<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Imperialismus</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/imperialismus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Mon, 10 Mar 2014 08:48:09 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Was war denn das? Der Krieg gegen den Terror</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 11:53:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2331</guid>
		<description><![CDATA[Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: Richard Seymour &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.

Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: <em>Richard Seymour</em> &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.<br />
<span id="more-2331"></span><br />
Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror ist zu Ende. K&#246;nnen wir nun, da er vorbei ist, herausfinden was er war?<br />
Im Alltagsverstand der Linken wird der Krieg gegen den Terror als abenteuerliches Projekt zur Neuordnung einer strategisch und energiepolitisch wichtigen Region im Interesse der amerikanischen herrschenden Klasse verstanden. Als Nebeneffekt erlaubte er eine autorit&#228;re  Umr&#252;stung der teilnehmenden Staaten, um gegen GegnerInnen im Inneren unter den Vorzeichen der Terrorismusbek&#228;mpfung vorzugehen – aber die dominante Logik war eine geopolitische, angetrieben durch die Konkurrenz zwischen den USA und potenziellen Rivalen wie China und Russland, die sich um die Kontrolle von Energieressourcen drehte. W&#252;rden die USA die &#214;lquellen kontrollieren, k&#246;nnten sie die &#214;llieferungen an ihre Konkurrenten reduzieren und so deren Wachstum mindern. Jedoch, so das Argument: das Setzen auf milit&#228;rische Macht stellte sich als Fehler heraus, und die USA fanden sich in einer weiter geschw&#228;chten Position wieder. Die Beendigung des Kriegs gegen den Terror stellt einen Strategiewechsel dar, der von „RealistInnen“ innerhalb der Demokratischen Partei wie Zbigniew Brzezinski angezeigt wurde und auf die Festigung US-amerikanischer Hegemonie durch eine St&#228;rkung der Allianzen mit der EU und anderen setzt.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/bush-mission1-300x164.jpg" alt="" title="bush-mission" width="300" height="164" class="alignnone size-medium wp-image-2333" /></p>
<p>Diese Analyse hat ihre St&#228;rken, doch ich m&#246;chte einen anderen Punkt herausstreichen. Wenn der Krieg gegen den Terror ein Versuch war, die US-Hegemonie international zu st&#228;rken, so kann er auch als Anstrengung verstanden werden, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse innerhalb des Landes zu Gunsten der Unternehmen und in Richtung  eines st&#228;rker auf Zwang setzenden Staat zu verschieben. Dieses Vorgehen wurde in zahlreichen entwickelten kapitalistischen Staaten durchgezogen, besonders in jenen, die sich mit der Bush-Regierung verb&#252;ndet hatten, um einige der sich abzeichnenden Krisen des US-gef&#252;hrten neoliberalen Kapitalismus zu abzufedern und oppositionelle Kr&#228;fte f&#252;r einen bestimmten Zeitraum entscheidend zu schw&#228;chen.</p>
<p>Zugleich beruhte die Bush-Regierung jedoch auf einer schmalen und &#228;u&#223;erst instabilen Basis, die f&#252;r die Instabilit&#228;ten, die durch die eigenen Politiken hervorgerufen wurden, hochgradig anf&#228;llig waren. 2005 hatte sich die Situation im besetzten Irak so weit verschlechtert, dass der Krieg begann, verschiedenste Ursachen der Unzufriedenheit mit der Regierung zu b&#252;ndeln, sowohl in den Eliten als auch unter den W&#228;hlerInnen. Als die Regierung 2008 abtrat, war sie bereits eine lame duck. Dennoch hatten die politischen Kr&#228;fte, die durch den Krieg gegen den Terror mobilisiert wurden, langfristige Effekte, die auch im Kontext der gegenw&#228;rtigen Rezession und der Pr&#228;sidentschaft Barack Obamas weiter wirken.</p>
<p><strong>Vor dem Fl&#228;chenbrand</strong><br />
Vor den Angriffen am 11. September war eine Reihe von inh&#228;renten Schw&#228;chen des Kapitalismus in seiner neoliberalen Phase an die Oberfl&#228;che getreten. Das System litt an einer chronischen &#220;berakkumulation von Kapital. Die Finanzialisierung hatte systemische Instabilit&#228;ten erzeugt, die sich im &#246;konomischen Zusammenbruch der s&#252;dostasiatischen „Tigerstaaten“, in Rettungsaktionen f&#252;r Hedge Funds und dem Platzen der dot.com Blase ausdr&#252;ckten. Unternehmensprofite, die sich seit der weltweiten Rezession 1979-1982 allm&#228;hlich wieder erholt hatten, begannen wieder zu fallen. Die Schw&#228;che des Systems wurde im Jahr 2001 von einer Serie von Rezessionen angezeigt, auch wenn keine der systemischen Krise nach 2007 gleichkommen sollte. Die Legitimit&#228;t des Kapitals wurde zugleich von einer Kombination aus antikapitalistischen Bewegungen und verschiedenen Buchhaltungs-Skandalen gro&#223;er Konzerne wie WorldCom angegriffen. Auch der Kampfgeist der Gewerkschaften schien sich gegen Ende der 1990er etwas zu regen, in einigen Aufsehen erregenden Streiks konnten Erfolge erzielt werden und zahlreiche Organisierungskampagnen wurden durchgef&#252;hrt. 1997 wurde ein gro&#223;er Arbeitskampf der TransportarbeiterInnen von breiter &#246;ffentlicher Unterst&#252;tzung begleitet, StreikbrecherInnen waren selten und die Solidarit&#228;t an den Streikposten mit 95 Prozent hoch. Darauf folgte eine Reihe von Streiks, darunter einer bei General Motors, und im Jahr 1998 wies die Statistik 5,1 Millionen Streiktage in den USA aus: das ist zwar in historischer Perspektive wenig, markierte aber einen beginnenden Anstieg. Die F&#228;higkeit des Staates, Dissidenz und Widerstand zu kontrollieren, wurde zunehmend in Frage gestellt. In Seattle hatten antikapitalistische DemonstrantInnen erfolgreich eine WTO-Konferenz verhindert, in der neoliberale Ma&#223;nahmen in einem B&#252;ndnis kapitalistischer Staaten weiter institutionalisiert werden h&#228;tten sollen. Zur gleichen Zeit fanden in Cincinnati die gr&#246;&#223;ten Unruhen seit den Riots in Los Angeles 1992 statt, nachdem Timothy Thomas, ein 19-j&#228;hriger schwarzer Mann, erschossen worden war. Die &#246;ffentliche Meinung bewegte sich in einer ganzen Reihe von Themen nach links.<br />
F&#252;r die Reagan-Anh&#228;ngerInnen in der F&#252;hrung der Republikanischen Partei wurde es zunehmend schwierig, ausreichende Unterst&#252;tzung aus der Bev&#246;lkerung f&#252;r ihre Programmatik zu finden, weshalb sie sich gezwungen sahen, ihre Absichten hinter dem Label des <em>compassionate conservatism</em> zu verbergen und dann bei der Wahl im Jahr 2000 das Pr&#228;sidentenamt zu stehlen. Im Angesicht einer platzenden Finanzblase aus der Clinton-&#196;ra, dem Wiedererwachen globaler anti-systemischer Bewegungen und der ablehnenden Haltung der Eliten gegen&#252;ber jeglichem politischen Abenteurertum hatte die neue Regierung jedoch ein Legitimit&#228;ts-Defizit. Die Angriffe vom 11. September vernichteten viele dieser Hindernisse in einer Reihe gigantischer Fl&#228;chenbr&#228;nde.</p>
<p><strong>Der neokonservative Moment</strong><br />
Es ist wichtig, pr&#228;zise zu bestimmen in welcher Hinsicht die Bush-Regierung die Interessen der herrschenden Klasse interpretiert und implementiert hat. Die herrschende Klasse ist niemals eine geschlossene Einheit der UnternehmerInnen. Ihre verschiedenen Fraktionen teilen manche Interessen und streiten sich &#252;ber andere, und keine einzelne Strategie kann all diese Interessen bedienen. Diese Tatsache entzieht jeder instrumentalistischen Sicht die Grundlage, nach der der Staat blo&#223; ein „Werkzeug“ zur Durchsetzung einer festgelegten Interessenlage der Herrschenden w&#228;re. Tats&#228;chlich sind der Staat und die Parteien, die um die Kontrolle &#252;ber ihn konkurrieren, Felder ideologischer Antagonismen. PolitikerInnen und Intellektuelle m&#252;ssen innerhalb der Klasse, mit der sie organisch verbunden sind, um ihre bevorzugten Strategien streiten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/The-War-on-Terror-boardgame1-300x204.png" alt="" title="The-War-on-Terror-boardgame" width="300" height="204" class="alignnone size-medium wp-image-2339" /></p>
<p>Es ist zweifelhaft, ob Bush jemals die Mehrheit der herrschenden Klasse in den USA hinter sich gebracht hat. Aber innerhalb der Republikanischen F&#252;hrung, existierten verdichtete Kapitalfraktionen – besonders aus den Bereichen Energie, Finanz, Verteidigungsindustrie und Bauwirtschaft – die sicherlich von der Politik profitieren konnten, die Bush als Teil des Kriegs gegen den Terror umsetzen konnte. Und in der Regierung befanden sich mehrere PolitikerInnen und Intellektuelle, die zwischen dem Privatsektor, Staatsapparaten und rechten Think Tanks zirkulierten und dadurch eine im Wesentlichen deckungsgleiche Vorstellung davon hatten, welche Aufgaben der amerikanische Kapitalismus in seiner historischen Mission zu erf&#252;llen hatte.<br />
Es gab auch abweichende Stimmen, etwa jene von Finanzminister Paul O’Neill. Doch unmittelbar nach dem 11. September wurden diese entscheidend marginalisiert. Ein Kern von neokonservativen und rechts-nationalistischen IdeologInnen (von denen einige im Project for the New American Century aktiv gewesen waren) &#252;bernahm die F&#252;hrungsrolle und versuchte, dem US-Kapitalismus eine moralische und intellektuelle F&#252;hrung zu verpassen, die auf dem Einsatz von milit&#228;rischer Macht zur Einsch&#252;chterung von Verb&#252;ndeten und Z&#252;chtigung von Gegnern basierte. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Projekt ohne den 11. September durchgesetzt h&#228;tte werden k&#246;nnen. Statt dessen w&#228;re wohl st&#228;rker auf neoliberale „Globalisierung“ gesetzt worden – die weitere &#214;ffnung und Liberalisierung der Weltm&#228;rkte durch IWF-Kredite und versprochenen Zugang zum US-Markt, wobei die milit&#228;rische St&#228;rke eine untergeordnete Rolle neben den anderen Zwangsmechanismen spielt, die dem imperialen Hegemon zur Verf&#252;gung stehen.<br />
Der „neokonservative Moment“ stellte jedoch den milit&#228;rischen Konflikt ins Zentrum einer neuen ideologischen Konstellation, deren Angelpunkt die Verteidigung der „westlichen Zivilisation“ gegen ihre „totalit&#228;ren“ oder „islamofaschistischen“ Feinde darstellt. Die USA, so wurde argumentiert, sollten einen Block liberal-kapitalistischer Staaten anf&#252;hren, um „Al Qaida“ und jenen, die als ihre Verb&#252;ndete gelten, einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Der „Westen“, als Inkarnation des H&#246;hepunkts menschlicher Entwicklung, sollte zum Fortschritt beitragen, indem er seine aufgekl&#228;rten Interessen an der Durchsetzung einer liberalen Weltordnung und dem Sieg &#252;ber deren Feinde zur Geltung bringt.<br />
Diese Argumentation war nicht v&#246;llig neu. Bereits 1999 formulierte Tony Blair die grundlegenden Themen in einer Rede in Chicago, und entsprechend wurde Blair auch zu einem engen Verb&#252;ndeten von Bush. Trotzdem war die Intensit&#228;t, mit der solche Ideen reproduziert wurden, und ihre pl&#246;tzliche Resonanz sicherlich etwas Neues. Die Strategie versuchte, einen Aspekt des hegemonialen Diskurses des Kalten Kriegs aufzugreifen, in dem die offen ausgedr&#252;ckte Loyalit&#228;t und Kooperation von potenziell entgegen gesetzten politischen Kr&#228;ften eingefordert wurde, um dem Vorwurf des Verrats zu entgehen.<br />
Die Au&#223;enpolitik war die zentrale S&#228;ule der Bush-Regierung, und sie half auch bei der Reorganisierung der nationalen Klassenverh&#228;ltnisse. Sie stellte die Basis f&#252;r einen Aufschwung der Republikanischen Partei im Wahlvolk dar; sie erlaubte eine Ausweitung von &#220;berwachung und Repression, wodurch der Staat in eine bessere Position im Umgang mit Dissidenz und Widerstand gebracht wurde; sie stellte eine praktische Begr&#252;ndung f&#252;r die Unterdr&#252;ckung von Arbeitsk&#228;mpfen dar; und, indem sie ihre GegnerInnen schw&#228;chte, erm&#246;glichte sie es der Regierung, Politiken ohne Gegenwehr durchzusetzen, die Verm&#246;gen an die Reichsten umverteilten.</p>
<p><strong>Die entwaffnete Linke</strong><br />
Der wichtigste unmittelbare Nutzen, den die imperialistischen Staaten aus den Angriffen vom 11. September ziehen konnten, war ihr Vorteil gegen&#252;ber popularen Widerstandsbewegungen. Dieser entstand nicht nur aus dem aufsteigenden Patriotismus und, unter den Verb&#252;ndeten der USA, der Solidarit&#228;t mit den „Menschen wie uns“, die Gilbert Achcar das „narzistische Mitgef&#252;hl“ nannte. Er war auch darauf zur&#252;ck zu f&#252;hren, dass der „Terrorismus“ pl&#246;tzlich eine greifbare &#246;ffentliche Bedrohung darstellte, f&#252;r die nach technokratischen wie ideologischen L&#246;sungen gesucht werden musste. Die Linke hatte eine vertretbare Analyse (die ungerechte Politik der USA war mitverantwortlich f&#252;r die Ursachen der Angriffe) und eine vern&#252;nftige L&#246;sung anzubieten (wir sollten jede Handlung vermeiden, die diese Ungerechtigkeit verst&#228;rken und zuk&#252;nftige Attacken wahrscheinlicher machen w&#252;rde). Die einflussreichen Interventionen von Noam Chomsky waren wichtig, um die Linke mit dieser Art von Analyse auszur&#252;sten, die auf zunehmende Zustimmung in der Welt&#246;ffentlichkeit stie&#223;, auch wenn sie in den USA selbst nur eine Minderheit &#252;berzeugen konnte.<br />
Doch der Diskurs der „Terrorismusbek&#228;mpfung“ ist ein gef&#228;hrliches Terrain f&#252;r die Linke, ein Terrain auf dem der Staat mit seinen immensen Ressourcen einen entscheidenden Vorteil hat. „Terrorismusbek&#228;mpfung“ hat die Tendenz, sich mit „Aufstandsbek&#228;mpfung“ zu &#252;berlappen, mit gef&#228;hrlichen Konsequenzen f&#252;r linke Bewegungen. Und die Rechte bot eine „vision&#228;re“, moralistische Antwort auf 9/11 als Kontrapunkt zur vorsichtigen, pragmatischen Reaktion der Linken an. Von der Annahme der moralischen &#220;berlegenheit der „westlichen Zivilisation“ ausgehend behauptete sie – mit einer gewissen oberfl&#228;chlichen Plausibilit&#228;t – dass es um die Selbstverteidigung der freien und demokratischen L&#228;nder gegen gewaltt&#228;tige, „totalit&#228;re“ Bewegungen ginge. Die Rechte hatte ihre Verb&#252;ndeten in der Regierung und betr&#228;chtlichen Raum in den mit ihnen sympathisierenden Medien, um ihr Argument auszubreiten. Die Dynamik lag also zu Beginn bei der Rechten, die erfolgreich die &#246;ffentliche Zustimmung zu ihren Zielen organisieren konnte. Anti-Kriegs-Bewegungen, die als Reaktion auf die Invasion in Afghanistan entstanden, waren zun&#228;chst klein und konnten ohne gro&#223;en Aufwand marginalisiert und unter Illoyalit&#228;tsverdacht gestellt werden. </p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/fbi-300x225.jpg" alt="" title="fbi" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2335" /></p>
<p>Die Intensivierung der &#220;berwachung und Repression nach dem 11. September stellte zwar keinen grundlegenden Bruch mit fr&#252;heren Normen dar – der USA PATRIOT Act (ein Akronym f&#252;r „uniting and strengthening America by providing appropriate tools required to intercept and obstruct terrorism“) legalisierte einfach Formen der &#220;berwachung, die schon lange eingesetzt wurden – sie wirkte aber beschleunigend. Die Anforderungen f&#252;r Ermittlungen gegen Gruppen wurden gesenkt, das FBI konnte weitaus einfacher Durchsuchungsbefehle erhalten und die Definition von „Terrorismus“ wurde so ausgeweitet, dass jeder Mensch, der ein Gesetz bricht um auf politische Prozesse oder die &#246;ffentliche Meinung einzuwirken, als TerroristIn verfolgt werden konnte. Nachdem die Ermittlungen der Bundespolizei gegen politische AktivistInnen und Anti-Kriegs-Gruppen eine lange Geschichte haben – von der Zerschlagung der sozialistischen und ArbeiterInnenbewegungen 1919 bis zu den illegalen Ermittlungen gegen die El Salvador-Solidarit&#228;tsgruppe CISPES in den 1980ern – wussten jene, die das Gesetz ausarbeiteten, dass sie damit eine intensivierte politische Repression autorisierten. Dies sollte sich bald bewahrheiten, als Anti-Kriegs-Gruppen wiederholt ins Visier des FBI gerieten.<br />
Auch die Gewerkschaften zogen gegen den neuen Sicherheitsstaat den K&#252;rzeren. Z.B. untersagte die Regierung einen Streik der MechanikerInnen von United Airline im Dezember 2001 mit der Begr&#252;ndung, dieser w&#252;rde die Luftsicherheit gef&#228;hrden. In einem &#228;hnlichen Fall wurde im Januar 2002 der nationale Ausnahmezustand ausgerufen, um einen Streik von HafenarbeiterInnen durch eine gerichtliche Verf&#252;gung stoppen zu lassen. Insgesamt setzte die Regierung einen robusten Kurs gegen ArbeiterInnen durch und beschr&#228;nkte ArbeiterInnenrechte in mehreren Bereichen – Arbeitsplatzssicherheit, &#220;berstundenregelungen und Gewerkschaftsrechte f&#252;r Bundesangestellte. Es war kein so massiver Schlag gegen die ArbeiterInnenbewegung wie jener unter Reagan, aber die Organisierungsdichte nahm ab, und die Kombination aus einer Rezession und den Angriffen der Bush-Regierung nach 9/11 kehrte den kurzen Aufschwung der sp&#228;ten 1990er Jahre in ihr Gegenteil um. Ein Resultat war, dass die Reall&#246;hne im folgenden Jahrzehnt langsamer anstiegen als w&#228;hrend der Gro&#223;en Depression. Dazu verschob die Regierung in den Jahren 2001 bis 2003 die Steuerlast weiter von den Reichen auf ArbeiterInnenhaushalte. Vor dem 11. September musste Bush gegen den Kongress regieren und eine teure PR-Kampagne fahren, um &#246;ffentliche Zustimmung zu seinen Steuersenkungen zu organisieren. Danach war er in einer sicheren Position; nachdem die Republikanische Partei in den Kongresswahlen 2002 eine klare Mehrheit erringen konnte, senkte er weiter Steuern auf hohe und mittlere Einkommen, Investitionen, Kapitalgewinne und Dividenden, und feuerte sogar Paul O’Neill, nachdem dieser sich einer Gruppe von 450 WirtschaftswissenschafterInnen angeschlossen hatte, die sich gegen die Steuerpolitik aussprachen.</p>
<p><strong>Krise und Niedergang</strong><br />
Global bedeutete der „Krieg gegen den Terror“ einen herben R&#252;ckschlag anti-systemischer Bewegungen, die sich in den sp&#228;ten 1990er Jahren entwickelt hatten. Den sich bis dahin stetig ausweitenden Protesten wurde sofort der Schwung genommen. Als im November 2001 die Gespr&#228;che der WTO in Doha scheiterten, lag das eher an den bestehenden Spannungen zwischen den USA und der EU als an antikapitalistischer Militanz. Trotzdem war die weltweite Mobilisierung gegen die Invasion des Irak die gr&#246;&#223;te derartige Bewegung in der Geschichte. Sie speiste sich auch aus der Ablehnung der US-Dominanz, die sich zumindest versteckt – und nicht selten ganz offen – in den Aufst&#228;nden der Zapatistas, in den bolivischen Wasserkriegen und in den Protesten gegen die WTO zeigte. Am 15. Februar 2003 gingen alleine in New York 400.000 AktivistInnen gegen den Krieg auf die Stra&#223;e. Am selben Tag demonstrierten mindestens 150.000 in San Francisco, und Zehntausende in Hollywood, Colorado Springs und Seattle. Insgesamt protestierten 50 Millionen Menschen weltweit. Das gewaltige Ausma&#223; dessen, was im Irak geplant war, machte fast den ideologischen Vorteil, den die US-Regierung genoss, zunichte. Aber selbst eine derart gro&#223;e Opposition w&#228;re beherrschbar gewesen, wenn die Invasion und Besatzung des Irak wie im „Spaziergang“-Szenario der offiziellen Propaganda abgelaufen w&#228;re. Tats&#228;chlich flachten die Proteste nach dem Beginn der Invasion ab und die US-Regierung wurde in den ersten Monaten der Besatzung vor&#252;bergehend gest&#228;rkt. Bush gewann 2004 die Pr&#228;sidentschaftswahl gegen den unaufregenden demokratische Kriegsbef&#252;rworter John Kerry mit einer Mehrheit der W&#228;hlerInnenstimmen, inklusive einer Mehrheit der wei&#223;en ArbeiterInnen, die zur Wahl gingen. Und das trotz einer Serie von durch die Besatzung ausgel&#246;sten Krisen, wie die Enth&#252;llung der Folter in Abu Ghraib, und der massenhaften Opposition, die sich bei der 800.000 Menschen starken Demonstration bei der Nationalversammlung der Republikaner zeigte. Die Unterst&#252;tzung bei der Wahl gab Bush das Selbstvertrauen, sich f&#252;r einen neuen Angriff auf die ArbeiterInnenklasse stark zu machen – die versuchte Privatisierung der Sozialversicherung. Aber schon damals waren die Anf&#228;nge der Krise offensichtlich.</p>
<p>Unter den fragmentierten nationalistischen und islamistischen Gruppen im Irak keimte seit dem Beginn der Besatzung Widerstand auf. Dieser brach 2004 richtig los und steigerte sich 2006 auf ein verheerendes Niveau. Zwischen 2004 und 2006 stiegen die Angriffe auf Koalitionstruppen und deren Verb&#252;ndeten von weniger als 400 auf &#252;ber 800 pro Woche. Indem er den Besatzern die Kontrolle &#252;ber den Irak verweigerten, trug der Widerstand zu einer ernsthafter politische Krise der Bush-Administration bei. Die &#246;ffentlichen Zustimmungswerte zum Krieg brachen Mitte 2005 ein, wobei eine Mehrheit der Meinung war, der Konflikt h&#228;tte nie begonnen werden d&#252;rfen. Zwar hatten an einem strategisch wichtigen Punkt pl&#246;tzlich auftauchende Br&#252;che innerhalb der Anti-Kriegs-Bewegung Bush fast davon kommen lassen, aber das Ansehen der Regierung wurde durch ihre Antwort auf den Hurrikan Katrina, der im Sommer 2005 Louisiana verw&#252;stete, zerst&#246;rt. Die fehlende Vorbereitung von Rettungsma&#223;nahmen, vorenthaltene Hilfsleistungen und schlie&#223;lich die Durchsetzung einer milit&#228;rischen L&#246;sung f&#252;r das Desaster f&#252;hrte zu einer tiefen ideologischen Krise der republikanischen Rechten. Die Aufmerksamkeit lag daraufhin auf der Unterdr&#252;ckung von Afro-AmerikanerInnen und die bis dahin ignorierte Klassenfrage. In beiden Punkten waren die Republikaner im Nachteil. Die Regierung diente weiterhin einer begrenzten Bandbreite kapitalistischer Klasseninteressen, denen sie sich verbunden f&#252;hlte, konnte aber nicht l&#228;nger &#246;ffentliche Unterst&#252;tzung organisieren.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/nousa-300x200.jpg" alt="" title="nousa" width="300" height="200" class="alignnone size-medium wp-image-2344" /></p>
<p>In diesem Kontext erlebten auch soziale Bewegungen einen leichten Aufschwung. Gewerkschaften behinderten durch erfolgreiches Lobbying Bushs Privatisierungspl&#228;ne der Sozialversicherung, bis die Regierung, unter offener Ablehnung der Demokraten und einigem republikanischen Unbehagen, den Plan fallen lie&#223;. Die Renaissance der Bewegungen zeigte sich in den riesigen Demonstrationen f&#252;r ImmigrantInnenrechte im Mai 2006. Diese stellten einen hoch politisierten Generalstreik der verwundbarsten ArbeiterInnen der USA dar. Sie legten ganze Industrien still und zeigten Bereiche auf, in denen ArbeiterInnen potentiell Macht hatten. Sp&#228;ter im selben Jahr &#252;bernahmen die Demokraten die Kontrolle &#252;ber den Kongress und der „&#220;ber-Falke“ Rumsfeld sah sich gezwungen, zur&#252;ck zu treten. Er &#252;berlie&#223; es einer gebrochenen Regierung, zur Niederlage bei der Wahl 2008 weiter zu humpeln.</p>
<p><strong>Obama Nation</strong><br />
Als die Bush-Administration in ihre endg&#252;ltige Krise geriet, warf das Kapital seine Ressourcen entschieden hinter die Demokraten und besonders hinter Barack Obama. Obamas gr&#246;&#223;te Spende kam von der Wall-Street, und seine Dienste f&#252;r die Finanzwirtschaft in Form der riesigen Bankenrettungen &#252;berwogen die mickrigen Reformen, die er seiner Basis bot, bei weitem. Obama h&#228;tte die Pr&#228;sidentschaftswahl 2008 jedoch nicht gewinnen k&#246;nnen (mit fast 70 Millionen Stimmen), wenn er nicht einige &#246;ffentliche Forderungen aufgenommen h&#228;tte. Die Operationsweise der Demokraten kann vielleicht in gramscianischen Begriffen als „Transformismus“ charakterisiert werden. Das bedeutet, dass popul&#228;re Hoffnungen und Forderungen aufgenommen werden, deren spezifisch widerst&#228;ndiger und klassenantagonistischer Inhalt neutralisiert wird und sie in der Form der Politik der pro-kapitalistischen Mitte neu artikuliert werden. Obama versprach den ArbeiterInnen, Gewerkschaftsrechte mit dem Employment Free Choice Act zu unterst&#252;tzen, den Irakkrieg zu beenden und das Gesundheitssystem durch die Einf&#252;hrung eines staatlichen Versicherungsmodels zu reformieren, das mit privaten konkurrieren kann und dadurch die Preise fallen l&#228;sst. Der herrschenden Klasse versprach er, die Banken zu st&#252;tzen, die Wirtschaftskrise einzud&#228;mmen, einen w&#252;rdigen R&#252;ckzug aus dem Irak zu organisieren, in Afghanistan zu bleiben und die US-Vormacht global wiederherzustellen. Als Konsequenz gab es 2008 eine zweigleisige Mobilisierung f&#252;r Obama, mit dem h&#246;chsten Anteil an Wahlstimmen unter den sehr Reichen und der ArbeiterInnenklasse.<br />
Der „Krieg gegen den Terror“ war, wie gesagt, vorbei sobald die Republikaner 2008 unterlegen waren. Aber die politischen Kr&#228;fte, die er entfesselt hatte, legten teilweise die Grundlage f&#252;r eine sehr traditionelle, reaktion&#228;re Bewegung der Rechten in Form der Tea-Party. Wie ihre Vorg&#228;nger nach dem ersten Weltkrieg und w&#228;hrend des kalten Kriegs ist diese Bewegung wei&#223;, m&#228;nnlich und wohlhabender als der Durchschnitt der restlichen Bev&#246;lkerung. Sie erfreut sich einiger Unterst&#252;tzung  durch das Kapital und dr&#252;ckt ihren Anti-Sozialismus in einer nationalistischen und rassistischen Sprache aus. Sie unterscheidet sich von ihren Vorg&#228;ngern darin, dass ihr die Unterst&#252;tzung durch den Staat fehlt – was den traditionellen Antikommunismus f&#252;r viele seiner GegnerInnen so t&#246;dlich machte – und dass ihrem globalen Narrativ, in dem Obamas angebliche koloniale Identit&#228;t (als Kenianer oder heimlicher Muslim) im Zentrum steht, die oberfl&#228;chliche Plausibilit&#228;t fehlt, die die kommunistische Gefahr in der Hysterie des kalten Kriegs besa&#223;.<br />
