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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Iran</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<title>Risse in der islamischen Republik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 18:49:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.<br />
<span id="more-658"></span><br />
Im Iran finden derzeit die gr&#246;&#223;ten Massenproteste seit der Iranischen Revolution von 1979 statt. Gegen den mutma&#223;lichen Wahlbetrug bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Juni 2009 str&#246;mten allein in Teheran &#252;ber eine Million DemonstrantInnen auf die Stra&#223;en, um sich gegen die „Ernennung“ Mahmud Ahmadinejads zur Wehr zu setzen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die protestierenden Massen bewiesen hierbei nicht zum ersten Mal in der Geschichte Irans eine ungeheure Ausdauer und Widerstandsf&#228;higkeit. Nach der Wahl vom 12. Juni gab es zwei Wochen lang t&#228;gliche Demonstrationen und Proteste. Erst nach harten repressiven Ma&#223;nahmen durch Polizei und regierungsnahe Milizen mit dutzenden Toten und tausenden Festgenommenen ebbten die Proteste langsam ab. Trotzdem hat sich die Lage alles andere als beruhigt, beweist die Bewegung ihre Hartn&#228;ckigkeit doch bis zum heutigen Tag durch regelm&#228;&#223;ige Massenmobilisierungen.<br />
Als Galionsfigur der nun als „Gr&#252;ne Bewegung“ bekannt gewordenen Opposition gilt Ahmadinejads wichtigster Herausforderer bei der Wahl, der Reformpolitiker Mir Hossein Mussawi, der in den 1980er Jahren selbst Premierminister des Iran war. Der Umstand, dass ein „Mann des Regimes“, tief verwurzelt in der Geschichte und dem Herrschaftssystem der Islamischen Republik (IR), diese pl&#246;tzlich herausfordert, erscheint auf den ersten Blick &#252;berraschend. Schlie&#223;lich wurde und wird die IR von linken wie konservativen KommentatorInnen oft als ein monolithisches Regime betrachtet, in der einige fanatisch-religi&#246;s und r&#252;ckw&#228;rtsgewandte Mullahs die Herrschaft an sich gerissen h&#228;tten. Widerspr&#252;che haben in diesem Narrativ kaum Platz.<br />
Im Folgenden werden demgegen&#252;ber die politischen und sozialen Konflikte und Widerspr&#252;che diskutiert, welche die IR seit der iranischen Revolution von 1979 gepr&#228;gt haben und auch Form und Inhalt der aktuellen Proteste ma&#223;geblich beeinflussen.</p>
<p><strong>Die Entwicklungen im Sommer 2009</strong><br />
Die Wahl im Sommer war zwar der Anlass, nicht jedoch der einzige Grund f&#252;r die massiven Proteste im Anschluss. Das Vertrauen in Wahlen ist im Iran nicht besonders gro&#223;, vor allem da KandidatInnen im voraus vom W&#228;chterrat, einem Kontrollorgan der IR, auf ihre „Integrit&#228;t“ bzw. Loyalit&#228;t bewertet und entsprechend selektiert werden. Im Zuge dieses Vorgangs wird der Gro&#223;teil der BewerberInnen ausgeschlossen. Schon dieser Umstand spricht daf&#252;r, dass auch ReformkandidatInnen zu Irans politischer Elite geh&#246;ren m&#252;ssen, um &#252;berhaupt zu den Wahlen zugelassen zu werden.<br />
Nachdem die Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren stetig gesunken war, hatte die Regierung dieses Mal gro&#223;es Interesse an einer regen Beteiligung: sowohl f&#252;r die anstehenden internationalen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm als auch im Sinne Ahmadinejads populistischen Images war zumindest der Anschein breiter gesellschaftlicher Zustimmung von gro&#223;er Bedeutung. So wurden die Zensur und politische Repression gelockert und &#246;ffentliche Debatten zugelassen. Erstmals wurden Fernsehduelle zwischen den Kandidaten ausgestrahlt, bei denen insbesondere das Duell zwischen den zwei Spitzenkandidaten Ahmadinejad und Moussawi f&#252;r Aufsehen sorgte. Die hitzig gef&#252;hrte Debatte f&#252;hrte der Bev&#246;lkerung den schwelenden Konflikt innerhalb des Systems vor Augen und verlieh der Wahlentscheidung eine besondere Bedeutung. Nicht intendiert und noch weniger vorausgesehen war jedoch, dass die Menschen den kleinen Freiraum nutzten, um aktiv an den Debatten teilzunehmen und bereits w&#228;hrend des Wahlkampfs ihren Protest gegen die sozialen und politischen Missst&#228;nde zu artikulieren. Hunderttausende wurden im Wahlkampf aktiv und beteiligten sich an den Kampagnen der vier Kandidaten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ein sichtbares Zeichen der gesellschaftlichen Dynamik war die starke Beteiligung vieler junger Frauen insbesondere in der Kampagne Moussawis. Die aktive Unterst&#252;tzung seiner Frau Zahra Rahnavard, welche gemeinsam mit Moussawi auftrat und sich vor allem f&#252;r Frauenrechte aussprach, hatte diesbez&#252;glich symbolische Bedeutung. Moussawi pl&#228;dierte ebenfalls f&#252;r eine Ausweitung von Frauenrechten sowie f&#252;r die Abschaffung der ungeliebten Institution der Sittenw&#228;chter.<br />
Ahmadinejad und das konservative F&#252;hrungslager sah sich durch offene Kritik immer weiter in die Enge gedr&#228;ngt, und das in einem Wahlkampf, der eigentlich ein leichtes Spiel h&#228;tte werden sollen. Zwar hatte Ahmadinejad sein Ziel einer hohen Wahlbeteiligung erreicht – 80% der Wahlberechtigten gingen zu den Urnen –, doch ob das Ergebnis tats&#228;chlich zu seinen Gunsten ausfiel, blieb insbesondere f&#252;r die gesellschaftlich aktiv gewordenen Teile der Bev&#246;lkerung unklar.<br />
Im Hinblick auf die Massenproteste, die sich als Reaktion auf das Wahlergebnis entwickelten, ist es freilich falsch, von <em>einer </em>Bewegung oder <em>der </em>Gr&#252;nen Bewegung zu sprechen. Die Proteste waren und sind mehr als alles andere durch ihre Heterogenit&#228;t gekennzeichnet, beteiligten sich doch Menschen unterschiedlichster sozialer und politischer Herkunft: ReformerInnen, die loyal zur IR stehen, Anh&#228;ngerInnen Moussawis und Karroubis, S&#228;kulare, NationalistInnen usw. Verdeutlicht wird die Vielfalt der Bewegung durch ihre diversen Protestmethoden, Slogans und Forderungen. Viele der spontan auf die Stra&#223;en str&#246;menden Menschen verwendeten die Farbe Gr&#252;n als Zeichen ihrer Zugeh&#246;rigkeit zu Moussawi und gruppierten sich um die Losung „Wo ist meine Stimme?“. Andere forderten ein „Nieder mit der Diktatur“, ein in Irans Geschichte grunds&#228;tzlich beliebter und von oppositionellen Bewegungen traditionell h&#228;ufig verwendeter Slogan. Immer lauter wurden Stimmen gegen die „Coup d‘état-Regierung“ sowie die Forderung nach deren R&#252;cktritt. Vielleicht am besten charakterisiert der Spruch „F&#252;rchtet euch nicht, wir sind alle zusammen“ die Stimmung dieser Bewegung, welche sich zunehmend auch direkt gegen die Staatsmacht richtete. Eine weitere Protestform, welche aus dem Erfahrungsschatz der Iranischen Revolution selbst entnommen wurde, waren n&#228;chtliche <em>Allahu Akbar</em>-Rufe („Gott ist Gro&#223;“) von den D&#228;chern.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Entgegen Ahmadinejads Darstellung war die breite Bewegung jedoch relativ unabh&#228;ngig von der Reformerf&#252;hrung entstanden. Sie folgte keinem Plan Moussavis oder Karroubis, nach der Wahl in jedem Fall zu demonstrieren.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Vielmehr ist es eines der zentralen Charakteristika und zugleich eine Schw&#228;che der Bewegung, dass sie &#252;ber keine klaren Organisationsstrukturen verf&#252;gt. Die Mobilisierungen basieren meist auf dezentralen Netzwerken in Nachbarschaften, unter Freundinnen und Freunden, und auf neuen Kommunikationsmitteln wie Internet und Twitter. Die Bedeutung dieser Medien sollte zwar nicht &#252;berbewertet werden, l&#228;sst jedoch auch gewisse R&#252;ckschl&#252;sse auf die soziale Zusammensetzung der Proteste zu. Obwohl diese durch die Pr&#228;senz unterschiedlichster sozialer Schichten und Klassen charakterisiert waren, stellten junge Angeh&#246;rige der Mittelschichten die zentralen AkteurInnen dar.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Nicht umsonst entfalteten die Proteste in den mittelst&#228;ndisch gepr&#228;gten Vierteln, im Norden sowie im Zentrum Teherans eine besondere St&#228;rke.<br />
Anstatt auf Teile der Opposition zuzugehen, versuchte das Regime diese zu &#252;bergehen. So erkannte Revolutionsf&#252;hrer Khamenei nach nur einer Woche die Wahl an und stellte sich so klar auf Ahmadinejads Seite. Daf&#252;r geriet er selbst zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Ebenso und de facto zum ersten Mal seit der Revolution wurden auch die politische Repression und die Menschenrechtsverletzungen, mit denen das Regime versuchte, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, von einer breiten Bewegung angesprochen und verurteilt. So ist „Freiheit f&#252;r die politischen Gefangenen“ bei den Protesten mittlerweile ein h&#228;ufig skandierter Spruch und die Bilder ermordeter DemonstrantInnen sind zu Symbolen des Widerstandes und des „M&#228;rtyrertums“ f&#252;r die Freiheit geworden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Da im Zusammenhang mit den Protesten auch bisher loyale VertreterInnen der IR in Schauprozessen als Verr&#228;terInnen und „ausl&#228;ndische AgentInnen“ diffamiert wurden, regte sich selbst im konservativen Lager Kritik an Ahmadinejad sowie am Umgang mit der oppositionellen Bewegung. Diese Verwerfungen innerhalb des Regimes der IR sind insofern charakteristisch f&#252;r die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, als Risse im Herrschaftsgef&#252;ge und im Verh&#228;ltnis des Regimes zur Bev&#246;lkerung eine der wichtigsten Ursachen daf&#252;r sind, dass es &#252;berhaupt zu einer derart breiten und dynamischen Bewegung kommen konnte. So ist die starke Reaktion auf der Stra&#223;e nicht allein mit der relativen politischen &#214;ffnung w&#228;hrend des Wahlkampfes zu erkl&#228;ren, sondern muss vor dem Hintergrund einer grunds&#228;tzlichen Frustration breiter Bev&#246;lkerungsschichten &#252;ber die Politik der vergangen Jahre und eines sich immer autorit&#228;rer geb&#228;rdenden Regimes gesehen werden. In diesem Sinne repr&#228;sentieren die Proteste der letzten Monate den Widerspruch zwischen dem herrschenden System der IR und dem gesellschaftlichen Bed&#252;rfnis nach Demokratisierung, politischer Liberalisierung sowie einer L&#246;sung der &#246;konomischen und sozialen Probleme des Landes. Zugleich deuten die Entwicklungen auch auf einen tiefen und st&#228;rker werdenden Riss innerhalb des Gef&#252;ges der IR sowie zwischen den einzelnen Fraktionen an der Macht hin. Diese Konflikte und Widerspr&#252;che sind indes keineswegs neu, sondern bereits seit der iranischen Revolution vorhanden und tief in die Struktur des Staates eingeschrieben.</p>
<p><strong>Zwei grundlegende Widerspr&#252;che</strong><br />
