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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Naher und Mittlerer Osten</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Kr&#228;ftemessen in &#196;gypten. Die Revolution zwischen nicht erf&#252;llten Hoffnungen und reaktion&#228;rem Backlash</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2011 10:02:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung1 von Ramin Taghian.

Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von <em>Ramin Taghian</em>.<br />
<span id="more-2114"></span><br />
<strong>Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r</strong><br />
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel nicht in dessen Interesse liegt. Dementsprechend hat er vor allem bei jungen Revolution&#228;rInnen stark an Unterst&#252;tzung verloren. Die Demobilisierung der revolution&#228;ren Bewegung nach dem Sturz Hosni Mubaraks Anfang des Jahres und die Hoffnung auf graduelle Ver&#228;nderungen unter der Aufsicht des „patriotischen und revolution&#228;ren“ Milit&#228;rs wich in den letzten Monaten einem zunehmenden Misstrauen gegen&#252;ber dem Obersten Milit&#228;rrat. Die ehemals breite Front gegen Mubarak ist auseinandergebrochen, und die unterschiedlichen Vorstellungen, wie ein neues &#196;gypten auszusehen habe, prallen zunehmend direkter aufeinander. Die Ausdifferenzierung von unterschiedlichen politischen und sozialen Interessen schreitet voran und hinterl&#228;sst eine brisante gesellschaftliche Situation in &#196;gypten. Das dr&#252;ckt sich seit Juni in der Wiederaufnahme regelm&#228;&#223;iger Stra&#223;enproteste und schlie&#223;lich seit 8. Juli in der Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aus. Doch anstatt wie im Februar in Sprechch&#246;ren die Einheit von Armee und Volk zu feiern, wurde auf Demonstrationen zum Sturz des Vorsitzenden des Milit&#228;rrats, Feldmarschall Tantawi, aufgerufen. Unter Beteiligung vor allem linker und liberaler Organisationen wurde die rasche Umsetzung der zentralen Anliegen der Revolution eingefordert. Denn bei vielen, vor allem jungen, Revolution&#228;rInnen hat sich das Gef&#252;hl eingestellt, ihre Revolution sei ihnen gestohlen worden. Die zentralen Forderungen waren daher: eine Beschleunigung des Verfahrens gegen Mubarak, seine S&#246;hne und engen Komplizen; die Entlassung und strafrechtliche Verfolgung von Polizisten, die w&#228;hrend der Revolution an der T&#246;tung von DemonstrantInnen beteiligt waren (was vor allem von den Familien der M&#228;rtyrerInnen gefordert wird); die Abschaffung von Milit&#228;rtribunalen und die Freilassung aller seit Februar vom Milit&#228;r inhaftierten und verurteilten Personen (was mehrere Tausende betrifft). Eine prominente Forderung aus der unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung war auch die Durchsetzung eines nationalen Mindestlohns. Linke und radikal-demokratische Kr&#228;fte forderten au&#223;erdem im Gegensatz zum Milit&#228;rrat und der Muslimbruderschaft eine Verschiebung der f&#252;r den fr&#252;hen Herbst angesagten Parlamentswahlen. Der Grund ist, dass die fr&#252;he Abhaltung der Wahlen vor allem den bereits gut organisierten Parteien Vorteile bringt, insbesondere der Muslimbruderschaft. Neue politische Bewegungen und Organisationen, die aus dem revolution&#228;ren Prozess entstanden sind, haben hingegen zu wenig Zeit um sich vorzubereiten und einen intensiven Wahlkampf zu f&#252;hren. Au&#223;erdem besagt das neue Parteiengesetz, dass jede Partei die zu Wahlen antritt mindesten 5000 eingeschriebene Mitglieder braucht, sowie in mindestens zwei nationalen Zeitungen Annoncen geschaltet haben muss. Diese Einschr&#228;nkung verunm&#246;glicht f&#252;r viele eine tats&#228;chliche Beteiligung, vor allem da die finanziellen Ressourcen kaum vorhanden sind.</p>
<p><strong>Neue Doppelstrategie</strong><br />
Zumindest die erste Forderung, n&#228;mlich dass Mubarak vor Gericht gestellt werden soll, wurde mittlerweile erf&#252;llt. Die Bilder von Mubarak, der hinter Gittern dem Richter vorgef&#252;hrt wird, gingen durch die Welt und stehen, allen Schwierigkeiten und Herausforderungen der revolution&#228;ren Bewegung zum Trotz, f&#252;r ein neues historisches Kapitel in der arabischen Welt. Selbst die am l&#228;ngsten herrschenden „Pharaonen“ m&#252;ssen damit rechnen, fr&#252;her oder sp&#228;ter f&#252;r ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bezeichnend ist aber auch, dass die Erf&#252;llung dieser vielfach gestellten Forderung nur einen Tag nach der <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2325/tahrir-august-1st_masquerade-for-a-lost-legitimacy">gewaltt&#228;tigen R&#228;umung des Tahrir Platzes</a> und der Verhaftung mehrerer DemonstrantInnen am ersten Tag des Ramadan kam.</p>
<p>Dies beweist, dass die aktuellen Herrschenden eine Doppelstrategie fahren: Einerseits versuchen sie, mit aller Kraft die Z&#252;gel der Macht nicht aus der Hand zu geben und reagieren sensibel auf jegliche Herausforderung. Andererseits geben sie kleine Zugest&#228;ndnisse und bringen Bauernopfer, um die Leute zu beschwichtigen und radikale AktivistInnen mit einem Interesse an grunds&#228;tzlichen und systemischen Ver&#228;nderungen zu isolieren.</p>
<p><strong>Risse und Lagerbildungen</strong><br />
Und tats&#228;chlich gerieten die progressiven Teile der Bewegung in den letzten Wochen unter zunehmenden Druck. Dies zeigte sich einerseits am 23. Juli, als eine Demonstration, die in Richtung des Verteidigungsministeriums zog um gegen den Obersten Milit&#228;rrat und die schleppenden Entwicklungen zu demonstrieren, von Schl&#228;gern attackiert wurde. Das Milit&#228;r schaute dabei zu, wie DemonstrantInnen mit Brands&#228;tzen, Steinen und Messern angegriffen und sogar von H&#228;usern aus beworfen wurden. 300 Menschen wurden verletzt; ein Demonstrant erlag einige Tage sp&#228;ter seinen Verletzungen. Diese Ereignisse alarmierten die revolution&#228;re Bewegung, eine neue Stufe der Eskalation wurde erreicht. Au&#223;erdem wurde deutlich, dass zwar viele der AngreiferInnen zu organisierten Schl&#228;gertrupps geh&#246;rten, es hatte jedoch auch einige lokale AnwohnerInnen an der Attacke teilgenommen. Es ist ein Zeichen f&#252;r die zunehmenden Risse und die sich versch&#228;rfende Lagerbildung in der &#228;gyptischen Bev&#246;lkerung.  Gleichzeitig erh&#246;ht sich der Druck auf die revolution&#228;re Bewegung auch in der Auseinandersetzung mit islamistischen Kr&#228;ften. Besonders deutlich wurde dies am 29. Juli, als Salafiten<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>  und Muslimbr&#252;der Zehntausende auf den Tahrir-Platz und nach Alexandria mobilisierten. </p>
<p>Die F&#252;hrung der Muslimbruderschaft hatte sich im J&#228;nner erst relativ sp&#228;t der Revolution angeschlossen. Nach der Revolution ging sie schnell dazu &#252;ber, dem Obersten Milit&#228;rrat ihre volle Unterst&#252;tzung zuzusagen, woran sich bis heute nichts ge&#228;ndert hat. Daher &#252;berraschte es nicht, dass sie nur sehr widerwillig oder gar nicht an diversen Mobilisierungen teilnahm, sondern sich auch dezidiert gegen eine radikalere Kritik und die Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aussprach. Es wird immer offensichtlicher, dass zwischen Muslimbruderschaft und Milit&#228;rf&#252;hrung eine neue B&#252;ndnisachse in &#196;gypten entstanden ist. Als Beispiel kann hier auch die Einigkeit in Bezug auf die Kontinuit&#228;t neoliberaler Wirtschaftspolitiken genannt werden. So sprach sich die Muslimbruderschaft Anfang Juli <a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-07-05/egyptian-debt-spurs-islamist-call-for-austerity-arab-credit.html">f&#252;r ein staatliches Sparpogramm</a>, dem Beschneiden der &#246;ffentlichen Ausgaben und der Privatisierung der staatlichen Medien aus. Gleichzeitig gibt es ein grunds&#228;tzliches Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft. Damit einher ging auch eine Ann&#228;herung zwischen der Muslimbruderschaft und den USA nachdem sich Au&#223;enministerin Hillary Clinton f&#252;r eine Zusammenarbeit beider aussprach und dies von der Muslimbruderschaft positiv aufgenommen wurde.</p>
<p>Diese Positionen, insbesondere das Verh&#228;ltnis zum Milit&#228;rrat, verursachen aber nicht nur Konflikte mit den linken und liberalen revolution&#228;ren Organisationen, sondern auch innerhalb der Muslimbruderschaft. Hier ziehen sich die Konfliktlinien zwischen F&#252;hrung und Basis bzw. vor allem der Jugend der Organisation. Viele Mitglieder widersetzten sich bereits mehrmals den Anordnungen der F&#252;hrung, nahmen aktiv an Protesten teil und forderten eine Demokratisierung der Organisation ein. Neben der Haltung zum Milit&#228;rrat f&#252;hrte vor allem die Gr&#252;ndung der „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ durch die F&#252;hrung der Bruderschaft zu Reibereien. So forderten gro&#223;e Teile der Jugend das Recht ein, anderen Parteien beitreten zu d&#252;rfen. Die Konflikte f&#252;hrten mittlerweile zu vielfachen Austritten sowie Ende Juni zur <a href="http://cafethawra.blogspot.com/2011/07/where-are-muslim-brotherhood-in.html">Gr&#252;ndung einer neuen Partei</a> durch j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft.</p>
<p><strong>Die islamistische Bewegung zeigt ihre Muskeln</strong><br />
Einen nachhaltigen Schock erlebte die revolution&#228;re Bewegung, die in den Wochen zuvor mehrere Demonstrationen und die Besetzung des Tahrir-Platzes organisiert hatte, am 29. Juli. Verschiedene salafitische Str&#246;mungen hatten eine Demonstration auf dem Tahrir Platz angek&#252;ndigt, um die gr&#246;&#223;tenteils s&#228;kularen Tahrir-BesetzerInnen zu diskreditieren. Mit ihrer Mobilisierung wollten sie die „islamische Identit&#228;t“ &#196;gyptens verteidigen sowie f&#252;r die Einf&#252;hrung der Scharia demonstrieren. Zwischen den Zeilen konnte man auch die Unterst&#252;tzung f&#252;r den Obersten Milit&#228;rrat heraush&#246;ren und stark sektiererische Tendenzen vernehmen. In den Tagen vor dem 29. Juli erh&#246;hte sich die Spannung auf Seiten der Tahrir-BesetzerInnen die eine Konfrontation bef&#252;rchteten. Schlie&#223;lich kam es zu Gespr&#228;chen zwischen Repr&#228;sentanten der unterschiedlichen Lager, welche sich auf eine gemeinsame Kundgebung unter dem Motto der „nationalen Einheit“ einigten und kontroverse Forderungen wie die Einf&#252;hrung der Scharia einerseits, und die Kritik am Milit&#228;r andererseits, aus den Forderungskatalogen strichen.</p>
<p>Dennoch sollte der 29. Juli zu einem Muskelspiel der islamistischen Kr&#228;fte, vor allem der Salafiten werden. Mit Bussen wurden aus dem ganzen Land Leute nach Kairo gebracht um an der Demonstration teilzunehmen. Salafitische Satellitensender, Facebook-Seiten und Prediger riefen ihre Anh&#228;nger auf, an den Protesten teilzunehmen. Trotz vorheriger Absprachen war die Demonstration eindeutig <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2281/salafis-in-tahrir">von den IslamistInnen und deren Spr&#252;chen gepr&#228;gt</a>. Die Rufe nach einem islamischen Staat und der Implementierung der Scharia dominierten das Geschehen und richteten sich dezidiert gegen die s&#228;kularen revolution&#228;ren Kr&#228;fte. Der <a href="http://www.arabawy.org/2011/07/30/bigotry-and-reaction-salafis/">Schock &#252;ber die Ereignisse</a> sa&#223; bei vielen Revolution&#228;rInnen tief. Noch am selben Tag erkl&#228;rten 33 politische Gruppen der Liberalen und Linken ihren R&#252;ckzug vom Tahrir-Platz und kritisierten die islamistischen Gruppen f&#252;r das Nichteinhalten vorher beschlossener Richtlinien bez&#252;glich eines gemeinsamen Protests.</p>
<p><strong>Reaktion und Verunsicherung</strong><br />
Diese Erfahrung tr&#228;gt aktuell zur Verunsicherung von Teilen der revolution&#228;ren Bewegung bei. Einen Tag nach der islamistischen Mobilisierung zum Tahrir-Platz, gaben zahlreiche Organisationen bekannt, die Besetzung des Platzes w&#228;hrend des Ramadan auszusetzen. Wiederum einen Tag sp&#228;ter wurden, wie schon erw&#228;hnt, die restlichen DemonstrantInnen, inklusive einer gro&#223;en Zahl von Familien der M&#228;rtyrerInnen, vom Milit&#228;r gewaltsam und unter Einsatz von Panzern ger&#228;umt.</p>
<p>F&#252;r die salafitische Bewegung war es ein Signal an die &#214;ffentlichkeit, dass man mit ihnen als politischem Faktor zu rechnen hat. Bisher jedoch war diese Bewegung nicht einheitlich organisiert und in sich relativ heterogen. W&#228;hrend einige Str&#246;mungen eher konservativ predigend auftreten, gibt es andere, die <a href="http://english.ahram.org.eg/~/NewsContent/1/64/17711/Egypt/Politics-/Account-of-the-Islamists’-overtake-of-Friday-demon.aspx">zunehmend politische Ambitionen</a> &#228;u&#223;ern, wie zum Beispiel die Gr&#252;ndung der salafitischen al-Nour Partei („das Licht“) zeigt.</p>
<p><strong>Aktivit&#228;t der sozialen Bewegungen</strong><br />
Trotz der angespannten Lage und der relativen R&#252;ckschl&#228;ge der progressiven Kr&#228;fte der Revolution machen die <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/08/02/egypt-new-wave-of-strikes-greets-start-of-ramadan/">weiterhin starken sozialen Bewegungen</a> in &#196;gypten Hoffnung. So legten Ende Juli ArbeiterInnen von 20 Betrieben einer „Free Economic Zone“ nahe der am Suez Kanal gelegenen Stadt Ismailiyya ihre Arbeit nieder, um f&#252;r h&#246;here L&#246;hne zu streiken. Die Forderungen inkludierten die Implementierung eines Mindestlohns von 1200 &#228;gyptischen Pfund (ca. € 140,-), eine volle Gesundheitsversicherung, und bessere Arbeitsbedingungen.<br />
Gleichzeitig fanden Arbeitsk&#228;mpfe in zahlreichen anderen Betrieben statt. Erst vor wenigen Wochen gingen die EisenbahnarbeiterInnen in den Streik. Das Personal am Kairoer Flughafen konnte nach einem <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/07/26/egypt-cairo-airport-workers-win-concessions-from-military-council/">entschlossenen Streik</a> und der Blockade der Hauptzufahrtsstrasse zum Flughafen unter anderem bewirken, dass zum ersten Mal seit 50 Jahren anstatt einem Milit&#228;rangeh&#246;rigen eine zivile Person zum Manager bestellt wurde. Dieser Sieg wird von der Gr&#252;ndung zahlreicher unabh&#228;ngiger Gewerkschaften in unterschiedlichen Branchen begleitet. Erst in den letzten Tagen kam es auch unter EisenbahnerInnen zur Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften. Laut einer k&#252;rzlich erschienen Statistik gab es seit J&#228;nner mittlerweile 956 Aktionen (Streiks, Sit-ins, Demonstrationen) von ArbeiterInnen. Diese Trend wird sich, wenn auch sicherlich nicht linear, weiter fortsetzen. Schon jetzt haben LehrerInnen in Ober&#228;gypten einen Streik mit der Forderung nach einem Mindestlohn f&#252;r Anfang des Schuljahres angedroht.</p>
<p>Als Zwischenres&#252;mee l&#228;sst sich festhalten: Nach der Revolution ist – nicht ganz – vor der Revolution. Gro&#223;e Teile der &#228;gyptischen Gesellschaft sind nach wie vor aktiviert. Zahlreiche Initiativen und Organisationen sind entstanden und organisieren zuvor unorganisierte Menschen. Trotz der harten Reaktion gegen&#252;ber der revolution&#228;ren Bewegung, wurden dennoch einige Zugest&#228;ndnisse gemacht. Der provisorische Premierminister Essam Sharaf sah sich gezwungen, die S&#228;uberung des Polizeiapparates anzuk&#252;ndigen wie auch eine Umbesetzung des Innenministeriums durchzuf&#252;hren. Die prominente Forderung nach einem nationalen Mindestlohn musste ebenfalls aufgegriffen werden, auch wenn anstatt der 1200 Pfund nur 700 zugesagt wurden. Die Bilder von Mubarak hinter Gittern zeigen nicht nur den anderen L&#228;ndern des Mittleren Osten die M&#246;glichkeit auf, Diktatoren zu st&#252;rzen. Auch in &#196;gypten selbst k&#246;nnten sie der revolution&#228;ren Bewegung neuen Mut und Enthusiasmus geben, um auch die anderen &#220;berreste des alten Regimes weiter zu bek&#228;mpfen, um diese bald neben Mubarak in einer Zelle sitzen zu sehen.</p>
<p>Eine Revolution ist kein linearer Prozess sondern gepr&#228;gt von vielen Br&#252;chen, Auf- und Abschw&#252;ngen. Nachdem der Fr&#252;hling eine relative Demobilisierung zeigte, waren die ersten Sommermonate von einem Aufschwung der revolution&#228;ren K&#228;mpfe gepr&#228;gt und es wurde &#252;ber eine „zweite Revolution“ geredet. Ob die aktuellen relativen R&#252;ckschl&#228;ge einer „dritten Revolution“ weichen werden, wird sich in den n&#228;chsten Monaten und vor allem im Kontext der kommenden Wahlen im Herbst zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
Das Foto stammt von <a href="http://www.arabawy.org/photos/">http://www.arabawy.org/photos/</a> </p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> F&#252;r eine fr&#252;here, ausf&#252;hrlichere Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution  siehe <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/">http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Salafiyya (Salafismus) ist eine konservative Str&#246;mung des Islam und ideologisch dem saudi-arabischen Wahabismus nahe. Die Salafiyya nimmt sich die urspr&#252;ngliche islamische Gemeinschaft zu Zeiten des Propheten Mohammed zum Vorbild und vertritt eine relativ wortgetreue Auslegung des Koran. In diesem Sinne m&#252;sste die Umma (die Gemeinschaft aller MuslimInnen), um aus der Krise der islamischen Gesellschaft herauszukommen, eine R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Werten und Praxen des Islams anstreben und eine islamische &#8220;Renaissance&#8221; einleiten.<br />
Nichtsdestotrotz ist eine Verallgemeinerung der salafitischen Bewegung schwierig, da es keine tats&#228;chlich einheitliche Bewegung darstellt, sondern sich an verschiedenen Predigern orientiert. So findet man eher apolitische Str&#246;mungen, welche eine Abkehr von der verwestlichten und dekadenten Gesellschaft anpeilen und sich auf religi&#246;se Predigt konzentrieren wollen. Andere wiederum agieren dezidiert politisch, bauen Organisationen und Parteien auf und partizipieren am &#246;ffentlichen Diskurs zur Ver&#228;nderung der Gesellschaft.<br />
Historisch muss die Salafiyya als &#8220;moderne&#8221; Erscheinung im Kontext und als Antwort auf die Auseinandersetzungen mit Kolonialismus und den Auswirkungen des Kapitalismus auf die jeweiligen Gesellschaften analysiert werden und nicht, wie oft in Medien dargestellt, als traditionalistischer oder &#8220;mittelalterlicher&#8221; &#220;berrest des Islam.</p>
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		<title>Politischer Islam &#8211; Geschichte und Analyse</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/04/06/9-april-1030-workshop-politischer-islam-geschichte-und-analyse/</link>
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		<pubDate>Wed, 06 Apr 2011 09:25:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Samstag, den 9. April wollen wir uns im Rahmen eines eint&#228;gigen Workshops mit der Entstehungsgeschichte und der aktuellen, widerspr&#252;chlichen Rolle von politischen Bewegungen besch&#228;ftigen, die als &#8220;islamistisch&#8221; bezeichnet werden.  Dies scheint uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Nordafrika und Westasien und der Diskussionen um die Rolle des &#8220;Islamismus&#8221; in diesen Bewegungen wichtig zu sein.
Der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag, den 9. April wollen wir uns im Rahmen eines eint&#228;gigen Workshops mit der Entstehungsgeschichte und der aktuellen, widerspr&#252;chlichen Rolle von politischen Bewegungen besch&#228;ftigen, die als &#8220;islamistisch&#8221; bezeichnet werden. <span id="more-1871"></span> Dies scheint uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Nordafrika und Westasien und der Diskussionen um die Rolle des &#8220;Islamismus&#8221; in diesen Bewegungen wichtig zu sein.</p>
<p>Der Workshop richtet sich an Perspektiven-Mitglieder, SympathisantInnen und KollegInnen sowie alle an am Thema Interessierten. Ihr braucht keinerlei Vorkenntnisse haben, um mitzumachen. Einzige Voraussetzung ist die Lekt&#252;re von (kurzen) Vorbereitungstexten und eine formlose Anmeldung per Mail an perspektiven.veranstaltung@gmail.com. Die Vorbereitungstexte kriegt ihr nach der Anmeldung per Mail zugeschickt.</p>
<p>Der Workshop besteht aus 3 Teilen:</p>
<p>1. Vorstellrunde mit anschlie&#223;endem Input &#252;ber Grundlagen der Thematik (10:30 – 13:00)</p>
<p>2. Zur Einsch&#228;tzung des politischen Islams/Islamismen, Diskussion anhand von Leitfragen (14:00 – 16:00)</p>
<p>3. Abschluss und Diskussion &#252;ber Konseqenzen und Perspektiven (16:15 – 17:15)</p>
<p>Sa., 9. April 2011, 10:30 – 17:30 Uhr<br />
Ort: wird bei Anmeldung bekannt gegeben.<br />
Um Anmeldung wird gebeten, unter: perspektiven.veranstaltung@gmail.com</p>
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		<title>&#196;gypten &#8211; The Revolution was Televised</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</link>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 09:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der Gruppe Perspektiven, das Ramin Taghian ausgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.
Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der </em>Gruppe Perspektiven, <em>das </em>Ramin Taghian a<em>usgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.</em><span id="more-1775"></span></p>
<p>Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten sich viele eine Signalwirkung an Bewegungen im Mittleren Osten, nun ihre eigenen langj&#228;hrigen Diktatoren verst&#228;rkt herauszufordern. Dass jedoch innerhalb weniger Wochen bereits der zweite Diktator durch eine revolution&#228;re Massenbewegung gest&#252;rzt werden w&#252;rde – und dies noch dazu im geopolitisch wichtigsten Land der Region, &#196;gypten – damit hatte niemand gerechnet. Gleichzeitig wurde sie von Millionen Menschen weltweit gebannt mitverfolgt. F&#252;r zwei Wochen war der Livestream von Al-Jazeera f&#252;r Tausende das Erste und Letzte am Tag, was ein bzw. ausgeschaltet wurde. Revolutionen sind ansteckend, und eine Revolution, die beinahe live mitverfolgt werden kann, umso mehr!<br />
Die Medien konzentrieren sich bei ihren Versuchen, eine Erkl&#228;rung f&#252;r diese Dynamik zu finden, meist auf die schon lange ausgerufene „Web 2.0-Generation“. Es seien Netzwerke wie <em>facebook</em>, die diese Revolution erm&#246;glichten. Es sei die neue, junge, ausgebildete, global vernetzte, Technologie-affine, nach Moderne und Demokratie strebende Jugend, die diese Revolte „inszenierte“. &#196;hnliche Interpretationen kennen wir aus der Berichterstattung zur „Gr&#252;nen Bewegung“ im Iran 2009 sowie zur „Unibrennt“-Bewegung 2010 in &#214;sterreich.<br />
Dass <em>facebook</em> – und allgemein das Internet – eine wichtige Rolle spiel(t)en und neue M&#246;glichkeiten der Vernetzung und Organisierung f&#252;r AktivistInnen bieten, sei hier in keinster Weise in Frage gestellt. Es soll hier aber auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert werden, welche in &#196;gypten f&#252;r die Entstehung dieser Bewegung zentral waren. Revolutionen haben keine fixen Drehb&#252;cher und entstehen auch nicht aus dem Nichts! Es gibt immer AktivistInnen, die &#252;ber Jahre an K&#228;mpfen geschult wurden, &#252;ber Siege und Niederlagen Erfahrungen akkumuliert haben und dabei Zusammenh&#228;nge schufen, welche in der Lage sind, die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen zu bringen. Dies ist in &#196;gypten nicht anders gewesen, und tats&#228;chlich ist in den letzten Jahren eine Generation von AktivistInnen entstanden, ohne die die aktuelle Situation nicht denkbar w&#228;re. Dar&#252;ber hinaus formierte sich innerhalb dieser K&#228;mpfe nicht zuletzt eine neue und junge Linke, welche im Unterschied zu fr&#252;heren Generationen vor allem durch ihre unsektiererische Haltung gegen&#252;ber anderen politischen Richtungen und insbesondere der Muslimbruderschaft gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Im Folgenden soll auf drei Phasen von sozialen K&#228;mpfen in &#196;gypten eingegangen werden, die mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre identifiziert werden k&#246;nnen. Denn die Radikalit&#228;t und St&#228;rke der gegenw&#228;rtigen Bewegung kann nur dann erkl&#228;rt werden, wenn diese Phasen analysiert und als zusammenh&#228;ngend und aufeinander aufbauend verstanden werden. Daran anschlie&#223;end werde ich in acht Punkten auf den Charakter der Revolution, die wichtigsten AkteurInnen und die Herausforderungen, mit denen sich die progressiven Kr&#228;fte in &#196;gypten nun konfrontiert sehen, eingehen.</p>
<p><strong>1. 2000-2003:</strong> Eine erste Welle des Protests erfasste &#196;gypten zwischen 2000 und 2003. Dies geschah erst im Rahmen der Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina und danach der Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Zum ersten Mal seit langer Zeit fanden wieder &#246;ffentliche Stra&#223;enproteste in &#196;gypten statt. Die Bewegung wurde insbesondere von Studierenden an den Universit&#228;ten getragen, wobei vor allem linke Studierende die Bewegung anf&#252;hrten, w&#228;hrend die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft, die Muslimbruderschaft, eher durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<br />
Wie auf der ganzen Welt, so fanden auch in &#196;gypten vor der Invasion der USA in den Irak Anfang 2003 Massenproteste statt. Erstmals erschienen mehrere tausende Menschen auf dem symboltr&#228;chtigen Tahrir-Platz in Kairo, um ihren Unmut auszudr&#252;cken. Was diese Proteste auszeichnete, war jedoch nicht nur einfach die Tatsache ihres Zustandekommens, sondern vielmehr der Umstand, dass die Kritik am US-Imperialismus sowie der Politik des Staates Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinenserInnen erstmals mit der Kritik an den eigenen Herrschenden in &#196;gypten, insbesondere dem Pr&#228;sidenten Hosni Mubarak, verbunden wurde. W&#228;hrend die Kritik am Pr&#228;sidenten bisher eher fl&#252;sternd ge&#228;u&#223;ert wurde, hatte man pl&#246;tzlich vereinzelte Rufe gegen Mubarak auf den Demonstrationen. Doch erst in der n&#228;chsten Phase nahm diese Entwicklung eine neue Qualit&#228;t an.</p>
<p><strong>2. 2004-2005</strong>: Seit 2004 formierte sich die „Kefaya“-Bewegung (dt.: „Genug!“) aus der Antikriegsbewegung der vorhergehenden Jahre. Diese repr&#228;sentierte ein breites B&#252;ndnis von NasseristInnen, Liberalen, SozialistInnen sowie auch der Muslimbruderschaft. Obwohl die von ihr organisierten Proteste zahlenm&#228;&#223;ig meist nicht mehr als einige hundert Leute auf die Stra&#223;e brachten (jeglicher Stra&#223;enprotest in &#196;gypten wird grunds&#228;tzlich mit einem Gro&#223;aufgebot der Polizei konfrontiert und von der &#214;ffentlichkeit isoliert), war die Bedeutung von „Kefaya“ eher in ihrer politischen Radikalit&#228;t begr&#252;ndet, mit der sie auch eine gewisse &#214;ffentlichkeit erreichte. So fanden erstmals Proteste statt, in denen dezidiert der R&#252;cktritt Mubaraks und eine &#214;ffnung des rigiden politischen Systems gefordert wurde. Nach 2005 verlor die „Kefaya“-Bewegung aufgrund interner Streitigkeiten sowie einer zunehmenden Repression an Bedeutung. Nichtsdestotrotz hat sie eine neue Kultur des Protestes und der Kritik etablieren k&#246;nnen und gleichzeitig aufgezeigt, dass die Opposition bis zu einem gewissen Grad auch geschlossen gegen das Regime auftreten kann.</p>
<p><strong>3. 2006-2008</strong>: Seit dem Winter 2006 rollte eine Streikwelle durch &#196;gypten, wie sie seit den 1940er Jahren nicht mehr entstanden war. Ihr Zentrum sowie ihren Ausgangspunkt hatte diese Bewegung in der Industriestadt Mahalla al-Kubra, in der sich die gr&#246;&#223;te Textilfabrik des Mittleren Ostens und damit 27.000 ArbeiterInnen befinden. Hunderte Streiks und hunderttausende ArbeiterInnen nahmen in den darauf folgenden zwei Jahren an diversen Streikaktionen im ganzen Land teil und forderten eine Anhebung der mickrigen L&#246;hne, eine Auszahlung der Bonis bis hin zur Absetzung der korrupten, lokalen Gewerkschaftsvorsitzenden. Zum ersten Mal kamen auch Forderungen nach unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf, was zumindest im Falle der SteuerbeamtInnen auch zur Gr&#252;ndung der ersten unabh&#228;ngigen Gewerkschaft seit 1952 f&#252;hrte.<br />
Den H&#246;hepunkt fand die Streikbewegung am 6. April 2008 in der Stadt Mahalla al-Kubra. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von <em>Ghazl El-Mahalla</em> f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und bessere Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte nach der Besetzung des Betriebes durch Polizeieinheiten in zwei Tage andauernden Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen. Obwohl am Ende die Polizei die „Intifada von Mahalla“ niederschlug, war eine neue Qualit&#228;t in der Auseinandersetzung zwischen Staat und ArbeiterInnen erreicht. Bedeutend war der der Aufstand vom 6. April auch deshalb, weil er von der Oppositionsbewegung in ganz &#196;gypten aufgegriffen wurde. Wenn auch der Aufruf zum landesweiten Generalstreik ein Hirngespinst einiger <em>facebook</em>-AktivistInnen blieb und letztendlich nicht umgesetzt werden konnte, hatte der Aufstand eine enorme symbolische Bedeutung f&#252;r eine Generation von &#228;gyptischen AktivistInnen und f&#252;hrte zu einer Ann&#228;herung der Demokratiebewegung an die ArbeiterInnenbewegung. Die „Jugendbewegung des 6. April“, welche einen ma&#223;geblichen Anteil am Zustandekommen der &#228;gyptischen Revolution hatte, gab sich aufgrund dieses Aufstands ihren Namen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Der 6. April 2008 war der letzte gro&#223;e Aufschwung der oppositionellen Bewegungen in &#196;gypten bis zu den Entwicklungen der letzten Wochen. Nichtsdestotrotz wurden diverse Kampagnen organisiert und um diese herum bauten sich weitere Netzwerke von AktivistInnen auf. Diese Kampagnen thematisierten meist die Menschenrechtssituation in &#196;gypten, Polizeirepression und Korruption. Eine dieser Kampagnen war &#8220;We are all Khaled Said&#8221;, ein Blogger welcher letzten Sommer von korrupten Polizisten in Alexandria auf offener Stra&#223;e zu Tode gepr&#252;gelt wurde. Was mit Khaled Said passiert war, wurde zu einem Symbol des politischen Zustands in &#196;gypten.<br />
Bereits vor der Revolution in Tunesien war aus &#196;gypten eine angespanntere Stimmung als die Jahre zuvor zu vernehmen. Die Parlamentswahlen im November 2010 zeigten erneut das jegliche Hoffnung auf eine politische Liberalisierung vergeblich waren. W&#228;hrend die Muslimbruderschaft mit 88 Abgeordneten als gr&#246;&#223;ter Oppositionsblock in den Wahlen von 2005 ins Parlament einziehen konnte, blieben er nun nur noch ein einziger Abgeordneter &#252;brig.<br />
Der Bombenangriff auf eine koptische Kirche in Alexandria und die Reaktionen darauf zeigten ebenfalls in welche Richtung der Wind zu wehen begann. Spontane Demonstrationen der koptischen Gemeinde verurteilten das Regime und die Polizei f&#252;r den fehlenden Schutz. Zahlreiche Proteste an denen auch MuslimInnen teilnahmen wurden organisiert. In dem n&#246;rdlichen Kairoer ArbeiterInnenbezirk Shubra mit einem hohen koptischen Bev&#246;lkerungsanteil fanden Massenproteste mit Beteiligung diverser Oppositionsparteien statt. Zeitweise konnte die Polizei bereits relativ erfolgreich konfrontiert werden.<br />
Die Revolution in Tunesien war in dieser Situation wie ein Z&#252;ndfunke f&#252;r ein schon volles Pulverfass. Der Sturz Ben Ali&#8217;s zeigte, dass durch die Massenproteste auch die brutalste Diktatur gest&#252;rzt werden kann und gab den AktivistInnen in &#196;gypten das Selbstbewusstsein und die &#220;berzeugung es ihren Br&#252;dern und Schwestern in Tunesien gleich zu tun.</p>
<p><strong>1. Eine wahre Revolution</strong></p>
<p>Die Ereignisse in &#196;gypten beschr&#228;nkten sich nicht nur auf eine gro&#223;e Party am Tahrir-Platz, wie es die Medien oft darstellten, sondern sie waren ein tats&#228;chlicher Aufstand im gesamten Land. Von Alexandria bis Kairo, von Suez bis zur weit im Westen liegenden Oase Kharga gingen die Leute auf die Stra&#223;e. Auch in kleinen Ortschaften brannten Polizeistationen oder wurden – insbesondere in der Bev&#246;lkerung als sadistisch bekannte – Polizisten nicht mehr als Autorit&#228;ten anerkannt und vertrieben. Betriebe im gesamten Land wurden bestreikt und Volkskommitees (<em>Popular Commitees</em>) errichtet, um nach dem Abzug der Polizei ab dem 28. J&#228;nner das &#246;ffentliche Leben selbst zu organisieren.<br />
In diesem Prozess ver&#228;nderte sich auf einen Schlag das Bewusstsein von Millionen und eine neue Generation artikulierte sich politisch. Die Angst vor dem Regime transformierte sich in Wut, politische Lethargie in das Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t und Verantwortungsbewusstsein f&#252;r das eigene Handeln und die politische Relevanz jedes/r Einzelnen f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung trat hervor. Genau dies machte es zu einer echten Revolution!<a title="anm2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Die demokratische Revolution in &#196;gypten und dar&#252;ber hinaus ist auch auf einer weiteren Ebene bedeutend. Seit 9/11 trat vor allem die US-Regierung mit der Position auf, Demokratie m&#252;sse den unterentwickelten islamischen und arabischen L&#228;ndern gebracht werden, wenn n&#246;tig auch mit Bomben. Dieses L&#252;gengeb&#228;ude ist nun eingest&#252;rzt! Die Menschen selbst sind sehr wohl in der Lage f&#252;r ihre eigene Befreiung einzutreten und brauchen keine westlichen Soldaten oder neokonservative Think Tanks um ihnen Demokratie beizubringen!</p>
<p><strong>2. &#8230;doch nicht vollendet – Der national-demokratische Charakter der Revolution</strong></p>
<p>Die Revolution war jedoch bisher vor allem eine national-demokratische Revolution. Da sich die Proteste prim&#228;r gegen die autorit&#228;re Herrschaftsstruktur, gegen eine ungeheuer korrupten Elite und f&#252;r einfache B&#252;rgerrechte richteten, konnten Menschen unterschiedlichster Herkunft Bezug dazu herstellen. Mitglieder fast aller Klassen, Konfessionen und politischer Richtungen nahmen daran teil. Es wurde die &#8220;&#228;gyptische Nation&#8221; als Ganze angerufen.<br />
&#8220;National&#8221; ist die Revolution auch deshalb, weil sie sich gegen den geopolitisch untergeordneten Status &#196;gyptens als Anh&#228;ngsel des „Westens“ richtet. W&#228;hrend &#196;gypten unter dem ehemaligen Pr&#228;sidenten Nasser f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Kurs stand und ein selbstbewusstes Image als widerst&#228;ndiges Land der Dritten Welt besa&#223;, kann das von dem Mubarak-Regime nicht behauptet werden. Das Regime war in engster Weise mit dem „Westen“ und vor allem den USA verbunden. Mit dem Camp-David-Abkommen Ende der 1970er Jahre wurde ein Friedensvertrag mit Israel beschlossen und eine relativ enge Kooperation aufgebaut – eine Entwicklung mit der sich die Mehrheit der &#196;gypterInnen nicht identifizieren konnte.<br />
Hinzu kommt, dass sich &#196;gypterInnen international oft als Menschen zweiter Klasse verstanden. Die das Land besuchenden „westlichen“ TouristInnen hatten einen weit besseren Status als die meisten &#196;gypterInnen. Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass &#196;gypterInnen unf&#228;hig seien, eigenst&#228;ndige Politik zu machen. Diese Revolution hat jedoch so etwas wie einen nationalen Stolz zur&#252;ck gegeben. Putztrupps, die den Tahrir-Platz s&#228;uberten und auch jetzt noch in den Stra&#223;en f&#252;r Sauberkeit sorgen, sind ein Ausdruck dieses Gef&#252;hls.<br />
Der nationale Charakter dr&#252;ckt sich weiters in der Positionierung der Mehrheit gegen&#252;ber dem Milit&#228;r aus. Anders als der Polizeiapparat, welcher in den Augen der &#196;gypterInnen immer schon als nach innen gerichteter Repressionsapparat wahrgenommen wurde und den Hass der Gesellschaft auf sich vereinte, war das Milit&#228;r mit dem Schein nationaler Einheit und politischer Neutralit&#228;t umgeben. Dies ist vor dem Hintergrund der Rolle des Milit&#228;rs in der &#228;gyptischen Geschichte zu verstehen. Es war zentraler St&#252;tzpfeiler der nationalistisch-populistischen &#196;ra Nassers sowie Verteidiger gegen ausl&#228;ndische Aggressoren (Kriege in den Jahren 1956, 1968, 1973).</p>
<p><strong>3. Widerspr&#252;che innerhalb der Bewegung</strong></p>
<p>Bis zum R&#252;cktritt Mubaraks am 11. Februar galt innerhalb der revolution&#228;ren Bewegung Einheit im gemeinsamen Kampf gegen das Regime. Nach deren erstem Erfolg ist zu erwarten, dass sich die Bewegung ausdifferenziert. Ein gro&#223;er Teil der Bewegung argumentierte unmittelbar nach dem Abtritt des Pr&#228;sidenten und der &#220;bernahme der Staatsgesch&#228;fte durch das Milit&#228;r f&#252;r eine Demobilisierung der Bewegung, eine Beendigung der Streiks und eine „R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t“. Dem Milit&#228;r wurde von vielen das Vertrauen ausgesprochen, einen geregelten &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu garantieren. Noch vor dem Fall Mubaraks sprachen sich zum Beispiel Mohammed el-Baradei und seine Unterst&#252;tzerInnen f&#252;r ein Einschreiten des Milit&#228;rs und eine Beendigung des &#8220;Chaos&#8221; aus.  Nun sei es an der Zeit, das „neue &#196;gypten“ aufzubauen und „h&#228;rter zu arbeiten als jemals zuvor“.<br />
F&#252;hrende Figuren der „Jugendbewegung“ wie Wael Ghonim sa&#223;en bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks zusammen mit den Milit&#228;rs an einem Tisch, um einen Dialog aufzubauen. Einige liberale Kr&#228;fte der Opposition bildeten die &#8220;Koalition der Jugend der Revolution&#8221; – darunter Repr&#228;sentantInnen der &#8220;6. April Bewegung&#8221;, j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie der Gruppe um El-Baradei. Es wird sich noch zeigen, welche Rolle diese Zusammenh&#228;nge weiterhin spielen werden. Doch das Vertrauen in das Milit&#228;r als Garant f&#252;r einen geregelten &#220;bergang in eine Post-Mubarak &#196;ra, der Aufruf zur Demobilisierung der Bewegung sowie vor allem zur Beendigung der massenhaften Streiks im Land sind gef&#228;hrliche Schritte, da sie der revolution&#228;ren Bewegung ihr urspr&#252;ngliches Momentum nehmen k&#246;nnten. Solange keine starken und permanenten Gegenstrukturen  zum Staatsapparat gebildet werden, ist die Revolution in Gefahr gewonnenes Terrain zu verlieren.</p>
<p><strong>4. Muslimbruderschaft</strong></p>
<p>Die Muslimbruderschaft ist die gr&#246;&#223;te und am besten organisierte Oppositionskraft &#196;gyptens. Dabei spielte sie immer eine widerspr&#252;chliche Rolle. Ihre F&#252;hrung versuchte, eine eher moderate konformistische Haltung einzunehmen. Nicht der Sturz des Regimes sondern eine Beteiligung am System war ihr prim&#228;res Interesse. Ihr Verh&#228;ltnis zum Regime war ebenso ambivalent. Je nach politischer Konjunktur wurde sie, obwohl immer offiziell illegal, mal geduldet oder verst&#228;rkt verfolgt. Gleichzeitig gibt es in der Muslimbruderschaft seit einigen Jahren eine neue Generation junger aktivistischer Mitglieder, die weiter gehen will als ihre F&#252;hrung. Wenn die Organisation in der Demokratiebewegung aktiver wurde, dann meist durch den Druck dieser Basis. Diese Jugend war auch aktiv an der Bewegung beteiligt.<br />
Seit der Revolution steckt die Organisation in einer Zwickm&#252;hle. Die F&#252;hrung reagierte versp&#228;tet auf die Bewegung, w&#228;hrend viele Mitglieder von Anfang an aktiv beteiligt waren. Politisch hat sie keine f&#252;hrende Rolle gespielt, auch wenn sie nachtr&#228;glich der Bewegung ihre Infrastruktur zur Verf&#252;gung stellte.<br />
Aktuell rief die Muslimbruderschaft dazu auf, dem Milit&#228;r mit dem &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu vertrauen. Noch vor dem Sturz Mubaraks waren sie an Gespr&#228;chen mit dem Regime beteiligt, um einen Kompromiss auszuhandeln. Diese Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Ernennung eines Mitglieds der Bruderschaft an einem vom Milit&#228;r eingesetzten Komitee zur &#220;berarbeitung der Verfassung.<br />
Ziel der Muslimbruderschaft ist es, eine legale politische Partei zu werden. An einer grunds&#228;tzlichen Ver&#228;nderung der sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens hat sie kein Interesse. Ein Vergleich mit der AKP der T&#252;rkei ist hierbei angebracht.</p>
<p>W&#228;hrend viele Teile der Opposition von der R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t und einem &#8220;Ende&#8221; der Revolution reden, argumentieren linke Teile der Bewegung daf&#252;r, die nun verst&#228;rkt auftretenden sozialen K&#228;mpfe weiterzuf&#252;hren und den Aufbau unabh&#228;ngiger Gewerkschaften zu forcieren. So sollte die Mobilisierung zum Tahrir-Platz mit der Mobilisierung innerhalb der Betriebe erg&#228;nzt bzw. durch diese ersetzt werden. Gleichzeitig warnen diese Kr&#228;fte davor, dem Milit&#228;r als Garant f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Revolution zu vertrauen (zur Frage des Milit&#228;rs, siehe unten).<br />
Die Revolution in &#196;gypten hat au&#223;erordentliches geschafft, etwas womit kaum jemand gerechnet hat. Jedoch sind die alten Strukturen &#196;gyptens noch weitgehend in Kraft. Der tats&#228;chliche Kampf f&#252;r strukturelle Ver&#228;nderungen f&#228;ngt somit erst an. Ein wesentlicher Faktor daf&#252;r wird die F&#228;higkeit progressiver Kr&#228;fte zur Formierung, sowie die Aktivit&#228;ten der ArbeiterInnenklasse im Aufbau einer Gegenmacht sein!</p>
<p><strong>5. Die ArbeiterInnenbewegung &#8211; </strong><em><strong>the next stage of the revolution</strong></em><strong>!</strong></p>
<p>ArbeiterInnen waren zwar seit Beginn der Proteste involviert, beteiligten sich aber zun&#228;chst nicht als ArbeiterInnen, sondern als einfache DemonstrantInnen. In der letzten Woche vor dem Sturz Mubaraks nahm die Zahl von Streiks und ArbeiterInnenk&#228;mpfen jedoch rasant zu, und ArbeiterInnen begannen sich als ArbeiterInnen in den Betrieben zu organisieren. Dies war der letzte Ansto&#223; f&#252;r den Fall Mubaraks.<br />
Die &#228;gyptische ArbeiterInnenklasse denkt nicht daran, sich mit dem Abtritt Mubaraks und der Macht&#252;bernahme durch das Milit&#228;r zu begn&#252;gen. Immer neue Teile der ArbeiterInnenklasse wurden in den letzten Wochen aktiv, um ihre soziale Lage zu thematisieren. In allen Sektoren der Wirtschaft finden Streiks statt. Von den Suezkanal-ArbeiterInnen &#252;ber TextilarbeiterInnen bis hin zu MitarbeiterInnen diverser Ministerien und des &#246;ffentlichen Sektors werden Arbeitsk&#228;mpfe organisiert und Forderungen aufgestellt. Letztere sind dabei weitreichend. Neben Lohnerh&#246;hungen und dem Wunsch nach staatlichen Sozialleistungen sind die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn sowie der Absetzung korrupter Bosse und lokaler staatlicher Gewerkschaftsf&#252;hrer prominente Themen.<br />
Parallel zu den lokalen K&#228;mpfen gewinnt die Bewegung zur Gr&#252;ndung eines unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbundes an St&#228;rke. Bereits zu Beginn der Bewegung riefen die unabh&#228;ngige Gewerkschaft der SteuerbeamtInnen sowie des Krankenhauspersonals zur Formierung einer solchen auf. Seither haben sich einige weitere Betriebe und Sektoren dieser Initiative angeschlossen. Immer neue Forderungskataloge finden ihren Weg an die &#214;ffentlichkeit.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Diese Entwicklung wird ein wesentlicher Faktor im weiteren Verlauf der Revolution in &#196;gypten sein. Eine unabh&#228;ngige Gewerkschaftsbewegung w&#228;re in der Lage, die lokalen und bisher meist von einander isolierten K&#228;mpfe zu vereinen und die Frage einer sozialen Revolution fl&#228;chendeckend auf die Tagesordnung zu stellen.<br />
Die Streikbewegung ist jedoch mit Hindernissen konfrontiert. So hat das Milit&#228;r mehrmals zur Beendigung der Streiks aufgerufen und mit der Anwendung von Gewalt gedroht. Wie oben erw&#228;hnt haben auch Teile der Bewegung die Beendigung der sozialen K&#228;mpfe gefordert, um nun das „neue &#196;gypten“ aufzubauen. Unumstritten ist, dass mit der revolution&#228;ren Bewegung die B&#252;chse der Pandora ge&#246;ffnet wurde. ArbeiterInnen haben schon in den letzten Jahren verst&#228;rkt f&#252;r ihre sozialen und politischen Rechte gek&#228;mpft. F&#252;r sie ist die Verbindung zwischen dem autorit&#228;ren politischen System und der &#246;konomischen Ausbeutung viel offensichtlicher als f&#252;r andere Bev&#246;lkerungsteile. Die Eliten in der Politik waren die gleichen korrupten Unternehmer, die sie f&#252;r Hungerl&#246;hne schuften haben lassen.  Ein „demokratisches“ &#196;gypten w&#252;rde f&#252;r ArbeiterInnen nichts ver&#228;ndern, wenn sich nicht auch die sozialen Verh&#228;ltnisse mitver&#228;ndern w&#252;rden. Ob dies passiert oder nicht, h&#228;ngt von den sich nun formierenden militanten ArbeiterInnen und SozialistInnen ab. Die Voraussetzungen f&#252;r einen solchen Kampf sind jedoch zweifelsohne vorhanden.</p>
<p><strong>6. Rolle der Armee</strong></p>
