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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Italien</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Hic sunt leones: Die Besetzung der INNSE-Werke in Mailand</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 09:04:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>

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		<description><![CDATA[Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. Andreas Fink analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.

Es war noch nie ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. <em>Andreas Fink</em> analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.<br />
<span id="more-1525"></span><br />
Es war noch nie ein Vergn&#252;gen, die mit „Kapital und Arbeit“ betitelten Rubriken der wenigen italienischen Zeitungen durchzubl&#228;ttern, die noch immer versuchen, sich dem Herrschaftsdiskurs von Wirtschaft und politischer &#214;konomie zu verweigern und Arbeitsk&#228;mpfen den Aktienkursen vorzuziehen. Dennoch war es besonders beklemmend zu sehen, wie in den letzten Jahren auf diesen Seiten t&#228;glich ein kleines St&#252;ck ArbeiterInnenbewegung zu Grabe getragen wurde –  von den Todesanzeigen weiter hinten nur durch den fehlenden schwarzen Rahmen unterscheidbar: Die Serie von Niederlagen in Form von Lohnsenkungen, steigenden Arbeitslosen- und Prek&#228;rbesch&#228;ftigtenzahlen, Stellenabbau, Betriebsschlie&#223;ungen und wirkungslosen Streikgeb&#228;rden wiegt umso schwerer angesichts der St&#228;rke dieser Bewegung und der linken Vielfalt von Theorie und Praxis, die das Land noch vor wenigen Jahrzehnten hervorgebracht hatte. Und fernab von theoretischen Verrenkungen um ein dahinsiechendes revolution&#228;res Subjekt ist es vor allem gro&#223;es menschliches Leid, welches damit verbunden ist.<br />
Aber etwas hat sich seit letztem Sommer ver&#228;ndert: Nicht dass die Meldungen in der Substanz anders w&#228;ren, im Gegenteil hat sich die Lage durch die Krise noch versch&#228;rft. Doch – so verkl&#228;rend es auch klingen mag – ein Funke Hoffnung ist zur&#252;ckgekehrt: In unz&#228;hligen Betrieben gibt es harte Auseinandersetzungen um L&#246;hne bei den einen, gegen drohende Werksschlie&#223;ungen bei den anderen. Viele haben neuen Mut gesch&#246;pft, wollen es so machen wie die INNSE, „fare come alla Innse“ ist zum gefl&#252;gelten Wort geworden. Am 13. August 2008 konnten die ArbeiterInnen dieses  Montagewerks f&#252;r Schwermechanik, das Werkzeugmaschinen und Anlagen f&#252;r die Eisenindustrie produziert, eine schmerzvolle, doch letztendlich siegreiche Auseinandersetzung f&#252;r vorl&#228;ufig beendet erkl&#228;ren – was &#252;ber die Grenzen Italiens hinaus hohe Wellen geschlagen hat. Dieser Text versucht nun im ersten Teil den sich &#252;ber Monate hin ziehenden Kampf nachzuzeichnen und nach den dahinter liegenden Ursachen zu fragen; im zweiten Teil werden einige &#220;berlegungen zu den wichtigsten Faktoren des Erfolgs angestellt. Es wird darum gehen, die beiden sich um Produktionsmittel und Boden entwickelnden Konfliktlinien und die darin eingebetteten AkteurInnen hervorzuheben: Genta in seiner Rolle als Eigent&#252;mer strebte den Verkauf der Maschinen an und bediente sich der damit verbundenen Machtinstrumente (d.h. des staatlich garantierten Schutzes des Privateigentums); die Immobiliengesellschaft AEDES wollte den Grund zwecks einer h&#246;heren Mehrwertrate umgestalten; die staatlichen Institutionen waren einerseits an die strukturelle Grundlage der Gesetze gebunden, verfolgten andererseits personenspezifische Eigeninteressen. F&#252;r die von einer Mitte-Rechts-Koalition regierte Stadt Mailand stand vor allem die Umsetzung des Bauleitplanes im Sinne einer kapitalorientierten Modernisierung im Vordergrund; einzelne Kr&#228;fte konnten hingegen ihre Position f&#252;r die ArbeiterInnen geltend machen. Letztere stellten sich –  sp&#228;ter mit Unterst&#252;tzung der Gewerkschaft – den Kapitalinteressen entgegen und forderten die Weiterf&#252;hrung der Produktion unter einem/einer neuen Eigent&#252;mer/in ein.</p>
<p><strong>Der letzte Rest</strong><br />
Die INNSE Presse, die sich in der ehemaligen Industriezone Lambrate im Nordosten Mailands befindet, ist ein &#220;berbleibsel des einst m&#228;chtigen Innocenti-Konzernes. Dieser erlebte seine Glanzzeiten in der Nachkriegszeit bis in die 1960er-Jahre durch sein Engagement im Metall- und Automobilsektor und durch die Produktion der ber&#252;hmten Lambretta-Kleinmotorr&#228;der. Die INNSE selbst entstand 1971 durch das Abtreten des Schwermechaniksektors an die staatliche I.R.I.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> bei gleichzeitiger Fusion mit der Sant’Eustachio aus Brescia (daher der Name INNocenti Sant‘Eustachio). Zwar besch&#228;ftigte das Unternehmen noch &#252;ber 2.000 ArbeiterInnen, doch setzte sich sein Niedergang sukzessive fort. Im Zuge der Privatisierungswelle in den 90er-Jahren kam die INNSE 1995 in den Besitz der deutschen SMS Demag, welche sie vier Jahre sp&#228;ter an die Manzoni Group weiterverkaufte. Diese verpflichtete sich, die mittlerweile auf 100 ArbeiterInnen zusammengeschrumpfte Belegschaft weiter zu besch&#228;ftigen, doch schon ein Jahr sp&#228;ter wurde die gesamte Manzoni Group und damit auch die INNSE Presse wegen finanzieller Schwierigkeiten unter administrative Verwaltung gestellt. Die INNSE selbst hingegen schrieb schwarze Zahlen und hatte eine solide Auftragslage, da die Konkurrenz in dieser stark spezialisierten Branche auch europaweit sehr &#252;berschaubar ist.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Wie eine Wohnung in Mailand</strong><br />
Im Jahre 2006 tauchte der Turiner Unternehmer Silvano Genta, der auf den An- und Verkauf gebrauchter Industrieger&#228;tschaft spezialisiert ist, als Interessent an dem Unternehmen auf und wurde nach zwei Jahren der Unsicherheit und des Verhandelns mit offenen Armen empfangen. Dank eines Gesetzes der Prodi-Regierung, welches f&#252;r die &#220;bernahme angeschlagener Betriebe besonders g&#252;nstige Konditionen vorsieht, erwarb Genta unter der Auflage, die Produktion f&#252;r den Zeitraum von zwei Jahren weiterzuf&#252;hren und die ArbeiterInnen zu besch&#228;ftigen den Betrieb um rund 750.000 Euro. Der Preis – in etwa so hoch wie der f&#252;r eine Wohnung in Mailand – wurde erst sp&#228;ter bekannt und lag nat&#252;rlich weit unter dem eigentlichen Marktwert, da es sich bei den Maschinen um High-Tech-Pr&#228;zisionsger&#228;te handelte. Trotz dieser g&#252;nstigen Konditionen blieb der Neuanfang aus: „Das Management Genta hat, wie die Zeitungen berichten, keinerlei relevante Investitionen f&#252;r den Aufschwung des Unternehmens get&#228;tigt, aber die INNSE lief trotzdem mit zufriedenstellenden Ergebnissen weiter.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nach zwei Jahren, kurz nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist, erhielten die ArbeiterInnen schlie&#223;lich das Telegramm in welchem ihnen die unmittelbare Einstellung der Produktion mitgeteilt wurde. Die Fabrik sollte geschlossen, die Maschinen verkauft und die Hallen f&#252;r ein Gro&#223;projekt der AEDES Immobiliare S.p.A., in deren Besitz sich das gesamte, weitgehend brach liegende Gel&#228;nde „Ex-Maserati“ befindet, niedergerissen werden.</p>
<p><strong>Kristallpalast statt dr&#246;hnender Maschinen</strong><br />
Diese Immobiliengesellschaft hatte sich in den letzten Jahren auf Immobilienfonds und Stadtentwicklungsprojekte konzentriert und musste im Zuge der Immobilienkrise 2007 gewaltige Verluste verzeichnen, sodass sie nun mit 800 Millionen Euro bei diversen Banken in der Schuld steht.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Im Jahr 2006 erwarb AEDES die Mehrheitsanteile der Rubattino 87 S.r.l., jener Gesellschaft, in deren Besitz sich der Grund und die Geb&#228;ude der INNSE befanden, um „ein wichtiges Entwicklungsprojekt im Osten von Mailand zu verwirklichen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dieser Plan ist schon seit 1998 im „Programm f&#252;r st&#228;dtische Wiederinstandsetzung“ der Gemeinde Mailand vorgesehen und sollte in zwei Phasen verwirklicht werden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Ostteil sind 245.000 m2 f&#252;r Wohnungen, eine Universit&#228;tsau&#223;enstelle und einen Business Park  vorgesehen, die nach Fertigstellung einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro haben sollen. Inklusive des Westteils mit 177.000 m2 und den Gr&#252;n- und Wasserfl&#228;chen umfasst das Gebiet rund 610.000 m2. F&#252;r AEDES ist das Projekt bedeutend, da dieses „wahrscheinlich mit gr&#246;&#223;erer Leichtigkeit die Schulden verringern [k&#246;nnte], die sie durch ihre Immobilienspekulation angeh&#228;uft haben, wenn sie ein Gel&#228;nde ohne INNSE in ihrem Portfolio h&#228;tten.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die erste Phase, die Errichtung der Anlage im Westen mit zahlreichen Wohngeb&#228;uden, ist schon teilweise abgeschlossen. Bez&#252;glich der zweiten l&#228;sst die Gemeinde Mailand verlauten: „Im April 2006 hat der Ausf&#252;hrende einen neuen Vorschlag der Raumordnung vorgestellt, welche vorsieht: die Verlegung der produktiven Anlage der Ex-INNSE in Hallen neuerer Bauart, angelegt im n&#246;rdlichen Sektor des P.R.U“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ganz unmissverst&#228;ndlich wird hier die Schlie&#223;ung der INNSE angek&#252;ndigt, da eine Verlegung der gewaltigen Maschinen ein sehr zeit- und kostenaufwendiges Unterfangen sei. Dieser Aspekt verweist in Hinblick auf den Wirtschaftsstandort Mailand und die geplante Expo 2015 auf eine h&#246;here Ebene, wodurch die Konfliktkonstellation eine weitere Facette erh&#228;lt: die st&#228;dteplanerische Entwicklung der Region.</p>
