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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Musik</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>N&#252;chterne Rebellion</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. Philipp Probst und Stefan Probst &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.

1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band Teen Idles den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. <em>Philipp Probst</em> und <em>Stefan Probst</em> &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.<br />
<span id="more-1957"></span><br />
1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band <em>Teen Idles</em> den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. Dessen Lyrics waren zwar offensichtlich nicht ganz bierernst gemeint, aber trotzdem nur halb als Scherz gedacht: „I drink milk / I drink milk / I drink milk / I drink milk / I don’t care what people say, I drink milk everyday!“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ian MacKaye, Bassist und Textschreiber der Band, hat in sp&#228;teren Interviews den Hintergrund des Songs erl&#228;utert: „In den 1970er Jahren machten sich meine Mitsch&#252;lerInnen und meine FreundInnen dauernd dar&#252;ber lustig, dass ich keinen Alkohol trank. Als ich in die Punk-Szene eintauchte, war es genau dasselbe. Ich konnte immer nur denken: ‘Hey, ich bin einfach, wie ich bin!’ Schlie&#223;lich sagte ich nie zu irgendwelchen Leuten, dass sie bescheuert waren, weil sie Alkohol tranken – trotzdem wurden meine Entscheidungen dauernd in Frage gestellt.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Zunehmend frustriert von den Erwartungshaltungen einer drogenzentrierten Kultur, die der Punk offensichtlich mit dem Mainstream teilte, schrieb MacKaye 1981 schlie&#223;lich mit der Nachfolgeband der <em>Teen Idles, Minor Threat</em>, einen Anti-Drogen-Song, in dem er seinen &#196;rger, sich st&#228;ndig f&#252;r seine Abstinenz rechtfertigen zu m&#252;ssen, aggressiver auf den Punkt brachte: <em>Straight Edge</em>. Die Lyrics lassen an Deutlichkeit nichts vermissen:<br />
„I’m a person just like you / But I’ve got better things to do/ Than sit around and fuck my head / Hang out with the living dead / Snort white shit up my nose / Pass out at the shows / I don’t even think about speed / That’s something I just don’t need / I’ve got the straight edge […]. Always gonna keep in touch / Never want to use a crutch / I’ve got the straight edge“.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Straight Edge soll dabei zum Ausdruck bringen, mit einem n&#252;chternen, klaren, eben straighten Kopf einen Vorteil zu haben (<em>to have an edge on you</em>). Es war dieses Grundprinzip eines klaren Kopfes, das die Bewegung vereinte – jenseits der jeweils zeitlich, regional und individuell spezifischen Ausdeutungen dessen, was mit einer Straight-Edge-Identit&#228;t bezeichnet sein soll. Wieder war es ein <em>Minor Threat</em>-Song, der gemeinhin als Gr&#252;ndungsmanifest dieser Prinzipien steht: In <em>Out of Step</em> schreit Ian MacKaye: „(I) Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck / At least I can fucking think.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
W&#228;hrend diese „drei einfachen Worte“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> niemals als fixes Regelwerk f&#252;r eine Bewegung gedacht waren, wurden sie zum Startschuss f&#252;r einen Gedanken, der in den unterschiedlichsten Interpretationen Teile der Punkszene und Jugendkultur &#252;ber die n&#228;chsten Jahrzehnte pr&#228;gte.</p>
<p><strong>American Hardcore</strong><br />
Die Entwicklung der Straight Edge (sXe) Bewegung muss im Kontext der entstehenden Hardcore-Punk-Szene betrachtet werden – als dessen organischer Teil und als kritische Intervention in diese.<br />
Hardcore-Punk entwickelte sich in den sp&#228;ten 1970er Jahren als schnellere, direktere, aggressivere Variante des Punk, die diesen auf seinen harten Kern reduzierte. Die Songs waren kurz, intensiv, auf den Punkt, <em>in-your-face</em> und ohne Umschweifen; alles andere als die zu dieser Zeit dominierende Diskomusik und Stadionrock. Die Texte waren schnell, oft unverst&#228;ndlich rausgeschrien, sich gegen gesellschaftliche Normen richtend. Ganz im Sinne von „You don’t understand a word we say, You don’t listen to us anyway.”<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ausschweifende Gitarrensolos oder &#228;hnliches waren verp&#246;nt. Entsprechend physisch und roh wie die Musik waren die Shows. Sie dr&#252;ckten die Ablehnung gegen&#252;ber einer vorgegaukelten heilen Welt und der Fassade des suburbanen Utopia aus. „Die Musik, die wir spielten, die Texte, die wir schrieben hatten nichts mit H&#228;nde-halten, L&#228;cheln und Sonnenunterg&#228;ngen zu tun.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Wesentlich ging es f&#252;r die Jugendlichen (oft 13 bis 16 Jahre alt!) darum, in einer Gesellschaft, die nichts als Perspektivlosigkeit, Langeweile und Konformit&#228;tsdruck zu bieten hatte, Frust abzulassen. Musik von Kids f&#252;r Kids, die die ganze amerikanische Gesellschaft nur mehr anfuckte und die Zuflucht und Energie im Hardcore Punk suchten. „Die Musik mit der die meisten von uns in den 1970ern aufwuchsen, war Musik von &#228;lteren Menschen und handelte von Partys und Cruisen – alles Dinge, zu denen wir keinen Bezug hatten, alles Dinge, die wir in unserem Leben nicht f&#252;hlten.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Etwas direkter beschrieb Keith Morris von den <em>Circle Jerks</em> das Gef&#252;hl der Ablehnung einer ganzen Gesellschaft, das den Hardcore von Beginn an pr&#228;gte; einer Gesellschaft, in der sich die Hardcoreszene zu dem Raum entwickelte, in dem Jugendliche sich ausleben konnten, sie selbst sein konnten. „Ich hasse meinen Boss, ich hasse die Menschen mit denen ich arbeite, ich hasse meine Eltern, ich hasse all diese Autorit&#228;tsfiguren, ich hasse Politiker, ich hasse Menschen in der Regierung, ich hasse die Polizei, wei&#223;t du, jeder zeigt mit dem Finger auf mich, jeder stochert in mir rum, jeder hatte etwas an mir auszusetzen, und jetzt hab ich hier eine Gruppe von Menschen, die wie ich sind, und wir haben die Chance abzugehen; und das ist es, was es im Prinzip war.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Zwei wesentliche Entwicklungen scheinen f&#252;r die Herausbildung einer eigenst&#228;ndigen Hardcore-Kultur in den fr&#252;hen 1980er Jahren relevant: zum einen das gesellschaftspolitische Klima in den USA um 1980, das in den Worten des sp&#228;teren <em>Black Flag</em>-S&#228;ngers Henry Rollins von „Rezession und Repression“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> gepr&#228;gt war; zum anderen die zunehmende Kommerzialisierung, &#196;sthetisierung und Internalisierung der Punk-Rebellion in den Mainstream. Besonders deutlich wurde das in der Dominanz des New Wave im Punk, der die Radikalit&#228;t dieses Genres als subkulturellem Ausdruck jugendlicher Rebellion zunehmend unscharf werden lie&#223;. „Mitte 1979 waren die einzigen Menschen, die noch Punkmusik spielten, diejenigen, die auch wirklich dabei sein wollten. Es gab einen gro&#223;en Bruch, der bedeutete, dass Punk in den <em>underground </em>ging, intensiver, reiner – was gut und schlecht war – und mehr hardcore wurde.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Reagan’s In!</strong><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
„Nichts bringt eine Musikszene so in Fahrt, wie Repression gepaart mit Rezession.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die Wahl des ehemaligen Hollywood-Schauspielers Ronald Reagan zum 40. Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten 1981 war so etwas wie die Triebkraft hinter der Entwicklung des Hardcore. Er stellte den „Feind von Kunst, von Minderheiten, von Frauen, Schwulen, Liberalen, Obdachlosen, ArbeiterInnen, der Innenstadt, usw. dar. Jeder ‚Au&#223;enseiter’ war sich darin einig, ihn zu hassen.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Reagans Amtszeit pr&#228;gte in paradigmatischer Weise das gesellschaftspolitische<br />
Leben der Vereinigten Staaten. Es war die Zeit des Aufstiegs der Neuen Christlichen Rechten und der &#246;konomischen Krise. Der Abbau sozialer Sicherungssysteme unter dem neoliberalen Schlagwort der <em>Reagonomics </em>und der massive Ausbau des Polizei- und &#220;berwachungsapparats traf besonders die Jugendlichen aus proletarischen und proletarisierten Mittelschichts-Haushalten, f&#252;r die Reagans Wahlkampf-Slogan „It’s Morning Again“ wie reiner Hohn klingen musste. Die Reagan-Administration versuchte, ein Gef&#252;hl der R&#252;ckkehr zu Recht und Ordnung durchzusetzen, zu einem guten, konservativen, geregelten – und wei&#223;en – Amerika. Vic Bondi, S&#228;nger der Hardcoreband <em>Articles of Faith</em> und sp&#228;ter linker Songwriter, dr&#252;ckte das Gef&#252;hl der herrschenden Schicht in den fr&#252;hen 1980er Jahre so aus: „Wei&#223;t du, dieses Weichei Jimmy Carter sprach &#252;ber Frieden und Menschenrechte und all die Schei&#223;e. Und es gab die Feministinnen und die Schwarzen, ‚die aufm&#252;pfig gegen uns wurden, deshalb werden wir die Ordnung wiederherstellen‘; Also ging das ganze Land in Richtung dieser wirklich kindlichen F&#252;nfziger Jahre-Fantasie, wo sie alle diese Strickjacken und so trugen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Konservatismus und law-and-order-Kurs sollten eine auseinanderfallende Gesellschaft auf Linie bringen. Die Vorstellung eines neuen Morgens in Amerika, einer R&#252;ckkehr zum goldenen Zeitalter, spie&#223;te sich aber mit der gef&#252;hlten und realen Hoffnungslosigkeit eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung. „Es ist schwer f&#252;r irgendjemand, vor allem f&#252;r Jugendliche, irgendetwas zu haben, an das man glauben kann. All die Dinge mit denen wir aufwuchsen: die Regierung, das Familiensystem, der amerikanische Traum, dieses ganze religi&#246;sen Ding, das Amerika so bestimmt – das alles funktioniert einfach nicht mehr. Alles f&#228;llt zusammen, wir sehen es jeden Tag, es gibt nichts, woran wir glauben k&#246;nnen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
W&#228;hrend Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Jugendlicher bestimmte, lie&#223;en anhaltende Wirtschaftskrise, Sparma&#223;nahmen und steigende Inflation die Kluft zwischen (neuen) Reichen und Armen weiter anwachsen. Die Antwort der Regierung lautete: steigende Repression und Polizeigewalt.<br />
Die <em>Dead Kennedys</em> thematisierten diese Situation einer in Reiche und Armen gespaltenen Gesellschaft in ihren Songs. Im satirischen <em>Kill the Poor</em> singt Jello Biafra vom fiktiven Standpunkt der Herrschenden aus: „Behold the sparkle of champagne. / The crime rates gone, feel free again. / O’ life’s a dream with you, Miss Lily White. / Jane Fonda on the screen today / Convinced the liberals it’s okay, / So let’s get dressed and dance away the night, / While they / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor: Tonight!“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p><strong>They take the rights away from all the kids<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></strong><br />
Die Polizeibrutalit&#228;t traf Au&#223;enseiterInnen der Gesellschaft besonders hart. Vor allem in Gro&#223;st&#228;dten wie Los Angeles und New York lie&#223; die Polizei keine Gelegenheit aus, Jugendliche zu jagen und zu verpr&#252;geln. Im Gegensatz zu Gangmitgliedern stellten Hardcorekids, wie Pat Dubar von <em>Uniform Choice</em> im Buch <em>American Hardcore</em> erz&#228;hlt, perfekte, leichte Ziele dar. Oft handelte es sich um von daheim Weggelaufene, sie kamen aus kaputten Familien oder sie hatten Eltern, die sich um nichts k&#252;mmerten – und sie konnten sich nicht wehren. Daher hatte polizeiliche Gewalt in den meisten F&#228;llen keine Konsequenzen f&#252;r die Beh&#246;rden. Im Gegenteil, die Polizei setzte alles daran, die aufkommende neue jugendliche Gegenkultur im Keim zu ersticken. „Heute w&#252;rde das, was die Polizei damals gemacht hat, als Bel&#228;stigung oder <em>racial profiling</em> bezeichnet werden – sie st&#252;rmten Shows, sammelten Beweise, speicherten Akten. Die Machthaber erkannten die Gefahr, real oder eingebildet, wenn Bands wie <em>Black Flag </em>und<em> Dead Kennedys</em> spielten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nicht umsonst waren viele Hardcore-Texte gepr&#228;gt von der erlebten Repression und dem Hass auf die Polizei. Die Band <em>MDC</em>, deren Abk&#252;rzung unter anderem f&#252;r <em>Million of Dead Cops</em> stand, sang in <em>Dead Cops/America’s So Straight</em>: „Dead Cops / Watcha gonna do / The Mafia in blue / Huntin’ for queers / Niggers and you.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Angesichts der staatlichen &#220;bermacht und der Repression gegen die Jugendlichen, herrschte Resignation und Kampfgeist oft gleichzeitig vor. W&#228;hrend <em>Black Flag</em> in ihrem Song <em>Police Story</em> von einem Kampf sprachen, „den wir nicht gewinnen k&#246;nnen“ („They hate us / we hate them, we can’t win / no way!“)<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, sprach der K&#252;nstler Winston Smith davon, wie sich die Grundhaltung breit machte „k&#228;mpfend unterzugehen, wenn wir verlieren m&#252;ssen, aber sie nicht damit davonkommen zu lassen.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Doch nicht nur die Polizei hatte es auf die Kids abgesehen. Rocker, Rednecks und Jocks<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> verpr&#252;gelten sie in den Highschools und zogen in Banden durch die Viertel auf der Suche nach Punks.<br />
Die fast t&#228;gliche Erfahrung von Gewalt spiegelte sich in der Szene wieder. Die Shows waren gepr&#228;gt von <em>violent dancing</em>, einem Tanzstil der viel K&#246;rperkontakt mit sich bringt und bei dem der Unterschied zu handfesten Pr&#252;geleien manchmal schwer auszumachen ist. Allerdings bedeuteten diese Shows f&#252;r viele die M&#246;glichkeit, kurzzeitig die herrschenden gesellschaftlichen Normen hinter sich zu lassen und die Gewalt, mit der sie st&#228;ndig konfrontiert waren, verarbeiten zu k&#246;nnen. Die Szene wurde zugleich zur wichtigsten Verteidigung gegen die t&#228;glichen &#220;bergriffe<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und einer Community, die Au&#223;enseiterInnen ein Ventil f&#252;r ihre Wut und Langeweile bot. Im Song <em>Fight </em>der f&#252;r die Szene in Washington DC ma&#223;geblichen Band <em>Scream </em>wird deutlich, dass <em>Fight </em>(Kampf) sowohl ein Mittel gegen Frustration war, als auch f&#252;r <em>Unity </em>(Gemeinschaft) stand. “Look at me, I look at you / What the fuck you gonna do? / I feel boxed in, well, I just wanna fight / Through the problems in the night / Fight / Hey, all ye crunchcloths, we all say / Fight for the united way / Fight together, fight as one / Fight forever till we’ve won / Fight (to unite)<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Die Community bot Platz, eigene Projekte und eigene Ideen in die Tat umzusetzen. In diesem Sinne &#252;bernahm die Hardcore Variante des Punk wesentliche Charakteristika des 1970er Jahre Punks, den eine Mischung aus Selbstorganisierung, Eigenst&#228;ndigkeit und eine „Scheissauf-Alles“-Attit&#252;de charakterisierte. In der Hardcore-Szene spiegelte sich der politische Radikalismus des Amerikas der fr&#252;hen 1980er wider.</p>
<p><strong>Do-It-Yourself and Think for Yourself!</strong><br />
Neben der radikalen Ablehnung vorherrschender Werte und Ziele der Mainstream-Gesellschaft war eine der positivsten Eigenschaften die klare <em>Do-It-Yourself</em>-Ethik (DIY). Vollkommen unabh&#228;ngig von g&#228;ngigen Distributionskan&#228;len und Kommunikationsmedien baute die Hardcore-Kultur &#252;ber Fanzines, Bandkontakte und selbst gegr&#252;ndete Labels ein subkulturelles Netzwerk auf, das bald die gesamten USA &#252;berspannte. Wichtig in diesem Kontext sind beispielsweise die Bem&#252;hungen der von Mitgliedern der Punk-Band Youth Brigade gegr&#252;ndete Better Youth Organization, die &#252;ber die DIY-Ethik versuchte, dem Punk eine positive Richtung zu geben. Mittels <em>grassroot organizing</em> konnten st&#228;ndig neue Konzertorte gefunden und Jugendzentren etabliert werden. Die eigene Community aufzubauen war eine der wesentlichen S&#228;ulen der Hardcore-Kultur. Im Gegensatz zur vorherrschenden Ideologie einer individualisierten Ellbogengesellschaft lautete das Motto „wir gemeinsam, statt alles f&#252;r mich und fuck the rest“.<br />
Diese DIY-Ethik und das Bekenntnis zu Community-Building – von Kids f&#252;r Kids – bedeutete auch, die Trennung zwischen Band und Publikum bei Shows zu &#252;berwinden. Alle konnten und sollten Musik machen. Der Sound war einfach und aggressiv, niemand musste die Instrumente wirklich beherrschen. Niemand wartete darauf, dass jemand etwas f&#252;r einen machte, sondern ging es gemeinsam mit anderen an.<br />
Ian MacKaye erz&#228;hlt in einem Interview, dass er in seiner Zeit auf einer staatlichen Highschool vor allem eins lernte: „Wenn du etwas machen willst, kannst du nach Erlaubnis fragen, doch dann wird die Antwort sicher ‚Nein‘ sein. Darum frag am besten gar nicht, sondern mach es einfach.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Aus dieser DIY-Ethik entwickelte sich ein politischer Anspruch, bei dem sich der Gro&#223;teil der Bands auf<em> personal politics </em>konzentrierte, wobei es wichtig war, dass ein direkter Zusammenhang mit der Community und der Nachbarschaft bestand. Das dr&#252;ckte sich auch in der Ablehnung der etablierten Politik aus: „Wir wollten nicht eure Politik, wir waren interessiert an pers&#246;nlicher Politik; wir sind interessiert an dieser Musik, an dieser Community, an dieser Szene.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem fanden sich auch immer wieder die Themen Kapitalismus, schei&#223; Arbeitsbedingungen und der Zynismus der Herrschenden in den Texten wieder: „Ronald laughs as millions starve / And profits forever increase / Your stenching farts as they smile / They say they try to please / Plastic chairs and fake shakes / To help it all go down / Polluting your children with their lies / And trying to destroy your mind“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>Go BOOM!</strong><br />