<p>Die Milit&#228;relite ist fixer Bestandteil des Regimes, und ihr ist nicht zu trauen! Seit dem 11. Februar hat der oberste Milit&#228;rrat die Regierungsgesch&#228;fte &#252;bernommen. Verteidigungsminister Tantawi, lange Zeit enger Freund und Kollege von Mubarak, steht nun an der Spitze des Staates. Das Milit&#228;r wird von vielen als Garant f&#252;r Stabilit&#228;t und einen „geordneten“ &#220;bergang zu einer zivilen Regierung gesehen. Obwohl es den Anschein einer neutralen Institution hat, war das Milit&#228;r schon immer einer der wichtigsten St&#252;tzpfeiler des Regimes. W&#228;hrend es bis in die 1970er Jahre eine offene politische F&#252;hrungsfunktion hatte, verschwand es danach aus der politischen &#214;ffentlichkeit. Seither existiert ein Deal zwischen der zivilen Regierung und dem Milit&#228;r. Letzteres h&#228;lt sich dabei zwar bewusst im Hintergrund, sein Einfluss in Wirtschaft und Politik ist jedoch enorm:<br />
- Personell sind die Kommandoh&#246;hen des Staates von ehemaligen Offizieren besetzt. Alle  Pr&#228;sidenten seit 1952 rekrutierten sich aus dem Milit&#228;r. Hosni Mubarak selbst war, bevor er unter Sadat Vizepr&#228;sident wurde, Offizier der Luftwaffe.<br />
- Das Milit&#228;r betreibt ein weitreichendes Wirtschaftsnetz. In vielen Branchen wie  der Nahrungsmittel- und Zementproduktion, der Automobilindustrie oder der Gasf&#246;rderung mischt das Milit&#228;r an entscheidender Stelle mit. Zudem kontrolliert es einen gro&#223;en Teil des &#246;ffentlichen Grund und Bodens in &#196;gypten. Auch genie&#223;t das Milit&#228;r im Wirtschaftsbereich weitreichende Privilegien. So ist es von Steuerzahlungen befreit und muss sich mit vielen der b&#252;rokratischen H&#252;rden, denen die Privatwirtschaft unterliegt, nicht herumschlagen. Es genie&#223;t somit eine gewisse Autonomie im Staat und der Wirtschaft.<br />
- Ein stark ausgebauter Sektor von Clubs, Krankenh&#228;usern etc. soll die Loyalit&#228;t der eigenen Offiziere gew&#228;hrleisten und sie bei Stange halten.<br />
- Das Bild vom Milit&#228;r als politisch neutrale Institution und rein nach au&#223;en gerichtete Verteidigungsarmee ist tats&#228;chlich ein Mythos. In Notzeiten war es bisher immer sofort zur Stelle, um die innenpolitische Feuerwehr zu spielen: Bei der Niederschlagung der Brotaufst&#228;nde von 1977 und einer Polizeirevolte 1986 ebenso wie im Krieg gegen militante islamistische Bewegungen in den 1990er Jahren.<br />
- Au&#223;enpolitisch ist es ebenfalls das Milit&#228;r, das am engsten mit Israel und den USA zusammenarbeitet. So erh&#228;lt das &#228;gyptische Milit&#228;r mit ca. 1.3 Mrd. Dollar nach Israel die zweith&#246;chste US-Milit&#228;rhilfe.</p>
<p>Es ist gut vorstellbar, dass das Milit&#228;r den &#220;bergang zu einer zivilen Regierung tats&#228;chlich garantiert und keine weitere, offen-politische Pr&#228;senz anvisiert. Dies w&#252;rde durchaus ihrem eigenen Interesse entsprechen, konnte es doch bereits in den letzten Jahrzehnten erfolgreich im Hintergrund agieren, ohne sich dabei &#246;ffentlicher Kritik stellen zu m&#252;ssen. Voraussetzung daf&#252;r wird jedoch sein, dass die &#246;konomische Rolle und die institutionalisierten Privilegien des Milit&#228;rs unangetastet bleiben. Was passiert, wenn diese zur Diskussion gestellt werden, bleibt demgegen&#252;ber eine offene Frage. Solange dies nicht geschieht, besteht eine grunds&#228;tzliche strukturelle Kontinuit&#228;t zur Mubarak-&#196;ra.<br />
Ungekl&#228;rt bleibt auch, wie die weiteren Entwicklungen innerhalb der Armee aussehen. W&#228;hrend gro&#223;e Teile der Soldaten und mittleren Offiziersr&#228;nge mit der Bewegung sympathisierten (siehe die Bilder sich solidarisierender Soldaten und Offiziere am Tahrir-Platz), sind die oberen Generalsr&#228;nge fixer Bestandteil des &#228;gyptischen Herrschaftsapparats und, wie oben gezeigt, an einem grunds&#228;tzlichen Wandel nicht interessiert. Ein Vertrauen in das bestehende Oberkommando h&#228;tte daher f&#252;r die Perspektiven der Revolution in &#196;gypten fatale Folgen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>7. Fraktionsk&#228;mpfe innerhalb der Eliten</strong></p>
<p>Trotz offensichtlicher Kontinuit&#228;ten hat es in den letzten Wochen mehrere strategische Man&#246;ver gegen Teile des alten Regimes gegeben. Einzelnen Ministern wurde die Ausreise verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Manche wurden mittlerweile sogar festgenommen, gegen sie wird wegen Korruption ermittelt. Die betroffenen Kreise sind vor allem jene Unternehmer, die erst in den letzten Jahren in der Hierarchie der regierenden NDP (<em>National Demokratische Partei</em>) aufgestiegen sind. Diese Gruppe, welche eng mit Gamal Mubarak, dem Sohn des Pr&#228;sidenten und bis zur Revolution sein potentieller Nachfolger, verbunden war, stand f&#252;r eine neue Fraktion in &#196;gyptens Herrschaftsapparat. Anders als die „alte Garde“ favorisierte diese Fraktion eine Verst&#228;rkung des neoliberalen Kurses, von dem sie auch pers&#246;nlich enorm profitieren konnte. Repr&#228;sentanten dieser nachr&#252;ckenden Gruppe waren zum Beispiel  der Stahl-Tycoon Ahmad Ezz, der f&#252;r die NDP im Parlament sa&#223; und sich durch die Privatisierung von Stahlbetrieben bereichern konnte. Andere sind der ehemalige Innenminister Habib al-Adly, Tourismusminister Zoheir Garranah und der ehemalige Wohnbauminister Ahmed El-Maghraby. Alle vier wurden bereits verhaftet. Obwohl ihre Verfolgung sehr zu begr&#252;&#223;en ist – sie haben an der Neoliberalisierungsoffensive der letzten Jahre zweifellos einen gro&#223;en Anteil – m&#252;ssen diese Entwicklungen mit Vorsicht betrachtet werden. Tats&#228;chlich werden hier n&#228;mlich S&#252;ndenb&#246;cke f&#252;r das alte Regime gesucht. Zudem darf nicht &#252;bersehen werden, dass hier auch innerhalb der Herrschaftselite alte Rechnungen beglichen werden.</p>
<p><strong>8. Regionale und globale Dimension der Revolution(en) – 2011 als Jahr der Revolutionen?!</strong></p>
<p>Nach den Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten werden die Karten geopolitisch neu gemischt werden m&#252;ssen. Der „Westen“ wei&#223; noch nicht so recht, wie er auf die Situation reagieren soll und womit er noch zu rechnen hat. Zudem wird der Widerspruch zwischen den eigenen geopolitischen Interessen, die denen der autorit&#228;ren Regime  in engster Weise verbunden waren, und der Rhetorik von Demokratie und Freiheit f&#252;r alle in dieser Situation nur zu offensichtlich.<br />
Bisher hat sich die Berichterstattung auf den arabischen Raum konzentriert. Doch die Inspiration der Revolution in Tunesien und &#196;gypten hat bereits andere Regionen erreicht. Im Iran sch&#246;pfte die Opposition, die 2009/2010 noch brutal niedergeschlagen wurde, neue Energie und Hoffnung. Aber auch in den nicht weniger autorit&#228;r regierten L&#228;ndern Afrikas finden die ersten Revolutionen des 21. Jahrhundert einen starken Widerhall.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Selbst in den USA findet die Revolution in &#196;gypten einen Widerhall. Die j&#252;ngsten gewerkschaftlichen K&#228;mpfe in Wisconsin sahen teilweise direkte Bezugsnahmen auf die Massenproteste im Mittleren Osten. Unabh&#228;ngig vom weiteren Verlauf der Ereignisse kann schon jetzt gesagt werden, dass das Jahr 2011 neben 1848, 1917, 1968 und 1989 als Jahr der Revolutionen in die Geschichte eingehen wird. Die Entwicklung, welche in Tunesien ihren Anfang nahm, hat sich in k&#252;rzester Zeit zu einem regionalen Fl&#228;chenbrand ausgebreitet. Die Erfahrung, dass auch die brutalsten und autorit&#228;rsten Regime durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden k&#246;nnen, hat sich weltweit in das Bewusstsein von Millionen Menschen eingebrannt. Revolutionen sind ansteckend, und es wird noch zu sehen sein, was die langfristigen Folgen der j&#252;ngsten Entwicklungen sein werden.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven<br />
Wien, am 27. Februar 2011</em></p>
<p><strong>weiterf&#252;hrende Links:</strong></p>
<p>Spannende Dokumentation &#252;ber die &#228;gyptische Revolution: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded">http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded</a></p>
<p>Zu feministischen Positionen in der Revolution:<br />
<a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html">http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html</a></p>
<p>Interview mit der ber&#252;hmten radikalen Feministin und Autorin Nawal el-Saadawi:<br />
<a href="http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html">http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html<br />
</a><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;">Zwei lesenswerte Artikel zur Rolle von Frauen in der Revolution: <a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html">http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html</a></span></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;"><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></span><a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_">http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_</a></p>
<p>Reiseberichts-Serie von marx21 zur &#228;gyptischen Revolution: <a href="http://marx21.de/content/view/1349/32/">http://marx21.de/content/view/1349/32/</a></p>
<p>Zur Opposition, inklusive der Muslimbruderschaft:<br />
<a href="http://marx21.de/content/view/1326/32/">http://marx21.de/content/view/1326/32/</a></p>
<p>Zum Verh&#228;ltnis zwischen der Linken und der Muslimbruderschaf:<br />
<a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a></p>
<p>Ein toller Artikel zu Neoliberalismus, Korruption, Milit&#228;r und die soziale Frage in &#196;gypten: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html">http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe zum Geburtsort der Revolution in Mahalla: <a href="http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full">http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Es wurden hunderte Tagebucheintr&#228;ge und Berichte zu den revolution&#228;ren Erfahrungen verfasst. Hier eine kleine Auswahl:<br />
<a href="http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2">http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2</a>, <a href="http://samuliegypt.blogspot.com/">http://samuliegypt.blogspot.com/</a>, <a href="http://caironotes.blogspot.com/">http://caironotes.blogspot.com/</a>, <a href="http://www.sandmonkey.org/">http://www.sandmonkey.org/</a>, <a href="http://www.arabist.net/">http://www.arabist.net/</a>, <a href="http://www.arabawy.org/blog/">http://www.arabawy.org/blog/</a>. Zur Vorbereitung des Aufstands am 25. J&#228;nner siehe: <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html">http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html</a></p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Siehe zur letzten Deklaration der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft: <a href="http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/">http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/</a>, <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000">http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000</a></p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Siehe zur Rolle des Milit&#228;rs in &#196;gypten: <a href="http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html">http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html</a></p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Siehe dazu: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html">http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html</a></p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[ArbeiterInnenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das MERIP (Middle East Research and Information Project) gibt unter dem Namen MER (Middle East Report) ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: George Trumbell besch&#228;ftigt sich mit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das <em>MERIP</em> <em>(Middle East Research and Information Project)</em> gibt unter dem Namen <em>MER (Middle East Report)</em> ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: <em>George Trumbell</em> besch&#228;ftigt sich mit der Frage, ob der „failed state“ Somalia Ursache f&#252;r das Wiedererstarken der Piraterie zwischen Jemen und dem Horn von Afrika ist, oder ob nicht eher das Konzept des „failed state“ selbst ein Problem darstellt. <em>Chris Toensing</em> und <em>Amanda Ufheil-Somer</em>s analysieren den Nord-S&#252;d-Konflikt im Sudan, der in den n&#228;chsten Jahren zu einer Abspaltung des S&#252;dens f&#252;hren k&#246;nnte. Die Rolle Chinas in Afrika und dem Mittleren Osten sowie die potentiellen imperialen Konflikte, die sich hieraus ergeben k&#246;nnten, untersucht <em>Philip McCrum</em>. Und <em>Mona El-Ghobashy</em> analysiert in ihrem Artikel The Dynamics of Egypt’s Elections die Bedeutung von Wahlen in einem Land, in dem es oft so scheint, als best&#252;nde deren Funktion nur darin, dem Regime das M&#228;ntelchen der Legitimit&#228;t umzuh&#228;ngen. Aber selbst im &#196;gypten Mubaraks k&#246;nnen sich Risse im Gef&#252;ge der Macht ergeben und ein scheinbar &#252;berm&#228;chtiger Staat herausgefordert werden. So nutzt derzeit nicht nur das Regime den Wahlkampf, um W&#228;hlerInnen zu mobilisieren, sondern auch die Opposition. Nicht zu vergessen ist dar&#252;ber hinaus, dass sp&#228;testens seit der Streikbewegung 2007 mit sozialen Bewegungen als unberechenbarem Faktor gerechnet werden muss. Leider ist nur ein Teil der Artikel derzeit im Internet verf&#252;gbar. Dar&#252;ber hinweg tr&#246;stet aber ein regelm&#228;&#223;iger Blick auf die Homepage von <em>MERIP</em>, auf der immer wieder Artikel zu aktuellen Fragen und Herausforderung im Nahen und Mittleren Osten publiziert werden.</p>
<p>Die politische Dynamik in Lateinamerika wurde in den letzten Ausgaben von <em>Perspektiven </em>str&#228;flich vernachl&#228;ssigt. Wir geloben Besserung und verweisen in der Zwischenzeit auf das Interview mit <em>Adolfo Gilly</em> in <em>New Left Review</em> 64. Der 82-j&#228;hrige Historiker der mexikanischen Revolution l&#228;sst hier seine Erfahrungen als Revolution&#228;r in Lateinamerika Revue passieren. Auf die spezifische politische Situation der einzelnen L&#228;nder wird ebenso eingegangen wie auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der dort k&#228;mpfenden linken Gruppierungen. Eine Einsch&#228;tzung der Situation in Venezuela bietet <em>Mike Gonzales</em> in der ersten Ausgabe des neuen Magazins <em>Red Words</em> aus Irland. Er benennt pr&#228;zise die Widerspr&#252;chlichkeit der Verh&#228;ltnisse, die sich in der Figur Hugo Chávez’ verdichten, – auch wenn die j&#252;ngsten Wahlergebnisse in der bereits im April erschienenen Analyse nicht ber&#252;cksichtigt werden konnten.</p>
<p>Der Groucho unter den MarxistInnen, <em>Slavoj Žižek</em>, nimmt die Debatte um die „Euro-Krise“ zum Anlass, um den vergesslicheren unter den Linken eine eigentlich schon l&#228;nger gewonnene Erkenntnis ins Ged&#228;chtnis zu rufen: Dass der b&#252;rgerliche Rechtsstaat und seine liberalen Institutionen nicht das Terrain sind, auf dem wir um wahre Freiheit k&#228;mpfen k&#246;nnen. Vielmehr m&#252;ssen die vermeintlich unpolitischen Verh&#228;ltnisse der Produktion, des Marktes und der Familie umgesto&#223;en werden. Nebenbei bringt er eine der zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Argumente im Angesicht der globalen Wirtschaftskrise auf den Punkt: Man muss <em>gleichzeitig </em>darauf bestehen, dass die Krise nichts „nat&#252;rliches“ ist, sondern Ergebnis einer Abfolge von politischen Entscheidungen – <em>und </em>anerkennen, dass unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen „die Wirtschaft“ tats&#228;chlich pseudonat&#252;rlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterworfen ist, die immer wieder und notwendigerweise Krisen hervorrufen. Ein <em>Žižek </em>in Hochform jedenfalls, der die Kunst beherrscht, auf wenigen Seiten eine Vielzahl von Argumenten und Thesen unterzubringen – manche &#252;berzeugend, manche weniger, alle zum Denken anregend. Ebenfalls in <em>New Left Review</em> 64 erschienen.</p>
<p>In Perspektiven Nr.11 thematisierten <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em> in ihrem Artikel <em>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</em> die Auswirkungen einer neoliberalisierten Sozialpolitik auf die Arbeit im Sozialbereich. Wer sich n&#228;her f&#252;r die Urspr&#252;nge und Folgen dieser von der EU vorangetriebenen Politik interessiert, findet hierzu im neuen Kurswechsel zahlreiche Beitr&#228;ge. Unter dem Titel <em>EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</em> stehen unter anderem der Weg hin zu einer europ&#228;ischen Armuts- und Sozialpolitik sowie ihre Implementierung in &#214;sterreich im Zentrum.</p>
<p>Marxistische Wirtschaftstheorien standen in den Jahren des Nachkriegsbooms vor dem Problem, einen lang andauernden, relativ stabilen Wirtschaftsaufschwung gegen&#252;ber der behaupteten Instabilit&#228;t erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Die <em>Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft</em> war ein in den 1960er Jahren entwickelter Zugang, der aus marxistischer Perspektive zugleich die Grundlagen des Aufschwungs erkl&#228;rte als auch dessen zeitlich begrenzte Wirksamkeit aufzeigte. <em>Gonzalo Pozo</em> zeichnet in der j&#252;ngsten Ausgabe des <em>International Socialism Journal</em> die theoretische Entwicklung und die Probleme dieses Erkl&#228;rungsansatzes kritisch nach und versucht, dessen Relevanz f&#252;r heute aufzuzeigen.<br />
In der gleichen Ausgabe findet sich neben einem bemerkenswerten Nachruf auf den im Januar diesen Jahres verstorbenen<em> Daniel Bensaïd</em> von <em>Sebastian Budgen</em> ein Artikel von <em>John Newsinger</em>, der sich den Klassenk&#228;mpfen in den USA im Jahr der Sitzstreiks 1937 widmet. Er beschreibt dessen Auswirkungen auf gewerkschaftliche Organisierungsformen und auf die Kommunistische Partei in der Zeit des <em>New Deals</em>. Wer die in Perspektiven Nr. 6 beschriebenen K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> spannend fand, wird auch dieses Kapitel der Geschichte der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung gerne nachlesen.</p>
<p>Zu guter letzt sei auf das September-Heft der <em>Kulturrisse </em>verwiesen, in dem &#252;ber das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) debattiert wird. Und das teils im wahrsten Sinne des Wortes: die Transkription einer Podiumsdiskussion mit <em>Milena Bister</em> (Agru Grundeinkommen), <em>Margit Appelt</em> (Katholische Sozialakademie), <em>Melina Klaus</em> (KP&#214;) und <em>Markus Koza</em> (AUGE-UG) zu <em>Potenzialen und Fallstricken der BGE-Forderung</em> l&#228;sst die F&#252;rs und Widers nachvollziehbar aufeinander prallen. Die besten Argumente f&#252;r das Grundeinkommen liefert aber <em>K&#228;the Knittler</em>, die in ihrem Artikel die Sprengkraft einer Forderung, in der die Trennung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit radikal in Frage gestellt wird, aus feministischer Perspektive deutlich macht, ohne das BGE gegen andere sinnvolle und notwendige Forderungen – etwa nach Mindestlohn und Arbeitszeitverk&#252;rzung – auszuspielen.</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Bister, Milena/Appelt, Margit/Klaus, Melina/Koza, Markus: Mit dem Grundeinkommen gegen die Prekarit&#228;t?, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.20–25</p>
<p>Budgen, Sebastian: The Red Hussar. Daniel Bensaïd, 1946–2010, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127</a></p>
<p>East Report online, 29.09.2010, unter: <a href="http://www.merip.org/mero/mero092910.html">http://www.merip.org/mero/mero092910.html</a></p>
<p>Gilly, Adolfo (Interview): What Exists Cannot Be True, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S. 29–45</p>
<p>Gonzales, Mike: Venezuela: The State of the Revolution, in: Red Words. Irish Socialist Journal, Nr. 1 (May 2010), <a href="http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/">http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/</a></p>
<p>Knittler, K&#228;the: Was w&#228;re wenn&#8230; Das bedingungslose Grundeinkommen und die Arbeit, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.12–15</p>
<p>Kurswechsel Nr. 3 (2010): EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</p>
<p>McCrum, Philip: China and the Arabian Sea, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Middle East Research and Information Project (MERIP), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html">http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html</a></p>
<p>Newsinger, John: 1937: the year of the sitdown, in: International Socialism<br />
Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127">http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127</a></p>
<p>Pozo, Gonzalo: Reassessing the permanent arms economy, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127</a></p>
<p>Toensing, Chris/Ufheil-Somers, Amanda: Scenarios of Southern Sudanese Secession, Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Trumbell, George: On Piracy and the Afterlives of Failed States, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html">http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html</a></p>
<p>Žižek, Slavoj: A permanent economic emergency, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S.85–95</p>
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		<title>Die Rolle internationaler AktivistInnen im Nahostkonflikt</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jul 2010 15:40:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir empfehlen den Vortrag und die Diskussion mit den ISM-AktivistInnen Bridget Chappell (Canberra/Austrialien) und Ryan Olander (Minnesota/USA)

Seit bald 10 Jahren gibt es f&#252;r internationale AktivistInnen durch das International Solidarity Movement die M&#246;glichkeit, sich am zivilen, gewaltfreien Widerstand von pal&#228;stinensischen Gemeinden in den besetzten Gebieten zu beteiligen. Gemeinsam mit israelischen Solidarit&#228;tsaktivistInnen sind die AktivistInnen des ISM ein wichtiger Teil des gemeinsamen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir empfehlen den Vortrag und die Diskussion mit den ISM-AktivistInnen Bridget Chappell (Canberra/Austrialien) und Ryan Olander (Minnesota/USA)<br />
<span id="more-1467"></span><br />
Seit bald 10 Jahren gibt es f&#252;r internationale AktivistInnen durch das International Solidarity Movement die M&#246;glichkeit, sich am zivilen, gewaltfreien Widerstand von pal&#228;stinensischen Gemeinden in den besetzten Gebieten zu beteiligen. Gemeinsam mit israelischen Solidarit&#228;tsaktivistInnen sind die AktivistInnen des ISM ein wichtiger Teil des gemeinsamen Widerstands gegen die israelische Besatzung und schaffen zugleich Alternativen zu den altbekannten Fronten des Konflikts.</p>
<p>Die beiden ISM-AktivistInnen Bridget Chappell (Canberra/Australien) und Ryan Olander (Minnesota/USA) werden von ihren Erfahrungen als internationale AktivistInnen berichten und Perspektiven des gemeinsamen pal&#228;stinensisch-israelisch-internationalen Widerstands diskutieren.</p>
<p>Montag, 26.Juli 2010<br />
19:00 Uhr<br />
Amerlinghaus, Stiftg. 8, 1070 Wien<br />
mitveranstaltet von grundrisse: zeitschrift f&#252;r linke theorie &amp; debatte</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Risse in der islamischen Republik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 18:49:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.<br />
<span id="more-658"></span><br />
Im Iran finden derzeit die gr&#246;&#223;ten Massenproteste seit der Iranischen Revolution von 1979 statt. Gegen den mutma&#223;lichen Wahlbetrug bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Juni 2009 str&#246;mten allein in Teheran &#252;ber eine Million DemonstrantInnen auf die Stra&#223;en, um sich gegen die „Ernennung“ Mahmud Ahmadinejads zur Wehr zu setzen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die protestierenden Massen bewiesen hierbei nicht zum ersten Mal in der Geschichte Irans eine ungeheure Ausdauer und Widerstandsf&#228;higkeit. Nach der Wahl vom 12. Juni gab es zwei Wochen lang t&#228;gliche Demonstrationen und Proteste. Erst nach harten repressiven Ma&#223;nahmen durch Polizei und regierungsnahe Milizen mit dutzenden Toten und tausenden Festgenommenen ebbten die Proteste langsam ab. Trotzdem hat sich die Lage alles andere als beruhigt, beweist die Bewegung ihre Hartn&#228;ckigkeit doch bis zum heutigen Tag durch regelm&#228;&#223;ige Massenmobilisierungen.<br />