<p><strong>Ein neues Gesicht f&#252;r die Stadt</strong><br />
Mailand geh&#246;rt neben Turin und Rom zu den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen Italiens, da dort die B&#246;rse und zahlreiche bedeutende Unternehmen angesiedelt sind. Die Industrie- und Finanzmetropole gilt mit ihrer n&#228;heren Umgebung – der Metropolregion „Grande Milano“, in der rund 7,5 Millionen Menschen leben – f&#252;r viele nicht umsonst als „heimliche Hauptstadt Italiens“, die jedoch in letzter Zeit Boden an die Konkurrentin Rom verloren hat: „Lange Zeit [ist] in Mailand ohne Masterplan gebaut worden, schlicht nach verf&#252;gbarem Raum und dem Scheckbuch des Bauherrn entschieden worden.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Im Zuge der EXPO 2015, f&#252;r die die Stadt den Zuschlag erhalten hat, will sie sich ein neues Gesicht verpassen. Zahlreiche urbane Projekte werden vorangetrieben, darunter die Errichtung dreier Hochh&#228;user durch internationale Stararchitekten, der Ausbau des Stra&#223;en- und Verkehrsnetzes und die Begr&#252;nung der Stadt. Wie immer vor Gro&#223;ereignissen, die Milliardengelder in die Austragungsorte sp&#252;len, bl&#252;hen Baugewerbe und Immobilienspekulation, was das Ex-Innocenti-Gel&#228;nde umso attraktiver macht. Diesen architektonischen Ver&#228;nderungen liegt ein urbaner Umstrukturierungsprozess zugrunde, bei dem sich zugleich die letzten Momente des &#220;berganges vom fordistischen zum postfordistischen Akkumulationsregime (vor allem die Aufl&#246;sung sozialer Milieus und die Verlagerung der Industrie) vollziehen, die auf eine Optimierung des „Produktivit&#228;tsfaktors Stadt“ zielen. Es ist vor allem der regionale und interregionale Druck der Standortkonkurrenz, der die st&#228;dtebaulichen Entwicklungen dominiert. In Mailand, wo die industrielle Produktion fast vollst&#228;ndig aus der Stadt vertrieben wurde, um Platz f&#252;r neue B&#252;rot&#252;rme und Finanzzentren zu schaffen, zeigt sich dies besonders deutlich. Angesichts der schon lange bestehenden Pl&#228;ne, aus dem Gel&#228;nde der INNSE ein pulsierendes Business- und Wohnviertel zu machen, &#252;berrascht das Auftreten Gentas ebenso wenig wie seine Absichten, die Fabrik zu schlie&#223;en; denn &#252;berhaupt erst ins Spiel gebracht hatte ihn Roberto Castelli, ein hoher Funktion&#228;r der <em>Lega Nord</em> und Untersekret&#228;r f&#252;r Infrastruktur, der ihn als vertrauensw&#252;rdig empfohlen hatte. Die Schlie&#223;ung der Fabrik, die den Besch&#228;ftigten am 31. Mai 2008 mitgeteilt wurde, sollte den Weg frei machen f&#252;r ein weiteres St&#252;ck neues „gr&#252;nes Mailand“.</p>
<p><strong>Drei Monate der Selbstverwaltung</strong><br />
Doch mit der Reaktion der zu diesem Zeitpunkt nur mehr 50 ArbeiterInnen, drei von ihnen mit migrantischem Hintergrund und 14 weiblich, hatte wohl niemand gerechnet. Da die um Hilfe gebetene Mail&#228;nder Metallgewerkschaft zuerst abwarten wollte, gingen sie auf eigene Faust vor: Sie verschafften sich Zutritt zur verschlossenen und von Sicherheitsleuten bewachten Fabrik und riefen eine permanente Betriebsversammlung aus. Genta sollte dazu bewegt werden, alle Entlassenen wiedereinzustellen und die Produktion fortzusetzen. Daher nahmen die ArbeiterInnen ab dem 3. Juni die Arbeit in Selbstverwaltung wieder auf – in ihren Augen eine notwendige aber tempor&#228;re Strategie, einerseits um Druck auf den Eigent&#252;mer auszu&#252;ben, andererseits um die Maschinen in Gang zu halten. Die beiden Hauptabnehmer wurden verpflichtet, die konstante Auftragslage nicht abzubrechen: Erst wenn diese neues Rohmaterial anlieferten, wurde die  fertige Ware verschickt. Die Eink&#252;nfte flossen freilich weiterhin an Genta im guten Glauben, dieser w&#252;rde seine Position doch noch &#228;ndern. Ganz offensichtlich wurde dessen Entschlossenheit ebenso wie die Tragweite des Konfliktes untersch&#228;tzt, sodass die ArbeiterInnen auf eine innerbetriebliche L&#246;sung hinarbeiteten. Auffallend sind jedoch die gute Organisationsf&#228;higkeit und die Geschlossenheit, mit welcher die gesamte Belegschaft die Selbstverwaltung mitgetragen hat: „Niemand ist […] ausgeschert und hat den individuellen Ausweg gew&#228;hlt, alle sind geblieben, auch die Kaderangestellten. Der Ingenieur hat Seite an Seite mit den Arbeitern die Pfannen der selbstverwalteten Werkskantine gesp&#252;lt.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> An der internen Arbeitsteilung &#228;nderte sich nur wenig, die Handlungsabl&#228;ufe waren eingespielt: „Was die Arbeiten betraf, so bedurfte es keiner gro&#223;en Entscheidungen, wenn einer frei war ging er einem anderen zur Hand; wir haben uns ohne gro&#223;e Schwierigkeiten organisiert.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Bis zum 17. September wurde die Produktion so fortgef&#252;hrt. Dann griff Genta zu unerwartet harten Mitteln: Er lie&#223; die Fabrik in den Morgenstunden von Polizeihundertschaften r&#228;umen. Trotz des R&#252;ckschlages f&#252;hrten die ArbeiterInnen den Protest fort und errichteten in einem ehemaligen Pf&#246;rtnergeb&#228;ude am Werkstor ein Lager mit K&#252;che, Wohnraum und Mensa.</p>
<p><strong>R&#228;umung durch die Polizei</strong><br />
Ein erster H&#246;hepunkt wurde im Winter erreicht: Nach einem misslungenen Versuch, unter Polizeischutz mit der Demontage der Maschinen zu beginnen, probierte es Genta im Januar erneut, doch eine eilig zusammengerufene Menschenmenge versperrte den Lastw&#228;gen den Weg. Die in Kampfmontur erschienenen Polizeikr&#228;fte griffen ein, die Situation eskalierte und mehrere ArbeiterInnen wurden verletzt, aber Gentas Vorhaben war vereitelt worden. Die &#246;ffentliche Resonanz war dementsprechend gro&#223;, und damit auch die Aufmerksamkeit f&#252;r den Arbeitskampf der INNSE-Belegschaft. Die ArbeiterInnen sahen ein, dass der Unternehmer zu keinen Verhandlungen bereit war, sondern sein Ziel mit Gewalt zu erreichen trachtete, weshalb sie verst&#228;rkt versuchten, &#252;ber politische Institutionen Druck auszu&#252;ben. So bekam der Arbeitskampf eine neue Dimension. Die Metallergewerkschaft FIOM<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, die sich zuvor sehr zur&#252;ckgehalten hatte, bekundete ihre Solidarit&#228;t und intervenierte offensiver. Gleichzeitig intensivierten die ArbeiterInnen ihre Medienarbeit und richteten ihren Protest verst&#228;rkt auch gegen die Immobiliengesellschaft, um Gespr&#228;che zu erwirken. „Die Technik war einfach: Ein Arbeiter in Zivil klopfte an die T&#252;r. Das Fr&#228;ulein &#246;ffnete ohne Probleme und in einem Augenblick war die Eingangshalle voll von Arbeitern der INNSE.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> In dieser Phase wuchs auch das Unterst&#252;tzerInnennetzwerk (v.a. Menschen aus den Centri Sociali<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>, dem gewerkschaftlichen Umfeld, anderen Betrieben und linken Parteien), viele Solidarit&#228;tsbekundungen trudelten ein, doch eine massenhafte Unterst&#252;tzung aus dem ArbeiterInnenmilieu oder der Stadtbev&#246;lkerung blieb aus. Auch aus Betrieben mit &#228;hnlichen Problemen, von denen es in Mailand etliche gibt, blieb die Unterst&#252;tzung relativ gering.<br />
Da der Fall an die Pr&#228;fektur weitergeleitet wurde, sollte der Sommer ruhig bleiben.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Doch die Lage spitzte sich zu: Am 2. August nutzte Genta die Gunst der Stunde – Mailand war urlaubsbedingt leer, einige ArbeiterInnen in Ferien – und lie&#223; durch ein Aufgebot von 300 Polizei- und Carabinieri-Einheiten das Lager der ArbeiterInnen am Werkstor r&#228;umen. Von Genta eigens engagierte ArbeiterInnen begannen in der Fabrik mit der Demontage der Maschinen . Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich durch diesen Vorsto&#223; pl&#246;tzlich zu Ungunsten der protestierenden ArbeiterInnen verschoben, die ihren Kampf nun auf der Stra&#223;e vor dem Tor weiterf&#252;hrten.</p>
<p><strong>Zw&#246;lf Meter &#252;ber der Erde</strong><br />
