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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; International</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Geschichte des transnationalen Migrant_innenstreik</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2011 16:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits zu drastischen Repressionen gegen Menschen ohne Papiere, die bis heute andauern.</p>
<p>In Europa f&#252;hrten ebenso Versch&#228;rfungen der Gesetze – nicht zuletzt im Rahmen der &#8220;Harmonisierung der Migrations- und Asylgesetze&#8221; in der EU – zu einer lang anhaltenden Protestwelle und zur Organisierung von Aktivist_innen und Migrant_innen. In Frankreich und Italien, aber auch in Spanien und Griechenland, wurde der 1. M&#228;rz 2010 zu einem „Tag ohne uns“ erkl&#228;rt. Durch den Aufruf, an diesem Tag die Arbeit niederzulegen und einen Konsumboykott durchzuf&#252;hren, sollte darauf hingewiesen werden, dass Migrant_innen zwar wesentlich zum Funktionieren der Wirtschaft sowie zum sozialen und kulturellen Leben beitragen, ihnen aber gleichzeitig zentrale Rechte vorenthalten werden. Der 1.M&#228;rz sollte an die einige Jahre zuvor an diesem Tag beschlossene Reform des Einwanderungsgesetzes in Frankreich zu erinnern, wodurch ein auf &#246;konomische N&#252;tzlichkeitskriterien basierendes Migrationsregime etabliert wurde – &#228;hnlich wie mit der Einf&#252;hrung der „Rot-Wei&#223;-Rot-Karte“ in &#214;sterreich.</p>
<p>An diesem „Tag ohne uns“ wurden Dutzende Betriebe bestreikt, Zehntausende gingen auf die Strasse und demonstrierten gegen rassistische Diskriminierungen und f&#252;r gleiche Rechte. 2011 sollen diese Proteste noch ausgeweitet werden. Der 1.M&#228;rz soll sich als antirassistischer Aktionstag etablieren, an dem Migrant_innen als politische Subjekte auftreten und sich gemeinsam gegen die herrschenden Politiken der Ausbeutung und Diskriminierung zur Wehr setzen.</p>
<p><em>Zu den Aktionen in Frankreich und Italien:</em></p>
<p>http://www.migrazine.at/artikel/24h-sans-nous</p>
<p>http://jungle-world.com/artikel/2010/10/40498.html</p>
<p><em>Speziell zu Frankreich:</em></p>
<p>http://www.trend.infopartisan.net/trd0310/t410310.html</p>
<p><em>Speziell zu Italien:</em></p>
<p>http://www.suite101.de/content/einwanderer-streiken-in-italien-a70943</p>
<p><em>Zur Situation in den USA:</em></p>
<p>http://indymedia.us/en/topic/mayday2006/archive.shtml</p>
<p>http://at2.indymedia.org/newswire/display/55505.html</p>
<p>http://www.indybay.org/newsitems/2006/04/20/45172.php</p>
<p>http://deletetheborder.org/node/996</p>
<p>http://no-racism.net/article/1630</p>
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		<title>Dimensionen der Rebellionen</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/dimensionen-der-rebellionen/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:54:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.<br />
<span id="more-106"></span><br />
Es ist angerichtet. Schon lange bevor sich der vermeintliche H&#246;hepunkt des Jahres 1968, der viel beschworene „Pariser Mai“, zum vierzigsten Mal j&#228;hrt, ist das Thema „1968“ in aller Munde; ZeitzeugInnen erinnern sich, HistorikerInnen rechnen ab, Talkshowg&#228;ste &#228;u&#223;ern sich und Zeitungen bringen Doppelseiten. Die in diesen Debatten offenkundig vorherrschende Wahrnehmung von „1968“ als einem von (west-)europ&#228;ischen und US-amerikanischen Studierenden ausgehenden, wenige Monate andauernden Ph&#228;nomen zu korrigieren und das Bild eines anderen „1968“ zu zeichnen, haben sich zwei in ihrem Ansatz durchaus verschiedenartige Sammelb&#228;nde zur Aufgabe gemacht: „Weltwende 1968. Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive” und „1968 und die Arbeiter. Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“, herausgegeben von Jens Kastner und David Mayer bzw. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn.</p>
<h3>Leerstellen und Bausteine</h3>
<p>Den differenziertesten &#220;berblick &#252;ber m&#246;gliche Deutungsmuster von „1968“ bietet dabei zun&#228;chst „Weltwende 1968“, machen die beiden in Wien lebenden Herausgeber in ihrer Einf&#252;hrung doch explizit die Verk&#252;rzungen und Leerstellen g&#228;ngiger Interpretationen zum Ausgangspunkt f&#252;r ihre eigenen &#220;berlegungen. Statt also, wie im vorherrschenden Diskurs &#252;blich, „1968“ auf „Studentenunruhen“ oder einen „Generationenkonflikt“ zu reduzieren und somit den Fokus allein auf ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu richten oder durch die Einschr&#228;nkung auf Nordamerika und Westeuropa andere Weltregionen und Zusammenh&#228;nge jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu &#252;bersehen, formulieren Kastner und Mayer das Vorhaben, insbesondere die Rolle der ArbeiterInnen in den Blick zu nehmen und dabei eine globalgeschichtliche Perspektive einzunehmen, die &#252;ber blo&#223;e „Fallstudien-Addition“ hinausgeht. Ebenfalls gegen verbreitete Deutungs- und Erinnerungsmuster richtet sich ihr Verst&#228;ndnis von „1968“ als „Chiffre“ f&#252;r „einen l&#228;ngeren Zeitraum verst&#228;rkter gesellschaftlicher Umbr&#252;che, sozialer und politischer Mobilisierungen und intellektueller wie k&#252;nstlerischer Erneuerung (…) – ein ‚transnational moment of change‘“ (10f.). Auch wenn &#252;ber die genauen Grenzen ihrer konkreten Datierung von „1968“ – vom Beginn der kubanischen Revolution 1959 bis zum „&#214;lschock“ und dem Putsch gegen Allende in Chile 1973 – sicherlich zu streiten w&#228;re, so erweist sich diese Periodisierung ob ihrer Breite schlussendlich ebenso als gewinnbringend wie der Wunsch, an die Stelle der mit den Worten „Erinnerung, Betroffenheit, Aufarbeitung und Abrechnung“ (8) treffend beschriebenen Form der gesellschaftlichen Debatte &#252;ber „1968“ eine neue „Historisierung“ treten zu lassen. Eine solche, der „Distanz im Blick“ verpflichtete Perspektive k&#246;nnte, so die Hoffnung von Kastner und Mayer, dazu beitragen, „1968“ f&#252;r linke und emanzipatorische Debatten anschlussf&#228;hig zu machen und dabei jene, dem gesellschaftlichen Status quo verpflichteten Deutungsmuster zu durchbrechen, die „1968“ entweder neokonservativ zum Ausgangspunkt allen &#220;bels erkl&#228;ren oder es als zwar notwendigen, in seiner Radikalit&#228;t jedoch &#252;bertriebenen Beginn einer im Jahr 1989 und dem Ende der Geschichte kulminierenden Liberalisierungs- und Modernisierungswelle westlicher Gesellschaften identifizieren.</p>
<h3>Bedingungen und Bewegungen</h3>
<p>Gegen derlei Verk&#252;rzungen oder Kooptationsversuche – und leider nicht immer ganz im Einklang mit den hohen, von den Herausgebern formulierten Anspr&#252;chen – wird „1968“ im Anschluss auf ca. 170 Seiten von insgesamt zw&#246;lf AutorInnen entlang von sechs bisher vernachl&#228;ssigten Dimensionen als einem globalen und transnationalen Ph&#228;nomen nachgegangen. Den Anfang macht dabei Marcel van der Linden, der die „rebellische Periode“ (23) um 1968 &#252;berblicksartig aus einem eher <em>strukturorientierten</em>, auf soziale und &#246;konomische Ver&#228;nderungsprozesse fokussierenden <em>Erkl&#228;rungsansatz </em>heraus untersucht und dabei <em>Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em> insbesondere im Hinblick auf das Zusammentreffen von studentischem Protest und Formen des Arbeitskampfes zu l&#246;sen versucht. Demnach lassen sich auf struktureller Ebene drei Faktoren ausmachen, deren Zusammenwirken „1968“ erm&#246;glichte: das starke weltweite Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit und dessen langsames Erlahmen Ende der 1960er Jahre, die allgemeine Expansion des Bildungssektors sowie der sich nach 1945 rapide beschleunigende Prozess der Dekolonisierung. Die gro&#223;e H&#228;ufigkeit von Studierendenund ArbeiterInnenprotesten sowie ihr fast weltweites Auftreten in jener Zeit w&#228;ren, so die &#220;berlegung van der Lindens, aus der Verbindung dieser strukturellen Faktoren mit „externen“ Ereignissen wie der Kubanischen Revolution sowie mit wechselseitigen Lernprozessen der vielfach auch ideologisch transnational orientierten Bewegungen und Organisationen zu erkl&#228;ren. Im Gegensatz zu dieser schl&#252;ssigen These wirken van der Lindens knappe &#220;berlegungen zu den Umst&#228;nden, unter denen ein Zusammenkommen von Studierenden- und ArbeiterInnenprotesten „1968“ m&#246;glich bzw. wahrscheinlich war, indes etwas gar kurz geraten.<br />
Jedenfalls scheinen sie kaum in der Lage, die Situation in jenen beiden L&#228;ndern zu erkl&#228;ren, die in „Weltwende 1968“ exemplarisch f&#252;r die zweite, <em>proletarische Dimension von „1968“</em> stehen und in denen Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen tats&#228;chlich eine bedeutsame Rolle spielten: Spanien und Italien. So zeigt Reiner Tossdorff unter dem Titel <em>Proletarischer und studentischer Protest unter Franco. 1968 in Spanien</em>, wie sich Studierenden- und ArbeiterInnenbewegungen hier bereits seit Mitte der 1950er Jahre in parallel verlaufenden Wellenbewegungen entwickelten und 1968 schlie&#223;lich in gemeinsamen Aktionen m&#252;ndeten. Auch wenn die spezifischen Bedingungen der Francodiktatur dabei auf das Aufkommen, die Form sowie den Verlauf der K&#228;mpfe einen entscheidenden Einfluss hatten, so war umgekehrt weder die weite Verbreitung so genannter Arbeiterkommissionen noch der Umstand, dass im Hinblick auf deren Aktivit&#228;ten „das Jahr 1968 nur einen von mehreren H&#246;hepunkten in einer aufsteigenden Phase [bildete]“ (202), auf Spanien beschr&#228;nkt. Vielmehr treffen beide Charakteristika auch auf <em>Das lange italienische 1968</em> zu, das Dario Azzellini in seinem Beitrag zu analysieren sucht. St&#228;rker noch als in Spanien und anderswo gelang es hier in der Hochphase studentischen Protests 1967-69, diesen mit den v. a. in den Industriest&#228;dten Norditaliens auftretenden Fabrikk&#228;mpfen zu verkn&#252;pfen. Wie Azzellini nachzeichnet, waren es die in jener Zeit entstandenen autonomen ArbeiterInnenstrukturen, die ein Fortf&#252;hren der K&#228;mpfe in den von versch&#228;rfter Repression, terroristischen Anschl&#228;gen von Rechts und zunehmender Radikalisierung der ArbeiterInnen gepr&#228;gten 1970er Jahren erm&#246;glichten und zugleich zum zunehmend klandestinen Rekrutierungsfeld militanten Widerstandes wurden. Der im Zusammenhang mit autonomen Kampf- und Organisationsformen zentrale Einfluss des Operaismus oder auch die gro&#223;e Bedeutung sub- und jugendkultureller Praxen verweist – wenngleich von Azzellini in ihrem Verh&#228;ltnis zur „alten“, parteif&#246;rmig und gewerkschaftlich organisierten Linken nur unzureichend analysiert – bereits auf ein drittes transnationales Moment von „1968“: die <em>Neue Linke</em> und das Auftauchen der sogenannten <em>neuen sozialen Bewegungen</em>.</p>
<h3>Neue Linke</h3>
<p>Unter dem Stichwort <em>Wende im Geschlechterverh&#228;ltnis? Feminismus und Frauenbewegung</em> widmet sich zun&#228;chst Kristina Schulz dem Feminismus der 1970er Jahre und seiner ambivalenten Beziehung zur 68er Bewegung im engeren Sinn. Diese neue, zweite Frauenbewegung sei, so Schulz, mit Blick auf Inhalte oder organisatorische Ressourcen zwar durch „1968“ und die Neue Linke entscheidend mit auf den Weg gebracht worden, h&#228;tte jedoch mit ihrer lautstarken Kritik an der Reproduktion patriarchaler Strukturen bald den offenen Bruch mit den m&#228;nnlichen Bewegungsanh&#228;ngern gesucht. Dass diese Abgrenzung v. a. in der von der Neuen Linken gepr&#228;gten Form der Provokation stattfand, wertet Schulz umgekehrt wieder als Indiz daf&#252;r, „dass die Bedeutung von ‚1968‘ f&#252;r die Entstehung der neuen Frauenbewegung kaum &#252;bersch&#228;tzt werden kann“ (49). Unabh&#228;ngig davon, welche konkrete Jahreszahl schlussendlich als „Geburtsstunde“ der neuen Frauenbewegung fungiert, wird doch deutlich, dass „1968“ hier eher den Beginn als das Ende einer Entwicklung markiert. G&#228;nzlich anders verh&#228;lt es sich demgegen&#252;ber mit dem Gegenstand von Albert Scharenbergs Artikel <em>Die B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA. Nationale und internationale Aspekte ihrer Mobilisierung und Radikalisierung im Vorfeld von „1968“</em>. Denn wie Scharenberg ersichtlich macht, erreichte der organisierte, breite Widerstand gegen die gesetzliche „Rassentrennung“ im S&#252;den der USA ausgehend von dem sogenannten <em>Montgomery Bus Boycott</em> von 1955 ihren H&#246;hepunkt bereits Mitte der 1960er Jahre in der zumindest teilweise erfolgreichen B&#252;rgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Und auch wenn es 1968 in Folge der Ermordung von King in vielen St&#228;dten zu gewaltt&#228;tigen Aufst&#228;nden der schwarzen Community kam, muss dieses Jahr selbst in Hinblick auf die in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre erstarkende, radikalisierte <em>Black-Power-</em>Bewegung als das Ende des Protestzyklus interpretiert werden. Warum die B&#252;rgerrechtsbewegung trotz dieser nur bedingten Gleichzeitigkeit ein ganz zentraler Einflussfaktor von „1968“ wurde, illustriert Scharenberg an Malcolm X, der, indem er zwischen der Unterdr&#252;ckung sozialer Gruppen in den kapitalistischen Metropolen des globalen Nordens und den antikolonialen K&#228;mpfen im globalen S&#252;den eine Verbindung herstellte, etwas von dem vorwegnahm, was aus der Sicht der Herausgeber von „Weltwende 1968“ ganz entscheidend zum transnationalen, globalen Charakters von „1968“ beitrug: die gemeinsame positive Bezugnahme auf den <em>Antikolonialismus </em>in Verbindung mit den realen Prozessen der <em>Dekolonisierung</em>.</p>
<h3>Antikoloniale Aufst&#228;nde</h3>
<p>Diesen komplexen Zusammenhang ein St&#252;ck weit offen zu legen, macht sich David Mayer in seinem Beitrag <em>Vor den bleiernen Jahren der Diktatur. 1968 in und aus Lateinamerika</em> zur Aufgabe. Als Ausgangspunkt w&#228;hlt er dabei die Kubanische Revolution, deren weltweite Anziehungskraft er v. a. darauf zur&#252;ckf&#252;hrt, dass hier ein „prononciert internationalistisches Projekt mit universalen Anspr&#252;chen“ begr&#252;ndet wurde, das als „Befreiungsverhei&#223;ung f&#252;r die gesamte Dritte Welt“ (150) nicht nur in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens als Vorbild dienen konnte, sondern auch den Phantasien der Neuen Linken in den kapitalistischen Metropolen einen konkreten Ausdruck zu geben vermochte. Dass die kubanische Revolution jedoch nicht einmal in Lateinamerika selbst eine tats&#228;chliche F&#252;hrungsrolle &#252;bernehmen konnte, verweise, so der Autor, umgekehrt auf den Charakter einer „Weltwende“, die angesichts der „Vielstimmigkeit der Akteure“ (147) ohnehin nie den Charakter einer Revolution im engeren Sinne gehabt habe. Gleichzeitig w&#228;re es freilich falsch, „1968“ in Lateinamerika auf Kuba zu reduzieren. Denn wie Mayer abschlie&#223;end darstellt, entstanden insbesondere w&#228;hrend „1968 im engeren Sinne“, d. h. zwischen 1967 und 1969, auch in anderen L&#228;ndern des Kontinents eine Vielzahl von Protesten und Revolten, die etwa im argentinischen <em>cordobazo </em>oder in Mexiko durch die Verbindung von Studierenden- und ArbeiterInnnenprotesten &#252;beraus wirkungsm&#228;chtig wurden. Durchaus w&#252;nschenswert w&#228;re ein solcher &#220;berblick &#252;ber die Situation in verschiedenen L&#228;ndern indes auch im Hinblick auf die Entwicklungen in Afrika gewesen, hat Amadou Lamine Sarrs Beitrag <em>Mai 68 im Senegal. Fortsetzung des Unabh&#228;ngigkeitsprozesses in Afrika?</em> – anders als im Titel angek&#252;ndigt – doch weitgehend den Charakter einer einzelnen L&#228;nderstudie. Denn auch wenn der Autor in Senegal lediglich ein Fallbeispiel f&#252;r die Situation in jenen westafrikanischen Staaten zu sehen scheint, die in den 1960er Jahren trotz formaler Unabh&#228;ngigkeit mit strukturellen Abh&#228;ngigkeiten, neokolonialistischen Projekten europ&#228;ischer Regierungen und best&#228;ndigen gesellschaftlichen Krisen zu k&#228;mpfen hatten, so bleibt letztlich unklar, ob und wenn ja, wie und aus welchen spezifischen Problemkonstellationen heraus sich der Widerstand der lokalen Bev&#246;lkerungen im Rahmen eines „afrikanischen Mais 68“ (142) auch in anderen afrikanischen L&#228;ndern in derart massiver Art und Weise als de facto „Volksaufstand“ (141) artikulieren konnte wie im Senegal. Auch bleibt im Dunklen, wie und warum dort die zun&#228;chst v. a. von Studierenden getragene, sich in Folge einer Solidarisierungswelle unzufriedener Sch&#252;lerInnen und ArbeiterInnen aber mehr und mehr verbreiternde Protestbewegung letztlich zum Erliegen kam.</p>
<h3>Revolte im „Realsozialismus“</h3>
<p>Dass sich diese Revolte im Senegal v. a. aus dem Gef&#252;hl eines uneingel&#246;sten Versprechens (in diesem Fall das der Dekolonisierung) speiste, verbindet sie indes mit jenen Entwicklungen und Umbr&#252;chen, die „1968“ in <em>Ost- und S&#252;dosteuropa</em> stattfanden. Wie Boris Kanzleiter in seinem Text <em>Die affirmative Revolte. 1968 in der Sozialistischen F&#246;derativen Republik Jugoslawien (SFRJ)</em> betont, waren es hier die Versprechen des Kommunismus in seiner konkreten Ausformung des jugoslawischen „Modells“ selbst, die von der Protestbewegung – gepr&#228;gt durch die Neue Linke – in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre gegen die bestehenden autorit&#228;r-hierarchischen Machtverh&#228;ltnisse und die Privilegienwirtschaft der „roten Bourgeoisie“ eingefordert wurden. Obschon m&#246;gliche nichtstudentische Proteste und der tats&#228;chliche Verlauf der K&#228;mpfe unterbelichtet bleiben, wird die auf einer „Verschr&#228;nkung der partikularen jugoslawischen Erfahrungen mit politischen und intellektuellen Impulsen aus dem Westen und Osten“ beruhende „Originalit&#228;t“ (110) des jugoslawischen „1968“ in diesem Beitrag &#252;beraus anschaulich dargestellt. Dies mag auch daran liegen, dass Kanzleiter darauf verzichtet, „1968“<br />
