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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Lenin</title>
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		<title>Zeit f&#252;r Lenin</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:44:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.<br />
<span id="more-112"></span><br />
Wie n&#228;hert man sich Lenin, dieser &#252;bergro&#223;en Figur? Vielleicht ja &#252;ber kleine Anekdoten, zun&#228;chst. Da w&#228;re jene von einem Bekannten, den ich kurz nach dem Symposium zu Antonio Gramsci<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, an dessen Vorbereitung ich beteiligt war, in Wien traf. Der Bekannte, junger Trotzkist &#228;lterer Schule, freute sich mit mir ob des tollen Erfolgs, &#252;ber 300 Interessierte waren gekommen, hatten gelernt, gelehrt, diskutiert, und dann meinte er: Naja, schon sch&#246;n, aber zu einem Lenin-Symposium w&#228;r’ keiner von denen gekommen. &#196;rger stieg in mir auf: wie konnte man nur so borniert sein, wie die eigenen Polithelden so abstrakt zum Ma&#223;stab der politischen Relevanz erkl&#228;ren? Dennoch blieb der Satz im Ohr, er war ja richtig. Zu einem Lenin-Symposium w&#252;rde wohl tats&#228;chlich keineR kommen. Und dass Antonio Gramsci etwas mit Lenin zu tun haben k&#246;nnte, Gramsci sich selbst in dessen Tradition verortet hatte, scheint meist versch&#228;mt beschwiegen zu werden.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Auf der deutschen Wikipedia-Seite lernen wir, dass die „Denker, die Gramsci beeinflussten“ Bergson, Croce, Marx, Machiavelli, Labriola, Pareto und Sorel hei&#223;en… „Wie zum Spott auf die Idee, des Hirns beraubt, in Schneewittchenhaft gehalten, liegt da die geschrumpfte H&#252;lle eines Giganten“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – was die Goldenen Zitronen &#252;ber Lenins einbalsamierten K&#246;rper im Petersburger Glassarg singen, trifft auch auf die politischen Debatten der Linken zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu. Nun ist das nat&#252;rlich kein Zufall. Mit gutem Grund h&#228;lt man heute Abstand zu „Lenin“, der als Chiffre f&#252;r alles zu stehen scheint, was es an linker Tradition zu &#252;berwinden gilt – elit&#228;re Organisationsformen, Dogmengl&#228;ubigkeit, Alleinvertretungsanspr&#252;che, brutale Skrupellosigkeit und Engstirnigkeit. Jahrzehntelange Erfahrungen mit politischen Kr&#228;ften, die ihren „Leninismus“ stolz pr&#228;sentierten und „Lenins Parteikonzept“ f&#252;r die „unentbehrliche und stets aktuelle ideologische Grundlage jeder marxistisch-leninistischen Partei“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> hielten, haben Lernprozesse nach sich gezogen. Was k&#246;nnte auch undemokratischer sein als ein Programm, das die ArbeiterInnen f&#252;r unf&#228;hig erkl&#228;rt, sich selbst zu befreien und einer straff organisierten Clique von Intellektuellen und Berufsrevolution&#228;ren die Aufgabe &#252;bertr&#228;gt, das „revolution&#228;re Bewusstsein“ in die tumben proletarischen Massen zu injizieren? Die Brosch&#252;re „Was tun?“, 1902 von Lenin geschrieben und nach dessen Tod zum Gr&#252;ndungsdokument des „Leninismus“ (selbst eine stalinistische Erfindung) erkl&#228;rt, dient stets als Beleg f&#252;r diese Zuschreibung. Hat Lenin nicht dort das Konzept der „Avantgardepartei“ entwickelt? Hat er nicht dort festgestellt, dass der Arbeiterklasse sozialistisches Bewusstsein nur „von au&#223;en“ gebracht werden k&#246;nnte?</p>
<h3>Mythos „Was tun?“</h3>
<p>Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was mit der Entsorgung Lenins durch die Linke ebendieser verloren geht. Welche Einsichten, welche theoretischen und politischen Positionen werden voreilig f&#252;r obsolet erkl&#228;rt, wenn als Antwort auf die mechanische „&#220;bertragung“ Lenins auf heutige Verh&#228;ltnisse durch verschiedene DogmatikerInnen der Verzicht auf irgendeine Art der Auseinandersetzung mit Lenins Denken und Handeln gilt? Meine These ist, dass eine kritische Neu-Aneignung Lenins in (zumindest) dreierlei Hinsicht essentiell f&#252;r jede antikapitalistische Linke ist: (1.) In der Frage der „Autonomie der Politik“ bzw. der Politik als Strategie; (2.) f&#252;r &#220;berlegungen zur Organisation bzw. der revolution&#228;ren Wissensapparate; und (3.) f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der gebrochenen Zeit der Politik. Daf&#252;r ist jedoch zun&#228;chst etwas Ausgrabungsarbeit vonn&#246;ten. Denn der Mythos des „Lenin’schen Parteikonzepts“, das in „Was tun?“ ausgearbeitet und in den folgenden Jahrzehnten von den Bolschewiki umgesetzt worden sei, ist weiterhin wirkm&#228;chtig, obwohl in der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung l&#228;ngst enttarnt. Insbesondere seit Erscheinen des Buches „Lenin Rediscovered“ von Lars T. Lih im Jahr 2006 kann diese textbook interpretation nicht l&#228;nger aufrechterhalten werden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Lih hat f&#252;r dieses monumentale Werk s&#228;mtliche publizierten Debatten der russischen und deutschen sozialistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet, „Was tun?“ fast komplett neu vom Russischen ins Englische &#252;bersetzt und die Mitte der 1950er Jahre dominant werdende „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine mehr oder weniger ungebrochene Linie von Lenin 1902 zur stalinistischen Terrorherrschaft zieht, re- un dekonstruiert. Sein Ergebnis: Kontr&#228;r zum weit verbreiteten Irrglauben war „Was tun?“ keine Blaupause der Diktatur, sondern gepr&#228;gt von Lenins Enthusiasmus ob der spontanen K&#228;mpfe der jungen ArbeiterInnenklasse in Russland. Nicht die Bevormundung der ArbeiterInnenbewegung durch ParteikaderInnen war das Thema, sondern eine Polemik gegen jene Teile der russischen Sozialdemokratie, die argumentierten, die ArbeiterInnen sollten sich auf den Kampf in den Betrieben beschr&#228;nken und Forderungen nach politischer Freiheit, Demokratie und einem Ende der Zarenherrschaft dem B&#252;rgertum oder aufgekl&#228;rten Intellektuellen &#252;berlassen. Die „Kritik des &#214;konomismus“, die im Zentrum von „Was tun?“ steht, ist ein leidenschaftliches Pl&#228;doyer f&#252;r die Politisierung der K&#228;mpfe, f&#252;r eine Politik von unten, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst.</p>
<h3>Politik als Strategie</h3>
<p>Dies f&#252;hrt uns zum ersten m&#246;glichen Ankn&#252;pfungspunkt f&#252;r eine aktuelle Lenin-Lekt&#252;re. Wie ein roter Faden zieht sich durch die kritischen Debatten politischer Theorie in den letzten Jahren und Jahrzehnten das immer wieder kehrende Thema der Politik oder „des Politischen“. Die Vorz&#252;ge des „Westlichen Marxismus“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> wurden zu Recht in dessen Insistieren auf die eigenst&#228;ndigen Logik, die „relative Autonomie“ der Politik gesucht. Antonio Gramsci, mit seinem Begriff der Hegemonie als Modus politischer Machtaus&#252;bung, verdankt seine aktuelle Popularit&#228;t vor allem dieser Erkenntnis. Die mechanistische Metapher von der &#246;konomischen Basis, &#252;ber die sich Politik, Recht und Ideologie als &#220;berbauten erheben, wurde von ihm durchbrochen und damit der Weg freigesprengt f&#252;r eine marxistische Theorie des Politischen, die diese nicht als Reflex der Bewegungen in der &#214;konomie begreift. Es mutet fast etwas grotesk an, dass als Antagonist Gramscis immer wieder Lenin herangezogen wird, der als Strohmann f&#252;r eine dogmatischen Basis-&#220;berbau-Theorie herhalten muss. Zwar entbehrt diese Darstellung nicht jeglicher Grundlage – Lenins ber&#252;chtigtes „Widerspiegelungs-Theorem“ in „Materialismus und Empiriokritizismus“ („ein Werk, in dem man gelegentlich feststellt, dass der Autor ein wenig &#252;berfordert ist“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>) muss hier erw&#228;hnt werden – sie widerspricht jedoch v&#246;llig der Sto&#223;richtung der Lenin’schen Theorie und Praxis. Der US-amerikanische Kulturtheoretiker Frederic Jameson nennt als „Gef&#252;hl, das wir alle haben (…) dass Lenin immer politisch denkt. Es gibt nicht ein Wort das Lenin schreibt, nicht eine Rede, die er h&#228;lt, nicht einen Aufsatz oder Bericht den er verfasst, der nicht in dieser Form politisch ist – mehr noch, der nicht von der selben Art des politischen Impulses geleitet ist.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Dieser Impuls ist ein wesentlich strategischer. Eben weil f&#252;r Lenin Politik nicht von irgendwelchen „&#246;konomischen“ Verh&#228;ltnissen eindeutig determiniert ist, muss er stets darauf beharren, dass die bewusste, strategische Intervention sowohl m&#246;glich als auch n&#246;tig ist. Im Gegensatz zur deterministischen Auffassung, die sich zu jener Zeit in der von der deutschen Sozialdemokratie getragenen Zweiten Internationalen durchsetzt, wonach die inneren Bewegungsgesetze des Kapitalismus, der Widerspruch von Produktivkr&#228;ften und Produktionsverh&#228;ltnissen, das Ende des Kapitalismus notwendig verursachen, wirkt Lenin wie getrieben von der Vorstellung, die revolution&#228;re Bewegung k&#246;nnte die richtigen Gelegenheiten, die M&#246;glichkeitsfenster, die sich durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse auftun, verpassen.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Die Perspektive Lenins einzunehmen w&#252;rde also bedeuten, die Eigenst&#228;ndigkeit und relative Autonomie der Politik „von unten“ anzuerkennen. Denn w&#228;hrend in neueren staatstheoretischen Ans&#228;tzen, die etwa an Nicos Poulantzas ankn&#252;pfen, der Begriff der „relativen Autonomie“ als unverzichtbares Analyseinstrument der b&#252;rgerlichen Staats-Herrschaft auftaucht, ist die Sprecherposition Lenins jene des politischen Strategen, der die „brennenden Fragen“ beantworten m&#246;chte. In „Was tun?“ argumentiert er: „Die Landeshauptleute und die Pr&#252;gelstrafe f&#252;r Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des ‚gemeinen Volks’ in den St&#228;dten durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden und das Kesseltreiben gegen das Streben des Volkes nach Licht und Wissen, die Zwangseintreibung der Abgaben und die Verfolgung der Sektenanh&#228;nger, das Drillen der Soldaten und die Kasernenhofmethoden bei der Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen – warum sollten alle diese und tausend andere &#228;hnliche Erscheinungen der Unterdr&#252;ckung, die nicht unmittelbar mit dem ‚&#246;konomischen Kampf’ verbunden sind, weniger ‚weit anwendbare’ Mittel und Anl&#228;sse der politischen Agitation, der Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf darstellen?“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><sup>11</sup> Die radikale Orientierung an einer hegemonialen Politik von unten, Politik als Strategie f&#252;r und durch jene, die von der Staatspolitik der herrschenden Klasse ausgeschlossen und abgeschnitten sind<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>, ist was uns eine aufgeschlossene Lenin-Lekt&#252;re heute abverlangt.</p>
<h3>Revolution&#228;re Wissensapparate</h3>
<p>Wie verh&#228;lt es sich nun mit den ber&#252;chtigten Stellen in „Was tun?“, die oft als Beweise f&#252;r den elit&#228;ren und undemokratischen Charakter Lenins Avantgarde-Konzepts zitiert werden? Lenin schreibt schlie&#223;lich, „da&#223; die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewu&#223;tsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von au&#223;en gebracht werden. Die Geschichte aller L&#228;nder zeugt davon, da&#223; die Arbeiterklasse ausschlie&#223;lich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewu&#223;tsein hervorzubringen vermag (…) Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und &#246;konomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Und an anderer Stelle abermals: „Das politische Klassenbewu&#223;tsein kann dem Arbeiter nur von au&#223;en gebracht werden, das hei&#223;t aus einem Bereich au&#223;erhalb des &#246;konomischen Kampfes, au&#223;erhalb der Sph&#228;re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Nun kann dem Vorwurf, hier handle es sich um den antidemokratischen Angelpunkt von Lenins Parteikonzept, leicht etwas entgegengesetzt werden. Seit langem ist bekannt, dass Lenin diese Passagen bei Karl Kautsky, dem F&#252;hrer der deutschen Sozialdemokratie und damals unbestrittenen „Papst des Marxismus“, abgeschrieben hat.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Besonders „leninistisch“ ist an diesen Formulierungen also nichts. Auch k&#246;nnte entgegnet werden, dass Lenin nach der Revolution von 1905, in der ArbeiterInnen ohne Zutun irgendeiner Partei Organisationsformen entwickelten (ArbeiterInnenr&#228;te), die von Lenin und den Bolschewiki erst sp&#228;t als demokratische Grundlage einer zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft erkannt wurden, seine Position &#228;nderte und die ArbeiterInnenklasse als „instinktiv, spontan sozialdemokratisch“ bezeichnete.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Doch all das hilft uns zwar, die historischen Linien und Kontexte des Arguments zu verstehen, aber nicht bei der Frage, was an Lenins Denken heute lebendig bleibt und wert ist, aufgehoben zu werden. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat dazu eine interessante Position gefunden, die in diesen Passagen mehr sieht als blo&#223;e kautskyanische &#220;berreste. Er verweist auf die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen der Formulierung Kautskys (die von Lenin zun&#228;chst ausf&#252;hrlich und zustimmend zitiert wird) und Lenins Paraphrase davon: „W&#228;hrend Kautsky davon spricht, da&#223; die nicht der Arbeiterschicht angeh&#246;renden Intellektuellen, die au&#223;erhalb des Klassenkampfes stehen, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft vertraut machen, ihnen objektives Wissen der Geschichte vermitteln sollen, spricht Lenin vom Bewu&#223;tsein, das von au&#223;en durch die Intellektuellen vermittelt werden soll, die sich au&#223;erhalb des wirtschaftlichen Kampfes, nicht au&#223;erhalb des Klassenkampfes befinden.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Unterschied ist betr&#228;chtlich. F&#252;r Kautsky wird der „wissenschaftliche Sozialismus“ von freischwebenden Intellektuellen erarbeitet, die wie NaturwissenschafterInnen die Gesetze der Geschichte studieren, um diese dann der ArbeiterInnenklasse als Waffen f&#252;r ihren Kampf darzubieten. Der Ort dieser Wissensarbeit ist die Partei, die die ArbeiterInnenbewegung als ganzes, d. h. inklusive der ihr zuarbeitenden Intellektuellen, repr&#228;sentiert. Im Gegensatz zu dieser positivistischen Vorstellung steht Lenins Verst&#228;ndnis von Wissensproduktion als Klassenkampf. Weil sich f&#252;r ihn, wie in seiner Auseinandersetzung mit dem „&#214;konomismus“ immer wieder deutlich wird, der Klassenkampf nicht auf den Kampf auf Betriebsebene reduzieren l&#228;sst, hat er auch ein Verst&#228;ndnis f&#252;r „den un&#252;bertrefflichen Konflikt der Ideologien (d. h.des ideologischen Klassenkampfes)“.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Auch hier ist der Ort der Wissensarbeit die Partei, aber nicht als Repr&#228;sentationsorgan der ArbeiterInnenbewegung als solche, sondern als Kampfbund von um ein politisches Programm organisierten ArbeiterInnen und der organisch mit ihnen vebundenen Intellektuellen auf allen Terrains der Auseinandersetzung –&#246;konomischen, ideologischen, politischen und kulturellen. Die Rede vom Bewusstsein, das nur „von au&#223;en“, also au&#223;erhalb der K&#228;mpfe im Betrieb, kommen kann, l&#228;sst sich so interpretieren als die Notwendigkeit, eigenst&#228;ndig solche Orte zu schaffen, revolution&#228;re Wissensapparate, ohne die jede soziale Bewegung dem Schicksal Sisyphos’ geweiht ist. Abermals ist es Antonio Gramsci, der dies aufgreift und weiterdenkt. Er beschreibt die Apparate der b&#252;rgerlichen Hegemonie als „Komplex von Sch&#252;tzengr&#228;ben und Befestigungen der herrschenden Klasse“ –von der Presse &#252;ber die Kirche bis hin zu architektonischen Anordnungen oder Stra&#223;ennamen – und fragt, was sich „von seiten einer erneuernden Klasse“ diesem entgegensetzen l&#228;sst. Seine Antwort ist „ein Geist der Abspaltung, der bestrebt sein muss sich von der protagonistischen Klasse auf die potentiellen verb&#252;ndeten Klassen auszuweiten“. Dies verlange „komplexe ideologische Arbeit“, um das Feld der b&#252;rgerlichen Herrschaft zu begreifen und zu transformieren.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Diese Erkenntnis sagt noch nichts &#252;ber die konkrete Form der zu schaffenden revolution&#228;ren Wissensapparate aus – dies kann auch gar nicht theoretisch beantwortet werden, sondern muss den spezifischen r&#228;umlichen und zeitlichen Gegebenheiten, den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen entsprechend stets auf Neue verhandelt werden. Die zu erf&#252;llende Bedingung ist jedoch, dass „die Autorit&#228;t der Partei [oder eines anderen revolution&#228;ren Wissensapparats, B.O.] (…) nicht die eines ein f&#252;r alle Mal feststehenden positiven Wissens (ist), sondern die der Form des Wissens, eines neuen Typus von Wissen, der mit einem kollektiven politischen Subjekt verkn&#252;pft ist.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Eine solche Lesart erlaubt es auch, das Konzept der „Avantgarde“ in Begriffe der „organischen Intellektuellen“ zu &#252;bersetzen und damit abermals die Br&#252;cke zu Gramsci zu schlagen. Stefan Probst hat im ersten Teil dieser Artikelserie gezeigt, wie die Revolution 1917 weder Ausdruck spontaner Revolten, noch Ergebnis eines Putschplanes der Bolschewiki war; vielmehr wurde die Politisierung der ArbeiterInnenr&#228;te durch die geduldige, systematische Organisations- und &#220;berzeugungsarbeit zehntausender „organischer Intellektueller“, gr&#246;&#223;tenteils selbst ArbeiterInnen und als soche „Avantgarde“, erm&#246;glicht. „Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> „Intellekt“ nicht als „Status oder Herkunftsmerkmal“ zu begreifen, sondern als gesellschaftliche Funktion, organisierend in die eigenen Lebensverh&#228;ltnisse einzugreifen, l&#228;sst sich von Gramsci lernen. Der „vulg&#228;re Antileninismus“ dagegen, der behauptet, „es sei ipso facto autoritativ, jemandem zu sagen, was er tun soll, oder elit&#228;r, im Besitz einer Gewissheit zu sein, von der zur Zeit andere nichts wissen“ f&#228;llt auf einen banalen liberalen Humanismus zur&#252;ck und „betrachtet Wissen vor allem als pers&#246;nliche Ausstattung oder Hierarchie und nicht unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der Klassenverh&#228;ltnisse, der Spezialisierung, der gesellschaftlichen Verortung usw.“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a></p>
<h3>Die gebrochene Zeit der Politik</h3>
<p>Die dritte, mit den ersten beiden untrennbar verbundene, Dimension einer kritischen Neuaneignung Lenins betrifft, was der franz&#246;sische Philosoph Daniel Bensaïd als „gebrochene Zeit der Politik“ bezeichnet hat. F&#252;r ihn hat Marx im „Kapital“ und in den „Grundrissen“ eine neue Form der Zeitlichkeit entdeckt und damit eine andere, neue Geschichtsschreibung begr&#252;ndet. Marx unterzieht jede Form der „sakralen Geschichte“, jede Teleologie, die die Menschheit unausweichlich einem Ziel zusteuern sieht, jeden Determinismus, der unumst&#246;&#223;liche historische Gesetze aufstellt, einer vernichtenden Kritik. Er versteht Zeit nicht als lineares Kontinuum, sondern als gesellschaftliches Verh&#228;ltnis: Zeit ist nicht nur Ma&#223;einheit, sondern muss auch selbst gemessen werden; die Kriterien daf&#252;r sind historische, Ergebnis von gesellschaftlichen K&#228;mpfen und der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte. Mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse entstand daher auch ein bestimmtes Zeitregime, in dem konkrete Arbeit auf abstrakte Arbeit reduziert wird, der Wert einer Ware also in der im Durchschnitt daf&#252;r aufzuwendenden Arbeitszeit bemessen wird. Die im Verh&#228;ltnis von Lohnarbeit und Kapital angelegte Ausbeutung ist schlie&#223;lich nichts anderes als gestohlene Zeit – die Lohnarbeiterin arbeitet l&#228;nger, als es zu ihrer eigenen Reproduktion n&#246;tig w&#228;re, und der Wert, der in der zus&#228;tzlichen Arbeitszeit geschaffen wird, flie&#223;t als Mehrwert dem Kapital zu. Die variable Grenze zwischen notweniger Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit ist Grundlage f&#252;r den Klassenkampf, einem Kampf in der linearen Zeit der Produktion (k&#252;rzere oder l&#228;ngere Arbeitszeit f&#252;r mehr oder weniger Lohn). Gleichzeitig schl&#228;gt aber auch die Zirkulationszeit der einmal produzierten Waren der Gesellschaft ihren Takt. Sie ist nicht lineare Zeit, sondern zyklischer Rhythmus, der sich in unterschiedliche Segmente teilt, je nachdem, welche Form das Kapital in seiner ewigen Metamorphose gerade annimmt: Ware, Geld, Dienstleistung, Kredit, sie alle haben unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen des Umschlags. Schlie&#223;lich geht diese Vielzahl der Zeitmomente in der Einheit des Gesamtprozesses auf, der organischen Zeit der Reproduktion. Aus diesem un&#252;berschaubaren Zusammenspiel entwickelt Marx einen Begriff der Zeitlichkeit, „in dem Zeit nicht mehr l&#228;nger der einheitliche Referent der Physik ist, auch nicht die heilige Zeit der Theologie. Historischen und &#246;konomischen Rhythmen unterworfen, in Zyklen und Wellen, Perioden und Krisen organisiert, verkn&#252;pft die profane Zeit des Kapitals die gegens&#228;tzlichen Temporalit&#228;ten von Produktion und Zirkulation, die antagonistischen Bed&#252;rfnisse von Arbeit und Kapital, die kontrastierenden Formen von Geld und Ware. Indem sie Ma&#223; und Substanz kombiniert, ist sie ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis in Bewegung.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Dieses Verh&#228;ltnis ist jedoch keineswegs ein rein „&#246;konomisches“. Was sich hinter uns als Geschichte erstreckt, ist ein Netz unterschiedlicher Zeitlichkeiten; und „&#246;konomische Zeit bleibt verschieden von der mechanischen Zeit mit ihren Uhren, psychologischer Zeit mit ihrer Dauerhaftigkeit, und der politischen Zeit mit ihren Revolutionen und Restaurationen“.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Diese politische Zeit ist es, die Lenin wie keinE andereR vor ihm verstanden hat, und die es ihm erlaubt hat, Politik als strategisches Eingreifen zu konzipieren. Denn die Zeitlichkeit der Politik ist „eine gebrochene Zeit, verknotet, und schwanger mit Ereignissen“.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Dies dr&#252;ckt sich am deutlichsten in Lenins Begriff der revolution&#228;ren Krise aus, in praktische Strategie gegossen in den Aprilthesen von 1917. Doch bereits in „Was tun?“ hei&#223;t es: „Auch die eigentliche Revolution darf man sich keineswegs in der Form eines einmaligen Aktes vorstellen (…), sondern in der Form eines rasch aufeinanderfolgenden Wechsels von mehr oder weniger starken Ausbr&#252;chen und mehr oder weniger vollst&#228;ndiger Stille.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Darin ist das Verst&#228;ndnis verarbeitet, dass „unter bestimmten au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden das Kr&#228;ftegleichgewicht einen kritischen Punkt erreicht. Jede Unterbrechung des Rhythmus produziert konflikthafte Effekte. Sie ersch&#252;ttert und verst&#246;rt. Sie kann einen Spalt in der Zeit schaffen, der mit einer Erfindung, mit einer Sch&#246;pfung gef&#252;llt werden kann.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Zeit ist keine lineare Abfolge von Ereignissen; und wenn eine Vielzahl von Widerspr&#252;chen, Antagonismen, Tendenzen sich verdichtet, so verdichtet auch sie sich und er&#246;ffnet den ProtagonistInnen der Geschichte M&#246;glichkeiten, die zuvor und m&#246;glicherweise f&#252;r lange Zeit danach au&#223;erhalb des Denkbaren liegen.</p>
<h3>Strukturen und Strategien</h3>
<p>Wie k&#246;nnen wir aber dieses Insistieren auf die scheinbar so wundersamen und unvorhersehbaren Br&#252;che und Verdichtungen der Geschichte zusammenbringen mit der Betonung der Notwendigkeit kollektiver Wissensapparate? Ist nicht, wenn die Ereignisse sich &#252;ber unseren K&#246;pfen und hinter unseren R&#252;cke zusammenbrauen, jede Entscheidung, jeder strategische Vorschlag ein Sprung ins Leere? Und wird nicht, indem Lenin der Politik mit ihrer eigenst&#228;ndigen Sprache, Grammatik und Syntax, das Primat &#252;ber alle anderen Bereiche des Lebens einr&#228;umt, der willk&#252;rlichen Entscheidung das Wort geredet und jedes Wissen &#252;ber die Welt auf die Frage reduziert, ob sie dieser oder jener Klasse in dieser oder jener Situation n&#252;tzt? Diese Fallstricke, denen Lenin selbst keineswegs immer aus dem Weg gegangen ist (ganz zu schweigen von jenen, die seither in seinem Namen zu handeln glaubten), sind es denen eine aktuelle, kritische Lenin-Rezeption sich bewusst sein muss. Es muss also einerseits klar sein, dass die menschliche Geschichte sich nicht vorhersagen l&#228;sst, gleichzeitig aber betont werden, dass dies nicht die Analyse der Strukturen und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, in denen die sozialen Kr&#228;fte verortet sind, obsolet macht. Denn diese erm&#246;glichen erst die vielf&#228;ltigen Potentiale der AkteurInnen, statten manche mit der Macht aus, zu herrschen und auszubeuten und andere mit der Macht, eben diese Verh&#228;ltnisse zu &#252;berwinden. Daf&#252;r werden die Wissensapparate der sozialen Bewegungen gebraucht: die konkrete Analyse der konkreten Verh&#228;ltnisse, die Lenin stets einfordert, soll die M&#246;glichkeiten und Grenzen des politischen Handelns in diesem bestimmten zeitlichen Moment ausloten – und sich gleichzeitig bewusst sein, dass die Kapriolen der Geschichte und die gebrochene Zeit der Politik diese M&#246;glichkeiten und Grenzen buchst&#228;blich von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellen k&#246;nnen. Die Einsicht in die prinzipielle Offenheit und Richtungslosigkeit der Geschichte f&#252;hrt somit bei Lenin nicht in politische Wurstigkeit, sondern wird zum schlagenden Argument f&#252;r das bestimmte, strategische Eingreifen der eigenen Politik: „Die politische Situation hat eine bestimmte Struktur, die durch Analyse entdeckt werden kann; gleichzeitig , und im Gegensatz zu fatalistischen Interpretationen des Marxismus, gibt es mehr als ein m&#246;gliches Ergebnis der Situation; und welches Ergebnis sich schlie&#223;lich durchsetzt, h&#228;ngt unter anderem von den Handlungen der revolution&#228;ren Kr&#228;fte ab“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Mit einer solchen Interpretation entgehen wir auch den relativistischen Abgleitfl&#228;chen, die in vielen Texten Lenins und auch in Slavoj Žižeks zuvor pr&#228;sentierten Vorschlag zu „Was tun?“ angelegt sind, und die uns auf die problematische Position schlittern lassen, dass das Kriterium f&#252;r jedes Wissen blo&#223; eine Frage des Standpunkts sei. Wissen um Strukturen und Tendenzen, in die man eingelassen ist, ist schlie&#223;lich stets Wissen &#252;ber Strukturen und Tendenzen, die auch weiter existieren und reale Auswirkungen auf das Handeln der Menschen haben, wenn kein oder falsches Wissen &#252;ber sie produziert wird. Es gilt also eine prek&#228;re Balance zu halten, sich einerseits wie Marx „auf den Standpunkt des Proletariats“ zu stellen und gleichzeitig, wie Lenin polemisch wie immer bemerkt, „stets im Auge zu behalten, da&#223; der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, wie eine Wissenschaft betrieben, d. h. studiert werden will“.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Eine parteiische Wissenschaft ohne Erkenntnisgarantie, aber mit dem Selbstbewusstsein, mehr als nur Ideologie zu produzieren, sollte das Ideal der revolution&#228;ren Wissensapparate sein.</p>