Am 4. August schien die Situation sowohl am Verhandlungstisch als auch direkt vor Ort festgefahren, die Kr&#228;fte der ArbeiterInnen ersch&#246;pft. Nachdem fest stand, dass die Demontage der Maschinen so nicht mehr aufzuhalten war, starteten vier Arbeiter und ein FIOM-Gewerkschafter eine au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion: Es gelang ihnen, die Polizeikr&#228;fte zu umgehen, in die Fabrik einzudringen und sich auf einer zw&#246;lf Meter hohen Kranbr&#252;cke zu verbarrikadieren. Vincenzo Acerenza, einer der vier, beschreibt dies folgenderma&#223;en: „Wir wussten schon l&#228;nger, dass der finale Akt nur eine symbolische Besetzung sein konnte. […] Um nicht geschnappt zu werden, haben wir gerufen: ‚Oh, machen wir einen Abstecher zur Versammlung der Arbeiterkammer?‘, und sind zu f&#252;nft langsam weggegangen.“ &#220;ber einen Hintereingang gelangten sie hinein: „Wir haben beschlossen [auf den Kran] hinaufzusteigen, w&#228;hrend wir in die Fabrik hineingegangen sind. Was tun, wenn wir schon einmal drinnen sind? Sie h&#228;tten uns hinaus zerren k&#246;nnen. Wir sind auf den Kran gestiegen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die Demontage wurde aus Sicherheitsgr&#252;nden sogleich eingestellt – ein erster Erfolg f&#252;r die Arbeiter auf dem Kran. Begleitet wurden sie durch eine Intensivierung der Protestaktionen und einer neuen Welle von Solidarit&#228;ts- und Unterst&#252;tzungserkl&#228;rungen.<br />
Nationale sowie internationale Medien, darunter alle gro&#223;en italienischen Tageszeitungen, berichteten &#252;ber diese Aktion und ihre Vorgeschichte, die „gruisti“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> waren in aller Munde.  Die regierenden PolitikerInnen sahen sich doppelt unter Zugzwang: Einerseits durch die Opposition, die eine fehlende Arbeitsplatzpolitik kritisierte, andererseits durch die unberechenbaren ArbeiterInnen auf der Kranbr&#252;cke. Sollten diese ihre Drohung, sich etwas anzutun, wahr machen, w&#252;rden auch sie zur Verantwortung gezogen werden.<br />
&#220;ber eine Woche harrten die f&#252;nf Arbeiter auf dem kleinen Plateau aus, a&#223;en, schliefen, wuschen sich dort oben so gut es eben ging, unerreichbar f&#252;r die Polizeikr&#228;fte und bald auch f&#252;r ihre KollegInnen und Verwandten, da der Strom abgeschaltet wurde, und sie so ihre Mobiltelefone nicht mehr aufladen konnten. Hinzu kam die Hitze, die bei &#252;ber 30°C auf der Stra&#223;e unter dem Hallendach um einiges h&#246;her gewesen sein d&#252;rfte.<br />
Die hinter verschlossenen T&#252;ren wieder aufgenommenen Verhandlungen, welche angesichts des &#246;ffentlichen Interesses viel ernster als zuvor gef&#252;hrt wurden, dauerten an. Zwar war schon am 6. August mit der Camozzi-Gruppe aus Brescia ein neuer m&#246;glicher K&#228;ufer gefunden, doch Genta stellte sich weiter quer. Erst als f&#252;r dessen Angebot ein Ultimatum ausgesprochen wurde und diese einmalige Chance zu entgleiten drohte, wurde der Druck auf Genta zu gro&#223; und es konnte eine Einigung erzielt werden: Attilo Camozzi, ein Ex-Gewerkschafter, erwarb den Maschinenpark der INNSE ebenso wie den zur Produktion ben&#246;tigten Grund von AEDES und versicherte die Wiedereinstellung der 49 Entlassenen und die Nutzung des Gebietes zu industriellen Zwecken bis 2025; weitere Investitionen und die Angliederung fr&#252;her erworbener Unternehmen sollten folgen. Der Immobiliengesellschaft wiederum wurde die Umzonung des restlichen Gel&#228;ndes von der Mail&#228;nder B&#252;rgermeisterin zugesichert.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> F&#252;r die INNSE-Belegschaft war das Verhandlungsergebnis ein voller Erfolg und die Freude beim Empfang der f&#252;nf Arbeiter entsprechend gro&#223;. &#220;ber den Eingang h&#228;ngten Unterst&#252;tzerInnen ein Transparent mit den Worten: „Hic sunt leones“ – „die L&#246;wen sind hier“ – ein Satz, mit dem antike KartographInnen die Gef&#228;hrlichkeit unbekannter Gebiete markierten. Zweifelsohne war f&#252;r den Unternehmer Genta und seine Helfer die Fabrik in den Monaten des Kampfes ein nicht ungef&#228;hrliches Terrain.</p>
<p><strong>Analyse &#038; Schlussfolgerung</strong><br />
Trotz der grunds&#228;tzlich geschw&#228;chten strukturellen Machtposition der ArbeiterInnen, f&#228;llt zuallererst ihre Entschlossenheit auf, die nur durch die ausweglose Situation zu erkl&#228;ren ist, in der sie sich aufgrund der Entlassungen befanden.<br />
Das traditionelle Hauptkampfmittel Streik w&#228;re in diesem Fall g&#228;nzlich wirkungslos gewesen und h&#228;tte nur bei einer Erfassung anderer Unternehmenszweige oder Betriebe Wirkung erzeugt. Dies war aber aufgrund der besonders starken Fragmentierung der Reste der ArbeiterInnenschaft im Raum Mailand undenkbar: „Hier hat die Industrie und das soziale Gewebe, das mit ihr verbunden war, eine Ver&#246;dung ohne Gleichen durchgemacht.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die politischen Institutionen und die &#214;ffentlichkeit stellten so die einzige M&#246;glichkeit dar, eine Gegenmacht zu entwickeln und Druck aufzubauen.</p>
<p><strong>Eine k&#228;mpferische Tradition</strong><br />
Es stellt sich nat&#252;rlich die Frage, welchen Stellenwert die &#252;blichen Strategien der Gewerkschaften in dieser Auseinandersetzung einnehmen. Neben der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung, die selbst eher konfliktorientiert war, gab es vor allem in den 60er- und 70er-Jahren eine starke autonomistische Bewegung („die glorreichen 77er“). Diese ist heute zwar theoretisch und praktisch nur mehr von geringer Bedeutung, dennoch stellt sie immer noch einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r die Identit&#228;t von ArbeiterInnen dar, insofern sie Handlungsm&#246;glichkeiten aufzeigte. Nicht zuletzt steigerte sie die Akzeptanz radikalerer Ma&#223;nahmen nicht nur in der Belegschaft, sondern auch in deren Familien, den Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft. In korporatistisch gepr&#228;gten L&#228;ndern hingegen ist die Schwelle, ab der ein Konflikt offen ausbricht, erheblich h&#246;her, zudem finden Impulse zu radikaleren Strategien im Betrieb oft keine Mehrheit oder werden durch die fehlende Unterst&#252;tzung isoliert.<br />
Dar&#252;ber hinaus sind aber die konkreten Erfahrungen der ArbeiterInnen in k&#228;mpferischen Auseinandersetzungen wichtig: Die h&#228;ufigen Wechsel der Fabrikeigent&#252;mer, die K&#228;mpfe um den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze und jene um ihre Rechte bewirkten einerseits eine hohe Verbundenheit mit der Fabrik, andererseits eine gro&#223;e Solidarisierung untereinander. „Wahrscheinlich ist eines der Motive jenes, dass wir hinter uns eine lange Geschichte, dass wir auf unseren Schultern Jahre des Kampfes haben. Zudem waren wir vorbereitet, wir haben unter uns dar&#252;ber schon in den zwei vorhergegangenen Jahren gesprochen. Wenn man die Personen betrachtete, die da kamen, war dies zu erwarten.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p><strong>Die Rolle von Parteien und Gewerkschaft</strong><br />
Die Organisierung einer Gegenmacht gelang aufgrund der defensiven Haltung der Gewerkschaft CGIL nur bedingt. Diese ist ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden und hat nach anf&#228;nglich &#228;u&#223;erst z&#246;gerlicher Unterst&#252;tzung erst in der kritischsten Phase den ArbeiterInnen den R&#252;cken gest&#228;rkt: „[D]ie Gewerkschaften haben uns Kompromisse vorgeschlagen, die wir nicht akzeptieren wollten. Am Ende ist es so gegangen, wie es gehen m&#252;sste: Wir Arbeiter haben alle Entscheidungen getroffen und die Gewerkschaft ist uns gefolgt.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Dass der m&#228;chtige Gewerkschaftsvorsitzende Gianni Rinaldini zu den gruisti in die Fabrik kommt, um mit diesen – „fast z&#228;rtlich“, wie sie schreiben – den weiteren Verlauf zu besprechen und ihr Einverst&#228;ndnis einzuholen, ist kennzeichnend f&#252;r das sich ver&#228;nderte Verh&#228;ltnis zwischen Repr&#228;sentantInnen und Repr&#228;sentierten; selbst nachdem sich die Gewerkschaft offiziell in dieser Auseinandersetzung engagierte, behielten die ArbeiterInnen nicht nur ihre Autonomie, sondern auch die Entscheidungsbefugnis &#252;ber das weitere Vorgehen in den Verhandlungen. Der Kampf der INNSE-Belegschaft ist demnach als ein autonomer Arbeitskampf einzusch&#228;tzen, bei dem die Gewerkschaft den ArbeiterInnen blo&#223; unterst&#252;tzend zur Seite stand und vor allem vermittelnd agierte.<br />
Die politischen Parteien der Linken hingegen – die zumindest dem eigenen Anspruch nach die Interessen der ArbeiterInnenschaft vertreten – waren, abgesehen von wenigen Einzelpersonen, unt&#228;tig.</p>
<p><strong>Der Faktor &#214;ffentlichkeit<strong><br />
