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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Islamismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Politischer Islam &#8211; Geschichte und Analyse</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Apr 2011 09:25:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Samstag, den 9. April wollen wir uns im Rahmen eines eint&#228;gigen Workshops mit der Entstehungsgeschichte und der aktuellen, widerspr&#252;chlichen Rolle von politischen Bewegungen besch&#228;ftigen, die als &#8220;islamistisch&#8221; bezeichnet werden.  Dies scheint uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Nordafrika und Westasien und der Diskussionen um die Rolle des &#8220;Islamismus&#8221; in diesen Bewegungen wichtig zu sein.
Der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag, den 9. April wollen wir uns im Rahmen eines eint&#228;gigen Workshops mit der Entstehungsgeschichte und der aktuellen, widerspr&#252;chlichen Rolle von politischen Bewegungen besch&#228;ftigen, die als &#8220;islamistisch&#8221; bezeichnet werden. <span id="more-1871"></span> Dies scheint uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Nordafrika und Westasien und der Diskussionen um die Rolle des &#8220;Islamismus&#8221; in diesen Bewegungen wichtig zu sein.</p>
<p>Der Workshop richtet sich an Perspektiven-Mitglieder, SympathisantInnen und KollegInnen sowie alle an am Thema Interessierten. Ihr braucht keinerlei Vorkenntnisse haben, um mitzumachen. Einzige Voraussetzung ist die Lekt&#252;re von (kurzen) Vorbereitungstexten und eine formlose Anmeldung per Mail an perspektiven.veranstaltung@gmail.com. Die Vorbereitungstexte kriegt ihr nach der Anmeldung per Mail zugeschickt.</p>
<p>Der Workshop besteht aus 3 Teilen:</p>
<p>1. Vorstellrunde mit anschlie&#223;endem Input &#252;ber Grundlagen der Thematik (10:30 – 13:00)</p>
<p>2. Zur Einsch&#228;tzung des politischen Islams/Islamismen, Diskussion anhand von Leitfragen (14:00 – 16:00)</p>
<p>3. Abschluss und Diskussion &#252;ber Konseqenzen und Perspektiven (16:15 – 17:15)</p>
<p>Sa., 9. April 2011, 10:30 – 17:30 Uhr<br />
Ort: wird bei Anmeldung bekannt gegeben.<br />
Um Anmeldung wird gebeten, unter: perspektiven.veranstaltung@gmail.com</p>
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		<title>&#196;gypten &#8211; The Revolution was Televised</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 09:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der Gruppe Perspektiven, das Ramin Taghian ausgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.
Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der </em>Gruppe Perspektiven, <em>das </em>Ramin Taghian a<em>usgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.</em><span id="more-1775"></span></p>
<p>Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten sich viele eine Signalwirkung an Bewegungen im Mittleren Osten, nun ihre eigenen langj&#228;hrigen Diktatoren verst&#228;rkt herauszufordern. Dass jedoch innerhalb weniger Wochen bereits der zweite Diktator durch eine revolution&#228;re Massenbewegung gest&#252;rzt werden w&#252;rde – und dies noch dazu im geopolitisch wichtigsten Land der Region, &#196;gypten – damit hatte niemand gerechnet. Gleichzeitig wurde sie von Millionen Menschen weltweit gebannt mitverfolgt. F&#252;r zwei Wochen war der Livestream von Al-Jazeera f&#252;r Tausende das Erste und Letzte am Tag, was ein bzw. ausgeschaltet wurde. Revolutionen sind ansteckend, und eine Revolution, die beinahe live mitverfolgt werden kann, umso mehr!<br />
Die Medien konzentrieren sich bei ihren Versuchen, eine Erkl&#228;rung f&#252;r diese Dynamik zu finden, meist auf die schon lange ausgerufene „Web 2.0-Generation“. Es seien Netzwerke wie <em>facebook</em>, die diese Revolution erm&#246;glichten. Es sei die neue, junge, ausgebildete, global vernetzte, Technologie-affine, nach Moderne und Demokratie strebende Jugend, die diese Revolte „inszenierte“. &#196;hnliche Interpretationen kennen wir aus der Berichterstattung zur „Gr&#252;nen Bewegung“ im Iran 2009 sowie zur „Unibrennt“-Bewegung 2010 in &#214;sterreich.<br />
Dass <em>facebook</em> – und allgemein das Internet – eine wichtige Rolle spiel(t)en und neue M&#246;glichkeiten der Vernetzung und Organisierung f&#252;r AktivistInnen bieten, sei hier in keinster Weise in Frage gestellt. Es soll hier aber auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert werden, welche in &#196;gypten f&#252;r die Entstehung dieser Bewegung zentral waren. Revolutionen haben keine fixen Drehb&#252;cher und entstehen auch nicht aus dem Nichts! Es gibt immer AktivistInnen, die &#252;ber Jahre an K&#228;mpfen geschult wurden, &#252;ber Siege und Niederlagen Erfahrungen akkumuliert haben und dabei Zusammenh&#228;nge schufen, welche in der Lage sind, die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen zu bringen. Dies ist in &#196;gypten nicht anders gewesen, und tats&#228;chlich ist in den letzten Jahren eine Generation von AktivistInnen entstanden, ohne die die aktuelle Situation nicht denkbar w&#228;re. Dar&#252;ber hinaus formierte sich innerhalb dieser K&#228;mpfe nicht zuletzt eine neue und junge Linke, welche im Unterschied zu fr&#252;heren Generationen vor allem durch ihre unsektiererische Haltung gegen&#252;ber anderen politischen Richtungen und insbesondere der Muslimbruderschaft gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Im Folgenden soll auf drei Phasen von sozialen K&#228;mpfen in &#196;gypten eingegangen werden, die mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre identifiziert werden k&#246;nnen. Denn die Radikalit&#228;t und St&#228;rke der gegenw&#228;rtigen Bewegung kann nur dann erkl&#228;rt werden, wenn diese Phasen analysiert und als zusammenh&#228;ngend und aufeinander aufbauend verstanden werden. Daran anschlie&#223;end werde ich in acht Punkten auf den Charakter der Revolution, die wichtigsten AkteurInnen und die Herausforderungen, mit denen sich die progressiven Kr&#228;fte in &#196;gypten nun konfrontiert sehen, eingehen.</p>
<p><strong>1. 2000-2003:</strong> Eine erste Welle des Protests erfasste &#196;gypten zwischen 2000 und 2003. Dies geschah erst im Rahmen der Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina und danach der Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Zum ersten Mal seit langer Zeit fanden wieder &#246;ffentliche Stra&#223;enproteste in &#196;gypten statt. Die Bewegung wurde insbesondere von Studierenden an den Universit&#228;ten getragen, wobei vor allem linke Studierende die Bewegung anf&#252;hrten, w&#228;hrend die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft, die Muslimbruderschaft, eher durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<br />
Wie auf der ganzen Welt, so fanden auch in &#196;gypten vor der Invasion der USA in den Irak Anfang 2003 Massenproteste statt. Erstmals erschienen mehrere tausende Menschen auf dem symboltr&#228;chtigen Tahrir-Platz in Kairo, um ihren Unmut auszudr&#252;cken. Was diese Proteste auszeichnete, war jedoch nicht nur einfach die Tatsache ihres Zustandekommens, sondern vielmehr der Umstand, dass die Kritik am US-Imperialismus sowie der Politik des Staates Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinenserInnen erstmals mit der Kritik an den eigenen Herrschenden in &#196;gypten, insbesondere dem Pr&#228;sidenten Hosni Mubarak, verbunden wurde. W&#228;hrend die Kritik am Pr&#228;sidenten bisher eher fl&#252;sternd ge&#228;u&#223;ert wurde, hatte man pl&#246;tzlich vereinzelte Rufe gegen Mubarak auf den Demonstrationen. Doch erst in der n&#228;chsten Phase nahm diese Entwicklung eine neue Qualit&#228;t an.</p>
<p><strong>2. 2004-2005</strong>: Seit 2004 formierte sich die „Kefaya“-Bewegung (dt.: „Genug!“) aus der Antikriegsbewegung der vorhergehenden Jahre. Diese repr&#228;sentierte ein breites B&#252;ndnis von NasseristInnen, Liberalen, SozialistInnen sowie auch der Muslimbruderschaft. Obwohl die von ihr organisierten Proteste zahlenm&#228;&#223;ig meist nicht mehr als einige hundert Leute auf die Stra&#223;e brachten (jeglicher Stra&#223;enprotest in &#196;gypten wird grunds&#228;tzlich mit einem Gro&#223;aufgebot der Polizei konfrontiert und von der &#214;ffentlichkeit isoliert), war die Bedeutung von „Kefaya“ eher in ihrer politischen Radikalit&#228;t begr&#252;ndet, mit der sie auch eine gewisse &#214;ffentlichkeit erreichte. So fanden erstmals Proteste statt, in denen dezidiert der R&#252;cktritt Mubaraks und eine &#214;ffnung des rigiden politischen Systems gefordert wurde. Nach 2005 verlor die „Kefaya“-Bewegung aufgrund interner Streitigkeiten sowie einer zunehmenden Repression an Bedeutung. Nichtsdestotrotz hat sie eine neue Kultur des Protestes und der Kritik etablieren k&#246;nnen und gleichzeitig aufgezeigt, dass die Opposition bis zu einem gewissen Grad auch geschlossen gegen das Regime auftreten kann.</p>
<p><strong>3. 2006-2008</strong>: Seit dem Winter 2006 rollte eine Streikwelle durch &#196;gypten, wie sie seit den 1940er Jahren nicht mehr entstanden war. Ihr Zentrum sowie ihren Ausgangspunkt hatte diese Bewegung in der Industriestadt Mahalla al-Kubra, in der sich die gr&#246;&#223;te Textilfabrik des Mittleren Ostens und damit 27.000 ArbeiterInnen befinden. Hunderte Streiks und hunderttausende ArbeiterInnen nahmen in den darauf folgenden zwei Jahren an diversen Streikaktionen im ganzen Land teil und forderten eine Anhebung der mickrigen L&#246;hne, eine Auszahlung der Bonis bis hin zur Absetzung der korrupten, lokalen Gewerkschaftsvorsitzenden. Zum ersten Mal kamen auch Forderungen nach unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf, was zumindest im Falle der SteuerbeamtInnen auch zur Gr&#252;ndung der ersten unabh&#228;ngigen Gewerkschaft seit 1952 f&#252;hrte.<br />