als „Generalprobe“ f&#252;r den Systemwechsel von 1989“ (101) und damit den vermeintlich zwangsl&#228;ufigen Zerfall Jugoslawiens zu interpretieren; dieser sei, so die Position des Autors, durch den Aufbruch der kritischen Intelligenz „1968“ letztlich zwar erm&#246;glicht worden, w&#228;re aber nicht die Intention der vor der „zersetzenden Mobilisierung des Nationalismus&#8221; (102f.) ohnehin warnenden AktivistInnen gewesen. Einen etwas anderen, n&#228;her am vorherrschenden Liberalisierungsdiskurs orientierten Erkl&#228;rungsansatz verfolgt demgegen&#252;ber Dieter Segert, wenn er in seinem Beitrag &#252;ber <em>Prag 1968</em> die Entwicklungen jenes Jahres als die „Geburt der Zivilgesellschaft aus dem Inneren der Gesellschaft heraus“ (128) bezeichnet. Daher widmet er seine Aufmerksamkeit neben der Ebene der herrschenden Partei und des Staates, d. h. insbesondere dem von den Reformkommunisten um Dub&#196;ek vorangetriebenen sogenannten Aktionsprogramm, in erster Linie jener „lebendigen &#214;ffentlichkeit“, die sich im Rahmen des Prager Fr&#252;hlings ab M&#228;rz 1968 herausbilden konnte. Auch wenn Segert die mit diesem Prozess einhergehende Pluralisierung der gesellschaftlichen Akteure zurecht als Argument gegen die noch immer weit verbreitete These von der angeblich „totalit&#228;ren“ Machtaus&#252;bung im sogenannten Ostblock ins Felde f&#252;hrt, wird doch nicht so recht ersichtlich, wer diese Akteure genau waren und mit welchen inhaltlichen Forderungen sie die Formel vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts eigentlich f&#252;llten.</p>
<h3>Ideen der Befreiung</h3>
<p>Als sechstem und letztem Themenblock widmet sich „Weltwende 1968“ schlie&#223;lich der Rolle von Ideen, intellektuellen Praktiken und ihren AkteurInnen. Zun&#228;chst zeichnet Jens Kastner unter dem Titel <em>Kunstproposition und K&#252;nstlerfaust. Bildende Kunst um 1968</em> nach, wie es Ende der 1960er Jahre parallel zur Politisierung der Gesellschaft und der Entstehung sozialer Bewegungen zu einer Radikalisierung k&#252;nstlerischer Verfahren und Strategien kam und infolgedessen die vielfach herbeigesehnte „Vers&#246;hnung von politischer Avantgarde und Avantgardismus in Sachen Kunst und Lebenskunst“ (55) zum Greifen nahe schien. So gewannen nicht nur aus dem Feld der Kunst heraus aufgeworfene Fragen einen eminent politischen Charakter, sondern es entwickelten sich auch k&#252;nstlerische Initiativen und Projekte, die explizit auf politische Themen Bezug nahmen oder sich von Anfang an gesellschaftspolitisch verorteten. Zudem gelang auch durch manche Aktionsformen oder die gemeinsame, kollektive Organisierung zumindest teilweise die &#220;berwindung des strukturellen Gegensatzes zwischen dem Feld der Kunst und jenem der Politik. Eine solche Ann&#228;herung gesellschaftlich tendenziell getrennter Bereiche fand rund um „1968“ indes auch anderweitig statt: die <em>Theologie der Befreiung: Medellín 1968</em> steht stellvertretend f&#252;r jene Politisierung der Katholischen Kirche, die Martina Kaller-Dietrich mit Blick auf Lateinamerika verfolgt. Dabei zeigt die Autorin, wie die Theologie der Befreiung aus dem Zusammenspiel kircheninterner Entwicklungen, engagierter Theologen sowie dem Einfluss der ebenfalls aus Lateinamerika stammenden Denkschule der Dependenztheorie entstehen konnte und wie diese durch die &#220;bersetzung der „theologischen Kategorie der Erl&#246;sung (…) in die politische Kategorie der Befreiung“ eine z. T. revolution&#228;re und militaristische Wirkmacht zu entwickeln vermochte. Da sowohl die Theologie der Befreiung als auch die Dependenztheorie jedoch neben ihrer „systemtranszendierenden“ immer auch eine „systemimmanente“ Dimension beinhalteten, waren beide, so das Fazit der Autorin, nicht in der Lage, die US-amerikanische und europ&#228;ische Entwicklungspolitik <em>in toto</em> in Frage zu stellen und sich so der sp&#228;teren Vereinnahmung zu entziehen. Um die mit einer solchen Vereinnahmung einhergehende Verbreitung und Universalisierung, letztlich aber auch Entleerung zentraler Begriffe und Kategorien geht es schlie&#223;lich auch in Berthold Moldens Text <em>Genozid in Vietnam. 1968 als Schl&#252;sselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses</em>. Der Autor entwickelt darin die These, dass im Hinblick auf die Genese eines universellen Menschenrechts- und Holocaustdiskurses das Jahr 1968 als ein „Schl&#252;sseljahr“ (88) aufgefasst werden m&#252;sse. Wie Molden am Beispiel des von Jean-Paul Sartre geleiteten Russell-Tribunals illustriert, verband sich in den Jahren rund um „1968“ die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit nationalen Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfen und Prozessen der Entkolonialisierung sowie einer spezifischen Form marxistischer Kapitalismusanalyse auf derart spezifische Weise, dass in den Augen vieler linker Intellektueller das Herstellen einer Analogie zwischen dem Holocaust und dem US-Imperialismus in Vietnam legitim und notwendig erschien. Infolge der Verbreitung dieses relativistischen Vergleichs habe, so Molden in seinem Fazit, der Genozid-Begriff schlie&#223;lich jenem universalen Wertekanon zugearbeitet, mit dem heute Angriffskriege legitimiert werden.</p>
<h3>Globale Dynamiken</h3>
<p>Nach diesem Ritt durch die einzelnen Beitr&#228;ge von „Weltwende 1968“ stellt sich nat&#252;rlich die Frage, ob dieser Sammelband mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Um es kurz zu machen: er ist. Denn das Konzept der beiden Herausgeber geht insofern auf, als die zw&#246;lf Texte, indem sie bisher unterbelichtete Aspekte zutage f&#246;rdern, tats&#228;chlich „den Blick verschieben“ und „1968“ als komplexes und mehrdimensionales Ph&#228;nomen darstellen, das sich monokausalen Erkl&#228;rungsmustern und platten Beurteilungsma&#223;st&#228;ben von vorne herein entzieht. Zugleich liegt in der offen gelegten Komplexit&#228;t jedoch auch die Problematik der Herangehensweise des Sammelbandes: dort, wo das globalgeschichtliche Vorhaben seinen Ausdruck in der Hinwendung zu bis dato vernachl&#228;ssigten Weltregionen und geographischen Orten (Afrika, Ost- und S&#252;dosteuropa, Lateinamerika) findet, werden diese angesichts der K&#252;rze der Ausf&#252;hrungen notwendigerweise auf einzelne L&#228;nder reduziert, deren Repr&#228;sentativit&#228;t f&#252;r den jeweiligen Raum wiederum fragw&#252;rdig bleibt. Und dort, wo sich der Fokus bewusst auf globale Praxen und transnationale Akteure (Antikolonialismus, Neue soziale Bewegungen usw.), richtet, drohen diese die je spezifische, durch innergesellschaftliche K&#228;mpfe und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse oder bestimmte soziale Gruppen gepr&#228;gte Dynamik einzelner Situationen zu &#252;berdecken und eine Gleichzeitigkeit und Homogenit&#228;t von „1968“ zu suggerieren, die so nie existierte. Um dieser Falle – von der die Herausgeber freilich wissen, das beweist schon der gegen Wallersteins Begriff der „Weltrevolution“ gerichtete Titel ihres Buches –, zu entgehen, und in „1968“ dennoch mehr als „ein widerspr&#252;chliches Nebeneinander von ,Ungleichzeitigkeiten im Zusammenhang‘ und ,zusammenhangslosen Gleichzeitigkeiten‘“ (156) erkennen zu k&#246;nnen, wird es in Zukunft wohl verst&#228;rkt vonn&#246;ten sein, sowohl Akteurs-, L&#228;nder- oder Regionalstudien im Weltma&#223;stab zu vertiefen, als auch eine vergleichende, transnationale wie transsektorale Perspektive weiter voranzutreiben.</p>
<h3>Klassen und K&#228;mpfe</h3>
<p>Wenn „Weltwende 1968“ gerade f&#252;r die Verbindung beider Aspekte einen zwar nicht perfekten, aber doch sehr viel versprechenden Ausgangspunkt darstellt, so legt demgegen&#252;ber „1968 und die Arbeiter. Studien zum ,proletarischen Mai‘ in Europa“ seinen Schwerpunkt ganz eindeutig auf die Analyse einer einzelnen sozialen Gruppe innerhalb einer klar umrissenen Region. Wie die beiden Herausgeber Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn bereits in ihrer Einleitung unumwunden zugeben, krankt dieser Sammelband indes in mehrfacher Hinsicht an Verk&#252;rzungen und Auslassungen: so werden neben der soziologischen Untergliederung der ArbeiterInnenschaft oder der speziellen Rolle von MigrantInnen etwa geschlechterspezifische Fragen bestenfalls am Rande in die Untersuchungen miteinbezogen; diese Insensibilit&#228;t gegen&#252;ber dem Thema der Geschlechterverh&#228;ltnisse dr&#252;ckt sich nicht zuletzt in einem katastrophal niedrigen Anteil von Autorinnen aus. Gleiches muss im &#220;brigen f&#252;r „Weltwende 1968“ gesagt werden. Vor dem Hintergrund des globalgeschichtlichen Ansatzes von Kastner und Mayer besonders bedauerlich ist auch, dass transnationale Zusammenh&#228;nge und Interaktionen – wiewohl in ihrer Wichtigkeit von den Herausgebern eingangs betont – in den einzelnen Beitr&#228;gen von „1968 und die Arbeiter“ kaum eine Rolle spielen. Einzig der den insgesamt drei, jeweils durch mehrere Texte repr&#228;sentierten Themenbl&#246;cken Deutschland, Mittel- und Osteuropa sowie Westeuropa vorangestellte Text <em>Arbeiter und „1968“ in Europa: Ein &#220;berblick</em> von Gerd-Rainer Horn nimmt eine vergleichende Perspektive ein. Hier entwickelt der Mitherausgeber mit Blick v. a. auf Westeuropa zun&#228;chst den Begriff „proletarischer Mai“ als „Chiffre und Symbol f&#252;r die gesamte Welle von Mobilisierungen der Arbeiterschaft“ (31), die, wie Horn anhand quantitativer Daten und qualitativer Ver&#228;nderungen zeigt, 1962 ihren Ausgang nahm, sich ab 1968/69 zuspitzte und schlussendlich um das Jahr 1976 ein Ende fand. Wenngleich diese Mobilisierungswelle beinahe alle europ&#228;ischen L&#228;nder erfasste – &#252;ber m&#246;gliche, z.B. strukturelle Gr&#252;nde hierf&#252;r erf&#228;hrt der/die LeserIn leider nichts –, so d&#252;rfe von einem „proletarischen Mai“ im engeren Sinne jedoch nur in jenen L&#228;ndern gesprochen werden, „in denen die realexistierenden Arbeiterk&#228;mpfe ma&#223;geblich das nationale politische Klima (mit)bestimmten“ (40), d.h. in Belgien, Frankreich, Italien, Portugal und Spanien einerseits und der Tschechoslowakei und Polen andererseits. Da diese K&#228;mpfe in den Augen von Horn neben materiellen, die Arbeitszeit und den Reallohn betreffenden Verbesserungen insbesondere qualitative Ver&#228;nderungen anstie&#223;en und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen entschieden vergr&#246;&#223;erten, gelangt der Autor zum Fazit, „dass die psychologischen Erfahrungen der Befreiung die allerwichtigste Errungenschaft der Jahre um 1968 war“ (49). Auch wenn an dieser Stelle zumindest ein kurzer Hinweis auf die Endogenisierung dieser „Revolution in den K&#246;pfen“ (49) infolge der neoliberalen Restrukturierung des Kapitalismus ab Mitte der 1970er Jahre w&#252;nschenswert gewesen w&#228;re, so ist dieser These mit Blick auf die folgenden dreizehn Analysen des „proletarischen Mai“ in Westeuropa zun&#228;chst zweifelsohne zuzustimmen.</p>
<h3>Wilde Streiks in Deutschland</h3>
<p>Den Anfang machen dabei vier Texte, die sich der Situation in Deutschland annehmen und in ihren unterschiedlichen methodologischen Zug&#228;ngen, Zeithorizonten und sich z.T. widersprechenden Aussagen bereits als typisch f&#252;r den Facettenreichtum von „1968 und die Arbeiter“ gelten k&#246;nnen. Zun&#228;chst untersucht Peter Birke in seinem Beitrag<em> Der Eigen-Sinn der Arbeitsk&#228;mpfe. Wilde Streiks und Gewerkschaften in der Bundesrepublik vor und nach 1969</em>, wie es den ArbeiterInnen in Westdeutschland zwischen dem Ende der 1950er und der Mitte der 1970er Jahre mittels der Transformation ihrer Streikkultur gelang, sich der Disziplinierung durch Gewerkschaften und staatliche Repressionsorgane teilweise zu entziehen. Obwohl sich im Rahmen wilder Streiks die Vielfalt und Differenziertheit der ArbeiterInnenschaft artikulieren konnte und es gelang, den Anspruch auf die Demokratisierung der Arbeitsbeziehungen offensiv zu vertreten, f&#228;llt das &#252;berzeugende Fazit Birkes doch ambivalent aus; schlie&#223;lich waren die wilden Streiks z.T. durch Rassismus und nationalstaatliche Begrenztheit gekennzeichnet und brachten mit ihrem Angriff auf die „historische Fabrik“ (75) die Modernisierung kapitalistischer (Arbeits-)Verh&#228;ltnisse mit auf den Weg. Vor dem Hintergrund dieser gelungenen Analyse der wilden Streiks mutet es zun&#228;chst &#252;berraschend an, wenn Karl Lauschke in <em>Der Wandel in der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessensvertretung nach den westdeutschen Septemberstreiks</em> betont, dass die Gewerkschaften „1968“ infolge der gesellschaftlichen Politisierung nicht nur einen massiven Mitgliederzulauf erfuhren, sondern sich auch von innen heraus zu wandeln begannen. Anhand eines Beispiels aus der gewerkschaftlichen Praxis wird jedoch deutlich, wie die Hinwendung zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen und Forderungen entscheidend von einer neuen Generation von AktivistInnen und ArbeiterInnen in den Betrieben selbst ausging und nicht das Ergebnis einer erst von „oben“ oder von den protestierenden Studierenden von „au&#223;en“ angesto&#223;enen Dynamik war. Scheint im Hinblick auf die Bundesrepublik die These, „1968“ w&#228;re eine „Z&#228;sur in den industriellen Beziehungen“ (77) gewesen, weitgehend unumstritten zu sein, so zeigen die beiden folgenden Beitr&#228;ge, dass dies mit Blick auf die DDR offensichtlich keineswegs der Fall ist. Michael Hoffmann sieht, so macht er gleich zu Beginn seines Textes <em>„Solidarit&#228;t mit Prag“. Arbeiterproteste 1968 in der DDR</em> deutlich, das Jahr 1968 in der DDR „nicht als Beginn einer Umw&#228;lzung oder kulturellen Bewegung und &#214;ffnung“ (92). Vielmehr w&#228;ren, so die These des Autors, die von ArbeiterInnen getragenen Proteste gegen die Unterdr&#252;ckung des Prager Fr&#252;hlings „das letzte Aufflackern eines autonomen Arbeiterprotests“ (ebd.) gewesen, in deren Folge neben dem traditionellen Arbeitermilieu auch die gelegenheitsorientierten, unqualifizierten ArbeiterInnen keinen Widerstand gegen die DDR-F&#252;hrung mehr geleistet h&#228;tten. Dieser Deutung der ArbeiterInnenschaft als letztlich kulturell und &#246;konomisch inkorporierten und daher befriedeten Klasse widerspricht nun Bernd Gehrke in seinem Beitrag vehement. <em>1968 – das unscheinbare Schl&#252;sseljahr der DDR</em> sei demnach vielmehr als „Kreuzungs- und Umschlagpunkt zweier entgegenlaufender Entwicklungslinien des gesellschaftspolitischen Konfliktverhaltens der Arbeiterschaft“ (103) zu begreifen. Wenngleich der Autor mit Hoffmann noch insofern &#252;bereinstimmt, als auch er den Protest gegen den Einmarsch in der &#196;SSR als das „letzte, rudiment&#228;re Aufb&#228;umen eines traditionellen Arbeiterwiderstandes in der DDR“ (104) auffasst, so interpretiert er bereits diesen Protest im Unterschied zu Hoffmann als von einer „grunds&#228;tzlichen Distanz der Arbeiterschaft zum SED-Regime“ (106) gepr&#228;gt. Vollends offenbaren sich die gegens&#228;tzlichen Einsch&#228;tzungen der beiden Autoren, wenn Gehrke mit dem Ende des traditionellen Arbeiterwiderstandes neue, au&#223;erbetriebliche Formen des Kampfes und Protestes aufbl&#252;hen sieht. Insbesondere in den verschiedenen Jugendkulturen und deren regelm&#228;&#223;igen Konflikten mit der Staatsmacht erkennt er die „antifordistische Revolte“ (104) einer jungen, nach pers&#246;nlichen Freiheiten und besseren Arbeitsbedingungen strebenden Generation.</p>
<h3>Im Osten was Neues?</h3>
