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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Globalisierung(skritik)</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>M&#228;chte und M&#228;rkte im globalen Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:10:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €

Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €<br />
<span id="more-1533"></span><br />
Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ der Internationalen Politischen &#214;konomie – kurz IP&#214; – hat sich insbesondere im Zuge der sogenannten „Globalisierungsdebatten“ seit den 1990er Jahren an diesem Zusammenhang abgearbeitet und dabei Aufmerksamkeit auch &#252;ber ein wissenschaftliches Fachpublikum hinaus erregt. Dabei werden Einsichten aus Soziologie, Humangeographie, Geschichts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften verkn&#252;pft, um die zunehmenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen, globale Dynamiken der Liberalisierung und De-Regulierung sowie die daraus entstehenden Konflikte und Problemlagen zu analysieren. Der vorliegende Sammelband will nun eine Bestandsaufnahme der kritischen IP&#214; im deutschsprachigen Raum bieten.<br />
Was das Adjektiv „kritisch“ in diesem Zusammenhang bedeuten soll und dass es keine Tautologie darstellt, macht <em>Hans-J&#252;rgen Bieling</em> in seinem &#228;u&#223;erst n&#252;tzlichen, orientierenden Beitrag deutlich. Er zeigt erstens, dass die IP&#214; eine l&#228;nger zur&#252;ckreichende Historie besitzt als gemeinhin angenommen; und zweitens, dass sie auch eine weitere theoretische Bandbreite aufweist, als dies die meisten Darstellungen vermuten lassen. Schlie&#223;lich wurde die internationale Dimension bereits von den „Klassikern“ der Politischen &#214;konomie – wie Adam Smith oder David Ricardo – ebenso wie in deren Kritik durch Karl Marx ber&#252;cksichtigt; und auch die, an letzteren anschlie&#223;ende, „klassische“ imperialismustheoretische Debatte – gef&#252;hrt u.a. von Rosa Luxemburg, Nikolai Bucharin, Karl Kautsky, Vladimir Lenin und dem von Bieling unterschlagenen Leo Trotzki – hat sich letztlich mit Fragen besch&#228;ftigt, die sp&#228;ter unter dem Label IP&#214; diskutiert werden sollten. Auch in der zweiten H&#228;lfte des vergangenen Jahrhunderts wurden Neo-Imperialismus-, Dependenz- und Weltsystem-Theorien prominent diskutiert.<br />
Kapitalismuskritische Perspektiven haben in der IP&#214; also eine Tradition, die vor den Disziplinenbegriff selbst zur&#252;ckreicht. Seit die IP&#214; sich in den 1970er Jahren auch akademisch-institutionell verankern konnte, kam es jedoch zur Ausbildung einer „neuen Orthodoxie“, die sich fernab jedes kritischen Paradigmas mit Fragen der politischen Stabilit&#228;t im internationalen System besch&#228;ftigt. Die Existenz dieser, insbesondere im angels&#228;chsischen Raum dominanten, neu-orthodoxen IP&#214;, die zumeist positivistisches Wissenschafts- mit neoliberalem Politikverst&#228;ndnis verkn&#252;pft, wird in der deutschsprachigen Debatte gerne &#252;bersehen und von Bieling daher zu Recht betont. Aktuelle kritische oder „heterodoxe“ Perspektiven in der IP&#214; wurden zun&#228;chst vor allem als Abgrenzung von dieser neuen Orthodoxie entwickelt und stellen weniger ein gemeinsames Forschungsprogramm als ein breites und durchaus widerspr&#252;chliches sozialwissenschaftliches Feld dar.<br />
Als Gemeinsamkeiten kritischer IP&#214; k&#246;nnen nach Bieling vier Aspekte genannt werden. <em>Erstens </em>eine umfassende Perspektive, die sich nicht auf die Analyse von Markt und Staat beschr&#228;nkt, sondern auch Produktions- und Reproduktionsverh&#228;ltnisse, kulturelle und ideologische Gesichtspunkte auf inter- und transnationaler Ebene als Teil ihres Untersuchungsgegenstands versteht. <em>Zweitens </em>die kritische Hinterfragung von dominanten Problemwahrnehmungen und -darstellungen durch polit-&#246;konomische AkteurInnen wie Mainstream-Analysen. Dies betrifft insbesondere das Verh&#228;ltnis von Markt und Staat, das aus kritischer Perspektive nicht als einander &#228;u&#223;erliche Beziehung gedacht wird, sondern als „integral verschr&#228;nkt“ (31). Der Illusion vom sich selbst regulierenden Markt wird ein Verst&#228;ndnis von M&#228;rkten als politisch konstituierte Beziehungsgeflechte entgegen gestellt, der Illusion vom entlang rein politischer Logiken handelnden Nationalstaat ein Verst&#228;ndnis der Bedeutung welt&#246;konomischer Ungleichheiten. <em>Drittens </em>wird die Frage gestellt, warum sich die herrschenden kapitalistischen Verh&#228;ltnisse durch Krisen und Turbulenzen hindurch letztlich doch relativ stabil reproduzieren. Dies impliziert einerseits einen Fokus auf unterschiedliche Perioden und Varianten des Kapitalismus, andererseits auch eine normativ-politische &#220;berwindungsperspektive. Die Hegemonietheorie Antonio Gramscis ist f&#252;r viele AutorInnen der kritischen IP&#214; hier ein zentraler Bezugspunkt. <em>Viertens </em>schlie&#223;lich grenzt sich die heterodoxe IP&#214; vom empirisch-positivistischen Selbstverst&#228;ndnis der Orthodoxie ab und legt gr&#246;&#223;ere Aufmerksamkeit auf die Selbstreflexion und -kritik der eigenen Analyseinstrumente und theoretischen Vorannahmen.<br />
&#220;ber diese Bestimmungen hinaus vereint die Bezeichnung „kritische IP&#214;“ ein weites Feld durchaus heterodoxer Ans&#228;tze. Die HerausgeberInnen verstehen diese Breite als begr&#252;&#223;enswerte Vielfalt, ohne zu unterschlagen, dass die in diesem Band versammelten Beitr&#228;ge „sich nicht nur gegenseitig erg&#228;nzen, sondern sich durchaus kritisch voneinander abgrenzen“ (10).<br />
Im Wesentlichen finden sich hier drei Arten von Texten. Die meisten Aufs&#228;tze konfrontieren den aktuellen Stand der kritischen IP&#214;-Debatte mit anderen Theoriestr&#228;ngen, die den AutorInnen zufolge bisher zu wenig Beachtung erhalten haben bzw. die offene Fragen und „Baustellen“ in der IP&#214; zu bearbeiten helfen sollen. Dazu z&#228;hlt <em>Petra Purkarthofers</em> Beitrag, der die Bedeutung Postkolonialer Theorien f&#252;r die Aufdeckung und m&#246;gliche &#220;berwindung eurozentristischer Haltungen in der IP&#214; darstellt; der &#220;berblicksaufsatz von <em>Friederike Habermann </em>und <em>Aram Ziai</em> zu feministischen Perspektiven in der IP&#214;; und der Vorschlag von <em>Joachim Hirsch</em> und <em>John Kannankulam</em>, die Argumente der sogenannten „Staatsableitungsdebatte“ der 1970er Jahre, zur F&#252;llung staatstheoretischer L&#252;cken in die IP&#214; zu integrieren.<br />
Zwei Autoren widmen sich den ontologischen und epistemologischen Grundannahmen, also den Fragen, wie die Welt, mit der sich die IP&#214; besch&#228;ftigt, beschaffen ist, und welche Art von (wissenschaftlichen) Aussagen wir &#252;ber diese treffen k&#246;nnen. <em>Joscha Wullweber</em> beantwortet diese Fragen aus einer diskurstheoretischen, den „post-marxistischen“ Thesen von Erneso Laclau und Chantal Mouffe folgenden Perspektive, w&#228;hrend Bob Jessop ein kritisch-realistisches Weltverst&#228;ndnis stark macht, das ein nicht-positivistisches, nicht-deterministisches Verh&#228;ltnis von Kausalit&#228;t – von ihm „kontingente Notwendigkeit“ genannt – beinhaltet.<br />
Schlie&#223;lich setzen drei Beitr&#228;ge an konkreteren Fragen der kritischen Zeitdiagnose an. <em>Bernd R&#246;ttger</em> analysiert die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung entlang historisch unterschiedlicher Formen des Klassenkampfs. <em>Ulrich Brand</em> schl&#228;gt vor, die Bedeutungszunahme internationaler politischer Institutionen in der neoliberal-imperialen Globalisierung mit den Konzepten des „internationalisierten Staates“ und der „Verdichtung zweiter Ordnung“ theoretisch auf den Begriff zu bringen. Und <em>Eva Hartmann</em> bearbeitet das in IP&#214;-Debatten oft vernachl&#228;ssigte Feld des Rechts und zeigt, dass ein „instrumentelles“ Verst&#228;ndnis, nach dem Recht „einfach ein weiteres Instrument der M&#228;chtigen“ ist (250), die spezifischen Funktionen und Effekte der „Rechtsform“ in der Internationalisierung von Politik und &#214;konomie nicht angemessen begreifen kann.<br />
Die vielf&#228;ltigen theoretischen Kontroversen, die sich durch all diese Beitr&#228;ge ziehen, bilden beispielhaft den <em>State of the Art</em> der aktuellen IP&#214;-Diskussion im deutschsprachigen Raum ab. Auf sie im Einzelnen einzugehen l&#228;sst der Raum einer Rezension nicht zu. Es sollen aber zwei Themen aus dem Band herausgegriffen werden, welche die politische Bedeutung der kritischen IP&#214; deutlich und die Relevanz dieses Forschungsgebiets auch f&#252;r die nicht-akademische Linke nachvollziehbar macht. So muss man den theoretischen &#220;berlegungen von Joachim Hirsch und John Kannankulam zur „politischen Form des Kapitalismus“ nicht vollinhaltlich folgen, um die von den Autoren im Anschluss daran formulierte Frage nach der Stabilit&#228;t des gegenw&#228;rtigen politischen Institutionensystems f&#252;r hoch aktuell zu halten. Sie argumentieren, dass die aktuelle Dynamik der Internationalisierung des Staates – womit die (Selbst-)Beschr&#228;nkung nationalstaatlicher Gestaltungsr&#228;ume, die Privatisierung von politischen Entscheidungsstrukturen, die wachsende Bedeutung internationaler Organisationen, die Internationalisierung des Rechts sowie die Konstituierung einer „internationalen Managerklasse“ gemeint ist (198-201) – dazu f&#252;hrt, dass die kapitalistische Gesellschaft „insgesamt instabiler und krisenhafter“ wird. Die Machtaus&#252;bung <em>qua </em>Hegemonie – also durch die kompromisshafte Einbeziehung weiter Teile der ArbeiterInnenklasse – weicht, so die These, zunehmend autorit&#228;ren, gewaltf&#246;rmigen, ent-demokratisierten und des-integrierenden Formen poltischen Herrschaft (205f.).<br />
Als zweites hervorzuheben ist der Beitrag von Bernd R&#246;ttger, der auf beispielhafte Weise einl&#246;st, was die kritische IP&#214; verspricht: Die Verkn&#252;pfung von theoretischer Analyse, empirischer Untersuchung <em>und </em>der Entwicklung politischer Schlussfolgerungen f&#252;r eine antikapitalistische Linke. Nachdem er mit Karl Marx und Antonio Gramsci das grunds&#228;tzliche Spannungsverh&#228;ltnis gewerkschaftlicher Klassenk&#228;mpfe als „widerst&#228;ndiges Handeln der subalternen Arbeiterklassen im Kampf <em>im </em>und <em>gegen </em>das Lohnverh&#228;ltnis“ (95f.) charakterisiert, zeichnet er am bundesdeutschen Beispiel die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung nach. Von deren Einbindung in den fordistischen Korporatismus, in dem sie sich auf den Kampf <em>im </em>Lohnverh&#228;ltnis beschr&#228;nkte, &#252;ber ihre „Neokonditionierung“ durch die neoliberale Konterrevolution, durch die GewerkschafterInnen zu „Spezialisten f&#252;r sozialvertr&#228;glichen Besch&#228;ftigungsabbau“ umgelernt wurden (106, Fn.), bis zu den aktuellen, zaghaften Versuchen gewerkschaftlicher Erneuerung. Diese Entwicklungen werden mit den Br&#252;chen in der Politischen &#214;konomie im Weltma&#223;stab verkn&#252;pft. Der Beitrag profitiert von der langj&#228;hrigen empirischen Forschungsarbeit in Betrieben und Gewerkschaften ebenso wie vom explizit gemachten politischen Standpunkt des Autors. Plausibel ist seine begr&#252;ndete Einsch&#228;tzung, dass nur eine gewerkschaftliche „Erneuerung von unten“ (114) den aktuellen Tendenzen, Gewerkschaften unter Bedingungen der Krise wieder verst&#228;rkt als „‚Erf&#252;llungsgehilfen’ f&#252;r den Bestand der kapitalistischen Eigentumsordnung“ (118) in die Pflicht zu nehmen, wirksam etwas entgegen setzen kann. R&#246;ttgers Pl&#228;doyer f&#252;r eine kritische IP&#214;, die es als ihre Aufgabe versteht „dem verstreuten Widerstand gegen eine kapitalistische Restauration in der Krise eine Sprache zu geben“ und die „kein akademisierter Marxismus“, sondern eine „an der geschichtlichen Praxis der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung orientierte Kritik, die die Widerst&#228;ndigkeit der lebendigen Arbeit ernst nimmt“ (119) sein sollte, kann der Rezensent nur vorbehaltlos zustimmen. M&#246;ge sein Apell im Fortlauf der weiteren Debatte zur Internationalen Politischen &#214;konomie, zu deren Entwicklung der vorliegende Sammelband einen wichtigen Beitrag darstellt, nicht ungeh&#246;rt verklingen.</p>
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		<title>Welche Wirtschaft, wessen Krise?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Katharina Hajek und Benjamin Opratko fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?<br />
<span id="more-666"></span><br />
„Warum hat die Forschung nach den Ursachen [der] Finanz- bzw. Kreditkrise […] keine feministische ‚Stimme‘?“ fragt Brigitte Young zu Beginn ihres k&#252;rzlich erschienenen Artikels<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, um gleich darauf das Offensichtliche zu benennen: Frauen sind im Bereich der Finanzwelt nicht oft vorzufinden. Der Verweis auf die m&#228;nnerb&#252;ndische Verfasstheit der <em>high street</em> der Finanzwelt, die von offenen und subtilen Formen der Ausgrenzung, sowie Mechanismen homosozialer Selbstrekrutierung gekennzeichnet sind, l&#228;sst den gesch&#228;tzten Frauenanteil in diesen Netzwerken von unter 10 Prozent<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> nicht &#252;berraschend erscheinen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Hochhalten der neoklassischen Prinzipien des Wettbewerbs und der individuellen Nutzenmaximierung, sowie der Verweis auf die scheinbar objektiven, weil auf abstrakten Modellen und quantitativen Daten basierenden Verfahren der neoklassischen &#214;konomie durch Experten und Entscheidungstr&#228;ger (sic!) tut das ihre zur antidemokratischen Strukturiertheit der globalen Finanzwelt. Zugleich ist all dies – und auch das d&#252;rfte einem/er schwer entgangen sein – in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten. Die sich schier &#252;berschlagenden Meldungen von Pleiten, Konkursantr&#228;gen, Notverk&#228;ufen und eilig ins Leben gerufenen staatlichen „Rettungspaketen“ &#252;ber Summen, die jegliche Vorstellungskraft &#252;bersteigen, lesen sich – jede f&#252;r sich – als Totschlagargument gegen das Credo der Selbstregulierung und die Effizient der Finanzm&#228;rkte. Doch wenn selbst das Organ des internationalen Finanzkapitals verlautbaren l&#228;sst, dass „On September 15, 2008, the era of Ronald Reagan officially came to an end“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, dann verweist dies nicht zuletzt auf M&#246;glichkeiten der Intervention und Argumentation f&#252;r alternative, demokratischere Modelle und Rationalit&#228;ten, und damit auch f&#252;r die feministische Kritik.<br />