Als Galionsfigur der nun als „Gr&#252;ne Bewegung“ bekannt gewordenen Opposition gilt Ahmadinejads wichtigster Herausforderer bei der Wahl, der Reformpolitiker Mir Hossein Mussawi, der in den 1980er Jahren selbst Premierminister des Iran war. Der Umstand, dass ein „Mann des Regimes“, tief verwurzelt in der Geschichte und dem Herrschaftssystem der Islamischen Republik (IR), diese pl&#246;tzlich herausfordert, erscheint auf den ersten Blick &#252;berraschend. Schlie&#223;lich wurde und wird die IR von linken wie konservativen KommentatorInnen oft als ein monolithisches Regime betrachtet, in der einige fanatisch-religi&#246;s und r&#252;ckw&#228;rtsgewandte Mullahs die Herrschaft an sich gerissen h&#228;tten. Widerspr&#252;che haben in diesem Narrativ kaum Platz.<br />
Im Folgenden werden demgegen&#252;ber die politischen und sozialen Konflikte und Widerspr&#252;che diskutiert, welche die IR seit der iranischen Revolution von 1979 gepr&#228;gt haben und auch Form und Inhalt der aktuellen Proteste ma&#223;geblich beeinflussen.</p>
<p><strong>Die Entwicklungen im Sommer 2009</strong><br />
Die Wahl im Sommer war zwar der Anlass, nicht jedoch der einzige Grund f&#252;r die massiven Proteste im Anschluss. Das Vertrauen in Wahlen ist im Iran nicht besonders gro&#223;, vor allem da KandidatInnen im voraus vom W&#228;chterrat, einem Kontrollorgan der IR, auf ihre „Integrit&#228;t“ bzw. Loyalit&#228;t bewertet und entsprechend selektiert werden. Im Zuge dieses Vorgangs wird der Gro&#223;teil der BewerberInnen ausgeschlossen. Schon dieser Umstand spricht daf&#252;r, dass auch ReformkandidatInnen zu Irans politischer Elite geh&#246;ren m&#252;ssen, um &#252;berhaupt zu den Wahlen zugelassen zu werden.<br />
Nachdem die Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren stetig gesunken war, hatte die Regierung dieses Mal gro&#223;es Interesse an einer regen Beteiligung: sowohl f&#252;r die anstehenden internationalen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm als auch im Sinne Ahmadinejads populistischen Images war zumindest der Anschein breiter gesellschaftlicher Zustimmung von gro&#223;er Bedeutung. So wurden die Zensur und politische Repression gelockert und &#246;ffentliche Debatten zugelassen. Erstmals wurden Fernsehduelle zwischen den Kandidaten ausgestrahlt, bei denen insbesondere das Duell zwischen den zwei Spitzenkandidaten Ahmadinejad und Moussawi f&#252;r Aufsehen sorgte. Die hitzig gef&#252;hrte Debatte f&#252;hrte der Bev&#246;lkerung den schwelenden Konflikt innerhalb des Systems vor Augen und verlieh der Wahlentscheidung eine besondere Bedeutung. Nicht intendiert und noch weniger vorausgesehen war jedoch, dass die Menschen den kleinen Freiraum nutzten, um aktiv an den Debatten teilzunehmen und bereits w&#228;hrend des Wahlkampfs ihren Protest gegen die sozialen und politischen Missst&#228;nde zu artikulieren. Hunderttausende wurden im Wahlkampf aktiv und beteiligten sich an den Kampagnen der vier Kandidaten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ein sichtbares Zeichen der gesellschaftlichen Dynamik war die starke Beteiligung vieler junger Frauen insbesondere in der Kampagne Moussawis. Die aktive Unterst&#252;tzung seiner Frau Zahra Rahnavard, welche gemeinsam mit Moussawi auftrat und sich vor allem f&#252;r Frauenrechte aussprach, hatte diesbez&#252;glich symbolische Bedeutung. Moussawi pl&#228;dierte ebenfalls f&#252;r eine Ausweitung von Frauenrechten sowie f&#252;r die Abschaffung der ungeliebten Institution der Sittenw&#228;chter.<br />
Ahmadinejad und das konservative F&#252;hrungslager sah sich durch offene Kritik immer weiter in die Enge gedr&#228;ngt, und das in einem Wahlkampf, der eigentlich ein leichtes Spiel h&#228;tte werden sollen. Zwar hatte Ahmadinejad sein Ziel einer hohen Wahlbeteiligung erreicht – 80% der Wahlberechtigten gingen zu den Urnen –, doch ob das Ergebnis tats&#228;chlich zu seinen Gunsten ausfiel, blieb insbesondere f&#252;r die gesellschaftlich aktiv gewordenen Teile der Bev&#246;lkerung unklar.<br />
Im Hinblick auf die Massenproteste, die sich als Reaktion auf das Wahlergebnis entwickelten, ist es freilich falsch, von <em>einer </em>Bewegung oder <em>der </em>Gr&#252;nen Bewegung zu sprechen. Die Proteste waren und sind mehr als alles andere durch ihre Heterogenit&#228;t gekennzeichnet, beteiligten sich doch Menschen unterschiedlichster sozialer und politischer Herkunft: ReformerInnen, die loyal zur IR stehen, Anh&#228;ngerInnen Moussawis und Karroubis, S&#228;kulare, NationalistInnen usw. Verdeutlicht wird die Vielfalt der Bewegung durch ihre diversen Protestmethoden, Slogans und Forderungen. Viele der spontan auf die Stra&#223;en str&#246;menden Menschen verwendeten die Farbe Gr&#252;n als Zeichen ihrer Zugeh&#246;rigkeit zu Moussawi und gruppierten sich um die Losung „Wo ist meine Stimme?“. Andere forderten ein „Nieder mit der Diktatur“, ein in Irans Geschichte grunds&#228;tzlich beliebter und von oppositionellen Bewegungen traditionell h&#228;ufig verwendeter Slogan. Immer lauter wurden Stimmen gegen die „Coup d‘état-Regierung“ sowie die Forderung nach deren R&#252;cktritt. Vielleicht am besten charakterisiert der Spruch „F&#252;rchtet euch nicht, wir sind alle zusammen“ die Stimmung dieser Bewegung, welche sich zunehmend auch direkt gegen die Staatsmacht richtete. Eine weitere Protestform, welche aus dem Erfahrungsschatz der Iranischen Revolution selbst entnommen wurde, waren n&#228;chtliche <em>Allahu Akbar</em>-Rufe („Gott ist Gro&#223;“) von den D&#228;chern.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Entgegen Ahmadinejads Darstellung war die breite Bewegung jedoch relativ unabh&#228;ngig von der Reformerf&#252;hrung entstanden. Sie folgte keinem Plan Moussavis oder Karroubis, nach der Wahl in jedem Fall zu demonstrieren.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Vielmehr ist es eines der zentralen Charakteristika und zugleich eine Schw&#228;che der Bewegung, dass sie &#252;ber keine klaren Organisationsstrukturen verf&#252;gt. Die Mobilisierungen basieren meist auf dezentralen Netzwerken in Nachbarschaften, unter Freundinnen und Freunden, und auf neuen Kommunikationsmitteln wie Internet und Twitter. Die Bedeutung dieser Medien sollte zwar nicht &#252;berbewertet werden, l&#228;sst jedoch auch gewisse R&#252;ckschl&#252;sse auf die soziale Zusammensetzung der Proteste zu. Obwohl diese durch die Pr&#228;senz unterschiedlichster sozialer Schichten und Klassen charakterisiert waren, stellten junge Angeh&#246;rige der Mittelschichten die zentralen AkteurInnen dar.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Nicht umsonst entfalteten die Proteste in den mittelst&#228;ndisch gepr&#228;gten Vierteln, im Norden sowie im Zentrum Teherans eine besondere St&#228;rke.<br />
Anstatt auf Teile der Opposition zuzugehen, versuchte das Regime diese zu &#252;bergehen. So erkannte Revolutionsf&#252;hrer Khamenei nach nur einer Woche die Wahl an und stellte sich so klar auf Ahmadinejads Seite. Daf&#252;r geriet er selbst zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Ebenso und de facto zum ersten Mal seit der Revolution wurden auch die politische Repression und die Menschenrechtsverletzungen, mit denen das Regime versuchte, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, von einer breiten Bewegung angesprochen und verurteilt. So ist „Freiheit f&#252;r die politischen Gefangenen“ bei den Protesten mittlerweile ein h&#228;ufig skandierter Spruch und die Bilder ermordeter DemonstrantInnen sind zu Symbolen des Widerstandes und des „M&#228;rtyrertums“ f&#252;r die Freiheit geworden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Da im Zusammenhang mit den Protesten auch bisher loyale VertreterInnen der IR in Schauprozessen als Verr&#228;terInnen und „ausl&#228;ndische AgentInnen“ diffamiert wurden, regte sich selbst im konservativen Lager Kritik an Ahmadinejad sowie am Umgang mit der oppositionellen Bewegung. Diese Verwerfungen innerhalb des Regimes der IR sind insofern charakteristisch f&#252;r die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, als Risse im Herrschaftsgef&#252;ge und im Verh&#228;ltnis des Regimes zur Bev&#246;lkerung eine der wichtigsten Ursachen daf&#252;r sind, dass es &#252;berhaupt zu einer derart breiten und dynamischen Bewegung kommen konnte. So ist die starke Reaktion auf der Stra&#223;e nicht allein mit der relativen politischen &#214;ffnung w&#228;hrend des Wahlkampfes zu erkl&#228;ren, sondern muss vor dem Hintergrund einer grunds&#228;tzlichen Frustration breiter Bev&#246;lkerungsschichten &#252;ber die Politik der vergangen Jahre und eines sich immer autorit&#228;rer geb&#228;rdenden Regimes gesehen werden. In diesem Sinne repr&#228;sentieren die Proteste der letzten Monate den Widerspruch zwischen dem herrschenden System der IR und dem gesellschaftlichen Bed&#252;rfnis nach Demokratisierung, politischer Liberalisierung sowie einer L&#246;sung der &#246;konomischen und sozialen Probleme des Landes. Zugleich deuten die Entwicklungen auch auf einen tiefen und st&#228;rker werdenden Riss innerhalb des Gef&#252;ges der IR sowie zwischen den einzelnen Fraktionen an der Macht hin. Diese Konflikte und Widerspr&#252;che sind indes keineswegs neu, sondern bereits seit der iranischen Revolution vorhanden und tief in die Struktur des Staates eingeschrieben.</p>
<p><strong>Zwei grundlegende Widerspr&#252;che</strong><br />
Die iranische Revolution von 1979 war eine der gr&#246;&#223;ten Massenaufst&#228;nde des 20. Jahrhunderts und entsprechend breit war das Spektrum der involvierten sozialen Akteure, Klassen und politischen Positionen. Obwohl linke und nationalistische Gruppen vom – keineswegs einheitlichen – islamischen Lager fr&#252;h ausgeschaltet wurden, pr&#228;gten diese Gruppen, ihre Visionen und Diskurse den Charakter der IR nichtsdestotrotz entscheidend mit. Im Ergebnis lassen sich mindestens zwei grundlegende Widerspr&#252;che ausmachen, die f&#252;r die IR seit ihrer Entstehung charakteristisch sind: Erstens das Verh&#228;ltnis zwischen Autoritarismus und Republikanismus bzw. zwischen republikanisch-demokratischen und autorit&#228;r-theokratischen Strukturen. Zweitens das widerspr&#252;chliche wirtschaftliche und soziale Erbe der Iranischen Revolution, d. h. das Verh&#228;ltnis zwischen sozialen Versprechungen einerseits und kapitalistischen Verwertungsinteressen andererseits.</p>
<p><strong>Autoritarismus und Republikanismus</strong><br />
Die IR wird in den Medien und vielen Analysen als „Gottesstaat“ bezeichnet. Meist wird damit auf die autorit&#228;re und theokratische Struktur verwiesen, und tats&#228;chlich sind diese Elemente in der Verfassung, den institutionellen Strukturen sowie den konkreten Politiken des Staates zur Gen&#252;ge vorhanden. Doch abgesehen davon, dass der Begriff „Gottesstaat“ kaum analytische Sch&#228;rfe bietet und prim&#228;r polemischer Natur ist, beschreibt er den Charakter der IR nur unzureichend. Die Rede vom „Gottesstaat“ ignoriert vor allem die post-revolution&#228;ren Dynamiken nach 1979 sowie die Widerspr&#252;chlichkeiten, die insbesondere die politisch-institutionelle Struktur der IR pr&#228;gen. Historisch kann vereinfachend zwischen st&#228;rker auf das Leitbild eines republikanischen Staates fokussierten Kr&#228;ften und solchen unterschieden werden, welche sich am urspr&#252;nglichen Konzept Khomeinis orientierten und einen theokratischen Islamischen Staat mit einem Revolutionsf&#252;hrer (oder klerikalen F&#252;hrungsgremium) an der Spitze favorisierten. Im Endeffekt bildete sich eine Hybridform beider Aspekte heraus, welcher g&#228;ngige Kategorisierungen von traditionell-modern oder demokratisch-despotisch nicht gerecht werden. Exemplarisch hierf&#252;r ist die 1979 entstandene Verfassung des Irans, welche, wie schon der Name „Islamische Republik“ nahelegt, zugleich republikanisch-demokratische und autorit&#228;rtheokratische Elemente beinhaltet.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die autorit&#228;ren Elemente werden durch die Position des Revolutionsf&#252;hrers<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, der h&#246;chsten Instanz der IR mit umfassenden Befugnissen wie der Oberhoheit &#252;ber das Milit&#228;r, sowie den W&#228;chterrat repr&#228;sentiert, welcher &#252;ber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit dem Islam bestimmt. Gleichzeitig legt die Verfassung auch demokratische Rechte und Strukturen fest. Dazu z&#228;hlt ein alle vier Jahre gew&#228;hltes Parlament sowie das Pr&#228;sidentschaftsamt, die nach dem Revolutionsf&#252;hrer zweith&#246;chste offizielle Autorit&#228;t im Staat. Neben demokratischen Strukturen auf kommunaler und regionaler Ebene beinhaltet die Verfassung dar&#252;ber hinaus Menschen- und Grundrechte. Diese Institutionen und demokratischen Rechte m&#252;ssen aus dem Kontext der Revolution verstanden werden<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Neben dem Islam als Leitbanner waren schlie&#223;lich auch die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit starke Motive der Massenbewegung gewesen. Und, wahrscheinlich am wichtigsten, die Revolution war auf der Grundlage massenhafter Partizipation, aktiver Auseinandersetzungen und der Bildung von kommunalen und betrieblichen Strukturen von unten zu Stande gekommen. Dieser Geist musste auf die eine oder andere Weise seinen Effekt auf den neuen Staat und dessen Strukturen haben. Trotz der formalen Garantie all dieser Rechte durch die Verfassung durften diese nicht mit „dem Islam“ in Konflikt geraten. Zu definieren, was „der Islam“ war, oblag jedoch mehr und mehr Revolutionsf&#252;hrer und W&#228;chterrat. Zwar wurden so die autorit&#228;ren zum Nachteil der republikanischen Elemente nach und nach gest&#228;rkt, ganz verschwunden sind letztere jedoch nie. Vor allem seit dem Aufkommen der Reformbewegung bilden sie einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r Forderungen nach mehr Demokratisierung und politischem Pluralismus. Der Aufruf einer R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Idealen der Revolution, wie es Moussawi mehrfach formuliert hatte, kann auch in diesem Zusammenhang verstanden werden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>.</p>
<p><strong>Wirtschaftliche und soziale Widerspr&#252;che</strong><br />
Neben diesen im engeren Sinne politischen Ambiguit&#228;ten hinterlie&#223; die Iranische Revolution auch auf sozial- und wirtschaftspolitischer Ebene ein widerspr&#252;chliches Erbe. Teil dieses Erbes ist zum einen der auf Verwandtschaftsverh&#228;ltnissen und Gesch&#228;ftsverbindungen fu&#223;ende Bazaar-Klerus-Komplex. Die <em>bazaaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute) k&#246;nnen als traditionelle kapitalistische Klasse des Irans bezeichnet werden. In der Revolution und danach galt ihr Interesse dem Schutz von Privateigentum und freiem Markt. Im Verbund mit dem konservativen Klerus waren sie die gr&#246;&#223;ten Profiteure der neuen Herrschaftsverh&#228;ltnissen nach der Revolution.<br />
Die Revolution war jedoch zugleich Ausdruck der Hoffnung der sozial niederen Klassen und der radikalisierten StudentInnen auf tiefgreifende soziale Transformationen. So wurden in der Revolution sozialistische Ideen auf verschiedenste Weise aufgegriffen und selbst gro&#223;e Teile der IslamistInnen waren stark durch solche Ideen beeinflusst.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Auch die Rhetorik Khomeinis griff auf radikal-egalit&#228;re Interpretationen des Islam zur&#252;ck und mobilisierte die „Unterdr&#252;ckten“ (<em>mostazafin</em>; st&#228;dtische Arme) f&#252;r die Vision einer (fast) klassenlosen islamischen Gemeinschaft – nicht zuletzt auch, um die Gefahr abzuwehren, welche durch die sozialistische Linke f&#252;r seine eigene Vision entstanden war. Einige der popul&#228;ren Slogans der Revolution verdeutlichen diese sozialrevolution&#228;re Um-Interpretation des Islam: „Islam geh&#246;rt den Unterdr&#252;ckten, nicht den Unterdr&#252;ckern!“, „Islam ist f&#252;r Gleichheit und soziale Gerechtigkeit!“ oder auch „Islam repr&#228;sentiert die Slumbewohner, nicht die Palastbewohner!“. Diese Sto&#223;richtung findet sich auch in der Verfassung der IR wieder. So garantiert diese formal Pensionen f&#252;r ihre B&#252;rgerInnen, Arbeitslosunterst&#252;tzung, Invalidengeld, medizinische Versorgung und freie schulische Bildung. Dar&#252;berhinaus wurden sogar Hausbesitz, die Eliminierung von Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Abschaffung privater Wirtschaftsmonopole versprochen und das Ziel industrieller und landwirtschaftlicher Autarkie ausgerufen. Die nationale Wirtschaft wurde in einen &#246;ffentlichen und einen privaten Sektor geteilt, wobei vor allem die zentralen Schl&#252;sselindustrien fest in staatlicher Hand blieben. Neben dem staatlichen und privaten Sektor entwickelte sich auch ein halb-staatlicher Wirtschaftssektor, der vor allem durch die religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) gepr&#228;gt war. Diese sollten urspr&#252;nglich karitativen Zwecken dienen. Heute kontrollieren sie als halb-staatliche Megakonzerne gro&#223;e Teile der Wirtschaft und werden oft als m&#228;chtiger Staat im Staat bzw. als Spielwiese einiger weniger mit dem Staat eng verwobener klerikaler-Million&#228;re bezeichnet.<br />
Wenngleich in der Iranischen Revolution also eine gewisse Umverteilung propagiert und zumindest in der ersten Phase auch umgesetzt wurde, ist es wichtig zu betonen, dass dies nicht auf eine Abschaffung von Klassenverh&#228;ltnissen oder gar kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse abzielte. So wurde das Privateigentum in der Verfassung explizit gesch&#252;tzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sozialen Strukturen sollten im Gro&#223;en und Ganzen erhalten bleiben. Die Vehemenz, mit der ArbeiterInnenr&#228;te, Hausbesetzungen und „anarchische Zust&#228;nde“ in der Produktion von der eben entstandenen IR bek&#228;mpft wurden, zeugt davon, wie wenig die neue politische Elite an einem tats&#228;chlichen sozialen Wandel interessiert war.<br />
Um trotzdem die Unterst&#252;tzung insbesondere der st&#228;dtischen Armen, als dem wichtigsten Adressaten der Versprechen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zu bewahren, erhielten vielen von diesen wichtige Funktionen in der IR: gemeinsam mit ihren l&#228;ndlichen „Cousins“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> stellten sie einen gro&#223;en Teil der in den <em>sepah-e pasdaran</em> (Revolutionsgarden) und dem weitl&#228;ufigen Netzwerk der <em>basidji</em>-Milizen organisierten neuen Sicherheitsapparate. Diese gingen als Fu&#223;soldatInnen der islamischen Revolution gegen die interne Opposition (MonarchistInnen, KommunistInnen, NationalistInnen) vor und bildeten w&#228;hrend des Krieges mit dem Irak den ideologisch hoch motivierten Kern der „Revolutionsarmee“. Durch diese Institutionen wurden soziale Hilfsleistungen und Verg&#252;nstigungen, wie z. B. ein privilegierter Zugang zu Universit&#228;ten, vermittelt. Aufgrund der so etablierten klientelistischen Verbindungen entwickelten die <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>ein vitales Interesse am Erhalt der politischen Herrschaft der IR. Dass sie zu einer wichtigen St&#252;tze des neuen Systems wurden und beinahe ein Gewaltmonopol besa&#223;en, &#252;bersetzte sich in ein gewisses Gewicht der Klasse der st&#228;dtischen Armen im Staatsapparat. Dies musste notwendigerweise zu einer strukturellen Spannung mit den Kapitalfraktionen der IR, vor allem den Bazaaris, f&#252;hren, sahen diese doch in den sozialen Zugest&#228;ndnissen eher ein &#220;bergangsprogramm w&#228;hrend der Revolution denn eine langfristige Strategie.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p><strong>Nach dem Tod Khomeinis</strong><br />
Diese Widerspr&#252;che konnten unter der Herrschaft Ayatollah Khomeinis zu gro&#223;en Teilen &#252;berdeckt werden. So war die Periode von 1979 bis 1988 (dem Ende des Iran-Irak Krieges) von der Dominanz der radikal-islamischen Kr&#228;fte der Revolution und einer Schw&#228;chung marktwirtschaftlicher Elemente gepr&#228;gt. Der Staat agierte als zentraler Wirtschaftsakteur und etablierte ein relativ autarkes System, das insbesondere durch die vom Krieg auferlegten Zw&#228;nge und internationale Sanktionen erkl&#228;rt werden kann. Zugleich war dieser relativ stabile Entwicklungsweg aber auch das Resultat der Mobilisierung der radikalisierten modernen Mittelklasse, der ArbeiterInnen und <em>mostazafin</em>, die f&#252;r ihr Engagement in Revolution und Krieg gewisse Zugest&#228;ndnisse im sozialen Bereich erhielten.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Der Tod Khomeinis, die &#220;bernahme der Position des Revolutionsf&#252;hrers durch Khamenei sowie das Ende des Krieges mit dem Irak machten Ende der 1980er Jahre Ver&#228;nderungen in der Ausrichtung der IR und ihrer Strukturen notwendig. In diesen Prozessen kamen massive Fl&#252;gelk&#228;mpfe im herrschenden Lager zum Ausdruck. Khamenei besa&#223; weder das Charisma Khomeinis, noch dessen F&#252;hrungs- und Vermittlungsf&#228;higkeit. Auch verf&#252;gte er nicht &#252;ber die eigentlich n&#246;tigen religi&#246;sen Referenzen f&#252;r diese Position.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Anders als Khomeini wurde er nicht als &#252;berfraktionell wahrgenommen, sondern dem Konservativen Lager zugerechnet.<br />
Die Ernennung Khameneis sowie die Pr&#228;sidentschaft Ali Akbar Haschemi Rafsanjanis brachte nicht nur konstitutionelle Modifikationen mit sich, sondern steht vor allem f&#252;r die &#220;berhandnahme der wirtschaftsliberal und kapitalistisch ausgerichteten Fraktion in der IR. Die Folge war eine viel st&#228;rker marktorientierte Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Ansari merkt diesbez&#252;glich an: „In der Abwesenheit von Khomeinis Charisma musste eine neue Regelung gefunden werden, welche die unterschiedlichen Gruppen in ein enges Netzwerk kommerzieller Eigeninteressen zusammenband. Die Konsequenz war eine Allianz der Interessen der merkantilen Bourgeoisie, konzentriert aber nicht reduziert auf den Bazaar, und der Pr&#228;sidentschaft Rafsanjanis, der mit dem Aufbau einer stark am eigenen Image orientierten loyalen B&#252;rokratie fort fuhr. Rafsanjani w&#252;rde mit den Interessen der Handels- und Kaufmannsklasse im Kopf regieren ,was sich mit seinem eigenen kommerziellen Hintergrund deckte, w&#228;hrend der Bazaar half, seine Pr&#228;sidentschaft zu finanzieren.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
In diesem Prozess wurden jene Fraktionen der IR, welche die <em>mostazafin </em>repr&#228;sentierten, politisch marginalisiert. Aber auch Teile der Staatsstruktur gewordenen milit&#228;rischen Gruppen und Milizen der <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>wurden relativ an den Rand gedr&#228;ngt. Schlie&#223;lich war der Krieg vorbei und man wollte zu wirtschaftlicher Prosperit&#228;t zur&#252;ckkehren und einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise des Landes finden. Ein militarisierter Staat und eine allein an radikalen ideologischen Agenden orientierte Politik war f&#252;r dieses Projekt eher ung&#252;nstig.<br />
Auch wenn die IR ihre Herrschaft in den 1990er Jahren festigen konnte und die Kapital-orientierten und konservativen Fraktionen zun&#228;chst die Oberhand behielten, war dies keineswegs ein stabiler Zustand. Vielmehr hatten die Ende der 1980er Jahre einsetzenden strukturellen Verschiebungen in der IR die z. T. bereits zuvor bestehende Fraktionierung innerhalb des politischen Spektrums weiter an Bedeutung zugenommen und die Wahrscheinlichkeit von Rissen innerhalb des Herrschaftsverbandes erh&#246;ht. Verk&#252;rzt und etwas zugespitzt k&#246;nnen die seit den sp&#228;ten 1980ern formierten Fraktionen wie folgt dargestellt werden.</p>
<p><strong>Politische Fraktionen in den 1990ern</strong><br />
Im rechten Spektrum bildeten sich zwei wichtige Fl&#252;gel, aus denen sich die wirtschaftliche und politische Machtelite zusammensetzt. Einerseits das Lager um Rafsanjani, das f&#252;r eine moderatere gesellschaftspolitische Position und eine industriell-kapitalistische Wirtschaftsausrichtung stand. Diese Gruppe wird oft als „Moderne Rechte“ bezeichnet. Rafsanjani und seine Gruppe repr&#228;sentieren vor allem die reich gewordene Schicht der mit dem Staat verbundenen „Mullah Million&#228;re“, die den Iran heute wirtschaftlich dominiert. Wie kein anderer verk&#246;rpert Rafsanjani, dessen eigenes Verm&#246;gen betr&#228;chtlich ist, die in den letzten 30 Jahren zustande gekommene Fusion von Bazaar und Klerikern, deren religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) von der Privatisierungspolitik der 1990er am meisten profitieren konnten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> In den verarmten und von Inflation, Arbeitslosigkeit und niedrigen L&#246;hnen geplagten Teilen der Bev&#246;lkerung ist diese Fraktion der iranischen Herrschenden wegen ihres Reichtums, ihrer Vetternwirtschaft sowie der von ihr propagierten Politik der &#246;konomischen Liberalisierung und Privatisierung besonders verhasst.<br />