Sowohl im 1970er Jahre Punk als auch im HC-Punk fanden sich also auch explizit politische, gesellschaftskritische Bands. Dennoch erbte der Hardcore zum Teil auch die selbstdestruktiven <em>no-future</em>-Tendenzen des 1970er Jahre Punks: „Get fucked and fuck shit up!“. Zwar versuchten Bands wie Bad Brains mit ihrer propagierten <em>positive-mental-attitude</em> immer wieder, dieser <em>live-fast-die-young-attitude</em> in der Community positive Impulse entgegenzusetzen. Dennoch artikulierte sich bei vielen Jugendlichen die Wut auf die vorherrschenden Werte und Erwartungshaltungen der Gesellschaft in destruktiver Anti-Haltung, ohne selbst eine Vorstellung von Ver&#228;nderung zu entwerfen. <em>Black Flag</em>, eine der ersten Hardcore-Bands aus den suburbanen Gebieten Kaliforniens, hat dies 1980 in ihrem Song <em>No Values</em> auf den Punkt gebracht: „I don’t care what you think / I don’t care what you say / I’ve got nothing to give you / Why don’t you just go away? / I’ve got no values / Nothing to say / I’ve got no values / Might as well blow you away / […] Don’t you try pretendin’ / Telling me it’s all right / I might start destroyin’ / Everything in my sight! / No values“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Die Frustbew&#228;ltigung &#252;ber Gewalt, die bei den pubertierenden m&#228;nnlichen Jugendlichen in den Suburbs an der Westk&#252;ste zumindest anfangs viel ausgepr&#228;gter war als etwa in DC, wurde zunehmend zum Problem. Die H&#228;rte der Stra&#223;e erkl&#228;rt zwar die Reaktion und macht diese verst&#228;ndlich, allerdings wurden dadurch mehr und mehr Leute angezogen, die allein wegen der Gewalt kamen. Jello Biafra beschreibt, dass HC-Punks oft „Surfer waren, Skateboarder waren, und manchmal waren sie einfach sehr gewaltt&#228;tige Surfer und Skateboarder.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Dar&#252;ber hinaus ist es nur eine leichte &#220;bertreibung, wenn behauptet wird, dass sich Frust und Perspektivlosigkeit nicht zuletzt in Destruktivit&#228;t gegen sich selbst ausdr&#252;ckten. Drogen waren ein ernsthaftes Problem im fr&#252;hen Hardcore, und zwar nicht nur Alkohol, sondern vor allem Speed und Kokain, die die Stra&#223;en der USA &#252;berschwemmten.<br />
Es war dieser Kontext, in dem sich die ersten Straight Edge-Bands formierten. Frustriert von den selbst-zerst&#246;rerischen Verhaltensweisen der Punk-Szene nahmen sie eine Anti-Drogen-Haltung ein. Die Straight Edge-Bands kritisierten, dass „Punks zwar ihre Individualit&#228;t hervorhoben, aber eine eigene Art der Konformit&#228;t verst&#228;rkten, die die Fixierung der Jugendkultur auf die Einnahme von Substanzen reflektierte. Weiters f&#252;hlten Straight Edge-Kids, dass Punks ihr eigenes Potential zur Rebellion verringerten, indem sie in einem Drogen- und Alkoholdunst lebten.“ Die fr&#252;he Straight Edge-Jugend sah die hedonistische Rebellion des Punk als &#252;berhaupt nicht rebellisch, da sie in vielerlei Hinsicht „den bet&#228;ubten Lebensstil der Mainstreamkultur in einer irokesenschnittigen Lederjackenverkleidung“ reproduzierten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
W&#228;hrend sich Menschen, die Straight Edge lebten, positiv auf die Hardcore Kultur – mit all ihren Widerspr&#252;chlichkeiten – bezogen, und vor allem den Community-Gedanken und die Rebellion gegen die Mainstreamkultur hoch hielten, propagierten sie zugleich, wie wichtig es war, daf&#252;r einen klaren Kopf zu haben. Straight Edge wurde so zu einer Gegenstr&#246;mung innerhalb der jugendlichen Gegenkultur.</p>
<p><strong>Trinitarische Formel?</strong><br />
Der f&#252;r die Entwicklung des sXe pr&#228;gendste Song war sicherlich <em>Out of Step</em> von <em>Minor Threat</em>. Es sollte bereits klar geworden sein, dass die viel zitierte Textzeile „(I) Don’t Drink / Don’t Smoke / Don’t Fuck / At least I can fucking think!“ weder als verbindliches Regelwerk, Gr&#252;ndungsmanifest einer Bewegung oder &#252;berhaupt als etwas anderes denn als pers&#246;nliche Befindlichkeitserkl&#228;rung von <em>Minor Threat</em>-S&#228;nger MacKaye gemeint war. Jene, die die Idee aufgriffen, interpretierten den Song aber zu Recht auch als positive Intervention gegen die selbstzerst&#246;rerischen Dynamiken der Szene. Sie versuchten den Grundgedanken des Punk und der DIY-Ethik wieder stark zu machen: <em>Think for yourself</em>, und das mit einem klaren Kopf. Und das sollte selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r die von manchen als ‚Three-Step-Formula‘ interpretierte Zeile in <em>Out of Step</em> gelten. Folglich bauten <em>Minor Threat</em> in der zweiten Aufnahme des Songs eine zus&#228;tzliche Erkl&#228;rung ein, die klarstellen sollte, dass jeder und jede f&#252;r sich selbst entscheiden m&#252;sse, was der Text f&#252;r sie bedeuten sollte: „H&#246;rt zu, dies sind keine Verhaltensregeln! Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt!“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Zun&#228;chst verstanden tats&#228;chlich auch jene, die die Message des Songs postitiv f&#252;r sich selbst &#252;bersetzten konnten, Straight Edge weder als eigene Bewegung noch als Identit&#228;tsclaim, sondern in erster Linie als konstruktiven Impuls f&#252;r die HC-Szene: die Community m&#252;sse offen sein – oder offener werden – auch f&#252;r jene, die Milch statt Bier trinken wollen. Der <em>peer pressure</em> dominanter Jugendkulturen sollte im HC eben gerade keinen Platz haben. Die Szene sollte aber gleichzeitig f&#252;r jene offen sein, die zumindest legal gar keinen Alkohol konsumieren durften. Dies war insbesondere in Washington DC ein eminent praktisches Problem, insofern die meisten Shows in Clubs stattfanden, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. So hat sich eben auch das zentrale Symbol des (sp&#228;teren) Straight Edge, das X, aus der &#220;berzeugung heraus entwickelt, dass Hardcore-Shows f&#252;r <em>all ages</em> offen sein m&#252;ssen. Um den Problemen mit Club-Besitzern aus dem Weg zu gehen, schlugen minderj&#228;hrige Jugendliche vor, sich ein dickes schwarzes X auf den Handr&#252;cken zu malen. Damit zeigten sie, dass sie keinen Alkohol konsumieren w&#252;rden und konnten die Show besuchen. Urspr&#252;nglich stand das X also weniger f&#252;r sXe und Abstinenz, sondern f&#252;r Jugend.<br />
Besondere Aufmerksamkeit verdient schlie&#223;lich noch der so oft, auch im sXe selbst, falsch verstandene Ausdruck „Don’t Fuck“. F&#252;r viele SkeptikerInnen wird genau hier die Anschlussf&#228;higkeit des sXe an reaktion&#228;re christliche Enthaltsamkeits-Sekten deutlich. F&#252;r Ian MacKaye, der sich schon oft f&#252;r diese Formulierung rechtfertigen musste, war die ganze Aufregung trotzdem relativ unverst&#228;ndlich: „Glaubst du, dass Menschen bei ‘Don’t Drink’ jemals sagen w&#252;rden: ‚Aha, er will, dass niemand mehr irgendein Getr&#228;nk oder irgendeine Fl&#252;ssigkeit zu sich nimmt?‘ Aber wenn das Wort ‚fuck‘ ins Spiel kommt, werden sofort andere Schl&#252;sse gezogen. Ich verstand das nie. Es war doch klar, dass es um Missbrauch, Manipulation und Eroberung ging, also um die Instrumentalisierung von Sex, die auf Befindlichkeiten von Menschen keine R&#252;cksicht nimmt.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Me, You, Youth Crew</strong><br />
Die Idee des Straight Edge wurde in den fr&#252;hen 1980er Jahren ziemlich schnell von Bands wie <em>SSD </em>und <em>DYS </em>in Boston, <em>Uniform Choice</em> in Kalifornien oder <em>7 Seconds</em> in Reno aufgegriffen. Dave Smalley von <em>DYS </em>erkl&#228;rt: „Es sprach eine ganze Generation von Kids an, die gerade die 1970er Jahre erlebt hatten, und sie haben Kids gesehen, die in den Highschools dreimal t&#228;glich kiffen und <em>wasties </em>in einem tragisch jungen Alter werden.”<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Diese Bands sind ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung einer kollektiven sXe-Identit&#228;t verantwortlich. Dennoch entwickelte sich sXe vor allem infolge einer Band zu einer im HC einflussreichen Bewegung: <em>Youth of Today</em>. Der Bewegungscharakter von sXe liegt darin, dass sXe als „allgemein w&#252;nschenswerter Lebensstil propagiert wurde“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ray Cappo, S&#228;nger von <em>Youth of Today</em> erl&#228;utert: „Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> W&#228;hrend die Betonung bei fr&#252;hen Bands wie <em>Minor Threat</em> vor allem auf der Offenheit der HC-Community und der Verteidigung einer pers&#246;nlichen Lebensentscheidung lag, verstanden diese neuen Bands sXe weniger als Intervention in die Szene, sondern selbst als Community-Projekt. Zwar blieb die positive Grundhaltung eines klaren Kopfs, sXe besch&#228;ftigte sich aber zunehmend mit sich selbst.<br />
Besonders in den Song-Texten f&#228;llt diese isolationistische Dynamik auf: man schw&#246;rt sich, „true till death“ zu sein, und exkommuniziert Leute, „who have broken the edge“, „sold out“, „stabbed us in the back“. Die ‚Don’t Drink, Don’t Smoke, Don’t Fuck‘-Formel wird zum neuen Katechismus und identit&#228;ren Grundprinzip. Besonders in den militanteren Szenen wie in Boston kommt auch ein selbstgerechter Moralismus und ein maskulinistischer Selbstentwurf der sXe-Szene als Brotherhood hinzu.<br />
W&#228;hrend Straight Edge urspr&#252;nglich organischer Teil einer offenen Hardcore-Punk-Szene sein wollte, setzte sich Straight Edge seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend als abgrenzender Identit&#228;ts-Claim durch. Auch wenn oft die „open minds and open hearts“ betont wurden, sah die Praxis meist anders aus: sXe wurde zum neuen Konformismus. Um nicht falsch verstanden zu werden: die sogenannte Youth-Crew Zeit der sp&#228;ten 1980er Jahre hat gro&#223;artige Bands und Songs hervorgebracht. Dennoch hatten sich die HC-Szene insgesamt und der sXe im Besonderen im Vergleich zu den fr&#252;hen Jahren entscheidend ver&#228;ndert.<br />
Mitte der 1980er Jahre hatten sich die meisten Bands der ersten Hardcore-Welle aufgel&#246;st. Die Wiederwahl Ronald Reagans wurde bei vielen als herbe Entt&#228;uschung erfahren. Und schlie&#223;lich schien der Hardcore selbst musikalisch zu stagnieren, w&#228;hrend in der Szene Gewalt einen immer zentraleren Stellenwert einnahm. &#220;berspitzt, aber auch nicht vollkommen falsch, hat Stephen Blush – HC-Chronist und Autor von <em>American Hardcore</em> – deshalb behauptet, der Hardcore sei 1984 gestorben.<br />
Tats&#228;chlich gingen einige pr&#228;gende Bands der ersten Welle ab Mitte der 1980er Jahre musikalisch und/oder politisch neue Wege. In Washington DC begr&#252;ndeten Bands wie <em>Rites of Spring</em> oder <em>Embrace </em>in Reaktion auf die <em>tough-guy</em>-Mentalit&#228;t der Szene jene Musikrichtung, die heute etwas ungl&#252;cklich als Emotional Hardcore, kurz Emocore bekannt ist. In Reno gr&#252;ndete sich 1984 um Mitglieder der Band <em>7 Seconds</em> die <em>Positive Force</em> Initiative als Versuch der expliziten Politisierung der Szene. Und 1985 gilt in DC ohnehin als „Revolution Summer“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>.<br />
Die HC-Kultur im engeren Sinn wurde nun von einer Generation dominiert, die kaum mehr mit den Punk-Wurzeln des HC in Ber&#252;hrung gekommen war. Tonangebend war vor allem die Szene in New York – der sogenannte New York Hardcore – wo sich unter die progressiven Punk-Ideale zunehmend auch dumpfer Patriotismus, Machismo und Homophobie mischten. Ray Cappo hat die New Yorker Szene r&#252;ckblickend so beschrieben: „wei&#223;t du, in der Highschool gabs immer diesen einen Raufbold, nur einen, Psycho-Schl&#228;ger, der dich schikanieren w&#252;rde. Die Hardcore Szene in New York war als ob du jeden Raufbold in Amerika nehmen und in diese verr&#252;ckte kleine Community stecken w&#252;rdest.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a></p>
<p><strong>Ausdeutungen</strong><br />
Die Schwierigkeit, das Ph&#228;nomen Straight Edge auf den Punkt zu bringen, besteht nicht zuletzt darin, dass die jeweiligen Ausdeutungen dessen variieren, was mit sXe &#252;berhaupt gemeint sein soll: von einer pers&#246;nlichen Lebenseinstellung zu einer propagierten Ideologie, von puritanischem Asketismus zur Vorstellung eines klaren Kopfs als bessere Voraussetzung f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung, von maskulinistischer Wolfpack- und Crew-Mentalit&#228;t zur Betonung einer offenen, partizipativen Community. Straight Edge ist deshalb ein weder per se fortschrittliches, noch reaktion&#228;res Ph&#228;nomen. Sicher, wer den verr&#252;ckteren Ausw&#252;chsen des sXe in den fr&#252;hen 1990er Jahren die haupts&#228;chliche Aufmerksamkeit schenkt, wird entweder die Stirn runzeln – etwa &#252;ber den mysteri&#246;sen Boom straighter Krishna-Core-Bands – oder sich von der selbstgerechten Militanz, gew&#252;rzt mit einer kr&#228;ftigen Prise Pro-Life und Ablehnung vorehelichen Sex, von 1990er-sXe-Bands wie <em>Vegan Reich</em> angewidert abwenden. Dass gleichzeitig offen kommunistische Bands wie <em>ManLiftingBanner</em> ebenfalls eine sXe-Identit&#228;t f&#252;r sich beanspruchen, macht die Sache dann aber doch kompliziert.<br />
So wie jede subkulturelle Bewegung steht n&#228;mlich auch der sXe in einem widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zu den hegemonialen Verh&#228;ltnissen und Vorstellungen. Diese Spannung soll im Folgenden beispielhaft anhand von Sexismus und Homophobie innerhalb der sXe-Szene durch diskutiert werden.</p>
<p><strong>Machismo, Emancypunx</strong><br />
Der vom sXe propagierte Verzicht auf Alkohol und Drogen steht zum einen quer zu Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen der Mainstream-Jugendkultur, insbesondere aber auch hegemonialen Konstruktionen jugendlicher M&#228;nnlichkeit. F&#252;r sXer sind Saufen und sexuelle Eroberung gerade keine Zeichen von St&#228;rke und Maskulinit&#228;t, sondern im Gegenteil Schw&#228;chen, die &#252;berwunden werden sollten.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> sXe ermutigte jugendliche M&#228;nner, sich maskulinistischen Anrufungen zu entziehen und Sexismus auf pers&#246;nlicher Ebene zu bek&#228;mpfen.<br />
Zudem war der sXe von Anfang an auch auf den Aufbau offener drogenfreier R&#228;ume bedacht, in dem sich Frauen, ohne sexuell bel&#228;stigt zu werden, bewegen konnten. Tats&#228;chlich wird die Szene von vielen Mitgliedern als Raum wahrgenommen, in dem sie weniger Druck versp&#252;ren, traditionellen Geschlechterkonstruktionen entsprechen zu m&#252;ssen.<br />
Dennoch werden diese propagierten Bem&#252;hungen um progressive Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse – zumindest in der Szene – in der Praxis best&#228;ndig durchkreuzt. W&#228;hrend viele in der sXe-Bewegung betonen, Geschlecht spiele in der Szene keine Rolle, so bleibt der sXe doch, genauso wie die Hardcore-Szene &#252;berhaupt, ein &#252;berwiegend m&#228;nnlich dominierter Kontext.<br />
Offensichtlich ist das bei den Shows selbst der Fall: sowohl auf der B&#252;hne als auch im Publikum finden sich meist fast ausschlie&#223;lich Typen. Ebenso klar ist, dass die zunehmende physische Rohheit (aka Gewalt) beim Tanzen nicht gerade zu einer offenen Community beitrug. MacKaye erinnert sich: „die Sache wurde immer verr&#252;ckter, immer gewaltf&#246;rmiger. Und ich begann diese Ver&#228;nderung wahrzunehmen – Frauen, die von ganz vorne bei der B&#252;hne immer weiter nach hinten abgedr&#228;ngt wurden, und schlie&#223;lich &#252;berhaupt ganz hinaus.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Ebenso sind aber die Begriffe, in denen das Bekenntnis zur Abstinenz – vor allem seit den sp&#228;ten 1980er Jahren – gerahmt wird, eindeutig solche, die traditionell als m&#228;nnlich konnotiert gelten: (Selbst-)Disziplin, St&#228;rke, Ehre. Entsprechend ist die beschworene sXe-Community eben immer auch die m&#228;nnliche <em>brotherhood</em>, in der k&#246;rperliche Fitness und <em>toughness </em>wesentlich dazugeh&#246;ren. Und dass die Netzwerke des DIY oftmals eben M&#228;nnernetzwerke mit entsprechenden Gatekeepern sind, sollte auch nicht &#252;berraschen.<br />
Einige dieser Tendenzen begleiten die Hardcore-Szene seit ihren Anf&#228;ngen. Andere wiederum sind spezifischer f&#252;r den sXe, wobei bestimmte hypermaskulinistische sXe-Anrufungen sich erst im Kontext der allgemeinen Depolitiserung, Isolierung und relativen Abl&#246;sung der HC-Szene von ihren Punk-Wurzeln durchsetzen konnten. Bei allen eigenen Schw&#228;chen hatte der Punk n&#228;mlich immer eine androgyne Schlagseite und war oftmals spielerischer im Umgang mit Geschlecht. Initiativen wie jene um das Warschauer Label <em>Emancypunx Records</em>, die auf der Compilation<em> X The Sisterhood X</em> ausschlie&#223;lich <em>all-girl</em> Straight Edge-Bands von Argentinien bis Wei&#223;russland versammelten und versuchen, den Aufbau unabh&#228;ngiger Netzwerke von Frauen im Hardcore-Punk voranzutreiben, bleiben in der Szene leider immer noch die Ausnahme.</p>
<p><strong>Taking the Straight out of Straight Edge</strong><br />
&#196;hnliches gilt auch f&#252;r den Umgang mit Homosexualit&#228;t. Zwar gab es immer offen schwule Bands im HC, etwa <em>MDC </em>oder die gro&#223;artigen<em> Limp Wrist</em>: „Hey we’re the kids we’re here to set the score / We’re tired of fucking hiding we don’t do it no more / Come out of the closet and into the pit / Boy on boy contact, you know it’s the shit.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Dennoch blieben die homophoben Aspekte der HC-Kultur im Allgemeinen – etwa bei den <em>Bad Brains</em> nach ihrem Rastafari-Turn – und im sXe im Besonderen unterthematisiert. Nach <em>Limp Wrist</em>-S&#228;nger Martin Sorrondeguy hat das nicht zuletzt mit dem Ausschluss von Fragen der Sexualit&#228;t aus der sXe-Szene zu tun, die sich auf eine fundamentalistische Interpretation des „Don’t Fuck“ zur&#252;ckgezogen habe.<br />
Das Wort Straight in Straight Edge enth&#228;lt eben auch Konnotationen, die einer exklusiv heterosexuellen Erfahrungswelt entspringen. Nick Riotfag h&#228;lt fest: „Schwule m&#228;nnliche sexuelle Kultur hei&#223;t ‚Gelegenheits-‘ oder Promiskuit&#228;tssex aus verschiedenen Gr&#252;nden gut, von denen viele problematisch und andere politisch bewusster sind, nicht aber der heterosexuellen Eroberungskultur entstammen, die MacKaye und andere sXer kritisierten.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Manche haben daher einen unvers&#246;hnlichen Widerspruch zwischen einer queeren Punk-Identit&#228;t und der Straight Edge-Bewegung behauptet. Bei <em>Screeching Weasel</em> hei&#223;t es im Song<em> I Wanna Be A Homosexual</em>: „Call me a butt loving fudge packing queer / I don’t care cause it’s the straight in straight edge / that makes me wanna drink beer.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dennoch kann, wie Nick Riotfag betont, Straight Edge gerade auch als Ausgangspunkt f&#252;r eine kritische Reflexion &#252;ber spezifische Formen gesellschaftlicher Heteronormativit&#228;t dienen. Die wichtige Rolle, die Alkohol und Drogen in vielen <em>queer cultures</em> spielen, verweise n&#228;mlich nicht nur auf die Tatsache, dass „die sozialen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse oft Gef&#252;hle der Depression, Angst, Einsamkeit, Scham und Selbst-Hass produzieren“, die mit Alkohol und Drogen leichter bew&#228;ltigbar erscheinen. Auch zeigen sie auf, dass fast alle „Orte, an denen man sich sicher treffen kann, um Alkohol zentriert sind“.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Straight Edge bedeute deshalb auch, „die Bedingungen der Unterdr&#252;ckung zu zerst&#246;ren, die Abstinenz f&#252;r viele Queers so schwierig machen.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a></p>
<p><strong>Lifestyle und/oder Politik?</strong><br />
