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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Nationalsozialismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Hinter dem Faschismus steht&#8230;?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/03/hinter-dem-faschismus-steht/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/03/hinter-dem-faschismus-steht/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 17:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Marxistischer Faschismusanalyse wird h&#228;ufig eine &#246;konomistische und funktionalistische
Perspektive vorgeworfen. Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos zeigen, dass sich jedoch bereits in den Anf&#228;ngen der Faschismustheorien brauchbare Ans&#228;tze finden, die, verbunden mit neueren Erkenntnissen, dabei helfen k&#246;nnen, den Faschismus als autorit&#228;re Krisenbearbeitungsstrategie besser zu verstehen.

Der Aufstieg und die Machtergreifung faschistischer Bewegungen und Parteien im Europa der 1920er und -30er Jahre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Marxistischer Faschismusanalyse wird h&#228;ufig eine &#246;konomistische und funktionalistische<br />
Perspektive vorgeworfen. <em>Hanna Lichtenberger</em>, <em>Veronika Duma</em> und <em>Tobias Boos</em> zeigen, dass sich jedoch bereits in den Anf&#228;ngen der Faschismustheorien brauchbare Ans&#228;tze finden, die, verbunden mit neueren Erkenntnissen, dabei helfen k&#246;nnen, den Faschismus als autorit&#228;re Krisenbearbeitungsstrategie besser zu verstehen.<br />
<span id="more-1661"></span><br />
Der Aufstieg und die Machtergreifung faschistischer Bewegungen und Parteien im Europa der 1920er und -30er Jahre stellt <em>das </em>historische Beispiel rechter und autorit&#228;rer Krisenbearbeitung dar. Die aktuellen Umtriebe (neo-)faschistischer Parteien in Europa erinnern daran, dass es sich keineswegs dabei um ein l&#228;ngst &#252;berwundenes Ph&#228;nomen der Vergangenheit handelt. Stimmen f&#252;r eine faschistische Ordnung der Gesellschaft sind auch aktuell immer wieder zu vernehmen und sto&#223;en weiterhin durchaus auf Zustimmung. W&#228;hrend in gegenw&#228;rtigen, b&#252;rgerlichen Debatten mit Bezug auf die &#246;konomische Krise h&#228;ufig Parallelen zu jener Periode und insbesondere zur Weltwirtschaftskrise von 1929/30 gezogen werden, wird &#252;ber die damaligen politischen Entwicklungen jedoch kaum gesprochen.<br />
Um eventuellen Vermutungen, in diesem Artikel werde nun in allen Farben der Teufel an die Wand gemalt, zuvorzukommen: Nein, wir behaupten nicht, dass der n&#228;chste Faschismus unmittelbar vor der T&#252;r steht. Es geht jedoch darum, sich ein theoretisches R&#252;stzeug zuzulegen – nicht nur um auf die Option des Faschismus als Form m&#246;glicher, autorit&#228;rer Krisenbearbeitungsstrategie hinzuweisen. W&#228;hrend einerseits, wie oben angemerkt, im b&#252;rgerlichen politischen Diskurs &#252;ber eine potentielle faschistische Gefahr lieber geschwiegen wird, gibt es andererseits auf der Linken eine Tendenz zur inflation&#228;ren Verwendung des Faschismusbegriffs, also einen Hang zur Ausweitung des Begriffs auf ein zu breites Spektrum autorit&#228;rer und rechter Politiken. Ein differenziertes, theoretisch fundiertes Verst&#228;ndnis des Faschismusbegriffs und – damit untrennbar verbunden – des historischen Faschismus ist jedoch wesentlich f&#252;r die Entwicklung aktueller, linker Strategien.</p>
<p><strong>Theorie und Praxis von Links</strong><br />
Im Gegensatz zu all jenen Ans&#228;tzen, die Faschismus mit einer Liste von (ideal-)typischen Merkmalen zu fassen versuchen und folglich zwangsweise von einem statischen, nicht erkl&#228;renden, sondern blo&#223; beschreibenden Modell ausgehen<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, fassen wir faschistische Bewegungen als aktive Kraft in der Gesellschaft, als spezifische Form einer reaktion&#228;ren Massenbewegung auf. Dieser Zugang ist keinesfalls neu. Er kn&#252;pft an Debatten an, die so alt sind, wie der Faschismus selbst. Gef&#252;hrt wurden sie von all jenen ArbeiterInnen, GewerkschafterInnen und AntifaschistInnen, KommunistInnen oder SozialdemokratInnen, die sich in Opposition zu den anwachsenden faschistischen Bewegungen jener Zeit befanden.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ihre unterschiedlichen Wege, den Faschismus zu analysieren, sind folglich immer vor dem Hintergrund der damals verfolgten politischen Strategien zur Verhinderung oder &#220;berwindung des Faschismus zu verstehen.<br />
Um unseren Zugang einzubetten, sollen zuerst die Debatten dieser linken Kr&#228;fte in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren skizziert werden. Die Diskussionen beziehen sich auf jene L&#228;nder, in denen faschistische Bewegungen zuerst entstanden und auch (im Gegensatz zu anderen L&#228;ndern) an die Macht gelangten, also v.a. auf Italien und Deutschland. Bei allen Parallelen und gemeinsamen Elementen zwischen den Entwicklungen in den beiden L&#228;ndern, stellt der Nationalsozialismus jedoch einen Sonderfall des Faschismus dar.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Da der Holocaust nicht mit den Auswirkungen des italienischen Faschismus vergleichbar ist, werden wir dem deutschen Faschismus in diesem Artikel auch zum Schluss etwas mehr Platz einr&#228;umen.</p>
<p><strong>„Ultralinke“ vs. „Rechte“ Ans&#228;tze</strong><br />
Seit dem Aufkommen der faschistischen Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg gab es verschiedene, sich auf Marx berufende Theorien, die sich mit dem Ph&#228;nomen des Faschismus auseinandersetzten. Die Debatten zur Einsch&#228;tzung der faschistischen Bewegung wurden vor allem entlang der (offiziellen) Positionen der Sozialdemokratischen und Kommunistischen Parteien der einzelnen L&#228;ndern sowie der jeweiligen Internationalen gef&#252;hrt. Der britische Historiker Dave Renton fasst die unterschiedlichen Ans&#228;tze innerhalb der Linken in drei Str&#228;ngen zusammen. Er unterscheidet einen „ultralinken“, einen „rechten“ und einen „dialektischen“ Interpretationszugang.<br />
Bei den „ultralinken“ Ans&#228;tzen stand v.a. die Frage nach dem Zweck und der Funktion des Faschismus im Vordergrund. Diese wurde aber oftmals verk&#252;rzt beantwortet. Der Faschismus wurde blo&#223; als eine Konterrevolution unter vielen verstanden, als ein Instrument in den H&#228;nden der herrschenden kapitalistischen Klassen, mit dem Ziel, die ArbeiterInnenschaft zu zerschlagen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Diese Position wurde etwa von den italienischen und deutschen KPs in den 1920er und fr&#252;hen 1930er Jahren vertreten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und setzte sich mit der Durchsetzung der stalinistischen Konterrevolution seit Ende der 1920er Jahre auch in der Kommunistischen Internationalen (KI)<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> durch.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Ein Ausdruck „ultralinker“ Ans&#228;tze war die so genannte Sozialfaschismusthese, nach der die Sozialdemokratie den linken Fl&#252;gel des Faschismus darstellt. Eine Folge dieser Position war die strikte Ablehnung der Zusammenarbeit mit (der F&#252;hrungsriege) der Sozialdemokratie, da diese, genauso wie der Faschismus, als ein „Kampfesmittel der gro&#223;kapitalistischen Diktatur“ bezeichnet wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die von Renton als „rechte“ Erkl&#228;rungen des Faschismus bezeichneten Ans&#228;tze hingegen ignorierten den Aufstieg und die Funktion des Faschismus. Sie fokussierten stattdessen auf den Massencharakter und die Ideologie der faschistischen Bewegungen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dabei wurde der Faschismus als eine vom Kleinb&#252;rgerInnentum dominierte Massenbewegung, die v&#246;llig unabh&#228;ngig von kapitalistischen Kr&#228;ften agierte, verstanden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> All jene, die diese Interpretation teilten, charakterisierten den Faschismus als exotisches, teils sogar pathologisches Ph&#228;nomen, als Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Dementsprechend wurde ein funktionierender, reformierter Kapitalismus als Bollwerk gegen den Faschismus begriffen. Diese Position wurde zumeist in den SPs sowie in der KI nach deren strategischer Wende um 1934/35 vertreten.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Beide Ans&#228;tze untersch&#228;tzten auf Grund ihrer Analyse die faschistische Gefahr und bereiteten zudem die Grundlagedaf&#252;r, dass sich die Zusammenarbeit der SPs und KPs &#228;u&#223;erst schwierig bis unm&#246;glich gestaltete.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a></p>
<p><strong>„Dialektische“ Ans&#228;tze</strong><br />
Der dritte, „dialektisch“ genannte Zugang kombinierte die Erkenntnisse der anderen beiden Ans&#228;tze. Indem er deren Unterschiede auf Widerspr&#252;che innerhalb der faschistischen<br />
