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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Krieg</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Was war denn das? Der Krieg gegen den Terror</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 11:53:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: Richard Seymour &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.

Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: <em>Richard Seymour</em> &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.<br />
<span id="more-2331"></span><br />
Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror ist zu Ende. K&#246;nnen wir nun, da er vorbei ist, herausfinden was er war?<br />
Im Alltagsverstand der Linken wird der Krieg gegen den Terror als abenteuerliches Projekt zur Neuordnung einer strategisch und energiepolitisch wichtigen Region im Interesse der amerikanischen herrschenden Klasse verstanden. Als Nebeneffekt erlaubte er eine autorit&#228;re  Umr&#252;stung der teilnehmenden Staaten, um gegen GegnerInnen im Inneren unter den Vorzeichen der Terrorismusbek&#228;mpfung vorzugehen – aber die dominante Logik war eine geopolitische, angetrieben durch die Konkurrenz zwischen den USA und potenziellen Rivalen wie China und Russland, die sich um die Kontrolle von Energieressourcen drehte. W&#252;rden die USA die &#214;lquellen kontrollieren, k&#246;nnten sie die &#214;llieferungen an ihre Konkurrenten reduzieren und so deren Wachstum mindern. Jedoch, so das Argument: das Setzen auf milit&#228;rische Macht stellte sich als Fehler heraus, und die USA fanden sich in einer weiter geschw&#228;chten Position wieder. Die Beendigung des Kriegs gegen den Terror stellt einen Strategiewechsel dar, der von „RealistInnen“ innerhalb der Demokratischen Partei wie Zbigniew Brzezinski angezeigt wurde und auf die Festigung US-amerikanischer Hegemonie durch eine St&#228;rkung der Allianzen mit der EU und anderen setzt.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/bush-mission1-300x164.jpg" alt="" title="bush-mission" width="300" height="164" class="alignnone size-medium wp-image-2333" /></p>
<p>Diese Analyse hat ihre St&#228;rken, doch ich m&#246;chte einen anderen Punkt herausstreichen. Wenn der Krieg gegen den Terror ein Versuch war, die US-Hegemonie international zu st&#228;rken, so kann er auch als Anstrengung verstanden werden, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse innerhalb des Landes zu Gunsten der Unternehmen und in Richtung  eines st&#228;rker auf Zwang setzenden Staat zu verschieben. Dieses Vorgehen wurde in zahlreichen entwickelten kapitalistischen Staaten durchgezogen, besonders in jenen, die sich mit der Bush-Regierung verb&#252;ndet hatten, um einige der sich abzeichnenden Krisen des US-gef&#252;hrten neoliberalen Kapitalismus zu abzufedern und oppositionelle Kr&#228;fte f&#252;r einen bestimmten Zeitraum entscheidend zu schw&#228;chen.</p>
<p>Zugleich beruhte die Bush-Regierung jedoch auf einer schmalen und &#228;u&#223;erst instabilen Basis, die f&#252;r die Instabilit&#228;ten, die durch die eigenen Politiken hervorgerufen wurden, hochgradig anf&#228;llig waren. 2005 hatte sich die Situation im besetzten Irak so weit verschlechtert, dass der Krieg begann, verschiedenste Ursachen der Unzufriedenheit mit der Regierung zu b&#252;ndeln, sowohl in den Eliten als auch unter den W&#228;hlerInnen. Als die Regierung 2008 abtrat, war sie bereits eine lame duck. Dennoch hatten die politischen Kr&#228;fte, die durch den Krieg gegen den Terror mobilisiert wurden, langfristige Effekte, die auch im Kontext der gegenw&#228;rtigen Rezession und der Pr&#228;sidentschaft Barack Obamas weiter wirken.</p>
<p><strong>Vor dem Fl&#228;chenbrand</strong><br />
Vor den Angriffen am 11. September war eine Reihe von inh&#228;renten Schw&#228;chen des Kapitalismus in seiner neoliberalen Phase an die Oberfl&#228;che getreten. Das System litt an einer chronischen &#220;berakkumulation von Kapital. Die Finanzialisierung hatte systemische Instabilit&#228;ten erzeugt, die sich im &#246;konomischen Zusammenbruch der s&#252;dostasiatischen „Tigerstaaten“, in Rettungsaktionen f&#252;r Hedge Funds und dem Platzen der dot.com Blase ausdr&#252;ckten. Unternehmensprofite, die sich seit der weltweiten Rezession 1979-1982 allm&#228;hlich wieder erholt hatten, begannen wieder zu fallen. Die Schw&#228;che des Systems wurde im Jahr 2001 von einer Serie von Rezessionen angezeigt, auch wenn keine der systemischen Krise nach 2007 gleichkommen sollte. Die Legitimit&#228;t des Kapitals wurde zugleich von einer Kombination aus antikapitalistischen Bewegungen und verschiedenen Buchhaltungs-Skandalen gro&#223;er Konzerne wie WorldCom angegriffen. Auch der Kampfgeist der Gewerkschaften schien sich gegen Ende der 1990er etwas zu regen, in einigen Aufsehen erregenden Streiks konnten Erfolge erzielt werden und zahlreiche Organisierungskampagnen wurden durchgef&#252;hrt. 1997 wurde ein gro&#223;er Arbeitskampf der TransportarbeiterInnen von breiter &#246;ffentlicher Unterst&#252;tzung begleitet, StreikbrecherInnen waren selten und die Solidarit&#228;t an den Streikposten mit 95 Prozent hoch. Darauf folgte eine Reihe von Streiks, darunter einer bei General Motors, und im Jahr 1998 wies die Statistik 5,1 Millionen Streiktage in den USA aus: das ist zwar in historischer Perspektive wenig, markierte aber einen beginnenden Anstieg. Die F&#228;higkeit des Staates, Dissidenz und Widerstand zu kontrollieren, wurde zunehmend in Frage gestellt. In Seattle hatten antikapitalistische DemonstrantInnen erfolgreich eine WTO-Konferenz verhindert, in der neoliberale Ma&#223;nahmen in einem B&#252;ndnis kapitalistischer Staaten weiter institutionalisiert werden h&#228;tten sollen. Zur gleichen Zeit fanden in Cincinnati die gr&#246;&#223;ten Unruhen seit den Riots in Los Angeles 1992 statt, nachdem Timothy Thomas, ein 19-j&#228;hriger schwarzer Mann, erschossen worden war. Die &#246;ffentliche Meinung bewegte sich in einer ganzen Reihe von Themen nach links.<br />
F&#252;r die Reagan-Anh&#228;ngerInnen in der F&#252;hrung der Republikanischen Partei wurde es zunehmend schwierig, ausreichende Unterst&#252;tzung aus der Bev&#246;lkerung f&#252;r ihre Programmatik zu finden, weshalb sie sich gezwungen sahen, ihre Absichten hinter dem Label des <em>compassionate conservatism</em> zu verbergen und dann bei der Wahl im Jahr 2000 das Pr&#228;sidentenamt zu stehlen. Im Angesicht einer platzenden Finanzblase aus der Clinton-&#196;ra, dem Wiedererwachen globaler anti-systemischer Bewegungen und der ablehnenden Haltung der Eliten gegen&#252;ber jeglichem politischen Abenteurertum hatte die neue Regierung jedoch ein Legitimit&#228;ts-Defizit. Die Angriffe vom 11. September vernichteten viele dieser Hindernisse in einer Reihe gigantischer Fl&#228;chenbr&#228;nde.</p>
<p><strong>Der neokonservative Moment</strong><br />
Es ist wichtig, pr&#228;zise zu bestimmen in welcher Hinsicht die Bush-Regierung die Interessen der herrschenden Klasse interpretiert und implementiert hat. Die herrschende Klasse ist niemals eine geschlossene Einheit der UnternehmerInnen. Ihre verschiedenen Fraktionen teilen manche Interessen und streiten sich &#252;ber andere, und keine einzelne Strategie kann all diese Interessen bedienen. Diese Tatsache entzieht jeder instrumentalistischen Sicht die Grundlage, nach der der Staat blo&#223; ein „Werkzeug“ zur Durchsetzung einer festgelegten Interessenlage der Herrschenden w&#228;re. Tats&#228;chlich sind der Staat und die Parteien, die um die Kontrolle &#252;ber ihn konkurrieren, Felder ideologischer Antagonismen. PolitikerInnen und Intellektuelle m&#252;ssen innerhalb der Klasse, mit der sie organisch verbunden sind, um ihre bevorzugten Strategien streiten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/The-War-on-Terror-boardgame1-300x204.png" alt="" title="The-War-on-Terror-boardgame" width="300" height="204" class="alignnone size-medium wp-image-2339" /></p>
<p>Es ist zweifelhaft, ob Bush jemals die Mehrheit der herrschenden Klasse in den USA hinter sich gebracht hat. Aber innerhalb der Republikanischen F&#252;hrung, existierten verdichtete Kapitalfraktionen – besonders aus den Bereichen Energie, Finanz, Verteidigungsindustrie und Bauwirtschaft – die sicherlich von der Politik profitieren konnten, die Bush als Teil des Kriegs gegen den Terror umsetzen konnte. Und in der Regierung befanden sich mehrere PolitikerInnen und Intellektuelle, die zwischen dem Privatsektor, Staatsapparaten und rechten Think Tanks zirkulierten und dadurch eine im Wesentlichen deckungsgleiche Vorstellung davon hatten, welche Aufgaben der amerikanische Kapitalismus in seiner historischen Mission zu erf&#252;llen hatte.<br />
Es gab auch abweichende Stimmen, etwa jene von Finanzminister Paul O’Neill. Doch unmittelbar nach dem 11. September wurden diese entscheidend marginalisiert. Ein Kern von neokonservativen und rechts-nationalistischen IdeologInnen (von denen einige im Project for the New American Century aktiv gewesen waren) &#252;bernahm die F&#252;hrungsrolle und versuchte, dem US-Kapitalismus eine moralische und intellektuelle F&#252;hrung zu verpassen, die auf dem Einsatz von milit&#228;rischer Macht zur Einsch&#252;chterung von Verb&#252;ndeten und Z&#252;chtigung von Gegnern basierte. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Projekt ohne den 11. September durchgesetzt h&#228;tte werden k&#246;nnen. Statt dessen w&#228;re wohl st&#228;rker auf neoliberale „Globalisierung“ gesetzt worden – die weitere &#214;ffnung und Liberalisierung der Weltm&#228;rkte durch IWF-Kredite und versprochenen Zugang zum US-Markt, wobei die milit&#228;rische St&#228;rke eine untergeordnete Rolle neben den anderen Zwangsmechanismen spielt, die dem imperialen Hegemon zur Verf&#252;gung stehen.<br />
Der „neokonservative Moment“ stellte jedoch den milit&#228;rischen Konflikt ins Zentrum einer neuen ideologischen Konstellation, deren Angelpunkt die Verteidigung der „westlichen Zivilisation“ gegen ihre „totalit&#228;ren“ oder „islamofaschistischen“ Feinde darstellt. Die USA, so wurde argumentiert, sollten einen Block liberal-kapitalistischer Staaten anf&#252;hren, um „Al Qaida“ und jenen, die als ihre Verb&#252;ndete gelten, einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Der „Westen“, als Inkarnation des H&#246;hepunkts menschlicher Entwicklung, sollte zum Fortschritt beitragen, indem er seine aufgekl&#228;rten Interessen an der Durchsetzung einer liberalen Weltordnung und dem Sieg &#252;ber deren Feinde zur Geltung bringt.<br />
Diese Argumentation war nicht v&#246;llig neu. Bereits 1999 formulierte Tony Blair die grundlegenden Themen in einer Rede in Chicago, und entsprechend wurde Blair auch zu einem engen Verb&#252;ndeten von Bush. Trotzdem war die Intensit&#228;t, mit der solche Ideen reproduziert wurden, und ihre pl&#246;tzliche Resonanz sicherlich etwas Neues. Die Strategie versuchte, einen Aspekt des hegemonialen Diskurses des Kalten Kriegs aufzugreifen, in dem die offen ausgedr&#252;ckte Loyalit&#228;t und Kooperation von potenziell entgegen gesetzten politischen Kr&#228;ften eingefordert wurde, um dem Vorwurf des Verrats zu entgehen.<br />
Die Au&#223;enpolitik war die zentrale S&#228;ule der Bush-Regierung, und sie half auch bei der Reorganisierung der nationalen Klassenverh&#228;ltnisse. Sie stellte die Basis f&#252;r einen Aufschwung der Republikanischen Partei im Wahlvolk dar; sie erlaubte eine Ausweitung von &#220;berwachung und Repression, wodurch der Staat in eine bessere Position im Umgang mit Dissidenz und Widerstand gebracht wurde; sie stellte eine praktische Begr&#252;ndung f&#252;r die Unterdr&#252;ckung von Arbeitsk&#228;mpfen dar; und, indem sie ihre GegnerInnen schw&#228;chte, erm&#246;glichte sie es der Regierung, Politiken ohne Gegenwehr durchzusetzen, die Verm&#246;gen an die Reichsten umverteilten.</p>
<p><strong>Die entwaffnete Linke</strong><br />
Der wichtigste unmittelbare Nutzen, den die imperialistischen Staaten aus den Angriffen vom 11. September ziehen konnten, war ihr Vorteil gegen&#252;ber popularen Widerstandsbewegungen. Dieser entstand nicht nur aus dem aufsteigenden Patriotismus und, unter den Verb&#252;ndeten der USA, der Solidarit&#228;t mit den „Menschen wie uns“, die Gilbert Achcar das „narzistische Mitgef&#252;hl“ nannte. Er war auch darauf zur&#252;ck zu f&#252;hren, dass der „Terrorismus“ pl&#246;tzlich eine greifbare &#246;ffentliche Bedrohung darstellte, f&#252;r die nach technokratischen wie ideologischen L&#246;sungen gesucht werden musste. Die Linke hatte eine vertretbare Analyse (die ungerechte Politik der USA war mitverantwortlich f&#252;r die Ursachen der Angriffe) und eine vern&#252;nftige L&#246;sung anzubieten (wir sollten jede Handlung vermeiden, die diese Ungerechtigkeit verst&#228;rken und zuk&#252;nftige Attacken wahrscheinlicher machen w&#252;rde). Die einflussreichen Interventionen von Noam Chomsky waren wichtig, um die Linke mit dieser Art von Analyse auszur&#252;sten, die auf zunehmende Zustimmung in der Welt&#246;ffentlichkeit stie&#223;, auch wenn sie in den USA selbst nur eine Minderheit &#252;berzeugen konnte.<br />
Doch der Diskurs der „Terrorismusbek&#228;mpfung“ ist ein gef&#228;hrliches Terrain f&#252;r die Linke, ein Terrain auf dem der Staat mit seinen immensen Ressourcen einen entscheidenden Vorteil hat. „Terrorismusbek&#228;mpfung“ hat die Tendenz, sich mit „Aufstandsbek&#228;mpfung“ zu &#252;berlappen, mit gef&#228;hrlichen Konsequenzen f&#252;r linke Bewegungen. Und die Rechte bot eine „vision&#228;re“, moralistische Antwort auf 9/11 als Kontrapunkt zur vorsichtigen, pragmatischen Reaktion der Linken an. Von der Annahme der moralischen &#220;berlegenheit der „westlichen Zivilisation“ ausgehend behauptete sie – mit einer gewissen oberfl&#228;chlichen Plausibilit&#228;t – dass es um die Selbstverteidigung der freien und demokratischen L&#228;nder gegen gewaltt&#228;tige, „totalit&#228;re“ Bewegungen ginge. Die Rechte hatte ihre Verb&#252;ndeten in der Regierung und betr&#228;chtlichen Raum in den mit ihnen sympathisierenden Medien, um ihr Argument auszubreiten. Die Dynamik lag also zu Beginn bei der Rechten, die erfolgreich die &#246;ffentliche Zustimmung zu ihren Zielen organisieren konnte. Anti-Kriegs-Bewegungen, die als Reaktion auf die Invasion in Afghanistan entstanden, waren zun&#228;chst klein und konnten ohne gro&#223;en Aufwand marginalisiert und unter Illoyalit&#228;tsverdacht gestellt werden. </p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/fbi-300x225.jpg" alt="" title="fbi" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2335" /></p>
<p>Die Intensivierung der &#220;berwachung und Repression nach dem 11. September stellte zwar keinen grundlegenden Bruch mit fr&#252;heren Normen dar – der USA PATRIOT Act (ein Akronym f&#252;r „uniting and strengthening America by providing appropriate tools required to intercept and obstruct terrorism“) legalisierte einfach Formen der &#220;berwachung, die schon lange eingesetzt wurden – sie wirkte aber beschleunigend. Die Anforderungen f&#252;r Ermittlungen gegen Gruppen wurden gesenkt, das FBI konnte weitaus einfacher Durchsuchungsbefehle erhalten und die Definition von „Terrorismus“ wurde so ausgeweitet, dass jeder Mensch, der ein Gesetz bricht um auf politische Prozesse oder die &#246;ffentliche Meinung einzuwirken, als TerroristIn verfolgt werden konnte. Nachdem die Ermittlungen der Bundespolizei gegen politische AktivistInnen und Anti-Kriegs-Gruppen eine lange Geschichte haben – von der Zerschlagung der sozialistischen und ArbeiterInnenbewegungen 1919 bis zu den illegalen Ermittlungen gegen die El Salvador-Solidarit&#228;tsgruppe CISPES in den 1980ern – wussten jene, die das Gesetz ausarbeiteten, dass sie damit eine intensivierte politische Repression autorisierten. Dies sollte sich bald bewahrheiten, als Anti-Kriegs-Gruppen wiederholt ins Visier des FBI gerieten.<br />
Auch die Gewerkschaften zogen gegen den neuen Sicherheitsstaat den K&#252;rzeren. Z.B. untersagte die Regierung einen Streik der MechanikerInnen von United Airline im Dezember 2001 mit der Begr&#252;ndung, dieser w&#252;rde die Luftsicherheit gef&#228;hrden. In einem &#228;hnlichen Fall wurde im Januar 2002 der nationale Ausnahmezustand ausgerufen, um einen Streik von HafenarbeiterInnen durch eine gerichtliche Verf&#252;gung stoppen zu lassen. Insgesamt setzte die Regierung einen robusten Kurs gegen ArbeiterInnen durch und beschr&#228;nkte ArbeiterInnenrechte in mehreren Bereichen – Arbeitsplatzssicherheit, &#220;berstundenregelungen und Gewerkschaftsrechte f&#252;r Bundesangestellte. Es war kein so massiver Schlag gegen die ArbeiterInnenbewegung wie jener unter Reagan, aber die Organisierungsdichte nahm ab, und die Kombination aus einer Rezession und den Angriffen der Bush-Regierung nach 9/11 kehrte den kurzen Aufschwung der sp&#228;ten 1990er Jahre in ihr Gegenteil um. Ein Resultat war, dass die Reall&#246;hne im folgenden Jahrzehnt langsamer anstiegen als w&#228;hrend der Gro&#223;en Depression. Dazu verschob die Regierung in den Jahren 2001 bis 2003 die Steuerlast weiter von den Reichen auf ArbeiterInnenhaushalte. Vor dem 11. September musste Bush gegen den Kongress regieren und eine teure PR-Kampagne fahren, um &#246;ffentliche Zustimmung zu seinen Steuersenkungen zu organisieren. Danach war er in einer sicheren Position; nachdem die Republikanische Partei in den Kongresswahlen 2002 eine klare Mehrheit erringen konnte, senkte er weiter Steuern auf hohe und mittlere Einkommen, Investitionen, Kapitalgewinne und Dividenden, und feuerte sogar Paul O’Neill, nachdem dieser sich einer Gruppe von 450 WirtschaftswissenschafterInnen angeschlossen hatte, die sich gegen die Steuerpolitik aussprachen.</p>
<p><strong>Krise und Niedergang</strong><br />