Den H&#246;hepunkt fand die Streikbewegung am 6. April 2008 in der Stadt Mahalla al-Kubra. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von <em>Ghazl El-Mahalla</em> f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und bessere Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte nach der Besetzung des Betriebes durch Polizeieinheiten in zwei Tage andauernden Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen. Obwohl am Ende die Polizei die „Intifada von Mahalla“ niederschlug, war eine neue Qualit&#228;t in der Auseinandersetzung zwischen Staat und ArbeiterInnen erreicht. Bedeutend war der der Aufstand vom 6. April auch deshalb, weil er von der Oppositionsbewegung in ganz &#196;gypten aufgegriffen wurde. Wenn auch der Aufruf zum landesweiten Generalstreik ein Hirngespinst einiger <em>facebook</em>-AktivistInnen blieb und letztendlich nicht umgesetzt werden konnte, hatte der Aufstand eine enorme symbolische Bedeutung f&#252;r eine Generation von &#228;gyptischen AktivistInnen und f&#252;hrte zu einer Ann&#228;herung der Demokratiebewegung an die ArbeiterInnenbewegung. Die „Jugendbewegung des 6. April“, welche einen ma&#223;geblichen Anteil am Zustandekommen der &#228;gyptischen Revolution hatte, gab sich aufgrund dieses Aufstands ihren Namen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Der 6. April 2008 war der letzte gro&#223;e Aufschwung der oppositionellen Bewegungen in &#196;gypten bis zu den Entwicklungen der letzten Wochen. Nichtsdestotrotz wurden diverse Kampagnen organisiert und um diese herum bauten sich weitere Netzwerke von AktivistInnen auf. Diese Kampagnen thematisierten meist die Menschenrechtssituation in &#196;gypten, Polizeirepression und Korruption. Eine dieser Kampagnen war &#8220;We are all Khaled Said&#8221;, ein Blogger welcher letzten Sommer von korrupten Polizisten in Alexandria auf offener Stra&#223;e zu Tode gepr&#252;gelt wurde. Was mit Khaled Said passiert war, wurde zu einem Symbol des politischen Zustands in &#196;gypten.<br />
Bereits vor der Revolution in Tunesien war aus &#196;gypten eine angespanntere Stimmung als die Jahre zuvor zu vernehmen. Die Parlamentswahlen im November 2010 zeigten erneut das jegliche Hoffnung auf eine politische Liberalisierung vergeblich waren. W&#228;hrend die Muslimbruderschaft mit 88 Abgeordneten als gr&#246;&#223;ter Oppositionsblock in den Wahlen von 2005 ins Parlament einziehen konnte, blieben er nun nur noch ein einziger Abgeordneter &#252;brig.<br />
Der Bombenangriff auf eine koptische Kirche in Alexandria und die Reaktionen darauf zeigten ebenfalls in welche Richtung der Wind zu wehen begann. Spontane Demonstrationen der koptischen Gemeinde verurteilten das Regime und die Polizei f&#252;r den fehlenden Schutz. Zahlreiche Proteste an denen auch MuslimInnen teilnahmen wurden organisiert. In dem n&#246;rdlichen Kairoer ArbeiterInnenbezirk Shubra mit einem hohen koptischen Bev&#246;lkerungsanteil fanden Massenproteste mit Beteiligung diverser Oppositionsparteien statt. Zeitweise konnte die Polizei bereits relativ erfolgreich konfrontiert werden.<br />
Die Revolution in Tunesien war in dieser Situation wie ein Z&#252;ndfunke f&#252;r ein schon volles Pulverfass. Der Sturz Ben Ali&#8217;s zeigte, dass durch die Massenproteste auch die brutalste Diktatur gest&#252;rzt werden kann und gab den AktivistInnen in &#196;gypten das Selbstbewusstsein und die &#220;berzeugung es ihren Br&#252;dern und Schwestern in Tunesien gleich zu tun.</p>
<p><strong>1. Eine wahre Revolution</strong></p>
<p>Die Ereignisse in &#196;gypten beschr&#228;nkten sich nicht nur auf eine gro&#223;e Party am Tahrir-Platz, wie es die Medien oft darstellten, sondern sie waren ein tats&#228;chlicher Aufstand im gesamten Land. Von Alexandria bis Kairo, von Suez bis zur weit im Westen liegenden Oase Kharga gingen die Leute auf die Stra&#223;e. Auch in kleinen Ortschaften brannten Polizeistationen oder wurden – insbesondere in der Bev&#246;lkerung als sadistisch bekannte – Polizisten nicht mehr als Autorit&#228;ten anerkannt und vertrieben. Betriebe im gesamten Land wurden bestreikt und Volkskommitees (<em>Popular Commitees</em>) errichtet, um nach dem Abzug der Polizei ab dem 28. J&#228;nner das &#246;ffentliche Leben selbst zu organisieren.<br />
In diesem Prozess ver&#228;nderte sich auf einen Schlag das Bewusstsein von Millionen und eine neue Generation artikulierte sich politisch. Die Angst vor dem Regime transformierte sich in Wut, politische Lethargie in das Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t und Verantwortungsbewusstsein f&#252;r das eigene Handeln und die politische Relevanz jedes/r Einzelnen f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung trat hervor. Genau dies machte es zu einer echten Revolution!<a title="anm2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Die demokratische Revolution in &#196;gypten und dar&#252;ber hinaus ist auch auf einer weiteren Ebene bedeutend. Seit 9/11 trat vor allem die US-Regierung mit der Position auf, Demokratie m&#252;sse den unterentwickelten islamischen und arabischen L&#228;ndern gebracht werden, wenn n&#246;tig auch mit Bomben. Dieses L&#252;gengeb&#228;ude ist nun eingest&#252;rzt! Die Menschen selbst sind sehr wohl in der Lage f&#252;r ihre eigene Befreiung einzutreten und brauchen keine westlichen Soldaten oder neokonservative Think Tanks um ihnen Demokratie beizubringen!</p>
<p><strong>2. &#8230;doch nicht vollendet – Der national-demokratische Charakter der Revolution</strong></p>
<p>Die Revolution war jedoch bisher vor allem eine national-demokratische Revolution. Da sich die Proteste prim&#228;r gegen die autorit&#228;re Herrschaftsstruktur, gegen eine ungeheuer korrupten Elite und f&#252;r einfache B&#252;rgerrechte richteten, konnten Menschen unterschiedlichster Herkunft Bezug dazu herstellen. Mitglieder fast aller Klassen, Konfessionen und politischer Richtungen nahmen daran teil. Es wurde die &#8220;&#228;gyptische Nation&#8221; als Ganze angerufen.<br />
&#8220;National&#8221; ist die Revolution auch deshalb, weil sie sich gegen den geopolitisch untergeordneten Status &#196;gyptens als Anh&#228;ngsel des „Westens“ richtet. W&#228;hrend &#196;gypten unter dem ehemaligen Pr&#228;sidenten Nasser f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Kurs stand und ein selbstbewusstes Image als widerst&#228;ndiges Land der Dritten Welt besa&#223;, kann das von dem Mubarak-Regime nicht behauptet werden. Das Regime war in engster Weise mit dem „Westen“ und vor allem den USA verbunden. Mit dem Camp-David-Abkommen Ende der 1970er Jahre wurde ein Friedensvertrag mit Israel beschlossen und eine relativ enge Kooperation aufgebaut – eine Entwicklung mit der sich die Mehrheit der &#196;gypterInnen nicht identifizieren konnte.<br />
Hinzu kommt, dass sich &#196;gypterInnen international oft als Menschen zweiter Klasse verstanden. Die das Land besuchenden „westlichen“ TouristInnen hatten einen weit besseren Status als die meisten &#196;gypterInnen. Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass &#196;gypterInnen unf&#228;hig seien, eigenst&#228;ndige Politik zu machen. Diese Revolution hat jedoch so etwas wie einen nationalen Stolz zur&#252;ck gegeben. Putztrupps, die den Tahrir-Platz s&#228;uberten und auch jetzt noch in den Stra&#223;en f&#252;r Sauberkeit sorgen, sind ein Ausdruck dieses Gef&#252;hls.<br />
Der nationale Charakter dr&#252;ckt sich weiters in der Positionierung der Mehrheit gegen&#252;ber dem Milit&#228;r aus. Anders als der Polizeiapparat, welcher in den Augen der &#196;gypterInnen immer schon als nach innen gerichteter Repressionsapparat wahrgenommen wurde und den Hass der Gesellschaft auf sich vereinte, war das Milit&#228;r mit dem Schein nationaler Einheit und politischer Neutralit&#228;t umgeben. Dies ist vor dem Hintergrund der Rolle des Milit&#228;rs in der &#228;gyptischen Geschichte zu verstehen. Es war zentraler St&#252;tzpfeiler der nationalistisch-populistischen &#196;ra Nassers sowie Verteidiger gegen ausl&#228;ndische Aggressoren (Kriege in den Jahren 1956, 1968, 1973).</p>
<p><strong>3. Widerspr&#252;che innerhalb der Bewegung</strong></p>
<p>Bis zum R&#252;cktritt Mubaraks am 11. Februar galt innerhalb der revolution&#228;ren Bewegung Einheit im gemeinsamen Kampf gegen das Regime. Nach deren erstem Erfolg ist zu erwarten, dass sich die Bewegung ausdifferenziert. Ein gro&#223;er Teil der Bewegung argumentierte unmittelbar nach dem Abtritt des Pr&#228;sidenten und der &#220;bernahme der Staatsgesch&#228;fte durch das Milit&#228;r f&#252;r eine Demobilisierung der Bewegung, eine Beendigung der Streiks und eine „R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t“. Dem Milit&#228;r wurde von vielen das Vertrauen ausgesprochen, einen geregelten &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu garantieren. Noch vor dem Fall Mubaraks sprachen sich zum Beispiel Mohammed el-Baradei und seine Unterst&#252;tzerInnen f&#252;r ein Einschreiten des Milit&#228;rs und eine Beendigung des &#8220;Chaos&#8221; aus.  Nun sei es an der Zeit, das „neue &#196;gypten“ aufzubauen und „h&#228;rter zu arbeiten als jemals zuvor“.<br />
F&#252;hrende Figuren der „Jugendbewegung“ wie Wael Ghonim sa&#223;en bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks zusammen mit den Milit&#228;rs an einem Tisch, um einen Dialog aufzubauen. Einige liberale Kr&#228;fte der Opposition bildeten die &#8220;Koalition der Jugend der Revolution&#8221; – darunter Repr&#228;sentantInnen der &#8220;6. April Bewegung&#8221;, j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie der Gruppe um El-Baradei. Es wird sich noch zeigen, welche Rolle diese Zusammenh&#228;nge weiterhin spielen werden. Doch das Vertrauen in das Milit&#228;r als Garant f&#252;r einen geregelten &#220;bergang in eine Post-Mubarak &#196;ra, der Aufruf zur Demobilisierung der Bewegung sowie vor allem zur Beendigung der massenhaften Streiks im Land sind gef&#228;hrliche Schritte, da sie der revolution&#228;ren Bewegung ihr urspr&#252;ngliches Momentum nehmen k&#246;nnten. Solange keine starken und permanenten Gegenstrukturen  zum Staatsapparat gebildet werden, ist die Revolution in Gefahr gewonnenes Terrain zu verlieren.</p>
<p><strong>4. Muslimbruderschaft</strong></p>
<p>Die Muslimbruderschaft ist die gr&#246;&#223;te und am besten organisierte Oppositionskraft &#196;gyptens. Dabei spielte sie immer eine widerspr&#252;chliche Rolle. Ihre F&#252;hrung versuchte, eine eher moderate konformistische Haltung einzunehmen. Nicht der Sturz des Regimes sondern eine Beteiligung am System war ihr prim&#228;res Interesse. Ihr Verh&#228;ltnis zum Regime war ebenso ambivalent. Je nach politischer Konjunktur wurde sie, obwohl immer offiziell illegal, mal geduldet oder verst&#228;rkt verfolgt. Gleichzeitig gibt es in der Muslimbruderschaft seit einigen Jahren eine neue Generation junger aktivistischer Mitglieder, die weiter gehen will als ihre F&#252;hrung. Wenn die Organisation in der Demokratiebewegung aktiver wurde, dann meist durch den Druck dieser Basis. Diese Jugend war auch aktiv an der Bewegung beteiligt.<br />