Bewegung bzw. des Faschismus an der Macht zur&#252;ckf&#252;hrte, lieferte er die Basis f&#252;r ein komplexeres und vielschichtigeres Verst&#228;ndnis des Faschismus.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Vor der stalinistischen Konterrevolution in der Sowjetunion fanden auf Kongressen der KI in den Jahren 1922 und 1923 Diskussionen dar&#252;ber statt, dass der Faschismus als eine anti-proletarische Bewegung mit Verbindungen zu kapitalistischen Kr&#228;ften und zugleich als eine Massenbewegung mit eigener Logik gesehen werden sollte.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen der prokapitalistischen sozialen Funktion – als „Rasierklinge der herrschenden Klasse“ – und der kleinb&#252;rgerlich dominierten sozialen Basis des Faschismus stand im Zentrum der Diskussionen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Ein Ausgangspunkt f&#252;r diesen Ansatz bildete der Sieg Mussolinis in Italien und die Einsicht, dass andere Strategien zur Bek&#228;mpfung des Faschismus n&#246;tig gewesen w&#228;ren. Aber nicht nur innerhalb der KI, auch in den linken Fl&#252;geln der SPs wurde, v.a. in den 1930er Jahren, teilweise auf Basis des „dialektischen“ Zugangs argumentiert.<br />
Ein bekanntes Beispiel f&#252;r die Verbindung der „linken“ und „rechten“ Argumentationslinien ist die Rede Clara Zetkins, einer revolution&#228;ren Feministin innerhalb der SP, vor dem Exekutivkomitee der KI im Jahre 1923<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a>: „Linke“ und „rechte“ Ans&#228;tze kritisierend, bezeichnet sie den Faschismus als eine Massenbewegung mit sozialen Wurzeln, hebt aber ebenso dessen Verbindungen zu kapitalistischen Kr&#228;ften und infolgedessen den Terror gegen die organisierte ArbeiterInnenklasse hervor: „[D]er Tr&#228;ger des Faschismus ist nicht eine kleine Kaste, sondern es sind breite soziale Schichten, die selbst bis in das Proletariat hineinreichen. […] Wir werden ihn nicht auf milit&#228;rischem Wege allein &#252;berwinden […], wir m&#252;ssen ihn auch politisch und ideologisch niederringen“. <a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> „[…] Zwei Wesensz&#252;ge sind [dem Faschismus] in allen L&#228;ndern einig: ein scheinrevolution&#228;res Programm, das au&#223;erordentlich geschickt an die Stimmungen, Interessen und Forderungen breitester sozialer Massen ankn&#252;pft, dazu die Anwendung des brutalsten, gewaltt&#228;tigsten Terrors.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Zetkin betont den sozio&#246;konomischen Kontext, der das Wachstum faschistischer Kr&#228;fte erm&#246;glichte: die Krise der kapitalistischen Wirtschaft, die Auswirkungen des Krieges und der „Stillstand der Weltrevolution“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Auch die Argumentation von Leo Trotzki ist ein Beispiel f&#252;r ein „dialektisches“ Verst&#228;ndnis des Faschismus. Wie Zetkin hebt er die Konflikthaftigkeit und Widerspr&#252;chlichkeit innerhalb der faschistischen Bewegung hervor und beschreibt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entwicklungen. Trotzki betont die Verbindung zwischen Faschismus und Kapital, w&#228;hrend er die faschistische Bewegung als Bewegung von Kleinb&#252;rgerInnen und der neuen Mittelklasse beschreibt: „In der durch Krieg, Niederlage, Reparationen, Inflation, Ruhrbesetzung, Krise, Not und Erbitterung &#252;berhitzten Atmosph&#228;re erhob sich das Kleinb&#252;rgertum gegen alle Parteien, die es betrogen hatten. Die schwere Frustration der Kleineigent&#252;mer, die aus dem Bankrott nicht herauskamen, ihre studierten S&#246;hne ohne Stellung und Klienten, ihre T&#246;chter ohne Aussteuer und Freier, verlangten nach Ordnung und nach einer eisernen Hand“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Und weiter: „Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht &#252;ber den R&#252;cken des Kleinb&#252;rgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinb&#252;rgertums“.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Insgesamt hilft uns dieser „dialektische“ Ansatz also dabei, die internen Widerspr&#252;che zwischen den Anspr&#252;chen und Erwartungen der Massenbasis und den reaktion&#228;ren Zielen der Bewegung in den Blick zu bekommen. Dar&#252;ber hinaus k&#246;nnen, daran anschlie&#223;end, die Dominanz spezifischer Klassenfraktionen im Faschismus an der Macht gekennzeichnet und die Dynamiken der verschiedenen Phasen des Faschismus analysiert werden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Eine differenzierte, marxistische Analyse sollte daher bei den „dialektischen“ Zug&#228;ngen ansetzen und Elemente der „rechten“ und „linken“ Ans&#228;tze zusammenf&#252;hren sowie erweitern.<br />
In diesem Artikel werden wir deshalb f&#252;r die Analyse des Faschismus auf folgende Fragen n&#228;her eingehen: (1) Was waren die Konstitutionsbedingungen f&#252;r den Aufstieg des Faschismus? (2) Wie setzte sich die soziale Basis der faschistischen Bewegungen und Parteien zusammen? (3) Worin bestand die soziale Funktion des Faschismus? (4) Welche Dynamiken und Widerspr&#252;chlichkeiten waren in den verschiedenen zeitlichen Etappen bei der Entwicklung des Faschismus (Faschismus als Bewegung, Faschismus an der Macht) wesentlich, und (5) welche Klassenfraktionen waren wann im Faschismus an der Macht relevant? Die hier aufgez&#228;hlten Fragen werden am besten nicht durch eine abstrakte, theoretische Abhandlung beantwortet, sondern durch eine – wenn auch sehr &#252;berblicksm&#228;&#223;ige – Nachzeichnung der verschiedenen Entwicklungsphasen, hier exemplarisch am Beispiel von Italien und Deutschland.</p>
<p><strong>Der Aufstieg des Faschismus</strong><br />
Die Gesellschaften in Deutschland und Italien waren wesentlich von den Erfahrungen der Jahre 1914–1918 gepr&#228;gt. Eine entscheidende Rolle f&#252;r die Ausbildung der faschistischen Ideologie und der sp&#228;teren Organisationen faschistischer Milizen spielten daher die nach dem ersten Weltkrieg zur&#252;ckgekehrten Offiziere. Nationalismus, die im Krieg verinnerlichten Vorstellungen von Disziplin und hierarchischer Befehlsordnung sowie heroische und martialische Lebensvorstellungen mischten sich mit dem Hass auf die (&#246;konomischen) „GewinnerInnen“ des Krieges. Die Kriegsr&#252;ckkehrer f&#252;hlten sich von der b&#252;rgerlichen Gesellschaft verraten und versto&#223;en. Dar&#252;ber hinaus legte der Friedensvertrag von Versailles den Abbau eines Gro&#223;teils der Berufsarmee fest, der besonders die Offiziere betraf.<br />
Otto Bauer, F&#252;hrer der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie jener Zeit, schilderte, wie diese Ansichten in einer Art von rechtem „Antikapitalismus“ geb&#252;ndelt wurden. Dieser richtete sich einerseits gegen die Gro&#223;bourgeoisie und – so die antisemitische Bezeichnung – das „raffende“ Kapital, andererseits gegen das (organisierte) Proletariat. Vor allem in Deutschland paarte sich diese Haltung noch mit dem Gef&#252;hl der Niederlage, die gen&#228;hrt wurde durch die “Dolchsto&#223;legende“. So wurden &#228;u&#223;ere Feinde beschworen, zu deren Abwehr es der nationalen Einheit bed&#252;rfe.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sowohl in Italien als auch in Deutschland, wo nach dem Ersten Weltkrieg in einigen St&#228;dten Fabriken von bewaffneten ArbeiterInnen besetzt oder R&#228;terepubliken ausgerufen wurden, erwiesen sich diese Kr&#228;fte als Basis einer anti-proletarischen Reaktion.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
In Italien wuchs die faschistische Bewegung sehr schnell. Aus verschiedenen (zum Teil auch konkurrierenden) Gruppierungen bestehend, die sowohl am Land als auch in den St&#228;dten systematische und oft t&#246;dliche Angriffe gegen ArbeiterInnen und deren Infrastruktur durchf&#252;hrten, vereinigten sich die FaschistInnen<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> im November 1921 zum Partito Nazionale Fascista (PNF). Nach dem so genannten „Marsch auf Rom“, bei dem tausende FaschistInnen auf die Hauptstadt zusteuerten, beauftragte der italienische K&#246;nig den faschistischen F&#252;hrer Mussolini schlie&#223;lich mit der Bildung einer neuen Regierung. Mussolini versprach eine starke Regierung, ein Ende der vermeintlichen „Gesetzlosigkeit“ sowie die „Wiederherstellung des italienischen Nationalstolzes“.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Auch in Deutschland erwuchs die faschistische Bewegung aus dem Milieu nationalistischer und antisozialistischer Offiziere und Soldaten die sich in sogenannten Freikorps organisierten. Die Stra&#223;en-Schl&#228;gertrupps fanden sich in der bald gegr&#252;ndeten SA wieder, die NSDAP zog w&#228;hrenddessen in die Parlamente ein. Erst zehn Jahre sp&#228;ter als in Italien, wurde Hitler – nachdem die b&#252;rgerlichen Parteien es nicht schafften, eine stabile Regierung zu bilden und nachdem mehrere Gespr&#228;che mit Pr&#228;sident Hindenburg, f&#252;hrenden Gener&#228;len und UnternehmerInnen stattfanden – im J&#228;nner 1933 zum Reichskanzler ernannt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Zur sozialen Zusammensetzung</strong><br />