Die iranische Revolution von 1979 war eine der gr&#246;&#223;ten Massenaufst&#228;nde des 20. Jahrhunderts und entsprechend breit war das Spektrum der involvierten sozialen Akteure, Klassen und politischen Positionen. Obwohl linke und nationalistische Gruppen vom – keineswegs einheitlichen – islamischen Lager fr&#252;h ausgeschaltet wurden, pr&#228;gten diese Gruppen, ihre Visionen und Diskurse den Charakter der IR nichtsdestotrotz entscheidend mit. Im Ergebnis lassen sich mindestens zwei grundlegende Widerspr&#252;che ausmachen, die f&#252;r die IR seit ihrer Entstehung charakteristisch sind: Erstens das Verh&#228;ltnis zwischen Autoritarismus und Republikanismus bzw. zwischen republikanisch-demokratischen und autorit&#228;r-theokratischen Strukturen. Zweitens das widerspr&#252;chliche wirtschaftliche und soziale Erbe der Iranischen Revolution, d. h. das Verh&#228;ltnis zwischen sozialen Versprechungen einerseits und kapitalistischen Verwertungsinteressen andererseits.</p>
<p><strong>Autoritarismus und Republikanismus</strong><br />
Die IR wird in den Medien und vielen Analysen als „Gottesstaat“ bezeichnet. Meist wird damit auf die autorit&#228;re und theokratische Struktur verwiesen, und tats&#228;chlich sind diese Elemente in der Verfassung, den institutionellen Strukturen sowie den konkreten Politiken des Staates zur Gen&#252;ge vorhanden. Doch abgesehen davon, dass der Begriff „Gottesstaat“ kaum analytische Sch&#228;rfe bietet und prim&#228;r polemischer Natur ist, beschreibt er den Charakter der IR nur unzureichend. Die Rede vom „Gottesstaat“ ignoriert vor allem die post-revolution&#228;ren Dynamiken nach 1979 sowie die Widerspr&#252;chlichkeiten, die insbesondere die politisch-institutionelle Struktur der IR pr&#228;gen. Historisch kann vereinfachend zwischen st&#228;rker auf das Leitbild eines republikanischen Staates fokussierten Kr&#228;ften und solchen unterschieden werden, welche sich am urspr&#252;nglichen Konzept Khomeinis orientierten und einen theokratischen Islamischen Staat mit einem Revolutionsf&#252;hrer (oder klerikalen F&#252;hrungsgremium) an der Spitze favorisierten. Im Endeffekt bildete sich eine Hybridform beider Aspekte heraus, welcher g&#228;ngige Kategorisierungen von traditionell-modern oder demokratisch-despotisch nicht gerecht werden. Exemplarisch hierf&#252;r ist die 1979 entstandene Verfassung des Irans, welche, wie schon der Name „Islamische Republik“ nahelegt, zugleich republikanisch-demokratische und autorit&#228;rtheokratische Elemente beinhaltet.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die autorit&#228;ren Elemente werden durch die Position des Revolutionsf&#252;hrers<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, der h&#246;chsten Instanz der IR mit umfassenden Befugnissen wie der Oberhoheit &#252;ber das Milit&#228;r, sowie den W&#228;chterrat repr&#228;sentiert, welcher &#252;ber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit dem Islam bestimmt. Gleichzeitig legt die Verfassung auch demokratische Rechte und Strukturen fest. Dazu z&#228;hlt ein alle vier Jahre gew&#228;hltes Parlament sowie das Pr&#228;sidentschaftsamt, die nach dem Revolutionsf&#252;hrer zweith&#246;chste offizielle Autorit&#228;t im Staat. Neben demokratischen Strukturen auf kommunaler und regionaler Ebene beinhaltet die Verfassung dar&#252;ber hinaus Menschen- und Grundrechte. Diese Institutionen und demokratischen Rechte m&#252;ssen aus dem Kontext der Revolution verstanden werden<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Neben dem Islam als Leitbanner waren schlie&#223;lich auch die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit starke Motive der Massenbewegung gewesen. Und, wahrscheinlich am wichtigsten, die Revolution war auf der Grundlage massenhafter Partizipation, aktiver Auseinandersetzungen und der Bildung von kommunalen und betrieblichen Strukturen von unten zu Stande gekommen. Dieser Geist musste auf die eine oder andere Weise seinen Effekt auf den neuen Staat und dessen Strukturen haben. Trotz der formalen Garantie all dieser Rechte durch die Verfassung durften diese nicht mit „dem Islam“ in Konflikt geraten. Zu definieren, was „der Islam“ war, oblag jedoch mehr und mehr Revolutionsf&#252;hrer und W&#228;chterrat. Zwar wurden so die autorit&#228;ren zum Nachteil der republikanischen Elemente nach und nach gest&#228;rkt, ganz verschwunden sind letztere jedoch nie. Vor allem seit dem Aufkommen der Reformbewegung bilden sie einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r Forderungen nach mehr Demokratisierung und politischem Pluralismus. Der Aufruf einer R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Idealen der Revolution, wie es Moussawi mehrfach formuliert hatte, kann auch in diesem Zusammenhang verstanden werden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>.</p>
<p><strong>Wirtschaftliche und soziale Widerspr&#252;che</strong><br />
Neben diesen im engeren Sinne politischen Ambiguit&#228;ten hinterlie&#223; die Iranische Revolution auch auf sozial- und wirtschaftspolitischer Ebene ein widerspr&#252;chliches Erbe. Teil dieses Erbes ist zum einen der auf Verwandtschaftsverh&#228;ltnissen und Gesch&#228;ftsverbindungen fu&#223;ende Bazaar-Klerus-Komplex. Die <em>bazaaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute) k&#246;nnen als traditionelle kapitalistische Klasse des Irans bezeichnet werden. In der Revolution und danach galt ihr Interesse dem Schutz von Privateigentum und freiem Markt. Im Verbund mit dem konservativen Klerus waren sie die gr&#246;&#223;ten Profiteure der neuen Herrschaftsverh&#228;ltnissen nach der Revolution.<br />
Die Revolution war jedoch zugleich Ausdruck der Hoffnung der sozial niederen Klassen und der radikalisierten StudentInnen auf tiefgreifende soziale Transformationen. So wurden in der Revolution sozialistische Ideen auf verschiedenste Weise aufgegriffen und selbst gro&#223;e Teile der IslamistInnen waren stark durch solche Ideen beeinflusst.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Auch die Rhetorik Khomeinis griff auf radikal-egalit&#228;re Interpretationen des Islam zur&#252;ck und mobilisierte die „Unterdr&#252;ckten“ (<em>mostazafin</em>; st&#228;dtische Arme) f&#252;r die Vision einer (fast) klassenlosen islamischen Gemeinschaft – nicht zuletzt auch, um die Gefahr abzuwehren, welche durch die sozialistische Linke f&#252;r seine eigene Vision entstanden war. Einige der popul&#228;ren Slogans der Revolution verdeutlichen diese sozialrevolution&#228;re Um-Interpretation des Islam: „Islam geh&#246;rt den Unterdr&#252;ckten, nicht den Unterdr&#252;ckern!“, „Islam ist f&#252;r Gleichheit und soziale Gerechtigkeit!“ oder auch „Islam repr&#228;sentiert die Slumbewohner, nicht die Palastbewohner!“. Diese Sto&#223;richtung findet sich auch in der Verfassung der IR wieder. So garantiert diese formal Pensionen f&#252;r ihre B&#252;rgerInnen, Arbeitslosunterst&#252;tzung, Invalidengeld, medizinische Versorgung und freie schulische Bildung. Dar&#252;berhinaus wurden sogar Hausbesitz, die Eliminierung von Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Abschaffung privater Wirtschaftsmonopole versprochen und das Ziel industrieller und landwirtschaftlicher Autarkie ausgerufen. Die nationale Wirtschaft wurde in einen &#246;ffentlichen und einen privaten Sektor geteilt, wobei vor allem die zentralen Schl&#252;sselindustrien fest in staatlicher Hand blieben. Neben dem staatlichen und privaten Sektor entwickelte sich auch ein halb-staatlicher Wirtschaftssektor, der vor allem durch die religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) gepr&#228;gt war. Diese sollten urspr&#252;nglich karitativen Zwecken dienen. Heute kontrollieren sie als halb-staatliche Megakonzerne gro&#223;e Teile der Wirtschaft und werden oft als m&#228;chtiger Staat im Staat bzw. als Spielwiese einiger weniger mit dem Staat eng verwobener klerikaler-Million&#228;re bezeichnet.<br />
Wenngleich in der Iranischen Revolution also eine gewisse Umverteilung propagiert und zumindest in der ersten Phase auch umgesetzt wurde, ist es wichtig zu betonen, dass dies nicht auf eine Abschaffung von Klassenverh&#228;ltnissen oder gar kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse abzielte. So wurde das Privateigentum in der Verfassung explizit gesch&#252;tzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sozialen Strukturen sollten im Gro&#223;en und Ganzen erhalten bleiben. Die Vehemenz, mit der ArbeiterInnenr&#228;te, Hausbesetzungen und „anarchische Zust&#228;nde“ in der Produktion von der eben entstandenen IR bek&#228;mpft wurden, zeugt davon, wie wenig die neue politische Elite an einem tats&#228;chlichen sozialen Wandel interessiert war.<br />
Um trotzdem die Unterst&#252;tzung insbesondere der st&#228;dtischen Armen, als dem wichtigsten Adressaten der Versprechen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zu bewahren, erhielten vielen von diesen wichtige Funktionen in der IR: gemeinsam mit ihren l&#228;ndlichen „Cousins“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> stellten sie einen gro&#223;en Teil der in den <em>sepah-e pasdaran</em> (Revolutionsgarden) und dem weitl&#228;ufigen Netzwerk der <em>basidji</em>-Milizen organisierten neuen Sicherheitsapparate. Diese gingen als Fu&#223;soldatInnen der islamischen Revolution gegen die interne Opposition (MonarchistInnen, KommunistInnen, NationalistInnen) vor und bildeten w&#228;hrend des Krieges mit dem Irak den ideologisch hoch motivierten Kern der „Revolutionsarmee“. Durch diese Institutionen wurden soziale Hilfsleistungen und Verg&#252;nstigungen, wie z. B. ein privilegierter Zugang zu Universit&#228;ten, vermittelt. Aufgrund der so etablierten klientelistischen Verbindungen entwickelten die <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>ein vitales Interesse am Erhalt der politischen Herrschaft der IR. Dass sie zu einer wichtigen St&#252;tze des neuen Systems wurden und beinahe ein Gewaltmonopol besa&#223;en, &#252;bersetzte sich in ein gewisses Gewicht der Klasse der st&#228;dtischen Armen im Staatsapparat. Dies musste notwendigerweise zu einer strukturellen Spannung mit den Kapitalfraktionen der IR, vor allem den Bazaaris, f&#252;hren, sahen diese doch in den sozialen Zugest&#228;ndnissen eher ein &#220;bergangsprogramm w&#228;hrend der Revolution denn eine langfristige Strategie.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p><strong>Nach dem Tod Khomeinis</strong><br />
Diese Widerspr&#252;che konnten unter der Herrschaft Ayatollah Khomeinis zu gro&#223;en Teilen &#252;berdeckt werden. So war die Periode von 1979 bis 1988 (dem Ende des Iran-Irak Krieges) von der Dominanz der radikal-islamischen Kr&#228;fte der Revolution und einer Schw&#228;chung marktwirtschaftlicher Elemente gepr&#228;gt. Der Staat agierte als zentraler Wirtschaftsakteur und etablierte ein relativ autarkes System, das insbesondere durch die vom Krieg auferlegten Zw&#228;nge und internationale Sanktionen erkl&#228;rt werden kann. Zugleich war dieser relativ stabile Entwicklungsweg aber auch das Resultat der Mobilisierung der radikalisierten modernen Mittelklasse, der ArbeiterInnen und <em>mostazafin</em>, die f&#252;r ihr Engagement in Revolution und Krieg gewisse Zugest&#228;ndnisse im sozialen Bereich erhielten.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Der Tod Khomeinis, die &#220;bernahme der Position des Revolutionsf&#252;hrers durch Khamenei sowie das Ende des Krieges mit dem Irak machten Ende der 1980er Jahre Ver&#228;nderungen in der Ausrichtung der IR und ihrer Strukturen notwendig. In diesen Prozessen kamen massive Fl&#252;gelk&#228;mpfe im herrschenden Lager zum Ausdruck. Khamenei besa&#223; weder das Charisma Khomeinis, noch dessen F&#252;hrungs- und Vermittlungsf&#228;higkeit. Auch verf&#252;gte er nicht &#252;ber die eigentlich n&#246;tigen religi&#246;sen Referenzen f&#252;r diese Position.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Anders als Khomeini wurde er nicht als &#252;berfraktionell wahrgenommen, sondern dem Konservativen Lager zugerechnet.<br />