Allerdings bedient sich die Tea Party der islamophoben und nationalistischen Ideologie, die w&#228;hrend des „Kriegs gegen den Terror“ – speziell w&#228;hrend der erb&#228;rmlichn republikanischen Pr&#228;sidentschaftskampagne 2008 – kultiviert wurde. Das erlaubte es ihr, ihre Ablehnung der Gesundheitsreform und anderer Einschr&#228;nkungen privater Eigentumsrechte als Teil eines authentischen Amerikanismus zu pr&#228;sentieren, der die USA gegen kulturelle Degeneration und Verfall sch&#252;tzt. Dadurch wurde es m&#246;glich, dass die Tea-Party-Anh&#228;ngerInnen eine bedeutende Minderheit der Bev&#246;lkerung hinter ihrer rechts-au&#223;en Agenda mobilisieren konnten – eine Mobilisierung die verbunden mit der Demoralisierung der W&#228;hlerInnen Obamas ausreichte, den Republikanern einen Vorteil bei den Wahlstimmen zu verschaffen.<br />
Tats&#228;chlich war ein Anstieg von Islamophobie und Nationalismus in allen Staaten wahrnehmbar, die am „Krieg gegen den Terror“ teilnahmen – mit verheerenden politischen Folgen.  W&#228;hrend die Anti-Kriegs-Stimmung einen potentiell demokratisch-radikalisierende Effekt hatte, zog der antimuslimische Rassismus viele ArbeiterInnen nach rechts. Dies zeigte sich deutlich anhand des Niedergangs der radikalen Linken in Europa in der zweiten H&#228;lfte der letzten Dekade, in der Krise der antikapitalistischen Bewegungen und dem gleichzeitigen Aufstieg der extremen Rechten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/wisconsin-protests-300x225.jpg" alt="" title="wisconsin protests" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2337" /></p>
<p>Im Jahr 2011 er&#246;ffnen sich jedoch neue M&#246;glichkeiten. Der militante, offen ausgetragene Klassenkampf gegen den Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker – ein Apostel der Tea Party – fiel mit den elektrisierenden Revolutionen in Nordafrika und den Protestwellen im ganzen Nahen Osten zusammen. W&#228;hrend letztere die amerikanische Kontrolle &#252;ber die Region gef&#228;hrden, droht ersterer sich in den USA auszubreiten und einen linken Kontrapunkt gegen das Sparprogram zu setzen, das in Washington und anderen Hauptst&#228;dten der Bundesstaaten durchgedr&#252;ckt wird. Das ist ein Problem f&#252;r die Neokonservativen, die Anh&#228;ngerInnen Sarah Palins und der Tea-Party. Sie h&#228;tten nichts lieber als einen gro&#223;angelegten Krieg gegen Amerikas Feinde, um ihre Basis aufzustacheln und eine Antwort der Rechten auf die tiefe, organische Krise des Kapitalismus zu koordinieren. W&#228;hrend aber die Kriege weiter gehen – Obamas Angriffe auf Afghanistan und die niederschwellige Intervention in Libyen sind treffende Beispiele – k&#246;nnte so etwas wie der Krieg gegen Terror heute nicht wiederholt werden.</p>
<p>Der Artikel ist erstmals im <a href="http://web.overland.org.au/previous-issues/issue-204/feature-richard-seymour/">Overland <em>magazine</em></a> erschienen. &#220;bersetzung aus dem Englischen von <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><em>Richard Seymour </em>ist Journalist, <a href="http://www.versobooks.com/books/307-the-liberal-defence-of-murder">Autor</a> und Aktivist in London. Er bloggt regelm&#246;&#223;ig auf <a href="http://leninology.blogspot.com/">Lenin&#8217;s Tomb</a>.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wegweiser zur Imperialismustheorie</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/wegweiser-zur-imperialismustheorie/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/wegweiser-zur-imperialismustheorie/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:04:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=296</guid>
		<description><![CDATA[Rezension: ten Brink, Tobias:<em> Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus. Ein &#220;berblick</em>, Stuttgart: UTB 2008, 313 Seiten, € 19,90]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: ten Brink, Tobias:<em> Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus. Ein &#220;berblick</em>, Stuttgart: UTB 2008, 313 Seiten, € 19,90<br />
<span id="more-296"></span><br />
„Staatenkonflikte“ geh&#246;rt zu der raren Spezies von „Lehrb&#252;chern“, die auf gelungene Weise einen konzisen &#220;berblick &#252;ber die Debatten eines wissenschaftlichen Feldes mit den historischen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten ihrer Entstehung und Verl&#228;ufe verkn&#252;pft. Thema des Buches sind die Auseinandersetzungen um die Frage, wie Konkurrenz-, Macht- und Ausbeutungsverh&#228;ltnisse zwischen Staaten unter kapitalistischen Bedingungen verstanden werden k&#246;nnen. Einerseits ist dieses Themenfeld alles andere als neu und Diskussionen darum haben die Durchsetzung des Kapitalismus von Anfang an begleitet. Andererseits ist es durchaus nicht selbstverst&#228;ndlich, heute (wieder) von Staatenkonflikten und Geopolitik zu sprechen, waren doch noch in den 1990er Jahren, unter dem Eindruck des Falls der Mauer und dem Ende des Kalten Kriegs, Thesen von deren Ende besonders <em>en vogue</em>. Das Erscheinen von ten Brinks Buch (besonders in dem gro&#223;en akademischen Verlagsverbund UTB) ist insofern auch ein Indikator f&#252;r die R&#252;ckkehr der Theoretisierungen zwischenstaatlicher Konkurrenz und Kriegen in den sozialwissenschaftlichen Diskurs.</p>
<p>Der Aufbau des Buches folgt der Einteilung in drei gro&#223;e historische Abschnitte, die der Autor zu Beginn vornimmt. Die erste Periode, von 1875 bis 1945, war gepr&#228;gt von einer multipolaren Welt, in der politische und &#246;konomische Rivalit&#228;ten oft milit&#228;rischen Ausdruck fanden, Kolonialreiche erobert wurden und die wechselseitige Durchdringung von Staat und &#214;konomie zu einem „organisierten Kapitalismus“ (Rudolf Hilferding) f&#252;hrte. Der zweite Abschnitt, zwischen 1945 und 1989, war charakterisiert von der politischen Rivalit&#228;t zwischen der USA und der Sowjetunion, w&#228;hrend die Weltwirtschaft von der Konkurrenz mehrerer Zentren – darunter den aufstrebenden &#214;konomien Japans und Westdeutschlands – bestimmt war: eine „geopolitisch bipolare, aber &#246;konomisch multipolare Welt“. Die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ und die Strategien importsubstituierender Industrialisierung sind ein weiterer Faktor, der diese Phase von der vorhergegangenen unterscheidet, w&#228;hrend die Entstehung mehr oder weniger ausgepr&#228;gt staatskapitalistischer Bl&#246;cke in den ersten Jahrzehnten nach 1945 als Vertiefung des bereits zuvor existierenden Trends zur staatlichen Intervention in die &#214;konomie verstanden wird. Hier stellen die 1970er Jahre einen Wendepunkt hin zur Entflechtung von Staat und Wirtschaft und der Schaffung von deregulierten, inter- und transnationalisierten Wirtschaftsbeziehungen dar. Schlie&#223;lich beschreibt ten Brink die Phase nach 1989 als ein geopolitisch von der USA dominiertes System, in dem sich die R&#252;ckkehr multipolarer politischer Rivalit&#228;ten andeutet: im Aufstieg „subimperialistischer“ Regionalm&#228;chte wie Pakistan, S&#252;dafrika, Iran oder Argentinien sowie der so genannten „BRIC-Staaten“ (Brasilien, Russland, Indien, China) als globale Herausforderer der US-Dominanz. Der „Mega-Trend“ des sp&#228;ten 20. Jahrhunderts, die Globalisierung, wird als widerspr&#252;chlicher Prozess beschrieben, in dem zwar die Transnationalisierung &#246;konomischer und politischer Prozesse ein nie gekanntes Niveau erreicht hat, (National-)Staaten aber weiterhin wichtige Bezugspunkte aller Akteure bleiben.</p>
<p>Diese Einteilung bildet nun den Rahmen f&#252;r den eigentlichen Anspruch des Buches, einen Wegweiser f&#252;r die Theoriedebatten dieser Epochen zu schaffen. „Staatenkonflikte“ unterscheidet sich damit wohltuend von anderen Einf&#252;hrungsb&#252;chern zu Theorien der Internationalen Politik, in denen allzu oft verschiedene Theorien vorgestellt werden, als w&#228;ren sie weitgehend unbehelligt von den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit formuliert worden und blo&#223; als Ergebnis innerwissenschaftlicher Diskussionen und Interventionen zu verstehen. Der weite historische R&#252;ckblick erlaubt es ten Brink auch, die heute wenig beachteten Beitr&#228;ge der „klassischen“ Imperialismustheorie vorzustellen und f&#252;r aktuelle Debatten aufzubereiten. W&#228;hrend in anderen Lehrb&#252;chern dazu oft nur ein kurzer Verweis auftaucht, werden hier die Beitr&#228;ge von u.a. John Hobson, Lenin, Leo Trotzki, Rosa Luxemburg, Nikolai Bucharin, Fritz Sternberg, Henryk Grossmann, Joseph Schumpeter, Karl Kautsky und Hannah Arendt besprochen. Insgesamt ist der zentrale Begriff, den der Autor als roten Faden durch die Geschichte der Theoretisierung von Staatenkonflikten legt, jener des Imperialismus. So werden zwar auch historische und aktuelle Str&#228;nge des Mainstreams in der Internationalen Politik referiert – von Idealismus und Realismus &#252;ber Neoinstitutionalismus und Neorealismus bis zur Regimetheorie und neoweberianischen Ans&#228;tze –, seinen besonderen Mehrwert besitzt das Buch jedoch wegen seiner Konzentration auf kritische Ans&#228;tze. Die meisten davon stehen in marxistischer Tradition oder wurden in H&#246;rweite zum Marxismus entwickelt, und es ist die enorme Breite der vorgestellten Perspektiven, die das Buch so wertvoll macht. So werden Str&#246;mungen wie Weltsystem- und Dependenztheorie, kritische Friedensforschung, Neogramscianismus, die imperialismustheoretischen Thesen von Paul Sweezy und Harry Magdoff, Nicos Poulantzas, Ernest Mandel und Cornelius Castoriadis, oder die westdeutsche „Weltmarktdebatte“ ebenso vorgestellt wie die aktuellen Kontroversen um einen „neuen Imperialismus“, mit den Beitr&#228;gen von u.a. Toni Negri, Leo Panitch und David Harvey. Klarerweise ist der Platz, den ten Brink den einzelnen AutorInnen widmen kann, entsprechend beschr&#228;nkt und manche Details fallen der knappen Darstellung zum Opfer. Die Lekt&#252;re des Buches soll die Besch&#228;ftigung mit den Originaltexten aber ohnehin nicht ersetzen, und die weiterf&#252;hrenden Literaturangaben bieten hilfreiche Einstiege in die einzelnen theoretischen Debatten.</p>
<p>Insgesamt ist dies ein ungemein n&#252;tzliches Buch, das nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag zur Rettung des Begriffs „Imperialismus“ als analytischem Werkzeug darstellt. Dieser wird nur zu h&#228;ufig als politischer Kampfbegriff missbraucht – sowohl von solchen, die sich als besonders konsequente „antiimperialistische“ K&#228;mpferInnen gerieren als auch von jenen, die Antiimperialismus blo&#223; als Codewort f&#252;r Antiamerikanismus und unkritische Solidarit&#228;t mit nationalen Befreiungsbewegungen missverstehen. Hier wird hingegen gezeigt, dass imperialismustheoretische Analysen sich der Komplexit&#228;t &#246;konomischer und geopolitischer Machtverh&#228;ltnisse und der Verschr&#228;nkung von „horizontalen“ (zwischen dominanten Akteuren, „Nord-Nord“) und „vertikalen“ (zwischen dominanten und subalternen Akteuren, „Nord-S&#252;d“) Konfliktachsen stellen k&#246;nnen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/wegweiser-zur-imperialismustheorie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Veranstaltung: Change? Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten der US-Geopolitik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2008 15:23:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=236</guid>
		<description><![CDATA[
Termin: 16.12.2008
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: NIG H&#246;rsaal II (Universit&#228;tsstrasse 7, 1010 Wien)
Die Wahl Barack Obamas zum US-Pr&#228;sidenten n&#228;hrt nicht nur in den USA Hoffnung auf eine gerechtere und friedliche Politik des m&#228;chtigsten Staats der Welt. Nach acht Jahren Bush-Doktrin und „Krieg gegen Terror“ sind diese Hoffnungen nur allzu nachvollziehbar.
Doch bereits die ersten Entscheidungen Obamas, wie die &#220;bernahme des republikanischen Verteidigungsministers in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-237" title="change_flyer-fornt_a6-2" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg" alt="" width="350" height="490" /></a></h5>
<p>Termin: <strong>16.12.2008</strong><br />
Uhrzeit: <strong>20 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>NIG H&#246;rsaal II (Universit&#228;tsstrasse 7, 1010 Wien)</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Wahl Barack Obamas zum US-Pr&#228;sidenten n&#228;hrt nicht nur in den USA Hoffnung auf eine gerechtere und friedliche Politik des m&#228;chtigsten Staats der Welt. Nach acht Jahren Bush-Doktrin und „Krieg gegen Terror“ sind diese Hoffnungen nur allzu nachvollziehbar.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch bereits die ersten Entscheidungen Obamas, wie die &#220;bernahme des republikanischen Verteidigungsministers in sein Kabinett, setzten ein gro&#223;es Fragezeichen hinter den vermeintlichen „Change“ in der geopolitischen Strategie der USA.</p>
<p style="text-align: justify;">Tobias ten Brink diskutiert mit uns M&#246;glichkeiten und Grenzen einer neuen US-Geopolitik im Kontext anhaltender imperialistischer Rivalit&#228;ten und br&#252;chig werdender Hegemonie des US-Imperiums.</p>
<p><span style="font-weight: normal;">Tobias ten Brink ist Politikwissenschafter am Frankfurter Institut f&#252;r Sozialforschung und Autor von </span><em><span style="font-weight: normal;">Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz</span></em><span style="font-weight: normal;"> (M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008) sowie </span><em><span style="font-weight: normal;">Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus</span></em><span style="font-weight: normal;"> (Stuttgart: UTB 2008).</span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Perspektiven Nr. 6 (Herbst 2008) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/perspektiven-nr-6-herbst-2008-erschienen/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/perspektiven-nr-6-herbst-2008-erschienen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 16:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Obama]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=184</guid>
		<description><![CDATA[
Schwerpunkt: USA – Br&#252;che im Imperium


]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-6/"><br />
<h3>Schwerpunkt: USA – Br&#252;che im Imperium</h3>
<p></a><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-6/"><img class="alignleft" title="perspektiven6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/10/perspektiven6.jpg" alt="" width="209" height="226" /></a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/perspektiven-nr-6-herbst-2008-erschienen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/editorial-6/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/editorial-6/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Obama]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=131</guid>
		<description><![CDATA[Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.<span id="more-131"></span> Die Sehnsucht nach einem Richtungswechsel an der Spitze der letzten verbliebenen Supermacht ist gro&#223;, und das nicht nur im „Alten Europa“, sondern auch in den Vereinigten Staaten selbst. Was Wunder angesichts der zu Ende gehenden &#196;ra Bush II, die, gepr&#228;gt von einem nicht zu gewinnenden Krieg, der Verarmung breiter Teile der US-Gesellschaft und dem rapiden Niedergang der globalen kulturellen Strahlkraft des ehemaligen <em>Land of the Free</em>, „Change“ zum Gebot der Stunde macht. Es muss sich etwas &#228;ndern – das ist die Botschaft des Wahlkampfs in den USA, und der nachhaltige Hegemonieverlust des neokonservativen Projekts zwingt sogar den erz-neoliberalen Abtreibungsgegner John McCain, sich bei jeder Gelegenheit von der Bush- Adminstration zu distanzieren. Das Imperium ist heute so br&#252;chig wie selten zuvor, eine Tatsache, die von den nicht enden wollenden Kriegen in Afghanistan und Irak ebenso tragisch illustriert wird wie von der aktuellen Finanzkrise, die ganze National&#246;konomien in den Abgrund zu ziehen droht und deren l&#228;ngerfristige Konsequenzen noch immer nicht absehbar sind. Zugleich aber – und das Ph&#228;nomen Obama zeigt das ebenso deutlich – ist das Ende des globale Sonderstatus der USA noch lange nicht besiegelt. Dass allein die Vorwahlen der Republikanischen und Demokratischen Partei &#252;berall auf der Welt Millionen zu unm&#246;glichen Tagesund Nachtzeiten vor die Fernsehger&#228;te bannten und die Internet-<em>Blogosph&#228;re </em>die Kampagnen der Kandidaten in hitzige Debatten und Pl&#228;doyers &#252;bersetzt, verweist darauf, dass die Auswirkungen der Entscheidung von etwa 220 Millionen Wahlberechtigten wahrlich globale Dimensionen hat.</p>
<p>Der Schwerpunkt dieser Ausgabe von <em>Perspektiven </em>versucht, den Blick f&#252;r die Br&#252;che, Widerspr&#252;chlichkeiten und vor allem die K&#228;mpfe zu sch&#228;rfen, die die USA – und damit auch ihre Rolle in der Welt – pr&#228;gen. Den Beginn macht <em>Gary Younge</em>, Journalist und New York-Korrespondent des britischen <em>Guardian</em>, der das Ph&#228;nomen Obama im Zusammenhang mit der weiterhin rassistischen politischen Kultur in den USA untersucht. Seine Conclusio verwehrt sich gegen ein zynisches Abtun der ersten relevanten Schwarzen Pr&#228;sidentschaftskandidatur in der Geschichte der USA, auch wenn Obamas Politik keinen echten <em>Change </em>bringen wird. <em>Tobias ten Brink</em> analysiert die Rolle der USA aus geopolitischer Perspektive und zeigt, dass das Imperium nicht nur im Inneren fragil ist, sondern auch in der anhaltenden Konkurrenz mit anderen globalen imperialistischen Akteuren schwer zu bew&#228;ltigenden Herausforderungen gegen&#252;ber steht – mit oder ohne Obama. Seine Aktualisierung imperialismustheoretischerer Argumente er&#246;ff net dar&#252;ber hinaus weiterf&#252;hrende, theoretische Diskussionen; an dieser Stelle verweisen wir gerne auf ten Brinks soeben beim Verlag Westf&#228;lisches Dampfboot erschienenes Buch „Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz“, das wir Interessierten w&#228;rmstens empfehlen. Oft gestellte Fragen zur aktuellen, schweren Banken- und Finanzkrise beantwortet einer der profi liertesten Intellektuellen der globalisierungskritischen Bewegung, <em>Walden Bello</em> – ein Crashkurs zum Kurscrash, damit auch Kulturlinke und Polit-AktivistInnen erkl&#228;ren k&#246;nnen, was es mit <em>Credit Default Swaps</em> auf sich hat. Einen k&#228;mpferischen Blick „von unten“ auf die USA liefern zwei weitere Artikel im Schwerpunkt: <em>Philipp Probst</em> ruft die K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> vom Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung und zeigt, dass deren Anspruch, junge, migrantische und &#252;berwiegend weibliche ArbeiterInnen mit klassenk&#228;mpferischer Perspektive zu organisieren, nicht nut von historischem Interesse ist. <em>Maria Asenbaum</em> setzt mit ihrem Artikel zu Gewerkschaften und <em>Community Organizing</em> in den USA da an, wo sie gemeinsam mit <em>Karin H&#228;dicke</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 3 („Gewerkschaft bewegen“) aufgeh&#246;rt hatte. Im Mittelpunkt stehen hier die <em>Worker Centers</em>, die migrantische NiedriglohnarbeiterInnen organisieren. Schlie&#223;lich widmen sich <em>Katherina Kinzel</em> und <em>Katharina Hajek</em> den Forderungen und Positionen der „Black Feminists“, die seit den 1960ern die Zusammenh&#228;nge und &#220;berschneidungen von klassen- und geschlechtsspezifi scher sowie rassistischer Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung nicht nur analysieren, sondern auch nach M&#246;glichkeiten ihrer &#220;berwindung fragen. Dieser Anspruch, so ihre Th ese, kann auch f&#252;r gegenw&#228;rtige akademische Debatten um „Intersektionalit&#228;t“ fruchtbar gemacht werden.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts stellen wir unsere kurze Analyse der frustrierenden Ergebnisse der &#246;sterreichischen Nationalratswahl zur Diskussion. Und im dritten Teil unserer Serie „Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution“ zeichnen <em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> den Prozess der Degeneration und B&#252;rokratisierung des jungen Sowjet-Staates zwischen 1917 und 1928 mit besonderem Augenmerk auf die Transformation der Verh&#228;ltnisse in den Betrieben nach.</p>
<p>Im Rezensionsteil stellt <em>Daniel Fuchs</em> die Arbeit der Sozialwissenschaftlerin Pun Ngai aus Hong Kong vor, die sich mit der Situation und den Widerstandspotentialen der s&#252;dchinesischen Wanderarbeiterinnen befasst (vgl. auch den Artikel von Pun Ngai in <em>Perspektiven </em>Nr. 3). Dazu gibt es Besprechungen zu Konfl ikten um Migrationspolitik und Protestformen illegalisierter MigrantInnen an den Grenzen Europas, Gewerkschaftpolitik und die Umsetzung von USamerikanischen <em>Organizing</em>-Strategien in Europa, Theorien der 1968er und Kritische Psychologie.</p>
<p>Viel Spa&#223; und kontroverse Diskussionen w&#252;nscht<br />
<em>Eure Redaktion</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/editorial-6/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Globale Rivalit&#228;ten. Anspruch und Realit&#228;t des amerikanischen Imperiums</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=135</guid>
		<description><![CDATA[Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.<br />
<span id="more-135"></span><br />
Die  weltweiten Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse nach dem Ende des Kalten Krieges wurden von den USA dominiert. Mitte der 1990er konnte sogar von einer unangefochtenen, hegemonialen Rolle gesprochen werden. Es ist aufgrund der einzigartigen Machtkapazit&#228;ten nicht allein als ideologisches Wunschdenken bzw. &#252;berh&#246;hter Ausdruck einer „Ausnahmestellung“ zu begreifen, wenn amerikanische Machteliten das Ziel eines &#252;bergreifenden „Imperiums“ formulieren.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Seit Jahrzehnten zielt die amerikanische Au&#223;enpolitik strategisch auf die Schaffung eines globalen „freien“ Marktes, der vom amerikanischen Staat reguliert wird. Dieser Anspruch scheint mit der Masse der Profite zu korrespondieren, die US-Unternehmen im Ausland realisieren: „Gem&#228;&#223; Zahlen des Jahres 2000 erscheint der Umfang von USDIA-Profiten [Profite, die von US-Unternehmen bzw. deren Tochterfirmen im Ausland erzielt wurden, Anm. TtB] &#252;berw&#228;ltigend. USDIA-Profite stellten 53 % der inl&#228;ndischen Profite“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Tats&#228;chlich kontrollieren die Vereinigten Staaten den internationalen Raum wie kein anderer Akteur. Aus dieser Vormachtstellung resultieren „Hegemonialrenten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> (u.a. aufgrund der Rolle des Dollar als Weltgeld), die die Kosten der Aufwendungen f&#252;r die Herstellung dieser Ordnung (Verteidigungsausgaben etc.) &#252;bertreffen k&#246;nnen. Auf absehbare Zeit wird der amerikanische Staat die Vorz&#252;ge einer einheitlichen Volkswirtschaft mit enormen Kapazit&#228;ten und eines &#252;bergreifenden &#246;konomischen Anziehungspunktes nutzen k&#246;nnen. Auf Grundlage ihrer gewaltigen milit&#228;rischen &#220;bermacht stellen sie ein, wenn auch prek&#228;res „Gewaltmonopol“ dar, das nicht nur die amerikanischen, sondern auch andere international operierende Unternehmen sowie Staaten f&#252;r ihre Reproduktion zu nutzen versuchen.<br />
Zu einem gewissen Grad fungiert damit die US-amerikanische Weltordnungspolitik auch als Dienstleister der global um stabile Verwertungsm&#246;glichkeiten und Wertsch&#246;pfungsketten bem&#252;hten Unternehmen sowie von Teilen der politischen Machteliten anderer Industriestaaten. Die in den Staaten des „Westens“ in Ans&#228;tzen geteilte kulturalistische Vorstellung eines neuen Konflikts zwischen der „zivilisierten Welt“ und der „barbarisierten Welt“ – der „Kampf der Kulturen“ – deutet auf diesen Sachverhalt hin, auch wenn unterschiedliche Taktiken debattiert werden, wie diesem Konflikt entgegenzutreten sei (was aber auch f&#252;r die Diskussionen in den USA selbst zutrifft).</p>
<h3>Grenzen der amerikanischen Macht</h3>
<p>Doch dies ist nur ein Teil des Gesamtbilds. Die <em>Umsetzung </em>der Ziele gelingt n&#228;mlich nur partiell – im „alten“ Europa schlechter als im „neuen“, in Japan besser als in China, in Indien besser als in Russland, in Lateinamerika schlechter als in S&#252;dostasien, im Nahen und Mittleren Osten schlechter als in Zentralasien. Der Versuch der Bildung eines weltumspannenden Imperiums, der mit der hegemonialen Kontrolle anderer „Vasallenstaaten“ einhergeht, sowie die Strategie offener M&#228;rkte, sto&#223;en auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t des „Imperialismus“, d.h. der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem und der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft, konterkariert. Das trifft abgeschw&#228;cht auch auf die enge „transatlantische Partnerschaft“ zu: Die Vereinigten Staaten definieren Anspr&#252;che an die „Alliierten“ – etwa den deutlichen Vorrang der NATO und deren Erweiterung auch gegen&#252;ber der europ&#228;ischen Sicherheitsorganisation, die Entwicklung einer europ&#228;ischen Verteidigungspolitik im Rahmen der NATO, die Angleichung der Bedrohungswahrnehmungen –, die allerdings nicht ohne weiteres umgesetzt werden. Die Best&#228;ndigkeit des transatlantischen B&#252;ndnisses in den 1990ern war keine zwangsl&#228;ufige, sondern eine unter gr&#246;&#223;eren Anstrengungen seitens der USA politisch erk&#228;mpfte Entwicklung, wie das amerikanische Engagement in den Balkankriegen, die NATO-Osterweiterung, die Einflussnahme auf die EU-Osterweiterung oder, zuvor, die Etablierung des marktliberalen „Washington Consensus“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> anzeigt.<br />