W&#228;hrend in beiden L&#228;ndern Offiziere und Soldaten f&#252;r die Entstehung faschistischer Bewegungen eine entscheidende Rolle spielten, trugen Personen aus den verschiedensten sozialen Zusammenh&#228;ngen<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> zur Ausbreitung dieser Massenbewegungen bei. Die soziale Basis des Faschismus war demnach „nicht eine kleine Kaste, sondern [...] breite soziale Schichten, gro&#223;e Massen, die selbst bis in das Proletariat hineinreichen.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Diese Einsch&#228;tzung Zetkins aus dem Jahre 1923 nimmt bereits vieles von dem vorweg, was sp&#228;ter oftmals im Rahmen der so genannten <em>Mittelstandsthese</em><a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> diskutiert wurde. Wichtig scheint in diesem Zusammenhang jedoch, dass sich die soziale Zusammensetzung im Laufe der Zeit ver&#228;nderte und sich der aktivistische Kern der Partei von deren W&#228;hlerInnen sozial durchaus unterschied.<br />
Blickt man etwa auf die Aufstiegsphase des Nationalsozialismus, so l&#228;sst sich in Bezug auf die Mitgliederzahlen der NSDAP eine Dominanz des „Mittelstandes“ bzw. des Kleinb&#252;rgerInnentums, also von HandwerkerInnen, Kaufleuten, KleinunternehmerInnen, Angestellten und BeamtInnen, feststellen. Das betrifft v.a. den aktivistischen Kern der Organisation, der die lokalen Strukturen der SA bildete und ausbaute. Wie Zetkin anmerkt, schlossen sich auch ArbeiterInnen den faschistischen Bewegungen an, waren jedoch im Verh&#228;ltnis zur Gesamtbev&#246;lkerung in der NSDAP deutlich unterrepr&#228;sentiert.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> In der Endphase der Weimarer Republik und v.a. nach der Macht&#252;bernahme traten vermehrt AkademikerInnen und Mitglieder der herrschenden Klasse in die Partei ein.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Innerhalb der W&#228;hlerInnenschaft der NSDAP &#252;berwog jedoch das kleinb&#252;rgerliche Element.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Die Unterschiede hinsichtlich der Bereitschaft, sich ganz der faschistischen Idee zu verschreiben, zeigt auch die hohe Differenz zwischen den W&#228;hlerInnenstimmen und den tats&#228;chlichen Mitgliederzahlen bis 1933. „Im Gegensatz zu dem ,harten Kern‘ der NS-Aktivisten, die ihre b&#252;rgerliche Existenz weitgehend hingeworfen und sich der Hitler-Bewegung ganz verschrieben hatten, waren die Millionen W&#228;hler, die die immer mehr mittelst&#228;ndische, ,b&#252;rgerliche‘ Massenbasis der NSDAP ausmachten, keineswegs so ohne weiteres gewillt, ihre elementaren Interessen aufzugeben. Ihr Engagement f&#252;r die Hitler-Partei war nicht unbedingt.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die zu verbuchenden Erfolge und Versprechungen zogen jedoch immer neue SympathisantInnen an. Auch in Italien kamen FaschistInnen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft. Dort war das Kleinb&#252;rgerInnentum jedoch ebenso &#252;berdurchschnittlich vertreten.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Um die Bedeutung des Kleinb&#252;rgerInnentums f&#252;r den Aufstieg des Faschismus besser fassen zu k&#246;nnen, muss daher im Folgenden deren Situation nach dem Ersten Weltkrieg genauer betrachtet werden.</p>
<p><strong>„Demagogischer Antikapitalismus“</strong><br />
Die Unruhen der letzten Jahrzehnte und der wirtschaftliche Niedergang, unter dem das Kleinb&#252;rgerInnentum mehr noch als das Gro&#223;kapital zu leiden hatte, bildeten die Grundlage f&#252;r eine doppelte Ablehnungshaltung nach oben und nach unten. Das Kleinb&#252;rgerInnentum verlor durch die steigende Inflation und die &#246;konomische Krise zunehmend seine Ersparnisse. Gleichzeitig musste es miterleben, wie Teile der Bourgeoisie Gewinne aus der Krise zogen oder dieser zumindest besser standhielten. „Aufgerieben zwischen der ArbeiterInnenklasse auf der einen und der KapitalistInnenklasse auf der anderen Seite, wandte sich das Kleinb&#252;rgerInnentum in seiner Mehrzahl dem Faschismus zu. Der r&#252;ckw&#228;rtsgewandte ,Antikapitalismus‘ der Nazis, der gegen ,das gro&#223;e Geld‘ und gleichzeitig gegen den ,j&#252;dischen Bolschewismus‘ polemisierte und selektiv vorindustrielle Zust&#228;nde romantisierte, kam da gerade Recht.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ideologisch gesehen konvergierten die Ansichten der Kleinb&#252;rgerInnen mit den Weltanschauungen der Ex-Offiziere und Soldaten. Der britische Marxist Alex Callinicos beschrieb diese Ideologie, ankn&#252;pfend an Daniel Guerin, als „demagogischen Antikapitalismus“: Die Idee einer Volksgemeinschaft, welche die Vers&#246;hnung aller Klassen Deutschlands auf „Rassenbasis“ versprach. Diese „rassistische, pseudorevolution&#228;re Ideologie bildete den Zement des Nationalsozialismus als Massenbasis“.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Nicht den inneren Kampf zwischen Kapital und Arbeit gelte es demnach auszufechten, sondern sich dem „j&#252;dischen Finanzkapital“ und der &#228;u&#223;eren Bedrohung durch „minderwertige Rassen“ zu erwehren, wobei diese Argumente in Deutschland hervorragend an gro&#223;deutsche Phantasien der vorangegangen Jahrzehnte ankn&#252;pfen konnten. Gest&#252;tzt wird diese These nicht zuletzt durch die Rhetorik Hitlers, der den Kampf „Volksdeutschland gegen Parteideutschland” heraufbeschwor oder in seinen Reden immer wieder davon sprach, dass „[a]us Parteimenschen, aus Standes- und Klassenzugeh&#246;rigen [...] Deutsche werden [m&#252;ssen].“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a><br />
Oft wird zu Recht argumentiert, dass der Antisemitismus in Italien eine andere Rolle spielte als in Deutschland. Tats&#228;chlich hat Mussolini in den 20er Jahren behauptet, dass der „echte“ Faschismus durch den Antisemitismus kompromittiert werde. Die Tatsache, dass zumindest anf&#228;nglich Antisemitismus weniger „offizielles Programm“ war als in Deutschland, hei&#223;t aber nicht, dass Italien kein rassistischer Staat gewesen w&#228;re. In Italien wurden 1938 die rassistischen Gesetze von Nazi-Deutschland &#252;bernommen, und tausende J&#252;dInnen wurden unter dem italienischen Faschismus deportiert und ermordet.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Au&#223;erdem spielte ein tief verankerter Rassismus bei Italiens Angriffen auf &#196;thiopien und Tunesien, bei denen zahlreiche Menschen durch Giftgaseins&#228;tze ermordet wurden, eine wesentliche Rolle.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Rassismus und Antisemitismus nahmen zwar eine unterschiedliche Stellung ein, waren aber in beiden L&#228;ndern Teil der faschistischen Ideologie. Der in beiden L&#228;ndern rhetorisch propagierte „Antikapitalismus“ entsprach auf &#246;konomischer Ebene keinesfalls dem tats&#228;chlichen Programm des Faschismus. Dies zeigte sich deutlich bei dessen Machtergreifung und der damit einhergehenden inneren Kr&#228;fteverschiebung. Die an die Bed&#252;rfnisse seiner Basis angebiederten Forderungen des Faschismus erwiesen sich als leere Worth&#252;lsen. So fragt etwa Clara Zetkin mit Blick auf Italien: „Was hatte der Faschismus politisch versprochen, als er mit wild wehendem Lockenhaar wie Simon herbeist&#252;rmte?“ Weder die beteuerte Reform des Wahlrechts, die Einf&#252;hrung des Frauenwahlrechts, die Schaffung eines Wirtschaftsparlaments oder eine Alters- und Invalidenversicherung – um nur einige Beispiele zu nennen – wurden nach der Eroberung der Staatsmacht verwirklicht. „Es ist der krasseste Widerspruch vorhanden zwischen dem, was der Faschismus verhei&#223;en hat, und dem, was er den Massen bringt. Gleich einer Seifenblase ist in der Luft der Wirklichkeit das Gerede zerstoben, dass im faschistischen Staat das Interesse der Nation &#252;ber allem steht“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Diese nicht erf&#252;llten Versprechungen sowie die inneren Widerspr&#252;che des Faschismus zwischen seiner Massenbasis und den Interessen der Herrschenden lassen sich am besten mit Blick auf die spezifische Konstellation der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse erkl&#228;ren. Dabei ist es wichtig, die Klassenverh&#228;ltnisse sowohl auf vertikaler als auch auf horizontaler Ebene unter die Lupe zu nehmen: Der Fokus soll also sowohl auf das Verh&#228;ltnis zwischen ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie, als auch auf die Auseinandersetzungen innerhalb der b&#252;rgerlichen Klassenfraktionen gelegt werden. Nur so k&#246;nnen die Lage der ArbeiterInnenklasse einerseits und die folgenschweren „Zweckehen“ und Interessenskonvergenzen zwischen einzelnen Kapitalfraktionen und Faschismus andererseits erkl&#228;rt werden.</p>
<p><strong>Kr&#228;fteverh&#228;ltnis vertikal: Gleichgewichtsthese oder Pattsituation?</strong><br />