<p>Ob es diesen entlang der Generationen verlaufenden Bruch zwischen unterschiedlichen Protestformen auch in <em>Mittel und Osteuropa</em> gegeben hat, l&#228;sst sich anhand der je zwei Beitr&#228;ge zur Tschechoslowakei und Polen nicht generell ausmachen. Wie Peter Heumos in seiner Langzeitstudie <em>Betriebsr&#228;te, Betriebsaussch&#252;sse der Einheitsgewerkschaft und Werkt&#228;tigenr&#228;te. Zur Frage der Partizipation in der tschechoslowakischen Industrie vor und im Jahr 1968</em> nachzeichnet, agierten jungen ArbeiterInnen in der Tschechoslowakei 1968 im Rahmen einer langen, von Widerst&#228;ndigkeit gegen&#252;ber Partei- und Gewerkschaftsf&#252;hrung gepr&#228;gten Tradition betrieblicher Selbstorganisation. Da ihr kollektiver Gleichheitsanspruch dem Modernisierungsprogramm der Reformkommunisten entgegen stand, geht der Autor von einer gewissen, durch die „&#220;berintegration in das betriebliche soziale Milieu“ (159) verst&#228;rkten Distanz der ArbeiterInnenschaft zur Bewegung des Prager Fr&#252;hlings aus. Demnach w&#228;re auch die Begeisterung, die das im Aktionsprogramm angesto&#223;ene System der „Werkt&#228;tigenr&#228;te“ (153) auch bei ArbeiterInnen ausl&#246;ste, mehr auf dessen symbolische Bedeutung f&#252;r die Reform der Einheitsgewerkschaft und die nationale Souver&#228;nit&#228;t denn auf ein tats&#228;chlich organisches Verh&#228;ltnis von ArbeiterInnenschaft und kommunistischer Partei zur&#252;ckzuf&#252;hren. Demgegen&#252;ber nimmt der Beitrag von Lenka Kalinová, in dem sie <em>Das Verhalten der tschechischen Arbeiterschaft im Jahre 1968</em> zu ergr&#252;nden versucht, eine v. a. hinsichtlich der Reformkommunisten weit weniger kritische Perspektive ein. Nach einer &#252;berblicksartigen Darstellung der langfristigen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg, des Verh&#228;ltnisses der (tschechischen) ArbeiterInnenschaft zur KP sowie der wirtschaftlichen und sozialen Reformen der Jahre vor 1968 konzentriert sie sich im weiteren Verlauf des Textes auf den Prager Fr&#252;hling und den ihrer Meinung nach existierenden Konsens zwischen ArbeiterInnenschaft und Reformkommunisten. Leider wird an dieser Stelle das Verh&#228;ltnis der ArbeiterInnen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen (etwa den Studierenden) nur am Rande und in etwas gar pathetisch-affirmativen Worten thematisiert, so dass die abschlie&#223;enden Ausf&#252;hrungen zur Frage, „wie die Arbeiterschaft die ‚Erneuerung der alten Ordnung‘ zulassen konnte“ (181) an einer verengten Perspektive kranken. Einen demgegen&#252;ber weiteren Blick legt Andrea Genest an den Tag, die in ihrem Text <em>Zwischen Anteilnahme und Ablehnung – die Rollen der Arbeiter in den M&#228;rzereignissen 1968 in Polen</em> drei miteinander verflochtene Ebenen f&#252;r den konkreten Verlauf dieser M&#228;rzereignisse verantwortlich macht: demnach f&#252;hrte ein Machtkampf an der Spitze der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei dazu, dass auf studentische Proteste gegen Zensur und f&#252;r eine Demokratisierung des Systems vom Regime im M&#228;rz 1968 nicht nur mit harten Repressionsma&#223;nahmen, sondern auch durch das Lostreten einer beispiellosen antisemitischen Hetzkampagne reagiert wurde. Im Verlauf dieser studentischen Proteste nahmen die ArbeiterInnen eine, so Genest, &#252;beraus ambivalente Rolle ein, waren sie doch sowohl an der Unterst&#252;tzung als auch der Niederschlagung dieser Proteste beteiligt. Dass es trotz entsprechender Versuche der Studierenden nicht gelang, auf breiter Basis Koalitionen mit den ArbeiterInnen zu schmieden, f&#252;hrt die Autorin auf soziale Differenzen, die Zugeh&#246;rigkeit zu unterschiedlichen Generation sowie die besonders bei &#228;lteren ArbeiterInnen erfolgreiche antisemitische Kampagne der Regierung zur&#252;ck. Warum der politische Protest mit der Niederlage vom M&#228;rz 1968 jedoch keineswegs zu einem Ende kam und warum es gerechtfertigt scheint, auch in Polen von einem „proletarischen Mai“ zu sprechen, versucht demgegen&#252;ber Marcin Zaremba mit dem Konzept der „relativen Benachteiligung“ zu erkl&#228;ren. In <em>Am Rande der Rebellion. Polnische Arbeiter am Vorabend des Arbeiteraufstandes im Dezember 1970</em> weist er mit Blick auf die wirtschaftliche und demographische Lage zwischen 1956 und 1970 anhand der konkreten Aussagen von ArbeiterInnen nach, dass sich in dieser Periode insbesondere bei jungen ArbeiterInnen neue, ma&#223;geblich durch weltweite kulturelle Trends gepr&#228;gte Erwartungen und Anspr&#252;che an Arbeit und Leben herausbildeten, die angesichts der Realit&#228;t in Polen notwendigerweise entt&#228;uscht werden mussten. Die hieraus erwachsenden Frustrationserlebnisse w&#228;ren, so die These Zarembas, einer der zentralen Gr&#252;nde f&#252;r den Ausbruch der ArbeiterInnenunruhen an der Ostseek&#252;ste gewesen, die im Dezember 1970 infolge eines Milit&#228;reinsatzes 45 Menschen das Leben kosteten.</p>
<h3>K&#228;mpfende Koalitionen</h3>
<p>Eine derartige Eskalation war in Belgien – jenem Land, dem sich der erste von insgesamt f&#252;nf Beitr&#228;gen zu Westeuropa widmet – undenkbar. In <em>Mai ‘68 und die Welt der Arbeiter in Belgien</em> zeigt Rik Hemmerijckx, warum nationale Besonderheiten eine Ausdehnung des franz&#246;sischen Generalstreiks auf Belgien grade 1968 verhinderten und wie sich dennoch ab 1969 eine Welle von wilden Streiks entwickeln konnte, die nicht nur wie anderswo haupts&#228;chlich von jungen ArbeiterInnen und MigrantInnen getragen wurde, sondern teilweise auch in die Bildung selbstorganisierter ArbeiterInnenkomitees m&#252;ndete. Wenngleich diese wilden Streiks ebenso wie verschiedenste studentische Interventionen gesamtgesellschaftlich ein Randph&#228;nomen blieben, &#252;bte „1968“ in den Augen von Hemmerijckx zumindest auf die Gewerkschaften einen ma&#223;geblichen Einfluss aus, h&#228;tten diese in der Aufnahme von Forderungen aus der Protestbewegung doch ein erfolgreiches Mittel zur &#220;berwindung ihrer eigenen Krise gefunden. Ein &#228;hnliches Interesse an der systemerhaltenden Wirkung von Inkorporationsstrategien w&#228;re dem Beitrag von Frank Georgi sicherlich zugute gekommen. So aber bleibt <em>Selbstverwaltung: Aufstieg und Niedergang einer politischen Utopie in Frankreich von den 1968er bis zu den 80er Jahren</em> ein zwar ideengeschichtlich spannender, dar&#252;ber hinaus aber etwas unbefriedigender Blick auf die Karriere des Begriffs <em>autogestion</em>. Wie Georgi nachzeichnet, entwickelte dieser sich – ma&#223;geblich getragen von der Gewerkschaft CFDT – ab Mitte der 1960er Jahre zur universalistischen Formel f&#252;r die Idee einer „realistischen Utopie“ (258) und schlie&#223;lich zum „Kennwort“ (260) der Revolte vom Mai 1968. Obwohl es gleichzeitig kaum zu einer Konkretisierung der Idee im Sinne einer fl&#228;chendeckenden Selbstorganisation von ArbeiterInnen kam, nahm in den 1970er Jahren nicht nur die Popularit&#228;t des Begriffs weiter zu, sondern wurde auch der Geltungsbereich der Selbstverwaltung zunehmend auf alle Aspekte des sozialen Lebens ausgeweitet. Die Frage, warum die ihrer wirtschaftlichen und z.T. auch marxistischen Dimension nun zunehmend entkleidete Idee dann in den 1980er Jahren einen rapiden Niedergang erlebte, hinterl&#228;sst den Autor demgegen&#252;ber weitgehend ratlos; hier k&#246;nnte z.B. Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ zweifelsohne Antworten liefern. Einen im Vergleich zu Georgi eher historisch-konkreten Ansatz w&#228;hlt Reiner Tosstorff, dessen Text <em>Spanien: 1968 und die Arbeiter – eine andere Bewegung?</em> im Wesentlichen eine komplexe, mit Einzelheiten und Statistiken angereicherte Version seines Beitrags in „Weltwende 1968“ darstellt. Auch die Ausf&#252;hrungen von Marica Tolomelli und Vittorio Rieser zu Italien wiederholen manches, was so schon in Dario Azzellinis Text zum <em>langen italienischen 1968</em> zu lesen war. Dass es trotzdem lohnend ist, sich <em>Studenten und Arbeiter 1968 in Italien. M&#246;glichkeiten und Grenzen eines schwierigen Verh&#228;ltnisses sowie Studenten, Arbeiter und Gewerkschaften in Italien zwischen 1968 und den 1970 Jahren</em> zu Gem&#252;te zu f&#252;hren, liegt an der im Vergleich zu Azzellini ungleich feineren Analyse, der Tolomelli und Rieser die einzelnen Akteure und die gesamtgesellschaftlichen Voraussetzungen in Italien unterziehen. Insbesondere die detaillierte Darstellung der italienischen Arbeitswelt, der Gewerkschaften sowie der theoretischen Ausrichtung und aktivistischen Praxis der radikalen Linken wei&#223; hier zu &#252;berzeugen.</p>
<h3>Proletarische Potentiale</h3>
<p>Diese beiden abschlie&#223;enden Beitr&#228;ge zu Italien stehen dabei zugleich stellvertretend f&#252;r eine gro&#223;e St&#228;rke von „1968 und die Arbeiter“. Indem sie das Verh&#228;ltnis von Studierendenrevolte, ArbeiterInnenprotesten und gewerkschaftlicher Organisierung in seiner ganzen Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit abbilden, entziehen sie jenen Deutungen den Boden, die in „1968“ ausschlie&#223;lich den Aufbruch einer neuen, nicht gewerkschaftlich organisierten Linken sehen m&#246;chten und dabei die vielf&#228;ltigen Verbindungslinien und Kontinuit&#228;ten zwischen „alter“ und „neuer“ Linken ausblenden. Da die Analyse derart komplexer Zusammenh&#228;nge die genaue Kenntnis der je spezifischen, oftmals von nationalen Dynamiken gepr&#228;gten Situationen n&#246;tig macht, entfaltet der Sammelband hier – selbstredend v. a. im Hinblick auf die Rolle der ArbeiterInnen – sein st&#228;rkstes Potential. Dass es ihm zugleich an einer wirklich transnationalen und vergleichenden Perspektive mangelt und so manches Mal der Eindruck einer blo&#223;en Addition kleinteiliger L&#228;nderstudien aufkommt, wurde schon angesprochen und auch von den Herausgebern als Defizit erkannt. Doch auch wenn infolgedessen zentrale Fragen – etwa nach dem Grad der Vernetzung und Kommunikation zwischen den nationalen ArbeiterInnenprotesten oder nach dem Einfluss des von Kastner und Mayer betonten Internationalismus auf die ArbeiterInnenschaft – unbeantwortet bleiben, so tr&#228;gt „1968 und die Arbeiter“ ma&#223;geblich dazu bei, die Auseinandersetzung mit „1968“ im deutschsprachigen Raum um eine zentrale Perspektive zu erweitern. Dies ist kein geringer Verdienst, &#246;ffnet doch gerade der Fokus auf die Rolle der ArbeiterInnen, auf Betriebsbesetzungen, selbstorganisierte ArbeiterInnenkomitees oder Formen militanten Widerstandes den Blick auf die Radikalit&#228;t von „1968“. Erst so wird begreiflich, wie breit der M&#246;glichkeitshorizont war, der sich damals er&#246;ffnete, und wie weit wir heute davon entfernt sind.</p>
<p>Kastner, Jens/ Mayer, David (Hg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008</p>
<p>Gehrke, Bernd/ Horn, Gerd-Rainer (Hg.): 1968 und die Arbeiter. Studien zum „proletarischen Mai” in Europa, Hamburg 2007</p>
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		<title>Prolet und Prophet</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:52:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.<br />
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<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Offizielle Stellungnahmen der &#228;gyptischen Regierungsbeh&#246;rden zur eskalierenden Bewegung versuchten die Verantwortung der Muslimbruderschaft und vom Ausland finanzierten </span><em>agents provocateurs</em><span lang="DE"> in die Schuhe zu schieben. Dies passt hervorragend in die bisherige Vorgehensweise der &#228;gyptischen herrschenden Klasse in der Auseinandersetzung mit jeglicher Art von Opposition. Wenn nur das Wort „Muslimbruderschaft“ f&#228;llt, gilt das seit jeher als Legitimation, um mit &#228;u&#223;erster H&#228;rte gegen Kritik am Regime vorzugehen. Tats&#228;chlich ist die Muslimbruderschaft die gr&#246;&#223;te politische Oppositionskraft in &#196;gypten. Doch ihre Rolle im „ArbeiterInnenaufstand“ des vergangenen Jahres war relativ marginal gemessen an ihrer Gr&#246;&#223;e und ihrer oppositionspolitischen St&#228;rke. Auch andere politische Gruppierungen, insbesondere der Linken, hatten bisher nur wenige Kontakte zur ArbeiterInnenbewegung etablieren k&#246;nnen. Was waren die Beweggr&#252;nde und Motive f&#252;r den Ausbruch der Streikbewegung und in welchem Verh&#228;ltnis steht sie zur politischen Opposition?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">&#214;konomische Restrukturierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die &#228;gyptische Wirtschaft befindet sich seit den fr&#252;hen 1990er Jahren in einer Umbruchsphase. Infolge der Verstaatlichungspolitik unter Gamal Abdel Nasser in den 1960er Jahren war ein gro&#223;er Teil der Wirtschaft, besonders die Gro&#223;industrie, in staatlicher Hand und ArbeiterInnen genossen durch klientelistische Politik immerhin gewisse soziale Sicherheiten. In einem Interview meinten zwei der Streikf&#252;hrer der Mahalla Textilfabrik, Muhammad ‘Attar und Sayyid Habib, dass sie die niedrigen L&#246;hne bisher nur deswegen akzeptiert hatten<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, weil sie als ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Sektor zumindest eine Jobgarantie f&#252;rs Leben haben und Rente bekommen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Doch selbst diese minimalen Sicherheiten sind nun in Gefahr.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Mubarak-Regime vollf&#252;hrte seit 1991 eine scharfe Trendwende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, nachdem ein „Economic Reform and Structural Adjustment Program“ mit IWF und Weltbank unterzeichnet wurde.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Trotz einer Reihe von Streiks wurden hunderte Betriebe privatisiert oder geschlossen, tausende ArbeiterInnen arbeitslos gemacht und L&#246;hne seither nicht mehr angehoben oder an die Inflation angeglichen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Kontrolle des Privatkapitals &#252;ber die Baumwollindustrie stieg zum Beispiel von 1992 bis 2000 von 8 auf 58 Prozent.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gleichzeitig fand eine Verschiebung der &#246;ffentlichen Investitionen statt. Der Staat investierte nicht mehr in die Landwirtschaft, Industrie und (Aus-)Bildung, sondern nun profitierten Finanziers und besonders ImmobilienspekulantInnen von der staatlichen Wirtschaftspolitik.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Durch Korruption und die Verschmelzung von politischer und &#246;konomischer Macht profitiert &#196;gyptens „politische Klasse“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> vom Ausverkauf. Eine kleine Minderheit wird reicher, alle anderen &#228;rmer. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ma&#223;nahmen, die die &#228;gyptische Exportwirtschaft beleben und ausl&#228;ndisches Kapital nach &#196;gypten locken sollten, konnten jedoch die &#246;konomische Krise Ende der 90er Jahre nicht verhindern. Die Antwort der Regierung war eine noch radikalere neoliberale Offensive. Eines der wichtigsten Ziele dieser Offensive liegt in der Privatisierung des traditionell wichtigen und gr&#246;&#223;ten industriellen Sektors, der Textilindustrie. In einer Serie von Arbeitsk&#228;mpfen haben sich TextilarbeiterInnen seit 2004 gegen die Zerschlagung des staatlichen Sektors gewehrt. Diese K&#228;mpfe kamen im vergangenen Jahr zu ihrem H&#246;hepunkt, als sich die Bewegung auf andere Sektoren auszubreiten begann.<o></o></span></p>
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<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">Year of discontent</span></em><span lang="DE"><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ausgangspunkt des &#228;gyptischen </span><em>winter of discontent</em><span lang="DE"> waren die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen der Textilindustrie im Nildelta, genauer gesagt in &#196;gyptens gr&#246;&#223;tem staatlichen Betrieb, der </span><em>Misr Spinning and Weaving Company</em><span lang="DE"> in Mahalla al-Kubra s&#252;dlich von Alexandria, der 27.000 ArbeiterInnen besch&#228;ftigt.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Nachdem die j&#228;hrlichen Zusch&#252;sse viel geringer ausfielen als versprochen, weigerten sich die ArbeiterInnen ihr Gehalt anzunehmen, traten am 7. Dezember in den Streik und besetzten die Fabrik.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Staatsmacht traute sich aufgrund der gro&#223;en &#220;berzahl von ArbeiterInnen nicht mit Gewalt gegen die Streikenden vorzugehen. Nach nur vier Tagen gaben die Beh&#246;rden den Forderungen der ArbeiterInnen nach. Motiviert durch diesen Sieg folgten immer mehr Belegschaften in anderen Fabriken dem Beispiel der Mahalla-ArbeiterInnen. Betroffen waren vor allem die gesamte Textilbranche, das Baugewerbe, die verarbeitende Industrie, sowie auch der Personennahverkehr in der Hauptstadt Kairo. Die Radikalit&#228;t und Streikbereitschaft nahm solche Ausma&#223;e an, dass selbst die SteuereintreiberInnen in einen mehr-w&#246;chigen landesweiten Streik traten, deren Forderungen Anfang dieses Jahres vollends erf&#252;llt wurden.<o></o></span></p>
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<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Rolle der Arbeiter</span><em>innen</em><span lang="DE"> in der Initiierung, sowie im gesamten Verlauf der Streikbewegung ist besonders zu betonen. Erst als 3.000 N&#228;herinnen von Mahalla al-Kubra am Beginn der Streikbewegung ihre Arbeit niederlegten, durch die Fabrik marschierten und riefen: „Wo sind die M&#228;nner? Hier sind die Frauen!“, wurde die Produktion komplett gestoppt. Muhammad Attar, einer der Streikf&#252;hrer von Mahalla al-Kubra meinte in Bezug auf die Militanz der Frauen: „Die Frauen nahmen fast jeden auseinander, der vom Management kam, um zu verhandeln.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Arbeiterinnen spielten auch in den K&#228;mpfen des letzten Jahres in anderen Betrieben eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist der Kampf von Hagga Aisha, der Streikf&#252;hrerin der Hennawi Tabak-Fabrik. Als Mitglied des Gewerkschaftsausschusses der Fabrik musste sie sich gegen den Ausverkauf der ArbeiterInneninteressen seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung wehren und f&#252;hrte einen erfolgreichen Streik, sowie eine Kampagne zur Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrung an. Zwar wurde Hagga Aisha wegen ihrer Rolle im Arbeitskampf sowohl vom Fabriksmanagement als auch von der nationalen Gewerkschaft schikaniert und von ihrem Gewerkschaftsposten entlassen, f&#252;r ihr Engagement und ihre Standhaftigkeit erntete sie aber von der weiblichen wie auch der m&#228;nnlichen Belegschaft den h&#246;chsten Respekt und die Belegschaft best&#228;tigte, dass im Laufe des Streiks viele Barrieren zwischen M&#228;nnern und Frauen gefallen waren.<o></o></span></p>
