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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Kroatien</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Im Osten nichts Neues</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. Maria aus der Ukraine und Stipe aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews1 &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.

K&#246;nnt ihr zu Beginn einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. <em>Maria</em> aus der Ukraine und <em>Stipe</em> aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.<br />
<span id="more-1658"></span></p>
<p><em>K&#246;nnt ihr zu Beginn einen kurzen &#220;berblick &#252;ber die derzeitige Lage in euren L&#228;ndern geben? Maria, wie stark ist die Ukraine von der Krise betroffen?</em></p>
<p>Maria: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewaltige Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation in der Ukraine. Einige Zahlen verdeutlichen dies eindrucksvoll: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 16% auf jetzt 2.500 US-Dollar. Die industrielle Produktion verzeichnete von 2007 bis 2008 einen R&#252;ckgang von fast 29%. &#196;hnlich wie in anderen L&#228;ndern ist auch in der Ukraine der Immobilienmarkt von den Folgen der Krise besonders stark betroffen, in Kiew fielen die Preise um rund 50%. F&#252;r einen gewissen Zeitraum vergaben Banken &#252;berhaupt keine Kredite mehr.<br />
Gleichzeitig hat sich die Situation bei den Staatsfinanzen weiter zugespitzt, die Staatsverschuldung ist sehr hoch. Weil sich der Wechselkurs der <em>Hrywnja</em>, der ukrainischen W&#228;hrung, dramatisch verschlechtert hat, sanken die Nominall&#246;hne, w&#228;hrend jedoch die Preise weiter anstiegen. Das hat zu wachsender Armut gef&#252;hrt, z. B. fiel der monatliche Durchschnittslohn von knapp 350 US-Dollar im Jahr 2008 auf jetzt etwa 240 US-Dollar. Au&#223;erdem reagierten die von der Krise betroffenen Unternehmen vor allem mit Entlassungen. Viele Menschen verlie&#223;en daraufhin die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte und kehrten in ihre Heimatorte zur&#252;ck. Die Inflation und der schnelle Preisanstieg f&#252;r Konsumg&#252;ter bedeuteten eine Entwertung der L&#246;hne und Ersparnisse der Menschen, was zu einem allgemeinen R&#252;ckgang des Lebensstandards f&#252;hrte. Einen guten Eindruck von der aktuellen Situation der ukrainischen Bev&#246;lkerung vermitteln die Statistiken des Meinungsforschungsinstituts <em>FOM-Ukraine</em>: Laut einer Untersuchung vom April 2010 mussten 45% der Befragten ihre Ausgaben f&#252;r t&#228;gliche Gebrauchsartikel und 18% jene f&#252;r Medikamente k&#252;rzen; 18% waren von versp&#228;teten Lohnzahlungen, 8% von Lohnk&#252;rzungen und 3% von Entlassungen betroffen.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><em>Ist die Situation in Kroatien &#228;hnlich?</em></p>
<p>Stipe: Grunds&#228;tzlich schon. Gerade die Semiperipherie innerhalb<br />
der EU – also die sogenannten PIIGS-Staaten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und die L&#228;nder des ehemaligen „Ostblocks“ – haben ja mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu k&#228;mpfen, so auch Kroatien. Der R&#252;ckgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,8%<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Jahr 2009 ist daf&#252;r das deutlichste Zeichen. Auf einer grundlegenderen Ebene w&#228;re es allerdings falsch, die aktuellen Entwicklungen als qualitativen Bruch gegen&#252;ber den vorangegangen Perioden des „&#220;bergangs“ (zum Kapitalismus) und der „Integration“ (in die kapitalistische Weltwirtschaft) zu sehen. Eher handelt es sich um die Fortsetzung langfristiger &#246;konomischer, sozialer und politischer Prozesse. Diese haben sich zwar seit dem Verfall Jugoslawiens beschleunigt, begannen jedoch bereits in den sp&#228;ten 1980er Jahren unter der Regierung Markovi&#196;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> mit den vom IWF aufgezwungenen marktorientierten Wirtschaftsreformen. Jeffrey Sachs6 war damals ein wichtiger Berater. Der zus&#228;tzliche Druck durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart und versch&#228;rft lediglich die strukturelle Zerbrechlichkeit und Widerspr&#252;chlichkeit dieser seit einigen Dekaden andauernden Prozesse.</p>