<h3>Was nun?</h3>
<p>Was kann nun linke Politik heute von dieser kritisch-kreativen Lekt&#252;re Lenins gewinnen? Entlang der hier vorgelegten Skizze vor allem drei Erkenntnisse. Erstens, den Fokus auf Politik als „Strategie von unten“. Die Thesen Antonio Gramscis sind hier unverzichtbarer Ausgangspunkt, die Auseinandersetzung um den „Alltagsverstand“, um Selbst- und Weltauffassungen, der „Kampf um Hegemonie“ ist der entscheidende Einsatzpunkt. Die R&#252;ckkoppelung Gramscis an Lenin hilft dabei, den Fokus auf die Subalternen nicht zu verlieren und die Verbindung der notwendigen Analyse der Hegemonie der Herrschenden und der strategischen Ausrichtung der sozialen Bewegungen nicht zu kappen. Zweitens bedeutet das, dass es Orte der kollektiven Wissensproduktion bedarf, in denen eben diese Verbindung produziert wird. Diese revolution&#228;ren Wissensapparate sind dabei selbst Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, m&#252;ssen aber die M&#246;glichkeit bieten, relativ autonom, nach eigener Logik und in spezifischen Rhythmen Wissensarbeit zu betreiben. Dass zu Lenins Zeiten eine spezifische Form der Partei sich als effektivste und angemessene Ausarbeitung dieser Apparate herausgestellt hat, bedeutet hierf&#252;r nicht viel. Welche Form der Organisierung sich in historischen Umst&#228;nden, die nicht von einer sich gerade teilindustrialsierenden Agrargesellschaft und der allgegenw&#228;rtigen Geheimpolizei des Zaren gepr&#228;gt sind, bew&#228;hren kann, sollte Gegenstand der aktuellen politischen Debatte sein. Jedenfalls aber bedarf es einer gewissen Strukturiertheit, denn das Zelebrieren der Pluralit&#228;t ohne organisierenden Knotenpunkt macht die Ausbildung „organischer Intellektueller“ – sowohl im Sinne praktischer OrganisatorInnen als auch im engeren Sinne von spezialisierten Wissen(schaft)sproduzentInnen – sowie das gezielte und bewusste strategische Eingreifen in politische Konjunkturen unm&#246;glich. Drittens schlie&#223;lich wird die Aufmerksamkeit auf die „Politik der Zeit“ gerichtet. Dieser Punkt soll noch kurz ausgef&#252;hrt werden. Die bisher vorgestellten &#220;berlegungen zu Marx und Lenin bieten dazu einen plausiblen Ausgangspunkt, m&#252;ssen jedoch weiter konkretisiert werden. Denn die allgemeinen Feststellungen, dass die kapitalistische Zeitlichkeit durch eine sich komplex &#252;berlagernde Arhythmik sozialer Verh&#228;ltnisse und die Zeit der Politik von Br&#252;chen und Verdichtungen gekennzeichnet ist, ersetzt nicht Analysen der jeweils aktuellen „Zeitregime“. Denn die-se unterscheiden sich je nach historischer und r&#228;umlicher Entwicklungsweise des Kapitalismus betr&#228;chtlich. Die Proletarisierung der russischen Bauern und B&#228;uerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht zuletzt eine Unterwerfung unter eine neue Anordnung der Zeit, in der nicht mehr der Lauf der Sonne und die Jahreszeiten das Leben organisierten, sondern die „Disziplin der Stechuhr“.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Der marxistische Staatstheoretiker Nicos Poulantzas beschrieb 1978 die „kapitalistische Zeitmatrix“ als eine „segmentierte, in gleiche Momente unterteilte, kumulative und irreversible, da auf das Produkt orientierte Zeit“ und hatte dabei „Maschinerie, gro&#223;e Industrie und Flie&#223;bandarbeit“ vor Augen – also eine „fordistische“ Zeit.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Doch was hei&#223;t es f&#252;r die Politik der Zeit, wenn zumindest in den kapitalistischen Zentren Normen prek&#228;r und das Prek&#228;re selbst zur Norm wird, d.h. regelm&#228;&#223;ige, klar abgegrenzte Arbeitszeiten und segmentierte Zeiteinheiten von „flexibilisierten“ Arbeitsverh&#228;ltnissen abgel&#246;st werden? Wenn an die Stelle der verhassten Stechuhr f&#252;r wesentliche Teile der ArbeiterInnenklasse die gef&#252;rchtete Deadline r&#252;ckt und die Arbeitszeit sich als jederzeit abrufbare Just-In-Time-Labor &#252;ber das schiebt, was man im Nachkriegskapitalismus noch recht eindeutig als Freizeit identifizieren konnte? Poulantzas f&#252;hrt uns auf eine richtige F&#228;hrte, wenn er betont, dass die Zeitmatrix nicht einfach aus der &#214;konomie ausstrahlt, sondern im Staat und seinen Apparaten, aber auch in der Formierung der Subjekte selbst materialisiert ist. Wenn wir also mit Lenin im 21. Jahrhundert die Frage nach Formen der Organisierung stellen, m&#252;ssen wir ber&#252;cksichtigen, dass die gebrochene Zeit der Politik, in die eingegriffen werden soll und muss, heute auf eine ver&#228;nderte politische &#214;konomie der Zeit aufsetzt. Dabei ist die Herausforderung nicht gering: Wie nimmt man R&#252;cksicht auf die Alltagsrhythmen und -arrythmien der Prekarisierten und integriert diese in die politische Organisierung, ohne Stress, Hektik, Versagensangst, Zwangsbegl&#252;ckung, Perspektivlosigkeit und was sonst noch alles zum Leben in der Prekarit&#228;t geh&#246;rt zu reproduzieren? Die Antwort darauf kann nur in der Praxis der Organisierung selbst gefunden werden, im Jonglieren der Zeiten: der Zeit des Kapitals, die als Herrschaftsverh&#228;ltnis das Leben strukturiert; der Zeit der Subjekte, die k&#228;mpfen, sich wehren und ver&#228;ndern k&#246;nnen; der Zeit der Politik, in die es einzugreifen gilt. Von Lenin lernen hei&#223;t somit nicht unbedingt siegen lernen, aber zu lernen, was f&#252;r eine siegreiche Revolte unabdingbar ist, n&#228;mlich die Verschr&#228;nkung von hegemonialer Alltagspolitik, die sich aller Bereiche der Gesellschaft annimmt und in sie eingreift, mit strategischen Interventionen, die in die Br&#252;che der Geschichte eingreifen k&#246;nnen.<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> Diese Erkenntnisse heute wieder zu diskutieren, um Lenin aus dem stalinistischen Glassarg wie von antileninistischen Karikaturen zu beifreien, braucht wohl abermals Zeit. Zeit f&#252;r Lenin eben, die lohnt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Das Symposium hatte den Titel „Vom Alltagsverstand zum Widerstand und fand am 14. und 15. Dezember 2007 in Wien statt. Pr&#228;sentationen und Texte vom Symposium finden sich unter www.gramsci.at.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r Gramsci war Lenin nicht weniger als „der gr&#246;&#223;te moderne Theoretiker der Philosophie der Praxis“ (Gramsci, Antonio; Gef&#228;ngnishefte, Bd.6, Hamburg 1994: 1249). Eine Ausnahme zur Schweigepraxis stellt der j&#252;ngst erschienene Aufsatz von Mikiya Heise und Daniel von Fromberg dar. Darin wird zwar auf die Bedeutung des „glorreichen Halunken“ Lenin f&#252;r Gramsci hingewiesen, dieser bleibt jedoch ein „,feldwebelhafter’ Avantgardist“, der als dunkler Gegenpol zu Gramscis Konzept des „best&#228;ndig lernenden Analytiker(s) der politischen Situation“ herhalten muss. Heise, Mikiya/von Fromberg, Daniel: ‚Die Machtfrage stellen‘. Zur politischen Theorie Antonio Gramscis, in: Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg, 2007: 110-125, hier: 123, 119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Die Goldenen Zitronen: Lenin. Vom Album „Lenin“, erschienen 2006 bei Buback Tontr&#228;ger.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> So der Klappentext von Lenins „Was tun?“ in der Ausgabe des Dietz Verlags (Lenin: Was tun? Berlin, 1988).<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Lih, Lars T.: Lenin Rediscovered. ‚What is to be Done?’ in Context. Leiden, 2006. Auf das fast 900 Seiten starke Buch kann hier nicht genauer eingegangen werden. Zu kleineren Kritikpunkten an Lihs Thesen vgl. die wohlwollenden Rezensionen von Paul Le Blanc, Paul Blackledge und John Molineux: Le Blanc, Paul: Lenin’s Return, in: WorkingUSA Vol. 10, 2007, 273-285; Blackledge, Paul: What was done, in: International Socialism 111, 2006; Molineux, John: Lih’s Lenin – a review of Lars T. Lih’s ‚Lenin Rediscovered’, http://johnmolyneux.blogspot.com/2006/11/lihs-lenin-reviewof-lars-t-lih-lenin.html. Bereits 1964 hatte der US-amerikanische Marxist Hal Draper im Wesentlichen &#228;hnlich wie Lih argumentiert, jedoch ohne die detaillierte Aufarbeitung und umfangreiche Belegarbeit: Draper, Hal: The Myth of Lenin’s ‚Concept Of The Party’: Or What They Did To What Is To Be Done?, in: Historical Materialism 4, 1999: 187-213.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Anderson, Perry: Considerations on Western Marxism, London, 1976<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, in: Sozialistische Hefte 15, 2007: 22-28, hier: 25.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Jameson, Frederic: Lenin and Revisionism, in: Budgen, Sebastian/Kouvelakis, Stathis/ Žižek, Slavoj (Hg.): Lenin Reloaded. Towards a Politics of Truth, Durham und London, 2007: 59-73, hier: 62.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Blackledge, Paul: What was done, a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Lenin: Was tun, a.a.O.: 86.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg, 1996: 1560f.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Bensaïd, Daniel: Leaps! Leaps! Leaps!, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.: 148-163, hier: 149.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 53.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Ebd.: 110.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Lars T. Lih geht sogar so weit zu argumentieren, dass Lenin in „Was tun?“ im Prinzip nichts anderes versuchte, als das Modell der SPD auf russische Verh&#228;ltnisse umzulegen. Lenin w&#228;re demnach, nach dem damals g&#252;ltigen<br />
Parteiprogramm der SPD, als „Erfurtianer“ zu bezeichnen.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Lenin: Die Reorganisation der Partei, in: Gesammelte Werke, Bd. 10: 16.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche &#252;ber Lenin, Frankfurt/M., 2002: 34.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Ebd.: 35.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 2, a.a.O.: 374.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor, a.a.O.: 36.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, in: Perspektiven 4, 2008: 34-43, hier: 42.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, a.a.O.: 23.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Bensaïd, Daniel: Marx For Our Times. Adventures and Misadventures of a Critique, London und New York, 2003: 72-80.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd.: 73.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Bensaïd, Daniel: Leaps!, a.a.O.: 151.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Lenin: Was tun?.a.a.O.: 226.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Ebd.: 158.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Callinicos, Alex: Leninism in the Twenty-first Century?, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.:18-41, hier: 27.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 49.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, a.a.O.:<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Anschaulich beschrieben wurde dieser Prozess f&#252;r die Entstehung der<br />
englischen ArbeiterInnenklasse von E.P. Thompson, in: Holloway, John/Thompson, E.P.: Blauer Montag. &#220;ber Zeit und Arbeitsdisziplin, Hamburg, 2007<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg, 2002: 142. Markus Wissen weist darauf hin, dass Poulantzas hier ganz offensichtlich „Gefahr (l&#228;uft), die in einer bestimmten kapitalistischen Entwicklungsphase vorherrschenden Raum- und Zeitformen zu verallgemeinern“. Wissen, Markus: Territorium und Historizit&#228;t. Raum und Zeit in der Staatstheorie von Nicos Poulantzas, in: Bretthauer, Lars/Gallas, Alexander/Kannankulam, John/St&#252;tzle, Ingo (Hg.): Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie, Hamburg, 2006: 206-222, hier: 216.</p>
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		<title>„Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:51:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[<span lang="DE">In Teil eins der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution diskutiert <em>Stefan Probst</em> die sozialen Dynamiken und politisch-strategischen Optionen zwischen Februar und Oktober 1917.</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span lang="DE">In Teil eins der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution diskutiert <em>Stefan Probst</em> die sozialen Dynamiken und politisch-strategischen Optionen zwischen Februar und Oktober 1917.</span><br />