Auch die Entwicklung der Weltwirtschaft fordert den amerikanischen Staat heraus. Seit den 1970ern konnten die USA die weltwirtschaftlichen Turbulenzen bis zu einem gewissen Grad abfedern bzw. Kriseneffekte anderen Regionen aufb&#252;rden. Die hegemoniale Position der USA in der Weltwirtschaft war niemals ernsthaft gef&#228;hrdet. Gegenw&#228;rtig erscheint es allerdings zumindest als fragw&#252;rdig, ob die aktuelle &#246;konomische Krise und ihre noch schwer absehbaren Folgen in &#228;hnlicher Weise unter Kontrolle gehalten werden k&#246;nnen.  Die Tiefe der Krise – f&#252;r gew&#246;hnlich resultiert die Bankenkrise aus einer allgemeinen Krise, diesmal geht sie ihr voraus, d.h. das Bankensystem ist bereits geschw&#228;cht, bevor die Belastungen aus der allgemeinen Krise kommen – und der auch aufgrund des Aufstiegs Chinas und anderer neuer „Global Player“ relativ betrachtet reduzierte amerikanische Anteil an der Weltproduktion machen dieses Unterfangen zum schwer zu bew&#228;ltigenden Mammutprojekt. &#214;konomen diskutieren die M&#246;glichkeit eines ernsthaften Vertrauensverlustes in den Dollar und selbst in die amerikanische Zentralbank.<br />
Die Differenz zwischen den hegemonialen Zielen der amerikanischen Weltordnungspolitik und ihrer Umsetzung kann – etwas weniger spekulativ als in der Frage der Bew&#228;ltigung der aktuellen Finanzkrise – am Fall der <em>Kontrolle der Welt&#246;lressourcen </em>exemplifiziert werden. Auf der einen Seite steht hier der Anspruch, als hegemonialer Ordnungsgarant die &#214;lnachfrage zu regulieren, indem auch die Interessen anderer ber&#252;cksichtigt werden: „Mit ihrer milit&#228;rischen Macht gestalteten die Vereinigten Staaten eine geopolitische Ordnung, die das von ihnen bevorzugte Modell der Weltwirtschaft politisch st&#252;tzt: also eine immer offenere internationale liberale Ordnung. Die US-Politik zielte darauf ab, eine offene internationale &#214;lwirtschaft zu gestalten, wo von gro&#223;en multinationalen Firmen beherrschte M&#228;rkte Kapital und Waren zuteilen. Die Macht des US-Staates wird nicht einfach nur eingesetzt, um die Konsumbed&#252;rfnisse der Vereinigten Staaten und der US-Firmen zu sch&#252;tzen. Es geht f&#252;r die USA, in der zuversichtlichen Erwartung, als die f&#252;hrende Volkswirtschaft der Welt alle ihre Bed&#252;rfnisse durch Handel befriedigen zu k&#246;nnen, vielmehr darum, die allgemeinen Voraussetzungen f&#252;r einen Welt&#246;lmarkt zu schaffen“.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Zielsetzung trifft allerdings in der Realit&#228;t auf strategische Pr&#228;ferenzen anderer Akteure, die mitunter mit den US-amerikanischen kollidieren.<br />
Im Nahen und Mittleren Osten etwa interagieren mehrere starke Staaten und weitere inter-gesellschaftliche Akteure in einem Raum hoher geostrategischer Bedeutung. Auch die lokalen Staaten treten mit eigenen au&#223;enpolitischen Bestrebungen der Kontrolle von R&#228;umen in Erscheinung. Einige OPEC-Staaten haben seit den 1970ern vor dem Hintergrund der steigenden weltweiten Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber den Erd&#246;lressourcen an Relevanz gewonnen. Des Weiteren haben innerhalb der Region bis in die 1970er nationalistische, seitdem vor allem politisierte religi&#246;s-nationale Bewegungen Einfluss auf die Politik von Einzelstaaten gewonnen. Zwischen den Staaten bzw. den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, die sie repr&#228;sentieren, finden oft Auseinandersetzungen statt, die selten zugunsten aller beteiligten Interessen gel&#246;st werden k&#246;nnen. Zugleich spielen sich in dieser Region indirekte geopolitische Konflikte zwischen den gr&#246;&#223;ten Staaten der Welt ab: Die europ&#228;ischen und ostasiatischen M&#228;chte sind beispielsweise erheblich abh&#228;ngiger von den &#214;l- und Gasressourcen des Nahen und Mittleren Ostens als die Vereinigten Staaten. Weil die Regierungen der Vereinigten Staaten um die <em>strategische Bedeutung</em> der Ware &#214;l wissen, reagieren sie mit ihrem Ringen um den Nahen und Mittleren Osten nicht in erster Linie auf das Interesse einiger einheimischer &#214;lkonzerne (und damit zusammenh&#228;ngender Industriezweige), sondern m&#246;chten als vorherrschende Kraft die Bedingungen und Regeln der Aneignung der Energieressourcen bestimmen, auch wenn daf&#252;r wie im Fall des Irakkriegs 2003 und der daran anschlie&#223;enden Besatzung Aktionen n&#246;tig sind, die sich &#252;berhaupt nicht &#246;konomisch „rechnen“. Eine Vormacht in dieser Frage, so die (riskante) Annahme, bef&#246;rdere die Vorherrschaft in anderen Bereichen, etwa die Kontrolle der Weltleitw&#228;hrung.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
De facto stellen sich die ausgekl&#252;gelten au&#223;enpolitischen Strategien der USA als ein mehr oder minder effektives Krisenmanagement dar und nicht als eine hegemoniale F&#252;hrung.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Bereits diese Sachverhalte verweisen darauf, dass die USA weder eine hegemoniale F&#252;hrungsmacht noch ein Imperium, sondern lediglich der vorherrschende Akteur der Weltpolitik sind. „Imperien bestimmen die Spielregeln. Sie haben es nicht n&#246;tig, umst&#228;ndliche und nicht einleuchtende Ausnahmen f&#252;r sich einzufordern, die fast von der ganzen Welt abgelehnt werden. Ein Staat, der nicht in der Lage ist, die von ihm bevorzugten internationalen Normen durchzusetzen, ist kein Imperium. Ein Staat, der nicht wenigstens z&#228;hneknirschende Zustimmung seiner wichtigsten ‚Verb&#252;ndeten’ erhalten kann, &#252;bt nicht einmal eine Hegemonie aus“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Der „Krieg gegen den Terror“ wurde mit dem Ziel gef&#252;hrt, die globale Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zu festigen oder gar auszubauen. Faktisch wurde sie geschw&#228;cht. Im Vergleich zur Mitte der 1990er Jahre hat sich die USA vom Ziel der hegemonialen politischen F&#252;hrung entfernt, wiewohl ihre F&#252;hrungsf&#228;higkeit in verschiedenen Bereichen variiert.</p>
<h3>Eind&#228;mmung potentieller Konkurrenten</h3>
<p>Mit dem systematischen Ausstieg aus internationalen Vertr&#228;gen (z.B. Atomteststopvertrag, Vertrag &#252;ber biologische und toxische Waffen, ABM-Vertrag<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, Ratifizierung des Internationalen Strafgerichtshofs) gewinnt die USA zwar auf der einen Seite an Entscheidungsfreiheit, verliert aber zugleich an F&#228;higkeit, seine B&#252;ndnispartner im Konsens zu f&#252;hren. Vielmehr scheinen die Vereinigten Staaten mit ihren milit&#228;rischen Aktionen darauf zu setzen, ihre B&#252;ndnispartner einsch&#252;chtern zu wollen. Der gewagte Versuch, &#252;ber den Einsatz milit&#228;rischer Kapazit&#228;ten die eigene Vorherrschaft zu befestigen oder gar auszubauen, bringt jedoch nicht den erwarteten Erfolg. Der amerikanische Hegemonismus hat zu einer Reaktion gef&#252;hrt, die man als „Soft-Balancing“ bezeichnet: „Frankreich und Deutschland haben n&#228;mlich versucht, amerikanische Initiativen politisch zu blockieren, oder sie haben ihre Mitarbeit verweigert, als sie darum ersucht wurden. Desgleichen haben die asiatischen L&#228;nder sich aktiv darum bem&#252;ht, regionale multilaterale Organisationen zu bilden, da Washington bei ihnen den Eindruck erweckt, es interessiere sich nicht besonders f&#252;r ihre Bed&#252;rfnisse. Hugo Chavez in Venezuela hat die &#214;leink&#252;nfte des Landes daf&#252;r eingesetzt, L&#228;nder in den Anden und in der Karibik aus der amerikanischen Einflusssph&#228;re herauszul&#246;sen, w&#228;hrend Russland und China zusammenarbeiten, um die Vereinigten Staaten nach und nach aus Zentralasien hinauszudr&#228;ngen“.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Als m&#246;glicherweise folgenreichster Grund f&#252;r die Erosion der amerikanischen Vormachtstellung kann der Trend zu einer Rezentrierung der Weltwirtschaft in Ostasien gelten. Der asiatische Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt ist zwischen 1960 und heute von 13 % auf etwa 30 % gestiegen. Besonders die Entwicklungsstrategien Chinas stellen relativ stabile globale Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und abgesteckte Interessenssph&#228;ren „alter“ Gro&#223;m&#228;chte in Frage und bergen damit mittelfristig eine Reihe von Konkurrenz- und m&#246;glicherweise folgenreicher Konfliktverh&#228;ltnisse in sich. Einige AutorInnen sehen diesen Prozess als eine „hidden agenda“ hinter der hegemonialen Krise Washingtons.<br />
In diesem Zusammenhang wird plausibel, warum Teile der amerikanischen Machteliten im Rahmen ihrer Globalstrategien nicht nur die Einbindung, sondern auch die <em>Eind&#228;mmung </em>m&#246;glicher Konkurrenten um die globale Vorherrschaft diskutieren.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Dabei gelten besonders Russland und China als m&#246;gliche Wettbewerber um die Rolle der F&#252;hrungsmacht. Virulent werden die Konkurrenzen um Einfluss- und Interessenssph&#228;ren zwischen den USA sowie China und Russland im Hinblick auf den „Eurasian Continental Rim“. Dieser sich von Osteuropa &#252;ber den Kaukasus bis nach Zentralasien erstreckende Staateng&#252;rtel befindet sich seit der Aufl&#246;sung der Sowjetunion in einem Prozess der geopolitischen Restrukturierung. Bis 1991 waren 14 der heutigen Staaten Republiken der Sowjetunion. Um den Einfluss in diesem „Schwarzen Loch“ ringen seitdem die Gro&#223;m&#228;chte. Beim Krieg zwischen dem k&#252;nftigen Nato-Mitgliedstaat Georgien und Russland um S&#252;dossetien und Abchasien handelte es sich nicht nur um einen lokalen Konflikt – es ging auch um das internationale Kr&#228;fteverh&#228;ltnis.</p>
<h3>Renaissance der Imperialismusanalyse</h3>
<p>Das Zeitalter der „Globalisierung“ sollte eigentlich das Ende der Machtpolitik und zwischenstaatlicher Konflikte mit sich bringen. Heerscharen an JournalistInnen und WissenschafterInnen posaunten das in den 1990ern hinaus. Diese optimistische liberale Erkl&#228;rung geht langfristig von einem Versiegen der Quellen internationaler, mit Gewalt verbundener Konflikte aus. Geopolitik und Krieg r&#252;hren dem zufolge aus vormodernen Quellen. Je mehr sich marktwirtschaftliche Prinzipien global durchsetzen und die wirtschaftliche Interdependenz zunimmt, desto mehr werden zwischenstaatliche Konflikte an Bedeutung verlieren. Die Politik der Bush-Regierung wird auf ein nicht mehr zeitgem&#228;&#223;es, „irrationales“ Machtstreben reduziert.<br />
Im wissenschaftlichen „Mainstream“ wird diese These in der Regel nur von konservativen Argumentationen herausgefordert. Eine &#252;bergeschichtliche Konstante der ungleichen Machtverteilung begr&#252;ndet dem zufolge eine anhaltende Tendenz zur milit&#228;rischen Absicherung einzelstaatlicher Interessen. Jeder Staat, der auf Machtpolitik verzichtet, droht letztlich zum Opfer der Machtpolitik anderer Staaten zu werden, was zu einer Unterordnung staatlicher Handlungen unter das Interesse des Machterhalts f&#252;hrt. Nach der Devise „Das ist halt so“ werden die politischen Eliten dazu angeregt, sich den „Umst&#228;nden“ gem&#228;&#223; zu verhalten – und gegebenenfalls mit Gewaltmitteln f&#252;r die Sicherheit und die Interessen eines Landes zu sorgen.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Amerikas Rolle als „Weltpolizist“ wird folgerichtig akzeptiert.<br />
An den kritischen R&#228;ndern des Wissenschaftsbetriebs und in sozialen Bewegungen werden der „alte“ wie „neue“ Imperialismus und die amerikanische Au&#223;enpolitik im Zusammenhang mit dem globalen Kapitalismus und den mit ihm zusammenh&#228;ngenden Konkurrenzverh&#228;ltnissen, Machthierarchien und Unterdr&#252;ckungsmechanismen erforscht. Im Gegensatz zu konservativen TheoretikerInnen halten die linken TheoretikerInnen diese Struktur jedoch prinzipiell f&#252;r &#252;berwindbar.<br />
In den letzten Jahren ist es zu einer Wiederbelebung imperialismustheoretischer Debatten gekommen. Die daf&#252;r verwendeten theoretischen Ans&#228;tze unterscheiden sich freilich. Nachdem die so genannte <em>Empire</em>-These von Michael Hardt und Antonio Negri<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> in den letzten Jahren an Strahlkraft verloren hat – die Annahme einer Transformation des Kapitalismus und der fragmentierten Staatenwelt in einen „glatten Raum“ der Machtaus&#252;bung, einer Herrschaft des „Gesamtkapitals“ – haben zwei andere Ans&#228;tze an Bedeutung gewonnen: Die These eines amerikanischen <em>Superimperialismus</em> und die Annahme <em>neuer globaler Rivalit&#228;ten</em>.<br />
Die These des US-Superimperialismus wird von kritischen WissenschafterInnen wie Leo Panitch vertreten. F&#252;r ihn sind die Staaten, insbesondere der amerikanische Staat, Urheber der Globalisierung und nicht deren Opfer. Nach 1945 hat sich eine historisch neuartige Konstellation ergeben. Die USA konnten die anderen kapitalistischen M&#228;chte in ein funktionsf&#228;higes Netzwerk integrieren. Es ist zur „Verkn&#252;pfung“ des amerikanischen Staates mit den Exekutivapparaten Europas und Japans sowie mit deren Zentralbanken gekommen. Vertiefte wirtschaftliche Verflechtungen innerhalb der Triade, die internationalen politischen Institutionen, die die USA um sich herum schufen, vervollkommnet durch die Sicherheitsstrukturen der NATO, f&#252;hrten so zu einer „Ver&#228;nderung des Wesens des kapitalistischen Zentrums“ im Sinne einer Abnahme inner-imperialistischer Konflikte.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Spannungen und B&#252;ndnisse nationaler herrschender Klassen k&#246;nnen heute nicht mehr in rein „nationalen“ Begriffen verstanden werden. Unter Bezugnahme auf den Marxisten Nicos Poulantzas wird von „inneren“ Bourgeoisien in Europa gesprochen, die im Gegensatz zur alten „nationalen“ Machtelite gegen&#252;ber den USA ihre Unabh&#228;ngigkeit verloren haben. Die EU passt in den Rahmen der amerikanisch gef&#252;hrten Globalisierung, wiewohl es weiterhin zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann. Die Krise der 1970er Jahre und die darauf folgende Stagnation konnte der amerikanische Staat relativ erfolgreich &#252;berwinden, obwohl dieser Prozess die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen regionalen Wirtschaftsbl&#246;cken forcierte. Der amerikanische Staat sorgt weiterhin als „prototypischer Globalstaat“ f&#252;r eine globale Regulation. Andere potentielle Konkurrenten sind noch lange nicht dazu in der Lage, das amerikanische Imperium herauszufordern.<br />
Panitch kann f&#252;r sich reklamieren, den fortw&#228;hrenden Einfluss einzelstaatlicher Instanzen belegt zu haben. Auch der Akzent auf die Notwendigkeit der Historisierung imperialistischer Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse ist ein Fortschritt. Leider f&#252;hrt eine Fixierung auf die Politik Washingtons dazu, das Durchsetzungsverm&#246;gen der amerikanischen Weltordnungspolitik zu &#252;bersch&#228;tzen, weshalb auch die hieraus abgeleiteten theoretischen Verallgemeinerungen fragw&#252;rdig erscheinen. Die Annahme, der zufolge die &#220;bermacht der amerikanischen Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg die europ&#228;ischen Kapitalien „zersetzt“ und das Ende „koh&#228;renter Bourgeoisien“ eingeleitet habe, erscheint vorschnell. Sie untersch&#228;tzt die relative Unabh&#228;ngigkeit der europ&#228;ischen (und anderer) Machteliten genauso wie m&#246;gliche Quellen der Entstehung von zwischenstaatlichen Rivalit&#228;ten, auch wenn diese andere Formen als vor 1945 annehmen.</p>
<h3>Kapitalismus und Geopolitik</h3>
<p>Die Ereignisse der letzten Jahre scheinen denjenigen Autor-Innen Recht zu geben, die von einer fortw&#228;hrenden Relevanz zwischenstaatlicher Konflikte ausgehen. Sie verstehen unter kapitalistischer Geopolitik den Versuch der Kontrolle von und die Einflussnahme in R&#228;umen auch und gerade, wenn keine direkte territoriale Kontrolle &#252;ber diese vorliegt. Einige AutorInnen (u.a. David Harvey, Alex Callinicos oder Joachim Hirsch) versuchen im Rahmen einer Kapitalismusanalyse und der Annahme der relativen Autonomie geopolitischer Konkurrenzlogik imperialismustheoretische Konzepte weiterzuentwickeln.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Einem instrumentellen Staatsverst&#228;ndnis wird dadurch entgegenzutreten versucht, indem zwischen &#246;konomischen und geopolitischen Machtlogiken unterschieden wird. Sie m&#246;chten die Analyse von Staatenkonkurrenz in einem weltwirtschaftlichen Zusammenhang erm&#246;glichen, ohne dass erstere auf letzteren reduziert wird. Der amerikanische Imperialismus steht demzufolge in einem umk&#228;mpften Verh&#228;ltnis zu anderen Imperialismen.<br />
Um an diese Thesen ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen, muss mit einer Analyse des Kapitalismus in r&#228;umlicher wie auch in zeitlicher Hinsicht begonnen werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das globale System der „verallgemeinerten Warenproduktion“ ist grundlegend dadurch gekennzeichnet, dass es den sozialen Akteuren &#228;u&#223;erliche Handlungszw&#228;nge aufherrscht. Der Kapitalismus ist zwar ein von Menschen geschaffenes System, es produziert jedoch Verh&#228;ltnisse, die sich gegen&#252;ber dem bewussten Handeln und Wollen der Subjekte verselbst&#228;ndigen – und die, &#252;ber Kontinente und Kulturen hinweg, sowohl Wahrnehmungen als auch Handlungen der Akteure pr&#228;gen.<br />
Verschiedene Merkmale des Kapitalismus – genau genommen der „vielen“ Kapitalismen – tendieren in einer historischen Perspektive betrachtet, d.h. auch unter Ber&#252;cksichtigung erheblicher Modifikationen im Aufbau verschiedener Spielarten des Kapitalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts, dazu, geopolitische Konflikte und internationale Abh&#228;ngigkeiten zu bef&#246;rdern:<br />
1.	Geopolitik steht in einem Zusammenhang mit den Klassenverh&#228;ltnissen moderner Gesellschaften. Interne gesellschaftliche Konflikte und Legitimationsdefizite werden h&#228;ufig von Machteliten dadurch zu l&#246;sen versucht, dass ein externes, feindliches „Anderes“ konstruiert wird. Ein innenpolitischer Konsens soll &#252;ber eine Abgrenzung nach „au&#223;en“ hergestellt werden. Die jeweilige nationale Au&#223;enpolitik l&#228;sst sich daher nicht ohne eine Analyse der nationalen Gesellschaften und der Ph&#228;nomene moderner „Massenpolitik“ verstehen (z.B. gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, nationalistische Bewegungen, Auseinandersetzungen im herrschenden Machtblock). Hieraus ergibt sich wiederum eine Unterscheidung zwischen vielf&#228;ltigen <em>Varianten </em>des kapitalistischen Imperialismus.<br />
2.	Die Konflikthaftigkeit kapitalistischer Gesellschaften ersch&#246;pft sich nicht in den „vertikalen“ Klassenauseinandersetzungen. Diese werden von einer anderen Konfliktachse &#252;berlagert, den „horizontalen“ Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen den Unternehmen. Die systematische Notwendigkeit zur Akkumulation des Kapitals setzt sich vermittelt durch die Konkurrenz durch. Diese wirkt als sozialer Sanktions¬mechanismus, der jedem Einzelkapital den Zwang zur Akkumulation bei Strafe der Existenzgef&#228;hrdung unterwirft. Wettbewerbsverh&#228;ltnisse zwischen Unternehmen generieren eine permanente Unsicherheit und Krisenhaftigkeit. Kapitalistische M&#228;rkte existieren daher immer in einer anarchischen, dezentralen Weise. Die ma&#223;- und endlose Kapitalakkumulation sowie der Sanktionsmechanismus der Konkurrenz verweisen auf die Grenzen der Steuerung des Systems, auch und gerade auf internationaler Ebene.<br />
3.	In welcher Weise ist die &#246;konomische Konkurrenz und Krisenhaftigkeit mit der Politik von Staaten verbunden? Das Kapital dr&#252;ckt schlie&#223;lich in erster Linie ein soziales Verh&#228;ltnis aus, dessen „Motor“ nicht das „nationale Interesse“, sondern das „Eigeninteresse“ an einer m&#246;glichst hohen Profitrate ist. Zur Beantwortung dieser Frage m&#252;ssen die Ursachen f&#252;r die Existenz vieler konkurrierender kapitalistischer Einzelstaaten bzw. gegenw&#228;rtig auch makro-regionaler Zusammenschl&#252;sse beachtet werden. Erst einmal gilt es dabei festzuhalten, dass ohne eine „besonderte“, d.h. relativ autonome politische Instanz, die das Gewaltmonopol innehat, eine gelingende Kapitalakkumulation nicht vorstellbar ist. Der Staat schafft eine Reihe von sozialen, rechtlichen und infrastrukturellen Integrations- und Anpassungsleistungen, die die Aufrechterhaltung kapitalistischer Vergesellschaftung zu garantieren versuchen.<br />
Dass der „Bedarf“ des Kapitals nach einem Staat nicht in einem Weltstaat m&#252;ndet, sondern im Kapitalismus grunds&#228;tzlich viele Staaten koexistieren, hat wenigstens zwei zentrale Ursachen: <em>Erstens </em>macht die Notwendigkeit der Schaffung klassen&#252;bergreifender Koalitionen (gegenw&#228;rtig zwecks Sicherung des „Standortes“) zur Herstellung innergesellschaftlicher Stabilit&#228;t die Integrationsleistungen der Einzelstaaten erforderlich. Am ehesten sind hierzu staatliche Machtapparate in der Lage. Ohne die Existenz vieler Einzelstaaten w&#228;ren grundlegende Mechanismen der Ausbalancierung von Konflikten sowohl innerhalb als auch zwischen den Klassen nicht mehr gew&#228;hrleistet. Diese Form der Abgrenzung der einzelnen Staaten untereinander setzt andere Staaten gewisserma&#223;en voraus: Ein „Anderer“ kann nur konstruiert werden, wenn es diesen Anderen auch wirklich gibt. Wie Nationalismusforscher argumentieren, gilt die nationale Form als „der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
<em>Zweitens </em>f&#252;hrt die kombiniert-ungleiche, krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung nicht zu einer Homogenisierung auf Weltebene. Die Welt ist kein einheitlich-glatter, sondern ein gekerbter Raum. Es haben sich fest verankerte wirtschaftliche Zentren gebildet, die in einem engen Wechselverh&#228;ltnis zu den auf dem jeweiligen Territorium herrschenden Staatsapparaten stehen. Harvey spricht von relativ immobilen „raum-zeitlichen Fixierungen“ des Kapitals, insbesondere des Produktivkapitals, die hohe Anforderungen an staatliche Regulierungsapparate stellen. Um eine gewisse Berechenbarkeit und Sicherheit zu gew&#228;hrleisten, m&#252;ssen wirtschaftliche Ver¬flechtungsr&#228;ume ein Ma&#223; an Koh&#228;renz garantieren, die von politischen Hilfestellungen abh&#228;ngt. Komplexe Produktionsstrukturen erfordern eine administrativ-ordnungssetzende Infrastruktur (wie Rechtswesen, Verwaltung, Lizenzierungsverfahren), eine wirtschaftliche Infrastruktur (etwa bei der Regelsetzung f&#252;r &#246;konomische Transaktionen) sowie weitere Regulierungen (beispielsweise im Arbeitsrecht). Ferner verlangt die Kapitalintensivierung der Produktionsprozesse eine gewisse Risiko&#252;bernahme durch den Staat mittels Subventionen, Direktbeteili¬gungen etc. Zugleich waren und sind die Staaten angehalten, f&#252;r ein Mindestma&#223; an ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften und deren soziale Sicherheit zu sorgen. Die Globalisierung bringt also eine Gegentendenz hervor: Die globale Akkumulation ist im Zuge permanenter Ortswechsel und der Suche nach profitablen Anlagem&#246;glichkeiten gebunden an eine auch politisch produzierte „geographische“ Infrastruktur..<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
4.	Doch nicht nur die Unternehmen sind abh&#228;ngig von den jeweiligen staatlichen Instanzen, umgekehrt h&#228;ngt die Existenz des Staates von den erfolgreichen Aktivit&#228;ten der Wirtschaft ab. Sie befinden sich in einer strukturellen Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber einer gelingenden Akkumulation innerhalb <em>ihres </em>Territoriums, die sich etwa in einem Interesse am Erhalt der Besteuerungsgrundlagen ausdr&#252;ckt. Der moderne, kapitalistische Staat ist immer auch „Steuerstaat“: Um handlungsf&#228;hig zu bleiben, m&#252;ssen die politischen Eliten der Tatsache Rechnung tragen, dass ihre Eink&#252;nfte und damit die Mittel, staatliche Politik zu gestalten, letztlich von einer einigerma&#223;en reibungslosen Kapitalakkumulation abh&#228;ngen. Auch wenn Firmen mehr und mehr „global“ denken und agieren (und sich teilweise auf die infrastrukturellen Voraussetzungen mehrerer Staaten gleichzeitig beziehen), werden die Staaten k&#252;nftig von international wettbewerbsf&#228;higen „nationalen“ bzw. „einheimischen“ Unternehmen ausgehen m&#252;ssen und ein Interesse an dauerhaften Beziehungen zu ihnen haben.<br />
Parallel hierzu bildet der kapitalistische Einzelstaat in einer nicht unmittelbar &#246;konomisch ableitbaren, sondern auch auf seine Selbsterhaltung bezogenen Weise grundlegende Interessen an der Attraktivit&#228;t der von ihm gesicherten und angebotenen Standortvorteile aus.<br />
5.	Auf dieser Basis l&#228;sst sich ein weiteres Merkmal des Kapitalismus benennen, das internationale Konflikte bef&#246;rdert: die Geld- und W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse. Geld ist immer bezogen auf konkrete einzelstaatliche (im Falle des Euro, supranationale) <em>W&#228;hrungsr&#228;ume</em>. Die Geldpolitik grenzt mit dem G&#252;ltigkeitsbereich einer W&#228;hrung etwa Binnen- und Au&#223;enwirtschaft gegeneinander ab. Geld ist somit immer ein politisch reguliertes Medium, was insbesondere f&#252;r die Ausgabe des Geldes zutrifft. In den Geldverh&#228;ltnissen kommt &#228;hnlich wie in anderen Strukturmerkmalen des Kapitalismus die konstitutive Pr&#228;senz des Politischen zum Ausdruck. Mangels eines Weltstaates gibt es kein internationales Geld – eine Grundlage f&#252;r die W&#228;hrungskonkurrenz.</p>