Vielen Faschismustheorien ist gemeinsam, dass sie in der Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse – auf Grund der vorausgegangenen K&#228;mpfe und Niederlagen – eine zentrale Konstitutionsbedingung des Faschismus sehen. Grundlage vieler marxistischer Interpretationen des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zwischen ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie ist Karl Marx‘ Analyse der Entwicklungen der franz&#246;sischen Revolution und des napoleonischen Staatsstreiches am 18. Brumaire, die 1852 erstmals ver&#246;ffentlicht wurde. Darin besch&#228;ftigt sich Marx nicht nur mit den Klassengegens&#228;tzen, sondern auch mit den Widerspr&#252;chen innerhalb der herrschenden Klasse, die sie in die Handlungsunf&#228;higkeit man&#246;vrieren und schlie&#223;lich zu einer Verselbstst&#228;ndigung der Exekutive f&#252;hren. In „B&#252;rgerkrieg in Frankreich“ beschreibt Marx das f&#252;r den „Bonapartismus“ &#8211; die Herrschaft Louis Napoleons &#8211; charakteristische „Gleichgewicht“ der Klassen: „In Wirklichkeit war es die einzige m&#246;gliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die F&#228;higkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese F&#228;higkeit noch nicht erworben hatte.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Trotzki verstand das Verh&#228;ltnis der Kr&#228;fte im Faschisierungsprozess im Sinne eines Gleichgewichts der Klassen: „Setzt man eine Kugel auf die Spitze einer Pyramide, so kann ein geringer Ansto&#223; sie nach links oder rechts hinab rollen lassen. Das ist die Lage, der sich Deutschland mit jeder Stunde n&#228;hert“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Und weiter schreibt er: „Die Faschisten wachsen sehr schnell. Die Kommunisten wachsen gleichfalls, aber bedeutend langsamer. Das Wachstum der &#228;u&#223;ersten Pole beweist, da&#223; sich die Kugel auf der Pyramidenspitze nicht halten kann. Das rasche Anwachsen der Faschisten bringt die Gefahr, da&#223; die Kugel nach rechts hinab rollen kann. Das ist eine gewaltige Gefahr.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Auch Otto Bauer &#252;bernahm Marx’ Analyse der Verselbstst&#228;ndigung der Exekutive f&#252;r den Nationalsozialismus: „Die Bourgeoisie hatte nur noch die Wahl, die faschistische Privatarmee, die sie finanziert und bewaffnet hatte, gewaltsam zu zerschmettern und damit das niedergeworfene Proletariat zu entfesseln oder der Privatarmee des Faschismus die Staatsmacht zu &#252;bergeben. In dieser Situation lie&#223; die Bourgeoisie ihre eigenen Vertreter in der Regierung und im Parlament im Stich, sie zog die &#220;bergabe der Staatsmacht an den Faschismus vor[…]“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Die ArbeiterInnenklasse hatte nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Niederlagen hinnehmen m&#252;ssen. Es sind die Nachwehen dieser Niederlagenserie, welche die Situation der ArbeiterInnenklasse w&#228;hrend des Faschisierungsprozesses charakterisieren. Zugleich war die Bourgeoisie zu diesem Zeitpunkt zu schwach, um ihre Interessen mittels der demokratischen politischen Institutionen durchzusetzen, aber stark genug um mit Hilfe der FaschistInnen die ArbeiterInnenklasse gewaltsam zu bek&#228;mpfen.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Mit dem Blick auf die zahlreichen Niederlagen der ArbeiterInnenklasse kann kaum von einem Gleichgewicht der Kr&#228;fte gesprochen werden. Vielmehr handelte es sich um eine Patt-Situation, in der weder ArbeiterInnenklasse noch die herrschenden, b&#252;rgerlichen Klassen die Kraft f&#252;r eine offensive Taktik hatten.</p>
<p><strong>Zerschlagung der ArbeiterInnenklasse</strong><br />
Die These, dass der Faschismus letztendlich nur ein Instrument der Bourgeoisie war, ist weiter oben als verk&#252;rzt bzw. einseitig kritisiert worden. Dies kann jedoch auf keinen Fall bedeuten, die eindeutige Interessenskonvergenz zwischen Industriellen, UnternehmerInnen etc. und den FaschistInnen zu verneinen. Wie Alex Callinicos feststellt, trafen sich „die Interessen der Nazis […] im Ziel der Zerschlagung der organisierten Arbeiterklasse mit denen vieler f&#252;hrender Industrieller, Bankiers, Gener&#228;le und Gro&#223;grundbesitzer.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Ebenso wurden in Italien die faschistischen Milizen zur Zerschlagung der ArbeiterInnenklasse durchaus bewusst eingesetzt, bzw. lie&#223; man sie ohne Eingriff des staatlichen Gewaltapparats walten.<br />
So zeichnete sich die erste Phase bzw. Welle<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> der faschistischen Bewegung in Italien durch &#220;berf&#228;lle auf und Stra&#223;enk&#228;mpfe mit organisierten ArbeiterInnen aus. Einer der ersten gezielten gro&#223;en &#220;bergriffe auf die ArbeiterInnenbewegung und deren Strukturen ereignete sich in Mailand, wo die FaschistInnen ihre gr&#246;&#223;te Basis hatten. 1919 griffen ca. 300 bewaffnete FaschistInnen das B&#252;ro von Avanti!, der Tageszeitung des PSI (Partito Socialista Italiano) an. Die zweite Welle fand am Land statt und stand gr&#246;&#223;tenteils nicht unter der Kontrolle Mussolinis bzw. der Bewegungen in den St&#228;dten. Allerdings waren die Ereignisse in den l&#228;ndlichen Regionen von Beginn an durch ihre Kooperationsform zwischen FaschistInnen und Gro&#223;grundbesitzerInnen wegweisend: Direkt nach dem Krieg wurde das Land von Streikwellen und Fabrikbesetzungen durchzogen. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen sahen ihre Besitzt&#252;mer zunehmend bedroht. Einerseits hatte die Regierung nach dem Krieg gro&#223;e Agrarreformen durchgef&#252;hrt, andererseits fielen die Erntepreise rapide. Zudem begannen die LandarbeiterInnen sich zu organisieren und besetzten immer &#246;fters L&#228;ndereien und Betriebe. In den Jahren 1920 und 1921 griffen die Gro&#223;grundbesitzerInnen erstmal gezielt auf die vagabundierenden faschistischen Milizen zur&#252;ck, um mit deren Hilfe die sich organisierenden LandarbeiterInnen niederzuschlagen. Diese Entwicklungen vollzogen sich zu Beginn unabh&#228;ngig von den Parteistrukturen, die Mussolini vor allem in den St&#228;dten zu etablieren begann. Nachdem sich allerdings diese Art der Zusammenarbeit als sehr erfolgreich erwiesen hatte, begannen auch immer mehr st&#228;dtische Industrielle sie zur Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen. Abgebildet wird dieses unheilvolle B&#252;ndnis auch in der massiven Finanzierung der faschistischen Partei durch das Kapital in den Jahren 1921-24.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Die Attacken gegen die organisierte ArbeiterInnenklasse wurden zudem bald gesetzlich legitimiert: Sobald die faschistischen Bewegungen an die Macht kamen, wurden die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien und deren Vereine sowie die Gewerkschaften aufgel&#246;st und verboten.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Auch f&#252;r Deutschland stellt der Historiker Ian Kershaw fest, dass sich strukturelle Zusammenh&#228;nge zwischen kapitalistischen Kr&#228;ften und dem Aufstieg des Nationalsozialismus aufzeigen lassen: „Erstens ist klar, da&#223; bei einflussreichen Teilen der industriellen Elite schon lange vor dem politischen Durchbruch der Nazis eine zunehmende Bereitschaft bestand, die Weimarer Republik zugunsten einer attraktiveren autorit&#228;reren L&#246;sung fallenzulassen, die dann als erstes durch die Unterdr&#252;ckung der Arbeiterschaft die Profitabilit&#228;t wieder herstellen w&#252;rde“.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Zweitens habe im industriellen Sektor, der durch die Wirtschaftskrise gespalten und von der sich versch&#228;rfenden Rezession betroffen war, die Bereitschaft zugenommen, eine Regierungsbeteiligung der Nazis zu akzeptieren. Auch wenn nicht alle Teile den Nazis wohlgesonnen waren, sollte so der politische Rahmen erhalten bleiben, in dem sich das kapitalistische System wieder erholen k&#246;nne.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a></p>
<p><strong>Die zweifache Krise der Bourgeoisie</strong><br />
Nachdem eben die vertikale Ebene, also die Auseinandersetzung zwischen organisierter ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie behandelt wurde, soll sich der Blick nun auf die horizontale Ebene, auf die Konflikte zwischen den herrschenden Klassenfraktionen richten. Autoren wie Nicos Poulantzas<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> haben darauf hingewiesen, dass am Beginn der Faschisierung eine tiefe Krise der Bourgeoisie stand, die diese auf Grund ihrer gro&#223;en Heterogenit&#228;t nicht bearbeiten konnte und die ihren Ausdruck u.a. in einer gro&#223;en Instabilit&#228;t der b&#252;rgerlichen Regierungen fand. Zwei wesentliche Faktoren sind hier relevant: zum einen die Krise der Parteienvertretung des „Blocks an der Macht“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> und zum anderen die Widerspr&#252;che innerhalb der herrschenden Klasse.<br />
Bei der Krise der Parteienvertretung des Blocks an der Macht handelt es sich um eine „Repr&#228;sentationskrise“: „An einem bestimmen Punkt ihres geschichtlichen Lebens l&#246;sen sich die gesellschaftlichen Gruppen von ihren traditionellen Parteien, das hei&#223;t, die traditionellen Parteien in dieser Organisationsform, […] werden von ihrer Klasse oder Klassenfraktionen<br />