So gelang es erst im Sommer 2009 durch mediales <em>campaining </em>eine breite &#214;ffentlichkeit zu schaffen – und zwar nicht nur f&#252;r die unmittelbare Situation, sondern vor allem auch f&#252;r den vorausgegangenen Kampf: „Die Rolle der Kommunikationsmittel, und haupts&#228;chlich des Fernsehens, war wichtig und positiv […].“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> RAI und Sky waren ab 2. August st&#228;ndig mit einem Reporterteam vor Ort, um die Entwicklungen zu dokumentieren. „Die au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion hat die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Doch das erkl&#228;rt nicht alles […]. Hier, bevor die f&#252;nf auf den Kran gestiegen sind, hat es einen Kampf von langer Dauer gegeben.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#246;ffentliche Diskurs formierte sich entlang der Frage, ob es legitim sei, eine wirtschaftlich rentable Fabrik f&#252;r h&#246;here Profitzwecke zu schlie&#223;en. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise spielte eine bedeutende Rolle, da diese Finanz- und Immobilienspekulationen in Verruf brachte und PolitikerInnen umso mehr forderten, Arbeitspl&#228;tze zu erhalten: „Sie [die politischen Kr&#228;fte] haben verstanden, dass der Kampf der INNSE in der &#246;ffentlichen Meinung Popularit&#228;t und wachsende Zustimmung erfuhr.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Die symbolische Besetzung wurde ab diesem Zeitpunkt eben nicht mehr nur als eine betriebsinterne Auseinandersetzung gesehen, sondern galt stellvertretend f&#252;r viele andere ArbeiterInnen in &#228;hnlichen Situationen – was diesen zus&#228;tzlich Kraft gab: „F&#252;r alle war die gr&#246;&#223;te Angst, die uns nachts nicht schlafen lie&#223;, nicht zeigen zu k&#246;nnen, dass nicht immer der Herr [padrone] gewinnt. Ich dachte daran, welches Beispiel wir abgeben w&#252;rden, wenn wir verlieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Erst diese Bedeutungszuschreibungen gaben dem Kampf eine symbolische Tragweite, wodurch sich die AkteurInnen zu einem Umdenken veranlasst sahen, da es nicht mehr blo&#223; um irgendeine Fabrik in Mailand, sondern auch um die Industrie schlechthin ging. Die k&#228;mpfenden ArbeiterInnen hatten eine Frage aufgeworfen, bei der es keinen Kompromiss geben konnte, und die politischen AkteurInnen mussten sich daran messen lassen, auf welche Seite sie sich stellten.</p>
<p>Am 12. Oktober 2009, 17 Monate nach Ausbruch des Kampfes, setzten sich die gigantischen Maschinen wieder in Bewegung und die ersten ArbeiterInnen der INNSE nahmen ihre Arbeit wieder auf. Zusammenfassend l&#228;sst sich festhalten, dass Geschlossenheit, k&#228;mpferische Tradition und unmittelbare Konflikterfahrungen, autonomes Vorgehen mit gewerkschaftlicher Unterst&#252;tzung und vor allem ein erfolgreiches <em>campaining </em>in der &#214;ffentlichkeit dies erm&#246;glicht haben. Noch w&#228;hrend die f&#252;nf auf der Kranbr&#252;cke ausharrten, hatte ihre Aktion Breitenwirkung gezeigt: Nahe Rom waren einige ArbeiterInnen auf einen Turm gestiegen, um gegen die Betriebsschlie&#223;ung zu protestieren. In der kurzen Zeit seit August 2009 gab es viele &#228;hnliche Beispiele; die INNSE hatte Schule gemacht. Mitte Dezember etwa stiegen vier Arbeiter einer Yamaha-Niederlassung in Lesmo bei Mailand auf das Dach ihres Betriebes, harrten eine Woche lang in eisiger K&#228;lte aus und konnten so zumindest die Aufnahme in die Lohnausgleichskasse erwirken. Die INNSE-Proteste sind also nicht nur deshalb interessant, weil sie einen sehr entschlossen und aktiv gef&#252;hrten Arbeitskampf im postindustriellen Mailand darstellen, sondern vor allem auch, weil sie eine starke Resonanz bei KollegInnen und &#252;ber diese hinaus hervorgerufen haben. Ihre positiven Nachwirkungen, theoretisch wie praktisch, werden sich wohl erst in einiger Zeit zur G&#228;nze zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> I.R.I. steht f&#252;r Istituto per la Ricostruzione Indutriale (Institut f&#252;r den industriellen Wiederaufbau), eine staatliche Holding, die wesentlich an der Industrialisierung Italiens in der Nachkriegszeit beteiligt gewesen ist.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine ausf&#252;hrliche Darstellung der Geschichte der Innocenti-Gruppe (in italienischer Sprache) liefert Andrea Gallazzi mit „Storia della Innocenti“ auf www.inno-mini-world.com/Innocenti/story/storiainnocenti/1.htm<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Vgl. Ebd.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> AEDES 2006: “Aedes acquista il 46,23% di Rubattino 87 da VICTORIA Italy Property GmbH.” Pressemitteilung der AEDES-Gruppe vom 16.07.2006, http://www.aedes-immobiliare.com/file_upload/CS_AcquistoRubattino_20060718.pdf (eingesehen am 24.07.2009).<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Eder, Florian 2008: „Mailand macht sich f&#252;r die Expo h&#252;bsch“, Online-Artikel von WeltOnline vom 07.04.2008, http://www.welt.de/welt_print/article1876310/Mailand_macht_sich_fuer_die_Expo_huebsch.html (eingesehen am 14.07.2009). Andreas Kipar war direkt an der Ausarbeitung der Entw&#252;rfe f&#252;r den Westteil des Rubattino-Projekts beteiligt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Thomann, Rainer 2009: „Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf – eine Studie aktueller Beispiele.“, Seite 34, http://www.netzwerkit.de/projekte/innse/innse.pdf (eingesehen am 05.07.2009).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> FIOM steht f&#252;r Federazione Impiegati Operai Metallurgici.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gli operai della Innse 2009: „Giu le mani dalla INNSE – L’agenda 2010 degli operai della Innse“, Progetto comunicazione, Milano.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Die Centri Sociali, Soziale Zentren, sind die typisch links bis linksradikalen Zentren, welche in vielen italienischen St&#228;dten existieren und oft aus Hausbesetzungen hervorgegangen sind.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Cartosio, Manuela 2009a: „Innse: C’è un compratore, ma la destra non s’interessa” Artikel in Il manifesto vom 07.08.2009, Seite 7.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vom italienischen Wort f&#252;r Kran (gru).<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Cartosio, Manuela 2009b: „Il cavalier Attilo, ama il lavoro e somiglia ai suoi gruisti” Artikel in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6f.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Rinaldini 2009, ggg<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6</p>
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		<title>Edu-Factory &#8211; Teil 2: Diskussionsveranstaltung im besetzten Audimax</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Nov 2009 12:51:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Termine]]></category>
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		<description><![CDATA[Was danach kommt: Die Notwendigkeit der Internationalisierung. Erfahrungen kroatischer StudentInnen
Panel-Diskussion in englischer Sprache mit AktivistInnen der kroatischen Universit&#228;tsbesetzungen: Marija Cacic und Mate Kapovic. Moderation: Boris Buden
Samstag, 14.11., 17:30– 18:30 Uhr im Audimax/Uni Wien


Studierendenproteste kennen kein West-Ost-Gef&#228;lle. Im Fr&#252;hjahr 2009   begann an der Philosophischen Fakult&#228;t in Zagreb eine lange   Vorlesungsblockade. Bald waren 20 Fakult&#228;ten und Universit&#228;ten im Lande besetzt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was danach kommt: Die Notwendigkeit der Internationalisierung. Erfahrungen kroatischer StudentInnen</strong></p>
<p>Panel-Diskussion in englischer Sprache mit AktivistInnen der <a href="http://slobodnifilozofski.org/" target="_blank">kroatischen Universit&#228;tsbesetzungen</a>: Marija Cacic und Mate Kapovic. Moderation: Boris Buden</p>
<p><strong>Samstag, 14.11., 17:30– 18:30 Uhr im Audimax/Uni Wien</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/11/4054909743_9e169b0387_b.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-611" title="4054909743_9e169b0387_b" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/11/4054909743_9e169b0387_b-300x225.jpg" alt="4054909743_9e169b0387_b" width="300" height="225" /></a><br />
</strong></p>
<p>Studierendenproteste kennen kein West-Ost-Gef&#228;lle. Im Fr&#252;hjahr 2009   begann an der Philosophischen Fakult&#228;t in Zagreb eine lange   Vorlesungsblockade. Bald waren 20 Fakult&#228;ten und Universit&#228;ten im Lande besetzt. Obwohl die Proteste fast 5 Wochen dauerten, wurde die Hauptforderung der StudentInnen – kostenlose Bildung f&#252;r alle –  nicht erf&#252;llt. Was haben sie aus ihrem Kampf gelernt? Wie setzen sie  ihn fort? Was k&#246;nnen sie mit den &#246;sterreichischen StudentInnen  gemeinsam unternehmen?</p>
<p>Eine Solidarit&#228;tsveranstaltung zu den Protesten an den  &#246;sterreichischen Universit&#228;ten, organisiert durch das <a href="http://www.eipcp.net" target="_blank">eipcp </a>in Kooperation mit Perspektiven.</p>
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		<title>Diskussionsveranstaltung mit edu-factory im Audimax</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Oct 2009 10:36:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[unibrennt]]></category>

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		<description><![CDATA[
Die Unis brennen! Die gr&#246;&#223;te, kreativste und spannendste Studierendenbewegung in &#214;sterreich seit Jahrzehnten geht bereits in die zweite Woche.