Die Ernennung Khameneis sowie die Pr&#228;sidentschaft Ali Akbar Haschemi Rafsanjanis brachte nicht nur konstitutionelle Modifikationen mit sich, sondern steht vor allem f&#252;r die &#220;berhandnahme der wirtschaftsliberal und kapitalistisch ausgerichteten Fraktion in der IR. Die Folge war eine viel st&#228;rker marktorientierte Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Ansari merkt diesbez&#252;glich an: „In der Abwesenheit von Khomeinis Charisma musste eine neue Regelung gefunden werden, welche die unterschiedlichen Gruppen in ein enges Netzwerk kommerzieller Eigeninteressen zusammenband. Die Konsequenz war eine Allianz der Interessen der merkantilen Bourgeoisie, konzentriert aber nicht reduziert auf den Bazaar, und der Pr&#228;sidentschaft Rafsanjanis, der mit dem Aufbau einer stark am eigenen Image orientierten loyalen B&#252;rokratie fort fuhr. Rafsanjani w&#252;rde mit den Interessen der Handels- und Kaufmannsklasse im Kopf regieren ,was sich mit seinem eigenen kommerziellen Hintergrund deckte, w&#228;hrend der Bazaar half, seine Pr&#228;sidentschaft zu finanzieren.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
In diesem Prozess wurden jene Fraktionen der IR, welche die <em>mostazafin </em>repr&#228;sentierten, politisch marginalisiert. Aber auch Teile der Staatsstruktur gewordenen milit&#228;rischen Gruppen und Milizen der <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>wurden relativ an den Rand gedr&#228;ngt. Schlie&#223;lich war der Krieg vorbei und man wollte zu wirtschaftlicher Prosperit&#228;t zur&#252;ckkehren und einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise des Landes finden. Ein militarisierter Staat und eine allein an radikalen ideologischen Agenden orientierte Politik war f&#252;r dieses Projekt eher ung&#252;nstig.<br />
Auch wenn die IR ihre Herrschaft in den 1990er Jahren festigen konnte und die Kapital-orientierten und konservativen Fraktionen zun&#228;chst die Oberhand behielten, war dies keineswegs ein stabiler Zustand. Vielmehr hatten die Ende der 1980er Jahre einsetzenden strukturellen Verschiebungen in der IR die z. T. bereits zuvor bestehende Fraktionierung innerhalb des politischen Spektrums weiter an Bedeutung zugenommen und die Wahrscheinlichkeit von Rissen innerhalb des Herrschaftsverbandes erh&#246;ht. Verk&#252;rzt und etwas zugespitzt k&#246;nnen die seit den sp&#228;ten 1980ern formierten Fraktionen wie folgt dargestellt werden.</p>
<p><strong>Politische Fraktionen in den 1990ern</strong><br />
Im rechten Spektrum bildeten sich zwei wichtige Fl&#252;gel, aus denen sich die wirtschaftliche und politische Machtelite zusammensetzt. Einerseits das Lager um Rafsanjani, das f&#252;r eine moderatere gesellschaftspolitische Position und eine industriell-kapitalistische Wirtschaftsausrichtung stand. Diese Gruppe wird oft als „Moderne Rechte“ bezeichnet. Rafsanjani und seine Gruppe repr&#228;sentieren vor allem die reich gewordene Schicht der mit dem Staat verbundenen „Mullah Million&#228;re“, die den Iran heute wirtschaftlich dominiert. Wie kein anderer verk&#246;rpert Rafsanjani, dessen eigenes Verm&#246;gen betr&#228;chtlich ist, die in den letzten 30 Jahren zustande gekommene Fusion von Bazaar und Klerikern, deren religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) von der Privatisierungspolitik der 1990er am meisten profitieren konnten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> In den verarmten und von Inflation, Arbeitslosigkeit und niedrigen L&#246;hnen geplagten Teilen der Bev&#246;lkerung ist diese Fraktion der iranischen Herrschenden wegen ihres Reichtums, ihrer Vetternwirtschaft sowie der von ihr propagierten Politik der &#246;konomischen Liberalisierung und Privatisierung besonders verhasst.<br />
Eine zweite Fraktion kann als traditionelle Rechte bezeichnet werden. Diese Gruppe, die in engen Verbindungen zum Revolutionsf&#252;hrer Khamenei steht, zeichnet sich durch eine gesellschaftspolitisch konservativere Politik aus, unterst&#252;tzt aber ebenfalls eine Bazaar-orientierte, freie Marktwirtschaft.</p>
<p>Die Linken Islamisten der 1980er Jahre sind als solche nicht mehr existent bzw. haben sie ihre Ausrichtung ver&#228;ndert. Gro&#223;e Teile von ihnen geh&#246;ren heute dem Reformlager an. Folglich spielten sie vor allem in der Regierung des Reformers Khatami (1997-2005) eine wichtige Rolle. Sie sind im gesellschaftspolitischen Bereich die fortschrittlichste Gruppe. So zeichnet sie sich durch die Forderung nach einer politischen &#214;ffnung, Pressefreiheit, einer Beschr&#228;nkung der autorit&#228;ren Elemente der IR und einem Ende der harschen Moralgesetzgebung aus. Im wirtschafts- und sozialpolitischen Bereich haben sie jedoch ein schwaches Profil und tendieren diesbez&#252;glich teilweise zur liberalen Position der Modernen Rechten. Haupts&#228;chlich werden sie unterst&#252;tzt von Angeh&#246;rigen der modernen Mittelklasse, Studierenden und Frauen. Weil auch die ArbeiterInnen ein elementares Interesse an mehr demokratischen Rechten haben, finden sich auch unter diesen noch immer Anh&#228;ngerInnen der Reformer. Allerdings verhinderte deren wirtschaftspolitische Ausrichtung, ihre Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik, eine aktive Unterst&#252;tzung durch breite Teile der ArbeiterInnenklasse und der <em>mostazafin</em>.</p>
<p><strong>Die Pr&#228;sidentschaft Ahmadinejads</strong><br />
Eine neu entstandene Fraktion kann als Neo-Islamisten bezeichnet werden und wird durch Ahmadinejad repr&#228;sentiert. Diese dominierten in den letzten vier Jahren die politische Szenerie. Der Machtantritt Ahmadinejads 2005 repr&#228;sentiert den (Wieder-)Aufstieg eines seit den 1990er Jahren marginalisierten Fl&#252;gels der IR, n&#228;mlich dem der Pasdaran und Basijis. In ihrer eigenen Wahrnehmung hatten diese im Kampf gegen die interne Opposition und im Krieg mit dem Irak ihr Blut f&#252;r „Islam“, „Vaterland“ und „Revolution“ vergossen, blieben danach aber vom Zugang zu den Machtpositionen im Staat ausgeschlossen. Mehr noch: sie mussten mit ansehen, wie hohe Kleriker ihr Verm&#246;gen vermehren, sich an den Schalthebeln der Macht festsetzten konnten, und die puritan-islamische Vorstellung von Moral der fr&#252;hen Jahre nicht gen&#252;gend beachtet wurde und so die Ideale der Revolution verraten wurden. Durch die Wahl Ahmadinejads konnten sie demgegen&#252;ber endlich „einen der ihren“ an die Macht bringen. Dieser revanchierte sich, indem er seine alten Kampfgenossen aus den Pasdaran in zentrale Machtpositionen hievte und diese auch wirtschaftlich bedachte. So wurden z.B. staatliche Auftr&#228;ge im Infrastrukturbereich vermehrt an die Pasdaran oder ihnen nahestehenden Personen vergeben und neue Ressourcen f&#252;r Streitkr&#228;fte bereitgestellt. Ahmadinejads Strategie zur Macht&#252;bernahme und deren Konsolidierung setzte da an, wo die Reformer gescheitert waren: Er pr&#228;sentierte sich als Vertreter der „kleinen Leute“, der <em>mostazafin</em>, und trat mit dem Versprechen an, „das &#214;lgeld zur&#252;ck auf die Tische der Armen“ zu bringen. Damit kn&#252;pfte er an die populistischen und sozial-egalit&#228;ren Diskurse der Iranischen Revolution an, w&#228;hrend er gleichzeitig eine gesellschaftspolitisch konservative Position einnahm. Das von ihm heraufbeschworene Feindbild war die von der Bev&#246;lkerung verhasste Elite, die „Tausend reichsten Familien“ <a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>.<br />
Realiter &#228;nderte Ahmadinejad nur wenig an der wirtschaftlichen und sozialen Krise des Landes. So hatten Programme wie das gro&#223; angek&#252;ndigte „Justice Shares“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> aufgrund der galoppierenden Inflation wenn &#252;berhaupt nur negative Effekte auf die Lebensverh&#228;ltnisse der meisten IranerInnen. Es ist relativ offensichtlich, dass die Regierung versuchte, &#252;ber politisch gepr&#228;gte Distributionsinstitutionen klientelistische Verbindungen zu bedienen und so einen stabilen Wahlblock f&#252;r sich zu schaffen. Dass Ahmadinejad entgegen seinen Beteuerungen nicht wirklich auf Seiten der mostazafin stand, dr&#252;ckte sich auch in den Repressionsma&#223;nahmen gegen&#252;ber ArbeiteraktivistInnen, z.B. streikenden BusfahrerInnen, w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft aus.</p>
<p><strong>Iran von au&#223;en</strong><br />
Diese innenpolitischen Widerspr&#252;chlichkeiten werden in den internationalen Debatten indes kaum wahrgenommen. Hier ist Ahmadinejads Konfrontationskurs in der Frage der Atomwaffen sowie sein offener Antisemitismus das alles bestimmende Thema. Kaum einmal werden seine au&#223;enpolitischen Man&#246;ver im Kontext politischer Krisen und Auseinandersetzungen im Iran selbst diskutiert. Dabei ist die Strategie, innenpolitische Konflikte durch das Sch&#252;ren au&#223;enpolitischer Krisen zu neutralisieren, kein neues oder spezifisch iranisches Ph&#228;nomen. Bereits die ber&#252;hmte US-Botschaftsbesetzung 1979 in Teheran fand vor dem Hintergrund sich zuspitzender innenpolitischer Konflikte zwischen den unterschiedlichen revolution&#228;ren Gruppen statt. Die Kanalisierung der Debatten in Richtung „Antiimperialismus“ gegen den „gro&#223;en Satan USA“ erm&#246;glichte es Khomeini, die neue Verfassung des Irans rasch in einem Referendum verabschieden zu lassen. &#196;hnliches versuchte Ahamdinejad in den letzten vier Jahren. Seine j&#252;ngsten den Holocaust leugnenden Bemerkungen machte er nicht zuf&#228;llig am 18. September, als Tausende DemonstrantInnen den offiziellen staatlichen Feiertag am Al-Quds-Tag nutzten, um wieder gegen die Regierung auf die Stra&#223;e zu gehen. So versucht Ahamdinejad immer wieder, von der innenpolitischen Krise abzulenken. Und das mit Erfolg: die internationalen Medien konzentrierten sich erneut fast ausschlie&#223;lich auf seine &#196;u&#223;erungen und die gleichzeitig stattfindenden Proteste r&#252;ckten aus dem Blickfeld. Umgekehrt &#252;bt auch die Haltung der Weltm&#228;chte gegen&#252;ber dem Iran einen nicht zu untersch&#228;tzenden Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung aus. So ist es kein Zufall, dass die iranische Opposition und Reformbewegung in der Bush-&#196;ra ein marginales und schwaches Dasein fristete. In der aufgeheizten Stimmung eines nahenden Krieges konnte Ahmadinejad zumindest auf die passive Solidarit&#228;t der IranerInnen gegen ausl&#228;ndische Interventionen vertrauen. Oppositionelle Stimmen wurden schnell als Agenten des Westens und des Imperialismus zum Schweigen gebracht. Auch wenn ein solches Vorgehen nach wie vor angewandt wird, st&#246;&#223;t es in der Bev&#246;lkerung nun – in einem durch die Neuausrichtung der US-Administration ver&#228;nderten (geo-)politischen Klima – auf weniger Zustimmung.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Insgesamt ist die Protestbewegung vor dem Hintergrund jener Widerspr&#252;che zu betrachten, welche die Geschichte des Iran in den letzten 30 Jahre pr&#228;gen: diese verlaufen nicht nur zwischen revolution&#228;ren Idealen und kapitalistischer Entwicklung, sondern vor allem zwischen verschiedenen Interessensgruppen und Machtzirkeln innerhalb der IR. Im Zuge der daraus entstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und K&#228;mpfe werden immer wieder Fraktionen marginalisiert und von den bereits in sich ambivalent strukturierten Machtzentren ausgeschlossen bzw. in ihrem Zugang zu Ressourcen benachteiligt. Diese Entwicklung fand mit dem „Wahlputsch“, der damit signalisierten Exklusion der Reformer aus dem relativen politischen Eliten-Pluralismus der IR, und den daran anschlie&#223;enden Entwicklungen ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt. Dies signalisiert das Ende der IR wie wir sie bisher kannten, denn zu diesem Zeitpunkt scheint eine Ann&#228;herung der unvers&#246;hnlichen Fraktionen kaum mehr m&#246;glich.<br />
