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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Gramsci</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Viel Partei, wenig Gramsci</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:19:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Neubert, Harald: Linie Gramsci – Togliatti – Longo – Berlinguer. Erneuerung oder Revisionismus in der kommunistischen Bewegung? Hamburg: VSA 2009, 157 Seiten, € 14,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Neubert, Harald: Linie Gramsci – Togliatti – Longo – Berlinguer. Erneuerung oder Revisionismus in der kommunistischen Bewegung? Hamburg: VSA 2009, 157 Seiten, € 14,80<br />
<span id="more-504"></span><br />
Die Auseinandersetzung darum, wie das Werk Antonio Gramscis zu interpretieren sei, ist fast so alt wie die <em>Gef&#228;ngnishefte </em>– seine im faschistischen Kerker verfassten, umfangreichen Notizen zu Politik, Kultur und Geschichte – selbst, die, posthum ver&#246;ffentlicht, als fragmenthaftes „Hauptwerk“ gelten. Gerne wird dabei auf die Metapher der Linie zur&#252;ck gegriffen, die wahlweise zu Gramsci hin oder von ihm weiter gezogen wird, um seine theoretischen Positionen in eine bestimmte politische Tradition einzugemeinden. Beispiele sind die in der ersten Rezeptionsphase in Italien gerne von linksliberaler Seite betonte Kontinuit&#228;t von Benedetto Croce, dem „italienischen Hegel“, zu Gramsci oder die von Peter Weiss formulierte These von der „Linie Luxemburg-Gramsci“. Dementsprechend scheint das neue Buch von Harald Neubert zumindest auf den ersten Blick eine Intervention in eben diese Debatte darzustellen, die einen roten Faden von Gramsci zu Palmiro Togliatti, Luigi Longo und Enrico Berlinguer ziehen will. Mit diesen Namen ist auch schon Neuberts Referenzrahmen abgesteckt: sie alle waren Nachfolgende Gramscis als Vorsitzende der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP), und eben diese ist auch der eigentliche Gegenstand des Buches.<br />
Tats&#228;chlich geht es n&#228;mlich kaum um eine „Linie“ der Gramsci-Rezeption, wie es Titel und Klappentext nahe legen. Vielmehr handelt es sich um einen historischen Abriss der sich wandelnden Programmatik der IKP von der Gr&#252;ndung 1921 bis in die 1980er Jahre. Als solcher ist das Buch durchaus n&#252;tzlich und bietet einen kompakten &#220;berblick. Das ist allerdings auch das Beste, was dazu zu sagen ist. Denn Neuberts Art der Geschichtschreibung ist Ideengeschichte im schlechtesten Sinne. Die Wandlungen der IKP-Programmatik werden in erster Linie als Entwicklung von Ideen, die den K&#246;pfen der im Titel genannten gro&#223;en M&#228;nner entspringen, beschrieben. Der historische Kontext wird in den meisten F&#228;llen auf die „sozialistischen L&#228;nder“ – die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten nach 1945 – und die „internationale kommunistische Bewegung“ – die offiziellen kommunistischen Parteien – reduziert. Und auch dort, wo die italienischen politischen Verh&#228;ltnisse in der Darstellung aufscheinen, f&#252;hrt der enge Blick des Autors auf die „gro&#223;e“ Politik dazu, dass nur Parteien und Regierungen als handelnde AkteurInnen vorkommen. Als historische Arbeit ist das Buch deshalb &#228;u&#223;erst unbefriedigend. Gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen, Klassenk&#228;mpfe oder kulturelle Dynamiken spielen darin keine Rolle. Das ist gerade f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der italienischen Nachkriegsgeschichte, die reich ist an Revolten, die sich jenseits der kommunistischen Parteiorgane abspielten, verheerend; und nicht zuletzt steht diese Herangehensweise im krassen Gegensatz zu Gramscis Sensibilit&#228;t f&#252;r die Komplexit&#228;t geschichtlicher Entwicklung.<br />
Nun k&#246;nnte eingewendet werden, dass das Buch ja nicht als geschichtswissenschaftliche Arbeit konzipiert ist,<br />
sondern in erster Linie ein politisches Argument stark machen will, n&#228;mlich dass die in der IKP entwickelten strategischen Positionen ein m&#246;glicher Anschlusspunkt f&#252;r eine erneuerte kommunistische Bewegung w&#228;ren. Doch auch dieses ist wenig &#252;berzeugend, was vor allem daran liegt, dass der Grundton des Buches ein konsequent apologetischer ist. Gelegentlich f&#252;hlt man sich an die kuriosesten Bl&#252;ten stalinistischer Hagiographie erinnert, besonders wenn die (selbstverst&#228;ndlich nur vorz&#252;glichsten) charakterlichen Eigenschaften Togliattis oder Berlinguers beschrieben werden. Dass dies nicht nur ein stilistisches Problem ist, sondern Ausdruck der politischen &#220;berzeugung des Autors, zeigen zahlreiche Stellen, in denen Neubert unvermittelt von der nacherz&#228;hlenden in die kommentierende Position wechselt, um einzelne politische Entscheidungen seiner Protagonisten zu verteidigen. So wird die Beteiligung Togliattis an den Verbrechen des stalinistischen Regimes w&#228;hrend seiner T&#228;tigkeit f&#252;r die Komintern dadurch entschuldigt, dass dieser „wie die meisten seiner Moskauer Mitstreiter“ vor eine „Gewissensentscheidung“ gestellt wurde und er sich eben – bei aller Sch&#228;ndlichkeit der „Stalinschen Willk&#252;r“ – dagegen entschieden h&#228;tte, zum „Renegaten“ zu werden und „g&#228;nzlich der Bewegung den R&#252;cken zu kehren“. In anderen F&#228;llen steckt die nachsichtige Bewertung in den gew&#228;hlten Formulierungen, etwa wenn die milit&#228;rische Niederschlagung des Prager Fr&#252;hlings 1968 durch die sowjetische Armee zu einer Intervention wird, um „sowohl dem inzwischen au&#223;er Kontrolle geratenen Reformprozess wie der akut drohenden Konterrevolution gewaltsam ein Ende zu setzen“.<br />