Wir wollen als Teil dieser Bewegung nicht nur weiterhin praktische Organisationsarbeit leisten, sondern auch inhaltliche Debatten ansto&#223;en, um den Raum, den wir uns erk&#228;mpft haben, f&#252;r Diskussion und Reflexion zu nutzen.
So etwa im Rahmen dieser Diskussionsveranstaltung, zu der wir euch herzlich einladen:
Toward [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/10/besetzt.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-596" title="besetzt" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/10/besetzt.jpg" alt="besetzt" width="300" height="200" /></a></p>
<p>Die <a href="http://unsereuni.at" target="_blank">Unis brennen</a>! Die gr&#246;&#223;te, kreativste und spannendste Studierendenbewegung in &#214;sterreich seit Jahrzehnten geht bereits in die zweite Woche.</p>
<p>Wir wollen als Teil dieser Bewegung nicht nur weiterhin praktische Organisationsarbeit leisten, sondern auch inhaltliche Debatten ansto&#223;en, um den Raum, den wir uns erk&#228;mpft haben, f&#252;r Diskussion und Reflexion zu nutzen.</p>
<p>So etwa im Rahmen dieser Diskussionsveranstaltung, zu der wir euch herzlich einladen:</p>
<p><strong>Toward a Global Autonomous University: Cognitive Labor, The Production of Knowledge, and Exodus from the Education Factory</strong></p>
<p>Diskussionsveranstaltung mit Mitgliedern des <a href="http://edu-factory.org" target="_blank">edu-factory collective</a> aus Italien.</p>
<p><strong>Dienstag 03.11.2009<br />
17 Uhr<br />
Audimax Wien</strong></p>
<p>As was the factory, so now is the university. Where once the factory was a paradigmatic site of struggle between workers and capitalists, so now the university is a key space of conflict, where the ownership of knowledge, the reproduction of the labour force, and the creation of social and cultural stratifications are all at stake. This is to say the university is not just another institution subject to sovereign and governmental controls, but a crucial site in which wider social struggles are won and lost.</p>
<p>The invited guests have just published a <a href="http://www.autonomedia.org/node/92" target="_blank">book on the topic</a> and will speak about their experiences. This discussion will contribute to situate the ongoing struggles in Vienna within a broader transnational context of struggles.</p>
<p>(zuletzt bearbeitet am 1.Nov. 16:06)</p>
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		</item>
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		<title>Italien, ein Jahr danach</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/italien-ein-jahr-danach/</link>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:30:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>

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		<description><![CDATA[Rassistische &#220;bergriffe und eine zunehmende Pr&#228;senz rechtsextremer Kr&#228;fte pr&#228;gen die derzeitige Situation in Italien. <em>Megan Trudell</em> res&#252;miert ein Jahr rassistische und neoliberale Politik der Berlusconi-Regierung und zeichnet die Zusammenh&#228;nge zwischen dem Erstarken der Rechten und der &#246;konomischen Krise nach, zeigt aber auch Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r linke Politik auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rassistische &#220;bergriffe und eine zunehmende Pr&#228;senz rechtsextremer Kr&#228;fte pr&#228;gen die derzeitige Situation in Italien. <em>Megan Trudell</em> res&#252;miert ein Jahr rassistische und neoliberale Politik der Berlusconi-Regierung und zeichnet die Zusammenh&#228;nge zwischen dem Erstarken der Rechten und der &#246;konomischen Krise nach, zeigt aber auch Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r linke Politik auf.<br />
<span id="more-476"></span><br />
In dem einen Jahr, das seit Silvio Berlusconis Wahlsieg &#252;ber die Demokratische Partei (PD) in Italien vergangen ist, wurde das rechts-au&#223;en Programm der Regierungskoalition auf brutale Art und Weise deutlich. Mitten in einer schweren &#246;konomischen Krise – offiziell Italiens vierte Rezession in einem Jahrzehnt – hat Berlusconis Regierung eine Serie von Angriff en auf ArbeiterInnen, MigrantInnen und StudentInnen gestartet, dem Vatikan erlaubt, die Politik zu diktieren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und die parlamentarische Demokratie mit der Durchsetzung einer Reihe von „Notverordnungen“ umgangen.<br />
Italiens Rezession versch&#228;rft sich, obwohl die Antwort der Regierung bis jetzt darin bestand, „sich im allgemeinen so zu verhalten, als w&#252;rde sie nicht existieren“. Finanzminister Guilio Tremonti sagte im Januar diesen Jahres: „Sie werden sehen, dass wir unsere Position in dieser Krise verbessern werden, auch wenn das nur deshalb geschieht, weil andere Nationen schneller zur&#252;ckfallen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> – ganz entgegen der Tatsache, dass Italiens Wirtschaft im letzten Quartal des Jahres 2008 mit einem R&#252;ckgang von 1,8 Prozent rascher geschrumpft ist, als in jedem anderen Jahr seit 1980. Erst im M&#228;rz gab er widerwillig zu, dass dem Land „ein schwieriges Jahr“ bevorstehe.<br />
Dies ist wahrscheinlich eine betr&#228;chtliche Untertreibung: &#214;konomInnen gehen davon aus, dass Italiens Krise in „verkehrter Reihenfolge“ zuschlagen wird, sodass sich der Einbruch in der Produktion in einem Zusammenbruch der Banken auswirken wird.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Die Arbeitslosigkeit steigt und ArbeiterInnen bekommen die Auswirkungen der Krise deutlich zu sp&#252;ren. Fiat, der gr&#246;&#223;te privatwirtschaftliche Arbeitgeber, hat in einer Reihe von Betrieben die Produktion eingestellt, und bis jetzt sind 48.000 seiner ArbeiterInnen von vorl&#228;ufi gen K&#252;ndigungen und Kurzarbeit betroffen. Es gab Verluste bei Indesit, Benetton und De Longhi. Die Gesamtsumme der vorl&#228;ufig Arbeitslosen, die staatliche Unterst&#252;tzung („<em>cassa integrazione</em>“) erhalten, stieg 2008 um das f&#252;nff ache an. ArbeiterInnen in gewerkschaftlich gut organisierten Branchen haben zwar Anspruch auf staatliche Unterst&#252;tzung, doch f&#252;r 4,5 Millionen „prek&#228;re“ ArbeiterInnen gibt es keinen solchen Schutz, wenn ihre Vertr&#228;ge nicht erneuert werden.<br />
In Turin, wo im Februar diesen Jahres 70.000 ArbeiterInnen, PensionistInnen und StudentInnen f&#252;r Arbeitsvertr&#228;ge und Arbeitsrechte auf die Stra&#223;e gingen, illustrierte ein lokaler Gewerkschaftsf&#252;hrer das Ausma&#223; des Problems: „&#220;ber 200.000 piemontesische ArbeiterInnen wurden in den letzten paar Monaten in die Krise hineingezogen – das ist dieselbe Anzahl an Arbeitspl&#228;tzen, die in den zehn Jahren zwischen 1980 und 1990 verloren gingen.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Berlusconis Regierung hat sich w&#228;hrenddessen auf die &#196;rmsten der italienischen Gesellschaft eingeschossen. Seine grausame Anti-MigrantInnen Politik schlie&#223;t ein „Sicherheitspaket“ ein, das per Notverordnung eingef&#252;hrt wurde und in dem medizinisches Personal und HausbesitzerInnen angewiesen werden, mutma&#223;lich illegale MigrantInnen zu melden. Berlusconi und seine Partner aus der Lega Nord und der „postfaschistischen“ Nationalen Allianz haben in Folge mehrerer Vergewaltigungen, die vorgeblich von Nicht-Italienern begangen wurden und denen gro&#223;e mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde, ganz bewusst Migration mit Verbrechen in Verbindung gebracht. Reagiert hat die Regierung mit lebensl&#228;nglichen Freiheitsstrafen f&#252;r die Vergewaltigung Minderj&#228;hriger und &#220;berf&#228;lle, in denen das Opfer get&#246;tet wird. Mit dem Vorschlag, allen Nicht-ItalienerInnen Fingerabdr&#252;cke abzunehmen strebt sie die Kriminalisierung aller MigrantInnen an. Am bedenklichsten ist, dass sie den Einsatz von Stra&#223;enpatrouillen vorgesehen hat, die von unbewaffneten und unbezahlten Freiwilligentruppen („<em>ronde</em>“) durchgef&#252;hrt werden – darunter auch pensionierte PolizistInnen und SoldatInnen.<br />