<p><em>Worin bestehen denn deiner Ansicht nach diese Widerspr&#252;che? Wie sah das &#246;konomische Entwicklungsmodell Kroatiens in den letzten 20 Jahre aus?</em></p>
<p>S: Kroatien ist nicht China, nicht einmal die Slowakei (mit ihrer inzwischen selbst problematisch gewordenen, exportorientierten Autoindustrie). Auch wenn von unseren politischen Eliten ausl&#228;ndische Direktinvestitionen st&#228;ndig als <em>deus ex machina</em>-L&#246;sung f&#252;r Kroatiens wirtschaftliche Entwicklung beschworen werden, finden kaum <em>greenfield investments</em> von Seiten des westlichen Kapitals statt. Dort, wo es zu ausl&#228;ndischen Investitionen kommt, bestehen diese typischerweise in der &#220;bernahme von bereits existierenden Produktionskapazit&#228;ten. In solchen F&#228;llen kommt es statt eines Ausbaus der Produktion und der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze fast immer zu Personalabbau und Formen der „Rationalisierung“. Ein typisches Beispiel hierf&#252;r ist die Privatisierung des nationalen Telekommunikationsmonopolisten HT (Kroatische Telekom). Nachdem zuvor die unprofitable <em>Hrvatska pošta</em> (Kroatische Post) abgespalten wurde, konnte der K&#228;ufer – die <em>Deutsche Telekom</em> – nicht nur die Kosten der &#220;bernahme innerhalb eines Jahres amortisieren. Um seine Profite weiter zu maximieren, begann die Telekom vielmehr recht bald, Personal abzubauen und die verbliebenen Angestellten zus&#228;tzlich zu belasten. Ein weiterer aufschlussreicher Fall ist die Privatisierung des Pharmazieunternehmens <em>Pliva</em>. Kurz nachdem es an ausl&#228;ndische Wettbewerber verkauft wurde, entschieden die neuen BesitzerInnen, die Produktionsst&#228;tten und Labore zu schlie&#223;en und – um die bis dahin treue Kundschaft nicht zu verlieren – nur den Markennamen beizubehalten. Viele andere ehemalige Staatsunternehmen erlitten &#228;hnliche Schicksale oder kollabierten unter dem Druck eines (neo-)liberalen Handelsregimes, das billige Importe gegen&#252;ber inl&#228;ndischen Industrieprodukten bevorzugt.<br />
Die einzige Industrie, die seit der Unabh&#228;ngigkeit Kroatiens geboomt hat, war die Baubranche. Dies ist haupts&#228;chlich das Ergebnis einer schuldenfinanzierten Immobilienblase. Der kroatische Banksektor befindet sich zu 95% in ausl&#228;ndischer – vorwiegend &#246;sterreichischer und italienischer – Hand. Ein gro&#223;er Teil der Privatschulden besteht aus Hypotheken, so dass steigende Zinsen Zahlungsausf&#228;lle und sinkende Immobilienpreise zufolge haben w&#252;rden, was wiederum die Banken hart treffen w&#252;rde. Die Effekte auf das Baugewerbe w&#252;rden unvermeidlich zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Laut Angaben der kroatischen Zentralbank, der HNB, lag die Arbeitslosenrate der 15 bis 64 j&#228;hrigen 2009 bei 9,7%. Demgegen&#252;ber beziffert das <em>CIA World Factbook</em> die Rate f&#252;r das selbe Jahr auf 16,1%<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, was der Einsch&#228;tzung von RegierungskritikerInnen n&#228;her kommt. Grunds&#228;tzlich sind die Arbeitslosenzahlen kroatischer Institutionen mit Vorsicht zu genie&#223;en, weil die Verringerung der Arbeitslosigkeit hierzulande gerne statistischen Zauberk&#252;nsten &#252;berlassen wird. Hier scheint der Einfallsreichtum unserer Eliten unbeschr&#228;nkt.<br />