Global bedeutete der „Krieg gegen den Terror“ einen herben R&#252;ckschlag anti-systemischer Bewegungen, die sich in den sp&#228;ten 1990er Jahren entwickelt hatten. Den sich bis dahin stetig ausweitenden Protesten wurde sofort der Schwung genommen. Als im November 2001 die Gespr&#228;che der WTO in Doha scheiterten, lag das eher an den bestehenden Spannungen zwischen den USA und der EU als an antikapitalistischer Militanz. Trotzdem war die weltweite Mobilisierung gegen die Invasion des Irak die gr&#246;&#223;te derartige Bewegung in der Geschichte. Sie speiste sich auch aus der Ablehnung der US-Dominanz, die sich zumindest versteckt – und nicht selten ganz offen – in den Aufst&#228;nden der Zapatistas, in den bolivischen Wasserkriegen und in den Protesten gegen die WTO zeigte. Am 15. Februar 2003 gingen alleine in New York 400.000 AktivistInnen gegen den Krieg auf die Stra&#223;e. Am selben Tag demonstrierten mindestens 150.000 in San Francisco, und Zehntausende in Hollywood, Colorado Springs und Seattle. Insgesamt protestierten 50 Millionen Menschen weltweit. Das gewaltige Ausma&#223; dessen, was im Irak geplant war, machte fast den ideologischen Vorteil, den die US-Regierung genoss, zunichte. Aber selbst eine derart gro&#223;e Opposition w&#228;re beherrschbar gewesen, wenn die Invasion und Besatzung des Irak wie im „Spaziergang“-Szenario der offiziellen Propaganda abgelaufen w&#228;re. Tats&#228;chlich flachten die Proteste nach dem Beginn der Invasion ab und die US-Regierung wurde in den ersten Monaten der Besatzung vor&#252;bergehend gest&#228;rkt. Bush gewann 2004 die Pr&#228;sidentschaftswahl gegen den unaufregenden demokratische Kriegsbef&#252;rworter John Kerry mit einer Mehrheit der W&#228;hlerInnenstimmen, inklusive einer Mehrheit der wei&#223;en ArbeiterInnen, die zur Wahl gingen. Und das trotz einer Serie von durch die Besatzung ausgel&#246;sten Krisen, wie die Enth&#252;llung der Folter in Abu Ghraib, und der massenhaften Opposition, die sich bei der 800.000 Menschen starken Demonstration bei der Nationalversammlung der Republikaner zeigte. Die Unterst&#252;tzung bei der Wahl gab Bush das Selbstvertrauen, sich f&#252;r einen neuen Angriff auf die ArbeiterInnenklasse stark zu machen – die versuchte Privatisierung der Sozialversicherung. Aber schon damals waren die Anf&#228;nge der Krise offensichtlich.</p>
<p>Unter den fragmentierten nationalistischen und islamistischen Gruppen im Irak keimte seit dem Beginn der Besatzung Widerstand auf. Dieser brach 2004 richtig los und steigerte sich 2006 auf ein verheerendes Niveau. Zwischen 2004 und 2006 stiegen die Angriffe auf Koalitionstruppen und deren Verb&#252;ndeten von weniger als 400 auf &#252;ber 800 pro Woche. Indem er den Besatzern die Kontrolle &#252;ber den Irak verweigerten, trug der Widerstand zu einer ernsthafter politische Krise der Bush-Administration bei. Die &#246;ffentlichen Zustimmungswerte zum Krieg brachen Mitte 2005 ein, wobei eine Mehrheit der Meinung war, der Konflikt h&#228;tte nie begonnen werden d&#252;rfen. Zwar hatten an einem strategisch wichtigen Punkt pl&#246;tzlich auftauchende Br&#252;che innerhalb der Anti-Kriegs-Bewegung Bush fast davon kommen lassen, aber das Ansehen der Regierung wurde durch ihre Antwort auf den Hurrikan Katrina, der im Sommer 2005 Louisiana verw&#252;stete, zerst&#246;rt. Die fehlende Vorbereitung von Rettungsma&#223;nahmen, vorenthaltene Hilfsleistungen und schlie&#223;lich die Durchsetzung einer milit&#228;rischen L&#246;sung f&#252;r das Desaster f&#252;hrte zu einer tiefen ideologischen Krise der republikanischen Rechten. Die Aufmerksamkeit lag daraufhin auf der Unterdr&#252;ckung von Afro-AmerikanerInnen und die bis dahin ignorierte Klassenfrage. In beiden Punkten waren die Republikaner im Nachteil. Die Regierung diente weiterhin einer begrenzten Bandbreite kapitalistischer Klasseninteressen, denen sie sich verbunden f&#252;hlte, konnte aber nicht l&#228;nger &#246;ffentliche Unterst&#252;tzung organisieren.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/nousa-300x200.jpg" alt="" title="nousa" width="300" height="200" class="alignnone size-medium wp-image-2344" /></p>
<p>In diesem Kontext erlebten auch soziale Bewegungen einen leichten Aufschwung. Gewerkschaften behinderten durch erfolgreiches Lobbying Bushs Privatisierungspl&#228;ne der Sozialversicherung, bis die Regierung, unter offener Ablehnung der Demokraten und einigem republikanischen Unbehagen, den Plan fallen lie&#223;. Die Renaissance der Bewegungen zeigte sich in den riesigen Demonstrationen f&#252;r ImmigrantInnenrechte im Mai 2006. Diese stellten einen hoch politisierten Generalstreik der verwundbarsten ArbeiterInnen der USA dar. Sie legten ganze Industrien still und zeigten Bereiche auf, in denen ArbeiterInnen potentiell Macht hatten. Sp&#228;ter im selben Jahr &#252;bernahmen die Demokraten die Kontrolle &#252;ber den Kongress und der „&#220;ber-Falke“ Rumsfeld sah sich gezwungen, zur&#252;ck zu treten. Er &#252;berlie&#223; es einer gebrochenen Regierung, zur Niederlage bei der Wahl 2008 weiter zu humpeln.</p>
<p><strong>Obama Nation</strong><br />
Als die Bush-Administration in ihre endg&#252;ltige Krise geriet, warf das Kapital seine Ressourcen entschieden hinter die Demokraten und besonders hinter Barack Obama. Obamas gr&#246;&#223;te Spende kam von der Wall-Street, und seine Dienste f&#252;r die Finanzwirtschaft in Form der riesigen Bankenrettungen &#252;berwogen die mickrigen Reformen, die er seiner Basis bot, bei weitem. Obama h&#228;tte die Pr&#228;sidentschaftswahl 2008 jedoch nicht gewinnen k&#246;nnen (mit fast 70 Millionen Stimmen), wenn er nicht einige &#246;ffentliche Forderungen aufgenommen h&#228;tte. Die Operationsweise der Demokraten kann vielleicht in gramscianischen Begriffen als „Transformismus“ charakterisiert werden. Das bedeutet, dass popul&#228;re Hoffnungen und Forderungen aufgenommen werden, deren spezifisch widerst&#228;ndiger und klassenantagonistischer Inhalt neutralisiert wird und sie in der Form der Politik der pro-kapitalistischen Mitte neu artikuliert werden. Obama versprach den ArbeiterInnen, Gewerkschaftsrechte mit dem Employment Free Choice Act zu unterst&#252;tzen, den Irakkrieg zu beenden und das Gesundheitssystem durch die Einf&#252;hrung eines staatlichen Versicherungsmodels zu reformieren, das mit privaten konkurrieren kann und dadurch die Preise fallen l&#228;sst. Der herrschenden Klasse versprach er, die Banken zu st&#252;tzen, die Wirtschaftskrise einzud&#228;mmen, einen w&#252;rdigen R&#252;ckzug aus dem Irak zu organisieren, in Afghanistan zu bleiben und die US-Vormacht global wiederherzustellen. Als Konsequenz gab es 2008 eine zweigleisige Mobilisierung f&#252;r Obama, mit dem h&#246;chsten Anteil an Wahlstimmen unter den sehr Reichen und der ArbeiterInnenklasse.<br />
Der „Krieg gegen den Terror“ war, wie gesagt, vorbei sobald die Republikaner 2008 unterlegen waren. Aber die politischen Kr&#228;fte, die er entfesselt hatte, legten teilweise die Grundlage f&#252;r eine sehr traditionelle, reaktion&#228;re Bewegung der Rechten in Form der Tea-Party. Wie ihre Vorg&#228;nger nach dem ersten Weltkrieg und w&#228;hrend des kalten Kriegs ist diese Bewegung wei&#223;, m&#228;nnlich und wohlhabender als der Durchschnitt der restlichen Bev&#246;lkerung. Sie erfreut sich einiger Unterst&#252;tzung  durch das Kapital und dr&#252;ckt ihren Anti-Sozialismus in einer nationalistischen und rassistischen Sprache aus. Sie unterscheidet sich von ihren Vorg&#228;ngern darin, dass ihr die Unterst&#252;tzung durch den Staat fehlt – was den traditionellen Antikommunismus f&#252;r viele seiner GegnerInnen so t&#246;dlich machte – und dass ihrem globalen Narrativ, in dem Obamas angebliche koloniale Identit&#228;t (als Kenianer oder heimlicher Muslim) im Zentrum steht, die oberfl&#228;chliche Plausibilit&#228;t fehlt, die die kommunistische Gefahr in der Hysterie des kalten Kriegs besa&#223;.<br />
Allerdings bedient sich die Tea Party der islamophoben und nationalistischen Ideologie, die w&#228;hrend des „Kriegs gegen den Terror“ – speziell w&#228;hrend der erb&#228;rmlichn republikanischen Pr&#228;sidentschaftskampagne 2008 – kultiviert wurde. Das erlaubte es ihr, ihre Ablehnung der Gesundheitsreform und anderer Einschr&#228;nkungen privater Eigentumsrechte als Teil eines authentischen Amerikanismus zu pr&#228;sentieren, der die USA gegen kulturelle Degeneration und Verfall sch&#252;tzt. Dadurch wurde es m&#246;glich, dass die Tea-Party-Anh&#228;ngerInnen eine bedeutende Minderheit der Bev&#246;lkerung hinter ihrer rechts-au&#223;en Agenda mobilisieren konnten – eine Mobilisierung die verbunden mit der Demoralisierung der W&#228;hlerInnen Obamas ausreichte, den Republikanern einen Vorteil bei den Wahlstimmen zu verschaffen.<br />
Tats&#228;chlich war ein Anstieg von Islamophobie und Nationalismus in allen Staaten wahrnehmbar, die am „Krieg gegen den Terror“ teilnahmen – mit verheerenden politischen Folgen.  W&#228;hrend die Anti-Kriegs-Stimmung einen potentiell demokratisch-radikalisierende Effekt hatte, zog der antimuslimische Rassismus viele ArbeiterInnen nach rechts. Dies zeigte sich deutlich anhand des Niedergangs der radikalen Linken in Europa in der zweiten H&#228;lfte der letzten Dekade, in der Krise der antikapitalistischen Bewegungen und dem gleichzeitigen Aufstieg der extremen Rechten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/wisconsin-protests-300x225.jpg" alt="" title="wisconsin protests" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2337" /></p>
<p>Im Jahr 2011 er&#246;ffnen sich jedoch neue M&#246;glichkeiten. Der militante, offen ausgetragene Klassenkampf gegen den Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker – ein Apostel der Tea Party – fiel mit den elektrisierenden Revolutionen in Nordafrika und den Protestwellen im ganzen Nahen Osten zusammen. W&#228;hrend letztere die amerikanische Kontrolle &#252;ber die Region gef&#228;hrden, droht ersterer sich in den USA auszubreiten und einen linken Kontrapunkt gegen das Sparprogram zu setzen, das in Washington und anderen Hauptst&#228;dten der Bundesstaaten durchgedr&#252;ckt wird. Das ist ein Problem f&#252;r die Neokonservativen, die Anh&#228;ngerInnen Sarah Palins und der Tea-Party. Sie h&#228;tten nichts lieber als einen gro&#223;angelegten Krieg gegen Amerikas Feinde, um ihre Basis aufzustacheln und eine Antwort der Rechten auf die tiefe, organische Krise des Kapitalismus zu koordinieren. W&#228;hrend aber die Kriege weiter gehen – Obamas Angriffe auf Afghanistan und die niederschwellige Intervention in Libyen sind treffende Beispiele – k&#246;nnte so etwas wie der Krieg gegen Terror heute nicht wiederholt werden.</p>
<p>Der Artikel ist erstmals im <a href="http://web.overland.org.au/previous-issues/issue-204/feature-richard-seymour/">Overland <em>magazine</em></a> erschienen. &#220;bersetzung aus dem Englischen von <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><em>Richard Seymour </em>ist Journalist, <a href="http://www.versobooks.com/books/307-the-liberal-defence-of-murder">Autor</a> und Aktivist in London. Er bloggt regelm&#246;&#223;ig auf <a href="http://leninology.blogspot.com/">Lenin&#8217;s Tomb</a>.</p>
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		<title>Catastrofuck!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.

Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.<br />
<span id="more-1537"></span><br />
Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig machen und ihnen so jegliches Interesse daran verg&#228;llen k&#246;nnte – und setzt so stillschweigend Parteipolitik mit jeglicher Form von Politik gleich. Alastair Campbell ist auch nicht besonders davon &#252;berzeugt, dass in diesem Film die Geschehnisse rund um das Kabinett Tony Blairs, die schlussendlich zum Irak-Krieg f&#252;hrten, besonders treffend oder auch nur ansatzweise realistisch wiedergegeben wurden.<br />
Das alles ist nur wenig verwunderlich, schlie&#223;lich war Alistair Campbell eine zentrale Figur von New Labour in der &#196;ra Blair gewesen – zuerst als dessen Wahlkampfmanager, dann als Pressesprecher und quasi inoffizieller Vizekanzler.  Als solcher war er auch in eines der gr&#246;&#223;eren Politikdesaster der letzten Jahre verwickelt, spielte er doch eine zentrale Rolle bei der Verfassung des September Dossier der britischen Regierung &#252;ber Iraks Potential zur Herstellung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen – Campbell lie&#223; den Bericht auf Linie mit den USA trimmen und Zweifel an der Existenz dieser Waffen aus dem Bericht verschwinden. Das Dossier war so einerseits einer der Ecksteine der argumentativen Aufbereitung des bevorstehenden Irakkrieges und f&#252;hrte andererseits zu einem der gr&#246;&#223;ten Polit-Skandale der britischen Nachkriegsgeschichte: David Kelly war Experte f&#252;r Biowaffen, der Informationen &#252;ber die Ver&#228;nderungen des Berichts geliefert hatte und schlussendlich aufgrund massiven Drucks durch die Blair-Regierung als BBC-Informant genannt wurde. Zwei Tage nachdem er vor dem britischen Parlament dazu vernommen worden war, wurde er mit offenen Pulsadern in einem Waldst&#252;ck aufgefunden.<br />
Armando Ianuccis Satire In the Loop endet jedoch mit der Ver&#228;nderung des Berichts und dessen Pr&#228;sentation bei einer UN-Konferenz, auf der weitere Ma&#223;nahmen gegen einen ungenannten Staat im Nahen Osten beschlossen werden sollen. Das Setting f&#252;r diesen Film &#252;bernimmt Ianucci, umtriebiger Satiriker und Drehbuchautor in der britischen Medienlandschaft, weitgehend von der BBC-Satire-Serie The Thick of it, die um einen unf&#228;higen Kabinettsminister sowie einen zynischen Pressesprecher und Sekret&#228;r des Ministerpr&#228;sidenten kreist. In the Loop als Spin-Off von The Thick of it greift diese Konstellation auf: Malcolm Tucker, ein Berserker von einem Pressesprecher, der in seinen furiosen Fluchorgien selbst einen Fuhrknecht besch&#228;men k&#246;nnte (Alastair Campbell stand f&#252;r ihn Modell) muss sich st&#228;ndig mit den verbalen Fauxpas des „Minister of International Development“, Simon Foster herumschlagen.<br />
So beginnt das Chaos denn auch, als Foster zum Abschluss eines Interviews auf die Frage, ob denn ein Krieg im Nahen Osten bevorstehen w&#252;rde, diesen mehr versehent- als willentlich als „unforeseeable“ deklariert. Beim Versuch, sich von diesem Statement wieder zu distanzieren und seine absolute Meinungslosigkeit zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen, entschl&#252;pft Foster dieses sprachliche Kleinod: „Look, all sorts of things that actually are very likely, are also unforseeable. For the plane in the fog, the mountain is unforeseeable, but it is then suddenly very real and inevitable. The mountain in the metaphor is a completely hypothetical mountain that could represent anything. […] To walk the road of peace, sometimes we need to be ready to climb the mountain of conflict.&#8221;<br />
Aufgrund seiner flexiblen Meinung wird er nun zum Spielball zweier amerikanischer Regierungsbeamten: Linton Barwick,  US Assistant Secretary for Policy, der den Krieg vorbereitet und Karen Clarke, US Assistant Secretary for Diplomacy, die diesen verhindern will. Zum Verh&#228;ngnis wird ihm allerdings nicht nur seine Inkompetenz, die Parteilinie in Interviews wiederzugeben, sondern auch die losen Steine seiner Gartenmauer, die immer weiter Richtung Nachbarsgarten abrutscht und in den Medien allm&#228;hlich zum Gespr&#228;chsthema Nummer eins avanciert. Und fehlt einmal der erste Stein in der Mauer ist der Durchbruch – oder in diesem Fall das Desaster –  nahe, sodass sogar noch der eigene R&#252;cktritt zur Katastrophe ger&#228;t.<br />
<em>In the loop</em> ist eine unheimlich rasante Satire voller gro&#223;artiger Einzeiler und <em>inventive swearing</em> („Catastrofuck!“). F&#252;r Tempo sorgen dabei einerseits die staccatoartigen Dialoge und zahlreichen Settings, wie auch die sehr umtriebige Kameraf&#252;hrung, die das Agieren der ProtagonistInnen weniger glamour&#246;s, sondern eher dokumentarisch portraitiert. Was vielleicht so besonders gef&#228;llt an <em>In the Loop</em> ist die Diskrepanz in der Sprachverwendung der MeinungsprofessionalistInnen in dieser Satire: einerseits derb und schmutzig, aber auch eindeutig, wenn inoffiziell, dagegen weichgesp&#252;lt, inhaltsleer und manipulativ nach au&#223;en. Iannuccis Satire funktioniert sogar so gut, dass man sich manchmal w&#252;nscht, sie w&#228;re etwas weiter von der ihr zugrunde liegenden Realit&#228;t entfernt, um befreiter lachen zu k&#246;nnen. Denn jede gute Satire ist immer auch schmerzhaft, wenn sie den Aberwitz der Realit&#228;t im Spiegel des Humors zeigt, so auch<em> In the Loop.</em> </p>
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		<title>„Das sind die Verdammten dieser Erde!“</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Palästina]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Ramin Taghian</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit dem Historiker <em>Roger Heacock</em> &#252;ber Israels j&#252;ngsten Krieg gegen Gaza, die Rolle der Hamas und die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in den pal&#228;stinensischen Gebieten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit dem Historiker <em>Roger Heacock</em> &#252;ber Israels j&#252;ngsten Krieg gegen Gaza, die Rolle der Hamas und die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in den pal&#228;stinensischen Gebieten.<br />
<span id="more-284"></span><br />
<em>Wir haben in den letzten Wochen im Gazastreifen die gr&#246;&#223;ten Angriffe auf die Pal&#228;stinenserInnen seit 1967 gesehen. Warum hat sich die israelische Regierung Ihrer Meinung nach gerade jetzt daf&#252;r entschieden? Und weshalb in dieser Heftigkeit, mit einer so massiven milit&#228;rische Operation?</em></p>
<p>Da w&#252;rde ich die klassischen Antworten geben: erstens ist es eine Art Rache f&#252;r den misslungenen Angriff auf den Libanon 2006. Die israelische Regierung will beweisen, dass sie trotzdem noch die M&#246;glichkeit hat, sich durchzusetzen. Zweitens stehen in Israel Wahlen an, und deshalb muss die Regierung sagen k&#246;nnen, wir haben es wirklich geschafft, wir haben uns durchgesetzt – obwohl das, angesichts der gro&#223;en Zerst&#246;rungen, gar nicht so sehr der Fall ist. Und drittens hat es, glaube ich, mit dem Ende der Bush-Regierung zu tun. Sie haben ja gesehen dass die Israelis praktisch zwei Minuten vor dem Machtwechsel in Washington abgezogen sind. Insgesamt glaube ich, dass die Israelis jede Form von pal&#228;stinensischem Widerstand, sei er traditionell nationalistisch oder islamistisch, zerst&#246;ren wollen.</p>