Viele der Schattenseiten des sXe-HC haben sich seit den 80ern noch verst&#228;rkt. Im Zuge dessen ist bei vielen sXern die urspr&#252;ngliche Motivation des Straight Edge vollkommen aus dem Blick geraten: einen klaren Kopf zu haben – aber wof&#252;r? Eine Community, f&#252;r die Abstinenz als Lebensstil zum Selbstzweck geworden ist? Jenseits von vagen Affirmationen von Unity und Youth gibt es hier keine politischen Perspektiven progressiver Ver&#228;nderung mehr. Im schlimmsten Fall bleiben dann Maskulinismus, Gewalt, Intoleranz und Abstinenz-Moralismus in &#228;rgster puritanischer Tradition. Sympathischer ist da schon jene <em>lifestyle</em>-Politik, die von der Vorstellung ausgeht, die Ver&#228;nderung der eigenen Lebenspraxis sei f&#252;r sich genommen bereits ein politisches Statement: die Summe individueller Entscheidungen w&#252;rde sich zu kollektiver Ver&#228;nderung zusammenf&#252;gen, die mehr Offenheit, Toleranz und <em>positivity </em>in der Szene und in der Gesellschaft insgesamt bringe. <em>Good Clean Fun</em> singen etwa: “This is the new revolution / we’re building a brand new society / It’s about time we find a solution / and not let it slip away / It’s time that we all work together / This little thing we call unity / has the power to make it all better / And that is why / We’ll all be on the streets / Saving the scene / From the forces of evil / Side by side, living our dreams / All the positive people”<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>.<br />
Sicherlich ist das mit einer geh&#246;rigen Portion Augenzwinkern zu genie&#223;en, als gesellschaftspolitische Strategie klingt der unersch&#252;tterliche Optimismus des Posi-Core letztlich aber reichlich naiv. Dennoch gab und gibt es, wie Gabriel Kuhn betont, immer auch eine radikalere, politisch bewusste Straight Edge-Kultur, die ihre pers&#246;nliche Entscheidung eines straighten Lebens als Ausgangspunkt grunds&#228;tzlicher gesellschaftlicher Ver&#228;nderung begreift.</p>
<p><strong>Red Edge</strong><br />
Interessanterweise etablierte sich vor allem au&#223;erhalb Nordamerikas eine viel politischere Straight Edge-Tradition, die stark mit linken Positionen verkn&#252;pft war und ist.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Wegweisend war hier die holl&#228;ndische Band <em>L&#228;rm</em>, die den politischen <em>edge </em>in Europa, aber auch in gro&#223;en Teilen Lateinamerikas pr&#228;gte.<br />
Die Nachfolge-Band von <em>L&#228;rm</em>, <em>ManLiftingBanner</em> versuchte wenig sp&#228;ter, dezidiert einen straighten Lebensstil mit kommunistischen Ideen zu verbinden. Auf ihrem in Anspielung auf John Reeds Buch &#252;ber die russische Revolution <em>Ten Inches That Shook the World</em> genannten Album mischten sie Zitate von Lenin, Trotzki und Luxemburg und die Hoffnung auf Revolution in ihre Songtexte:<br />
“Sometimes I clench my fists / because the fight was waged / but the battle had been pitched / when I look at the past / I hold one dream / a new october 1917”<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
In Skandinavien ist es Mitte der 90er Jahre die vegane Straight Edge-Band <em>Refused</em>, die mit ihrem musikalischen Projekt politische Ziele und einen Straight Edge-Lebensstil zusammenzudenken versuchte. Die Begegnung mit der depolitisierten HC-Szene in den USA war f&#252;r <em>Refused </em>sichtlich verst&#246;rend: „Wir waren dort in einer Szene gefangen, die &#252;berhaupt nicht so war, wie unsere. Alles woran die interessiert waren, war die ‚Hardcore Szene‘ und ihre Politik ging niemals weiter als die Forderung, dass ‚alle miteinander auskommen sollen‘.“ <em>Refused </em>sahen dagegen Straight Edge als Basis f&#252;r ihre politischen Ideen, die sie so explizit wie wenig andere in ihren Texten ausdr&#252;ckten: “This union that made us powerless is talking over our heads / Claiming prosperity in a downward spiral plan / This power that made us unionless is taking out of our hands / Cheapest labour at our expensive cost, auctioned our lives away / Stuck by the deadly rhythm of the production line / We consume our lives like we are thankful / For what we are being forced into”<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Auch die Betonung eines individuellen Lebensstils wurde von den politischeren sXe-Bands immer kritisch betrachtet. Frederico Freitas von den brasilianischen <em>Point of No Return</em> merkt an: „Was mir klar scheint ist, dass Gesellschaftsver&#228;nderung niemals nur eine Frage von individueller Ver&#228;nderung ist. Es gibt einige Ebenen der Gesellschaft, die auf gr&#246;&#223;eren Strukturen beruhen, und die auch nur kollektiv angegangen werden k&#246;nnen. Sonst &#228;ndert sich nichts. Eine liberale kapitalistische Gesellschaft hat ihren Platz f&#252;r individuelle Au&#223;enseiter wie uns.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Trotz positiver Ankn&#252;pfungspunkte zu progressiven Inhalten innerhalb der Straight Edge-Tradition bleibt die Frage offen, inwieweit Politik und Straight Edge wirklich mit einander verbunden sind. Fast prototypisch sind die zwei Standpunkte von ehemaligen Mitgliedern von <em>ManLiftingBanner</em>. F&#252;r den ehemaligen S&#228;nger und derzeitigen International Socialist Michiel Bakker waren kommunistische Politik und der dem Straight Edge inh&#228;rente Moralismus fr&#252;her oder sp&#228;ter nicht mehr vereinbar. „In einer revolution&#228;ren Organisation ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten, das bedeutet aber nicht, st&#228;ndig von Alkohol und Drogen Abstand nehmen zu m&#252;ssen, wenn der Wunsch danach da ist. Es ist unm&#246;glich ein reines Leben – was immer das auch hei&#223;t – innerhalb des Kapitalismus zu leben. Du bist Teil des Systems, sie hassen dich und wollen dich zerst&#246;ren, und du kannst nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche als Revolution&#228;r parat stehen.“ Allerdings streicht der jetzige S&#228;nger von <em>Seein‘ Red</em> Paul van der Berg die destruktive Wirkung von Drogen in so vielen proletarischen Haushalten weltweit hervor. Zudem seien nicht wenige politische Bewegungen vom Staat im ‚War Against Drugs‘ aufgerieben worden.<br />
Insofern stellt sich auch f&#252;r politische Bewegungen die Frage nach einem bewussten Umgang mit (legalen wie illegalen) Drogen. Zum einen, weil informelle Diskussionen in politischen Zusammenh&#228;ngen, die ohnehin demokratiepolitisch bedenklich sind, eben oft bei Bier und Tschick stattfinden und damit zus&#228;tzlich exkludierend sind. Zum anderen hat zum Beispiel die abendliche Degeneration der Audimax-Besetzung im letzten Jahr in eine wilde Party die Notwendigkeit aufgezeigt, die Rolle von Alkohol und Drogen in sozialen Bewegungen zu thematisieren und zu politisieren. Jedenfalls ist und bleibt ein klarer, n&#252;chterner Kopf Voraussetzung der eigenen politischen Handlungsf&#228;higkeit. Ob das die Entscheidung f&#252;r oder gegen ein drogenfreies Leben impliziert, bleibt freilich jeder und jedem selbst &#252;berlassen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Schlie&#223;lich sollte Straight Edge nichts mit Normierung, Kontrolle und Ma&#223;regelung individuellen Konsumverhaltens zu tun haben, sondern mit der Politisierung der sozialen Konsequenzen von Alkohol und Drogen – in der Punk/HCSzene, in Bewegungen, in der Gesellschaft.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wahrscheinlich bringt es Frederico Freitas am besten auf den Punkt, wenn er meint, dass das Problem mit Straight Edge irgendwann dazu wurde, dass man nichts mehr au&#223;er sXe war. Die Frage, wof&#252;r der klare Kopf denn da sein sollte au&#223;er vagen Anrufungen an einen <em>change</em>, blieb oft unbeantwortet. Ob und wie politisch Straight Edge war, hing immer von der Politisierung des Kontexts und der jeweiligen Szene ab. W&#228;hrend die fr&#252;he Hardcore-Kultur durchwegs politisch war, ging mit deren Niedergang auch eine Depolitisierung der Straight Edge-Bewegung einher. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die politischsten HC-Bands in den USA in den 1990er Jahren eben nicht im CBGBs in New York zu finden waren, sondern in den Latino-Communities.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a><br />
So war die Betonung eines drogenfreien Lebensstils nie automatisch auch politisch progressiv. Allerdings stellte die urspr&#252;ngliche &#214;ffnung der Szene einen wichtigen Schritt dar, um auch die Menschen aufnehmen zu k&#246;nnen, die sich dem allgegenw&#228;rtigen Konsumzwang entziehen wollten. Die Hardcore-Szene und die damit verbundene Straight Edge-Bewegung waren und sind in erster Linie Ausdruck einer w&#252;tenden Jugend, die versuchte, ihr Leben in die eigenen H&#228;nde zu nehmen. Die positiven Aspekte, wie Community-building, Rebellion und Ver&#228;nderungswille, aber gerade auch das im Straight Edge gef&#246;rderte Hinterfragen von eingefahrenen gesellschaftlichen wie szeneinternen Normen und Regeln, birgt dabei immer das Potential f&#252;r weitere gesellschaftsver&#228;ndernde Anspr&#252;che und Perspektiven. Das letzte Wort beh&#228;lt deshalb <em>ManLiftingBanner</em>:<br />
Commitment / Commitment / Commitment to Communism!<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> „Ich trink’ Milch / Ich trink’ Milch / Ich trink’ Mich / Ich trink’ Milch / Mich k&#252;mmert’s nicht, was andere denken / Ich trink’ Milch jeden Tag!“ Teen Idles: I drink milk, auf: Flex Your Head Compilation, Dischord 1982.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kuhn, Gabriel: Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung, M&#252;nster 2010, S. 8.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Ich bin so wie du / aber ich hab’ Besseres zu tun / als rumzusitzen und mich zuzudr&#246;hnen /mit lebenden Toten rumzuh&#228;ngen / Ich denk’ nicht mal an Speed / das ist, was ich einfach nicht brauch’ / ich hab‘ straight edge […] werde immer klar sein / will niemals eine Kr&#252;cke verwenden / Ich hab’ straight edge.“ Minor Threat: Straight Edge, auf: 7, Dischord 1981.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> “(Ich) rauch‘ nicht / trink nicht / fick nicht / zumindest kann ich denken.” Minor Threat: Out of Step, auf Out of Step, Dischord 1983.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Minor Threat: Straight Edge, a.a.O.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> „Du verstehst kein Wort von dem, was wir sagen, du h&#246;rst eh nicht zu!“ Big Boys: Fun, Fun, Fun, auf: Fun, Fun, Fun, Moment Productions 1982.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Keith Morris, Circle Jerks, in: American Hardcore (DVD), 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS), 1984.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Keith Morris; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Henry Rollins, Black Flag; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Jello Biafra, in: Punk: Attitude, auf: Shout!, Factory 2005.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Titel des Debut Album von Wasted Youth, 1981 erschienen.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vic Bondi, Articles of Faith, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS).<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> „Schau das Sprudeln des Champagners / Die Kriminalit&#228;tsraten fallen, f&#252;hl’ dich wieder frei / Oh, das Leben ist ein Traum, Miss Lily White / Jane Fond ist heute wieder am Schirm / Die Liberalen &#252;berzeugt, dass es o.k. ist / Also werfen wir uns in Schale und tanzen dem Morgen entgegen / w&#228;hrend sie / die Armen t&#246;ten: Heut’ Nacht!“ Dead Kennedys: Kill the Poor, auf: Fresh Fruit For Rotting Vegetables, Alternative Tentacles 1980.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> „Sie nehmen allen kids die Rechte weg.“ Black Flag: Police Story, auf: Damaged, SST 1981.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Pat Dubar, Uniform Choice, in: Stephen Blush: American Hardcore. A Tribal History. Port Townsend 2010.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Tote Bullen / Was werdet ihr machen / Mafia in Blau / Jagt Queers / Schwarze und dich.“ MDC: Dead Cops, auf: Millions of Dead Cops, Alternative Tentacles 1982.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> „Sie hassen uns – wir hassen sie, wir k&#246;nnen nicht gewinnen – auf keinen Fall.“ Black Flag: Police Story, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Winston Smith ist bekannt f&#252;r die Gestaltung der Dead Kennedy Platten.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Rednecks (deutsch: „Rotnacken“) bezeichnet in abf&#228;lliger Weise ein spezifisches wei&#223;es und reaktion&#228;res Milieu des S&#252;dstaaten-Proletariats der USA. Jocks ist ein Ausdruck f&#252;r Sportler. Meist sind damit gro&#223;e, bullige Footballtypen gemeint, die gerne Angeh&#246;rige so genannter Minderheiten verpr&#252;geln.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ian MacKaye erz&#228;hlt wie sie seinen kleinen Bruder oft scheinbar allein durch die Stra&#223;en gehen lie&#223;en, bis er angegriffen wurde. Die in der N&#228;he lauernden Punks griffen dann dementsprechend die Angreifer an. American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Schau mich an, ich schau dich an / Was verdammt wirst du machen? / Ich f&#252;hl mich eingesperrt, tja, I will nur k&#228;mpfen / Durch die Probleme in der Nacht / K&#228;mpfen / Hey, all ihr crunchcloths, wir sagen es alle / K&#228;mpfen f&#252;r den gemeinsamen Weg / K&#228;mpfen zusammen, k&#228;mpfen als eins / K&#228;mpfen f&#252;r immer bis wir gewonnen haben / K&#228;mpf (zusammen).“ Scream: Fight/American Justice, auf: Still Screaming, Dischord 1982.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ian MacKaye; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ian MacKaye, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution. Hardcore, Punk, Straight Edge and Radical Politics, Oakland 2010, S. 27.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> „Ronald lacht w&#228;hrend Millionen verhungern / und Profite steigen / Deine stinkenden Furze w&#228;hrend sie lachen / Sie sagen, sie versuchen zu gefallen / Plastikst&#252;hle und falsche Shakes / Damit alles zugrunde geht / Vergiften deine Kinder mit ihren L&#252;gen / Und versuchen deinen Verstand zu zerst&#246;ren.“ MDC: Corporate Deathburger, auf: Million of Dead Cops, a.a.O.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> „Mir ist egal, was du denkst / Mir ist egal, was du sagst / I hab’ dir Nichts zu geben / Warum gehst du nicht einfach weg? / Ich hab’ keine Werte / nichts zu sagen / Ich hab’ keine Werte / K&#246;nnte dich genauso gut wegblasen / … Versuch’ nicht vorzut&#228;uschen / und mir zu sagen, alles ist o.k. / Ich k&#246;nnte anfangen, alles zu zerst&#246;ren was ich sehe! / Keine Werte.“ Black Flag: No Values, auf: Jealous Again EP, SST 1980.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Jello Biafra; in: Punk: Attitude (DVD), 2011.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ross Haenfler: Rethinking Subcultural Resistance. Core Values of the Straight Edge Movement, in: Journal of Contemporary Ethnography 33: 4 (2004), S. 406-436, S. 409.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 11.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> American Hardcore (DVD)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Revolution Summer bezeichnet den Versuch von HC-Bands aus Washington D.C., aus den typischen hardcore-Mustern auszubrechen und neue politische und musikalische Wege – melodischer, abwechslungsreicher etc. – einzuschlagen. Wichtige Bands daf&#252;r waren v.a. jene des Dischord Labels: Rites of Spring, Embrace, Dag Nasty und Gray Matter.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ray Cappo: A Time We’ll Remember (CD)<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ross Haenfler: Manhood in Contradiction. The Two Faces of Straight Edge, in: Men and Masculinities 7 (2004), S. 77-99, S. 88.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zit. n. Beth Lahickey: All Ages. Reflections on Straight Edge, Huntington Beach 1997, S. 107f.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> „Hey wir sind die kids / Wir sind da, um die Stimme zu erheben / Wir wir sind das verfickte Verstecken leid, wir werden es nicht mehr tun / Komm’ raus aus (comeing out of the closet ist eine Redewendung f&#252;r outing) auf die Tanzfl&#228;che / Boy an Boy Kontakt, du wei&#223;t, das ist der Schei&#223;.“ Limp Wrist: Limp Wrist, auf: The Official Discography.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Nick Riotfag: My Edge Is Anything But Straight: Towards a Radical Queer Critique of Intoxication Culture, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution, a.a.O., S. 203<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> „Nenn mich einen Arsch-liebenden Arschficker / Ist mir egal, weil es ist das straighte in Straight Edge / das mich dazu bringt, Bier trinken zu wollen“<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd., S. 204.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 207.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> „Das ist die neue Revolution / Wir bauen eine brandneue Gesellschaft / Es ist an der Zeit, dass wir eine L&#246;sung finden / und sie nicht verpassen / Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammenarbeiten / Dieses kleine Ding, das wir Gemeinschaft nennen / hat die Kraft, alles besser zu machen / Und deswegen/ Sind wir auf der Stra&#223;e / Retten die Szene / vor den Kr&#228;ften des B&#246;sen / Unsere Tr&#228;ume Seite an Seite lebend / Alle positiven Menschen.“ Good Clean Fun: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, auf: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, Phyte Records, 2000.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Kurz erw&#228;hnen sollte man vielleicht, dass in den letzten Jahren auch eine rechtsradikale Str&#246;mung, v.a. in Deutschland entstand. Der tats&#228;chliche Einfluss dieser Bands ist allerdings umstritten.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> „Manchmal balle ich mein F&#228;uste / Weil der Kampf gef&#252;hrt wurde / Aber die Schlacht wurde geschlagen / Wenn ich in die Vergangenheit schau / Habe ich einen Traum / Ein neuer Oktober 1917.” ManLiftingBanner: New October, auf: Ten Inches that shook the world, Crucial Response 1992.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Diese Gewerkschaft/Einheit, die uns machtlos machte, redet &#252;ber unsere K&#246;pfe hinweg / Reichtum beanspruchend billigste Arbeit auf unsere hohen Kosten, unsere Leben versteigert / Gefangen vom t&#246;dlichen Rhythmus des Flie&#223;bands / Wir leben unser Leben als ob wir dankbar sind / Wozu wir gezwungen werden.“ Refused: Deadly Rhythm, auf: Songs to fan the flames of discontent, Victory 1994.<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Frederico Freitas, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution, a.a.O., S. 89.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Selbst Lenin war, entgegen gel&#228;ufiger Behauptungen, nicht vollkommen Straight Edge. Vgl. Carter Elwood: What Lenin Ate, in: Revolutionary Russia 20:2 (2007), S. 137-149.<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Vgl. die Dokumentation von Sorrondeguy, Martin : Beyond The Screams. A US Latino Hardcore Punk Documentary, unter: http://video.google.com/videoplay?docid=5497590837696631389#<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> ManLiftingBanner: Commitment, Ten Inches…, a.a.O.</p>
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		<title>„Eine Haltung suchen, die anders sein will“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Daniel Fuchs und Benjamin Opratko sprachen mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronen &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.