<span id="more-54"></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die jeweils vorherrschende Interpretation der Russischen Revolution ist seit dem fr&#252;hen 20. Jahrhundert immer von gesellschaftlichen und politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig gewesen. „Oktober 1917“ war und ist umk&#228;mpftes Terrain, Arena politischer Auseinandersetzung. Selten spiegeln die Konjunkturen der Historiographie so deutlich Ver&#228;nderungen des gesamtgesellschaftlichen politischen Klimas wie im Fall der Oktoberrevolution. Etwas schematisch k&#246;nnen dreieinhalb Phasen interpretativer Paradigmen unterschieden werden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Konjunkturen der Historiographie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bis in die 1960er Jahre dominierten im Westen wie im Ostblock spiegelbildliche Versionen der „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine bruchlose Linie von 1917 zum Stalinismus zogen. Die Oktoberrevolution erscheint hier als </span><em>coup d’etat</em><span lang="DE"> einer konspirativen Minderheit ohne organische Unterst&#252;tzung in breiteren Gesellschaftsschichten, als Ergebnis manipulativer Propagandakniffe der Bolschewiki in der Cold-War-Historiographie im Westen bzw. dem Heroismus Lenins in der sowjetischen Geschichtsschreibung im Osten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Diese Ansichten sind in den 1970ern grundlegend herausgefordert worden, als eine j&#252;ngere Generation linker HistorikerInnen im Windschatten der neuen sozialen Bewegungen eine sozialgeschichtliche Neubewertung der Revolution einforderte. W&#228;hrend bislang die ArbeiterInnen h&#246;chstens als amorphe „Massen“, meist „dunkel“ und „bedrohlich“, jedenfalls passiv in der Geschichte der Revolution thematisiert wurden, kritisierten die SozialhistorikerInnen eben diese Cold-War-Interpretation als Geschichte „nicht nur von oben, sondern die Perspektive von unten komplett ausblendend.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> „Im Endeffekt wurde die ArbeiterInnenbewegung als undifferenzierte, unf&#246;rmige Schafherde betrachtet, die unf&#228;hig sei, unabh&#228;ngig von f&#252;hrenden Intellektuellen zu handeln.“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Dem setzte die „revisionistische“ Historiographie eine minuti&#246;se Analyse der sozialen Dynamiken des Jahres 1917 entgegen, die besonders die spontanen K&#228;mpfe in den Fabriken fokussierte und die Revolution als Massenaufstand entschl&#252;sselte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im Klima des politischen </span><em>backlash</em><span lang="DE"> nach 1989 feierten jedoch die traditionellen Figuren der Cold-War-Historiographie erneut fr&#246;hliche Urst&#228;nd. Alte Argumente wurden, sprachlich neu verpackt, wieder aufgelegt.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Im Pathos des liberal-kapitalistischen Triumphalismus mutierte die Oktoberrevolution zum gewaltsamen jakobinischen Staatsstreich, eine tragische Verirrung der Geschichte, die nun endg&#252;ltig erledigt sei. Der Fokus auf Eliten und die Konstruktion einer unvermittelten Determination der Ereignisse durch politische Ideologien lie&#223; wenig Raum f&#252;r die aktive Rolle, die ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen 1917 gespielt hatten. Zugleich trat ein Gro&#223;teil der SozialhistorikerInnen den organisierten R&#252;ckzug an und versuchte, sich in den Nischen entpolitisierter Kulturgeschichtsschreibung einzurichten.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Erst seit Mitte der 1990er, wieder im Zusammenhang mit einem Aufleben sozialer Auseinandersetzungen, wird die Oktoberrevolution erneut als historisches Ereignis rezipiert, das, wenn schon nicht Antworten gibt, dann zumindest wichtige Fragen aufwirft, die auch f&#252;r die neuen sozialen Bewegungen relevant sind. In diesem Kontext soll die Geschichte der Revolution im Sinn einer „strategischen Geschichte“ (Daniel Bensaïd) erz&#228;hlt werden, die die Dynamiken, Kontingenzen, Konflikte, politischen Lernprozesse, Br&#252;che, Entscheidungen betont.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleiche und kombinierte Entwicklung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Revolution 1917 repr&#228;sentiert zwar einen tiefen Einschnitt in der russischen Geschichte, war aber kein mystisches Ereignis „aus dem Nichts“ (Alain Badiou). Seit den 1860er Jahren hatten rapide Industrialisierung, Binnenmigration und rasantes Bev&#246;lkerungswachstum die Klassenstruktur des zaristischen Russland grundlegend transformiert und die Fundamente des autokratischen Staates zusehends erodiert. Aufgrund staatlicher Modernisierungsprogramme war die lohnabh&#228;ngige Bev&#246;lkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des ersten Weltkriegs um das Sechsfache angewachsen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und in den Gro&#223;betrieben der wenigen Industrieregionen um die urbanen Zentren konzentriert worden: Mehr als die H&#228;lfte der ArbeiterInnen war 1910 in Betrieben mit mehr als 500 Angestellten besch&#228;ftigt, ein Anteil, der selbst im globalen Vergleich &#252;berrascht<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> und der ArbeiterInnenklasse eine &#246;konomische und politische Bedeutung verlieh, die in keinem Verh&#228;ltnis zu ihrer quantitativen St&#228;rke stand.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich &#228;u&#223;erte sich die rasche Industrialisierung nicht nur als regional ungleichm&#228;&#223;iger Konzentrationsprozess, sondern erzeugte auch innerhalb der ArbeiterInnenklasse ein betr&#228;chtliches Ma&#223; an Unebenheiten und Friktionen. Der Proletarisierungsprozess betraf insbesondere die frisch in die St&#228;dte migrierten b&#228;uerlichen Arbeitskr&#228;fte, f&#252;r die das Leben bislang wesentlich durch die Jahreszeiten gepr&#228;gt gewesen war und – „vom Holzpflug losgerissen und unmittelbar an den Fabrikkessel geworfen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – die Disziplin der Stechuhr eine neue Erfahrung darstellte. Gleichzeitig transformierte die Fabrik auch die Arbeits- und Lebenswelt derer, die zwar schon l&#228;nger in Kleinbetrieben in den urbanen Zentren gearbeitet hatten, sich nun aber mit den unpers&#246;nlichen, b&#252;rokratischen Verh&#228;ltnissen des Fabriksmanagements konfrontiert sahen. Demgegen&#252;ber stand ein kleiner gut ausgebildeter, besser organisierter und politisch erfahrener Kern meist m&#228;nnlicher ArbeiterInnen, vor allem in der Metallindustrie. „Je urbanisierter, alphabetisierter und besser ausgebildet die ArbeiterInnen, desto gr&#246;&#223;er war die Kluft zwischen ihnen und den neu angekommenen B&#228;uerInnen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialen Umw&#228;lzungen im Zuge der forcierten Entwicklung moderner Industrie inmitten einer &#252;berwiegend agrarischen Gesellschaft – was Trotzki als Prozess der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ des Kapitalismus beschrieben hat<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> – erzeugten Spannungen, die sich in gro&#223;en sozialen Konflikten entluden. Die Textilregion um Moskau, die Metallindustrie in Petrograd und Riga, Metall- und Lebensmittelindustrie in der Ukraine, die Kohleindustrie im Donez-Becken, die Petroleumindustrie in Baku und der industrielle Bergbau im Ural waren Zentren sozialer K&#228;mpfe und Unruhen. Aber auch au&#223;erhalb der Gro&#223;st&#228;dte wurden jene ruralen Gebiete zu Schaupl&#228;tzen heftiger Auseinandersetzungen, in denen das staatliche Modernisierungprogramm die Ansiedlung von Industriebetrieben gef&#246;rdert hatte – immerhin lebten 1902 nur 41 Prozent der 1,9 Millionen russischen FabriksarbeiterInnen in St&#228;dten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Hybridit&#228;t der wirtschaftlichen Struktur Russlands entsprach jene des politischen Systems. Zwar war die Autorit&#228;t der zaristischen Monarchie durch die Entwicklung einer einheimischen Bourgeoisie untergraben worden, zugleich &#252;bersetzte sich aber die Abh&#228;ngigkeit der russischen Kapitalisten von staatlicher Protektion und ihre Angst vor der k&#228;mpferischen, hochkonzentrierten ArbeiterInnenklasse in ein fragiles B&#252;ndnis mit dem Zarismus.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung d&#228;mpften die politischen Antagonismen zwischen Autokratie und Bourgeoisie, ein Prozess, der auch an den zunehmend konservativeren Positionen des russischen Liberalismus deutlich wird. Besonders seit 1905, als die K&#228;mpfe in der weltweit ersten von Massenstreiks getragenen Revolution kulminierten, war klar, dass politische Demokratisierung weitergehendere Fragen sozialer Reformen er&#246;ffnen w&#252;rden.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Insofern stellten die Klassenk&#228;mpfe der Jahre 1905-1907 und 1912-1914 eine Art Generalprobe f&#252;r jene Ereignisse dar, die im Fr&#252;hjahr 1917, nach zweieinhalb Jahren Weltkrieg, den Beginn der Revolution markierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Februarrevolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als am 23. Februar<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, dem Internationalen Frauentag, tausende streikende Textilarbeiterinnen in Petrograd gegen den bereits zweieinhalb Jahre dauernden Krieg, die Lebensmittelknappheit in der Hauptstadt und die zaristische Autokratie demonstrierten, wusste noch niemand, dass damit eine revolution&#228;re Dynamik in Gang gesetzt w&#252;rde, die die russische Gesellschaft in ihren Grundfesten ersch&#252;ttern sollte. Im Gegenteil bef&#252;rchteten die sozialistischen Organisationen, dass der Streik verfr&#252;ht sei und dem Regime einen Vorwand f&#252;r noch sch&#228;rfere Repression liefern k&#246;nnte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch weitete sich die Bewegung in den folgenden Tagen aus. Ein Arbeiter bei Nobel im Bezirk Vyborg erinnert sich:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Wir konnten die Stimmen der Frauen auf den Stra&#223;en vor unserem Arbeitsplatz h&#246;ren. ‘Nieder mit den hohen Preisen!’ ‘Nieder mit dem Hunger!’ ‘Brot f&#252;r die ArbeiterInnen!’ Ich elite mit einigen GenossInnen ans Fenster. … Die Tore der Bol’shaia Sampsonievskaia Fabrik standen weit offen. Massen von militanten Arbeiterinnen bev&#246;lkerten die Stra&#223;e. Die, die uns sahen, winkten und riefen: ‘Kommt heraus!’ ‘Legt die Arbeit nieder!’ Schneeb&#228;lle flogen durch die Fenster. Wir beschlossen, uns der Demonstration anzuschlie&#223;en.”<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zwei Tage sp&#228;ter streikten bereits 305.000 der 400.000 Petrograder FabriksarbeiterInnen. Als am 27. Februar SoldatInnen der Petrograder Garnison befohlen wurde, auf die DemonstrantInnen zu schie&#223;en verweigerten ganze Regimenter den Befehl und liefen zu den Aufst&#228;ndischen &#252;ber.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Aus den Reihen des vormals machtlosen Parlaments, der Duma, die kurz zuvor noch ihre eigene Aufl&#246;sung durch den Zar widerstandslos akzeptiert hatte, formierte sich in der Nacht auf den 2. M&#228;rz eine Provisorische Regierung, die zun&#228;chst von Kadetten, urspr&#252;nglich radikale Liberale, die sich aber immer st&#228;rker einem konservativen Nationalismus ann&#228;herten, und von Oktobristen, konstitutionellen Monarchisten, gepr&#228;gt war. Als sich die Nachrichten der Petrograder Ereignisse in anderen St&#228;dten Russlands verbreiteten und auch dort die Polizei entwaffnet und neue tempor&#228;re Regierungsorgane gebildet wurden, dankte der Zar am 3. M&#228;rz ab. „1905 hat die Autokratie der revolution&#228;ren Bewegung 12 Monate lang standgehalten; im Februar 1917, ohne Unterst&#252;tzung der Armee, &#252;berlebte sie weniger als 12 Tage.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution war eine spontane Aktion tausender hungriger, w&#252;tender, kriegsm&#252;der ArbeiterInnen und SoldatInnen gewesen, Ausdruck der weitverbreiteten politischen Unzufriedenheit mit dem zaristischen Regime, zugleich Produkt eines tiefverwurzelten sozialen Antagonismus zwischen Teilen der ArbeiterInnenklasse und den besitzenden Klassen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Praktisch &#252;ber Nacht war der Ort der Politik von den Parlamenten und Pal&#228;sten in die Stra&#223;en und Wohnungen, die Betrieben und Kasernen ger&#252;ckt. Der amerikanische Journalist John Reed beschreibt die Situation: „Monatelang war jede Stra&#223;enecke in Petrograd, und in ganz Russland, eine &#246;ffentliche Trib&#252;ne. In den Z&#252;gen, Stra&#223;enbahnen, &#252;berall spontane Diskussion.”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der gesamtgesellschaftliche Linksruck wurde auch symbolisch deutlich. Die Schiffe der zaristischen Flotte wurden umbenannt und erhielten Namen wie „Demokratie“, „B&#252;rger“ und „Republik“. Menschen, die „Romanov“ oder „Rasputin“<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> hie&#223;en, stellten Antr&#228;ge auf Namens&#228;nderung, weil diese „monarchistisch“ und „widerlich“ seien.<a href="#anm1" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Sogar die reaktion&#228;re Presse sah sich gen&#246;tigt, Zugest&#228;ndnisse an die Stimmung zu machen: die Wirtschaftszeitungen h&#252;llten sich ins Banner eines „realistischen Sozialismus“ und selbst die Boulevardbl&#228;tter erfanden sich als „parteilos-sozialistisch“ neu. Selbst auf den Banken, den Monumenten der Stabilit&#228;t des Systems, wehten rote Fahnen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Demokratisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die russische Bourgeoisie und der politische Liberalismus, die nun die Regierung bildeten, hatten im Sturz des Zarismus eigentlich keine Rolle gespielt. Zwar war die Forderung eines liberal-konstitutionellen Regimes in der Vergangenheit immer wieder diskutiert worden, einig war man sich jedoch darin, dass eine soziale Revolution um jeden Preis verhindert werden m&#252;sse. Legitim sei der Sturz des Zaren nur als Akt nationaler Selbstverteidigung, insofern damit die Voraussetzungen geschaffen w&#252;rden, den Krieg zu gewinnen. Es geh&#246;rt deshalb zur Ironie der Februarrevolution, dass die Massenbewegung f&#252;r kurze Zeit die politische Glaubw&#252;rdigkeit gerade jener Kr&#228;fte wiederherstellte, die selbst panische Angst vor genau diesen „Massen“ hatten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Widerspr&#252;che wurden jedoch zun&#228;chst in der politischen Sprache der Februarrevolution verdeckt. „Demokratie“ war das zentrale Schlagwort der Zeit: „Demokratisierung wurde als universelle L&#246;sung f&#252;r jedes Problem gesehen. Nach Februar demokratisierten die Menschen die Theater, die Kirchen, die Schulen“ und selbst die Armee.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> “B&#252;rger”, “Freiheit”, </span><em>narod</em></p>