<p><em>Von Seiten Israels werden die Angriffe auch von einer gro&#223;en medialen Kampagne begleitet, um die Hamas f&#252;r die K&#228;mpfe verantwortlich zu machen. Welche Rolle spielen etwa die von Hamas-K&#228;mpfern abgeschossenen Qassam-Raketen tats&#228;chlich?</em></p>
<p>Sagen wir, der Widerstand insgesamt spielt eine Rolle. Im Westjordanland hat die israelische Regierung eine Beh&#246;rde (die von der Fatah kontrollierte Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde, Anm. d. Red.), die f&#252;r sie Polizei-Aufgaben durchf&#252;hrt. Aber die Hamas-Regierung, die nur noch in Gaza t&#228;tig ist, tut das nicht. Das ist der wesentliche Punkt, denke ich. Es ist eine einfache Sache: Wenn man Kolonien hat, will man keinen Widerstand sehen. Ob der Widerstand mit Qassam-Raketen oder anderen Mitteln geleistet wird, ist eigentlich egal. Andererseits, wenn es keine Qassam-Raketen gegeben h&#228;tte, h&#228;tte Israel es vielleicht nicht f&#252;r notwendig befunden, so heftig milit&#228;risch durchzugreifen – sie h&#228;tten einfach die Hunger-Blockade aufrecht gehalten. Aber wir wissen auch, dass es einen Waffenstillstand gegeben hat und dass dieser von der israelischen Seite gebrochen wurde, als Anfang Oktober sechs Menschen vom israelischen Milit&#228;r get&#246;tet wurden. Insofern kann man sich denken, dass die Qassam-Raketen auch ein guter Vorwand f&#252;r Israel waren.</p>
<p><em>Ein zentrales Argument der israelischen Seite ist, dass man den Pal&#228;stinenserInnen gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse gemacht h&#228;tte, indem die israelische Armee aus dem Gazastreifen abgezogen ist und die Siedlungen ger&#228;umt wurden. Was hatte es ihrer Meinung nach mit dem Abzug im Sommer 2005 auf sich?</em></p>
<p>Wo sind die Siedlungen denn ger&#228;umt? Sie wurden aus dem Gazastreifen abgezogen, nur um sie sofort in die West Bank zu transferieren, wo es zur Gr&#252;ndung vieler neuer Siedlungen kam. F&#252;r die Israelis war das Westjordanland immer das wichtigste, dort liegt das Zentrum der Siedlungs- und Kolonisationspolitik. Der Gazastreifen war sozusagen ein Nebenschauplatz. Sie kontrollieren noch immer die Luft und das Meer, die Grenzen, die Ein- und Ausreise von Menschen und den G&#252;terverkehr. Deswegen haben die Israelis sich dort nur aus einer komplizierten Lage befreit, denn es war schwierig, dort zu bleiben: Es gab ja einen Widerstand, der bis zum Abzug 2005 ziemlich effektiv war.</p>
<p><em>Aber meist wird der Abzug ja als Zugest&#228;ndnis gewertet.</em></p>
<p>Ja, nat&#252;rlich. Aber die israelischen Regierungen haben immer davon gesprochen, dass sie Gaza loswerden wollen. Yitzhak Rabin hat einmal gesagt: „Meinetwegen k&#246;nnte Gaza im Meer versinken”. Denn sie haben es mit eineinhalb Millionen Menschen zu tun, von denen 1,2 Millionen Fl&#252;chtlinge sind. Das sind die „Verdammten dieser Erde”, und die wollen sie loswerden. Sie h&#228;tten gerne, dass die &#196;gypter das &#252;bernehmen, aber ich glaube nicht, dass das funktionieren kann. Denn die &#228;gyptischen, ebenso wie die jordanischen, die saudischen und andere Herrscher f&#252;rchten sich vor dieser “pal&#228;stinensischen Revolution“, die ihre Regimes zu st&#252;rzen droht.</p>
<p><em>Die Hamas wird meist als terroristische Organisation dargestellt, die vor allem durch religi&#246;sen Eifer und Antisemitismus motiviert ist; israelische Medien haben vom Gazastreifen als „Hamastan“ gesprochen. Welche Aspekte fallen in dieser Betrachtung der Hamas Ihrer Meinung nach aus dem Bild?</em></p>
<p>Nun, man muss die historischen Ereignisse analysieren und was seit der Gr&#252;ndung der Hamas im Jahre 1987, Anfang 1988 passiert ist. Sie standen damals in Konkurrenz mit der Fatah, mit dem Islamischen Djihad und anderen und hoben sich von diesen durch ihren Pietismus ab. Hamas ist ein Ableger der Muslimbruderschaft, und die Muslimbr&#252;der in Pal&#228;stina vor 20 Jahren waren pietistisch eingestellt: Die Familien m&#252;ssten sich &#228;ndern, mehr beten und sich als gute Muslime verhalten. Bis im Dezember 1987 die Intifada ausbrach, hatten sie die Entwicklungen v&#246;llig verschlafen. Dann jedoch haben sie sofort den „milit&#228;rischen Fl&#252;gel“ gegr&#252;ndet. Auf diese Zeit trifft zu, was sie sagen, damals war die Bewegung sehr radikal. Doch in den letzten f&#252;nf Jahren, seit dem Tod Arafats – und eigentlich schon seit 2000 – hat sich die Lage rasch ge&#228;ndert. Das kann an den Texten der Hamas abgelesen werden. Man muss diese Texte lesen, wie man &#252;berhaupt jede politische Bewegung anthropologisch studieren muss. Es gen&#252;gt auch nicht, zu sagen: die &#214;VP ist christlich, also kann man die Bibel lesen, um zu verstehen, wie die &#214;VP funktioniert. Man kann auch nicht das Kommunistische Manifest lesen, um zu verstehen, was die SP&#214; will. &#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit der Hamas. Und wenn man ihre aufeinander folgenden Wahlprogramme bei den Lokalwahlen 2005 und den Parlamentswahlen 2006 liest und analysiert, dann sieht man, dass sich sehr viel ge&#228;ndert hat. Die Hamas ist jetzt ein Teil des nationalen Konsenses, der besagt, dass es Frieden geben wird, wenn die israelische Besatzung von 1967 aufgehoben wird. In den Jahren 2005, 2006 hat die Hamas nicht von der Zerst&#246;rung Israels gesprochen oder antisemitisch agitiert. Eine generelle Antwort ist also: Man kann eine politische Bewegung nicht allein aufgrund ihrer Urspr&#252;nge beurteilen. Nat&#252;rlich gibt es eine Beziehung zu den Wurzeln, aber man muss sie, auch im Fall der Hamas, in ein Verh&#228;ltnis zu den Ver&#228;nderungen und ihrer Politik <em>on the ground</em> setzen.</p>
<p><em>Oft wird die Hamas-Charta als Nachweis f&#252;r den antisemitischen Charakter der Bewegung herangezogen. Welche Rolle spielt diese Charta heute f&#252;r die Hamas? Hat sie realpolitische Bedeutung?</em></p>
<p>Ich denke, sie spielt kaum eine Rolle mehr. Was eine Rolle spielt, ist diese Realit&#228;t, dass die Hamas die H&#228;lfte der Menschen in Pal&#228;stina repr&#228;sentiert, &#252;brigens genauso wie die Islamisten im &#252;brigen Nahen Osten die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerungen repr&#228;sentieren, und das muss man akzeptieren. Es gibt ja Modelle f&#252;r solche Konstellationen, ich w&#252;rde insbesondere das t&#252;rkische Modell nennen. Und wir werden sehen, was im Libanon passiert, wo es im Juni Wahlen geben wird. Ich w&#252;rde wetten, dass es auch hier zu einem neuen Modell des Zusammenlebens zwischen religi&#246;sen und s&#228;kularen Kr&#228;ften kommen wird. Obwohl das nat&#252;rlich auch davon abh&#228;ngt, wer sich in diesen Prozess einmischen wird. Aber ich habe wirklich den Eindruck – obwohl ich Pr&#228;sident Obama nicht verherrlichen will – dass die neue amerikanische Regierung bereit ist, etwas neues auszuprobieren, die Realit&#228;ten in Betracht zu ziehen und sie nicht mit Gewalt ver&#228;ndern zu wollen.</p>
<p><em>In der Geschichte der pal&#228;stinensischen Nationalbewegung war eine gro&#223;e Z&#228;sur die Intifada 1987, zu der Sie selbst ja viel gearbeitet haben.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Entwicklung von der ersten zur zweiten Intifada 2000 war offenbar gepr&#228;gt von einer politischen Verschiebung hin zum politischen Islam und einer strategischen Verschiebung hin zum milit&#228;rischen Widerstand. Kann man die aktuelle Situation als Kontinuit&#228;t und Vertiefung dieses Prozesses sehen? Und warum ist dieser Prozess eigentlich so einseitig verlaufen – auch auf Kosten von anderen Widerstandsformen, die in der ersten Intifada noch eine gr&#246;&#223;ere Rolle gespielt haben?</em></p>
<p>Ich bin vielleicht nicht zu hundert Prozent mit Ihnen einverstanden, denn es hat im J&#228;nner 2006 doch Wahlen gegeben. Die Hamas wollte regieren, in einer gro&#223;en Koalition mit der Fatah, die sich jedoch geweigert hat, weil sie hoffte – und noch immer hofft – dass sie die Mehrheit wieder zur&#252;ckgewinnen kann. Auch andere Gruppen haben sich geweigert, mit der Hamas zusammenzuarbeiten, da hatte die Hamas mehr oder weniger keine andere Wahl. Es gibt Leute, die sagen, sie h&#228;tte nur ihre Sitze im Parlament behalten, aber andere regieren lassen sollen. Doch das funktioniert in diesen neuen Demokratien nicht sehr gut, denn der Pr&#228;sident kann das Parlament per Dekret von einem Tag auf den anderen aufl&#246;sen: Ausnahmezustand! Sie war also in einer schwierigen Lage.</p>
<p>Ich behaupte ja, die erste Intifada war die „Intifada der Steine”; die zweite war sehr gewaltsam; und die dritte Intifada, das waren die Parlamentswahlen 2006. Man wird sehen, welche Form die vierte annimmt. Ich habe damit Ihre Frage nicht beantwortet, aber ich m&#246;chte andeuten, dass es eine andere Interpretation gibt: Dass die Israelis immer wieder die Pal&#228;stinenser dazu zwingen, sich zu wehren. Nach der ersten Intifada, in der Phase von 1994 bis 1999, h&#228;tten die Pal&#228;stinenser einem Staat bekommen sollen, aber es ist nichts passiert, nur weitere Kolonisierungen. Also waren sie auf eine Weise gezwungen, sich wieder zu wehren, obwohl es nat&#252;rlich nicht unvermeidlich war, dass sie Selbstmordattentate durchf&#252;hrten. Ich selbst war damals in Ramallah und wir wurden bombardiert, von F-16 und Apache-Hubschraubern. Ich meine, was ist die richtige Antwort darauf?</p>
<p><em>Was ist eigentich mit der pal&#228;stinensischen Linken passiert?</em></p>
<p>(Lacht) Tot! Sie wurde kooptiert!</p>
<p><em>Sprechen sie von der traditionellen Linken, wie der PFLP?</em></p>
<p>Ja, und jetzt gerade sagt die PFLP, nachdem sie zu allem eingewilligt haben, was andere Organisationen von ihnen verlangt haben, dass sie den Waffenstillstand nicht akzeptiert. Damit wollen sie zeigen, dass sie noch da sind, aber das ist ein Mythos. Diese so genannten linken Bewegungen existieren nicht mehr als kritische Bewegungen – obwohl sie noch vorhanden sind, die PFLP bekommt drei, vier, f&#252;nf Prozent der Stimmen, was nicht unbedeutend ist.</p>
<p><em>Was ist mit anderen kritischen Str&#246;mungen passiert, wie jener rund um Mustafa Barghouti? Er hat schlie&#223;lich bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2005 noch fast zwanzig Prozent erhalten, und jetzt h&#246;rt man kaum mehr von ihm.</em></p>
<p>Nach den Pr&#228;sidentschaftswahlen und den zwanzig Prozent f&#252;r Mustafa Barghouti hat es eine starke Polarisierung zwischen Hamas und Fatah gegeben. Und viele Leute, die vorher f&#252;r Mustafa gestimmt haben, haben bei den Parlamentswahlen Hamas gew&#228;hlt, obwohl sie keine Hamas-Anh&#228;nger waren. Aber sie wollten die Fatah abw&#228;hlen. Mustafa Barghouti selbst ist eine echte Oppositionsfigur, aber was er repr&#228;sentiert ist eine andere Frage. Seine Bewegung, die Nationalinitiative, ist winzig. Aber er hat sich auch nie kaufen lassen.</p>
<p><em>Gibt es solche Figuren auch noch am linken Fl&#252;gel der Fatah? Ich denke etwa an Hanan Ashrawi, die sich w&#228;hrend des Konflikts wieder &#246;fters zu Wort gemeldet hat.</em></p>
<p>Hanan Ashrawi ist kritisch, aber nicht sehr kritisch, denn sie hasst die Hamas und sie wird es zwar niemals sagen , aber ihr ist es recht, wenn sich die Lage f&#252;r die Hamas verschlimmert. Aber Marwan Barghouti, der in Israel im Gef&#228;ngnis sitzt, ist ein populistischer, eher links gerichteter Fatah-F&#252;hrer, in den man noch immer Hoffnungen setzen muss. Man wird sehen was passiert, wenn sie ihn raus lassen.</p>
<p><em>Wie wirkt sich der aktuelle Konflikt auf die politische Situation in anderen L&#228;ndern des Nahen Ostens aus? In &#196;gypten etwa richten sich die Proteste einerseits gegen Israel, aber gleichzeitig auch gegen die eigene Regierung…</em></p>
<p>Der Konflikt ist f&#252;r diese diktatorischen, korrupten, alten, m&#252;den Regimes explosiv. Wenn sich die Hamas durchsetzen k&#246;nnte, w&#228;re es vielleicht das Ende f&#252;r sie – zumindest f&#252;rchten sie sich davor.</p>
<p><em>Was w&#252;rde das bedeuten, wenn es zu einem politischen Wechsel oder einem Bruch in &#196;gypten kommen w&#252;rde?</em></p>
<p>Also erst einmal w&#228;re es etwas ganz Gutes nicht nur f&#252;r die Pal&#228;stinenser, sondern vor allem f&#252;r die &#196;gypter! Aber das wird die Regierung niemals zulassen. Bis jetzt haben sie die Lage ziemlich fest im Griff.</p>
<p><em>Was sind Ihrer Meinung nach die mittelfristigen Konsequenzen dieses Krieges? Wer wird profitieren?</em></p>
<p>Die ehrliche Antwort ist nat&#252;rlich: Man wei&#223; es noch nicht. Aber alle sind sich einig, dass Abu Mazen (Pr&#228;sident Mahmud Abbas, Anm. d. Red.) und die Autonomiebeh&#246;rde diskreditiert sind. Zur Hamas gibt es unterschiedliche Meinungen. Israel will es der Hamas unm&#246;glich machen, ihre Infrastruktur wieder aufzubauen – wir werden sehen, was das bedeutet. Ich glaube, dass es unm&#246;glich sein wird, die Hamas im Gazastreifen auszuschalten. Das ist einmal mehr eine Fehleinsch&#228;tzung der Israelis. Die Hamas wird also weiterhin existieren, und sie beh&#228;lt einige Tr&#252;mpfe in der Hand. Sie dr&#228;ngt nun auf die Bildung einer neuen Einheitsregierung, die die Pal&#228;stinenser ohnehin immer gewollt haben und die auch f&#252;r drei Monate existiert hatte. Das k&#246;nnte der n&#228;chste Schritt auf lokaler Ebene sein. Regional und global, glaube ich, dass wir auf Obama und seine Schritte warten m&#252;ssen. Was er sicher verstanden hat, ist, dass er sich auf die eine oder andere Weise damit besch&#228;ftigen muss. Nicht wie Clinton, der wegen seines Skandals bis zum Ende seiner Amtszeit warten musste, und nicht wie Bush, der gar nichts gemacht hat. So habe ich auch interpretiert, was Obama in seiner Rede zur Amtseinf&#252;hrung gesagt hat, als er sich zur muslimischen Welt gewandt hat. Aber ich bin immer ein Optimist, und dann stellt sich immer heraus, dass das utopisch war.</p>
<p><em>Sie kritisieren in Ihrer Arbeit als Historiker oft sehr scharf die Staatszentriertheit der Geschichtswissenschaft. Welche Bedeutung hat die Staatszentriertheit f&#252;r den pal&#228;stinensisch-israelischen Konflikt bzw. f&#252;r die pal&#228;stinensische Bewegung? Welche Handlungsnotwendigkeiten ergeben sich daraus f&#252;r eine L&#246;sung eines solchen nationalen Konflikts?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich keine echte Antwort habe. Ich dr&#228;nge darauf, postnational zu denken und zu agieren. Aber das bedeutet nicht, dass man die Kolonisierung ruhig weiter gehen lassen darf. Man muss sich gegen die Kolonisierung und die Besatzung wehren. Im Namen eines pal&#228;stinensischen Staates? Das wei&#223; ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass, wenn es einmal zu einem Abkommen kommen sollte, dieses zun&#228;chst in dieser staatlichen Form unterschrieben werden m&#252;sste, und dann k&#246;nnte es zu einer gr&#246;&#223;eren Integrierung in der Region kommen. Aber Israel m&#252;sste sich dazu v&#246;llig &#228;ndern, von innen heraus, und das ist bis jetzt nicht in Sicht.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Nassar, Jamal R./Heacock, Roger (Hg.): Intifada. Palestine at the<br />
Crossroads, Westport: Greenwood 1990</p>
<p><em>Roger Heacock</em> ist Professor f&#252;r Geschichte an der Universit&#228;t Birzeit in Ramallah, Westjordanland, und hatte im Wintersemester 2008/09 eine Gastprofessur an der Universit&#228;t Wien inne.</p>
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		<title>Gaza &#8211; Herausforderung f&#252;r die Linke</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/01/15/gaza-herausforderung-fuer-die-linke/</link>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 11:38:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Palästina]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Operation „gegossenes Blei“, die von der israelischen Armee seit dem 27. Dezember 2008 im Gaza-Streifen durchgef&#252;hrt wird, ist der umfangreichste und blutigste Angriff auf die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Maybe our thinking is very simple, and we&#8217;re lacking the nuances and annotations that are always so necessary in analyses, but to the Zapatistas it looks like there&#8217;s a professional army murdering a defenseless population.” <a href="http://www.kabobfest.com/2009/01/of-sowing-and-harvests-subcomandante.html" target="_blank">(Subcomandante Marcos, 12. Jan. 2009)</a></em></p>
<p>Die Operation „gegossenes Blei“, die von der israelischen Armee seit dem 27. Dezember 2008 im Gaza-Streifen durchgef&#252;hrt wird, ist der umfangreichste und blutigste Angriff auf die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Die genauen Zahlen der Toten und Verwundeten m&#252;ssen und k&#246;nnen hier nicht wiedergegeben werden: erstens, weil unabh&#228;ngige Berichterstattung aus Gaza unm&#246;glich gemacht wird (die israelische Armee l&#228;sst keine internationalen JournalistInnen nach Gaza); und zweitens, weil die Angriffe immer noch andauern und uns t&#228;glich neue Meldungen erreichen, die die Opferzahlen erh&#246;hen. Was diese Attacken so t&#246;dlich macht, ist die Tatsache, dass die israelische Regierung offenbar entschlossen ist, ihre ganze milit&#228;rische &#220;bermacht einzusetzen, um keinen Zweifel daran zu lassen, wer in der Region das Sagen hat. Die <a href="http://www.newstatesman.com/middle-east/2009/01/israel-targets-gaza-hamas" target="_blank">Zerst&#246;rung der zivilen Infrastruktur Gazas</a>, die Bomben auf <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/7814054.stm" target="_blank">Schulen</a>, <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/04/mosque-blast-gaza" target="_blank">Moscheen</a>, <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10174.shtml" target="_blank">Rettungsw&#228;gen</a> und eine <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10069.shtml" target="_blank">Universit&#228;t</a>, ja selbst Angriffe auf <a href="http://www.maannews.net/en/index.php?opr=ShowDetails&amp;ID=34746" target="_blank">UN-Hilfskonvois</a> werden zumindest in Kauf genommen, wenn nicht bewusst als Einsch&#252;chterungsma&#223;nahmen eingesetzt. AdressatInnen dieser Demonstration der St&#228;rke sind in erster Linie die Bev&#246;lkerung Gazas und ihre politischen Repr&#228;sentantInnen; in zweiter Linie die Pal&#228;stinenserInnen im Westjordanland, denen eindrucksvoll gezeigt wird, dass Widerstand gegen die Besatzungsmacht nicht geduldet wird; und schlie&#223;lich die Feinde Israels in Syrien, im Libanon und im Iran, die nach der ruhmlosen Performance der Israel Defense Forces gegen die Hizbollah 2006 daran erinnert werden sollen, &#252;ber welche milit&#228;rische Schlagkraft Israel weiterhin verf&#252;gt. Den Preis daf&#252;r zahlen die Menschen im Gazastreifen mit ihren Leben.</p>