<h3>&#214;konomische und geopolitische Konkurrenz</h3>
<p>Aus den vielgestaltigen Artikulationen von Kooperations- und Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen staatlichen Machtstrategien in einer instabilen Weltwirtschaft geht kein glatter, sondern ein durch viele Akteure konflikthaft strukturierter internationaler Raum hervor. Als ein anarchisches, quer zu anderen sozialr&#228;umlichen Dimensionen verlaufendes Geflecht bef&#246;rdert der Raum des Inter- und Transnationalen nicht intendierte bzw. nicht antizipierte Formen des gewaltf&#246;rmigen Handelns.<br />
Auf Weltebene k&#246;nnen zwei grundlegende, relativ unabh&#228;ngig voneinander existierende und nicht aufeinander zu reduzierende, jedoch sich zeitweise verschr&#228;nkende Muster der Konkurrenz beobachtet werden: die sozio-&#246;konomische sowie die geopolitische Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien bzw. Einzelstaaten.<br />
Kapitalbewegungen und kapitalistische Einzelstaaten orientieren sich an verschiedenartigen <em>Kriterien der Reproduktion</em> und bilden daher untereinander ein Spannungsverh&#228;ltnis aus, das regelm&#228;&#223;ig divergierende Handlungsstrategien zur Folge hat, so dass &#246;konomische Interessen sich nicht unvermittelt in Staatshandeln niederschlagen m&#252;ssen. Der Einzelkapitalist operiert „im Raum-Zeit-Kontinuum, w&#228;hrend der Politiker innerhalb der Grenzen seines Hoheitsgebiets operiert und, zumin¬dest in Demokratien, in einer vom Wahlzyklus diktierten Zeitlich¬keit. Andererseits kommen und gehen kapitalistische Firmen, sie ver¬schieben ihren Standort, fusionieren oder schlie&#223;en, wohingegen Staa¬ten langlebige Einheiten sind, nicht abwandern k&#246;nnen und, au&#223;er unter au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden geographischer Eroberung, auf Territorien mit festen Grenzen beschr&#228;nkt sind“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Das wesentliche &#246;konomische Kriterium der Reproduktion besteht in der Behauptung der relativen Kapitalst&#228;rke (und damit der Profitabilit&#228;t); sollten Einzelkapitalien dieses Ziel verfehlen, drohen der Bankrott oder die &#220;bernahme. Das wesentliche Kriterium der geopolitischen Reproduktion zielt dagegen darauf, die Herrschaft gegen&#252;ber der jeweiligen Bev&#246;lkerung und gegen&#252;ber anderen Staaten sowie „&#228;u&#223;eren“ sozialen Kr&#228;ften zu behaupten.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Die wechselseitige strukturelle Abh&#228;ngigkeit beider Akteursebenen f&#252;hrt aber immer wieder auch zu kongruenten Handlungsstrategien, die sich unter anderem in der geopolitischen Hilfestellung bei der globalen Restrukturierung der Kapitalverwertung (in der Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionssph&#228;re) und dem Versuch des Managements der internationalen &#246;ffentlichen Sph&#228;ren ausdr&#252;cken. Solche Dienste lassen sich zugleich nicht hinreichend aus einzelnen Profitinteressen erkl&#228;ren, sondern m&#252;ssen immer auch die Interessen einzelstaatlicher Instanzen in Betracht ziehen, die damit etwa auf die Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung ihrer Souver&#228;nit&#228;t und damit ihrer Machtbasis zielen.<br />
Wenn die Akkumulationsprozesse die Grenzen eines Gebietes &#252;berschreiten, ist die Frage, wie sich dies auf die Handlungen des urspr&#252;nglichen Standortes (des Staates) auswirkt. Ist es f&#252;r den Staat absehbar, dass dieser Prozess der Kapitalakkumulation seine Macht potentiell unterminieren k&#246;nnte, ringt er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darum, Investitionsstr&#246;me mit viel „M&#252;he und Besonnenheit“ zu seinem eigenen Vorteil zu lenken: „Und was den externen Bereich angeht, wird er typischerweise gro&#223;e Aufmerksamkeit auf die Asymmetrien legen, die immer aus dem Handel zwischen R&#228;umen entstehen, und versuchen, die Tr&#252;mpfe der monopolistischen Kontrolle so stark zu machen, wie er kann. Er wird sich, kurz gesagt, notwendig am geopolitischen Kampf beteiligen und wo er kann auf imperialistische Praktiken zur&#252;ckgreifen“.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Die gew&#246;hnlichen Formen der <em>Konkurrenz </em>w&#252;rden sich in letzterem Fall in einen <em>Konflikt</em> steigern. Letztere sind vielgestaltig und liegen in der Regel unterhalb der Schwelle der offenen Gewaltanwendung bzw. dem zwischenstaatlichen Krieg.<br />
Die jeweilige Struktur der internationalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse variiert. Die gegenw&#228;rtige Weltordnung unterscheidet sich erheblich von fr&#252;heren Weltordnungsphasen. Das Verh&#228;ltnis zwischen Kooperation und Konflikt im Kontext des amerikanischen Hegemonismus erscheint gegenw&#228;rtig, etwas vereinfacht ausgedr&#252;ckt, wie folgt: In relativer &#220;bereinstimmung wird auf den internationalen Wirtschafts- und Politikgipfeln versucht, die „Agenda“ zu setzen und marktliberale Handlungs- und Deutungsmuster zu festigen. Doch bereits bei den Sondierungsgespr&#228;chen &#252;ber Fragen der Wirtschafts-, Sicherheits- und Energiepolitik k&#246;nnen mitunter erhebliche Meinungsverschiedenheiten auftreten, die dann in den internationalen Organisationen wie der UN, der NATO oder der WTO m&#246;glicherweise bis zur Handlungsunf&#228;higkeit f&#252;hren. Die Machteliten sind sich mehr oder wenig einig darin, die Herstellung von weltweiter Ordnung und einer gelingenden Kapitalakkumulation (auch mittels Gewalt) gegen&#252;ber den Bev&#246;lkerungen herzustellen, streiten aber untereinander um die <em>Rangordnung </em>in der Herstellung dieser Ordnung.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Insofern steht die heutige Forschung vor der Herausforderung, die Bedingungskonstellationen potentieller &#246;konomischer und geopolitischer Konflikte zwischen den entwickelten Industriegesellschaften vor dem Hintergrund der nur relativen Zusammenfassung derselben unter amerikanischer Vorherrschaft zu untersuchen. Auch wenn verschiedene kapitalistische Staaten ein im Kern &#228;hnliches marktliberales „policy regime“ durchsetzen, bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass unter ihnen keine ernsthaften Interessengegens&#228;tze bestehen oder entstehen k&#246;nnen. Die „Triadezentren“ bleiben in eine „st&#228;ndige Auseinandersetzung um die Kontrolle von M&#228;rkten, Investitionsgebieten und Rohstoffquellen verwickelt. Interventionskriege wie auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak liegen einerseits im Interesse der kapitalistischen Metropolen an der Erhaltung der von ihnen bestimmten &#246;konomischen, milit&#228;rischen und politischen Weltordnung. Zugleich sind sie auch ein Mittel der Auseinandersetzung zwischen ihnen um Rohstoffvorkommen, Marktzug&#228;nge und Investitionsgebiete“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Unter der Regierung Bush ist diese Dynamik besonders deutlich geworden. Auf der obersten F&#252;hrungsebene der amerikanischen Politik hatte bereits in den 1990ern eine ideologische Verschiebung stattgefunden. In den letzten Jahren der Clinton-Regierung sowie in der nachfolgenden, „neokonservativen“ Bush-Administration wurde wieder verst&#228;rkt nach Ma&#223;gabe geopolitischer Strategien agiert, denen zufolge die <em>geo-&#246;konomische</em> Vorherrschaft eine <em>geopolitische </em>(Macht-)Grundlage zur Voraussetzung hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<h3>Hoffnung Obama?</h3>
<p>Insgesamt lassen diese Sachverhalte die Hoffnungen auf einen grunds&#228;tzlichen Wandel der Au&#223;enpolitik innerhalb global-kapitalistischer Sozialbeziehungen schwinden. Gegenw&#228;rtig steht Barack Obama weltweit f&#252;r die Hoffnung auf eine friedlichere Au&#223;enpolitik. Doch auch er w&#252;rde im Rahmen eines Weltsystems regieren m&#252;ssen, das von erheblichen Verwerfungen, zwischenstaatlichen Konflikten und Gewalt zusehends dominiert ist. Obama steht (bislang) f&#252;r eine Au&#223;enpolitik, die mehr als sein Vorg&#228;nger Bush auf die „multilaterale“ Absprache mit den „B&#252;ndnispartnern“ setzt. Daher wird etwa die NATO in den n&#228;chsten Jahren wom&#246;glich eine wichtigere Rolle im globalen Spiel um Macht und Einfluss erhalten. In einem Aufsatz f&#252;r die renommierte Zeitschrift <em>Foreign Affairs</em> informiert er dar&#252;ber, dass seine au&#223;enpolitischen Zielsetzungen lediglich taktische &#196;nderungen darstellen. „Ich werde nicht z&#246;gern, Gewalt einzusetzen, wenn notwendig auch unilateral, um das amerikanische Volk oder unsere grundlegenden Interessen zu sch&#252;tzen … Wir m&#252;ssen auch erw&#228;gen, milit&#228;rische Macht unter Umst&#228;nden einzusetzen, die &#252;ber die Selbstverteidigung hinausgehen, um f&#252;r die gemeinsame Sicherheit zu sorgen, die die globale Stabilit&#228;t untermauert.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>In einer Stellungnahme w&#228;hrend des Kaukasus-Kriegs im August 2008 sprach sich Obama f&#252;r eine beschleunigte Aufnahme Georgiens in die NATO aus – und goss damit &#214;l ins Feuer. Zwar votiert er f&#252;r einen allm&#228;hlichen Truppenabzug aus dem Irak (stellt dies allerdings unter den Vorbehalt der Expertise seiner Milit&#228;rs), fordert aber im n&#228;chsten Satz eine Verst&#228;rkung der Truppenpr&#228;senz in Afghanistan.<br />
Obamas st&#228;rker b&#252;ndnisorientierte Vorstellungen haben Tradition. Durch die beiden gro&#223;en Parteien des politischen Systems der USA hindurch wurde das gesamte 20. Jahrhundert &#252;ber die richtige au&#223;enpolitische Taktik gestritten. Auch unter den Liberalen Wilson, Roosevelt oder Clinton wurden imperiale Ziele angestrebt. Der immer wieder auf den „Multilateralismus“ Bezug nehmende amerikanische Liberalismus agierte immer als national orientierter „Internationalismus“, der nie, wie konservative Kr&#228;fte kritisieren, einfach nur einem idealistischen Politikansatz Rechnung trug, sondern immer auch geopolitische Ambitionen durchzusetzen suchte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Das Desaster im Irak und die aufgebrachte &#214;ffentlichkeit dr&#228;ngen derzeit dazu, das Ruder wieder in eine st&#228;rker multilaterale Richtung zu rei&#223;en. Bereits Bush hat in seiner zweiten Amtsperiode auf diesen Druck reagieren m&#252;ssen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die Vereinigten Staaten sind der einzige Staat, der in der Lage ist, ein weltweites hegemoniales Projekt zu verfechten. Doch dieser Versuch st&#246;&#223;t auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem, der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft und den Konkurrenzen im Bereich der W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse untergraben. Ob dies durch eine ver&#228;nderte Taktik r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden kann, erscheint fraglich. Ebenso die vage Hoffnung, der Multilateralismus k&#246;nne wenigstens das Ausma&#223; der Gewalt reduzieren.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Tobias ten Brink</em> ist Politikwissenschafter und arbeitet am Frankfurter <em>Institut f&#252;r Sozialforschung</em>.<br />
Zuletzt sind von ihm erschienen:<br />
<em>Staatenkonflikte</em>. Stuttgart: Lucius &amp; Lucius 2008<br />
und<br />
<em>Geopolitik</em>. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. Bacevich, Andrew J.: American Empire. The Realities and Consequences of U.S. Diplomacy, Cambridge/London 2002, 3, 79-116, 215 ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Duménil, Gérard/ Lévy, Dominique: The economics of US imperialism at the turn of the 21st century, in: Review of International Political Economy, Vol. 11, 4/2004, 662<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Hegemonialrenten” sind Gewinne, die die US-amerikanische Wirtschaft aufgrund der politischen und milit&#228;rischen Vormachtstellung der USA im Weltsystem absch&#246;pfen kann. Vgl. Massarat, Mohsen: Amerikas Hegemonialsystem und seine Grenzen. Europas Beitrag f&#252;r eine multilaterale Weltordnung, in: Sozialismus Supplement 3/2004, 1-33, online unter <a href="http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf" target="_blank">http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf</a> (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Als „Washington Consensus” wird die neoliberale wirtschaftspolitische Doktrin bezeichnet, die insbesondere von den in Washington ans&#228;ssigen Institutionen IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und Weltbank in aller Welt durchgesetzt wird (Anm. d. Red.)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Bromley, Simon: The United States and the Control of World Oil, in: Government and Opposition, Vol. 40, 2/2005, 254<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, M&#252;nster 2005, 163 ff.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Dies h&#228;ngt nicht zuletzt mit den innergesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen der Staaten der Region zusammen, weshalb beispielsweise auch freundschaftliche Beziehungen zu den Machteliten Saudi-Arabiens keine Garantie daf&#252;r darstellen, dass sich interne politische Machtverh&#228;ltnisse nicht zu Ungunsten Washingtons ver&#228;ndern k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich spielte in den letzten Jahren die Wahrnehmung ver&#228;nderter inter-gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse eine Rolle in der Geopolitik der Vereinigten Staaten: „Der Krieg ab 2003 ging um mehr als um &#214;l, so sehr &#214;l auch ein zentraler Punkt der Berechnungen war. Ebenso bedrohte eine Interessenkoalition im Mittleren Osten aus Irak, Saudi-Arabien und islamistischen Bewegungen die Hoffnung auf die Vision der US-zentrierten Globalisierung erheblich.“ Vgl. Smith, Neil: The Endgame of Globalization, London/New York 2005, 190<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Donnelly, Jack: Sovereign Inequalities and Hierarchy in Anarchy: American Power and International Society, in: European Journal of International Relations, Vol. 12, 2/2006, 160<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Der 1972 zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossene ABM-Vertrag begrenzt den Einsatz von Raketenabwehrsystemen („Anti-Ballistic Missiles“) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Fukuyama, Francis: Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg, Berlin 2006, 192<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl. Layne, Christopher: The Peace of Illusions: American Grand Strategy from 1940 to the Present, Ithaka/London 2006; Mearsheimer, John J.: The Tragedy of Great Power Politics, New York 2003; f&#252;r eine Diskussion aus der Perspektive der Partei der Demokraten: Brzezinski, Zbigniew: Second Chance: Three Presidents and the Crisis of American Superpower, New York 2007<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> In der Disziplin der Internationalen Beziehungen firmiert dieser Ansatz unter dem Namen Realismus bzw. Neo-Realismus. Einer der bekanntesten Realisten, John J. Mearsheimer (2003), erwartet erhebliche Konflikte zwischen den Gro&#223;m&#228;chten und h&#228;lt sogar Kriege zwischen ihnen f&#252;r m&#246;glich. Er sieht die st&#228;ndige Suche nach &#220;berlegenheit als einzige Garantie des &#220;berlebens von Staaten an. Ihre „Sicherheit“ werden Staaten nur erreichen, wenn sie verstehen, dass sie am ehesten dann &#252;berleben, wenn sie der m&#228;chtigste Staat sind. Eine zentrale Konfliktlinie bis hin zum Krieg sieht Mearsheimer im Verh&#228;ltnis zwischen den USA und China. Eine Konfrontation wird unvermeidlich werden, wenn das chinesische Wirtschaftswachstum anh&#228;lt und China eine schlagkr&#228;ftige Streitkraft aufbaut. Um dies abzuwenden, ist eine notfalls auch aggressive Eind&#228;mmung n&#246;tig. Auch in Europa erwartet er eine R&#252;ckkehr zur alten Gro&#223;m&#228;chterivalit&#228;t. Noch ist Deutschland abh&#228;ngig von den USA. Dies kann sich &#228;ndern – wenn die BRD beispielsweise ein eigenes Nukleararsenal errichtet und auf diese Weise noch mehr Kontrolle &#252;ber Mittel- und Osteuropa aus&#252;bt (was wiederum Russland auf den Plan rufen wird). Milit&#228;rische Konflikte sind dann nicht mehr auszuschlie&#223;en. Zur Begr&#252;ndung seiner Vorstellungen nimmt dieser Ansatz jedoch eine Vereinfachung der Wirklichkeit vor, weshalb er an dieser Stelle nicht weiter behandelt wird. Es wird i.d.R. mit nur einer Variablen, der Machtverteilung im internationalen Staatensystem, das Verhalten von Staaten bzw. Hegemonen erkl&#228;rt. Die Perspektive tendiert dazu, sozio-&#246;konomische Prozesse genauso wie die Rolle von sozialen Akteuren au&#223;erhalb des Staatsapparats zu vernachl&#228;ssigen. Der Blick wird lediglich auf die Staaten gerichtet, aber nicht in sie hinein. Vgl. f&#252;r den deutschen bzw. europ&#228;ischen Kontext: M&#252;nkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2003. In einem neuen Buch relativieren Hardt/Negri ihre Annahmen. Nachdem in Empire „Big Government is over“ erkl&#228;rt wurde, rekurrieren sie nun wieder mehr auf den starken Staat – „Big Government is back“. Die Krise nach dem 11.9.2001 verdeutlicht, wie sehr „Nationalstaaten f&#252;r die Weltordnung und die Sicherheit absolut unerl&#228;sslich“ sind. Das „Empire“ sei durch scharfe Widerspr&#252;che gekennzeichnet. Negri, Antonio / Hardt, Michael: Multitude – Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/New York 2004, 39, 200<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Panitch, Leo / Gindin, Sam: Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium, Hamburg 2004<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?, in: Arrighi, Giovanni u.a.: Kapitalismus Reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie, Hamburg 2007; Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Folgende Ausf&#252;hrungen bleiben aufgrund des Platzmangels fragmentarisch. Vgl. f&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung: ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, M&#252;nster 2008<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/New York 1996, 12 f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Neuere Tendenzen der Transnationalisierung &#246;konomischer Prozesse haben die Entstehung makro-regionaler Wirtschaftseinheiten mit partieller politischer Integration (EU) bef&#246;rdert.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O, 34<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Bestimmte weltweit ausgerichtete Unternehmensgruppen sind aus diesem Grund von den weniger mobilen politischen Eliten zu unterscheiden. Im Raum der EU sowie im transatlantischen Raum hat dies zu einem h&#246;heren Grad der Homogenisierung der Interessenlagen gef&#252;hrt als dies au&#223;erhalb dieser R&#228;ume der Fall ist.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O., 108. Gegenw&#228;rtig agiert die Mehrheit der Unternehmen immer noch vorwiegend in nationalen und/oder makro-regionalen R&#228;umen. Es ist voreilig, von den hohen Transnationalisierungsgraden der gr&#246;&#223;ten Konzerne auf die gesamte Struktur der Weltwirtschaft zu schlie&#223;en. Auf der einzelstaatlichen Ebene kann dies zur Entstehung nationaler &#246;konomischer Interessen f&#252;hren (und im makro-regionalen Raum dementsprechend zu „europ&#228;ischen“ Interessen), wie an den nationalen Leistungsbilanzen und dem Interesse an einer W&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t abzulesen ist. In dieser Weise werden „nationale Volkswirtschaften“ immer wieder rekonstruiert und reproduziert, was zugleich der &#220;berlagerung der inneren Sozialkonflikte dient (vgl. ten Brink, Geopolitik, a.a.O., S. 147-180).<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dabei gilt es zwischen der St&#228;rke der Einzelstaaten zu differenzieren. Innerhalb der Gruppe der starken Staaten lassen sich vier Typen unterscheiden: erstens der global vorherrschende amerikanische Staat; zweitens makro-regional f&#252;hrende Staaten mit globalem Wirkungsradius wie Deutschland und Frankreich (zunehmend im Rahmen der EU), Japan, mehr und mehr auch China; drittens weitere makro-regionale M&#228;chte mit weniger gro&#223;er Wirkungsmacht wie Russland, Brasilien oder Indien; viertens starke Staaten mit geringerem Aktionsradius wie S&#252;dkorea, T&#252;rkei, Israel, &#196;gypten oder S&#252;dafrika. Letztere Staaten k&#246;nnen, sofern sie sich imperialistischer Praktiken bedienen, als subimperialistische M&#228;chte bezeichnet werden.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hirsch, Materialistische Staatstheorie, a.a.O., 165<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Im Aufstieg des Neokonservativismus b&#252;ndelte sich schlie&#223;lich eine Kritik der liberalen Lesart der Moderne mit dem Versuch der Re-Moralisierung der Politik.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Obama, Barack: Renewing American Leadership, in: Foreign Affairs, 7/8-2007, hier: <a href="http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html" target="_blank">http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html</a><br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Smith, The Endgame of Globalization, a.a.O., 44-52<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> De facto basieren die Au&#223;enbeziehungen zwischen den st&#228;rksten Staaten jenseits der politisch-diplomatischen Konfrontation „Multilateralismus“ versus „Unilateralismus“ auf einem komplexen Ineinandergreifen uni- und multilateraler Politikformen. Auch die Clinton-Regierung &#252;berging die UNO und ergriff einseitig Ma&#223;nahmen, wenn sie es f&#252;r notwendig hielt. Ihre Betonung multilateraler Weltpolitik war in Wirklichkeit ein instrumenteller Multilateralismus, der nach der Ma&#223;gabe erfolgte, mit der Zustimmung und Unterst&#252;tzung anderer L&#228;nder zu handeln, wenn es als sinnvoll erachtet wurde – zugleich sich aber die M&#246;glichkeit vorzubehalten, alleine zu handeln, wenn dies als zweckm&#228;&#223;ig angesehen wurde. Uni- und Multilateralismus schlie&#223;en einander nicht aus.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ein neuer Imperialismus? &#8211; Tendenzen und Widerspr&#252;che europ&#228;ischer Integration</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/ein-neuer-imperialismus-tendenzen-und-widersprueche-europaeischer-integration/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/ein-neuer-imperialismus-tendenzen-und-widersprueche-europaeischer-integration/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:07:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/ein-neuer-imperialismus-tendenzen-und-widersprueche-europaeischer-integration/</guid>
		<description><![CDATA[Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.<br />
<span id="more-70"></span><br />
Die Strukturen des europ&#228;ischen Kapitalismus unterliegen heute einer tiefgreifenden Ver&#228;nderung. An sich stellt das nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches dar, im Gegenteil ist es eine Notwendigkeit des Systems, sich st&#228;ndig zu restrukturieren, um nicht an den eigenen Widerspr&#252;chen zu zerbrechen. Dennoch bringen die aktuellen Tendenzen in Europa etwas qualitativ Neues mit sich. Wir sind heute ZeugInnen einer Entwicklung, die als politischer Ausdruck ver&#228;nderter &#246;konomischer Bedingungen charakterisiert werden kann: Der Prozess der Zentralisation von Kapital in Europa hat zur Bildung transeurop&#228;ischer Konzerne gef&#252;hrt. Politisch st&#252;tzt sich dieses „europ&#228;ische Kapital“ nicht mehr nur auf die Nationalstaaten, sondern findet und schafft sich eine Ebene gesamteurop&#228;ischer Politik, die es ihr besser erlaubt, ein Europa nach seinem Bild zu schaffen. Als Ergebnis der wachsenden wechselseitigen Verflechtung des Kapital und der nationalen &#214;konomien in Europa entsteht so ein Mehrebenensystem politischer Einflussnahme. Dieser Prozess kann die Basis f&#252;r die Herausbildung eines origin&#228;r europ&#228;ischen Imperialismus sein.<o></o></p>
<h3>Europ&#228;ische Einheit – keine neue Idee</h3>
<p>Schon lange vor der Europ&#228;ischen Union gab es Bestrebungen verschiedener Kr&#228;fte und AkteurInnen in Europa, sich &#252;ber die Grenzen des b&#252;rgerlichen Nationalstaates hinweg f&#252;r gemeinsame Interessen zu verb&#252;nden. Eine Besonderheit war dabei, dass diese Ideen immer dann in den Vordergrund traten, wenn es weltweit zu Krisenph&#228;nomenen des kapitalistischen Systems kam. So tauchte die Idee eines vereinten Europas nach dem 1. Weltkrieg auf und erh&#228;lt dieser Tage wieder Brisanz im Zeichen einer krisenhaften Entwicklung unter der Dominanz der neoliberalen Globalisierung.<br />
Deutschlands herrschenden Eliten schwebte in den 1940ern eine europ&#228;ische Gemeinschaft unter deutscher F&#252;hrung vor. Nach der Macht&#252;bernahme der Nationalsozialisten in Deutschland richtete die NSDAP die „Zentralstelle f&#252;r europ&#228;ische Gro&#223;raumwirtschaft“ ein: „…Deutschland, in der Mitte des europ&#228;ischen Kontinents gelegen, ist an erster Stelle verpflichtet, diese Aufgabe der Errichtung einer kontinental-europ&#228;ischen Gro&#223;raumwirtschaft nicht nur zu verk&#252;nden, sondern auch handelspolitisch-praktisch zu bet&#228;tigen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verantwortlich f&#252;r Europa.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Der Hintergrund war das Bed&#252;rfnis, einen &#228;hnlich gro&#223;en, homogenen Binnenmarkt wie in den USA zu schaffen, in dem die Akkumulation von Kapital erleichtert w&#252;rde und welcher die Basis zu weiterer Expansion darstellen sollte.<br />