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<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Strategie des Staats<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Umfang der Arbeitsk&#228;mpfe hat seit dem „winter of discontent“ ein enormes Ausma&#223; angenommen. Joel Beinin, Direktor des Instituts f&#252;r Middle East Studies an der Amerikanischen Universit&#228;t von Kairo, meinte, dass dies die gr&#246;&#223;te und l&#228;ngste Streikbewegung seit dem Herbst 1951 sei. Mit 386 Arbeitsk&#228;mpfen zwischen J&#228;nner und Juli 2007 im privaten und staatlichen Sektor wurden die Zahlen der letzten Jahre bei weitem &#252;bertroffen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bemerkenswert an der Streikbewegung ist nicht nur die Dynamik und die Breite der Beteiligung, sondern auch die Reaktion der herrschenden Klasse &#196;gyptens. Politische Demonstrationen und Auseinandersetzungen werden in &#196;gypten in der Regel bereits im Keim erstickt. Die Repression ist das wichtigste Mittel zur Verhinderung einer Machtverschiebung und zur Sicherung der politischen und &#246;konomischen Interessen der Eliten. Die Reaktion auf die j&#252;ngsten ArbeiterInnenk&#228;mpfe ist jedoch tendenziell anders. Besonders bei gro&#223;en Betrieben halten sich die Sicherheitskr&#228;fte &#252;berraschend im Hintergrund und viele der Forderungen wurden nach nur wenigen Tagen erf&#252;llt. Diese Nachgiebigkeit von seiten des Regimes reflektiert die Angst vor weiteren Unruhen. Ein Mitarbeiter des Hisham Mubarak Law Center, eine &#228;gyptische NGO zur Verteidigung von Opfern von Menschenrechtsverletztungen, meinte: „Es ist eine Sache, eine Demonstration mit 50 Intellektuellen im Stadtzentrum Kairos aufzul&#246;sen&#8230; es ist eine andere Sache, tausende ArbeiterInnen einer gro&#223;en Fabrik mitten in einer dicht besiedelten Wohngegend niederzukn&#252;ppeln. Das k&#246;nnte Probleme f&#252;r die Regierung bedeuten.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Strategie des Staates beschr&#228;nkte sich demnach darauf ArbeiterInnen in ihren Betrieben zu isolieren und nicht heraus zu lassen. So wurden zum Beispiel ArbeiterInnendelegationen daran gehindert Demonstrationen vor den B&#252;ros des staatlichen Gewerkschaftsbunds in Kairo zu veranstalten.<o></o></span></p>
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<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Gewerkschaftsb&#252;rokratie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die aktuellen K&#228;mpfe wirken noch beeindruckender, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass beinahe alle Streiks in &#196;gypten illegal gef&#252;hrt werden. Grund daf&#252;r ist, dass zwar Streiks an sich erlaubt sind, aber vom dominierenden allgemeinen Gewerkschaftsbund („Egyptian Trade Union Federation“ – ETUF) genehmigt werden m&#252;ssen. Dieser muss jedoch faktisch als Teil des Staatsapparats bezeichnet werden, weshalb es auch keine legalen Streiks in &#196;gypten gibt. Die Funktion der ETUF liegt prim&#228;r in der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen und der politischen Mobilisierung f&#252;r die regierende NDP<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>. Unn&#246;tig zu sagen, dass die Gewerkschaft h&#246;chst undemokratisch und b&#252;rokratisch organisiert ist, sowie deren Spitze ein effektives Werkzeug in den H&#228;nden der regierenden NDP und verb&#252;ndeten Gesch&#228;ftsleuten zur Legitimierung der Privatisierungspolitik ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ETUF zeichnete sich w&#228;hrend der Streikbewegung durch eine enge Kollaboration mit den lokalen Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen gegen die streikenden ArbeiterInnen aus und argumentierte systematisch gegen die Forderungen der durch ArbeiterInnen gegr&#252;ndeten Fabrikskomitees. Durch dieses Vorgehen verlor sie die Unterst&#252;tzung selbst der eher gem&#228;&#223;igten und dem Mubarak-Regime treuen ArbeiterInnen. Die Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrungen und die Wahl neuer und von unten kontrollierter Gewerkschaften wurde zentraler Bestandteil der Forderungen vieler Fabriksbelegschaften, die den Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen berechtigerweise Korruption und Wahlf&#228;lschungen vorwarfen. Besonders radikale ArbeiterInnen wie jene der Mahalla Textilfabrik drohten mit Massenaustritten und der Gr&#252;ndung neuer „echter“ Gewerkschaften.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Muhammad al-Attar, welcher neben seiner Funktion als Streikf&#252;hrer auch Mitglied des linken „Center for Trade Union &amp; Workers Services“ (CTUWS) ist, sagte in einem Interview nach seiner Freilassung am 27. September: “Wir wollen eine &#196;nderung in der Struktur und Hierarchie des Gewerkschaftssystems in diesem Land… So wie Gewerkschaften von oben nach unten organisiert sind, ist grundlegend falsch. Es wird so dargestellt, als ob wir unsere Repr&#228;sentantInnen selbst gew&#228;hlt h&#228;tten, obwohl sie in Wirklichkeit von der Regierung ernannt wurden.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dieser Umstand k&#246;nnte nicht nur f&#252;r die Gewerkschaft, sondern f&#252;r das gesamte Regime fatale Konsequenzen haben, welches eine Beteiligung der ArbeiterInnen an der politischen Opposition kaum verkraften k&#246;nnte. Aus diesem Grund fanden seit dem Ausbruch der Streikbewegung zwar weniger repressive Ma&#223;nahmen gegen die Belegschaften selbst, daf&#252;r aber Repression gegen Organisationen, die sich f&#252;r ArbeiterInnenrechte und eine radikale ArbeiterInnenbewegung einsetzten, statt. Seit M&#228;rz wurden B&#252;ros der CTUWS in Kairo und Mahalla geschlossen und mehrere Mitglieder verhaftet. Das CTUWS wurde beschuldigt (nat&#252;rlich neben der Muslimbruderschaft) f&#252;r die Streiks verantwortlich zu sein. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Nichtsdestotrotz gibt es auch gro&#223;e Hindernisse f&#252;r die Etablierung einer unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung. Der Kampf muss &#252;ber den &#246;konomischen Rahmen hinausgetragen werden und sich mit der politischen Oppositionsbewegung vereinen, um die Herrschenden auf mehreren Ebenen herausfordern zu k&#246;nnen. W&#228;hrend die Repression ein Zeichen der Schw&#228;che des Regimes ist, zeigt sich die Schw&#228;che der politischen Opposition in der bisherigen Unf&#228;higkeit, effektive Verbindungen zum Kampf der ArbeiterInnen aufzubauen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">ArbeiterInnenbewegung und politische Opposition<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ArbeiterInnenbewegung des vergangenen Jahres hatte unmittelbar &#246;konomische und soziale Ursachen. Dennoch begannen sich Teile der ArbeiterInnenschaft w&#228;hrend der Streikbewegung zu politisieren und das Regime selbst f&#252;r ihre missliche Lage verantwortlich zu machen. Besonders in Mahalla al-Kubra, definitv einer der radikalsten Betriebe &#196;gyptens, mischten sich immer wieder Anti-Regime-Slogans in die Sprechch&#246;re der ArbeiterInnen. Ihr popul&#228;rster Streikf&#252;hrer, Muhammad al-Attar, sagte auf einer Versammlung w&#228;hrend der zweiten gro&#223;en Streikaktion des Betriebes in einem Jahr: „Ich m&#246;chte die ganze Regierung abtreten sehen… Ich m&#246;chte das Mubarak-Regime zu einem Ende kommen sehen. Politik und ArbeiterInnenrechte sind untrennbar. Arbeit ist selbst schon Politik. Was wir hier [im Streik] gerade erleben ist so demokratisch, wie es nur sein kann.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Obwohl bei der aktuellen ArbeiterInnenbewegung noch nicht von einer politischen Oppositionsbewegung gesprochen werden kann, stellt sie dennoch eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen f&#252;r das Regime dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist: Wie verh&#228;lt sich nun die politische Opposition und insbesonders die &#228;gyptische Linke und die Muslimbruderschaft zu dieser Bewegung?<o></o></span></p>
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<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Muslimbruderschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Muslimbruderschaft gilt als die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft &#196;gyptens (innerhalb des Paralaments mit 80 Abgeordneten als auch au&#223;erhalb) mit einem weitverzweigten Mitgliederstamm.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ihr Aufstieg gestaltete sich jedoch beileibe nicht als lineare Erfolgsstory, sondern verlief &#252;ber Br&#252;che, Niederlagen und R&#252;ckschl&#228;ge. Unter Nasser wurde sie in den 50er Jahren aufgrund ihrer politischen St&#228;rke und ihrer Opposition zum Nasserismus in die Illegalit&#228;t getrieben und verlor in Folge fast komplett an Bedeutung. Erst in den 1970er Jahren gelang es ihr wieder an Einfluss zu gewinnen. Aufgrund ihrer Konzentration auf moralische Predigt, ihrer Ablehnung einer Konfrontationspolitik gegen den Staat, und der leisen Duldung des Sadat-Regimes konnte sie sich neu gruppieren. Dar&#252;berhinaus half die Muslimbruderschaft dem Staat gegen die linke und nasseristische Opposition, welche zu dieser Zeit am lautesten gegen die wirtschaftsliberale Wende und die pro-israelische Haltung Sadats demonstrierte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit den 70er Jahren charakterisiert die Muslimbruderschaft ihre Kompromisshaltung gegen&#252;ber dem Staat und die Akzeptanz der vom Staat gesetzten Grenzen. Der Aufbau einer „islamischen Wirtschaft“ (islamische Banken, Firmen…), eines islamischen Sozialnetzwerkes f&#252;r die Armen und religi&#246;ser Einrichtungen verhalf der Muslimbruderschaft zu einer Massenverankerung in der &#228;gyptischen Gesellschaft. Dazu kommt, dass sie seit den fr&#252;hen 1990er Jahren erfolgreich in der Rekrutierung mittelst&#228;ndischer Berufsgruppen wie &#196;rzten, Juristen, Journalisten, usw. war. Dementsprechend konnte sie einen hohen Einfluss in den Vertretungen dieser Berufsgruppen aufbauen. Auch auf den Universit&#228;ten stellt sie heute die dominante Kraft in den Studierendenorganisationen dar. Eine andere Frage ist jedoch, in welchem Verh&#228;ltnis sie zur ArbeiterInnenklasse steht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bruderschaft hatte in ihrer Vergangenheit immer wieder Verbindungen zur &#228;gyptischen ArbeiterInnenklasse aufgenommen. Tats&#228;chlich wurde sie sogar 1928 von Hasan al-Banna in der Stadt Isma’iliyya zusammen mit Arbeitern der Suez-Kanal-Gesellschaft gegr&#252;ndet. In den 1940er Jahren weitete sie ihre Aktivit&#228;ten in den Betrieben aus. Anti-Kommunismus und die Konfrontation mit KommunistInnen, wo immer sie Einfluss hatten, war hier ein ausschlaggebender Faktor. Sie lehnten die Unabh&#228;ngigkeit der Gewerkschaften und ArbeiterInnenmilitanz ab. Klassenkampf wurde dementsprechend kritisiert, da dadurch Konflikt und sozialer Unfriede zwischen MuslimInnen geschaffen w&#252;rde.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Nach wie vor h&#228;lt sie den sozialen Frieden und die „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Klassen hoch. Eine islamische „moralische Wirtschaft“ (moral economy) regelt das Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und schreibt ihnen Rechte sowie Pflichten zu.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das „Klassenparadox“ der MB wird heute im widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zur ArbeiterInnenbewegung deutlich. W&#228;hrend einige AktivistInnen die ArbeiterInnenk&#228;mpfe des letzten Jahres begr&#252;&#223;t und verbal unterst&#252;tzt haben, scheint es, als ob es zwischen den wohlhabenden Gesch&#228;ftsleuten, welche den Gro&#223;teil der F&#252;hrung bilden, und den BasisaktivisInnen aus der niederen Mittel- und Unterschicht grobe Unterschiede gibt. Dies konnte in der Debatte &#252;ber die Gr&#252;ndung eines neuen Gewerkschaftsverbandes beobachtet werden. Saber Abul Fattouh, Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft und ihr Koordinator f&#252;r die Gewerkschaftswahlen 2006, drohte, dass im Falle manipulierter Wahlen die Muslimbruderschaft einen unabh&#228;ngigen Verband nach dem Vorbild der vereinten unabh&#228;ngigen Studierendenkomitees gr&#252;nden w&#252;rde. Nachdem jedoch deutlich wurde, dass die Wahlen tats&#228;chlich manipuliert waren, ruderte die Muslimbruderschaft wieder zur&#252;ck und meinte vorsichtig, dass solch ein Schritt gut vorbereitet sein wolle.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Selbst wenn die Initiative von Fattouh ernst gemeint war, sie w&#228;re an der Weigerung der oppositionellen Nasseristen und der „mitte-links“ </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> Partei gescheitert, welche eine Allianz mit der Muslimbruderschaft ablehnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Die Linke im Abseits?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dies kennzeichnet die Problematik des Verh&#228;ltnisses zwischen der Linken und der MB. Die Positionierung von Linken gegen&#252;ber der Bruderschaft war und ist Ursache zahlreicher Debatten und ist ausschlaggebend f&#252;r die St&#228;rke und den Erfolg linker Strategien in &#196;gypten. Einer der gr&#246;&#223;ten Fehler von gro&#223;en Teilen der Linken w&#228;hrend der 90er Jahre war der Schulterschluss mit dem Regime von Mubarak gegen die Bruderschaft. Diese Orientierung produzierte zahlreiche negative Entwicklungen: Mubaraks diktatorisches Regime erhielt einen Persilschein f&#252;r seine repressiven und neoliberalen Ma&#223;nahmen und musste einen gro&#223;en Teil der Linken nicht mehr als Opposition f&#252;rchten. Die gro&#223;e Debatte &#252;ber das Schreckgespenst „Islamismus“ lenkte die Linke von den massiven &#246;konomischen Ver&#228;nderungen in &#196;gypten und deren katastrophalen Folgen f&#252;r den Gro&#223;teil der arbeitenden und unteren Klassen ab. Ebenso &#252;bersah sie dadurch, dass der Aufstieg des militanten Islam in &#196;gypten eng mit der prek&#228;ren und in die Informalit&#228;t abgedrengten Lebensrealit&#228;t der &#228;gyptischen Unterklassen und der Unzufriedenheit der Studierenden zusammenhing. In den schwer zu &#252;berwachenden, schnell gewachsenen informellen Siedlungen von Kairo hatten militante Gruppen wie Jamaat al Islamiya ein sicheres Versteck vor Polizeirepression finden k&#246;nnen. Das Fehlen jeglicher politischer Antworten auf die harsche &#246;konomische und soziale Situation etablierte diese Gruppen, welche Teil der Gemeinden geworden waren, als ernstzunehmende Vertreterinnen der Unterprivilegierten und Armen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Partei </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> („National Progressive Democratic Union Party“) ist ein Beispiel f&#252;r das Paradox linker Politik in den 90er Jahren. Sie unterst&#252;tzte in den 80er Jahren eine Reihe von Streiks materiell und produzierte Zeitungen zur Unterst&#252;tzung von k&#228;mpfenden ArbeiterInnen. W&#228;hrend der 90er Jahre verlor </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> jedoch alle Verbindungen zur ArbeiterInnenbewegung. Der Grund lag im generellen R&#252;ckzug von aktiver linker Politik und der strategischen Wende hin zur Unterst&#252;tzung des Staatsapparates in der Unterdr&#252;ckung der islamistischen Aufst&#228;nde im S&#252;den &#196;gyptens, sowie in den gro&#223;en Slums von Kairo und Alexandria.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die illegale Kommunistische Partei, deren &#220;berreste in </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> aktiv blieben, spielte hierbei eine &#228;hnlich tragische Rolle und verlor zunehmends an Bedeutung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">GenossInnen und Br&#252;der<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit einigen Jahren hat sich jedoch das traditionell angespannte und feindlich gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis zwischen Teilen der Linken und der Muslimbruderschaft zu entspannen begonnen. Zwei Faktoren sind hierbei hervorzustreichen. Auf der einen Seite die Entstehung einer neuen Linken seit der Mitte der 1990er Jahre, die</span><span>  </span>prim&#228;r durch die „Revolutionary Socialist Tendency“ und einer wachsenden links-orientierten Menschenrechtsgemeinde gekennzeichnet ist. Der zweite Faktor war ein Generationswechsel in den unteren R&#228;ngen der Muslimbruderschaft sowie der Linken in Zusammenhang mit der R&#252;ckkehr von Stra&#223;enprotesten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Antikriegsbewegung gegen den Angriff auf Irak. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Leitspruch der neuen Linken war „manchmal mit den Islamisten, immer gegen den Staat!“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Angewendet wurde diese Richtlinie vor allem auf den Universit&#228;ten. Anstatt StudentInnen der Muslimbruderschaft einfach als „Faschisten“ zu diffamieren, wie es die stalinistische Linke sowie die Muslimbruderschaft von der Linken f&#252;r Jahrzehnte gewohnt war, k&#228;mpften sie nun zusammen mit AktivistInnen der Muslimbruderschaft in Fragen von Demokratie und gegen staatliche Repression, zum Beispiel, wenn Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen oder von der Uni ausgeschlossen wurden. Dies erm&#246;glichte einen politischen Dialog der AktivistInnen beider Lager. Kamal Khalil, ein wohlbekannter politischer Aktivist und Direktor des „Centre for Socialist Studies“, sagte, dass IslamistInnen, welche noch in den 70er Jahren oft mit der Regierung zusammen gegen die Linke insbesondere auf den Universit&#228;ten vorgingen, beeindruckt waren von dem Engagement von SozialistInnen f&#252;r islamistische politische Gefangene.