<p><span id="more-248"></span></p>
<p>Der Krieg gegen Gaza wird aber nicht nur mit SoldatInnen, Panzern, Kampfbombern, und Kriegsschiffen gef&#252;hrt, sondern auch &#252;ber die Medien. Es braucht schon eine gewaltige Propaganda-Anstrengung, um die Welt&#246;ffentlichkeit davon zu &#252;berzeugen, dass Israel hier einen gerechten „Krieg gegen den Terror“ f&#252;hrt, in der Halbwahrheiten, aus dem Zusammenhang gerissene Fakten und plumpe L&#252;gen zu einer dicken diskursiven Nebelwand aufget&#252;rmt werden. Wenn wir hier also nur auf die offensichtlichsten Mythen rund um den Krieg gegen Gaza aufmerksam machen, dann nicht um uns auf ein infantiles „aber die anderen haben angefangen“-Spiel einzulassen, sondern weil diese Argumente erst die Unterst&#252;tzung und Rechtfertigung der Massaker erm&#246;glichen und das kurzfristig wichtigste Ziel jeder linken Intervention– ein sofortiger Waffenstillstand und die &#214;ffnung der Blockade Gazas – nur durch steigenden internationaler Druck durch eine &#214;ffentlichkeit, die sich nicht von Kriegsl&#252;gen blenden l&#228;sst, erreicht werden kann.</p>
<p>Die israelische Regierung behauptet, sie habe den Pal&#228;stinenserInnen gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse gemacht, als sie 2005 das Milit&#228;r aus dem Gazastreifen abzog und die illegalen Siedlungen aufl&#246;ste. Die Bev&#246;lkerung von Gaza habe sich daraufhin jedoch als undankbar erwiesen, Israel weiterhin als Feind betrachtet und zu allem &#220;berdruss schlie&#223;lich auch noch die Hamas in die Regierung gew&#228;hlt. Tats&#228;chlich jedoch war die R&#228;umung des Gazastreifens durch Israel stets eine <a href="http://www.merip.org/mero/mero021608.html" target="_blank">Farce</a>, ein taktisches Man&#246;ver, um die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung weiterhin kontrollieren zu k&#246;nnen, ohne sich dem zerm&#252;rbenden Besatzungsalltag in dem winzigen, extrem dicht besiedelten K&#252;stenstreifen aussetzen zu m&#252;ssen. So wurde schon 2005, zwei Jahre bevor die Hamas-Regierung an die Macht kam, der Gazastreifen zum gr&#246;&#223;ten Freiluftgef&#228;ngnis der Welt gemacht: durch Ausgangssperren, Zerst&#246;rung von Infrastruktur, die &#220;berwachung des Luftraums und gezielte T&#246;tungen oder Verhaftungen pal&#228;stinensischer PolitikerInnen und AktivistInnen. Im Zeitraum von 2005 bis 2007, also zwischen der R&#228;umung der Siedlungen und der Wahl von Hamas, wurden <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2009/jan/07/gaza-israel-palestine" target="_blank">1.290 Pal&#228;stinenserInnen</a> im Gazastreifen von der israelischen Armee get&#246;tet, davon 222 Kinder. Ein Grund f&#252;r den Wahlsieg der Hamas im Jahr 2006 war schlie&#223;lich auch – neben der offensichtlichen Korruption der alten Fatah-Elite – dass sie sich angesichts der anhaltenden Unterdr&#252;ckung der Pal&#228;stinenserInnen durch den israelischen Staat als konsequente Kraft des Widerstands pr&#228;sentieren konnte. Ab 2007 wurde die Situation weiter eskaliert, als Israel (mit Unterst&#252;tzung der USA und der EU) die Grenzen zum Gazastreifen komplett dicht machte und ein Embargo verh&#228;ngte. Dies war nicht etwa eine Reaktion auf Guerillaangriffe oder Selbstmordattentate, sondern die Antwort auf das nicht genehme Wahlergebnis in den pal&#228;stinensischen Gebieten. Seither sind 1,5 Millionen Menschen auf 360 km2 (davon ein Gro&#223;teil W&#252;ste) eingeschlossen, Elektrizit&#228;t gibt es nur wenige Stunden am Tag, Lebensmittel sind stets knapp und im Sommer 2008 stand die <a href="http://www.haaretz.com/hasen/spages/1006282.html" target="_blank">Arbeitslosenrate</a> bei 45 Prozent. Es ist auch ein Mythos, dass die Hamas in den Monaten vor dem Angriff nicht auf die Bem&#252;hungen Israels um ein Waffenstillstandsabkommen eingegangen w&#228;re. Tats&#228;chlich gab es eine Waffenruhe, die im Juli in Kraft trat und dazu f&#252;hrte, dass von Juli bis Oktober die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen durch die Hamas praktisch <a href="http://electronicintifada.net/v2/article10123.shtml" target="_blank">eingestellt</a> wurden. Doch die Blockade Gazas wurde trotzdem nicht gelockert, und schlie&#223;lich war es <a href="http://www.huffingtonpost.com/nancy-kanwisher/reigniting-violence-how-d_b_155611.html" target="_blank">Israel, nicht die Hamas</a>, die den Waffenstillstand im November 2008 brach, woraufhin Hamas die Raketenangriffe wieder aufnahm.</p>
<p>Diese Klarstellungen bedeuten nicht, dass die Strategie der Hamas, sich auf den milit&#228;rischen Widerstand zu konzentrieren und Raketen ziellos auf israelische ZivilistInnen zu schie&#223;en, unterst&#252;tzenswert ist. Aber sie zeigen, dass dieser Konflikt kein Krieg ist, in dem sich zwei mehr oder weniger gleich starke Kr&#228;fte bek&#228;mpfen, die beide die gleiche Schuld an der aussichtslosen Lage trifft und zu dem man sich wenn &#252;berhaupt aus einer Position der Neutralit&#228;t und &#196;quidistanz &#228;u&#223;ern darf. Nein, dies ist ein Massaker, ver&#252;bt durch eine Besatzungsmacht an einer seit &#252;ber sechzig Jahren unterdr&#252;ckten Bev&#246;lkerung. Ein gerechter Friede – und nur ein solcher kann von Dauer sein – hat die &#214;ffnung der Grenzen zu Gaza und den Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten zur Bedingung und kann letztlich wohl nur in einem gemeinsamen, s&#228;kularen Staat verwirklicht werden, der all seinen B&#252;rgerInnen unbesehen von Herkunft und Religion gleiche Rechte zugesteht. Wie der Weg dorthin verlaufen wird, kann niemand vorhersagen. Dass dieser Krieg aber wenig dazu beitragen wird, sondern vielmehr der unvers&#246;hnlichen Rechten in beiden Lagern noch mehr Unterst&#252;tzerInnen in die H&#228;nde treibt, liegt aber auf der Hand.</p>
<p>Angesichts dieser Situation halten wir die Reaktion weiter Teile der &#246;sterreichischen Linken f&#252;r besch&#228;mend. W&#228;hrend noch im Jahr 2003 die Proteste gegen den Irak-Krieg eine breite Bewegung auf die Stra&#223;e brachten, fallen heute sozialdemokratische, gr&#252;ne oder gewerkschaftliche Kr&#228;fte ebenso wie gro&#223;e Teile der radikalen Linken durch Abwesenheit auf den Demonstrationen gegen Israels Krieg auf. Dies ist nicht zuletzt Ergebnis eines ideologischen Stellungskriegs, den eine kleine, aber effektive Gruppe ehemaliger Linker seit einigen Jahren f&#252;hrt, um jede Kritik an Israels Politik als antisemitisch zu denunzieren und die Kriegstrommel f&#252;r die USA und Israel zu r&#252;hren. Selbst wenn der Gro&#223;teil der Linken den kruden Ausf&#252;hrungen der „Antideutschen“ in &#214;sterreich nicht folgt, so haben deren Kampagnen doch zu einer nachhaltigen Verunsicherung gef&#252;hrt. Das heikle Thema Pal&#228;stina wird so aus den Debatten auf der Linken verdr&#228;ngt, ziehen sich doch immer mehr Gruppen und Einzelpersonen auf eine scheinbar neutrale Position zur&#252;ck („beide Seiten sind doch reaktion&#228;r“), wenn sie nicht &#252;berhaupt auf eine Meinung zu verzichten glauben k&#246;nnen. Im Ergebnis waren die beiden gro&#223;en Demonstration in Wien gegen die israelische Aggression zwar erfreulich gro&#223; und insbesondere f&#252;r Menschen mit muslimischem und migrantischem Hintergrund ein Anziehungspunkt; zugleich muss jedoch festgestellt werden, dass der Charakter der Demonstrationen in Bild und Ton stark von den Kr&#228;ften des politischen Islam gepr&#228;gt war. Die Effekte dieser Situation k&#246;nnen in mehrerer Hinsicht verheerend sein. Erstens wird den Menschen in Pal&#228;stina vermittelt, dass die Einzigen, auf die sie sich in Sachen internationaler Solidarit&#228;t verlassen k&#246;nnen, ihre &#8220;Glaubensbr&#252;der und -schwestern&#8221; sind, wodurch der Konflikt noch st&#228;rker als einer zwischen Religionen oder Kulturen wahrgenommen wird. Zweitens k&#246;nnen vereinzelt auf den Demos vorhandene antisemitische bzw. den Nationalsozialismus verharmlosende Schilder oder Spr&#252;che nur schwer kollektiv konfrontiert oder zumindest marginalisiert werden. Und schlie&#223;lich verbaut sich die Linke die Chance darauf, mit genau jenen migrantischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, die es f&#252;r eine emanzipatorische Perspektive zu gewinnen gilt. In Deutschland, wo die Situation &#228;hnlich ist, bringt der <a href="http://www.antifa.de/cms/content/view/985/" target="_blank">Attac-Aktivist Pedram Shayar</a> das Dilemma auf den Punkt: „W&#228;hrend in Athen und Malm&#246; die linksradikalen und die Arab-Kids gemeinsam k&#228;mpfen und auf Barrikaden Freundschaften schlie&#223;en, verspielt die Linke hier das Terrain der migrantischen Milieus f&#252;r Jahre, vielleicht f&#252;r eine ganze Generation“. Auch hier in &#214;sterreich steht die Linke vor der Herausforderung, jenseits von falscher Neutralit&#228;t auf der einen und unkritischer „antiimperialistischer“ Solidarit&#228;t mit islamistischen Bewegungen auf der anderen Seite eine internationalistische Position auf Seiten der Unterdr&#252;ckten und Rebellierenden zu finden.</p>
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		<title>Israels permanenter Krieg</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:20:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<description><![CDATA[Israels Krieg gegen den Libanon war nur ein Ausschnitt des Konflikts, der seit 60 Jahren den Nahen Osten in Blut ertr&#228;nkt. <em>Benjamin Opratko</em> analysiert die Strategien hinter Israels Rhetorik der „Selbstverteidigung“ und verfolgt die Frontlinien dieses permanenten Kriegs.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Israels Krieg gegen den Libanon war nur ein Ausschnitt des Konflikts, der seit 60 Jahren den Nahen Osten in Blut ertr&#228;nkt. <em>Benjamin Opratko</em> analysiert die Strategien hinter Israels Rhetorik der „Selbstverteidigung“ und verfolgt die Frontlinien dieses permanenten Kriegs.<br />
<span id="more-87"></span><br />
In der deutschen Ausgabe seines Standardwerks zum Nahost-Konflikts schreibt Noam Chomsky, er stehe oft vor dem Problem, Titel oder Thema f&#252;r seine Vortr&#228;ge schon Jahre vorher benennen zu m&#252;ssen. „Eins kann man, wie ich gemerkt habe, mit Sicherheit immer angeben: ‚Die gegenw&#228;rtige Krise im Nahen Osten.’ Wie sich diese Krise entwickeln wird, l&#228;sst sich nicht genau sagen, aber dass es sie geben wird, unterliegt keinem Zweifel“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> So zynisch diese Feststellung scheinen mag, so brutal wurde uns ihre Richtigkeit in den letzten Monaten vor Augen gef&#252;hrt. Mit dem Angriff auf den Libanon, der mehr als Tausend tote LibanesInnen – der gr&#246;&#223;te Teil davon ZivilistInnen – forderte und das halbe Land in Schutt und Asche legte, ist der seit bald sechzig Jahren ungel&#246;ste Konflikt zwischen Israel und den AraberInnen wieder ins politische Rampenlicht ger&#252;ckt. Doch w&#228;hrend sich im weltweiten Medienzirkus in einer un&#252;berschaubaren Zahl an Kommentaren, Reportagen, Leitartikeln, Talkshows, Interviews und Diskussionsforen jedeR sich berufen F&#252;hlende &#252;ber den j&#252;ngsten „Selbstverteidigungsakt“ Israels und seine Folgen auslassen durfte, traten die Stimmen jener, deren Ged&#228;chtnis weiter als bis zur Entf&#252;hrung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah zur&#252;ck reichte, in den Hintergrund. Dass alles darauf hinweist, dass der Krieg gegen den Libanon kein spontaner Akt der Selbstverteidigung angesichts der Entf&#252;hrungen, sondern vielmehr eine lange vorbereitete Kampagne war, wird kaum erw&#228;hnt. Das weit verbreitet Bild, das Israels Operationen auf mehr oder wenige spontane Reaktionen auf &#252;berall lauernde, gar „existenzbedrohende“ &#228;u&#223;ere Gefahren reduziert, tut dabei nicht nur dem strategischen und politischen Geschick der M&#228;chtigen in Israel Unrecht, sondern verhindert auch eine halbwegs angemessene Analyse des gesamten Konflikts.</p>
<h3>Das Ende eines Mythos</h3>
<p>Wie auch immer sich die Situation im Libanon weiter entwickelt, so kann doch nun, da zumindest vorl&#228;ufig die Waffen schweigen, ein erstes Res&#252;mee des israelischen Kriegs gegen den Libanon gezogen werden. Die wichtigste Erkenntnis ist: Israel hat den Krieg verloren. Nach einem Monat israelischer Angriffe gelang es zwar, den Libanon „um 20 Jahre zur&#252;ck zu bomben“, wie es der Chef der Luftwaffe und oberste milit&#228;rische Verantwortliche, Dan Halutz, formulierte. Das eigentliche Ziel der israelischen Armee war jedoch, die Hisbollah zu vernichten – und das ist ordentlich schief gegangen. Die Zustimmung zur Waffenruhe und der R&#252;ckzug der israelischen Truppen aus weiten Teilen Libanons wurde Israel von der &#228;u&#223;erst effektiv und erfolgreich k&#228;mpfenden Hisbollah aufgezwungen. Die libanesische Guerilla hat gegen die am besten ausger&#252;stete und ausgebildete Armee der Region gewonnen. Das war nur m&#246;glich, weil die Hisbollah massenhafte Unterst&#252;tzung aus der libanesischen Bev&#246;lkerung erhalten hat, &#252;ber alle konfessionellen Grenzen hinweg – eine bemerkenswerte Leistung in einem Land, das vor nicht allzu langer Zeit noch vom B&#252;rgerkrieg zerrissen war. Was die Rhetorik der Kriegstreiber in Israel und anderswo gerne verschweigt, ist, dass Hisbollah keineswegs eine terroristische Organisation nach dem Vorbild Al-Qaidas ist. Sie entstand als Reaktion auf den israelischen Krieg von 1982 und die folgende Besetzung des Libanon durch israelische Truppen. In den Jahren nach 1982 entwickelte sich die Hisbollah von einer kleinen schiitischen Guerillatruppe mit St&#252;tzpunkten im S&#252;den Libanons, den armen Vororten Beiruts und dem Bekaa-Tal, zur wichtigsten politischen, sozialen und milit&#228;rischen Kraft im Libanon. Als karitative Organisation betreibt sie auch f&#252;r verarmte Menschen leistbare Schulen, Kinderg&#228;rten, Kranken- und Waisenh&#228;user. Ihre Verankerung in der libanesischen Gesellschaft zeigt auch, dass Hisbollah und Verb&#252;ndete das gr&#246;&#223;te einzelne Kontingent im libanesischen Parlament stellen.</p>
<p class="MsoNormal">Das Ergebnis des israelischen Kriegs ist ein Desaster f&#252;r die israelische Regierung. Die Hisbollah ist politisch st&#228;rker als je zuvor – mehr noch als im Jahr 2000, als die israelische Armee sich wegen des anhaltenden Widerstands der Hisbollah aus dem gr&#246;&#223;ten Teil der seit 1982 besetzten Gebiete im S&#252;d-Libanon zur&#252;ckzog, wird die Organisation als Befreierin des Libanon gefeiert. Die Niederlage ist aber nicht nur von regional-strategischer Bedeutung – sie zerst&#246;rt auch den seit 1948 existierenden Mythos von der Unbesiegbarkeit Israels. Seit dessen Gr&#252;ndung hat die IDF jede Auseinandersetzung mit ihren arabischen Feinden gewonnen. Besonders der Krieg von 1967 hat der israelischen Armee diesen Nimbus verliehen. Er hei&#223;t aus gutem Grund Sechs-Tage-Krieg, nach nicht einmal einer Woche waren die Armeen des &#228;gyptischen Pr&#228;sidenten Gamal Abdel Nasser vernichtend geschlagen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Konstante der israelischen Strategie war stets die mili-<br />
t&#228;rische Abschreckung. Seitdem der israelische Staat auf den Ruinen pal&#228;stinensischer D&#246;rfer und St&#228;dte aufgebaut wurde, setzten dessen verschiedene Regierungen, ob von der Arbeiterpartei oder dem rechten Likud-Block gef&#252;hrt, auf milit&#228;rische Dominanz, um sich gegen die Anspr&#252;che der vertriebenen Bev&#246;lkerung und ihrer arabischen Verb&#252;ndeten durchzusetzen. Der Preis, den Israel daf&#252;r zahlen musste, war eine Existenz als Handlanger imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte. In den ersten Jahren war es Gro&#223;britannien, dessen Wohlwollen die Etablierung des Staates Israel erst erm&#246;glicht hatte<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, dann Frankreich, das Israel als Verb&#252;ndeten gegen die Befreiungsbewegungen in den eigenen Kolonien nutzen wollte. Ab den 1960er Jahren entstand dann die bis heute andauernde „Special Relationship“ zwischen Israel und den sich als wichtigste imperiale Macht etablierenden USA. Im Juni 1966 erkl&#228;rte ein Sprecher des israelischen Au&#223;enministers: „Die Vereinigten Staaten sind zu der Auffassung gelangt […], dass sie sich auf regionale M&#228;chte und auf das Abschreckungspotential einer freundlichen Macht st&#252;tzen m&#252;ssen, um Amerikas direkte Beteiligung abzufangen. Israel ist der Meinung, dass es diesen Anforderungen entspricht“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Seitdem entwickelte sich aus dem „besonderen Verh&#228;ltnis“ zwischen Israel und den USA ein strategisches B&#252;ndnis. Die israelische Strategie der milit&#228;rischen Abschreckung wurde und wird durch massive milit&#228;rische und finanzielle Unterst&#252;tzung der USA erm&#246;glicht. Im Jahr 2005 verkauften oder verschenkten die USA Waffen im Wert von rund 5,4 Milliarden US-Dollar an Israel – rund ein Drittel der gesamten US-Auslandshilfe.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Das Wissen um einen sicheren Verb&#252;ndeten im Nahen und Mittleren Osten ist der US-Politik dieser Aufwand wert.<br />