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges r&#252;ckten diese Vorstellungen zun&#228;chst in weite Ferne. Die USA konnte durch ihre Dominanz – sowohl milit&#228;risch als auch wirtschaftlich – die Entwicklung in Westeuropa ihren Interessen unterordnen. Sie unterst&#252;tzten den Aufbau Westeuropas als Gegenmacht zu Osteuropa und konnten gleichzeitig ihren Produktionskapazit&#228;ten, welche nicht durch Zerst&#246;rungen des 2. Weltkrieges in Mitleidenschaft gezogen wurden, den dringend notwendigen Absatzmarkt beschaffen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Ans&#228;tze europ&#228;ischer Staaten zur Kooperation fanden in den Nachkriegsjahren auf wirtschaftlichem Gebiet statt. Durch die Unterzeichnung der R&#246;mischen Vertr&#228;ge 1957 wurde die Europ&#228;ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegr&#252;ndet mit dem Ziel der Beseitigung von Handels- und Zollhemmnissen zwischen den einzelnen Staaten und der Gr&#252;ndung eines gemeinsamen Marktes. Gemeinsame au&#223;enpolitische oder gar milit&#228;rische Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen europ&#228;ischer Eliten au&#223;erhalb Europas konnte sich unter der US-Dominanz jedoch nicht entfalten bzw. wurde durch das transatlantische milit&#228;rische B&#252;ndnis der NATO den Interessen der USA untergeordnet.</p>
<h3>Union statt Kooperation</h3>
<p>Die Ver&#228;nderungen der wirtschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse – welche durch die erste Nachkriegskrise 1973 zum Ausdruck kamen – brachten dem Projekt Europ&#228;ische Union neue Aktualit&#228;t. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, die eine Weile durch den Nachkriegsaufschwung &#252;berdeckt wurde, stellte neue Herausforderungen.<br />
Ein wichtiger Schritt zur Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus war die Etablierung eines europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems (EWS).<br />
Ausgangspunkt war das Zusammenbrechen des Weltw&#228;hrungssystems von Bretton-Woods im Jahr 1973. Das Abkommen von Bretton-Woods war im Jahr 1944 mit dem Ziel geschlossen worden, die reibungslosere Abwicklung des Welthandels bei festen Wechselkursen zu garantieren. Ein gro&#223;er unbekannter Faktor bei der grenz&#252;berschreitenden Realisierung von Profit konnte so aus der Gleichung genommen werden. Mit der Freigabe der Wechselkurse nach dem Ende von Bretton-Woods kristallisierte sich deshalb f&#252;r einige gro&#223;e europ&#228;ische &#214;konomien eine instabile und unvorteilhafte Lage heraus. Das konnte kein Dauerzustand sein. Die Antwort war die Einf&#252;hrung des Europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems 1979. Dabei gab es unterschiedliche Ausgangssituationen. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:</p>
<h3>Deutschland</h3>
<p>Als wichtigste &#214;konomie Kontinentaleuropas befand sich die BRD unter einem enormen Druck. Die Deutsche Mark „drohte“ zu einer zweiten Leitw&#228;hrung zu werden. Die kontinuierliche Aufwertung der DM f&#252;hrte zur Verteuerung deutscher Exportg&#252;ter auf dem Weltmarkt und wirkte sich deshalb nachteilig auf die Konkurrenzf&#228;higkeit aus. Teilweise konnte dieser Nachteil durch Modernisierung der Produktivkr&#228;fte und technisch hochwertige Produkte ausgeglichen werden. Eine weitere Aufwertung der DM h&#228;tte trotzdem zur Folge gehabt, dass das „Modell Deutschland“ weiter starkem Druck ausgesetzt gewesen w&#228;re. Also war es das Interesse der Deutschen Bundesregierung, die DM aus der Rolle einer Weltleitw&#228;hrung herauszuhalten. Dies sollte durch eine st&#228;rkere Bindung der DM an die schw&#228;cheren europ&#228;ischen W&#228;hrungen erreicht werden.</p>
<h3>Frankreich</h3>
<p>Als zweite wichtige &#214;konomie in Europa war Frankreich ebenfalls treibende Kraft des EWS. Seine Ausgangslage gestaltete sich allerdings etwas anders. Die franz&#246;sische &#214;konomie hatte mit einem massiven Modernisierungsr&#252;ckstand zu k&#228;mpfen. Die Konkurrenzf&#228;higkeit franz&#246;sischer Produkte konnte nur aufrechterhalten werden, in dem sie durch die „k&#252;nstliche“ Abwertungspolitik des franz&#246;sischen Francs billig gehalten wurden. Das Problem war, dass so kein Anreiz f&#252;r die franz&#246;sische Industrie geschaffen wurde, den Modernisierungsr&#252;ckstand aufzuholen. Die Idee der konservativen Regierung Frankreichs war, durch eine st&#228;rkere Bindung des Francs an die DM die franz&#246;sische Industrie st&#228;rkerer Konkurrenz auszusetzen und sie so zu zwingen, sich dem Modernisierungsdruck des Marktes zu stellen. Im Grunde bedeutet dies, die Restrukturierung der &#214;konomie nicht mehr unter der Regie der Politik zu betreiben, sondern der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zu &#252;bergeben, die zwangsvermittelt die Konkurrenzf&#228;higkeit herstellen sollte.</p>
<p>Die engere finanzpolitische Zusammenarbeit kam den verschiedenen Ausgangssituationen entgegen. Die Einf&#252;hrung des EWS 1979 mit festen, jedoch anpassungsf&#228;higen Wechselkursen erm&#246;glichte eine Zone der W&#228;hrungsstabilit&#228;t zwischen den teilnehmenden L&#228;ndern. Diese Wechselkursregelung sollte den Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr zwischen den EG-L&#228;ndern vor Wechselkursrisiken bewahren.</p>
<p>Die Herausbildung des EWS zeigt, wie Ver&#228;nderungen in den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen eine konkrete Form von Politik – in diesem Fall die Finanzpolitik – annehmen, auch wenn diese scheinbar aus unterschiedlichen politischen Interessen angetrieben wird. Der Konservative Valéry Giscard d’Estaing war der wichtigste politische Akteur auf Seiten Frankreichs. Obwohl einem anderen politischen Lager zugeh&#246;rig als der sozialdemokratische Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, konnten beide sich auf einen gemeinsamen Weg zum EWS einigen. Aufbauend auf der Verallgemeinerung eines zentralen Bereichs wirtschaftspolitischer Einflussnahme, n&#228;mlich der Finanzpolitik, setzte sich in Europa eine Dynamik durch, die an einer gemeinsamen europ&#228;ischen Verwertungsstrategie orientiert war.<o></o></p>
<h3>Motoren politischer Integration</h3>
<p>Der Zusammenbruch des Ostblocks ver&#228;nderte die Rahmenbedingungen nochmals. Die UdSSR als zweite Supermacht hinterlie&#223; ein Machtvakuum, das die M&#246;glichkeit zur Neuaufteilung der Einflusssph&#228;ren bot.<o></o><br />
Die Expansion nach Osteuropa konnten die europ&#228;ischen Staaten jedoch nur politisch koordiniert und als gemeinsames imperialistisches Projekt angehen.<br />
In so genannten „Beitrittsverhandlungen“ wurden osteurop&#228;ische L&#228;nder in einen Wettlauf getrieben, der sie zwang, soziale Standards in unvorstellbarem Ausma&#223; abzubauen. Der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze durch westeurop&#228;ische Konzerne ging ein massiver Arbeitsplatzabbau voraus. Im Endeffekt flie&#223;en alle Investitionen, die in Osteuropa angelegt wurden, als Gewinne in Milliardenh&#246;he nach Westeuropa zur&#252;ck. Das Bank- und Versicherungswesen, industrielle Landwirtschaft und hochmoderne Produktionsketten sind in der Hand westeurop&#228;ischer Konzerne.<br />
Die Osterweiterung ist ein Beispiel f&#252;r internationalen Konkurrenzkampf um M&#228;rkte und Einflusszonen. Sie kann aber auch exemplarisch daf&#252;r stehen, welche Auswirkungen „Europ&#228;isierung“ auf Staaten hat. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks wurden von autorit&#228;ren Versorgungsstaaten zu Wettbewerbstaaten<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, deren Hauptaufgabe darin besteht, bestm&#246;glich Verwertungsbedingungen f&#252;r europ&#228;isches Kapital zu schaffen.</p>
<p>Der &#220;bergang von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, in der mehrere Machtbl&#246;cke wirtschaftlich und geopolitisch um Macht und Einfluss konkurrieren, forcierte auch die milit&#228;rische Hochr&#252;stung innerhalb Europas.</p>
<p class="MsoNormal">„Eine harte W&#228;hrung [Euro], die eine schwache Verteidigung hat, ist auf lange Frist keine harte W&#228;hrung”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – direkter kann der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsinteressen und Militarisierung kaum ausgedr&#252;ckt werden. Auch wenn weiterhin der Schwerpunkt der Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene liegt, f&#228;llt einer gemeinsamen milit&#228;rischen Politik eine gr&#246;&#223;ere Rolle zu.<br />
Auch hierf&#252;r musste eine politische Form gefunden werden. Die NATO, in der die USA die dominierende Kraft sind, war demnach nicht die geeignete Plattform. Die beginnenden Bestrebungen, sich auch milit&#228;risch weniger abh&#228;ngig von den USA zu machen, wurden unter anderem im „Vertrag &#252;ber die Europ&#228;ische Union“ festgehalten, der 1992 in Maastricht geschlossen wurde. Unter dem Schlagwort „Gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik“ (GASP) wurde festgelegt, dass zur EU „ …auf l&#228;ngere Sicht auch die Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik geh&#246;rt, die zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Verteidigung f&#252;hren k&#246;nnte.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Vertr&#228;ge allein reichen nicht, sondern die praktische Best&#228;tigung dieses Anspruches musste ebenfalls entwickelt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus spielt die Beteiligung von EU-Staaten bei der blutigen Zerschlagung von Jugoslawien eine wichtige Rolle. W&#228;hrend des Kosovo-Krieges 1999, den die USA gemeinsam mit EU-Staaten als NATO-Einsatz f&#252;hrte, wurde der Aufbau europ&#228;ischer Streitkr&#228;fte beschlossen, die zuk&#252;nftig unabh&#228;ngig von den USA in der Lage sein sollten, milit&#228;rische Interventionen durchzuf&#252;hren. Die Kriege am Balkan sind daher treffend als „europ&#228;ische Einigungskriege“ bezeichnet worden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Sie sollten dar&#252;ber hinaus den osteurop&#228;ischen Staaten die milit&#228;rische St&#228;rke Europas demonstrieren und sie so f&#252;r die sp&#228;tere Osterweiterung auf Linie bringen.</p>
<h3>Die &#246;konomische Basis f&#252;r einen EU-Imperialismus</h3>
<p>Begleitet wurden diese Anstrengungen von einem Prozess zunehmend engerer Verflechtungen und Zentralisationstendenzen des Kapitals, die die &#246;konomische Basis f&#252;r die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bildeten.<br />
W&#228;hrend in Zeiten guter wirtschaftlicher Konjunktur eine Konzentration von Kapital beobachtet werden kann, die sich in einem innerbetrieblichen Wachstum von Unternehmen ausdr&#252;ckt, verschiebt sich in Krisenzeiten die Entwicklung hin zur Zentralisation.
</p>
<p class="MsoNormal">Konzentration von Kapital beruht darauf, dass es profitable Verwertungsm&#246;glichkeiten des Kapitals gibt, d.h. dass der Profit gesteigert wird durch den Ausbau der Produktion in den Unternehmen selbst. Mit der sich versch&#228;rfenden Profitkrise in den 70ern wurden diese M&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt. Deshalb bekam die Zentralisation von Kapital eine gr&#246;&#223;ere Bedeutung, d.h. dass der Akkumulationsprozess nicht mehr haupts&#228;chlich &#252;ber Produktion, sondern durch das Zusammenf&#252;hren und Integrieren fremden Kapitals passiert. Fusionen und das Verschwinden kleinerer Unternehmen durch Aufkauf pr&#228;gen das Bild.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> <o></o></p>
<p>Der europ&#228;ische Binnenmarkt war Konsequenz aus diesen Zentralisationsprozessen. Der Binnenmarkt bietet f&#252;r das europ&#228;ische Kapital zwei M&#246;glichkeiten. Zum einen unterst&#252;tzt er den Zentralisationsprozess. Zum zweiten k&#246;nnen unterschiedliche soziale Standards dazu gen&#252;tzt werden, die Produktion wieder profitabler zu gestalten. Die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen f&#252;hrt nicht zu einem „fairen“ Wettbewerb, sondern unterst&#252;tzt kapitalkr&#228;ftige Unternehmen darin, Fusionen durchzuf&#252;hren und Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Diese Art von Zentralisierung ist die &#246;konomische Basis f&#252;r einen Imperialismus, der sich mit der Europ&#228;ischen Union entwickelt.<br />
Die daraus entstandenen, in wichtigen Sektoren transnational orientierten Gro&#223;konzerne, brauchen die M&#246;glichkeit, &#252;ber nationale Grenzen hinweg politische Interessen zu formulieren und durchzusetzen.<br />
Die EU-Institutionen entstanden also vor allem durch die Interessen der Gro&#223;konzerne und haben den Vorteil, nicht durch nationalstaatliche Aufgaben wie die Regulierung der Sozialstandards eingeengt zu sein. Das hei&#223;t, „dass das Kapital den einzelnen Staaten flexibler gegen&#252;bertritt und sich wichtige Politikformulierungs- und -durchsetzungsprozesse auf die Ebene internationaler Organisationen verlagern.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a></p>
<h3>Die Nationalstaaten und die EU</h3>
<p>Dadurch verlagern sich jedoch auch die Konflikte zwischen den europ&#228;ischen Staaten in die Institutionen der Union. Die historisch gewachsenen unterschiedlichen Interessen und Anspr&#252;che einzelner Staaten und ihrer Eliten verhindern immer wieder einen reibungslosen Fortschritt der EU und brachten sie auch schon an den Rand des Scheiterns. Beispiele aus der j&#252;ngeren Geschichte sind die Ablehnung der Verhandlungen zur ersten EU-Verfassung Ende 2003 durch Polen oder der Streit um das EU-Budget 2005.<br />
Die beiden politischen Ebenen Nationalstaat und EU sollten jedoch nicht als konkurrierend betrachtet werden. Vielmehr sind beide dem massiven Druck der Optimierung der Wett-bewerbsbedingungen ausgesetzt. Das Kapital nutzt beide Ebenen, um f&#252;r sich bestm&#246;gliche Bedingungen herauszuholen. Je nach Situation und Einflussm&#246;glichkeit werden europ&#228;ische oder nationalstaatliche Institutionen bem&#252;ht.<br />
Weiterhin aufrecht bleibt die Konkurrenz der Konzerne der EU-Staaten untereinander. Fusionen und &#220;bernahmen sind hart umk&#228;mpft. Nationale Regierungen greifen ein, wenn in ihren L&#228;ndern beheimatete Konzerne aufgekauft werden sollen. Ein Wirtschaftsexperte im EU-Parlament illustriert die widerspr&#252;chliche Situation: “Man erkennt momentan in einigen Staaten eine gewisse Schizophrenie. Solange man im Ausland kaufen kann, sind die Nationalstaaten, die nationalen Politiken, zufrieden und sehen das auch als eigene St&#228;rke an. Sobald es aber umgekehrt kommt und jemand in diesen Markt m&#246;chte, greift man zu protektionistischen Mitteln, um dieses aufzuhalten nach dem Motto: Wir gehen auf Einkaufstour, aber nicht bei uns. … Das f&#252;hrt zu dieser absurden Situation, dass als jemand den Danone-Konzern aufkaufen wollte, die Spitzenpolitiker in Frankreich auf einmal Jogurt als ein nationales Kulturgut gekennzeichnet und hier eine entsprechende Abwehrschlacht vorbereitet haben.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Die Energiepolitik ist ein gutes Beispiel f&#252;r die widerspr&#252;chliche Rolle von Nationalstaaten innerhalb der EU-Institutionen. W&#228;hrend sich Deutschlands Regierungschefin Angela Merkel auf der einen Seite gegen protektionistische Tendenzen ausgesprochen hat – “Wir m&#252;ssen uns mit europ&#228;ischen Champions abfinden, statt national zu denken. Der Binnenmarkt funktioniert nur, wenn wir Strom ohne Grenzen durch die Union schicken k&#246;nnen, und auch Unternehmen nicht behindert werden.”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – wurde auf nationaler Ebene eine Konferenz mit den Energiekonzernen abgehalten, unter anderem mit Frau Merkel und Vorst&#228;nden der gro&#223;en Energiekonzerne. Dort wurde betont, dass es f&#252;r Deutschland darum gehe, eigene Konzepte zu entwickeln, um zu verhindern, dass die EU-Kommission auch nationale Zust&#228;ndigkeiten &#252;bernimmt. Ein SPD-Politiker bringt beide Anspr&#252;che zusammen: “Wir haben es mit einem bedeutenden Wirtschaftssektor zu tun. Wenn es Deutschland versteht, mit innovativen Techniken eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, hat unsere Wirtschaft sehr gute Ausgangsbedingungen nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern auch auf dem stark expandierenden Weltmarkt.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dieser scheinbare Widerspruch findet sich auch auf milit&#228;rischer Ebene. Es ist heute schwer vorstellbar, dass Nationalstaaten innerhalb der EU einen milit&#228;rischen Konflikt austragen w&#252;rden. Ebenso offensichtlich ist, dass die EU kein Nationalstaat ist. Innerhalb der EU-Grenzen verhindern politische Regularien und Vertr&#228;ge milit&#228;rische Auseinandersetzungen; Interessen werden abgestimmt und ausgeglichen, auch wenn dies nicht immer den Vorstellungen und W&#252;nschen aller Beteiligten entspricht. Die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bedingt eben auch die innere Konstituierung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, auf deren Basis eine gemeinsame aggressive Au&#223;enpolitik errichtet werden kann.</p>
<h3>Politische Auswirkungen</h3>
<p>Wie bereits gezeigt, gibt es innerhalb der EU Tendenzen, die die &#246;konomische Basis f&#252;r einen genuin europ&#228;ischen Imperialismus legen. Die Herausbildung einer politischen Ebene, die eine gemeinsame imperialistische Strategie formulieren und durchsetzen k&#246;nnte, bleibt allerdings ein von Widerspr&#252;chen gepr&#228;gtes Projekt.<br />
Es ist gekennzeichnet durch enorme &#246;konomische St&#228;rke, aber noch zu geringem milit&#228;rischen Potential. Deshalb setzt die EU im internationalen Geflecht von Institutionen vor allem ihre wirtschaftliche Kraft zugunsten der europ&#228;ischen Konzerne durch. Dieses Mehrebenensystem<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> von internationalen Organisationen wie WTO und IWF erm&#246;glicht es imperialistischen Bl&#246;cken, ihren Interessen auch sehr stark &#252;ber marktvermittelte Strukturen Geltung zu verschaffen. Doch nicht nur durch internationale Organisationen passiert die Ausrichtung schw&#228;cherer &#214;konomien auf die Bed&#252;rfnisse der europ&#228;ischen Konzerne. Auch diverse Vertragswerke zwischen schwachen Staaten und der EU dienen in vielfacher Hinsicht diesem Zweck. So sind Schlagworte wie „gutes Regieren“ (good governance) in beinahe allen Vertragswerken zu finden. Mit „Gutem Regieren“ ist jedoch die Absicherung von europ&#228;ischen Investitionen rund um den Globus gemeint. Im Kern verfolgen solche Vertr&#228;ge die Ausweitung der Einflusssph&#228;re europ&#228;ischen Kapitals.</p>
<p>Der Eindruck eines „zivilgesellschaftlichen“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Imperialismus w&#228;re tr&#252;gerisch. Noch immer z&#228;hlt im Fall der F&#228;lle die milit&#228;rische Potenz. In diesem Bereich hinkt die EU hinterher, auch wenn es hier Aufholbestrebungen gibt. Die Konflikte am Balkan, der Alleingang der USA und Gro&#223;britanniens im Irak und der von den westlichen Staaten propagierte Kampf gegen den Terror waren wichtige Katalysatoren f&#252;r die milit&#228;rische Weiterentwicklung der EU. Die Dominanz der USA im bisher tonangebenden milit&#228;rischen B&#252;ndnis NATO stellte immer mehr ein Hindernis f&#252;r die milit&#228;rische Umsetzung europ&#228;ischer Interessen dar. Der Aufbau von eigenen milit&#228;rischen Kapazit&#228;ten r&#252;ckt deshalb mehr und mehr ins Zentrum der Bem&#252;hungen der europ&#228;ischen Eliten.<br />
Die Bildung gemeinsamer milit&#228;rischer Kommandostrukturen hat l&#228;ngst begonnen. Europ&#228;isch organisierte Einsatztruppen deuten auf eine weitere Integration und das Herausbilden gemeinsamer milit&#228;rischer Strategien hin. Auch ein gemeinsamer milit&#228;risch-industrieller Komplex befindet sich im Aufbau, dessen Aush&#228;ngeschild der R&#252;stungskonzern EADS und dessen Paradeprojekt der „Eurofighter“ ist.</p>
<p>Auch wenn die Herrschenden Europas optimistisch das Bild einer zuk&#252;nftigen „globalen Supermacht“ zeichnen, bleibt die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus ein widerspr&#252;chlicher und konfliktreicher Prozess. Gerade deshalb ist die zentrale Herausforderung f&#252;r die Linke in Europa, diese Entwicklung ernst zu nehmen und den europ&#228;ischen Eliten konsequente antiimperialistische Politik entgegen zu stellen. „Der Widerstand gegen die Militarisierung und Hierarchisierung Europas ist nicht chancenlos, weil er sich auf die Interessen gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung an Frieden und sozialer Absicherung st&#252;tzen kann.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Hofbauer, Hannes: Osterweiterung. Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration. Wien: Promedia 2003.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Hamburg: VSA 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> St&#252;tzle, Walther, zit. in Oberansmayer, Gerald: Auf dem Weg zur Supermacht. Die Militarisierung der Europ&#228;ischen Union. Wien: Promedia 2004.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> EUV, Artikel J.1.4.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Oberansmayer a.a.O. 36.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> nach Kisker, Klaus Peter: Kapitalkonzentration und die Rolle des Staates im Zeitalter der Globalisierung, in: Joachim Bischoff/Paul Boccara/Karl Georg Zinn u.a. (Hg.): Die Fusionswelle. Hamburg: VSA 2000. 78 ff.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hirsch, a.a.O.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Deutschlandfunk, 23.03.2006, dradio.de.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. im Standard, Ausgabe vom 23.03.06<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Pressemitteilung BMU vom 15.03.2006<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Das internationale Mehrebenensystem kann als Bearbeitungsversuch der sich zuspitzenden Widerspr&#252;che des globalisierten Kapitals verstanden werden. Die Macht der Organisationen entspringt dem stark international vernetzten kapitalistischen System. Haupts&#228;chlich dient es der strukturell vermittelten Durchsetzung &#246;konomischer Interessen der kapitalistischen Zentren. Es ist aber auch Konfliktfeld auf dem rivalisierende Strategien der kapitalistischen Bl&#246;cke aufeinanderprallen. <o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> In vielen Debatten um die Zukunft Europas wird heute fantasiert, Europa k&#246;nne zu einem Modell friedlicher Integration f&#252;r die Welt werden. Dabei werden st&#228;ndig die zivilgesellschaftliche Komponente und der kooperative Charakter der EU ins Feld gef&#252;hrt. Auf internationaler Ebene setzt die EU allerdings auch handfeste &#246;konomische Interessen durch.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Oberamsmayer a.a.O. 135.<o></o></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/ein-neuer-imperialismus-tendenzen-und-widersprueche-europaeischer-integration/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Besatzung und B&#252;rgerkrieg im Irak</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/besatzung-und-buergerkrieg-im-irak/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/besatzung-und-buergerkrieg-im-irak/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:55:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Militanz]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/besatzung-und-buergerkrieg-im-irak/</guid>
		<description><![CDATA[Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.<br />
<span id="more-72"></span></p>
<p><em>Ich w&#252;rde gerne mit der Frage der Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen MuslimInnen beginnen. Wie seht ihr dieses Problem?</em></p>
<p>Haifa Zangana: Diese Identifikation von Menschen, je nachdem ob sie SunnitInnen oder SchiitInnen sind, ist etwas, das es zu Beginn der 1980er Jahre nicht gegeben hat. Es existierte nicht in der Gesellschaft, nicht im Journalismus, nicht in der Geschichtsschreibung oder in der Literatur. Es w&#228;re sehr schwierig, ein Fachbuch zu finden, das sich mit IrakerInnen besch&#228;ftigt, indem es sie in religi&#246;se „Sekten“ einteilt.</p>
<p><em>Oft treffen wir auf die Vorstellung, dass fr&#252;her SunnitInnen die Regierung dominierten. W&#252;rdet ihr sagen, dass das ein falsches Bild ist?</em></p>
<p>HZ: Ich denke, es ist v&#246;llig k&#252;nstlich; wenn wir das auf Gro&#223;britannien &#252;bertragen und nach dem Hintergrund einzelner Personen forschen w&#252;rden – ist er Protestant, Katholik, Anglikaner – w&#252;rden wir auf bestimmte Muster der Machtverteilung sto&#223;en, die bequem von einem selektiven Prozess aufgegriffen werden k&#246;nnten.<br />
Wenn man sich 52 Spielkarten ansieht, auf denen die Ba’ath-F&#252;hrer abgebildet sind, die von den USA gleich nach dem Fall von Bagdad gesucht wurden, findet man heraus, dass 38 dieser 52 F&#252;hrer Schiiten sind. Also, wer hat den Irak beherrscht? Ich denke, dass diese Idee komplett an den Haaren herbei gezogen ist, sie wurde bewusst produziert und kann auf die Zeit zu Beginn der 1980er zur&#252;ck gef&#252;hrt werden, der Zeit des Iran-Irak-Kriegs</p>
<p>Sami Ramadani: Auf kommunaler Ebene, auf der Stra&#223;e, gibt es keine scharfen Trennungen zwischen den Menschen. Die Leute gehen nicht los und t&#246;ten andere, weil sie auf der falschen Seite der religi&#246;sen oder gar nationalen Teilung stehen. Die Kriege gegen die kurdische Bev&#246;lkerung, zum Beispiel, waren keine kommunalen Kriege, in denen hunderttausende AraberInnen die KurdInnen bek&#228;mpft haben, sondern der Akt eines repressiven Staats, der einen chauvinistischen Krieg gegen das kurdische Volk f&#252;hrte; es war der Staat gegen das Volk. Fortschrittliche AraberInnen aus dem S&#252;den flohen damals nach Kurdistan, das ein sicheres Gebiet war, um den Kampf gegen das Regime zu f&#252;hren. Am H&#246;hepunkt der Kriege etwa flohen tausende Soldaten zu den kurdischen Kr&#228;ften.<br />
