur&#252;ck zu f&#252;hren, dem Teile der &#214;H Uni Wien aufsitzen. In den letzten Jahren hat es in Wien eine Reihe von politischen Initiativen gegeben, die mit den Mitteln der Besetzung Freir&#228;ume f&#252;r linke Initiativen, solidarisch-&#246;konomische Projekte und alternative Lebensformen erk&#228;mpfen wollten. &#220;ber alle Unterschiede hinweg ging dabei immer darum, „befreite“ R&#228;ume zu schaffen, in denen Sexismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus usw. keinen Platz haben und solidarische und emanzipatorische „Mindeststandards“ au&#223;er Diskussion gestellt werden k&#246;nnen. Ohne hier n&#228;her auf diese Strategie eingehen zu k&#246;nnen, kann festgehalten werden, dass das Bed&#252;rfnis nach „linken Freir&#228;umen“ legitim und nachvollziehbar ist. Teile der &#214;H-„Linken“ in Wien haben sich in diese Initiativen aktiv beteiligt. Jedoch: nicht &#252;berall, wo Besetzung drauf steht, ist auch diese Form der Besetzung drin. Mit der Besetzung des Audimax und anderer H&#246;rs&#228;le ist eben kein „linker Freiraum“ geschaffen worden, sondern in erster Linie ein administratives Zentrum f&#252;r eine gro&#223;e, breite – und deshalb heterogene – Bildungs-Bewegung. Die Widerspr&#252;che und Auseinandersetzungen, denen wir als Linke &#252;berall sonst – auch auf den Universit&#228;ten – begegnen, l&#246;sen sich im besetzten Audimax nicht einfach in Wohlgefallen auf, sondern m&#252;ssen auch da bearbeitet und konfrontiert werden. Wer das nicht kapiert, hat die unibrennt-Bewegung nicht in Ans&#228;tzen verstanden.</p>
<p><strong>Geist der Niederlage</strong><br />
Zweitens: Die Haltung der &#214;H Uni Wien hat auch etwas mit den zur&#252;ckliegenden Protestzyklen an der Universit&#228;t Wien zu tun. Kurz gefasst: die letzten gro&#223;en Studierenden-Bewegungen in Wien haben sich rund um die Proteste gegen die Blau-Schwarze Regierung 2000, die Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren und das Universit&#228;tsgesetz 2002 formiert. Sie endeten in einer veritablen Niederlage; kein Ziel konnte erreicht werden, die Regierung sa&#223; die Proteste aus und die zehntausenden Studierenden, die sich in der Bewegung engagiert hatten, wurden nachhaltig demoralisiert. Es ist kein Zufall, dass die aktuellen Proteste vor allem von jungen Studierenden getragen werden. Sie haben diese Erfahrung nicht gemacht – sind aber zugleich jene, die am meisten durch die damals nicht verhinderte neoliberale Transformation der Hochschulen zu leiden haben. Der „Geist der Niederlage“ aus dem Protestzyklus 2000 – 2002 hat sich jedoch in Teilen der &#214;H-Strukturen konserviert und wird dort seit Jahren als Identit&#228;t stiftende politische Charaktereigenschaft gehegt und gepflegt. Symptome dieses „Geists der Niederlage“ sind politischer Zynismus, Abkapselung von breiter gef&#252;hrten Debatten, die Entwicklung eines ausgrenzenden Jargons und eine verbale Pseudoradikalit&#228;t, die bisweilen sektenhafte Z&#252;ge annimmt. Die ganze destruktive Grundhaltung dieser Position findet sich nun im Hass auf „die Wahnsinnigen“ der unibrennt-Bewegung wieder.</p>
<p><strong>Widerspr&#252;che der Bewegung und solidarische Kritik</strong><br />
Nun ist es zweifellos richtig, dass die politische Zusammensetzung der Proteste sehr widerspr&#252;chlich ist. Sie werden ma&#223;geblich von einer Generation junger Studierender getragen, die mit linker Politik und Aktivismus bisher wenig zu tun hatte. Eine bedeutende Minderheit der Bewegung steht auf einem Standpunkt, den man als „bildungs-chauvinistisch“ bezeichnen k&#246;nnte – f&#252;r sie sollten die Proteste sich von jeder „politischen“ Position fernhalten, die eigenen Ziele werden auf die Schaffung ausreichender Sitzm&#246;glichkeiten in Seminaren reduziert und jeder Versuch, die gesellschaftlichen Zusammenh&#228;nge, in denen Bildungspolitik zu verorten ist, in die Proteste zu integrieren, als „ideologische Vereinnahmung“ zur&#252;ckgewiesen. Dies betrifft in besonderem Ma&#223;e die Frage des Sexismus; feministische Forderungen wurden und werden von Teilen der Bewegung abgelehnt, und es kam im besetzten Audimax zu sexistischen &#220;bergriffen. Die Initiative u.a. der Frauen*AG dies offensiv zu thematisieren und feministische Forderungen zu platzieren, stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige und notwendige Intervention dar. Die Frage ist: wie verh&#228;lt sich eine feministische, antirassistische, antikapitalistische Linke zu einer solch heterogenen Bewegung? Wir meinen: sie muss <em>als Teil dieser Bewegung</em>Kritik &#252;ben und sich auch m&#252;hsamen Diskussionen stellen. Sie muss geduldig und systematisch Argumente entwickeln, die es erm&#246;glichen, weitere Teile der Bewegung von der Notwendigkeit einer Verallgemeinerung der bildungspolitischen Forderungen hin zu einer breiten anti-neoliberalen politischen Offensive zu &#252;berzeugen. Denn der „emanzipatorische Gehalt“, den die unique-Redaktion in den brennenden Unis zu messen versucht wie Phlogiston in brennender Materie, h&#228;ngt eben von den sich stets ver&#228;ndernden Dynamiken der Bewegung ab – und diese wiederum nicht zuletzt davon, wie linke Kr&#228;fte innerhalb dieser Bewegung sich positionieren, Kritik &#252;ben, intervenieren und deren Richtung mitbestimmen k&#246;nnen Die Haltung der unique-Redaktion tr&#228;gt dazu keinen Deut bei. Im Gegenteil positioniert sie sich offen gegen die erste gro&#223;e soziale Bewegung in &#214;sterreich seit fast zehn Jahren.</p>
<p><strong>Distanziert euch von unique!</strong><br />
Die Grenzen sind damit deutlich gezogen. Wir fordern die &#214;H Uni Wien und die Fraktionen, aus denen sie zusammengesetzt ist (GRAS, VSST&#214; und KSV-LiLi), auf, sich unmissverst&#228;ndlich von den Diffamierungen der unibrennt-Bewegung durch die unique-Redaktion zu distanzieren, so sie sich nicht in die Front der reaktion&#228;ren Besetzungs-GegnerInnen einreihen wollen.<br />
<em><br />
Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wir wollen uns hier nicht auf das offenbar beliebte „meine Kapitalismuskritik ist l&#228;nger als deine!“-Spiel einlassen. Offensichtlichen Bl&#246;dsinn unkommentiert stehen zu lassen bringen wir dann aber doch nicht &#252;bers Herz. Sollte die unique-Redaktion tats&#228;chlich der Meinung sein, dass „auf Grundlage von Marx’ Kapital (&#8230;) kurz gesagt, die Dinge &#252;ber alle Menschen herrschen“, empfehlen wir die Lekt&#252;re eben jener Kritik der Politischen &#214;konomie &#252;ber die ersten beiden Kapitel hinaus.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2009/12/15/anti-unique/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