Die Haltung, sich nur zu sehr zaghafter Kritik an der „hochstalinistischen“ Phase der IKP unter Togliatti durchringen zu k&#246;nnen, scheint Neubert f&#252;r n&#246;tig zu halten, um seine allgemein positive Beurteilung der sp&#228;teren strategischen Umorientierungen der Partei nicht zu unterminieren. Diese beinhalteten bereits in den unmittelbaren Nachkriegsjahren eine Abkehr von der ArbeiterInnenklasse zu Gunsten des „italienischen Wegs zum Sozialismus“, wobei sich dieser „Sozialismus“ bequem in den Apparaten des b&#252;rgerlichen Staats einzurichten gedachte. Dies zeigte sich – und hier ist eine „Linie“ von Togliatti zu Berlinguer tats&#228;chlich nicht zu bestreiten – im „Historischen Kompromiss“ der 1970er, als die IKP die christdemokratisch gef&#252;hrte Regierung von Andreotti unterst&#252;tzte. Warum gerade diese Entwicklung, die letztlich zur Selbstaufl&#246;sung der IKP gef&#252;hrt hat, eine m&#246;gliche „Ausgangsbasis f&#252;r die &#214;ffnung und Erneuerung der internationalen kommunistischen Bewegung“ darstellen soll, erschlie&#223;t sich dem Rezensenten allerdings nicht. Letztlich steht Neuberts Buch selbst in einer „Linie“, n&#228;mlich in einer alten Str&#246;mung innerhalb der Gramsci-Debatte, die von Togliatti selbst begr&#252;ndet wurde. In ihr wird Gramsci als Teil stalinistischer Tradition bzw. als Stichwortgeber poststalinistischer, „eurokommunistischer“ Initiativen behandelt, wobei die Pr&#228;missen des „Sozialismus von oben“ – StellvertreterInnenpolitik, strategische Fixierung auf die Parteiform, Geringsch&#228;tzung sozialer Bewegungen – beibehalten wird. Bei Neubert kommt daher auch nur ein Gramsci im Konjunktiv vor, als Theoretiker, dessen Thesen „die Entwicklung des realen Sozialismus in eine konstruktive Richtung h&#228;tten lenken k&#246;nnen und m&#246;glicherweise dem nachfolgenden Niedergang h&#228;tten entgegenwirken k&#246;nnen“, wie in Bezug auf Togliatti formuliert wird. Wer nicht der Meinung ist, dass die Diktaturen des „realen Sozialismus“ irgendetwas „rettenswertes“ an sich hatten, d&#252;rfte von diesen &#220;berlegungen jedenfalls kaum &#252;berzeugt werden. Der &#252;berwiegende Effekt des Buches ist negativ: es verstellt den Blick f&#252;r tats&#228;chlich offene, kreative Anschl&#252;sse an Gramscis Politik und Theorie.</p>
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		<title>Die Aktualit&#228;t Gramscis</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/rezensionen-nr4/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:48:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €<br />
<span id="more-52"></span><br />
Antonio Gramsci, italienischer Marxist, engagiert in der Turiner R&#228;tebewegung, Herausgeber der Zeitschrift <em>L’Ordine Nuovo</em><span lang="DE"> und Mitbegr&#252;nder der Kommunistischen Partei Italiens, verfasste w&#228;hrend seiner Haftzeit unter Mussolini 32 Hefte mit fragmentarischen Notizen zu Philosophie, Geschichte, Kultur und Politik. Mit Abschluss der kritischen Gesamtausgabe der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> in deutscher Sprache 2002, hat sich die Ausgangslage der Auseinandersetzung mit Gramsci im deutschsprachigen Raum betr&#228;chtlich ver&#228;ndert. Nicht mehr vorselektierte Ausz&#252;ge, sondern der „ganze Gramsci“ steht nun zur kritischen Relekt&#252;re zur Verf&#252;gung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">F&#228;llt die Rede auf Antonio Gramscis Werk, werden dessen RezipientInnen nicht m&#252;de zu betonen, dass der fragmentarische Charakter dieser im Gef&#228;ngnis unter widrigen Umst&#228;nden entstandenen Schriften ihre systematische Aufarbeitung ungeheuer erschwert. Nicht zu unrecht, konfrontieren einen die </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> doch mit der Aufgabe, die in den von Begriffsverschiebungen, Anspielungen und Undeutlichkeiten gekennzeichneten Notizen entwickelten theoretischen Konzepte nachzuzeichnen und in koh&#228;renten Zusammenhang zueinander zu stellen, ohne zugleich die dabei auftauchenden Widerspr&#252;chlichkeiten einzuebnen. Die Herausgeber des im Argumentverlag erschienenen Sammelbandes </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erkennen, dass es nicht alleine der fragmentarischen Form der Texte, sondern vielmehr Gramscis Arbeitsweise geschuldet ist, dass eine Anordnung der Begriffe zum vollst&#228;ndigen Theoriensystem unm&#246;glich ist – womit zugleich reduktionistischen Schlie&#223;ungen aller Art der Riegel vorgeschoben wird. So erarbeitet Gramsci seine theoretischen Konzeptionen stets im Kontext einer Analyse spezifischen historischen Materials, sowie in permanenter Auseinandersetzung mit der Frage nach m&#246;glichen Strategien revolution&#228;ren Kampfes unter Bedingungen einer weitgehend konsolidierten b&#252;rgerlichen Klassenherrschaft. W&#228;hrend wir manche Konzepte auf hohem theoretischen Niveau ausgearbeitet vorfinden, begegnen uns andere nur implizit, gleichsam zwischen den Zeilen. Dass diese somit ihren vollen Sinn erst durch ihre Kontextualisierung und Anwendung erhalten, mag Anlass f&#252;r einige Lekt&#252;reschwierigkeiten sein, begr&#252;ndet zugleich aber die Anschlussf&#228;higkeit Gramscis Konzepte an vielf&#228;ltige Theoriestr&#228;nge &#8211; wovon die Rede vom „Steinbruch Gramsci“ zeugt &#8211; sowie an die Versuche einer Analyse gegenw&#228;rtiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erhebt nicht den Anspruch, den „sekund&#228;ranalytischen Zugang zu Gramsci“ um eine weitere Aufsatzsammlung zu bereichern. Vielmehr steht die Frage nach der analytisch-begrifflichen sowie der poltisch-praktischen Aneignung Gramscis im Vordergrund. Damit ist zugleich das Problem der notwendigen &#220;bersetzungsarbeit angesprochen, die zu leisten ist, soll das theoretische Instrumentarium Gramscis f&#252;r eine Untersuchung und Bestimmung aktueller gesellschaftlicher Ph&#228;nomene fruchtbar gemacht werden. 