Saddams Regime hatte nat&#252;rlich relig&#246;s-sektiererische Dimensionen, besonders nach dem Aufstand von 1991, dessen Zentrum sich im S&#252;den befand, und nachdem der Gro&#223;teil des S&#252;dens schiitisch ist, schien die Kampagne (des irakischen Regimes gegen die Aufst&#228;ndischen, A.d.&#220;.) sich gegen die Shia zu richten. Irak ist keine Apartheid-Gesellschaft und war auch nie eine. Saddams Regime beruhte auf sozialen Schichten und Sicherheitskr&#228;ften verschiedener religi&#246;ser und nationaler Zugeh&#246;rigkeit. Saddams Regime h&#228;tte den S&#252;den oder Kurdistan nicht beherrschen k&#246;nnen, ohne dass Menschen aus dem S&#252;den und aus Kurdistan mitgemacht h&#228;tten. Es gab also eine soziale Basis – eine schmale soziale Basis nat&#252;rlich – die dieses Modell unterst&#252;tzt hat, aber es war eine soziale Basis, die sich aus allen Konfessionen, Religionen und Nationalit&#228;ten zusammengesetzt hat.<br />
Die Stadt Falluja ist ein gutes Beispiel. Sie war eine starke Bastion der Anti-Saddam-Bewegung, denn im Jahr 1996 gab es einen Putschversuch, den Saddam auf Leute in Falluja zur&#252;ckf&#252;hrte, und 1998 befahl er den Imamen der Moscheen in Falluja, ihn zu verherrlichen und f&#252;r ihn zu beten. Sie weigerten sich, und er begann die EinwohnerInnen Fallujas zu bestrafen. Und bis heute ist Ba’ath in Falluja sehr schwach – das ist der Grund daf&#252;r, dass der Widerstand dort vor allem von religi&#246;sen Kr&#228;ften angef&#252;hrt wird. Der wichtige Punkt ist, dass Saddam jede Quelle der Opposition zerschlagen hat, ohne R&#252;cksicht auf Sekten, Religion oder Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Denkt ihr, dass die Besatzungsm&#228;chte versucht haben, religi&#246;s-sektiererische Spaltungen zu produzieren, und wenn ja, wie haben sie das getan?</em></p>
<p>SR: Allgemein gesprochen haben sie das bereits vor der Besatzung gef&#246;rdert, indem sie mit irakischen Oppositionskr&#228;ften bei Vor-Kriegs-Konferenzen in London und anderswo immer st&#228;rker auf Basis von „wer ist Kurde“, „wer ist Araber“, „wer ist Schiit“, „wer ist Sunnit“, „wer ist Turkmene“, „wer ist Christ“ und so weiter umgegangen sind. Und sie haben bewusst versucht, das zu f&#246;rdern – das war recht offensichtlich. Nach der Besatzung haben sie das weitergef&#252;hrt, in noch gr&#246;&#223;erem Ausma&#223;. Jede Institution, bei deren Aufbau sie ihre Hand im Spiel hatten, musste nach religi&#246;s-sektiererischen Kriterien aufgeteilt werden. Sogar die Armeeeinheiten h&#228;tten auf dieser Basis entstehen sollen. Paul Bremer’s Irakischer Regierungsrat<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> ist ein gutes Beispiel daf&#252;r, wie sie IrakerInnen spalten wollten.<br />
Eine so genannte „Balance“ zwischen den verschiedenen Communities beinhaltet im Prinzip sehr strenge religi&#246;se und ethnische Spaltungen, bis hinab zu Treffen und Komitees auf den niedrigsten Ebenen. All das ist den Jahrhunderte alten Traditionen des Landes v&#246;llig fremd.</p>
<p>HZ: Der „Hohe Rat f&#252;r die Islamische Revolution im Irak“, SCIRI, repr&#228;sentiert zum Beispiel eine bestimmte Klasse von SchiitInnen. Muqtada al-Sadr repr&#228;sentiert eine andere Klasse – die &#196;rmsten der Armen. SCIRI steht mehr oder weniger f&#252;r die Mittelklasse und die Menschen, die die heiligen St&#228;tten &#252;berwachen. Ich sehe es mehr als einen Klassenkampf als etwas anderes, schlie&#223;lich ist es eine Religion, der Islam. Es gibt kaum Unterschiede, was die Schriften betrifft – was wichtig ist, ist wer was kontrolliert. Es handelt sich um politische Parteien, die diese oder jene religi&#246;se Gruppe benutzen. Diese auf religi&#246;sem Sektierertum basierenden Parteien sind etwas Neues.<br />
Wenn man ihre ganzen Programme liest, sind sie letztlich alle gleich, sie k&#252;mmern sich sehr um das irakische Volk, nationale Einigkeit, sind gegen religi&#246;ses Sektierertum und so weiter. Leute aus dem Irak erz&#228;hlen uns, dass das Innenministerium in drei Stockwerke unterteilt ist – jedes Stockwerk geh&#246;rt einer politischen Partei, und sie sprechen nicht miteinander. Vor kurzem wurde entdeckt, dass 167 IrakerInnen im Geb&#228;ude des Ministeriums gefangen gehalten wurden, und jede politische Partei beschuldigt die andere, weil sie nicht einmal wissen, wer verhaftet und wer foltert. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Verhaftungen und die Milizen, sondern auch die Vergabe von Arbeitspl&#228;tzen. Um etwa einen Job im Verteidigungsministerium zu bekommen, oder im Sozialministerium, oder in irgend einem anderen Ministerium, musst du den Kriterien des Ministers entsprechen – je nachdem, welche Partei er repr&#228;sentiert. Wenn er in der PUK (Patriotische Union Kurdistans) ist, musst du auch PUK-Mitglied sein, sonst kannst du es vergessen. Mit deinen Qualifikationen hat das nichts zu tun.</p>
<p>SR: Es existiert ein gewisser Grad an Toleranz in der irakischen Gesellschaft, der das Existieren verschiedener religi&#246;ser Gruppen, Religionen und Nationalit&#228;ten erlaubte. Das hat sich sozial in gemischten Familien und gemischten Nachbarschaften ausgedr&#252;ckt. So leben etwa mehr KurdInnen in Bagdad als in irgendeiner Stadt in Kurdistan. Es gibt schiitische Communities &#252;berall im Irak. Ein Viertel der Bev&#246;lkerung Basras ist sunnitisch. Das sind Zeichen f&#252;r die allgemeine Durchmischung in dem Land, die nun aktiv aufgebrochen wird.</p>
<p><em>In den Medien hei&#223;t es oft, dass viele SchiitInnen die Besatzung unterst&#252;tzen und viele SunnitInnen sie ablehnen.</em></p>
<p>SR: Ich w&#252;rde nicht sagen, dass der Gro&#223;teil der schiitischen Community die Regierung unterst&#252;tzt. Ich denke, es gibt offensichtlich schiitische Massenorganisationen wie SCIRI oder die Da’wah-Partei, die Teil der Regierung sind, und die in den s&#252;dlichen St&#228;dten und in Teilen Bagdads stark sind. Aber sie repr&#228;sentieren – meiner Einsch&#228;tzung nach – keinesfalls die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten. Die Sadr-Bewegung, die stark gegen die Regierung und gegen die Besatzung auftritt, ist zum Beispiel sehr beliebt. Muqtada al-Sadr spielt eine sehr komplexe Rolle – w&#228;hrend er einerseits eine sehr feindliche Haltung gegen&#252;ber der Besatzung und der Politik der Regierung einnimmt, l&#228;sst er seine Unterst&#252;tzer andererseits f&#252;r die Wahlen kandidieren. Doch seine j&#252;ngste Entscheidung, einige seiner Unterst&#252;tzer der offiziellen Liste der „Irakischen Nationalen Koalition“ beitreten zu lassen, hat unter seinen Leuten gro&#223;e Diskussionen ausgel&#246;st – manche sind komplett dagegen, manche sagen „Wenn wir uns schon den Wahlen stellen, sollten wir es allein machen, oder uns zumindest mit anderen Anti-Besatzungs-Kr&#228;ften verbinden, die auch an den Wahlen teilnehmen k&#246;nnten“.</p>
<p><em>Versuchen die Besatzungskr&#228;fte, das Land in mehrere Teile aufzubrechen?</em></p>
<p>SR: Ich denke nicht, dass sie gekommen sind, um das Land in einen B&#252;rgerkrieg zu st&#252;rzen. Sie sind gekommen, um den Irak und sein Erd&#246;l auszubeuten und um das Land in eine strategische Basis im globalen Kontext zu verwandeln. Doch wegen des Ausma&#223;es an Opposition gegen ihre Anwesenheit und dem raschen Aufschwung des bewaffneten Widerstands im ganzen Irak (mit Ausnahme Kurdistans) wurde aus der Politik, Menschen entlang religi&#246;s-sektiererischer und ethnischer Grenzen zu trennen, ein Schema, um Unfrieden und Gewalt zwischen den Communities zu schaffen. Das ist die einzige M&#246;glichkeit einer Kolonialmacht – oder jeder anderen Macht – die eine andere Gesellschaft beherrscht, um mit dieser Situation zu Recht zu kommen, und zwar ganz spontan. Wenn du einen Feind hast, versuchst du ihn zu spalten, und die IrakerInnen haben &#252;berw&#228;ltigend bewiesen, dass sie – in unterschiedlichem Ausma&#223; – gegen die Besatzung sind. Die Reaktion der BesatzerInnen war, Differenzen auszunutzen, und Organisationen, die religi&#246;s-sektiererische  Gewalt predigen und aus&#252;ben, zu ignorieren oder gar aufzustacheln.</p>
<p>HZ: Wenn du eineN IrakerIn auf der Stra&#223;e fragst: „Willst du von Schiiten oder Sunniten regiert werden?“, wird die Antwort kommen: „Der Teufel kann uns regieren, solange er erstens ein Iraker ist, uns zweitens Sicherheit bringt, und drittens erm&#246;glicht, dass wir ein mehr oder weniger normales Leben f&#252;hren k&#246;nnen – alles andere ist uns egal“. Sogar als Talabani zum Pr&#228;sidenten ernannt wurde, h&#246;rte ich keineN IrakerIn sagen; „Dieser Talabani ist Kurde, deswegen wollen wir ihn nicht“. Sie k&#246;nnen dir eine lange Liste an Gr&#252;nden geben, warum sie Talabani hassen: Er ist korrupt; er ist verantwortlich f&#252;r den Tod vieler KurdInnen&#8230; Es geht also um Wirtschaft und Politik.</p>
<p><em>Das ist ein ganz anderes Bild als jenes, das wir von den Medien pr&#228;sentiert bekommen. Die allgemeine Sicht ist, dass der Irak geteilt ist in die KurdInnen im Norden, den SunnitInnen im „sunnitischen Dreieck“ und den SchiitInnen im S&#252;den. Ist das ein falsches Bild?</em></p>
<p>SR: Absolut. Aber dieses Bild hat sich leider stark festgesetzt, weil es so oft wiederholt wurde, dass es nun als selbstverst&#228;ndlich gilt. Die Macht der modernen Medien geht so weit, dass dieser Mythos in den K&#246;pfen der Menschen au&#223;erhalb des Irak zur Realit&#228;t wird. Im Irak selbst hat es Einfluss in intellektuellen Kreisen und unter bestimmten politischen Organisationen. Aber bei Menschen von der Stra&#223;e und in den Communities hat es sich noch nicht durchgesetzt.</p>
<p><em>Aber mit den Milizen und bewaffneten Banden hat es doch etwas auf sich?<br />
</em><br />
HZ: Es gibt tats&#228;chlich Milizen – jene von Ahmed Chalabi ist etwa noch sehr stark. Es gibt die Badr-Brigaden der SCIRI, die ber&#252;chtigt sind – und von denen wir wissen, dass sie im Iran aufgebaut wurden und mit der Partei selbst in den Irak kamen, ohne Verwurzelung in der irakischen Gesellschaft. Dann gibt es die Peshmerga (kurdische Milizen), die von den Besatzungsm&#228;chten in Najaf und Falluja benutzt wurden.<br />
Wenn wir von politischen Parteien sprechen, existiert es tats&#228;chlich. Aber wenn wir von den Menschen sprechen, ist das Gegenteil wahr. Als zum Beispiel hunderte Menschen auf der Jisr al-Imma-Br&#252;cke in Bagdad zu Tode getrampelt wurden, kamen alle Menschen, um ihnen zu helfen. W&#228;hrend der Belagerung Fallujas spendeten Menschen aus den verschiedensten Teilen des Irak Blut und Lebensmittel. Es gibt also eine feste Einigkeit, und ich denke, dass sie das Herz des Irak darstellt. Aber wie lange wird diese Einigkeit &#252;berleben, wenn sie t&#228;glich von PolitikerInnen und den Medien angegriffen wird – innerhalb wie au&#223;erhalb des Irak?</p>
<p>SR: Nat&#252;rlich ist es wichtig, die Vergangenheit zu betrachten, obwohl es keinen logischen Grund gibt, dass die historische Kontinuit&#228;t nicht auch durch die j&#252;ngsten Ereignisse gebrochen werden k&#246;nnte. Es gibt eine echte Gefahr, und je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto gegens&#228;tzlicher werden die Spaltungen werden. Die Besatzung ist nicht mehr ein externer Faktor in der irakischen Gesellschaft. Sie befindet sich in der irakischen Gesellschaft. Sie baut Armeetruppen und Sicherheitskr&#228;fte auf; sie kolonisiert den Staat; sie arbeitet mit recht gut organisierten politischen Kr&#228;ften zusammen; sie hat ihre Tentakel in alle Organisationen der Gesellschaft ausgebreitet; sie hat tausende ausl&#228;ndische S&#246;ldnerInnen und zehntausende von „geheimen“ Privatarmeen, die das Land &#252;berziehen.<br />
Ich denke, man m&#252;sste den Slogan von der Gefahr des B&#252;rgerkriegs im Irak umdrehen und sagen, dass je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Konflikt ausbrechen wird. Je schneller sie sich zur&#252;ckziehen,  desto wahrscheinlicher ist es, dass der Irak sich wieder in Richtung des relativ starken Zusammenhalts entwickeln wird, der zwischen den verschiedenen Communities existiert hat. Deine Politik war im Irak immer wichtiger als deine Religion oder deine Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Das Interview wurde von </em><em>Anne Ashford</em> f&#252;r das International Socialism Journal gef&#252;hrt. Das ganze Interview ist auf Englisch abrufbar unter:</p>
<p>http://www.isj.org.uk/index.php4?id=159&amp;issue=109.</p>
<p>Anmerkungen<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eine von den Besatzungsm&#228;chten eingerichtete und besetzte „Regierung“, die bis zu den Wahlen im Amt war.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/besatzung-und-buergerkrieg-im-irak/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Alle(s) f&#252;r den Hugo? &#8211; Perspektiven der Bolivarianischen Revolution in Venezuela</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischen-revolution-in-venezuela/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischen-revolution-in-venezuela/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:40:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Chavez]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Venezuela]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischen-revolution-in-venezuela/</guid>
		<description><![CDATA[Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.<br />
<span id="more-73"></span><br />
Ein fl&#252;chtiger Blick auf die Geschichte Venezuelas zeigt Muster, die sich kaum von jenen anderer lateinamerikanischer Staaten unterscheiden. Blutig erk&#228;mpfte Unabh&#228;ngigkeit vom Kolonialismus, eine extrem reiche und politisch einflussreiche Schicht von Gro&#223;grundbesitzern die den armen Massen gegen&#252;bersteht sind weithin bekannte Eckpunkte. Was aber Venezuela in erster Linie von seinen Nachbarstaaten unterscheidet ist sein Reichtum an fossilen Rohstoffen. Seit den 1920er Jahren macht der Export von Erd&#246;l knapp 90 Prozent des Staatseinkommens aus. Die Auswirkungen waren und sind gravierend: Zwar prosperierte die Wirtschaft Venezuelas &#252;ber weite Teile des 20. Jahrhunderts konstant, sodass das lateinamerikanische Land in den 1950er Jahren ein beliebtes Ziel s&#252;deurop&#228;ischer MigrantInnen war – der Reichtum aus den &#214;lexporten kam aber nur einer schmalen Schicht zugute. Caracas, die Hauptstadt Venezuelas, ist ein Monument dieser Entwicklung: W&#228;hrend die zentralen Bezirke von modernistischen Betonbauten ges&#228;umt sind, ziehen sich Ringe von Slumvierteln –„Barrios“ – die Caracas umschlie&#223;enden Bergh&#228;nge hinauf. Die ProfiteurInnen der Erd&#246;lwirtschaft – in erster Linie UnternehmerInnen und die obere Mittelschicht der Hauptstadt – brachten es zu beachtlichem Wohlstand, sodass in den 1960er Jahren, am H&#246;hepunkt des Erd&#246;lbooms, die Lebenserhaltungskosten in Caracas h&#246;her als jene in Chicago waren, w&#228;hrend die BewohnerInnen der Barrios sozial und &#246;konomisch ausgegrenzt blieben.<o :p></o></p>
<h3>Grenzen des Korporatismus</h3>
<p>Der 1958 geschlossene „Punto-Fijo-Pakt“, der die Kollaboration der zwei gr&#246;&#223;ten Parteien Venezuelas<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> institutionalisierte, sorgte &#252;ber mehrere Jahrzehnte f&#252;r relative politische Stabilit&#228;t. Die &#214;lindustrie Venezuelas wurde ebenfalls in den 1950er Jahren zusammengefasst und lie&#223; die Profite aus dem &#214;lexport in die Taschen der Eliten und der oberen Mittelschicht flie&#223;en. Die „Stabilit&#228;t“ des Systems beruhte in erster Linien auf diesen Profiten und einer Mischung aus Patronage (die zwei Prozent der Besch&#228;ftigten, die in der &#214;lindustrie arbeiteten, genossen hohe L&#246;hne und privilegierten Sozialstatus), Repression und vereinzelter sozialer Inklusion. Im Rahmen einer Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> (und auf Druck der Linken) wurde unter anderem die so wichtige Erd&#246;lindustrie zur PDVSA<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> verstaatlicht und stetig kleine Teile der bis in die 1970er Jahre buchst&#228;blich sprudelnden Gewinne in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme gesteckt die, gemeinsam mit den im Punto-Fijo-Pakt integrierten Gewerkschaften, die armen Massen ruhig halten konnten. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass diese Politik keineswegs zu einer Angleichung der Lebensstandards gef&#252;hrt hat. Im Gegenteil war das Resultat der Politik des „Puntofijoismo“ eine enorme Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums – so befindet sich seit damals praktisch die gesamte Medienlandschaft in den H&#228;nden von vier Industriellenfamilien<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> – und die zunehmende Armut der BewohnerInnen der Barrios.<br />
In den 1980er Jahren, als die Regierung Venezuelas als Reaktion auf den Absturz des &#214;lpreises und die weltweite Rezessionskrise (und auf Druck des Internationalen W&#228;hrungsfonds IWF) immer sch&#228;rfere neoliberale Reformen durchf&#252;hrte<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, konnte das alte korporatistische System die soziale Sprengkraft der sich zunehmend versch&#228;rfenden Ungleichheiten kaum noch eind&#228;mmen. Der gro&#223;e Ausbruch kam im Jahr 1989, als Proteste gegen die Verdoppelung der Preise f&#252;r &#246;ffentliche Busse in Caracas sich zu einem gewaltigen Aufstand gegen die sozialdemokratische AD-Regierung entwickelten. Die Armen der Barrios st&#252;rmten von den H&#228;ngen in das Stadtzentrum und pl&#252;nderten die luxuri&#246;sen H&#228;user und Gesch&#228;fte der superreichen BewohnerInnen des Zentrums. Die herrschende Klasse reagierte, indem sie Milit&#228;r und Polizei mit Waffengewalt gegen die Protestierenden vorgehen lie&#223;. Nach zwei Tagen heftiger K&#228;mpfe und mehreren tausend Toten mussten sich die DemonstrantInnen wieder in die Barrios zur&#252;ckziehen. Doch die Regierung hatte einen Pyrrhussieg errungen. Zwar konnte sie mit Gewalt und Repression ihre Herrschaft vor&#252;bergehend sichern – der Preis daf&#252;r war jedoch der endg&#252;ltige Verlust an Konsens und Vertrauen in breiten Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung. Das zentrale Moment b&#252;rgerlicher Machtaus&#252;bung – die Organisierung von aktiver oder passiver Zustimmung unter der Mehrheit der Unterdr&#252;ckten – war damit abhanden gekommen.<o :p></o></p>
<h3>Auftritt Hugo Chávez</h3>
<p>Der als „Caracazo“ in die Geschichte eingegangene Aufstand von 1989 wirkte als Initialz&#252;ndung f&#252;r die Widerstandsbewegungen Venezuelas. Auf lokaler Ebene entstanden Netzwerke und Basisinitiativen, die sich auf k&#228;mpferische Traditionen der Barrios beriefen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und von alternativen Radiosendern &#252;ber Stadtteilversammlungen bis zur Unterst&#252;tzung von seit den 1960ern existierenden Guerillatruppen reichten. Gleichzeitig gewannen linke, nicht in den Staat integrierte politische Parteien wie „La Causa R“, die ab 1993 den B&#252;rgermeister von Caracas stellte, mehrere Regionalwahlen. Und schlie&#223;lich regte sich immer st&#228;rkerer Widerstand im Milit&#228;r, wo nicht zuletzt die Ereignisse des „Caracazo“ viele davon &#252;berzeugt hatten, dass das zutiefst korrupte Regime gest&#252;rzt und die immer gr&#246;&#223;ere Teile der Gesellschaft in Armut sto&#223;ende neoliberale Politik beendet werden musste.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><o :p></o><br />
Die Kombination aus massenhafter Unzufriedenheit mit den Herrschenden, vielf&#228;ltiger Organisierungsformen an der Basis und dem glaubw&#252;rdigen politischen Projekt des „Movimiento Quinta República“ (MVR), in dem sich progressive Milit&#228;rs mit Teilen der politischen Linken gegen das korrupte System des Puntofijismo und die neoliberale Politik der Regierung verbanden, sp&#252;lte schlie&#223;lich bei den Wahlen von 1998 den seit den Putschversuchen von 1992 popul&#228;ren Offizier Hugo Chávez f&#246;rmlich ins Pr&#228;sidentenamt. Anfangs noch bedacht, soziale Reformen durchzusetzen und den Kampf gegen die korrupte B&#252;rokratie des Puntofijismo aufzunehmen, ohne das Gro&#223;b&#252;rgertum Venezuelas allzu sehr zu verprellen, wurde Chávez bald klar, dass dessen Bereitschaft zur Kooperation mit der neuen Regierung kaum vorhanden war. Dies war kaum &#252;berraschend – schlie&#223;lich versprach Chávez nicht weniger als die komplette Neugestaltung der venezolanischen Gesellschaft im Rahmen der „bolivarianischen Revolution“, die den Staatsapparat komplett transformieren will, ohne dabei die Bahnen des b&#252;rgerlich-demokratischen Rechtsstaates zu verlassen.<o :p></o><br />
Der Name des legend&#228;ren Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfers Lateinamerikas, Simon Bolivar, dient Chávez dabei als Symbol f&#252;r dieses politische Projekt. Was genau den „Bolivarianismus“, die „bolivarianische Revolution“ ausmacht, dar&#252;ber sind sich nicht nur die politischen KontrahentInnen in Venezuela uneinig, auch im Lager von Hugo Chávez und dessen weltweiten SympathisantInnen bleiben die Begrifflichkeiten oft eher Projektionsfl&#228;chen eigener Vorstellungen – was nicht zuletzt ein Geheimnis der globalen Popularit&#228;t des Bolivarianismus ist. Hugo Chávez selbst gibt in einem Interview aus dem Jahr 1996 – also vor seiner Wahl zum Pr&#228;sidenten, einige Hinweise auf die Grundlagen seiner Politik:<br />
„Die bolivarianische Bewegung wurde vor 15 Jahren in den Baracken geboren, als eine Gruppe von Soldaten erkannte, dass der Feind nicht der Kommunismus, sondern der Imperialismus war. Viele Jahre lang arbeiteten wir vorsichtig und schrittweise an der Entwicklung einer nationalistischen, patriotischen Bewegung mit einer Hand in den Baracken und einer in den Stra&#223;en (&#8230;) In unserem Modell von Demokratie (&#8230;) muss es direkte Demokratie, eine Regierung des Volkes mit Volksversammlungen und –kongressen geben, wo die Menschen das Recht aus&#252;ben, ihre gew&#228;hlten Delegierten abzuw&#228;hlen, zu nominieren, zu sanktionieren und abzusetzen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">In diesem Zitat l&#228;sst sich die Essenz des Bolivarianismus erkennen: Einerseits ein „progressiver Nationalismus“, der den gesellschaftlichen Reichtum der Nation gerecht auf die gesamte Bev&#246;lkerung verteilen will – im Kontext des Erd&#246;l-Staates Venezuelas hei&#223;t das in erster Linie „die Verteidigung der Souver&#228;nit&#228;t &#252;ber die Ressourcen, von deren Ausbeutung und Exporten in die Industriestaaten das Land lebt“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>; Souver&#228;nit&#228;t vor allem gegen&#252;ber den &#246;konomischen Interessen der gro&#223;en US-amerikanischen und multinationalen Konzerne. Andererseits eine Vorstellung von Demokratie, die mit den traditionellen Repr&#228;sentationsmustern des Parlamentarismus – ein Kreuz alle x Jahre – bricht und an deren Stelle ein System der direkten Demokratie von unten setzen will. Der R&#252;ckgriff auf Bolivar scheint dabei in erster Linie ein symbolisches Reservoir zu &#246;ffnen, das gro&#223;en Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung eine direkte, affektive Identifikation mit dem Projekt der Regierung Chávez erm&#246;glicht.<o :p></o></p>
<h3>Der Hass der Bourgeoisie</h3>
<p>Die Heftigkeit, mit der die alten Eliten auf die Politik Chávez’ reagierten, zeigte sich erstmals im April 2002, als die Opposition im B&#252;ndnis mit rechten Milit&#228;rs und den m&#228;chtigsten Medienunternehmen einen Putschversuch organisierten. Chávez wurde kurzzeitig entf&#252;hrt, und der Vorsitzende der Arbeitgeberorganisation erkl&#228;rte sich kurzerhand zum neuen Pr&#228;sidenten. Gerettet wurde Chávez von jenen, die ihn bereits 1998 zu seinem Wahlsieg verholfen hatten: Wie w&#228;hrend des Caracazo st&#252;rmten die Armen zu hunderttausenden aus den Barrios und forderten die Wiedereinsetzung von Chávez und seiner Regierung. Gro&#223;e Teile der Armee solidarisierten sich darauf hin mit Chávez und die Putschisten mussten aufgeben. Auch zwei weitere Versuche, Chávez zu st&#252;rzen, scheiterten: Als die Teile der UnternehmerInnenschaft und insbesondere die B&#252;rokratInnen der PVDSA in einen „Managerstreik“ traten – also die Betriebe schlossen und die Maschinen anhielten – reagierten ArbeiterInnen, indem sie die &#214;lproduktion selbst organisierten; und 2004 versuchte die Opposition einen Passus der unter Chávez ausgearbeiteten und implementierten „Bolivarianischen Verfassung“, der die M&#246;glichkeit der Abwahl von PolitikerInnen durch ein Referendum nach der H&#228;lfte der Amtszeit vorsieht, gegen den Pr&#228;sidenten zu nutzen, konnte aber trotz massiven Einsatzes aller gro&#223;en Medien keine Mehrheit gegen Chávez erreichen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Diese enorme und nachhaltige Unterst&#252;tzung f&#252;r das Projekt des Pr&#228;sidenten – von den letzten Pr&#228;sidentschaftswahlen noch einmal unterstrichen – kann nur im Zusammenhang mit den konkreten Reformen verstanden werden, die von der Regierung Chávez seit ihrem Amtsantritt 1998 durchgef&#252;hrt wurden.</p>
<h3>Strategien gegen Neoliberalismus&#8230;</h3>