In diesem Kontext sind die wenigen, jedoch umso eindringlicheren Publikationen von FeministInnen zu lesen, die sich in den vergangenen Monaten zu Wort gemeldet haben. Dabei lassen sich – aus feministischer Sicht – vor allem drei Perspektiven auf die gegenw&#228;rtige Krise ausmachen. Die erste verweist auf die empirischen Auswirkungen der Krise und der (staatlichen) Krisenbearbeitungen, von der M&#228;nner und Frauen durchaus unterschiedlich betroffen sind. So wird in diesem Rahmen beispielsweise herausgestrichen, dass traditionelle Frauenarbeitspl&#228;tze – etwa im Gegensatz zur exportorientierten Branchen, wie der Automobilindustrie – weniger krisenexponiert sind, jedoch l&#228;ngerfristig und auch im Zuge der kommenden Budgetkonsolidierungen betroffen sein werden. Auch Konjunkturpolitik ist Geschlechterpolitik<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: Gef&#246;rdert werden hier vor allem „M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze“ (etwa im Bauwesen), die Bereiche Pflege, Bildung und Gesundheit wurden und werden – trotz dringenden Bedarfs – &#252;bergangen. Daneben werden Frauen die Krise auch dar&#252;ber zu sp&#252;ren bekommen, dass der R&#252;ckgang des Haushaltseinkommens &#252;ber mehr Eigenleistung im Bereich der privaten, unbezahlten Versorgungs- und Pflegearbeit auszugleichen sein wird, T&#228;tigkeiten die traditionell Frauen zugeschrieben wird.<br />
Eine zweite Herangehensweise konzentriert sich auf die diskursiven Bearbeitungsformen: wie wird &#252;ber die Krise gesprochen und geschrieben? Hier steht etwa die Kritik an essentialistischen Geschlechtervorstellungen im Zentrum, die in jenen Erkl&#228;rungsmodellen anzutreffen sind, in denen junge, risikofreudige und vor allem m&#228;nnliche Finanzmanager als die Schuldigen des globalen Schlamassels ausgemacht werden. Frauen, die von der Natur mit mehr R&#252;ck- und Weitsicht ausgestattet seien, w&#228;re das entsprechend nicht passiert – und sie sollten nun helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.<br />
Eine dritte Perspektive st&#252;tzt sich auf die Erkenntnisse feministischer Staatstheorie und Staatsforschung. Sie betont die Kontinuit&#228;t maskulinistischer Strukturen in den Staatsapparaten und zeigt, wie auch durch die aktuellen staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien patriarchale Verh&#228;ltnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen reproduziert werden.</p>
<p><strong>Historischer Block und Geschlecht</strong><br />
Die drei beschriebenen Analyseperspektiven erm&#246;glichen also – auch f&#252;r sich genommen – einen je spezifischen Blick auf das „Geschlecht“ der aktuellen globalen Wirtschaftskrise. So n&#252;tzlich diese analytischen Trennungen zur Anleitung empirischer Forschung und zur Durchf&#252;hrung von konkreten Policy-Analysen sind, als so notwendig erachten wir jedoch auch eine allgemeinere theoretische und politische Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs von Geschlechterverh&#228;ltnissen und der aktuellen globalen Krise. Dazu bedarf es der kritischer Begriffsarbeit; denn realiter existieren die angef&#252;hrten unterschiedlichen Dimensionen – der &#214;konomie, der Ideologie und der Politik – nicht separat voneinander, sondern sind Teil eines komplexen, ineinander verwobenen gesellschaftlichen Ganzen, das es letztlich in den Blick zu bekommen gilt. Dazu wollen wir zun&#228;chst einige Kategorien aus marxistischen und feministischen Diskussionen vorstellen, die wir f&#252;r hilfreich zur Analyse der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise halten. Aus diesen ergibt sich denn auch eine Pr&#228;zisierung unserer Ausgangsfrage, jener nach dem Verh&#228;ltnis von Wirtschaftskrise und Geschlechterverh&#228;ltnissen.<br />
Doch zun&#228;chst ein Schritt zur&#252;ck: wenn wir die Frage nach aktuellen Umbr&#252;chen stellen, haben wir bereits eine theoretische Vorentscheidung getroffen. Wir sprechen nicht von der Beziehung „des Kapitalismus“ zu „den (asymmetrischen) Geschlechterverh&#228;ltnissen“; auf dieser hohen Abstraktionsebene k&#246;nnen h&#246;chstens sehr allgemeine Aussagen generiert werden, und selbst die sind oft von zweifelhafter Stichhaltigkeit (siehe den Artikel von Maria Asenbaum und Katherina Kinzel in diesem Heft). Vielmehr gehen wir davon aus, dass kapitalistische Gesellschaftsformationen sich r&#228;umlichhistorisch ausdifferenzieren und dementsprechend unterschiedliche kapitalistische Entwicklungsmodelle identifiziert werden k&#246;nnen, die sich durch bestimmte &#246;konomische, politische und ideologische Konstellationen auszeichnen.<br />
Einer der ersten, der die Grundlagen einer solchen analytischen Einteilung entwickelt hat, war der italienische Marxist Antonio Gramsci. Er pr&#228;gte in seinen politischen Analysen den Begriff des „historischen Blocks“, der f&#252;r ihn zwei wesentliche Dimensionen umfasst. <em>Erstens </em>ist damit eine Kompromisskonstellation gemeint, in der eine gesellschaftliche Gruppe „f&#252;hrend und herrschend“ ist. Das hei&#223;t, dass sie nicht nur durch Zwang und Gewalt ihre politische Macht aufrechterh&#228;lt, sondern in erster Linie dadurch, dass sie die Zustimmung der Beherrschten zu den herrschenden Verh&#228;ltnissen organisiert. Diese Form der Herrschaft nennt Gramsci „Hegemonie“; sie wird auf Basis der Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel ausge&#252;bt, geht jedoch &#252;ber diese hinaus und verankert sich im allt&#228;glichen (Un-)Bewusstsein der Subalternen. Zweitens verweist der Begriff „historischer Block“ auf eine relative Koh&#228;renz zwischen der &#246;konomischen Struktur – also der Organisation des Produktionsprozesses, Formen der Arbeitsteilung, der Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel und dem Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte – und den „Superstrukturen“ – welche die Staatsform, staatliche Politiken, kulturelle und moralische Leitbilder, und auch den „Alltagsverstand“, also das allt&#228;gliche Selbst- und Weltverst&#228;ndnis breiter Teile der Bev&#246;lkerung umfassen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Hier wird deutlich, dass Ideologien (oder Weltauffassungen, wie Gramsci sie nennt), d.h. Normen, Werte, Vorstellungen &#252;ber Moral etc., die in den Institutionen der Zivilgesellschaft ausgearbeitet, organisiert und durchgesetzt werden, in den Alltagsverstand integriert und somit von den Individuen f&#252;r sinnvoll und richtig erachtet werden; sie <em>handeln danach</em>. Daher besitzen sie immer auch eine „materielle Gewalt“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Der Alltagsverstand kann somit als Schnittstelle von Herrschaftsaus&#252;bung und Subjektivierung verstanden werden, f&#252;r das „Gelingen“ einer bestimmten Entwicklungsweise sind also immer auch staatliche Interventionen f&#252;r eine bestimmte Subjektivit&#228;t vonn&#246;ten.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ein prominentes Beispiel f&#252;r diese Herangehensweise, dem wir uns unten genauer zuwenden, ist Gramscis Analyse des entstehenden Fordismus in den USA zu Beginn des 20.Jahrhunderts.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a></p>
<p><strong>Geschlechterregime</strong><br />
Der an Gramsci orientierte, hegemonietheoretische Ansatz gibt uns also erste theoretische Begriffe in die Hand, um unsere Fragestellung zu verfolgen. Was hier aber nur rudiment&#228;r angelegt ist, ist ein Verst&#228;ndnis der grundlegenden Bedeutung der Geschlechterverh&#228;ltnisse f&#252;r die Existenz eines historischen Blocks. Die Sache ist kompliziert: unterschiedliche Entwicklungsweisen sind immer mit bestimmten Organisationsformen der Geschlechterverh&#228;ltnisse verbunden. Diese weisen aber nicht blo&#223; „den Frauen“ und „den M&#228;nnern“ spezifische Pl&#228;tze in der Gesellschaft zu; vielmehr artikulieren sich die Geschlechterverh&#228;ltnisse auf grundlegende Weise mit Klassenverh&#228;ltnissen und rassistischen Zuschreibungen. So waren etwa im fr&#252;hen, „liberalen“ Kapitalismus die hegemonialen weiblichen und m&#228;nnlichen Rollenbilder durch und durch <em>b&#252;rgerliche </em>und <em>wei&#223;e </em>Leitbilder und als solche von der Lebensrealit&#228;t proletarischer, b&#228;uerlicher Familien weit entfernt, von nicht-europ&#228;ischen MigrantInnen ganz zu schweigen. Sie mussten erst m&#252;hsam in den subalternen Klassen durchgesetzt werden (siehe den Artikel von Tobias Boos und Veronika Duma in diesem Heft).<br />
Dazu kommt jedoch, dass &#252;ber die spezifischen Arrangements der historischen Bl&#246;cke hinaus patriarchale Geschlechterverh&#228;ltnisse sich durch eine besonders langfristige Persistenz auszeichnen. &#220;ber kapitalistische Entwicklungsphasen hinweg existiert eine Kontinuit&#228;t m&#228;nnlicher Dominanz. Wenn wir Geschlechterverh&#228;ltnisse theoretisieren wollen, brauchen wir also Konzepte unterschiedlicher Reichweite und Abstraktionsebenen. Dazu schlagen wir vor, zwei Begriffe von Robert Connell, einem Begr&#252;nder der kritischen M&#228;nnlichkeitsforschung, zu &#252;bernehmen: <em>Geschlechterregime </em>und <em>Geschlechterordnung</em>.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Als Geschlechterregime kann demnach eine spezifische Ordnung der Geschlechterverh&#228;ltnisse in einer bestimmten historischen Phase oder in Bezug auf ein bestimmtes politisches Projekt gesprochen werden – z.B. das Geschlechterregime des Fordismus. Eingebettet ist ein Geschlechterregime in die l&#228;ngerfristigen Strukturen der Geschlechterordnung, die besonders starke Kontinuit&#228;ten in den Geschlechterverh&#228;ltnissen umfasst – z.B. die Norm der Heterosexualit&#228;t, die geschlechtliche Zuordnung von &#246;ffentlicher und privater Sph&#228;re und &#228;hnliches.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Geschlechterregime interessieren uns nun insbesondere als Teil eines historischen Blocks, der sich zu einer relativ stabilen Entwicklungsweise f&#252;gt. Wir wollen das Konzept von Connell aufnehmen, erg&#228;nzen und ver&#228;ndern es jedoch an einigen Stellen und machen folgende wesentliche Elemente eines Geschlechterregimes aus: (1.) die Form der geschlechtlichen <em>Arbeitsteilung</em>; (2.) die maskulinistische Pr&#228;gung des <em>Staates</em>; (3.) die <em>Familienform </em>und (4.) die hegemonialen <em>Geschlechterleitbilder </em>sowie Formen vergeschlechtlichter „Anrufungen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> und <em>Subjektivierungen</em>.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Vor diesem Hintergrund wollen wir nun die Ausgangsfrage des Artikels pr&#228;zisieren. Uns erscheint f&#252;r eine Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs der globalen Wirtschaftskrise und der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor allem wichtig, zu kl&#228;ren, ob sich aktuell Verschiebungen oder gar Br&#252;che im Geschlechterregime ausmachen lassen. Dies vor dem Hintergrund der These, dass in den letzten Jahrzehnten ein spezifisch <em>neoliberales </em>Geschlechterregime etabliert wurde, das sich von dem vorangegangenen, <em>fordistischen </em>Regime in Bezug auf unsere vier Elemente unterscheiden l&#228;sst. Diese Frage ber&#252;hrt die aktuell in den unterschiedlichsten politischen Zusammenh&#228;ngen gef&#252;hrte Debatte, ob es sich bei der aktuellen Krise des Kapitalismus um eine tief greifende Krise oder gar das dr&#228;uende Ende des Neoliberalismus handelt, oder ob die spektakul&#228;ren Ereignisse des letzten Jahres eher &#252;ber die tats&#228;chliche effektive Kontinuit&#228;t des neoliberalen Entwicklungsmodells hinweg t&#228;uschen. Wenn ein historischer Block, wie oben argumentiert, immer und notwendigerweise auch ein bestimmtes Geschlechterregime umfasst, so verweist deren Analyse letztlich auch auf die Stabilit&#228;t oder Krisenhaftigkeit der aktuell bestehenden Ordnung.<br />
Um die Frage nach Kontinuit&#228;t oder Br&#252;chen im Geschlechterregime stellen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir zun&#228;chst kl&#228;ren, womit sich denn ein etwaiger Bruch vollziehen k&#246;nnte. Sprich: was macht denn nun das neoliberale Geschlechterregime in Bezug auf Arbeitsteilung, Staat, Familie, Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsformen aus?</p>
<p><strong>Fordistische Geschlechter</strong><br />
Hierf&#252;r bietet sich die Hegemonietheorie Antonio Gramscis an. Sie erm&#246;glicht es uns, die Ver&#228;nderungen der Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrer Verbindung mit Staatlichkeit und Familienform und der Art und Weise, wie Subjekte regiert werden analytisch zu fassen. Denn Hegemonie bedeutet auch die „F&#228;higkeit, die Zustimmung der Individuen zu dem gesamtgesellschaftlichen Projekt zu organisieren, sodass diese den &#246;konomischen Anforderungen sowie den politischen und ideologischen Anrufungen aktiv nachgehen“.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> F&#252;r eine feministische Herangehensweise ist es nun von zentraler Bedeutung, das Subjektivit&#228;ten immer vergeschlechtlicht sind– und somit auch die Formen der Anrufungen und in Konsequenz die hegemonialen Geschlechterleitbilder, die, wie bereits oben skizziert, einen wichtigen Teil eines Gschlechterregimes ausmachen. Die Existenz bzw. die Unterscheidung von M&#228;nnern und Frauen darf somit nicht essentialistisch als gegebenen und „nat&#252;rlich“ gefasst werden. Vielmehr muss danach gefragt werden, wie M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit in der Zivilgesellschaft entlang spezifischer Normen, Wertvorstellungen und Zuschreibungen organisiert und im allt&#228;glichen Handeln reproduziert werden.<br />