Die Betroffenen dieser Machtk&#228;mpfe sind dabei nicht selten die von diesen Fraktionen angeblich repr&#228;sentierten Bev&#246;lkerungsschichten. Diese fordern dann entweder in – mehr oder minder – demokratischen parlamentarischen Wahlen ihr St&#252;ck vom Kuchen oder versuchen sich &#252;ber Proteste auf der Stra&#223;e Geh&#246;r zu verschaffen. Das Besondere an der aktuellen Bewegung ist die massenhafte Aktivierung und Partizipation breiter Teile der Bev&#246;lkerung, die aufs Neue das Schicksal der IR nicht den scheinbar unantastbaren Eliten &#252;berlassen wollen – Anleihen an die Ereignisse von 1979 scheinen in dieser Hinsicht durchaus gerechtfertigt. Gleichzeitig werden in dieser „gr&#252;nen“ Bewegung, trotz ihrer Heterogenit&#228;t, die Kontinuit&#228;ten der Reformbewegung der 1990er Jahre augenscheinlich: dass die Vehemenz der sozialen Forderungen weit hinter den gesellschaftspolitischen zur&#252;ckbleibt, ist hier wie dort charakteristisch. Diese politische Schwachstelle verhindert bisher, dass ArbeiterInnen und <em>mostazafin </em>ihren eigenen Interessen <em>innerhalb </em>einer breiten Bewegung f&#252;r Demokratie und Freiheit organisiert Ausdruck verleihen k&#246;nnen. Dass die bisher von der Reformbewegung getrennt verlaufenden, militanten Arbeitsk&#228;mpfe und Ans&#228;tze zur Organisierung unabh&#228;ngiger Arbeitskooperationen der letzten Jahre Eingang in die Bewegung finden, wird wohl ma&#223;geblich &#252;ber Erfolg sowohl der Arbeitsk&#228;mpfe als auch der Oppositionsbewegung selbst entscheiden.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ob ein Wahlbetrug stattgefunden hat oder nicht, ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Zweifelsohne sprechen jedoch viele Anzeichen daf&#252;r. F&#252;r eine Analyse der Wahl siehe: Ali Ansari, Daniel Berman, Thomas Rintoul. Preliminary Analysis of the Voting Figures in Iran‘s 2009 Presidential Election. Ver&#246;ffentlicht durch Chatham House und Institute for Iranian Studies, University of St. Andrews, 21 Juni 2009. http://www.chathamhouse.org.uk/publications/papers/view/-/id/755/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Kandidaten waren: einerseits Mohsen Rezai, ehemaliger General der Revolutionsgarden und Mitglied des Schlichtungsrates und Mahmud Ahmadinejad, amtierender Pr&#228;sident des Irans, die dem konservativen Lager zugerechnet wurden, andererseits Mehdi Karroubi, langj&#228;hriger Pr&#228;sident des Parlaments, sowie Mir Hossein Moussawi, die als Kandidaten der Reformer galten. Hunderte andere Kandidaten wurden vom W&#228;chterrat von der Wahl ausgeschlossen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Liste kreativer Aktions- und Protestformen k&#246;nnte hier lange weiter gef&#252;hrt werden. Interessant waren zum Beispiel auch die Proteste am 18. September in ganz Iran, als wieder Zehntausende auf die Stra&#223;en gingen um zu demonstrieren. Der Al-Quds Tag („Jerusalem Tag“), welcher ein nationaler Feiertag ist und immer am letzten Freitag von Ramadan stattfindet, war von Ayatollah Khomeini ausgerufen worden um die Solidarit&#228;t mit den Pal&#228;stinensern zu demonstrieren. Dieser Tag ist normalerweise eine Gelegenheit f&#252;r das Regime, um seine St&#228;rke zu demonstrieren und staatliche Demonstrationen zu organisieren. An diesem Tag jedoch unterwanderte die Opposition die staatlichen Demonstrationen und nutzte die M&#246;glichkeit, um gegen Ahmadinejad zu protestieren. Ein Spruch, der zum Beispiel versuchte, staatliche Dogmen zu dekonstruieren war „Ob in Gaza oder Iran, stoppt das t&#246;ten der Menschen!“. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=sqyq9p9wDkM&#038;feature=player_embedded.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wobei schon viele mit dem Wahlbetrug gerechnet hatten und sich wahrscheinlich vorbereiteten auf die Stra&#223;en zu gehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Wobei an dem Begriff selbst auch einiges auszusetzen ist, vor allem wenn man beachtet, dass ein gro&#223;er Teil der Uniabsolventen kaum Berufsperspektiven erwarten k&#246;nnen und oft in der Arbeitslosigkeit oder im Billiglohnsektor landen. Der Umstand der Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor f&#252;r die Unzufriedenheit unter Jugendlichen und Studierenden.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die ermordeten Jugendlichen Neda Agha-Soltan und Sohrab Arabi gelten hier als Symbole, deren Bilder als zentrale Motive auf keiner Demonstration fehlen.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Siehe zu einer interessanten Auseinandersetzung mit der Verfassung der Islamischen Republik sowie Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>velayat-e faqih</em>) in: Vanessa Martin. Creating an Islamic State: Khomeini and the Making of a New Iran. London: I. B. Tauris, 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Von 1979 bis zu seinem Tod 1989 behielt Ayatollah Khomeini diesen Posten selbst. Nach seinem Tod &#252;bernahm Ayatollah Khamenei dessen Position.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Republikanismus und der Bezug auf Demokratie ist jedoch keineswegs erst ein Produkt der Revolution gewesen. Diese haben in der politischen Debatte eine lange Tradition welche mindestens auf die Verfassungsrevolution von 1906-1911 zur&#252;ckreicht. Diese „erste“ Revolution im Iran war und ist noch immer wichtiger Bezugspunkt f&#252;r demokratische Bewegungen.Siehe: Janet Afary. The Iranian Constitutional Revolution 1906-1911: Grassroots Democracy, Social Democracy,  and the Origins of Feminism. New York: Columbia University Press, 1996.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Siehe dazu &#252;bersetzte Statements von Moussawi auf www.khordaad88.com.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Einen wichtigen Beitrag leistete hierbei Ali Shari‘ati, ein von Frantz Fanons und anderen Theoretikern der so genannten „Dritten Welt“ beeinflusster iranischer Intellektueller, welcher eine radikale Interpretation des schiitischen Islam als Waffe gegen Imperialismus und Unterdr&#252;ckung zu verwenden versuchte. Seine Theorie eines „revolution&#228;ren Islam“ beeinflusste weite Kreise von vor allem Studierenden und Sch&#252;lern, welche in den 70er Jahren islamisch-revolution&#228;re Gruppen aufbauten. Viele Mitglieder der IR waren stark von ihm inspiriert und selbst Ayatollah Khomeini bediente sich Aspekte seiner Theorie (abgesehen von seiner Ablehnung des schiitischen Klerus als Institution). Siehe: Mansoor Moaddel. Class, Politics, and Ideology in the Iranian Revolution. New York: Columbia University Press (1992), 151f; Sami Zubaida. Islam, the People and the State: Political Ideas and Movements in the Middle East. London: I.B. Tauris (1993), 20-32.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ervand Abrahamian. A History of Modern Iran. Cambridge: Cambridge University Press (2008), 167.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ein gro&#223;er Teil der st&#228;dtischen Armen war erst seit kurzem vom Land in die St&#228;dte gezogen und hatten noch enge Verbindungen dorthin. Dieser Umstand pr&#228;gte unter anderem auch die sozio-kulturelle Zusammensetzung dieser Gruppe.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Andreas Malm und Shora Esmailian. Iran on the Brink: Rising Workers &#038; Threats of War. London: Pluto Press (2007), 35.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Peyman Jafari. After Spring comes Winter: The political economy of liberalisation and de-liberalisation in Iran, 49.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Khamenei war vom religi&#246;sen Rang her nur Hojatoleslam und nicht wie eigentlich vorgesehen Ayatollah. Um ihm zumindest den Schein der religi&#246;sen Legitimit&#228;t zu verleihen wurde er mit Unterst&#252;tzung Rafsanjanis und anderer konservativer Kleriker zum Ayatollah „ernannt“. Dieser Vorgang war unter anderen schiitischen Geistlichen, vor allem den Gro&#223;ayatollahs sehr umstritten und ist auch heute noch Ursache daf&#252;r, dass ihn viele hohe Geistliche aufgrund seiner fehlenden theologischen Qualifikation nicht anerkennen oder zumindest absch&#228;tzig betrachten. Siehe Wilfried Buchta. Who rules Iran? The structure of power in the Islamic Republic. Washington Institute for Near East Policy and Konrad Adenauer Stiftung, 2000, 86-88.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ansari. Modern Iran, 243f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Privatisierung ist dementsprechend eine fast unzureichende Beschreibung, da die Vergabe aufgrund von Netzwerken und Verbindungen stattfindet. Korruption und Vetternwirtschaft stellen hier zwei zentrale Aspekte dar und kennzeichnet das Verh&#228;ltnis von politischer und wirtschaftlicher Macht.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ein Begriff der fr&#252;her auf die Elite der Pahlavi Dynastie angewandt wurde.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Dies bedeutete, dass ca. 40% der f&#252;r die Privatisierung gedachten &#246;ffentlichen Anleihen an die &#196;rmsten und vom Staat abh&#228;ngigen Familien verteilt werden sollten.</p>
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		<title>Der andere Iran</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 07:05:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.<br />
<span id="more-88"></span><br />