In jedem Fall hatten der Verlust von Eink&#252;nften aus der Gewinnr&#252;ckf&#252;hrung der ehemaligen Staatsunternehmen sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der De-Industrialisierung, die wegen des Drucks ausl&#228;ndischer Konkurrenz voranschreitet, ernste Konsequenzen f&#252;r den Haushalt. Dar&#252;ber hinaus leidet Kroatien seit seiner Unabh&#228;ngigkeit an einem stetigen Leistungsbilanzdefizit. Unter diesen Bedingungen wurden sowohl die Sozialausgaben als auch der Privatkonsum zunehmend schuldenfinanziert. Die vorhersehbare Folge war der Anstieg der Auslandsverschuldung um mehr als 400% in nur einem Jahrzehnt: Von 10 Milliarden Euro 1999 auf 43 Milliarden im Jahr 2009. Ausgedr&#252;ckt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erreichten die kroatischen Schulden 2009 ein neues Hoch von 94,9%. Weil diese Anh&#228;ufung von Schulden nicht genutzt wurde, um Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen oder Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, entfaltet sie kaum nachhaltige Wirkung. &#220;berzeugte Neoliberale greifen unerm&#252;dlich auf diesen Sachverhalt zur&#252;ck, wenn sie nach radikalen Sparma&#223;nahmen bei den Sozialausgaben und eine K&#252;rzung der L&#246;hne fordern. Letzteres sei unabdingbar, damit Kroatiens Exporte auf dem Weltmarkt konkurrenzf&#228;hig sein k&#246;nnten.<br />
Die H&#246;he der angeh&#228;uften Schulden in Fremdw&#228;hrungen macht ein alternatives Vorgehen – wie etwa die Abwertung der nationalen W&#228;hrung (<em>kuna</em>) – praktisch unm&#246;glich. Au&#223;er man w&#252;rde zuvor nach argentinischem Vorbild den Staatsbankrott erkl&#228;ren, was wiederum f&#252;r Privatschuldner schwere Auswirkungen haben k&#246;nnte. Wie auch immer, allein schon die Diskussion &#252;ber eine politische Wende dieser Art ist gegenw&#228;rtig eine &#220;bung in &#246;konomischer Science-Fiction. Selbst rein hypothetisch w&#252;rde keine einzige kroatische Partei eine solche M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, sei es auch nur als Worst-Case-Szenario (und selbst wenn, w&#228;re die Unabh&#228;ngigkeit der Zentralbank ein weiteres Hindernis). Alle Hoffnungen richten sich noch immer auf eine zuk&#252;nftige EU-Mitgliedschaft. Dann, so die Annahme, w&#252;rden unter der wohlgesinnten Autorit&#228;t von Br&#252;ssel alle Probleme gel&#246;st, die derzeit unl&#246;sbar scheinen.</p>
<p><em>Stichwort Neoliberalismus und EU. Wurde die Krise in Kroatien als Gelegenheit wahrgenommen, neoliberale Politiken zu verankern? Welche Rolle &#252;bt die EU gegenw&#228;rtig aus?</em></p>
<p>S: Die Krise hat einen willkommenen Vorwand geliefert, den Druck hinsichtlich einer Vertiefung neoliberaler Umstrukturierungen und der K&#252;rzung staatlicher Sozialausgaben zu erh&#246;hen. Die lokalen VerfechterInnen einer neoliberalen Sparpolitik k&#246;nnen diesbez&#252;glich auf die Unterst&#252;tzung der EU-Kernstaaten sowie auf die aktuellen programmatischen Erkl&#228;rungen der G20 bauen. In der Vergangenheit haben die neoliberalen PuristInnen immer wieder das „mangelnde Engagement“ der Regierung zur angeblich notwendigen „vollst&#228;ndigen Sanierung“ beklagt. Das Dr&#228;ngen der EU zu pro-zyklischen Sparma&#223;nahmen hat solchen Forderungen neue Kraft gegeben. Die Bef&#252;rchtung, dass Kroatien seine Schulden vielleicht nicht mehr zur&#252;ckzahlen und so die &#252;berstrapazierten EU-Gl&#228;ubiger dem Bankrott-Risiko aussetzen k&#246;nnte, resultierte in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsausgaben und einer strikteren Fiskalpolitik. Dass die finanziellen Interessen von ausl&#228;ndischen KreditgeberInnen schwerer wiegen als die m&#246;glichen sozialen und makro&#246;konomischen Konsequenzen f&#252;r das Land selbst und den Gro&#223;teil seiner Bev&#246;lkerung, ist aber keine kroatische Besonderheit; es macht vielmehr etwas Grundlegendes &#252;ber die Form der Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft deutlich: Wie viele andere osteurop&#228;ische L&#228;nder befindet sich auch Kroatien in einer Position neokolonialer Abh&#228;ngigkeit und Unterordnung und stellt f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital eine Quelle finanzieller Rente dar.</p>