13 Autoren und eine Autorin (die Frauenquote von 7% ist &#252;beraus bedauerlich) pr&#228;sentieren ihre Herangehensweise bei der kritischen Lekt&#252;re und Aufnahme Gramscis Analysen und die zentralen Fragestellungen ihres Arbeitens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ersten Beitr&#228;ge kreisen um den Begriff der „passiven Revolution“ und zeigen, welche Formen Versuche einer &#220;bertragung desselben auf die gegenw&#228;rtig zu beobachtende krisenhafte Transformation von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen annehmen k&#246;nnen. Ausgehend von einer erkl&#228;renden Darstellung der Fordismusanalysen Gramscis arbeitet Mario Candeias in </span><em>Gramscianische Konstellationen</em><span lang="DE"> Momente der Zustimmung der Subalternen bei der Durchsetzung einer neuen Produktionsweise unter neoliberaler Hegemonie heraus. Er argumentiert, dass der durch die Umstrukturierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen virulent gewordene Zwang zu Selbstvermarktung und Selbstausbeutung auch als &#220;bernahme von Eigenverantwortung, als Befreiung von gleichf&#246;rmiger Arbeit und paternalistischen Eingriffen des Wohlfahrtsstaates erlebt wird. Als Ansatzpunkt f&#252;r emanzipatorische Perspektiven identifiziert er bestehende Br&#252;che in der hegemonialen Apparatur des Neoliberalismus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch Frigga Haug setzt f&#252;r ihr Vorhaben </span><em>Mit Gramsci die Geschlechterverh&#228;ltnisse begreifen</em><span lang="DE"> bei dessen &#220;berlegungen zu Fordismus und Amerikanismus an. Die Frage nach den Geschlechterverh&#228;ltnissen findet sie in die Analyse der sexuellen Verh&#228;ltnisse verschoben, welche ihren theoretischen Ort innerhalb einer Untersuchung der Entstehung der fordistischen Produktionsweise findet. Indem sie Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse auffasst, ist es ihr m&#246;glich die K&#228;mpfe der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre als gegen fordistische Formen der Arbeitsteilung gerichtete zu verstehen. Pr&#228;zise zeichnet sie die Ver&#228;nderungen des Arbeitsbegriffs und der Familienstrukturen im Kapitalismus neoliberaler Pr&#228;gung nach. Mit ihrem Vorschlag, die Analyse von Transformationsprozessen kapitalistischer Vergesellschaftung am Zusammenhang zwischen der Regelung der Produktion und der Organisation von Geschlechterverh&#228;ltnissen auszurichten, liefert sie einen wesentlichen Beitrag zur feministisch-marxistischen Theoriebildung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bernd R&#246;ttger nimmt die gegenw&#228;rtigen Ver&#228;nderungen der Handlungsbedingungen von Gewerkschaften in den Blick. Anstatt die angesichts der Krise gewerkschaftlicher Repr&#228;sentationsformen und der Unterh&#246;hlung des Tarifvertragssystems oft erstellte Diagnose vom Untergang der Gewerkschaften schlicht zu unterschreiben, leuchtet er die Widerspr&#252;che aus, innerhalb derer sich diese nunmehr zu bewegen haben. In seinem Beitrag </span><em>Passive Revolutionen und Gewerkschaften</em><span lang="DE"> zeichnet er die historische Entwicklung korporativistischer Politikformen nach und fragt nach M&#246;glichkeiten der Erneuerung gewerkschaftlicher Betriebspolitik. &#220;berzeugend legt er dar, dass sich diese nur als &#220;berwindung fordistischer StellvertreterInnenpolitik gestalten und &#252;ber eine Verbindung von betrieblichen und gesellschaftlichen K&#228;mpfen vollziehen kann. Anhand eines konkreten Beispiels zeigt er, wie die Etablierung politisierender Beteiligungsstrategien und ver&#228;nderter Formen von Aktions- und B&#252;ndnispolitik das Neuentstehen einer sichtbaren lokalen ArbeiterInnenbewegung erwirken kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die darauf folgenden Beitr&#228;ge suchen der Bedeutung hegemonialer Auseinandersetzungen auf dem Terrain des Alltagsverstandes aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beizukommen. Christoph Scherrer pl&#228;diert f&#252;r eine sch&#228;rfere Begriffsbestimmung sowie die empirische Operationalisierung von Hegemoniekonzepten. </span><em>Hegemonie: empirisch fassbar?</em><span lang="DE"> regt an, zur Bestimmung des Ausma&#223;es an aktivem bzw. passivem Konsens demoskopische Untersuchungen zu Hilfe zu nehmen. Ingo Lauggas stellt in </span><em>Empfindungsstrukturen und Alltagsverstand</em><span lang="DE"> die Parallelen zwischen dem marxistischen Kulturwissenschafter Raymond Williams und Gramscis Versuchen, einen materialistischen Kulturbegriff zu entwickeln, heraus. Formen der Regelung alltagskultureller Praxen im Bereich der Sozialpolitik geht Uwe Hirschfeld nach. Er will </span><em>Mit Gramsci die Politik sozialer Arbeit verstehen</em><span lang="DE"> und sucht diese als in gesellschaftlichen Konfliktfeldern situiert zu begreifen. Dabei arbeitet er die widerspr&#252;chliche Situation heraus, in der sich Sozialarbeit befindet, da sie zugleich auf eine Anpassung der KlientInnen an bestehende ideologische Verh&#228;ltnisse wie auf deren punktuelle Selbsterm&#228;chtigung abzielt. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die n&#228;chsten beiden Texte setzen den Schwerpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Gramsci auf eine kritische Aktualisierung dessen machtpolitischer Erw&#228;gungen. Mikiya Heise und Daniel von Fromberg legen die ambivalenten Erfahrungen, die sie selbst im Zuge ihres Studiums der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> machten, dar. Unter dem Schlagwort </span><em>Die Machtfrage stellen</em><span lang="DE"> bekr&#228;ftigen sie, dass in einer kritischen Auseinandersetzung nicht nur mit dem „guten Gramsci“ gearbeitet werden darf, sondern stets auch mit jenem Gramsci gerechnet werden m&#252;sse, dessen machtpolitische Orientierung an Macchiavelli, dem Jakobinismus und leninistischer Parteipolitik mitunter verst&#246;rend autorit&#228;re Z&#252;ge trage. Indem sie Gramscis &#220;berlegungen als historischen Versuch einer Antwort auf die Machtfrage lesen, fordern sie zu einer Repolitisierung der eigenen theoretischen Perspektive auf. So muss sich die gegenw&#228;rtige Linke nicht nur mit der Machtfrage konfrontieren, vor dem Hintergrund der ver&#228;nderten Ausgangslage gesellschaftlicher K&#228;mpfe hat sich ihre Politikf&#228;higkeit daran zu messen, ob sie die gegebenen strategischen Optionen zu fassen und zugleich im Bezug auf die eigenen ethisch-politischen Anspr&#252;che zu reflektieren vermag. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Mit Blick auf die Diagnose, dass die gegenw&#228;rtigen westlichen Parteien ziellos geworden sind, legt Michael J&#228;ger in </span><em>Die Partei, die ein Ziel hat</em><span lang="DE"> die Grundz&#252;ge Gramscis Parteitheorie dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dass Gramsci die Frage der politischen F&#252;hrung stets auch in ihrer p&#228;dagogischen Dimension thematisiert, nehmen die n&#228;chsten beiden Artikel zum Anlass, Gramscis &#220;berlegungen zu Erziehung und politischer Bildung hegemoniestrategisch zuzuspitzen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Armin Bernhard fragt in </span><em>P&#228;dagogische Grundverh&#228;ltnisse</em><span lang="DE"> wie Bildung als Selbstpotenzierung im Sinne gegenhegemonialer Bestrebungen wirksam werden kann. Andreas Merkens arbeitet die Implikationen der Bestimmung von</span><em> Hegemonie als p&#228;dagogischem Verh&#228;ltnis</em><span lang="DE"> heraus. Auch ihm geht es um die M&#246;glichkeit gegenhegemonialer Strategien, welche er unter der Formel </span><em>Die Regierten von den Regierenden intellektuell unabh&#228;ngig machen</em><span lang="DE"> verhandelt. Ausgehend von der Feststellung, dass emanzipative gesellschaftliche Transformation auf einen kollektiven Prozess der kritischen Bewusstseinsbildung angewiesen ist, betont er, dass sich Gegenhegemonie keinesfalls in einem Austausch der im Alltagsverstand vorherrschenden Inhalte ersch&#246;pfen darf, sodass das bestehende b&#252;rgerliche Wissensregime durch ein sozialistisches ersetzt w&#252;rde. Vielmehr muss das Verh&#228;ltnis von F&#252;hrenden und Gef&#252;hrten selbst bearbeitet werden, weshalb jede emanzipatorische Bewegung dazu angehalten ist, jene Erfahrungen, die sie in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen macht, mit Bildungsprozessen zu verkn&#252;pfen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Hierauf folgen zwei Versuche der Aktualisierung gramscianischer Denkbewegungen mit dem Ziel der Erneuerung und/oder Fortschreibung marxistischer Theoriebildung. Oliver Marcharts Beitrag </span><em>Gramsci und die diskursanalytische Hegemonietheorie</em><span lang="DE"> legt anhand der Erl&#228;uterung einiger zentraler Begrifflichkeiten der poststrukturalistischen Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe dar, wie Gramscis Thesen diskurstheoretisch weitergedacht werden k&#246;nnten. Wolfgang Fritz Haug fragt: </span><em>Marxistisch Philosophieren – aber wie? </em><span lang="DE">Jeder Mensch ist Philosoph, insofern er in seinem Streben nach intellektueller Koh&#228;renz Andere in sein Denken miteinbezieht und danach trachtet, Subalternit&#228;t zu &#252;berwinden. Diese Feststellung Gramscis wird zum Ausgangspunkt einer Rekonstruktion des axiomatischen Feldes Marxschen Denkens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ohne den Anspruch zu stellen, ein vollst&#228;ndiges Bild der gegenw&#228;rtigen Debatte zu pr&#228;sentieren – so findet sich etwa kein neogramscianisch orientier-ter Text, der sich an der &#220;bertragung Gramscis Begrifflichkeiten auf das Feld der internationalen Beziehungen versucht, und auch die staatstheoretische Diskussion wird nur gestreift – legt der Sammelband doch von der Vielfalt der Aneignungsweisen Gramscis Schriften Rechenschaft ab. Wer auf eine kanonisierende Lesart der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> Wert legt, wird entt&#228;uscht werden, wer jedoch Anst&#246;&#223;e zur theoretischen und politischen Aktualisierung der von Gramsci entwickelten Konzepte sucht, findet in </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> anregende Beitr&#228;ge.<o></o></span></p>
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		<title>Herrschaft durch Konsens &#8211; Macht und Politik bei Antonio Gramsci</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/herrschaft-durch-konsens-macht-und-politik-bei-antonio-gramsci/</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:29:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?<br />
<span id="more-75"></span><br />
Fragen solcher Art dr&#228;ngten sich dem Marxisten Antonio Gramsci auf, als er in den 1930er Jahren analysierte, wie die Revolution 1917 in Russland erfolgreich sein konnte, w&#228;hrend sie in Westeuropa – etwa in Deutschland, den L&#228;ndern der zerfallenden Habsburgermonarchie oder in Gramscis Heimat Italien – scheiterte, wo doch unterdr&#252;ckerische Verh&#228;ltnisse hier wie dort gegeben waren. Im Zuge dieser Untersuchungen entdeckte er, dass im „Westen“ trotz der &#246;konomischen und politischen Krisen des etablierten Systems, nach wie vor Herrschaft sichernde Verh&#228;ltnisse vorhanden waren. Obwohl hier wie dort die repressive Macht des Staates mehr oder weniger zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden konnte und demokratische R&#228;testrukturen entstanden, konnte der Staat mit Hilfe anderer, nicht-repressiven Mechanismen seine Macht schneller wieder erlangen. Der Schl&#252;sselbegriff hierzu war, wie Gramsci argumentiert, Hegemonie. „Ganz grob k&#246;nnen wir Hegemonie“, so der britische Marxist Terry Eagleton, „als eine ganze Reihe praktischer Strategien definieren, durch die eine herrschende Macht den von ihr Regierten Zustimmung entlockt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> <o></o></p>