Trotz dieser enormen milit&#228;rischen &#220;bermacht und obwohl die israelische Armee nicht z&#246;gerte, ihr gesamtes Arsenal an konventionellen Waffen gegen den Libanon einzusetzen (einschlie&#223;lich der international verbotenen Cluster-Bomben), konnte der Krieg nicht gewonnen werden. Der ganzen Welt (und besonders der arabischen) wurde vor Augen gef&#252;hrt, dass Israel sich nicht mehr auf eine scheinbar allm&#228;chtige Armee verlassen kann, um seine Interessen in der Region durchzusetzen. Dass die Strategie der milit&#228;rischen Abschreckung in eine Sackgasse gef&#252;hrt hat, ist die tats&#228;chliche Z&#228;sur des Sommer 2006.</p>
<h3>Krieg an drei Fronten</h3>
<p>Die israelische Politik l&#228;sst sich jedoch nicht allein auf die au&#223;enpolitische Dimension der milit&#228;rischen Abschreckung reduzieren. Um vergangene und aktuelle Strategien des israelischen Staates verstehen zu k&#246;nnen muss ein entscheidender historischer Aspekt in Betracht gezogen werden: Als kolonialer SiedlerInnenstaat durch die Vertreibung gro&#223;er Teile der einheimischen Bev&#246;lkerung 1948 gegr&#252;ndet<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, hatte Israel stets ein allen anderen Interessen &#252;bergeordnetes Ziel. Entsprechend dem politischen Programm des Zionismus soll der Staat in einer spezifischen Form aufrecht erhalten werden, in der Juden/J&#252;dinnen die Bev&#246;lkerungsmehrheit stellen, exklusive Privilegien genie&#223;en und der vertriebenen (arabischen) Bev&#246;lkerung historisches Recht verwehrt wird. Aus dieser Pr&#228;misse ergibt sich f&#252;r Israel ein permanenter Krieg, der an drei Fronten gef&#252;hrt werden musste und bis heute gef&#252;hrt wird.<br />
Die erste Front ist jene, die der j&#252;ngste Libanonkrieges ins Rampenleicht gestellt hat: Hier geht es um die Kriege gegen umliegende arabische Staaten, die – sei es auf Grund des Drucks aus der eigenen Bev&#246;lkerung, sei es um den Zorn unzufriedener Untertanen abzulenken – die pal&#228;stinensische Bewegung unterst&#252;tzen. Eine weitere Front verl&#228;uft quer durch den israelischen Staat selbst und betrifft die arabische Minderheit, die innerhalb der Grenzen Israels lebt; die dritte Front schlie&#223;lich betrifft die 1967 besetzten Gebiete im Westjordanland und im Gaza-Streifen.</p>
<h3>B&#252;rgerInnen dritter Klasse</h3>
<p>Als die zionistischen SiedlerInnen 1948 den Staat Israel gr&#252;ndeten, wurden nicht alle Pal&#228;stinenserInnen in die Flucht getrieben. Rund 150.000 von ihnen blieben innerhalb der „Gr&#252;nen Linie“, die den neuen Staat nach dem Krieg von 1948/49 begrenzte. Diese „1948-Pal&#228;stinenserInnen“ und ihre Nachkommen z&#228;hlen heute rund eine Million oder 17 Prozent der israelischen Bev&#246;lkerung. Die Pr&#228;senz dieser gro&#223;en arabischen Minderheit stellte die israelischen Eliten vor das Problem, wie der Staat mit ihr umgehen sollte. Einerseits verstand man sich als demokratischer Staat, der jedem/r B&#252;rgerIn volle Gleichheit unabh&#228;ngig von ethnischer oder religi&#246;ser Zugeh&#246;rigkeit zugestehen sollte. Gleichzeitig war Israel jedoch nicht nur ein Staat von Juden/J&#252;dinnen, sondern ein exklusiv j&#252;discher Staat, der die seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgef&#252;hrte Kolonisierung Pal&#228;stinas konsolidieren und ausbauen sollte. Die praktische L&#246;sung dieses Widerspruchs bedeutete, dass die meisten der 1948-Pal&#228;stinenserInnen zwar die israelische Staatsb&#252;rgerschaft erhielten, ihnen durch eine Reihe politischer Ma&#223;nahmen jedoch viele Rechte, die diese Staatsb&#252;rgerschaft f&#252;r Juden/J&#252;dinnen garantiert, verwehrt wurden.<br />
Der erste und grundlegende Unterschied, den der israelische Staat zwischen j&#252;dischen und nicht-j&#252;dischen B&#252;rgerInnen macht, dr&#252;ckt sich im sogenannten „R&#252;ckkehrrecht“ aus. Dieses Gesetz besagt, dass Israel der Staat aller J&#252;dinnen und Juden weltweit ist; wenn ein Jude/eine J&#252;din israelischen Boden betritt, wird er/sie automatisch israelischeR Staatsb&#252;rgerIn. Jenen Menschen, die durch die Staatsgr&#252;ndung 1948/49 fl&#252;chten mussten, wird dieses Recht jedoch verweigert. Die Definition Israels als exklusiv j&#252;discher Staat ist in den Gr&#252;ndungsdokumenten festgeschrieben. Endg&#252;ltig formalisiert wurde diese Entscheidung mit einem Zusatz zum Wahlgesetz 1985, in dem Parteien und KandidatInnen von Wahlen ausgeschlossen werden, wenn sie „die Existenz des Staates Israel als den Staat des j&#252;dischen Volkes“ nicht anerkennen.</p>
<p>Bis 1966 wurden israelische Pal&#228;stinenserInnen durch eine separate Milit&#228;radministration „verwaltet“ – offiziell, um das „Sicherheitsrisiko“, das die pal&#228;stinensische Bev&#246;l-<br />
kerung angeblich darstellte, zu minimieren. Tats&#228;chlich hatte die Milit&#228;radministration jedoch zwei andere Haupt-ziele.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Erstens sollte der Zugang arabischer Menschen zu Arbeitspl&#228;tzen verhindert oder reduziert werden. Schon vor der Staatsgr&#252;ndung war die „Eroberung durch Arbeit“ – d.h. die Vertreibung und Ausgrenzung arabischer Arbeitskr&#228;fte – ein zentrales Element der kolonialen Strategie des Zionismus. Das zweite Ziel war, den Transfer von Land, das noch in pal&#228;stinensischen H&#228;nden verblieben war, zu staatlichen oder halb-staatlichen Organisationen zu sichern. Vor allem die Eroberung des Landes blieb auch nach der Aufhebung der Milit&#228;rverwaltung eine zentrale Aufgabe des Staates. Bis heute wurden etwa zwei Drittel des Landes, das nach 1948 noch in Besitz von Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft war, zu Gunsten des israelischen Staates enteignet. Waren vor der Staatsgr&#252;ndung 7 bis 8 Prozent des Landes in j&#252;dischem Besitz, so kontrolliert oder besitzt der israelische Staat heute 93 Prozent des Landes innerhalb der „Gr&#252;nen Linie“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Das offensichtlichste Beispiel f&#252;r die bis heute andauernde rechtliche Diskriminierung ist, dass Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft in rund 80 Prozent des Staatsgebiets kein Land kaufen oder pachten d&#252;rfen. Die Landfrage ist dabei nur eine von vielen Dimensionen dieser Politik der Ausgrenzung. Arabische Gemeinden bekommen deutlich geringere staatliche Budgets, im seit 1953 getrennten Schulsystem sind pal&#228;stinensische Schulen weit schlechter ausgestattet, und eine Reihe von Sozialleistungen werden Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer<br />
Staatsb&#252;rgerschaft vorenthalten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Das Ergebnis ist, dass in allen sozio-&#246;konomischen Parametern wie Haushaltseinkommen, Ausbildungsstatus, beruflicher Status, Alphabetisierung oder Kindersterblichkeit Pal&#228;stinenserInnen deutlich schlechter gestellt sind als ihre j&#252;dischen Mitb&#252;rgerInnen.</p>
<p>Der israelische Soziologe Oren Yiftachel bezeichnet diese Form des Staates als „Ethnokratie“ – eine Staatsform, die zwar formal demokratisch organisiert ist, einen signifikanten Teil der B&#252;rgerInnen jedoch systematisch von Rechten ausschlie&#223;t und diskriminiert.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Die Strategie der systematischen Unterdr&#252;ckung und Ausgrenzung der arabischen Bev&#246;lkerung in der so genannten „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ wurde seit der Staatsgr&#252;ndung in verschiedenen Varianten und in unterschiedlicher Intensit&#228;t angewendet. In den letzten Jahren wurde etwa unter dem Schlagwort der „demographischen Zeitbombe“ auf die „Gefahr“ hingewiesen, dass die hohen Geburtenraten von Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft die j&#252;dische<br />
Mehrheit in Israel bedrohen w&#252;rden. Eine der Reaktionen der Regierung war, die Familienzusammenf&#252;hrung von Pal&#228;stinenserInnen in Israel zu verbieten, die bis dahin enge Verwandte aus den besetzten Gebieten zu sich holen konn-ten.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Dass diese und &#228;hnliche diskriminierende Ma&#223;nahmen den grundlegenden Widerspruch der „Ethnokratie“ Israels nicht l&#246;sen k&#246;nnen, scheint offensichtlich. Doch Israels Krieg an der „stillen Front“ des permanenten Kriegs gegen die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung dauert weiter an.</p>
<h3>Das Post-67-Dilemma</h3>
<p>Als Israel nach dem vernichtenden Sieg gegen die arabischen Armeen im Juni 1967 auch den in arabischen H&#228;nden verbliebenen Rest des historischen Pal&#228;stinas besetzte, trat das Dilemma der „Ethnokratie“ in einem neuen, noch gr&#246;&#223;eren Ma&#223;stab zu Tage. Die IDF hatte innerhalb von sechs Tagen das Westjordanland und den Gaza-Streifen, die bis dahin von Jordanien bzw. &#196;gypten verwaltet worden waren, unter israelische Kontrolle gebracht – und damit fast eine Million Pal&#228;stinenserInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a>. Eine vollst&#228;ndige Annexion der besetzten Gebiete, und damit die Erreichung des lange propagierten Ziels eines „Gro&#223;-Israel“ vom Mittelmeer bis zum Jordan, war dadurch kaum m&#246;glich. Eine „ethnische S&#228;uberung“, wie sie von manchen Politikern der Rechten gefordert wurde, stie&#223; auf Ablehnung. H&#228;tte man der pal&#228;stinensischen Bev&#246;lkerung, wie es 1948 praktiziert wurde, die israelische Staatsb&#252;rgerschaft verliehen, w&#228;re die j&#252;dische Mehrheit im Staat Israel in Gefahr gewesen.<br />
In den strategischen Debatten, die auf den gewonnenen Krieg folgten, setzte sich zun&#228;chst ein Plan durch, der vom stellvertretenden Ministerpr&#228;sidenten Ygal Allon vorgestellt wurde. Allon, ein Veteran der regierenden Arbeiterpartei und prominenter General, erkl&#228;rte angesichts des „Post-67-Dilemmas“: „Wenn es notwendig ist, zwischen einem de facto binationalem Staat mit gr&#246;&#223;erem Territorium und einem j&#252;dischen Staat mit kleinerem Territorium zu entscheiden, pl&#228;diere ich f&#252;r die zweite Variante, vorausgesetzt, er hat Grenzen, die verteidigt werden k&#246;nnen“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das bedeutete freilich nicht, ganz auf die Besiedelung der besetzten Gebiete zu verzichten. Im Gegenteil sollte dies geplant und konzentriert passieren, um die politischen Pr&#228;missen des Zionismus nicht zu gef&#228;hrden. Durch die strategische Besiedelung eines Streifens entlang des Jordantals sollte eine Grenze geschaffen werden, die, gemeinsam mit der Annexion Ost-Jerusalems und seiner &#246;stlichen Vororte, das pal&#228;stinensische Gebiet in zwei H&#228;lften teilen w&#252;rde. Gleichzeitig sollte auf die Besiedelung jener Gebiete, die dicht von Pal&#228;stinenserInnen bev&#246;lkert sind, verzichtet werden. Diese Teile des Westjordanlands k&#246;nnten etwa an Jordanien zur&#252;ckgegeben werden. Die Vorteile dieser Strategie lagen auf der Hand, meinte Allon: „Diese defensive Anordnung k&#246;nnte einer modernen Armee standhalten. Sie ist dazu geeignet, das Land zu sch&#252;tzen, nicht nur vor seinen direkten Nachbarn, sondern auch vor der gesamten Region im Osten (…). Sie schafft auch ein Hinterland, das Jerusalem und seine Umgebung vor den Gefahren des Guerillakriegs sch&#252;tzen, und gibt uns die M&#246;glichkeit der Besiedelungen in halbverlassenen Gebieten. Ich f&#252;ge hinzu, dass die Territorien, die wir zur&#252;ckgeben, demilitarisiert sein werden, und dass dadurch, dass wir uns an der Flanke der Bev&#246;lkerung des Westjordanlands aufstellen, wir in jedem Fall ihr offensives Potential neutralisieren“.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Es war eine pragmatische Strategie, die ideologisch motivierte Gro&#223;-Israel-Phantasien hintan stellte, aber trotzdem die weitere Kolonisierung Pal&#228;stinas zulie&#223; und die Pal&#228;stinenserInnen in leicht kontrollierbaren Enklaven einschloss.</p>
<p>Dass dieser Plan nie in vollem Umfang umgesetzt und schlie&#223;lich g&#228;nzlich aufgegeben wurde, h&#228;ngt ma&#223;geblich mit politischen Umbr&#252;chen in Israel zusammen. Anfang der 1970er Jahre verlor der Block um die Arbeiterpartei, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts die hegemoniale Kraft im Yishuv (der Gemeinschaft der zionistischen SiedlerInnen in Pal&#228;stina) und sp&#228;ter in Israel war, zunehmend an Einfluss. Die Ideologie der traditionellen Eliten, durch niemanden klarer verk&#246;rpert als den israelischen &#220;bervater David Ben Gurion, war f&#252;r die neue, in Israel geborene Generation nicht mehr attraktiv. Diese ideologische und politische Leerstelle wurde vom Lager der Nationalreligi&#246;sen besetzt, die einen radikalen religi&#246;sen Messianismus mit kompromisslosen anti-arabischen Positionen der zionistischen Rechten verbanden. Besonders f&#252;r die von den Eliten des „Arbei-terzionismus“ stets verachteten „Mizrahim“ (Juden/J&#252;dinnen aus arabischen oder muslimischen L&#228;ndern) waren die Nationalreligi&#246;sen ein Anlaufpunkt. Mit der Gr&#252;ndung des „Gush Emunim“ („Block der Getreuen“) 1974 und der &#220;bernahme der Regierung durch den rechten Likud-Block 1977 wurden alle strategischen Beschr&#228;nkungen hinsichtlich der Besiedelung in den besetzten Gebieten hinf&#228;llig. Die radikale SiedlerInnenbewegung, f&#252;r die ganz „Erez Israel“ von AraberInnen „befreit“ werden muss, konnte seither erfolgreich ein Netz von Siedlungen aufbauen, das sich durch das gesamte Westjordanland erstreckt. Der Likud versuchte zudem seit Beginn der 1980er Jahre, weitere j&#252;dische Israelis zur Besiedelung der besetzten Gebiete zu bewegen, indem unterprivilegierten Familien massive finanzielle Anreize versprochen wurden. Der unter Menachem Begin 1981 vorgestellte „Einhunderttausend-Plan“ war der erste konzertierte Versuch, die demographischen Verh&#228;ltnisse in den besetzten Gebieten zu Gunsten der Juden/J&#252;dinnen zu verschieben. Indem „hochwertige H&#228;user mit Land zu niedrigen Preisen“ garantiert wurden, sollte die j&#252;dische Bev&#246;lkerung im Westjordanland verf&#252;nffacht werden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Kombination der Besiedelungsstrategien – „Sicherheitspuffer“ entlang des Jordantals, Ausnutzen und Anheizen von religi&#246;sem Fanatismus, finanzielle Anreize – wurde seither von allen<br />
Regierungen, ob von Likud oder der Arbeiterpartei gef&#252;hrt, mit unterschiedlicher Gewichtung durchgef&#252;hrt. Sie hat es Israel erm&#246;glicht, die Kontrolle &#252;ber 42 Prozent des gesamten Westjordanlands zu erhalten.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></p>
<h3>„Friedensprozess“ und R&#252;ckzug</h3>
<p>Nachdem die pal&#228;stinensische Wut &#252;ber die unertr&#228;glichen Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten sich in den Aufst&#228;nden von 1987, der Intifada, entladen hatte, wurde auch einigen israelischen Strategen klar, dass der Status Quo nicht mehr ohne weiteres aufrechterhalten werden konnte. Die gegenseitige Anerkennung von Israel und PLO und erste zaghafte Friedensbem&#252;hungen im Rahmen der Madrider Konferenz 1991 lie&#223;en viele vermuten, dass die israelische F&#252;hrung tats&#228;chlich die Kolonisierung Pal&#228;stinas gegen Frieden eintauschen k&#246;nnte. Als dann der israelische Ministerpr&#228;sident Yitzhak Rabin und Yassir Arafat H&#228;nde sch&#252;ttelnd auf dem Rasen vor dem Wei&#223;en Haus standen, schienen sich diese Hoffnungen zu erf&#252;llen. Heute, 13 Jahre nach dem Osloer Abkommen, ist all das in weite Ferne ger&#252;ckt. W&#228;hrend Israels Regierung sich offiziell zum so genannten Friedensprozess bekannte, setzte sie ihre Strategie der Besiedelung unvermindert fort. Zwischen 1993, als die „Grundsatzerkl&#228;rung“ des Friedensabkommens unterzeichnet wurde, und dem Ausbruch der zweiten Intifada 2000, stieg die Zahl der SiedlerInnen in den besetzten pal&#228;stinensischen Gebieten von 116.400 auf 195.000 an. Das Ziel war offensichtlich, Fakten zu schaffen, die auch ein Abkommen mit der PLO nicht mehr r&#252;ckg&#228;ngig machen konnten.<br />
Dementsprechend gestaltete sich das „Interimsabkommen“ von 1995, das aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen einen pal&#228;stinensischen „Fleckerlteppich“ machte. Die neu gegr&#252;ndete Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde (PA) kontrollierte danach ganze 3,5 Prozent der Territorien („Zone A“), weitere 420 Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer durften zwar von der PA zivil verwaltet werden, die &#252;bergreifende Verantwortung und Sicherheit verblieb jedoch bei Israel („Zone B“). Im restlichen Teil des Westjordanlands – die 73 Prozent des Landes umfassende „Zone C“ – blieb alles, wie es war.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Alle wirklich kritischen Punkte – die j&#252;dischen Siedlungen, der Status Jerusalems, das Schicksal der pal&#228;stinensischen Fl&#252;chtlinge – wurden auf sp&#228;tere Verhandlungen verschoben, die nie stattfanden. Dass auf dieser Basis – die seither die Grundlage aller „Friedenspl&#228;ne“, nicht zuletzt George W. Bushs „Roadmap“, war – keine friedliche L&#246;sung zustande kommen konnte, verwundert nicht. Der israelische Politikwissenschafter Ilan Pappé brachte es auf den Punkt: „Eine Heimat nach dem Konflikt kann nicht auf der Grundlage geschaffen werden, dass die gemeinsame vorgestellte Heimat auf die denkbar unfairste Art geteilt wird: 78 Prozent ein j&#252;discher Staat und 22 Prozent eine Art pal&#228;stinensisches Protektorat. Dies ist als L&#246;sung noch weniger denkbar, wenn das Angebot auf der internationalen Agenda sogar die 22 Prozent weiter aufteilt“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Aufschrei der pal&#228;stinensischen Bev&#246;lkerung, die sich dagegen wehrten, wie ihre F&#252;hrung sich von Israel &#252;ber den (Verhandlungs-)Tisch ziehen lie&#223;, war die zweite Intifada von 2000.</p>