<p><em>Welchen Einfluss nehmen internationale Akteure in der Ukraine? Hat das Land in der Krise externe „Hilfe“ in Anspruch genommen?</em></p>
<p>M.: In der Hochphase der Krise wandte sich die ukrainische Nationalbank an den Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und nahm einen Kredit &#252;ber 16,5 Milliarden US-Dollar auf. Bereits 2008 hatte die Regierung unter der damaligen Ministerpr&#228;sidentin Julia Timoschenko<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> auf solche Kredite zur&#252;ckgegriffen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Im Juli 2010 gew&#228;hrte der IWF au&#223;erdem noch eine so genannte Bereitschaftskreditvereinbarung &#252;ber 15,5 Milliarden US-Dollar zur Unterst&#252;tzung des Reform- und Wirtschaftsanpassungsprogramms der Regierung. Zwar behauptet der IWF in seiner Selbstdarstellung immer wieder, er wolle die Armen, Arbeitslosen und sozial Schw&#228;chsten sch&#252;tzen und ein betr&#228;chtlicher Anteil seiner Kredite diene der Sicherstellung einer fristgerechten Auszahlung von L&#246;hnen und Renten. Ich bin aber skeptisch, ob das Geld tats&#228;chlich die Menschen erreichen wird, die von der Krise betroffenen sind.<br />
Grunds&#228;tzlich ist die Situation in der Ukraine stark von ihrer geopolitischen Position zwischen der EU und Russland beeinflusst. Entsprechend ist auch das politische System des Landes stark polarisiert. Vereinfacht kann von einer pro-russischen, einer pro-westlichen sowie einer nationalistisch westlichen Position gesprochen werden. Vor allem w&#228;hrend der Pr&#228;sidentschaft von Wiktor Juschtschenko<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, dessen Partei <em>Nasha Ukayina</em> („Unsere Ukraine“) ebenso vom „Westen“ unterst&#252;tzt wurde, wie sp&#228;ter Julia Timoschenko und ihre Partei <em>Bat’ kivshchyna</em> („Vaterland“), wurde im Land eine pro-„westliche“ Haltung vorangetrieben: Mit der Perspektive des EU-Beitritts versuchte das Land, die &#214;konomie auszubauen und das politische System zu restrukturieren. Im Transformationsprozess hatte die EU schon in der Vergangenheit eine Schl&#252;sselrolle gespielt, gegenw&#228;rtig ist sie auch die gr&#246;&#223;te Handelspartnerin der Ukraine. Weil die EU in der Ukraine eine potentielle strategische Partnerin sieht und ein gro&#223;es wirtschaftspolitisches Interesse an der Stabilisierung des Landes hat, gew&#228;hrte die EU-Kommission in der Krise einen Kredit &#252;ber 500 Millionen Euro. Basierend auf bestehenden Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU wird zeitgleich die Schaffung und Ausweitung einer Freihandelszone weiter vorangetrieben. Welche Auswirkungen dies auf die Bev&#246;lkerung haben wird, bleibt jedoch offen. Umgekehrt h&#228;lt auch Russland die Ukraine f&#252;r eine Region, in der es seinen imperialistischen und politischen Einfluss zeigen kann. Weil jedoch zumindest unter Juschtschenko die Weichen aber in Richtung EU gestellt wurden, setzte die russische F&#252;hrung in der j&#252;ngeren Vergangenheit zunehmend auf Methoden des &#246;konomischen und politischen Drucks. So ereignete sich auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise genau w&#228;hrend der so genannten „Gaskriege“. Damit meine ich die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen &#214;l- und Gasfirma <em>Naftohaz Ukrainy</em> und dem russischen Gasanbieter <em>Gazprom </em>&#252;ber nat&#252;rliche Gasvorkommen sowie die Gaspreise und -schulden aus den Jahren 2005–2009. In j&#252;ngster Zeit hat sich das Verh&#228;ltnis der