<p>Im Unterschied zu jenen Elementen des Staates, welche durch Polizei, Armee und Justiz, also mittels Zwang, das kapitalistische System aufrecht zu erhalten trachten, sichert eine andere Ebene von Herrschaft, jene der „produzierten Zustimmung“, das System, selbst wenn die Zwangsapparate durchbrochen wurden. „Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Sch&#252;tzengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag“, schrieb Gramsci &#252;ber dieses Ph&#228;nomen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Die robuste Kette von Befestigungswerken, die Gramsci erkannte, ist jene der Hegemonie, als deren Produktions- und Wirkungsfeld er die società civile (meist als „Zivilgesellschaft“ oder „b&#252;rgerliche Gesellschaft“ &#252;bersetzt<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>) identifizierte. <o></o><br />
Der entscheidende Unterschied zwischen West- und Osteuropa war also die Auspr&#228;gung eines komplexen Netzwerks der Zivilgesellschaft, das im Bereich der Ideen, der Kultur, der Erziehung, des Glaubens etc. Herrschaft durch Zustimmung organisieren konnte: „Im Osten war der Staat alles, die b&#252;rgerliche Gesellschaft [=Zivilgesellschaft; Anm.] steckte in ihren Anf&#228;ngen, und ihre Konturen waren flie&#223;end. Im Westen herrschte zwischen Staat und b&#252;rgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verh&#228;ltnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kr&#228;ftige Struktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> <o></o></p>
<p>Zivilgesellschaft und Staat legte Gramsci als die „zwei gro&#223;e[n] ‚Ebenen’“ des „&#220;berbaus“, also der politischen Formen kapitalistischer Ausbeutung, fest. Wobei er die Zivilgesellschaft als Gesamtheit jener „Organismen“ bezeichnete, wodurch „die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft“ Hegemonie aus&#252;bt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dazu z&#228;hlt er etwa b&#252;rgerliche Parteien, die Kirche, Vereine, Schulen bzw. Universit&#228;ten, Medien und sogar Gewerkschaften.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Diese „Organismen“ – wir k&#246;nnen im Anschluss an Louis Althusser, der rund 40 Jahre sp&#228;ter Gramscis &#220;berlegungen zur Hegemonie aufgriff, von hegemonialen „Apparaten“ sprechen – pr&#228;gen und strukturieren das Leben der Bev&#246;lkerung, indem durch sie Vorstellungen davon, was richtig oder falsch, m&#246;glich oder unm&#246;glich, erw&#252;nscht oder unerw&#252;nscht ist, produziert und reproduziert werden. Hegemonie bildet so das Ferment der herrschenden Ordnung, indem es ihr erlaubt, als Teil allt&#228;glicher Denk- und Handlungsweisen, zu einem Selbst- und Weltverst&#228;ndnis der Gesellschaft zu werden. Oder, wie Eagleton schreibt: „Der b&#252;rgerliche Staat greift auf Gewalt zur&#252;ck, wenn er dazu gezwungen ist, aber er riskiert damit auch einen drastischen Verlust an ideologischer Glaubw&#252;rdigkeit. F&#252;r die Macht ist es besser, unsichtbar zu sein, sich im ganzen Gewebe des sozialen Lebens auszubreiten und damit in Form von Gebr&#228;uchen, Gewohnheiten, spontanen Praxen ‚naturalisiert’ zu sein.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Die Produktion und Reproduktion von b&#252;rgerlicher Hegemonie ist jedoch kein subjektloser Automatismus. Sie ist angewiesen auf „traditionelle Intellektuelle“, die organisch mit der herrschenden Klasse verbunden sind. Diese schaffen nicht nur auf „&#246;konomischem, sondern auch auf sozialem und politischem Gebiet Homogenit&#228;t.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><span>  </span>Sie sind sozusagen die konkreten ProduzentInnen b&#252;rgerlicher Hegemonie.<o></o></p>
<p>Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft – also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates, zusammengefasst in der Formel „Staat = Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Die analytische Trennung von Hegemonieapparaten einerseits und Gewaltapparaten andrerseits, bedeutet aber nicht, dass diese auch tats&#228;chlich so scharf voneinander abgegrenzt existieren. So ist auch der Staat im engeren Sinne, mit dem wohl m&#228;chtigsten Hegemonieapparat, dem demokratisch gew&#228;hlten Parlament, f&#252;r die Hegemonieproduktion verantwortlich. Umgekehrt k&#246;nnen auch typisch „zivilgesellschaftliche“ Institutionen mit Gewalt Herrschaft sichernd eingreifen, etwa in Form von „B&#252;rgerwehren“. Wir k&#246;nnen aber zusammenfassen, dass der Staat mit seinen Gewaltapparaten in erster Linie die b&#252;rgerliche Herrschaft mittels Gewalt sichert, w&#228;hrend Hegemonieapparate in erster Linie Zustimmung zum herrschenden System produzieren.<o></o></p>
<h3>Widerspr&#252;chliches Bewusstsein und Alltagsverstand</h3>
<p>W&#252;rde das Konzept der Hegemonie nur eine besonders gefinkelte, weil allt&#228;gliche Form von Herrschaft beschreiben, w&#228;ren die Aussichten f&#252;r eine Ver&#228;nderung oder &#220;berwindung dieser Verh&#228;ltnisse eher d&#252;ster. Tats&#228;chlich sind Hegemonie und Zivilgesellschaft f&#252;r Gramsci aber keine „Einbahnstra&#223;en der Macht“, sondern im Gegenteil, Austragungsort „hegemonialer K&#228;mpfe“ zwischen unterschiedlichen, reaktion&#228;ren oder fortschrittlichen Kr&#228;ften. Damit warf er bis dahin im Marxismus vorherrschende Konzepte des „Bewusstseins“ der unterdr&#252;ckten Klasse der ArbeiterInnen um. Bisher haben MarxistInnen, die Zustimmung zum herrschenden System relativ undifferenziert betrachtet, folgend Marxens Aussage: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende <em>materielle</em> Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende <em>geistige</em> Macht.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Das Bewusstsein der ArbeiterInnen wurde demnach, weil es nicht ihr eigenes Bewusstsein war, sondern ein von der herrschenden Klasse „geborgtes“, als „falsches Bewusstsein“ bezeichnet<o></o></p>