<p>Profitieren konnte von dieser Situation die israelische Rechte. Ariel Sharon, der 1983 wegen seiner Beteiligung am Massaker von Sabra und Shatila als Verteidigungsminister zur&#252;cktreten hatte m&#252;ssen, wurde als Vorsitzender des Likud 2001 Regierungschef. Anfangs noch ein Verfechter der klassischen radikal-rechten, kompromisslosen Positionen der Siedlerbewegung, setzte er 2003 einen entscheidenden strategischen Schwenk in der israelischen F&#252;hrung durch. Seine Entscheidung, die israelische Armee aus dem Gaza-Streifen abzuziehen und die dortigen Siedlungen aufzul&#246;sen, &#252;berraschte nicht nur die israelischen Eliten, sondern BeobachterInnen in aller Welt. Seither ist sein Werdegang vom „Falken“ zur „Friedenstaube“ Teil der internationalen Nahost-Folklore. Als er zu Beginn dieses Jahres ins Koma fiel, lie&#223;en die politischen Nachrufe vermuten, der von uns Scheidende w&#228;re als historische Pers&#246;nlichkeit zwischen Mutter Teresa und Mahatma Gandhi anzusiedeln. Tats&#228;chlich k&#246;nnte dieses Urteil &#252;ber ihn und seinen Nachfolger und langj&#228;hrigen Vertrauten, Ehud Olmert, falscher nicht sein. Eine genauerer Blick zeigt, dass Sharon und die Politik, f&#252;r die er in seinen letzten Jahren gestanden hat, sowohl einen Bruch, als auch eine Kontinuit&#228;t israelischer Strategien bedeutet. Tats&#228;chlich hat sich Sharon von der kompromisslosen Strategie der radikalen Rechten verabschiedet, die erbittert um jeden Quadratzentimeter heilige W&#252;ste k&#228;mpft. Der hochdekorierte General hat erkannt, dass das von Allon formulierte Dilemma noch immer nicht gel&#246;st ist. Es musste eine Balance gefunden werden zwischen einem territorial m&#246;glichst gro&#223;en Staat Israel, der gleichzeitig seinen exklusiv j&#252;dischen Charakter beh&#228;lt. Der Gaza-Streifen war ein kleiner Preis, der f&#252;r diese Balance zu zahlen war: Von insgesamt 241.000 SiedlerInnen in den besetzten Gebieten lebten bis zum Abzug 2004 ganze 8.195 oder 3,5 Prozent im Gaza-Streifen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Was die israelische Regierung daf&#252;r erh&#228;lt, ist trotz des R&#252;ckzugs maximale Kontrolle &#252;ber das Territorium bei gleichzeitig minimaler Verantwortung f&#252;r dessen nicht-j&#252;dische Bev&#246;lkerung. Der Autor Darryl Li beschreibt den Gaza-Streifen nach dem Abzug als „Laboratorium“ f&#252;r israelische Kontrolltechniken. Durch Ausgangssperren, Zerst&#246;rung von Infrastruktur, die &#220;berwachung des Luftraums und gezielte T&#246;tungen oder Verhaftungen pal&#228;stinensischer PolitikerInnen und AktivistInnen<sup>19</sup> wird der Gazastreifen zum gr&#246;&#223;ten Freiluftgef&#228;ngnis der Welt gemacht. Die Massenunterst&#252;tzung f&#252;r die Hamas und ihre milit&#228;rischen Operationen in Gaza erkl&#228;rt sich nicht zuletzt aus der verheerenden humanit&#228;ren Lage in Israels “Laboratorium”.<br />
Gleichzeitig wurde die Siedlungst&#228;tigkeit im Westjordanland verst&#228;rkt, so dass die gesamte Zahl der SiedlerInnen sich seit dem „R&#252;ckzug“ aus dem Gazastreifen sogar noch erh&#246;ht hat. Die Strategie &#228;hnelt dem Allon-Plan von 1967: Durch die gezielte F&#246;rderung von Siedlungen in strategisch wichtigen Gebieten und die Aufgabe kleinerer, unwichtiger Stellungen wird versucht, das pal&#228;stinensische Land in kleine Fragmente aufzuteilen. Pal&#228;stinensische Bantustans sind die Folge, die komplett von israelischer Infrastruktur abh&#228;ngig sind. Die von Sharon in Auftrag gegebene und t&#228;glich weiter gebaute Mauer, die sich quer durch pal&#228;stinensisches Gebiet zieht und mehrere gro&#223;e Siedlungsbl&#246;cke de facto an Israel annektiert, ist ein wichtiges Element dieser Strategie. Die Kolonialisierung Pal&#228;stinas setzt sich damit weiter fort.</p>
<h3>Einfach, aber schwer</h3>
<p>Die Aussicht auf einen gerechten Frieden ist heute d&#252;ster. Was die Analyse der Strategien Israels in seinem permanen-ten Kriegs zeigt, ist dass alle drei Fronten dieses Konflikts untrennbar miteinander verwoben sind. Solange Israel an der obersten Maxime der zionistischen Bewegung festh&#228;lt – der Aufrechterhaltung einer exklusiv j&#252;dischen „Ethnokratie“ – sind Bem&#252;hungen zu einem dauerhaften Frieden wohl zum Scheitern verurteilt. Dass die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung einem faulen Kompromiss nicht leicht zustimmen wird, hat sie mit der Wahl der Hamas, die sich als kompromisslose Alternative zur korrupten und opportunistischen Fatah-Elite dargestellt hat, einmal mehr gezeigt. Eine L&#246;sung des Konflikts ist das, was Brecht einst &#252;ber den Kommunismus gedichtet hat: Das Einfache, das schwer zu machen ist. Das hei&#223;t in diesem Falle, ein gemeinsamer, demokratischer Staat all seiner B&#252;rgerInnen, der sich von seiner kolonialistischen Vergangenheit und Gegenwart lossagt und sich nicht mehr als Kettenhund der USA missbrauchen l&#228;sst. Solange dieser – heute wohl noch in weiter Ferne liegende – Weg nicht gemeinsam beschritten wird, muss bef&#252;rchtet werden, dass Noam Chomskys Spruch seine G&#252;ltigkeit behalten und der Angriff auf den Libanon im Sommer 2006 nicht der letzte israelische Angriffskrieg bleiben wird.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Chomsky, Noam 2002: Offene Wunde Nahost. Israel, die Pal&#228;stinenser und die US-Politik, Hamburg: Europa Verlag. p11.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Gro&#223;britannien war nach dem Ersten Weltkrieg Mandatsmacht in Pal&#228;stina und unterst&#252;tzte das zionistische Projekt der Kolonisierung Pal&#228;stinas seit der ber&#252;hmten „Balfour-Erkl&#228;rung“ von 1917.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Aruri, Naseer H. 2003: Dishonest Broker. The U.S. Role in Israel and Palestine, Cambridge: South End Press. p19.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Berrigan, Frida/Hartung, William D. (2006) Who’s arming Israel?, in: Foreign Policy In Focus, 26. Juli 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3387<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Die ausf&#252;hrlichste Aufarbeitung der Vertreibung und teilweise Ermordung der Pal&#228;stinenserInnen im „Unabh&#228;ngigkeitskrieg“ liegt mit Benny Morris’ Standardwerk „The Birth of the Palestinian Refugee Problem“ vor, das auf in den 1980er Jahren erstmals zug&#228;nglichem, reichhaltigen Archivmaterial beruht (Morris, Benny 2004: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited, Cambridge: Cambridge University Press).<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Shafir, Gershon, Yoav Peled 2002: Being Israeli. The Dynamics of Multiple Citizenship, Cambridge: Cambridge University Press. p112.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Yiftachel, Oren 1999: „Ethnocracy“: The Politics of Judaizing Israel/Palestine, in: Constellations, Volume 6, 3/1999, pp364-391, http://www.geog.bgu.ac.il/members/yiftachel/new_papers_eng/Constellations-print.htm<o></o></p>
<p><a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Shafir/Peled: a.a.O. pp110–136. Dies meist dadurch, dass Pal&#228;stinenserInnen der Zugang zum israelischen Milit&#228;r verwehrt ist. Viele Sozialleistungen sind jedoch an die Ableistung des Wehrdienstes, der f&#252;r alle j&#252;dischen Israelis (M&#228;nner wie Frauen) verpflichtend ist, gekn&#252;pft (ebd. p126).<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Yiftachel, Oren 1998: Democracy or Ethnocracy: Territory and Settler Politics in Israel/Palestine, in: Middle East Report, Nr 207, 2/1998, http://www.merip.org/mer/mer207/yift.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Peled, Yoav 2006: Zionist Realities. Debating Israel-Palestine, in: New Left Review, II/38: pp21-36.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Laut der ersten israelischen Z&#228;hlung vom Dezember 1967 waren es 604.494 Pal&#228;stinenserInnen im Westjordanland und 380.800 im Gaza-Streifen (http://www.palestinecenter.org/cpap/stats/dist_pop_67.html).<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> zit. nach Achcar, Gilbert 2004: Eastern Cauldron. Islam, Afghanistan, Palestine and Iraq in a Marxist Mirror, London: Pluto Press. p211.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> zit. nach ebd. p212.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Shafir/Peled: a.a.O. p172f.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> B’Tselem, Israeli Information Center for Human Rights in the Occupid Territories 2006: Land Expropriation and Settlements, http://www.btselem.org/English/Settlements/<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Watzal, Ludwig 2001: Bilanz und Kritik des Osloer „Friedensprozesses“, in: Edlinger, Fritz (Hg.): Befreiungskampf in Pal&#228;stina. Von der Madrid-Konferenz zur Al-Aqsa-Intifada, Wien: Promedia, pp29-44. p 31.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Pappé, Ilan 2003: “The Post-Territorial Dimensions of a Future Homeland in Israel and Palestine”, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East, Volume 23, 1&amp;2/2003: pp224 – 233. p232.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> B’Tselem a.a.O.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Li, Darry 2006: “The Gaza Strip as Laboratory. Notes in the Wake of Disengagement”, in: Journal of Palestine Studies, XXXV/2, Winter 2006: pp38-55.</p>
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		<title>Ein neuer Imperialismus? &#8211; Tendenzen und Widerspr&#252;che europ&#228;ischer Integration</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:07:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.<br />
<span id="more-70"></span><br />
Die Strukturen des europ&#228;ischen Kapitalismus unterliegen heute einer tiefgreifenden Ver&#228;nderung. An sich stellt das nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches dar, im Gegenteil ist es eine Notwendigkeit des Systems, sich st&#228;ndig zu restrukturieren, um nicht an den eigenen Widerspr&#252;chen zu zerbrechen. Dennoch bringen die aktuellen Tendenzen in Europa etwas qualitativ Neues mit sich. Wir sind heute ZeugInnen einer Entwicklung, die als politischer Ausdruck ver&#228;nderter &#246;konomischer Bedingungen charakterisiert werden kann: Der Prozess der Zentralisation von Kapital in Europa hat zur Bildung transeurop&#228;ischer Konzerne gef&#252;hrt. Politisch st&#252;tzt sich dieses „europ&#228;ische Kapital“ nicht mehr nur auf die Nationalstaaten, sondern findet und schafft sich eine Ebene gesamteurop&#228;ischer Politik, die es ihr besser erlaubt, ein Europa nach seinem Bild zu schaffen. Als Ergebnis der wachsenden wechselseitigen Verflechtung des Kapital und der nationalen &#214;konomien in Europa entsteht so ein Mehrebenensystem politischer Einflussnahme. Dieser Prozess kann die Basis f&#252;r die Herausbildung eines origin&#228;r europ&#228;ischen Imperialismus sein.<o></o></p>
<h3>Europ&#228;ische Einheit – keine neue Idee</h3>
<p>Schon lange vor der Europ&#228;ischen Union gab es Bestrebungen verschiedener Kr&#228;fte und AkteurInnen in Europa, sich &#252;ber die Grenzen des b&#252;rgerlichen Nationalstaates hinweg f&#252;r gemeinsame Interessen zu verb&#252;nden. Eine Besonderheit war dabei, dass diese Ideen immer dann in den Vordergrund traten, wenn es weltweit zu Krisenph&#228;nomenen des kapitalistischen Systems kam. So tauchte die Idee eines vereinten Europas nach dem 1. Weltkrieg auf und erh&#228;lt dieser Tage wieder Brisanz im Zeichen einer krisenhaften Entwicklung unter der Dominanz der neoliberalen Globalisierung.<br />
Deutschlands herrschenden Eliten schwebte in den 1940ern eine europ&#228;ische Gemeinschaft unter deutscher F&#252;hrung vor. Nach der Macht&#252;bernahme der Nationalsozialisten in Deutschland richtete die NSDAP die „Zentralstelle f&#252;r europ&#228;ische Gro&#223;raumwirtschaft“ ein: „…Deutschland, in der Mitte des europ&#228;ischen Kontinents gelegen, ist an erster Stelle verpflichtet, diese Aufgabe der Errichtung einer kontinental-europ&#228;ischen Gro&#223;raumwirtschaft nicht nur zu verk&#252;nden, sondern auch handelspolitisch-praktisch zu bet&#228;tigen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verantwortlich f&#252;r Europa.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Der Hintergrund war das Bed&#252;rfnis, einen &#228;hnlich gro&#223;en, homogenen Binnenmarkt wie in den USA zu schaffen, in dem die Akkumulation von Kapital erleichtert w&#252;rde und welcher die Basis zu weiterer Expansion darstellen sollte.<br />
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges r&#252;ckten diese Vorstellungen zun&#228;chst in weite Ferne. Die USA konnte durch ihre Dominanz – sowohl milit&#228;risch als auch wirtschaftlich – die Entwicklung in Westeuropa ihren Interessen unterordnen. Sie unterst&#252;tzten den Aufbau Westeuropas als Gegenmacht zu Osteuropa und konnten gleichzeitig ihren Produktionskapazit&#228;ten, welche nicht durch Zerst&#246;rungen des 2. Weltkrieges in Mitleidenschaft gezogen wurden, den dringend notwendigen Absatzmarkt beschaffen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Ans&#228;tze europ&#228;ischer Staaten zur Kooperation fanden in den Nachkriegsjahren auf wirtschaftlichem Gebiet statt. Durch die Unterzeichnung der R&#246;mischen Vertr&#228;ge 1957 wurde die Europ&#228;ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegr&#252;ndet mit dem Ziel der Beseitigung von Handels- und Zollhemmnissen zwischen den einzelnen Staaten und der Gr&#252;ndung eines gemeinsamen Marktes. Gemeinsame au&#223;enpolitische oder gar milit&#228;rische Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen europ&#228;ischer Eliten au&#223;erhalb Europas konnte sich unter der US-Dominanz jedoch nicht entfalten bzw. wurde durch das transatlantische milit&#228;rische B&#252;ndnis der NATO den Interessen der USA untergeordnet.</p>
<h3>Union statt Kooperation</h3>
<p>Die Ver&#228;nderungen der wirtschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse – welche durch die erste Nachkriegskrise 1973 zum Ausdruck kamen – brachten dem Projekt Europ&#228;ische Union neue Aktualit&#228;t. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, die eine Weile durch den Nachkriegsaufschwung &#252;berdeckt wurde, stellte neue Herausforderungen.<br />
Ein wichtiger Schritt zur Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus war die Etablierung eines europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems (EWS).<br />
Ausgangspunkt war das Zusammenbrechen des Weltw&#228;hrungssystems von Bretton-Woods im Jahr 1973. Das Abkommen von Bretton-Woods war im Jahr 1944 mit dem Ziel geschlossen worden, die reibungslosere Abwicklung des Welthandels bei festen Wechselkursen zu garantieren. Ein gro&#223;er unbekannter Faktor bei der grenz&#252;berschreitenden Realisierung von Profit konnte so aus der Gleichung genommen werden. Mit der Freigabe der Wechselkurse nach dem Ende von Bretton-Woods kristallisierte sich deshalb f&#252;r einige gro&#223;e europ&#228;ische &#214;konomien eine instabile und unvorteilhafte Lage heraus. Das konnte kein Dauerzustand sein. Die Antwort war die Einf&#252;hrung des Europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems 1979. Dabei gab es unterschiedliche Ausgangssituationen. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:</p>
<h3>Deutschland</h3>
<p>Als wichtigste &#214;konomie Kontinentaleuropas befand sich die BRD unter einem enormen Druck. Die Deutsche Mark „drohte“ zu einer zweiten Leitw&#228;hrung zu werden. Die kontinuierliche Aufwertung der DM f&#252;hrte zur Verteuerung deutscher Exportg&#252;ter auf dem Weltmarkt und wirkte sich deshalb nachteilig auf die Konkurrenzf&#228;higkeit aus. Teilweise konnte dieser Nachteil durch Modernisierung der Produktivkr&#228;fte und technisch hochwertige Produkte ausgeglichen werden. Eine weitere Aufwertung der DM h&#228;tte trotzdem zur Folge gehabt, dass das „Modell Deutschland“ weiter starkem Druck ausgesetzt gewesen w&#228;re. Also war es das Interesse der Deutschen Bundesregierung, die DM aus der Rolle einer Weltleitw&#228;hrung herauszuhalten. Dies sollte durch eine st&#228;rkere Bindung der DM an die schw&#228;cheren europ&#228;ischen W&#228;hrungen erreicht werden.</p>
<h3>Frankreich</h3>
<p>Als zweite wichtige &#214;konomie in Europa war Frankreich ebenfalls treibende Kraft des EWS. Seine Ausgangslage gestaltete sich allerdings etwas anders. Die franz&#246;sische &#214;konomie hatte mit einem massiven Modernisierungsr&#252;ckstand zu k&#228;mpfen. Die Konkurrenzf&#228;higkeit franz&#246;sischer Produkte konnte nur aufrechterhalten werden, in dem sie durch die „k&#252;nstliche“ Abwertungspolitik des franz&#246;sischen Francs billig gehalten wurden. Das Problem war, dass so kein Anreiz f&#252;r die franz&#246;sische Industrie geschaffen wurde, den Modernisierungsr&#252;ckstand aufzuholen. Die Idee der konservativen Regierung Frankreichs war, durch eine st&#228;rkere Bindung des Francs an die DM die franz&#246;sische Industrie st&#228;rkerer Konkurrenz auszusetzen und sie so zu zwingen, sich dem Modernisierungsdruck des Marktes zu stellen. Im Grunde bedeutet dies, die Restrukturierung der &#214;konomie nicht mehr unter der Regie der Politik zu betreiben, sondern der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zu &#252;bergeben, die zwangsvermittelt die Konkurrenzf&#228;higkeit herstellen sollte.</p>
<p>Die engere finanzpolitische Zusammenarbeit kam den verschiedenen Ausgangssituationen entgegen. Die Einf&#252;hrung des EWS 1979 mit festen, jedoch anpassungsf&#228;higen Wechselkursen erm&#246;glichte eine Zone der W&#228;hrungsstabilit&#228;t zwischen den teilnehmenden L&#228;ndern. Diese Wechselkursregelung sollte den Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr zwischen den EG-L&#228;ndern vor Wechselkursrisiken bewahren.</p>