Eine zweite Fraktion kann als traditionelle Rechte bezeichnet werden. Diese Gruppe, die in engen Verbindungen zum Revolutionsf&#252;hrer Khamenei steht, zeichnet sich durch eine gesellschaftspolitisch konservativere Politik aus, unterst&#252;tzt aber ebenfalls eine Bazaar-orientierte, freie Marktwirtschaft.</p>
<p>Die Linken Islamisten der 1980er Jahre sind als solche nicht mehr existent bzw. haben sie ihre Ausrichtung ver&#228;ndert. Gro&#223;e Teile von ihnen geh&#246;ren heute dem Reformlager an. Folglich spielten sie vor allem in der Regierung des Reformers Khatami (1997-2005) eine wichtige Rolle. Sie sind im gesellschaftspolitischen Bereich die fortschrittlichste Gruppe. So zeichnet sie sich durch die Forderung nach einer politischen &#214;ffnung, Pressefreiheit, einer Beschr&#228;nkung der autorit&#228;ren Elemente der IR und einem Ende der harschen Moralgesetzgebung aus. Im wirtschafts- und sozialpolitischen Bereich haben sie jedoch ein schwaches Profil und tendieren diesbez&#252;glich teilweise zur liberalen Position der Modernen Rechten. Haupts&#228;chlich werden sie unterst&#252;tzt von Angeh&#246;rigen der modernen Mittelklasse, Studierenden und Frauen. Weil auch die ArbeiterInnen ein elementares Interesse an mehr demokratischen Rechten haben, finden sich auch unter diesen noch immer Anh&#228;ngerInnen der Reformer. Allerdings verhinderte deren wirtschaftspolitische Ausrichtung, ihre Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik, eine aktive Unterst&#252;tzung durch breite Teile der ArbeiterInnenklasse und der <em>mostazafin</em>.</p>
<p><strong>Die Pr&#228;sidentschaft Ahmadinejads</strong><br />
Eine neu entstandene Fraktion kann als Neo-Islamisten bezeichnet werden und wird durch Ahmadinejad repr&#228;sentiert. Diese dominierten in den letzten vier Jahren die politische Szenerie. Der Machtantritt Ahmadinejads 2005 repr&#228;sentiert den (Wieder-)Aufstieg eines seit den 1990er Jahren marginalisierten Fl&#252;gels der IR, n&#228;mlich dem der Pasdaran und Basijis. In ihrer eigenen Wahrnehmung hatten diese im Kampf gegen die interne Opposition und im Krieg mit dem Irak ihr Blut f&#252;r „Islam“, „Vaterland“ und „Revolution“ vergossen, blieben danach aber vom Zugang zu den Machtpositionen im Staat ausgeschlossen. Mehr noch: sie mussten mit ansehen, wie hohe Kleriker ihr Verm&#246;gen vermehren, sich an den Schalthebeln der Macht festsetzten konnten, und die puritan-islamische Vorstellung von Moral der fr&#252;hen Jahre nicht gen&#252;gend beachtet wurde und so die Ideale der Revolution verraten wurden. Durch die Wahl Ahmadinejads konnten sie demgegen&#252;ber endlich „einen der ihren“ an die Macht bringen. Dieser revanchierte sich, indem er seine alten Kampfgenossen aus den Pasdaran in zentrale Machtpositionen hievte und diese auch wirtschaftlich bedachte. So wurden z.B. staatliche Auftr&#228;ge im Infrastrukturbereich vermehrt an die Pasdaran oder ihnen nahestehenden Personen vergeben und neue Ressourcen f&#252;r Streitkr&#228;fte bereitgestellt. Ahmadinejads Strategie zur Macht&#252;bernahme und deren Konsolidierung setzte da an, wo die Reformer gescheitert waren: Er pr&#228;sentierte sich als Vertreter der „kleinen Leute“, der <em>mostazafin</em>, und trat mit dem Versprechen an, „das &#214;lgeld zur&#252;ck auf die Tische der Armen“ zu bringen. Damit kn&#252;pfte er an die populistischen und sozial-egalit&#228;ren Diskurse der Iranischen Revolution an, w&#228;hrend er gleichzeitig eine gesellschaftspolitisch konservative Position einnahm. Das von ihm heraufbeschworene Feindbild war die von der Bev&#246;lkerung verhasste Elite, die „Tausend reichsten Familien“ <a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>.<br />
Realiter &#228;nderte Ahmadinejad nur wenig an der wirtschaftlichen und sozialen Krise des Landes. So hatten Programme wie das gro&#223; angek&#252;ndigte „Justice Shares“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> aufgrund der galoppierenden Inflation wenn &#252;berhaupt nur negative Effekte auf die Lebensverh&#228;ltnisse der meisten IranerInnen. Es ist relativ offensichtlich, dass die Regierung versuchte, &#252;ber politisch gepr&#228;gte Distributionsinstitutionen klientelistische Verbindungen zu bedienen und so einen stabilen Wahlblock f&#252;r sich zu schaffen. Dass Ahmadinejad entgegen seinen Beteuerungen nicht wirklich auf Seiten der mostazafin stand, dr&#252;ckte sich auch in den Repressionsma&#223;nahmen gegen&#252;ber ArbeiteraktivistInnen, z.B. streikenden BusfahrerInnen, w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft aus.</p>
<p><strong>Iran von au&#223;en</strong><br />
Diese innenpolitischen Widerspr&#252;chlichkeiten werden in den internationalen Debatten indes kaum wahrgenommen. Hier ist Ahmadinejads Konfrontationskurs in der Frage der Atomwaffen sowie sein offener Antisemitismus das alles bestimmende Thema. Kaum einmal werden seine au&#223;enpolitischen Man&#246;ver im Kontext politischer Krisen und Auseinandersetzungen im Iran selbst diskutiert. Dabei ist die Strategie, innenpolitische Konflikte durch das Sch&#252;ren au&#223;enpolitischer Krisen zu neutralisieren, kein neues oder spezifisch iranisches Ph&#228;nomen. Bereits die ber&#252;hmte US-Botschaftsbesetzung 1979 in Teheran fand vor dem Hintergrund sich zuspitzender innenpolitischer Konflikte zwischen den unterschiedlichen revolution&#228;ren Gruppen statt. Die Kanalisierung der Debatten in Richtung „Antiimperialismus“ gegen den „gro&#223;en Satan USA“ erm&#246;glichte es Khomeini, die neue Verfassung des Irans rasch in einem Referendum verabschieden zu lassen. &#196;hnliches versuchte Ahamdinejad in den letzten vier Jahren. Seine j&#252;ngsten den Holocaust leugnenden Bemerkungen machte er nicht zuf&#228;llig am 18. September, als Tausende DemonstrantInnen den offiziellen staatlichen Feiertag am Al-Quds-Tag nutzten, um wieder gegen die Regierung auf die Stra&#223;e zu gehen. So versucht Ahamdinejad immer wieder, von der innenpolitischen Krise abzulenken. Und das mit Erfolg: die internationalen Medien konzentrierten sich erneut fast ausschlie&#223;lich auf seine &#196;u&#223;erungen und die gleichzeitig stattfindenden Proteste r&#252;ckten aus dem Blickfeld. Umgekehrt &#252;bt auch die Haltung der Weltm&#228;chte gegen&#252;ber dem Iran einen nicht zu untersch&#228;tzenden Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung aus. So ist es kein Zufall, dass die iranische Opposition und Reformbewegung in der Bush-&#196;ra ein marginales und schwaches Dasein fristete. In der aufgeheizten Stimmung eines nahenden Krieges konnte Ahmadinejad zumindest auf die passive Solidarit&#228;t der IranerInnen gegen ausl&#228;ndische Interventionen vertrauen. Oppositionelle Stimmen wurden schnell als Agenten des Westens und des Imperialismus zum Schweigen gebracht. Auch wenn ein solches Vorgehen nach wie vor angewandt wird, st&#246;&#223;t es in der Bev&#246;lkerung nun – in einem durch die Neuausrichtung der US-Administration ver&#228;nderten (geo-)politischen Klima – auf weniger Zustimmung.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Insgesamt ist die Protestbewegung vor dem Hintergrund jener Widerspr&#252;che zu betrachten, welche die Geschichte des Iran in den letzten 30 Jahre pr&#228;gen: diese verlaufen nicht nur zwischen revolution&#228;ren Idealen und kapitalistischer Entwicklung, sondern vor allem zwischen verschiedenen Interessensgruppen und Machtzirkeln innerhalb der IR. Im Zuge der daraus entstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und K&#228;mpfe werden immer wieder Fraktionen marginalisiert und von den bereits in sich ambivalent strukturierten Machtzentren ausgeschlossen bzw. in ihrem Zugang zu Ressourcen benachteiligt. Diese Entwicklung fand mit dem „Wahlputsch“, der damit signalisierten Exklusion der Reformer aus dem relativen politischen Eliten-Pluralismus der IR, und den daran anschlie&#223;enden Entwicklungen ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt. Dies signalisiert das Ende der IR wie wir sie bisher kannten, denn zu diesem Zeitpunkt scheint eine Ann&#228;herung der unvers&#246;hnlichen Fraktionen kaum mehr m&#246;glich.<br />
Die Betroffenen dieser Machtk&#228;mpfe sind dabei nicht selten die von diesen Fraktionen angeblich repr&#228;sentierten Bev&#246;lkerungsschichten. Diese fordern dann entweder in – mehr oder minder – demokratischen parlamentarischen Wahlen ihr St&#252;ck vom Kuchen oder versuchen sich &#252;ber Proteste auf der Stra&#223;e Geh&#246;r zu verschaffen. Das Besondere an der aktuellen Bewegung ist die massenhafte Aktivierung und Partizipation breiter Teile der Bev&#246;lkerung, die aufs Neue das Schicksal der IR nicht den scheinbar unantastbaren Eliten &#252;berlassen wollen – Anleihen an die Ereignisse von 1979 scheinen in dieser Hinsicht durchaus gerechtfertigt. Gleichzeitig werden in dieser „gr&#252;nen“ Bewegung, trotz ihrer Heterogenit&#228;t, die Kontinuit&#228;ten der Reformbewegung der 1990er Jahre augenscheinlich: dass die Vehemenz der sozialen Forderungen weit hinter den gesellschaftspolitischen zur&#252;ckbleibt, ist hier wie dort charakteristisch. Diese politische Schwachstelle verhindert bisher, dass ArbeiterInnen und <em>mostazafin </em>ihren eigenen Interessen <em>innerhalb </em>einer breiten Bewegung f&#252;r Demokratie und Freiheit organisiert Ausdruck verleihen k&#246;nnen. Dass die bisher von der Reformbewegung getrennt verlaufenden, militanten Arbeitsk&#228;mpfe und Ans&#228;tze zur Organisierung unabh&#228;ngiger Arbeitskooperationen der letzten Jahre Eingang in die Bewegung finden, wird wohl ma&#223;geblich &#252;ber Erfolg sowohl der Arbeitsk&#228;mpfe als auch der Oppositionsbewegung selbst entscheiden.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ob ein Wahlbetrug stattgefunden hat oder nicht, ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Zweifelsohne sprechen jedoch viele Anzeichen daf&#252;r. F&#252;r eine Analyse der Wahl siehe: Ali Ansari, Daniel Berman, Thomas Rintoul. Preliminary Analysis of the Voting Figures in Iran‘s 2009 Presidential Election. Ver&#246;ffentlicht durch Chatham House und Institute for Iranian Studies, University of St. Andrews, 21 Juni 2009. http://www.chathamhouse.org.uk/publications/papers/view/-/id/755/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Kandidaten waren: einerseits Mohsen Rezai, ehemaliger General der Revolutionsgarden und Mitglied des Schlichtungsrates und Mahmud Ahmadinejad, amtierender Pr&#228;sident des Irans, die dem konservativen Lager zugerechnet wurden, andererseits Mehdi Karroubi, langj&#228;hriger Pr&#228;sident des Parlaments, sowie Mir Hossein Moussawi, die als Kandidaten der Reformer galten. Hunderte andere Kandidaten wurden vom W&#228;chterrat von der Wahl ausgeschlossen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Liste kreativer Aktions- und Protestformen k&#246;nnte hier lange weiter gef&#252;hrt werden. Interessant waren zum Beispiel auch die Proteste am 18. September in ganz Iran, als wieder Zehntausende auf die Stra&#223;en gingen um zu demonstrieren. Der Al-Quds Tag („Jerusalem Tag“), welcher ein nationaler Feiertag ist und immer am letzten Freitag von Ramadan stattfindet, war von Ayatollah Khomeini ausgerufen worden um die Solidarit&#228;t mit den Pal&#228;stinensern zu demonstrieren. Dieser Tag ist normalerweise eine Gelegenheit f&#252;r das Regime, um seine St&#228;rke zu demonstrieren und staatliche Demonstrationen zu organisieren. An diesem Tag jedoch unterwanderte die Opposition die staatlichen Demonstrationen und nutzte die M&#246;glichkeit, um gegen Ahmadinejad zu protestieren. Ein Spruch, der zum Beispiel versuchte, staatliche Dogmen zu dekonstruieren war „Ob in Gaza oder Iran, stoppt das t&#246;ten der Menschen!“. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=sqyq9p9wDkM&#038;feature=player_embedded.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wobei schon viele mit dem Wahlbetrug gerechnet hatten und sich wahrscheinlich vorbereiteten auf die Stra&#223;en zu gehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Wobei an dem Begriff selbst auch einiges auszusetzen ist, vor allem wenn man beachtet, dass ein gro&#223;er Teil der Uniabsolventen kaum Berufsperspektiven erwarten k&#246;nnen und oft in der Arbeitslosigkeit oder im Billiglohnsektor landen. Der Umstand der Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor f&#252;r die Unzufriedenheit unter Jugendlichen und Studierenden.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die ermordeten Jugendlichen Neda Agha-Soltan und Sohrab Arabi gelten hier als Symbole, deren Bilder als zentrale Motive auf keiner Demonstration fehlen.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Siehe zu einer interessanten Auseinandersetzung mit der Verfassung der Islamischen Republik sowie Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>velayat-e faqih</em>) in: Vanessa Martin. Creating an Islamic State: Khomeini and the Making of a New Iran. London: I. B. Tauris, 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Von 1979 bis zu seinem Tod 1989 behielt Ayatollah Khomeini diesen Posten selbst. Nach seinem Tod &#252;bernahm Ayatollah Khamenei dessen Position.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Republikanismus und der Bezug auf Demokratie ist jedoch keineswegs erst ein Produkt der Revolution gewesen. Diese haben in der politischen Debatte eine lange Tradition welche mindestens auf die Verfassungsrevolution von 1906-1911 zur&#252;ckreicht. Diese „erste“ Revolution im Iran war und ist noch immer wichtiger Bezugspunkt f&#252;r demokratische Bewegungen.Siehe: Janet Afary. The Iranian Constitutional Revolution 1906-1911: Grassroots Democracy, Social Democracy,  and the Origins of Feminism. New York: Columbia University Press, 1996.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Siehe dazu &#252;bersetzte Statements von Moussawi auf www.khordaad88.com.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Einen wichtigen Beitrag leistete hierbei Ali Shari‘ati, ein von Frantz Fanons und anderen Theoretikern der so genannten „Dritten Welt“ beeinflusster iranischer Intellektueller, welcher eine radikale Interpretation des schiitischen Islam als Waffe gegen Imperialismus und Unterdr&#252;ckung zu verwenden versuchte. Seine Theorie eines „revolution&#228;ren Islam“ beeinflusste weite Kreise von vor allem Studierenden und Sch&#252;lern, welche in den 70er Jahren islamisch-revolution&#228;re Gruppen aufbauten. Viele Mitglieder der IR waren stark von ihm inspiriert und selbst Ayatollah Khomeini bediente sich Aspekte seiner Theorie (abgesehen von seiner Ablehnung des schiitischen Klerus als Institution). Siehe: Mansoor Moaddel. Class, Politics, and Ideology in the Iranian Revolution. New York: Columbia University Press (1992), 151f; Sami Zubaida. Islam, the People and the State: Political Ideas and Movements in the Middle East. London: I.B. Tauris (1993), 20-32.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ervand Abrahamian. A History of Modern Iran. Cambridge: Cambridge University Press (2008), 167.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ein gro&#223;er Teil der st&#228;dtischen Armen war erst seit kurzem vom Land in die St&#228;dte gezogen und hatten noch enge Verbindungen dorthin. Dieser Umstand pr&#228;gte unter anderem auch die sozio-kulturelle Zusammensetzung dieser Gruppe.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Andreas Malm und Shora Esmailian. Iran on the Brink: Rising Workers &#038; Threats of War. London: Pluto Press (2007), 35.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Peyman Jafari. After Spring comes Winter: The political economy of liberalisation and de-liberalisation in Iran, 49.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Khamenei war vom religi&#246;sen Rang her nur Hojatoleslam und nicht wie eigentlich vorgesehen Ayatollah. Um ihm zumindest den Schein der religi&#246;sen Legitimit&#228;t zu verleihen wurde er mit Unterst&#252;tzung Rafsanjanis und anderer konservativer Kleriker zum Ayatollah „ernannt“. Dieser Vorgang war unter anderen schiitischen Geistlichen, vor allem den Gro&#223;ayatollahs sehr umstritten und ist auch heute noch Ursache daf&#252;r, dass ihn viele hohe Geistliche aufgrund seiner fehlenden theologischen Qualifikation nicht anerkennen oder zumindest absch&#228;tzig betrachten. Siehe Wilfried Buchta. Who rules Iran? The structure of power in the Islamic Republic. Washington Institute for Near East Policy and Konrad Adenauer Stiftung, 2000, 86-88.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ansari. Modern Iran, 243f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Privatisierung ist dementsprechend eine fast unzureichende Beschreibung, da die Vergabe aufgrund von Netzwerken und Verbindungen stattfindet. Korruption und Vetternwirtschaft stellen hier zwei zentrale Aspekte dar und kennzeichnet das Verh&#228;ltnis von politischer und wirtschaftlicher Macht.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ein Begriff der fr&#252;her auf die Elite der Pahlavi Dynastie angewandt wurde.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Dies bedeutete, dass ca. 40% der f&#252;r die Privatisierung gedachten &#246;ffentlichen Anleihen an die &#196;rmsten und vom Staat abh&#228;ngigen Familien verteilt werden sollten.</p>
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		<title>„Das sind die Verdammten dieser Erde!“</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Ramin Taghian</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit dem Historiker <em>Roger Heacock</em> &#252;ber Israels j&#252;ngsten Krieg gegen Gaza, die Rolle der Hamas und die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in den pal&#228;stinensischen Gebieten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit dem Historiker <em>Roger Heacock</em> &#252;ber Israels j&#252;ngsten Krieg gegen Gaza, die Rolle der Hamas und die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in den pal&#228;stinensischen Gebieten.<br />
<span id="more-284"></span><br />
<em>Wir haben in den letzten Wochen im Gazastreifen die gr&#246;&#223;ten Angriffe auf die Pal&#228;stinenserInnen seit 1967 gesehen. Warum hat sich die israelische Regierung Ihrer Meinung nach gerade jetzt daf&#252;r entschieden? Und weshalb in dieser Heftigkeit, mit einer so massiven milit&#228;rische Operation?</em></p>
<p>Da w&#252;rde ich die klassischen Antworten geben: erstens ist es eine Art Rache f&#252;r den misslungenen Angriff auf den Libanon 2006. Die israelische Regierung will beweisen, dass sie trotzdem noch die M&#246;glichkeit hat, sich durchzusetzen. Zweitens stehen in Israel Wahlen an, und deshalb muss die Regierung sagen k&#246;nnen, wir haben es wirklich geschafft, wir haben uns durchgesetzt – obwohl das, angesichts der gro&#223;en Zerst&#246;rungen, gar nicht so sehr der Fall ist. Und drittens hat es, glaube ich, mit dem Ende der Bush-Regierung zu tun. Sie haben ja gesehen dass die Israelis praktisch zwei Minuten vor dem Machtwechsel in Washington abgezogen sind. Insgesamt glaube ich, dass die Israelis jede Form von pal&#228;stinensischem Widerstand, sei er traditionell nationalistisch oder islamistisch, zerst&#246;ren wollen.</p>
<p><em>Von Seiten Israels werden die Angriffe auch von einer gro&#223;en medialen Kampagne begleitet, um die Hamas f&#252;r die K&#228;mpfe verantwortlich zu machen. Welche Rolle spielen etwa die von Hamas-K&#228;mpfern abgeschossenen Qassam-Raketen tats&#228;chlich?</em></p>
<p>Sagen wir, der Widerstand insgesamt spielt eine Rolle. Im Westjordanland hat die israelische Regierung eine Beh&#246;rde (die von der Fatah kontrollierte Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde, Anm. d. Red.), die f&#252;r sie Polizei-Aufgaben durchf&#252;hrt. Aber die Hamas-Regierung, die nur noch in Gaza t&#228;tig ist, tut das nicht. Das ist der wesentliche Punkt, denke ich. Es ist eine einfache Sache: Wenn man Kolonien hat, will man keinen Widerstand sehen. Ob der Widerstand mit Qassam-Raketen oder anderen Mitteln geleistet wird, ist eigentlich egal. Andererseits, wenn es keine Qassam-Raketen gegeben h&#228;tte, h&#228;tte Israel es vielleicht nicht f&#252;r notwendig befunden, so heftig milit&#228;risch durchzugreifen – sie h&#228;tten einfach die Hunger-Blockade aufrecht gehalten. Aber wir wissen auch, dass es einen Waffenstillstand gegeben hat und dass dieser von der israelischen Seite gebrochen wurde, als Anfang Oktober sechs Menschen vom israelischen Milit&#228;r get&#246;tet wurden. Insofern kann man sich denken, dass die Qassam-Raketen auch ein guter Vorwand f&#252;r Israel waren.</p>
<p><em>Ein zentrales Argument der israelischen Seite ist, dass man den Pal&#228;stinenserInnen gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse gemacht h&#228;tte, indem die israelische Armee aus dem Gazastreifen abgezogen ist und die Siedlungen ger&#228;umt wurden. Was hatte es ihrer Meinung nach mit dem Abzug im Sommer 2005 auf sich?</em></p>
<p>Wo sind die Siedlungen denn ger&#228;umt? Sie wurden aus dem Gazastreifen abgezogen, nur um sie sofort in die West Bank zu transferieren, wo es zur Gr&#252;ndung vieler neuer Siedlungen kam. F&#252;r die Israelis war das Westjordanland immer das wichtigste, dort liegt das Zentrum der Siedlungs- und Kolonisationspolitik. Der Gazastreifen war sozusagen ein Nebenschauplatz. Sie kontrollieren noch immer die Luft und das Meer, die Grenzen, die Ein- und Ausreise von Menschen und den G&#252;terverkehr. Deswegen haben die Israelis sich dort nur aus einer komplizierten Lage befreit, denn es war schwierig, dort zu bleiben: Es gab ja einen Widerstand, der bis zum Abzug 2005 ziemlich effektiv war.</p>
<p><em>Aber meist wird der Abzug ja als Zugest&#228;ndnis gewertet.</em></p>
<p>Ja, nat&#252;rlich. Aber die israelischen Regierungen haben immer davon gesprochen, dass sie Gaza loswerden wollen. Yitzhak Rabin hat einmal gesagt: „Meinetwegen k&#246;nnte Gaza im Meer versinken”. Denn sie haben es mit eineinhalb Millionen Menschen zu tun, von denen 1,2 Millionen Fl&#252;chtlinge sind. Das sind die „Verdammten dieser Erde”, und die wollen sie loswerden. Sie h&#228;tten gerne, dass die &#196;gypter das &#252;bernehmen, aber ich glaube nicht, dass das funktionieren kann. Denn die &#228;gyptischen, ebenso wie die jordanischen, die saudischen und andere Herrscher f&#252;rchten sich vor dieser “pal&#228;stinensischen Revolution“, die ihre Regimes zu st&#252;rzen droht.</p>
<p><em>Die Hamas wird meist als terroristische Organisation dargestellt, die vor allem durch religi&#246;sen Eifer und Antisemitismus motiviert ist; israelische Medien haben vom Gazastreifen als „Hamastan“ gesprochen. Welche Aspekte fallen in dieser Betrachtung der Hamas Ihrer Meinung nach aus dem Bild?</em></p>
<p>Nun, man muss die historischen Ereignisse analysieren und was seit der Gr&#252;ndung der Hamas im Jahre 1987, Anfang 1988 passiert ist. Sie standen damals in Konkurrenz mit der Fatah, mit dem Islamischen Djihad und anderen und hoben sich von diesen durch ihren Pietismus ab. Hamas ist ein Ableger der Muslimbruderschaft, und die Muslimbr&#252;der in Pal&#228;stina vor 20 Jahren waren pietistisch eingestellt: Die Familien m&#252;ssten sich &#228;ndern, mehr beten und sich als gute Muslime verhalten. Bis im Dezember 1987 die Intifada ausbrach, hatten sie die Entwicklungen v&#246;llig verschlafen. Dann jedoch haben sie sofort den „milit&#228;rischen Fl&#252;gel“ gegr&#252;ndet. Auf diese Zeit trifft zu, was sie sagen, damals war die Bewegung sehr radikal. Doch in den letzten f&#252;nf Jahren, seit dem Tod Arafats – und eigentlich schon seit 2000 – hat sich die Lage rasch ge&#228;ndert. Das kann an den Texten der Hamas abgelesen werden. Man muss diese Texte lesen, wie man &#252;berhaupt jede politische Bewegung anthropologisch studieren muss. Es gen&#252;gt auch nicht, zu sagen: die &#214;VP ist christlich, also kann man die Bibel lesen, um zu verstehen, wie die &#214;VP funktioniert. Man kann auch nicht das Kommunistische Manifest lesen, um zu verstehen, was die SP&#214; will. &#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit der Hamas. Und wenn man ihre aufeinander folgenden Wahlprogramme bei den Lokalwahlen 2005 und den Parlamentswahlen 2006 liest und analysiert, dann sieht man, dass sich sehr viel ge&#228;ndert hat. Die Hamas ist jetzt ein Teil des nationalen Konsenses, der besagt, dass es Frieden geben wird, wenn die israelische Besatzung von 1967 aufgehoben wird. In den Jahren 2005, 2006 hat die Hamas nicht von der Zerst&#246;rung Israels gesprochen oder antisemitisch agitiert. Eine generelle Antwort ist also: Man kann eine politische Bewegung nicht allein aufgrund ihrer Urspr&#252;nge beurteilen. Nat&#252;rlich gibt es eine Beziehung zu den Wurzeln, aber man muss sie, auch im Fall der Hamas, in ein Verh&#228;ltnis zu den Ver&#228;nderungen und ihrer Politik <em>on the ground</em> setzen.</p>