<p><span lang="DE"> (das Volk) waren Begriffe, die im gesamten politischen Spektrum mobilisiert wurden, von den Bolschewiki bis zum F&#252;rsten Lvov, Premierminister der ersten Provisorischen Regierung. Was „Demokratie“ jeweils bedeutete – und bedeuten sollte – wurde von den politischen Akteuren indes sehr unterschiedlich definiert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die zentralen Organe der Demokratisierung im politischen Bewusstsein der ArbeiterInnenbewegung waren die Fabrikskomitees<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a>, die vor allem in den gr&#246;&#223;eren Betrieben aus den </span><em>ad hoc</em></p>
<p><span lang="DE">-Streikstrukturen der Februarrevolution hervorgegangen waren. Sie sollten die alte „autokratische“ Verfassung des Arbeitsregimes zerschlagen und die Anliegen und Interessen der Besch&#228;ftigten gegen&#252;ber dem Management verteidigen und durchsetzen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Jede eigene Abteilung w&#228;hlte solche Komitees, die wiederum einen Ausschuss f&#252;r die gesamte Fabrik delegierten. Daneben organisierten bewaffnete Betriebsgruppen (ArbeiterInnenmilizen, „Rote Garden“) die Verteidigung der Fabriken und der proletarischen Bezirke.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In der Armee gr&#252;ndeten SoldatInnen &#228;hnliche Komitees, die Entscheidungen unabh&#228;ngig, und gegen, die Heeresleitung f&#228;llten. Deutsche Offiziere etwa berichteten, dass russische SoldatInnen mitten in einem Angriff vor jedem einzelnen Man&#246;ver abstimmten. So unglaublich das klingt, aber die unz&#228;hligen Anekdoten &#252;ber „demokratisierte Schlachten“ sind symptomatisch.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wichtigsten Formen proletarischer Selbstorganisierung waren jedoch die nach dem Vorbild der Revolution von 1905 gebildeten Sowjets (R&#228;te), jene politischen Institutionen einer „revolution&#228;ren Demokratie“, die gew&#228;hlte, direkt verantwortliche und jederzeit abw&#228;hlbare Delegierte aus den Betrieben, Bezirken und Komitees, der ArbeiterInnen, SoldatInnen und B&#228;uerInnen, manchmal auch ethnischer und religi&#246;ser Minderheiten, zusammenfassten.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Die Herausbildung eines Netzwerks von Sowjetstrukturen zeigt, dass die Bewegung nicht nur den alten Staat zerschlagen hat. „Ungeordnet und chaotisch ist von unten etwas Neues entstanden, das die alten politischen Strukturen ersetzen konnte.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Im Kern war der Sowjet die Organisationsform proletarischer Macht, Einheit von &#246;konomischer und politischer Demokratie.<o></o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Doppelherrschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution hatte also zu einer Situation der „Doppelherrschaft“ gef&#252;hrt. Der Provisorischen Regierung, deren politische Legitimit&#228;t von Beginn an zweifelhaft war, da ihre Mitglieder niemals gew&#228;hlt worden waren, standen die Sowjets als politische Organe der ArbeiterInnenbewegung gegen&#252;ber.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich waren die Sowjets im Februar die einzige Institution, die wirklich handlungsf&#228;hig war: sie organisierten die Lebensmittelversorgung, kontrollierten Transport und Kommunikation usw. Alexander Guchkov, der erste Kriegsminister der Provisorischen Regierung, erkl&#228;rte sp&#228;ter ganz offen: „Man kann unverbl&#252;mt sagen, dass die Provisorische Regierung nur so lange existiert, wie der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten es erlaubt.“<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch war das Nebeneinander von Provisorischer Regierung und Sowjets Ausdruck der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Fr&#252;hjahr. ArbeiterInnen und SoldatInnen hatten zwar das zaristische Regime gest&#252;rzt, abgesehen von den militantesten ArbeiterInnen, jenen der Metallindustrie im Petrograder Bezirk Vyborg, bef&#252;rwortete jedoch kaum jemand die Machtergreifung der Sowjets. Die Mehrheit pl&#228;dierte im Februar f&#252;r die bedingte Unterst&#252;tzung der Provisorischen Regierung. In einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Dinamo Werke hei&#223;t es etwa:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Die ArbeiterInnen und SoldatInnen sind nicht auf die Stra&#223;e gegangen, um eine Regierung durch eine andere zu ersetzen, sondern, um unsere Forderungen durchzusetzen. Diese Forderungen sind: ‚Freiheit’, ‚Gleichheit’, ‚Land’ und ‚Ein Ende des blutigen Kriegs’.”<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Eine Resolution der ArbeiterInnen der Izhora Werke verdeutlicht die allgemeine Stimmung:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Alle Ma&#223;nahmen der Provisorischen Regierung, die die &#220;berreste der Autokratie zerst&#246;ren und die Freiheit des Volkes st&#228;rken, m&#252;ssen von unserer Demokratie vollst&#228;ndig unterst&#252;tzt werden. Allen Ma&#223;nahmen, die auf eine Vers&#246;hnung mit dem alten Regime abzielen und gegen das Volk gerichtet sind, muss mit entschiedenem Protest und Gegenma&#223;nahmen begegnet werden.”<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den Betrieben selbst stellte das Konzept der „ArbeiterInnenkontrolle“ (<em>kontrol</em>) das strategische Pendant zu dieser Politik gegen&#252;ber der Regierung dar. „Kontrolle“ bedeutete hier nicht die direkte Organisation der Produktion durch die Fabrikskomitees sondern beschr&#228;nkte sich zun&#228;chst auf die &#220;berwachung des Managements durch VertreterInnen der Besch&#228;ftigten – ganz im Sinn einer „konstitutionellen Fabrik“, </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE"> als „Doppelherrschaft im Betrieb“<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dem entsprach, dass im Fr&#252;hjahr mehrheitlich Mitglieder der moderaten sozialistischen Parteien, der Menschewiki und der Sozialrevolution&#228;re, in die Sowjets gew&#228;hlt wurden. Ihr Standpunkt war, dass der Kapitalismus in Russland noch eine historische Funktion zu erf&#252;llen habe. Das bedeutete praktisch, auf alles zu verzichten, was die liberale Bourgeoisie (wie 1905) verschrecken k&#246;nnte. Die Revolution k&#246;nne nur erfolgreich sein, „so lange sie innerhalb der Grenzen bleibt, die von den objektiven Notwendigkeiten vorgegeben sind (dem Stand der Produktivkr&#228;fte, dem dazu passenden Bewusstseinsniveau der Volksmassen usw.). Man k&#246;nnte der Reaktion keinen besseren Dienst erweisen, als diese Grenzen zu missachten und sie umgehen zu wollen“, schrieb die menschewistische Zeitung </span><em>Rabochaia gazeta</em></p>
<p><span lang="DE">.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Die Rolle der Sowjets sollte sich deshalb auf die „Kontrolle“ der Regierung beschr&#228;nken.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch die radikalste Organisation der sozialistischen Linken, die Bolschewiki, war in der Frage der Position gegen&#252;ber der Provisorischen Regierung gespalten. Erst auf der Parteikonferenz im April wurde, nach intensiven Debatten, ein Thesenpapier Lenins („Aprilthesen“) mit knapper Mehrheit angenommen, das die Eckpunkte der strategischen Orientierung f&#252;r die kommenden Monate umriss: keine Unterst&#252;tzung f&#252;r die Provisorische Regierung, Ende des imperialistischen Kriegs, alle Macht den R&#228;ten. Die Programmatik dieser Slogans war indes nicht allein Produkt der theoretischen Analyse der politischen Situation, sondern mindestens ebensosehr einem offenen Ohr f&#252;r die Forderungen der ArbeiterInnenbewegung geschuldet: „sie entsprachen den tiefsten Hoffnungen der radikalsten Teile des Petrograder Proletariats – der gelernten Metallarbeiter der Bezirke Vyborg und in geringerem Ausma&#223; auch der Insel Vasilevskii.“ So hei&#223;t es z.B. in einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Puzyrev und Ekval Fabriken im April:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Regierung kann und will die Anliegen des gesamten arbeitenden Volkes nicht vertreten, deshalb fordern wir ihre sofortige Aufl&#246;sung und die Gefangennahme ihrer Mitglieder, um ihrem Angriff auf die Freiheit zu entgegnen. Wir sind der Meinung, dass die Macht allein dem Volk geh&#246;ren darf, d.h. dem Sowjet der ArbeiterInnen und SoldatInnendeputierten als einziger Institution, die das Vertrauen der Menschen genie&#223;t.”<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im April waren solche Auffassungen freilich noch eine Minderheitenposition. Aufgabe der fortschrittlichsten Kr&#228;fte der Bewegung sei demnach, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren und zu &#252;berzeugen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Ich schreibe, lese vor, erkl&#228;re des langen und breiten: ‚Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind die </span><em>einzig m&#246;gliche </em></p>
<p><span lang="DE">Form der revolution&#228;ren Regierung, und daher kann unsere Aufgabe nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bed&#252;rfnissen der Massen angepa&#223;ter </span><em>Aufkl&#228;rung</em></p>
<p><span lang="DE"> &#252;ber die Fehler ihrer Taktik bestehen…’“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Aprilkrise<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den wenigen Monaten ihrer Arbeit zeigte sich, dass die Provisorische Regierung ihre Autorit&#228;t, die sie im Februar und M&#228;rz genoss, nicht zu stabilisieren vermochte. Sie versprach, den Krieg zu beenden, brach aber nicht mit den Alliierten. Sie versprach den Bauern Land, war aber entscheidungsunf&#228;hig. Sie versprach die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, fixierte aber nie einen Termin, aus Angst, deren Zusammensetzung k&#246;nnte zu radikal ausfallen. „Sie konnte bei den ArbeiterInnen genausowenig Vertrauen aufbauen, wie sie ihnen Lebensmittel und Respekt verschaffen oder die Betriebe demokratisieren konnte. … Folge war, dass die aufkommende Parole ‚Brot, Frieden, Land’ stellvertretend f&#252;r all das stand, was die Provisorische Regierung nicht liefern konnte.“<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die erste Provisorische Regierung hielt sich dann auch nicht l&#228;nger als bis April. Unmittelbarer Ausl&#246;ser ihres Sturzes war ein geheimes Memorandum von Au&#223;enminister Miliukov an Russlands Kriegsverb&#252;ndete, das diesen versicherte, die neue Regierung w&#252;rde die Kriegsziele des Zarismus vollinhaltlich &#252;bernehmen. Als dieses am 20. April &#246;ffentlich wurde, erzwangen Massenproteste den R&#252;cktritt von Miliukov und Guchkov. An der Front abgehaltene SoldatInnenkongresse sprachen sich f&#252;r einen „demokratischen Frieden ohne Annexionen“ aus und forderten die st&#228;rkere Kontrolle der Regierung durch die Sowjets. Die Zusammensetzung eines neuen Kabinetts reflektierte diese Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse: die Regierung inkludierte nun neben zehn „kapitalistischen Ministern“ sechs aus den Reihen der Menschewiki und Sozialrevolution&#228;re.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Klasse:<em> Making of<o></o></em></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich markierte die Aprilkrise den Einbruch der &#246;konomischen Situation. Akute Produktionsengp&#228;sse, die prek&#228;re Situation der Lebensmittelversorgung und dramatisch fallende Reall&#246;hne wurden noch versch&#228;rft durch die L&#228;hmung des Transportsystems. Hinzu kam die erneute Kriegsoffensive der Koalitionsregierung ab Juni.