Seit der Revolution steckt die Organisation in einer Zwickm&#252;hle. Die F&#252;hrung reagierte versp&#228;tet auf die Bewegung, w&#228;hrend viele Mitglieder von Anfang an aktiv beteiligt waren. Politisch hat sie keine f&#252;hrende Rolle gespielt, auch wenn sie nachtr&#228;glich der Bewegung ihre Infrastruktur zur Verf&#252;gung stellte.<br />
Aktuell rief die Muslimbruderschaft dazu auf, dem Milit&#228;r mit dem &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu vertrauen. Noch vor dem Sturz Mubaraks waren sie an Gespr&#228;chen mit dem Regime beteiligt, um einen Kompromiss auszuhandeln. Diese Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Ernennung eines Mitglieds der Bruderschaft an einem vom Milit&#228;r eingesetzten Komitee zur &#220;berarbeitung der Verfassung.<br />
Ziel der Muslimbruderschaft ist es, eine legale politische Partei zu werden. An einer grunds&#228;tzlichen Ver&#228;nderung der sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens hat sie kein Interesse. Ein Vergleich mit der AKP der T&#252;rkei ist hierbei angebracht.</p>
<p>W&#228;hrend viele Teile der Opposition von der R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t und einem &#8220;Ende&#8221; der Revolution reden, argumentieren linke Teile der Bewegung daf&#252;r, die nun verst&#228;rkt auftretenden sozialen K&#228;mpfe weiterzuf&#252;hren und den Aufbau unabh&#228;ngiger Gewerkschaften zu forcieren. So sollte die Mobilisierung zum Tahrir-Platz mit der Mobilisierung innerhalb der Betriebe erg&#228;nzt bzw. durch diese ersetzt werden. Gleichzeitig warnen diese Kr&#228;fte davor, dem Milit&#228;r als Garant f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Revolution zu vertrauen (zur Frage des Milit&#228;rs, siehe unten).<br />
Die Revolution in &#196;gypten hat au&#223;erordentliches geschafft, etwas womit kaum jemand gerechnet hat. Jedoch sind die alten Strukturen &#196;gyptens noch weitgehend in Kraft. Der tats&#228;chliche Kampf f&#252;r strukturelle Ver&#228;nderungen f&#228;ngt somit erst an. Ein wesentlicher Faktor daf&#252;r wird die F&#228;higkeit progressiver Kr&#228;fte zur Formierung, sowie die Aktivit&#228;ten der ArbeiterInnenklasse im Aufbau einer Gegenmacht sein!</p>
<p><strong>5. Die ArbeiterInnenbewegung &#8211; </strong><em><strong>the next stage of the revolution</strong></em><strong>!</strong></p>
<p>ArbeiterInnen waren zwar seit Beginn der Proteste involviert, beteiligten sich aber zun&#228;chst nicht als ArbeiterInnen, sondern als einfache DemonstrantInnen. In der letzten Woche vor dem Sturz Mubaraks nahm die Zahl von Streiks und ArbeiterInnenk&#228;mpfen jedoch rasant zu, und ArbeiterInnen begannen sich als ArbeiterInnen in den Betrieben zu organisieren. Dies war der letzte Ansto&#223; f&#252;r den Fall Mubaraks.<br />
Die &#228;gyptische ArbeiterInnenklasse denkt nicht daran, sich mit dem Abtritt Mubaraks und der Macht&#252;bernahme durch das Milit&#228;r zu begn&#252;gen. Immer neue Teile der ArbeiterInnenklasse wurden in den letzten Wochen aktiv, um ihre soziale Lage zu thematisieren. In allen Sektoren der Wirtschaft finden Streiks statt. Von den Suezkanal-ArbeiterInnen &#252;ber TextilarbeiterInnen bis hin zu MitarbeiterInnen diverser Ministerien und des &#246;ffentlichen Sektors werden Arbeitsk&#228;mpfe organisiert und Forderungen aufgestellt. Letztere sind dabei weitreichend. Neben Lohnerh&#246;hungen und dem Wunsch nach staatlichen Sozialleistungen sind die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn sowie der Absetzung korrupter Bosse und lokaler staatlicher Gewerkschaftsf&#252;hrer prominente Themen.<br />
Parallel zu den lokalen K&#228;mpfen gewinnt die Bewegung zur Gr&#252;ndung eines unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbundes an St&#228;rke. Bereits zu Beginn der Bewegung riefen die unabh&#228;ngige Gewerkschaft der SteuerbeamtInnen sowie des Krankenhauspersonals zur Formierung einer solchen auf. Seither haben sich einige weitere Betriebe und Sektoren dieser Initiative angeschlossen. Immer neue Forderungskataloge finden ihren Weg an die &#214;ffentlichkeit.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Diese Entwicklung wird ein wesentlicher Faktor im weiteren Verlauf der Revolution in &#196;gypten sein. Eine unabh&#228;ngige Gewerkschaftsbewegung w&#228;re in der Lage, die lokalen und bisher meist von einander isolierten K&#228;mpfe zu vereinen und die Frage einer sozialen Revolution fl&#228;chendeckend auf die Tagesordnung zu stellen.<br />
Die Streikbewegung ist jedoch mit Hindernissen konfrontiert. So hat das Milit&#228;r mehrmals zur Beendigung der Streiks aufgerufen und mit der Anwendung von Gewalt gedroht. Wie oben erw&#228;hnt haben auch Teile der Bewegung die Beendigung der sozialen K&#228;mpfe gefordert, um nun das „neue &#196;gypten“ aufzubauen. Unumstritten ist, dass mit der revolution&#228;ren Bewegung die B&#252;chse der Pandora ge&#246;ffnet wurde. ArbeiterInnen haben schon in den letzten Jahren verst&#228;rkt f&#252;r ihre sozialen und politischen Rechte gek&#228;mpft. F&#252;r sie ist die Verbindung zwischen dem autorit&#228;ren politischen System und der &#246;konomischen Ausbeutung viel offensichtlicher als f&#252;r andere Bev&#246;lkerungsteile. Die Eliten in der Politik waren die gleichen korrupten Unternehmer, die sie f&#252;r Hungerl&#246;hne schuften haben lassen.  Ein „demokratisches“ &#196;gypten w&#252;rde f&#252;r ArbeiterInnen nichts ver&#228;ndern, wenn sich nicht auch die sozialen Verh&#228;ltnisse mitver&#228;ndern w&#252;rden. Ob dies passiert oder nicht, h&#228;ngt von den sich nun formierenden militanten ArbeiterInnen und SozialistInnen ab. Die Voraussetzungen f&#252;r einen solchen Kampf sind jedoch zweifelsohne vorhanden.</p>
<p><strong>6. Rolle der Armee</strong></p>
<p>Die Milit&#228;relite ist fixer Bestandteil des Regimes, und ihr ist nicht zu trauen! Seit dem 11. Februar hat der oberste Milit&#228;rrat die Regierungsgesch&#228;fte &#252;bernommen. Verteidigungsminister Tantawi, lange Zeit enger Freund und Kollege von Mubarak, steht nun an der Spitze des Staates. Das Milit&#228;r wird von vielen als Garant f&#252;r Stabilit&#228;t und einen „geordneten“ &#220;bergang zu einer zivilen Regierung gesehen. Obwohl es den Anschein einer neutralen Institution hat, war das Milit&#228;r schon immer einer der wichtigsten St&#252;tzpfeiler des Regimes. W&#228;hrend es bis in die 1970er Jahre eine offene politische F&#252;hrungsfunktion hatte, verschwand es danach aus der politischen &#214;ffentlichkeit. Seither existiert ein Deal zwischen der zivilen Regierung und dem Milit&#228;r. Letzteres h&#228;lt sich dabei zwar bewusst im Hintergrund, sein Einfluss in Wirtschaft und Politik ist jedoch enorm:<br />
- Personell sind die Kommandoh&#246;hen des Staates von ehemaligen Offizieren besetzt. Alle  Pr&#228;sidenten seit 1952 rekrutierten sich aus dem Milit&#228;r. Hosni Mubarak selbst war, bevor er unter Sadat Vizepr&#228;sident wurde, Offizier der Luftwaffe.<br />
- Das Milit&#228;r betreibt ein weitreichendes Wirtschaftsnetz. In vielen Branchen wie  der Nahrungsmittel- und Zementproduktion, der Automobilindustrie oder der Gasf&#246;rderung mischt das Milit&#228;r an entscheidender Stelle mit. Zudem kontrolliert es einen gro&#223;en Teil des &#246;ffentlichen Grund und Bodens in &#196;gypten. Auch genie&#223;t das Milit&#228;r im Wirtschaftsbereich weitreichende Privilegien. So ist es von Steuerzahlungen befreit und muss sich mit vielen der b&#252;rokratischen H&#252;rden, denen die Privatwirtschaft unterliegt, nicht herumschlagen. Es genie&#223;t somit eine gewisse Autonomie im Staat und der Wirtschaft.<br />
- Ein stark ausgebauter Sektor von Clubs, Krankenh&#228;usern etc. soll die Loyalit&#228;t der eigenen Offiziere gew&#228;hrleisten und sie bei Stange halten.<br />
- Das Bild vom Milit&#228;r als politisch neutrale Institution und rein nach au&#223;en gerichtete Verteidigungsarmee ist tats&#228;chlich ein Mythos. In Notzeiten war es bisher immer sofort zur Stelle, um die innenpolitische Feuerwehr zu spielen: Bei der Niederschlagung der Brotaufst&#228;nde von 1977 und einer Polizeirevolte 1986 ebenso wie im Krieg gegen militante islamistische Bewegungen in den 1990er Jahren.<br />
- Au&#223;enpolitisch ist es ebenfalls das Milit&#228;r, das am engsten mit Israel und den USA zusammenarbeitet. So erh&#228;lt das &#228;gyptische Milit&#228;r mit ca. 1.3 Mrd. Dollar nach Israel die zweith&#246;chste US-Milit&#228;rhilfe.</p>
<p>Es ist gut vorstellbar, dass das Milit&#228;r den &#220;bergang zu einer zivilen Regierung tats&#228;chlich garantiert und keine weitere, offen-politische Pr&#228;senz anvisiert. Dies w&#252;rde durchaus ihrem eigenen Interesse entsprechen, konnte es doch bereits in den letzten Jahrzehnten erfolgreich im Hintergrund agieren, ohne sich dabei &#246;ffentlicher Kritik stellen zu m&#252;ssen. Voraussetzung daf&#252;r wird jedoch sein, dass die &#246;konomische Rolle und die institutionalisierten Privilegien des Milit&#228;rs unangetastet bleiben. Was passiert, wenn diese zur Diskussion gestellt werden, bleibt demgegen&#252;ber eine offene Frage. Solange dies nicht geschieht, besteht eine grunds&#228;tzliche strukturelle Kontinuit&#228;t zur Mubarak-&#196;ra.<br />
Ungekl&#228;rt bleibt auch, wie die weiteren Entwicklungen innerhalb der Armee aussehen. W&#228;hrend gro&#223;e Teile der Soldaten und mittleren Offiziersr&#228;nge mit der Bewegung sympathisierten (siehe die Bilder sich solidarisierender Soldaten und Offiziere am Tahrir-Platz), sind die oberen Generalsr&#228;nge fixer Bestandteil des &#228;gyptischen Herrschaftsapparats und, wie oben gezeigt, an einem grunds&#228;tzlichen Wandel nicht interessiert. Ein Vertrauen in das bestehende Oberkommando h&#228;tte daher f&#252;r die Perspektiven der Revolution in &#196;gypten fatale Folgen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>7. Fraktionsk&#228;mpfe innerhalb der Eliten</strong></p>