Ukraine zu Russland aber wieder verbessert, so dass zwar der Druck ab-, die russischen Interventionen in die Innenpolitik jedoch zugenommen haben. Dies liegt nicht zuletzt am Sieg von Viktor Yanukovych<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> und seiner Partiya Regioniv („Partei der Regionen“) bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang 2010. Er wird den pro-russischen Kr&#228;ften zugerechnet und aufgrund seiner Politik in der Frage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit h&#228;ufig als legitimer Nachfolger der autorit&#228;ren Regierung von Leonid Kuchma<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> bezeichnet. Indem er unter der F&#252;hrung seiner <em>Partei der Regionen</em> im Parlament eine neue Koalition gebildet hat, konnte Yanukovych seine Macht schnell konsolidieren. Au&#223;erdem ernannte der Pr&#228;sident neue MinsterInnen, die z&#252;gig begannen, in der Wirtschaftspolitik sowie im Bildungsbereich Reformen voranzutreiben. Viele der Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, Ver&#228;nderungen wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen, die zuvor von der Regierung Juschtschenko vorgenommen wurden. Einige der bedeutendsten Ma&#223;nahmen umfassen neben der Einschr&#228;nkung der Presse- und Versammlungsfreiheit (es gibt Berichte &#252;ber politischen Druck auf einige TV-Sender sowie &#252;ber die Bedrohung und das Verschwinden von JournalistInnen) bildungs- und sozialpolitische Felder: So wurde etwa die Zahl geb&#252;hrenfreier Studienpl&#228;tze reduziert. Auch plant die Regierung, Ende des Jahres das Pensionsalter f&#252;r Frauen per Gesetz von 55 auf 60 Jahre anzuheben und in den n&#228;chsten Monaten das Steuersystem grundlegend zu &#252;berarbeiten. Au&#223;erdem sollen die staatlichen Anteile an <em>Ukrtelekom </em>– dem ukrainischen Telekommunikationsunternehmen – verkauft werden.</p>
<p><em>Damit scheint sich ein Muster aus der Vergangenheit zu wiederholen…</em></p>
<p>M.: Ja, in der Ukraine bestand im Zuge des &#220;bergangs vom sowjetischen Modell zur Marktwirtschaft eine der sichtbarsten und folgenreichsten Ver&#228;nderungen in der Privatisierung wichtiger Teile der nationalen &#214;konomie. Die Interessen der ArbeiterInnenklasse wurden seit 1991 fast v&#246;llig au&#223;er Acht gelassen. Infolge der schwachen staatlichen Kontrolle kam es gleichzeitig zu einer massiven Anh&#228;ufung von Kapital, von der einige wenige Unternehmen auf legale und illegal Weise profitierten. Die neuen Privatunternehmen konnten ihre Profite in diesem Kontext v.a. ab 1993 deutlich steigern. In der Zeit von 1995 bis 1998 wurden ca. 50.000 Objekte privatisiert; der Anteil staatlicher Unternehmen an der industriellen Produktion sank von 85% im Jahr 1992 auf 18,2% im Jahr 2003. Strategisch wichtige Unternehmen wurden zwar zun&#228;chst mit staatlichen Mitteln unterst&#252;tzt. Sobald sie jedoch Profite abwarfen, wurden auch diese Unternehmen, etwa <em>Kryvorizhstal</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, privatisiert –inklusive zahlreicher Korruptionsskandale. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise waren Lohnsenkungen sowie die massenhafte Entlassung von ehemaligen StaatsarbeiterInnen.<br />
Trotz der weitreichenden Korruption, der Abwesenheit einer politischen F&#252;hrung und dem Fehlen l&#228;ngerfristiger Konzepte f&#252;r die Probleme des Landes wurden im Transformationsprozess aber auch manche Fortschritte erzielt, v.a. im Bereich der Meinungsfreiheit. Dies zeigte sich etwa w&#228;hrend und nach der so genannten <em>Orangenen Revolution</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> von 2005.</p>
<p><em>In welchem Licht erscheint der kroatische Transformationsprozess in der R&#252;ckschau?</em></p>