Diese Prozesse k&#246;nnen mit Gramscis Analyse des amerikanischen Fordismus´ nachgezeichnet werden, indem er darstellt, wie Anforderungen an die Individuen, staatliche/hegemoniale F&#252;hrung und Subjektkonstruktionen ineinander greifen. Ausgehend von den Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise – des Aufkommens tayloristischer Prinzipien der ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ – zeichnet er nach, wie diese die Genese eines neuen Menschtypus, genauer: eines spezifischen Typs des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters bedurften. „[D]as Leben in der Industrie erfordert eine allgemeine Ausbildung, einen Prozess der psycho-physischen Anpassung an bestimmte Bedingungen der Arbeit, der Ern&#228;hrung, der Wohnung der Gewohnheiten usw., was nichts Angeborenes, ‚Nat&#252;rliches’ ist, sondern erworben sein will.“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Anforderungen und Voraussetzungen f&#252;r ein Arbeiten am Flie&#223;band, das durch repetitive T&#228;tigkeit und Monotonie gekennzeichnet ist, w&#228;re allein durch milit&#228;rischen Drill, physischen Zwang und Disziplinierung nicht zu erreichen gewesen. Vielmehr wurden Lohnarbeitssubjekte ‚gebraucht’, die nicht nur bereit waren, diese T&#228;tigkeit jahrzehntelang auszuf&#252;hren, sondern auch mental und psychisch in der Lage waren, diese durchzuf&#252;hren. Wie auch Frigga Haug betont, ergibt sich „[d]ieser Typ [jedoch] nicht als Reflex auf neue Anforderungen, er wird vielmehr Produkt kultureller Anstrengungen, hier u. a. von Seiten der Unternehmer.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Diese Subjektivierungsprozesse d&#252;rfen somit nicht entlang eines &#246;konomischen Determinismus gedacht werden, sondern sind immer auch das Produkt von kulturellen und hegemonialen K&#228;mpfen. Gramsci zeigt etwa an Beispielen staatlicher Kampagnen gegen Alkoholismus, wie eine bestimmte Lebensf&#252;hrung als Norm propagiert und von den Individuen in ihren Alltagsverstand integriert wurde. Da die tayloristische Arbeitsweise und das fordistische Gesellschaftsmodell insgesamt auf Bedingungen der Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbauten, zielten die Subjektivierungsweisen auf eine geregelte und stabile Lebensweise ab. &#220;ber die Kontrolle der Moralit&#228;t und Lebensf&#252;hrung der Arbeiter wurde ein „psycho-physischer Zusammenhang“ geschaffen, um die erforderte nervlich-muskul&#228;re Leistungsf&#228;higkeit zu sichern. Gramsci nennt als Beispiel hier etwa die Tatsache, dass die Arbeiter in den Ford-Werken und deren Familien regelm&#228;&#223;ig zu Hause von einer Truppe betriebseigener Inspekteuren „besucht“ wurden, die ihre Haushaltsf&#252;hrung und ihrPrivatleben kontrollierten, um sicher zu stellen, dass diese keinem ausschweifenden, der Leistung der Arbeiter abtr&#228;glichen Leben nachgingen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Auch die „sexuelle Frage“ spielte dabei eine Rolle.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Da der „arbeitende Mensch“ es sich nicht leisten kann, jede Nacht aufs neue auf die Suche nach sexueller Befriedigung zu gehen, kommt hier der Monogamie und der stabilen Zweierbeziehung gro&#223;e Bedeutung zu, und damit der Ehefrau, „die zuverl&#228;ssig, unfehlbar da ist, die sich nicht ziert und nicht die Kom&#246;die der Verf&#252;hrung“ spielt.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Genau hier bringt Gramsci die <em>vergeschlechtlichen</em> Subjektivierungsprozesse ins Spiel. Die Herausbildung des neuen Menschentyps geschah nicht universell, sondern bedingte die Konstitution vergeschlechtlicher Subjekte. D.h. die Reproduktion der fordistischen Gesellschaftsformation bedurfte sowohl des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters, der seinen Lebenswandel anhand bestimmter Anforderungen ausrichtet, als auch der „&#252;berwachenden und f&#252;rsorglichen“ Haus- und Ehefrau, die unbezahlt der privaten Reproduktionsarbeit nachgeht. Somit h&#228;ngt die Produktion von Subjektivit&#228;t immer auch „mit der Ausgestaltung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit mit der Organisation der Reproduktion einer bestimmten Gesellschaftsformation insgesamt“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> zusammen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung wurde somit &#252;ber „die Zustimmung zu hegemonialen Vorstellungen, welche Zust&#228;ndigkeiten als geschlechtsspezifische gedacht und verteilt werden“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, organisiert. Der zentrale Ort der Organisation dieser Arbeitsteilung war die heterosexuelle Kleinfamilie. Obwohl Gramsci in seinen Fordismusanalysen den Staat im engeren Sinne nicht einbezogen hat<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>, hat jedoch die feministische Wohlfahrtsstaatenforschung gezeigt, dass diese m&#228;nnlichen und weiblichen Subjektivit&#228;ten sowie die damit zusammenh&#228;ngende geschlechtliche Arbeitsteilung durch einen inh&#228;rent maskulinistischen (Sozal-)Staat gest&#252;tzt wurden. Die westlichen Sozialstaaten haben sich so stets an der Norm des m&#228;nnlichen Normalarbeiters orientiert, diesbez&#252;gliche Anspr&#252;che im Fall von Alter, Krankheit, Erwerbsunf&#228;higkeit und Arbeitslosigkeit waren und sind an die Aus&#252;bung kontinuierlicher Vollzeitarbeit gebunden. Weibliche Lebenssituationen, Pflege- und F&#252;rsorgearbeit wurde Dethematisiert und Privatisiert. Dies hatte und hat zur Folge, dass m&#228;nnliche Subjekte Anspr&#252;che aufgrund von sozialen <em>Rechten</em>, weibliche hingegen vorwiegend aufgrund von <em>Bed&#252;rfnissen</em> geltend machen k&#246;nnen. Frauen wurden einzig als Ehefrauen, M&#252;tter, T&#246;chter oder Witwen in das wohlfahrtsstaatliche System integriert, was immer auch eine Ableitung ihrer Anspr&#252;che aus ihrem Verh&#228;ltnis zum Mann und somit eine Fortschreibung von patriarchalen Strukturen ist.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Flexibilisierung und Reprivatisierung</strong><br />
Der historische Block des Fordismus kann also als ein spezifisches Geschlechterregime analysiert werden, in dem Arbeitsteilung, staatliche Politiken, Familienform und Subjektivierung auf spezifische Weise verschr&#228;nkt waren. Mit dem Aufbrechen des fordistischen Entwicklungsmodells ab dem Ende der 1960er Jahre wurde auch diese Konstellation in Frage gestellt. Ergebnis war ein neoliberales Geschlechterregime, das auf neue hegemoniale Formen der F&#252;hrung aufsetzt und letztlich auch neue Normen und Zuschreibungen von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit vermittelt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Um diese Prozesse zu verdeutlichen, wenden wir uns in Folge den geschlechterpolitischen Leitlinien des Gender Mainstreamings der Europ&#228;ischen Kommission und dem Bericht der Hartz-Kommission zur Restrukturierung der Arbeitslosenpolitik in Deutschland zu. Diese beiden Felder k&#246;nnen – trotz aller nationalen und regionalen Spezifika – als exemplarische Beispiele f&#252;r neoliberale Reformen dienen, wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in ganz Europa &#228;hnlich durchgesetzt wurden. Auf dieser Grundlage wollen wir nachzeichnen, wie das neoliberale Geschlechterregime als solches von inh&#228;renten Widerspr&#252;chlichkeiten gekennzeichnet sind, die sich aus der verst&#228;rkten Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger De-Thematisierung und Reprivatisierung der Reproduktionsarbeit ergibt, die auch weiterhin dem Verantwortungsbereich von Frauen zugeschrieben wird.<br />
Gundula Ludwig schl&#228;gt vor, Gender Mainstreaming<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> [im Folgenden GM] als „als ein Feld von F&#252;hrungstechniken und Selbsttechnologien [zu] betracht[en], das ein bestimmtes Feld von vergeschlechtlichen Subjektkonstruktionen vermittelt“ und dabei auf bestimmte Vorstellungen &#252;ber geschlechtliche Zust&#228;ndigkeiten und Arbeitsteilung rekurriert.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Als zentrales Moment wird dabei die Erh&#246;hung der <em>employability </em>und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt angesehen. Dies f&#252;gt sich damit nahtlos in die Lissabon-Strategie der EU ein, die bis 2010 eine Frauenbesch&#228;ftigungsquote von 60 Prozent als Bedingung f&#252;r die Entwicklung Europas zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ anstrebt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Bericht der Hartz-Kommission<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup</sup></a> zu lesen. So betont Katharina P&#252;hl, dass diese nicht nur auf eine „effektivere“ Vermittlung von Arbeitslosen, sondern implizit auf gelebte Alltags- und Lebensverh&#228;ltnisse abzielt.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Im Gegensatz zu GM bezieht sich dieser jedoch nicht allein auf Frauen, sondern spricht „beide Geschlechter“ als „UnternehmerInnen“ an, die sich (nicht zuletzt als Ich-AGs oder via Mini-Jobs) eigenverantwortlich und flexibel in den Arbeitsmarkt integrieren sollen. Geschlecht als herrschaftsf&#246;rmiges gesellschaftliches Verh&#228;ltnis wird – wie sp&#228;ter noch zu zeigen sein wird – weitgehend dethematisiert, und ausschlie&#223;lich sowie selektiv als „Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ angesprochen. Der Hartz-Bericht kann somit in den Prozessen der neoliberalen Restrukturierung der Sozialpolitik kontextualisiert werden, die &#252;ber eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien hinaus auch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen (der im verst&#228;rkten Ma&#223;e vor allem Frauen und M&#228;dchen betrifft) und eine „Reformulierung“ sozialstaatlicher Aufgaben forciert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Kontrastiert man die zentralen Aussagen in diesen Dokumenten etwa mit den Analysen des fordistischen Geschlechterregimes, so f&#228;llt auf, dass hier traditionelle Zuschreibungen an Weiblichkeit aufgebrochen werden und mit neuen Zust&#228;ndigkeiten verbunden werden. „Je weniger sich die Grundpfeiler des Fordismus – Massenproduktion f&#252;r den nationalen Binnenmarkt und Sozialstaatlichkeit – als Garantie f&#252;r die erfolgreiche Reproduktion kapitalistischer Verh&#228;ltnisse erwiesen, umso mehr trat an deren Stelle eine Form des Kapitalismus, der auf flexible und anpassungsf&#228;hige High-Tech Produktion setzt und sich prim&#228;r an den Renditen des internationalen Finanzmarktes orientiert“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die bis in die 1970er vorherrschende Entwicklungsweise, die vornehmlich an der tayloristischen Flie&#223;bandarbeit orientiert war, wurde zunehmend durch eine ersetzt, die durch De-Industrialisierung und ein Anwachsen des Dienstleistungssektor gekennzeichnet ist. Mit diesen Ver&#228;nderungen musste in Konsequenz auch neue Formen politischer Arrangements und damit eine Neugestaltung der Subjektivierungsweisen organisiert werden. Dem Modell des fordistischen Massenarbeiters wurde dabei in den letzten Jahrzehnten nicht nur seine materielle Basis, in Form des Familienlohns und eines starken Wohlfahrtsstaates, entzogen. Auch eine Lebensweise, die auf Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbaut, entspricht nicht mehr den neoliberalen Anforderungen einer hochtechnologisierten und schnelllebigen Form des Kapitalismus. Eben diese Eigenschaften setzen auf Lohnarbeitssubjekte, die sich – sowohl zeitlich als auch r&#228;umlich – hochflexibel in diskontinuierliche Erwerbsverl&#228;ufe und die Erfordernisse des Marktes einpassen. Artikuliert werden diese Anforderungen vornehmlich in Form des Appells an die individuelle Eigenverantwortung, Nutzenmaximierung und Selbstkontrolle, um die eigene Arbeitskraft am Arbeitsmarkt „wettbewerbsf&#228;hig“ zu halten. Ein Effekt der neoliberalen Subjektivierung ist, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse oder &#246;konomische Konflikte als „Privatproblem“ individualisiert werden.</p>
<p><strong>Neoliberale Paradoxien</strong><br />
Wie oben erw&#228;hnt, richten sich diese Anrufungen – und hier besteht ein entscheidender Unterschied zum Fordismus – explizit an M&#228;nner <em>und </em>Frauen, „[d]ie postfordistischen Lohnarbeitssubjekte sind nun m&#228;nnlich und weiblich“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Dazu werden mit der zunehmenden Betonung des Dienstleistungssektors und der affektiven Arbeit auch weiblich konnotierte F&#228;higkeiten, wie „Kommunikationsorientierung“, „Teamf&#228;higkeit“ und &#228;hnliche <em>soft skills</em> zunehmend nachgefragt, d.h. Frauen werden als deren vermeintliche Tr&#228;gerinnen dazu aufgerufen, ihre <em>employability als Frauen</em> zu Markte zu tragen und sich in die unternehmerische Logik einzugliedern. Hier stellt sich die Frage, wie im Neoliberalismus bestimmte Geschlechterkodierungen je nach Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt abgerufen werden und in Konsequenz nach der Funktionalisierung vergeschlechtlicher Formen von Handeln und F&#252;hlen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Des Weiteren dr&#228;ngt sich aus feministischer Sicht eine Beobachtung auf: Die hier forcierte Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit verhandelt den Arbeitsmarkt in klassisch androzentrischer Manier als geschlechtsneutral. Dabei wird &#252;bersehen, dass der Arbeitsmarkt (immer noch) sowohl hinsichtlich der verschiedenen T&#228;tigkeiten, d.h. der Aufgliederung in „Frauen- und M&#228;nnerberufe“, als auch hinsichtlich der Entlohnung f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten (Stichwort <em>gender pay gap</em>), differenziert ist. Zur Erl&#228;uterung wollen wir an dieser Stelle kurz einige aussagekr&#228;ftige Zahlen aus der letzten gro&#223;en diesbez&#252;glich durchgef&#252;hrten Studie in &#214;sterreich nennen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> So waren im Jahr 2006 81 Prozent der erwerbst&#228;tigen Frauen im meist durch unsicherere Arbeitsverh&#228;ltnisse gekennzeichneten Dienstleistungssektor t&#228;tig, jedoch nur 54 Prozent der M&#228;nner. Auch die diesbez&#252;gliche Analyse nach beruflicher Qualifikation (oder expliziter formuliert, die Stellung im Beruf ) liefert eindeutige Ergebnisse. So lag der Anteil der Arbeiterinnen 2006 (&#246;ffentlicher Dienst nicht mitgerechnet) bei insgesamt 31 Prozent. Der Anteil an den HilfsarbeiterInnen lag jedoch bei 60 Prozent, der an den VorarbeiterInnen hingegen nur bei 4 Prozent. Betrachtet man die Gruppe der Angestellten, so betrug der Anteil an Frauen darunter 56 Prozent. Wiederum arbeiteten jedoch 69 Prozent im Bereich der gelernten T&#228;tigkeiten, der Anteil an den Hochqualifizierten betrug hingegen nur 31 Prozent. Am aussagekr&#228;ftigsten ist jedoch der Bereich der Teilzeitarbeit: 84 Prozent aller Teilzeiterwerbst&#228;tigkeiten waren Frauen.<br />