<p><em>Oft wird die Hamas-Charta als Nachweis f&#252;r den antisemitischen Charakter der Bewegung herangezogen. Welche Rolle spielt diese Charta heute f&#252;r die Hamas? Hat sie realpolitische Bedeutung?</em></p>
<p>Ich denke, sie spielt kaum eine Rolle mehr. Was eine Rolle spielt, ist diese Realit&#228;t, dass die Hamas die H&#228;lfte der Menschen in Pal&#228;stina repr&#228;sentiert, &#252;brigens genauso wie die Islamisten im &#252;brigen Nahen Osten die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerungen repr&#228;sentieren, und das muss man akzeptieren. Es gibt ja Modelle f&#252;r solche Konstellationen, ich w&#252;rde insbesondere das t&#252;rkische Modell nennen. Und wir werden sehen, was im Libanon passiert, wo es im Juni Wahlen geben wird. Ich w&#252;rde wetten, dass es auch hier zu einem neuen Modell des Zusammenlebens zwischen religi&#246;sen und s&#228;kularen Kr&#228;ften kommen wird. Obwohl das nat&#252;rlich auch davon abh&#228;ngt, wer sich in diesen Prozess einmischen wird. Aber ich habe wirklich den Eindruck – obwohl ich Pr&#228;sident Obama nicht verherrlichen will – dass die neue amerikanische Regierung bereit ist, etwas neues auszuprobieren, die Realit&#228;ten in Betracht zu ziehen und sie nicht mit Gewalt ver&#228;ndern zu wollen.</p>
<p><em>In der Geschichte der pal&#228;stinensischen Nationalbewegung war eine gro&#223;e Z&#228;sur die Intifada 1987, zu der Sie selbst ja viel gearbeitet haben.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Entwicklung von der ersten zur zweiten Intifada 2000 war offenbar gepr&#228;gt von einer politischen Verschiebung hin zum politischen Islam und einer strategischen Verschiebung hin zum milit&#228;rischen Widerstand. Kann man die aktuelle Situation als Kontinuit&#228;t und Vertiefung dieses Prozesses sehen? Und warum ist dieser Prozess eigentlich so einseitig verlaufen – auch auf Kosten von anderen Widerstandsformen, die in der ersten Intifada noch eine gr&#246;&#223;ere Rolle gespielt haben?</em></p>
<p>Ich bin vielleicht nicht zu hundert Prozent mit Ihnen einverstanden, denn es hat im J&#228;nner 2006 doch Wahlen gegeben. Die Hamas wollte regieren, in einer gro&#223;en Koalition mit der Fatah, die sich jedoch geweigert hat, weil sie hoffte – und noch immer hofft – dass sie die Mehrheit wieder zur&#252;ckgewinnen kann. Auch andere Gruppen haben sich geweigert, mit der Hamas zusammenzuarbeiten, da hatte die Hamas mehr oder weniger keine andere Wahl. Es gibt Leute, die sagen, sie h&#228;tte nur ihre Sitze im Parlament behalten, aber andere regieren lassen sollen. Doch das funktioniert in diesen neuen Demokratien nicht sehr gut, denn der Pr&#228;sident kann das Parlament per Dekret von einem Tag auf den anderen aufl&#246;sen: Ausnahmezustand! Sie war also in einer schwierigen Lage.</p>
<p>Ich behaupte ja, die erste Intifada war die „Intifada der Steine”; die zweite war sehr gewaltsam; und die dritte Intifada, das waren die Parlamentswahlen 2006. Man wird sehen, welche Form die vierte annimmt. Ich habe damit Ihre Frage nicht beantwortet, aber ich m&#246;chte andeuten, dass es eine andere Interpretation gibt: Dass die Israelis immer wieder die Pal&#228;stinenser dazu zwingen, sich zu wehren. Nach der ersten Intifada, in der Phase von 1994 bis 1999, h&#228;tten die Pal&#228;stinenser einem Staat bekommen sollen, aber es ist nichts passiert, nur weitere Kolonisierungen. Also waren sie auf eine Weise gezwungen, sich wieder zu wehren, obwohl es nat&#252;rlich nicht unvermeidlich war, dass sie Selbstmordattentate durchf&#252;hrten. Ich selbst war damals in Ramallah und wir wurden bombardiert, von F-16 und Apache-Hubschraubern. Ich meine, was ist die richtige Antwort darauf?</p>
<p><em>Was ist eigentich mit der pal&#228;stinensischen Linken passiert?</em></p>
<p>(Lacht) Tot! Sie wurde kooptiert!</p>
<p><em>Sprechen sie von der traditionellen Linken, wie der PFLP?</em></p>
<p>Ja, und jetzt gerade sagt die PFLP, nachdem sie zu allem eingewilligt haben, was andere Organisationen von ihnen verlangt haben, dass sie den Waffenstillstand nicht akzeptiert. Damit wollen sie zeigen, dass sie noch da sind, aber das ist ein Mythos. Diese so genannten linken Bewegungen existieren nicht mehr als kritische Bewegungen – obwohl sie noch vorhanden sind, die PFLP bekommt drei, vier, f&#252;nf Prozent der Stimmen, was nicht unbedeutend ist.</p>
<p><em>Was ist mit anderen kritischen Str&#246;mungen passiert, wie jener rund um Mustafa Barghouti? Er hat schlie&#223;lich bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2005 noch fast zwanzig Prozent erhalten, und jetzt h&#246;rt man kaum mehr von ihm.</em></p>
<p>Nach den Pr&#228;sidentschaftswahlen und den zwanzig Prozent f&#252;r Mustafa Barghouti hat es eine starke Polarisierung zwischen Hamas und Fatah gegeben. Und viele Leute, die vorher f&#252;r Mustafa gestimmt haben, haben bei den Parlamentswahlen Hamas gew&#228;hlt, obwohl sie keine Hamas-Anh&#228;nger waren. Aber sie wollten die Fatah abw&#228;hlen. Mustafa Barghouti selbst ist eine echte Oppositionsfigur, aber was er repr&#228;sentiert ist eine andere Frage. Seine Bewegung, die Nationalinitiative, ist winzig. Aber er hat sich auch nie kaufen lassen.</p>
<p><em>Gibt es solche Figuren auch noch am linken Fl&#252;gel der Fatah? Ich denke etwa an Hanan Ashrawi, die sich w&#228;hrend des Konflikts wieder &#246;fters zu Wort gemeldet hat.</em></p>
<p>Hanan Ashrawi ist kritisch, aber nicht sehr kritisch, denn sie hasst die Hamas und sie wird es zwar niemals sagen , aber ihr ist es recht, wenn sich die Lage f&#252;r die Hamas verschlimmert. Aber Marwan Barghouti, der in Israel im Gef&#228;ngnis sitzt, ist ein populistischer, eher links gerichteter Fatah-F&#252;hrer, in den man noch immer Hoffnungen setzen muss. Man wird sehen was passiert, wenn sie ihn raus lassen.</p>
<p><em>Wie wirkt sich der aktuelle Konflikt auf die politische Situation in anderen L&#228;ndern des Nahen Ostens aus? In &#196;gypten etwa richten sich die Proteste einerseits gegen Israel, aber gleichzeitig auch gegen die eigene Regierung…</em></p>
<p>Der Konflikt ist f&#252;r diese diktatorischen, korrupten, alten, m&#252;den Regimes explosiv. Wenn sich die Hamas durchsetzen k&#246;nnte, w&#228;re es vielleicht das Ende f&#252;r sie – zumindest f&#252;rchten sie sich davor.</p>
<p><em>Was w&#252;rde das bedeuten, wenn es zu einem politischen Wechsel oder einem Bruch in &#196;gypten kommen w&#252;rde?</em></p>
<p>Also erst einmal w&#228;re es etwas ganz Gutes nicht nur f&#252;r die Pal&#228;stinenser, sondern vor allem f&#252;r die &#196;gypter! Aber das wird die Regierung niemals zulassen. Bis jetzt haben sie die Lage ziemlich fest im Griff.</p>
<p><em>Was sind Ihrer Meinung nach die mittelfristigen Konsequenzen dieses Krieges? Wer wird profitieren?</em></p>
<p>Die ehrliche Antwort ist nat&#252;rlich: Man wei&#223; es noch nicht. Aber alle sind sich einig, dass Abu Mazen (Pr&#228;sident Mahmud Abbas, Anm. d. Red.) und die Autonomiebeh&#246;rde diskreditiert sind. Zur Hamas gibt es unterschiedliche Meinungen. Israel will es der Hamas unm&#246;glich machen, ihre Infrastruktur wieder aufzubauen – wir werden sehen, was das bedeutet. Ich glaube, dass es unm&#246;glich sein wird, die Hamas im Gazastreifen auszuschalten. Das ist einmal mehr eine Fehleinsch&#228;tzung der Israelis. Die Hamas wird also weiterhin existieren, und sie beh&#228;lt einige Tr&#252;mpfe in der Hand. Sie dr&#228;ngt nun auf die Bildung einer neuen Einheitsregierung, die die Pal&#228;stinenser ohnehin immer gewollt haben und die auch f&#252;r drei Monate existiert hatte. Das k&#246;nnte der n&#228;chste Schritt auf lokaler Ebene sein. Regional und global, glaube ich, dass wir auf Obama und seine Schritte warten m&#252;ssen. Was er sicher verstanden hat, ist, dass er sich auf die eine oder andere Weise damit besch&#228;ftigen muss. Nicht wie Clinton, der wegen seines Skandals bis zum Ende seiner Amtszeit warten musste, und nicht wie Bush, der gar nichts gemacht hat. So habe ich auch interpretiert, was Obama in seiner Rede zur Amtseinf&#252;hrung gesagt hat, als er sich zur muslimischen Welt gewandt hat. Aber ich bin immer ein Optimist, und dann stellt sich immer heraus, dass das utopisch war.</p>
<p><em>Sie kritisieren in Ihrer Arbeit als Historiker oft sehr scharf die Staatszentriertheit der Geschichtswissenschaft. Welche Bedeutung hat die Staatszentriertheit f&#252;r den pal&#228;stinensisch-israelischen Konflikt bzw. f&#252;r die pal&#228;stinensische Bewegung? Welche Handlungsnotwendigkeiten ergeben sich daraus f&#252;r eine L&#246;sung eines solchen nationalen Konflikts?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich keine echte Antwort habe. Ich dr&#228;nge darauf, postnational zu denken und zu agieren. Aber das bedeutet nicht, dass man die Kolonisierung ruhig weiter gehen lassen darf. Man muss sich gegen die Kolonisierung und die Besatzung wehren. Im Namen eines pal&#228;stinensischen Staates? Das wei&#223; ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass, wenn es einmal zu einem Abkommen kommen sollte, dieses zun&#228;chst in dieser staatlichen Form unterschrieben werden m&#252;sste, und dann k&#246;nnte es zu einer gr&#246;&#223;eren Integrierung in der Region kommen. Aber Israel m&#252;sste sich dazu v&#246;llig &#228;ndern, von innen heraus, und das ist bis jetzt nicht in Sicht.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Nassar, Jamal R./Heacock, Roger (Hg.): Intifada. Palestine at the<br />
Crossroads, Westport: Greenwood 1990</p>
<p><em>Roger Heacock</em> ist Professor f&#252;r Geschichte an der Universit&#228;t Birzeit in Ramallah, Westjordanland, und hatte im Wintersemester 2008/09 eine Gastprofessur an der Universit&#228;t Wien inne.</p>
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		<item>
		<title>Von W&#246;lfen, Pelzen und abwesenden „root causes“</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:07:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
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		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Bunzl, John und Senfft, Alexandra (Hg.): Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, Hamburg: VSAVerlag 2008, 255 Seiten, € 19,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Bunzl, John und Senfft, Alexandra (Hg.): Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, Hamburg: VSAVerlag 2008, 255 Seiten, € 19,80<br />
<span id="more-288"></span><br />
Die Zusammenh&#228;nge und Verwicklungen der beiden Ph&#228;nomene Antisemitsimus und Islamophobie unter Ber&#252;cksichtigung ihrer Verschiedenheit und ihrer unterschiedlichen Ursachen zu beleuchten ist das Ziel des Sammelbandes. Damit aber nicht genug, fokussieren die darin versammelten Beitr&#228;ge – wie der Untertitel bereits verr&#228;t – sowohl auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse als auch auf jene im Nahen Osten. Nicht gerade wenig also haben sich die HerausgeberInnen vorgenommen, und tats&#228;chlich bietet das Buch vielschichtige Einblicke in zwei der wohl brisantesten und umstrittensten politischen Thematiken der Gegenwart. Dass im Rahmen eines Sammelbandes keine allumfassende Behandlung der „Vorurteile und Projektionen“ zu erwarten ist, wird dabei niemanden verwundern. Positiv f&#228;llt die differenzierte und von identit&#228;tspolitischen Mustern weitgehend freie Auseinandersetzung auf, ist doch dergleichen – selbst unter sich als emanzipatorisch verstehenden Gruppierungen – gegenw&#228;rtig nicht selbstverst&#228;ndlich auf der Tagesordnung.</p>
<p>Der Band geht zur&#252;ck auf eine im Mai 2005 an der Hebrew University in Jerusalem abgehaltene wissenschaftliche Tagung. Dies mag mit ein Grund sein, warum Stimmen aus sozialen Bewegungen nicht zu h&#246;ren und die Problematisierung von Antisemitismus bzw. Islamophobie innerhalb gesellschaftskritischer politischer Initiativen und Bewegungen nur am Rande thematisiert werden. Dies schm&#228;lert zwar nicht den Erkenntnisgewinn, der aus den Beitr&#228;gen des Buches gezogen werden kann, verengt allerdings den Blick auf die Ph&#228;nomene. Sichtbar wird dies beispielsweise, wenn politische AkteurInnen sich weitgehend auf Parteien und EU-Institutionen beschr&#228;nken (wie im Beitrag von Elisabeth K&#252;bler). Auff&#228;llig ist auch, dass – im Gegensatz zum Antisemitismus – ein scharf umrissener Begriff von Islamophobie fehlt. Letztere wird – und dem ist prinzipiell auch zuzustimmen – prim&#228;r vor dem Hintergrund des Kolonialismus verhandelt. Ein etwas genauer auf die Geschichte der Kulturalisierung bzw. das Religi&#246;s-Werden des kolonialistischen und rassistischen Imagin&#228;ren einzugehen, h&#228;tte allerdings nicht geschadet. Daniel Bar-Tals Text „Das Bild der Araber in der israelisch-j&#252;dischen Gesellschaft“ ist zumindest ein Schritt in diese Richtung.</p>
<p>Der Sammelband gliedert sich in zwei Teile: Im ersten werden die europ&#228;ischen Erscheinungsarten von Antisemitismus bzw. Islamophobie behandelt, im zweiten Teil ihre Ausformung in Nahost. Anstatt s&#228;mtliche in „Zwischen Antisemitismus und Islamophobie“ versammelten Beitr&#228;ge kurz zu referieren, m&#246;chte ich lediglich auf einige ausgew&#228;hlte Texte etwas ausf&#252;hrlicher eingehen. Dies soll jedoch die Bedeutung der unerw&#228;hnten Artikel nicht schm&#228;lern, bieten doch auch diese spannende Einsichten in verschiedene Aspekte der Thematik. Zun&#228;chst m&#246;chte ich auf den„europ&#228;ischen Teil“ eingehen.</p>
<p>Brian Klugs Text „Die Sicht auf Israel als ‚Jude der Welt‘“ analysiert scharfsichtig die Strategien, mit der proisraelische Intellektuelle, JournalistInnenen und PolitikerInnen jede Kritik an der Politik des Staates Israel in Antisemitismus umdeuten. Ohne den Antisemitismus als solchen harmlos zu reden, zeigt Klug die Strategien und Muster der Verallgemeinerung auf, mit denen einerseits alle J&#252;dinnen und Juden mit Israel identifiziert werden und die andererseits die Ausgeliefertheit und Machtlosigkeit des milit&#228;risch &#252;berlegenen Staates des Nahen Ostens beschw&#246;ren. Dabei wird nicht nur der Unterschied zwischen (Israel-kritischer) Politik und antisemitischer Projektion, sondern auch jener zwischen europ&#228;ischen und arabischen Antizionismus und Antisemitismus unterschlagen. „Antizionismus“, so Klug, „kann eine Maske f&#252;r Antisemitismus sein“ (83), muss es aber nicht. Bei dieser Unterscheidung geht es jedoch ums Ganze, sonst w&#228;re die Metapher der Maske ebenso sinnlos wie die Figur des „Wolf[s] in einem Wolfspelz“ (ebd.). Zwei „einfache“ Fragen Brian Klugs treffen den Nagel auf den Kopf: „Warum kehren so viele gebildete, intelligente und informierte Menschen […] rationalen Argumenten den R&#252;cken, wenn es um Israel und den israelisch-pal&#228;stinensischen Konflikt geht? Was geschieht mit ihrer F&#228;higkeit zur Kritik?“</p>
<p>&#196;u&#223;erst instruktiv ist auch Paul A. Silversteins Beitrag „Der Zusammenhang von Antisemitismus und Islamophobie in Frankreich“, bietet dieser doch nicht weniger als einen Schnelldurchgang durch die Geschichte des franz&#246;sischen Kolonialismus, dessen postkoloniale Variante sowie den Widerstand dagegen. Der „Krieg gegen den Terror“ begann in Frankreich schon lange vor 9/11 und ist mit der Reduktion von maghrebinischen Zuwanderern und Franz&#246;sInnen aus den ehemaligen Kolonien auf ihre (vermeintliche) Identit&#228;t als Muslime eng verkn&#252;pft. Diese Anrufung zeitigt jedoch auch bei den Angerufenen selbst Wirkung und so sehen viele franz&#246;sischer MaghrebinerInnen „die amerikanische Besetzung von Afghanistan oder des Irak oder auch die Zweite Intifada [auch als] ein Abbild des Kampfes, den sie in ihrem t&#228;glichen Leben f&#252;hren.“ (109) Die fr&#252;he Integration von J&#252;dinnen und Juden in die franz&#246;sische Gesellschaft passt vom Standpunkt der diskriminierten „Beurs“ vortrefflich in das Bild vom „Anderen“. Dies wirkt als Triebkraft f&#252;r antisemitsiche Ideologie. Wenn aber der hegemoniale Diskurs antisemitsiche Aussagen und Angriffe prim&#228;r als „islamistisch“ beschreibt, so wirkt dies doppelt: Zum einen werden rassistische und antisemitische &#220;bergriffe durch „wei&#223;e“ Franz&#246;sInnen aus dem Blickfeld ger&#252;ckt, zum anderen wird vom kolonialen Erbe und dessen antiislamischen Implikationen abgelenkt. Das „der Islam“ als einheitliches Gebilde nicht existiert, zeigt wiederum der – leider etwas zu kurz geratene – Epilog aufs allersch&#246;nste: Hier wird auf die symapthisierenden Beziehungen zwischen moslemischen BerberInnen und Juden bzw. J&#252;dinnen hingewiesen, und so ist Silverstein voll und ganz zuzustimmen, wenn er schreibt: „Unsere Analyse von Antisemitismus und Islamophobie in der heutigen Welt muss diese Orte betrachten, an denen unsere Kategorien der Betrachtung versagen.“ (116)</p>
<p>Im Folgenden m&#246;chte ich auf drei Texte aus dem Nahost-Teil des Buches eingehen. Sowohl Omar Kamils Beitrag „Die arabischen Intellektuellen und der Holocaust“ als auch jener von Michael Rothberg, „Der Holocaust, Kolonialfantasien und der Israel-Pal&#228;stina-Konflikt“, beschreiben das sich wechselseitig beeinflussende Verh&#228;ltnis zwischen der Erinnerung an den Kolonialismus und jener an den Holocaust. Die Auseinandersetzungen arabischer Intellektueller mit dem Holocaust sind nach wie vor beeintr&#228;chtigt bzw. verzerrt durch die Konstruktion einer Konkurrenz des Leidens der AraberInnen im Verh&#228;ltnis zum j&#252;dischen Leiden im Holocaust (vgl. 162). Dies f&#252;hre zu einer Beschr&#228;nkung in der Wahrnehmung historischer Tatsachen: Die Verortung der Ursachen sowohl des Holocausts als auch des Kolonialismus in Europa ist ein wesentlicher Aspekt bei der Erforschung beider. Die ungebrochene Einschreibung der Geschichte Israels in jene des Kolonialismus – ohne R&#252;cksicht auf die Verbindung seiner Gr&#252;ndung mit der Erfahrung des Holocaust – f&#252;hrt jedoch noch immer zu „Wahrnehmungsdefizigen“ unter arabischen Intellektuellen – und dies trotz der verst&#228;rkten Auseinandersetzung arabischer Intellektueller mit dem Holocaust, durch deren Geschichte Kamils Beitrag uns f&#252;hrt.</p>
<p>Michael Rothbergs Beitrag hingegen verweist auf die Verkn&#252;pfung kolonialer Fantasien mit der Erinnerung an den Holocaust in Israel. Er fokussiert – gleichsam als Gegenst&#252;ck zum Text von Kamil –auf „die Existenz apokalyptischer Kolonialfantasien neben der Holocausterinnerung eine enge und beunruhigende Verbindung zwischen europ&#228;ischen und israelischen Subjekten und Landschaften beweist.“ (181) Nach einem an Foucault orientierten Exkurs zur Diskussion um Vergleichbarkeit bzw. Einzigartigkeit des Holocaust in verschiedenen Diskursen wendet sich der Text konkreten Beispielen zu. Hier zeigt sich auch wie nahe der argumentative R&#252;ckgriff auf den Holocaust bei dessen Verharmlosung liegen kann, beispielsweise wenn er f&#252;r wildeste Kolonialfantasien in den Dienst genommen wird: Benni Morris, der ja vor nicht allzulanger Zeit auch in Wien bei einer vorgeblich progressiven Veranstaltung Atombombenabw&#252;rfe auf den Iran empfahl, will in einem Interview mit der israelischen Zeitung Ha´aretz die wilden Tiere (=PalestinenserInnen!) in einen K&#228;fig sperren und rechtfertigt mithin die ethnische S&#228;uberung von 1948. (186 f.) In einem anderen Interview gibt er sich apokalyptischen Fantasien &#252;ber den Ablauf des „zweiten Holocaust“ hin, im Zuge dessen die iranischen Mullahs unter „einem Portrait des st&#228;hlern dreinblickeneden Ajatollah Khomeinei“ die atomare Vernichtung der israelischen Bev&#246;lkerung befehlen werden (189). Unter Bezugnahme auf psychoanalytische Ans&#228;tze betrachtet Rothberg die Verbindungen von Erinnerungen, Fantasien und Identifikationen als Einschreibung europ&#228;ischer kolonialistischer Diskurse in die gegenw&#228;rtige Nahost-Politik: „Statt das Verbrechen des Genozids als Teil einer langen Geschichte von Eroberung und Gewalt gegen andere Nationen, Ethnien und Rassen zu verstehen, werden die Vertreter des Kolonialismus mit den Opfern des Holocausts verglichen und als potenzielle Opfer eines ‚zweiten Holocaust‘ dargestellt.“ (191) So wird letztlich durch den Vergleich eine „‚verletzliche‘ europ&#228;ische“ Position eingenommen“ (ebd.), „(d)er Wettkampf der Erinnerungen entfesselt einen Exzess“. (193) Einen argumentativen Exzess, m&#246;chte ich hinzuf&#252;gen, der in diesen Tagen seine milit&#228;rische Entsprechung im Krieg gegen die Bev&#246;lkerung des Gazastreifens gefunden hat.</p>
<p>Herbert C. Kelmans Reflexionen &#252;ber „Antisemitismus und Zionismus in der Debatte der Pal&#228;stinafrage“ beschliessen den Band. Im R&#252;ckgriff auf die Beitr&#228;ge von John Bunzl und Brian Klug lotet Kelman die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus aus. Ohne auf die – von Kelman auch mit Nachdruck betriebene – Kritik an der Politik Israels zu verzichten gelte es, das Verschwimmen der Grenze hin zum Antisemitismus zu verhindern, wenn zum Beispiel in der UN-Resolution von 1975 Zionismus einfach mit Rassismus gleichgesetzt und somit unter anderem auch die verschiedenen Auspr&#228;gungen des Zionismus unter den Tisch gekehrt werden. Kelman verweist hier auf progressive Zionisten wie Martin Buber oder linkszionischtische Friedensbewegungen.</p>
<p>Wie ich zu zeigen versucht habe, spricht gerade die thematische Breite des Sammelbandes f&#252;r seine Lekt&#252;re. Aber fehlt da nicht was? Sind sowohl Europa als auch der Nahe Osten nicht Klassengesellschaften? Sollten in einem Buch, zu dem – zumindest fr&#252;her – marxistische WissenschaftlerInnen ma&#223;geblich beigetragen haben, Klassenk&#228;mpfe, gesellschaftliche Arbeitsteilung (sowohl zwischen Hand- und Kopfarbeit als auch zwischen den Geschlechtern) zumindest EINE Rolle in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Islamophobie spielen? So wichtig die Beforschung kultureller Projektionen, postkoloniale Repr&#228;sentationskritik und die Auseinandersetzung mit politischen (Herrschafts)Institutionen auch ist, wer die sozio&#246;konomischen Bedingungen in ihrer Umk&#228;mpftheit au&#223;er Acht l&#228;sst, l&#246;st das im Vorwort gegebene Verprechen „der Debatte eine solide Grundlage hinzu[zuf&#252;gen]“ (12) nur bedingt ein – zumal sich auch in den hier nicht besprochenen Beitr&#228;gen keiner ernsthaft „die soziale Frage“ stellt. Von einer Auseinandersetzung mit der Hegemonie islamistischer Diskurse infolge des Bedeutungsverlustes des Marxismus im arabischen Raum beispielsweise h&#228;tten die in den diskutierten Texten verhandelten Themen mit Sicherheit profitiert.</p>
<p>Es mag an der Verfasstheit des akademischen Diskurses liegen, aber das, was Mitherausgeber John Bunzl beinahe versch&#228;mt ganz ans Ende seines Beitrages verbannt hat, sollte in k&#252;nftigen kritischen Analysen des Themas wohl am Anfang stehen: Eine Auseinandersetzung mit den „verdammten ‚root causes‘“ (141). Die abschlie&#223;ende Fu&#223;note (!) kl&#228;rt auf: „Gemeint sind regionale und soziale Formen von Ungleichheit und Unterdr&#252;ckung, vor allem aber die koloniale und repressive Politik Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinensern sowie die Rolle der USA dabei.“ (ebd.) In &#228;lteren Publikationen Bunzls sind diese „root causes“ &#252;brigens durchaus auffindbar. Trotz oder vielmehr wegen dieses doch nicht unwesentlichen Problems ist das Buch zu empfehlen, als Nachweis, dass die Verh&#228;ltnisse so klar und eindeutig nicht sind, wie uns viele glauben machen wollen – und als Mahnung f&#252;r die kritische Wissenschaft: Niemals den Klassenkampf vergessen!</p>