Der Iran unterlag im 20. Jahrhundert einer langen Periode ausl&#228;ndischer Kontrolle und Ausbeutung. Grund daf&#252;r war die geostrategische Lage als Br&#252;cke zwischen der Arabischen Welt, Europa und Asien sowie dessen Reichtum an Erd&#246;l.</p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir uns &#252;ber die aktuelle Situation der „Islamischen Republik“ klar werden wollen, m&#252;ssen wir zu den Wurzeln der Entstehung dieses Systems zur&#252;ckkehren. Diese liegen in einem der gr&#246;&#223;ten sozialen und politischen Umbr&#252;che, der den Mittleren Osten im 20. Jahrhundert ersch&#252;tterte, der iranischen Revolution von 1978/79.</p>
<h3>Shahdiktatur und Revolution</h3>
<p>W&#228;hrend der 60er und 70er Jahre fanden im Iran massive &#246;konomische und soziale Ver&#228;nderungen statt. Durch die Profite aus den &#214;lgesch&#228;ften konnte in westliche Technologie, Industrialisierung und eine begrenzte Verbesserung der Gesundheits- und Bildungssituation investiert werden. Der Pahlavi-Staat<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, unterst&#252;tzt vom Westen, war dabei die Hauptkraft in der Akkumulation von Kapital. Doch nur eine kleine Minderheit konnte von diesen Entwicklungen profitieren. Die von den USA und dem Westen unterst&#252;tzte Shah-Regierung verhalf einer kleinen Oberschicht von Kapitalisten, Gro&#223;grundbesitzern und Staatsb&#252;rokraten zu Reichtum, w&#228;hrend die Mehrheit der IranerInnen in wachsender Armut leben musste. Obwohl das Bruttonationaleinkommen pro Kopf 1978 bei mehr als 2.000 Dollar lag, hatten 87% der D&#246;rfer keine Schule, nur 1% besa&#223; medizinische Einrichtungen, die Preise stiegen kontinuierlich und 40-50% des Budgets wurden f&#252;r Milit&#228;rausgaben verwendet.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Durch die Einf&#252;hrung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in die iranische Landwirtschaft konnten viele Menschen gegen die Konkurrenz nicht mehr bestehen. Sie wanderten in die St&#228;dte, wo sie in Wellblechst&#228;dten und Armut leben mussten. Gleichzeitig verloren auch die traditionell privilegierten Klassen an Einfluss und Wohlstand. Die Geistlichkeit b&#252;&#223;te einen gro&#223;en Teil ihres Gro&#223;grundbesitzes nach den Bodenreformen des Shahs ein und die <em>Bazaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute der Bazare) litten unter der Konkurrenz in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Diese &#246;konomischen und sozialen Verh&#228;ltnisse wurden von einem massiven Repressionsapparat gesichert.</p>
<p>Die Revolution von 1978-79 war das Resultat enormer Unzufriedenheit mit wachsenden sozialen und &#246;konomischen Disparit&#228;ten, einer Wut gegen die brutale politische Repression und dem Ausschluss der Mehrheit aus dem politischen System des Shahs. Die Bewegung gegen diese politische und soziale Unterdr&#252;ckung wurde von ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen sowie nationalen und religi&#246;sen Minderheiten getragen. Sie brachten eines der brutalsten vom Westen unterst&#252;tzten Regime im Mittleren Osten zu Fall.<br />
Der Kampf der iranischen ArbeiterInnen war neben der StudentInnen- und Frauenbewegung ein wesentliches Element der Revolution. Sie hatten durch ihren Generalstreik der alten Ordnung den letzten Sto&#223; verpasst und eine selbstbewusste radikale Wandlung durchgemacht. Sie begannen sich in ArbeiterInnenr&#228;ten (<em>Shoras</em>) zu organisieren und &#252;bernahmen, nachdem die alten Manager und Bosse geflohen waren, die Kontrolle &#252;ber die Produktion in den Fabriken.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Die Entwicklung der Islamischen Republik</h3>
<p>Die nach dem Sturz des Shah-Regimes erk&#228;mpfte politische Freiheit erm&#246;glichte es sozialen Gruppen, Parteien und Initiativen zum ersten Mal seit 26 Jahren sich frei zu organisieren. Das Streben nach politischer Partizipation und sozialer Gerechtigkeit pr&#228;gten diese Zeit. Obwohl die Geistlichen durch die Unterst&#252;tzung der st&#228;dtischen verarmten Massen und der religi&#246;sen Mittelschicht die F&#252;hrung in der Revolution gewinnen konnten, war ihre Macht noch nicht gefestigt. Allerdings f&#252;hrte das Versagen der linken und s&#228;kularen Kr&#228;fte<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> dazu, dass sie diese immer weiter ausbauen konnten. Als Vehikel zur Massenverankerung der islamischen Bewegung dienten die sogenannten <em>Komiteh</em> (politische Gremien), die aus den Moscheen heraus die administrativ-politischen Aufgaben &#252;bernahmen. Damit verbunden entstand die <em>Basidji</em>-Organisation, eine Art Volksmiliz mit dem Ziel, die Menschen f&#252;r die Islamische Revolution zu mobilisieren.</p>
<h3>Machtkonsolidierung</h3>
<p>Die 80er Jahre standen zun&#228;chst im Zeichen materieller Zugest&#228;ndnisse an die Basis der Islamischen Bewegung. Das vom Shah und seinen Verb&#252;ndeten konfiszierte Verm&#246;gen und Eigentum wurde durch Islamische Stiftungen (<em>Bonjad</em>) verwaltet und umverteilt. Die religi&#246;se Mittelklasse, die st&#228;dtischen SlumbewohnerInnen und ArbeiterInnen, die den Islamischen Staat unterst&#252;tzen, wurden bei Anstellungen und Bildungsm&#246;glichkeiten beg&#252;nstigt. Dieses Vorgehen erkl&#228;rt den R&#252;ckhalt des Regimes in den &#228;rmeren iranischen Schichten. Dies war jedoch verbunden mit der Konsolidierung der Macht der islamischen Eliten. Schleichend wurden die Strukturen von unten, welche sich w&#228;hrend der Revolution etabliert hatten, ausgeh&#246;hlt. Zum Beispiel wurden die ArbeiterInnenschoras wieder aufgel&#246;st und die Kontrolle &#252;ber die Betriebe ging in die Hand „islamischer Manager“ &#252;ber.</p>
<p>Der zweite Aspekt auf dem Weg zur Festigung der Macht war die Instrumentalisierung au&#223;enpolitischer Krisen. Der vom Irak 1980 angezettelte Krieg gegen den Iran war hier ein entscheidender Schritt. „Der Krieg verschleierte die schwere wirtschaftliche Krise und konnte au&#223;erdem f&#252;r die Nichteinl&#246;sung so mancher Versprechen der Revolution verantwortlich gemacht werden.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Au&#223;erdem wirkte er wie ein neuerlicher Mobilisierungsschub f&#252;r die Islamische Republik. „Denn selbst die Iraner, die eigentlich gegen die Islamische Republik waren, wechselten im Zuge der Verteidigung gegen die ausl&#228;ndischen Aggressoren in Khomeinis<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lager.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> In dieser Situation konnten die Reste der linken und nationalistischen Opposition ausgeschaltet werden. S&#228;kulare Frauen- und StudentInnenorganisationen wurden brutal verfolgt und durch islamische Organisationen ersetzt.</p>
<p>Der Iran-Irak Krieg endete 1988 mit Tausenden Toten und massiver Zerst&#246;rung von Infrastruktur sowie wichtiger wirtschaftlicher Sektoren. Die dramatischen Auswirkungen des Krieges schw&#228;chten den R&#252;ckhalt der islamischen F&#252;hrung in der Bev&#246;lkerung.</p>
<h3>&#214;konomische Liberalisierung</h3>
<p>Das Ende des Krieges brachte eine Verschiebung der Machtverh&#228;ltnisse in der islamischen F&#252;hrung und im Zuge dessen eine wirtschaftliche Neuausrichtung mit sich. Der unangefochtene Revolutionsf&#252;hrer Ayatollah Khomeini hatte es bis dahin noch geschafft, die verschiedenen Fraktionen der islamischen Bewegung zu vereinen. Mit seinem Tod 1989 und neuer politischer und &#246;konomischer Rahmenbedingungen zerbrach dieses B&#252;ndnis und es setzte sich ein wirtschaftsliberaler Kurs unter dem einflussreichen Geistlichen Haschemi Rafsanjani<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> durch. Der Wirtschaftswissenschaftler Mahdy Farhadian beschreibt die Neuausrichtung der Islamischen Republik: „Nach einem Jahrzehnt der aktiven Interventionen des Staates in die Wirtschaft verschob sich die <em>balance of power</em> innerhalb der Wirtschaft, weg von den mostasaffin, den Unterdr&#252;ckten, und hin zur Bourgeoisie und ihrer verb&#252;ndeten Mittelklasse. Dieser Trend wird verst&#228;rkt durch die Deregulierung der Preise auf Lebensmittel und andere G&#252;ter sowie Dienstleistungen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Dazu kam, dass die Privatisierung von nicht rentablen Staatsbetrieben zu einer sch&#228;rferen Situation am Arbeitsmarkt beitrug. Dieser neue Kurs war in der Bev&#246;lkerung unpopul&#228;r, und selbst innerhalb des islamischen Lagers nicht unumstritten. Es kam in dieser Situation zu einem wachsenden Spalt zwischen einer korrupten geistlichen Oberschicht und der verarmten Bev&#246;lkerung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, als auch zu immer deutlicheren Differenzen zwischen Radikalislamisten, Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Islamischen Reformern.</p>
<p>Viele prominente Geistliche<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> und ehemalige Islamische Revolution&#228;re begannen aufgrund anhaltender politischer Repression offene Kritik an der konservativen F&#252;hrung zu &#228;u&#223;ern und manche sogar die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> in Frage zu stellen.</p>
<h3>Reformbewegung von oben</h3>
<p>Auch in der iranischen Bev&#246;lkerung wuchs die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen – Proteste wurden lauter. Diese Stimmung f&#252;hrte 1997 zur Wahl des reformfreundlichen Geistlichen Khatami<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, welcher vor allem mit den Stimmen der Frauen und Jugendlichen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt wurde. Die neue Regierung bot der Bewegung von unten den Rahmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Pressezensur wurde nach und nach ausgeh&#246;lt und es entwickelte sich eine breite, von den neuen Medien und sozialen Gruppen getragene, &#246;ffentliche politische Debatte. Es kam zu Protesten und Auseinandersetzungen f&#252;r eine politische Liberalisierung. Trotz Redaktionsschlie&#223;ungen von Reformzeitungen, Verhaftungen von AktivistInnen und politischer Morde lie&#223; sich die Bewegung nicht einsch&#252;chtern.<br />
Ab der zweiten Amtsperiode Khatamis spitzte sich die wirtschaftliche Situation weiter zu. Das Wirtschaftsprogramm sah weitreichende Privatisierungen<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, weitere Deregulierung des Marktes und Einschnitte in das Sozialsystem vor. Die allgemeinen Lebensbedingungen sanken aufgrund der Reduktion sozialer Leistungen. Die Arbeitslosigkeit unter der seit den 80er Jahren rasch anwachsenden Bev&#246;lkerung stieg. All dies f&#252;hrte zu sozialer Unzufriedenheit und gro&#223;er Entt&#228;uschung mit der reformistischen Regierung.<br />
Ein erster Bruch zwischen der Reformbewegung auf der Stra&#223;e und der reformistischen Regierung manifestierte sich mit den StudentInnenprotesten 1999. Khatami stellte sich offen auf die Seite des Systems und verurteilte die Proteste. Das war f&#252;r die StudentInnen, die auf Khatami vertraut hatten, ein Schlag ins Gesicht – die Regierung hatte sich von der Bewegung distanziert.<br />