nicht mehr als ihr Ausdruck anerkannt“.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> Aus der Perspektive gesellschaftlicher Stabilit&#228;t ist dies „heikel und gef&#228;hrlich, weil das Feld frei ist f&#252;r die Gewaltl&#246;sungen, f&#252;r die Aktivit&#228;t obskurer M&#228;chte“.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> In einer solchen Phase der politischen Orientierungslosigkeit der einzelnen Klassenfraktionen des Blocks an der Macht gelang es dem Faschismus, die L&#252;cke, die entstanden war, zu f&#252;llen.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> So konnte der Bruch zwischen den herrschenden Klassenfraktionen und ihren politischen Parteien innerhalb des staatlichen Systems zeitweise &#252;berwunden werden.<br />
Der andere Faktor der Krise des Blocks an der Macht besteht in der Art ihrer eigenen Organisation. Der Faschisierungsprozess stellt eine Situation dar, in der sich die Widerspr&#252;che innerhalb des Blocks an der Macht immer drastischer zuspitzen und die Organisation der Interessen der Herrschenden durch den Staat nicht mehr wie gew&#246;hnlich funktioniert. W&#228;hrend der Faschisierung ist keine Klassenfraktion mehr in der Lage, innerhalb des Blocks an der Macht hegemonial zu werden – weder mit eigenen politisch-organisatorischen Mitteln noch &#252;ber den Umweg der b&#252;rgerlich-parlamentarischen Demokratie.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> In dieser Situation ist der Block an der Macht zersplittert, was zu gro&#223;en strukturellen Ver&#228;nderungen in Wirtschaft und Gesellschaft f&#252;hrt.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a></p>
<p><strong>Ein effektives aber instabiles B&#252;ndnis</strong><br />
Diese Ver&#228;nderungen werden an jenem, von Poulantzas etwas ungl&#252;cklich als „Point of No Return“<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> bezeichneten Zeitpunkt schlagend, an dem die faschistische Partei die Unterst&#252;tzung der Klassenfraktion des Gro&#223;kapitals gewinnt. Dieser Punkt war in Deutschland mit der Regierung Br&#252;ning erreicht. Hier musste zum einen die faschistische Partei dem Gro&#223;kapital Zugest&#228;ndnisse machen, die ihrer antikapitalistischen Rhetorik widersprachen.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Zum anderen drang das Kleinb&#252;rgerInnentum als Staatspersonal in die Staatsapparate ein und wurde &#252;ber das B&#252;ndnis der Klassenfraktionen teilweise in den Block an der Macht integriert. Nach der Ernennung Hitlers zum Kanzler kam es zwischen Nazis und Gro&#223;kapital zu Spannungen. Letztere wollten die NationalsozialistInnen lediglich als JuniorpartnerInnen in die Regierung holen und so die Bewegung unter Kontrolle halten.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Jedoch konnte das Gro&#223;kapital auch in diesem neuen B&#252;ndnis nicht hegemonial werden, „[d]enn allein Hitler und die riesige, wenn auch potenziell instabile, Massenbewegung, die er anf&#252;hrte, vermochten die Stra&#223;en zu beherrschen“.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Als diese Massenbewegung mit wachsender Zahl und Schlagkraft Anspr&#252;che auf die Staatsmacht erhob, musste die Bourgeoisie sich entscheiden: Entweder sie verzichtete auf die Staatsmacht oder sie verteidigte den b&#252;rgerlichen Staat gegen die FaschistInnen. Zumindest auf milit&#228;rischer Ebene war letzteres weder f&#252;r Deutschland noch f&#252;r Italien eine rein hypothetische M&#246;glichkeit. So war die staatliche Exekutive in Italien in den Jahren 1919–1922 quantitativ bedeutend verst&#228;rkt worden und den organisierten FaschistInnen durchaus gewachsen. Die Verteidigung des b&#252;rgerlichen Staates gegen die FaschistInnen h&#228;tte jedoch vermutlich ein Wiedererstarken der ArbeiterInnenbewegung bedeutet, was die Herrschenden keinesfalls in Kauf nehmen wollten. Anstatt sich den FaschistInnen entgegen zu stellen, unterst&#252;tzte die Bourgeoisie diese deshalb h&#228;ufig indirekt oder direkt, etwa durch Waffenlieferungen, bei Angriffen auf die ArbeiterInnenklasse.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Um ihre &#246;konomische Macht zu erhalten, geben die b&#252;rgerlichen Parteien schlie&#223;lich auch die politische Macht an die FaschistInnen ab – in der Hoffnung, diese L&#246;sung sei eine vor&#252;bergehende. In Poulantzas Worten: Zur Stabilisierung der &#246;konomischen Hegemonie musste das Gro&#223;kapital letztendlich die politische Macht aufgeben, wodurch es zur Ausformung der speziellen relativen Autonomie des Faschismus gegen&#252;ber der &#246;konomisch hegemonialen Klassenfraktion kam. Es enstand ein „effektives B&#252;ndnis“, das jedoch unglaublich heterogen und instabil war.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a></p>
<p><strong>„Primat der Politik“?</strong><br />
Die Auseinandersetzung mit dem Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und Klassenfraktionen, mit der Funktion, den Dynamiken und Widerspr&#252;chlichkeiten des Faschismus, wirft die Frage danach auf, inwieweit die faschistische Politik von wirtschaftlichen &#220;berlegungen gepr&#228;gt wurde, oder, anders formuliert: welchen Grad der politischen Autonomie, der auf ein Primat der ideologischen und politischen Ziele &#252;ber die &#246;konomischen Interessen hinauslief, erreichten die faschistischen Regime?<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Mit Blick auf diese Frage, die vor allem in Bezug auf den deutschen Faschismus diskutiert wird, liefert der Historiker Timothy Mason mit seiner These vom „Primat der Politik“ einen zentralen Beitrag f&#252;r die marxistische Interpretation des Verh&#228;ltnisses von Nationalsozialismus und den herrschenden &#246;konomischen Klassen. Er kritisiert sowohl die b&#252;rgerliche Interpretation des Nationalsozialismus, die das Verh&#228;ltnis von Politik und &#214;konomie nicht hinterfragt bzw. von einer allgemeinen Trennung der beiden Bereiche ausgeht, als auch jene Position, die von HistorikerInnen der DDR vertreten wurde, welche die Existenz eines autonomen politisch-ideologischen Bereichs verneint.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a><br />
Masons zentrales Argument ist, dass „die Innen- und Au&#223;enpolitik der nationalsozialistischen Staatsf&#252;hrung ab 1936 in zunehmendem Ma&#223;e von der Bestimmung durch die &#246;konomisch herrschenden Klassen unabh&#228;ngig wurde, ihren Interessen sogar in wesentlichen Punkten zuwiderlief“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Schwerwiegende Strukturver&#228;nderungen in Wirtschaft und Gesellschaft h&#228;tten die Verselbstst&#228;ndigung des nationalsozialistischen Staatsapparats, das „Primat der Politik“, erm&#246;glicht. Zur Erl&#228;uterung seiner These z&#228;hlt Mason eine Reihe verschiedener Aspekte auf: die weitgehende Ausschaltung von VertreterInnen der Industrie an direkten Entscheidungsprozessen, die wirtschaftliche Rolle des Staates als Auftraggeber oder auch den schwindenden Einfluss wirtschaftlicher Interessensverb&#228;nde auf die staatliche Politik.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a><br />
Zu Recht kritisieren sowohl Kershaw als auch Callinicos<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a>, dass die analytische Trennung von wirtschaftlichen und politischen Interessen einer zu starke Vereinfachung der kompexen strukturellen Wechselwirkung zwischen den beiden Bereichen gleichkommt, die erneut von einer kruden Dichotomie von Politik und Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ausgeht.<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> „Zweifellos bestand das durch Aufr&#252;stungs- und Expansionsprogramm zementierte B&#252;ndnis zwischen Nazif&#252;hrung und dem milit&#228;risch-industriellen Komplex bis in die Endphase des Dritten Reiches hinein, und beide Seiten sahen sich dabei immer st&#228;rker an die Logik der von ihnen in Gang gesetzten Entwicklungen gebunden. Dennoch k&#246;nnte man sagen, da&#223; sich das Gewicht innerhalb dieses ,B&#252;ndnisses‘ langsam, aber unaufhaltsam zugunsten der Nazif&#252;hrung verschob […].“<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a> Anders formuliert bot der ideologische Wahnsinn der Nazis den Rahmen, in dem wirtschaftliche Interessen zum Zug kamen.</p>
<p><strong>Erkl&#228;rbarkeit des Unerkl&#228;rbaren?</strong><br />