<p>Gramscis Hegemoniebegriff beinhaltet eine v&#246;llig andere Vorstellung. Nach ihm entsteht Bewusstsein einerseits aus dem Zusammenhang von Konzepten, die sich aus der Ideologie und den Interessen der Herrschenden speisen und in den Apparaten der Zivilgesellschaft produziert werden. Diese sind kein „Fremdk&#246;rper“ im Bewusstsein der ausgebeuteten Klasse, den es blo&#223; abzusch&#252;tteln gilt, um das „richtige“ Bewusstsein zu entdecken, sondern organischer Bestandteil eines komplexen und widerspr&#252;chlichen Sets von Ideen, Vorstellungen und Handlungen, das von Gramsci als „Alltagsverstand“ („senso commune“) bezeichnet wird. Dass der Alltagsverstand ein widerspr&#252;chliches Bewusstsein ist und b&#252;rgerliche Hegemonie nicht blo&#223; gleichgeschaltete Lemminge produziert, liegt daran, dass sich im Alltagsverstand auch konkrete Erfahrungen aus den Lebensrealit&#228;ten einer ausgebeuteten Klasse ablagern. Erniedrigungen am Arbeitsplatz oder in Ausbildungsst&#228;tten, niedrige L&#246;hne bei langen Arbeitstagen oder geistige Abstumpfung durch ewig gleiche, monotone Arbeitsschritte geh&#246;ren dazu ebenso wie Erfahrungen der Solidarit&#228;t, Elementen von Selbstorganisation (und sei es nur im Freizeitverein) oder Traditionen von Gemeinschaftlichkeit. Jenen fortschrittlichen, instinktiv &#252;ber die b&#252;rgerliche Hegemonie hinausweisenden Teil des Alltagsverstands benennt Gramsci mit dem (nur schwer &#252;bersetzbaren) Begriff „buon senso“. Dieser gewinnt vor allem an Bedeutung, wenn Ausgebeutete sich als Klasse gegen das ausbeuterische System zur Wehr setzen, etwa in Streiks. Dieser Umstand “deutet darauf hin, dass die benannte soziale Gruppe wirklich ihr eigenes Konzept von der Welt besitzt, auch wenn nur embryonal entwickelt; ein Konzept, welches sich in Aktion manifestiert, aber gelegentlich und blitzartig – wenn diese Gruppe als organische Totalit&#228;t handelt.”<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Das bedeutet zusammengefasst, dass im Alltagsverstand des Proletariats zwei verschiedene Formen von Bewusstsein miteinander als ein „widerspr&#252;chliches Bewusstsein“ koexistieren. Der Alltagsverstand ist aber nicht einfach ein leerer Beh&#228;lter, in den Ideen, Konzepte, Praxen etc. von au&#223;en „eingef&#252;llt“ werden, sondern ein umk&#228;mpftes Terrain, das von den konkreten Lebenserfahrungen als Teil einer sozialen Klasse gepr&#228;gt wird. Um b&#252;rgerliche Herrschaft &#252;berwinden zu k&#246;nnen, muss der Alltagsverstand zum „buon senso“, dem fortschrittlichen Element im Alltagsverstand, ausgeweitet werden. Das in der Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse implizite praktische Bewusstsein muss die alten geerbten Elemente verdr&#228;ngen und zu einem neuen theoretischen Bewusstsein der praktischen Aktivit&#228;t werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o></p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir davon ausgehen, dass Ideen nicht abgekoppelt von ihren Tr&#228;gerInnen durch die Gesellschaft schweben, stellt sich nun die Frage, wer denn nun die KombattantInnen am hegemonialen „Kampffeld“ sind. Hier spielt bei Gramsci der bereits erw&#228;hnte Begriff der „Intellektuellen“ eine entscheidende Rolle. Genauso wie die herrschende bringt auch die beherrschte Klasse Intellektuelle hervor, die mit ihr organisch verbunden sind. Diese Intellektuellen sind aber nicht solche, die von einem Elfenbeinturm aus die Interessen der ArbeiterInnenklasse herabpredigen, oder die Massen aufkl&#228;ren w&#252;rden. Im Gegenteil. Gramsci begreift alle Menschen als zumindest potenzielle Intellektuelle, denn:<o></o></p>
<p>“letzten Endes entfaltet jeder Mensch au&#223;erhalb seines Berufs irgendeine intellektuelle T&#228;tigkeit, er ist sozusagen ein ‚Philosoph’, ein K&#252;nstler, ein Mensch mit Geschmack, er vertritt eine Weltanschauung, er hat eine bewu&#223;te moralische Haltung, er tr&#228;gt also dazu bei, eine Weltanschauung zu unterst&#252;tzen oder zu ver&#228;ndern, das hei&#223;t, neuen Denkweisen zum Durchbruch zu verhelfen.”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<p>Aber nicht alle Menschen haben die Funktion von Intellektuellen.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Damit die Intellektuellen der ArbeiterInnenklasse ihre Funktion aus&#252;ben k&#246;nnen, muss sie eigene Strukturen schaffen, durch die der „buon senso“ zu einem koh&#228;renten politischen Projekt weiterentwickelt werden kann. In diesem Prozess ist die revolution&#228;re Organisation von gro&#223;er Bedeutung.<o></o></p>
<h3>Revolution&#228;re Organisation</h3>
<p>Die Entwicklung des Klassenbewusstseins der ArbeiterInnenklasse h&#228;ngt bei Gramsci einerseits von mehr oder minder spontan auftretenden Klassenk&#228;mpfen ab, wo der den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen zugrunde liegende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu Tage tritt. Durch die Erfahrungen gemeinsamer K&#228;mpfe – etwa um bessere Arbeitsbedingungen, h&#246;here L&#246;hne, aber auch um politische Forderungen – k&#246;nnen Elemente des „buon senso“ spontan an Bedeutung gewinnen. Um aber nicht immer wieder an den „Befestigungsanlagen und Kassematten“ der Zivilgesellschaft zu zerschellen, muss der kontinuierliche Kampf um die „Hearts and Minds“ der ausgebeuteten Bev&#246;lkerung gef&#252;hrt werden. Dazu bedarf es einer Organisation, die die Interessen der ArbeiterInnen artikuliert und in den Kampf um gesellschaftliche, politische, kulturelle Hegemonie eintritt. „Organische Intellektuelle“ haben die Aufgabe, theoretische Konzepte zu entwickeln und Argumente in politischen Debatten zu liefern, die die allt&#228;gliche Logik b&#252;rgerlicher Macht herausfordern. Die revolution&#228;re Organisation muss also nicht mehr „nur“ die historischen und internationalen Erfahrungen der ArbeiterInnen verallgemeinern, wie Marx es im Kommunistischen Manifest schrieb, sie muss dar&#252;ber hinaus das Ged&#228;chtnis der ArbeiterInnenklasse sein und der Ort, wo der in der Praxis implizite „buon senso“ expliziert und artikuliert wird.<br />