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		<title>Gaza &#8211; Herausforderung f&#252;r die Linke</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 11:38:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Operation „gegossenes Blei“, die von der israelischen Armee seit dem 27. Dezember 2008 im Gaza-Streifen durchgef&#252;hrt wird, ist der umfangreichste und blutigste Angriff auf die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Maybe our thinking is very simple, and we&#8217;re lacking the nuances and annotations that are always so necessary in analyses, but to the Zapatistas it looks like there&#8217;s a professional army murdering a defenseless population.” <a href="http://www.kabobfest.com/2009/01/of-sowing-and-harvests-subcomandante.html" target="_blank">(Subcomandante Marcos, 12. Jan. 2009)</a></em></p>
<p>Die Operation „gegossenes Blei“, die von der israelischen Armee seit dem 27. Dezember 2008 im Gaza-Streifen durchgef&#252;hrt wird, ist der umfangreichste und blutigste Angriff auf die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Die genauen Zahlen der Toten und Verwundeten m&#252;ssen und k&#246;nnen hier nicht wiedergegeben werden: erstens, weil unabh&#228;ngige Berichterstattung aus Gaza unm&#246;glich gemacht wird (die israelische Armee l&#228;sst keine internationalen JournalistInnen nach Gaza); und zweitens, weil die Angriffe immer noch andauern und uns t&#228;glich neue Meldungen erreichen, die die Opferzahlen erh&#246;hen. Was diese Attacken so t&#246;dlich macht, ist die Tatsache, dass die israelische Regierung offenbar entschlossen ist, ihre ganze milit&#228;rische &#220;bermacht einzusetzen, um keinen Zweifel daran zu lassen, wer in der Region das Sagen hat. Die <a href="http://www.newstatesman.com/middle-east/2009/01/israel-targets-gaza-hamas" target="_blank">Zerst&#246;rung der zivilen Infrastruktur Gazas</a>, die Bomben auf <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/7814054.stm" target="_blank">Schulen</a>, <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/04/mosque-blast-gaza" target="_blank">Moscheen</a>, <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10174.shtml" target="_blank">Rettungsw&#228;gen</a> und eine <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10069.shtml" target="_blank">Universit&#228;t</a>, ja selbst Angriffe auf <a href="http://www.maannews.net/en/index.php?opr=ShowDetails&amp;ID=34746" target="_blank">UN-Hilfskonvois</a> werden zumindest in Kauf genommen, wenn nicht bewusst als Einsch&#252;chterungsma&#223;nahmen eingesetzt. AdressatInnen dieser Demonstration der St&#228;rke sind in erster Linie die Bev&#246;lkerung Gazas und ihre politischen Repr&#228;sentantInnen; in zweiter Linie die Pal&#228;stinenserInnen im Westjordanland, denen eindrucksvoll gezeigt wird, dass Widerstand gegen die Besatzungsmacht nicht geduldet wird; und schlie&#223;lich die Feinde Israels in Syrien, im Libanon und im Iran, die nach der ruhmlosen Performance der Israel Defense Forces gegen die Hizbollah 2006 daran erinnert werden sollen, &#252;ber welche milit&#228;rische Schlagkraft Israel weiterhin verf&#252;gt. Den Preis daf&#252;r zahlen die Menschen im Gazastreifen mit ihren Leben.</p>
<p><span id="more-248"></span></p>
<p>Der Krieg gegen Gaza wird aber nicht nur mit SoldatInnen, Panzern, Kampfbombern, und Kriegsschiffen gef&#252;hrt, sondern auch &#252;ber die Medien. Es braucht schon eine gewaltige Propaganda-Anstrengung, um die Welt&#246;ffentlichkeit davon zu &#252;berzeugen, dass Israel hier einen gerechten „Krieg gegen den Terror“ f&#252;hrt, in der Halbwahrheiten, aus dem Zusammenhang gerissene Fakten und plumpe L&#252;gen zu einer dicken diskursiven Nebelwand aufget&#252;rmt werden. Wenn wir hier also nur auf die offensichtlichsten Mythen rund um den Krieg gegen Gaza aufmerksam machen, dann nicht um uns auf ein infantiles „aber die anderen haben angefangen“-Spiel einzulassen, sondern weil diese Argumente erst die Unterst&#252;tzung und Rechtfertigung der Massaker erm&#246;glichen und das kurzfristig wichtigste Ziel jeder linken Intervention– ein sofortiger Waffenstillstand und die &#214;ffnung der Blockade Gazas – nur durch steigenden internationaler Druck durch eine &#214;ffentlichkeit, die sich nicht von Kriegsl&#252;gen blenden l&#228;sst, erreicht werden kann.</p>
<p>Die israelische Regierung behauptet, sie habe den Pal&#228;stinenserInnen gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse gemacht, als sie 2005 das Milit&#228;r aus dem Gazastreifen abzog und die illegalen Siedlungen aufl&#246;ste. Die Bev&#246;lkerung von Gaza habe sich daraufhin jedoch als undankbar erwiesen, Israel weiterhin als Feind betrachtet und zu allem &#220;berdruss schlie&#223;lich auch noch die Hamas in die Regierung gew&#228;hlt. Tats&#228;chlich jedoch war die R&#228;umung des Gazastreifens durch Israel stets eine <a href="http://www.merip.org/mero/mero021608.html" target="_blank">Farce</a>, ein taktisches Man&#246;ver, um die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung weiterhin kontrollieren zu k&#246;nnen, ohne sich dem zerm&#252;rbenden Besatzungsalltag in dem winzigen, extrem dicht besiedelten K&#252;stenstreifen aussetzen zu m&#252;ssen. So wurde schon 2005, zwei Jahre bevor die Hamas-Regierung an die Macht kam, der Gazastreifen zum gr&#246;&#223;ten Freiluftgef&#228;ngnis der Welt gemacht: durch Ausgangssperren, Zerst&#246;rung von Infrastruktur, die &#220;berwachung des Luftraums und gezielte T&#246;tungen oder Verhaftungen pal&#228;stinensischer PolitikerInnen und AktivistInnen. Im Zeitraum von 2005 bis 2007, also zwischen der R&#228;umung der Siedlungen und der Wahl von Hamas, wurden <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/07/gaza-israel-palestine" target="_blank">1.290 Pal&#228;stinenserInnen</a> im Gazastreifen von der israelischen Armee get&#246;tet, davon 222 Kinder. Ein Grund f&#252;r den Wahlsieg der Hamas im Jahr 2006 war schlie&#223;lich auch – neben der offensichtlichen Korruption der alten Fatah-Elite – dass sie sich angesichts der anhaltenden Unterdr&#252;ckung der Pal&#228;stinenserInnen durch den israelischen Staat als konsequente Kraft des Widerstands pr&#228;sentieren konnte. Ab 2007 wurde die Situation weiter eskaliert, als Israel (mit Unterst&#252;tzung der USA und der EU) die Grenzen zum Gazastreifen komplett dicht machte und ein Embargo verh&#228;ngte. Dies war nicht etwa eine Reaktion auf Guerillaangriffe oder Selbstmordattentate, sondern die Antwort auf das nicht genehme Wahlergebnis in den pal&#228;stinensischen Gebieten. Seither sind 1,5 Millionen Menschen auf 360 km2 (davon ein Gro&#223;teil W&#252;ste) eingeschlossen, Elektrizit&#228;t gibt es nur wenige Stunden am Tag, Lebensmittel sind stets knapp und im Sommer 2008 stand die <a href="http://www.haaretz.com/hasen/spages/1006282.html" target="_blank">Arbeitslosenrate</a> bei 45 Prozent. Es ist auch ein Mythos, dass die Hamas in den Monaten vor dem Angriff nicht auf die Bem&#252;hungen Israels um ein Waffenstillstandsabkommen eingegangen w&#228;re. Tats&#228;chlich gab es eine Waffenruhe, die im Juli in Kraft trat und dazu f&#252;hrte, dass von Juli bis Oktober die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen durch die Hamas praktisch <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10123.shtml" target="_blank">eingestellt</a> wurden. Doch die Blockade Gazas wurde trotzdem nicht gelockert, und schlie&#223;lich war es <a href="http://www.huffingtonpost.com/nancy-kanwisher/reigniting-violence-how-d_b_155611.html" target="_blank">Israel, nicht die Hamas</a>, die den Waffenstillstand im November 2008 brach, woraufhin Hamas die Raketenangriffe wieder aufnahm.</p>
<p>Diese Klarstellungen bedeuten nicht, dass die Strategie der Hamas, sich auf den milit&#228;rischen Widerstand zu konzentrieren und Raketen ziellos auf israelische ZivilistInnen zu schie&#223;en, unterst&#252;tzenswert ist. Aber sie zeigen, dass dieser Konflikt kein Krieg ist, in dem sich zwei mehr oder weniger gleich starke Kr&#228;fte bek&#228;mpfen, die beide die gleiche Schuld an der aussichtslosen Lage trifft und zu dem man sich wenn &#252;berhaupt aus einer Position der Neutralit&#228;t und &#196;quidistanz &#228;u&#223;ern darf. Nein, dies ist ein Massaker, ver&#252;bt durch eine Besatzungsmacht an einer seit &#252;ber sechzig Jahren unterdr&#252;ckten Bev&#246;lkerung. Ein gerechter Friede – und nur ein solcher kann von Dauer sein – hat die &#214;ffnung der Grenzen zu Gaza und den Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten zur Bedingung und kann letztlich wohl nur in einem gemeinsamen, s&#228;kularen Staat verwirklicht werden, der all seinen B&#252;rgerInnen unbesehen von Herkunft und Religion gleiche Rechte zugesteht. Wie der Weg dorthin verlaufen wird, kann niemand vorhersagen. Dass dieser Krieg aber wenig dazu beitragen wird, sondern vielmehr der unvers&#246;hnlichen Rechten in beiden Lagern noch mehr Unterst&#252;tzerInnen in die H&#228;nde treibt, liegt aber auf der Hand.</p>
<p>Angesichts dieser Situation halten wir die Reaktion weiter Teile der &#246;sterreichischen Linken f&#252;r besch&#228;mend. W&#228;hrend noch im Jahr 2003 die Proteste gegen den Irak-Krieg eine breite Bewegung auf die Stra&#223;e brachten, fallen heute sozialdemokratische, gr&#252;ne oder gewerkschaftliche Kr&#228;fte ebenso wie gro&#223;e Teile der radikalen Linken durch Abwesenheit auf den Demonstrationen gegen Israels Krieg auf. Dies ist nicht zuletzt Ergebnis eines ideologischen Stellungskriegs, den eine kleine, aber effektive Gruppe ehemaliger Linker seit einigen Jahren f&#252;hrt, um jede Kritik an Israels Politik als antisemitisch zu denunzieren und die Kriegstrommel f&#252;r die USA und Israel zu r&#252;hren. Selbst wenn der Gro&#223;teil der Linken den kruden Ausf&#252;hrungen der „Antideutschen“ in &#214;sterreich nicht folgt, so haben deren Kampagnen doch zu einer nachhaltigen Verunsicherung gef&#252;hrt. Das heikle Thema Pal&#228;stina wird so aus den Debatten auf der Linken verdr&#228;ngt, ziehen sich doch immer mehr Gruppen und Einzelpersonen auf eine scheinbar neutrale Position zur&#252;ck („beide Seiten sind doch reaktion&#228;r“), wenn sie nicht &#252;berhaupt auf eine Meinung zu verzichten glauben k&#246;nnen. Im Ergebnis waren die beiden gro&#223;en Demonstration in Wien gegen die israelische Aggression zwar erfreulich gro&#223; und insbesondere f&#252;r Menschen mit muslimischem und migrantischem Hintergrund ein Anziehungspunkt; zugleich muss jedoch festgestellt werden, dass der Charakter der Demonstrationen in Bild und Ton stark von den Kr&#228;ften des politischen Islam gepr&#228;gt war. Die Effekte dieser Situation k&#246;nnen in mehrerer Hinsicht verheerend sein. Erstens wird den Menschen in Pal&#228;stina vermittelt, dass die Einzigen, auf die sie sich in Sachen internationaler Solidarit&#228;t verlassen k&#246;nnen, ihre &#8220;Glaubensbr&#252;der und -schwestern&#8221; sind, wodurch der Konflikt noch st&#228;rker als einer zwischen Religionen oder Kulturen wahrgenommen wird. Zweitens k&#246;nnen vereinzelt auf den Demos vorhandene antisemitische bzw. den Nationalsozialismus verharmlosende Schilder oder Spr&#252;che nur schwer kollektiv konfrontiert oder zumindest marginalisiert werden. Und schlie&#223;lich verbaut sich die Linke die Chance darauf, mit genau jenen migrantischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, die es f&#252;r eine emanzipatorische Perspektive zu gewinnen gilt. In Deutschland, wo die Situation &#228;hnlich ist, bringt der <a href="http://www.antifa.de/cms/content/view/985/" target="_blank">Attac-Aktivist Pedram Shayar</a> das Dilemma auf den Punkt: „W&#228;hrend in Athen und Malm&#246; die linksradikalen und die Arab-Kids gemeinsam k&#228;mpfen und auf Barrikaden Freundschaften schlie&#223;en, verspielt die Linke hier das Terrain der migrantischen Milieus f&#252;r Jahre, vielleicht f&#252;r eine ganze Generation“. Auch hier in &#214;sterreich steht die Linke vor der Herausforderung, jenseits von falscher Neutralit&#228;t auf der einen und unkritischer „antiimperialistischer“ Solidarit&#228;t mit islamistischen Bewegungen auf der anderen Seite eine internationalistische Position auf Seiten der Unterdr&#252;ckten und Rebellierenden zu finden.</p>
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		<title>Prolet und Prophet</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:52:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<category><![CDATA[Was macht die Linke in...]]></category>

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		<description><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.<br />
<span id="more-55"></span>
</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Offizielle Stellungnahmen der &#228;gyptischen Regierungsbeh&#246;rden zur eskalierenden Bewegung versuchten die Verantwortung der Muslimbruderschaft und vom Ausland finanzierten </span><em>agents provocateurs</em><span lang="DE"> in die Schuhe zu schieben. Dies passt hervorragend in die bisherige Vorgehensweise der &#228;gyptischen herrschenden Klasse in der Auseinandersetzung mit jeglicher Art von Opposition. Wenn nur das Wort „Muslimbruderschaft“ f&#228;llt, gilt das seit jeher als Legitimation, um mit &#228;u&#223;erster H&#228;rte gegen Kritik am Regime vorzugehen. Tats&#228;chlich ist die Muslimbruderschaft die gr&#246;&#223;te politische Oppositionskraft in &#196;gypten. Doch ihre Rolle im „ArbeiterInnenaufstand“ des vergangenen Jahres war relativ marginal gemessen an ihrer Gr&#246;&#223;e und ihrer oppositionspolitischen St&#228;rke. Auch andere politische Gruppierungen, insbesondere der Linken, hatten bisher nur wenige Kontakte zur ArbeiterInnenbewegung etablieren k&#246;nnen. Was waren die Beweggr&#252;nde und Motive f&#252;r den Ausbruch der Streikbewegung und in welchem Verh&#228;ltnis steht sie zur politischen Opposition?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">&#214;konomische Restrukturierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die &#228;gyptische Wirtschaft befindet sich seit den fr&#252;hen 1990er Jahren in einer Umbruchsphase. Infolge der Verstaatlichungspolitik unter Gamal Abdel Nasser in den 1960er Jahren war ein gro&#223;er Teil der Wirtschaft, besonders die Gro&#223;industrie, in staatlicher Hand und ArbeiterInnen genossen durch klientelistische Politik immerhin gewisse soziale Sicherheiten. In einem Interview meinten zwei der Streikf&#252;hrer der Mahalla Textilfabrik, Muhammad ‘Attar und Sayyid Habib, dass sie die niedrigen L&#246;hne bisher nur deswegen akzeptiert hatten<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, weil sie als ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Sektor zumindest eine Jobgarantie f&#252;rs Leben haben und Rente bekommen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Doch selbst diese minimalen Sicherheiten sind nun in Gefahr.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Mubarak-Regime vollf&#252;hrte seit 1991 eine scharfe Trendwende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, nachdem ein „Economic Reform and Structural Adjustment Program“ mit IWF und Weltbank unterzeichnet wurde.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Trotz einer Reihe von Streiks wurden hunderte Betriebe privatisiert oder geschlossen, tausende ArbeiterInnen arbeitslos gemacht und L&#246;hne seither nicht mehr angehoben oder an die Inflation angeglichen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Kontrolle des Privatkapitals &#252;ber die Baumwollindustrie stieg zum Beispiel von 1992 bis 2000 von 8 auf 58 Prozent.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gleichzeitig fand eine Verschiebung der &#246;ffentlichen Investitionen statt. Der Staat investierte nicht mehr in die Landwirtschaft, Industrie und (Aus-)Bildung, sondern nun profitierten Finanziers und besonders ImmobilienspekulantInnen von der staatlichen Wirtschaftspolitik.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Durch Korruption und die Verschmelzung von politischer und &#246;konomischer Macht profitiert &#196;gyptens „politische Klasse“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> vom Ausverkauf. Eine kleine Minderheit wird reicher, alle anderen &#228;rmer. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ma&#223;nahmen, die die &#228;gyptische Exportwirtschaft beleben und ausl&#228;ndisches Kapital nach &#196;gypten locken sollten, konnten jedoch die &#246;konomische Krise Ende der 90er Jahre nicht verhindern. Die Antwort der Regierung war eine noch radikalere neoliberale Offensive. Eines der wichtigsten Ziele dieser Offensive liegt in der Privatisierung des traditionell wichtigen und gr&#246;&#223;ten industriellen Sektors, der Textilindustrie. In einer Serie von Arbeitsk&#228;mpfen haben sich TextilarbeiterInnen seit 2004 gegen die Zerschlagung des staatlichen Sektors gewehrt. Diese K&#228;mpfe kamen im vergangenen Jahr zu ihrem H&#246;hepunkt, als sich die Bewegung auf andere Sektoren auszubreiten begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">Year of discontent</span></em><span lang="DE"><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ausgangspunkt des &#228;gyptischen </span><em>winter of discontent</em><span lang="DE"> waren die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen der Textilindustrie im Nildelta, genauer gesagt in &#196;gyptens gr&#246;&#223;tem staatlichen Betrieb, der </span><em>Misr Spinning and Weaving Company</em><span lang="DE"> in Mahalla al-Kubra s&#252;dlich von Alexandria, der 27.000 ArbeiterInnen besch&#228;ftigt.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Nachdem die j&#228;hrlichen Zusch&#252;sse viel geringer ausfielen als versprochen, weigerten sich die ArbeiterInnen ihr Gehalt anzunehmen, traten am 7. Dezember in den Streik und besetzten die Fabrik.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Staatsmacht traute sich aufgrund der gro&#223;en &#220;berzahl von ArbeiterInnen nicht mit Gewalt gegen die Streikenden vorzugehen. Nach nur vier Tagen gaben die Beh&#246;rden den Forderungen der ArbeiterInnen nach. Motiviert durch diesen Sieg folgten immer mehr Belegschaften in anderen Fabriken dem Beispiel der Mahalla-ArbeiterInnen. Betroffen waren vor allem die gesamte Textilbranche, das Baugewerbe, die verarbeitende Industrie, sowie auch der Personennahverkehr in der Hauptstadt Kairo. Die Radikalit&#228;t und Streikbereitschaft nahm solche Ausma&#223;e an, dass selbst die SteuereintreiberInnen in einen mehr-w&#246;chigen landesweiten Streik traten, deren Forderungen Anfang dieses Jahres vollends erf&#252;llt wurden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Rolle der Arbeiter</span><em>innen</em><span lang="DE"> in der Initiierung, sowie im gesamten Verlauf der Streikbewegung ist besonders zu betonen. Erst als 3.000 N&#228;herinnen von Mahalla al-Kubra am Beginn der Streikbewegung ihre Arbeit niederlegten, durch die Fabrik marschierten und riefen: „Wo sind die M&#228;nner? Hier sind die Frauen!“, wurde die Produktion komplett gestoppt. Muhammad Attar, einer der Streikf&#252;hrer von Mahalla al-Kubra meinte in Bezug auf die Militanz der Frauen: „Die Frauen nahmen fast jeden auseinander, der vom Management kam, um zu verhandeln.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Arbeiterinnen spielten auch in den K&#228;mpfen des letzten Jahres in anderen Betrieben eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist der Kampf von Hagga Aisha, der Streikf&#252;hrerin der Hennawi Tabak-Fabrik. Als Mitglied des Gewerkschaftsausschusses der Fabrik musste sie sich gegen den Ausverkauf der ArbeiterInneninteressen seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung wehren und f&#252;hrte einen erfolgreichen Streik, sowie eine Kampagne zur Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrung an. Zwar wurde Hagga Aisha wegen ihrer Rolle im Arbeitskampf sowohl vom Fabriksmanagement als auch von der nationalen Gewerkschaft schikaniert und von ihrem Gewerkschaftsposten entlassen, f&#252;r ihr Engagement und ihre Standhaftigkeit erntete sie aber von der weiblichen wie auch der m&#228;nnlichen Belegschaft den h&#246;chsten Respekt und die Belegschaft best&#228;tigte, dass im Laufe des Streiks viele Barrieren zwischen M&#228;nnern und Frauen gefallen waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Strategie des Staats<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Umfang der Arbeitsk&#228;mpfe hat seit dem „winter of discontent“ ein enormes Ausma&#223; angenommen. Joel Beinin, Direktor des Instituts f&#252;r Middle East Studies an der Amerikanischen Universit&#228;t von Kairo, meinte, dass dies die gr&#246;&#223;te und l&#228;ngste Streikbewegung seit dem Herbst 1951 sei. Mit 386 Arbeitsk&#228;mpfen zwischen J&#228;nner und Juli 2007 im privaten und staatlichen Sektor wurden die Zahlen der letzten Jahre bei weitem &#252;bertroffen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bemerkenswert an der Streikbewegung ist nicht nur die Dynamik und die Breite der Beteiligung, sondern auch die Reaktion der herrschenden Klasse &#196;gyptens. Politische Demonstrationen und Auseinandersetzungen werden in &#196;gypten in der Regel bereits im Keim erstickt. Die Repression ist das wichtigste Mittel zur Verhinderung einer Machtverschiebung und zur Sicherung der politischen und &#246;konomischen Interessen der Eliten. Die Reaktion auf die j&#252;ngsten ArbeiterInnenk&#228;mpfe ist jedoch tendenziell anders. Besonders bei gro&#223;en Betrieben halten sich die Sicherheitskr&#228;fte &#252;berraschend im Hintergrund und viele der Forderungen wurden nach nur wenigen Tagen erf&#252;llt. Diese Nachgiebigkeit von seiten des Regimes reflektiert die Angst vor weiteren Unruhen. Ein Mitarbeiter des Hisham Mubarak Law Center, eine &#228;gyptische NGO zur Verteidigung von Opfern von Menschenrechtsverletztungen, meinte: „Es ist eine Sache, eine Demonstration mit 50 Intellektuellen im Stadtzentrum Kairos aufzul&#246;sen&#8230; es ist eine andere Sache, tausende ArbeiterInnen einer gro&#223;en Fabrik mitten in einer dicht besiedelten Wohngegend niederzukn&#252;ppeln. Das k&#246;nnte Probleme f&#252;r die Regierung bedeuten.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Strategie des Staates beschr&#228;nkte sich demnach darauf ArbeiterInnen in ihren Betrieben zu isolieren und nicht heraus zu lassen. So wurden zum Beispiel ArbeiterInnendelegationen daran gehindert Demonstrationen vor den B&#252;ros des staatlichen Gewerkschaftsbunds in Kairo zu veranstalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Gewerkschaftsb&#252;rokratie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die aktuellen K&#228;mpfe wirken noch beeindruckender, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass beinahe alle Streiks in &#196;gypten illegal gef&#252;hrt werden. Grund daf&#252;r ist, dass zwar Streiks an sich erlaubt sind, aber vom dominierenden allgemeinen Gewerkschaftsbund („Egyptian Trade Union Federation“ – ETUF) genehmigt werden m&#252;ssen. Dieser muss jedoch faktisch als Teil des Staatsapparats bezeichnet werden, weshalb es auch keine legalen Streiks in &#196;gypten gibt. Die Funktion der ETUF liegt prim&#228;r in der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen und der politischen Mobilisierung f&#252;r die regierende NDP<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>. Unn&#246;tig zu sagen, dass die Gewerkschaft h&#246;chst undemokratisch und b&#252;rokratisch organisiert ist, sowie deren Spitze ein effektives Werkzeug in den H&#228;nden der regierenden NDP und verb&#252;ndeten Gesch&#228;ftsleuten zur Legitimierung der Privatisierungspolitik ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ETUF zeichnete sich w&#228;hrend der Streikbewegung durch eine enge Kollaboration mit den lokalen Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen gegen die streikenden ArbeiterInnen aus und argumentierte systematisch gegen die Forderungen der durch ArbeiterInnen gegr&#252;ndeten Fabrikskomitees. Durch dieses Vorgehen verlor sie die Unterst&#252;tzung selbst der eher gem&#228;&#223;igten und dem Mubarak-Regime treuen ArbeiterInnen. Die Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrungen und die Wahl neuer und von unten kontrollierter Gewerkschaften wurde zentraler Bestandteil der Forderungen vieler Fabriksbelegschaften, die den Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen berechtigerweise Korruption und Wahlf&#228;lschungen vorwarfen. Besonders radikale ArbeiterInnen wie jene der Mahalla Textilfabrik drohten mit Massenaustritten und der Gr&#252;ndung neuer „echter“ Gewerkschaften.