<p>Trotz offensichtlicher Kontinuit&#228;ten hat es in den letzten Wochen mehrere strategische Man&#246;ver gegen Teile des alten Regimes gegeben. Einzelnen Ministern wurde die Ausreise verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Manche wurden mittlerweile sogar festgenommen, gegen sie wird wegen Korruption ermittelt. Die betroffenen Kreise sind vor allem jene Unternehmer, die erst in den letzten Jahren in der Hierarchie der regierenden NDP (<em>National Demokratische Partei</em>) aufgestiegen sind. Diese Gruppe, welche eng mit Gamal Mubarak, dem Sohn des Pr&#228;sidenten und bis zur Revolution sein potentieller Nachfolger, verbunden war, stand f&#252;r eine neue Fraktion in &#196;gyptens Herrschaftsapparat. Anders als die „alte Garde“ favorisierte diese Fraktion eine Verst&#228;rkung des neoliberalen Kurses, von dem sie auch pers&#246;nlich enorm profitieren konnte. Repr&#228;sentanten dieser nachr&#252;ckenden Gruppe waren zum Beispiel  der Stahl-Tycoon Ahmad Ezz, der f&#252;r die NDP im Parlament sa&#223; und sich durch die Privatisierung von Stahlbetrieben bereichern konnte. Andere sind der ehemalige Innenminister Habib al-Adly, Tourismusminister Zoheir Garranah und der ehemalige Wohnbauminister Ahmed El-Maghraby. Alle vier wurden bereits verhaftet. Obwohl ihre Verfolgung sehr zu begr&#252;&#223;en ist – sie haben an der Neoliberalisierungsoffensive der letzten Jahre zweifellos einen gro&#223;en Anteil – m&#252;ssen diese Entwicklungen mit Vorsicht betrachtet werden. Tats&#228;chlich werden hier n&#228;mlich S&#252;ndenb&#246;cke f&#252;r das alte Regime gesucht. Zudem darf nicht &#252;bersehen werden, dass hier auch innerhalb der Herrschaftselite alte Rechnungen beglichen werden.</p>
<p><strong>8. Regionale und globale Dimension der Revolution(en) – 2011 als Jahr der Revolutionen?!</strong></p>
<p>Nach den Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten werden die Karten geopolitisch neu gemischt werden m&#252;ssen. Der „Westen“ wei&#223; noch nicht so recht, wie er auf die Situation reagieren soll und womit er noch zu rechnen hat. Zudem wird der Widerspruch zwischen den eigenen geopolitischen Interessen, die denen der autorit&#228;ren Regime  in engster Weise verbunden waren, und der Rhetorik von Demokratie und Freiheit f&#252;r alle in dieser Situation nur zu offensichtlich.<br />
Bisher hat sich die Berichterstattung auf den arabischen Raum konzentriert. Doch die Inspiration der Revolution in Tunesien und &#196;gypten hat bereits andere Regionen erreicht. Im Iran sch&#246;pfte die Opposition, die 2009/2010 noch brutal niedergeschlagen wurde, neue Energie und Hoffnung. Aber auch in den nicht weniger autorit&#228;r regierten L&#228;ndern Afrikas finden die ersten Revolutionen des 21. Jahrhundert einen starken Widerhall.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Selbst in den USA findet die Revolution in &#196;gypten einen Widerhall. Die j&#252;ngsten gewerkschaftlichen K&#228;mpfe in Wisconsin sahen teilweise direkte Bezugsnahmen auf die Massenproteste im Mittleren Osten. Unabh&#228;ngig vom weiteren Verlauf der Ereignisse kann schon jetzt gesagt werden, dass das Jahr 2011 neben 1848, 1917, 1968 und 1989 als Jahr der Revolutionen in die Geschichte eingehen wird. Die Entwicklung, welche in Tunesien ihren Anfang nahm, hat sich in k&#252;rzester Zeit zu einem regionalen Fl&#228;chenbrand ausgebreitet. Die Erfahrung, dass auch die brutalsten und autorit&#228;rsten Regime durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden k&#246;nnen, hat sich weltweit in das Bewusstsein von Millionen Menschen eingebrannt. Revolutionen sind ansteckend, und es wird noch zu sehen sein, was die langfristigen Folgen der j&#252;ngsten Entwicklungen sein werden.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven<br />
Wien, am 27. Februar 2011</em></p>
<p><strong>weiterf&#252;hrende Links:</strong></p>
<p>Spannende Dokumentation &#252;ber die &#228;gyptische Revolution: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded">http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded</a></p>
<p>Zu feministischen Positionen in der Revolution:<br />
<a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html">http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html</a></p>
<p>Interview mit der ber&#252;hmten radikalen Feministin und Autorin Nawal el-Saadawi:<br />
<a href="http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html">http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html<br />
</a><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;">Zwei lesenswerte Artikel zur Rolle von Frauen in der Revolution: <a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html">http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html</a></span></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;"><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></span><a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_">http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_</a></p>
<p>Reiseberichts-Serie von marx21 zur &#228;gyptischen Revolution: <a href="http://marx21.de/content/view/1349/32/">http://marx21.de/content/view/1349/32/</a></p>
<p>Zur Opposition, inklusive der Muslimbruderschaft:<br />
<a href="http://marx21.de/content/view/1326/32/">http://marx21.de/content/view/1326/32/</a></p>
<p>Zum Verh&#228;ltnis zwischen der Linken und der Muslimbruderschaf:<br />
<a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a></p>
<p>Ein toller Artikel zu Neoliberalismus, Korruption, Milit&#228;r und die soziale Frage in &#196;gypten: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html">http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe zum Geburtsort der Revolution in Mahalla: <a href="http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full">http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Es wurden hunderte Tagebucheintr&#228;ge und Berichte zu den revolution&#228;ren Erfahrungen verfasst. Hier eine kleine Auswahl:<br />
<a href="http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2">http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2</a>, <a href="http://samuliegypt.blogspot.com/">http://samuliegypt.blogspot.com/</a>, <a href="http://caironotes.blogspot.com/">http://caironotes.blogspot.com/</a>, <a href="http://www.sandmonkey.org/">http://www.sandmonkey.org/</a>, <a href="http://www.arabist.net/">http://www.arabist.net/</a>, <a href="http://www.arabawy.org/blog/">http://www.arabawy.org/blog/</a>. Zur Vorbereitung des Aufstands am 25. J&#228;nner siehe: <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html">http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html</a></p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Siehe zur letzten Deklaration der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft: <a href="http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/">http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/</a>, <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000">http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000</a></p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Siehe zur Rolle des Milit&#228;rs in &#196;gypten: <a href="http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html">http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html</a></p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Siehe dazu: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html">http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der andere Iran</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/29/der-andere-iran/</link>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 07:05:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.<br />
<span id="more-88"></span><br />
Der Iran unterlag im 20. Jahrhundert einer langen Periode ausl&#228;ndischer Kontrolle und Ausbeutung. Grund daf&#252;r war die geostrategische Lage als Br&#252;cke zwischen der Arabischen Welt, Europa und Asien sowie dessen Reichtum an Erd&#246;l.</p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir uns &#252;ber die aktuelle Situation der „Islamischen Republik“ klar werden wollen, m&#252;ssen wir zu den Wurzeln der Entstehung dieses Systems zur&#252;ckkehren. Diese liegen in einem der gr&#246;&#223;ten sozialen und politischen Umbr&#252;che, der den Mittleren Osten im 20. Jahrhundert ersch&#252;tterte, der iranischen Revolution von 1978/79.</p>
<h3>Shahdiktatur und Revolution</h3>
<p>W&#228;hrend der 60er und 70er Jahre fanden im Iran massive &#246;konomische und soziale Ver&#228;nderungen statt. Durch die Profite aus den &#214;lgesch&#228;ften konnte in westliche Technologie, Industrialisierung und eine begrenzte Verbesserung der Gesundheits- und Bildungssituation investiert werden. Der Pahlavi-Staat<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, unterst&#252;tzt vom Westen, war dabei die Hauptkraft in der Akkumulation von Kapital. Doch nur eine kleine Minderheit konnte von diesen Entwicklungen profitieren. Die von den USA und dem Westen unterst&#252;tzte Shah-Regierung verhalf einer kleinen Oberschicht von Kapitalisten, Gro&#223;grundbesitzern und Staatsb&#252;rokraten zu Reichtum, w&#228;hrend die Mehrheit der IranerInnen in wachsender Armut leben musste. Obwohl das Bruttonationaleinkommen pro Kopf 1978 bei mehr als 2.000 Dollar lag, hatten 87% der D&#246;rfer keine Schule, nur 1% besa&#223; medizinische Einrichtungen, die Preise stiegen kontinuierlich und 40-50% des Budgets wurden f&#252;r Milit&#228;rausgaben verwendet.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Durch die Einf&#252;hrung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in die iranische Landwirtschaft konnten viele Menschen gegen die Konkurrenz nicht mehr bestehen. Sie wanderten in die St&#228;dte, wo sie in Wellblechst&#228;dten und Armut leben mussten. Gleichzeitig verloren auch die traditionell privilegierten Klassen an Einfluss und Wohlstand. Die Geistlichkeit b&#252;&#223;te einen gro&#223;en Teil ihres Gro&#223;grundbesitzes nach den Bodenreformen des Shahs ein und die <em>Bazaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute der Bazare) litten unter der Konkurrenz in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Diese &#246;konomischen und sozialen Verh&#228;ltnisse wurden von einem massiven Repressionsapparat gesichert.</p>