<p>Die Herausbildung des EWS zeigt, wie Ver&#228;nderungen in den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen eine konkrete Form von Politik – in diesem Fall die Finanzpolitik – annehmen, auch wenn diese scheinbar aus unterschiedlichen politischen Interessen angetrieben wird. Der Konservative Valéry Giscard d’Estaing war der wichtigste politische Akteur auf Seiten Frankreichs. Obwohl einem anderen politischen Lager zugeh&#246;rig als der sozialdemokratische Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, konnten beide sich auf einen gemeinsamen Weg zum EWS einigen. Aufbauend auf der Verallgemeinerung eines zentralen Bereichs wirtschaftspolitischer Einflussnahme, n&#228;mlich der Finanzpolitik, setzte sich in Europa eine Dynamik durch, die an einer gemeinsamen europ&#228;ischen Verwertungsstrategie orientiert war.<o></o></p>
<h3>Motoren politischer Integration</h3>
<p>Der Zusammenbruch des Ostblocks ver&#228;nderte die Rahmenbedingungen nochmals. Die UdSSR als zweite Supermacht hinterlie&#223; ein Machtvakuum, das die M&#246;glichkeit zur Neuaufteilung der Einflusssph&#228;ren bot.<o></o><br />
Die Expansion nach Osteuropa konnten die europ&#228;ischen Staaten jedoch nur politisch koordiniert und als gemeinsames imperialistisches Projekt angehen.<br />
In so genannten „Beitrittsverhandlungen“ wurden osteurop&#228;ische L&#228;nder in einen Wettlauf getrieben, der sie zwang, soziale Standards in unvorstellbarem Ausma&#223; abzubauen. Der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze durch westeurop&#228;ische Konzerne ging ein massiver Arbeitsplatzabbau voraus. Im Endeffekt flie&#223;en alle Investitionen, die in Osteuropa angelegt wurden, als Gewinne in Milliardenh&#246;he nach Westeuropa zur&#252;ck. Das Bank- und Versicherungswesen, industrielle Landwirtschaft und hochmoderne Produktionsketten sind in der Hand westeurop&#228;ischer Konzerne.<br />
Die Osterweiterung ist ein Beispiel f&#252;r internationalen Konkurrenzkampf um M&#228;rkte und Einflusszonen. Sie kann aber auch exemplarisch daf&#252;r stehen, welche Auswirkungen „Europ&#228;isierung“ auf Staaten hat. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks wurden von autorit&#228;ren Versorgungsstaaten zu Wettbewerbstaaten<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, deren Hauptaufgabe darin besteht, bestm&#246;glich Verwertungsbedingungen f&#252;r europ&#228;isches Kapital zu schaffen.</p>
<p>Der &#220;bergang von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, in der mehrere Machtbl&#246;cke wirtschaftlich und geopolitisch um Macht und Einfluss konkurrieren, forcierte auch die milit&#228;rische Hochr&#252;stung innerhalb Europas.</p>
<p class="MsoNormal">„Eine harte W&#228;hrung [Euro], die eine schwache Verteidigung hat, ist auf lange Frist keine harte W&#228;hrung”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – direkter kann der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsinteressen und Militarisierung kaum ausgedr&#252;ckt werden. Auch wenn weiterhin der Schwerpunkt der Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene liegt, f&#228;llt einer gemeinsamen milit&#228;rischen Politik eine gr&#246;&#223;ere Rolle zu.<br />
Auch hierf&#252;r musste eine politische Form gefunden werden. Die NATO, in der die USA die dominierende Kraft sind, war demnach nicht die geeignete Plattform. Die beginnenden Bestrebungen, sich auch milit&#228;risch weniger abh&#228;ngig von den USA zu machen, wurden unter anderem im „Vertrag &#252;ber die Europ&#228;ische Union“ festgehalten, der 1992 in Maastricht geschlossen wurde. Unter dem Schlagwort „Gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik“ (GASP) wurde festgelegt, dass zur EU „ …auf l&#228;ngere Sicht auch die Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik geh&#246;rt, die zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Verteidigung f&#252;hren k&#246;nnte.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Vertr&#228;ge allein reichen nicht, sondern die praktische Best&#228;tigung dieses Anspruches musste ebenfalls entwickelt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus spielt die Beteiligung von EU-Staaten bei der blutigen Zerschlagung von Jugoslawien eine wichtige Rolle. W&#228;hrend des Kosovo-Krieges 1999, den die USA gemeinsam mit EU-Staaten als NATO-Einsatz f&#252;hrte, wurde der Aufbau europ&#228;ischer Streitkr&#228;fte beschlossen, die zuk&#252;nftig unabh&#228;ngig von den USA in der Lage sein sollten, milit&#228;rische Interventionen durchzuf&#252;hren. Die Kriege am Balkan sind daher treffend als „europ&#228;ische Einigungskriege“ bezeichnet worden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Sie sollten dar&#252;ber hinaus den osteurop&#228;ischen Staaten die milit&#228;rische St&#228;rke Europas demonstrieren und sie so f&#252;r die sp&#228;tere Osterweiterung auf Linie bringen.</p>
<h3>Die &#246;konomische Basis f&#252;r einen EU-Imperialismus</h3>
<p>Begleitet wurden diese Anstrengungen von einem Prozess zunehmend engerer Verflechtungen und Zentralisationstendenzen des Kapitals, die die &#246;konomische Basis f&#252;r die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bildeten.<br />
W&#228;hrend in Zeiten guter wirtschaftlicher Konjunktur eine Konzentration von Kapital beobachtet werden kann, die sich in einem innerbetrieblichen Wachstum von Unternehmen ausdr&#252;ckt, verschiebt sich in Krisenzeiten die Entwicklung hin zur Zentralisation.
</p>
<p class="MsoNormal">Konzentration von Kapital beruht darauf, dass es profitable Verwertungsm&#246;glichkeiten des Kapitals gibt, d.h. dass der Profit gesteigert wird durch den Ausbau der Produktion in den Unternehmen selbst. Mit der sich versch&#228;rfenden Profitkrise in den 70ern wurden diese M&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt. Deshalb bekam die Zentralisation von Kapital eine gr&#246;&#223;ere Bedeutung, d.h. dass der Akkumulationsprozess nicht mehr haupts&#228;chlich &#252;ber Produktion, sondern durch das Zusammenf&#252;hren und Integrieren fremden Kapitals passiert. Fusionen und das Verschwinden kleinerer Unternehmen durch Aufkauf pr&#228;gen das Bild.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> <o></o></p>
<p>Der europ&#228;ische Binnenmarkt war Konsequenz aus diesen Zentralisationsprozessen. Der Binnenmarkt bietet f&#252;r das europ&#228;ische Kapital zwei M&#246;glichkeiten. Zum einen unterst&#252;tzt er den Zentralisationsprozess. Zum zweiten k&#246;nnen unterschiedliche soziale Standards dazu gen&#252;tzt werden, die Produktion wieder profitabler zu gestalten. Die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen f&#252;hrt nicht zu einem „fairen“ Wettbewerb, sondern unterst&#252;tzt kapitalkr&#228;ftige Unternehmen darin, Fusionen durchzuf&#252;hren und Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Diese Art von Zentralisierung ist die &#246;konomische Basis f&#252;r einen Imperialismus, der sich mit der Europ&#228;ischen Union entwickelt.<br />
Die daraus entstandenen, in wichtigen Sektoren transnational orientierten Gro&#223;konzerne, brauchen die M&#246;glichkeit, &#252;ber nationale Grenzen hinweg politische Interessen zu formulieren und durchzusetzen.<br />
Die EU-Institutionen entstanden also vor allem durch die Interessen der Gro&#223;konzerne und haben den Vorteil, nicht durch nationalstaatliche Aufgaben wie die Regulierung der Sozialstandards eingeengt zu sein. Das hei&#223;t, „dass das Kapital den einzelnen Staaten flexibler gegen&#252;bertritt und sich wichtige Politikformulierungs- und -durchsetzungsprozesse auf die Ebene internationaler Organisationen verlagern.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a></p>
<h3>Die Nationalstaaten und die EU</h3>
<p>Dadurch verlagern sich jedoch auch die Konflikte zwischen den europ&#228;ischen Staaten in die Institutionen der Union. Die historisch gewachsenen unterschiedlichen Interessen und Anspr&#252;che einzelner Staaten und ihrer Eliten verhindern immer wieder einen reibungslosen Fortschritt der EU und brachten sie auch schon an den Rand des Scheiterns. Beispiele aus der j&#252;ngeren Geschichte sind die Ablehnung der Verhandlungen zur ersten EU-Verfassung Ende 2003 durch Polen oder der Streit um das EU-Budget 2005.<br />
Die beiden politischen Ebenen Nationalstaat und EU sollten jedoch nicht als konkurrierend betrachtet werden. Vielmehr sind beide dem massiven Druck der Optimierung der Wett-bewerbsbedingungen ausgesetzt. Das Kapital nutzt beide Ebenen, um f&#252;r sich bestm&#246;gliche Bedingungen herauszuholen. Je nach Situation und Einflussm&#246;glichkeit werden europ&#228;ische oder nationalstaatliche Institutionen bem&#252;ht.<br />
Weiterhin aufrecht bleibt die Konkurrenz der Konzerne der EU-Staaten untereinander. Fusionen und &#220;bernahmen sind hart umk&#228;mpft. Nationale Regierungen greifen ein, wenn in ihren L&#228;ndern beheimatete Konzerne aufgekauft werden sollen. Ein Wirtschaftsexperte im EU-Parlament illustriert die widerspr&#252;chliche Situation: “Man erkennt momentan in einigen Staaten eine gewisse Schizophrenie. Solange man im Ausland kaufen kann, sind die Nationalstaaten, die nationalen Politiken, zufrieden und sehen das auch als eigene St&#228;rke an. Sobald es aber umgekehrt kommt und jemand in diesen Markt m&#246;chte, greift man zu protektionistischen Mitteln, um dieses aufzuhalten nach dem Motto: Wir gehen auf Einkaufstour, aber nicht bei uns. … Das f&#252;hrt zu dieser absurden Situation, dass als jemand den Danone-Konzern aufkaufen wollte, die Spitzenpolitiker in Frankreich auf einmal Jogurt als ein nationales Kulturgut gekennzeichnet und hier eine entsprechende Abwehrschlacht vorbereitet haben.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Die Energiepolitik ist ein gutes Beispiel f&#252;r die widerspr&#252;chliche Rolle von Nationalstaaten innerhalb der EU-Institutionen. W&#228;hrend sich Deutschlands Regierungschefin Angela Merkel auf der einen Seite gegen protektionistische Tendenzen ausgesprochen hat – “Wir m&#252;ssen uns mit europ&#228;ischen Champions abfinden, statt national zu denken. Der Binnenmarkt funktioniert nur, wenn wir Strom ohne Grenzen durch die Union schicken k&#246;nnen, und auch Unternehmen nicht behindert werden.”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – wurde auf nationaler Ebene eine Konferenz mit den Energiekonzernen abgehalten, unter anderem mit Frau Merkel und Vorst&#228;nden der gro&#223;en Energiekonzerne. Dort wurde betont, dass es f&#252;r Deutschland darum gehe, eigene Konzepte zu entwickeln, um zu verhindern, dass die EU-Kommission auch nationale Zust&#228;ndigkeiten &#252;bernimmt. Ein SPD-Politiker bringt beide Anspr&#252;che zusammen: “Wir haben es mit einem bedeutenden Wirtschaftssektor zu tun. Wenn es Deutschland versteht, mit innovativen Techniken eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, hat unsere Wirtschaft sehr gute Ausgangsbedingungen nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern auch auf dem stark expandierenden Weltmarkt.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dieser scheinbare Widerspruch findet sich auch auf milit&#228;rischer Ebene. Es ist heute schwer vorstellbar, dass Nationalstaaten innerhalb der EU einen milit&#228;rischen Konflikt austragen w&#252;rden. Ebenso offensichtlich ist, dass die EU kein Nationalstaat ist. Innerhalb der EU-Grenzen verhindern politische Regularien und Vertr&#228;ge milit&#228;rische Auseinandersetzungen; Interessen werden abgestimmt und ausgeglichen, auch wenn dies nicht immer den Vorstellungen und W&#252;nschen aller Beteiligten entspricht. Die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bedingt eben auch die innere Konstituierung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, auf deren Basis eine gemeinsame aggressive Au&#223;enpolitik errichtet werden kann.</p>
<h3>Politische Auswirkungen</h3>
<p>Wie bereits gezeigt, gibt es innerhalb der EU Tendenzen, die die &#246;konomische Basis f&#252;r einen genuin europ&#228;ischen Imperialismus legen. Die Herausbildung einer politischen Ebene, die eine gemeinsame imperialistische Strategie formulieren und durchsetzen k&#246;nnte, bleibt allerdings ein von Widerspr&#252;chen gepr&#228;gtes Projekt.<br />
Es ist gekennzeichnet durch enorme &#246;konomische St&#228;rke, aber noch zu geringem milit&#228;rischen Potential. Deshalb setzt die EU im internationalen Geflecht von Institutionen vor allem ihre wirtschaftliche Kraft zugunsten der europ&#228;ischen Konzerne durch. Dieses Mehrebenensystem<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> von internationalen Organisationen wie WTO und IWF erm&#246;glicht es imperialistischen Bl&#246;cken, ihren Interessen auch sehr stark &#252;ber marktvermittelte Strukturen Geltung zu verschaffen. Doch nicht nur durch internationale Organisationen passiert die Ausrichtung schw&#228;cherer &#214;konomien auf die Bed&#252;rfnisse der europ&#228;ischen Konzerne. Auch diverse Vertragswerke zwischen schwachen Staaten und der EU dienen in vielfacher Hinsicht diesem Zweck. So sind Schlagworte wie „gutes Regieren“ (good governance) in beinahe allen Vertragswerken zu finden. Mit „Gutem Regieren“ ist jedoch die Absicherung von europ&#228;ischen Investitionen rund um den Globus gemeint. Im Kern verfolgen solche Vertr&#228;ge die Ausweitung der Einflusssph&#228;re europ&#228;ischen Kapitals.</p>
<p>Der Eindruck eines „zivilgesellschaftlichen“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Imperialismus w&#228;re tr&#252;gerisch. Noch immer z&#228;hlt im Fall der F&#228;lle die milit&#228;rische Potenz. In diesem Bereich hinkt die EU hinterher, auch wenn es hier Aufholbestrebungen gibt. Die Konflikte am Balkan, der Alleingang der USA und Gro&#223;britanniens im Irak und der von den westlichen Staaten propagierte Kampf gegen den Terror waren wichtige Katalysatoren f&#252;r die milit&#228;rische Weiterentwicklung der EU. Die Dominanz der USA im bisher tonangebenden milit&#228;rischen B&#252;ndnis NATO stellte immer mehr ein Hindernis f&#252;r die milit&#228;rische Umsetzung europ&#228;ischer Interessen dar. Der Aufbau von eigenen milit&#228;rischen Kapazit&#228;ten r&#252;ckt deshalb mehr und mehr ins Zentrum der Bem&#252;hungen der europ&#228;ischen Eliten.<br />
Die Bildung gemeinsamer milit&#228;rischer Kommandostrukturen hat l&#228;ngst begonnen. Europ&#228;isch organisierte Einsatztruppen deuten auf eine weitere Integration und das Herausbilden gemeinsamer milit&#228;rischer Strategien hin. Auch ein gemeinsamer milit&#228;risch-industrieller Komplex befindet sich im Aufbau, dessen Aush&#228;ngeschild der R&#252;stungskonzern EADS und dessen Paradeprojekt der „Eurofighter“ ist.</p>
<p>Auch wenn die Herrschenden Europas optimistisch das Bild einer zuk&#252;nftigen „globalen Supermacht“ zeichnen, bleibt die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus ein widerspr&#252;chlicher und konfliktreicher Prozess. Gerade deshalb ist die zentrale Herausforderung f&#252;r die Linke in Europa, diese Entwicklung ernst zu nehmen und den europ&#228;ischen Eliten konsequente antiimperialistische Politik entgegen zu stellen. „Der Widerstand gegen die Militarisierung und Hierarchisierung Europas ist nicht chancenlos, weil er sich auf die Interessen gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung an Frieden und sozialer Absicherung st&#252;tzen kann.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Hofbauer, Hannes: Osterweiterung. Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration. Wien: Promedia 2003.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Hamburg: VSA 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> St&#252;tzle, Walther, zit. in Oberansmayer, Gerald: Auf dem Weg zur Supermacht. Die Militarisierung der Europ&#228;ischen Union. Wien: Promedia 2004.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> EUV, Artikel J.1.4.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Oberansmayer a.a.O. 36.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> nach Kisker, Klaus Peter: Kapitalkonzentration und die Rolle des Staates im Zeitalter der Globalisierung, in: Joachim Bischoff/Paul Boccara/Karl Georg Zinn u.a. (Hg.): Die Fusionswelle. Hamburg: VSA 2000. 78 ff.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hirsch, a.a.O.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Deutschlandfunk, 23.03.2006, dradio.de.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. im Standard, Ausgabe vom 23.03.06<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Pressemitteilung BMU vom 15.03.2006<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Das internationale Mehrebenensystem kann als Bearbeitungsversuch der sich zuspitzenden Widerspr&#252;che des globalisierten Kapitals verstanden werden. Die Macht der Organisationen entspringt dem stark international vernetzten kapitalistischen System. Haupts&#228;chlich dient es der strukturell vermittelten Durchsetzung &#246;konomischer Interessen der kapitalistischen Zentren. Es ist aber auch Konfliktfeld auf dem rivalisierende Strategien der kapitalistischen Bl&#246;cke aufeinanderprallen. <o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> In vielen Debatten um die Zukunft Europas wird heute fantasiert, Europa k&#246;nne zu einem Modell friedlicher Integration f&#252;r die Welt werden. Dabei werden st&#228;ndig die zivilgesellschaftliche Komponente und der kooperative Charakter der EU ins Feld gef&#252;hrt. Auf internationaler Ebene setzt die EU allerdings auch handfeste &#246;konomische Interessen durch.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Oberamsmayer a.a.O. 135.<o></o></p>
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		<title>Besatzung und B&#252;rgerkrieg im Irak</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:55:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.<br />
<span id="more-72"></span></p>
<p><em>Ich w&#252;rde gerne mit der Frage der Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen MuslimInnen beginnen. Wie seht ihr dieses Problem?</em></p>