<p>S: Die aktuelle Situation enth&#228;lt eine Menge Indikatoren f&#252;r die umfassenden und mittlerweile weit fortgeschrittenen, neoliberalen Umstrukturierungsma&#223;nahmen, die bislang von jeder kroatischen Regierung mitgetragen wurden – ungeachtet deren rhetorischen Differenzen und ideologischen Bekenntnissen. Diese Kontinuit&#228;t ist nicht nur ein Hinweis auf den Opportunismus, der sich durch das gesamte politische Establishment zieht, sondern verweist auch auf die objektiven Grenzen staatlicher Souver&#228;nit&#228;t. Die grundlegende politische Ausrichtung stand im Einklang mit den Vorschriften des <em>Washington Consensus:</em> Monetarismus, Privatisierung, Handelsliberalisierung, Deregulierung, Steuersenkungen f&#252;r das Kapital. Die Kontinuit&#228;t war nicht zuletzt das Resultat des Drucks internationaler Institutionen – am deutlichsten sichtbar zun&#228;chst anhand der Rolle des IWF. Die Unterordnung unter die politischen Vorgaben des „Westens“ blieben weitestgehend unhinterfragt. Dies ist auf den &#252;berw&#228;ltigenden Konsens &#252;ber die Attraktivit&#228;t und Unvermeidbarkeit der „Integration in den Westen“, d. h. einer Mitgliedschaft in NATO und EU, zur&#252;ckzuf&#252;hren.</p>
<p><em>Was liegt diesem Konsens zugrunde?</em></p>
<p>S: Die Annahme, dass eine vollst&#228;ndige Integration automatisch zu jenem Lebensstandard f&#252;hre, den man mit dem H&#246;hepunkt der „westlichen“ Wohlfahrtsstaaten verbindet. Da die westlichen Zentren der Macht hierzulande zudem von der Aura einer <em>a-priori-</em>Legitimit&#228;t umgeben sind, bietet dieses imagin&#228;re Ziel immer noch Platz f&#252;r Forderungen nach weiteren Strukturanpassungsma&#223;nahmen, unabh&#228;ngig von deren sozialen und &#246;konomischen Folgen. In absolutem Einklang mit der neoliberalen Orthodoxie lautet die implizite Formel: Heutige Entbehrungen sind die notwendige Voraussetzung f&#252;r zuk&#252;nftigen Wohlstand.<br />
Die Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat innerhalb der EU selbst den neoliberalen Attacken ausgesetzt ist, entkr&#228;ftet die ideologische Wirkungskraft dieses Narrativs in keiner Weise. Weder die sozialen Konsequenzen des Lissabon Vertrags und die weitere Vertiefung dessen, was liberale KommentatorInnen als „Demokratie-Defizit“ der EU bezeichnen, noch die Krise der Eurozone, die Griechenland-Krise und ihr Zusammenhang mit der Unnachgiebigkeit der merkantilistischen Politik Deutschlands – nichts dergleichen wurde in den Medien kritisch beleuchtet oder konnte in irgendeiner Art und Weise das Bekenntnis der politischen Eliten zum Ziel einer EU-Mitgliedschaft abschw&#228;chen.<br />
Dar&#252;ber hinaus sollten auch jene Umfragen, die nahe legen, dass der Enthusiasmus f&#252;r eine EU-Mitgliedschaft in der kroatischen Bev&#246;lkerung sinkt, nicht &#252;berbewertet werden: Zum einen werden derartige Positionen nicht im Parlament repr&#228;sentiert. Und zum anderen haben der lange Aufschub und die stetig neuen Anforderungen, die an Kroatien als Bedingung f&#252;r die Mitgliedschaft gestellt werden, in der Bev&#246;lkerung in gewissem Ma&#223;e zur Verbreitung eines m&#252;den Zynismus gef&#252;hrt. Dieser ist wohl auch mit einer Brise kollektiver, narzistischer Verletzung angereichert, weil mit Rum&#228;nien und Bulgarien zwei Staaten der EU bereits beitreten konnten, die einen solchen Beitritt aufgrund ihrer &#246;konomischen Situation vermeintlich nicht verdient haben. Da im Falle eines Referendums mit intensiven Kampagnen der Medien und aller gr&#246;&#223;eren Parteien zugunsten der Mitgliedschaft zu rechnen w&#228;re, bleibt eine tats&#228;chliche Ablehnung des EU-Beitritts jedoch unwahrscheinlich.</p>
<p><em>Gibt es neben solchen eher tristen Entwicklungen, wie ihr sie jetzt nachgezeichnet habt, auch Positives zu berichten? Gibt es Beispiele f&#252;r soziale K&#228;mpfe oder Widerstand, der sich formiert?</em></p>