Diese Erweiterung des Leninschen Konzepts von der revolution&#228;ren Partei als „Avantgarde der ArbeiterInnenklasse“ bedeutet, dass diese, hergeleitet vom Doppelcharakter der b&#252;rgerlichen Herrschaft &#252;ber Hegemonie und Zwang, ebenfalls beide Elemente in sich vereinigen muss. In revolution&#228;ren Zeiten muss die ArbeiterInnenklasse in ihrer Strategie vor allem eine offensive schnelle Bewegung zur Gewinnung der Macht organisieren und die b&#252;rgerlichen Machtzentren zerschlagen. Gramsci nannte diese Strategie, &#252;bernommen aus seinen Beobachtungen des Ersten Weltkriegs, Bewegungskrieg. Gleichzeitig ist aber eine langfristige, kontinuierliche, geduldige und systematische Auseinandersetzung in Form eines „gegenhegemonialen Projekts“ n&#246;tig. Dieser „Stellungskrieg“ findet im allt&#228;glich umk&#228;mpften Feld der Hegemonie – im Kampf um Ideen – in der Zivilgesellschaft statt. Jeder und jede bezieht hier Stellung, jede und jeder macht hier einen Unterschied. In diesem Sinne appelliert Gramsci:<br />
„Lernt, denn wir werden eure ganze Intelligenz brauchen. Agitiert, denn wir werden all euren Enthusiasmus brauchen. Organisiert euch, denn wir werden eure ganze St&#228;rke brauchen!“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<h3><em>Gramscis Leben als Revolution&#228;r</em></h3>
<p>Antonio Gramsci wurde 1891 in Ales auf Sardinien geboren. Mit 20 Jahren zog er nach Turin, um Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Jura und Philosophie zu studieren. Schon zu dieser Zeit war Turin das Zentrum der italienischen ArbeiterInnenbewegung. Gramsci trat 1913 der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) bei. Rasch wurde er Redaktionsmitglied der Parteizeitung Avanti („Vorw&#228;rts“) und der Il Grido del popolo („Der Ruf des Volkes“).</p>
<p>1917/18 war er einer der wichtigsten ProtagonistInnen der Turiner R&#228;tebewegung, die, inspiriert von der russischen Oktoberrevolution, gegen die italienische Beteiligung am Ersten Weltkrieg und f&#252;r eine revolution&#228;re Umgestaltung der Gesellschaft k&#228;mpfte. Nach der blutigen Niederschlagung der Bewegung und der Unt&#228;tigkeit der PSI stand Gramsci den Positionen der PSI immer kritischer gegen&#252;ber. 1919 gr&#252;ndete er mit Mitstreitern die Tageszeitung L’Ordine Nuovo („Die neue Ordnung“). Die Gruppe um diese Zeitung spaltete sich schlie&#223;lich von der PSI ab und gr&#252;ndete die Kommunistische Partei Italiens (PCI). Nach der Macht&#252;bernahme der Faschisten 1922 wurden linke Parteien in die Illegalit&#228;t gedr&#228;ngt und Oppositionelle verhaftet. So wurde auch Gramsci 1926 zu zwanzig Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt, an deren Folgen er 1937 starb.</p>
<p>W&#228;hrend der Zeit in Mussolinis Kerker besch&#228;ftigte er sich intensiv mit aktuellen Problemen marxistischer Theorie. Gramscis Hauptwerk sind 2848 handschriftliche Seiten, die sp&#228;ter als „Quaderni del Carcere“ – „Gef&#228;ngnishefte“ – ver&#246;ffentlicht wurden. Sie entstanden unter schwierigsten Bedingungen, Gramsci hatte kaum Zugang zu aktueller Literatur und er musste seine Analysen in einer Art Geheimsprache verfassen, um sie an den faschistischen Zensoren vorbei zu bringen. So „versteckte“ er beispielsweise seine Analyse der nachrevolution&#228;ren Situation Russlands in Aussagen zur b&#252;rgerlichen Revolution in Frankreich im 19. Jahrhundert, und „Marxismus“ umschreibt er in den Gef&#228;ngnisheften als „Philosophie der Praxis“.</p>
<p>Gramsci gilt als einer der innovativsten marxistischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Die Verbindung von undogmatischer Analyse und revolution&#228;rer &#220;berzeugung machte ihn f&#252;r viele Generationen nach ihm zu einem wichtigen Ankn&#252;pfungspunkt kritischer politischer Theorie.</p>
<h3>Anmerkungen<o></o></h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einf&#252;hrung. Stuttgart: Metzler 2000. 137.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Gramsci, Antonio: Stellungskrieg und Bewegungskrieg oder Frontalangriff. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1934<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Beide &#220;bersetzungen sind problematisch. „Zivilgesellschaft“ hat in den Debatten der letzten Jahre oft eine ausschlie&#223;lich positiv besetzte Konnotation als Ort progressiver, nicht-staatlicher Politik (NGOs etc.) erhalten. „B&#252;rgerliche Gesellschaft“ wiederum wird in marxistischer Literatur oft schlicht synonym f&#252;r die gesamte kapitalistische Gesellschaft gebraucht. Eingedenk dieser Problematiken und mangels brauchbarer Alternativen verwenden wir in Folge die gebr&#228;uchlichste Form – „Zivilgesellschaft“.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Gramsci: Stellungskrieg und Bewegungskrieg…<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Gramsci, Antonio: [Die Herausbildung der Intellektuellen]. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932,<span>  </span>http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci5.html<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft –also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“ – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton a.aO. 137<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> MEW 3. 