Die Zeit hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den <em>Goldenen Zitronen</em> &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.<br />
<span id="more-1527"></span></p>
<p>Die Zeit <em>hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ eigentlich aus?</em></p>
<p>Ted Gaier: Glaubst du etwa der Zeit?! </p>
<p><em>Nicht unbedingt – aber das Attribut „links“ ist ja eines, das ihr auch f&#252;r euch selber benutzt, oder nicht?</em></p>
<p>Schorsch Kamerun: Das kann schon sein, aber das klingt dann auch schon wieder wie so ein Labelling – immer diese Beschreibungen, um etwas irgendwie festhalten zu m&#252;ssen&#8230; Lass uns doch besser dar&#252;ber reden, was ihr meint, was „links“ bedeuten k&#246;nnte, vielleicht findet man dann ja einen Weg. Aber das blo&#223; zu best&#228;tigen oder abzulehnen finde ich einen Vorgang, der so gar nicht n&#246;tig ist.</p>
<p>TG: Das lustige ist ja, dass der Autor dieses „Zeit“-Artikels mir dazu eine Mail geschrieben hat, auf die ich geantwortet habe, dass ich locker ohne die Begriffe „Punk“ und „Links“ auskomme&#8230;</p>
<p>SK: Ich &#252;brigens auch.</p>
<p>TG: &#8230;aber diese Antwort kam im Artikel dann gar nicht vor, weil der Journalist halt seine These verbreiten wollte. Das ist mir mit <em>Robespierre</em>, einer anderen Band in der ich spiele, auch schon so gegangen. Ich meine: Klar sind wir eine linke Band, aber das nur auf dieser Ebene zu verhandeln, f&#252;hlt sich irgendwie etwas fade an. </p>
<p>SK: Die Beschreibung „links“ mag ja stimmen, aber man wird des Attributs dann doch etwas m&#252;de. Man muss das doch sofort &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>TG: Die Frage, die sich da anschlie&#223;t, ist ja: Was ist denn eine linke Band?</p>
<p><em>Das ist es ja, was wir ansprechen wollten. Vielleicht k&#246;nnen wir das anders formulieren. Am N&#228;hesten l&#228;ge es, das anhand der Texte zu verhandeln – gerade bei euch, die ihr euch in euren Texten auch stets mit aktuellen Verh&#228;ltnissen auseinandersetzt. Dann dr&#228;ngt sich aber die Frage auf, wie es mit dem Verh&#228;ltnis von Text und Musik aussieht. Es gibt in der j&#252;ngst erschienenen Dokumentation von Peter Ott<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber euch eine Stelle, an der ein ehemaliges Bandmitglied sagt, dass er manchmal das Gef&#252;hl hatte, dass </em>Die Goldenen Zitronen<em> nur noch etwas Musik rund um die Texte bauen wollen. Das ist ja ein Problem: Einerseits will man aus einer kritischen Perspektive Leute mit seinen Texten erreichen, andererseits will man auch in der Form eine gewisse Radikalit&#228;t entwickeln.</em></p>
<p>TG: Das ist genau das Paradoxe daran. Einerseits machen wir so was wie Chansons oder Songwriting, wo die Texte total wichtig sind, und dann sind wir so etwas wie ein improvisierendes Kollektiv, wie eine Band, die auch ohne Texte ausk&#228;me. Das ist unser Anspruch und Antrieb. Bei unseren letzten beiden Platten, <em>Lenin </em>und <em>Die Entstehung der Nacht</em>, hatten wir die Songs erstmal ohne Text komplett fertig, und haben dann angefangen, Texte dazu zu schreiben. Die Musik ist also v&#246;llig ohne Einfluss davon, was sie textlich abbilden soll, entstanden – was etwa bei der <em>Das bisschen Totschlag</em>-Platte noch ganz im Vordergrund stand. Das ist also ein Paradox, das wir auch nicht wirklich geregelt kriegen. Und nat&#252;rlich springt man gerade im deutschsprachigen Raum immer gleich auf die Texte an. Die sind dann die Hauptwahrnehmung, und die Musik f&#228;llt gerne mal ein bisschen unter den Tisch. Und nat&#252;rlich ist das eine Einheit, wobei es Bands gibt, bei denen Texte nicht so wichtig waren – wie zum Beispiel <em>Can</em>, oder <em>Faust</em>. Bei uns ist das aber so komisch, wir wollen immer zwei Sachen gleichzeitig. Wir behaupten, dass die Musik ein Eigenleben hat. F&#252;r <em>Das bisschen Totschlag </em>gilt: Wir hatten eine klare Vorstellung davon, was gesagt werden muss, und wir wollten, dass sich das auch in der Musik abbildet: in der wilden Orgel, in der wilden Gitarre, in den wilden Beats, damit das wie so ein Klumpen wird. Und heute versuchen wir das eher auseinanderzunehmen und manchmal auch vielschichtigere Rhythmen zusammenzubringen.</p>
<p>SK: Ich glaube, dass wir uns bei all diesen Sachen, wenn wir uns selbst &#252;berpr&#252;fen, &#252;ber eine Haltung definieren. Das machen wir nat&#252;rlich &#252;ber die Texte, das kann man ja auch ablesen, und in der Musik funktioniert das eher in einer dehnbareren Form, da kann man mehr auslegen. Aber auch wenn wir musizieren, versuchen wir explizit nach einer Haltung zu suchen, die „anders“ sein will, und das gelingt uns vielleicht auch. Wenn man singt, macht es ja auch etwas aus, <em>wie </em>man etwas singt, um noch etwas reinzulegen. Oder wie wir auf die B&#252;hne gehen, wie wir uns da hinstellen, dass das Rotationsprinzip auf der B&#252;hne stattfindet, das ist immer eine Art der Haltungs&#252;berpr&#252;fung, bei allem was wir so tun. </p>
<p><em>Wie geht ihr denn damit um, dass ihr auch Teil von Popkultur seid, wie reflektiert ihr das?</em></p>
<p>SK: Popkultur ist ja auch so ein wahnsinnig dehnbarer Begriff – alles will ja irgendwie Popkultur sein&#8230;</p>
<p><em>Aber es gibt doch gewisse popkulturelle Konzepte wie Leads&#228;nger, Popstar&#8230;</em></p>
<p>SK: Und genau die versuchen wir ja st&#228;ndig zu thematisieren. Zum Beispiel bei Fotos, wo sonst immer der S&#228;nger nach vorne soll, wie das eben so ist. Man sieht bei den Fotos, die es von uns gibt, dass da auch noch andere Leute mit drauf sind, mal in der &#214;ffentlichkeit fotografiert wurde oder man einfach Bekannte mit dazu nimmt, damit man den Kreis da immer erweitert und nicht so genau sagen kann: Das sind die Positionen in dieser Gruppe. Nun verwenden wir ja zum Teil auch Kost&#252;me, oder wie man das nennen soll. Bei der letzten Platte waren das die Lederjacken mit diesen &#252;berzogenen Slogans drauf, diesmal ist es wieder was anderes – das ist dann auch wieder Teil unserer Sprache: dass die Gruppe ein Gesamtbild abgibt. Da ist es nicht so, dass ein Typ im Vordergrund steht, sondern du musst das Ganze sehen. Das haben wir auch schon bei den Fotos davor gemacht, wo wir als Superhelden in verschiedensten Richtungen aufgetreten sind. Das kann dann ein Bauherr sein, oder ein Proll, oder Napoleon und so weiter. Da kann man also schon dr&#252;ber nachdenken, wie man da was aushebelt.</p>
<p><em>Es gibt ja auch Diskussionen innerhalb der Band dar&#252;ber, wie die Zusammenarbeit geregelt wird.</em></p>
<p>SK: Muss ja!</p>
<p><em>Stellt sich da auch die Frage, wie eine Band selbst demokratisch strukturiert sein kann?</em></p>
<p>SK: Genau, wobei wir die Sachen, &#252;ber die wir gerade sprechen, schon vor langer Zeit angelegt haben, als wir angefangen haben, innerhalb von Popkultur die Dinge zu begreifen, was etwa das Labelling angeht oder bestimmte Beschreibungsformen. Ob das nun Abbildungen sind, Fotos, wie das auf der B&#252;hne wahrgenommen wird, wie wir als Gruppe musizieren, wer da noch mit reinkommen kann – das kann man schon aufweichen.</p>
<p><em>Seit Anfang der 1990er und </em>80.000.000 Hooligans<em> ist eure Musik, gerade textlich, immer auch so was wie eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. 2006, bei </em>Lenin<em>, waren die Themen, die herausgestochen sind, Prekarisierung, Verunsicherung und erzwungene Flexibilit&#228;t. Auf der neuen Platte schreibt sich das weiter – bei Songs wie </em>Blo&#223; weil ich friere<em> zum Beispiel; andererseits ist auf der Platte aber auch die Krise als gro&#223;er Bruch erkennbar. Was hat sich denn eurer Ansicht nach in den Jahren, die zwischen diesen beiden Platten vergangen sind, tats&#228;chlich ver&#228;ndert?</em></p>
<p>TG: Das erste Problem ist ja schon mal, dar&#252;ber zu reden. Da geht’s einem nicht anders als dem Rest der Linken. Es scheint ja &#252;berhaupt nicht m&#246;glich, zu fassen, was das eigentlich soll, und diese Ratlosigkeit ist ja auch allumfassend. Deshalb versucht der Text da auch nicht schlauer zu sein als er ist. Es ist nat&#252;rlich einfacher, nach Rostock-Lichtenhagen1 eine Position zu haben und zu sagen „Hey ihr Arschgeigen, das habt ihr gemacht und so ist das gelaufen!“ Diese Art der Berichterstattung war damals letztendlich einfach, weil man ja nur die Zeitungsnachrichten und die eigenen Erfahrungen zusammensammeln musste und dann konnte man gleich eine Anklageschrift formulieren. Jetzt merken wir alle ja, dass wir total drau&#223;en sind. W&#252;rde diese Krise, so wie sie gelaufen ist, in den 1970er Jahren stattgefunden haben, dann w&#228;ren die Eliten an den Universit&#228;ten irgendwelche Leute, die vom Marxismus eine Ahnung haben, und der Sozialismus w&#228;re sowieso gerade eine Option gewesen. Dann h&#228;tte das eine ganz andere Sprengkraft und es w&#252;rde ein ganz anderes in-die-Situation-Treten geben, weil es genug Leute g&#228;be, die sagen w&#252;rden „Nein, jetzt machen wir es aber ganz anders!“. Die Akzeptanz daf&#252;r, dass nicht diejenigen, die den Karren in den Dreck gefahren haben, ihn wieder rausholen m&#252;ssen, w&#228;re geringer. Und ich wei&#223; nicht, wie’s euch geht, aber mir kommt es so vor, dass wir gar nicht wirklich viel &#252;ber diese Krise wissen, und dass – was wei&#223; ich – Angela Merkel auch nicht mehr dar&#252;ber wei&#223;. Das ist nat&#252;rlich eine absurde Situation. Da fiel mir jedenfalls auf, dass wir im Kampf in der Kultur schon viel erreicht haben, in den Styles, in den Codes, in der Theorie, im emanzipatorischen Diskurs – aber aus dem &#246;konomischen Diskurs ist man komplett drau&#223;en. Jemand wie Robert Kurz<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> hat’s zwar schon seit 15 Jahren gesagt, aber der kann jetzt auch nur sagen: „Ich hab’s euch ja gesagt!“</p>
<p><em>Wie schl&#228;gt sich das dann in der Alltagserfahrung nieder? W&#252;rdet ihr sagen, dass sich diese Prekarisierungstendenzen, die ihr auf dem Album </em>Lenin<em> beschreibt, und das Thema Verunsicherung/Sicherheit, mit der Krise weiter verst&#228;rkt haben?</em></p>
<p>SK: Also die Verunsicherung, die war ja insgesamt gesellschaftlich da. Ich meine, was da ins Wanken geraten ist, das findet ja nicht in pers&#246;nlichen Bereichen statt – das hat es sowieso schon davor gegeben, au&#223;er dass vielleicht der ein oder andere jetzt Angst hat, dass das, was er auf seinem Konto hatte, jetzt irgendwie verschwindet. Aber ansonsten – ich meine, das System fand man ja m&#246;glicherweise auch vorher schon faul. </p>
<p>TG: Zumindest was die tagespolitische Debatte in Deutschland angeht, war meiner Meinung nach realpolitisch die Verunsicherung viel gr&#246;&#223;er als die <em>Hartz IV-Gesetze </em>eingef&#252;hrt wurden. Da haben Leute wirklich gemerkt, dass das jetzt ein Einschnitt ist, der etwas radikal ver&#228;ndert, der nach unten etwas aufmacht. Die Verunsicherung und der Unmut waren da viel sp&#252;rbarer als jetzt, wo das ja auch durch die Politik der Regierung abgefedert wird.</p>
<p>SK: Man merkt ja, dass es einfach nur um Versprechen geht. Es reicht eigentlich aus, das Versprechen, die Blase, die da geplatzt ist, durch eine neue zu ersetzen, die dann wieder Hoffnung gibt. Wenn die Regierung sagt, „Okay, wir fangen euch dann auf“, ist das auch erst mal nur eine Behauptung, und die kann sofort au&#223;er Kraft gesetzt werden, wenn es nicht alle „glauben“. Das ist ja auch ein bisschen das Problem von jemandem wie Obama. Bei dem sp&#252;rt man ja, dass es in den meisten F&#228;llen gar nicht unbedingt darum geht, was er faktisch verbessern kann, sondern erstmal um die Frage: „Glauben wir dem denn?“. Also immer nur um Versprechen, immer nur um etwas Imagin&#228;res. Und das hat man ja auch ganz deutlich bei der &#246;konomischen Krise gesp&#252;rt. Die trifft nat&#252;rlich trotzdem real die Leute, aber auch wenn es jetzt wieder „in Ordnung ger&#228;t“, hat man das Gef&#252;hl, dass die &#196;ngste eigentlich nur ein St&#252;ck h&#246;her geschraubt, noch mal erweitert werden. Du kannst entweder glauben oder nicht glauben, und das ist alles, weil der Rest geht einfach so weiter. </p>
<p><em>Eine Reaktion auf diese &#196;ngste, die ihr in dem Song Aber der Silbermond beschreibt, ist so ein neo-biedermeierlicher R&#252;ckzug ins Private. Da geht es um ein Lied der Band Silbermond, in dem sich die S&#228;ngerin „nur ein kleines bisschen Sicherheit“ w&#252;nscht. Beobachtet ihr, dass als Reaktion auf Verunsicherung und Prekarisierung so eine Sehnsucht nach Heimeligkeit festzustellen ist?</em></p>
<p>SK: Ja, und ich w&#252;rde schon sagen, dass das nat&#252;rlich ein verst&#228;ndlicher Reflex ist, wenn man meint, kaum eine M&#246;glichkeit zu haben, sich irgendwie zu verorten. Aber wahrscheinlich auch der falsche, weil man damit ja auch ein Instrument abgibt. Ich glaube, Cocooning kann es irgendwie nicht sein. </p>
<p>TG: Obwohl dieser Trend  nicht unmittelbar mit der Krise zusammenh&#228;ngt&#8230;</p>
<p>SK: Man kennt das aus der Soziologie schon ganz lange: der „flexible Mensch“, &#252;ber den Richard Sennett zum Beispiel ohne Ende geschrieben hat. Oder eben das Subjektivierungs-Thema, das ist ja jetzt nichts ganz Unbekanntes. Das wirkt eben auf Leute und es ist v&#246;llig verst&#228;ndlich, finde ich. Aber es darf meiner Ansicht nach nicht dazu kommen, dass man als einzige M&#246;glichkeit so eine Art Aussteigertum sieht, in dem es wirklich nur darum geht, zuzumachen.<br />
Man kann das jetzt ganz gut an dem <em>Silbermond</em>-Text festmachen, finde ich, oder an dem Video zu deren Song. Da geht es um Protest, wenn du so willst: Es beschwert sich jemand, macht das in diesem Video aber in einem Raum, in dem es um eine Demonstration geht, und sagt eigentlich „Ich will diese Demonstration nicht, weil die bringt es jetzt irgendwie auch nicht. Lasst es lieber bleiben!“. Und das ist schon ein Paradox, ein Widerspruch in sich, wenn man so will. Das ist denen, die das Video gemacht haben, aber nicht klar gewesen, glaube ich.</p>
<p>TG: Wobei, dass das da explizit einander gegen&#252;ber gestellt wird, ist schon fast wieder politisch. Das ist schon fast eine Form von Bewusstsein.</p>
<p>SK: Aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass man da etwas missverstanden hat, dass man diesen Song gemacht hat und sich dann &#252;berlegt hat, was denn zu diesem Lied passt. Und dann machen sie einfach so ein Video.</p>
<p><em>Ist dieses Thema der Sicherheit und der Sehnsucht nach Sicherheit auch etwas, was dich, Schorsch, bei deinem Projekt f&#252;r die </em>Wiener Festwochen<em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> besch&#228;ftigt hat?</em></p>
<p>SK: Klar, das war ein Teil davon. Aber es ging da ja um sehr viel, etwa um die ganze &#220;berwachungsthematik. Ich habe ja auch ein paar lustige Sachen herausgefunden, wie die Z-Schl&#252;ssel-Geschichte, die unheimlich komisch ist. Man hat mir jetzt auch einen geschickt [lacht]  – ich bin jetzt im Besitz eines Z-Schl&#252;ssels! Ich habe zur Vorbereitung zwei Mal eine Konferenz besucht, das eine Mal in M&#252;nchen, da waren dann eher die Spezialisten, die sich im Feinsten auskennen, und dann war ich hier, in Simmering, wo sich die Polizei hingestellt und erkl&#228;rt hat, was man alles machen muss, um sich zu sch&#252;tzen, welche Schl&#246;sser es gibt und welche Olive so ein Schloss haben muss, mit all den Fachbegriffen. Die Leute dort waren begeistert. Und dann kriegst du irgendwie mit, dass man mit einem Z-Schl&#252;ssel in jedes zweite Haus in Wien reinkommt. Das war schon k&#246;stlich. Und die Polizisten da waren nicht schei&#223;e, sondern haben zum Beispiel gesagt, „Ok Leute, bitte keine Knarre zu Hause, weil das kann nur schief laufen“. Die haben also nicht die B&#252;rger aufgestachelt, sondern eher de-eskaliert, weil da waren Typen, die wollten nur dar&#252;ber reden, welche Waffen sie sich zulegen sollten und was f&#252;r eine sie schon zu Hause haben. Zum Schluss kam noch ein Bulle, ging zu so einem hin und meinte, „Sagen Sie mal, ich m&#246;chte Sie doch noch fragen, haben Sie denn &#252;berhaupt einen Waffenschein?“. [Lacht] </p>
<p><em>Eine Abschlussfrage noch, weil uns das als Theoriemagazin auch irgendwie nahe liegt: Welche Rolle spielt politische Theorie in eurer Arbeit, vor allem in eurer Textproduktion? </em></p>
<p>SK: Zun&#228;chst mal &#252;ber Selbstbildung und Interesse, w&#252;rde ich sagen. Das ist ganz unterschiedlich.</p>
<p><em>Was lesen denn die </em>Goldenen Zitronen<em> gerade? Was liegt am Nachttisch?</em></p>
<p>SK: Also ich habe jetzt gerade zwei Werke zur Bayrischen R&#228;terepublik gelesen, weil ich damit zu tun hatte. Also wirklich toll fand ich <em>Wir sind Gefangene</em> von Oskar Maria Graf<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das hat mich unheimlich ger&#252;hrt. Und dann noch <em>Eine Jugend in Deutschland</em> von Ernst Toller<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf eine ganz andere Weise, weil mit einer anderen Ernsthaftigkeit geschrieben. Die beiden Wege dieser zwei Leute fand ich interessant. Der eine, Toller, ist politisch wesentlich dezidierter, im Krieg Pazifist geworden, und hat dann als Revolution&#228;r irgendwann eingesehen: Okay, man h&#228;tte vielleicht doch Opfer bringen m&#252;ssen, weil du kannst die Revolution sonst nicht durchsetzen. Das ist schon krass, und Toller ist ja daran auch f&#252;r sich gescheitert und hat sich irgendwann umgebracht. Und dann jemand wie Oskar Maria Graf, der aus einem sehr autorit&#228;ren Umfeld kommt und irgendwann, wie er schreibt: „als das Blut brach“, meinte „ich habe es nicht mehr ausgehalten“, und sich anarchistisch politisiert hat. Das fand ich schon  sehr aufregend: Der eine, der &#252;ber eine fast moralische Ernsthaftigkeit an die Dinge herangeht, und der andere, der einfach nur meint „Hey, was ist los?“ und „Ich bin dabei, wenn was losgeht!“. Da sieht man, wie verschieden solche Dinge laufen k&#246;nnen. Gerade in der R&#228;terepublik war das Spannende, welche Rolle unterschiedliche Lebensmodelle in der Gesellschaft spielen k&#246;nnen. Jeden Abend stand da jemand in einem gro&#223;en Bierkeller und hat ein anderes Lebensmodell behauptet, und jedes war irgendwie eine Richtung, die man h&#228;tte wirklich einschlagen k&#246;nnen – was ja heute sozusagen undenkbar ist. Heute greift man so im Kleinen herum und kann das trotzdem kaum fassen, man kann kaum Hebel ansetzen. Und man muss ja auch zugeben, wie das mit Psychologie zusammenh&#228;ngt: mit einem Werdegang, mit einer Herkunft, mit einer Pr&#228;gung und so weiter, und eben mit dem Sozialisieren von Werdeg&#228;ngen. Oder auch wirklich oft mit etwas sehr Subjektivem, also mit welcher St&#228;rke gehe ich da ran, was kann ich da leisten und welche &#196;ngste dr&#252;cken sich da aus. Das darf man einfach nie ausblenden, glaube ich.</p>