<p>Die Revolution von 1978-79 war das Resultat enormer Unzufriedenheit mit wachsenden sozialen und &#246;konomischen Disparit&#228;ten, einer Wut gegen die brutale politische Repression und dem Ausschluss der Mehrheit aus dem politischen System des Shahs. Die Bewegung gegen diese politische und soziale Unterdr&#252;ckung wurde von ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen sowie nationalen und religi&#246;sen Minderheiten getragen. Sie brachten eines der brutalsten vom Westen unterst&#252;tzten Regime im Mittleren Osten zu Fall.<br />
Der Kampf der iranischen ArbeiterInnen war neben der StudentInnen- und Frauenbewegung ein wesentliches Element der Revolution. Sie hatten durch ihren Generalstreik der alten Ordnung den letzten Sto&#223; verpasst und eine selbstbewusste radikale Wandlung durchgemacht. Sie begannen sich in ArbeiterInnenr&#228;ten (<em>Shoras</em>) zu organisieren und &#252;bernahmen, nachdem die alten Manager und Bosse geflohen waren, die Kontrolle &#252;ber die Produktion in den Fabriken.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Die Entwicklung der Islamischen Republik</h3>
<p>Die nach dem Sturz des Shah-Regimes erk&#228;mpfte politische Freiheit erm&#246;glichte es sozialen Gruppen, Parteien und Initiativen zum ersten Mal seit 26 Jahren sich frei zu organisieren. Das Streben nach politischer Partizipation und sozialer Gerechtigkeit pr&#228;gten diese Zeit. Obwohl die Geistlichen durch die Unterst&#252;tzung der st&#228;dtischen verarmten Massen und der religi&#246;sen Mittelschicht die F&#252;hrung in der Revolution gewinnen konnten, war ihre Macht noch nicht gefestigt. Allerdings f&#252;hrte das Versagen der linken und s&#228;kularen Kr&#228;fte<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> dazu, dass sie diese immer weiter ausbauen konnten. Als Vehikel zur Massenverankerung der islamischen Bewegung dienten die sogenannten <em>Komiteh</em> (politische Gremien), die aus den Moscheen heraus die administrativ-politischen Aufgaben &#252;bernahmen. Damit verbunden entstand die <em>Basidji</em>-Organisation, eine Art Volksmiliz mit dem Ziel, die Menschen f&#252;r die Islamische Revolution zu mobilisieren.</p>
<h3>Machtkonsolidierung</h3>
<p>Die 80er Jahre standen zun&#228;chst im Zeichen materieller Zugest&#228;ndnisse an die Basis der Islamischen Bewegung. Das vom Shah und seinen Verb&#252;ndeten konfiszierte Verm&#246;gen und Eigentum wurde durch Islamische Stiftungen (<em>Bonjad</em>) verwaltet und umverteilt. Die religi&#246;se Mittelklasse, die st&#228;dtischen SlumbewohnerInnen und ArbeiterInnen, die den Islamischen Staat unterst&#252;tzen, wurden bei Anstellungen und Bildungsm&#246;glichkeiten beg&#252;nstigt. Dieses Vorgehen erkl&#228;rt den R&#252;ckhalt des Regimes in den &#228;rmeren iranischen Schichten. Dies war jedoch verbunden mit der Konsolidierung der Macht der islamischen Eliten. Schleichend wurden die Strukturen von unten, welche sich w&#228;hrend der Revolution etabliert hatten, ausgeh&#246;hlt. Zum Beispiel wurden die ArbeiterInnenschoras wieder aufgel&#246;st und die Kontrolle &#252;ber die Betriebe ging in die Hand „islamischer Manager“ &#252;ber.</p>
<p>Der zweite Aspekt auf dem Weg zur Festigung der Macht war die Instrumentalisierung au&#223;enpolitischer Krisen. Der vom Irak 1980 angezettelte Krieg gegen den Iran war hier ein entscheidender Schritt. „Der Krieg verschleierte die schwere wirtschaftliche Krise und konnte au&#223;erdem f&#252;r die Nichteinl&#246;sung so mancher Versprechen der Revolution verantwortlich gemacht werden.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Au&#223;erdem wirkte er wie ein neuerlicher Mobilisierungsschub f&#252;r die Islamische Republik. „Denn selbst die Iraner, die eigentlich gegen die Islamische Republik waren, wechselten im Zuge der Verteidigung gegen die ausl&#228;ndischen Aggressoren in Khomeinis<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lager.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> In dieser Situation konnten die Reste der linken und nationalistischen Opposition ausgeschaltet werden. S&#228;kulare Frauen- und StudentInnenorganisationen wurden brutal verfolgt und durch islamische Organisationen ersetzt.</p>
<p>Der Iran-Irak Krieg endete 1988 mit Tausenden Toten und massiver Zerst&#246;rung von Infrastruktur sowie wichtiger wirtschaftlicher Sektoren. Die dramatischen Auswirkungen des Krieges schw&#228;chten den R&#252;ckhalt der islamischen F&#252;hrung in der Bev&#246;lkerung.</p>
<h3>&#214;konomische Liberalisierung</h3>
<p>Das Ende des Krieges brachte eine Verschiebung der Machtverh&#228;ltnisse in der islamischen F&#252;hrung und im Zuge dessen eine wirtschaftliche Neuausrichtung mit sich. Der unangefochtene Revolutionsf&#252;hrer Ayatollah Khomeini hatte es bis dahin noch geschafft, die verschiedenen Fraktionen der islamischen Bewegung zu vereinen. Mit seinem Tod 1989 und neuer politischer und &#246;konomischer Rahmenbedingungen zerbrach dieses B&#252;ndnis und es setzte sich ein wirtschaftsliberaler Kurs unter dem einflussreichen Geistlichen Haschemi Rafsanjani<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> durch. Der Wirtschaftswissenschaftler Mahdy Farhadian beschreibt die Neuausrichtung der Islamischen Republik: „Nach einem Jahrzehnt der aktiven Interventionen des Staates in die Wirtschaft verschob sich die <em>balance of power</em> innerhalb der Wirtschaft, weg von den mostasaffin, den Unterdr&#252;ckten, und hin zur Bourgeoisie und ihrer verb&#252;ndeten Mittelklasse. Dieser Trend wird verst&#228;rkt durch die Deregulierung der Preise auf Lebensmittel und andere G&#252;ter sowie Dienstleistungen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Dazu kam, dass die Privatisierung von nicht rentablen Staatsbetrieben zu einer sch&#228;rferen Situation am Arbeitsmarkt beitrug. Dieser neue Kurs war in der Bev&#246;lkerung unpopul&#228;r, und selbst innerhalb des islamischen Lagers nicht unumstritten. Es kam in dieser Situation zu einem wachsenden Spalt zwischen einer korrupten geistlichen Oberschicht und der verarmten Bev&#246;lkerung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, als auch zu immer deutlicheren Differenzen zwischen Radikalislamisten, Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Islamischen Reformern.</p>
<p>Viele prominente Geistliche<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> und ehemalige Islamische Revolution&#228;re begannen aufgrund anhaltender politischer Repression offene Kritik an der konservativen F&#252;hrung zu &#228;u&#223;ern und manche sogar die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> in Frage zu stellen.</p>
<h3>Reformbewegung von oben</h3>
<p>Auch in der iranischen Bev&#246;lkerung wuchs die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen – Proteste wurden lauter. Diese Stimmung f&#252;hrte 1997 zur Wahl des reformfreundlichen Geistlichen Khatami<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, welcher vor allem mit den Stimmen der Frauen und Jugendlichen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt wurde. Die neue Regierung bot der Bewegung von unten den Rahmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Pressezensur wurde nach und nach ausgeh&#246;lt und es entwickelte sich eine breite, von den neuen Medien und sozialen Gruppen getragene, &#246;ffentliche politische Debatte. Es kam zu Protesten und Auseinandersetzungen f&#252;r eine politische Liberalisierung. Trotz Redaktionsschlie&#223;ungen von Reformzeitungen, Verhaftungen von AktivistInnen und politischer Morde lie&#223; sich die Bewegung nicht einsch&#252;chtern.<br />
Ab der zweiten Amtsperiode Khatamis spitzte sich die wirtschaftliche Situation weiter zu. Das Wirtschaftsprogramm sah weitreichende Privatisierungen<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, weitere Deregulierung des Marktes und Einschnitte in das Sozialsystem vor. Die allgemeinen Lebensbedingungen sanken aufgrund der Reduktion sozialer Leistungen. Die Arbeitslosigkeit unter der seit den 80er Jahren rasch anwachsenden Bev&#246;lkerung stieg. All dies f&#252;hrte zu sozialer Unzufriedenheit und gro&#223;er Entt&#228;uschung mit der reformistischen Regierung.<br />
Ein erster Bruch zwischen der Reformbewegung auf der Stra&#223;e und der reformistischen Regierung manifestierte sich mit den StudentInnenprotesten 1999. Khatami stellte sich offen auf die Seite des Systems und verurteilte die Proteste. Das war f&#252;r die StudentInnen, die auf Khatami vertraut hatten, ein Schlag ins Gesicht – die Regierung hatte sich von der Bewegung distanziert.<br />
Auch innerhalb der herrschenden Klasse konnten sich die Reformisten immer schlechter durchsetzten. Ihre Anstrengungen das politische System zu reformieren stie&#223;en auf den Widerstand noch m&#228;chtigerer Instanzen wie zum Beispiel Revolutionsf&#252;hrer Khamenei<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und W&#228;chterrat. Die Bem&#252;hungen f&#252;r eine institutionelle Reform scheiterten am Widerstand der konservativen Kr&#228;fte und an der kompromissbereiten und z&#246;gernden Strategie der Regierung.<br />
Mit ihrer neoliberalen unsozialen Politik konnte die Regierung die verarmten Bev&#246;lkerungsschichten nicht mehr f&#252;r sich mobilisieren. Auch die von vielen erhofften politischen Reformen kamen nicht zustande.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>Das Fehlen von Antworten f&#252;r die soziale Problematik im Land erm&#246;glichte es den Radikalislamisten mit Sozialdemagogie eine z&#246;gernde Unterst&#252;tzung unter den &#196;rmsten zu gewinnen.</p>
<h3>Der Machtwechsel zu den Radikalislamisten</h3>
<p>Viele der Radikalislamisten stammten aus den st&#228;dtischen und l&#228;ndlichen Unterschichten und hatten sich w&#228;hrend der Iranischen Revolution in Hoffnung auf materielle und politische Verbesserungen den <em>Basidjis</em> angeschlossen. Diese „Fu&#223;soldaten“ der Islamischen Republik „waren diejenigen, die zu Beginn der Revolution die Demonstrationen und Kundgebungen organisierten, diejenigen, die w&#228;hrend des achtj&#228;hrigen Krieges gegen den Irak an vorderster Front k&#228;mpften, diejenigen, die sich um die Niederschlagung oppositioneller Gruppen k&#252;mmerten – mit einem Wort, sie waren diejenigen, die die Drecksarbeit verrichteten, w&#228;hrend die &#228;lteren Herren die Fr&#252;chte ernteten.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Radikalislamisten waren von der Korruption und Bereicherung ihrer geistigen F&#252;hrung entt&#228;uscht und sahen einen Verrat an den ideologischen und sozialen Wurzeln der Islamischen Republik. Durch den Sieg der Reformisten Ende der 90er Jahre gewannen die islamistischen <em>Basidji</em>-Milizen und Revolutionsw&#228;chter im Lager der Konservativen wieder an Gewicht. Sie wurden wieder vermehrt zur Niederschlagung der Opposition sowie zur Mobilisierung der islamistischen Basis eingesetzt, welche durch die Sozialwerke der Islamischen Stiftungen an der Stange gehalten wurden.<br />