Ebenfalls zu Recht wird der Ansatz des „Primats der Politik“ meist dann ins Feld gef&#252;hrt, wenn die Frage nach der unvorstellbaren Vernichtungslogik und dem Holocaust im Raum steht.<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> So hebt Callinicos, der von einer „konfliktgeladenen Partnerschaft“ zwischen Nationalsozialismus und dem deutschen Kapital ausgeht<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a>, hervor: „Mason geb&#252;hrt das bedeutende Verdienst, jedem vulg&#228;rmarxistischen Versuch, den Holocaust und andere Naziverbrechen auf die wirtschaftlichen Bed&#252;rfnisse des deutschen Kapitals zu beschr&#228;nken, den Weg zu versperren.“<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Callinicos selbst versucht mit Hilfe einer nicht-reduktionistischen marxistischen Analyse zur Erkl&#228;rung der Dynamiken beizutragen, die zum Holocaust gef&#252;hrt haben. Er bezeichnet die Entwicklungen ab 1937/1938 – mit Mommsen und Broszat argumentierend – als eine „kumulative Radikalisierungsspirale“, wobei dieser Begriff auf die Vielschichtigkeit der Entwicklungen verweist und monokausale Erkl&#228;rungsmuster ausschlie&#223;t.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> In Opposition zu personalisierenden Ans&#228;tzen argumentiert er gegen die Auffassung, die Vernichtung der Juden entstand auf Grund durchdachter Pl&#228;ne Hitlers.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Stattdessen m&#252;sse, so argumentiert auch Kershaw, „im Dritten Reich die Erkl&#228;rung im eigent&#252;mlich aufgesplitterten Entscheidungsproze&#223; gesucht werden, der zu improvisierten b&#252;rokratischen Initiativen mit ihrer immanenten Eigendynamik gef&#252;hrt und einen dynamischen kumulativen Radikalisierungsprozess gef&#246;rdert“ habe.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> Callinicos verweist darauf, dass der Massenmord an den J&#252;dInnen nicht die einzige Option darstellte, die von nationalsozialistischen Entscheidungstr&#228;gerInnen diskutiert wurde („Madagaskarplan“), und argumentiert, dass der &#220;berfall auf die Sowjetunion den Rahmen geschaffen h&#228;tte, in dem es zur „Endl&#246;sung“ kam. Erst im Zuge dieses Vernichtungsfeldzuges fanden jene Verbrechen wie die Massenerschie&#223;ungen von Juden statt, die im Allgemeinen als Anfang des Holocausts bezeichnet werden. Au&#223;erdem m&#252;sse, wie erw&#228;hnt, als Grundlage jeder Interpretation des Nationalsozialismus nicht Hitlers pers&#246;nliche Rolle, sondern die Spezifika des Nationalsozialismus als besondere Art der Massenbewegung herangezogen werden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Schlie&#223;lich war die aktive und passive ideologische Zustimmung gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung bis hin zur aktiven Beteiligung am Massenmord ein wesentlicher Faktor, eine grundlegende Dimension der Vielschichtigkeit des Radikalisierungsprozesses. Wesentlich f&#252;r diese Entwicklungen, so Callinicos, sei die – h&#228;ufig nur indirekte – Rolle, die der biologische Rassismus spielte, indem er den Bezugsrahmen der Debatte und die Grundlage zur Begr&#252;ndung von Entscheidungen bildete.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> „Der Vorrang der Naziideologie bei der Entwicklung zum Holocaust ist entscheidend, um zu begreifen, dass die Vernichtung der Juden nicht in &#246;konomischen Begriffen erkl&#228;rt werden kann. Antisemitismus war […] erforderlich, um die Juden in das objektgewordene Andere zu verwandeln, gegen das die t&#246;dliche Ideologie berechtigt ausgelebt werden konnte“.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Anstatt jedoch Rassismus und Antisemitismus als „brutales Faktum“ zu behandeln, das selbst keiner Erkl&#228;rung bed&#252;rfe, pl&#228;diert Callinicos f&#252;r einen Versuch, die Gr&#252;nde f&#252;r die bedeutende Rolle von Rassismus und Antisemitismus f&#252;r den Nationalsozialismus zu analysieren.</p>
<p><strong>„Kumulative Radikalisierungsspirale“</Strong><br />
Daf&#252;r m&#252;sse der Holocaust in Verbindung mit weiteren Entwicklungen des nationalsozialistischen Regimes begriffenwerden. Der wichtigste Beitrag hierzu wurde laut Callinicos von Martin Broszat geleistet, der die Radikalisierung des Regimes mit dem Scheitern der Nazis verband, die deutsche Gesellschaft zu erneuern. „Die mehr oder weniger korporatistischen Ideale des Nationalsozialismus, die Verfolgung einer umfassenden neuen Ordnung f&#252;r die Agrarwirtschaft, […] die Ideen zur Reformierung des Reiches […], des Staatsdienstes und der Rechtspflege – nichts davon konnte erreicht werden. […] Je weniger jedoch die Aussicht bestand, das ideologische Dogma des Nationalsozialismus den Aufgaben einer konstruktiven Reorganisation anzupassen, desto ausschlie&#223;licher konzentrierte sich diese ideologische Politik auf die negativen Aspekte und Ziele […]. Da jedoch die praktische (im Gegensatz zur propagandistischen) Aktivit&#228;t der ideologischen Bewegung fast ausschlie&#223;lich auf negative Ziele gerichtet war, lag die einzig vorstellbare weitere Entwicklung in einer st&#228;ndigen Intensivierung der Ma&#223;nahmen gegen die Juden, die ,Geisteskranken‘ und ,asozialen Elemente‘.“<a title="anm_82" name="anm_82" href="#anm82"><sup>82</sup></a><br />
W&#228;hrend der Faschismus seine Anh&#228;ngerInnen zur Unterst&#252;tzung dieses konterrevolution&#228;ren Projekts mobilisierte, versprach er eine vermeintlich revolution&#228;re Version einer Volksgemeinschaft bzw. eine rassische Utopie, aus der Klassenkonflikt und „fremde Rassen“ (beides der nationalsozialistische Ideologie zufolge in der Figur des/der Juden/J&#252;din vereint) verbannt sein w&#252;rden.<a title="anm_83" name="anm_83" href="#anm83"><sup>83</sup></a> Als dem Naziradikalismus bei Hitlers Machtantritt die Erf&#252;llung in Form einer echten Neugestaltung der Gesellschaft misslang, „wurde er auf die j&#252;dische Frage verlagert. Die Energien der Bewegung konnten sich schadlos auf die „negativen Aspekte“, wie Broszat es nennt, der nationalsozialistischen Ideologie richten – den Drang, das Andere auszurotten“.<a title="anm_84" name="anm_84" href="#anm84"><sup>84</sup></a> Die „kumulative Radikalisierung“ des Naziregimes war somit weder eine blo&#223;e Folge der eigenen inneren Zerrissenheit, noch eine die lediglich aus Hitlers pers&#246;nlichem Einfluss resultierte. „Sie spiegelte die strukturelle Unf&#228;higkeit des Nationalsozialismus, ,bis ans Ende zu gehen‘ – die sozialen Widerspr&#252;che aufzuheben, auf die er eine Reaktion war und die er Heilung versprochen hatte“.<a title="anm_85" name="anm_85" href="#anm85"><sup>85</sup></a><br />
“Dass [zwar] einfach keine Erkl&#228;rung der Vernichtung der Juden wirklich befriedigend sein kann, nicht weil die Erkl&#228;rung notwendigerweise falsch sein muss, sondern wegen der Ungeheuerlichkeit des Ereignisses, das begreifbar gemacht werden soll“<a title="anm_86" name="anm_86" href="#anm86"><sup>86</sup></a>, ist die eine Seite. Der Versuch, den Holocaust sowie den Nationalsozialismus zu verstehen, um f&#252;r die Parole der antifaschistischen Bewegung „NIE WIEDER“ zu k&#228;mpfen, die andere.</p>
<p><em>Tobias Boos</em> studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaft in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><em>Veronika Duma</em> studiert Geschichte in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><em>Hanna Lichtenberger</em> studiert Politikwissenschaft in Wien.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. z.B. Stanley Paynes Idealtypen, beschrieben in: Renton, Dave: Fascism:<br />
theory and pratice, London 1999, S. 19–29<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 3<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> vgl. Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen<br />
im &#220;berblick, Hamburg 1994, S. 392<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. ebd., S. 3<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. ebd., S. 60<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Perspektiven Nr. 6 (2008): Sowjetmacht vs. Parteidiktatur, S. 48-57<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anf&#228;ngen bis heute, Darmstadt 1997 S. 17<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 3f.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebd., S. 57<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Im Jahre 1935 wurde die Sozialfaschismusthese in der KI verworfen und der Faschismus nun offiziell als „offene terroristische Diktatur der reaktion&#228;rsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals“ bezeichnet. Die Basis des Faschismus auf diesem Wege auf ein Minimum<br />
verkleinert, erweiterte die Schichten potentieller antifaschistischer Kr&#228;fte. In Zusammenhang mit dieser neuen Einsch&#228;tzung wurde ab 1935 von der KI offiziell die Volksfrontstrategie vertreten, die auf ein B&#252;ndnis mit allen verf&#252;gbaren b&#252;rgerlichen Kr&#228;ften abzielte, eine revolution&#228;re Umgestaltung der Verh&#228;ltnisse jedoch verwarf (vgl. Renton 1999, a.a.O, S. 78).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die von Trotzki explizit formulierte, aber auch von Clara Zetkin und anderen vertretene Taktik der Einheitsfront, in der sich die gesamten Kr&#228;fte der ArbeiterInnenklasse – v.a. die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien – trotz Differenzen vereinen und gegen den Faschismus<br />
k&#228;mpfen sollten, ist nach wie vor als Vorbild zu nehmen, wurde aber in der Praxis nur informell – also ohne offizielle Einigung der gro&#223;e linken Parteien – und auf lokaler Ebene verwirklicht.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 6<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> vgl. ebd., S. 58<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> vgl. Wippermann 1997, a.a.O., S. 14<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 58<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Zetkin, Clara: Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht aus dem erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1923, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1923/06/faschism.htm<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Zetkin 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Renton 1999, a.a.O., S. 58<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Trotzki, Leo: Portr&#228;t des Nationalsozialismus, 1933, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1933/06/natsoz.htm<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Trotzki 1933, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 75<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Bauer, Otto: Der Faschismus, in: Ders.: Zwischen Zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, Bratislava 1936, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/bauer/1936/zwischen/faschismus.html<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Da es nat&#252;rlich auch Faschistinnen gab, verwenden wir die gendersensible Schreibweise, allerdings m&#246;chten wir darauf hinweisen, dass gerade die aktivistischen Kerne der faschistischen Organisationen m&#228;nnlich dominiert<br />