<p>TG: Das Interessanteste an Toller ist, dass er es irgendwie gewusst hat… Seine Einsch&#228;tzung war ja richtig, dass man das nicht wuppen6 konnte, diese R&#228;terepublik. Aber es war eben so, dass die Arbeiter in M&#252;nchen und Augsburg gerade gesagt haben „Wir machen jetzt aber Revolution!“. Und Toller hat dann gesagt „Ja, okay. Das ist das erste Mal, dass die Arbeiter aufstehen – dann machen wir das. Auch wenn wir eine Niederlage einstecken, wir m&#252;ssen den historischen Moment nutzen“. Das hat mich immer total fasziniert.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> &#220;briggebliebene Ausgereifte Haltungen, Dokumentarfilm von Peter Ott, erschienen auf der Doppel-DVD <em>Die Goldenen Zitronen</em> Material (Buback/Indigo 2008).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Robert Kurz ist Journalist, Autor des <em>Schwarzbuch Kapitalismus</em> und Mitbegr&#252;nder von <em>Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft.</em><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Im Rahmen der <em>Wiener Festwochen</em> 2009 realisierte Schorsch Kamerun <em>Bei aller Vorsicht!</em>, einen als Performance inszenierten „Sicherheitsrundgang“ durch den zweiten Wiener Gemeindebezirk.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, M&#252;nchen 1981.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Reinbek 1978.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Wuppen: etwas Schweres im Handumdrehen erledigen.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Sex, Drugs and Klassenkampf</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:53:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.<br />
<span id="more-107"></span></p>
<p><em>Brothers and Sisters<br />
I wanna see a sea of hands out there…<br />
I want everybody to kick up some noise<br />
I wanna hear some revolution out there, brothers and sisters<br />
I wanna hear a little revolution<br />
Brothers and Sisters, the time has come<br />
For each and everyone of you to decide<br />
Whether you are gonna be the problem,<br />
Or whether you are gonna be the solution<br />
You must choose, brothers, you must choose<br />
It takes 5 seconds, 5 seconds of decision.<br />
5 seconds to realize that it’s time to move!<br />
It’s time to get down with it<br />
Brothers, it’s time to testify and I want to know,<br />
Are you ready to testify?<br />
I give you a testimonial…the MC 5</em></p>
<p>Mit diesen Worten er&#246;ffnete Brother J. C. Crawford am 30. Oktober 1968 das erste von zwei Konzerten der Detroiter Rock ‚n’ Roll Band MC 5, die sp&#228;ter als ihr legend&#228;res Album „Kick out the jams“ ver&#246;ffentlicht werden sollten. Die Gitarren setzten ein, die Band startete ihre energiegeladene Show und riss das Publikum mit. „,Kick out the jams’ ist ein Ruf zu den Waffen, ein Drahtseilakt am Rand des Chaos, die Entfesselung der ganzen Kraft und des Stolzes und der gef&#252;hlvollen Ausgelassenheit im Herzen des Rock ‘n’ Roll“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Zwischen Marihuanaschwaden, verschwitzten K&#246;rpern und verzerrten Gitarren, so ein Konzertbesucher, „lag Hoffnung in der Luft, die Hoffnung auf eine Revolution“<br />
MC 5 waren f&#252;nf Jugendliche aus den proletarischen Vorst&#228;dten Detroits, die als Garagenband gestartet waren. Der Name MC5 sollte wie eine Seriennummer klingen und dar&#252;ber hinaus einen Bezug zu ihrer Heimstadt, der Motor City Detroit, herstellen. Die Band war gepr&#228;gt von und Teil der Gegenkulturbewegung der Detroiter Jugend und den Hippies, rund um ihren Manager, den Poeten und Aktivisten John Sinclair. Der „Hohepriester der Detroiter Hippies“ gr&#252;ndete die Organisation Trans Love, als deren Sprachrohr MC 5 zahlreiche Jugendliche der Gegend anzog. Ziel war eine kulturelle Revolution, „a total assault on culture“, eine totale Attacke auf die Kultur. Alte Traditionen, Moralvorstellungen, Kernfamilie und Autorit&#228;tsh&#246;rigkeit wurden angegriffen, der Wunsch nach Freiheit, pers&#246;nlicher Freiheit, freiem Sex, freien Drogen wurde hochgehalten – die meisten Texte der Band handeln mehr oder weniger offen von Sex und Drogen. Doch im Gegensatz zur Musik vieler Gegenkulturbewegungen war jene von MC 5 nicht lieblich und friedvoll. Ihre Musik war dreckig und wild und spiegelte die Wut der Detroiter Jugend &#252;ber die katastrophale Situation in Detroits Stra&#223;en und Vorst&#228;dten und die starke Polizeirepression wider. Der Journalist Richard Goldstein schrieb: „Man konnte sich nicht vorstellen, dass sie vor 20.000 Hippies (love people) spielen – nicht mit soviel Feuer in ihrer Musik“.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> MC 5 verbanden die Kraft von rock ‘n’ roll mit der Politik der Konfrontation. Die Wurzeln von MC 5 lagen neben den politischen Einfl&#252;ssen der Gegenkulturbewegung und sp&#228;ter der Militanz der st&#228;rker werdenden Black Power Bewegung, vor allem in der Stadt Detroit selbst: der gro&#223;en Tradition der schwarzen Jazz- und Bluesszene, den gewaltt&#228;tigen Arbeitsk&#228;mpfen, Rassenunterdr&#252;ckung und Aufst&#228;nden.</p>
<h3>Detroit: Motor City</h3>
<p>In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete. In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die schwarzen Arbeiter hatten ein doppelt schweres Los, bei der die „normale“ Ausbeutung noch durch rassistische Diskriminierung verst&#228;rkt wurde. In Zeiten des Arbeitskr&#228;fte&#252;berangebots war es f&#252;r sie nahezu unm&#246;glich, einen Arbeitsplatz zu finden. W&#228;hrend des zweiten Weltkriegs wurden dann vermehrt schwarze Arbeiter als Hilfskr&#228;fte eingestellt und zum Teil gezielt gegen die wei&#223;e Belegschaft als Streikbrecher eingesetzt. Der sowohl in der st&#228;dtischen Poltik als auch in der Automobilindustrie institutionalisierte Rassismus sch&#252;rte den „Rassenkonflikt“ immer mehr. 1943 kam es zu den bis dahin gr&#246;&#223;ten „race riots“ der USA. Das fast ausschlie&#223;lich wei&#223;e Detroiter Police Department f&#252;hrte einen aufgehetzten wei&#223;en Mob durch die Stra&#223;en, t&#246;tete 43 Menschen und verletzte Hunderte.<br />
Die Detroiter Polizeieinheit war eine der repressivsten des ganzen Landes. In den 1930ern wurden zwei Sondereinheiten, das „Red Squad“ und das „Special Investigative Bureau“ gegr&#252;ndet, um „die Arbeit von Kommunisten und Bolschewiki“ zu &#252;berwachen. Bald entwickelten sich die beiden Einheiten zu einer &#220;berwachungsmaschinerie, die alle politischen Aktivit&#228;ten aufzeichnete. Unter dem Deckmantel, „Radikale“ zu beobachten, wurden Akten &#252;ber mehr als 1,5 Millionen EinwohnerInnen Detroits angelegt. Eine weitere Einheit hatte sich darauf spezialisiert, Unternehmen dazu zu bewegen, niemanden einzustellen, der/die in Verdacht stand, radikale Meinungen zu vertreten.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Der langj&#228;hrige Aktivist Ed Vaughn berichtet, dass „die Polizei wie eine Besatzungsarmee“ wirkte.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Menschen wurden geschlagen, sogar get&#246;tet. Bei einer Umfrage der Detroit Free Press gaben die schwarzen EinwohnerInnen Detroits die Polizeigewalt als ihr Hauptproblem im t&#228;glichen Leben an.<br />
Der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenklasse und armen DetroiterInnen, schwarz oder wei&#223;, war politisch und &#246;konomisch marginalisiert. Schwarze hatten mit einer bis zu 50 Prozent h&#246;heren Arbeitslosigkeit, und 70 Prozent niedrigeren L&#246;hnen<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, l&#228;ngeren Arbeitszeiten, und einer Beschleunigung der Flie&#223;bandarbeit, von schwarzen Arbeitern „niggermation“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> genannt, zu k&#228;mpfen. Von der offiziellen Gewerkschaft konnten sich die Schwarzen wenig Hilfe erhoffen. Die Initialen der UAW (Unified Auto Workers) standen laut schwarzen Aktivisten eigentlich f&#252;r „U ain’t white“.</p>
<h3>No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</h3>
<p>Trotz oder gerade wegen der schwierigen Umst&#228;nde hatte Detroit eine lebendige Jazz- und Untergrundszene. Mehr als in allen anderen St&#228;dten Amerikas waren Popkultur und politische Rebellion eng verwoben und dienten als Ausdruck des Protests gegen die widrige Situation. Auf die Aussage einer Detroiter Musikerin, jedeR, der/die in Detroit Musik macht, h&#228;tte schon einmal den Blues gespielt, antwortete der <em>Fifth Estate</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Journalist Pat Halley: „JedeR, der/die in Detroit lebt, hat schon einmal den Blues <em>gelebt</em>.“ Der Film „Finally got the news” von der und &#252;ber die „League of Revolutionary Black Workers“ beginnt mit einem „Urban blues song” und zeigt, wie in traditionellen Liedern die schwierigen Arbeitsverh&#228;ltnisse der DetroiterInnen wiedergegeben werden.</p>
<p><em>Please Mr. Foreman, slow down your assembly line<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’<br />
Workin’ twelve hours a day,<br />
Seven long days a week<br />
I lie down and try to rest, but, Lord knows, I’m too tired to<br />
sleep.<br />
(…)<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</em><br />
(Joe Carter, 1965, Flie&#223;bandarbeiter bei Ford)</p>
<p>Es war die Vermischung von politischem Protest und Musik, die auch MC 5 inspirierten. Sie waren stolz auf die Einfl&#252;sse der „w&#252;tenden schwarzen Soul- und Jazz-Musik“ in ihren Liedern. Diese traditionelle Musikszene zog auch den jungen K&#252;nstler John Sinclair in den fr&#252;hen 1960ern nach Detroit.</p>
<h3>John Sinclair und Trans Love Energies</h3>
<p>John Sinclair, als Sohn einer wei&#223;en Mittelklassefamilie in Flint, Michigan geboren, zog vor allem die Avantgarde-Jazzszene (John Coltrane) und Beatnik Poetry (Alan Ginsberg) nach Detroit, wo er auch in Kontakt mit Marihuana kam, das, wie Sinclair glaubte, seinen Verstand sch&#228;rfte und seine Kreativit&#228;t erweiterte. F&#252;r ihn stellte die schwarze community eine alternative Lebensweise, einen Gegenpol zur materialistischen und individualistischen Kultur Amerikas dar.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Beeindruckt von der kulturellen Szene Detroits gr&#252;ndeten er und seine sp&#228;tere Frau Leni Arndt mit FreundInnen und Mitstudierenden die K&#252;nstlergruppe „Artist’s Workshop“, die lokale DichterInnen, MusikerInnen und andere K&#252;nstlerInnen „in selbstbestimmter Weise“ zusammenbringen sollte. Der „Artist’s Workshop“ pflegte dabei eine Kultur der Abgrenzung und gewollten Isolation gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft. Sinclair erinnert sich: „Alles was wir taten, war Jazz. Wir sa&#223;en herum und rauchten <em>dope</em>… Du wolltest nicht zu viel raus gehen, weil, wei&#223;t du, die Menschen waren Spie&#223;er… Sie k&#246;nnten dich sehen (lacht). Du warst kein sch&#246;ner Anblick f&#252;r sie…“ Die Abneigung der &#228;u&#223;eren Welt f&#252;hrte dazu, dass die Gruppe nur Flugzettel an Menschen verteilte, die hip genug aussahen.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Trotz dieser elit&#228;ren Haltung begann der „Workshop“ schnell zu wachsen und zog die Aufmerksamkeit der Detroiter Polizei auf sich. Regelm&#228;&#223;ige Antidrogeneins&#228;tze und Unterwanderungen der Gruppe f&#252;hrten immer wieder zu Verhaftungen der Mitglieder wegen kleinerer Delikte.<br />
Sowohl die sich im ganzen Land verbreitende Antikriegsbewegung als auch die <em>flower power-</em>Bewegung brachte neuen Schwung und vor allem Optimismus in die bis dahin eher zynisch agierenden Gegenkulturgruppen. Sinclair selbst f&#252;hrte diesen neuen Optimismus auf die neue Droge LSD zur&#252;ck. „Als Beatniks begannen Acid zu nehmen, brachte es uns aus dem Keller (…), dem Rand der Gesellschaft.Weg von dem Zynismus und dem Gef&#252;hl sich f&#252;r immer von den Langweilern zu isolieren (…) waren wir pl&#246;tzlich von dem Gef&#252;hl der messianischen Liebe erf&#252;llt (&#8230;) wir erkannten, dass wir mit dem Rest der Menschheit verbunden waren.” Dieses neue Gef&#252;hl der Verbundheit veranlasste die Gruppe, neue politische Aktivit&#228;ten in Angriff zu nehmen. Durch den regen Austausch an Menschen und Ideen zwischen &#252;berall im Land neu entstehenden Gegenkulturgruppen kamen wichtige neue Impulse in die Detroiter Szene um John Sinclair. Im Zentrum stand die Arbeit in der Detroiter <em>community </em>und der Versuch, die zersplitterten MusikerInnen- und K&#252;nstlerInnenkollektive, lokale Jugendgruppen und Jugendzentren unter einer Organisation zu vereinigen – der „Trans Love Energies“ (TLE). Ziel war, neben der Organisation von k&#252;nstlerischen Events, der Aufbau einer alternativen, vom Mainstream abgekoppelten Wirtschaft. Alternative Organisationen und Mikro-Unternehmen entwickelten sich, die freie Unterkunft, Informationen &#252;ber Arbeitsm&#246;glichkeiten, Konzerte, Transport in und um Detroit erm&#246;glichen sollten. Auch wenn der Plan nur zum Teil aufging, war das Kernst&#252;ck, die „Trans Love Energies, Unlimited“ relativ erfolgreich. Als Sprachrohr f&#252;r die Politik der TLE dienten, neben der eigenen Zeitschrift „The Sun“, vor allem die lokale Musikgruppe MC 5. Von John Sinclair als Manager in die Gruppe geholt, wurde MC 5 zur Hausband der TLE und die Verbindung zwischen den beiden f&#252;hrte dazu, dass sich massenhaft Jugendliche der Organisation anschlossen.</p>
<h3>Love In und Beat down</h3>
<p>Eines der wichtigsten Events in den Aktivit&#228;ten der Trans Love Energies sollte ein <em>Love-In</em> im April 1967 werden, bei dem friedlich die neue Gegenkultur zelebriert und Liebe und Freiheit hochgehalten werden sollten. W&#228;hrend tags&#252;ber alles friedlich verlief, nutzte die Polizei die Provaktion und Pr&#252;geleien einer Motorradgang, um hart gegen die gesamte Veranstaltung vorzugehen. Sinclair war geschockt, dass die Polizei auf einen friedlichen kulturellen Protest mit Gewalt reagierte. R&#252;ckblickend schreibt er: „Wir hatten ein sehr simplifiziertes Bild von dem, was Revolution sein sollte (…) wir sagten uns, alles was wir tun m&#252;ssen, ist ‚tune in, turn on and drop out’, als ob das die Probleme der Menschen l&#246;sen w&#252;rde (…) und wir verstanden nicht, benebelt durch das ganze Acid, dass die Maschine alles daran setzte, die Dinge so zu lassen, wie sie waren. Zu dieser Zeit war schon eine gro&#223; angelegte Unterdr&#252;ckungskampagne im Gange.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Polizeirepression beim <em>Love-In</em> &#228;nderte und politisierte die Trans Love Energies Gruppe. Die Auftritte der MC 5 wurden immer h&#228;ufiger f&#252;r flammende Ansprachen gegen Polizeigewalt genutzt. Sinclair rief zum „total assault on culture“ auf. (Noch) weit davon entfernt, militant gegen die Polizei vorzugehen, zeigte sich der Protest haupts&#228;chlich in anti-autorit&#228;ren Symbolen und Verarschungen der Polizei. Sinclair meinte sp&#228;ter, dass die Repression der Polizei ihm zeigte, dass die Gegenkulturbewegung eine politische Bewegung sei und deshalb mit Repression rechnen m&#252;sste. Einen weiteren Radikalisierungsschub erhielt die Gruppe durch zwei Ereignisse: der <em>Great Rebellion</em> in Detroit und dem Protest gegen die „Democratic Convention“ in Chicago.</p>
<h3>Great Rebellion</h3>
<p>Im August 1967 schrieb das <em>Time Magazine</em> &#252;ber die Zust&#228;nde in Detroit: „Im gewaltt&#228;tigen Sommer 1967 wurde Detroit die B&#252;hne des blutigsten Aufstand des Jahrhunderts und des kostspieligsten in Bezug auf Besitzbesch&#228;digungen in der amerikanischen Geschichte. Am Ende der Woche waren 41 Menschen tot, 347 verletzt und 3.800 verhaftet. Rund 5000 Menschen waren heimatlos (…) Der gesch&#228;tzte Schaden liegt bei 500 Millionen Dollar.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Jahre vor der <em>Great Rebellion</em> waren Jahre der rassistischen Polizeigewalt, bei der immer wieder schwarze DetroiterInnen erschossen wurden. Die Sondereinheit <em>STRESS (Stopp robberies and enjoy safe streets)</em> war ber&#252;chtigt daf&#252;r, junge Schwarze niederzuschie&#223;en.<br />
Gleichzeitig wurden im Zuge eines „st&#228;dtischen Erneuerungsprogramms“ ganze Bezirke schwarzer und armer EinwohnerInnen niedergewalzt.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Schulen waren &#252;berf&#252;llt und der Lebensstandard niedrig. Nach dem gro&#223;en Aufstand in Watts, einem Gesch&#228;ftsviertel in Los Angeles, 1965 erlebten die amerikanischen Gro&#223;st&#228;dte allein 1966 dreizehn gro&#223;e Unruhen der schwarzen Bev&#246;lkerung. Die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung und die <em>Black Power</em> Bewegung hatten der schwarzen Bev&#246;lkerung mehr Selbstvertrauen zum Handeln gegeben. F&#252;nf Tage nach den Stra&#223;enschlachten in Newark, New Jersey, brach in Detroit die <em>Great Rebellion</em> aus. Im Gegensatz zu fr&#252;heren Aufst&#228;nden war diese nicht ausschlie&#223;lich durch „Rassenkonflikte“ gepr&#228;gt. „Es gab zwar Spannungen zwischen Wei&#223;en und Schwarzen, aber der Aufstand war nicht Schwarz gegen Wei&#223;. Es war ein Aufstand der Besitzenden gegen die Nichtbesitzenden.“ Wei&#223;e und Studierende schlossen sich dem mehrheitlich schwarzen Aufstand an und beteiligten sich am „shopping for free“. Besitz von Unternehmen „die schlecht zur Community waren, egal ob wei&#223;e oder schwarze“ wurden gepl&#252;ndert oder zerst&#246;rt.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Vor allem Organisationen der <em>Black Power</em> Bewegung wirkten im Aufstand als wichtige Kraft.<br />
MC 5 singen in ihrem Lied „Motor City Burning“ &#252;ber die gro&#223;e Rebellion:</p>
<p><em>Ya know, the Motor City is burning babe,<br />
There ain’t a thing in the world that they can do<br />
Ya know, the Motor City is burning people,<br />
There ain’t a thing that white society can do.</em></p>
<p><em>Ma home town burning down to the ground<br />
Worser than Vietnam<br />
…<br />
It started on 12th &amp; Clairmont that morning<br />
It made the pig cops all jump &amp; shout<br />
</em></p>
<p>Das Lied stammte eigentlich vom Detroiter Bluess&#228;nger und Gitarristen John Lee Hooker und wurde nur leicht abgewandelt. Die hinzugef&#252;gten Textzeilen zeigen, dass sich auch die<br />
wei&#223;e Jugend mit diesem Aufstand identifizierte und Teil der Rebellion sein wollte:</p>
<p><em>I like to strike a match for freedom myself,<br />
I may be a white boy, but I can be bad too<br />
Yes, it’s true now, it’s true now</em><br />
(MC 5 – Motor City Burning)</p>