Diese Ma&#223;nahmen dienen dazu, Italiens migrantische Bev&#246;lkerung zu terrorisieren. Im Juli 2008 hat ein Zusammenschluss von Organisationen, die f&#252;r die Rechte der Roma eintreten, eine gewaltige Anzahl von Menschenrechtsverletzungen in Italien dokumentiert, darunter F&#228;lle von extremer Gewalt, Bel&#228;stigungen und Misshandlungen durch Polizei und Beamte, aber auch durch eine von der staatlichen Bef&#252;rwortung des Rassismus angespornten rechtsextremen Jugend. Seit Berlusconis Wahl kam es zu einem kontinuierlichen Anstieg rassistischer &#220;bergriffe – eine Atmosph&#228;re der Gewalt die von der Regierung nicht nur stillschweigend geduldet sondern auch bef&#246;rdert wird. Im Mai 2008 konstatierte der Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord: „Alle Roma-Siedlungen m&#252;ssen sofort abgerissen werden und die Bewohner werden entweder ausgewiesen oder eingesperrt.“ Zwei Tage sp&#228;ter wurde eine Roma-Siedlung in Neapel niedergebrannt. Nach dem Angriff sagte der Vorsitzende der Lega Nord, Umberto Bossi, dass „die Leute tun, was der Staat nicht handhaben kann“. Maroni wurde auch mit der Aussage zitiert: „Das ist genau das, was passiert, wenn Zigeuner Babies stehlen oder Rum&#228;nen Sexualverbrechen begehen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die Wahl von Berlusconis B&#252;ndnis und die Pr&#228;senz der Lega Nord sowie der Nationalen Allianz hat der extremen Rechten Zuversicht und Zusammenhalt verliehen und seit den Wahlen haben Angriff e auf MigrantInnen aus verschiedenen L&#228;ndern stattgefunden. Im Oktober 2008 wurde ein 36-j&#228;hriger chinesischer Migrant in Rom verpr&#252;gelt, in Parma wurde ein junger Student aus Ghana von der Verkehrspolizei t&#228;tlich angegriff en und in Mailand wurde ein 19-J&#228;hriger aus Burkhina Faso von Barbesitzern, die ihn verd&#228;chtigten ein P&#228;ckchen Kekse gestohlen zu haben, zu Tode gepr&#252;gelt. Im Februar diesen Jahres wurde der indische Arbeitslose Navtej Singh Sidhu mit Benzin und Farbe &#252;bergossen und in Flammen gesetzt als er in Nettuno, s&#252;dlich von Rom, im Freien schlief.<br />
Faschistische Gruppen haben solche Angriffe angestiftet und gesch&#252;rt. Eine dieser Gruppen, <em>Forza Nuova</em>, hat Rom mit Plakaten &#252;berschwemmt, die eine Frau in einem wei&#223;en blutbefleckten Kleid mit dem Slogan „Stoppt die Einwanderung“ zeigten. Die Angriffe beschr&#228;nken sich nicht ausschlie&#223;lich auf Ausl&#228;nderInnen. Im Mai wurde der Italiener Nicola Tommasoli in Verona, einer Stadt mit einem B&#252;rgermeister der Lega Nord, von Faschisten, die ihn bezichtigten „Kommunist“ zu sein, zu Tode gepr&#252;gelt; im November wurde ein italienischer Obdachloser verpr&#252;gelt und angez&#252;ndet, w&#228;hrend er auf einer Parkbank in Padua schlief.<br />
Die gegenw&#228;rtige Dominanz der Rechten in Italien ist ein ernsthaftes Problem, das eine schwierige Herausforderung f&#252;r eine fragmentierte und demoralisierte Linke darstellt. Anstatt angesichts der momentanen Situation zu verzweifeln, ist es wichtig zu verstehen, wie es in Italien bis zu diesem Punkt kommen konnte. Die Rechte ist nicht aufgrund der St&#228;rke ihrer eigenen Anziehungskraft aufgestiegen. Die Kampagne „Saubere H&#228;nde“ in den fr&#252;hen 1990ern zielte darauf ab, die politische Korruption zu beseitigen und f&#252;hrte zu einem Kollaps der Christdemokratischen und Sozialistischen Parteien, welche die Nachkriegszeit dominiert hatten. Die nachfolgenen „Mitte-Links“-Administrationen unter Romano Prodi und Massimilio D’Alema waren jedoch nicht in der Lage, eine Alternative zu dem Elend, das die italienische ArbeiterInnenklasse in Jahrzehnten der politischen Korruption erlitten hatte, anzubieten.<br />
Berlusconi profitierte in hohem Ma&#223;e von der Kraftlosigkeit der Opposition. Nicht nur hat es das Olivenbaum-B&#252;ndnis<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> in den 1990ern verabs&#228;umt, Berlusconis aufsteigendem Imperium entgegen zu treten oder die vielen gerichtlichen Klagen gegen ihn voranzutreiben, sondern sie hat ihm gegen&#252;ber auch eine Haltung von „Nachgiebigkeit und Verzeihen“ vertreten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Diese Haltung dauerte unter Prodis letzter <em>Unione</em>-Regierung an und lebt in der <em>Partito Democratico</em> weiter. Deren fr&#252;herer Vorsitzender, Walter Veltroni, wollte mit Berlusconi einen Pakt schlie&#223;en nachdem er die Wahl verloren hatte. Auch sprach er sich in der Opposition zwar gegen die rassistische Gesetzgebung der Regierung aus, aber tat nichts, um Widerstand gegen die Politik der Rechten zu organisieren. Die schwachen Positionen der PolitikerInnen der Mitte in Bezug auf Migration hatten verheerende Auswirkungen – die ersten Razzien und Vertreibungen in Roma-Siedlungen wurden 2007 unter Prodis Regierung durchgef&#252;hrt, nachdem die Frau eines Marinekapit&#228;ns vorgeblich von einem Rum&#228;nen vergewaltigt und ermordet wurde.<br />
Die „Saubere H&#228;nde“-Phase ging auch mit dem Einsetzen &#246;konomischer Stagnation einher. Bei vielen ItalienerInnen ist Prodi und die politische Mitte daf&#252;r verhasst, Italien in die Eurozone gebracht zu haben – was die Lebens- und Wohnkosten erh&#246;hte – und f&#252;r das langsamste Wirtschaftswachstum in der EU verantwortlich zu sein, w&#228;hrend die politische Klasse sich auf eine Art und Weise bereicherte, die der Zeit vor der „Saubere H&#228;nde“-Kampagne verbl&#252;ffend &#228;hnlich sah. So sind italienische Parlamentsabgeordnete und Senatoren zum Beispiel die bestbezahlten in Westeuropa, w&#228;hrend die Durchschnittseinkommen in Italien zu den niedrigsten z&#228;hlen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Berlusconi sieht sich also nicht wirklich mit einer echten parlamentarischen Opposition konfrontiert. Die PD bietet keine ernsthafte Alternative: ihr neuer Vorsitzender Dario Franceschini lie&#223; zwar verlautbaren, dass die <em>cassa integrazione</em> auf prek&#228;re ArbeiterInnen ausgeweitet werden sollte, doch setzt die Partei der Drohung der Regierung, das Streikrecht einzuschr&#228;nken, nichts entgegen und tut auch nichts, um den Protest der Gewerkschaft CGL zu unterst&#252;tzen, die gemeinsam mit der MetallarbeiterInnengewerkschaft <em>Fiom </em>versuchen, einen vereinten Widerstand der ArbeiterInnen aufzubauen.<br />
Tragischerweise tr&#228;gt auch die Linke Verantwortung f&#252;r die gegenw&#228;rtige Situation. Die <em>Rifondazione Communista</em> ist durch ihre Unterst&#252;tzung der Prodi-Regierung auf den Prinzipien und dem Geist der Bewegung, in der sie einen wichtigen Teil darstellte, herumgetrampelt. Viele der AktivistInnen der Partei sind weiterhin in den studentischen und antirassistischen Kampagnen engagiert. Jedoch ist die <em>Rifondazione </em>als Organisation derzeit derma&#223;en mit internen Auseinandersetzungen besch&#228;ftigt, dass sie au&#223;erstande ist, klare Antworten auf Fragen der wirtschaftlichen Rezession und des Rassismus anzubieten, die jetzt von N&#246;ten w&#228;ren. Und als Resultat ihrer kompromisslerischen Haltung hat sie Respekt und viele ihrer Anh&#228;ngerInnen verloren.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Der R&#252;ckzug jener Partei, die bei den G8-Protesten in Genua 2001 und beim Europ&#228;ischen Sozialforum in Florenz 2002 gro&#223;en Respekt gewonnen hatte – ein „Caporetto<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> der Linken“, um Perry Andersons treffende Beschreibung zu verwenden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> – hat AktivistInnen und jene ItalienerInnen, die sich mit der <em>Rifondazione </em>identifi zierten, entmutigt.<br />