Am 27. Februar 2004 schafften es die Konservativen wieder die Kontrolle &#252;ber das Parlament zu &#252;bernehmen und im letzten Jahr gewann Mahmud Ahmadinedschad, ein Vertreter der Radikalislamisten im Iran, die Pr&#228;sidentschaftswahl. Damit hat die Reform&#228;ra von oben ein nicht unerwartetes Ende genommen. Dem Wahlgang war ein langer Prozess politischer Machtk&#228;mpfe zwischen den islamischen Fraktionen sowie Repressionswellen gegen Oppositionelle und reformfreundliche Zeitungen vorangegangen. Bei den Parlamentswahlen 2004 als auch bei den Pr&#228;sidentenwahlen 2005 wurden tausende von Bewerbern und sogar 87 bereits gew&#228;hlte Parlamentsmitglieder durch den W&#228;chterrat von den Wahlen ausgeschlossen, was den Konservativen von vornherein die Staatsmacht sicherte. Aus diesem Grund boykottierten viele IranerInnen die Wahlen.<br />
Die Pr&#228;sidentenwahl von 2005, wo sich Ahmadinedschad gegen den ehemaligen Pr&#228;sidenten Rafsanjani durchsetzte, zeigte aber auch die Konflikte in der Machtelite der Islamischen Republik. Ahmadinedschad gab sich als K&#228;mpfer gegen Korruption und Vetternwirtschaft.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Seine Sozialdemagogie sprach das Bed&#252;rfnis der benachteiligten IranerInnen nach Sicherung ihrer materiellen Existenz erfolgreich an. Er wurde nicht wegen seiner religi&#246;sen Rhetorik sondern in erster Linie wegen seiner sozialen Versprechen von den Armen gew&#228;hlt. Dies zeigt das Scheitern der Reformer auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit. Es gab unter den f&#252;hrenden Reformkr&#228;ften kaum jemanden, der eine Alternative zum konservativen Sozialislamismus Ahmadinedschads darstellen konnte. Die Wahl Ahmadinedschads war eine Protestwahl mancher Sektionen der Unterschichten gegen die neoliberale reformistische F&#252;hrung.<br />
Die neue iranische Regierung wird ihre sozialen Versprechungen f&#252;r die &#196;rmsten nicht in die Tat umzusetzen. Noch dazu fehlt ihr die Unterst&#252;tzung der Mehrheit der IranerInnen und, was nicht minder wichtig ist, die Unterst&#252;tzung eines erheblichen Teils des konservativen Lagers. Deshalb trat sie die Flucht nach vorne an: Konflikte auf die Spitze treiben, (au&#223;enpolitische) Krisen erzeugen, die Armen mit populistischen Parolen mobilisieren, die Gegner denunzieren und Feindbilder aufstellen. Mit dieser Methode gelang es ihr, zumindest ein geringes Ma&#223; an Unterst&#252;tzung zu sichern.</p>
<h3>Aktuelle Bewegungen: Arbeitsk&#228;mpfe</h3>
<p>Die AktivistInnen der Reformbewegung waren vom Scheitern der reformistischen F&#252;hrung desillusioniert und wandten sich von ihr ab. Doch das Versagen der Reformbewegung von oben zeigte den ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen und Jugendlichen die Grenzen und Widerspr&#252;che der Islamischen Republik und verursachte einen hohen Politisierungsgrad.<o></o></p>
<p>Die Islamische Republik bezog ihre Legitimation aus der Unterst&#252;tzung der <em>Mostasaffin</em>, den Armen und ArbeiterInnen. Die Verbindung zwischen dieser Basis und der islamischen Oberschicht ging wegen der wirtschaflichen Neuausrichtung in die Br&#252;che. Anfang der 90er intensivierten sich aufgrund der schlechter werdenden Lebensbedingungen die sozialen Auseinandersetzungen. 1995 kam es gegen die Verdopplung der Buspreise zu gewaltsamen Ausschreitungen in Islamshahr, einem ArbeiterInnenviertel von Teheran. Die Proteste endeten in einem Blutbad.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Aufst&#228;nde wurden zwar niedergeschlagen, aber sie markierten eine Wende im Grad der sozialen Auseinandersetzung. Die Bev&#246;lkerung, besonders die &#228;rmeren Schichten, war von nun an bereit auch zu radikaleren Mitteln zu greifen.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a><br />
In den letzten Jahren gab es speziell in der Frage nicht ausbezahlter L&#246;hne sowie der Angst vor Arbeitsplatzverlust zahlreiche Streikaktionen von ArbeiterInnen in verschiedensten Wirtschaftszweigen. Au&#223;erdem treibt die massive Inflation die Preise in die H&#246;he und verursacht zus&#228;tzliche Wut gegen die Profiteure der Islamischen Republik an den Schalthebeln der Macht. Die Abneigung der einfachen Bev&#246;lkerung gegen die Geistlichen und deren Verb&#252;ndete zeigt sich im allgemeinen Stra&#223;enbild der iranischen Gro&#223;st&#228;dte. Mullahs m&#252;ssen am Stra&#223;enrand lange ausharren, bis ein Fahrer der zahlreichen Sammeltaxis sich dazu erbarmt sie mitzunehmen. Andere Fahrg&#228;ste weigern sich oft aufgrund der tiefen Abneigung vor dieser korrupten Elite mit einem Mullah im Taxi zu fahren.<br />
Ein weiteres Kampffeld f&#252;r die iranischen ArbeiterInnen ist die Etablierung von unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Der aktuellste Kampf war der Busarbeiterstreik in Tehreran. Die Gewerkschaft der Busarbeiter wurde in den 80er Jahren verboten, aber 2004 reanimiert. Sie setzt sich f&#252;r das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung ein und k&#228;mpft f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung durch die Forderung nach Kollektivvertr&#228;gen. Daf&#252;r wurden am 22. Dezember 2005 zw&#246;lf ihrer Anf&#252;hrer verhaftet, woraufhin ein Streik der Busarbeiter zur Befreiung einsetzte. Die Auseinandersetzung zwischen den ArbeiterInnen und dem Staatsapparat intensivierte sich in den folgenden Monaten. Hunderte Busfahrer, ihre Familienmitglieder und studentische SymphatisantInnen wurden dabei verhaftet, mussten aber bald wieder freigelassen werden.<br />
Trotz der massiven Repression und der Einsch&#252;chterungen, zeigt der Arbeitskampf die Aktivit&#228;t und Entschlossenheit der iranischen ArbeiterInnen. Sie fordern den theokratischen Staat auf ihre Weise heraus, indem sie gegen die ungerechte Verteilung von Reichtum und die politische Repression k&#228;mpfen.</p>
<h3>Frauenbewegung</h3>
<p>„Frauen im Iran haben trotz ideologischer Herrschaft und struktureller Beschr&#228;nkungen, im Kontext des schiitischen Islams, ein erstaunliches Engagement, Mut und Vorstellungskraft bewiesen um f&#252;r ihre Geschlechterinteressen, Menschenrechte und Demokratie zu k&#228;mpfen.“ Die Geschlechterkonstruktion, diktiert von den patriarchalen Institutionen wie Staat, Familie, Bildungsystem, Arbeitswelt, Medien und Parlament werden von ihnen aktiv konfrontiert und in Frage gestellt.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Die ideologischen und sozialen Entwicklungen im Iran der letzten 25 Jahre produzierten widerpsr&#252;chliche Tendenzen f&#252;r Frauen in der Gesellschaft. Auf der einen Seite wurde von der Islamischen F&#252;hrung versucht, (besonders s&#228;kulare) Frauen aus den offiziellen Sph&#228;ren gesellschaftlichen Lebens auszuschlie&#223;en und auf ihre reproduktive Rolle innerhalb der Familie zu beschr&#228;nken. Frauen wurden auf dem Arbeitsmarkt und vor dem Gesetz stark benachteiligt und ihr Leben repressiven Kontrollen unterworfen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Doch gleichzeitig waren religi&#246;se Frauen der Unterschichten ein wichtiges Element im Aufbau der Islamischen Republik gewesen. Diese relgi&#246;sen Frauen waren im modernen s&#228;kularen Pahlavi-Staat aufgrund ihrer Religi&#246;sit&#228;t marginalisiert und ideologisch vom Zugang zu s&#228;kularer Bildung und Arbeit ausgeschlossen gewesen. Der Islamische Staat erm&#246;glichte ihnen nun den Zugang zu materiellen und ideologischen Ressourcen und verlieh ihnen eine beschr&#228;nkte Macht. Paradoxerweise gab die patriarchale Ordnung religi&#246;sen Frauen aus traditionellen Familien zum ersten Mal die M&#246;glichkeit, ihre famili&#228;ren Zw&#228;nge zu verlassen und in Politik und Gesellschaft aktiv zu werden. Diese neu erworbene aktive Pr&#228;senz in der Gesellschaft gab religi&#246;sen Frauen ein noch nicht dagewesenes Selbstbewusstsein. Die wachsende Berufst&#228;tigkeit und der sozialpolitische Aktivismus von Frauen f&#252;hrte dazu, dass ihr Bewusstsein f&#252;r frauenspezifische Interessen stieg und sie die Schranken der staatlichen Geschlechterideologie in Frage stellten.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a></p>
<p>S&#228;kulare und islamische Frauen hatten in der iranischen Revolution und beim Sturz des Shah eine wichtige Rolle gespielt. Doch in den 80er Jahren gab es einen Bruch zwischen der islamischen und der s&#228;kularen Frauenbewegung &#252;ber die Frage der Gr&#252;ndung der Islamischen Republik. S&#228;kulare Frauenorganisationen wurden im Zuge der Islamisierung aus den Institutionen verdr&#228;ngt und durch staatliche islamische Frauenorganisationen ersetzt. Tats&#228;chlich folgte die Mehrheit der Iranerinnen den islamischen Feministinnen. Doch bereits in den 80er Jahren wandelte sich das Verh&#228;ltnis vieler islamischer Feministinnen zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen und dem Islamischen Staat, den sie unterst&#252;tzt hatten. Auf der Seite s&#228;kularer Feministinnen erkannten einige, dass Frauenunterdr&#252;ckung nicht allein auf die islamische Ideologie reduziert werden kann. Themen wie Scheidung, das Sorgerecht f&#252;r Kinder und andere Familiengesetze betreffen die &#246;konomische und soziale Rolle aller Frauen genauso wie Armut, Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit. In den 90er Jahren entwickelten sich daher aufgrund des steigenden &#246;konomischen Drucks gemeinsame Aktivit&#228;ten religi&#246;ser und s&#228;kularer berufst&#228;tiger Frauen und sie legten ihre Meinungsunterschiede, zum Beispiel &#252;ber das Tragen des Hejab (das islamische Kopftuch), beiseite. In Frauenzeitschriften durch Journalistinnen, im Parlament durch weibliche Abgeordnete oder Juristinnen wurde f&#252;r die Verbesserung der Situation iranischer Frauen in der Gesellschaft gek&#228;mpft.<br />