<p>Die meisten Projekte werden &#252;ber so genannte misiónes (Missionen) verwirklicht, deren KoordinatorInnen von Chávez ernannt und ihm direkt verantwortlich sind. Durch die Programme Robinson I und II wurde 1,4 Millionen Menschen aus den &#228;rmeren Bev&#246;lkerungsschichten erstmals Lesen und Schreiben gelehrt, wodurch die Analphabetismusrate in Venezuela laut UNESCO-Studie auf nahezu null gesenkt werden konnte. Zus&#228;tzlich zur Grundausbildung wurde weiterbildende und h&#246;here Bildung erm&#246;glicht: Seit 1999 haben f&#252;nf neue „Bolivarianische Universit&#228;ten“ er&#246;ffnet, bis Ende 2006 sollen noch weitere hinzukommen. Im Moment sind etwa 275.000 Menschen in diversen universit&#228;ren Programmen eingeschrieben. Im Gegensatz zur Zeit vor Chávez ist Bildung von Grundschule bis Universit&#228;t frei zug&#228;nglich und gratis.<br />
Es gibt eine Reihe von Initiativen um freie, umfassende und qualitative hochwertige Gesundheitsversorgung f&#252;r die Bev&#246;lkerung zug&#228;nglich zu machen. Mehr als 500 medizinische Zentren wurden errichtet. Mit Hilfe von 20.000 kubanischen &#196;rztInnen konnte eine Vielzahl neuer Krankenh&#228;user betrieben werden. 70% der venezolanischen Bev&#246;lkerung erhielten dadurch erstmals Zugang zu freier medizinischer Versorgung, die &#252;ber einfachste Behandlungen weit hinaus geht und etwa auch Zahnmedizin umfasst.</p>
<p>Die misión „Vuelvan Caras“ ist ein Programm zur administrativen und technischen Ausbildung von ArbeiterInnen, um ihnen die F&#228;higkeiten f&#252;r zuk&#252;nftige Jobs zu geben. Ziel ist es, dass viele dieser ArbeiterInnen in den neu gegr&#252;ndeten und von der Regierung unterst&#252;tzten Kooperativen arbeiten. Diese Kooperativen werden als zentrale Komponente eines neue &#246;konomischen Models gesehen, das auf „gemeinschaftliches Wohlergehen statt Kapitalakkumulation“ zielt. Derzeit werden etwa 700 Unternehmen &#252;berpr&#252;ft, die nach dem Unternehmerstreik von 2002/2003 nicht mehr produzieren. Diese sollen enteignet (allerdings nicht ohne den Eigent&#252;merInnen Entsch&#228;digungen zu zahlen), von ArbeiterInnen &#252;bernommen und als Kooperativen weitergef&#252;hrt werden. 49% des Betriebes sind dann in der Hand der ArbeiterInnen, w&#228;hrend die restlichen 51% in Staatshand wandern. Diese Art des Ko-Managements soll partizipative Demokratie in der Arbeitswelt verankern. Zurzeit gibt es acht Fabriken, die von ArbeiterInnen &#252;bernommen worden sind, doch erst bei zwei ist der juristische Prozess abgeschlossen. Auch die in Lateinamerika traditionell enorm wichtige Frage der Landverteilung wird von der Regierung Chávez angegangen. Im Rahmen der „Leyes Habilitantes“ wird geregelt dass Land, das von armen Bauern und B&#228;uerinnen als Anbau- oder Wohnfl&#228;che genutzt wird, rechtm&#228;&#223;ig in deren Besitz &#252;bergehen kann, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Land gar nicht oder zu wenig von seinen Eigent&#252;merInnen genutzt wird.<o :p></o></p>
<p>Die M&#246;glichkeit diese misiónes und Sozialprogramme zu finanzieren, h&#228;ngen stark von den Einnahmen der &#214;l-Industrie ab. Venezuela ist der f&#252;nftgr&#246;&#223;te Erd&#246;lexporteur der Welt, mit den gr&#246;&#223;ten Reserven an normalem &#214;l der Westlichen Hemisph&#228;re. Der starke Anstieg des &#214;lpreises seit 2002 f&#252;hrte zu einem Wirtschaftswachstum von 17% im Jahr 2004 und &#252;ber 9% in 2005. Durch die Erh&#246;hung der Abgaben auf Erd&#246;l, die ausl&#228;ndische Erd&#246;lkonzerne an den venezolanischen Staat zu liefern haben, von 1% auf 16,66% seit Januar 2005, sind die Nettoeink&#252;nfte Venezuelas aus dem Erd&#246;lexport von 46 Millionen Dollar auf &#252;ber 750 Millionen Dollar im Jahr 2005 gestiegen. Der Staatshaushalt f&#252;r 2006 betr&#228;gt ca. 33 Mrd. Euro, wovon 41% in soziale Programme flie&#223;en sollen. Damit sind die &#246;ffentlichen Ausgaben seit 1998 verdreifacht worden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Bolivarianische Projekt hat es geschafft Millionen bisher randst&#228;ndiger Menschen Hoffnung zu geben und in das politische und gesellschaftliche Leben mit einzubeziehen. Dennoch die Menschen in Venezuela sind noch weit davon entfernt alle Aspekte ihres Landes selbst zu kontrollieren. Der Gro&#223;teil der Industrie ist noch in privater Hand. Gro&#223;grundbesitzerInnen heuern Schl&#228;ger an, um Bauern und B&#228;uerinnen von ihren Grundst&#252;cken zu vertreiben, w&#228;hrend die Regierung zu langsam ist, die Anerkennung des unbenutzten Landes zu regeln.<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal">Trotz Versuchen und Ma&#223;nahmen den Staat zu demokratisieren, wie die M&#246;glichkeit gew&#228;hlte Kandidaten nach der H&#228;lfte ihrer Amtszeit abzuw&#228;hlen, bleibt die Staatsmaschinerie und B&#252;rokratie gr&#246;&#223;tenteils in Takt. Chávez’ Regierung deregulierte das venezolanische Finanzsystem, was dazu f&#252;hrte, dass spanische Banken sehr stark darin involviert sind. Die Stromversorgung wurde privatisiert, Medien und die gro&#223;en Dienstleistungsindustrien bleiben nach wie vor in privater Hand. Es gibt Hindernisse bei der Einf&#252;hrung des Ko-Managements von Fabriken, wichtige Industriezweige wie die &#214;lindustrie und wichtige Dienstleistungssektoren (etwa im Bereich Telekommunikation) werden von der Mitverwaltung der ArbeiterInnen ausgeschlossen.<o :p></o></p>
<p>Angesichts dieser Probleme wird auch unter jener Mehrheit der Bev&#246;lkerung Venezuelas, die auf der Seite der „Bolivarianischen Revolution“ steht, Kritik an der Umsetzung des revolution&#228;ren Prozesses laut. So kam es bei Gemeindewahlen zu Auseinandersetzungen zwischen BasisaktivistInnen der „chavistischen“ Partei und f&#252;hrenden Parteimitgliedern, weil die BasisaktivistInnen die vorgegebene KandidatInnenliste nicht akzeptieren wollte. Viele Menschen sind skeptisch gegen&#252;ber der Regierung und dem b&#252;rokratischen Apparat rund um Chávez. „Es ist wichtig, dass es einen Druck von der Basis gibt. Und es gibt ganze Schichten wie die B&#252;rgermeister, die &#252;ber den Raum, der den Massen gegeben wird, beunruhigt sind, und nahe dran sind ihn zur&#252;ck nehmen zu wollen. Sie wollen das Erreichte umdrehen. Deswegen gibt es einen Kampf der Basis gegen die B&#252;rokratisierung und die Korruption.“, berichtet ein Aktivist einer Gemeinde. Roland Denis, Aktivist eines Netzwerks von GewerkschafterInnen, spricht das Problem direkt an: „Das Problem ist nicht nur die B&#252;rokratie, sondern auch die Korruption. B&#252;rokratie und Korruption werden zu einer furchtbaren Maschine, die den revolution&#228;ren Prozess in Venezuela zu zerst&#246;ren droht. Eine Menge Geld wird &#252;ber den &#214;l-Export eingenommen, doch nur wenig kommt zu den Massen. Ein Gro&#223;teil geht verloren in den Sozialprogrammen, die eine direkte Verbindung zur Regierung haben. Doch bis jetzt hat nur ein Viertel der Bev&#246;lkerung davon profitiert.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>&#8230; und Imperialismus</h3>
<p>Auf internationaler Ebene geht es Chávez in erster Linie um die Verteidigung der „bolivarianischen Revolution“ und ein von den gro&#223;en Bl&#246;cken USA, Europa, und Japan unabh&#228;ngiges Lateinamerika. &#214;l-Lieferungen an Kuba und Argentinien im Austausch gegen kubanische &#196;rztInnen, und argentinische Agrarprodukte sind einige von mehreren Ans&#228;tzen, eine st&#228;rkere Zusammenarbeit zwischen den lateinamerikanischen Staaten zu erreichen.<o :p></o><br />
Zus&#228;tzlich arbeitet Chávez an der Verwirklichung der „Bolivarianischen Alternativen Handelszone“ (ALBA) als Gegengewicht zu der von den USA dominierten Freihandelszone f&#252;r Amerika (FTAA/ALCA).</p>
<p>Das Ziel der ALBA soll sein, eine umfassende Integration Lateinamerikanischer Staaten zu erreichen, die „auf den Grunds&#228;tzen der Solidarit&#228;t, der Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Respekt f&#252;r jede Nation frei von Kontrolle andere Nationen und Konzerne“ aufbauen soll. Dieser Plan umfasst den Aufbau von drei regionalen Organisationen. Neben der Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarkts soll „Petrosur“ die einzelnen &#214;lindustrien zusammenfassen und mit „Bansur“ eine gemeinsame Bank entstehen, die die nationalen Reserven zusammenfassen und dadurch Kredite unabh&#228;ngig von IMF bzw. der Weltbank und deren Zinsen vergeben k&#246;nnte. Die Umsetzbarkeit dieser Strategie scheint aber mehr als fraglich, angesichts der von links-liberalen Regierungen in Lateinamerika verfolgten Politik. F&#252;r Petrosur zum Beispiel m&#252;sste Argentinien die &#214;lindustrie wieder verstaatlichen, was eher unwahrscheinlich ist.</p>
<p>Chávez nimmt in allen wichtigen Fragen eine gegen&#252;ber den USA kontr&#228;re Haltung ein.<o :p></o><br />
Neben einigen verbalen Angriffen gegen die USA und George Bush im besondern, den er als „Mr. Danger“ bezeichnete, sprach er sich vehement gegen den so genannten „Krieg gegen Terror“ in Afghanistan und im Irak aus. 2005 spendierte Venezuela 1,15 Millionen Gallonen Billigheiz&#246;l, das tausenden ArbeiterInnenfamilien und Armen in sieben US-Bundesstaaten an der Ostk&#252;ste zugute kam, was besonders nach der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans auf gro&#223;e Sympathie stie&#223;. Gleichzeitig sucht sich Chávez seine anti-imperialistischen Partner sehr undifferenziert. Die Abh&#228;ngigkeit der bolivarischen Revolution vom Erd&#246;l zwingt ihn &#252;berall Partner zu suchen. Nach seiner letzten Frankreichreise meinte Chávez, dass Venezuela eine verl&#228;sslicher und langfristiger &#214;l- und Gaslieferant Europas werden will. Mit China wurden Handelsvereinbahrungen &#252;ber Technologieaustausch beschlossen und selbst der Iran wird als potentieller Partner genannt. Die immer st&#228;rkere Verkn&#252;pfung mit potenten kapitalistischen Partnern, wie Europa oder China, hindert Chávez an klaren Positionierungen zu Auseinandersetzungen in diesen L&#228;ndern. W&#228;hrend die imperialistische Politik der USA zu Recht kritisiert wird, fehlen Stellungnahmen zu Protesten gegen neoliberale Reformen in Europa, zur Kriegspolitik der EU oder der Menschenrechtssituation in China.<o :p></o></p>
<h3>El pueblo unido?</h3>
<p>Ein Blick auf die Politik hinter dem „Symbol Chávez“ ist ein Blick auf eine h&#246;chst komplexe und widerspr&#252;chliche politische Situation. Innerhalb des „bolivarianischen Projekts“ entstehen Elemente eines echten demokratischen Sozialismus von unten – in Form von selbstverwalteten Betrieben, Netzwerken der sozialen Bewegungen und lokalen Organisationsformen, etwa im Rahmen der misiónes. Gleichzeitig verbleiben weite Bereiche des politischen Systems in den H&#228;nden der staatlichen B&#252;rokratie – die zu gro&#223;en Teilen noch aus pr&#228;-Chávez-Zeiten stammt, und die ArbeiterInnen-Verwaltung bleibt zumindest bisher auf einige Betriebe beschr&#228;nkt und muss selbst dort, wo sie existiert, Zugest&#228;ndnisse an die Staatsb&#252;rokratie machen. In der Au&#223;enpolitik trifft ein zumindest verbal radikaler Antiimperialismus auf Versuche, durch die Ann&#228;herung an andere lateinamerikanische Staaten sowie Kooperationen mit L&#228;ndern wir Russland, China oder dem Iran einen alternativen Wirtschaftsblock aufzubauen, der keineswegs mit den Spielregeln der globalen Marktwirtschaft brechen will.<br />
Wohin sich die bolivarianische Revolution bewegt, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob ihre soziale Basis erfolgreich politischen Druck nach oben aus&#252;ben kann. Der kometenhafte Aufstieg von Chávez wurde von der verarmten Bev&#246;lkerung der Barrios getragen. Sie waren es, die ihren Pr&#228;sidenten vor dem Putschversuch der Opposition sch&#252;tzten, indem sie in Massen nach Caracas st&#252;rmten, und sie sind es auch, die mit Nachbarschaftsversammlungen, lokalen politischen Netzwerken (etwa zur Durchf&#252;hrung der misiónes) und sozialen und kulturellen Projekten das politische Vakuum f&#252;llten, das die Implosion der alten Parteien und die Ablehnung der traditionellen Formen der Politik hinterlie&#223;en. Die physische Mobilisierung der armen Bev&#246;lkerung konnte die bolivarianische Revolution zwar in der Vergangenheit verteidigen, die soziale Basis des Projekts bleibt damit allerdings fragil. Wie oft noch k&#246;nnen die BewohnerInnen der Barrios so auf die zweifellos wiederkehrenden Angriffe der Opposition reagieren? Die zwei Standbeine des Bolivarianismus – die fortschrittlichen Teile des Milit&#228;rs und die verarmte Bev&#246;lkerung, „die Baracken und die Stra&#223;e“, werden eine dritte, entscheidende St&#252;tze brauchen, um sich erfolgreich zu behaupten: die ArbeiterInnen und Angestellten als ProduzentInnen des gesellschaftlichen Reichtums Venezuelas. Ein gewaltiger Schritt in diese Richtung wurde im Managerstreik von 2002 getan, als ArbeiterInnen in Eigenregie die Produktion aufnahmen – insbesondere in der zentralen &#214;lindustrie, deren traditionell privilegierte Angestellte bis dahin als Bollwerk der Opposition galten. Die Politik des Ko-Managements, in deren Rahmen immer mehr Betriebe von ArbeiterInnen verwaltet werden, setzte diese Dynamik fort und integrierte sie in das bolivarianische Projekt. Eine wichtige Entwicklung ist dabei auch die Entstehung eines neuen Gewerkschaftsverbands, nachdem sich die alte, seit dem Punto-Fijo-Pakt mit den traditionellen Eliten verbandelte CTV offen auf die Seite der Opposition geschlagen hat. Heute z&#228;hlt die neue Gewerkschaft UNT bereits mehr Mitglieder als die CTV.<o :p></o></p>
<h3>Reformierte Marktwirtschaft oder demokratischer Sozialismus?</h3>
<p>Die „Bolivarianische Revolution“ ist ein Prozess mit offenem Ende. In der venezolanischen Regierung und der UNT k&#228;mpfen verschiedene Kr&#228;fte um ihre Politik. Manche von ihnen propagieren eine „solidarische“ Marktwirtschaft und die Einbindung der KapitalistInnen in das bolivarianische Projekt. Die chilenische Journalistin und enge Beraterin von Chávez, Martha Harnecker, meinte etwa in einem Interview, dass „um die Armut zu beseitigen, es unter anderem notwendig ist, produktive Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, und die Reaktivierung des privaten Sektors war die Hauptquelle der Arbeitspl&#228;tze im Land“.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Gleichzeitig aber argumentieren wachsende politische Str&#246;mungen f&#252;r eine Vertiefung und Ausweitung der bolivarianischen Revolution: „Chávez sagt, wir m&#252;ssen den Menschen Macht geben. Nun, Macht bedeutet, Kontrolle &#252;ber deine Fabrik, deine Community, die Menschen die du w&#228;hlst auszu&#252;ben“, meint etwa Stalin Pérez Borges, Vorsitzender der UNT und Mitbegr&#252;nder der PRS, einer neuen Partei, die f&#252;r eine sozialistische Perspektive des Bolivarianismus eintritt.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
„Bolivarianismus“ ist somit weniger ein koh&#228;rentes politisches Projekt als eine Art begrifflicher &#220;berbau, der unterschiedliche und teilweise gegens&#228;tzliche politische Strategien zumindest vorl&#228;ufig zusammenh&#228;lt. F&#252;r den konservativeren „Mainstream“ der „bolivarianischen Revolution“ ist das Ziel ein staatskapitalistisches Entwicklungsregime, das die Einnahmen aus dem Erd&#246;lexport via Sozial- und Bildungsprogrammen breiteren Bev&#246;lkerungsschichten zug&#228;nglich macht und begrenzte Reformen zur St&#228;rkung partizipativer Demokratie durchsetzt. Bei allen positiven Ver&#228;nderungen, die dadurch m&#246;glich w&#228;ren, sind diesem Projekt doch enge Grenzen gesetzt: Die Weltmarkt-Interessen Venezuelas zwingen zu B&#252;ndnissen mit neoliberalen Regierungen, die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktions- und Distributionsformen degradiert die ArbeiterInnenmitbestimmung letztlich zu einer Art von Selbstausbeutung und Demokratisierung macht vor den Entscheidenden Bereichen der Gesellschaft – den Produktionsst&#228;tten – halt.<br />
Gleichzeitig gibt es wichtige Kr&#228;fte innerhalb des Bolivarianismus, die aus der „bolivarianischen“ eine tats&#228;chliche soziale und politische Revolution machen wollen. Dazu m&#252;ssten die existierenden und entstehenden demokratischen Basisstrukturen – in den Betrieben, den Stadtteilen, Schulen usw. – den Anspruch stellen, tats&#228;chlich die politische und &#246;konomische Kontrolle zu &#252;bernehmen. Das Projekt des Bolivarianismus hat es erm&#246;glicht, den Kampf um die Macht „von unten“ zu f&#252;hren. Daraus sollte aber nicht geschlossen werden, dass ein „glatter“, gradueller &#220;bergang von einem kapitalistischen Staat zu einem demokratischen Sozialismus geben kann.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Die venezolanische Bourgeoisie hat schlie&#223;lich bereits angesichts der Reformen der Regierung Chávez gezeigt, dass sie ihre Machtposition nicht kampflos abgibt.<br />
Letztlich wird es von der erfolgreichen politischen Organisierung der &#246;konomischen, sozialen und kulturellen Initiativen, unabh&#228;ngig von staatlichen Strukturen, abh&#228;ngen, ob im Namen der Bolivarianismus ein altes System rot angestrichen, oder die &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle durch demokratische Strukturen von unten erm&#246;glicht wird. An ihnen liegt es, ob sich die radikale Rhetorik Chávez’ tats&#228;chlich in Politik umsetzen l&#228;sst. Der hat schlie&#223;lich in seiner w&#246;chentlichen TV-Show „Álo Presidente“ verk&#252;ndet: „Ich bin &#252;berzeugt, dass der Weg in eine neue, bessere Welt nicht der Kapitalismus ist. Der Weg ist der Sozialismus.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Harman, Chris: Revolution in the Revolution; in: Socialist Review, February 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Der Pakt umschloss die sozialdemokratische „Acción Democratica“ (AD) und die christlich-b&#252;rgerliche COPEI.<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Importsubsituierende Industrialisierung (ISI) war eine in den 1950er und 1960er Jahren weit verbreitete Entwicklungsstrategie peripherer Staaten. Ziel der ISI ist es, durch den Aufbau einer eigenst&#228;ndigen nationalen Industrie und die tempor&#228;re Abschottung der Inlandsm&#228;rkte, langfristig den Import von Konsumg&#252;tern durch eigene Produkte zu ersetzen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> „Petroleo de Venezuela S.A.“, meist ausgesprochen „Pédevésa“.<o :p></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> F&#252;r die der venezolanische Volksmund die Bezeichnung „die vier Reiter der Apokalypse“ kennt.<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zwischen 1983 und 1989 fielen die Reall&#246;hne um ein F&#252;nftel, der Armutsanteil der Bev&#246;lkerung stieg von zehn Prozent Ende der 1970er bis 1991 auf 68 Prozent. (Zelik, Raul: Venezuelas „bolivarianischer Prozess“. Mit Gilles Deleuze in Caracas; in: Prokla 142, 1/2006. 26ff)<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Diese Traditionen werden wohl am besten vom Barrio-Bezirk „23 de Enero“ repr&#228;sentiert, der nach dem Datum eines Aufstands seiner BewohnerInnen gegen den Diktator Jimenez im Jahr 1958 benannt ist.<o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die progressiven Teile des Milit&#228;rs, organisiert in losen „Bolivarianischen Zirkeln“, organisierten 1992 zwei Putschversuche, die zwar fehlschlugen, ihrem charismatischen Kopf Hugo Chávez aber zu enormer Popularit&#228;t verhalfen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. nach Gonzales, Mike: Venezuela: Many steps to come; in: International Socialism Journal 104, Autumn 2004.<o :p></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Melcher, Dorothea: Venezuelas Erd&#246;l-Sozialismus; in: Das Argument 262, 4/2005. 506.<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zum Referendum siehe ausf&#252;hrlicher: Gonzales a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Herrman, Jan Peter: Ein Modell f&#252;r eine andere Welt?; in: Argumente 8, November 2005.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Harman a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harnecker, Martha: In the laboratory of the revolution. An interview with Martha Harnecker; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Pérez Borges, Stalin: The Party of Revolution and Socialism. Interview with Stalin Pérez Borges; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Diese falsche Vorstellung eines graduellen &#220;bergangs tritt in zwei Formen auf. Einerseits wird aus der zunehmend radikaleren Rhetorik von Hugo Chávez eine revolution&#228;r-sozialistische Orientierung der F&#252;hrung des Bolivarianismus abgeleitet. Andererseits meinen TheoretikerInnen wie John Holloway, die Entstehung von molekularen Formen von Demokratie und Solidarit&#228;t in den „Rissen im Gewebe der kapitalistischen Herrschaft“ mache die Frage nach der Macht obsolet. (Holloway, John/Negri, Toni: Die Revolution hat bereits begonnen. Interview; in: ak – Analyse &amp; Kritik, M&#228;rz 2006)<o :p></o></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischen-revolution-in-venezuela/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Bolivien: Revolution Reloaded?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bolivien-revolution-reloaded/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bolivien-revolution-reloaded/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:30:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Bolivien]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/bolivien-revolution-reloaded/</guid>
		<description><![CDATA[Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.<br />
<span id="more-74"></span></p>
<h3>Eine neue Bewegung</h3>
<p>Morales wurde von den Bewegungen der letzten Jahre f&#246;rmlich an die Macht getragen. Nach 15 Jahren neoliberaler Strukturanpassungsprogramme, einer Welle von Privatisierungen und R&#252;ckzugsgefechten der ArbeiterInnenbewegung markierten die Proteste gegen die Privatisierung der Wasserversorgung 2000 in Cochabamba den Wendepunkt und Startschuss einer neuen Periode sozialer Auseinandersetzungen. Nach jahrelangen getrennten K&#228;mpfen von isolierten Teilen der Gesellschaft, formierte sich in Cochabamba eine Bewegung, deren Qualit&#228;t in jeder Hinsicht neu war, nicht nur aufgrund der Einheit und Koordination der beteiligten Kr&#228;fte; die wachsende Politisierung fand gr&#246;&#223;tenteils au&#223;erhalb der etablierten Organisationen, auch jenen der Linken, und den diskreditierten Institutionen des politischen Systems statt. Strategische Entscheidungen w&#228;hrend der f&#252;nfmonatigen Mobilisierung wurden von den AktivistInnen gemeinsam in Nachbarschafts- und Stadtversammlungen getroffen. Politik war nicht mehr nur Sache professioneller Politiker, wie Oscar Olivera, Sprecher der<em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic"> Coordinadora de Defensa del Agua</span></em>, betont: „Mehr als alles andere lernen wir uns politisch selbst zu repr&#228;sentieren, indem wir unsere eigenen Pl&#228;ne entwickeln und umsetzen – indem wir uns gegenseitig ermutigen zu sagen, wie wir die Dinge haben wollen, und dann f&#252;r diese Vision zu k&#228;mpfen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Proteste in Cochabamba waren auch mehr als defensive Gefechte f&#252;r die R&#252;cknahme eines Privatisierungsgesetzes. Die Forderung nach Nationalisierung der Wasserversorgung zielte nicht einfach auf deren Wiederverstaatlichung. Olivera erkl&#228;rt: “Das wirkliche Gegenteil der Privatisierung ist die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Bev&#246;lkerung, selbst-organisiert in kommunalen Verwaltungsstrukturen, in Nachbarschaftsversammlungen, in Gewerkschaften, an der Basis.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> <o></o></p>
<h3>Die MAS zwischen Radikalismus und Realpolitik</h3>
<p>Der erfolgreiche Kampf der Cochabambinas gab in den folgenden Monaten auch anderen Bewegungen neues Selbstvertrauen: den <em>cocaleros</em>, die f&#252;r die Legalisierung des Kokaanbaus k&#228;mpfen; den Organisationen der Aymara und Quechua, die f&#252;r ihre Rechte als Indigenas protestierten; usw.; schlie&#223;lich der Bewegung f&#252;r die Nationalisierung des Erdgas, die all diese Kr&#228;fte zusammenf&#252;hrte.<o></o><br />
Im Sog dieser Bewegungen wurde die MAS bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2002 beinahe an die Macht katapultiert. Mit 21 Prozent der Stimmen unterlag Morales nur um eineinhalb Prozent gegen Sánchez de Lozada, einen der Architekten der neoliberalen Schocktherapie Boliviens Mitte der 1980er.<br />
Das Ergebnis kam selbst f&#252;r die MAS &#252;berraschend. Erst 1999 als „politisches Instrument“ der Kokabauerngewerkschaften gegr&#252;ndet, besa&#223; die Partei weder interne Strukturen noch landesweite Verankerung; vielmehr handelte es sich bei der MAS um „eine Koalition flexibler sozialer Bewegungen, die ihre Aktionen auf die Wahlebene ausgeweitet haben.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <o></o><br />
Der &#220;berraschungserfolg von 2002 schien nun einen Sieg bei den n&#228;chsten Wahlen 2007 in greifbare N&#228;he zu r&#252;cken und lie&#223; damit das Projekt einer „graduellen, institutionellen Transformation des bolivianischen Staates“ als realistische Perspektive erscheinen. Diesem Ziel hat Morales seither die Politik der MAS untergeordnet.<br />
Nicht nur zur traditionellen Linken wurden engere Kontakte gekn&#252;pft, vor allem auch Intellektuelle und professionelle Politiker wurden f&#252;r die Partei rekrutiert, die keine organische Verwurzelung in den sozialen K&#228;mpfen hatten, aber der MAS helfen sollten, “die Mittelklassen und mit dem internen Markt verbundene Unternehmer anzuziehen”.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Heute besteht die MAS – neben Morales selbst – im Kern aus dieser kleinen Gruppe Parteiintellektueller, die versucht einen Kurs zwischen den Forderungen der sozialen Bewegungen, der Oligarchie Boliviens, transnationalem Kapital, dem US-Imperialismus und separatistischen Tendenzen im Land zu man&#246;vrieren.<o></o><br />