<p>Die Reaktion der Polizei war gewaltig. Die Nationalgarde und das Milit&#228;r wurde gerufen, um den Aufstand niederzuschlagen. Der spontane Aufstand „verwandelte die f&#252;nftgr&#246;&#223;te Stadt des Landes in ein ‚theatre of war’. Ganze Stra&#223;en lagen gepl&#252;ndert, H&#228;userbl&#246;cke brannten. Die Truppen besetzten die amerikanischen Stra&#223;en. Panzer mit feuernden Maschinengewehren und Helikopter patrouillierten in der Stadt der verkohlten Schornsteine, die zwischen ausgebrannten Kellern hervorragten.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Nachdem die Aufst&#228;nde niedergeschlagen waren, r&#252;ckte die Polizei noch weiter nach rechts und die Repression wurde nochmal versch&#228;rft. Sinclair beschrieb die Situation: „Es gab nichts au&#223;er Polizei…Wenn du in der Nacht auf der Stra&#223;e warst, nahmen sie dich mit und sperrten dich ein (…) wenn du daheim bliebst, traten sie dir die T&#252;r ein und zerst&#246;rten alles. Es war eine Polizeistadt, Baby! Das konntest du f&#252;r keine Minute vergessen.“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die Band tourte und versuchte ihre Botschaft des „total assault on culture“ zu verbreiten. Sinclair rief die Jugendlichen dazu auf, pers&#246;nliche Freiheit gegen&#252;ber der herrschenden Kultur anzustreben und die Ansprachen von S&#228;nger Rob Tyner &#252;ber Polizeigewalt f&#252;hrten regelm&#228;&#223;ig zu Tumulten bei ihren Konzerten. Immer &#246;fter wurden Konzerte der MC5 durch die Polizei aufgel&#246;st, mit dem Argument, dass „obsz&#246;ne W&#246;rter“ verwendet wurden. MC 5 versuchte sich diesem „Gegenschlag des konservativen Establishments“ (Sinclair) zu widersetzen, indem es sich einfach weigerte, Konzerte abzubrechen. Sinclair schrieb in einem Artikel f&#252;r <em>Fifth Estate</em>: „Wir setzten unsere Magie gegen die Taktiken der (Bullen)schweine<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> ein und es hat funktioniert (…) Jeder Respekt, den die Menschen m&#246;glicherweise noch f&#252;r ‚law and order’ gehabt hatten, ist einfach verschwunden und ihre Tricks sind ans Tageslicht gebracht worden. Der ganze Mist war v&#246;llig unn&#246;tig (…) wir wollten nur unser Ding machen und dass die Menschen ihr Ding mit uns machen, aber die Polizei wollte nicht, dass das passiert ohne uns niederzutreten (…). Menschen werden aufmerksam gegen&#252;ber den L&#252;gen und Perversionen der alten Menschen, und sie stehen nicht l&#228;nger daf&#252;r. Wir stehen auf keinen Fall l&#228;nger daf&#252;r.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><br />
Die Ermordung Martin Luther Kings veranlasste die Polizei, aus Angst vor weiteren Aufst&#228;nden, eine Ausgangssperre ab acht Uhr abends zu verh&#228;ngen. Konzerte der MC 5 wurden immer schwieriger und die Trans Love Energies damit ihrer wichtigsten Einkommensquelle beraubt, auf die sich ihre Alternativ-&#214;konomie st&#252;tzte. Die schlechter werdenden Bedingungen veranlassten die Gruppe schlie&#223;lich, aus Detroit nach Ann Arbor umzusiedeln.</p>
<h3>Trans Love goes Militant</h3>
<p>Das zweite wichtige Ereignis war ein Konzert anl&#228;sslich des Protests gegen die <em>Democratic Convention</em> in Chicago. Die Proteste gegen den Parteitag der Demokratischen Partei sollten ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg werden, doch statt der erwarteten 100.000 Menschen kamen nur 10.000. Die Gr&#252;nde waren vielf&#228;ltig. Nach den massenhaften Protesten der Antikriegsbewegung hatte Pr&#228;sident Johnson erkl&#228;rt, dass er nicht zur Wiederwahl zu Verf&#252;gung st&#252;nde. Die Rhetorik des demokratischen Pr&#228;sidentschaftskandidaten McCarthy hatte dem liberalen Fl&#252;gel der Antikriegsbewegung wieder neue Hoffnungen in die Demokratische Partei gegeben und blieb deshalb Demonstrationen fern – viele meinten, der Krieg w&#228;re bald vorbei.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Gleichzeitig hatte Chicagos B&#252;rgermeister im Vorfeld klargestellt, dass er und seine Polizeikr&#228;fte mit Gewalt gegen jeden Protest vorgehen w&#252;rden und schon die Anreise vieler DemonstantInnen verhindert. Die Proteste wurden haupts&#228;chlich von Yippies und den radikalen Teilen des SDS<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> getragen. Trotz der geringen Zahl gingen die Polizeikr&#228;fte mit voller H&#228;rte vor. „Die Polizei griff mit Tr&#228;nengas an, mit MACE [chemischer Keule] und mit Kn&#252;ppeln (…), Reihen von zwanzig, drei&#223;ig Polizisten trieben einen Keil in die Menge, ihre Kn&#252;ppel sausten nieder, Demonstranten flohen (…) Sie jagten Leute in den Park, rannten sie nieder, schlugen sie zusammen (…)“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> In einem der Protestcamps sollte ein ganzt&#228;giges Konzert stattfinden. MC 5 war die einzige Band, die es wagte aufzutreten. Als die Polizei das Camp st&#252;rmte hagelte es Tr&#228;nengasgranaten, Kn&#252;ppel wurden geschwungen und die Protestierenden und MC 5 mussten fliehen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Die Aktionen der Polizei gingen letzlich nach hinten los. „Viele junge Menschen kamen als Pazifisten nach Chicago und verlie&#223;en es als Revolution&#228;re.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Sinclair zog mehrere Lehren aus den Chicagoer Ereignissen. Die Polizei reagiert auf politische Bewegungen, egal ob New Left, Gegenkultur, Yippies, friedliebend oder nicht, unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig heftig. Es brauche deshalb eine politische Organisation zur Selbstverteidigung. Trans Love hatte im Gegensatz zu anderen Organisationen die M&#246;glichkeit &#252;ber ihr Sprachrohr, MC5, tausende Jugendliche zu politisieren. Gro&#223;en Einfluss auf Sinclair hatten die zu dieser Zeit st&#228;rker werdende <em>Black Power</em> Bewegung und die <em>Black Panther Party</em>. Die Forderungen der <em>Black Panthers</em>, einer offen revolution&#228;r agierenden Gruppe mit diffusen sozialistischen Wurzeln, und besonders ihr Eintreten f&#252;r das Recht auf Selbstverteidigung stie&#223; bei der von Polizeirepression gezeichneten und vom Weg des gewaltlosen Widerstands desillusionierten Trans Love Community auf fruchtbaren Boden.<br />
Inspiriert von der Aussage des <em>Black Panthers</em> Huey P. Newton, wei&#223;e Radikale sollen sich in Solidarit&#228;t mit den <em>Panthers </em>und dem <em>„black struggle“</em> in eigenen revolution&#228;ren Kadern organisieren, gr&#252;ndete John Sinclair und sein Freund „Pun“ Plamondon, der im Gef&#228;ngnis mit Schriften der Panthers in Ber&#252;hrung gekommen war, im November 1968 die <em>White Panther Party</em> als politischen Fl&#252;gel der Trans Love Energies. Punkt eins des Parteiprogramms war die volle Unterst&#252;tzung des 10 Punkte Programms der <em>Black Panther Party</em>. Die weiteren Punkte zeugten noch st&#228;rker von den Ans&#228;tzen der Gegenkultur. „A total assault on culture, by any means necessary, including rock ‚n’ roll, dope, and fucking in the streets“, freies Essen, Kleidung, H&#228;user, Drogen, Musik, etc.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die Einfl&#252;sse der <em>Panthers </em>und der allgemeinen Militanz der Zeit spiegelten sich in den Ansprachen und Zeitungsartikel der <em>White Panther Party</em> wider. Plamondon rief dazu auf sich zu bewaffnen und Sinclair verglich die Jugendkultur mit einer Kolonie innerhalb der „pig power structure“ Amerikas und die Gegenkulturbewegung mit der anti-imperialistischen Bewegung in Vietnam. Plamondon schrieb 1970, es sei „notwendig, die Menschen dar&#252;ber zu informieren, dass wir uns in der Tat im Krieg befinden, und es ist ein revolution&#228;rer Krieg.“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a><br />
Obwohl die Rhetorik radikaler wurde, spielte sich der „total assault on culture“ haupts&#228;chlich in der musikalischen Welt und &#252;ber MC 5 ab. „Unser Programm hei&#223;t kulturelle Revolution durch einen totalen Angriff auf die Kultur. Das bedeutet, wir ben&#252;tzen jedes Werkzeug, jede verf&#252;gbare Energie und alle Medien, die wir in unsere H&#228;nde bekommen. Wir nehmen unser Programm mit, wohin wir auch gehen und nutzten alle notwenigen Mittel um die Menschen zu erreichen.“ MC 5 schloss einen Plattenvertrag mit Elektra, einem Major Label, ab. Sinclair und die Band erhofften sich, dadurch subversiv die kapitalistische Maschinerie f&#252;r die Verbreitung ihrer Botschaft nutzen zu k&#246;nnen. Die Band sollte getarnt als „einfache wirtschaftliche Kraft“ parasit&#228;r innerhalb der kapitalistischen Plattenindustrie wirken.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Sinclair bewirkte, dass seine <em>Liner Notes</em>, in denen er das Programm zusammenfasste, den verkauften Platten beilagen und auch sonst keine Zugest&#228;ndnisse gemacht wurden. Doch bald schlug die kapitalistische Maschinerie zur&#252;ck. Zuerst wurden kurz nach dem Erscheinen des Albums Sinclairs <em>Liner Note</em>s entfernt, dann eine zensierte Version von „Kick out the Jams“ ver&#246;ffentlicht. Viele Plattenh&#228;ndlerInnen weigerten sich, die Platte wegen Obsz&#246;nit&#228;t zu verkaufen, woraufhin<br />
die Band Fans dazu aufforderte, die T&#252;ren jener Plattenl&#228;den einzutreten – Elektra lie&#223; die Band daraufhin fallen. Wachsende Spannungen zwischen Sinclair und der Band &#252;ber den weiteren Weg, sowohl den musikalischen als auch den politischen, f&#252;hrten schlie&#223;lich zur Trennung. W&#228;hrend die Band mit zwei weiteren Major-Alben kommerziell scheiterte, wurde John Sinclair wegen Besitz von zwei Joints zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Verurteilung rief eine Solidarit&#228;tskampagne hervor, mit Konzerten im ganzen Land. John Lennon widmete diesem Vorfall sein Lied „John Sinclair“:</p>
<p><em>If he had been a soldier man<br />
Shooting gooks in Vietnam<br />
If he was CIA<br />
Selling dope and making hay<br />
He’d be free, they let him be<br />
Breathing air like you and me</em><br />
(John Lennon – John Sinclair)<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a></p>
<p>Die Verhaftung John Sinclairs f&#252;hrte, trotz Solidarit&#228;tskampagne, zum langsamen Verfall der <em>White Panthers</em>. Diskussionen innerhalb der <em>White Panther Party</em> &#252;ber eine weitere Radikalisierung brachen aus. Manche wollten es den Weathermen<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> nachmachen und setzten auf direkte Aktionen gegen die Staatsgewalt, w&#228;hrend andere gewaltlosen Widerstand forderten. Zu dieser Zeit war die Gruppe schon vom FBI auf die „Ten Most Wanted“ Liste gesetzt und im Zuge des COINTELPRO<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> unterwandert. Vorm Hintergrund der Anschl&#228;ge der Weathermen zog die neue Nixon-Administration eine versch&#228;rfte Linie durch, um so viele radikale Gruppen wie m&#246;glich zu beseitigen. Verhaftungen mehrerer Mitglieder, die im – nie best&#228;tigten – Verdacht standen, Bombenanschl&#228;ge durchgef&#252;hrt zu haben, und der nachlassende Einfluss auf die Detroiter Jugend mit dem Ausstieg der MC 5, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Zerfall der Gruppe.</p>
<h3>Counter-Culture und ArbeiterInnen</h3>
<p>Obwohl die Gegenkulturbewegung weite Kreise der Jugendlichen anzog, schaffte sie es weder, der Repression und dem Gegenschlag des Establishments, noch der letztendlichen kapitalistischen Integration und Vermarktung ihrer Gegenkultur etwas entgegen zu setzen. Dan Georgakas und Marvin Surkin beschreiben in ihrem Buch „Detroit: I do mind dying“ die Probleme der Gegenkulturbewegung so: „Die Untergrundpresse und Gegenkultur der 1960er versuchte die materialistische unbefriedigende Welt Amerikas durch eine friedliche und sch&#246;ne Revolution, ohne schmutzige Dinge wie Politik und Ideologien zu erreichen. Zuerst sollte die amerikanische Jugend gewonnen werden, dann kulturelle und soziale Institutionen umgewandelt werden. Die diesen Weg einschlugen wurden bald von kapitalistischen Realit&#228;ten erschlagen. Ihre Musik, ihre Haare, ihr gesundes Essen, Drogen, ihr Mystizismus und ihre bunte Kleidung wurden vermarktet.“<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a><br />
Die neuen linken Bewegungen waren zwar begeistert vom Geist und der Dynamik der Gegenkulturbewegung, die ausschweifende und selbstzerst&#246;rerische Natur, der exzessive Drogenkonsum und die Gewaltlosigkeit vieler Gegenkulturbewegungen schreckte aber politische AktivistInnen ab. Besonders, weil Drogen wie Heroin und Kokain in Ghettos zunehmend zum Problem wurden und zu Stra&#223;engewalt und schlussendlich zur L&#228;hmung der sozialen Bewegungen f&#252;hrten, wurde der positive Bezug auf Drogen kritisch betrachtet. Die Gegenkulturbewegung, die <em>flower power</em>-Bewegung im <em>summer of love</em> kratzte zwar an den konservativen Verh&#228;ltnissen, konnte aber in keinster Weise die amerikanischen Herrschenden herausfordern.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a><br />
Die Gruppe um John Sinclair ging, auch wegen der speziellen Situation in Detroit, weiter als viele anderen Gruppen der <em>counter-culture</em><a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a>. Durch ihre Erfahrungen mit Polizeigewalt waren sie &#252;berzeugt, dass es notwendig sei, der Repression von Staat und Polizei etwas entgegenzusetzen, wenn n&#246;tig auch mit Gewalt, und wussten, dass alle Bewegungen, Studierende, Hippies, ArbeiterInnen mit der selben Repression zu k&#228;mpfen hatten. Nach den Protesten gegen den demokratischen Parteitag meinte Sinclair: „Ich dachte, wir w&#228;ren eine Alternative zu den Streikketten, aber es machte wenig Unterschied f&#252;r die Obrigkeit. Die dachten, beide m&#252;ssten zerst&#246;rt werden – und das wurden wir.“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a><br />
Trotzdem gingen die Gruppe nie &#252;ber einen elit&#228;ren Ansatz hinaus. Die <em>White Panther Party</em> als „Avantgarde“ sollte die Jugend durch auffallende Symbole und Aktionen belehren und mit subversiven Taktiken von einer Gegenkultur &#252;berzeugen, die die bestehenden Strukturen herausfordern sollten – mit den Mitteln der Musik die Revolution anzetteln. Sowohl die Vergangenheit als elit&#228;re K&#252;nstlergruppe, als auch der Einfluss der <em>Black Panther Party</em><a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a> spiegelt sich hier wider. Wichtige Entwicklungen innerhalb Detroits und besonders das Entstehen von revolution&#228;ren Organistationen der Detrioter ArbeiterInnen, wie der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>, wurden deshalb nicht beachtet.</p>
<h3>Our thing is DRUM</h3>
<p>Die Urspr&#252;nge der <em>League of Revolutionary Black Workers</em> liegen im Mai 1968. Der Kern der Organisation war eine kleine Gruppe mit marxistischen und <em>black nationalist</em> Einfl&#252;ssen. Im Zuge eines der gr&#246;&#223;ten wilden Streiks von 3000 ArbeiterInnen in Chryslers gro&#223;em Dodgewerk gr&#252;ndete die Gruppe gemeinsam mit Dodgearbeitern das „Dodge Revolutionary Union Movement“ (DRUM), dem es gelang einen weiteren Streik durchzuf&#252;hren, an dem 70 Prozent der schwarzen ArbeiterInnen teilnahmen. Der Erfolg des DRUM f&#252;hrte zu weiteren Organisationen in Detroiter Fabriken und die <em>League </em>wurde als Dachverband gegr&#252;ndet. Durch ihre Basis in den Fabriken und die weite Zirkulation ihrer Zeitschrift <em>Inner City Voice</em> gewannen sie schnell Einfluss bei jungen schwarzen ArbeiterInnen, deren Probleme sie ansprach: korrupte UAW-B&#252;rokraten, Diskriminierung bei Jobvergaben und Ausschluss von Schwarzen von h&#246;heren Jobs, unsichere Arbeitsbedingungen, Verz&#246;gerungen bei der Auszahlung von Geh&#228;ltern etc. Die Politik der <em>League </em>war direkt auf die ArbeiterInnen gerichtet. Im Gegensatz zur Gegenkulturbewegung setzte sie nicht auf aufsehenerregende symbolische Aktionen, sondern war sich bewusst, dass es „f&#252;r die Weiterentwicklung und Erhaltung einer kulturellen Revolution notwendig (ist) die Revolution mit den t&#228;glichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen der Menschen zu verbinden.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> F&#252;r die <em>League </em>konnte eine erfolgreiche kulturelle Revolution nur von unten, im Kontext einer allgemeinen sozialen, &#246;konomischen und politischen Revolution kommen.<br />
Wie weit die Kluft zwischen Gegenkultur und den revolution&#228;ren ArbeiterInnen Detroits war, zeigt sich am Verh&#228;ltnis zwischen John Sinclair und der <em>League</em>. In seinem Buch <em>Guitar Army</em> vermeidet Sinclair jede Erw&#228;hnung der Aktivit&#228;ten und politischen Ansichten der <em>League </em>oder anderer ArbeiterInnenorganisationen wie der <em>Motor City League</em> und das, obwohl Sinclairs Anwalt selbst aus diesem Umfeld kam.<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Durch die Isolierung von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnenklasse in Detroit nahm sich die Gegenkulturbewegung nicht nur eine m&#246;gliche Verb&#252;ndete, sondern auch den Hebel, die „kaptitalistische Maschinerie und Kultur des Todes“ (Sinclair) zu zerschlagen.<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></p>
<h3>Das Erbe von MC 5</h3>