Auch innerhalb der herrschenden Klasse konnten sich die Reformisten immer schlechter durchsetzten. Ihre Anstrengungen das politische System zu reformieren stie&#223;en auf den Widerstand noch m&#228;chtigerer Instanzen wie zum Beispiel Revolutionsf&#252;hrer Khamenei<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und W&#228;chterrat. Die Bem&#252;hungen f&#252;r eine institutionelle Reform scheiterten am Widerstand der konservativen Kr&#228;fte und an der kompromissbereiten und z&#246;gernden Strategie der Regierung.<br />
Mit ihrer neoliberalen unsozialen Politik konnte die Regierung die verarmten Bev&#246;lkerungsschichten nicht mehr f&#252;r sich mobilisieren. Auch die von vielen erhofften politischen Reformen kamen nicht zustande.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>Das Fehlen von Antworten f&#252;r die soziale Problematik im Land erm&#246;glichte es den Radikalislamisten mit Sozialdemagogie eine z&#246;gernde Unterst&#252;tzung unter den &#196;rmsten zu gewinnen.</p>
<h3>Der Machtwechsel zu den Radikalislamisten</h3>
<p>Viele der Radikalislamisten stammten aus den st&#228;dtischen und l&#228;ndlichen Unterschichten und hatten sich w&#228;hrend der Iranischen Revolution in Hoffnung auf materielle und politische Verbesserungen den <em>Basidjis</em> angeschlossen. Diese „Fu&#223;soldaten“ der Islamischen Republik „waren diejenigen, die zu Beginn der Revolution die Demonstrationen und Kundgebungen organisierten, diejenigen, die w&#228;hrend des achtj&#228;hrigen Krieges gegen den Irak an vorderster Front k&#228;mpften, diejenigen, die sich um die Niederschlagung oppositioneller Gruppen k&#252;mmerten – mit einem Wort, sie waren diejenigen, die die Drecksarbeit verrichteten, w&#228;hrend die &#228;lteren Herren die Fr&#252;chte ernteten.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Radikalislamisten waren von der Korruption und Bereicherung ihrer geistigen F&#252;hrung entt&#228;uscht und sahen einen Verrat an den ideologischen und sozialen Wurzeln der Islamischen Republik. Durch den Sieg der Reformisten Ende der 90er Jahre gewannen die islamistischen <em>Basidji</em>-Milizen und Revolutionsw&#228;chter im Lager der Konservativen wieder an Gewicht. Sie wurden wieder vermehrt zur Niederschlagung der Opposition sowie zur Mobilisierung der islamistischen Basis eingesetzt, welche durch die Sozialwerke der Islamischen Stiftungen an der Stange gehalten wurden.<br />
Am 27. Februar 2004 schafften es die Konservativen wieder die Kontrolle &#252;ber das Parlament zu &#252;bernehmen und im letzten Jahr gewann Mahmud Ahmadinedschad, ein Vertreter der Radikalislamisten im Iran, die Pr&#228;sidentschaftswahl. Damit hat die Reform&#228;ra von oben ein nicht unerwartetes Ende genommen. Dem Wahlgang war ein langer Prozess politischer Machtk&#228;mpfe zwischen den islamischen Fraktionen sowie Repressionswellen gegen Oppositionelle und reformfreundliche Zeitungen vorangegangen. Bei den Parlamentswahlen 2004 als auch bei den Pr&#228;sidentenwahlen 2005 wurden tausende von Bewerbern und sogar 87 bereits gew&#228;hlte Parlamentsmitglieder durch den W&#228;chterrat von den Wahlen ausgeschlossen, was den Konservativen von vornherein die Staatsmacht sicherte. Aus diesem Grund boykottierten viele IranerInnen die Wahlen.<br />
Die Pr&#228;sidentenwahl von 2005, wo sich Ahmadinedschad gegen den ehemaligen Pr&#228;sidenten Rafsanjani durchsetzte, zeigte aber auch die Konflikte in der Machtelite der Islamischen Republik. Ahmadinedschad gab sich als K&#228;mpfer gegen Korruption und Vetternwirtschaft.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Seine Sozialdemagogie sprach das Bed&#252;rfnis der benachteiligten IranerInnen nach Sicherung ihrer materiellen Existenz erfolgreich an. Er wurde nicht wegen seiner religi&#246;sen Rhetorik sondern in erster Linie wegen seiner sozialen Versprechen von den Armen gew&#228;hlt. Dies zeigt das Scheitern der Reformer auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit. Es gab unter den f&#252;hrenden Reformkr&#228;ften kaum jemanden, der eine Alternative zum konservativen Sozialislamismus Ahmadinedschads darstellen konnte. Die Wahl Ahmadinedschads war eine Protestwahl mancher Sektionen der Unterschichten gegen die neoliberale reformistische F&#252;hrung.<br />
Die neue iranische Regierung wird ihre sozialen Versprechungen f&#252;r die &#196;rmsten nicht in die Tat umzusetzen. Noch dazu fehlt ihr die Unterst&#252;tzung der Mehrheit der IranerInnen und, was nicht minder wichtig ist, die Unterst&#252;tzung eines erheblichen Teils des konservativen Lagers. Deshalb trat sie die Flucht nach vorne an: Konflikte auf die Spitze treiben, (au&#223;enpolitische) Krisen erzeugen, die Armen mit populistischen Parolen mobilisieren, die Gegner denunzieren und Feindbilder aufstellen. Mit dieser Methode gelang es ihr, zumindest ein geringes Ma&#223; an Unterst&#252;tzung zu sichern.</p>
<h3>Aktuelle Bewegungen: Arbeitsk&#228;mpfe</h3>
<p>Die AktivistInnen der Reformbewegung waren vom Scheitern der reformistischen F&#252;hrung desillusioniert und wandten sich von ihr ab. Doch das Versagen der Reformbewegung von oben zeigte den ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen und Jugendlichen die Grenzen und Widerspr&#252;che der Islamischen Republik und verursachte einen hohen Politisierungsgrad.<o></o></p>
<p>Die Islamische Republik bezog ihre Legitimation aus der Unterst&#252;tzung der <em>Mostasaffin</em>, den Armen und ArbeiterInnen. Die Verbindung zwischen dieser Basis und der islamischen Oberschicht ging wegen der wirtschaflichen Neuausrichtung in die Br&#252;che. Anfang der 90er intensivierten sich aufgrund der schlechter werdenden Lebensbedingungen die sozialen Auseinandersetzungen. 1995 kam es gegen die Verdopplung der Buspreise zu gewaltsamen Ausschreitungen in Islamshahr, einem ArbeiterInnenviertel von Teheran. Die Proteste endeten in einem Blutbad.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Aufst&#228;nde wurden zwar niedergeschlagen, aber sie markierten eine Wende im Grad der sozialen Auseinandersetzung. Die Bev&#246;lkerung, besonders die &#228;rmeren Schichten, war von nun an bereit auch zu radikaleren Mitteln zu greifen.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a><br />
In den letzten Jahren gab es speziell in der Frage nicht ausbezahlter L&#246;hne sowie der Angst vor Arbeitsplatzverlust zahlreiche Streikaktionen von ArbeiterInnen in verschiedensten Wirtschaftszweigen. Au&#223;erdem treibt die massive Inflation die Preise in die H&#246;he und verursacht zus&#228;tzliche Wut gegen die Profiteure der Islamischen Republik an den Schalthebeln der Macht. Die Abneigung der einfachen Bev&#246;lkerung gegen die Geistlichen und deren Verb&#252;ndete zeigt sich im allgemeinen Stra&#223;enbild der iranischen Gro&#223;st&#228;dte. Mullahs m&#252;ssen am Stra&#223;enrand lange ausharren, bis ein Fahrer der zahlreichen Sammeltaxis sich dazu erbarmt sie mitzunehmen. Andere Fahrg&#228;ste weigern sich oft aufgrund der tiefen Abneigung vor dieser korrupten Elite mit einem Mullah im Taxi zu fahren.<br />
Ein weiteres Kampffeld f&#252;r die iranischen ArbeiterInnen ist die Etablierung von unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Der aktuellste Kampf war der Busarbeiterstreik in Tehreran. Die Gewerkschaft der Busarbeiter wurde in den 80er Jahren verboten, aber 2004 reanimiert. Sie setzt sich f&#252;r das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung ein und k&#228;mpft f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung durch die Forderung nach Kollektivvertr&#228;gen. Daf&#252;r wurden am 22. Dezember 2005 zw&#246;lf ihrer Anf&#252;hrer verhaftet, woraufhin ein Streik der Busarbeiter zur Befreiung einsetzte. Die Auseinandersetzung zwischen den ArbeiterInnen und dem Staatsapparat intensivierte sich in den folgenden Monaten. Hunderte Busfahrer, ihre Familienmitglieder und studentische SymphatisantInnen wurden dabei verhaftet, mussten aber bald wieder freigelassen werden.<br />
Trotz der massiven Repression und der Einsch&#252;chterungen, zeigt der Arbeitskampf die Aktivit&#228;t und Entschlossenheit der iranischen ArbeiterInnen. Sie fordern den theokratischen Staat auf ihre Weise heraus, indem sie gegen die ungerechte Verteilung von Reichtum und die politische Repression k&#228;mpfen.</p>
<h3>Frauenbewegung</h3>
<p>„Frauen im Iran haben trotz ideologischer Herrschaft und struktureller Beschr&#228;nkungen, im Kontext des schiitischen Islams, ein erstaunliches Engagement, Mut und Vorstellungskraft bewiesen um f&#252;r ihre Geschlechterinteressen, Menschenrechte und Demokratie zu k&#228;mpfen.“ Die Geschlechterkonstruktion, diktiert von den patriarchalen Institutionen wie Staat, Familie, Bildungsystem, Arbeitswelt, Medien und Parlament werden von ihnen aktiv konfrontiert und in Frage gestellt.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Die ideologischen und sozialen Entwicklungen im Iran der letzten 25 Jahre produzierten widerpsr&#252;chliche Tendenzen f&#252;r Frauen in der Gesellschaft. Auf der einen Seite wurde von der Islamischen F&#252;hrung versucht, (besonders s&#228;kulare) Frauen aus den offiziellen Sph&#228;ren gesellschaftlichen Lebens auszuschlie&#223;en und auf ihre reproduktive Rolle innerhalb der Familie zu beschr&#228;nken. Frauen wurden auf dem Arbeitsmarkt und vor dem Gesetz stark benachteiligt und ihr Leben repressiven Kontrollen unterworfen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Doch gleichzeitig waren religi&#246;se Frauen der Unterschichten ein wichtiges Element im Aufbau der Islamischen Republik gewesen. Diese relgi&#246;sen Frauen waren im modernen s&#228;kularen Pahlavi-Staat aufgrund ihrer Religi&#246;sit&#228;t marginalisiert und ideologisch vom Zugang zu s&#228;kularer Bildung und Arbeit ausgeschlossen gewesen. Der Islamische Staat erm&#246;glichte ihnen nun den Zugang zu materiellen und ideologischen Ressourcen und verlieh ihnen eine beschr&#228;nkte Macht. Paradoxerweise gab die patriarchale Ordnung religi&#246;sen Frauen aus traditionellen Familien zum ersten Mal die M&#246;glichkeit, ihre famili&#228;ren Zw&#228;nge zu verlassen und in Politik und Gesellschaft aktiv zu werden. Diese neu erworbene aktive Pr&#228;senz in der Gesellschaft gab religi&#246;sen Frauen ein noch nicht dagewesenes Selbstbewusstsein. Die wachsende Berufst&#228;tigkeit und der sozialpolitische Aktivismus von Frauen f&#252;hrte dazu, dass ihr Bewusstsein f&#252;r frauenspezifische Interessen stieg und sie die Schranken der staatlichen Geschlechterideologie in Frage stellten.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a></p>