Jedoch auch bez&#252;glich der gleichen T&#228;tigkeiten lassen sich gro&#223;e Unterschiede in der Bezahlung ausmachen, was den zweiten Aspekt des vergeschlechtlichen Arbeitsmarktes darstellt. Betrachtet man die unselbstst&#228;ndig Erwerbst&#228;tigen, so f&#228;llt auf, dass Frauen nur 60 Prozent des Bruttojahreseinkommens von M&#228;nnern verdienen. Gleichzeitig sind die Einkommen unter Frauen zus&#228;tzlich ungleicher verteilt als bei M&#228;nnern. Die gr&#246;&#223;ten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede finden sich dabei im Handel, im Bereich der Energie- und Wasserversorgung und des Kredit- und Versicherungswesens: hier verdienen Frauen jeweils nur ca. 55 Prozent der Einkommen von M&#228;nnern. Die geringsten Unterschiede gibt es im Beherbergungs- und Gastst&#228;ttenwesen, das zugleich jedoch auch die Branche mit den meisten weiblichen Besch&#228;ftigten ist.<br />
Genau diese geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes wird bei GM und dem Hartz-Programm ignoriert. „Der Bezugsma&#223;stab bei [diesen] Bestrebungen […] Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, bleibt die bestehende androzentrische Norm, was allerdings zugleich unsichtbar und damit entpolitisiert bleibt“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Somit bleiben die strukturellen Gr&#252;nde von Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht nur unreflektiert, sondern werden dazu noch privatisiert und als Ausdruck individuellen Versagens stilisiert.<br />
Parallel zur Anrufung an Frauen als Lohnarbeiterinnen steht jedoch – und hier ist die zentrale inh&#228;rente Widerspr&#252;chlichkeit neoliberaler weiblicher Subjektivierungsweisen auszumachen – ihre vorrangige Adressierung als <em>M&#252;tter</em>, wie sie in beiden Dokumenten durch die Betonung der <em>Vereinbarkeit von Familie und Beruf</em> artikuliert wird. Somit wird Reproduktionsarbeit nicht nur h&#246;chstens als „Markthindernis“ f&#252;r potenzielle weibliche Lohnarbeiterinnen gesehen (was sie zynisch formuliert ja tats&#228;chlich ist), sondern auch weiterhin als Aufgabe von Frauen festgeschrieben, die es privat zu organisieren gilt. Diese Tatsache erh&#228;lt zudem zus&#228;tzlich Gewicht, wenn der gleichzeitige Abbau sozialstaatlicher Leistungen mit einbezogen wird. Durch das Wegfallen etwa von staatlich organisierter Kinderbetreuung oder Altenpflege ergibt sich eine Reprivatisierung von Pflege- und Betreuungsarbeit und damit eine implizite Verlagerung und Festschreibung in den Verantwortungsbereich von Frauen. Somit entsteht das geschlechterpolitische Paradox, dass eben diese Arbeit, die <em>gesellschaftlich notwendig</em> ist und durch die nichts Geringeres als die Reproduktion der Arbeitskraft geleistet wird, zwar implizit vorausgesetzt, dabei jedoch dethematisiert und individualisiert wird. Diese Beobachtung steht dabei in keinem Gegensatz zu der Tatsache, dass die Definition von Familie bzw. ihrer &#246;konomischen und normativen Funktionen, zunehmend Gegenstand breiterer Debatten sind. Reproduktionsarbeit muss nicht mehr ausschlie&#223;lich im Rahmen der heterosexuellen Kleinfamilie geleistet werden, was die steigende Anzahl an Scheidungen und AlleinerzieherInnen bzw. die Diskussion rund um „Patchwork-Familien“ und eingetragene PartnerInnenschaft belegen – was die geschlechtliche Arbeitsteilung jedoch um nichts wirkungsloser macht.<br />
Somit kann festgehalten werden dass die oben dargestellten widerspr&#252;chlichen Anrufungen – als flexible und eigenverantwortliche Lohnarbeiterin einerseits, als „f&#252;rsorgliche Mutter/Tochter/Ehefrau/Lebensgef&#228;hrtin“ andererseits &#8211; als zentrales Merkmal weiblicher Subjektkonstitutionen im Neoliberalismus zu sehen sind, „in [der] die gesellschaftlichen Widerspr&#252;che eingehen, die sich aus der Form, wie die Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit [in kapitalistischen Gesellschaften] organisiert sind, ergeben“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Krise als Bruch?</strong><br />
Vor diesem Hintergrund k&#246;nnen wir uns nun daran machen, Kontinuit&#228;ten, Br&#252;che und Verschiebungen im Geschlechterregime zu suchen. Ver&#228;ndert die Krise das neoliberale Arrangement der Geschlechter? Dazu kehren wir zu unseren vier Dimensionen der Geschlechterregime zur&#252;ck. Vorauszuschicken ist, dass es sich bei den folgenden Thesen um vorl&#228;ufige &#220;berlegungen handelt, die wir zur Diskussion stellen wollen. Sie beruhen zum Teil auf bereits existierenden ersten Analysen der Krise und ihrer Bearbeitungen aus feministischer Perspektive und zum Teil auf eigenen Beobachtungen, aus denen wir Tendenzen zu extrapolieren suchen.<br />
In Bezug auf (1.) die vergeschlechtlichte <em>Arbeitsteilung</em> kann festgehalten werden, dass aktuell die bereits im neoliberalen Entwicklungsmodell angelegten Dynamiken verst&#228;rkt werden. Dies betrifft etwa die zunehmende Bedeutung von weiblich konnotierten Bereichen wie Pflege-, Bildungs- und Care-T&#228;tigkeiten, deren Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung sich umgekehrt proportional zu ihrer Wichtigkeit zu entwickeln scheint. Was sich allerdings andeutet, ist dass die Tendenz, Frauen in Lohnarbeit zu integrieren, einen Knick erf&#228;hrt. Denn diese Integration in den Arbeitsmarkt wurde besonders in den letzten Jahren in erster Linie &#252;ber prekarisierte, schlecht abgesicherte Jobs organisiert. Diese sind es jedoch, die im Zuge der Krise als erste abgebaut werden, um den &#246;konomischen Druck auf die Betriebe abzufedern. Arbeitslosigkeit betrifft zunehmend Frauen, auch wenn ihre mediale Darstellung sich stets am m&#228;nnlichen Industriearbeiter orientiert.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Diese Tendenz wird auch durch (2.) <em>staatliche Politiken</em> verst&#228;rkt. Denn die gro&#223;en Strategien gegen die Krise und staatliche Konjunkturprogramme zielen fast ausschlie&#223;lich auf den m&#228;nnlichen Vollzeitarbeiter. Gerettet wird die Autoindustrie, w&#228;hrend Investitionen in Care-Work oder Bildungseinrichtungen, in denen besonders viele Frauen arbeiten, bislang ausbleiben.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Staatlich organisiert und gest&#252;tzt wird mithin ein doppelt vergeschlechtlichter Arbeitsmarkt, in dem Frauen einerseits bestimmte schlecht bezahlte und mit geringem gesellschaftlichem Ansehen verbundene Arbeitspl&#228;tze zugewiesen werden, und sie andererseits f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten weniger Lohn erhalten. Eine offene Frage in Bezug auf die staatliche Dimension des gegenw&#228;rtigen Geschlechterregimes ist, wie die medial lautstark begleitete „R&#252;ckkehr des Staates“ einzusch&#228;tzen ist. Auf den ersten Blick scheint durch die massiven konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Eingriffe die &#196;ra des neoliberalen Privatisierungsmodells und des damit einhergehenden Bildes vom „schlanken Staat“ an ihr Ende zu gelangen. Wie Birgit Sauer hervorhebt, hatte das neoliberale Staatsmodell dabei stets einen „misogynen Subtext“, der nicht zuletzt „in der symbolisch diskursiven Abwertung des ‚feminisierten’ Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck kommt“.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Jedoch: der Staat, der nun „zur&#252;ckzukommen“ scheint, war nie wirklich weg; und blo&#223; weil er neben seinen „Aufgaben“ in den Bereichen der Repression und der Herstellung von Wettbewerbsf&#228;higkeit nun auch wieder verst&#228;rkt als „&#246;konomischer Staatsapparat“ <a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auftritt, ist das maskulinistische Modell neoliberaler Staatlichkeit noch nicht in der Krise.<br />
F&#252;r die (3.) <em>Familienform </em>gilt, dass die heterosexuelle Kleinfamilie, die im Fordismus noch der zentrale Reproduktionsort der Geschlechterverh&#228;ltnisse schlechthin war, im Zuge der Neoliberalisierung der Gesellschaft teilweise unterminiert wurde und oft „nicht mehr die dominante Lebensform darstellt“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Ein Modell flexibler Patchworkstrukturen, in denen langfristige Bindungen zu Gunsten von LebensabschnittspartnerInnen an Bedeutung verlieren, f&#252;gt sich auch besser in das Anforderungsprofil eines/r zeitlich flexiblen und r&#228;umlich mobilen „ArbeitskraftunternehmerIn“. Dies betrifft die gelebten Praxen von prek&#228;r Besch&#228;ftigten und wurde und wird auch kulturell durch neue „Familienleitbilder“ reproduziert. Die queer-Theoretikerin Antke Engel etwa hat herausgearbeitet, dass die Figur des hyperflexiblen lifestyleschwulen Mannes, wie er in Film und Fernsehen pr&#228;sentiert wird, als neoliberaler „Mustersch&#252;ler“ funktioniert, indem er die Verantwortung f&#252;r sein Wohlergehen unabh&#228;ngig von Familienzusammenh&#228;ngen &#252;bernimmt.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Jedoch l&#228;sst sich bereits in den letzten Jahren eine Gegentendenz ausmachen, die nun in der Krise an Bedeutung zu gewinnen scheint. Denn die existenzielle Unsicherheit, denen prekarisierte Subjekte ausgesetzt sind, hat zu einer kulturellen Bewegung gef&#252;hrt, in der Geborgenheit, Sicherheit und die wohlige W&#228;rme sozialer Nahverh&#228;ltnisse zum Ziel des guten Lebens erkl&#228;rt werden. Wenn die deutsche Teenie-Pop-Band Silbermond singt, man sehne sich blo&#223; nach einem „kleinen bisschen Sicherheit“ und im Video dazu vor einer bedrohlichen Masse demonstrierender Menschen fl&#252;chtet, kann das als Element dieses neokonservativistischen Diskurses verstanden werden.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> In diesen f&#252;gen sich auch die Myriaden von „Doku-Soaps“ im deutschsprachigen Fernsehen, in denen es um die Einrichtung, Renovierung oder Neugestaltung der eigenen vier W&#228;nde geht, oder die omnipr&#228;senten Kochsendungen. All diese Diskurselemente verweisen auf die Familie als Zufluchtsort vor den Wirren des Lebens da drau&#223;en. Am radikalsten verhandelt wird dies in Sendungen &#252;ber schwangere Teenager, in denen 14-j&#228;hrige M&#228;dchen davon &#252;berzeugt werden, dass Arbeitslosigkeit, alkoholkranke Eltern, 35 Quadratmeter Substandardwohnung, ein absenter 13-j&#228;hriger Kindsvater und ein mittelschweres Drogenproblem keine Gr&#252;nde darstellen, nicht doch „ja“ zum (Familien-) Leben zu sagen. Was diese Ideologie kennzeichnet, ist, dass sie die Familie als harmonischen Hort der Stabilit&#228;t pr&#228;sentiert, und nicht als das, was sie h&#228;ufig ist: der gewaltt&#228;tigste Ort au&#223;erhalb von Kriegsgebieten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die vielleicht augenscheinlichsten Ver&#228;nderungen gibt es im Bereich der (4.) <em>Geschlechterleitbilder und der Subjektivierungsweisen</em>. Denn wenn etwas wirklich in der Krise ist, dann jener Typus Mann, der noch vor kurzem als eine wichtige Figur hegemonialer M&#228;nnlichkeit gedient hat. Der mit Milliarden jonglierende, smarte und kein Risiko scheuende Finanzmanager wurde medial als Krisenverursacher identifiziert und hat seither einen beispiellosen Absturz in der Beliebtheitsskala erfahren. In Island hat die Regierung Frauen an die Spitze zweier kollabierter und dann verstaatlichter Banken berufen, mit dem ausdr&#252;cklichen Auftrag „to clean up the young men’s mess“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Neben den Frauen als „bessere Kapitalistinnen“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, scheint an seine Stelle als hegemoniale M&#228;nnlichkeit gerade der seri&#246;se Krisenmanager zu treten, der mit Anzug und Krawattennadel das Schiff durch die st&#252;rmischen Zeiten navigiert. Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister und „Baron der Herzen“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Freiherr von und zu Guttenberg ist mit Adelstitel und zehn Vornamen f&#252;r diese Rolle fast &#252;berqualifiziert. Jedoch sollen diese Verwerfungen nicht dar&#252;ber hinweg t&#228;uschen, dass die vergeschlechtlichten Subjektivierungen &#252;beraus stabil sind. Die widerspr&#252;chlichen neoliberalen Anrufungen, die Frauen zugleich als flexibel an sich selbst arbeitende Unternehmerin ihrer selbst und als Haushaltsmanagerin und Mutter fordern, werden durch die Krise sogar noch verst&#228;rkt. Denn ein absehbarer Effekt von Lohnarbeitsplatzverlusten ist, dass zuvor ausgelagerte Teile der Reproduktionsarbeit – ausw&#228;rts Essen, Putzkraft anstellen, W&#228;scherei nutzen – wieder in den Haushalt re-integriert werden. Und das bedeutet fast immer, dass der Frau, ob berufst&#228;tig oder nicht, ein h&#246;heres Ausma&#223; an unbezahlter Hausarbeit aufgeb&#252;rdet wird.</p>
<p><strong>Perspektiven in der Krise</strong><br />
Was k&#246;nnen wir nun aus diesen &#220;berlegungen folgern? Die Ausgangsfrage dieses Artikels war, ob die gegenw&#228;rtige Krise auch einen Bruch mit dem neoliberalen Geschlechterregime bedeutet, wie es sich in den letzten zwanzig bis drei&#223;ig Jahren entwickelt hat. Die Antwort darauf muss ein eingeschr&#228;nktes Nein sein. In der Gesamtschau wiegen jene Aspekte, die eine Kontinuit&#228;t oder sogar Vertiefung des neoliberalen Geschlechterregimes darstellen, schwerer. Eine erste politische Konsequenz unserer Analyse ist also, dass Kommentare zum „Ende des Neoliberalismus“ mit gro&#223;er Vorsicht zu genie&#223;en sind. Wer im Neoliberalismus einen „R&#252;ckzug des Staates“ zu erkennen glaubte und nun bass erstaunt dessen „R&#252;ckkehr“ in pseudo-keynesianischem Gewande beklatscht, sitzt einem Irrtum auf, der mit dem Blick auf Geschlechterregime &#252;berdeutlich wird. Wenn, wie wir argumentiert haben, die Organisation der Geschlechterverh&#228;ltnisse ein wesentlicher und konstitutiver Bestandteil eines historischen Blocks ist, dann verweisen die Kontinuit&#228;ten im Geschlechterregime auch auf die relative Stabilit&#228;t eines solchen. Das ist wichtig, weil die Linke, zumal die feministische, sich darauf einstellen muss, welchen Verh&#228;ltnissen sie auch zuk&#252;nftig entgegen treten muss.<br />