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Muhammad al-Attar, welcher neben seiner Funktion als Streikf&#252;hrer auch Mitglied des linken „Center for Trade Union &amp; Workers Services“ (CTUWS) ist, sagte in einem Interview nach seiner Freilassung am 27. September: “Wir wollen eine &#196;nderung in der Struktur und Hierarchie des Gewerkschaftssystems in diesem Land… So wie Gewerkschaften von oben nach unten organisiert sind, ist grundlegend falsch. Es wird so dargestellt, als ob wir unsere Repr&#228;sentantInnen selbst gew&#228;hlt h&#228;tten, obwohl sie in Wirklichkeit von der Regierung ernannt wurden.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dieser Umstand k&#246;nnte nicht nur f&#252;r die Gewerkschaft, sondern f&#252;r das gesamte Regime fatale Konsequenzen haben, welches eine Beteiligung der ArbeiterInnen an der politischen Opposition kaum verkraften k&#246;nnte. Aus diesem Grund fanden seit dem Ausbruch der Streikbewegung zwar weniger repressive Ma&#223;nahmen gegen die Belegschaften selbst, daf&#252;r aber Repression gegen Organisationen, die sich f&#252;r ArbeiterInnenrechte und eine radikale ArbeiterInnenbewegung einsetzten, statt. Seit M&#228;rz wurden B&#252;ros der CTUWS in Kairo und Mahalla geschlossen und mehrere Mitglieder verhaftet. Das CTUWS wurde beschuldigt (nat&#252;rlich neben der Muslimbruderschaft) f&#252;r die Streiks verantwortlich zu sein. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Nichtsdestotrotz gibt es auch gro&#223;e Hindernisse f&#252;r die Etablierung einer unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung. Der Kampf muss &#252;ber den &#246;konomischen Rahmen hinausgetragen werden und sich mit der politischen Oppositionsbewegung vereinen, um die Herrschenden auf mehreren Ebenen herausfordern zu k&#246;nnen. W&#228;hrend die Repression ein Zeichen der Schw&#228;che des Regimes ist, zeigt sich die Schw&#228;che der politischen Opposition in der bisherigen Unf&#228;higkeit, effektive Verbindungen zum Kampf der ArbeiterInnen aufzubauen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">ArbeiterInnenbewegung und politische Opposition<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ArbeiterInnenbewegung des vergangenen Jahres hatte unmittelbar &#246;konomische und soziale Ursachen. Dennoch begannen sich Teile der ArbeiterInnenschaft w&#228;hrend der Streikbewegung zu politisieren und das Regime selbst f&#252;r ihre missliche Lage verantwortlich zu machen. Besonders in Mahalla al-Kubra, definitv einer der radikalsten Betriebe &#196;gyptens, mischten sich immer wieder Anti-Regime-Slogans in die Sprechch&#246;re der ArbeiterInnen. Ihr popul&#228;rster Streikf&#252;hrer, Muhammad al-Attar, sagte auf einer Versammlung w&#228;hrend der zweiten gro&#223;en Streikaktion des Betriebes in einem Jahr: „Ich m&#246;chte die ganze Regierung abtreten sehen… Ich m&#246;chte das Mubarak-Regime zu einem Ende kommen sehen. Politik und ArbeiterInnenrechte sind untrennbar. Arbeit ist selbst schon Politik. Was wir hier [im Streik] gerade erleben ist so demokratisch, wie es nur sein kann.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Obwohl bei der aktuellen ArbeiterInnenbewegung noch nicht von einer politischen Oppositionsbewegung gesprochen werden kann, stellt sie dennoch eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen f&#252;r das Regime dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist: Wie verh&#228;lt sich nun die politische Opposition und insbesonders die &#228;gyptische Linke und die Muslimbruderschaft zu dieser Bewegung?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Muslimbruderschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Muslimbruderschaft gilt als die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft &#196;gyptens (innerhalb des Paralaments mit 80 Abgeordneten als auch au&#223;erhalb) mit einem weitverzweigten Mitgliederstamm.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ihr Aufstieg gestaltete sich jedoch beileibe nicht als lineare Erfolgsstory, sondern verlief &#252;ber Br&#252;che, Niederlagen und R&#252;ckschl&#228;ge. Unter Nasser wurde sie in den 50er Jahren aufgrund ihrer politischen St&#228;rke und ihrer Opposition zum Nasserismus in die Illegalit&#228;t getrieben und verlor in Folge fast komplett an Bedeutung. Erst in den 1970er Jahren gelang es ihr wieder an Einfluss zu gewinnen. Aufgrund ihrer Konzentration auf moralische Predigt, ihrer Ablehnung einer Konfrontationspolitik gegen den Staat, und der leisen Duldung des Sadat-Regimes konnte sie sich neu gruppieren. Dar&#252;berhinaus half die Muslimbruderschaft dem Staat gegen die linke und nasseristische Opposition, welche zu dieser Zeit am lautesten gegen die wirtschaftsliberale Wende und die pro-israelische Haltung Sadats demonstrierte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit den 70er Jahren charakterisiert die Muslimbruderschaft ihre Kompromisshaltung gegen&#252;ber dem Staat und die Akzeptanz der vom Staat gesetzten Grenzen. Der Aufbau einer „islamischen Wirtschaft“ (islamische Banken, Firmen…), eines islamischen Sozialnetzwerkes f&#252;r die Armen und religi&#246;ser Einrichtungen verhalf der Muslimbruderschaft zu einer Massenverankerung in der &#228;gyptischen Gesellschaft. Dazu kommt, dass sie seit den fr&#252;hen 1990er Jahren erfolgreich in der Rekrutierung mittelst&#228;ndischer Berufsgruppen wie &#196;rzten, Juristen, Journalisten, usw. war. Dementsprechend konnte sie einen hohen Einfluss in den Vertretungen dieser Berufsgruppen aufbauen. Auch auf den Universit&#228;ten stellt sie heute die dominante Kraft in den Studierendenorganisationen dar. Eine andere Frage ist jedoch, in welchem Verh&#228;ltnis sie zur ArbeiterInnenklasse steht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bruderschaft hatte in ihrer Vergangenheit immer wieder Verbindungen zur &#228;gyptischen ArbeiterInnenklasse aufgenommen. Tats&#228;chlich wurde sie sogar 1928 von Hasan al-Banna in der Stadt Isma’iliyya zusammen mit Arbeitern der Suez-Kanal-Gesellschaft gegr&#252;ndet. In den 1940er Jahren weitete sie ihre Aktivit&#228;ten in den Betrieben aus. Anti-Kommunismus und die Konfrontation mit KommunistInnen, wo immer sie Einfluss hatten, war hier ein ausschlaggebender Faktor. Sie lehnten die Unabh&#228;ngigkeit der Gewerkschaften und ArbeiterInnenmilitanz ab. Klassenkampf wurde dementsprechend kritisiert, da dadurch Konflikt und sozialer Unfriede zwischen MuslimInnen geschaffen w&#252;rde.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Nach wie vor h&#228;lt sie den sozialen Frieden und die „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Klassen hoch. Eine islamische „moralische Wirtschaft“ (moral economy) regelt das Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und schreibt ihnen Rechte sowie Pflichten zu.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das „Klassenparadox“ der MB wird heute im widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zur ArbeiterInnenbewegung deutlich. W&#228;hrend einige AktivistInnen die ArbeiterInnenk&#228;mpfe des letzten Jahres begr&#252;&#223;t und verbal unterst&#252;tzt haben, scheint es, als ob es zwischen den wohlhabenden Gesch&#228;ftsleuten, welche den Gro&#223;teil der F&#252;hrung bilden, und den BasisaktivisInnen aus der niederen Mittel- und Unterschicht grobe Unterschiede gibt. Dies konnte in der Debatte &#252;ber die Gr&#252;ndung eines neuen Gewerkschaftsverbandes beobachtet werden. Saber Abul Fattouh, Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft und ihr Koordinator f&#252;r die Gewerkschaftswahlen 2006, drohte, dass im Falle manipulierter Wahlen die Muslimbruderschaft einen unabh&#228;ngigen Verband nach dem Vorbild der vereinten unabh&#228;ngigen Studierendenkomitees gr&#252;nden w&#252;rde. Nachdem jedoch deutlich wurde, dass die Wahlen tats&#228;chlich manipuliert waren, ruderte die Muslimbruderschaft wieder zur&#252;ck und meinte vorsichtig, dass solch ein Schritt gut vorbereitet sein wolle.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Selbst wenn die Initiative von Fattouh ernst gemeint war, sie w&#228;re an der Weigerung der oppositionellen Nasseristen und der „mitte-links“ </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> Partei gescheitert, welche eine Allianz mit der Muslimbruderschaft ablehnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Die Linke im Abseits?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dies kennzeichnet die Problematik des Verh&#228;ltnisses zwischen der Linken und der MB. Die Positionierung von Linken gegen&#252;ber der Bruderschaft war und ist Ursache zahlreicher Debatten und ist ausschlaggebend f&#252;r die St&#228;rke und den Erfolg linker Strategien in &#196;gypten. Einer der gr&#246;&#223;ten Fehler von gro&#223;en Teilen der Linken w&#228;hrend der 90er Jahre war der Schulterschluss mit dem Regime von Mubarak gegen die Bruderschaft. Diese Orientierung produzierte zahlreiche negative Entwicklungen: Mubaraks diktatorisches Regime erhielt einen Persilschein f&#252;r seine repressiven und neoliberalen Ma&#223;nahmen und musste einen gro&#223;en Teil der Linken nicht mehr als Opposition f&#252;rchten. Die gro&#223;e Debatte &#252;ber das Schreckgespenst „Islamismus“ lenkte die Linke von den massiven &#246;konomischen Ver&#228;nderungen in &#196;gypten und deren katastrophalen Folgen f&#252;r den Gro&#223;teil der arbeitenden und unteren Klassen ab. Ebenso &#252;bersah sie dadurch, dass der Aufstieg des militanten Islam in &#196;gypten eng mit der prek&#228;ren und in die Informalit&#228;t abgedrengten Lebensrealit&#228;t der &#228;gyptischen Unterklassen und der Unzufriedenheit der Studierenden zusammenhing. In den schwer zu &#252;berwachenden, schnell gewachsenen informellen Siedlungen von Kairo hatten militante Gruppen wie Jamaat al Islamiya ein sicheres Versteck vor Polizeirepression finden k&#246;nnen. Das Fehlen jeglicher politischer Antworten auf die harsche &#246;konomische und soziale Situation etablierte diese Gruppen, welche Teil der Gemeinden geworden waren, als ernstzunehmende Vertreterinnen der Unterprivilegierten und Armen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Partei </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> („National Progressive Democratic Union Party“) ist ein Beispiel f&#252;r das Paradox linker Politik in den 90er Jahren. Sie unterst&#252;tzte in den 80er Jahren eine Reihe von Streiks materiell und produzierte Zeitungen zur Unterst&#252;tzung von k&#228;mpfenden ArbeiterInnen. W&#228;hrend der 90er Jahre verlor </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> jedoch alle Verbindungen zur ArbeiterInnenbewegung. Der Grund lag im generellen R&#252;ckzug von aktiver linker Politik und der strategischen Wende hin zur Unterst&#252;tzung des Staatsapparates in der Unterdr&#252;ckung der islamistischen Aufst&#228;nde im S&#252;den &#196;gyptens, sowie in den gro&#223;en Slums von Kairo und Alexandria.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die illegale Kommunistische Partei, deren &#220;berreste in </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> aktiv blieben, spielte hierbei eine &#228;hnlich tragische Rolle und verlor zunehmends an Bedeutung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">GenossInnen und Br&#252;der<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit einigen Jahren hat sich jedoch das traditionell angespannte und feindlich gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis zwischen Teilen der Linken und der Muslimbruderschaft zu entspannen begonnen. Zwei Faktoren sind hierbei hervorzustreichen. Auf der einen Seite die Entstehung einer neuen Linken seit der Mitte der 1990er Jahre, die</span><span>  </span>prim&#228;r durch die „Revolutionary Socialist Tendency“ und einer wachsenden links-orientierten Menschenrechtsgemeinde gekennzeichnet ist. Der zweite Faktor war ein Generationswechsel in den unteren R&#228;ngen der Muslimbruderschaft sowie der Linken in Zusammenhang mit der R&#252;ckkehr von Stra&#223;enprotesten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Antikriegsbewegung gegen den Angriff auf Irak. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Leitspruch der neuen Linken war „manchmal mit den Islamisten, immer gegen den Staat!“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Angewendet wurde diese Richtlinie vor allem auf den Universit&#228;ten. Anstatt StudentInnen der Muslimbruderschaft einfach als „Faschisten“ zu diffamieren, wie es die stalinistische Linke sowie die Muslimbruderschaft von der Linken f&#252;r Jahrzehnte gewohnt war, k&#228;mpften sie nun zusammen mit AktivistInnen der Muslimbruderschaft in Fragen von Demokratie und gegen staatliche Repression, zum Beispiel, wenn Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen oder von der Uni ausgeschlossen wurden. Dies erm&#246;glichte einen politischen Dialog der AktivistInnen beider Lager. Kamal Khalil, ein wohlbekannter politischer Aktivist und Direktor des „Centre for Socialist Studies“, sagte, dass IslamistInnen, welche noch in den 70er Jahren oft mit der Regierung zusammen gegen die Linke insbesondere auf den Universit&#228;ten vorgingen, beeindruckt waren von dem Engagement von SozialistInnen f&#252;r islamistische politische Gefangene.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Tats&#228;chlich fand &#252;ber die gemeinsam erfahrene Repression durch die Staatsgewalt ebenfalls eine Ann&#228;herung zwischen AktivistInnen der Linken und der Muslimbruderschaft statt. Der linke unabh&#228;ngige Aktivist Ala Sayf beschrieb in seinem Blog seine Erfahrungen, als Dutzende Muslimbr&#252;der und Linke zusammen festgenommen wurden, nachdem sie sich 2006 mit den Richtern solidarisiert hatten, welche den Wahlbetrug von 2005 anprangerten. In den gemeinsamen Zellen wurden aus Muslimbr&#252;dern pl&#246;tzlich Genossen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gleichzeitig verteidigte die Linke die Rechte von religi&#246;sen Minderheiten und Frauen, wenn Teile der Muslimbruderschaft reaktion&#228;re Kommentare von sich gaben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">W&#228;hrend die Linke in den 90er Jahren zu marginal war, um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, &#228;nderte sich das mit dem Ausbruch der zweiten Intifada. Die radikale Linke konnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten das politische Feld durch die Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina dominieren, zu einer Zeit wo die Muslimbruderschaft durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Das Resultat war ein Anwachsen der radikalen Linken und ein wachsender Druck der Basis der Muslimbruderschaft auf ihre F&#252;hrung, die Zur&#252;ckhaltung in Bezug auf die Proteste aufzugeben. Mitglieder der Muslimbruderschaft begannen regelm&#228;&#223;ig auf Treffen der linken Solidarit&#228;tskomitees zu erscheinen und auch f&#252;hrende Muslimbr&#252;der sprachen auf Veranstaltungen. Der Ausbruch der Antikriegsbewegung 2003 vertiefte diesen Trend weiter. Dazu kam, dass seit 2004 die Stimmung gegen Imperialismus zusehends gegen das Mubarak Regime selbst gerichtet wurde. Direktes Resultat war die Kifaya („Genug!“) Bewegung in Opposition zum Regime und f&#252;r einen politischen Wandel. Dessen H&#246;hepunkt war 2005, als die Muslimbruderschaft in eine Anti-Mubarak Allianz einstimmte. Staatliche Repression, besonders gegen die Muslimbruderschaft, lie&#223; die Bewegung seither kaum auf der Bildfl&#228;che erscheinen, die Effekte sind jedoch noch immer sp&#252;rbar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im November 2005 gr&#252;ndeten die </span><em>Revolutionary Socialist Tendency</em><span lang="DE">, die Muslimbruderschaft und unorganisierten AktivistInnen auf einigen &#228;gyptischen Universit&#228;ten die </span><em>Free Student Union</em><span lang="DE"> (FSU). Ihr Ziel ist es, als Gegengewicht und Parallelorganisation zu den staatlich-dominierten Studierendengewerkschaften zu funktionieren. Dieser neue politische Rahmen erlaubt eine weitere Ann&#228;herung, basierend auf politischer Praxis zwischen den beiden Fl&#252;geln und stellt somit eine Chance sowie Herausforderung f&#252;r die Linke dar. Diese Ann&#228;herung kann gleichzeitig einen Raum f&#252;r politische Debatten er&#246;ffnen, wodurch neben dem gemeinsamen Kampf gegen Mubarak auch Fragen wie Frauenbefreiung, Umgang mit religi&#246;sen Minderheiten, Neoliberalismus und Klassenkampf thematisiert werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">The battle goes on<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Auswirkungen der ArbeiterInnenbewegung des letzten Jahres auf die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens sind noch schwer abzusch&#228;tzen. Eine zentrale Frage bleibt, inwieweit die Vernetzung der zu gro&#223;en Teilen parallel ablaufenden politischen und &#246;konomischen K&#228;mpfe zustande gebracht wird, und welche zuk&#252;nftige Rolle die Linke darin spielen kann. Die &#246;konomischen K&#228;mpfe sind eine Chance f&#252;r die Linke, in einem Bereich Einfluss zu gewinnen, der weit weniger als die politische Oppositionsbewegung von der Bruderschaft monopolisiert ist. Die relative Schw&#228;che der &#228;gyptischen Linken in den 1990er Jahren k&#246;nnte dadurch endg&#252;ltig gebrochen werden. Die Verkn&#252;pfung von politischen und „Brot und Butter“-K&#228;mpfen ist aber bei weitem keine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Derzeit fordern beide Bewegungen das Regime relativ unabh&#228;ngig voneinander heraus. Eine Zusammenf&#252;hrung h&#228;tte explosive Auswirkungen f&#252;r &#196;gypten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Im Durchschnitt erh&#228;lt einE ArbeiterIn mit Familie um die 30 Dollar im Monat. Allein die staatlichen Zusch&#252;sse heben das monatliche Einkommen auf ca. 60-70 Dollar an.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order”, in: MERIP, 25. M&#228;rz 2007, <a href="http://www.merip.org/mero/mero032507.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero032507.html</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Bereits der 1981 ermordete &#228;gyptische Pr&#228;sident Anwar al-Sadat propagierte eine &#214;ffnung des Marktes und ein Ende der Subventionen f&#252;r Grundnahrungsmittel. Diese unpopul&#228;ren Ma&#223;nahmen konnten jedoch aufgrund massiver Aufst&#228;nde („bread riots“ von 1977) nicht g&#228;nzlich durchgesetzt werden.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Zwischen 1990-91 und 1995-96 fielen die Reall&#246;hne in der staatlichen Industrie um 8 Prozent. Andere L&#246;hne im &#246;ffentlichen Sektor blieben gleich, aber nur deshalb, weil sie ohnehin unter dem Existenzminimum liegen. Die &#228;gyptischen L&#246;hne liegen deswegen weit unter den regionalen Standards (die an sich schon niedrig sind). Die L&#246;hne von ArbeiterInnen in der Textilindustrie betragen 85 Prozent der L&#246;hne von ArbeiterInnen in Pakistan und 60 Prozent von ArbeiterInnen in Indien. Vgl. Timothy Mitchell: “Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, in: MERIP 210 (Fr&#252;hling 1999), <a href="http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> <a href="http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html" target="_blank">http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht nur Betriebe werden privatisiert, sondern in einem noch gr&#246;&#223;eren Ausma&#223; einst &#246;ffentliches Land sehr billig verkauft. Das verursachte in den letzten Jahren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und enteigneten Bauern und B&#228;uerinnen. Vgl. Timothy Mitchell: „Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, a.a.O.; Ray Bush: “Politics, power and poverty: twenty years of agricultural”, in: <em>Third World Quarterly</em> 28:8 (2007), S. 1599-1615</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vor allem Mitglieder der herrschenden NDP (Nationaldemokratische Partei), aber auch andere staatliche und halbstaatliche Beh&#246;rden und Institutionen wie die Gewerkschaftsf&#252;hrer in Absprache mit dem Kapital.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die FabriksarbeiterInnen k&#246;nnen dabei auf eine lange und stolze Tradition des radikalen Kampfes und Widerstandes zur&#252;ckblicken. Genaueres &#252;ber die Tradition der Arbeitsk&#228;mpfe in Mahalla al-Kubra in: Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy: „Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order“, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Anne Alexander/Farah Koubaissy: „Women were braver than a hundred men“, in: <em>Socialist Review</em> (J&#228;nner 2008), <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227" target="_blank">http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> <a href="http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-industrial-actions-in-6-months/" target="_blank">http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-<br />
industrial-actions-in-6-months/</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Daniel Williams: “Mubarak Plan to Shed State-Run Factories Threatened by Strikes”, 21. Mai 2007, <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home" target="_blank">http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Von 23 Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze sind 22 NDP-Mitglieder, der &#252;brige Mitglied einer verb&#252;ndeten Partei.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Siehe dazu den Bericht &#252;ber eine ArbeiterInnendelegation der Mahalla Textilfabrik mit der Forderung zur Absetzung ihrer Fabriksgewerkschaft in:Liam Stack: “Mahalla textile workers demand union dissolved and greater independence”, in: <em>Daily News Egypt </em>(29. J&#228;nner 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Liam Stack/Maram Mazen: „Striking Mahalla workers demand govt. fulfill broken promises“, in: <em>Daily News Egypt </em>(27. September 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zitiert in Joel Beinin: „The Militancy of Mahalla al-Kubra“, in: MERIP (29. September 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero092907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero092907.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Joel Beinin/Zachary Lockman: Workers on the Nile. Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954, Cairo 1998, S. 365</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Ebd., S. 376</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Joel Beinin/Hossam al-Hamalwy. „Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity“, in: MERIP (9. Mai 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero050907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero050907.html</a><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Anders als die Muslimbruderschaft, welche sich traditionell prim&#228;r auf die Mittelklasse bezieht, waren die militanten islamistischen Gruppen in den 1990ern erfolgreich in der Rekrutierung bei den unteren Klassen. Siehe dazu Salwa Ismail: “The Popular Movement Dimensions of Contemporary Militant Islamism: Socio-Spatial Determinants in the Cairo Urban Setting”, in: <em>Comparative Studies in Society and History </em>42:2 (2000), S. 363-393</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Die Repression traf militante wie dezidiert friedliche Islamisten wie die Muslimbr&#252;der. Siehe dazu Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity”, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Ein gro&#223;er Teil dieses Abschnittes basiert auf dem Artikel von Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, in: MERIP 242 (Fr&#252;hling 2007), <a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Chris Harman: „The Prophet and the Proletariat“, <a href="http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm" target="_blank">http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Manal el-Jesri: „Kamal Abu Eita &amp; Kamal Khalil“, in: <em>Egypt Today. </em><em>The Magazine of Egypt </em>(Mai 2004), <a href="http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553" target="_blank">http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553</a><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, a.a.O.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Seit dem harten Durchgreifen gegen die Muslimbruderschaft im Zuge der staatlichen Kampagne gegen die Islamisten, insbesondere gegen ihre Basis, verfolgte sie eine Politik der Nicht-Konfrontation.</p>
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