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im M&#228;rz und Arpil schien es f&#252;r die Unternehmer noch m&#246;glich, „geordnete“ Verh&#228;ltnisse in den Betrieben durch Anerkennung von Gewerkschaften und materielle Zugest&#228;ndnisse wieder herstellen zu k&#246;nnen. Tats&#228;chlich konnten Fabrikskomitees und Sowjets in den ersten drei Monaten der Revolution Lohnerh&#246;hungen um durchschnittlich f&#252;nfzig Prozent, einen Mindestlohn sowie die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags durchsetzen. All das waren Forderungen, die in der Vorkriegszeit bitter umk&#228;mpft gewesen waren, nun aber wurden sie „mit erstaunlicher Leichtigkeit erreicht, und die vers&#246;hnliche Haltung der Industriellen … schien weitere Zugest&#228;ndnisse zu erm&#246;glichen.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Sp&#228;testens seit Mai unterlief nun die wirtschaftliche Krise zunehmend die Kompromissstrategie der Unternehmer und die Bourgeoisie schwenkte auf Konfrontationskurs. Der erwartete disziplinierende Effekt von Fabriksschlie&#223;ungen und steigender Arbeitslosigkeit blieb dennoch aus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Vielmehr waren ArbeiterInnen mehr und mehr davon &#252;berzeugt, dass die Unternehmer die Krise bewusst versch&#228;rften, um das Proletariat „zur Vernunft“ zu bringen. „Zum Beispiel, wenn das Management die Schlie&#223;ung einer Fabrik ank&#252;ndigte, weil es nicht gen&#252;gend Treibstoff gab, zog eine ArbeiterInnendelegation los und fand in den Lagerh&#228;user noch ausreichende Reserven.”<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Es waren solche spezifischen Erfahrungen, die tausenden allt&#228;glichen K&#228;mpfe, die den Prozess der Politisierung bef&#246;rderten. „Diese Muster der Mobilisierung … trugen zur Formierung einer geschlossenen ArbeiterInnenklasse in Russland bei, die sich ihrer kollektiven Position in der gesellschaftlichen Ordnung bewusst war. Jeder Streik, ob selbst erlebt, oder durch die Presse erfahren, trug zu diesem Gef&#252;hl des Zusammenhalts bei.”<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Im Sommer wurde der Diskurs der Demokratie, der durch die Februarrevolution angesto&#223;en wurde, durch einen Diskurs der Klasse ersetzt, eine Verschiebung, die durch die vermehrte Verwendung des Wortes ‚Genosse’ statt ‚B&#252;rger’ als beliebter Anrede symbolisiert wurde.“<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Durch unz&#228;hlige Flugbl&#228;tter, Zeitungen, Ansprachen, Streiks, Demonstrationen, lokale ParteikaderInnen verbreitet wurde „Klasse“ zum wichtigsten organisierenden Prinzip der Selbst- und Weltwahrnehmung der ArbeiterInnen und &#252;berformte zunehmend regionale, ethnische, genderspezifische, auf Berufsgruppe oder Fabrik bezogene Identit&#228;ten. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleichzeitigkeiten der Radikalisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wirtschaftliche Situation erforderte auch eine Redefinition von </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE">. Je prek&#228;rer die Lage, je deutlicher die Sabotagestrategie der Unternehmer erfahren wurde, desto st&#228;rker &#252;bersetzte sich das Misstrauen der ArbeiterInnen gegen&#252;ber dem Fabriksmanagement in K&#228;mpfe um die Ausweitung proletarischer Kontrolle in den Betrieben. W&#228;hrend bislang die allermeisten Streiks Lohnk&#228;mpfe gewesen waren h&#228;uften sich nun Streiks um ArbeiterInnenkontrolle. Diese Verschiebung ist von entscheidender Bedeutung: Streiks um Lohn u.&#228;. k&#246;nnen als Teil eines normalen Verhandlungsprozesses zwischen Kapital und Arbeit verstanden werden; Konflikte &#252;ber die Kontrolle der Bedingungen des Produktionsprozesses ber&#252;hren grundlegendere Fragen der Macht. Die Abnahme von Streiks im Herbst kann demnach als Ausdruck davon gelesen werden, dass signifikante Teile der ArbeiterInnenklasse verstanden hatten, dass dieser Kampf nicht in den einzelnen Betrieben gewonnen werden konnte, sondern allein in der politischen Arena.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Die Macht&#252;bernahme der Sowjets erschien als notwendige Voraussetzung, um dauerhaft Formen proletarischer Selbstverwaltung in den Betrieben sichern zu k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In diesem Sinn ist es bezeichnend, dass gerade jene Betriebe, die am fr&#252;hesten f&#252;r die Macht&#252;bernehme der Sowjets stimmten, auch jene waren, in denen die Ausweitung der Formen der ArbeiterInnenkontrolle am konsequentesten vorangetrieben wurde. Die ungleichm&#228;&#223;ige Entwicklung des Proletariats findet hier ihren Ausdruck in den Ungleichzeitigkeiten der politischen Radikalisierung. Die ersten, die sich f&#252;r eine Macht&#252;bernahme der Sowjets aussprachen waren meist die ArbeiterInnen der Metallindustrie, etwa im Petrograder Bezirk Vyborg, der schon seit langem eine bolschewistische Bastion gewesen war. Allgemein waren jene Abteilungen die politisch radikalsten, in denen gut ausgebildete, stark organisierte und bereits vor 1917 politisch aktive ArbeiterInnen besch&#228;ftigt waren, w&#228;hrend jene Abteilungen mit &#252;berwiegend frisch zugezogenen b&#228;uerlichen ArbeiterInnen radikaler in &#246;konomischen Forderungen auftraten<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a>, in politischen Fragen jedoch meist moderater waren.<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a> Selbiges gilt auch f&#252;r die ungelernten Arbeiterinnen der Textilindustrie, die etwa in der Moskauer Region dominierten.</span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ungleichzeitigkeiten der politischen Entwicklung k&#246;nnen auch an der Zusammensetzung der Sowjets abgelesen werden. W&#228;hrend sich etwa die erste Konferenz der Petrograder Fabrikskomitees Ende Mai und der Petrograder Sowjet bereits im Juni f&#252;r die proletarische Macht&#252;bernahme aussprachen, stellten beim ersten Gesamtrussischen Kongress der Sowjets im selben Monat die moderaten sozialistischen Parteien, die an der Koalitionsregierung festhielten, 71,5 Prozent der Delegierten, die Bolschewiki nur 13 Prozent. Die ArbeiterInnenversammlung der Petrograder Maschinenfabrik Optico hatte bereits Ende April eine Resolution verabschiedet, die festhielt:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Provisorische Regierung vertritt nicht die Bev&#246;lkerung Russlands. Als Repr&#228;sentanten eines Haufens Kapitalisten und Grundbesitzer …, die die durch das Volk gewonnene Macht an sich gerissen haben, haben Miliukov und Co. sich selbst entlarvt. Wir erkl&#228;ren, dass wir kein Blut f&#252;r Miliukov und Co. vergie&#223;en wollen. … Deshalb halten wir fest, dass Miliukov, Gutchkov und Co. nicht ihrem Auftrag entsprechen und erkennen die Sowjets als einzige Macht im Land an, die wir mit unseren Leben verteidigen werden.”<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich beschloss eine Versammlung der Leont’ev Textilfabrik:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Wir unterst&#252;tzen vollinhaltlich die Taktik der Sowjets, die die Einheit der Revolution bewahren m&#246;chte und sich jedem Versuch, die revolution&#228;ren Kr&#228;fte zu spalten, widersetzt. Die Versammlung lehnt die anarchistischen Aufrufe Lenins, die Staatsmacht zu &#252;bernehmen, die nur zum B&#252;rgerkrieg f&#252;hren k&#246;nnen, ab.”<a href="#anm1" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Paradox der Julitage<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Explosivit&#228;t der sozialen und politischen Polarisierung in Petrograd entlud sich erstmals in den Sommermonaten. Nachdem bereits am 18. Juni mehrere hunderttausend DemonstrantInnen den R&#252;cktritt der „zehn kapitalistischen Minister“ aus der Provisorischen Regierung gefordert hatten, probten Anfang Juli ArbeiterInnen und SoldatInnen den bewaffneten Aufstand, der die Macht&#252;bernahme der Sowjets erzwingen sollte. Alexander Rabinowitch schildert jene vielzitierte Szene der Julitage, als Matrosen Landwirtschaftsminister Chernov (Sozialrevolution&#228;r) umzingelten und aufforderten: „Nimm die Macht, du Hundesohn, wenn man sie dir gibt!“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Dieser freilich dachte nicht im Entferntesten daran.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die politische Ambivalenz, die hier zum Ausdruck kommt, wird besonders deutlich in einer Rede von vier ArbeiterInnen, die als Delegierte von 54 Fabriken beim Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee der Sowjets vorsprachen:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Es ist eigenartig, im Aufruf des Zentralen Exekutivkomitees zu lessen: ArbeiterInnen und SoldatInnen werden Konterrevlution&#228;rInnen genannt. Unsere Forderung – die allgemeine Forderung der ArbeiterInnen – ist ‚Alle Macht den Sowjets der ArbeiterInnen- und SoldatInnendeputierten’. … Wir fordern den R&#252;cktritt der zehn kapitalistischen Minister. </span><em>Wir vertrauen dem Sowjet, aber nicht jenen, den der Sowjet vertraut.</em></p>
<p><span lang="DE"> Unsere Genossen, die sozialistischen Minister, sind eine Vereinbarung mit den Kapitalisten eingegangen, doch diese Kapitalisten sind unsere Todfeinde. … Das Land muss sofort den Bauern gegeben werden! Die Kontrolle der Produktion muss sofort eingesetzt werden! Wir fordern einen Kampf gegen die Hungersnot, die uns bedroht!”<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der kursivierte Satz fasst jenen Widerspruch zusammen, den David Mandel das „Paradox der Julitage“ genannt hat: die demonstrierenden ArbeiterInnen glaubten, das Exekutivkomitee k&#246;nne von der Macht&#252;bernahme &#252;berzeugt werden, aber die moderaten sozialistischen Parteien, die das Exekutivkomitee dominierten, waren eher bereit, populare Unterst&#252;tzung zu verlieren, als die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie in der Provisorischen Regierung aufzugeben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Polarisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Julikrise endete nicht mit der Macht&#252;bernahme der Sowjets, sondern mit der milit&#228;rischen Niederschlagung der Bewegung und einem scharfen Rechtsruck der Regierung. Die Instabilit&#228;t der Doppelherrschaft war jedoch f&#252;r alle nur allzu deutlich geworden. Die politischen Optionen schienen sich mehr und mehr auf die Alternative proletarischer Umsturz oder rechter Milit&#228;rputsch einzuengen. Die Kadetten hatten unterdessen l&#228;ngst komplett auf B&#252;rgerkriegsmentalit&#228;t geschaltet:<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> „Lenin oder Kornilov“, formulierte Miliukov.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Kornilov war jener General, der von der Provisorischen Regierung zum Oberkommandanten der Armee ernannt worden war, und Hoffnung der B&#252;rgerlichen, die „Ordnung“ in Armee und Fabriken wiederherzustellen. Als sein Versuch, Ende August gewaltsam eine Entscheidung herbeizuf&#252;hren nicht nur an der schlechten Vorbereitung des </span><em>coups</em></p>
<p><span lang="DE">, sondern auch am bewaffneten Widerstand der ArbeiterInnen und SoldatInnen scheiterte, verlor die Regierung endg&#252;ltig den letzten Rest politischer Glaubw&#252;rdigkeit. Dennoch hatte der Kornilov-Putsch allen vor Augen gef&#252;hrt, welches Szenario drohte, wenn nicht bald gehandelt w&#252;rde: ein erfolgreicher Milit&#228;rputsch der Rechten h&#228;tte mit Sicherheit auch alle Fortschritte der Februarrevolution zunichte gemacht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Kunst revolution&#228;rer Politik besteht darin, den kritischen Moment zu erkennen, in dem sich Widerspr&#252;che verdichten und strategische M&#246;glichkeiten er&#246;ffnen. Der Herbst 1917 bezeichnet eine solche &#214;ffnung. “Die Geschichte wird uns nicht vergeben, wenn wir jetzt nicht die Macht ergreifen“, wiederholte Lenin.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Am 31. August verabschiedete der Petrograder Sowjet die von den bolschewistischen Delegierten eingebrachte Resolution „zur Machtfrage“, die Moskauer Sowjets folgten am 5. September, und bis Mitte des Monats hatten achtzig weitere Sowjets in gr&#246;&#223;eren St&#228;dten den Aufruf unterst&#252;tzt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Revolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Oktoberrevolution selbst verlief dann eigentlich relativ unspektakul&#228;r. Am 6. Oktober k&#252;ndigte die Regierung an, die halbe Petrograder Garnison aus der Hauptstadt abzuziehen. Der Sowjet interpretierte das zurecht als Versuch, eine der radikalsten Kr&#228;fte aus der Stadt zu entfernen und gr&#252;ndete am 9. Oktober ein Milit&#228;risches Revolutionskomitee (MRK), das diesen Transfer verhindern sollte. Gleichzeitig hatte das am ersten Gesamtrussischen Sowjetkongress gew&#228;hlte, mehrheitlich aus Menschewiki und Sozialrevolution&#228;ren zusammengesetzte Exekutivkomitee den f&#252;r 20. Oktober angesetzten zweiten Kongress auf 25. Oktober verschoben, „offensichtlich um Kerenskii [dem Regierungschef] Zeit zu geben, einen Pr&#228;ventivschlag gegen die Bolschewiki vorzubereiten.