Zugleich lassen sich Verschiebungen in einzelnen Aspekten des neoliberalen Geschlechterregimes identifizieren; dies betrifft einerseits die geschlechtsspezifischen Auswirkungen einer kontraktierenden Welt&#246;konomie. Frauen, die &#252;berproportional h&#228;ufig in in- oder semiformellen, prekarisierten Jobs t&#228;tig sind, sind zuvorderst von Arbeitsplatzabbau betroffen. Die unbezahlte und dethematisierte Arbeit, die von Frauen im Haushalt verrichtet wird, dient in Zeiten der Krise noch st&#228;rker als bisher als &#246;konomischer Druckausgleich. Andererseits verst&#228;rken auch die staatlichen Krisenbearbeitungspolitiken Geschlechterungleichheit. Dies wird wohl noch virulenter, wenn die zig Milliarden an Steuergeldern, die im letzten Jahr f&#252;r Bankenrettungs- und Konjunkturpakete gesteckt wurden, in den kommenden Jahren wieder „eingespart“ werden m&#252;ssen. Es braucht keine prophetischen F&#228;higkeiten um vorauszusagen, dass unter den gegenw&#228;rtigen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen die Kosten der Budgetkonsolidierungen nach unten abgew&#228;lzt werden – und dass Frauen, ob als prekarisierte Lohn-, als unbezahlte Hausarbeiterinnen oder beides, die Hauptlast tragen werden. Dazu kommt, dass viele Arbeitspl&#228;tze im Bereich der &#246;ffentlichen Dienstleitungen zur Disposition gestellt werden, in denen zum &#252;berwiegenden Teil Frauen arbeiten. In den zuk&#252;nftigen politischen und betrieblichen Auseinandersetzungen, die sich im weitesten Sinne um die Frage „wer bezahlt f&#252;r die Krise?“ entz&#252;nden werden, muss diese Geschlechterdimension mit einbezogen werden. Das hei&#223;t auch, von links nicht vorbehaltlos jede Rettungsaktion f&#252;r Industriebetriebe abzufeiern, blo&#223; weil damit vorgeblich Arbeitspl&#228;tze gesichert werden. Neben der Frage, ob der Jobabbau damit nicht blo&#223; rausgez&#246;gert wird, muss eben darauf geachtet werden, bei welchen Branchen und T&#228;tigkeiten niemand rettend einspringt. Ein Beispiel w&#228;re der Einzelhandel, in dem besonders viele Frauen (meist prek&#228;r) besch&#228;ftigt, und der bereits massive Krisensymptome zeigt.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Aus linker feministischer Perspektive gilt es, auf diese vergeschlechtlichten Aspekte der Krise offensiv hinzuweisen und der systematischen Entnennung und Entwertung feminisierter Arbeit entgegen zu wirken. Zentraler Einsatzpunkt ist unter diesem Gesichtspunkt die geschlechtliche Arbeitsteilung, insbesondere Aspekte der Prekarisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und nach dem Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohn- und unbezahlter Hausarbeit. Welche T&#228;tigkeiten gelten gesellschaftlich &#252;berhaupt als Arbeit? Diese Frage steht im Zentrum etwa der Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), die wir aus diesem Grund auch f&#252;r besonders kompatibel mit linken feministischen Diskursen halten. Eine Intervention, die die Diskussion um das BGE um eine geschlechterpolitische Dimension erweitert, die Bedeutung von Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsweisen f&#252;r die herrschenden Verh&#228;ltnisse betont, Kritik an patriarchalen Staats- und Familienstrukturen &#252;bt und sich vom neokonservativen Sicherheitsdiskurs mit seiner regressiven Familienromantik abgrenzt – dies kann eine mittelfristige Perspektive f&#252;r einen Feminismus sein, der aus der Krise – auch der eigenen – gest&#228;rkt hervorgeht und zum Aufbau einer erneuerten, anti-neoliberalen Linken beitr&#228;gt.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Young, Brigitte: Globale Finanzkrise und Gender, in: femina politica 18:1 (2009), S. 99-102<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Schuberth, Helene: Ist die Krise m&#228;nnlich?, unter: http://www.beigewum.at/2009/09/ist-die-krise-mannlich<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Young, a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial Times, zit. n. Young, a.a.O., 99<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Michalitsch, Gabriele: Konjunkturpolitik: Geschlechter-Macht und Geschlechter-Wahrheit, in: Kurswechsel 2/2009, S. 93-98<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zu Gramscis Begriff des historischen Blocks vgl. u.a. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg 1996, S. 1322 sowie 1567f.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ludwig, Gundula: Gramscis Hegemonietheorie und die staatliche Produktion von vergeschlechtlichten Subjekten, in: Das Argument 270 (2007), 196-205, S. 198<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd., S. 43<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2063-2100<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Connell, Robert W.: The state, gender, and sexual politics. Theory and appraisal, in: Theory and Society, 19:5 (1990), S. 507-544<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Nowak, J&#246;rg: Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien, M&#252;nster 2009: 161<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Unter „Anrufung“ verstehen wir, im Anschluss an Louis Althusser, den sozialen Prozess, durch den Menschen zu „Subjekten“ gemacht werden, d.h. die mit einer einheitlichen, mit Namen versehenen, und einen bestimmten Platz innehabenden Identit&#228;t ausgestattet werden. Vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen f&#252;r eine Untersuchung), in: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufs&#228;tze zur marxistischen Theorie, Hamburg 1977, 108-168; Bosch, Herbert/Rehmann, Jan Christoph: Ideologische Staatsapparate und Subjekteffekt bei Althusser, in: Projekt Ideologie-Theorie (Hg.): Theorien &#252;ber Ideologie, Berlin 1979, 105-129<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> In diese Konzeptionalisierung flie&#223;en &#220;berlegungen mehrerer feministischer AutorInnen ein: Connell, a.a.O.; P&#252;hl, Katharina/W&#246;hl, Stefanie: Modell „Doris“: Zur Kritik neoliberaler Geschlechterpolitiken aus gouvernementalit&#228;tstheoretischer Sicht”, in: www.copyriot.com/gouvernementalitaet (Hg.): „f&#252;hre mich sanft“. Gouvernementalit&#228;t &#8211; Anschl&#252;sse an Michel Foucault, Frankfurt am Main 2003, S. 74-101; Henninger, Annette/Ostendorf, Helga: Einleitung: Ertr&#228;ge feministischer Institutionenanalyse, in: dies. (Hg.): Die politische Steuerung des Geschlechterregimes: Beitr&#228;ge zur Theorie politischer Institutionen, Wiesbaden 2005, S. 9-34; Ludwig, Gundula: Zwischen „Unternehmerin ihrer selbst“ und „f&#252;rsorgender Weiblichkeit“. Regierungstechniken und weibliche Subjektkonstruktionen im Neoliberalismus, in: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis 68 (2006), S. 49-59<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 50f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2072<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Haug, Frigga: Mit Gramsci die Geschlechterveh&#228;ltnisse begreifen, in: Merkens/Andreas, Rego Diaz/Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 43<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2087f<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2088f<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ludwig 2006, a.a.O. S. 52<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 199<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt am Main 1994; Sauer, Birgit: Die Asche des Souver&#228;ns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte, Frankfurt am Main 2001; Gottschall, Karin: Geschlechterverh&#228;ltnis und Arbeitsmarktsegregation, in: Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Das Geschlechterverh&#228;ltnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main/New York, 125-162; Genetti, Evi: Die GeschlechterGrenze des b&#252;rgerlichen Staates. Zur Kritik der Geschlechtergleichheit im Wohlfahrtsstaat, Wien 1998 (Diplomarbeit), Kulawik, Theresa: “Modern bis maternalistisch. Theorien des Wohlfahrtsstaates” in: Kulawik, Teresa/Sauer, Birgit (Hg.): Der halbierte Staat. Grundlagen feministischen Politikwissenschaft, Frankfurt am Main 1996, S. 47-75<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die Leitlinien von GM wurden erstmals im Vertrag von Amsterdam 1997 ausgearbeitet, in denen festgehalten wurde, dass die „Vorraussetzung f&#252;r die volle Verwirklichung der Demokratie ist, dass alle B&#252;rgerinnen und B&#252;rger gleichberechtigt am Wirtschaftsleben, an Entscheidungsprozessen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und an der Zivilgesellschaft beteiligt und in allen Bereichen gleich stark vertreten sind.“ (Europ&#228;ische Kommission, zit. nach Ludwig 2006, a.a.O., S. 54). GM soll als Instrument dienen, um eine Reorganisation und Evaluierung politischer Prozesse hinsichtlich ihrer geschlechterbezogenen Auswirkungen zu erm&#246;glichen.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ludwig 2006, a.a.O., S.53<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Europ&#228;ischer Rat, zit. n. ebd., S. 54<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Dieser Bericht diente als Vorlage f&#252;r die gemeinl&#228;ufig als Hartz I bis IV bezeichneten Gesetze zur Reform der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die von 2003 bis 2005 implementiert wurden. Durch den Fokus in diesem Artikel k&#246;nnen die umfangreichen Diskussionen rund um die Umsetzung bzw. neuere interessange Entwicklungen und Novellierungen, wie etwa im Rahmen des Arbeitslosengeld II nicht ber&#252;cksichtigt werden.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> P&#252;hl, Katharina: Neoliberale Paradoxien? Geschlechtsspezifische Ver&#228;nderungen durch sozialpolitische Reregulierungen als Herausforderungen feministischer Theorie, in: Zeitschrift f&#252;r Frauenforschung und  Geschlechterstudien 22:2+3 (2004), S. 40-50, hier: 45<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 41f.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> ebd., S. 55<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 44 und dies.: Geschlechtsspezifische Sozialisation: Arbeit, Geschlecht, Gouvernementalit&#228;t, in: Deck, Jan/Dellmann, Sarah/Loick, Daniel/M&#252;ller, Johanna (Hg.): Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. Texte zu Subjektkonstitution und Ideologieproduktion, Mainz 2001, S. 112-123<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Statistik Austria: Frauen und M&#228;nner in &#214;sterreich. Statistische Analysen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, Wien 2007, S. 17-52<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd., S. 56<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Da Frauen &#252;berproportional in Branchen vertreten sind, die erst mit Verz&#246;gerung von der Krise betroffen sind (z.B. Tourismus, &#246;ffentliche Dienstleistungen etc.), sind sie von Arbeitslosigkeit nicht weniger, aber oft sp&#228;ter als M&#228;nner betroffen. Vgl. Scheele, Alexandra: Hat die Wirtschaftskrise ein Geschlecht?, in: Bl&#228;tter f&#252;r deutsche und internationale Politik 3/2009, S. 26-28, sowie Wichterich, Christa: Frauen funktionieren als soziale Air Bags, in: diestandard.at, http://diestandard.at/fs/1252036990913/Frauen-funktionieren-als-soziale-Air-Bags<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Michalitsch, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Sauer, Birgit: &#214;ffentlichkeit und Privatheit revisited. Grenzneuziehungen im Neoliberalismus und die Konsequenzen f&#252;r Geschlechterpolitik, in: Kurswechsel 4/2001, S. 5-11, hier: S. 8<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 194ff.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Vgl. Sauer, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Engel, Antke: Gefeierte Vielfalt. Umstrittene Heterogenit&#228;t. Befriedete Provokation. Sexuelle Lebensformen in sp&#228;tmodernen Gesellschaften, in: Bartel, Rainer et al. (Hg.): Heteronormativit&#228;t und Homosexualit&#228;ten, Innsbruck 2008, S. 43-64<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Darauf haben die Goldenen Zitronen j&#252;ngst hingewiesen. Vgl. ihren Song „Aber der Silbermond“ auf ihrem neuen Album „Die Entstehung der Nacht“ (Buback Tontr&#228;ger 2009). Doris Achelwillm schreibt dazu: „Die Goldenen Zitronen finden ‚Silbermond’ interessant, weil die deutschen Chart-Breaker seit einem ihrer letzten Hits sowas wie die unwidersprochene Speerspitze des popkulturell verhandelten Sicherheits-Dispositivs sind.“ (Achelwillm, Doris: Mit den Goldenen Zitronen durch die Krise. Zehn Thesen zur „Entstehung der Nacht“, 2009, http://www.die-goldenenzitronen.de/aktuelles.php<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Nach Sch&#228;tzungen ist in &#214;sterreich jede f&#252;nfte Frau von Gewalt durch einen nahen m&#228;nnlichen Angeh&#246;rigen betroffen. 90 Prozent aller Gewalttaten an Frauen und Kinder passieren in der Familie und im sozialen Nahraum. Vgl. Thaler-Haag, Birgit: Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum. Ursachen, Formen und Muster von Gewalt in Beziehungen, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Eine von f&#252;nf. Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum“ am 20. Okt. 2008, online unter http://www.birgitsauer.org/WS%202008_09/VO%20Eine%20von%205/ThalerHaag.pdf<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Financial Times, zit. nach Young, Brigitte: Globale Finanzkrisen und Gender, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Wichterich, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> J&#246;rges, Hans-Ulrich: Guttenberg, der Baron der Herzen, Stern, 6. Juni 2009<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Scheele, a.a.O.</sup></sup></sup></p>
]]></content:encoded>
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		<title>Podiumsdiskussion:  „… aller L&#228;nder vereinigt euch?“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/04/30/podiumsdiskussion-aller-laender-vereinigt-euch/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Apr 2009 16:27:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>

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		<description><![CDATA[

Mit: Andreas Bieler (Centre for the Study of Social and Global Justice/Nottingham), Karin Fischer (Projekt Internationale Entwicklung/Wien), Ilker Atac (Institut f&#252;r Politikwissenschaft/Wien) und Ulrich Brand (Institut f&#252;r Politikwissenschaft/Wien)
Termin: 6. Mai 2009
Uhrzeit: 19:30 Uhr
Ort: H&#246;rsaal 29, Universit&#228;t Wien
Wie lassen sich die gegenw&#228;rtigen Krisen-Umbr&#252;che begreifen? Was ist da gerade in Bewegung? Welche gesellschaftlichen Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten sind bisher auszumachen?