46<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Callinicos, Alex: Making History. Agency, Structure, and Change in Social Theory. Leiden/Boston: Brill 2004. 175.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. Rees, John: The Algebra of Revolution. The Dialectic and the Classical Marxist Tradition. London/New York: Routledge 1998. 241.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Gramsci, Antonio: Intellektuelle. Traditionelle. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932, http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci6.html<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Carl Boggs, der als einer der Ersten Gramsci in die englischsprachige Debatte einf&#252;hrte, betont diese Besonderheit des Konzepts des „Intellektuellen“: „Der Begriff „Intellektueller“ bedeutete f&#252;r Gramsci keine bestimmte individuelle, sondern vielmehr eine universelle Funktion – ein Set von Aktivit&#228;ten, weitgehend „moralischen“ Inhalts, die bestimmte Weltanschauungen untergraben oder voran treiben k&#246;nnen.“ (Boggs, Carl: Gramsci’s Marxism, London: Pluto Press 1976. 75 f.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Motto der Ordine Nuovo. Zit. nach Vasenthien, Christian: „Die versteinerten Verh&#228;ltnisse zum Tanzen bringen“. In Linksruck: Argumente, Heft Nr. 6, Februar 2005.<o></o></p>
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		<title>Materialistische Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €<br />
<span id="more-80"></span><br />
Karl Marx konnte seine Staatstheorie niemals ausf&#252;hrlich darlegen. Anmerkungen zum Staat finden sich zwar viele, doch keine systematisch ausgereifte Darlegung einer Staatstheorie.<br />
An diesem Punkt kn&#252;pft Joachim Hirsch mit seinem Buch an.<br />
Ausgehend von der Marxschen Methodik und aufbauend auf der Forschungsarbeit von mehreren Jahrzehnten, entwirft Hirsch, Professor f&#252;r Politikwissenschaft an der Goethe Universit&#228;t Frankfurt, ein Bild des Staates, das weit &#252;ber die klassischen Schemata von Basis und &#220;berbau hinausreicht. Ein ambitioniertes Vorhaben, das sicherlich auf weiten Strecken des Buches gelingt.<o></o><br />
Hirsch beginnt damit, die Aufgaben des Staates und seine “relative Autonomie“ gegen&#252;ber den Klassen zu erkl&#228;ren. Hirsch stellt die Frage, warum das Politische im Kapitalismus &#252;berhaupt eine von &#214;konomie und Gesellschaft getrennte <em>&#246;ffentliche</em> Form annimmt, und nicht als privater Zwangsapparat der herrschenden Klassen organisiert ist. Die Antwort liegt in der Besonderheit der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise, die durch die Trennung der unmittelbaren ProduzentInnen von den Produktionsmitteln, Privatproduktion, Lohnarbeit und Warentausch charakterisiert ist. Ungehinderter Warentausch, Konkurrenz der PrivatproduzentInnen und ‚Freiheit’ der Lohnarbeit sind aber nur m&#246;glich, wenn die &#246;konomisch herrschende Klasse ihr Verh&#228;ltnis untereinander und gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse nicht auf unmittelbare, individuell angewendete Gewalt gr&#252;ndet. Die Aneignung des Mehrprodukts durch die &#246;konomisch herrschende Klasse findet nicht durch Zwang, sondern „&#252;ber den scheinbar &#228;quivalenten Warentausch einschlie&#223;lich der Ware Arbeitskraft“ statt. (23) Die physischen Zwangsapparate m&#252;ssen daher eine von allen gesellschaftlichen Klassen getrennte Institutionalisierung erfahren, eben in Gestalt des Staates. Seine Hauptaufgabe ist die Sicherung des Privateigentums an Produktionsmitteln als Voraussetzung der marktvermittelten Ausbeutung.<br />
Die gleichzeitige Trennung und Verbindung zwischen Politik und &#214;konomie ist damit selbst Produkt der materiellen Vergesellschaftungsweise im Kapitalismus. Die widerspr&#252;chliche Einheit von Wertgesetz und Politik ist nach Hirsch die grundlegende Form, in der sich „der Zusammenhang und die Reproduktion der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ausdr&#252;ckt und vollzieht.“<br />
&#220;ber diese sehr allgemein gehaltenen Analysen hinaus geht es Hirsch im Besonderen um die Transformationen des Staates in den Phasen des „Fordismus“ – des “goldenen” Nachkriegszeitalters – und des „Postfordismus“ – des Kapitalismus nach den Krisen der 1970er Jahre. Die „integrale &#214;konomie“, der Wettbewerbsstaat oder die Internationalisierung des Staates, der Imperialismus im postfordistischen Gewand oder die Probleme b&#252;rgerlich-demokratischer Verfasstheit sind Bereiche, die in dem Buch ausf&#252;hrlich behandelt werden. Marx, Gramsci, Poulantzas, Althusser, Harvey, Holloway und viele mehr sind mit ihren Theorien vertreten und flie&#223;en in die Arbeit ein.<br />
Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass Hirsch zu viele verschiedene Denkrichtungen zu vereinen versucht. Und leider m&#252;ndet das Buch in kaum befriedigende emanzipatorischen Strategien: Hirschs Vorschl&#228;ge laufen auf einen lauwarmen Linksreformismus hinaus. Er schwankt hier zwischen Autonomismus, radikaler Reform und der Angst, sich doch wieder nur in die F&#228;nge staatlicher Macht zu begeben.</p>
<p class="MsoNormal">Grunds&#228;tzlich r&#228;umt Hirsch in dem Buch sehr gut mit dem weitverbreiteten Mythos vom Verschwinden des Staates auf. Der Staat ist mitnichten im Verschwinden begriffen, im Gegenteil stellt er sich neu auf, wird neu geformt unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus. „Neoliberaler Konstitutionalismus“ verknotet die Macht von staatlichen, transnationalen und supranationalen Akteure.<br />
Zum Verstehen und Begreifen dieser neuen Konstellation leistet Joachim Hirsch einen unverzichtbaren Beitrag.<o></o></p>
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