Es ist aber nicht so, als g&#228;be es gar keine Opposition. Es gab Widerstand gegen die Sicherheitspakete seitens der BeamtInnen, &#196;rztInnen (die Abzeichen mit dem Slogan „Wir sind keine Spione“ produzierten) und Organisationen f&#252;r die Rechte von MigrantInnen. Im Januar dieses Jahres haben Versch&#228;rfungen im Fl&#252;chtlingslager Lampedusa Aufst&#228;nde und Protestm&#228;rsche nach sich gezogen. Auf rassistische Angriffe wurde mit antirassistischen Demonstrationen reagiert. Die Pl&#228;ne der Regierung zur „Reform“ des Bildungssystems, die eine Erh&#246;hung der Schulgeb&#252;hren und die K&#252;rzung von Arbeitspl&#228;tzen sowohl im Bereich der h&#246;heren Bildung als auch im Grundschulwesen vorsahen, wurden Ende letzten Jahres von einer massiven StudentInnenbewegung – der „Abweichenden Welle“ –, die sowohl Eltern, StudentInnen als auch LehrerInnen zusammenbrachte, zur&#252;ckgedr&#228;ngt. Berlusconi sah sich gezwungen, den Gesetzesentwurf aufzuschieben. Sein Vorhaben, Demonstrationen im Stadtzentrum und Streiks gesetzlich zu verbieten, zeigen, dass er davon ausgeht, dass die Opposition von der Stra&#223;e und den Arbeitspl&#228;tzen kommt. Tats&#228;chlich gab es bereits Generalstreiks im Dezember und Februar, sowie lokale, von der CGL und <em>Fiom </em>organisierte Proteste gegen den Abbau von Arbeitspl&#228;tzen. Diese Bewegungen haben an die &#246;konomische Situation politisch angekn&#252;pft, insbesondere die Studierendenbewegung mit dem Slogan „Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise“. Die ausschlaggebende Frage ist, welche politischen Ideen sich durchsetzen werden. Der R&#252;ckzug der <em>Rifondazione </em>hatte eine gewisse Desillusioniertheit gegen&#252;ber linken Parteien zur Folge und bedeutete die – hoffentlich nur vorl&#228;ufige – Abwesenheit einer ernstzunehmenden Kraft, die K&#228;mpfe auf eine breite Basis stellen und zu nationalen Aktionen zusammenf&#252;hren kann. In dem dadurch entstandenen Vakuum setzen sich bei den AktivistInnen zunehmend Ideen aus dem autonomen Lager durch, die sich oft auf individuelle Aktionen konzentrieren. In der Region Veneto haben Mitglieder der Sozialzentren die B&#252;rgerwehr angegriffen, insbesondere in Padua, wo die Polizei die Auseinandersetzungen zwischen der <em>ronde </em>und der „<em>contra ronde</em>“ aufl&#246;ste. Aber eine Strategie individueller Reaktion wird nicht dazu beitragen, die komplexen Zusammenh&#228;nge aufzubrechen, die den Rassismus mit der Sicherung italienischer Arbeitspl&#228;tze und der Globalisierungskritik in enge Verbindung bringt, wie dies die Propaganda der <em>Lega Nord</em> tut.<br />
Es ist darum entscheidend, dass die Linke sich wieder darauf konzentriert, Streiks, Proteste und eine gemeinsame Strategie gegen den Rassismus zu forcieren. Die Krise und die aggressive Haltung der Regierung machen es wahrscheinlich, dass Italien in naher Zukunft mit ernsthaften sozialen Konflikten konfrontiert sein wird. Berlusconis Programm besteht eindeutig darin, diejenigen sozialen Bewegungen, die ihn in der Vergangenheit gest&#252;rzt haben, zu zerschlagen. Sein Lager ist so selbstsicher und gut organisiert wie schon lange nicht mehr. Dennoch ist die Situation alles andere alsaussichtslos – sie ist vielmehr von Widerspr&#252;chen bestimmt, die eine Vielzahl m&#246;glicher Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r den bereits existierenden sozialen Unmut bieten. In Regionen, in denen die <em>Lega Nord</em> gute Wahlergebnisse eingefahren hat, existieren zum Beispiel auch bedeutende Bewegungen gegen den Bau einer Hochgeschwindigkeitszugverbindung und die US-Milit&#228;rbasis in Vincenza. In Neapel geschahen die Brandanschl&#228;ge auf Roma-Siedlungen zeitgleich mit lokalen Nachbarschaftsprotesten gegen Pl&#228;ne zum Bau von M&#252;llverbrennungsanlagen in ArbeiterInnenvierteln, die von einem B&#252;rgermeister als „B&#252;rgerkrieg“ bezeichnet wurden.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es gibt also Widerstand gegen die Regierung, auf den aufgebaut und der kanalisiert werden kann. Die Linke hat zwar Verluste zu verzeichnen, ist aber weit davon entfernt, v&#246;llig am Boden zu sein. Die Mehrheit am Parteitag der Rifondazione 2008 hat die Position bekr&#228;ftigt, dass die Unterst&#252;tzung f&#252;r Prodis Regierung die Bewegung gel&#228;hmt und der Linken geschadet hat. Und sie hat darauf insistiert, dass die Hauptaufgabe der Partei in einem erneuten Engagement in den Bewegungen besteht und eine zuk&#252;nftige Zusammenarbeit mit der Mitte zur&#252;ckgewiesen werden muss. Die Europawahlen im Juni stellen eine M&#246;glichkeit dar, eine politische Alternative zu den Kompromissen der Vergangenheit und der Unf&#228;higkeit der PD einzubringen. <em>Sinistra Critica</em> zum Beispiel, die sich letztes Jahr von Rifondazione abspalteten, haben eine antikapitalistische Liste unter dem Slogan „Banken und Bosse sollen f&#252;r die Krise zahlen, nicht die ArbeiterInnen“ vorgelegt. Solche Politiken haben im gegenw&#228;rtigen unbest&#228;ndigen Klima das Potential an Einfluss zu gewinnen wenn sie mit konsequenten Aktionen gegen K&#252;rzungen und Rassismus einhergehen, die von jenen breiten Kr&#228;ften getragen werden, deren Mobilisierung wir in Italien im letzten Jahrzehnt immer wieder beobachten konnten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zum Beispiel im j&#252;ngsten Fall von Eluano Englaro, einer jungen Frau, die f&#252;r 17 Jahre im Koma lag. Der Vatikan intervenierte gegen einen Bescheid des Obersten Gerichts, der ihrem Vater erlaubte, &#196;rtztInnen zu finden, die ihr Leben beenden w&#252;rden. Berlusconi setzte eine weitere Notverordnung durch, die dem medizinischen Personal vorschrieb, die k&#252;nstliche Ern&#228;hrung aufrecht zu erhalten, doch starb Eluano Englaro, ehe dies gerschah. Die Kontroverse er&#246;ff nete einen off enen Konfl ikt zwischen President Giorgio Napolitano, der die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes verteidigte, und der Regierung.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Jones, Gavin: Italy Is Hardly Noticing Crisis, Reuters, 18. Februar 2009.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Financial Times, 6. M&#228;rz 2009.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zit. n. “Marcia Lavoro A Torino: CGIL, 70.000 In Piazza”, www.ansa.it, 28. Februar 2009.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Security a la Italiana: Fingerprinting, Extreme Violence and Harassment of Roma in Italy, Report des Open Society Institute, ERRC, COHRE, Romani Crisis and the Roma Civic Alliance in Romania, Juli 2008, www.errc.org/db/03/4D/m0000034D.pdf</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Das Olivenbaum-B&#252;ndnis (ital.: L’Ulivo) war ein Wahlb&#252;ndnis von Mitte-Links-Parteien, das von 1996 bis 2001 regierte und aus dem sp&#228;ter (unter Einbeziehung der kommunistischen Rifondazione) L’Unione hervorging, die bei den Parlamentswahlen 2006 erfolgreich gegen Berlusconi antraten (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ginsborg, Paul (2001): Italy and its Discontents. Allen Lane. S. 315.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Das Grundeinkommen eines italienischen Delegierten betr&#228;gt 11.703 Euro im Monat. Im Vergleich verdienen britische Parlamentsabgeordnete 7.009 Euro, franz&#246;sische 6.953. Die Bestseller „La Casta” und “La Deriva” von zwei Journalisten von „Corriere della Sera”, die die vielen Privilegien Italiens PolitikerInnen schildern, haben das Ausma&#223; nationaler und regionaler Korruption aufgezeigt.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Der rechte Fl&#252;gel der Rifondazione um Nichi Vendola (verwirrenderweise „Rifondazione der Linken“ genannt), der die Wahl zum Parteivorsitzenden gegen Paolo Ferrero verlor, wird in den Europawahlen Seite an Seite mit den Gr&#252;nen und getrennt vom Rest der Partei antreten. Es wird erwartet, dass der Rest der Rechten in der Rifondazione rund um den fr&#252;heren Vorsitzenden Fausto Bertinotti den Augenblick abwartet, in dem sich die PD spaltet, sodass sie im „progressiven“ Demokratischen Fl&#252;gel unter D’Alema ein politisches Zuhause fi nden kann.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> „Battle of Caporetto“, zu dt. Schlacht von Karfeit, dem heutigen Kobarid/Slowenien, bezeichnet die zw&#246;lfte und letzte Isonzoschlacht im Ersten Weltkrieg zwischen &#214;sterreich-Ungarn und Italien, in der die italienischen Truppen geschlagen wurden. „Caporetto“ ist heute in Italien ein Synonym f&#252;r eine „schwere Niederlage“ (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anderson, Perry, 2009, “An Entire Order Converted into What it was Intended to End”, in: London Review of Books, 31(4), www.lrb.co.uk/v31/n04/ande01_.html.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Rushton, Phil: Class Struggle May Be Th e Shape Of Th ings To Come In Italy, in: Socialist Worker, 31 May 2008.</p>