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Tats&#228;chlich fand &#252;ber die gemeinsam erfahrene Repression durch die Staatsgewalt ebenfalls eine Ann&#228;herung zwischen AktivistInnen der Linken und der Muslimbruderschaft statt. Der linke unabh&#228;ngige Aktivist Ala Sayf beschrieb in seinem Blog seine Erfahrungen, als Dutzende Muslimbr&#252;der und Linke zusammen festgenommen wurden, nachdem sie sich 2006 mit den Richtern solidarisiert hatten, welche den Wahlbetrug von 2005 anprangerten. In den gemeinsamen Zellen wurden aus Muslimbr&#252;dern pl&#246;tzlich Genossen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gleichzeitig verteidigte die Linke die Rechte von religi&#246;sen Minderheiten und Frauen, wenn Teile der Muslimbruderschaft reaktion&#228;re Kommentare von sich gaben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">W&#228;hrend die Linke in den 90er Jahren zu marginal war, um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, &#228;nderte sich das mit dem Ausbruch der zweiten Intifada. Die radikale Linke konnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten das politische Feld durch die Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina dominieren, zu einer Zeit wo die Muslimbruderschaft durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Das Resultat war ein Anwachsen der radikalen Linken und ein wachsender Druck der Basis der Muslimbruderschaft auf ihre F&#252;hrung, die Zur&#252;ckhaltung in Bezug auf die Proteste aufzugeben. Mitglieder der Muslimbruderschaft begannen regelm&#228;&#223;ig auf Treffen der linken Solidarit&#228;tskomitees zu erscheinen und auch f&#252;hrende Muslimbr&#252;der sprachen auf Veranstaltungen. Der Ausbruch der Antikriegsbewegung 2003 vertiefte diesen Trend weiter. Dazu kam, dass seit 2004 die Stimmung gegen Imperialismus zusehends gegen das Mubarak Regime selbst gerichtet wurde. Direktes Resultat war die Kifaya („Genug!“) Bewegung in Opposition zum Regime und f&#252;r einen politischen Wandel. Dessen H&#246;hepunkt war 2005, als die Muslimbruderschaft in eine Anti-Mubarak Allianz einstimmte. Staatliche Repression, besonders gegen die Muslimbruderschaft, lie&#223; die Bewegung seither kaum auf der Bildfl&#228;che erscheinen, die Effekte sind jedoch noch immer sp&#252;rbar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im November 2005 gr&#252;ndeten die </span><em>Revolutionary Socialist Tendency</em><span lang="DE">, die Muslimbruderschaft und unorganisierten AktivistInnen auf einigen &#228;gyptischen Universit&#228;ten die </span><em>Free Student Union</em><span lang="DE"> (FSU). Ihr Ziel ist es, als Gegengewicht und Parallelorganisation zu den staatlich-dominierten Studierendengewerkschaften zu funktionieren. Dieser neue politische Rahmen erlaubt eine weitere Ann&#228;herung, basierend auf politischer Praxis zwischen den beiden Fl&#252;geln und stellt somit eine Chance sowie Herausforderung f&#252;r die Linke dar. Diese Ann&#228;herung kann gleichzeitig einen Raum f&#252;r politische Debatten er&#246;ffnen, wodurch neben dem gemeinsamen Kampf gegen Mubarak auch Fragen wie Frauenbefreiung, Umgang mit religi&#246;sen Minderheiten, Neoliberalismus und Klassenkampf thematisiert werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">The battle goes on<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Auswirkungen der ArbeiterInnenbewegung des letzten Jahres auf die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens sind noch schwer abzusch&#228;tzen. Eine zentrale Frage bleibt, inwieweit die Vernetzung der zu gro&#223;en Teilen parallel ablaufenden politischen und &#246;konomischen K&#228;mpfe zustande gebracht wird, und welche zuk&#252;nftige Rolle die Linke darin spielen kann. Die &#246;konomischen K&#228;mpfe sind eine Chance f&#252;r die Linke, in einem Bereich Einfluss zu gewinnen, der weit weniger als die politische Oppositionsbewegung von der Bruderschaft monopolisiert ist. Die relative Schw&#228;che der &#228;gyptischen Linken in den 1990er Jahren k&#246;nnte dadurch endg&#252;ltig gebrochen werden. Die Verkn&#252;pfung von politischen und „Brot und Butter“-K&#228;mpfen ist aber bei weitem keine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Derzeit fordern beide Bewegungen das Regime relativ unabh&#228;ngig voneinander heraus. Eine Zusammenf&#252;hrung h&#228;tte explosive Auswirkungen f&#252;r &#196;gypten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Im Durchschnitt erh&#228;lt einE ArbeiterIn mit Familie um die 30 Dollar im Monat. Allein die staatlichen Zusch&#252;sse heben das monatliche Einkommen auf ca. 60-70 Dollar an.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order”, in: MERIP, 25. M&#228;rz 2007, <a href="http://www.merip.org/mero/mero032507.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero032507.html</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Bereits der 1981 ermordete &#228;gyptische Pr&#228;sident Anwar al-Sadat propagierte eine &#214;ffnung des Marktes und ein Ende der Subventionen f&#252;r Grundnahrungsmittel. Diese unpopul&#228;ren Ma&#223;nahmen konnten jedoch aufgrund massiver Aufst&#228;nde („bread riots“ von 1977) nicht g&#228;nzlich durchgesetzt werden.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Zwischen 1990-91 und 1995-96 fielen die Reall&#246;hne in der staatlichen Industrie um 8 Prozent. Andere L&#246;hne im &#246;ffentlichen Sektor blieben gleich, aber nur deshalb, weil sie ohnehin unter dem Existenzminimum liegen. Die &#228;gyptischen L&#246;hne liegen deswegen weit unter den regionalen Standards (die an sich schon niedrig sind). Die L&#246;hne von ArbeiterInnen in der Textilindustrie betragen 85 Prozent der L&#246;hne von ArbeiterInnen in Pakistan und 60 Prozent von ArbeiterInnen in Indien. Vgl. Timothy Mitchell: “Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, in: MERIP 210 (Fr&#252;hling 1999), <a href="http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> <a href="http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html" target="_blank">http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht nur Betriebe werden privatisiert, sondern in einem noch gr&#246;&#223;eren Ausma&#223; einst &#246;ffentliches Land sehr billig verkauft. Das verursachte in den letzten Jahren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und enteigneten Bauern und B&#228;uerinnen. Vgl. Timothy Mitchell: „Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, a.a.O.; Ray Bush: “Politics, power and poverty: twenty years of agricultural”, in: <em>Third World Quarterly</em> 28:8 (2007), S. 1599-1615</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vor allem Mitglieder der herrschenden NDP (Nationaldemokratische Partei), aber auch andere staatliche und halbstaatliche Beh&#246;rden und Institutionen wie die Gewerkschaftsf&#252;hrer in Absprache mit dem Kapital.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die FabriksarbeiterInnen k&#246;nnen dabei auf eine lange und stolze Tradition des radikalen Kampfes und Widerstandes zur&#252;ckblicken. Genaueres &#252;ber die Tradition der Arbeitsk&#228;mpfe in Mahalla al-Kubra in: Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy: „Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order“, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Anne Alexander/Farah Koubaissy: „Women were braver than a hundred men“, in: <em>Socialist Review</em> (J&#228;nner 2008), <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227" target="_blank">http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> <a href="http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-industrial-actions-in-6-months/" target="_blank">http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-<br />
industrial-actions-in-6-months/</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Daniel Williams: “Mubarak Plan to Shed State-Run Factories Threatened by Strikes”, 21. Mai 2007, <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home" target="_blank">http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Von 23 Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze sind 22 NDP-Mitglieder, der &#252;brige Mitglied einer verb&#252;ndeten Partei.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Siehe dazu den Bericht &#252;ber eine ArbeiterInnendelegation der Mahalla Textilfabrik mit der Forderung zur Absetzung ihrer Fabriksgewerkschaft in:Liam Stack: “Mahalla textile workers demand union dissolved and greater independence”, in: <em>Daily News Egypt </em>(29. J&#228;nner 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Liam Stack/Maram Mazen: „Striking Mahalla workers demand govt. fulfill broken promises“, in: <em>Daily News Egypt </em>(27. September 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zitiert in Joel Beinin: „The Militancy of Mahalla al-Kubra“, in: MERIP (29. September 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero092907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero092907.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Joel Beinin/Zachary Lockman: Workers on the Nile. Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954, Cairo 1998, S. 365</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Ebd., S. 376</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Joel Beinin/Hossam al-Hamalwy. „Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity“, in: MERIP (9. Mai 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero050907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero050907.html</a><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Anders als die Muslimbruderschaft, welche sich traditionell prim&#228;r auf die Mittelklasse bezieht, waren die militanten islamistischen Gruppen in den 1990ern erfolgreich in der Rekrutierung bei den unteren Klassen. Siehe dazu Salwa Ismail: “The Popular Movement Dimensions of Contemporary Militant Islamism: Socio-Spatial Determinants in the Cairo Urban Setting”, in: <em>Comparative Studies in Society and History </em>42:2 (2000), S. 363-393</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Die Repression traf militante wie dezidiert friedliche Islamisten wie die Muslimbr&#252;der. Siehe dazu Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity”, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Ein gro&#223;er Teil dieses Abschnittes basiert auf dem Artikel von Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, in: MERIP 242 (Fr&#252;hling 2007), <a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Chris Harman: „The Prophet and the Proletariat“, <a href="http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm" target="_blank">http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Manal el-Jesri: „Kamal Abu Eita &amp; Kamal Khalil“, in: <em>Egypt Today. </em><em>The Magazine of Egypt </em>(Mai 2004), <a href="http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553" target="_blank">http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553</a><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, a.a.O.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Seit dem harten Durchgreifen gegen die Muslimbruderschaft im Zuge der staatlichen Kampagne gegen die Islamisten, insbesondere gegen ihre Basis, verfolgte sie eine Politik der Nicht-Konfrontation.</p>
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		</item>
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		<title>Schlafsaalkapitalismus in Shenzhen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 09:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<category><![CDATA[WanderarbeiterInnen]]></category>

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		<description><![CDATA[Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.</p>
<p><span id="more-14"></span></p>
<p>Die Reformen der sp&#228;ten 1970er Jahre haben eine bisher beispiellose Fluchtbewegung aus den l&#228;ndlichen in die st&#228;dtischen Gebiete Chinas bewirkt. Der anhaltende Migrationsstrom wurde von der Ankunft transnationaler Konzerne (TNK) aus allen L&#228;ndern, vor allem aus Hong Kong, Taiwan, Japan, USA und Westeuropa begleitet. Eine neue Generation von Binnenfl&#252;chtlingen oder WanderarbeiterInnen hat begonnen f&#252;r diese TNKs zu arbeiten, entweder direkt bei Joint-Ventures gro&#223;er amerikanischer oder europ&#228;ischer Unternehmen oder bei chinesischen Unternehmen und deren Unterh&#228;ndlern in den St&#228;dten der Exportproduktionszone des Landes.<br />
Die Zahl dieser WanderarbeiterInnen wurde im Jahr 2000 von der F&#252;nften Volksz&#228;hlung in China auf 120 Millionen gesch&#228;tzt. Diese fl&#252;chteten aus den inneren Provinzen, wie Hunan, Hubei, Guizhou, Sichuan, Jianxi und Anhui in die s&#252;dlichen K&#252;stenprovinzen, wo Special Economic Zones (SEZ) errichtet wurden. Diese BinnenmigrantInnen zogen f&#252;r eine kurze oder l&#228;ngere Zeit von ihrem registrierten Wohnort weg, ohne einen dementsprechenden Wechsel des eingetragenen st&#228;ndigen Wohnsitzes, auch <em>hukou</em> genannt. Das bewirkte, dass sie, anders als registrierte BewohnerInnen der St&#228;dte, von subventionierter Unterst&#252;tzung f&#252;r Wohnung, Bildung, Ausbildung, Gesundheitssystem und Sozialhilfe in den St&#228;dten ausgeschlossen wurden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> WanderarbeiterInnen, vor allem Frauen, arbeiten haupts&#228;chlich in der arbeitsintensiven verarbeitenden Leichtindustrie, wie der Kleidungs-, Elektronik-, Schuh- und Spielzeugindustrie und im unteren Dienstleistungssektor.<br />
Der Aufstieg Chinas zur „Weltfabrik“ kennzeichnet au&#223;erdem ein neues Jahrhundert, in dem Mehrarbeit aus den l&#228;ndlichen Gebieten Chinas die globale Wirtschaft anheizt.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Nicht nur im chinesischen K&#252;stengebiet, sondern viel mehr im ganzen Land haben st&#228;dtische Industriezentren zu boomen begonnen. Der Beitritt Chinas zur WTO setzte das Einflie&#223;en von Kapitalien aus der Produktionsindustrie, den High-Tech-Sektoren und den Finanzm&#228;rkten fort, begleitet von der Kritik des Westens, dass die chinesischen ArbeiterInnen den ArbeiterInnen im Westen die Arbeitspl&#228;tze mehr und mehr wegnehmen w&#252;rden. In Wahrheit jedoch leiden beide ArbeiterInnenklassen – die westliche wie die &#246;stliche – am globalen Preiskampf, dem Unterbieten von Umweltschutzbedingungen und der Verschlechterung der Arbeits- und Wohnstandards. Trotz vermehrter Reformen des Arbeitsrechts seitens der Zentralregierung und der Einf&#252;hrung von Verhaltenskodizes f&#252;r Unternehmen in den letzten Jahren, hindern die Globalisierung und die Einf&#252;hrung von Just-in-Time-Produktion internationaler Konzerne die Verbesserung der Arbeitsverh&#228;ltnisse in China. Stattdessen setzen Dormitory-Labour-St&#228;tten ihren Siegeszug fort und schaffen hiermit hochgradig ausbeuterische Verh&#228;ltnisse, vor allem f&#252;r chinesische Arbeiterinnen, w&#228;hrend sie gleichzeitig eine neue gesellschaftliche Kraft hervorbringen, die stillschweigend den neuen Kapital-Arbeits-Beziehungen Widerstand leistet. Wir werden zuerst diese neue <em>Dagong</em>-Klasse [<em>dagong</em> bedeutet „f&#252;r den Boss arbeiten“ und steht im Gegensatz zu <em>gangren</em> (ArbeiterIn); Anm. d. &#220;.] der WanderarbeiterInnen und das Aufkommen eines speziellen Dormitory-Labour-Regimes f&#252;r diese neuen, vor allem weiblichen, ArbeiterInnen in S&#252;dchina analysieren.</p>
<h3>Die neue <em>Dagong</em>-Klasse</h3>