Vor welchen Herausforderungen stehen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/04/plakat_bieler.jpg" target="_self"><img class="alignnone size-medium wp-image-378" title="plakat_bieler" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/04/plakat_bieler-233x300.jpg" alt="plakat_bieler" width="233" height="300" /></a><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg"><br />
</a></h5>
<p>Mit: <strong>Andreas Bieler</strong> (Centre for the Study of Social and Global Justice/Nottingham)<strong>, Karin Fischer</strong> (Projekt Internationale Entwicklung/Wien), <strong>Ilker Atac</strong> (Institut f&#252;r Politikwissenschaft/Wien) und <strong>Ulrich Brand</strong> (Institut f&#252;r Politikwissenschaft/Wien)<br />
Termin: <strong>6. Mai 2009</strong><br />
Uhrzeit: <strong>19:30 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>H&#246;rsaal 29, Universit&#228;t Wien</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wie lassen sich die gegenw&#228;rtigen Krisen-Umbr&#252;che begreifen? Was ist da gerade in Bewegung? Welche gesellschaftlichen Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten sind bisher auszumachen?</p>
<p>Vor welchen Herausforderungen stehen emanzipatorische Kr&#228;fte angesichts der vorherrschenden Krisen-Politiken? Welche Chancen und Fallstricke f&#252;r transnationale Solidarit&#228;t bestehen? Welche Eindr&#252;cke bestehen angesichts bisheriger Proteste – wie z.B. dem Aktionstag am 28. M&#228;rz („Wir zahlen Eure Krise nicht!“)?</p>
<p>Wo kann f&#252;r eine bessere Verkn&#252;pfung unterschiedlicher Erfahrungen und K&#228;mpfe angesetzt werden? Worauf l&#228;sst sich bauen? Welche Interventionen braucht es gerade jetzt auch im europ&#228;ischen Zusammenhang?</p>
<p>Entlang der Themen Gewerkschaften, Migration, Nord-S&#252;d Verh&#228;ltnisse und Soziale Bewegungen wollen wir Perspektiven transnationaler Solidarit&#228;t im Angesicht der Krise diskutieren.</p>
<p>Veranstaltet von: <a href="http://www.gbw-wien.at/" target="_blank">Gr&#252;ne Bildungswerkstatt Wien</a>, <a href="http://www.beigewum.at/" target="_blank">BEIGEWUM</a> und <a href="http://www.attac.at" target="_blank">ATTAC</a><br />
unterst&#252;tzt durch <a href="http://www.verlagoesterreich.at/zeitschrift_juridikum---actual.html" target="_blank">juridikum</a> und Perspektiven.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>F&#252;r ein ganz anderes Klima!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/fuer-ein-ganz-anderes-klima/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/fuer-ein-ganz-anderes-klima/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Franziskus Forster</em> und <em>Michael Botka</em> kritisieren die herrschenden Deutungen und Bearbeitungsformen des Klimawandels, reflektieren &#252;ber M&#246;glichkeiten eines „Green New Deal“ und pl&#228;dieren f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Franziskus Forster</em> und <em>Michael Botka</em> kritisieren die herrschenden Deutungen und Bearbeitungsformen des Klimawandels, reflektieren &#252;ber M&#246;glichkeiten eines „Green New Deal“ und pl&#228;dieren f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“.<br />
<span id="more-276"></span><br />
Auch wenn &#252;ber die G&#252;ltigkeit und Genauigkeit von Prognosen zu den Auswirkungen seit Jahrzehnten gestritten wird, so ist doch mittlerweile klar, dass durch den Klimawandel fundamentale Ver&#228;nderungen der menschlichen Lebensbedingungen zu erwarten sind. Klimawandel ist zu einem „globalen Problem der Menschheit“ geworden. Neben absehbaren D&#252;rren, &#220;berschwemmungen und dem Ansteigen des Meeresspiegels werden auch die Ressourcenkonflikte um Wasser, Land und Rohstoffe rasant zunehmen. Aus der „Vermehrung von Risiken, die alle Gesellschaften betreffen“, werden daraus „gemeinsame Interessen an Sicherheit, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung sowie globaler Umweltpolitik“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> abgeleitet. Entsprechend erschlie&#223;en sich die Debatten um den Klimawandel gegenw&#228;rtig in neuen Anrufungen an den Staat und die internationale Staatengemeinschaft und gehen gleichzeitig eine Verbindung mit technologisch-marktf&#246;rmigen L&#246;sungen ein, was klimapolitisch insbesondere im Kyoto-Protokoll als „richtiger“ Antwort auf das Klimaproblem Ausdruck findet. Erg&#228;nzt und umgesetzt soll dieses mit weiteren Instrumenten werden, welche von gesetzlichen Emissionsgrenzwerten &#252;ber &#214;kosteuern und Subventionen f&#252;r erneuerbare Energien bis zur Verankerung von Klimaschutz und Anpassung in der kommunalen Planung reichen.</p>
<p>Klimapolitische Debatten und Aktivit&#228;ten beginnen aber auch in der Linken an Bedeutung zu gewinnen. Hier wird insbesondere kritisiert, dass die dominante Perspektive auf das Problem Klima und die daraus folgenden L&#246;sungen verk&#252;rzt sind und die tieferen Ursachen und Probleme ignoriert werden. Es geht darum, auf die global ungleich verteilten und tief in die kapitalistische Produktions- und Konsumtionsweise eingelassenen Ursachen und die daraus folgenden „gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnisse“ hinzuweisen.</p>
<p>„Klimawandel“ wird dabei heute zum ernstzunehmenden Problem (auch) f&#252;r „den Kapitalismus“ selbst. Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, die Klimakrise zu bew&#228;ltigen, vielmehr zeichnet sich eine permanente Vertiefung der Krise ab. Und genau hier k&#246;nnte ein „M&#246;glichkeitsfenster“ der Linken liegen. &#220;ber das Ansetzen an diesen tiefgreifenden Widerspr&#252;chen lie&#223;e sich die „Systemfrage“ in neuer Weise stellen.</p>
<p>In diesem Artikel soll versucht werden, n&#228;her zu bestimmen, was dies f&#252;r die Linke bedeutet oder bedeuten kann. In einem ersten Schritt versuchen wir, im Kontext der gegenw&#228;rtigen Krisen, zu einer kritischen Einsch&#228;tzung des dominanten Klimadiskurses sowie der aktuellen Akteurskonstellationen zu gelangen. Daran ankn&#252;pfend soll, zweitens, gefragt werden, welche herrschenden Formen der Problembearbeitung daraus resultieren. In einem dritten Schritt wollen wir dann nach m&#246;glichen Implikationen f&#252;r die radikale Linke fragen. Ist die Zeit reif f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“? Welche linken Positionen zeichnen sich ab? Und wo werden Interventionsm&#246;glichkeiten gesehen?</p>
<h3>Kritik des dominanten Klimadiskurses</h3>
<p>Vielfach wird das Klimaproblem als ein wahrliches „Menschheitsproblem“ konstruiert. „Alle sitzen im gleichen Boot!“, hei&#223;t es da. Dies stimmt in gewissem Ma&#223;e auch, sind doch alle irgendwie vom Klimawandel betroffen. Jedoch wird aus dieser Sicht sowohl die h&#246;chst ungleiche Betroffenheit als auch der ungleiche Anteil an der Verursachung des Klimawandels &#252;bergangen. Ebenso die ungleiche M&#246;glichkeit, auf all dies Einfluss zu nehmen und/oder von Zerst&#246;rungen zu profitieren. So steht die Lastenverteilung von Klimaschutz in einem engen Zusammenhang mit Verteilungs- und Machtasymmetrien: Alleine die G8-Staaten sind mit ihrem Anteil von ca. 13 Prozent der Weltbev&#246;lkerung f&#252;r 50 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich – Fragen globaler Nord-S&#252;d-Verh&#228;ltnisse werden damit aufgeworfen. Weiters veranschaulicht jeder Wirbelsturm die Klassenspezifik der Vulnerabilit&#228;t von Menschen: Armut zwingt oft dazu, in &#246;kologischen Risikolagen zu siedeln. Anhand der Auswirkungen von Ressourcenverknappung und D&#252;rren auf den Zugang und die Nutzung von nat&#252;rlichen Ressourcen treten Fragen der Geschlechtergerechtigkeit stark hervor. Der gesellschaftliche Umgang mit „Klimafl&#252;chtlingen“ verdeutlicht schlie&#223;lich die rassistischen Dimensionen des Klimawandels.</p>
<p>Hier wird sichtbar, dass es sich beim Klimawandel nicht „nur“ um ein &#246;kologisches Problem handelt, das sich durch „richtige“ Umweltpolitik l&#246;sen lie&#223;e, sondern nur im Zusammenhang der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse begriffen werden kann. Genauso wie Klimawandel menschengemacht ist<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, wirkt umgekehrt „der Klimawandel“ auf die Gesellschaft zur&#252;ck. Klimawandel hat soziale Auswirkungen und ist selbst ein soziales Problem. Kurzum: Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse m&#252;ssen grundlegend in der Auseinandersetzung sein, soziale und &#246;kologische Herrschaft sind nicht zu trennen, sondern gemeinsam zu diskutieren. Es l&#228;sst sich in dieser Hinsicht feststellen, dass es in Zukunft zu einer weiteren Versch&#228;rfung des Zusammenhangs zwischen Armut und ung&#252;nstigen &#246;kologischen Bedingungen kommen wird – was in verst&#228;rkten sozialen und &#246;kologischen Konflikten ihren Ausdruck finden wird. Das Problem stellt sich jedoch global h&#246;chst unterschiedlich: zugespitzt formuliert, reichen die Dimensionen von der richtigen Einstellung der Klimaanlage im Auto bis zum Verhungern von Menschen durch D&#252;rre oder Agrartreibstoffproduktion.</p>
<p>Trotz dieser Entwicklungstendenzen ist der Klimawandel nicht die „ultimative Katastrophe“, auf die die Menschheit zusteuert. Es handelt sich vielmehr um eine – wenn auch sehr weitreichende – Versch&#228;rfung von bereits l&#228;nger existierenden Problemen. Eine entscheidende Rolle spielt hier die – herrschaftlich verfasste – Problem<em>konstitution</em>, die die Interessensartikulation der verschiedensten betroffenen Akteure einrahmt und bestimmte Politiken legitimiert. Entscheidend ist hierbei, wer auf diesen Prozess Einfluss hat („ExpertInnen“, Eliten, …) und wer nicht (z.B. B&#228;uerInnen in Afrika). Ein weiterer – nicht zu untersch&#228;tzender – Punkt liegt in der alarmistischen Problemkonstitution in Sinne von: „Wir haben keine Zeit mehr!“ Diese Argumentation kann sehr gut mit der Forderung nach m&#246;glichst schnell umsetzbaren („realistischen“) Probleml&#246;sungsma&#223;nahmen verkn&#252;pft werden. &#220;ber die Moralisierung von Politik einerseits und das Erfordernis der Planbarkeit andererseits k&#246;nnen elit&#228;r-technokratische, ebenso wie autorit&#228;re und populistische Politik- und Herrschaftsformen hergestellt, reproduziert und legitimiert werden. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es sich beim Klimawandel sehr wohl um dr&#228;ngende Probleme handelt. Was jedoch angesichts fehlender Zeit an Ma&#223;nahmen folgen sollte, ist h&#246;chst strittig. Die Frage ist, wer die Definitionsmacht besitzt, welche AkteurInnen auf dem umk&#228;mpften Feld der Klimapolitik durch „&#252;berlegene Antworten auf die dr&#228;ngenden Probleme“ Hegemonie erringen k&#246;nnen. Ob Emissionshandel nun als eine dem Klimaproblem angemessene Antwort gilt, oder selbst als Zeitverschwendung gesehen wird, ist Teil des Kampfes. Dabei wird schnell deutlich, dass das Problem Klimawandel selbst Ausdruck von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen ist. Klimawandel ist also ein „Konfliktterrain, auf dem um die Problemdeutung und den ‚richtigen‘ Fahrplan zur Probleml&#246;sung gerungen wird.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Herrschende Formen der Problemdeutung und -bearbeitung</h3>
<p>Der L&#246;sungshorizont der Klimakrise ist aktuell klar abgesteckt: der Staat soll‘s richten, darin besteht weitgehender gesellschaftlicher Konsens. Die dominanten Strategien setzen vor allem auf eine „Effizienzrevolution“, auf „&#246;kologische Modernisierung“ und „Global Environmental Governance“. Klimapolitik hat sich so in den letzten Jahren zu einem der &#246;ffentlich pr&#228;sentesten Politikfelder entwickelt. Gegenw&#228;rtig ist festzustellen, dass der Klimadiskurs fast ausschlie&#223;lich von gesellschaftlichen Eliten gepr&#228;gt ist, abgesichtert durch NGOs, die sich vom „Sand im Getriebe“ zunehmend zu „&#214;l im Getriebe“ entwickelt haben.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zentrale Momente dieses Diskurses sind:</p>
<p><em>Stern-Report &amp; IPCC</em></p>
<p>In den vergangenen Jahren mehrten sich offizielle Studien, die die Bedeutung des Klimawandels hervorhoben. Dabei ist einerseits der IPCC-Report (<em>Intergovernmental Panel on Climate Change</em>) hervorzuheben, in dem sich die wissenschaftlich „unwiderlegbare“ Erkenntnis durchsetzte, dass der Klimawandel menschenverursacht ist. Andererseits ist der „Stern-Report“ von gro&#223;er Bedeutung, der im Oktober 2006 ver&#246;ffentlicht wurde.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Der Bericht befasst sich vor allem mit den finanziellen Kosten und &#246;konomischen Auswirkungen des Klimawandels. Stern berechnet darin, dass der Anstieg des Emissionsaussto&#223;es innerhalb der n&#228;chsten 15 Jahre gestoppt und danach um zwei Prozent pro Jahr gesenkt werden m&#252;sste. Dies w&#252;rde nach seinen Berechnungen ca. ein Prozent des globalen BIP kosten. W&#252;rden derartige Ma&#223;nahmen nicht gesetzt, entst&#252;nden Kosten in der H&#246;he von mindestens f&#252;nf Prozent des globalen BIP, die – f&#252;r die einzelnen L&#228;nder allerdings in unterschiedlichem Ausma&#223; – sogar auf bis zu zwanzig Prozent anwachsen k&#246;nnten. Die Schlussfolgerung legt nahe, dass sich Investitionen zum jetzigen Zeitpunkt um bis zu zwanzig mal st&#228;rker auswirken als zu sp&#228;teren Zeitpunkten. Der Bericht erregte gro&#223;e Aufmerksamkeit und trug wesentlich dazu bei, das Thema Klima in der &#246;ffentlichen Debatte zu verankern.</p>
<p><em>Kyoto-Protokoll</em></p>
<p>Auf internationaler Ebene ist v.a. das Kyoto-Protokoll zu einem Schl&#252;sselinstrument zur Bek&#228;mpfung des Klimawandels avanciert. In diesem Abkommen haben sich die Regierungen vor allem auf Anreizsysteme des Marktes festgelegt. Die wesentlichen Elemente sind dabei der Emissionshandel, der „Clean Development Mechanism“ (CDM) und „Joint Implementation“. Beim Emissionshandel k&#246;nnen Verschmutzungsrechte zugekauft werden, statt selbst Reduktionsma&#223;nahmen durchzuf&#252;hren. Der CDM erm&#246;glicht es Industriel&#228;ndern, in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsl&#228;ndern zu investieren und sich den positiven CO2-Effekt selbst anrechnen zu lassen. Joint Implementation bezeichnet einen &#228;hnlichen Mechanismus f&#252;r Transaktionen zwischen Industriel&#228;ndern. Eine wesentliche Kritik daran ist, dass mit der Inwertsetzung der Verschmutzungsrechte erst die direkte Verwertung der Atmosph&#228;re erm&#246;glicht wird. Weiters wird kritisiert, dass &#252;ber diese Mechanismen Nord-S&#252;d-Ungleichheiten festgeschrieben werden. Kyoto und sein Nachfolgeprozess, der im Dezember 2009 in Kopenhagen fixiert werden soll, versuchen nicht, das Klima zu sch&#252;tzen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu machen. Dabei geht es vor allem um die Schaffung neuer M&#228;rkte; laut Sch&#228;tzungen bel&#228;uft sich der Wert der M&#228;rkte f&#252;r „gr&#252;ne Technologien“ bis 2020 auf 2.200 Mrd. Euro.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><em>EU-Klimastrategie: Wettbewerbsf&#228;higkeit &amp; Sicherheitspolitik</em></p>
<p>Die „20 und 20 bis 2020“-Strategie der EU, das neue Klima- und Energiepaket, setzt auf eine „klimafreundliche“ Politik, die als wesentlicher Motor f&#252;r Wachstum, Besch&#228;ftigung und wirtschaftliche Transformation angesehen wird.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die EU reklamiert in dieser Strategie eine ehrgeizige globale Vorreiterrolle, die letztlich – weil ja klimafreundlich – der ganzen Welt zugute kommen w&#252;rde. Gleichzeitig wird diese Strategie in das Ziel einer wachstumsbasierten und konkurrenzf&#228;higen Wirtschaft eingef&#252;gt. Die Vorreiterrolle birgt auch Wettbewerbsvorteile in sich, es gilt, Patente auf Technologien zu sichern. Einerseits geht es also um technologische Innovationen, andererseits um die Ausweitung von marktbasierten Instrumenten zur Emissionsreduzierung. Gleichzeitig wird jedoch – neben der Wettbewerbslogik und der Technologiegl&#228;ubigkeit – der Zugriff auf strategische Ressourcen der Entwicklungsl&#228;nder als wesentliches Ziel formuliert. Sollten dabei unvorhergesehene „Probleme“ auftreten (Migrationsdruck, Lieferausf&#228;lle, Instabilit&#228;ten in „fragilen Staaten“, Verknappungen), so werden in der Strategie auch „sicherheitspolitische“ Ma&#223;nahmen nicht ausgeschlossen. „Klimaschutz“ und die Militarisierung der EU werden so auf perfide Weise verkn&#252;pft. „Die Ziele entschlossener Energie-, Klima- und Sicherheitspolitik und damit verbunden die Entwicklung einer auf Wachstum zielenden und konkurrenzf&#228;higen Wirtschaftszone sind aus Sicht der EU keine Widerspr&#252;che – vielmehr werden die Ziele strategisch unter dem Primat der &#214;konomie integriert. (…) So schafft die EU-Kommission die Grundlagen f&#252;r einen Klima-Kapitalismus, ohne die Vorz&#252;ge eines fossilen kapitalistischen Gesellschaftssystems aufgeben zu m&#252;ssen.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a></p>