<p>Trotz des schlussendlichen Scheiterns der Gegenkulturbewegung und dem sp&#228;ter ausgebliebenen Erfolg von MC 5 bleibt das erste MC 5 Album „Kick out the jams“ eine Inspiration f&#252;r politische Bands und Musikbewegungen. MC 5 stellten einen Bruch nicht nur mit den Werten und Idealen des konservativen Amerikas der 1950er und 1960er, sondern auch mit friedvoller Hippiemusik, gewaltfreien Protesten und gem&#252;tlichem Dagegensein dar. Gitarrist Wayne Kramer meinte in einem Interview: „MC 5 sprach nicht nur &#252;ber Revolution. Wir glaubten daran.“ Es war dieser kulturelle Bruch auf den sich sp&#228;tere politische Bands st&#252;tzten. Die „Pioniere des Punks“ legten, noch vor den <em>Sex Pistols</em>, den Grundstein f&#252;r die sp&#228;tere <em>hardcore punk</em> Szene rund um Bands wie <em>Bad Brains</em> und <em>Black Flag</em>, waren ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung von <em>Iggy Pop</em> verantwortlich, und werden heute noch von politischen Bands wie <em>Rage against the Machine</em> gecovert. Schlie&#223;lich ist es auch heute noch an der Zeit <em>to kick out the jams, motherfucker!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Thomas, Davis: MC 5 &#8211; A true testimonial. http://www.furious.com/PERFECT/MC5/MC5film.html<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Goldstein, Richard: MC5 Kick out the jams. http://makemyday.free.fr/zentareport.htm<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Socialist Worker, 3.August 2007: Rebellion in Detroit. http://www.socialistworker.org/2007-2/639/639_10_Detroit.shtml<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers’ “Total Assault on Culture” http://makemyday.free.fr/whitepanthers.htm<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Solidarity: Detroit remembers the 1967 Rebellion. http://www.solidarity-us.org/node/824<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Harman, Chris: Eine Welt in Aufruhr, Frankfurt am Main, 2008<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Georgakas, Dan; Surkin, Marvin: Detroit: I do mind dying. A study in urban revolution, London,1998<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Wichtige politische und antiautorit&#228;re Zeitschrift in der viele Aktivisten dieser Zeit schrieben. Auch John Sinclair und die League of Revolutionary Black Workers ver&#246;ffentlichten Artikel in „Fifth Estate“<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> ebd.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Sinclair, John: Guitar Army. Rock and Revolution with MC5 and the White Panther Party<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Solidarity: Detroit remembers a.a.O.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Schweine „pigs“ war das Codewort f&#252;r die Polizei. So konnte &#252;ber sie geschimpft werden, ohne in Gefahr zu kommen, verhaftet zu werden<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Neale, Johnathan: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975, K&#246;ln, 2004.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Students for a Democratic Society<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Derogates, Jim: MC5 classic still has plenty of kick to it. http://www.jimdero.com/News2001/GreatAug4MC5.htm<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Sinclair, John: White Panther Statement. http://www.luminist.org/archives/wpp.htm<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> ebd.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Das Lied „Revolution“ von den Beatles in dem John Lennon sich gegen Gewalt in der Widerstandsbewegung ausspricht, soll eine Diskussion mit John Sinclair wiedergeben, ob nun die Gedanken (Lennon) oder die Institutionen befreit werden m&#252;ssen. John Sinclairs Antwort’ „Warum nicht beides?“<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Die Weatherman waren eine Absplatung von der „Students for a Democratic Society“ (SDS). Sie erkl&#228;rten, unzufrieden mit der Politik des SDS, dass jetzt die Zeit sei, um den Kriegszustand gegen die Regierung auszurufen und f&#252;hrten eine Serie an Bombenanschl&#228;gen auf Regierungsgeb&#228;ude durch.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Das Counter Intelligence Program war eine Reihe geheimer Projekte des FBI, um radikale Gruppierungen auszuforschen und zu unterwandern.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Andere Gegenkulturbewegungen, wie die Yippies und manche Beatnikzirkel, gingen ebenfalls radikalere Wege.<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Revolution 1968: politics and culture united. http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=14370<br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Die Politik der Black Panthers ist widerspr&#252;chlich. Einerseits war das Avantgarddenken sehr stark von maoistischer Auffasung von Revolution gepr&#228;gt, andererseits versuchten die Panthers immer wieder Anschluss an<br />
andere Kreise zu finden.<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> ebd.<br />
<a href="#anm_37" title="anm35" name="anm35">37</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.</p>
<h3>Buchtipp</h3>
<p>John Sinclair <em>Guitar Army. Rock &amp; Revolution with MC5 and the White Panther Party</em> Los Angeles 2007</p>
<p>Georgakas, Dan/ Surkin, Marvin <em>Detroit: I Do Mind Dying A Study in Urban Revolution</em> Cambridge 1998</p>
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		<title>Reggae: Roots of Resistance</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 05:42:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.<br />
<span id="more-90"></span><br />
Die Geschichte des Reggae ist stark mit der Geschichte Jamaikas verbunden, einer Geschichte von Sklaverei und Kolonialherrschaft, von Rassismus und Unterdr&#252;ckung, von wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit und Ausbeutung. Reggae ist das Produkt „der Erfahrungen von AfrikanerInnen in der Karibik… Der Geist und Inhalt des Jazz und Blues in Afro-amerika, und des Reggae in<span>  </span>Jamaika zeigen dieselbe Botschaft – eine Reaktion auf die Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung in der Neuen Welt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>„Do you remember the days of slavery“</h3>
<p>„I would rather die pon your gallows than live in slavery“ Sam Sharpe 1832</p>
<p>&#220;ber 15 Millionen AfrikanerInnen wurden w&#228;hrend der Sklaverei von Afrika in die „neue Welt“ verschleppt, w&#228;hrend zus&#228;tzlich noch mal dieselbe Zahl bei der SklavInnenjagd und der &#220;berfahrt gestorben sein d&#252;rften. Etwa eine Million SklavInnen wurden nach Jamaika deportiert, von denen am Ende der Sklaverei nur ca. 323.000 &#252;berlebt hatten. F&#252;r Europa legte der Handel mit SklavInnen als billigen Arbeitskr&#228;ften den Grundstock f&#252;r die Entwicklung des aufstrebenden Kapitalismus.<br />
Die Erinnerung an die Erfahrungen der Sklaverei brachten Bob Marley und die Wailers in dem Song „Catch a fire“ zum Ausdruck:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“Slave driver, the table is turning,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">catch a fire so you can get burn…<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Everytime I hear the crack of the whip<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">My blood runs cold,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">I remember on the slave ship<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">How they brutalised my very soul.<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">They say that we are free<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">The only thing that change is poverty”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">Um den Widerstand der Versklavten zu brechen, die Erinnerungen an das freie Leben in Afrika auszul&#246;schen, setzten die Plantagenbesitzer und die herrschende Klasse jedes Mittel ein. Gleich bei der &#220;berfahrt wurden die SklavInnen, die aus verschiedenen Teilen Afrikas kamen, so aufgeteilt, dass auf Grund von Sprachbarrieren schwer Kommunikation zustande kommen konnte und erschwerte somit einheitliche Aufst&#228;nde der SklavInnen. Afrikanische Riten wurden weitgehend verboten und das „drum-law“ verhinderte, dass sich jamaikanischen SklavInnen versammelten und trommelten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Doch die versklavten AfrikanerInnen fanden kreative Wege des Widerstands. Von Sabotageakten, „langsamen Arbeiten“ bis zum Vergiften des SklavInnenhalters durch den versklavten Koch reichten die Widerstandsformen. Durch das Nach&#228;ffen der wei&#223;en Herrscher konnte gemeinsam Frust und Aggression abgebaut werden. Sowohl Unzufriedenheit mit der derzeitigen Situation als auch Erfahrungen von Aufst&#228;nden flossen in Gesang, Tanz, Musik, Spottgedichten und Geschichten ein. Der kulturelle Widerstand, der sich in langsamer Art und Weise entwickelte, st&#228;rkte die Solidarit&#228;t untereinander und den Willen zur Rebellion &#8211; und explodierte in SklavInnenaufst&#228;nden. Es kam in der Zeit der Sklaverei zu mehr als vier hundert Aufst&#228;nden, und zu gr&#246;&#223;eren Zusammenst&#246;&#223;en 1729-31, 1760, 1831. Zwei der wichtigsten Widerstandsk&#228;mpfe, deren Erinnerung und Erfahrungen sich heute noch in Reggaetexten wiederfinden, waren die Aufst&#228;nde der Maroons und der Aufstand 1865 unter Paul Bogle.</p>
<p>Die Maroons waren eine Gruppe von SklavInnen, die von den Spaniern zur&#252;ckgelassen wurden, nachdem Jamaika von den Briten 1655 erobert wurde. Sie warteten nicht auf die neuen Eroberer, sondern zogen sich in die jamaikanischen H&#252;gel zur&#252;ck und gr&#252;ndeten freie Gemeinschaften. Da die Maroons entflohene SklavInnen in ihre Gemeinschaft aufnahmen, kamen sie mit der britischen Kolonialherrschaft in Konflikt. Jahrelang wurde brutal gegen die Maroons vorgegangen, doch spezialisiert auf Guerillataktiken leisteten die Maroons Widerstand. In der Nacht attackierten die sie die Plantagen, um Nahrung und anderes zu erhalten, w&#228;hrend sie sich am Tag zur&#252;ckzogen. Die Lebensweise der Maroons war gepr&#228;gt von Arbeitsteilung und gemeinschaftlichem Zusammenleben. Gr&#246;&#223;ere SklavInnenaufst&#228;nde 1673 und 1685 lie&#223; die Zahl der Maroons weiter anwachsen. 1731 begann der erste „Maroon Krieg“. Die britische Armee konnte die Maroonk&#228;mpferInnen nicht besiegen und musste einen Friedensvertrag abschlie&#223;en. Den Maroons wurden einige Zugest&#228;ndnisse gemacht, z.B. bekamen sie f&#252;nf gr&#246;&#223;ere St&#228;dte, jedoch war es der letzte Punkt des Vertrags, der den Widerstand der Maroons in Folge schw&#228;chen w&#252;rde. Sie mussten sich bereit erkl&#228;ren, keine weiteren entflohenen SklavInnen mehr aufzunehmen. Damit verloren sie die Unterst&#252;tzung der schwarzen Bev&#246;lkerung und konnten fast<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> g&#228;nzlich zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden. Trotzdem wurden sie wegen ihrer Lebensweise und ihrem Kampf gegen die Kolonialherren zum Vorbild f&#252;r die Rastafari, die sp&#228;ter eine wichtige Kraft in Jamaika und f&#252;r die Entwicklung des Reggae werden sollten.</p>
<p>Im Jahre 1834 wurde die Sklaverei nach einem gro&#223;en SklavInnenaufstand 1831 offiziell abgeschafft. Doch die SklavInnen wurden nur formal frei. Den ehemaligen Sklavenhaltern und Plantagenbesitzern wurde von der britischen Kolonialmacht 20 Millionen an Entsch&#228;digung gezahlt, w&#228;hrend den ehemaligen SklavInnen jeder Landbesitz verwehrt wurde und sie vier weitere Jahre f&#252;r ihre ehemaligen Herren arbeiten mussten. Ohne Land und Job konnten sie sich nur entscheiden zu verhungern oder weiter f&#252;r die ehemaligen Besitzer zu arbeiten. Das bedeutete einen direkten &#220;bergang von Sklavenarbeit zu Lohnarbeit. 1860 war die Situation der schwarzen Bev&#246;lkerungsschicht kaum besser als zu Zeiten der Sklaverei. Sie trugen die Hauptlast der Steuern, waren durch hohe Entgelte praktisch von Wahlen ausgeschlossen, die L&#246;hne wurden gek&#252;rzt, es gab Hunger und Krankheit.<br />
Diese desolaten Zust&#228;nde f&#252;hrten 1865 zur Morant Bay Rebellion unter Paul Bogle. Bogle war baptistischer Priester und Anf&#252;hrer der freien Dorfgemeinschaft Stony Gut, deren Land von der baptistischen Kirche gekauft und den freien SklavInnen zur Verf&#252;gung gestellt wurde.<br />
Nach einem kleinen Aufstand sollten die Anf&#252;hrer festgenommen werden. Doch die BewohnerInnen von Stony Gut waren vorbereitet und verjagten die Polizei. Das Gerichtsgeb&#228;ude, das Symbol der Unterdr&#252;ckung, wurde zerst&#246;rt. Tausende schlossen sich Bogle an und zogen durch die umliegenden D&#246;rfer, begleitet von Trommeln und dem Slogan „Cleave to black“. Drei Tage war ein Gebiet von etwa 30 Meilen rund um Morant Bay unter Kontrolle der schwarzen Bev&#246;lkerung, bevor die britische Armee mit &#228;u&#223;erster Brutalit&#228;t gegen die Aufst&#228;ndischen und alle, die mit ihnen sympathisierten, vorging. Bogles Kampf, die Morant Bay Rebellion und der Leitspruch „Cleave to black“ legten den Grundstein f&#252;r die Entwicklung des „Black Nationalism“ in der jamaikanischen Gesellschaft.</p>
<h3>Marcus Garvey – „Africa for the Africans at home and abroad”</h3>
<p>Obwohl die Sklaverei abgeschafft war, existierte sie f&#252;r viele in einer „kultivierteren“ Form weiter. So forderte Bob Marley in seinem Redemption Song: <o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Emancipate yourselves from mental slavery<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">None but ourselves can free our minds&#8230;”<sup>5</sup><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p>Die Welt wurde bombardiert mit Bildern der wei&#223;en &#220;berlegenheit. Pseudowissenschaftliche und biblische Rechtfertigungen sowie Filme wie Tarzan, der Tiere und Schwarze gleicherma&#223;en z&#228;hmte, zeigten das Bild des „kultivierten“ Wei&#223;en gegen&#252;ber der/dem „zu kultivierenden“ Schwarzen. Die Ideen des Rassismus, die sich w&#228;hrend der Sklaverei gebildet hatten, wurden von den Kolonialm&#228;chten weltweit als Rechtfertigung f&#252;r ihre Herrschaft eingesetzt.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Schwarzen wurden Grundrechte wie Versammlungsrecht, Wahlrecht, Recht auf Gewerkschaftsorganisierung verweigert. Das Bewusstsein der schwarzen Bev&#246;lkerung, der ArbeiterInnen, kleinen B&#228;uerInnen und Arbeitslosen, war gepr&#228;gt von rassistischer Unterdr&#252;ckung und der &#246;konomischen Ausbeutung. Dadurch wurde die Suche nach einer Identit&#228;t in der afrikanischen Vergangenheit gen&#228;hrt. Es ist vor diesem Hintergrund der generellen Verunglimpfung von schwarzer Kultur und Verweigerung von B&#252;rgerInnenrechten, dass Ideen des Pan-Afrikanismus an Bedeutung gewannen. Die „United Negro Improvement Association“ unter der F&#252;hrung von Marcus Garvey wurde zur gr&#246;&#223;ten pan-afrikanischen Organisation und hatte gro&#223;en Einfluss auf den „Black Nationalism“ in den US, auf Malcolm X und die Black Panthers. Garvey predigte schwarzes Selbstbewusstsein und Identifikation mit der afrikanischen Heimat. Nach Ansicht Garveys sollten alle Schwarzen die L&#228;nder des westlichen Systems, das er in Anlehnung an die Bibel Babylon nannte, verlassen und in das gelobte Land Zion zur&#252;ckkehren. Ziel Garveys war die Repatriation, die Zur&#252;ckf&#252;hrung aller Schwarzen in die Heimat Afrika, aus der sie, so wie die biblischen Israeliten, verschleppt wurden, genauer gesagt in das einzige nie kolonialisierte Land Afrikas, &#196;thiopien. </p>
<h3>Rastafari</h3>
<p>Aus den verschiedenen Einfl&#252;ssen, der Erinnerung an den Widerstand und die kommunale Lebensweise der Maroons, dem sich verbreitenden Panafrikanismus von Garvey und dem Glauben an &#196;thiopien als dem gelobten Land entwickelten sich die Rastafari. Als 1930 in &#196;thiopien Ras Tafari zum K&#246;nig Haile Selassie I gekr&#246;nt wurde, sahen viele darin die Erf&#252;llung der Prophezeiung, dass in Afrika der K&#246;nig der K&#246;nige (Ras of Ras) gekr&#246;nt werden w&#252;rde. In der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung f&#252;hrte die Kr&#246;nung eines afrikanischen K&#246;nigs, der sich auf die Bibel berufen konnte und ein direkter Nachfahre von K&#246;nig Salomon sei, zu einem neuen Glauben, der den wei&#223;en K&#246;nig und den wei&#223;en Gott mit einem schwarzen K&#246;nig und Gott ersetzte. Die eigentlich religi&#246;se Bewegung wurde mit dem Angriff des faschistischen Italien auf &#196;thiopien 1936 politisiert. Der antifaschistische Widerstandskampf des &#228;thiopischen Volks wurde zur Inspiration f&#252;r Schwarze weltweit. Vor allem die unter der kolonialen Herrschaft leidenden Schwarzen der Karibik und Jamaikas identifizierten sich mit dem antikolonialen Kampf. Der Mythos des Haile Selassie als schwarzem Gott und die spirituellen, politischen, und kulturellen Verbindungen zwischen Afrika und den jamaikanischen ArbeiterInnen wurden gest&#228;rkt.</p>
<p>Die Ideologie der Rastafari war immer verwoben mit einer Kritik an der sozialen Ordnung und deshalb sind auch die Symbole der Rastafari eng mit Symbolen des Widerstands verkn&#252;pft. Die Symbole der Flagge (Rot f&#252;r das Blutvergie&#223;en der Sufferers seit den Tagen der Sklaverei, Gold f&#252;r den Reichtum der den Sufferers gestohlen wurde und gr&#252;n f&#252;r das gelobte Land in Afrika), der L&#246;we, die Trommel, die Dreadlocks, und die eigene Sprache reflektieren eine Art von Widerstand. So entstanden die Dreadlocks als sich die Rastas mit den K&#228;mpferInnen der Land and Freedom Army (Mau Mau) in Kenia<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> identifizierten, die ihre Haare nat&#252;rlich wachsen lie&#223;en und sie in „locks“ trugen.</p>
<p>Der bewaffnete Widerstand des &#228;thiopischen Volks st&#228;rkte den Willen der Schwarzen in der Karibik, sich gegen den Kolonialismus aufzulehnen und f&#252;hrte zu gewaltsamen Aufst&#228;nden in der ganzen Region, 1935 in St.Vincent und Guayana, sp&#228;ter in Trinidad und Antigua und schlie&#223;lich 1938 in Jamaika. An der Situation von Schwarzen in Jamaika hatte sich nach der formalen Abschaffung der Sklaverei nicht viel ge&#228;ndert, so wurde der Masse der Menschen hundert Jahre sp&#228;ter noch immer derselbe Lohn, ein Shilling pro Tag, f&#252;rs Zuckerrohr schneiden bezahlt. Die verarmten Menschen, die „sufferers“, nahmen diese Ausbeutung nicht mehr l&#228;nger hin. 1938 kam es zu Massenstreiks. Hafenarbeiter und Arbeitslose solidarisierten sich und &#252;bernahmen f&#252;r eine kurze Zeit die Stadt Kingston. Die Aufst&#228;nde ebbten erst ab, als es zu Verbesserungen bei den L&#246;hnen und Legalisierung der Gewerkschaften kam.</p>
<p>Die Konzentration auf die Losung „Zur&#252;ck nach Afrika“ hinderte die Rastafari daran, eine zentrale Rolle in den lokalen Aufst&#228;nden einzunehmen. Obwohl ihre Ideen unter den „sufferers“ Zustimmung erhielten, blieben sie zun&#228;chst ein kleiner religi&#246;ser Kult. Rastafari war durch ihren Widerstand gegen Ausbeutung Schwarzer eine Inspiration, doch die religi&#246;sen Aspekte der Rastafari, die Mystifizierung Haile Selassie und die Hoffnung auf Erl&#246;sung in &#196;thiopien unter einem schwarzen K&#246;nig und die Verlagerung des Kampfs um Befreiung nach Afrika schnitt sie von den in Jamaika k&#228;mpfenden „sufferers“ ab. Erst die gr&#246;&#223;ten Vertreibungen in Jamaika seit der Sklaverei f&#252;hrten dazu, dass die Rastafari in den F&#252;nfzigern regen Zulauf hatten und an Einfluss gewannen. Zwischen 1942 und 1970 wurden 560.000 l&#228;ndliche Menschen von Bauxitfirmen von ihrem Land vertrieben und flohen in die St&#228;dte, wo sie in Barackenst&#228;dten, den Shantytowns, vergeblich nach Jobs suchten. Die Vertreibungen lie&#223;en den Ruf nach R&#252;ckkehr in die Heimat Afrika lauter werden und gaben dem Garveyismus und den Rastafari Aufschwung. Diese nutzten das Medium des Rasta Songs, des Reggae, um ihre Botschaft zu verbreiten und pr&#228;gten damit die musikalische und kulturelle Landschaft Jamaikas.</p>
<h3>Sound of Resistance – „Do the Reggay“</h3>
<p>Die Entwicklung der jamaikanischen Musik – des Reggae wie auch seiner Vorg&#228;nger Ska und Rocksteady &#8211; war immer stark von den sozio&#246;konomischen Rahmenbedingungen beeinflusst. </p>