W&#228;hrend der Pr&#228;sidentenwahlen kandidierten 89 Frauen, um gegen die Verfassung zu protestieren, welche Frauen verbietet Pr&#228;sidentin zu werden. Im Zuge dessen gab es mehrere Demonstrationen und Sit-Ins von Demokratie- und FrauenaktivistInnen gegen diese Diskriminierung. Am 9. Juni 2005 st&#252;rmten mehrere hundert junge Frauen das Azadi-Fu&#223;ballstadion und widersetzten sich somit dem Verbot f&#252;r Frauen Fu&#223;ballspiele besuchen zu d&#252;rfen. Gleichzeitig praktizieren insbesonders Frauen in den St&#228;dten die Strategie des zivilen Ungehorsams gegen die islamischen Kleidervorschriften. Die Kopft&#252;cher r&#252;cken immer weiter nach hinten und die Gew&#228;nder werden enger. Die iranische Frauenbewegung hat trotz einer harten repressiven Politik immer wieder mit Ausdauer, Kreativit&#228;t und Radikalit&#228;t die Regeln der Islamischen Republik konfrontiert um ihrem Recht nach Gleichberechtigung und Freiheit Nachdruck zu verleihen.<br />
Die Frauenbewegung war und ist ein entscheidender Teil der Demokratiebewegung auf der Stra&#223;e. Frauen waren auch die entscheidende Stimme in der Wahl des reformfreundlichen Pr&#228;sidenten Khatami. Es konnten in den 90er Jahren tats&#228;chlich begrenzte Reformen im Familien-, Scheidungs- und Arbeitsrecht f&#252;r Frauen erk&#228;mpft werden. Dies war durch das selbstbewusste Engagement zahlreicher Frauenaktivistinnen am Arbeitsplatz, Universit&#228;t, in der Politik und Justiz erm&#246;glicht worden.</p>
<h3>StudentInnenproteste</h3>
<p>In der Islamischen Republik gab es in den 90er Jahren eine breite Bildungsoffensive. Im ganzen Land wurden Universit&#228;ten und Schulen gebaut um dem Versprechen nach „unentgeltlicher Ausbildung f&#252;r das Volk“ nachzukommen.<br />
Damit wurde eine Dynamik freigesetzt, die dem Regime gef&#228;hrlich geworden ist. „Die Erziehungspolitik der Republik ist verantwortlich daf&#252;r, dass die Kinder der Revolution hervorragend ausgebildet und politisiert wurden und sie, weil sie schon mit 16 Jahren das Wahlrecht erhalten, die Ersten waren, die ihrer Unzufriedenheit mit dem Regime Ausdruck verliehen.“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die h&#246;here Bildung f&#252;r einen gro&#223;en Teil der Bev&#246;lkerung erh&#246;ht auch die Erwartungen der (jungen) IranerInnen auf Gleichberechtigung vor dem Gesetz, gleicher politischer Partizipation, Recht auf Gesundheit, Bildung, Arbeit und das Frauenrecht, selbst entscheiden zu k&#246;nnen, den islamischen <em>Hejab</em> zu tragen oder nicht. Da diese Widerspr&#252;che in der Islamischen Republik nicht gel&#246;st werden k&#246;nnen, w&#228;chst die Unzufriedenheit der Jugend immer weiter.<br />
Die StudentInnenbewegung ist von Anfang an ein Herzst&#252;ck der Reform- und Demokratiebewegung gewesen. Die gelockerte Pressezensur Ende der 90er Jahre gab den Studiernden die M&#246;glichkeit, Ideen auszutauschen und eigene politische Zeitschriften zu publizieren. Die gr&#246;&#223;ten politischen Unruhen seit der iranischen Revolution fanden im Juli 1999 unter diesen Umst&#228;nden statt. Die Proteste richteten sich gegen die Schlie&#223;ung der reformistischen Zeitung „Salam“. In Reaktion darauf &#252;berfielen in der Nacht zum 9. Juli bewaffnete paramilit&#228;rische Einheiten die Studierendenschlafs&#228;le der Universit&#228;t Teheran. Dabei kam mindestens ein Student ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Im Verlauf der n&#228;chsten Tage fanden im ganzen Land Demonstrationen und Unruhen sowie zahlreiche Verhaftungen statt. Der 9. Juli gilt seitdem als wichtiger Bezugspunkt f&#252;r die StudentInnenbewegung und der Jahrestag wird mit Protesten gefeiert.<br />
2003 enz&#252;ndete das Vorhaben des Regimes, die StudentInnenwohnheime sowie andere universit&#228;re Dienstleistungen zu privatisieren und die Studiengeb&#252;hren zu erh&#246;hen, eine neuerliche Protestwelle. Die Studierenden lieferten sich &#252;ber zehn Tage lang n&#228;chtliche Stra&#223;enschlachten mit den Basidjis. Die Proteste politisierten sich sehr schnell und fordertem die Herrschenden insgesamt heraus. Die StudentInnenunruhen fanden in der Bev&#246;lkerung eine breite Zustimmung. In den Armenvierteln brachen selbst Unruhen aus und w&#228;hrend dieser zehn Tage ert&#246;nten Tausende von Autohupen in den Stra&#223;en Teherans und anderer gro&#223;er St&#228;dte um Solidarit&#228;t mit den Protestierenden zu zeigen. Die Aufst&#228;nde konnte zwar niedergeschlagen werden, markierten aber aufgrund der direkten Kritik gegen die herrschende Geistlichkeit eine neue Qualit&#228;t politischer Auseinandersetzungen.</p>
<h3>Perspektiven der iranischen Bewegungen</h3>
<p>Der Kampf um Demokratie und Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil der iranischen Gesellschaft. In den letzten Jahren haben wichtige Auseinandersetzungen stattgefunden. Wenn sie auch nicht gewonnen werden konnten, zeichnet sich das Bild einer dynamischen k&#228;mpferischen und weitverzweigten Demokratiebewegung ab, welche den undemokratischen Islamischen Staat und dessen Institutionen konfrontiert.<br />
Widerstand gegen das repressive Regime findet auch im Alltagsleben vieler IranerInnen seinen Ausdruck. Durch vielf&#228;ltige Strategien – das Brechen von konservativen Geschlechterrollen, aktive Nicht-Kooperation mit dem Islamischen Staat und dessen Vertretern, die Nutzung von nicht-staatlichen illegalen Medien (Satellitenfernsehen, Internet<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a>) – wird die ideologische Legitimit&#228;t der Islamischen Republik unterh&#246;hlt.<br />
Doch die aktuelle au&#223;enpolitische Lage stellt die iranische Demokratiebewegung vor ein gro&#223;es Problem. Die Attacken des Westen wegen der Urananreicherung Irans st&#228;rken die Position des Regimes. Die Mehrheit der IranerInnen unterst&#252;tzt trotz aller Kritik an der eigenen F&#252;hrung ihr Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie. Schlie&#223;lich hat der Iran eine lange Geschichte im Kampf f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit und Selbstbestimmung und diese ist im Bewusstsein der IranerInnen noch immer tief verwurzelt. Ahmadinedschad nutzt aber den „Feind von au&#223;en“ um den Nationalismus aufzupeitschen und die repressiven Apparate noch weiter zu st&#228;rken. Die iranischen Bewegungen stehen im Kreuzfeuer. Solange diese Situation anh&#228;lt existiert die M&#246;glichkeit, dass sich das Regime, welches nach wie vor unter Druck einer schwindenden Basis steht und sich gewisse Ma&#223;nahmen nicht mehr leisten kann, wieder festigt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kampf der internationalen Antikriegsbewegung gegen die Offensive der USA und EU gegen den Iran eine wichtige Voraussetzung um der iranischen Opposition den R&#252;cken frei zu halten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> 1953 putschte Mohammad Reza Schah Pahlavi mit Hilfe von Teilen des Milit&#228;rs und der CIA gegen die demokratisch gew&#228;hlte Regierung des Nationalisten Mohammad Mossadegh. Siehe dazu: Stephen Kinzer, All the Shah’s Men. An American Coup and the Roots of Middle East Terror, New Jersey 2003.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Maryam Poya, Women, Work &amp; Islamism. Ideology and Resistance in Iran, London 1999, p48.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Siehe zur Geschichte der Shoras: Maryam Poya, Iran 1979 – Lang lebe die Revolution! Lang lebe der Islam? http://www.linksruck.de/zeitung/archiv/geschich/mp_i1979.htm#kap3<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe dazu: Maziar Behrooz, Rebels with a Cause. The failure of the left in Iran, London 1999.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Rasoul Fadil, Irak-Iran: Ursachen und Dimensionen eines Konflikts, Wien 1987, p113.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini (1900-1989) war Geistliches Oberhaupt und Revolutionsf&#252;hrer der Islamischen Republik von 1979 bis zu seinem Tod 1989.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005, p84.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Rafsanjani ist einer der m&#228;chtigsten und reichsten Geistlichen des Iran. Er galt schon zu Khomeinis Zeiten als seine Rechte Hand und besetzte w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft die Schalthebel der Macht mit ihm getreuen Technokraten. Der Rafsanjani-Clan geh&#246;rt zu den reichsten Familien des Iran mit weitverzweigten wirtschaftlichen Aktivit&#228;ten.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p95, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Es leben heute gesch&#228;tzte 12 Millionen IranerInnen unter der Armutsgrenze. Ca. 80% des nationalen Verm&#246;gens liegt in den H&#228;nden der religi&#246;sen und politischen Elite. Diese Eliten waren aber weiterhin, wegen des Drucks von unten gezwungen, begrenzte materielle Zugest&#228;ndnisse in Form von Sozialleistungen zu machen.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Gro&#223;ayatollah Montazeri, einst der zweite Mann in der Islamischen Republik nach Khomeini und dessen potentieller Nachfolger, ist ein leuchtendes Beispiel daf&#252;r. 1988 begann er die Massenhinrichtungen von Oppositionellen offen zu kritisieren und wurde daraufhin aus der Macht ausgeschlossen und bis zum Jahr 2003 unter Hausarrest gestellt. Heute geh&#246;rt er zu den sch&#228;rfsten Kritikern der Islamischen Republik und genie&#223;t ein hohes Ansehen in der Bev&#246;lkerung.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>Velayath-e faghih</em>) ist ein Grundelement der Islamischen Republik und garantiert die politische Macht des Klerus.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Mohammed Khatami (1943 geboren) war der f&#252;nfte Staatspr&#228;sident des Irans. 1981 wurde er Minister f&#252;r islamische Kultur, galt aber bereits als gem&#228;&#223;igt. 1992 trat er wegen Differenzen mit der konservativen F&#252;hrung von diesem Posten zur&#252;ck.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Bei den Privatisierungen spielten die halbstaatlichen <em>Bonjads</em>&lt; (Islamischen Stiftungen) eine aktive Rolle. Sie sind nach dem Staat die m&#228;chtigsten Wirtschaftseinheiten im Iran. Urspr&#252;nglich mit der Aufgabe betraut den &#228;rmsten Schichten soziale Dienste bereitzustellen, entwickelten sie sich in den 90er Jahren zu kapitalistischen Konzernen. Die <em>Bonjads besitzen gro&#223;e industrielle Unternehmungen, sind im Geldgesch&#228;ft und im Schwarzmarkt t&#228;tig.