<p>S&#228;kulare und islamische Frauen hatten in der iranischen Revolution und beim Sturz des Shah eine wichtige Rolle gespielt. Doch in den 80er Jahren gab es einen Bruch zwischen der islamischen und der s&#228;kularen Frauenbewegung &#252;ber die Frage der Gr&#252;ndung der Islamischen Republik. S&#228;kulare Frauenorganisationen wurden im Zuge der Islamisierung aus den Institutionen verdr&#228;ngt und durch staatliche islamische Frauenorganisationen ersetzt. Tats&#228;chlich folgte die Mehrheit der Iranerinnen den islamischen Feministinnen. Doch bereits in den 80er Jahren wandelte sich das Verh&#228;ltnis vieler islamischer Feministinnen zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen und dem Islamischen Staat, den sie unterst&#252;tzt hatten. Auf der Seite s&#228;kularer Feministinnen erkannten einige, dass Frauenunterdr&#252;ckung nicht allein auf die islamische Ideologie reduziert werden kann. Themen wie Scheidung, das Sorgerecht f&#252;r Kinder und andere Familiengesetze betreffen die &#246;konomische und soziale Rolle aller Frauen genauso wie Armut, Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit. In den 90er Jahren entwickelten sich daher aufgrund des steigenden &#246;konomischen Drucks gemeinsame Aktivit&#228;ten religi&#246;ser und s&#228;kularer berufst&#228;tiger Frauen und sie legten ihre Meinungsunterschiede, zum Beispiel &#252;ber das Tragen des Hejab (das islamische Kopftuch), beiseite. In Frauenzeitschriften durch Journalistinnen, im Parlament durch weibliche Abgeordnete oder Juristinnen wurde f&#252;r die Verbesserung der Situation iranischer Frauen in der Gesellschaft gek&#228;mpft.<br />
W&#228;hrend der Pr&#228;sidentenwahlen kandidierten 89 Frauen, um gegen die Verfassung zu protestieren, welche Frauen verbietet Pr&#228;sidentin zu werden. Im Zuge dessen gab es mehrere Demonstrationen und Sit-Ins von Demokratie- und FrauenaktivistInnen gegen diese Diskriminierung. Am 9. Juni 2005 st&#252;rmten mehrere hundert junge Frauen das Azadi-Fu&#223;ballstadion und widersetzten sich somit dem Verbot f&#252;r Frauen Fu&#223;ballspiele besuchen zu d&#252;rfen. Gleichzeitig praktizieren insbesonders Frauen in den St&#228;dten die Strategie des zivilen Ungehorsams gegen die islamischen Kleidervorschriften. Die Kopft&#252;cher r&#252;cken immer weiter nach hinten und die Gew&#228;nder werden enger. Die iranische Frauenbewegung hat trotz einer harten repressiven Politik immer wieder mit Ausdauer, Kreativit&#228;t und Radikalit&#228;t die Regeln der Islamischen Republik konfrontiert um ihrem Recht nach Gleichberechtigung und Freiheit Nachdruck zu verleihen.<br />
Die Frauenbewegung war und ist ein entscheidender Teil der Demokratiebewegung auf der Stra&#223;e. Frauen waren auch die entscheidende Stimme in der Wahl des reformfreundlichen Pr&#228;sidenten Khatami. Es konnten in den 90er Jahren tats&#228;chlich begrenzte Reformen im Familien-, Scheidungs- und Arbeitsrecht f&#252;r Frauen erk&#228;mpft werden. Dies war durch das selbstbewusste Engagement zahlreicher Frauenaktivistinnen am Arbeitsplatz, Universit&#228;t, in der Politik und Justiz erm&#246;glicht worden.</p>
<h3>StudentInnenproteste</h3>
<p>In der Islamischen Republik gab es in den 90er Jahren eine breite Bildungsoffensive. Im ganzen Land wurden Universit&#228;ten und Schulen gebaut um dem Versprechen nach „unentgeltlicher Ausbildung f&#252;r das Volk“ nachzukommen.<br />
Damit wurde eine Dynamik freigesetzt, die dem Regime gef&#228;hrlich geworden ist. „Die Erziehungspolitik der Republik ist verantwortlich daf&#252;r, dass die Kinder der Revolution hervorragend ausgebildet und politisiert wurden und sie, weil sie schon mit 16 Jahren das Wahlrecht erhalten, die Ersten waren, die ihrer Unzufriedenheit mit dem Regime Ausdruck verliehen.“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die h&#246;here Bildung f&#252;r einen gro&#223;en Teil der Bev&#246;lkerung erh&#246;ht auch die Erwartungen der (jungen) IranerInnen auf Gleichberechtigung vor dem Gesetz, gleicher politischer Partizipation, Recht auf Gesundheit, Bildung, Arbeit und das Frauenrecht, selbst entscheiden zu k&#246;nnen, den islamischen <em>Hejab</em> zu tragen oder nicht. Da diese Widerspr&#252;che in der Islamischen Republik nicht gel&#246;st werden k&#246;nnen, w&#228;chst die Unzufriedenheit der Jugend immer weiter.<br />
Die StudentInnenbewegung ist von Anfang an ein Herzst&#252;ck der Reform- und Demokratiebewegung gewesen. Die gelockerte Pressezensur Ende der 90er Jahre gab den Studiernden die M&#246;glichkeit, Ideen auszutauschen und eigene politische Zeitschriften zu publizieren. Die gr&#246;&#223;ten politischen Unruhen seit der iranischen Revolution fanden im Juli 1999 unter diesen Umst&#228;nden statt. Die Proteste richteten sich gegen die Schlie&#223;ung der reformistischen Zeitung „Salam“. In Reaktion darauf &#252;berfielen in der Nacht zum 9. Juli bewaffnete paramilit&#228;rische Einheiten die Studierendenschlafs&#228;le der Universit&#228;t Teheran. Dabei kam mindestens ein Student ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Im Verlauf der n&#228;chsten Tage fanden im ganzen Land Demonstrationen und Unruhen sowie zahlreiche Verhaftungen statt. Der 9. Juli gilt seitdem als wichtiger Bezugspunkt f&#252;r die StudentInnenbewegung und der Jahrestag wird mit Protesten gefeiert.<br />
2003 enz&#252;ndete das Vorhaben des Regimes, die StudentInnenwohnheime sowie andere universit&#228;re Dienstleistungen zu privatisieren und die Studiengeb&#252;hren zu erh&#246;hen, eine neuerliche Protestwelle. Die Studierenden lieferten sich &#252;ber zehn Tage lang n&#228;chtliche Stra&#223;enschlachten mit den Basidjis. Die Proteste politisierten sich sehr schnell und fordertem die Herrschenden insgesamt heraus. Die StudentInnenunruhen fanden in der Bev&#246;lkerung eine breite Zustimmung. In den Armenvierteln brachen selbst Unruhen aus und w&#228;hrend dieser zehn Tage ert&#246;nten Tausende von Autohupen in den Stra&#223;en Teherans und anderer gro&#223;er St&#228;dte um Solidarit&#228;t mit den Protestierenden zu zeigen. Die Aufst&#228;nde konnte zwar niedergeschlagen werden, markierten aber aufgrund der direkten Kritik gegen die herrschende Geistlichkeit eine neue Qualit&#228;t politischer Auseinandersetzungen.</p>
<h3>Perspektiven der iranischen Bewegungen</h3>
<p>Der Kampf um Demokratie und Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil der iranischen Gesellschaft. In den letzten Jahren haben wichtige Auseinandersetzungen stattgefunden. Wenn sie auch nicht gewonnen werden konnten, zeichnet sich das Bild einer dynamischen k&#228;mpferischen und weitverzweigten Demokratiebewegung ab, welche den undemokratischen Islamischen Staat und dessen Institutionen konfrontiert.<br />
Widerstand gegen das repressive Regime findet auch im Alltagsleben vieler IranerInnen seinen Ausdruck. Durch vielf&#228;ltige Strategien – das Brechen von konservativen Geschlechterrollen, aktive Nicht-Kooperation mit dem Islamischen Staat und dessen Vertretern, die Nutzung von nicht-staatlichen illegalen Medien (Satellitenfernsehen, Internet<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a>) – wird die ideologische Legitimit&#228;t der Islamischen Republik unterh&#246;hlt.<br />
Doch die aktuelle au&#223;enpolitische Lage stellt die iranische Demokratiebewegung vor ein gro&#223;es Problem. Die Attacken des Westen wegen der Urananreicherung Irans st&#228;rken die Position des Regimes. Die Mehrheit der IranerInnen unterst&#252;tzt trotz aller Kritik an der eigenen F&#252;hrung ihr Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie. Schlie&#223;lich hat der Iran eine lange Geschichte im Kampf f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit und Selbstbestimmung und diese ist im Bewusstsein der IranerInnen noch immer tief verwurzelt. Ahmadinedschad nutzt aber den „Feind von au&#223;en“ um den Nationalismus aufzupeitschen und die repressiven Apparate noch weiter zu st&#228;rken. Die iranischen Bewegungen stehen im Kreuzfeuer. Solange diese Situation anh&#228;lt existiert die M&#246;glichkeit, dass sich das Regime, welches nach wie vor unter Druck einer schwindenden Basis steht und sich gewisse Ma&#223;nahmen nicht mehr leisten kann, wieder festigt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kampf der internationalen Antikriegsbewegung gegen die Offensive der USA und EU gegen den Iran eine wichtige Voraussetzung um der iranischen Opposition den R&#252;cken frei zu halten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> 1953 putschte Mohammad Reza Schah Pahlavi mit Hilfe von Teilen des Milit&#228;rs und der CIA gegen die demokratisch gew&#228;hlte Regierung des Nationalisten Mohammad Mossadegh. Siehe dazu: Stephen Kinzer, All the Shah’s Men. An American Coup and the Roots of Middle East Terror, New Jersey 2003.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Maryam Poya, Women, Work &amp; Islamism. Ideology and Resistance in Iran, London 1999, p48.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Siehe zur Geschichte der Shoras: Maryam Poya, Iran 1979 – Lang lebe die Revolution! Lang lebe der Islam? http://www.linksruck.de/zeitung/archiv/geschich/mp_i1979.htm#kap3<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe dazu: Maziar Behrooz, Rebels with a Cause. The failure of the left in Iran, London 1999.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Rasoul Fadil, Irak-Iran: Ursachen und Dimensionen eines Konflikts, Wien 1987, p113.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini (1900-1989) war Geistliches Oberhaupt und Revolutionsf&#252;hrer der Islamischen Republik von 1979 bis zu seinem Tod 1989.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005, p84.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Rafsanjani ist einer der m&#228;chtigsten und reichsten Geistlichen des Iran. Er galt schon zu Khomeinis Zeiten als seine Rechte Hand und besetzte w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft die Schalthebel der Macht mit ihm getreuen Technokraten. Der Rafsanjani-Clan geh&#246;rt zu den reichsten Familien des Iran mit weitverzweigten wirtschaftlichen Aktivit&#228;ten.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p95, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Es leben heute gesch&#228;tzte 12 Millionen IranerInnen unter der Armutsgrenze. Ca. 80% des nationalen Verm&#246;gens liegt in den H&#228;nden der religi&#246;sen und politischen Elite. Diese Eliten waren aber weiterhin, wegen des Drucks von unten gezwungen, begrenzte materielle Zugest&#228;ndnisse in Form von Sozialleistungen zu machen.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Gro&#223;ayatollah Montazeri, einst der zweite Mann in der Islamischen Republik nach Khomeini und dessen potentieller Nachfolger, ist ein leuchtendes Beispiel daf&#252;r. 1988 begann er die Massenhinrichtungen von Oppositionellen offen zu kritisieren und wurde daraufhin aus der Macht ausgeschlossen und bis zum Jahr 2003 unter Hausarrest gestellt. Heute geh&#246;rt er zu den sch&#228;rfsten Kritikern der Islamischen Republik und genie&#223;t ein hohes Ansehen in der Bev&#246;lkerung.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>Velayath-e faghih</em>) ist ein Grundelement der Islamischen Republik und garantiert die politische Macht des Klerus.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Mohammed Khatami (1943 geboren) war der f&#252;nfte Staatspr&#228;sident des Irans. 