<p>Haifa Zangana: Diese Identifikation von Menschen, je nachdem ob sie SunnitInnen oder SchiitInnen sind, ist etwas, das es zu Beginn der 1980er Jahre nicht gegeben hat. Es existierte nicht in der Gesellschaft, nicht im Journalismus, nicht in der Geschichtsschreibung oder in der Literatur. Es w&#228;re sehr schwierig, ein Fachbuch zu finden, das sich mit IrakerInnen besch&#228;ftigt, indem es sie in religi&#246;se „Sekten“ einteilt.</p>
<p><em>Oft treffen wir auf die Vorstellung, dass fr&#252;her SunnitInnen die Regierung dominierten. W&#252;rdet ihr sagen, dass das ein falsches Bild ist?</em></p>
<p>HZ: Ich denke, es ist v&#246;llig k&#252;nstlich; wenn wir das auf Gro&#223;britannien &#252;bertragen und nach dem Hintergrund einzelner Personen forschen w&#252;rden – ist er Protestant, Katholik, Anglikaner – w&#252;rden wir auf bestimmte Muster der Machtverteilung sto&#223;en, die bequem von einem selektiven Prozess aufgegriffen werden k&#246;nnten.<br />
Wenn man sich 52 Spielkarten ansieht, auf denen die Ba’ath-F&#252;hrer abgebildet sind, die von den USA gleich nach dem Fall von Bagdad gesucht wurden, findet man heraus, dass 38 dieser 52 F&#252;hrer Schiiten sind. Also, wer hat den Irak beherrscht? Ich denke, dass diese Idee komplett an den Haaren herbei gezogen ist, sie wurde bewusst produziert und kann auf die Zeit zu Beginn der 1980er zur&#252;ck gef&#252;hrt werden, der Zeit des Iran-Irak-Kriegs</p>
<p>Sami Ramadani: Auf kommunaler Ebene, auf der Stra&#223;e, gibt es keine scharfen Trennungen zwischen den Menschen. Die Leute gehen nicht los und t&#246;ten andere, weil sie auf der falschen Seite der religi&#246;sen oder gar nationalen Teilung stehen. Die Kriege gegen die kurdische Bev&#246;lkerung, zum Beispiel, waren keine kommunalen Kriege, in denen hunderttausende AraberInnen die KurdInnen bek&#228;mpft haben, sondern der Akt eines repressiven Staats, der einen chauvinistischen Krieg gegen das kurdische Volk f&#252;hrte; es war der Staat gegen das Volk. Fortschrittliche AraberInnen aus dem S&#252;den flohen damals nach Kurdistan, das ein sicheres Gebiet war, um den Kampf gegen das Regime zu f&#252;hren. Am H&#246;hepunkt der Kriege etwa flohen tausende Soldaten zu den kurdischen Kr&#228;ften.<br />
Saddams Regime hatte nat&#252;rlich relig&#246;s-sektiererische Dimensionen, besonders nach dem Aufstand von 1991, dessen Zentrum sich im S&#252;den befand, und nachdem der Gro&#223;teil des S&#252;dens schiitisch ist, schien die Kampagne (des irakischen Regimes gegen die Aufst&#228;ndischen, A.d.&#220;.) sich gegen die Shia zu richten. Irak ist keine Apartheid-Gesellschaft und war auch nie eine. Saddams Regime beruhte auf sozialen Schichten und Sicherheitskr&#228;ften verschiedener religi&#246;ser und nationaler Zugeh&#246;rigkeit. Saddams Regime h&#228;tte den S&#252;den oder Kurdistan nicht beherrschen k&#246;nnen, ohne dass Menschen aus dem S&#252;den und aus Kurdistan mitgemacht h&#228;tten. Es gab also eine soziale Basis – eine schmale soziale Basis nat&#252;rlich – die dieses Modell unterst&#252;tzt hat, aber es war eine soziale Basis, die sich aus allen Konfessionen, Religionen und Nationalit&#228;ten zusammengesetzt hat.<br />
Die Stadt Falluja ist ein gutes Beispiel. Sie war eine starke Bastion der Anti-Saddam-Bewegung, denn im Jahr 1996 gab es einen Putschversuch, den Saddam auf Leute in Falluja zur&#252;ckf&#252;hrte, und 1998 befahl er den Imamen der Moscheen in Falluja, ihn zu verherrlichen und f&#252;r ihn zu beten. Sie weigerten sich, und er begann die EinwohnerInnen Fallujas zu bestrafen. Und bis heute ist Ba’ath in Falluja sehr schwach – das ist der Grund daf&#252;r, dass der Widerstand dort vor allem von religi&#246;sen Kr&#228;ften angef&#252;hrt wird. Der wichtige Punkt ist, dass Saddam jede Quelle der Opposition zerschlagen hat, ohne R&#252;cksicht auf Sekten, Religion oder Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Denkt ihr, dass die Besatzungsm&#228;chte versucht haben, religi&#246;s-sektiererische Spaltungen zu produzieren, und wenn ja, wie haben sie das getan?</em></p>
<p>SR: Allgemein gesprochen haben sie das bereits vor der Besatzung gef&#246;rdert, indem sie mit irakischen Oppositionskr&#228;ften bei Vor-Kriegs-Konferenzen in London und anderswo immer st&#228;rker auf Basis von „wer ist Kurde“, „wer ist Araber“, „wer ist Schiit“, „wer ist Sunnit“, „wer ist Turkmene“, „wer ist Christ“ und so weiter umgegangen sind. Und sie haben bewusst versucht, das zu f&#246;rdern – das war recht offensichtlich. Nach der Besatzung haben sie das weitergef&#252;hrt, in noch gr&#246;&#223;erem Ausma&#223;. Jede Institution, bei deren Aufbau sie ihre Hand im Spiel hatten, musste nach religi&#246;s-sektiererischen Kriterien aufgeteilt werden. Sogar die Armeeeinheiten h&#228;tten auf dieser Basis entstehen sollen. Paul Bremer’s Irakischer Regierungsrat<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> ist ein gutes Beispiel daf&#252;r, wie sie IrakerInnen spalten wollten.<br />
Eine so genannte „Balance“ zwischen den verschiedenen Communities beinhaltet im Prinzip sehr strenge religi&#246;se und ethnische Spaltungen, bis hinab zu Treffen und Komitees auf den niedrigsten Ebenen. All das ist den Jahrhunderte alten Traditionen des Landes v&#246;llig fremd.</p>
<p>HZ: Der „Hohe Rat f&#252;r die Islamische Revolution im Irak“, SCIRI, repr&#228;sentiert zum Beispiel eine bestimmte Klasse von SchiitInnen. Muqtada al-Sadr repr&#228;sentiert eine andere Klasse – die &#196;rmsten der Armen. SCIRI steht mehr oder weniger f&#252;r die Mittelklasse und die Menschen, die die heiligen St&#228;tten &#252;berwachen. Ich sehe es mehr als einen Klassenkampf als etwas anderes, schlie&#223;lich ist es eine Religion, der Islam. Es gibt kaum Unterschiede, was die Schriften betrifft – was wichtig ist, ist wer was kontrolliert. Es handelt sich um politische Parteien, die diese oder jene religi&#246;se Gruppe benutzen. Diese auf religi&#246;sem Sektierertum basierenden Parteien sind etwas Neues.<br />
Wenn man ihre ganzen Programme liest, sind sie letztlich alle gleich, sie k&#252;mmern sich sehr um das irakische Volk, nationale Einigkeit, sind gegen religi&#246;ses Sektierertum und so weiter. Leute aus dem Irak erz&#228;hlen uns, dass das Innenministerium in drei Stockwerke unterteilt ist – jedes Stockwerk geh&#246;rt einer politischen Partei, und sie sprechen nicht miteinander. Vor kurzem wurde entdeckt, dass 167 IrakerInnen im Geb&#228;ude des Ministeriums gefangen gehalten wurden, und jede politische Partei beschuldigt die andere, weil sie nicht einmal wissen, wer verhaftet und wer foltert. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Verhaftungen und die Milizen, sondern auch die Vergabe von Arbeitspl&#228;tzen. Um etwa einen Job im Verteidigungsministerium zu bekommen, oder im Sozialministerium, oder in irgend einem anderen Ministerium, musst du den Kriterien des Ministers entsprechen – je nachdem, welche Partei er repr&#228;sentiert. Wenn er in der PUK (Patriotische Union Kurdistans) ist, musst du auch PUK-Mitglied sein, sonst kannst du es vergessen. Mit deinen Qualifikationen hat das nichts zu tun.</p>
<p>SR: Es existiert ein gewisser Grad an Toleranz in der irakischen Gesellschaft, der das Existieren verschiedener religi&#246;ser Gruppen, Religionen und Nationalit&#228;ten erlaubte. Das hat sich sozial in gemischten Familien und gemischten Nachbarschaften ausgedr&#252;ckt. So leben etwa mehr KurdInnen in Bagdad als in irgendeiner Stadt in Kurdistan. Es gibt schiitische Communities &#252;berall im Irak. Ein Viertel der Bev&#246;lkerung Basras ist sunnitisch. Das sind Zeichen f&#252;r die allgemeine Durchmischung in dem Land, die nun aktiv aufgebrochen wird.</p>
<p><em>In den Medien hei&#223;t es oft, dass viele SchiitInnen die Besatzung unterst&#252;tzen und viele SunnitInnen sie ablehnen.</em></p>
<p>SR: Ich w&#252;rde nicht sagen, dass der Gro&#223;teil der schiitischen Community die Regierung unterst&#252;tzt. Ich denke, es gibt offensichtlich schiitische Massenorganisationen wie SCIRI oder die Da’wah-Partei, die Teil der Regierung sind, und die in den s&#252;dlichen St&#228;dten und in Teilen Bagdads stark sind. Aber sie repr&#228;sentieren – meiner Einsch&#228;tzung nach – keinesfalls die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten. Die Sadr-Bewegung, die stark gegen die Regierung und gegen die Besatzung auftritt, ist zum Beispiel sehr beliebt. Muqtada al-Sadr spielt eine sehr komplexe Rolle – w&#228;hrend er einerseits eine sehr feindliche Haltung gegen&#252;ber der Besatzung und der Politik der Regierung einnimmt, l&#228;sst er seine Unterst&#252;tzer andererseits f&#252;r die Wahlen kandidieren. Doch seine j&#252;ngste Entscheidung, einige seiner Unterst&#252;tzer der offiziellen Liste der „Irakischen Nationalen Koalition“ beitreten zu lassen, hat unter seinen Leuten gro&#223;e Diskussionen ausgel&#246;st – manche sind komplett dagegen, manche sagen „Wenn wir uns schon den Wahlen stellen, sollten wir es allein machen, oder uns zumindest mit anderen Anti-Besatzungs-Kr&#228;ften verbinden, die auch an den Wahlen teilnehmen k&#246;nnten“.</p>
<p><em>Versuchen die Besatzungskr&#228;fte, das Land in mehrere Teile aufzubrechen?</em></p>
<p>SR: Ich denke nicht, dass sie gekommen sind, um das Land in einen B&#252;rgerkrieg zu st&#252;rzen. Sie sind gekommen, um den Irak und sein Erd&#246;l auszubeuten und um das Land in eine strategische Basis im globalen Kontext zu verwandeln. Doch wegen des Ausma&#223;es an Opposition gegen ihre Anwesenheit und dem raschen Aufschwung des bewaffneten Widerstands im ganzen Irak (mit Ausnahme Kurdistans) wurde aus der Politik, Menschen entlang religi&#246;s-sektiererischer und ethnischer Grenzen zu trennen, ein Schema, um Unfrieden und Gewalt zwischen den Communities zu schaffen. Das ist die einzige M&#246;glichkeit einer Kolonialmacht – oder jeder anderen Macht – die eine andere Gesellschaft beherrscht, um mit dieser Situation zu Recht zu kommen, und zwar ganz spontan. Wenn du einen Feind hast, versuchst du ihn zu spalten, und die IrakerInnen haben &#252;berw&#228;ltigend bewiesen, dass sie – in unterschiedlichem Ausma&#223; – gegen die Besatzung sind. Die Reaktion der BesatzerInnen war, Differenzen auszunutzen, und Organisationen, die religi&#246;s-sektiererische  Gewalt predigen und aus&#252;ben, zu ignorieren oder gar aufzustacheln.</p>
<p>HZ: Wenn du eineN IrakerIn auf der Stra&#223;e fragst: „Willst du von Schiiten oder Sunniten regiert werden?“, wird die Antwort kommen: „Der Teufel kann uns regieren, solange er erstens ein Iraker ist, uns zweitens Sicherheit bringt, und drittens erm&#246;glicht, dass wir ein mehr oder weniger normales Leben f&#252;hren k&#246;nnen – alles andere ist uns egal“. Sogar als Talabani zum Pr&#228;sidenten ernannt wurde, h&#246;rte ich keineN IrakerIn sagen; „Dieser Talabani ist Kurde, deswegen wollen wir ihn nicht“. Sie k&#246;nnen dir eine lange Liste an Gr&#252;nden geben, warum sie Talabani hassen: Er ist korrupt; er ist verantwortlich f&#252;r den Tod vieler KurdInnen&#8230; Es geht also um Wirtschaft und Politik.</p>
<p><em>Das ist ein ganz anderes Bild als jenes, das wir von den Medien pr&#228;sentiert bekommen. Die allgemeine Sicht ist, dass der Irak geteilt ist in die KurdInnen im Norden, den SunnitInnen im „sunnitischen Dreieck“ und den SchiitInnen im S&#252;den. Ist das ein falsches Bild?</em></p>
<p>SR: Absolut. Aber dieses Bild hat sich leider stark festgesetzt, weil es so oft wiederholt wurde, dass es nun als selbstverst&#228;ndlich gilt. Die Macht der modernen Medien geht so weit, dass dieser Mythos in den K&#246;pfen der Menschen au&#223;erhalb des Irak zur Realit&#228;t wird. Im Irak selbst hat es Einfluss in intellektuellen Kreisen und unter bestimmten politischen Organisationen. Aber bei Menschen von der Stra&#223;e und in den Communities hat es sich noch nicht durchgesetzt.</p>
<p><em>Aber mit den Milizen und bewaffneten Banden hat es doch etwas auf sich?<br />
</em><br />
HZ: Es gibt tats&#228;chlich Milizen – jene von Ahmed Chalabi ist etwa noch sehr stark. Es gibt die Badr-Brigaden der SCIRI, die ber&#252;chtigt sind – und von denen wir wissen, dass sie im Iran aufgebaut wurden und mit der Partei selbst in den Irak kamen, ohne Verwurzelung in der irakischen Gesellschaft. Dann gibt es die Peshmerga (kurdische Milizen), die von den Besatzungsm&#228;chten in Najaf und Falluja benutzt wurden.<br />
Wenn wir von politischen Parteien sprechen, existiert es tats&#228;chlich. Aber wenn wir von den Menschen sprechen, ist das Gegenteil wahr. Als zum Beispiel hunderte Menschen auf der Jisr al-Imma-Br&#252;cke in Bagdad zu Tode getrampelt wurden, kamen alle Menschen, um ihnen zu helfen. W&#228;hrend der Belagerung Fallujas spendeten Menschen aus den verschiedensten Teilen des Irak Blut und Lebensmittel. Es gibt also eine feste Einigkeit, und ich denke, dass sie das Herz des Irak darstellt. Aber wie lange wird diese Einigkeit &#252;berleben, wenn sie t&#228;glich von PolitikerInnen und den Medien angegriffen wird – innerhalb wie au&#223;erhalb des Irak?</p>
<p>SR: Nat&#252;rlich ist es wichtig, die Vergangenheit zu betrachten, obwohl es keinen logischen Grund gibt, dass die historische Kontinuit&#228;t nicht auch durch die j&#252;ngsten Ereignisse gebrochen werden k&#246;nnte. Es gibt eine echte Gefahr, und je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto gegens&#228;tzlicher werden die Spaltungen werden. Die Besatzung ist nicht mehr ein externer Faktor in der irakischen Gesellschaft. Sie befindet sich in der irakischen Gesellschaft. Sie baut Armeetruppen und Sicherheitskr&#228;fte auf; sie kolonisiert den Staat; sie arbeitet mit recht gut organisierten politischen Kr&#228;ften zusammen; sie hat ihre Tentakel in alle Organisationen der Gesellschaft ausgebreitet; sie hat tausende ausl&#228;ndische S&#246;ldnerInnen und zehntausende von „geheimen“ Privatarmeen, die das Land &#252;berziehen.<br />
Ich denke, man m&#252;sste den Slogan von der Gefahr des B&#252;rgerkriegs im Irak umdrehen und sagen, dass je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Konflikt ausbrechen wird. Je schneller sie sich zur&#252;ckziehen,  desto wahrscheinlicher ist es, dass der Irak sich wieder in Richtung des relativ starken Zusammenhalts entwickeln wird, der zwischen den verschiedenen Communities existiert hat. Deine Politik war im Irak immer wichtiger als deine Religion oder deine Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Das Interview wurde von </em><em>Anne Ashford</em> f&#252;r das International Socialism Journal gef&#252;hrt. Das ganze Interview ist auf Englisch abrufbar unter:</p>
<p>http://www.isj.org.uk/index.php4?id=159&amp;issue=109.</p>
<p>Anmerkungen<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eine von den Besatzungsm&#228;chten eingerichtete und besetzte „Regierung“, die bis zu den Wahlen im Amt war.</p>
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		<title>Wie der Vietnamkrieg gestoppt wurde</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:15:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €<br />
<span id="more-82"></span><br />
In Der amerikanische Krieg schildert der Marxist Jonathan Neale eindrucksvoll, wie die Supermacht USA einen Krieg gegen eine milit&#228;risch unterlegene Guerillaarmee gleich an zwei Fronten verloren hat: in Vietnam und in den USA.<br />
Doch es handelt sich um weit mehr als nur um einen geschichtlichen Abriss &#252;ber einen l&#228;ngst vergangenen Krieg. Die St&#228;rke dieses Buches liegt darin, dass Neale einerseits den Konflikt, in dem sich die USA sowohl innen- als auch au&#223;enpolitisch befand, mit einer bestechenden Klarheit beschreibt und analysiert. Andererseits – und das macht dieses Buch so einmalig und beeindruckend – l&#228;sst er auf lebendige und authentische Weise die Betroffenen des Krieges zu Wort kommen: Die vietnamesischen Widerstandsk&#228;mpferInnen, die amerikanischen Soldaten in Vietnam, deren sich &#228;ngstigenden M&#252;tter und die AntikriegsaktivistInnen in den USA.<br />
Die Niederlage der US-Regierung resultierte aus drei Elementen: Der erbitterte vietnamesische Widerstand, die Protestbewegung in den USA und letztlich die Auflehnung und Verweigerung der Soldaten innerhalb der US-Armee selbst. Die Bilder der Tet-Offensive, in der vietnamesische Guerillak&#228;mpferInnen die US-Botschaft in Saigon st&#252;rmten und f&#252;r einige Stunden besetzt hielten, gingen um den gesamten Globus. Zus&#228;tzlich sah sich die US-Regierung konfrontiert mit einem Protest nie gekannten Ausma&#223;es, die auch die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der Schwarzen und die Eltern der Soldaten miteinschloss.<br />
Neben dem vietnamesischen Widerstand und dem Protest in den USA lag der Grund f&#252;r das Scheitern der USA v.a. auch am Widerstand innerhalb der US-Armee selbst. Neale schreibt: „Die GIs in Vietnam kamen aus der Arbeiterklasse, und ihr Auftrag lautete, eine Revolte armer Bauern zu zerschlagen. Sie wussten es. Sie waren in einen grausamen Krieg geschickt worden und wurden ermuntert, zu t&#246;ten und Leichen zu z&#228;hlen. Der Widerspruch, in dem sie gefangen waren, die Qual und die Konfusion, auf der falschen Seite zu stehen, trieb viele zur Grausamkeit. Dieselben Kr&#228;fte jedoch konnten die M&#228;nner zur selben Zeit zur Revolte gegen den Krieg treiben – und sie revoltierten auch.“ Zun&#228;chst begannen einige Soldaten Antikriegstreffen zu organisieren. Was als kleinere Versammlungen von Einzelnen begann, weitete sich rasch aus. GIs traten organisiert auf, verweigerten Befehle und schossen sogar auf Offiziere.<br />
Heute wird h&#228;ufig von einer „Vietnamisierung“ des Irakkriegs gesprochen. Tats&#228;chlich finden sich im Irakkonflikt die drei tragenden Elemente, die den USA ihrem unpopul&#228;r gef&#252;hrten Krieg und der jetzigen Besatzung zum Verh&#228;ngnis werden k&#246;nnten: Der Widerstand der IrakerInnen, eine weltweite Antikriegsbewegung und zunehmender Unmut in der Armee.<br />
Deshalb ist das Buch so wertvoll; nicht nur weil es packend geschrieben ist, auch weil sich aus den Protesten der Bewegung von damals viele relevante Lehren f&#252;r heute ziehen lassen.</p>
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