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Ayatollah Seyyed Ali Khamenei (geboren 1939) war, nachdem er von 1981 bis 1989 Staatspr&#228;sident des Iran war, der Nachfolger von Khomeini als Geistliches Oberhaupt. Seine Ernennung zum Ayatollah (hoher schiitischer geistlicher Rang) war mit seinem Staatsamt verbunden und von vielen schiitischen Geistlichen nur widerwillig angenommen worden.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Stattdessen wurde die Pressezensur wieder gestrafft und die Gef&#228;ngnisse f&#252;llten sich mit politischen H&#228;ftlingen.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Bahman Nirumand, Iran &#8211; Die drohende Katastrophe, p108.<o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Dies war somit auch ein direkter Angriff auf seinen Kontrahenten Rafsanjani, der bekanntlich zu den reichsten und korruptesten Lenkern der Islamischen Republik z&#228;hlt und ein Symbol f&#252;r die iranische Obrigkeit ist.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> http://www.wildcat-www.de/wildcat/wc_krieg_2003/wk3irana.htm <o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p214f, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Maryam Poya, Women and Work in Iran, http://www.stateofnature.org/womenAndWork.html.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Dies &#228;nderte sich aufgrund der &#246;konomischen Entwicklung, die die (unter- oder unbezahlte) Frauenarbeit im &#246;ffentlichen Sektor erforderte und w&#228;hrend des Iran-Irak Kriegs Frauen an der Heimatfront eine wichtige mobilisierende und soziale Rolle spielten.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Maryam Poya, Women, Work and Islamism. Ideology and Resistance in Iran, pp135-138.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Aufgrund der anhaltenden Repression und fehlenden M&#246;glichkeit Meinungen frei auszutauschen, hat in den letzten Jahren das Internet als Meinungsplattform insbesonders f&#252;r junge IranerInnen eine wachsende Bedeutung erhalten. Siehe dazu: Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005. Vgl. Rezensionsteil dieser Ausgabe.<o></o></em></p>
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		<title>Aufruhr im Netz</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 02:30:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Nasrin Alavi: Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene. K&#246;ln: Kiepenheuer &#38; Wirtsch 2005.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Nasrin Alavi: Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs &#8211; die junge persische Weblog-Szene. K&#246;ln: Kiepenheuer &amp; Wirtsch 2005.<br />
<span id="more-93"></span><br />
Der Iran ist in der internationalen Medienlandschaft ein viel behandeltes Land. Der Atomkonflikt, Attacken gegen Israel, diktatorische Mullahs und Bilder von schwarz umh&#252;llten Frauen pr&#228;gen das Iranbild vieler Menschen im Westen. Nasrin Alavi zeigt in ihrem Buch &#252;ber die iranische Weblogszene einen anderen Iran.<br />
Das Internet hat sich aufgrund einer repressiven Pressezensur in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Medien f&#252;r freie Meinungs&#228;u&#223;erung und Protest gegen die Mullah-Diktatur entwickelt. Es gibt ca. 64.000 iranische Weglogs. Farsi (die offizielle iranische Landessprache) ist somit die vierth&#228;ufigste Sprache, in der Internettageb&#252;cher geschrieben werden. Die meist jungen Web-AutorInnen sprechen „mit viel Witz, Poesie und Zorn &#252;ber ihre Konflikte mit dem Gesetz, die Situation der Frauen, diskutieren &#252;ber Repression und Widerstand, Religion und Medien, &#252;ber Musik und Partys, erz&#228;hlen von der Liebe und der Trauer &#252;ber verschwundene [politische] Helden.“<br />
Durch viele Zitate aus Weblogs zeichnet Alavi ein dynamisches Bild der iranischen Gesellschaft im Wandel. Im Zentrum stehen dabei die W&#252;nsche, Hoffnungen und &#196;ngste junger IranerInnen die im allt&#228;glichen Widerspruch zur offiziellen politischen und ideologischen Realit&#228;t der Islamischen Republik leben. Die Br&#252;chigkeit der Herrschaft der Mullahs kommt in diesem Spannungsfeld zum Vorschein. Oppositionelle Geistliche, JournalistInnen, politische AktivistInnen formulieren durch ihre Weblogs Kritik am Regime. Viele von ihnen werden in Alavis Buch vorgestellt und ihre Kommentare sowie Huldigungen an ber&#252;hmte Oppositionelle abgedruckt.</p>
<p>Die Tradition des Widerstandes ist ein wichtiger Bestandteil der Diskussionen in den Weblogs und eine Anleitung f&#252;r den Widerstand heute. So ist z.B. die Rolle der USA in der Unterdr&#252;ckung der iranischen Bev&#246;lkerung noch lange nicht vergessen, ebenso wie die Erfahrungen fr&#252;herer demokratischer Bewegungen und K&#228;mpfe, die Menschen immer noch inspirieren. Zum Todestag des demokratisch gew&#228;hlten Nationalisten Mohammad Mossadegh, der durch einen Putsch des Shahs und der CIA gest&#252;rzt wurde, erschienen zum Beispiel Weblogs, die an ihn erinnern:</p>
<p>5. M&#228;rz 2003<br />
Heute ist der Todestag des einflussreichsten demokratischen Staatsoberhaupts der iranischen neueren Geschichte… Heute behauptet Amerika, es wolle dem gesamten Planeten die Demokratie bringen. Die &#196;ra Mossadegh beweist, dass solche Behauptungen nur eine einzige gro&#223;e L&#252;ge sind. In ehrenvollem Andenken an Dr. Mossadegh, einen Mann, der sein Volk nie verriet…</p>
<p>http://www.shabah.org</p>
<p>Ebenso ist die Erinnerung an die ungerechte Herrschaft des Shahs vor der Revolution 1979 als auch an die Revolution selbst nicht verblasst:</p>
<p>15. Februar 2004<br />
Die islamische Herrschaft hat so viel Elend &#252;ber uns gebracht, dass die F&#252;rsprecher der Monarchie unsere gegenw&#228;rtige schlimme Lage schon als Argument heranziehen, wenn sie die Schahzeit als eine &#196;ra der Zivilisation bezeichnen… Doch das Ged&#228;chtnis unseres Volkes ist nicht so schlecht, dass es jenen Sumpf vergessen h&#228;tte oder auch die Tatsache, dass die Islamische Revolution aus jenem Sumpf heraus erwachsen ist.<br />
In unserem Land sind alle Arten repressiver Herrschaft ausprobiert worden&#8230; Doch diesmal wollen alle vorrangig Demokratie und Freiheit. Die Iranische Revolution lebt, sie ist ewig und geht immer weiter&#8230; Lang lebe die Iranische Revolution!</p>
<p>http://siprisk.blogspot.com</p>
<p>Dass die IranerInnen nicht sehns&#252;chtig auf die US-Panzer in Teherans Stra&#223;en warten um die Diktatur zu st&#252;rzen, zeigt sich in der abneigenden Haltung vieler Blogger gegen&#252;ber der aggressiven Politik der USA im Atomstreit:</p>
<p>1. Februar 2005<br />
Ich hasse Krieg. Ich hasse die Soldaten, die uns befreien sollen und unseren Boden, unser Heim, Jung und Alt unter ihren Stiefeln zertrampeln. Glaubt mir, ich liebe die Freiheit. Aber ich glaube, dass man sich selbst befreien muss. Niemand sonst kann das tun.</p>
<p>http://shargi.blogspot.com</p>
<p>W&#228;hrend der StudentInnenunruhen spielte die Kommunikation &#252;ber das Internet eine wichtige Rolle. Informationen und Erlebnisse konnten auf diesem Weg schnell und relativ ungef&#228;hrlich ausgetauscht werden. Dies ist ein Erlebnisbericht eines Webloggers &#252;ber die StudentInnenunruhen im Juni 2003:</p>
<p>13. Juni 2003<br />
Viele Leute, viele „B&#228;rte“ [Slang Ausdruck f&#252;r die Basiji Milizen], viele Motorr&#228;der…<br />
Und wo war ich? 17. Stra&#223;e, Amir Abad, vor den Wohnheimen der Jungs!<br />
W&#228;hrend der Revolution war bestimmt alles viel einfacher. Wenigstens konnte man einem Soldaten eine Blume in den Gewehrlauf stecken. Aber wie um alles in der Welt soll man eine Blume an einem elektrischen Schlagstock befestigen? Drei&#223;ig Minuten sp&#228;ter… Kurdistan Allee! Stellt euch eine Rotte Neandertaler vor, die euch jagen wie eine Herde Esel mit Chilischoten im Arsch!<br />
Drei&#223;ig Minuten sp&#228;ter, Amir Abad Highway! Tausende feiern eine Party und hupen!<br />
Zwei Uhr nachts: Kurdistan Allee… Stellt euch 40 oder 50 „B&#228;rte“ auf Motorr&#228;dern vor. Jetzt sind auch die speziellen Sicherheitstruppen im Einsatz. Das merkt man an ihrem ranzigen Gestank, der die Luft verpestet!<br />
Stellt euch folgendes vor: Die Basiji schlagen Leute zu Brei… Stellt euch vor: den Kn&#252;ppel mit dem der Basiji auf die Leute einschl&#228;gt… Stellt euch vor: Ein Polizeibeamter haut einem Basiji eine runter und wird von ihm verflucht… Stellt euch vor: Eine Gro&#223;mutter sucht nach ihrem Enkel, der von ihr getrennt wurde… Stellt euch vor: Die Basiji skandieren: „Oberster F&#252;hrer, wir sind bereit, wir sind bereit!“… Stellt euch vor: Ein Junge und ein M&#228;dchen lernen sich besser kennen… Den Gestank von Tr&#228;nengas…. abgeh&#246;rte Handys&#8230;<br />
Stellt euch vor, wie die Tore der Universit&#228;t von der Menge eingerissen werden, und wie die Basiji fluchen&#8230;</p>
<p>Nasrin Alavis Buch tr&#228;gt dazu bei, die komplexen Vorg&#228;nge im Iran besser zu verstehen. Sie behandelt Ausschnitte der iranischen Gesellschaft, Geschichte und Politik und f&#252;gt zu diesen Themen Berichte und Kommentare aus der Bloggerszene hinzu. Dadurch werden Diskussionen und Standpunkte der IranerInnen aus erster Hand erfahrbar.<br />
Eine Kritik, die trotz der gro&#223;teils interessanten Lekt&#252;re nicht fehlen darf: Die in der Bloggerszene vertretenen Meinungen d&#252;rfen nicht 1:1 auf die gesamte Gesellschaft &#252;bertragen werden. Schlie&#223;lich hat nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht Zugang zum Internet als Kommunikationsplattform. Der Gro&#223;teil der iranischen Armen und ArbeiterInnen kann in dem Sinn nicht gleichwertig zu Wort kommen. Im Internet haben die verschiedensten Meinungen Platz und so muss dieses Medium sowie auch die Inhalte der im Buch geschilderten Weblogs nat&#252;rlich mit Vorsicht genossen werden. Gerade deshalb ist dieses Buch ein Zeugnis f&#252;r die Vielfalt der im Iran pr&#228;senten Meinungen und Ideen und bricht ein statisches und konservatives Iran-Image auf, w&#228;hrend gleichzeitig eine gnadenlose Abrechnung mit dem Iranischen Regime gemacht wird.</p>
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