<p>Chinas Reformen der letzten zwei Jahrzehnte setzten ein globales Produktionssystem in Kraft, das die sozialistischen Arbeitsbeziehungen ver&#228;ndert und zur Schaffung einer neuen chinesischen ArbeiterInnenklasse beigetragen hat. Gleichzeitig mit der Privatisierung oder dem Bankrott des Staates und der kollektiven Wirtschaft Mitte der 1990er Jahre gruppieren sich private, ausl&#228;ndische und Joint-Venture-Unternehmen nicht nur um die K&#252;stenregion, sondern auch in fast allen Industriest&#228;dten Chinas im Inland zusammen. Eine neue ArbeiterInnenklasse von l&#228;ndlichen WanderarbeiterInnen, die <em>Dagong</em>-Klasse,<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> im Gegensatz zur Maoistischen ArbeiterInnenklasse, ist im heutigen China entstanden. Seit den sp&#228;ten 1970er Jahren hat die Dekollektivierung einen massiven &#220;berfluss an l&#228;ndlichen Arbeitskr&#228;ften produziert. Zur gleichen Zeit, hat die Zentralregierung die Migration vom Land in die Stadt durch die Lockerung des <em>hukou</em>-Systems<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> erleichtert. Die meisten transnationalen Konzerne und ihre chinesischen Unterh&#228;ndler rekrutierten Millionen von BauernmigrantInnen f&#252;r die Export-orientierte Industrie. Bis in die fr&#252;hen 1990er lag die akzeptierte Zahl der WanderarbeiterInnen bei 70 Millionen f&#252;r ganz China. W&#228;hrend den fr&#252;hen Jahren nach dem Jahrtausendwechsel schnellte die offizielle Zahl auf 120 Millionen WanderarbeiterInnen hoch, wobei Sch&#228;tzungen von bis zu 200 Millionen ausgehen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Frauen sind f&#252;r die Formierung dieser in privaten oder ausl&#228;ndischen Unternehmen ausgebeuteten neuen ArbeiterInnenklasse zentral, speziell in der Exportproduktionszone. Die Entwicklung dieser SEZs &#252;ber ganz China basierte, &#228;hnlich der Entwicklung dementsprechender Einrichtungen in den meisten anderen sich entwickelnden Wirtschaften, auf einer massiven Nutzbarmachung junger ArbeiterInnen, vor allem unverheirateter und j&#252;ngst verheirateter Frauen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Im Jahr 2000 machten Arbeiterinnen ungef&#228;hr 47,5 Prozent aller chinesischen WanderarbeiterInnen Chinas aus.  In der K&#252;stenregion Chinas sind sogar 65,6 Prozent aller WanderarbeiterInnen Frauen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Diese neugeformte ArbeiterInnenklasse oder <em>Dagong</em>-Klasse wird daran gehindert, sich in den St&#228;dten niederzulassen, also an den Orten, an denen sie Arbeitspl&#228;tze zugeordnet bekamen. Schlimmer noch, das <em>hukou</em>-System, gemeinsam mit Arbeitskontrollen, ist entscheidend f&#252;r die Produktion einer verschwommenen, unklaren Identit&#228;t l&#228;ndlicher WanderarbeiterInnen, indem sie gleichzeitig die Ausbeutung dieses gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung versch&#228;rft und verbirgt. WanderarbeiterInnen gelten nicht als vollwertige B&#252;rgerInnen vor dem Gesetz; mehr noch, den Familienangeh&#246;rigen der WanderarbeiterInnen ist es nicht erlaubt, in der jeweiligen Industriestadt zu leben, wenn sie dort nicht ebenfalls einen Arbeitsplatz finden und damit den Status eines Zeitarbeiters/einer Zeitarbeiterin erwerben. W&#228;hrend Lokalregierungen und ausl&#228;ndische Unternehmen von der Arbeit der WanderarbeiterInnen profitieren, k&#246;nnen sie gleichzeitig wohlfahrtsstaatliche Ausgaben vermeiden, die ArbeiterInnen rechtlich zustehen w&#252;rden.</p>
<h3>Arbeitskontrolle unter dem „Dormitory-Labour“-Regime</h3>
<p>Weil offizielle und inoffizielle Strukturen verhindern, dass diese neue <em>Dagong</em>-Klasse ihre eigenen Communities in den St&#228;dten aufbauen kann, liegt die Verantwortung kontinuierlich die ben&#246;tigte Arbeitskraft sicherzustellen, und damit die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft, alleine bei der Industrie. Diese Verschiebung der Verantwortung vom Staat hin zum privaten Sektor schafft das, was wir „Dormitory Labour Regimes“ nennen, was zur Entstehung eines besonders ausbeuterischen Systems im Kontext der internationalen Arbeitsteilung beitr&#228;gt. W&#228;hrend Millionen von WanderarbeiterInnen in die Industriest&#228;dte str&#246;men, bleibt die Bereitstellung von Schlafr&#228;umen (engl. Dormitory) eine chinesische Besonderheit globaler Produktionsprozesse. Unabh&#228;ngig von der Industriebranche, vom Ort oder der Herkunft des Kapitals werden chinesische WanderarbeiterInnen – weiblich oder m&#228;nnlich, verheiratet oder nicht –  in Schlafs&#228;len untergebracht, die sich in der N&#228;he oder auf dem Fabrikgel&#228;nde selbst befinden. Wir bezeichnen dieses Ph&#228;nomen als „Dormitory Labour Regime“, um die R&#252;ckkehr einer Verbindung von Schlafs&#228;len und Fabriken als hybridem Auswuchs des globalen Kapitalismus einerseits und des Erbes des Staatssozialismus zu fassen.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Wir hoffen dieses Dormitory Labour Regime nicht nur als Form des Arbeitsmanagement, sondern auch als Ort f&#252;r ArbeiterInnensolidarit&#228;t und Arbeitsk&#228;mpfe betrachten zu k&#246;nnen. W&#228;hrend diese Art der Verwendung von „dormitory labour“ spezifisch f&#252;r das heutige China ist, ist ihre Auswirkung auf die globale Produktion, besonders im Hinblick auf Arbeitskontrolle und Widerstand, weitreichend.<br />
Bemerkenswert ist die systematische Bereitstellung von Schlafs&#228;len durch Unternehmern f&#252;r ihre ArbeiterInnenschaft, die mit der &#214;ffnung Chinas f&#252;r die globalen Produktionsprozesse, beginnend mit der Shenzhen SEZ 1981, einhergeht. Das wurde zur Norm und wurde auf die Mehrheit der ProduktionsarbeiterInnen ausgedehnt. Diese Schlafs&#228;le in China passen weder zum westlichen Vorurteil einer angeblich paternalistischen Form, noch zum „Managerfamiliarismus“ Japans, noch zum Betrieb als „ganzheitlicher Organisation“ der vor-reformierten chinesischen Staatswirtschaft.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Der Grund liegt darin, dass die gegenw&#228;rtigen Schlafs&#228;le nicht als langfristige Einrichtungen, sondern haupts&#228;chlich als kurzfristige Unterkunft f&#252;r WanderarbeiterInnen dienen. Diese Schlafs&#228;le schlie&#223;en ein l&#228;ngeres Verh&#228;ltnis zwischen der einzelnen Firma und dem/der einzelnen ArbeiterIn aus. Dieses Schlafsaal-System wird in den verschiedensten Betrieben angewandt, unabh&#228;ngig von unterschiedlichen Produktionscharakteristika, Saison oder Standort.<br />
Wichtig ist, dass in China nicht die Unternehmen Unterk&#252;nfte f&#252;r ArbeiterInnen bereitstellen, um die Loyalit&#228;t des/der ArbeiterIn oder knappe F&#228;higkeiten [Skills; d.&#220;.] zu sichern, sondern um die kurzfristige Verf&#252;gbarkeit der WanderarbeiterInnen zu gew&#228;hrleisten und den Gebrauch dieser Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages zu maximieren. Die so gesicherte Beute repr&#228;sentiert eine neue Produktionsart, die sowohl dem &#220;berfluss an l&#228;ndlichen ArbeiterInnen als auch der &#246;konomischen Integration Chinas in das globale Flie&#223;band Rechnung tr&#228;gt.<br />
Die offensichtliche R&#252;ckkehr dieser alten Form der Arbeitskraftverwendung ist das hybride Ergebnis des globalen Kapitalismus und des Staatssozialismus, neu belebt von den transnationalen Konzernen und den Lokalwirtschaften im Kontext der Globalisierung. Praktisch alle ausl&#228;ndischen Unternehmen nutzen Schlafs&#228;le, die sie entweder von lokalen Beh&#246;rden mieten oder selber zu Verf&#252;gung stellen. Jeder dieser Konzerne strebt die Sicherung jugendlicher WanderarbeiterInnen, speziell Arbeiterinnen, f&#252;r kurze Arbeitsdauer im Betrieb an. So verfestigt sich eine Infrastruktur, die die unsicheren chinesischen Arbeitsverh&#228;ltnisse aufrechterh&#228;lt.<br />
Die Schlafs&#228;le f&#252;r FabriksarbeiterInnen geh&#246;ren zum oder grenzen an das Fabrikgel&#228;nde. Sie sind kommunale Hochh&#228;user, die einige hundert ArbeiterInnen beherbergen, mit in der Regel acht bis zwanzig ArbeiterInnen pro Raum. Wasch- und Toiletteinrichtungen sind gemeinschaftlich und zwischen den R&#228;umen, Etagen oder ganzen Einheiten gelegen. Dies macht den Lebensraum extrem kollektiv, ohne M&#246;glichkeit auf Privatsph&#228;re, au&#223;er hinter den geschlossenen Vorh&#228;ngen einer Schlafkoje. Diese materiellen Umst&#228;nde erkl&#228;ren jedoch nicht die Rolle der Schlafs&#228;le als Form der Unterbringung – als Leben-bei-der-Arbeitsst&#228;tte. Zentral f&#252;r diese Schlafsaalform ist eine politische &#214;konomie, die das Zusammenkommen typischerweise junger weiblicher Arbeiterinnen regelt. Getrennt von ihren Familien, ihrer Heimat und ihrer normalen Routine, leben diese Menschen konzentriert am Arbeitsplatz und den herrschenden Gesetzen unterworfen, die ihre Pers&#246;nlichkeiten vollst&#228;ndig unterjochen und sie zu Instrumenten der Produktion degradieren. Weil das vertragliche Arbeitsverh&#228;ltnis &#228;u&#223;erst kurz gehalten ist, &#252;bersteigt die Entfremdung der Individuen den Mangel an Besitz von Produktionmitteln oder die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess. ArbeiterInnen in Schlafs&#228;len leben in einem System, das sie von ihrer Vergangenheit entfremdet und das allt&#228;gliche Umfeld durch die Fabrik, dominiert von ungew&#246;hnlicher Sprache, Essen, Produktionsmethoden und Produkten ersetzt.<br />
Die doppelte Entfremdung, die von diesen WanderarbeiterInnen erlebt wird, wird durch die Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenschaft durch Dormitory Labour Regimes illustriert. Das f&#252;hrt zu einer absoluten Verl&#228;ngerung des Arbeitstages und zur R&#252;ckkehr zu einer absoluten Mehrwertproduktion. Auf Grund dieses leichten Zugangs zur Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages ist ein Just-in-Time-Arbeitssystem f&#252;r die Just-in-Time-Produktion m&#246;glich geworden. Die Dormitory Labour Regimes bedeuten ebenso Kontrolle &#252;ber die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft innerhalb der Fabrik. Unterkunft, Essen, Reisen, Soziales und Freizeit – alles geschieht innerhalb einer Produktionseinheit. Wir k&#246;nnen deshalb eine Verdichtung des „Arbeitslebens“ durch &#252;berlange Arbeitszeiten und den produktionsbasierten Gebrauch junger Arbeitskr&#228;fte erwarten.</p>
<h3>Arbeitsschutz und Verhaltenskodizes der Konzerne</h3>
<p>Die Arbeitsbedingungen von ArbeiterInnen in der Textilindustrie sind ein gutes Beispiel. Die Guangdongprovinz in S&#252;dchina ist das gr&#246;&#223;te Produktionsgebiet chinesischer Textilexporte. Wir f&#252;hrten 2003-2004 eine Untersuchung in zehn kleinen bis mittelgro&#223;en Bekleidungsfabriken in Shenzen durch. Die Ergebnisse bez&#252;glich Bezahlung von Arbeiterinnen, Arbeitszeiten und Gesundheit zeigten Arbeitsbedingungen, die disziplinierend und ausbeuterisch sind. Von den 50 bis 200 ArbeiterInnen einer jeden Fabrik sind &#252;ber 70 Prozent Frauen, verantwortlich f&#252;rs N&#228;hen – junge M&#228;dchen und Frauen mittleren Alters. Die kleineren Fabriken geh&#246;ren haupts&#228;chlich kleinen Subunternehmern. Die gr&#246;&#223;eren Betriebe, die internationale Marken beliefern, sind von Investoren aus Hong Kong und Taiwan finanziert.<br />
Das chinesischen Arbeitsrecht, welches seit 1. J&#228;nner 1995 in Kraft ist, legt f&#252;r die Arbeitszeit fest, dass eine F&#252;nf-Tage-Woche nicht mehr als 40 Arbeitsstunden umfasst und dass &#220;berstunden im Monat auf 36 Stunden begrenzt sind. Trotzdem ignorieren nahezu alle Unternehmen diese Gesetze und der durchschnittliche Arbeitstag betr&#228;gt oft 12 oder 13 Stunden – sechs bis sieben Tage die Woche. R&#252;ckt die Deadline f&#252;r eine Produktion n&#228;her, k&#252;rzt das Management oft die Essens- und die Zwischenpausen auf nur 30 Minuten. Um mit der immer h&#228;ufiger werdenden Just-in-Time-Produktion fertig zu werden, fordert das Management oft das Durcharbeiten bis in die fr&#252;hen Morgenstunden. In den extremsten F&#228;llen werden ArbeiterInnen gezwungen, 48 Stunden durchzuarbeiten. Die totale Arbeitszeit pro Woche erh&#246;ht sich so oft auf 90 bis 110 Stunden.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich spielen bei solchen Arbeitsbedingungen betriebsinterne Schlafr&#228;ume eine essentielle Rolle, um eine Verf&#252;gbarkeit von ArbeiterInnen rund um die Uhr zu gew&#228;hrleisten.<br />
Unter solchen Druck gestellt leiden Arbeiterinnen an einer ganze Reihe beruflich bedingter Krankheiten, wie Menstruationsst&#246;rungen, R&#252;cken- und Kopfschmerzen, verschlechterter Sehkraft, M&#252;digkeit und Atembeschwerden. Die Situation wird durch die schlechte Bel&#252;ftung des Arbeitsplatzes noch verschlimmert. Schw&#228;chere Arbeiterinnen fallen am Arbeitsplatz, vor allem w&#228;hrend der hei&#223;en Sommermonate, manchmal in Ohnmacht. Bei den meisten Unternehmen gibt es keinen bezahlten Krankenstand. Bezahlte Karenz, ebenfalls durch ein Gesetz „gesichert“, wird teilweise ignoriert, obwohl dies als Grundrecht gilt.<br />
Das gr&#246;&#223;te Problem aller interviewten ArbeiterInnen der Textilindustrie war die illegale (Unter-)Bezahlung unter dem Subsistenzniveau. Zwischen dem 1. Mai 2004 und 2005 betrug der Mindestlohn in Shenzhen SEZ 610 Yuan (d. s. ca. 58 Euro). Der Stundenlohn betr&#228;gt so 3,51 Yuan (33 Cent). &#220;berstunden sollten mit 5,30 Yuan (50 Cent) wochentags und 7,01 Yuan (66 Cent) am Wochenende bezahlt werden. Durchschnittliche ArbeiterInnen in Shenzhen, die 13 Stunden am Tag arbeiten m&#252;ssen, m&#252;ssten f&#252;r 400 Stunden pro Monat 1.916 Yuan (180 Euro) verdienen. Selten verdienen die ArbeiterInnen aber mehr als 500-800 Yuan (47-75 Euro) pro Monat. Es gibt zwei Hauptgr&#252;nde daf&#252;r: Erstens sind die anstelle eines Monatslohns erhaltenen St&#252;ckl&#246;hne extrem niedrig, zweitens wird der St&#252;cklohn f&#252;r ArbeiterInnen niemals transparent gemacht. Am Lohnzettel scheint nur ein Pauschalbetrag auf, ohne auf einzelne Komponenten einzugehen, w&#228;hrend Geldstrafen und Abz&#252;ge wie f&#252;r Essen und Unterkunft klar aufgelistet werden und 150-200 Yuan (14-18 Euro) pro Monat betragen k&#246;nnen. ArbeiterInnen k&#246;nnen sich kaum das Leben in Gro&#223;st&#228;dten wie Shenzhen leisten.<br />
Die Mehrheit der befragten TextilarbeiterInnen in den kleineren privat gef&#252;hrten Unternehmen, haben noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag – ein klarer Versto&#223; gegen das chinesische Arbeitsrecht. Ohne legales Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis haben die ArbeiterInnen auch keinen Anspruch auf staatlich geregelte Versicherungen. Leiden ArbeiterInnen unter arbeitsbedingten  Krankheiten oder Verletzungen haben sie gro&#223;e Schwierigkeiten, medizinische Hilfe zu erhalten.<br />
Auf die lokalen Regierungen kann offensichtlich nicht gez&#228;hlt werden, wenn es darum geht, Arbeitsrechte durchzusetzen. Um &#246;konomisches Wachstum zu forcieren und um f&#252;r ausl&#228;ndisches Kapital attraktiv zu werden, gehen lokale Regierungen mit Absicht sehr locker mit dem Arbeitsrecht um und bekommen so im Gegenzug gro&#223;e Steuereinnahmen von den Unternehmensgewinnen, und Boni von prosperierenden Konzernen. Oft sind lokale Beamte gleichzeitig selbst Investoren in gr&#246;&#223;ere Unternehmen und nehmen manchmal Bestechungsgelder von kleineren Fabriken an, um Zertifikate f&#252;r Sicherheitsbestimmungen auszustellen.<br />
Andrerseits beklagen FabriksbesitzerInnen und ManagerInnen den Druck von transnationalen Konzernen. Ein Manager einer gro&#223;en Textilfabrik in Dongguan in der Provinz Guangdong beschreibt in der <em>Financial Times</em> diesen Druck: „Wir stehen unter gro&#223;em Stress, Kunden bestellen oft sehr kurzfristig, &#228;ndern ihre Bestellung, w&#228;hrend die Produktion schon l&#228;uft und zahlen ihre Rechnungen sp&#228;t. Zur gleichen Zeit verlangen sie eine bessere Ausbildung unseres Personals, bessere Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen. Wir k&#246;nnen nicht alles gleichzeitig erf&#252;llen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
F&#252;r TNKs, wie beispielsweise Levi Strauss, Nike, Reebok, The Gap und andere sind Konzernkodizes zum Trend geworden. Die Einf&#252;hrung solcher Kodizes wurde Teil deren Unternehmensstrategie, um den Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen am globalen Markt sicher zu stellen. Interne &#220;berpr&#252;fungen von Subunternehmen oder Zulieferern durch Konzernvertreter sind normalerweise der Fall, obwohl manchmal unabh&#228;ngige Pr&#252;ferInnen, wie zum Beispiel AkademikerInnen, AutorInnen und/oder NGOs eingeladen werden, um die Glaubw&#252;rdigkeit zu erh&#246;hen.<br />
Konzerneigene Kodizes m&#252;ssen in den gr&#246;&#223;eren &#246;konomischen Zonen der Deltas des Pearl- und des Yangtze-Flusses im S&#252;den Chinas erst vollst&#228;ndig implementiert werden. Korruption, Falschaussagen und Verschleierungen sind an der Tagesordnung. Der chinesische Manager einer gro&#223;en Zuliefererfabrik f&#252;r die Textilindustrie im Pearl-Fluss-Delta in Guangdong berichtete in der <em>Financial Times</em>, dass die Zeitkarten der ArbeiterInnen und die Verkaufszahlen gef&#228;lscht waren, um die Anforderungen der Kodizes zu erf&#252;llen. Ein Team von sechs Angestellten wurde beauftragt die Dokumente vorzubereiten, so dass sie perfekt in die W&#252;nsche ausl&#228;ndischer Investoren passen w&#252;rden. Das ist nur ein Beispiel unter Tausenden. Wichtiger jedoch ist, dass das die Beschr&#228;nkungen konzerninterner Pr&#252;fung klar zeigt. ArbeiterInnen wurde unter schwerer Strafe verboten, nicht vorgegebene Antworten zu geben und wurden f&#252;r „richtige“ Antworten belohnt. Zum Beispiel, wenn InspektorInnen nach den Arbeitszeiten fragen, m&#252;ssen die ArbeiterInnen antworten, dass sie einen Standard-Arbeitstag von acht Stunden haben, mit h&#246;chstens drei &#220;berstunden pro Tag.</p>
<h3>Versuche der Organisierung</h3>
<p>Die Abwesenheit oder Ineffizienz der staatlichen Rolle, als auch der Unternehmenskodizes, im Schutz der ArbeiterInnen-Rechte, schaffen ein Bed&#252;rfnis nach alternativen zivilen Organisationen. Wir erleben einen Boom an ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta der sp&#228;ten 1990er und 2000er Jahre, die um ihr Dasein k&#228;mpfen, w&#228;hrend eine Zivilgesellschaft noch nicht entstanden ist. Durch den geringen politischen, legalen und organisatorischen Raum, den solche ArbeiterInnen-NGOs haben, haben sie keine andere Wahl als eine Taktik anzunehmen, die diese als „NGOs of Chinese characteristics“ formen. Einige von ihnen unterhielten eine enge Verbindung mit sozialen Organisationen oder Stiftungen in Hong Kong, wie beispielsweise das „Chinese Working Women Network“ (CWWN) oder „Workers’ Empowerment“. Andere wurden von chinesischen Anw&#228;ltInnen und JournalistInnen gegr&#252;ndet, wie das „Institute of Contemporary Observations“ (ICO). Viele wurden von WanderarbeiterInnen gegr&#252;ndet, wie beispielsweise die „Migrant Workers’ Association“. Ohne Zivilgesellschaft, ohne &#246;ffentliche Teilnahme mussten sich diese Organisationen gro&#223;en Herausforderungen stellen, um langfristig Raum f&#252;r die Organisierung von ArbeiterInnen oder deren St&#228;rkung zu schaffen. W&#228;hrend einige von ihnen einen „bevormundenden“ Partner, wie beispielsweise die lokale ACFTU (All Chinese Federation of Trade Unions), die „Youth League“ oder das Gesundheitsminsterium finden, um einen legalen Status zu erlangen, sind einige auch einfach als Wirtschaftseinheiten gegr&#252;ndet worden, wie bspw. das ICO. Der Rest dieser NGOs operiert einfach ohne Registrierung.<br />