Dies hatte freilich eine z&#246;gerliche und oft widerspr&#252;chliche Politik zufolge.<br />
So unterst&#252;tzte die MAS im Oktober 2003, nachdem eine Massenbewegung gegen den Ausverkauf bolivianischen Erdgases Pr&#228;sident Lozada gest&#252;rzt hatte, dessen ebenso neoliberalen Nachfolger Carlos Mesa, als dieser die Entscheidung &#252;ber die Nationalisierung des Erdgas auf Juli 2004 (also neun Monate sp&#228;ter!) vertagte und so die Bewegung demobilisieren konnte. Mitte 2005, als die indigenen Bewegungen, Gewerkschaften, die Organisationen der <em>cocaleros</em> und die MAS einen Einheitspakt zum Sturz Mesas beschlossen, zerbrach dieser rasch wieder, da sich die MAS mit einer 50-prozentigen Besteuerung des Erdgas zufrieden geben wollte, w&#228;hrend die anderen Organisationen an der Forderung nach entsch&#228;digungsloser Nationalisierung festhielten. Und als im Juni 2005 die Bewegungen Mesa zu Fall brachten, die &#214;lfelder und Flugh&#228;fen des Landes besetzten, die Stra&#223;en blockierten und f&#252;r kurze Zeit die politische Kontrolle der Gesellschaft nicht mehr in der Hand des b&#252;rgerlichen Staatsapparats sondern der Selbstverwaltungsstrukturen der Bewegungen lag, setzte die MAS alles daran, die revolution&#228;re Krise wieder in konstitutionelle Bahnen zu lenken. Morales einigte sich schlie&#223;lich mit Interimspr&#228;sident Rodriguez auf Neuwahlen im Dezember.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im Wahlkampf griff die MAS zwar viele der Forderungen der sozialen Bewegungen auf (Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, Nationalisierung der Gasvorkommen, Legalisierung des Kokaanbaus), warb aber gleichzeitig f&#252;r das Modell eines „Andenkapitalismus“, ein staatskapitalistisches Entwicklungsprojekt, dessen Architekt – der Soziologe und nunmehrige Vizepr&#228;sident Álvaro García Linera – offen seine Bewunderung f&#252;r die europ&#228;ische Sozialdemokratie erkl&#228;rt. Der Balanceakt zwischen sozialer Bewegung und „Realpolitik“ f&#252;hrte zu so paradoxen Situationen, wie jene, als Morales gegen die ALCA demonstrierte w&#228;hrend gleichzeitig García Linera verk&#252;ndete, bilaterale Verhandlungen &#252;ber ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten seien keineswegs ausgeschlossen. Unmittelbar nach den Wahlen gab Morales gr&#252;nes Licht f&#252;r die Privatisierung von Mutún, einem der gr&#246;&#223;ten Eisen- und Magnesiumvorkommen der Welt, die erst nach der Intervention der Gewerkschaften wieder auf Eis gelegt wurde.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Und w&#228;hrend die Sozialministerien in der neuen Regierung an AktivistInnen der Bewegung gingen, wurden die &#246;konomischen Schl&#252;sselministerien mit Technokraten besetzt, die Verbindungen zur alten Ordnung unterhalten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">Bei einigen Organisationen der sozialen Bewegungen h&#228;lt sich das Vertrauen auf Morales und die MAS deshalb verst&#228;ndlicherweise in Grenzen. Der Dachverband der Stadtteilkomitees (FEJUVE) von El Alto bspw. hat der MAS eine 90-Tage-Frist gesetzt, die Nationalisierung des Erdgases umzusetzen. Auch Felipe Quispe (MIP), Jaime Solares (COB) und Oscar Olivera (Coordinadora) bleiben auf kritischer Distanz. Die Einsch&#228;tzung innerhalb dieser Organisationen ist jedoch selbst gespalten. Die Mehrheit der sozialen Bewegungen hat sich f&#252;r die strategische Unterst&#252;tzung der MAS-Regierung entschlossen. Viele zentrale AktivistInnen sind nun selbst Mitglieder der Regierung – wie etwa Abel Mamani von der FEJUVE –, was die Mobilisierungsf&#228;higkeit dieser Kr&#228;fte zur Zeit entscheidend einschr&#228;nkt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
<p class="MsoNormal">Die Kernfrage der strategischen Debatten innerhalb der bolivianischen Linken ist die um das Verh&#228;ltnis der Bewegungen zu b&#252;rgerlichem Staat und politischer Macht. Die Diskussion bewegt sich dabei zwischen zwei (idealisierten) Extrempolen: Transformation der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats, oder Aufbau von Selbstverwaltungsorganen als politische Machtstrukturen jenseits b&#252;rgerlicher Staatlichkeit. Solche Fragen stellen sich in der bolivianischen Geschichte nicht zum ersten Mal: in vielerlei Hinsicht sind die historischen Erfahrungen der Revolution von 1952 ein zentraler Bezugspunkt f&#252;r die aktuellen Debatten.<o></o></p>
<h3>The Fire Last Time</h3>
<p>Im Zentrum und an der Spitze der sozialen Bewegungen im Bolivien der 1930er und 1940er Jahre waren die Minenarbeiter, die <em>mineros</em>, gestanden.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Zinnbergbau war seit der Wende zum 20. Jahrhundert zum bedeutendsten Sektor der bolivianischen Wirtschaft aufgestiegen – mehr als ein Viertel des BIP wurde in den Zinnminen erwirtschaftet – und bis in die 1920er schuf das stabile Wachstum der Zinnindustrie die materielle Basis f&#252;r eine Periode au&#223;ergew&#246;hnlicher politischer Stabilit&#228;t. Nicht nur der politische und &#246;konomische Einfluss der wenigen Unternehmen, die den Zinnbergbau monopolisierten (die <em>rosca</em>), sondern auch deren ideologische Hegemonie in der Gesellschaft war relativ unumk&#228;mpft.<o></o></p>
<p>Als jedoch mit der Weltwirtschaftskrise 1929 Nachfrage und Preise f&#252;r Zinn am Weltmarkt rasant fielen, brach dieses Setup rasch zusammen. Heftige K&#228;mpfe in den 1930ern waren die Folge, die von den Regierungen mit wachsender Brutalit&#228;t niedergeschlagen wurden.<br />
Auch im Mittelstand formierte sich in den 1930ern, als sich die Illusion, die Profite aus dem Zinnexport w&#252;rden die Mittel f&#252;r die &#246;konomische und politische Modernisierung des Landes bereitstellen, zusehends in Luft aufl&#246;sten<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>, eine Bewegung, die ihre Inspiration u.a. aus den kleinb&#252;rgerlich-nationalistischen Strategien der APRA<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> in Peru zog. Als Zusammenschluss dieser Kr&#228;fte wurde 1941 die MNR gegr&#252;ndet.<br />
Der MNR gelang es in den 1940ern, schrittweise auch unter ArbeiterInnen eine solide Verankerung aufzubauen. Die bislang hegemoniale Kraft in der Gewerkschaftsbewegung, die stalinistische PIR, verweigerte den K&#228;mpfen die Unterst&#252;tzung, schlie&#223;lich hatte die KomIntern als oberste Maxime die Unterst&#252;tzung der Alliierten und der Sowjetunion im Krieg ausgegeben, und das hie&#223;, v.a. billigen Zinnexport zu garantieren. In das ideologische Vakuum, das der Bankrott der PIR hinterlie&#223;, konnte die MNR vorsto&#223;en. Nur in einigen radikaleren Minen konnte zu dieser Zeit auch die trotzkistische POR Fu&#223; fassen.<br />
Die politische Strategie der MNR orientierte allerdings nicht auf Massenbewegungen von unten. Vielmehr kn&#252;pfte die MNR Kontakte zu einer Fraktion nationalistischer Armeeoffiziere um General Villarroel. Als sich dieser im Dezember 1943 an die Macht putschte trat die MNR in die Regierung ein.<o></o><br />
Die Koalition MNR/Villarroel stand von Beginn an sowohl von au&#223;en (US-Imperialismus) als auch von innen (<em>rosca</em>) unter Druck. Die korporatistische Integration der Gewerkschaften in den Staat wurde deshalb entscheidend f&#252;r das &#220;berleben des Regimes. So wurde dann auch 1944 die erste nationale Gewerkschaft der Minenarbeiter (FSTMB) auf ma&#223;gebliche Initiative der MNR gegr&#252;ndet.<o></o><br />
Das B&#252;ndnis mit der ArbeiterInnenbewegung war jedoch keineswegs permanent und stabil. Die Durchsetzung des &#246;konomischen Programms der Regierung, eines staatskapitalistischen Entwicklungsmodells in Anlehnung an „milit&#228;rsozialistische“ Experimente der 1930er<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>, musste fr&#252;her oder sp&#228;ter auf eine Konfrontation mit den ArbeiterInnen hinauslaufen. Die Spannungen brachen schlie&#223;lich aus, als der neue Finanzminister Paz Estenssoro ein restriktives Programm zur Stabilisierung der W&#228;hrung ank&#252;ndigte, das nur mit harter Repression durchgesetzt werden konnte. Auf ihrem dritten Kongress im M&#228;rz 1946 entzog die FSTMB der Villarroel-Regierung die Unterst&#252;tzung und bereitete sich auf die unausweichlich scheinende Konfrontation vor.<o></o><br />
Juan Lechín, Gewerkschaftsf&#252;hrer der FSTMB und Mitglied der MNR, versuchte unterdessen, den wachsenden Einfluss radikalerer Kr&#228;fte wie der trotzkistischen POR unter den <em>mineros</em> und die Kontrolle der MNR &#252;ber die Bewegung gegeneinander auszubalancieren. Lechín, selbst Mitglied der Partei, die in Regierungsverantwortung die Angriffe organisierte, ging es darum, die Gewerkschaftsbewegung als Hebel zu nutzen, um dem Regime Reformen abzutrotzen. Zwar war er daf&#252;r bereit, die Forderungen der POR teilweise zu unterst&#252;tzen und die Regierung samt MNR-Ministern unter Druck zu setzen; vor einer echten Offensive schreckte Lechín aber zur&#252;ck.<o></o><br />
Auch nachdem Villarroel im Juli 1946 von einer unheiligen Allianz aus Milit&#228;rs und Stalinisten gest&#252;rzt worden war, wurde dieser Kurs im Wesentlichen beibehalten. Zwar beschloss die FSTMB auf ihrem au&#223;erordentlichen Kongress im November 1946 mit den „Thesen von Pulacayo“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> ein Programm, das zurecht als eines der radikalsten Dokumente der bolivianischen ArbeiterInnenbewegung bezeichnet worden ist: darin wurden nicht nur Lohnerh&#246;hungen und die Gr&#252;ndung einer nationalen Gewerkschaftsf&#246;deration gefordert, sondern auch die Strategie einer grundlegenden Transformation der bolivianischen Gesellschaft entworfen. Pl&#228;ne zur Besetzung der Minen wurden vorbereitet, eine Taktik, die in der &#220;bernahme der politischen Macht gipfeln sollte. Das Problem war nur, dass die <em>mineros</em> zur Implementierung der Thesen auf die Gewerkschaftsf&#252;hrung um Lechín vertrauten – und diese z&#246;gerte.<o></o><br />
Es verwundert deshalb kaum, dass auch der Umsturz im April 1952 zun&#228;chst ohne aktive Beteiligung der ArbeiterInnen geplant wurde. Die MNR hatte den Kommandeur der paramilit&#228;rischen Polizei Seleme f&#252;r einen Putschversuch gewonnen; wie 1943 sollte das Milit&#228;r den <em>coup d’etat</em> organisieren, w&#228;hrend die MNR die Unterst&#252;tzung der Massen sicherstellen w&#252;rde.<o></o><br />
Die Aktion begann am 9. April: MNR-Kommandos und Einheiten der paramilit&#228;rischen Polizei &#252;bernahmen die wichtigsten Geb&#228;ude der Hauptstadt. Entgegen der Erwartungen blieb die Armee jedoch loyal zum Regime; am Abend des ersten Tages schien die Situation aussichtslos und Seleme fl&#252;chtete aus dem Land, nachdem er zuvor in einer Radioansprache die F&#252;hrung des Aufstandes an die Zivilbev&#246;lkerung &#252;bergeben hatte. Die Initiative ging so auf die <em>mineros</em> &#252;ber – und mit deren Mobilisierung wendete sich das Blatt. Bewaffnete ArbeiterInnen besetzten die Bahnh&#246;fe, beschlagnahmten Munitionsz&#252;ge und schnitten den Nachschub der Truppen nach La Paz ab – was als traditioneller <em>coup d’etat</em> begann wurde so in einen Massenaufstand transformiert. Am 11. April, nach drei Tagen heftiger K&#228;mpfe, gab sich die Armee geschlagen. ArbeiterInnenmilizen kontrollierten die Stra&#223;en; die Macht lag effektiv in den H&#228;nden des Proletariats.<br />
Die neue Regierung sah sich nun mit einer Situation konfrontiert, die so nicht vorgesehen war: statt in einer Koalition mit den Milit&#228;rs fand sich die MNR in einem B&#252;ndnis mit den <em>mineros</em> wieder, wobei das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in den ersten Wochen nach dem April-Umsturz eindeutig auf Seiten der ArbeiterInnenbewegung lag. Der am 17. April gegr&#252;ndete erste nationale Gewerkschaftsdachverband COB war f&#252;r einige Zeit das einzige relevante Machtzentrum im Land, denn „im gesellschaftlichen Zusammenbruch und Chaos nach dem 9. April war die COB der Fokus, um den sich ArbeiterInnen organisieren konnten. Sie war die einzige Kraft mit der St&#228;rke und Geschlossenheit, Entscheidungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch umzusetzen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Nicht zuletzt, weil mit Lechín, Butron und Angel Cromez auch drei prominente Gewerkschaftsf&#252;hrer in der neuen Regierung sa&#223;en, konnten in den Monaten nach dem April 1952 weitreichende Reformen durchgesetzt werden: ein allgemeines Wahlrecht wurde eingef&#252;hrt, die Zinnbergwerke wurden nationalisiert und die FSTMB erhielt zwei von sieben Sitzen in der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL. In den Minen wurde die Betriebsleitung von Delegierten der ArbeiterInnen beaufsichtigt. Am Land eigneten sich die Bauern und B&#228;uerinnen das Eigentum der Gro&#223;grundbesitzer an – was mit der im August 1953 verabschiedeten Landreform rechtlich legitimiert wurde. Die Revolution hatte also zu einer dramatischen und permanenten Restrukturierung der bolivianischen Gesellschaft gef&#252;hrt: die kleine Elite, die Jahrhunderte lang an der Macht gewesen war, war gest&#252;rzt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeit, diese Reformen durchzusetzen, war ma&#223;geblich vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig. Die F&#252;hrung der COB, allen voran Lechín, beschr&#228;nkte sich jedoch darauf, m&#246;glichst gro&#223;en Einfluss innerhalb der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats zu sichern, statt den Prozess der revolution&#228;ren Transformation der Gesellschaft weiterzutreiben, die begonnene Entwicklung in Richtung einer genuin sozialen Revolution, d.h. der &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle der gesamten Gesellschaft durch Selbstverwaltungsstrukturen der ArbeiterInnen, auszuweiten und zu vertiefen. So sollte sich die ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben auf die &#220;berwachung der Betriebsleitung beschr&#228;nken und am Land „sollten nur unproduktive <em>haciendas</em> enteignet werden und Grundbesitzer, die dem Reformprogramm zustimmten, w&#252;rden Arbeitsvertr&#228;ge f&#252;r Landarbeiter erhalten“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o><br />
Auch die POR sa&#223; der Illusion auf, dass die dominante Position der COB in der Regierung die revolution&#228;re Entwicklung von selbst garantieren w&#252;rde und verzichtete auf weitere Mobilisierung. Dies sollte sich als fatal erweisen: sobald die Bewegung demobilisiert war und das Regime fest im Sattel sa&#223;, wurden die Zugest&#228;ndnisse sukzessive entsch&#228;rft oder zur&#252;ckgenommen, w&#228;hrend die POR mittels b&#252;rokratischer Man&#246;ver aus der COB verdr&#228;ngt wurde. Lechín diente der Regierung dabei nur als linkes Feigenblatt, bis sich die Situation wieder beruhigt hatte. 1956 f&#252;hlte sich das MNR-Regime schlie&#223;lich stark genug, zur Durchsetzung der &#246;konomischer „Modernisierungspolitik“ auch ihre ehemaligen Partner in den Gewerkschaften frontal anzugreifen.<o></o></p>
<h3>Revolution Reloaded?</h3>
<p>Sowohl der gesellschaftliche Kontext als auch die politischen AkteurInnen haben sich seit 1952 stark ver&#228;ndert. In gewissem Sinn wurde die politische Kontinuit&#228;t in Bolivien mit der neoliberalen Wende Mitte der 1980er gebrochen. Als die Minen privatisiert und auf einen Schlag 30.000 <em>mineros</em> entlassen wurden, wurde damit auch das politische Gewicht der Gewerkschaften massiv geschw&#228;cht. Auch in den l&#228;ndlichen Gebieten Chapares und im <em>altiplano</em> hat die zunehmende Kapitalisierung der Landwirtschaft viele Bauern und B&#228;uerinnen in prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse in die St&#228;dte gezwungen. Heute arbeiten 68 Prozent der 3,5 Mio. Lohnabh&#228;ngigen im „informellen Sektor“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur ein F&#252;nftel sind gewerkschaftlich organisierte Vollzeitbesch&#228;ftigte.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> El Alto ist Ausdruck dieser strukturellen Ver&#228;nderungen in der bolivianischen Gesellschaft: 1950 noch ein Dorf mit wenigen tausend EinwohnerInnen ist El Alto heute ein Vorstadt-Slum von La Paz, in dem mehr als einer Million Menschen lebt, die meisten von ihnen schlagen sich mit prek&#228;ren Jobs in der Hauptstadt durch.<br />
Die Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung und die damit einhergehende soziale Atomisierung bedeuteten auch ver&#228;nderte Formen politischen Bewusstseins. Traditionen von Klassensolidarit&#228;t, die ihre Wurzeln in den Minen hatten, wurden seit den 1980ern ausgeh&#246;hlt und ein diffuser indigener Nationalismus sowie kommunalistische Widerstandsformen konnten in den 1980ern und 90ern stark an Einfluss gewinnen. Das soll nicht bedeuten, dass die Organisationen der ArbeiterInnen in den K&#228;mpfen der letzten Jahre bedeutungslos waren, geschweige denn, dass sie in den kommenden Auseinandersetzungen keine Rolle spielen werden m&#252;ssen. Die Konf&#246;deration der FabriksarbeiterInnen in Cochabamba war haupts&#228;chliche Impulsgeberin der Proteste 2000; die Regionalgewerkschaften COR, die vor allem die prek&#228;r Besch&#228;ftigten organisieren, sind insbesondere in El Alto eine wichtige Kraft der K&#228;mpfe; und f&#252;r die Zukunft wird die Organisierung der GasarbeiterInnen im Osten des Landes, wo die Bewegung seit 2000 am wenigsten verwurzelt ist, eine zentrale Herausforderung sein. Trotzdem fehlt der Bewegung heute eine koordinierende und zentralisierende Kraft, wie sie die COB bis in die 1980er darstellen konnte.<o></o><br />
Politische Strategien in Bolivien m&#252;ssen dieser ver&#228;nderten Situation Rechnung tragen. Die historischen Erfahrungen der Revolution 1952 sind deshalb nicht direkt und unmittelbar auf die heutige Situation &#252;bertragbar. Dennoch ist ein Verst&#228;ndnis des letztlichen Scheiterns der Revolution auch f&#252;r die aktuellen Debatten relevant:<br />
1. Das politische Programm der MAS ist ein Kompromissprojekt, das es sowohl den sozialen Bewegungen als auch dem urbanen Mittelstand, der nationalen Bourgeoisie und selbst internationalem Kapital gleichzeitig recht machen will.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Nicht allein aufgrund der Tatsache, dass der parlamentarische Spielraum der MAS selbst begrenzt ist (die MAS h&#228;lt zwar die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, nicht aber im Senat, und kontrolliert au&#223;erdem nur drei von neun Regionalregierungen), ist die Durchsetzung radikaler Forderungen deshalb weiterhin vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig, um Morales so an seine Versprechen zu binden. Wie fatal das Vertrauen in einen geschichtlichen Automatismus und eine Abwartehaltung gegen&#252;ber linken Regierungen enden kann, haben die Ereignisse nach April 1952 deutlich gezeigt. Weil die COB auf weitere Aktionen von unten verzichtete konnte sich letztlich die Politik des „rechten“ Fl&#252;gels der MNR durchsetzen.<br />
2. Im Prozess der Mobilisierung gilt es, den Aufbau selbstverwalteter politischer Machtstrukturen jenseits und als Alternative zum b&#252;rgerlichen Staat auszuweiten und zu vertiefen. Eine solche Orientierung zeigten im Ansatz die Asamblea Nacional in El Alto und die Revolution&#228;re Volksversammlung in Cochabamba im Juni 2005. Gleichzeitig jedoch existierte in der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer eine andere Dynamik, die auf die Wahlen und die Macht im Staat orientierte – es war letztere, die sich vorerst durchsetzen konnte. Derselbe Konflikt verbirgt sich heute unter dem Label der f&#252;r Juli 2006 angesetzten Konstituierenden Versammlung, deren Funktion von den politischen AkteurInnen sehr unterschiedlich definiert wird. Sie k&#246;nnte sich auf der einen Seite als reiner Trick erweisen, deren einziges Ziel die Konsolidierung der Macht der MAS im Staat ist.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Auf der anderen Seite k&#246;nnte die Konstituierende Versammlung aber auch Startschuss f&#252;r einen Prozess demokratischer Selbstorganisierung sein, als Koordinationsstruktur eines Netzwerks von Basisstrukturen.<br />
1952 wurde der Staat radikal umgebaut, aber kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse und der b&#252;rgerliche Staatsapparat selbst blieben intakt. Die COB hielt in den Wochen nach dem April-Umsturz die politische Macht in der Hand; die Durchsetzung echter ArbeiterInnenkontrolle &#252;ber Produktion und Distribution w&#228;re m&#246;glich gewesen; stattdessen optierte die F&#252;hrung der COB f&#252;r eine Koalitionsregierung mit der MNR und beschr&#228;nkte sich auf zwei Sitze in der frisch verstaatlichten Bergbaugesellschaft. Dieses Arrangement mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen sollte ihr letztlich selbst auf den Kopf fallen.<br />
Heute ziehen einige Organisationen der Bewegungen radikalere Schl&#252;sse aus den Erfahrungen der K&#228;mpfe der letzten Jahre. Die Coordinadora in Cochabamba schrieb &#252;ber die revolution&#228;re Krise im Juni 2005:<br />
„In dieser Mobilisierung haben wir zwei Dinge gesehen. Auf der einen Seite, dass wir, die verschiedenen sozialen Bewegungen, das gesamte Land lahmlegen und die Man&#246;ver der Unternehmer und Politiker zur&#252;ckschlagen k&#246;nnen. Auf der anderen Seite haben wir es nicht geschafft, unsere eigenen Entscheidungen und Ziele durchzusetzen… Basierend auf diesen zwei &#220;berlegungen haben wir in allen Nachbarschaften und Communities in Cochabamba und im ganzen Land eine breite Debatte &#252;ber die Notwendigkeit er&#246;ffnet, Schritt f&#252;r Schritt unsere eigenen Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen und daf&#252;r in den n&#228;chsten Mobilisierungen zu k&#228;mpfen. Wir haben die St&#228;rke und Kreativit&#228;t, unsere Beschl&#252;sse jenseits der offiziellen Institutionen und traditionellen politischen Parteien umzusetzen… Dieses Mal haben wir die &#214;lt&#252;rme, die Gasfelder und die Raffinerien besetzt. In Zukunft m&#252;ssen wir auch in der Lage sein, sie in unserem Eigeninteresse einzusetzen.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Olivera, Oscar: ¡Cochabamba! Water War in Bolivia. Cambridge/MA: South End Press 2004. 21.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ebd. 156f.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Exclusive Interview with MAS’ Vice-Presidential Candidate; online unter: http://americas.irc-online.org/am/2987.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> García Linera, Álvaro: State Crisis and Popular Power; in: New Left Review 37 (2006). 73-85; hier: 85.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Petras, James: Evo Morales/Bolivia: Populist gestures and neo-liberal substance; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=25142 und ders.: New Winds from the Left or Hot Air from a New Right; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=28333.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. Petras, James: A Bizarre Beginning in Bolivia. Inside Morales’s Cabinet; online unter: http://www.counterpunch.org/petras02042006.html<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hinzu kam, dass der “Chaco-Krieg” gegen Paraguay, den Salamanca vom Zaun gebrochen hatte, um die innere Krise im Land in einem „nationalen Schulterschluss“ zu &#252;berwinden, in einer verheerenden Niederlage endete.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA): 1924 von Haya de la Torre gegr&#252;ndete kleinb&#252;rgerlich-nationalistische Sammlungsbewegung in Peru, deren Ideen in ganz Lateinamerika einflussreich wurden.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> „Milit&#228;rsozialismus“ nannten die Milit&#228;rregimes in der zweiten H&#228;lfte der 1930er ihr Projekt eines autorit&#228;r-korporatistischen Staats.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Die Thesen online: http://www.pt.org.uy/textos/temas/pulacayo.htm.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Lora, Guillermo: A History of the Bolivian Labour Movement, 1848-1971. Cambridge: Cambridge UP 1977. 281.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Kohl, James V.: Peasant and Revolution in Bolivia, April 9, 1952-August 2, 1953; in: Hispanic American Historical Review 58:2 (1978). 238-259; hier: 248.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> García Linera: a.a.O. 79; vgl. auch Nicholls, Peter: Bolivia: between a rock and a hard place; in: Capital &amp; Class 81 (2003). 9-15; hier: 12.<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Olivera: a.a.O. 124.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Darauf weist u.a. auch hin, dass am Tag der Konstituierenden Versammlung auch das Referendum &#252;ber die Autonomie der erdgasreichen Region Santa Cruz stattfinden wird, das seit der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer von der Rechten in Bolivien gefordert wird. Das Ergebnis des Referendums soll f&#252;r die Konstituierende Versammlung bindend sein.<o></o></p>
<p><a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Zit. n. Gonzales, Mike: Bolivia: the Rising of the People; in: International Socialism 108 (2005). 73-101; hier: 73.<o></o></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bolivien-revolution-reloaded/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