1981 wurde er Minister f&#252;r islamische Kultur, galt aber bereits als gem&#228;&#223;igt. 1992 trat er wegen Differenzen mit der konservativen F&#252;hrung von diesem Posten zur&#252;ck.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Bei den Privatisierungen spielten die halbstaatlichen <em>Bonjads</em>&lt; (Islamischen Stiftungen) eine aktive Rolle. Sie sind nach dem Staat die m&#228;chtigsten Wirtschaftseinheiten im Iran. Urspr&#252;nglich mit der Aufgabe betraut den &#228;rmsten Schichten soziale Dienste bereitzustellen, entwickelten sie sich in den 90er Jahren zu kapitalistischen Konzernen. Die <em>Bonjads besitzen gro&#223;e industrielle Unternehmungen, sind im Geldgesch&#228;ft und im Schwarzmarkt t&#228;tig.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Ayatollah Seyyed Ali Khamenei (geboren 1939) war, nachdem er von 1981 bis 1989 Staatspr&#228;sident des Iran war, der Nachfolger von Khomeini als Geistliches Oberhaupt. Seine Ernennung zum Ayatollah (hoher schiitischer geistlicher Rang) war mit seinem Staatsamt verbunden und von vielen schiitischen Geistlichen nur widerwillig angenommen worden.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Stattdessen wurde die Pressezensur wieder gestrafft und die Gef&#228;ngnisse f&#252;llten sich mit politischen H&#228;ftlingen.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Bahman Nirumand, Iran &#8211; Die drohende Katastrophe, p108.<o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Dies war somit auch ein direkter Angriff auf seinen Kontrahenten Rafsanjani, der bekanntlich zu den reichsten und korruptesten Lenkern der Islamischen Republik z&#228;hlt und ein Symbol f&#252;r die iranische Obrigkeit ist.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> http://www.wildcat-www.de/wildcat/wc_krieg_2003/wk3irana.htm <o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p214f, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Maryam Poya, Women and Work in Iran, http://www.stateofnature.org/womenAndWork.html.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Dies &#228;nderte sich aufgrund der &#246;konomischen Entwicklung, die die (unter- oder unbezahlte) Frauenarbeit im &#246;ffentlichen Sektor erforderte und w&#228;hrend des Iran-Irak Kriegs Frauen an der Heimatfront eine wichtige mobilisierende und soziale Rolle spielten.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Maryam Poya, Women, Work and Islamism. Ideology and Resistance in Iran, pp135-138.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Aufgrund der anhaltenden Repression und fehlenden M&#246;glichkeit Meinungen frei auszutauschen, hat in den letzten Jahren das Internet als Meinungsplattform insbesonders f&#252;r junge IranerInnen eine wachsende Bedeutung erhalten. Siehe dazu: Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005. Vgl. Rezensionsteil dieser Ausgabe.<o></o></em></p>
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		<title>Aufruhr im Netz</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 02:30:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
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		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Nasrin Alavi: Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene. K&#246;ln: Kiepenheuer &#38; Wirtsch 2005.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Nasrin Alavi: Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs &#8211; die junge persische Weblog-Szene. K&#246;ln: Kiepenheuer &amp; Wirtsch 2005.<br />
<span id="more-93"></span><br />
Der Iran ist in der internationalen Medienlandschaft ein viel behandeltes Land. Der Atomkonflikt, Attacken gegen Israel, diktatorische Mullahs und Bilder von schwarz umh&#252;llten Frauen pr&#228;gen das Iranbild vieler Menschen im Westen. Nasrin Alavi zeigt in ihrem Buch &#252;ber die iranische Weblogszene einen anderen Iran.<br />
Das Internet hat sich aufgrund einer repressiven Pressezensur in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Medien f&#252;r freie Meinungs&#228;u&#223;erung und Protest gegen die Mullah-Diktatur entwickelt. Es gibt ca. 64.000 iranische Weglogs. Farsi (die offizielle iranische Landessprache) ist somit die vierth&#228;ufigste Sprache, in der Internettageb&#252;cher geschrieben werden. Die meist jungen Web-AutorInnen sprechen „mit viel Witz, Poesie und Zorn &#252;ber ihre Konflikte mit dem Gesetz, die Situation der Frauen, diskutieren &#252;ber Repression und Widerstand, Religion und Medien, &#252;ber Musik und Partys, erz&#228;hlen von der Liebe und der Trauer &#252;ber verschwundene [politische] Helden.“<br />
Durch viele Zitate aus Weblogs zeichnet Alavi ein dynamisches Bild der iranischen Gesellschaft im Wandel. Im Zentrum stehen dabei die W&#252;nsche, Hoffnungen und &#196;ngste junger IranerInnen die im allt&#228;glichen Widerspruch zur offiziellen politischen und ideologischen Realit&#228;t der Islamischen Republik leben. Die Br&#252;chigkeit der Herrschaft der Mullahs kommt in diesem Spannungsfeld zum Vorschein. Oppositionelle Geistliche, JournalistInnen, politische AktivistInnen formulieren durch ihre Weblogs Kritik am Regime. Viele von ihnen werden in Alavis Buch vorgestellt und ihre Kommentare sowie Huldigungen an ber&#252;hmte Oppositionelle abgedruckt.</p>
<p>Die Tradition des Widerstandes ist ein wichtiger Bestandteil der Diskussionen in den Weblogs und eine Anleitung f&#252;r den Widerstand heute. So ist z.B. die Rolle der USA in der Unterdr&#252;ckung der iranischen Bev&#246;lkerung noch lange nicht vergessen, ebenso wie die Erfahrungen fr&#252;herer demokratischer Bewegungen und K&#228;mpfe, die Menschen immer noch inspirieren. Zum Todestag des demokratisch gew&#228;hlten Nationalisten Mohammad Mossadegh, der durch einen Putsch des Shahs und der CIA gest&#252;rzt wurde, erschienen zum Beispiel Weblogs, die an ihn erinnern:</p>
<p>5. M&#228;rz 2003<br />
Heute ist der Todestag des einflussreichsten demokratischen Staatsoberhaupts der iranischen neueren Geschichte… Heute behauptet Amerika, es wolle dem gesamten Planeten die Demokratie bringen. Die &#196;ra Mossadegh beweist, dass solche Behauptungen nur eine einzige gro&#223;e L&#252;ge sind. In ehrenvollem Andenken an Dr. Mossadegh, einen Mann, der sein Volk nie verriet…</p>
<p>http://www.shabah.org</p>
<p>Ebenso ist die Erinnerung an die ungerechte Herrschaft des Shahs vor der Revolution 1979 als auch an die Revolution selbst nicht verblasst:</p>
<p>15. Februar 2004<br />
Die islamische Herrschaft hat so viel Elend &#252;ber uns gebracht, dass die F&#252;rsprecher der Monarchie unsere gegenw&#228;rtige schlimme Lage schon als Argument heranziehen, wenn sie die Schahzeit als eine &#196;ra der Zivilisation bezeichnen… Doch das Ged&#228;chtnis unseres Volkes ist nicht so schlecht, dass es jenen Sumpf vergessen h&#228;tte oder auch die Tatsache, dass die Islamische Revolution aus jenem Sumpf heraus erwachsen ist.<br />
In unserem Land sind alle Arten repressiver Herrschaft ausprobiert worden&#8230; Doch diesmal wollen alle vorrangig Demokratie und Freiheit. Die Iranische Revolution lebt, sie ist ewig und geht immer weiter&#8230; Lang lebe die Iranische Revolution!</p>
<p>http://siprisk.blogspot.com</p>
<p>Dass die IranerInnen nicht sehns&#252;chtig auf die US-Panzer in Teherans Stra&#223;en warten um die Diktatur zu st&#252;rzen, zeigt sich in der abneigenden Haltung vieler Blogger gegen&#252;ber der aggressiven Politik der USA im Atomstreit:</p>
<p>1. Februar 2005<br />
Ich hasse Krieg. Ich hasse die Soldaten, die uns befreien sollen und unseren Boden, unser Heim, Jung und Alt unter ihren Stiefeln zertrampeln. Glaubt mir, ich liebe die Freiheit. Aber ich glaube, dass man sich selbst befreien muss. Niemand sonst kann das tun.</p>
<p>http://shargi.blogspot.com</p>
<p>W&#228;hrend der StudentInnenunruhen spielte die Kommunikation &#252;ber das Internet eine wichtige Rolle. Informationen und Erlebnisse konnten auf diesem Weg schnell und relativ ungef&#228;hrlich ausgetauscht werden. Dies ist ein Erlebnisbericht eines Webloggers &#252;ber die StudentInnenunruhen im Juni 2003:</p>
<p>13. Juni 2003<br />
Viele Leute, viele „B&#228;rte“ [Slang Ausdruck f&#252;r die Basiji Milizen], viele Motorr&#228;der…<br />
Und wo war ich? 17. Stra&#223;e, Amir Abad, vor den Wohnheimen der Jungs!<br />
W&#228;hrend der Revolution war bestimmt alles viel einfacher. Wenigstens konnte man einem Soldaten eine Blume in den Gewehrlauf stecken. Aber wie um alles in der Welt soll man eine Blume an einem elektrischen Schlagstock befestigen? Drei&#223;ig Minuten sp&#228;ter… Kurdistan Allee! Stellt euch eine Rotte Neandertaler vor, die euch jagen wie eine Herde Esel mit Chilischoten im Arsch!<br />
Drei&#223;ig Minuten sp&#228;ter, Amir Abad Highway! Tausende feiern eine Party und hupen!<br />
Zwei Uhr nachts: Kurdistan Allee… Stellt euch 40 oder 50 „B&#228;rte“ auf Motorr&#228;dern vor. Jetzt sind auch die speziellen Sicherheitstruppen im Einsatz. Das merkt man an ihrem ranzigen Gestank, der die Luft verpestet!<br />
Stellt euch folgendes vor: Die Basiji schlagen Leute zu Brei… Stellt euch vor: den Kn&#252;ppel mit dem der Basiji auf die Leute einschl&#228;gt… Stellt euch vor: Ein Polizeibeamter haut einem Basiji eine runter und wird von ihm verflucht… Stellt euch vor: Eine Gro&#223;mutter sucht nach ihrem Enkel, der von ihr getrennt wurde… Stellt euch vor: Die Basiji skandieren: „Oberster F&#252;hrer, wir sind bereit, wir sind bereit!“… Stellt euch vor: Ein Junge und ein M&#228;dchen lernen sich besser kennen… Den Gestank von Tr&#228;nengas…. abgeh&#246;rte Handys&#8230;<br />
Stellt euch vor, wie die Tore der Universit&#228;t von der Menge eingerissen werden, und wie die Basiji fluchen&#8230;</p>
<p>Nasrin Alavis Buch tr&#228;gt dazu bei, die komplexen Vorg&#228;nge im Iran besser zu verstehen. Sie behandelt Ausschnitte der iranischen Gesellschaft, Geschichte und Politik und f&#252;gt zu diesen Themen Berichte und Kommentare aus der Bloggerszene hinzu. Dadurch werden Diskussionen und Standpunkte der IranerInnen aus erster Hand erfahrbar.<br />
Eine Kritik, die trotz der gro&#223;teils interessanten Lekt&#252;re nicht fehlen darf: Die in der Bloggerszene vertretenen Meinungen d&#252;rfen nicht 1:1 auf die gesamte Gesellschaft &#252;bertragen werden. Schlie&#223;lich hat nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht Zugang zum Internet als Kommunikationsplattform. Der Gro&#223;teil der iranischen Armen und ArbeiterInnen kann in dem Sinn nicht gleichwertig zu Wort kommen. Im Internet haben die verschiedensten Meinungen Platz und so muss dieses Medium sowie auch die Inhalte der im Buch geschilderten Weblogs nat&#252;rlich mit Vorsicht genossen werden. Gerade deshalb ist dieses Buch ein Zeugnis f&#252;r die Vielfalt der im Iran pr&#228;senten Meinungen und Ideen und bricht ein statisches und konservatives Iran-Image auf, w&#228;hrend gleichzeitig eine gnadenlose Abrechnung mit dem Iranischen Regime gemacht wird.</p>
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