Nehmen wir das CWWN als Beispiel, um die Organisierung und Arbeit von ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta zu illustrieren. Als NGO aus Hong Kong wurde sie bereits 1996 in der Industriezone S&#252;dchinas ins Leben gerufen und organisiert seither Fabriksarbeiterinnen in Shenzhen, der ersten SEZ Chinas. Sie k&#228;mpft f&#252;r die Anerkennung und die Aufrechterhaltung von Arbeits- und Genderrechten und unterst&#252;tzt Grassroots-Netzwerke und soziale Gerechtigkeit in China. Wegen der gro&#223;en Schwierigkeiten, WanderarbeiterInnen direkt am Arbeitsplatz zu organisieren, ist das CWWN in den WanderarbeiterInnen-Communities verwurzelt und f&#246;rdert verschiedene Projekte, um ArbeiterInnen au&#223;erhalb der traditionellen Gewerkschaften zu st&#228;rken. Um eine Basis in China zu sichern, organisiert das CWWN nicht nur ArbeiterInnen, sondern arbeitet auch mit lokalen Staatsbeamten zusammen, die ebenfalls die missliche Lage von Wanderarbeiterinnen kritisieren und bereit sind gangbare Projekte zu unterst&#252;tzen. So war es dem CWWN seit mehr als zehn Jahren m&#246;glich, verschiedene Grassrootnetwork Projekte im Zentrum der Guangdong-Provinz aufzubauen, die sich mit Arbeitsrechten, Gesundheits- und Sicherheitsthemen, Gendergleichheit und nachhaltiger Entwicklung besch&#228;ftigen. Das CWWN startete auch Initiativen zur Organisierung in den Fabriksschlafst&#228;tten, gr&#252;ndete Kooperativen f&#252;r Arbeiterinnen und veranstaltete Trainingsworkshops zu Arbeits- und Genderrechten, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern und chinesische Arbeiterinnen Empowerment-Programme anzubieten. Es organisiert ebenso kulturelle und bildungstechnische Aktivit&#228;ten, um das soziale Leben von Arbeiterinnen zu bereichern und ermutigt zu Solidarit&#228;t. Zus&#228;tzlich zu diesen Projekten organisiert das CWWN Arbeitsplatz-Trainings, Informations- und Erfahrungsaustausch unter den verschiedenen Gruppen.<br />
Ein einzigartiges Programm des CWWN war das Mobile-Van-Projekt, wo ein „Women Health Express (WHE)“ die verschiedenen Dormitory-Industriezentren anf&#228;hrt, um Wanderarbeiterinnen zu erreichen, die in Teilen Chinas leben, wo das Netzwerk keine feste Basis hat. Ein adaptierter Minibus beinhaltet medizinische Ausr&#252;stung, B&#252;cher, TV und VCDs sowie Lausprecher f&#252;r Bildungsveramstaltungen im Freien. Dieser Van funktioniert als ein mobiles Service-Center f&#252;r die Verbreitung von Information zu Gesundheits- und Sicherheitsthemen, genauso wie zur Information und Schulung grundlegender Arbeitsrechte. Der WHE begann seine Arbeit am 8. M&#228;rz 2000 im Industriegebiet des Pearl-Fluss-Deltas und beendete sie im M&#228;rz 2002. Dieses Projekt erreichte &#252;ber 80.000 Arbeiterinnen. Trotz dieses Erfolges konnte das Projekt aufgrund seiner mobilen Konzeption keine dauerhaft organisierten Gruppen von ArbeiterInnen aufbauen und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum aufrecht erhalten.<br />
Das CWWN hat versucht die Integration von lokalen Arbeiterinnen in ihre Programme zu beschleunigen, damit sie eine gr&#246;&#223;ere Rolle in der Planung und Organisierung von Projekten einnehmen k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich zur Arbeit mit Wanderarbeiterinnen S&#252;dchinas unterh&#228;lt das CWWN ein Arbeiterinnen-Zentrum, eine Gruppe f&#252;r verletzte Arbeiterinnen und ein Gemeindezentrum f&#252;r eine professionelle Gesundheitsausbildung. Auf dem WHE basierend bildete das CWWN ein Team von lokalen OrganizerInnen in China aus, um die selbstst&#228;ndige Organisierung verletzter Arbeiterinnen zu unterst&#252;tzen und ein &#246;ffentliches Bewusstsein zu erzeugen, das berufsbedingte Krankheiten nicht ignoriert.<br />
In aller K&#252;rze betreffen die Hauptprobleme der Arbeiterinnen im Pearl-Fluss-Delta vor allem drei Bereiche: Arbeitsrechte, Berufskrankheiten und Sicherheit am Arbeitsplatz, und Frauenrechte bez&#252;glich &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit. Diese Hauptthemen werden von der Arbeit des CWWN abgedeckt.</p>
<h3>Training am Arbeitsplatz</h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu den Trainings in den Communities versuchen die ArbeiterInnen-NGOs ebenfalls, ArbeiterInnen am Arbeitsplatz zu organisieren. 2004 schuf das CWWN, gemeinsam mit zwei Partner-Organisationen, ArbeiterInnen-Komitees in zwei Betrieben, um die Demokratie am Arbeitsplatz durch ein von den ArbeiterInnen ausgehendes Monitoring-Systems zu f&#246;rdern. Die Gr&#246;&#223;e der Komitees variiert mit der Anzahl der ArbeiterInnen in der Fabrik, ist jedoch zwischen 12 und 14 Personen gro&#223;, eine Relation von einem Mitglied des Komitees zu 30 ArbeiterInnen. Der Bennungs- und Wahlprozess ist offen und demokratisch, wo jedeR ArbeiterIn einen geheimen Stimmzettel w&#228;hrend der Arbeitszeit abgibt.<br />
Die ArbeiterInnen wissen &#252;ber ihre Rechte Bescheid und, wie die Umsetzung des Verhaltenskodex am Arbeitsplatz &#252;berwacht werden kann. Die ArbeiterInnen f&#252;hren fabriksweite Wahlen durch und bestimmen so ihre eigenen Repr&#228;sentantInnen im Komitee. Diese Komitees untersuchen, ob die Arbeitsbedingungen dem Gesetz entsprechen oder dem Verhaltenskodex. Sie verstehen sich als Alternative zum top-down organisierten offiziellen Gewerkschaftsbund ACFTU.<br />
Die gr&#246;&#223;te Herausforderung f&#252;r dieses Projekt liegt in der langfristigen Unterst&#252;tzung der Komitees. ArbeiterInnen-NGOs bemerken, dass ArbeiterInnen noch nicht an wichtigen Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, wie Arbeitszeit und &#220;berstundenbezahlung, beteiligt sind. Die Verhandlungsposition gegen&#252;ber dem Management in t&#228;glichen Entscheidungen muss gest&#228;rkt werden. Der Versuch, die Demokratie am Arbeitsplatz zu f&#246;rdern, scheint noch immer im Anfangsstadium und es wird definitiv noch ein langer Weg zu bestreiten sein.</p>
<h3>Schlussfolgerung</h3>
<p>China ist eine „Weltwerkstatt“ geworden, die im Zusammenhang mit Dormitory-Labour-Regime organisiert ist. Ein gro&#223;er Pool an billigen WanderarbeiterInnen wurde geschaffen, um den Bed&#252;rfnissen globaler Produktionsprozesse in der internationalen Arbeitsteilung zu gen&#252;gen. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltfabrik ist auch eine neue soziale Kraft – der <em>Dagong</em>-Klasse – entstanden. Die ArbeiterInnen-NGOs streben danach einen gesellschaftlichen Raum von unten f&#252;r Millionen von WanderarbeiterInnen zu schaffen, die das R&#252;ckgrat der boomenden Exportwirtschaft Chinas darstellen, indem sie ArbeiterInnen und lokale OrganizerInnen ausbilden und Solidarit&#228;t aufzubauen. In einem „Brief an die FreundInnen der WanderarbeiterInnen“, ruft die „Migrant Workers’ Association“ ArbeiterInnen  zur Unterst&#252;tzung auf:<br />
„Nur wenn wir organisiert sind und uns gegenseitig solidarisch unterst&#252;tzen, wird diese neue Klasse an WanderarbeiterInnen, diese gro&#223;e benachteiligte Gruppe, sich nicht „wie Sand zerstreuen“ und kein Opfer willk&#252;rlicher Tyranneien werden. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir die Aufmerksamkeit der Regierung erreichen und k&#246;nnen wir effektive Wege finden, die unsere Probleme zu reflektieren. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir WanderarbeiterInnen eine h&#246;rbare Stimme haben, und kommunikative Mechanismen f&#252;r einen st&#228;ndigen und effektiven Austausch mit Regierung und Gesellschaft aufbauen, um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen arbeitsrechtliche Bestimmungen und unser institutioneller Schutz gesichert werden.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Solinger, Dorothy J.: Contesting Citizenship in Urban China. Berkeley 1999<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Chan, Anita: China’s Workers Under Assault. The Exploitation of Labor in a Globalizing Economy, New York 2001; Lee, Ching Kwan: Gender and the South China Miracle. Two Worlds of Factory Women, Berkeley 1998; Pun, Ngai: Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace, Durham/ Hong Kong 2005<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Pun: Made in China, a.a.O.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Das <em>Hokou</em>-System („eingetragener st&#228;ndiger Wohnsitz“ oder „Anzahl der Haushalte und der Gesamtbev&#246;lkerung“), das den Aufenthaltsort an einen zugewiesenen Ort band. Der Aufenthalt am zugeordneten Wohnort war Voraussetzung f&#252;r jede Art von Besch&#228;ftigung und die Vergabe von Essen und anderen wichtigen Konsumg&#252;tern.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Lavely, William: First Impressions of the 2000 Census of China, in: Population and Development Review 27(4), 2001, S. 755-69, hier S. 3; Liang, Zai/ Ma Zhongdong: China’s Floating Population. New Evidence from the 2000 Census, in: Population and Development Review 30(3), 2004, S. 467-88; Gaetano, Arianne M./ Jacka, Tamara (Hg.): On the Move: Women in Rural-to-Urban Migration in Contemporary China. New York 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Pun, Ngai: Becoming Dagongmei: The Politics of Identity and Difference in Reform China, in: The China Journal 42, 1999, S. 1-19, Gaetano/Jacka: On the Move, a.a.O.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Liang/ Ma: China’s Floating Population, a.a.O.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Pun, Ngai/ Smith, Chris: Putting Transnational Labour Process in its Place: Dormitory Labour Regime in Post-Socialist China, in: Work, Employment and Society 21(1), 2007, S. 27-45<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Ebd.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  SACOM: Looking for Mickey Mouse’s Conscience: A survey on working conditions of Disney supplier factories in China, online: <a href="http://www.sacom.org.hk">http://www.sacom.org.hk</a> (10. 11. 2005)<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Code of Conduct Implementation in China: Laying a False Trail, The Financial Times, 21. April 2005</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von Pun Ngai<br />
&#220;bersetzung: Michael Doblmair und Philipp Probst<br />
„Made in China“ von Pun Ngai ist 2005 bei Duke University Press erschienen</p>
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		<title>K&#228;mpfe im Plastikmeer</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 08:30:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Zust&#228;nde im „Plastikmeer von Almería“, wo ein gro&#223;er Anteil an Treibhausgem&#252;se f&#252;r den europ&#228;ischen Verbrauch – vor allem im Winter – produziert wird, sind mittlerweile weithin bekannt. Almería ist gleichsam zum Symbol f&#252;r die Ausbeutung in der industriellen Landwirtschaft geworden. <em>Benjamin Opratko</em> sprach mit <em>Lisa Bolyos</em> und <em>Dieter Behr</em>, die in der Solidarit&#228;tskampagne mit der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC aktiv sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Zust&#228;nde im „Plastikmeer von Almería“, wo ein gro&#223;er Anteil an Treibhausgem&#252;se f&#252;r den europ&#228;ischen Verbrauch – vor allem im Winter – produziert wird, sind mittlerweile weithin bekannt. Almería ist gleichsam zum Symbol f&#252;r die Ausbeutung in der industriellen Landwirtschaft geworden. <em>Benjamin Opratko</em> sprach mit <em>Lisa Bolyos</em> und <em>Dieter Behr</em>, die in der Solidarit&#228;tskampagne mit der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC aktiv sind.</p>
<p><span id="more-15"></span></p>
<p>Nach den brutalen rassistischen Ausschreitungen in der Kleinstadt El Ejido im Februar 2000 wurde das Europ&#228;ische B&#252;rgerInnenforum (EBF)/Longo Maï auf die Zusammenh&#228;nge aufmerksam, die zwischen industrialisierter Agrarproduktion, (Arbeits-)Migration und rassistischen Politiken bestehen. Langj&#228;hrige Kontakte zur andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Sindicato de Obrer@s del Campo) haben sich seither in einer gemeinsamen Solidarit&#228;tskampagne verfestigt. Die SOC wurde im Februar 2000 in der Region Almería aktiv, es bildete sich eine erste migrantische Gewerkschaftsgruppe. Gemeinsam mit den Feministinnen der Mujeres Progresistas, deren Arbeit jedoch nur kurze Zeit sp&#228;ter durch rassistisches und sexistisches Mobbing in der Stadt verunm&#246;glicht wurde, bildete die SOC Almería eine aktivistische Front gegen den institutionalisierten rassistischen Konsens. Das Ziel der SOC Almería ist die Organisation der ArbeiterInnen in den Treibh&#228;usern im Kampf gegen Ausbeutung und Illegalisierung. Zus&#228;tzlich will die Solidarit&#228;tskampagne eine breite &#214;ffentlichkeit informieren und dar&#252;ber hinaus motivieren, aktiv zu werden.<br />
Seit dem Jahr 2004 ist der Aufbau sozialer Zentren ein Arbeitsschwerpunkt der SOC Almería und so auch der internationalen Kampagne. Diese Lokale sollen den MigrantInnen Infrastruktur, Beratungsstelle, Treffpunkte und Versammlungsorte sein. Angesichts der rund einhunderttausend ArbeiterInnen im „mar del plastico“, einer Gesamtfl&#228;che von etwa 35.000 ha, in der 16.000 Betriebe wirtschaften, eine gewaltige Herausforderung, die Schritt f&#252;r Schritt in Angriff genommen wird. Im Jahr 2005 wurde ein erstes Zentrum in El Ejido er&#246;ffnet. Das Lokal wurde durch die Solidarit&#228;tskampagne des EBF mit Hilfe zahlreicher Organisationen und privaten Spenden finanziert und tr&#228;gt sich mittlerweile durch die Gewerkschaftsbeitr&#228;ge weitgehend selbst. Im Fr&#252;hjahr 2007 wurde nun das zweite soziale Zentrum in San Isidro im Campo de Níjar er&#246;ffnet. Zu diesem Anlass fand eine mehrt&#228;gige Konferenz statt, die Ausbeutung der ArbeiterInnen und Umweltzerst&#246;rung durch die industrielle Landwirtschaft und m&#246;gliche Alternativen dazu zum Thema hatte.</p>
<h3>Interview</h3>
<p><em>Ihr seid aktiv in der Solidarit&#228;tsbewegung mit LandarbeiterInnen in S&#252;dspanien. Wie sehen deren Arbeitsbedingungen dort aus?</em></p>
<p>Die materiellen Arbeitsbedingungen sind gro&#223;teils furchtbar schlecht, in den Treibh&#228;usern hat es Temperaturen bis zu 60°C, die ArbeiterInnen bekommen keine oder keine ad&#228;quate Schutzkleidung zu Verf&#252;gung gestellt, es gibt keine geregelten Arbeitszeiten sondern Arbeit nach Bedarf der landwirtschaftlichen Produktion, immer wieder kommt es zu Lohnraub, Arbeiterinnen berichten von sexuellen &#220;bergriffen. Einen Unterschied macht es dar&#252;ber hinaus, ob der oder die ArbeiterIn illegalisiert ist oder Papiere hat. Denn selbstredend ist es, wenn auch nicht einfach, dann doch einfacher, mit Papieren Lohnforderungen zu stellen, nach Arbeitsunf&#228;llen &#228;rztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich gerichtlich gegen rassistische und sexistische Angriffe zur Wehr zusetzen, ohne von Abschiebung bedroht zu sein.</p>
<p><em>Der Begriff Prekarit&#228;t/Prekarisierung als Verunsicherung der Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse wird in letzter Zeit hei&#223; diskutiert. Denkt ihr, dass dieser Begriff auch in diesem Bereich Verwendung finden kann? Wenn ja, inwiefern?</em></p>
<p>Prekarisierung findet zu allererst als Illegalisierung statt. Auf einem unsicheren oder illegalisierten Aufenthaltsstatus basiert dann ja die ganze Palette unsicherer Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse, inklusive der Bedrohung des eigenen Lebens. Prekarit&#228;t als Begriff der Selbstbehauptung kommt sicherlich ins Spiel, wenn die Selbstorganisation beginnt. Die kann, muss aber nicht in den gewerkschaftlichen Strukturen der SOC stattfinden, wie die Geschichte der Region und ihrer Widerstandsformen zeigt.</p>
<p><em>Welche Versuche gab es bisher, LandarbeiterInnen gewerkschaftlich zu organisieren? Mit welchen Problemen ist man dort konfrontiert und welches Verh&#228;ltnis gibt es zu den etablierten spanischen Gewerkschaften?</em></p>
<p>Die SOC, sindicato de obrer@s del campo (Gewerkschaft der LandarbeiterInnen), ist seit den 70er Jahren in Andalusien aktiv. Erst noch im Widerstand gegen die Diktatur, ging die SOC 1973 mit direkten Aktionen an die &#214;ffentlichkeit, das hei&#223;t in erster Linie: LandarbeiterInnenstreiks und Landbesetzungen. Diese Strategien waren vor allem in Westandalusien, in den Provinzen Sevilla und Malaga, wo der Gro&#223;grundbesitz in Form sogenannter latifundias vorherrschte, sehr erfolgreich. Im Osten, vor allem in der Provinz Almería, wo es aufgrund der schlechten landwirtschaftlichen Voraussetzungen keinen Gro&#223;grundbesitz gab, war die SOC bis vor kurzem nicht aktiv. Nach den rassistischen Pogromen in der Region Almería im Jahr 2000 hat sich auch dort eine Gruppe der SOC gebildet, die von Migranten gegr&#252;ndet wurde und nunmehr MigrantInnen in der Region organisiert.<br />