<p><em>Gr&#252;ner Kapitalismus &amp; „Green New Deal“?</em></p>
<p>In der aktuellen Diskussion um den Zusammenhang zwischen Finanz- und &#246;kologischer Krise und die Zukunft des neoliberalen Kapitalismus wird vermehrt ein „Green New Deal“ als m&#246;gliches Projekt angef&#252;hrt – in Analogie zum „New Deal“ in der Entstehungsphase des Fordismus. Damals sah sich der Kapitalismus der Gefahr einer starken ArbeiterInnenbewegung gegen&#252;ber. &#220;ber den fordistischen Wohlfahrtsstaat konnte diese integriert werden, wodurch eine neue stabile Wachstumsphase eingeleitet wurde. Heute ist der Kapitalismus mit der &#246;kologischen Krise sowie der Finanzkrise konfrontiert. Als „Green New Deal“ wird nun die M&#246;glichkeit einer neuen gr&#252;nen, &#246;kologisch orientierten Kapitalinnovationsstrategie diskutiert, &#252;ber die eine neue stabile Wachstumsphase eingeleitet werden k&#246;nnte. Entsprechend wird ein neues internationales Programm f&#252;r massive Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz wie auch in die Bildung gefordert. Das w&#252;rde Millionen neuer Jobs schaffen, den Klimawandel bek&#228;mpfen und die Wirtschaftskrise abmildern.</p>
<p>Von Obama &#252;ber bestimmte Kapitalfraktionen bis zu den Gr&#252;nen und linkskeynesianischen Intellektuellen beziehen sich viele Akteure auf einen „Green New Deal“ und fordern einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ entlang dieser Idee.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Auch in der Weltbank l&#228;sst sich in den letzten Jahren eine Umorientierung in diese Richtung erkennen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Mit einem „Green New Deal“ sollen durch die &#246;kologische Modernisierung von Schl&#252;sselsektoren (Energie, Automobilindustrie, „Life Sciences“ etc.) neue Gewinne erzielt werden: Erneuerbare Energien, Gen- und Biotechnologie („Life Sciences Industry“) und &#246;kologisch modernisierte, „effizienzrevolutionierte“ Produktionsmethoden und Produkte (z.B. das 3-Liter- Auto) w&#228;ren elementarer Bestandteil solcher Strategien. Die Bedeutung geistiger Eigentumsrechte w&#252;rde dabei ebenso zunehmen wie jene der neuen M&#228;rkte f&#252;r Emissionszertifikate. So k&#246;nnte sich das auf den Finanzm&#228;rkten &#252;berakkumulierte Kapital neue Anlagesph&#228;ren erschlie&#223;en und die Krise – zumindest f&#252;r einen bestimmten Zeitraum – &#252;berwunden werden. F&#252;r ein solches Projekt kommt der Kyoto- Nachfolgekonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 ein entscheidender Stellenwert zu. Hier k&#246;nnte ein „Green New Deal“ eingeleitet werden, der – so die These – angesichts des zunehmend diskreditierten neoliberalen Kapitalismus in der Lage w&#228;re, neuen Konsens zu stiften und die aktive und passive Zustimmung zu einem neuen Akkumulationsregime zu organisieren.</p>
<p>Obwohl es gewisse Tendenzen in Richtung eines „Green New Deal“ gibt, h&#228;ngt dessen tats&#228;chliche Durchsetzung einerseits von der weiteren Entwicklung der Finanzkrise sowie andererseits von der Durchsetzungsf&#228;higkeit jener Kapitalfraktionen ab, deren Interessen dadurch gef&#228;hrdet w&#228;ren. Und nicht zuletzt ist auch die Dynamik von sozialen K&#228;mpfen zu betonen.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Gleichzeitig gibt es starke Argumente gegen einen „Green New Deal“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, da dieser nicht imstande ist, die zugrunde liegenden Probleme der &#246;kologischen Krise zu l&#246;sen. Vielmehr w&#252;rden gerade die Verursacher der Krise profitieren, wodurch sich diese nur versch&#228;rfen w&#252;rde. So stellen mittlerweile die mit den „L&#246;sungen“ einhergehenden Ma&#223;nahmen zunehmend eine gr&#246;&#223;ere Bedrohung f&#252;r die Betroffenen dar als der Klimawandel selbst (Agrartreibstoffe sind ein pr&#228;gnantes Beispiel daf&#252;r, vgl. das Interview mit Camila Moreno in diesem Heft). Versch&#228;rfte soziale Konflikte sind deshalb absehbar. Diese erfordern einen autorit&#228;ren „gr&#252;n-kapitalistischen“ Staat, der wahrscheinlich massive Probleme h&#228;tte, Konsens f&#252;r einen breit getragenen, zustimmungsf&#228;higen „Green New Deal“ zu sichern. Zugleich beweisen auch die bereits implementierten Politiken, z.B. das Kyoto-Protokoll, seit Jahren ihre Wirkungslosigkeit. Und ein weiteres, &#228;u&#223;erst gewichtiges Argument ist hier anzuf&#252;hren: Peak Oil.</p>
<p><em>Peak Oil</em></p>
<p>Erd&#246;l ist der zentrale Rohstoff der modernen Industriegesellschaft – und er geht zur Neige. Die fossilen Stoffe decken heute rund 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs und sind zentrale Grundlage der Wirtschaft insgesamt. Exner und andere argumentieren: „Ein angeblich ‚&#246;kologischer‘ Umbau des Kapitalismus ist nur m&#246;glich, wenn es Profit und Wachstum gibt. Doch wird f&#228;lschlich angenommen, dass das Kapital von selbst auf die ‚Erneuerbaren’ switcht, wenn die Preise der ‚Fossilen’ steigen. Demgegen&#252;ber wird nun sichtbar, dass mit steigenden Energiepreisen alle Preise steigen. Die ‚Erneuerbaren’ werden nicht von selbst attraktiv, und in einer allgemeinen Rezession verschwinden auch die investiven Mittel f&#252;r den ‚&#246;kologischen’ Umbau.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Sie verweisen dar&#252;ber hinaus auch auf die tief in kapitalistischen Gesellschaften verankerte Abh&#228;ngigkeit vom Erd&#246;l und die gerade dadurch zunehmend schwindende stofflich-energetische M&#246;glichkeit eines Umbaus bei gleichzeitiger Gew&#228;hrleistung von Wachstum und Profit. Die Krise reicht so bis an die Basis des Kapitalismus selbst, es ist alles andere als klar, wie in Zukunft Wachstum und die energetische Versorgung des Kapitalismus gew&#228;hrleistet sein sollen. <em>Peak Oil</em> wird zum Epochenbruch f&#252;hren, so die starke These. Auch Elmar Altvater konstatiert das „Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“. Dabei ist Klimawandel f&#252;r Altvater eng mit der Entstehung des „fossilistischen Kapitalismus“ verkn&#252;pft. Dieser ist durch die „historisch einmalige ‚Dreifaltigkeit’ von europ&#228;ischer Rationalit&#228;t, die in der modernen Industrie materielle Gestalt annimmt, den fossilen Energietr&#228;gern, die ihr Treibstoff sind, und der kapitalistischen Gesellschaftsformation mit ihrer durch Profit und Konkurrenz stimulierten Dynamik“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> gekennzeichnet. Altvater sieht im &#220;bergang zur „solaren Gesellschaft“ die m&#246;gliche Alternative.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Insgesamt ist die Frage, ob nun ein „Green New Deal“ oder ein „grundlegender Epochenbruch“ zu erwarten ist, auch in der Linken h&#246;chst umstritten. Festzuhalten ist aber, dass die Br&#252;chigkeit der gegenw&#228;rtigen Konstellation historisch neue Chancen f&#252;r linke Interventionen er&#246;ffnet.</p>
<h3>Perspektiven linker Klimapolitik</h3>
<p>Die Debatten und Aktivit&#228;ten um „die“ &#246;kologische Krise und insbesondere das Thema Klimawandel haben in den letzten Jahren in der Linken zugenommen. Ausgangspunkt war f&#252;r viele an den G8-Protesten in Heiligendamm beteiligte Bewegungsspektren das Ziel, die „K-Frage“ nach Krise, Krieg, Klimawandel und Kapitalismus offensiv zu stellen. Dies bedeutet, Zusammenh&#228;nge herzustellen, Themen zu verkn&#252;pfen und die verschiedenen K&#228;mpfe, in denen die radikale Linke involviert ist, zu verbinden. Dabei wird immer deutlicher, dass „Klimawandel“ eine geeignete inhaltlich-politische Klammer sein k&#246;nnte, um viele Linke zu vereinen. „Ziel ist es nicht, auf den fahrenden Zug der Eliten aufzuspringen und lediglich die drohende Apokalypse an die Wand zu malen (um dann mit Angst Politik zu machen), sondern im Klimawandel einen weiteren, nicht zu untersch&#228;tzenden Ausdruck der kapitalistischen Systemlogik zu identifizieren und anzuprangern.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> An welchen Punkten treffen also Klimawandel und Kapitalismus aufeinander? Olaf Bernau bringt den Zusammenhang folgenderma&#223;en auf den Punkt: „Klimawandel und Kapitalismus sind auf das Allerengste verzahnt: Erstens &#252;ber das auf fossilen Brennstoffen basierende Energiesystem, zweitens &#252;ber das absolute Warenlevel (Stichwort: &#220;berproduktion und -konsumption), drittens &#252;ber die Zunahme weltweiter Logistik-Dienstleistungen – nicht nur durch wachsende Handelsraten, sondern auchals Folge dezentral organisierter Produktionsketten, viertens &#252;ber die zunehmende, durch brutale Konkurrenz erzwungene Industrialisierung der Landwirtschaft und f&#252;nftens &#252;ber ein im Laufe der b&#252;rgerlichen Gesellschaft herausgebildetes Naturverst&#228;ndnis, wonach Natur wahlweise verdinglicht, monetarisiert oder zum Ressourcen-Steinbruch erkl&#228;rt, nicht jedoch in ihrer systemischen Eigenlogik ernst genommen wurde.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Eine linke Strategie w&#252;rde grunds&#228;tzlich erfordern, in die Konstitution eines neuen, gr&#252;nen Kapitalismus (Stichwort: Kopenhagen 2009) zu intervenieren und R&#228;ume f&#252;r emanzipatorische Alternativen zu &#246;ffnen, indem die Widerspr&#252;che eines derartigen Projekts verdeutlicht und gesellschaftlich zur Sprache gebracht werden. Die Rolle der Linken besteht dabei <em>erstens </em>darin, die &#246;kologische Frage um ihre sozialen Dimensionen zu erweitern und diesen Zusammenhang jeweils konkret zu benennen. <em>Zweitens </em>geht es darum, auf den zentralen Stellenwert der kapitalistischen Produktions- und Konsumtionsweise als wesentliche Krisenursache zu verweisen und hier neuralgische Punkte zu identifizieren. Linke Klimapolitik erschlie&#223;t sich nicht in effektiver technologisch-technokratischer Bearbeitung eines aus dem Lot geratenen &#214;kosystems, sondern stellt kapitalistische Gesellschaft als solche in Frage. Soziale Herrschaftsverh&#228;ltnisse treten dann im Kern hervor, gleichzeitig stehen Fragen gesellschaftlicher Naturverh&#228;ltnisse und Naturbeherrschung mit auf der Agenda.</p>
<p>&#220;ber die Thematisierung dieser Zusammenh&#228;nge k&#246;nnte das Thema Klimawandel die M&#246;glichkeit bieten, politisch zu intervenieren, die K&#228;mpfe zu verbreitern und internationalistische Perspektiven zu verst&#228;rken. Alle diese Vorhaben und Anspr&#252;che stehen erst am Anfang. Die radikale Linke befindet sich selbst noch im Suchprozess nach konkreten Ansatzpunkten. Im Folgenden sollen hierzu – in aller Vorl&#228;ufigkeit – einige Thesen formuliert werden. Es wird Aufgabe weiterer, vertiefender Diskussionen sein, diese zu konkretisieren. Zentral w&#228;re <em>erstens</em>, an konkreten lokalen Konfliktkonstellationen (vom Widerstand gegen ein Stra&#223;enbauprojekt bis zu Protesten gegen den Bau eines neuen Kohlekraftwerks) anzukn&#252;pfen und diese mit gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen und Fragen zu verbinden. Klimawandel findet in vielen lokalen Auseinandersetzungen und in den Alltags- und Lebensverh&#228;ltnissen der Menschen seinen Ausdruck und versch&#228;rft Konflikte in Bereichen wie z.B. Migration, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Ern&#228;hrung, Biodiversit&#228;t, Wasser oder Gesundheit. Klimapolitik ist also immer zugleich umfassende Gesellschaftspolitik.</p>
<p><em>Zweitens</em> geht es darum, konkret bei den VerursacherInnen der Krise anzusetzen (z.B. in den Bereichen Energie, Verkehr, industrielle Landwirtschaft) und zu beginnen, diese offensiv zum Thema zu machen. Dadurch k&#246;nnten R&#228;ume f&#252;r eine antikapitalistische Politik – einschlie&#223;lich grundlegender Wachstumskritik – ge&#246;ffnet werden.</p>
<p><em>Drittens </em>m&#252;ssen dem Gerede der selbsternannten KlimaretterInnen unbequeme Fragen entgegengehalten werden. Dies w&#228;re in die jeweils laufende politische Arbeit zu integrieren. Es ginge dabei um die Neudefinition des Begriffs „Klimawandel“, in Richtung einer Erweiterung auf die bestehenden sozialen Verh&#228;ltnisse.</p>
<p><em>Viertens</em> geht es um verst&#228;rkte Allianzen und Kontakte mit sozialen Bewegungen des Globalen S&#252;dens. Erst durch diese wird emanzipatorische Praxis m&#246;glich: „Von ihrer Seite muss formuliert werden, welche Forderungen sich aus den rassistischen Aspekten des Klimawandels ableiten.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></p>
<p><em>F&#252;nftens</em> w&#228;re gleichzeitig der Bezug zu den globalen Klima-Gro&#223;ereignissen (Kopenhagen, G8, etc.) herzustellen, ohne in ein blo&#223;es „Gipfel-Hopping“ ohne lokale kontinuierliche Verankerung zu verfallen.</p>
<p><em>Sechstens </em>w&#228;ren in der Diskussion um Alternativen die Inhalte mit Fragen von Demokratisierung, globaler Bewegungsfreiheit, der Verf&#252;gung &#252;ber Land und Eigentum, Globalen Sozialen Rechten und dem „guten Leben“ zu verkn&#252;pfen.</p>
<p>Das „alarmistisch-moralisierende Gerede“ von oben eignet sich sehr gut f&#252;r Werbung und pers&#246;nliche Profilierung von PolitikerInnen – solange keine Taten folgen m&#252;ssen, die den gesellschaftlichen Eliten und den f&#252;hrenden Konzernen wehtun. In dieser Konstellation w&#252;rden durchaus M&#246;glichkeiten bestehen, die Kluft zwischen Klima-Rhetorik und tats&#228;chlichen Taten herauszustreichen und durch linke Interventionen zu politisieren: „[W]ir halten eine unabh&#228;ngige politische Mobilisierung von unten (…) f&#252;r notwendig, und sogar f&#252;r eine politische Chance, die wir nicht von vornherein vertun sollten. Denn wenn uns eine gewisse Mobilisierung von unten her gelingt, sollte uns die vordergr&#252;ndige Popularit&#228;t des Themas letztlich mehr nutzen als schaden.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<h3>Klimacamp und radikale Klimapolitik</h3>
<p>Abschlie&#223;end soll exemplarisch dargestellt werden, wie eine radikale Klimapolitik in Konturen aussehen k&#246;nnte. Dabei wollen wir uns auf das Klima- und Antirassismuscamp im August 2008 in Hamburg beziehen. Dieses war ein erster gro&#223;er Kulminationspunkt f&#252;r eine neue Klimabewegung und erhob den Anspruch, der herrschenden „Klimaschutzpolitik“ radikale kapitalismuskritische Positionen entgegenzusetzen, Impulse f&#252;r eine neue Klimabewegung zu liefern und von hier aus in konkrete Konflikte zu intervenieren. Dieser Anspruch konnte – zumindest ansatzweise – verwirklicht werden. &#220;ber verschiedenste Aktionen, Besetzungen und Demonstrationen konnten Inhalte auf die Stra&#223;e getragen und gleichzeitig  Spektren&#252;bergreifend verkn&#252;pft werden. Die Aktionsformen reichten dementsprechend von einer Supermarktblockade &#252;ber die Blockade des weltgr&#246;&#223;ten Agrartreibstoff-Werks des Konzerns ADM und eine Flughafenblockade („Fluten 3.0“) bis hin zur Besetzung der Baustelle eines neuen Kohlekraftwerks.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Begleitet wurde dies von Veranstaltungen, Workshops und intensiven Debatten am Camp selbst. Insgesamt war das Camp eine &#228;u&#223;erst vielversprechende und produktive Form linksradikaler Vernetzung und Intervention. Die Supermarktblockade wollen wir dabei exemplarisch hervorheben: „Hier sollte der Supermarkt als materieller Kulminationspunkt einer Reihe von Themen dienen: der Impact von Supermarktpolitiken auf die Zerst&#246;rung klein strukturierter und die Etablierung industrieller Landwirtschaft, Umwelt- und Klimafragen entlang des gesamten Produktionsprozesses, Zusammenh&#228;nge von Industrialisierungsprozessen und Migration, von Rassismus und Arbeitsrecht, von Armut und dem Recht auf gute Nahrung. So wurde nicht nur &#246;ffentlichkeitswirksam und auf kreative Weise eine Plattform f&#252;r Forderungen geschaffen, sondern auch innerhalb der linken Bewegung ein Punkt gesetzt, von dem aus Diskussionsprozesse beginnen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Die vielen K&#228;mpfe entlang der Wertsch&#246;pfungskette konnten so konkret und anschaulich verkn&#252;pft werden. Auf dieser Basis k&#246;nnen neue spektren&#252;bergreifende Allianzen und Perspektiven entstehen.</p>