<p>M.: Das h&#228;ngt davon ab, was man als positiv bezeichnen m&#246;chte. In den Medien gibt es zwar einige kritische Stimmen zur Auslandsverschuldung der Ukraine, aber davon scheinen die Herrschenden relativ unbeeindruckt. Au&#223;erdem ist noch v&#246;llig unklar, wie die „Reformen“, &#252;ber die der amtierende Pr&#228;sident derzeit spricht, genau aussehen werden. Zudem w&#228;chst im Land die Zustimmung f&#252;r die relativ junge, rechtsgerichtete Partei <em>Svoboda</em>. Aktuellen Umfragen zufolge kommt sie in einigen Regionen im Westen bei Lokalwahlen auf 25%–33%.</p>
<p>S: Gezwungen, auf die Forderungen der EU zu reagieren, ver&#246;ffentlichte die konservative Regierung j&#252;ngst ihren Plan zur Konjunkturbelebung, der neoliberale Orthodoxie mit rhetorischen Zugest&#228;ndnissen verband. In den b&#252;rgerlichen Medien wurde daraufhin lamentiert, dass selbst die Umsetzung der „positiven” und „vern&#252;nftigen” Aspekte des Entwurfs sehr unwahrscheinlich sei. Die Reaktion der oppositionellen SozialdemokratInnen war ebenso ablehnend. Anstatt jedoch den grundlegenden neoliberalen Inhalt des Plans zu kritisieren, behaupteten die SozialdemokratInnen einzig, dass die Konservativen ihre Vorschl&#228;ge geklaut h&#228;tten. Kurz darauf k&#252;ndigte die Regierung an, dem Parlament einen Entwurf f&#252;r ein neues Arbeitsgesetz vorzulegen. Die Arbeitsverh&#228;ltnisse sollten noch flexibler und der Schutz der ArbeiterInnen vor Entlassungen noch prek&#228;rer werden – alles im Dienste eines „guten Gesch&#228;ftsklimas“, versteht sich. Die f&#252;r gew&#246;hnlich zerstrittenen und schwerf&#228;lligen Gewerkschaften reagierten umgehend mit einer Petition f&#252;r ein Referendum zu diesem Arbeitsgesetz und sammelten in nur zwei Wochen eine beispiellose Zahl von 900.000 Unterschriften. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, die Umsetzung des Entwurfs zumindest tempor&#228;r auf Eis zu legen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und dem Premierminister f&#252;hrten jedoch zu keiner Einigung. Die frustrierte Regierung zweifelte daraufhin die Rechtm&#228;&#223;igkeit von 500.000 Unterschriften an – ein offensichtliches Beispiel f&#252;r opportunistischen Zynismus, der den Spott der Medien nach sich zog und zu einem w&#252;tenden Aufschrei in der Bev&#246;lkerung f&#252;hrte.<br />
J&#252;ngst hat in Zagreb ein Hungerstreik von Textilarbeiterinnen, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben, zu &#246;ffentlichen Protesten und Solidarit&#228;tsbekundungen von Seite der Studierendenbewegung gef&#252;hrt. Letzte wurde umgekehrt von ArbeiterInnen &#246;ffentlich und auch logistisch unterst&#252;tzt. Gerade die Studierendenbewegung sowie Anti-Gentrifizierungs-AktivistInnen haben sich als die militantesten GegnerInnen dessen erwiesen, was David Harvey „Akkumulation durch Enteignung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> nennt. Auch einige feministische Gruppierungen haben sich den j&#252;ngsten Protesten angeschlossen. Ob diese Aktivit&#228;ten erste Anzeichen f&#252;r das Entstehen einer stabilen und breiten Koalition gegen die neoliberale Politik sind, wird sich erst noch zeigen m&#252;ssen. Die Antwort der Premierministerin Jadranka Kosor – deren Regierung in j&#252;ngster Zeit von Korruptionsaff&#228;ren und personellen Skandalen ersch&#252;ttert wurde – auf die K&#228;mpfe fiel jedenfalls ebenso plump aus wie die der anderen m&#228;chtigen kroatischen PolitikerInnen: Ihren gro&#223;en politischen Weisheiten zufolge sei der Zukunft des Landes besser durch weitere Privatisierungen denn durch Proteste auf den Stra&#223;en und Hungerstreiks gedient. W&#228;hrend ersteres von der EU explizit eingefordert wird, setzt letzteres wohl h&#246;chstens unsere Beitrittschancen in den exklusiven Club der M&#228;chtigen und Reichen aufs Spiel.</p>