waren (s. auch Fu&#223;note 28)<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Behan, Tom: The Resistible Rise of Benito Mussolini, London 2003, S. 39<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Neben starken regionalen und  konfessionellen Unterschieden ist v.a. auf die geschlechterspezifischen Unterschiede hinzuweisen. Die NSDAP war eine vorwiegend m&#228;nnliche dominierte Organisation (vgl. Kater, Michael H.: Zur Soziographie der fr&#252;hen NSDAP, in: Vierteljahreshefte f&#252;r Zeitgeschichte, 19 (1971), S. 124–160).<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Zetkin 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Zur genaueren Diskussion der Mittelstandsthese und weiterf&#252;hrender Literatur vgl. Wipperman 1989, a.a.O., S. 71–76. Allerdings legt Wippermann unserer Einsch&#228;tzung nach keine schl&#252;ssige Argumentation f&#252;r<br />
seine Interpretation der Daten vor. Sein Argument, dass die Partei nicht ausschlie&#223;lich aus Personen des Mittelstandes bestand, bedeutet nicht, dass diese nicht doch zu einem gewissen Zeitpunkt dominant gewesen sein k&#246;nnen, wie er schlussfolgert. Zu genaueren (mittelst&#228;ndischen) Motiven vgl. Broszat, Martin: Die Struktur der NS-Massenbewegung, in: Vierteljahreshefte f&#252;r Zeitgeschichte, 31 (1983), S. 52–77<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Revolution&#228;r Sozialistische Organisation (RSO): „Antikapitalismus“ von Rechts. Von SA bis NPD: Geschichte, Politik, Theorie und Elend des „nationalen Sozialismus“, Wien 2007<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Wippermann 1997, a.a.O., S. 72f.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. ebd., S. 74<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Broszat 1983, a.a.O., S. 69<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 32<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> RSO 2007, a.a.O.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Callinicos, Alex: Ausloten der Abgr&#252;nde. Marxismus und der Holocaust, in: sozial.geschichte.extra (2006), S. 15, unter: http://www.stiftungsozialgeschichte.de/ZeitschriftOnline/pdfs/10.01.07.pdf<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Nieders&#228;chsischer Beobachter 1932, zit. n. Broszat 1983, a.a.O., S. 70<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 33<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. ebd., S. 33<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Zetkin, a.a.O., S. 19<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Der B&#252;rgerkrieg in Frankreich, MEW 17, Berlin 1962, S. 338<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Trotzki, Leo: Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen? Brief an einen deutschen Arbeiter-Kommunisten, Mitglied der KPD, 1931, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1931/12/schlagen.htm<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Trotzki 1931, a.a.O.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Bauer 1936, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. Bauer 1936, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Callinicos 2006, a.a.O., S.13f.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Wir folgen in unserer Beschreibung weitestgehend den Ausf&#252;hrungen Behans, der den Aufstieg des Faschismus in den Jahren 1919 bis 1922 in drei Wellen einteilt (vgl. Behan 2003, a.a.O., S. 39–53).<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Die faschistische Partei wurde in den Jahren 1921–1924 zu 64% von Industriellen und Gesch&#228;ftsleuten finanziert. Die restlichen Beitr&#228;ge entfielen zu 25% auf Einzelpersonen und zu 10% auf Banken und Versicherungen<br />
(vgl. De Felice 1966, zit. n. Behan 2003, a.a.O., S. 41).<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im &#220;berblick, Hamburg 1994, S. 81<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. ebd., S. 81<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Die empirische Genauigkeit einzelner Ausf&#252;hrungen Poulantzas ist von verschiedenen AutorInnen bem&#228;ngelt worden. Auch wenn diese Kritik zutrifft, halten wir die Begrifflichkeiten und Unterteilungen, die Poulantzas<br />
macht, auf der Ebene der Theoretisierung f&#252;r hilfreich (vgl. Caplan, Jane: Theories of Fascism: Nicos Poulantzas as Historian, in: History Workshop. A Journal of Socialist Historians, 3 (1977), S. 83–100).<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Auch unter anderen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen „organisiert [der Staat] das langfristige Interesse des Blockes an der Macht“ (Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Polititischer &#220;berbau, Ideologie, autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 157), der sich aus den verschiedenen Fraktionen der b&#252;rgerlichen<br />
und somit der herrschenden Klasse zusammensetzt, die „Bourgeoisie ist in Klassenfraktionen gespalten“ (ebd., S. 158). Die Funktion, die der Faschismus f&#252;r den Block an der Macht aus&#252;bt, ist die ganz bestimmte Reorganisation des Blocks an der Macht.<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Hamburg 1991ff., S. 1578<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> ebd., S. 1578<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> vgl. Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus, M&#252;nchen 1973, S. 74<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> vgl. ebd., S. 72<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> vgl. Mason, Tim: Der Primat der Politik. Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus, in: Das Argument 41 (1966), S. 473–494<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> „Point of No Return“ bedeutet keinen Automatismus zum Holocaust und negiert auch Widerstand nicht, vielmehr geht es um die Konstituierung des Blocks an der Macht.<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Mit der Regierung Br&#252;ning gingen 1931 die K&#252;ndigungen von 295 000 ArbeiterInnen im Ruhrgebiet einher, sp&#228;ter wurden sie unter schlechteren Bedingungen und zu niedrigeren L&#246;hnen wieder eingestellt. Ebenfalls am<br />
15. J&#228;nner 1931 kommt es zu einer f&#252;nfprozentigen Lohnk&#252;rzung beim Staatspersonal (vgl. Chronik der deutschen Sozialdemokratie: Daten, Fakten, Hintergr&#252;nde 1, S. 351). Bereits 1929 kam es zur Monopolisierung der Banken durch die Fusion der Disconto-Gesellschaft, der Deutschen Bank und einigen mittelgro&#223;en anderen Banken zur DiDe-Gesellschaft (vgl.</p>
<p>http://www.bankgeschichte.de/index_03_03.html).</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S.17<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936, New York 2000, zit. n. Callinicos 2006, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> vgl. Behan 2003, a.a.O., S. 46f.<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Poulantzas 1973, a.a.O., S. 89<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> vgl. ebd., S. 82.<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> vgl. ebd., S. 83.<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Mason 1966, a.a.O., S. 474<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 84<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 19<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 93<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> ebd., S. 95<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> F&#252;r einen &#220;berblick &#252;ber unterschiedliche Erkl&#228;rungsversuche, vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 106. Die Ans&#228;tze reichen hierbei von Personalisierungen, wie etwa bei Dawidowicz oder Toland, bis hin zur Argumentation<br />
der Unerkl&#228;rbarkeit, vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 152f<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Callinicos 2006, a.a.O., S. 16<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> ebd., S. 18<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ein wesentliches Merkmal der „Radikalisierung des Regimes“ h&#228;tte in der Entwicklung des Staates zur unabh&#228;ngigen Quelle wirtschaftlicher Macht bestanden. Die nationalsozialistische F&#252;hrung errichtet sich eigene<br />