“<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> Als die Regierung am 20. Oktober die Truppenverlegung durchzusetzen versuchte, ordnete das MRK an, sich dem Befehl zu widersetzen. Kerenskiis Versuch, in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober die bolschewistische Druckerei zu schlie&#223;en war schlie&#223;lich der Z&#252;ndfunke f&#252;r den Aufstand. SoldatInnen und Rotgardisten besetzten die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt, milit&#228;rischen Widerstand gab es nur vereinzelt. Der allergr&#246;&#223;te Teil der Truppen stand auf der richtigen Seite der Barrikaden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die entscheidende Rolle im Aufstand hatten die betrieblichen ArbeiterInnenmilizen gespielt, die bereits im August bei der Verteidigung Petrograds gegen Kornilov wichtig gewesen waren. Auch wenn die Tatsache schlecht ins vorherrschende Bild der Oktoberrevolution passt, die die proletarische Macht&#252;bernahme gemeinhin als sorgf&#228;ltig geplantes Man&#246;ver des MRK pr&#228;sentiert, muss auch f&#252;r den Umsturz selbst die spontane Dimension st&#228;rker als bisher hervorgehoben werden. „die Mobilisierung der Roten Garden und ihr Anteil am verworrenen Kampf um die Kontrolle der Schl&#252;sselstellen der Stadt am 24.-25. Oktober schien gr&#246;&#223;tenteils direkt aus lokaler Initiative zu kommen, von einzelnen Einheiten in den Fabriken oder Bezirken, die auf die neuesten Nachrichten und Ereignisse reagierten. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass das Milit&#228;rische Revolutionskomitee oder der Generalstab der Roten Garden eine signifikante Rolle in der Mobilisierung oder F&#252;hrung der Aktionen der Roten Garden spielte, obwohl diese eine zentrale, vielleicht entscheidende Rolle im Kampf um Sowjetmacht und den Erfolg dessen, was heute als ‚Oktoberrevolution’ bekannt ist, innehatten.“<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Die „Befreiung der ArbeiterInnenklasse“ war tats&#228;chlich, wie Marx gefordert hatte, das „Werk der ArbeiterInnenklasse selbst“ gewesen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Zukunft lag nun in den H&#228;nden der Sowjets der ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Genossen! Werkt&#228;tige! Denkt daran, dass </span><em>ihr selber</em></p>
<p><span lang="DE"> jetzt den Staat verwaltet. Niemand wird euch helfen, wenn ihr euch nicht selber vereinigt und nicht </span><em>alle Angelegenheiten</em></p>
<p><span lang="DE"> des Staates in </span><em>eure</em></p>
<p><span lang="DE"> H&#228;nde nehmt. </span><em>Eure</em></p>
<p><span lang="DE"> Sowjets sind von nun an die Organe der Staatsgewalt, bevollm&#228;chtigte, beschlie&#223;ende Organe.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Schlie&#223;t euch um eure Sowjets zusammen. St&#228;rkt sie. Ohne auf jemand zu warten, geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Soziale und politische Determinanten<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als zentrale Problemstellung einer „strategischen Geschichte“ der Russischen Revolution bleibt die Frage, wie das Verh&#228;ltnis von sozialer Dynamik und organisierter politischer Intervention zwischen Februar und Oktober 1917 gedacht werden kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialgeschichtliche Interpretation der 1970er und 1980er hatte die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen in den Betrieben ins Zentrum ger&#252;ckt. Die „Logik“ der K&#228;mpfe um materielle Bed&#252;rfnisse und praktische Interessen habe, im Kontext der &#246;konomischen Krise, einen Prozess politischer Organisierung und Radikalisierung bef&#246;rdert, der in der Ann&#228;herung der Mehrheit an bolschewistische Positionen kulminierte. Diese Interpretation hat die davor vertretene politik- und ideengeschichtliche Ansicht (die neu verpackt auch von aktuellen diskursgeschichtlichen Ans&#228;tzen vertreten wird) vom Thron gesto&#223;en, die behauptete, dass den ArbeiterInnen Organisationsformen und revolution&#228;re Ideen nur von au&#223;en, durch autonom organisierte Parteiintellektuelle, zugeflossen w&#228;ren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Hauptverdienst der sozialgeschichtlichen Interpretation liegt darin, aufgezeigt zu haben, dass die „&#246;konomischen“ betrieblichen K&#228;mpfe selbst weitreichendere politische Fragen aufgeworfen haben und politisierend wirkten. Problematisch wird diese Erz&#228;hlung jedoch, wenn behauptet wird, dass sich die spontane Dynamik der Arbeitsk&#228;mpfe 1917 automatisch in angemessene politische Antworten &#252;bersetzt h&#228;tte.<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a> Indem die sozialgeschichtliche Interpretation das Politische auf eine den betrieblichen K&#228;mpfen inh&#228;rente Dynamik reduziert, wird die relative Autonomie organisierter politischer Konkurrenz um angemessene Antworten auf die in den K&#228;mpfen aufgeworfenen Probleme eingeebnet, geraten politische </span><em>Alternativen</em></p>
<p><span lang="DE"> aus dem Blick. Die politisch-ideologische Heterogenit&#228;t l&#246;st sich durch die „Logik der K&#228;mpfe“ selbst in einer Quasi-Teleologie eines „Bolschewismus von unten“ auf. Wenn die Erfahrungen des Klassenkampfs aus sich heraus schon selbstevidente politische L&#246;sungen nahelegten, so verschwindet die Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit des politischen Radikalisierungsprozesses hinter der angeblichen Unilinearit&#228;t kumulativer Entwicklung. Politische Parteien und Programme, die „hohe Politik“, erscheinen hier als Sph&#228;re, die den unmittelbaren materiellen Anliegen der ArbeiterInnenbewegung rein &#228;u&#223;erlich gegen&#252;bersteht, sodass sich die Ann&#228;herung der Mehrheit der ArbeiterInnen an die bolschewistische Forderung der Machtergreifung der Sowjets auf ein zuf&#228;lliges Produkt einer tempor&#228;ren Interessenskonvergenz reduziert. Der paradoxe Effekt dieser Methode ist, wie John Eric Marot bemerkt, “eine Ann&#228;herung an die politikgeschichtliche Tradition, die sie eigentlich &#252;berwinden wollten.”<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> W&#228;hrend die alte Politikgeschichte das politische Moment der K&#228;mpfe </span><em>au&#223;erhalb</em><span lang="DE"> der ArbeiterInnenbewegung verortete (die „Intelligenz“), hebt die Sozialgeschichtsschreibung die </span><em>relative Autonomie</em><span lang="DE"> des Politischen in den betrieblichen K&#228;mpfen selbst auf, wird die mediatisierende Funktion organisierter politischer Intervention im Klassenkampf ignoriert. Die Zeit des Klassenkampfs erscheint so als lineare Zeit, bereinigt von Br&#252;chen, Kontingenzen, Entscheidungen und Alternativen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich entwickelten sich die K&#228;mpfe in den Fabriken zun&#228;chst relativ unabh&#228;ngig von Parteien und innerhalb der bestehenden Eigentumsverh&#228;ltnisse. Die Frage ist, wie der Prozess interpretiert wird, in dem sich die ArbeiterInnenbewegung &#252;ber diese begrenzten Perspektiven hinausbewegte. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">ArbeiterInnen wurden sich ihrer unmittelbaren Interessen und ihrer Klassenidentit&#228;t in den unz&#228;hligen spontanen K&#228;mpfen in den Betrieben bewusst. Es waren die den Klassenverh&#228;ltnissen am Arbeitsplatz inh&#228;renten K&#228;mpfe um Lohn, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, die Klassensolidarit&#228;t bef&#246;rderten, nicht parteipolitische Slogans und Programme. Dennoch: „Die Signifikanz weitreichenderer und komplexerer politischer Ideen … kann nicht auf diesem Abstraktionsniveau verstanden werden.“<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Die Tatsache, dass sich die Fabrikskomitees nicht zu Institutionen eines korporatistischen Arbeitsregimes entwickelten, kann nicht allein auf die Zuspitzung der &#246;konomischen Situation reduziert werden kann. Die unmittelbaren Erfahrungen der K&#228;mpfe waren nicht die </span><em>alleinige</em><span lang="DE"> Quelle eines politischen Lernprozesses, denn „Erfahrung“ ist nicht selbst-transparent und selbst-evident – schon Gramsci betonte die spontane Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands.<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Spezifizierung unterschiedlicher L&#246;sungsstrategien verweist jedoch auf die Arena ideologischer Auseinandersetzung, die von konkurrierenden Parteiprogrammen gepr&#228;gt war. Wenn Politik, in Lenins Formulierung, als „konzentrierte &#214;konomie“ begriffen wird, so bedeutet diese Konzentration eine qualitative Ver&#228;nderung, in der politische Optionen nicht einfach aus der &#214;konomie abgeleitet werden k&#246;nnen. Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Beide Parteien waren sich darin einig, dass die ArbeiterInnen ihre Probleme nicht allein durch betriebliche K&#228;mpfe l&#246;sen k&#246;nnten, was durch das Versagen enger, betrieblicher, „syndikalistischer“ Taktiken deutlich geworden war. Dar&#252;ber hinaus gab es aber keine strategischen Ber&#252;hrungspunkte, weder in der Erkl&#228;rung der Ursachen, noch in der Formulierung politischer Ziele.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Menschewiki reagierten auf die Probleme der Streikbewegung mit dem Appell, weitere Streikaktionen ein- und „unverantwortliche, unrealistische“ Forderungen zur&#252;ckzustellen. In wichtigen Bereichen sollten die Fabrikskomitees auf Einflussnahme verzichten, um die Investitionsbereitschaft der Unternehmer wiederherzustellen.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bolschewiki hingegen argumentierten, dass die Forderungen der ArbeiterInnen sehr wohl berechtigt waren. „Das Versagen des Managements, die Anspr&#252;che der ArbeiterInnen in entscheidenden Punkten zu erf&#252;llen, war f&#252;r sie Grund genug, dass die ArbeiterInnen selbst ihre Interessen durch eine Macht&#252;bernahme der Sowjets als legitime Methode zur Verhinderung des wirtschaftlichen Zusammenbruches, realisieren sollten.“<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Da die meisten ArbeiterInnen die Forderung nach Sowjetmacht zun&#228;chst nicht mit ihren (materiellen) Bed&#252;rfnissen und Interessen verkn&#252;pften konzentrierten sich die bolschewistischen ArbeiterInnen darauf, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren: in den Streiks, Fabriksversammlungen, Fabrikskomitees, Gewerkschaften, Sowjets.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der politische Diskussionsprozess war den betrieblichen Auseinandersetzungen demnach nicht &#228;u&#223;erlich, sondern organisch in den K&#228;mpfen verwurzelt. Dementsprechend war auch die bolschewistische Partei keine Organisation autonomer Intellektueller, die den ArbeiterInnen „von au&#223;en“ „Bewusstsein“ einfl&#246;&#223;ten (Lukács), sondern ein Netzwerk „organischer Intellektueller“ (Gramsci), die als organisierte politische Str&#246;mung in diese Debatten intervenierten. Der Mythos der bolschewistischen Partei als Organisation der von der Klasse getrennten </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> ist l&#228;ngst auch durch quantitative Studien widerlegt.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> William Chase und Arch Getty haben in ihrer prosopographischen Studie der Mitglieder der Moskauer Bolschewiki festgetellt, dass die Partei, auch wenn sie bis 1905 &#252;berwiegend von der </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> dominiert war, „ihre soziale Zusammensetzung [nach 1905] so radikal ver&#228;nderte, dass die Bolschewiki 1917 ehrlicherweise behaupten konnten, einen Gro&#223;teil der arbeitenden Bev&#246;lkerung zu repr&#228;sentieren.“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> Das rasante Wachstum der Organisation<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> bedingte nat&#252;rlich auch innerhalb der bolschewistischen Partei intensive strategische Debatten. Aber weil die Bolschewiki organisch in der Bewegung verankert waren und eine Tradition scharfer innerer Auseinandersetzung hatten, konnten sie im Herbst klare Positionen formulieren.<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Degeneration<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Freilich markiert der Umsturz in Petrograd am 25. Oktober erst den Beginn und nicht das Ende der Revolution. Die Durchsetzung der revolution&#228;ren Transformation in anderen russischen St&#228;dten zog sich teilweise noch bis ins Fr&#252;hjahr 1918 und glitt nahtlos in den B&#252;rgerkrieg &#252;ber, der eigentlich bereits mit dem Kornilov-Putsch im August er&#246;ffnet war. Der Prozess der B&#252;rokratisierung im Laufe der 1920er Jahre, der schlie&#223;lich in der Etablierung einer staatskapitalistischen Diktatur im ersten F&#252;nf-Jahres-Plans kulminierte, kann hier nicht weiter diskutiert werden. Diese Geschichte bleibt einem Aufsatz in einer der n&#228;chsten Ausgaben von </span><em>Perspektiven</em></p>