<p><em>Maria </em>ist Medienaktivistin in Kiew und Budapest und engagiert sich bei <em>Amnesty International Ungarn</em> sowie dem <em>Morze Infoshop</em> in Budapest (Homepage: <a href="http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update">http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update</a>).</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Filozofski fakultet in Zagreb und in der Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift Zarez und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische</p>
<p><Strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Interview und &#220;bersetzung: Redaktion <em>Perspektiven</em>.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Zahlen sind der Institutshomepage entnommen. Anm. d. &#220;.: Leider ist diese nur auf kyrillisch verf&#252;gbar (unter: http://bd.fom.ru/report/map/ukrain/ukrain_eo/du100430).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Als PIIGS („Schweine“) werden die f&#252;nf EU-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien bezeichnet, denen in der „Eurokrise“ unterstellt wurde, ihnen k&#246;nnte aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung der Staatsbankrott drohen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die meisten Zahlen sind den offiziellen Statistiken der Kroatischen Zentralbank HNB (Hrvatska narodna banka) entnommen. Diese sind online verf&#252;gbar unter: http://www.hnb.hr/statistika/hstatistika.htm<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Ante Markovi&#196; war von 1986 bis 1988 Pr&#228;sident der Sozialistischen Republik Kroatien und von 1989 bis 1991 Premierminister der SFR Jugoslawien.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Anm. d. &#220;bers.: Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer &#214;konom, der u. a. als Berater f&#252;r den IWF, die WTO und die Weltbank t&#228;tig war und derzeit als Sonderberater f&#252;r die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nation fungiert.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/hr.html<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Anm. d. &#220;bers.: Julia Timoschenko war von Januar bis September 2005 und von Dezember 2007 bis M&#228;rz 2010 Premierministerin der Ukraine.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Wiktor Juschtschenko war von Dezember 1999 bis Mai 2001 Ministerpr&#228;sident und von Januar 2005 bis Februar 2010 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Anm. d. &#220;bers.: Viktor Yanukovych war bereits zuvor – von November 2002 bis Dezember 2004 – Premierminister der Ukraine.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anm. d. &#220;bers.: Leonid Kuchma war von Juli 1994 bis J&#228;nner 2005 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Anm. d. &#220;bers.: Das Stahlunternehmen wurde 2005 von der Mittal Steel Company ersteigert und tr&#228;gt seitdem den Namen Mittal Steel Kryviy Rih.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff der „Orangenen Revolution“ werden die Ereignisse rund um die Pr&#228;sidentschaftwahl 2004 in der Ukraine bezeichnet. Nachdem es bei der Wahl zu Wahlf&#228;lschungen gekommen war, protestierte die Bev&#246;lkerung mehrere Wochen lang, bis schlie&#223;lich die Stichwahl wiederholt wurde. In dieser siegte Wiktor Juschtschenko gegen den zuvor zum Sieger erkl&#228;rten Viktor Yanukovych.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey den Umstand, dass die von Marx als „urspr&#252;ngliche“ oder „primitive“ „Akkumulation“ bezeichneten Prozesse der Kapitalakkumulation durch (staatliche) Gewalt und Raub ein zentrales Charakteristikum auch des entwickelten Kapitalismus darstellen (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005, S. 136ff.).</p>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;urkovi&#196; zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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