<p>Der jamaikanische Ska entstand in den Shantytowns. Die Hoffnung der jamaikanischen verarmten Bev&#246;lkerung, dass die politische Unabh&#228;ngigkeit, die Jamaika 1962 erlangte, einen radikalen Wechsel bringen w&#252;rde, spiegelte sich in dem tanzbaren Upbeat-Rhythmus des Ska wider. Weil die verarmte Bev&#246;lkerung sich keine Platten oder Plattenspieler leisten konnte, und die Radiostationen nur wei&#223;en Rock ‘n’ Roll von Elvis Presley u.a. spielten, bildeten sich die Sound Systems. DJs bauten Anlagen auf den Stra&#223;en auf und begannen jamaikanische Musik zu spielen. Die Soundsystems wurden zu Stra&#223;enfesten der ArbeiterInnenklasse und armen Bev&#246;lkerungsschicht und f&#252;llten die Stra&#223;en Jamaikas mit Tanz und Musik. Rico Rodriguez, einer der besten Posaunisten des fr&#252;hen Ska: „People who don’t suffer like us can’t perform that sound – it’s a sufferers sound; it’s a ghetto sound we play out of the instruments, real suffering ghetto sound. It is happy, yes, for it’s relief!”<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Das Toasting, der rhythmische Sprechgesang &#252;ber Musik, wurde zur Ausdrucksform vieler Jugendlichen und beeinflusste die sp&#228;tere Rapszene in den USA.<o :p></o></p>
<p>Doch die Euphorie &#252;ber die Unabg&#228;ngigkeit hielt nicht lang. Massenarbeitslosigkeit und Armut pr&#228;gten das Leben in den Shantytowns und die Unabh&#228;ngigkeit brachte nicht die erhofften Verbesserungen. US und kanadische Unternehmen hatten die schw&#228;cheren britischen ersetzt und beuteten die gro&#223;en Bauxitressourcen des Landes aus. Der Ganja und Waffenhandel wuchs und die Shantytowns wurden mit wachsender Polizeibrutalit&#228;t, Korruption und den um den Ganjahandel k&#228;mpfenden Gangs konfrontiert. Die wachsende Polizeigewalt wird in Linton Kwesi Johnson’s „Sonny’s Lettah“ beschrieben:<br />
:”&#8230; out jump tree policemen/ de whole a dem carryin baton/ dem walk straight up to me and Jim/ one adem hold on to Jim/ &#8230; Jim tell him fi leggo a him/ for him nah do nottin/ &#8230; Dem thump him in him belly and it turn to jelly&#8230;”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o :p></o></p>
<p>In diesem Milieu entwickelte sich die Subkultur der Rude Boys. Die arbeitslosen Jugendlichen suchten auf der Stra&#223;e nach Selbst- und Anerkennung und sahen in Gangs und Kriminalit&#228;t den einzigen Ausweg. Desmond Dekker beschrieb in seinen Hits „007 (Shantytown)“ und „Israelites“ die Lebensumst&#228;nde der Rude Boys in den Baracken.<br />
„Them a loot, them a shoot, them a wail, at shantytown, the rude boy deh poh probation, Then rude boy a bomb up the town“ (007 Shantytown)<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o :p></o><br />
und<br />
„Get up in the morning, slaving for bread, sir, so that every mouth can be fed. Poor me the Israelites” (Israelites)<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Die Musik wurde langsamer, die Texte politischer und verarbeiteten die Erfahrungen der Rude Boys. Der Rocksteady war geboren. Das Leben in den Shantytowns pr&#228;gte immer mehr Individualismus und Konkurrenzdenken. Die Wailers machte in ihrem Song „Man to Man“ darauf aufmerksam:</p>
<p>“Man to trust is so unjust,<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">You don’t know who to trust<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your worse enemy may be your best friend,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your best friend may be your worse enemy,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Some will sit and drink with you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Then behind dem soo soo pon you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Only your best friend know your secret<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">And only he can reveal it<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Who the cap fits, let him wear it”<a href="#anm1" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Das Erstarken der Rastafari in dieser Zeit h&#228;ngt stark mit der wirtschaftlichen Situation Jamaikas zusammen. Die neokolonialistischen Strukturen f&#252;hrten dazu, dass der Gro&#223;teil des Reichtums ins Ausland floss, die Bauxitindustrie in die Krise schlitterte und die Arbeitslosenrate 1972 auf 23 Prozent anstieg. Die arbeitslosen Jugendlichen konnten sich immer mehr mit den Rastas identifizieren, die aus dem Konkurrenzkampf und dem Individualismus ausbrechen wollten, die die ganze kapitalistische Gesellschaft durchzogen.<br />
Der wachsende Einfluss der Rastafari machte sich in der Musik bemerkbar. Die Musik wurde nochmals verlangsamt und mehr Wert auf die Texte und die Basslinie gelegt. So wie Chuck D (Public Enemy) Hip-Hop als “ghetto CNN” bezeichnete, wurde Reggae zu der Informationsquelle der Menschen aus den Shantytowns: „If you listen to Reggae music, you don’t need to buy the paper. Reggae music tells you everything wha’ happen in Jamaica” (Roy Cousins). Polizeigewalt, Hunger, Kritik an lokalen Regierung, Erinnerungen an die Sklavenzeit, wurden &#252;ber den Reggae angesprochen. Ein Hauptthema blieb der Angriff auf das westliche System, auf Babylon:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“</span><st1 :city></st1><st1 :place><span lang="EN-GB">Babylon</span></st1><span lang="EN-GB"> system is the vampire<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the children day by day<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say: de Babylon system is the vampire, falling empire,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the blood of the sufferers<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Building church and university<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Deceiving the people continually<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say them graduatin’ thieves and murderers;<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Look out now: they suckin’ the blood of the sufferers”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Bob Marley &#8211; Babylon system)<o :p></o></p>
<p>Die Black Power und B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der 60er, das Aufkommen der antikapitalistischen 68er-Bewegung, die kubanische Revolution und die Antivietnamkriegsbewegung beeinflussten den Reggae und umgekehrt. Reggaek&#252;nstlerInnen wie Bob Marley und die Wailers lie&#223;en vermehrt Themen aus aktuellen K&#228;mpfen in Afrika in ihre Texte einflie&#223;en und nutzten Reggae als Mittel zur Motivation und Inspiration f&#252;r AktivistInnen weltweit. W&#228;hrend der Unabh&#228;ngigkeitsfeier in Simbabwe gab Bob Marley ein Konzert f&#252;r Zehntausende, die seinen Ruf nach Freiheit aufnahmen. „So Africa unite unite unite. You’re so right let’s do it” Bob Marley’s Unterst&#252;tzung f&#252;r die afrikanischen Befreiungsbewegungen wurde auch in seinem Lied „War“, dessen Worte aus einer Rede Haile Selassies stammen, deutlich: “Until the philosophy which hold one race superior and another inferior is finally and permanently discredited and abandoned; Until there are no longer first class and second class citizens of any nation;(…); And until the ignoble and unhappy regimes that hold our brothers in Angola, in Mozambique, and in South Africa in sub-human bondage have been toppled and destroyed; Everywhere is war, me say war”<br />
Auch au&#223;erhalb Afrikas wurde Reggae zur Musik des Widerstands. Chinesische StudentInnen sangen „Get Up Stand Up“ von den Wailers w&#228;hrend den Tienanmen Square Demonstrationen 1989. Jimmy Cliff’s „Vietnam“ war ein eindringlicher Protest gegen den Vietnamkrieg und verband Reggae mit der antiimperialistischen Bewegung. In Gro&#223;britannien wurde Ska von jugendlichen wei&#223;en ArbeiterInnen aufgenommen. Schwarze ArbeiterInnen in Europa, die selbst st&#228;ndig die Erfahrung von Rassismus, Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung machten, identifizierten sich mit Reggaetexten. </p>
<h3>„I don’t wanna be involved in politricks“</h3>
<p>Doch nachdem die Black Power Bewegung in den USA zu Ende gegangen war, die Hoffnungen in die in den 70ern regierende sozialdemokratische Partei, PNP, entt&#228;uscht wurden, die wirtschaftliche Lage Jamaikas unter dem Druck der Weltbank<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> immer katastrophaler und Haile Selassie I wegen seiner r&#252;cksichtslosen Herrschaft durch die Revolution 1974 gest&#252;rzt wurde, waren viele aus den verarmten Schichten desillusioniert und wollten nichts mehr mit Politik zu tun haben. Die Texte des neuen Reggaegenres Dancehall spiegelten immer noch die harschen Bedingungen der Ghettos wider. Im Gegensatz zu dem Reggae der 60er und 70er zeigten sie aber kaum die Hoffnung auf Verbesserung und den Willen zum Widerstand. Sie waren dominiert von der sogenannten „slackness“, von Gewalt, sexuellen Bildern, Drogen und Kriminalit&#228;t und die negativen Komponenten der Rastafari- und Reggaekultur kamen vermehrt zum Vorschein. „Dancehall-Musik ist heute selten mehr als einfacher Eskapismus und im schlimmsten Fall spiegelt sie die reaktion&#228;re Ideologie wider, die die jamaikanische Gesellschaft erstickt.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Rastafari als Religion unterliegt immer verschiedenen Interpretationen und zeigt die Widerspr&#252;chlichkeit religi&#246;ser Bewegungen. W&#228;hrend einerseits Widerstand und starke Militanz Teil der Rastakultur sind und der Glaube ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Selbstbewusstseins der schwarzen Bev&#246;lkerung war, wurden auch reaktion&#228;re oder die Passivit&#228;t f&#246;rdernde Aspekte aufgenommen. Die Befreiung des unter der schwarzen Bev&#246;lkerung weit verbreiteten christlichen Glaubens von einem wei&#223;en Gott, war ein wichtiger Schritt f&#252;r die Emanzipation der Schwarzen von der wei&#223;en Vorherrschaft. Doch brachte die Verkn&#252;pfung mit dem Christentum auch deren reaktion&#228;re Ansichten mit sich. Sowohl Homophobie als auch Diskriminierung von Frauen wird von vielen Rastafari, durch Bezug auf die Bibel, gerechtfertigt. Diese Inhalte flossen in den Reggae ein und sind bis heute ein Bestandteil der Musik und Kultur. So rufen Reggaes&#228;nger wie TOK oder Capelton in ihren Texten dazu auf, gewaltt&#228;tig gegen Homosexuelle vorzugehen. Frauen werden bei den Rastafari h&#228;ufig nur &#252;ber den Mann definiert und mit „Rastaman’s woman“ angesprochen. Sie gelten w&#228;hrend ihrer Periode als unrein und ihnen ist verboten, an vielen Ritualen der Rastas teilzunehmen oder obere R&#228;nge in den Gemeinden zu erhalten. Diese Diskriminierungen sind Teil eines gr&#246;&#223;eren Problems der Unterdr&#252;ckung von Frauen und Homosexuellen in der jamaikanischen Gesellschaft. Homosexualit&#228;t ist seit der Kolonialzeit per Gesetz verboten. Die Arbeitslosenrate von Frauen ist doppelt so hoch wie die von M&#228;nnern und Frauen werden als Hausfrau und Mutter in die Familienstrukturen gedr&#228;ngt. Viele Dancehallartists spiegeln in ihren Texten diese Diskriminierungen wider und reproduzieren sie aktiv.<br />
Die Widerspr&#252;chlichkeit der Reggaekultur, zwischen reaktion&#228;rer Ideologie und Kampf gegen Unterdr&#252;ckung, wird bei Artists wie Buju Banton deutlich. W&#228;hrend Buju Banton in seinem Lied „Boom Bye Bye“ davon singt, homosexuelle M&#228;nner umzubringen, ist sein Song „Murderer“ ein Aufruf, die Gewalt in den Stra&#223;en zu beenden.</p>
<p>Im Reggae dr&#252;cken Artists Ideen und Vorstellungen aus, die von emanzipatorisch &#252;ber„love and peace“ bis zu reaktion&#228;r reichen. Wichtig ist zu betonen, dass es auch im heutigen Reggae K&#252;nstlerInnen gibt, die sich den diskriminierenden Tendenzen entgegenstellen, wie beispielweise Rita Marley, Judy Mowatt oder Sister Caroll .</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Why treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">just because we’re only woman?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Don’t treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Just because we’re only woman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’re not weak; We are strong<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’ve held back; Far too long…”<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Judy Mowatt &#8211; Only Woman)<o :p></o></p>
<p>Die Entpolitisierung des Reggae nach den Siebziger Jahren wurde noch verst&#228;rkt durch die gr&#246;&#223;ere werdende Kommerzialisierung. W&#228;hrend K&#252;nstler, wie die Wailers, trotz weltweiter Vermarktung nichts an den politischen Inhalten in ihren Texten ge&#228;ndert hatten, zeigte sich in nachfolgenden Jahren ein Wandel in den Lyrics. Die gro&#223;e Popularit&#228;t des Reggae &#246;ffnete einen neuen Markt und das Bild des sonnigen Urlaubsparadieses Jamaika und des „sunshine“ Reggae wurde verkauft. Die Kommerzialisierung bewirkte ein Abkoppeln von Teilen der Reggaekultur von ihren politischen Wurzeln und den realen Lebensumst&#228;nden in Jamaika. Reggaek&#252;nstlern, wie Shaggy oder Sean Paul, wurden weltber&#252;hmt ohne den widerst&#228;ndischen Charakter der Texte von Bob Marley oder auch nur einen Bezug auf die sozialen Probleme Jamaikas.<br />
Trotz aller Widerspr&#252;che bleibt Reggae f&#252;r viele ein Mittel des Widerstands und ein Weg, um auf die Zust&#228;nde in den jamaikanischen Ghettos aufmerksam zu machen. So singt Damian Marley im 2005 erschienenen „Welcome to jamrock“:</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Welcome to Jamrock, poor<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">people dead at random<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Political violence can be done<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Old men to pickney, so wave<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">one hand if you with me<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">To see the sufferation sicken me”<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Reggae ist nicht nur Sprachrohr der verarmten Bev&#246;lkerung Jamaikas, sondern auch Inspiration f&#252;r AktivistInnen, die weltweit gegen Rassismus, Krieg und Ausbeutung k&#228;mpfen.<br />
Mit den Worten von Linton Kwesi Johnson: </p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Now tell mi something, mista govahment man…how long yu really feel yu coulda keep wi andah heel..? <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista police spokesman…how long yu really tink we woodah tek you batn lick..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista ritewing man … how long yu really feel we woodah grovel an squeal..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">It is noh mistri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we mekin histri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">it is noh mistri,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we winnin victri”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Patrick Hylton, in: Horace Campbell: Rasta and Resistance. From Marcus Garvey to Walter Rodney. Africa World Press 1987.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> „Sklaventreiber, das Blatt wendet sich, fang Feuer um zu brennen…Jedesmal wenn ich den Schlag der Peitsche h&#246;r, gefriert mir das Blut in den Adern, ich erinnere mich, wie sie meine Seele folterten am Sklavenschiff. Sie sagen wir sind frei, doch das einzige das sich &#228;nderte ist die Armut.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Durch die unterschiedlichen Sprachen war das Trommeln ein wichtiger Teil in der Kommunikation und der Bildung einer Gemeinschaft unter den SklavInnen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Kleine Maroon-Gemeinden existieren bis heute, haben aber wenig Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Jamaika<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> “Befreie dich von der geistigen Sklaverei; Nur wir selbst k&#246;nnen unser Denken befreien.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Horace Campbell: Rasta and Resistance.<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Die „Mau Mau“ k&#228;mpften gegen die britische Kolonialherrschaft in Kenia <o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> „Menschen die nicht leiden k&#246;nnen diese Musik nicht spielen. Es ist die Musik der sufferers. es ist Ghettosound, den wir mit unseren Instr. spielen, echter leidender Ghettosound; Er ist unbeschwert, ja, weil er befreit!“<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> “…drei Polizisten springen hervor, alle tragen sie Kn&#252;ppel, kommen direkt auf mich und Jim zu, einer von ihnen h&#228;lt Jim fest, Jim sagt sie sollen ihn gehen lassen, er hat nichts gemacht,…sie schlagen ihn in den Bauch und er wird zu Brei…“<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> „Sie pl&#252;ndern, sie schie&#223;en, sie klagen, in Shantytown, der „rude boy“ auf Bew&#228;hrung l&#228;sst die Stadt hochgehen.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> „Steh auf in der Fr&#252;h, schufte f&#252;r Brot, damit jeder satt wird. Wir arme Israeliten.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> „Jmd. trauen ist ungerechtfertigt, wei&#223;t nicht wem du vertrauen kannst, dein schlimmster Feind k&#246;nnte dein bester Freund, dein bester Freund dein schlimmster Feind sein. Manche sitzen und trinken mit dir und &#252;berfallen dich dann von hinten; nur dein bester Freund wei&#223; dein Geheimnis und nur er kann es verraten.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> „Das Babylonsystem ist der Vampir, saugt die Kinder aus, Tag f&#252;r Tag. Das Babylonsystem ist der Vampir, fallendes Imperium, saugt das Blut der sufferers, baut Kirchen und Universit&#228;ten, um uns zu t&#228;uschen, bilden Diebe und M&#246;rder aus. Pass auf: Sie saugen das Blut der sufferers.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Jamaika musste mehrere Kredite aufnehmen. Die Auswirkungen sind in dem Film Life and Debt zu sehen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Brian Richardson, Bob Marley: Roots Revolutionary, aus Socialist Review, J&#228;nner 2005<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> „Warum behandelt ihr uns unmenschlich, nur weil wir Frauen sind? Behandelt uns nicht unmenschlich nur weil wir Frauen sind. Wir sind nicht schwach, wir sind stark; Wir haben uns viel zu lang zur&#252;ckgehalten…“<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Willkommen zum Jamrock, arme Menschen sterben durch Willk&#252;r, politische Gewalt, deshalb Alte und Junge, erhebt eure H&#228;nde wenn ihr mit mir seid und euch das Leid krank macht“<o :p></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> „Sag mir Minister…wie lang hast du geglaubt, kannst du uns unterdr&#252;cken? sag mir Polizeisprecher…wie lang hast du gedacht, nehmen wir deinen Schlagstock hin? Sag mir Rechtsradikaler, wie lang hast du geglaubt werden wir kriechen und schreien? Es ist kein Geheimnis, wir machen Geschichte, es ist kein Geheimnis wir werden siegen.“</p>
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