<p>Zuerst erschienen in: International Socialism 122 (2009), online unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=528&amp;issue=122" target="_blank">http://isj.org.uk/index.php4?id=528&amp;issue=122</a></p>
<p>&#220;bersetzung: Katherina Kinzel</p>
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		<title>Viel Partei, wenig Gramsci</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:19:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Neubert, Harald: Linie Gramsci – Togliatti – Longo – Berlinguer. Erneuerung oder Revisionismus in der kommunistischen Bewegung? Hamburg: VSA 2009, 157 Seiten, € 14,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Neubert, Harald: Linie Gramsci – Togliatti – Longo – Berlinguer. Erneuerung oder Revisionismus in der kommunistischen Bewegung? Hamburg: VSA 2009, 157 Seiten, € 14,80<br />
<span id="more-504"></span><br />
Die Auseinandersetzung darum, wie das Werk Antonio Gramscis zu interpretieren sei, ist fast so alt wie die <em>Gef&#228;ngnishefte </em>– seine im faschistischen Kerker verfassten, umfangreichen Notizen zu Politik, Kultur und Geschichte – selbst, die, posthum ver&#246;ffentlicht, als fragmenthaftes „Hauptwerk“ gelten. Gerne wird dabei auf die Metapher der Linie zur&#252;ck gegriffen, die wahlweise zu Gramsci hin oder von ihm weiter gezogen wird, um seine theoretischen Positionen in eine bestimmte politische Tradition einzugemeinden. Beispiele sind die in der ersten Rezeptionsphase in Italien gerne von linksliberaler Seite betonte Kontinuit&#228;t von Benedetto Croce, dem „italienischen Hegel“, zu Gramsci oder die von Peter Weiss formulierte These von der „Linie Luxemburg-Gramsci“. Dementsprechend scheint das neue Buch von Harald Neubert zumindest auf den ersten Blick eine Intervention in eben diese Debatte darzustellen, die einen roten Faden von Gramsci zu Palmiro Togliatti, Luigi Longo und Enrico Berlinguer ziehen will. Mit diesen Namen ist auch schon Neuberts Referenzrahmen abgesteckt: sie alle waren Nachfolgende Gramscis als Vorsitzende der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP), und eben diese ist auch der eigentliche Gegenstand des Buches.<br />
Tats&#228;chlich geht es n&#228;mlich kaum um eine „Linie“ der Gramsci-Rezeption, wie es Titel und Klappentext nahe legen. Vielmehr handelt es sich um einen historischen Abriss der sich wandelnden Programmatik der IKP von der Gr&#252;ndung 1921 bis in die 1980er Jahre. Als solcher ist das Buch durchaus n&#252;tzlich und bietet einen kompakten &#220;berblick. Das ist allerdings auch das Beste, was dazu zu sagen ist. Denn Neuberts Art der Geschichtschreibung ist Ideengeschichte im schlechtesten Sinne. Die Wandlungen der IKP-Programmatik werden in erster Linie als Entwicklung von Ideen, die den K&#246;pfen der im Titel genannten gro&#223;en M&#228;nner entspringen, beschrieben. Der historische Kontext wird in den meisten F&#228;llen auf die „sozialistischen L&#228;nder“ – die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten nach 1945 – und die „internationale kommunistische Bewegung“ – die offiziellen kommunistischen Parteien – reduziert. Und auch dort, wo die italienischen politischen Verh&#228;ltnisse in der Darstellung aufscheinen, f&#252;hrt der enge Blick des Autors auf die „gro&#223;e“ Politik dazu, dass nur Parteien und Regierungen als handelnde AkteurInnen vorkommen. Als historische Arbeit ist das Buch deshalb &#228;u&#223;erst unbefriedigend. Gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen, Klassenk&#228;mpfe oder kulturelle Dynamiken spielen darin keine Rolle. Das ist gerade f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der italienischen Nachkriegsgeschichte, die reich ist an Revolten, die sich jenseits der kommunistischen Parteiorgane abspielten, verheerend; und nicht zuletzt steht diese Herangehensweise im krassen Gegensatz zu Gramscis Sensibilit&#228;t f&#252;r die Komplexit&#228;t geschichtlicher Entwicklung.<br />
Nun k&#246;nnte eingewendet werden, dass das Buch ja nicht als geschichtswissenschaftliche Arbeit konzipiert ist,<br />
sondern in erster Linie ein politisches Argument stark machen will, n&#228;mlich dass die in der IKP entwickelten strategischen Positionen ein m&#246;glicher Anschlusspunkt f&#252;r eine erneuerte kommunistische Bewegung w&#228;ren. Doch auch dieses ist wenig &#252;berzeugend, was vor allem daran liegt, dass der Grundton des Buches ein konsequent apologetischer ist. Gelegentlich f&#252;hlt man sich an die kuriosesten Bl&#252;ten stalinistischer Hagiographie erinnert, besonders wenn die (selbstverst&#228;ndlich nur vorz&#252;glichsten) charakterlichen Eigenschaften Togliattis oder Berlinguers beschrieben werden. Dass dies nicht nur ein stilistisches Problem ist, sondern Ausdruck der politischen &#220;berzeugung des Autors, zeigen zahlreiche Stellen, in denen Neubert unvermittelt von der nacherz&#228;hlenden in die kommentierende Position wechselt, um einzelne politische Entscheidungen seiner Protagonisten zu verteidigen. So wird die Beteiligung Togliattis an den Verbrechen des stalinistischen Regimes w&#228;hrend seiner T&#228;tigkeit f&#252;r die Komintern dadurch entschuldigt, dass dieser „wie die meisten seiner Moskauer Mitstreiter“ vor eine „Gewissensentscheidung“ gestellt wurde und er sich eben – bei aller Sch&#228;ndlichkeit der „Stalinschen Willk&#252;r“ – dagegen entschieden h&#228;tte, zum „Renegaten“ zu werden und „g&#228;nzlich der Bewegung den R&#252;cken zu kehren“. In anderen F&#228;llen steckt die nachsichtige Bewertung in den gew&#228;hlten Formulierungen, etwa wenn die milit&#228;rische Niederschlagung des Prager Fr&#252;hlings 1968 durch die sowjetische Armee zu einer Intervention wird, um „sowohl dem inzwischen au&#223;er Kontrolle geratenen Reformprozess wie der akut drohenden Konterrevolution gewaltsam ein Ende zu setzen“.<br />
Die Haltung, sich nur zu sehr zaghafter Kritik an der „hochstalinistischen“ Phase der IKP unter Togliatti durchringen zu k&#246;nnen, scheint Neubert f&#252;r n&#246;tig zu halten, um seine allgemein positive Beurteilung der sp&#228;teren strategischen Umorientierungen der Partei nicht zu unterminieren. Diese beinhalteten bereits in den unmittelbaren Nachkriegsjahren eine Abkehr von der ArbeiterInnenklasse zu Gunsten des „italienischen Wegs zum Sozialismus“, wobei sich dieser „Sozialismus“ bequem in den Apparaten des b&#252;rgerlichen Staats einzurichten gedachte. Dies zeigte sich – und hier ist eine „Linie“ von Togliatti zu Berlinguer tats&#228;chlich nicht zu bestreiten – im „Historischen Kompromiss“ der 1970er, als die IKP die christdemokratisch gef&#252;hrte Regierung von Andreotti unterst&#252;tzte. Warum gerade diese Entwicklung, die letztlich zur Selbstaufl&#246;sung der IKP gef&#252;hrt hat, eine m&#246;gliche „Ausgangsbasis f&#252;r die &#214;ffnung und Erneuerung der internationalen kommunistischen Bewegung“ darstellen soll, erschlie&#223;t sich dem Rezensenten allerdings nicht. Letztlich steht Neuberts Buch selbst in einer „Linie“, n&#228;mlich in einer alten Str&#246;mung innerhalb der Gramsci-Debatte, die von Togliatti selbst begr&#252;ndet wurde. In ihr wird Gramsci als Teil stalinistischer Tradition bzw. als Stichwortgeber poststalinistischer, „eurokommunistischer“ Initiativen behandelt, wobei die Pr&#228;missen des „Sozialismus von oben“ – StellvertreterInnenpolitik, strategische Fixierung auf die Parteiform, Geringsch&#228;tzung sozialer Bewegungen – beibehalten wird. Bei Neubert kommt daher auch nur ein Gramsci im Konjunktiv vor, als Theoretiker, dessen Thesen „die Entwicklung des realen Sozialismus in eine konstruktive Richtung h&#228;tten lenken k&#246;nnen und m&#246;glicherweise dem nachfolgenden Niedergang h&#228;tten entgegenwirken k&#246;nnen“, wie in Bezug auf Togliatti formuliert wird. Wer nicht der Meinung ist, dass die Diktaturen des „realen Sozialismus“ irgendetwas „rettenswertes“ an sich hatten, d&#252;rfte von diesen &#220;berlegungen jedenfalls kaum &#252;berzeugt werden. Der &#252;berwiegende Effekt des Buches ist negativ: es verstellt den Blick f&#252;r tats&#228;chlich offene, kreative Anschl&#252;sse an Gramscis Politik und Theorie.</p>
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