Die so genannten etablierten Gewerkschaften UGT und CCOO sind, soweit wir das von au&#223;en beurteilen k&#246;nnen, nicht ausgesprochen solidarisch mit der SOC, die sind auch in ganz anderen Strukturen verankert, d.h. sie bekommen staatliche F&#246;rderungen und fahren ein sehr traditionalistisches Gewerkschaftsprogramm, das sich auf Mitgliederwerbung konzentriert und dementsprechend kein Interesse an der Organisation von migrantischen LandarbeiterInnen hat, die, so zumindest die Vorstellung, nicht f&#252;r eine langfristige Mitgliedschaft zu gewinnen sind.<br />
Punktuell gibt es zwar Zusammenarbeit mit den gro&#223;en Gewerkschaften, allerdings war die Positionierung von CCOO und UGT im Jahr 2000 eindeutig nicht antirassistisch, insofern ist die Ausgangsbasis schwierig.</p>
<p><em>Fast alle LandarbeiterInnen in der Region haben migrantischen Hintergrund. Welche Auswirkungen hat das auf die gewerkschaftliche und politische Arbeit vor Ort?</em></p>
<p>In erster Linie bedeutet es, mit Rassismus und rassistisch verst&#228;rktem Sexismus konfrontiert zu sein. Diese Gewalt ist im Jahr 2000 in Pogromen ausgeartet, die auch medial pr&#228;sent waren, ist aber seither keineswegs verschwunden. Im M&#228;rz 2005 wurde ein Gewerkschaftsmitglied ermordet, immer wieder berichten die ArbeiterInnen von rassistisch motivierten &#220;berf&#228;llen, und ganz aktuell gibt es einen Prozess gegen  eine Gruppe von M&#228;nnern wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt, nachdem die Guardia Civil mehrere gewaltt&#228;tige &#220;berf&#228;lle auf Wohnst&#228;tten der ArbeiterInnen ver&#252;bt hat.<br />
Die andere Frage ist die der m&#246;glichen Organisation. Das hat weniger mit migrantischem Hintergrund als mit der Art der Arbeitsmigration zu tun. Ist sie tempor&#228;r im Sinne von Saisonarbeit, dann ist traditionelle gewerkschaftliche Organisation kaum von Interesse. Das hei&#223;t nicht, dass etwa Formen der direkten Aktion nicht auch f&#252;r SaisonarbeiterInnen die M&#246;glichkeit bieten w&#252;rden, sich gegen prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zu wehren, oder mehr noch dass SaisonarbeiterInnen nicht von Prekarisierung betroffen w&#228;ren. Vielmehr bedeutet es, dass sich die Gewerkschaftsarbeit den aktuellen Formen der Lohnarbeit anpassen muss und nicht von den ArbeiterInnen erwartet werden kann, sich umgekehrt den Vorstellungen der Gewerkschaft anzupassen. Ist die Arbeitsmigration tempor&#228;r, weil Almería ein Durchzugsgebiet ist (eine These allerdings, die meist dem Wunsch der ankommenden MigrantInnen entspricht, jedoch in vielen F&#228;llen nicht den tats&#228;chlichen M&#246;glichkeiten), dann ist jede Form der politischen Organisation mit der Problematik der Kurzfristigkeit konfrontiert, was sie aber noch lange nicht unm&#246;glich macht. Es gibt ja Aktionsformen wie Streik, die oftmals, schon lange bevor die SOC in der Region zu arbeiten begann, erfolgreich erprobt wurden, und zwar sowohl von Leuten, die immer noch im almerischen Gem&#252;sebau arbeiten, als auch von solchen, die aus dem S&#252;den weggezogen sind. Nicht zuletzt bleibt als Beispiel nat&#252;rlich die SOC-Gruppe in Almería, in der vier von f&#252;nf hauptamtlichen GewerkschafterInnen im Erwachsenenalter nach Spanien migriert sind, und die zur Frage der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit erg&#228;nzen l&#228;sst, dass ein Um- oder Weiterdenken innerhalb traditionalistischer Strukturen durch die Selbstorganisation von MigrantInnen ein St&#252;ck weit auch forciert werden kann.</p>
<p><em>Was hat es mit den Versuchen der spanischen Regierung auf sich, illegalisierte MigrantInnen zu Legalisieren?</em></p>
<p>Es gab bisher eine Reihe von Legalisierungskampagnen von der spanischen Regierung, bei denen mehrere hunderttausend Leute Aufenthaltspapiere bekommen haben, die letzte davon von Februar bis Mai 2005. Nat&#252;rlich ist die Intention der Regierung keine antirassistische; den praktischen Nutzen f&#252;r die Leute, die legalisiert werden, zu &#252;bersehen, w&#228;re dennoch zynisch. (Viele ArbeiterInnen aus Almería berichten, dass sie den neuen Status n&#252;tzen, um sofort aus der Region und den dortigen Arbeits- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen wegzugehen.)<br />
Die Legalisierungen verlaufen aber ja nicht bedingungslos, sondern sind im Gegenteil an sehr strenge und oftmals gerade mit illegalisierten Status schwer oder unm&#246;glich zu erf&#252;llende Kriterien gebunden. Es m&#252;ssen Arbeitsvertrag, Meldezettel und diverse Versicherungspapiere nachgewiesen werden, also absurde Forderungen an Menschen, denen eben diese Unterlagen aufgrund ihres Status verwehrt werden. Vor den Einreichterminen zur Legalisierung kommt es zu einem regelrechten Handel mit Papieren, bei dem beispielsweise ArbeitgeberInnen f&#252;r einige tausend Euro r&#252;ckwirkend einen Arbeitsvertrag ausstellen.<br />
Ob es weiterhin die sogenannten „Massenlegalisierungen“ geben wird, ist unklar. Die konservative Opposition in Spanien versucht bei Barroso ein EU-weites Verbot zu erwirken, aber das ist noch lange nicht gegessen.</p>
<p><em>Wie sieht eure Solidarit&#228;tsarbeit konkret aus?</em></p>
<p>Die Soliarbeit baut auf den direkten Kontakt mit GewerkschafterInnen und vermehrt auch ArbeiterInnen auf. Das ist insofern wichtig, als es ein Abheben in Diskussionen und Aktionen, die mit der Situation vor Ort nicht r&#252;ckgekoppelt und deshalb realit&#228;tsfern sind, ein ganzes St&#252;ck weit verhindert. Neben der &#252;blichen Aufkl&#228;rungs- und Bildungsarbeit versuchen wir permanent die Vernetzung mit anderen Gruppen und Kontexten, die mit Landwirtschaft und Migration zusammenh&#228;ngen – was sehr viele sind. Wir zielen darauf ab, Zusammenh&#228;nge auf den verschiedenen Ebenen dieses doch sehr komplexen Themas aufzuzeigen und gemeinsam mit anderen aus linken Zusammenh&#228;ngen dort anzugreifen, wo es konkrete Anhaltspunkte gibt – nicht nur in Spanien, sondern, eingebettet in ein europ&#228;isches Netzwerk, auch in Italien, Frankreich, der Schweiz, Holland, Deutschland und auch &#214;sterreich. Im Jahr 2004 haben wir dazu ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Bittere Ernte – die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas“. Gerade dieses Jahr ist es weiters gut gelungen, Migration und Landwirtschaft als zwei Schwerpunktthemen im Zuge der G8-Proteste in Heiligendamm zu verkn&#252;pfen. Dar&#252;ber hinaus gab es in Heiligendamm ein erstes Zusammentreffen der SOC- mit der Lidl-Kampagne, also der Themen Prim&#228;rproduktion und Discounter und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen. An diesem Thema wollen wir auch in der n&#228;chsten Zeit verst&#228;rkt arbeiten.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Weiterf&#252;hrende Internetseiten</h3>
<p><a href="http://www.forum-civique.org">http://www.forum-civique.org</a><br />
<a href="http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/plastikmeer_almeria.html"> http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/plastikmeer_almeria.html</a><br />
<a href="http://www.soc-almeria.org"> http://www.soc-almeria.org</a><br />
<a href="http://www.g8-landwirtschaft.net"> http://www.g8-landwirtschaft.net</a></p>
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		<title>Zwei Logiken der Macht</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/zwei-logiken-der-macht/</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:22:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: David Harvey: Der neue Imperialismus, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 23,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sp&#228;testens seit Bushs <em>War Against Terrorism</em> erleben wir ein Revival marxistischer Imperialismustheorien, die versuchen, die neuen Kriege, die Instabilit&#228;ten und Widerspr&#252;che im globalen Kapitalismus zu Beginn des neuen Jahrtausends zu erkl&#228;ren. Mit <em>Der neue Imperialismus</em> hat David Harvey, marxistischer Geograph und f&#252;hrender Vertreter eines „historisch-geographischen Materialismus“, einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte geleistet.<o></o><br />
Harvey definiert den kapitalistischen Imperialismus als widerspr&#252;chliche Verschmelzung von zwei Logiken der Macht: einer territorialen (geopolitischen) und einer kapitalistischen (&#246;konomischen). Das Verh&#228;ltnis zwischen beiden ist weder funktionell noch einseitig. Weder operieren Staaten und Imperien immer aus kapitalistischen Motiven, noch werden die &#246;konomischen Prozesse von Staaten und Imperien gelenkt. Kapitalistische und territoriale Machtlogik sind als voneinander verschieden zu begreifen, aber gleichzeitig „auf komplexe und widerspr&#252;chliche Weise miteinander verwoben“. (36)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Aus Perspektive der kapitalistischen Logik geht es bei imperialistischen Praktiken darum, die ungleichen geographischen Bedingungen, die notwendig aus kapitalistischen Tauschbeziehungen entstehen, auszunutzen, w&#228;hrend es Hauptaufgabe des Staates ist, „die asymmetrische Struktur des r&#228;umlichen Tauschs, die sich zu seinem Vorteil auswirkt, zu erhalten.“ (38)<o></o></p>
<p>Staatliche Aktivit&#228;t ist auch zentral bei der L&#246;sung der regelm&#228;&#223;igen &#220;berakkumulationskrisen im Kapitalismus, entweder durch massive Entwertung oder Erschlie&#223;ung neuer Verwertungsm&#246;glichkeiten im Inneren, oder durch geographische Expansion nach au&#223;en und die Umstrukturierung r&#228;umlicher Beziehungen. Hier kommt das ins Spiel was Harvey „Akkumulation durch Enteignung“ nennt. Der Kapitalismus ben&#246;tigt stets einen Vorrat an Verm&#246;genswerten au&#223;erhalb seiner selbst, um dem Druck der &#220;berakkumulation zu entgehen. Der Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ bei Marx – „die Kommodifizierung und Privatisierung des Bodens…, Umwandlung verschiedener Formen von Eigentumsrechten (&#246;ffentlich, kollektiv, staatlich usw.) in exklusive Eigentumsrechte; Kommodifizierung der Arbeitskraft und die Unterdr&#252;ckung alternativer (traditioneller) Formen der Produktion und des Konsums; koloniale, neokoloniale und imperialistische Prozesse der Aneignung von Verm&#246;genswerten…“ (143) – ist f&#252;r Harvey deshalb nicht nur ein Ph&#228;nomen in der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, sondern „eine wichtige und anhaltende Kraft in der historischen Geographie der Kapitalakkumulation durch Imperialismus“. (141)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Insbesondere seit der Welt-wirtschaftskrise 1973 wurde die „Akkumulation durch Enteignung“, als Kompensation f&#252;r die chronischen Probleme der &#220;berakkumulation, immer wichtiger. Hauptvehikel dieser Entwicklung war die Finanzialisierung und die effektive Abstimmung eines internationalen Finanzsystems, das bestimmten Gebieten oder auch ganzen L&#228;ndern – gest&#252;tzt auf internationale Institutionen – brutale Entwertungsrunden auferlegen konnte. (154) Dies ist nach Harvey das zentrale Kennzeichen des neuen, „neoliberalen Imperialismus“; die Hegemonie der USA in dieser Konstellation spiegelte sich in ihrer F&#252;hrungsrolle in den internationalen Finanzinstitutionen („Wall-Street-US-Finanzministerium-IWF-Komplex“).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Die Bush-Administration f&#252;hrt diese Politik fort. Jedoch zeichnet den „neokonservativen Imperialismus“ im Unterschied zum neoliberalen aus, dass er verst&#228;rkt mit Zwang statt mit Konsens operiert. Die Ursachen daf&#252;r sieht Harvey in der schwindenden Dominanz des US-Kapitals nicht nur in der Produktion sondern auch im Finanzsektor. Der neokonservative Imperialismus versucht, die Schw&#228;chen der wirtschaftlichen Grundlagen seiner geopolitischen Macht zu kompensieren, indem er sich auf den einzigen Bereich st&#252;tzt, in dem die USA noch absolut dominieren: den milit&#228;rischen. Die Sicherung der &#214;lreserven im Mittleren Osten soll ihnen die Mittel in die Hand geben, „um auf jede innerhalb der Weltwirtschaft drohende – wirtschaftliche oder milit&#228;rische – Machtverschiebung zu antworten“ und die US-Dominanz in den n&#228;chsten 50 Jahren sichern. (80)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey betont jedoch die Widerspr&#252;che in dieser Strategie: die Unvereinbarkeit der heute vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen, der kapitalistischen Machtlogik, mit der spezifischen durch den neokonservativen Imperialismus angestrebten territorialen Logik. Bspw. treiben die Kosten des Irakkriegs das Haushaltsdefizit der USA weiter in die H&#246;he. Hinzu kommt die prek&#228;re internationale Lage der US-&#214;konomie: die private und staatliche Auslandsverschuldung macht die US-Wirtschaft au&#223;erordentlich verwundbar f&#252;r Kapitalflucht, je mehr das Vertrauen in die US-Regierung sinkt. Die Gefahr der „imperialen &#220;berdehnung“ ist st&#228;ndig pr&#228;sent; „die kapitalistische Logik der Macht“ k&#246;nnte „die territoriale Logik, der man jetzt folgt, in St&#252;cke rei&#223;en“. (84)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey gelingt es, komplexe Theorien und Sachverhalte klar und in einfacher Sprache zu erkl&#228;ren. Die deutliche Unterscheidung zwischen neoliberalem und neokonservativem Imperialismus hat sich zwar in den letzten Monaten relativiert und Harveys politisches Pl&#228;doyer f&#252;r einen „neuen New Deal“ als „einzig m&#246;gliche, wenn auch befristete Antwort“ (202) auf die Probleme wird kaum jemand &#252;berzeugen k&#246;nnen. Dennoch: Mit <em>Der neue Imperialismus </em>ist Harvey ein Buch gelungen, das Wert ist, gelesen und diskutiert zu werden. Empfehlung.<o></o></p>
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		<title>Wie der Vietnamkrieg gestoppt wurde</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:15:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Vietnam]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €<br />
<span id="more-82"></span><br />
In Der amerikanische Krieg schildert der Marxist Jonathan Neale eindrucksvoll, wie die Supermacht USA einen Krieg gegen eine milit&#228;risch unterlegene Guerillaarmee gleich an zwei Fronten verloren hat: in Vietnam und in den USA.<br />
Doch es handelt sich um weit mehr als nur um einen geschichtlichen Abriss &#252;ber einen l&#228;ngst vergangenen Krieg. Die St&#228;rke dieses Buches liegt darin, dass Neale einerseits den Konflikt, in dem sich die USA sowohl innen- als auch au&#223;enpolitisch befand, mit einer bestechenden Klarheit beschreibt und analysiert. Andererseits – und das macht dieses Buch so einmalig und beeindruckend – l&#228;sst er auf lebendige und authentische Weise die Betroffenen des Krieges zu Wort kommen: Die vietnamesischen Widerstandsk&#228;mpferInnen, die amerikanischen Soldaten in Vietnam, deren sich &#228;ngstigenden M&#252;tter und die AntikriegsaktivistInnen in den USA.<br />
Die Niederlage der US-Regierung resultierte aus drei Elementen: Der erbitterte vietnamesische Widerstand, die Protestbewegung in den USA und letztlich die Auflehnung und Verweigerung der Soldaten innerhalb der US-Armee selbst. Die Bilder der Tet-Offensive, in der vietnamesische Guerillak&#228;mpferInnen die US-Botschaft in Saigon st&#252;rmten und f&#252;r einige Stunden besetzt hielten, gingen um den gesamten Globus. Zus&#228;tzlich sah sich die US-Regierung konfrontiert mit einem Protest nie gekannten Ausma&#223;es, die auch die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der Schwarzen und die Eltern der Soldaten miteinschloss.<br />
Neben dem vietnamesischen Widerstand und dem Protest in den USA lag der Grund f&#252;r das Scheitern der USA v.a. auch am Widerstand innerhalb der US-Armee selbst. Neale schreibt: „Die GIs in Vietnam kamen aus der Arbeiterklasse, und ihr Auftrag lautete, eine Revolte armer Bauern zu zerschlagen. Sie wussten es. Sie waren in einen grausamen Krieg geschickt worden und wurden ermuntert, zu t&#246;ten und Leichen zu z&#228;hlen. Der Widerspruch, in dem sie gefangen waren, die Qual und die Konfusion, auf der falschen Seite zu stehen, trieb viele zur Grausamkeit. Dieselben Kr&#228;fte jedoch konnten die M&#228;nner zur selben Zeit zur Revolte gegen den Krieg treiben – und sie revoltierten auch.“ Zun&#228;chst begannen einige Soldaten Antikriegstreffen zu organisieren. Was als kleinere Versammlungen von Einzelnen begann, weitete sich rasch aus. GIs traten organisiert auf, verweigerten Befehle und schossen sogar auf Offiziere.<br />
Heute wird h&#228;ufig von einer „Vietnamisierung“ des Irakkriegs gesprochen. Tats&#228;chlich finden sich im Irakkonflikt die drei tragenden Elemente, die den USA ihrem unpopul&#228;r gef&#252;hrten Krieg und der jetzigen Besatzung zum Verh&#228;ngnis werden k&#246;nnten: Der Widerstand der IrakerInnen, eine weltweite Antikriegsbewegung und zunehmender Unmut in der Armee.<br />
Deshalb ist das Buch so wertvoll; nicht nur weil es packend geschrieben ist, auch weil sich aus den Protesten der Bewegung von damals viele relevante Lehren f&#252;r heute ziehen lassen.</p>
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