konkurrenzf&#228;hige &#246;konomische Staatsapparate wie etwa die Reichswerke (z.B. G&#246;ring-Werke in Linz, heute V&#214;EST) unter der Leitung von Reichsmarschall G&#246;ring. Au&#223;erdem wurden durch die territoriale Ausdehnung im Osten weitere Produktionsanlagen verf&#252;gbar gemacht, welche die nationalsozialistischen &#246;konomischen Staatsapparate gemeinsam mit den Vorgaben f&#252;r die Privatwirtschaft konkurrenzf&#228;hig gemacht haben (vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 19).<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 156<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> ebd., S. 156<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> vgl. ebd., S. 25<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> ebd., S. 26<br />
<a title="anm82" name="anm82" href="#anm_82">82</a> Broszat 1969, a.a.O., zit. n. Callinicos 2006, a.a.O., S. 28<br />
<a title="anm83" name="anm83" href="#anm_83">83</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm84" name="anm84" href="#anm_84">84</a> ebd., S. 30<br />
<a title="anm85" name="anm85" href="#anm_85">85</a> ebd., S. 31<br />
<a title="anm86" name="anm86" href="#anm_86">86</a> ebd., S. 32</p>
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		<title>Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:26:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010

Das Wien Museum am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010<br />
<span id="more-1586"></span><br />
Das <em>Wien Museum</em> am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext von Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Armut.  Die Ausstellung faszinierte vor allem durch eine Vielzahl von Originalen aus den 1930er Jahren. Eine unglaubliche F&#252;lle an Plakaten und Photos, aber auch einiger f&#252;r die damalige Zeit typischer oder neuartiger Gegenst&#228;nde wie Zapfs&#228;ulen, Leuchtreklamen oder Radios vermittelte der/m BesucherIn das Gef&#252;hl, in die Wiener 1930er Jahre einzutauchen.<br />
Wie so oft jedoch, wenn politische Inhalte in einem b&#252;rgerlichen Rahmen vermittelt werden, war dies f&#252;r ein politisch „vorbelastetes“ Publikum auch im vorliegenden Fall mit einigen Abstrichen verbunden. Am besten war die Ausstellung zu genie&#223;en, wenn man m&#246;glichst alle politischen Erwartungen und Ansichten hinten anstellte und sich „einfach“ unvermittelt auf das Pr&#228;sentierte einlie&#223; – was bei diesem Thema zugegeben nicht so einfach ist.<br />
Den historischer Rahmen der Ausstellung stellte einerseits das Rote Wien mit den bekannten Bildern von Massenaufm&#228;rschen, wehenden roten Fahnen und Menschen voller Hoffnung auf eine neue Zeit dar. Anderseits wurde die zunehmende Macht der Konservativen, Katholiken, des Adels, der Heimwehren und der Nazis thematisiert, also all jener, die vom „Weg in den Sozialismus“ nichts wissen wollten bzw. alles dagegen unternahmen, dass dieser eingeschlagen w&#252;rde. Deren regelm&#228;&#223;ige Aufm&#228;rsche und Kr&#228;ftedemonstrationen sowie die Provokationen der Heimwehren brachten damals zwar die sozialdemokratische Basis zum Kochen, wurden seitens der sozialdemokratischen F&#252;hrung jedoch nur mit Z&#246;gern und Ignoranz beantwortet. Auseinandersetzungen mit Schwerverletzten und Toten standen auf der Tagesordnung.<br />
F&#252;r politisch Interessierte hielt diese Darstellung der Ereignisse der damaligen Zeit keine Neuigkeiten bereit. Die Ausstellung fokussierte jedoch ohnehin eher auf die Menge sozialer und technischer Ver&#228;nderungen, in welche die K&#228;mpfe zwischen Rot und Schwarz beziehungsweise Braun eingebettet waren. Der gesamte &#246;ffentliche Raum wurde rund um 1930 neu gestaltet und belebt. Der sich stark ver&#228;ndernde und rasant zunehmende Verkehr sorgte f&#252;r eine vollkommene Umgestaltung des Lebens auf der Stra&#223;e. Das Tempo erh&#246;hte sich und in Konsequenz auch die Gefahren; der L&#228;rm und der Geruch nahmen zu. Auch brachte etwa der neuartige Einsatz von Leuchtreklamen und den – gerade erst aufgekommenen – &#246;ffentlichen Lautsprechern gro&#223;e Ver&#228;nderungen des Alltags der damals lebenden Menschen mit sich.<br />
Bei vielen R&#252;ckblicken auf die 1930er Jahre werden diese tiefgreifenden Ver&#228;nderungen h&#228;ufig kaum bedacht. Diese Auslassung leistete sich<em> Kampf um die Stadt</em> nicht – vielmehr stand das Alltagsleben im Wien der 1930er Jahre im Zentrum der Ausstellung. Durch diesen Fokus wurde angenehmerweise auch der in der Geschichtsschreibung verbreitete Fehler vermieden, nur die Geschichte der Herrschenden zu erz&#228;hlen.<br />
Gerade weil aber der behandelte Zeitraum derart von Widerspr&#252;chen und K&#228;mpfen gepr&#228;gt war, h&#228;ngt die Darstellung des Alltags sehr wohl auch davon ab, auf welcher „Seite“ man stand. Da es nicht im Interesse der KuratorInnen sein konnte, die subjektive Lebenssituation der aufkommenden Nazis oder des an Bedeutung schwindenden Adels nachvollziehbar zu machen, w&#228;re es naheliegend gewesen, die Ereignisse aus den Augen eines/r gl&#252;henden Sozialdemokraten/in nachzuzeichnen. Eine Ahnung von der massiven Aufbruchsstimmung bekam man in der Ausstellung aber nur durch den Anblick der sozialdemokratischen (Wahl-)Plakate. Die angebotenen, von einem gelangweilten Ton getragenen F&#252;hrungen durch die Ausstellung arbeiteten demgegen&#252;ber einer emphatischen Betrachtung der Ereignisse eher entgegen. Sie f&#252;gten sich durch entpolitisierte Ausf&#252;hrungen und den Erz&#228;hlstil des „Experten“ nur zu gut in das gesamte Muster der Ausstellung.<br />
Besonders deutlich war dies anhand einer Installation zu sehen, bei der in einem etwas verdunkelten Raum kurze Ausschnitte aus zeitgen&#246;ssischen politischen Reden im Originalton zu h&#246;ren waren. Dabei sollten die verschiedenen Redestile von Politikern anschaulich gemacht und gegen&#252;ber gestellt werden: der alte, die Massen &#252;berschreiende Stil im Gegensatz zum neuen, ruhig ins gerade erst aufkommende Mikrophon Sprechende. Dies ist zwar kein uninteressantes Ph&#228;nomen, jedoch war der „technische“ Fokus allein auf den Redestil gelegt – es wurde nicht thematisiert, ob der Redner „Tod allen Juden!“ oder „Es lebe das Proletariat!“ schreit. Ein weiteres Beispiel f&#252;r die entpolitisierte Herangehensweise der KuratorInnen. Insgesamt vermittelten die Darstellung und Aufbereitung der Themen und Ereignisse den Eindruck, als w&#228;re zwischen den reaktion&#228;r-faschistischen und den linken und antifaschistischen Kr&#228;ften kein Unterschied zu machen.<br />
Auch der Versuch, die gesellschaftlichen Entwicklungen in einzelne, sauber von einander getrennte Themenbereiche und Ausstellungsr&#228;ume zu unterteilen, wirkte aus einer politischen Perspektive nicht gegl&#252;ckt, lassen sich doch gerade in einer so bewegten Zeit gesellschaftliche Themen nicht isoliert voneinander betrachten. Zudem herrschte die bedenkliche Tendenz vor, die Sozialdemokratie und die konservativ-reaktion&#228;ren Kr&#228;fte in diesen R&#228;umen anhand eines Schlagwortes auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – um sie dann erst innerhalb dieses vage vorgegebenen Rahmens auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen. Nat&#252;rlich musste in der Gestaltung der Ausstellung wohl ein Kompromiss zwischen der detaillierten Darstellung der K&#228;mpfe – auch in ihren Widerspr&#252;chen – und einer massentauglichen Aufbereitung der Inhalte gefunden werden.<br />
Trotzdem war es bei der F&#252;hrung manchmal zuviel des Guten: So endete diese im Raum zur „politischen Gewalt“.  Als der Experte, der durch die Ausstellung f&#252;hrte, schlie&#223;lich bei der Schilderung der Ereignisse rund um den Brand des Justizpalastes anmerkte, dass dies wohl die gewaltt&#228;tigste Aktion „bis dato“ war, sank die Lust, den Ausf&#252;hrungen weiter zu lauschen, stark ab: „War da nicht kurz vorher ein Weltkrieg?“ Noch eine kurze Geschichte zu einem Einschussloch in einem Pokal musste man &#252;ber sich ergehen lassen, und es war &#252;berstanden. Im kurzen Schlagabtausch mit einer anderen Besucherin dar&#252;ber, ob und wie entpolitisiert man diese Ereignisse darstellen darf/kann, bzw. wie sehr BesucherInnen mit gewissen Darstellungsweisen „indoktriniert“ oder doch eher nur „konfrontiert“ werden, wurde indes klar, dass die gew&#228;hlte Darstellungsweise der Ausstellung durchaus auch ihr Publikum hat.<br />
Das Buch zur Ausstellung hingegen ist jeder/m nur w&#228;rmstens zu empfehlen. Darin enthalten sind nicht nur die Fotos aller(!) Ausstellungsst&#252;cke – was besonders aufgrund der gro&#223;en Anzahl von Plakaten und Fotos imponiert – sondern auch eine Menge an Text in Form von Erkl&#228;rungen, Erz&#228;hlungen, Berichten und Statistiken. Auf knapp 600 Hochglanzseiten findet die/der Interessierte eine Unmenge an Material zum gem&#252;tlichen Schm&#246;kern, Studieren und Wundern vom Sofa aus&#8230; ganz ohne langweilige Expertisen, im Weg stehende Menschen und Rauchverbot. Nicht zuletzt wird hier auch abseits aller politischen Nivellierungen der Ausstellung die bremsende und kalmierende Rolle der sozialdemokratischen F&#252;hrung im Kampf gegen die aufkommenden FaschistInnen aktiv thematisiert. </p>
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