<p><span lang="DE"> vorbehalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. Edward Acton: The Revolution and its Historians, in: ders. u.a. (Hg.): Critical companion to the Russian Revolution 1914-1921, Bloomington 1997, S. 3-17</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ronald Grigor Suny: Revising the old story. The 1917 revolution in light of new sources, in: Daniel H. Kaiser (Hg.): The Workers’ Revolution in Russia, 1917. The View from Below, Cambridge 1987, S. 1-19, hier S. 3</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Diane P. Koenker: Moscow in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 81-97, hier S. 86</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Richard Pipes, nicht zuf&#228;llig ehemaliges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat der US-Regierung, oder Martin Malia.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Am deutlichsten bei Orlando Figes oder Robert Service. Der R&#252;ckzug vieler SozialhistorikerInnen hat auch mit der Inkonsequenz ihrer Ablehnung der Kontinuit&#228;tsthese zu tun, da sie die stalinisierte UdSSR immer noch als, wenn auch b&#252;rokratisierte, Erbin der Revolution von 1917 begriffen. (vgl. Mike Haynes: Social history and the Russian Revolution, in: John Rees (Hg.): Essays on Historical Materialism, London 1998, S. 57-80)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Mike Haynes (Russia. Class and Power 1917-2000, London 2002, S. 22) sch&#228;tzt die ArbeiterInnenklasse im weitesten Sinn 1914 auf 15-20 Prozent der Bev&#246;lkerung.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> In den USA ca. ein Drittel, in Europa noch weniger. 1914 waren in den Putilov-Werken, dem gr&#246;&#223;ten Metallbetrieb Petrograds, 13.000, 1917 sogar 30.000 Menschen besch&#228;ftigt. Die starke Konzentration der ArbeiterInnenklasse mag mit den niedrigen L&#246;hnen russischer ArbeiterInnen erkl&#228;rt werden, die die arbeitsintensive Substitution teurer Maschinen beg&#252;nstigte, ebenso wie mit der Knappheit von gut ausgebildetem technischen und Verwaltungspersonal.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. Bd. 1. Februarrevolution, Frankfurt am Main 1973, S. 390</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> James H. Bater: St. Petersburg and Moscow on the eve of revolution, in: Kaiser, a.a.O., S. 20-57</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Trotzkis Konzept geht davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Ru&#223;land nicht als autonomer Prozess verstanden werden kann, sondern sich im Kontext der Integration der russischen Wirtschaft in die globale kapitalistische &#214;konomie vollzog. Daraus erkl&#228;ren sich die charakteristischen Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung, sowohl geographisch, sektoral als auch sozial: unterschiedliche Regionen des Landes, Wirtschaftsbereiche und Klassen(fraktionen) entwickelten sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zugleich interagierten moderne und traditionale, dynamische und statische Entwicklungsformen und kombinierten sich, in Trotzkis Worten, zu einem „Amalgam archaischer und neuzeitlicher Formen“ (Trotzki, a.a.O, S. 19). Beispiel: der geringe Kapitalisierungsgrad der russischen Landwirtschaft beschr&#228;nkte die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Maschinen und chemischen D&#252;ngemitteln. Vorm Hintergrund der Konkurrenz ausl&#228;ndischen Kapitals forcierten die russischen Industriellen in diesen Sektoren eine Politik der Schutzz&#246;lle und monopolistischen Praktiken, die Preise hoch hielt und so die R&#252;ckst&#228;ndigkeit der Landwirtschaft noch verst&#228;rkte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Leopold H. Haimson: “The Problem of Political and Social Stability in Urban Russia on the Eve of War and Revolution” Revisited, in: <em>Slavic Review</em> 59 (2000), S. 848-875</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Zum russischen Liberalismus vgl. Mike Haynes: Was there a parliamentary alternative in Russia in 1917?, in: <em>International Socialism</em> 76 (1997), S. 3-66; Mike Haynes: Liberals, Jacobins and Grey Masses in 1917, in: ders./Jim Wolfreys (Hg.): History and Revolution. Refuting Revisionism, London, New York 2007, S. 93-117. Zur Revolution 1905 vgl. z.B. die Beitr&#228;ge in <em>Revolutionary History</em> 9:1 (2005)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem westlichen gregorianischen Kalender lag und bis Anfang 1918 in Russland galt.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Steve A. Smith: Petrograd in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 59-79, hier S. 61</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 16</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Steve A. Smith: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, S. 6</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Reed, John: Ten Days that Shook the World, S. 40</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Romanov war der Name der Zaren-Dynastie, Rasputin ein einflussreicher Prediger, „Wunderheiler“ und Berater am Hof des Zaren.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Boris Ivanovich Kolonitskii: “Democracy” in the Political Consciousness of the February Revolution, in: <em>Slavic Review</em> 57 (1998), S. 95-106, hier S. 96. Ein verwundeter russischer Soldat stellte etwa den Antrag, seinen Namen von „Romanov“ in „Demokratov“ zu &#228;ndern.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Haynes: Alternative, a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Insgesamt entstanden 1917 in ganz Russland 2.151 Fabrikskomitees, 687 davon in Betrieben mit mehr als 200 ArbeiterInnen. (Haynes: Russia, a.a.O., S. 24)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Dar&#252;ber hinaus organisierten die Fabrikskomitees auch die Lebensmittelversorgung in den Bezirken, Bildungs- und Kulturaktivit&#228;ten, Kampagnen gegen Alkoholmissbrauch usw.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95 Anm. 2</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Insgesamt gab es im April ca. 700, im Oktober 1.429 Sowjets (455 davon B&#228;uerInnensowjets). (Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 17) Der Petrograder Sowjet alleine umfasste 3.000 Delegierte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 25</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Zit. n. ebd., S. 27. Auf der anderen Seite schrieb Steklov, Redakteur der Zeitung des Petrograder Sowjets und Mitglied in der „Kontaktkommission“, die zwischen Sowjet und Regierung vermittelte: „Denkt daran, dass ihr, wenn wir es wollen, schlagartig nicht mehr existiert, da ihr keine unabh&#228;ngige Bedeutung und Autorit&#228;t besitzt.“ (zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 14) Au&#223;erhalb Petrograds war die Situation noch deutlicher: die lokalen Regierungsorgane, die „Komitees f&#252;r &#246;ffentliche Sicherheit“, waren von Beginn an von den Sowjets kontrolliert, teilweise sogar von diesen ins Leben gerufen worden. Ronald Suny kommt daher in seiner Studie &#252;ber die Revolution in Tiflis und Baku zum Schluss: „soviet power existed except in name“. (zit. n. Donald J. Raleigh: Political power in the Russian revolution. A case study of Saratov, in: Edith Rogovin Frankel u.a. (Hg.): Revolution in Russia. Reassessments of 1917, Cambridge 1992, S. 34-53, hier S. 43) In vielen Provinzst&#228;dten betrafen die eigentlichen Fragen politischer Macht daher weniger die Macht&#252;bernahme der Sowjets als die Debatten zwischen den politischen Kr&#228;ften innerhalb der Sowjets um deren Funktion und Aufgaben: als Kontrollorgane der b&#252;rgerlichen Regierung oder als institutionelle Form proletarischer Macht. (Ebd., S. 40)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Zit. n. Smith: Petrograd, S. 62<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Zit. n. ebd.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Zit. n. Haynes: Russia, a.a.O., S. 28. Nach 1989 haben einige Linke diese Argumentation, die im Wesentlichen schon von Kautsky und Plechanow formuliert worden waren, wieder aufgegriffen. (z.B. Eric Hobsbawm) Zur Kritik vgl. schon Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven (1906)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 66</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Wladimir I. Lenin: &#220;ber die Aufgaben des Proletariats in der gegenw&#228;rtigen Revolution, in: Werke. Bd. 24, Berlin <sup>4</sup>1974, S. 1-8, hier S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 29<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Suny: Revising, a.a.O., S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 91</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a> Diane P. Koenker/William G. Rosenberg: Strikes and Revolution in Russia, 1917, Princeton 1989, S. 328</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a> Smith: Revolution, a.a.O., S. 31<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 94</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a> Das mag auch damit zu tun haben, dass diese ArbeiterInnen von der ersten Runde der Lohnerh&#246;hungen im M&#228;rz und April nicht oder nur wenig profitiert hatten. Als sie nun im Sommer ihre Forderungen aufstellten waren die Fronten bereits verh&#228;rteter und der Widerstand der Industriellen sch&#228;rfer.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a> Steve A. Smith: Craft Consciousness, Class Consciousness: Petrograd 1917, in: <em>History Workshop Journal</em> 11 (1981), S. 33-58</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a> Zit. nach Derek Howl: The Russian Revolution, in: <em>International Socialism</em> 62 (1994), S. 129-146</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a> Zit. n. Alexander Rabinowitch: Prelude to Revolution. The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising, Bloomington 1991, S. 188</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 69; m. Hv.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a> William G. Rosenberg: Liberals in the Russian Revolution. The Constitutional Democratic Party, 1917-1921, Princeton 1974, S. 250</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a> Zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 30</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a> Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 35f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a> Rex A. Wade: The Red Guards. Spontaneity and the October Revolution, in: Frankel, a.a.O., S. 54-75, hier S. 66f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a> Wladimir I. Lenin: An die Bev&#246;lkerung, in: Werke. Bd. 26, Berlin 1961, S. 293-295, hier S. 294</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a> Zum Folgenden vgl. John Eric Marot: Class Conflict, Political Competition and Social Transformation. Critical Perspectives on the Social History of the Russian Revolution, in: <em>Revolutionary Russia</em> 7 (1994), S. 111-163. Vgl. auch die Repliken von Smith und Rosenberg auf Marots Aufsatz in <em>Revolutionary Russia</em> 8:1 (1995) und 9:1 (1996).<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a> Ebd., S. 113<br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a> Ebd., S. 117</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a> Vgl. den Artikel zu Gramsci in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a> Deutlich formuliert etwa in den Rundbriefen des menschewistischen Arbeitsministers Skobelev.<br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a> Marot, a.a.O., S. 120</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a> Alexander Rabinowitch hat in The Bolsheviks Come to Power, The Revolution of 1917 in Petrograd (London 2004 [1976]) auch &#252;berzeugend herausgearbeitet, dass die bolschewistische Partei 1917 eine lose strukturierte Organisation gewesen ist, in der das Zentralkomitee erstaunlich wenig Einfluss auf die Parteiorganisationen in der Provinz und in anderen St&#228;dten hatte. Dar&#252;berhinaus sei auch die vielbeschworene Parteidisziplin ein Mythos: in jeder entscheidenden Frage gab es scharfe Widerspr&#252;che und Auseinandersetzungen. „Die Partei war 1917 durch lebhafte Debatten, interne Demokratie und erhebliche Flexibilit&#228;t in ihrem Verh&#228;ltnis zu den Massen charakterisiert.” (Smith: Petrograd, a.a.O., S. 78)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a> William J. Chase/J. Arch Getty: The Moscow Bolshevik Cadres of 1917. A Prosopographic Analysis, in: <em>Russian History</em> 5 (1978), S. 84-105, hier 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a> Die Petrograder Parteiorganisation z&#228;hlte im Februar 2.000 Mitglieder, im April 16.000 und 32.000 Ende Juni: insgesamt waren in der bolschewistischen Partei in ganz Ru&#223;land im M&#228;rz 10.000 ArbeiterInnen organisiert, 400.000 im Oktober.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a> Der Kontrast zu den Menschewiki ist in diesem Zusammenhang instruktiv. Die moderaten sozialistischen Parteien erwiesen sich als unf&#228;hig, eigenst&#228;ndige theoretische und strategische Position zu formulieren, die die Dynamik der Ereignisse und den Charakter der Krise reflektierten. „Stattdessen blieben sie in einer Argumentation stecken, die sich nicht &#252;ber die Vorkriegszeit hinausbewegte.“ (Haynes: Alternative, a.a.O., S. 40) Die substitutionistische Konzeption, die b&#252;rgerlich-demokratische Revolution <em>anstatt</em> der Bourgeoisie vollenden zu m&#252;ssen, erwies sich sp&#228;testens in der polarisierten Situation im August als ungangbar und erzeugte enorme Spannungen innerhalb der Partei.</p>
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