<p>Abschlie&#223;end ist festzuhalten, dass enorm viele offene Fragen und Herausforderungen existieren. Diese Themen werden uns noch lange begleiten – wir stehen erst am Anfang. Durch die Klimafrage er&#246;ffnen sich neue Perspektiven und Chancen, die „K-Frage“ offensiv auf die Agenda zu setzen. 2009 bietet daf&#252;r einige M&#246;glichkeiten: Die NATO-Proteste in Strassburg k&#246;nnten aufgegriffen und (auch) mit klimapolitischen Fragen verkn&#252;pft werden, etwa anhand der gegenw&#228;rtigen und zuk&#252;nftigen Rolle der NATO in der milit&#228;rischen Absicherung des fossilistischen Kapitalismus. Und im Dezember 2009 findet sich in Kopenhagen die internationale klimapolitische Elite zusammen. Bereits jetzt zeichnet sich eine breite, sich radikalisierende Gegenmobilisierung ab. In diesem Sinne: Forget Kyoto! Shut down Kopenhagen!</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz: Global Governance. Herausforderungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Policy Paper 2 der Stiftung Entwicklung und Frieden (Bonn 1996)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change: Climate Change 2007: Synthesis Report<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Brunnengr&#228;ber, Achim: Umwelt- oder Gesellschaftskrise? Zur politischen &#214;konomie des Klimas; in: Brand, Ulrich/ G&#246;rg, Christoph: Mythen globalen Umweltmanagements (M&#252;nster 2002)<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Beispielhaft sei hier die Einbindung von Entwicklungs-NGOs erw&#228;hnt. Diese k&#246;nnen sich neue Finanzierungsquellen &#252;ber die Beteiligung an sog. „nachhaltigen Projekten“ sichern. Ein anderes Beispiel w&#228;re die Unterst&#252;tzung von Umwelt-NGOs f&#252;r „Nachhaltigkeitszertifikate“ in der Werbung.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Stern, Nicholas: The Economics of Climate Change: The Stern Review. Summary of Conclusions (2006)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Bundesministerium f&#252;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Umweltwirtschaftsbericht 2009, S. 86, http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/umweltwirtschaftsbericht_2009.pdf. F&#252;r weiterf&#252;hrende Kritik am Kyoto-Protokoll vgl. Brunnengr&#228;ber, a.a.O. sowie Altvater, Elmar/ Brunnengr&#228;ber, Achim (Hg.): Ablasshandel gegen Klimwandel? (Hamburg 2008)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> EU-Kommission: Mitteilung der Kommission: 20 und 20 bis 2020. Chancen Europas im Klimawandel. KOM(2008) 30 (Br&#252;ssel 2008)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brunnengr&#228;ber, Achim/ Dietz, Kristina/ Wolf, Simon: Klima-Kapitalismus der EU. Klimaschutz als Wettbewerbspolitik; in: <em>Widerspruch </em>54 (2008), S. 50<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Siehe die Zusammenstellung „Green New Deal?“ unter http://www.labournet.de/news/2009/donnerstag1501.html<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Goldman, Michael: Imperial Nature. The World Bank and Struggles for Social Justice in the Age of Globalization (New Haven/London 2005)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Karl Heinz Roth verweist in diesem Zusammenhang auf die entscheidende Rolle Chinas: Es wird zu einem Zyklus neuer K&#228;mpfe kommen; in: <em>analyse &amp; kritik</em> 534 (2008)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> M&#252;ller, Tadzio/ Passadakis, Alexis: 20 Thesen gegen gr&#252;nen Kapitalismus (2008), http://www.prager-fruehling-magazin.de/serveDocument.php?id=22&amp;file=0/2/87a.pdf<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Exner, Andreas/ Lauk, Christian/ Kulterer, Konstantin: Ressourcenkrise als Formationsbruch; in:<em> analyse &amp; kritik</em> 530 (2008)<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen (M&#252;nster 2007), S. 72<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Zur Kritik an dieser These vgl. Walkenhorst, Oliver: Stichwort „Klimapolitik“; in: Historisch-kritisches W&#246;rterbuch des Marxismus, Band 7/I (Berlin/Hamburg 2008), S. 1045<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> AntiRassismusB&#252;ro Bremen (2007): Warum Al Gore den Nobelpreis nicht verdient hat; in: BUKO (2008): Wie gr&#252;n sollen Linke sein? Reader, http://www.buko.info/fileadmin/user_upload/doc/reader/reader_naturverhaeltnis.pdf<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Bernau, Olaf: In der Diskursfalle; in: <em>analyse &amp; kritik</em> 532 (2008)<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> AntiRassismusB&#252;ro Bremen, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> http://www.klimacamp08.net/ bzw. http://camp08.antira.info/<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Behr, Dieter / Bolyos, Lisa (2008): Schlafende Riesen? Kritik des kritischen Konsums und Thesen zu Br&#252;chigkeiten in der Wertsch&#246;pfungskette; in: <em>Kurswechsel </em>3 (2008), S. 77f.</p>
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		<item>
		<title>Hintergr&#252;nde der Weltern&#228;hrungskrise</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:11:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Carlo Morelli </em>beleuchtet die Ursachen des Anstiegs der Lebensmittelpreise, die Auswirkungen des Klimawandels auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion und erkl&#228;rt, dass das grunds&#228;tzliche Problem in der nicht-nachhaltigen Organisation der industriellen Landwirtschaft liegt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Carlo Morelli </em>beleuchtet die Ursachen des Anstiegs der Lebensmittelpreise, die Auswirkungen des Klimawandels auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion und erkl&#228;rt, dass das grunds&#228;tzliche Problem in der nicht-nachhaltigen Organisation der industriellen Landwirtschaft liegt.<br />
<span id="more-278"></span><br />
„Die Aufhebung der Korngesetze in Gro&#223;britannien 1846 – der Vorg&#228;nger der modernen Lebensmittelpolitik – wurde von einer Zunahme der Unruhen innerhalb der anwachsenden St&#228;dte der industrialisierten Wirtschaft begleitet. 1848 explodierten diese Unruhen in eine Serie von Revolutionen quer durch Westeuropa.“</p>
<p>Nicht oft warnt die <em>Financial Times</em> vor einer bevorstehenden Revolution, falls die Regierungen nicht handeln, um die Folgen des ungehinderten Marktkapitalismus einzud&#228;mmen; aber genau das hat Alan Beattie im April 2008 argumentiert.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Die F&#252;hrer der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und der britische Premierminister Gordon Brown, um nur einige zu nennen, haben &#228;hnliche Stellungnahmen wiederholt. Sie haben allen Grund zu warnen. Allein im April 2008 ereigneten sich Hungerrevolten in Mexiko, Haiti, der Elfenbeink&#252;ste, Guinea, Senegal, Mauretanien, Marokko, &#196;gypten, Jemen, Mosambique, Indien und Indonesien. Kasachstan, Ukraine, Russland, China, Indien, Vietnam, Kambodscha und Argentinien haben Einschr&#228;nkungen f&#252;r Exporte eingef&#252;hrt. Selbst gro&#223;e US-Anbieter haben begonnen Reis zu rationieren. Schnell steigende Lebensmittelpreise destabilisieren gro&#223;e Teile der Welt, was das Leben von Milliarden Menschen beeinflusst. Die Grafik rechts zeigt, wie schnell die Lebensmittelpreise gestiegen sind, und der Preisanstieg wird wahrscheinlich anhalten. Die Ern&#228;hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) schreibt, dass die weltweiten Lebensmittelimporte im Jahr 2008 erstmals &#252;ber eine Billion Dollar betragen, eine Steigerung um 20 Prozent zum Vorjahr. Die Importkosten der &#228;rmsten L&#228;nder, diejenigen mit einem Lebensmitteldefizit, werden wahrscheinlich auf 169 Milliarden Dollar ansteigen, ein Anstieg um 40 Prozent. Und es ist „unwahrscheinlich, dass die Preise wieder auf den niedrigen Stand der Vorjahre sinken werden“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Lebensmittel-Preis-Index</strong><br />
Quelle: Food and Agriculture Organisation</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-279" title="119morelli1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/02/119morelli1.jpg" alt="119morelli1" width="392" height="257" /></p>
<h3>Gegenw&#228;rtige Ursachen</h3>
<p>Vier Hauptfaktoren verursachten die j&#252;ngsten Preissteigerungen:</p>
<p>• Zu wenig Regenf&#228;lle in Australien und zu viel Regen in Nordeuropa f&#252;hrten zu sinkenden Ernteertr&#228;gen. Dies deutet darauf hin, dass der Klimawandel einen Einfluss auf die geografische Verteilung der Lebensmittelproduktion hat.</p>
<p>• Der Gro&#223;teil der US-Maisernte wurde f&#252;r die Produktion von Biotreibstoffen verwendet, welche von Regierungssubventionen unterst&#252;tzt wird. Das allein ist verantwortlich f&#252;r ein Drittel des Anstiegs der Getreidepreise.</p>
<p>• Steigender Fleischkonsum der Mittelklasse in China und Indien lie&#223; die Nachfrage nach Getreide f&#252;r Tierfutter ansteigen.</p>
<p>• Jeder Anstieg der &#214;l- und Gaspreise erh&#246;ht auch die Landwirtschaftskosten, weil die Kosten des Transports, der Mechanisierung und der Pestizide und Stickstoffbasierten D&#252;ngemittel (welche mit energieintensiven Prozessen hergestellt werden) steigen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Unverm&#246;gen des Systems der weltweiten Lebensmittelproduktion, auf die gegenw&#228;rtigen Probleme zu reagieren, weist auf einen tieferen und l&#228;ngerfristigen Fehler im System hin. W&#228;hrend des 20. Jahrhunderts gab es immer einen &#220;berschuss an Lebensmitteln auf der ganzen Welt; Hungersn&#246;te resultierten aus falscher Verteilung, nicht aus mangelnder Produktion. Aber heute „sind die Getreidevorr&#228;te … auf einem 40-j&#228;hrigen Tiefstand, das entspricht gerade mal 15 bis 20 Prozent der j&#228;hrlichen Nachfrage“.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Das bedeutet, dass klimabedingte Ernteausf&#228;lle in einer Region katastrophal f&#252;r die ganze Welt werden k&#246;nnen. Wir haben nun ein Problem mit der Produktion und nicht nur mit der Verteilung. Das beginnt mit der Organisation des kapitalistischen Marktes.</p>
<h3>Wie der Markt die Lebensmittelversorgung bedroht</h3>
<p>Steigende Lebensmittelpreise waren ein explizites Ziel und kein unwillkommenes Nebenprodukt der Liberalisierungwelle der Agrarm&#228;rkte in den letzten zwei Jahrzehnten. Der IWF sch&#228;tzte 2006, dass die Importkosten f&#252;r Netto-Lebensmittelimporteure um „300 Millionen auf 1,25 Milliarden Dollar wachsen werden, abh&#228;ngig vom Grad der Liberalisierung“. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Die Weltbank erwartete, dass die vollst&#228;ndige Liberalisierung die internationalen Warenpreise durchschnittlich um 5,5 Prozent steigen lassen w&#252;rde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Ein Schl&#252;sselelement in den Strukturanpassungsprogrammen – welche durch den IWF seit den 1980ern in Entwicklungsl&#228;ndern durchgesetzt und vor kurzem in Armutsreduzierungsprogramme umbenannt wurden – war die Verlagerung der &#214;konomien der Entwicklungsl&#228;nder auf die Produktion von „cash crops“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> f&#252;r den Weltmarkt. Die Entwicklungsl&#228;nder k&#246;nnten die Einnahmen dann zum Kauf von anderen billigen Lebensmitteln verwenden und so den Lebensstandard ihrer Bev&#246;lkerungen erh&#246;hen.</p>
<p>Bis Ende der 1990er Jahre haben mehr als achtzig Entwicklungsl&#228;nder diese Programme implementiert.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Kaffee war ein solches „cash crop“. Im Jahr 2000 war es in mehr als achtzig L&#228;ndern verbreitet, bedeckte &#252;ber 100.000 Quadratkilometer Land mit einem Ertrag von 5,7 Millionen Tonnen pro Jahr.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dasselbe passierte etwa mit Tabak in Malawi, Orangen in Brasilien, Baumwolle in Burkina Faso und Schnittblumen und Gem&#252;se in Kenia. In jedem Fall ersetzte ein „cash crop“ in gro&#223;en Teilen des Landes die Lebensmittelgrundlage f&#252;r die &#246;rtliche Bev&#246;lkerung.</p>
<p>Die &#246;konomische Theorie der „komparativen Kostenvorteile“ untermauerte diesen Ansatz. „Wohlstandseffekte des Handels“ („gains from trade“) w&#252;rden entstehen, wenn jede &#214;konomie ihre Produktionsprozesse spezialisierte. Die Theorie ignoriert jedoch, wie der Markt tats&#228;chlich funktioniert. Joseph Stiglitz, fr&#252;herer Chef-&#214;konom der Weltbank, kritisierte den Ansatz des IWF als „auf der veralteten Ansicht basierend, dass der Markt von selbst zu effizienten Ergebnissen f&#252;hrt.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dominante Unternehmen sind in der Lage, ihre Marktmacht einzusetzen, um Gewinne auf Kosten schw&#228;cherer Akteure einzufahren. Eine M&#246;glichkeit daf&#252;r ist, die strikte Kontrolle &#252;ber die Lieferketten sicherzustellen. So kontrollierten Ende der 1990er Jahre sechs Firmen &#252;ber 84 Prozent von Kenias Gem&#252;seexport.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Die f&#252;nf gr&#246;&#223;ten Handelsketten in Gro&#223;-britannien geben strenge Liefertermine, gr&#246;&#223;ere Produktuniformit&#228;t und aufw&#228;ndigere Verpackungsformen vor – diese Bedingungen k&#246;nnen nur von gro&#223;en, kapitalintensiven Unternehmen erf&#252;llt werden. Diejenigen am unteren Ende der Lieferkette – die 15.000 KleinproduzentInnen, und unter ihnen die hunderten und tausenden Subsistenz-B&#228;uerInnen und landlosen ArbeiterInnen, die das Gem&#252;se f&#252;r den Export liefern – erhalten f&#252;r ihre Arbeit gerade mal genug Geld zum &#220;berleben. Kapitalistische Akkumulation in der weltweiten Lebensmittelindustrie beinhaltet die Ausweitung und Intensivierung der Ausbeutungsstrategien auf der ganzen Welt.</p>
<p>Die schnelle Ausweitung des Anbaus von „cash crops“ f&#252;hrte &#252;ber viele Jahre zu einem &#220;berangebot von Waren und starken Preisschwankungen, die haupts&#228;chlich die kleinen und mittleren Bauern und B&#228;uerinnen treffen. Die Kaffeeproduktion zum Beispiel wuchs in zwei Jahrzehnten bis 2004 doppelt so schnell wie der Konsum, und der Kaffeepreis fiel um zwei Drittel. &#196;hnliche Entwicklungen f&#252;hrten dazu, dass die Preise f&#252;r alle Landwirtschaftsexporte bis Ende der 1990er auf niedrigem Niveau blieben.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die M&#228;rkte f&#252;r „cash crops“ waren durch anarchische, unkoordinierte Investitionsmuster gekennzeichnet. Die Nutznie&#223;er sind Firmen, die am oberen Ende in der Lieferkette angesiedelt sind, und die den Angebotsmarkt beherrschen, die Preise diktieren und gro&#223;e Profite einfahren k&#246;nnen. Wal-Mart, Tesco, Nestlé, Monsanto und Starbucks zeigen, wie gut Verarmung f&#252;r das Gesch&#228;ft in den 1990ern war.</p>
<p>Schlie&#223;lich wurde erkannt, dass der Ansatz des IWF nicht zu Entwicklung f&#252;hrte, und die Abh&#228;ngigkeit der Entwicklungsl&#228;nder von Nahrungsmittelhilfen und Weltbankkrediten zugenommen hat, statt abzunehmen. Die Dominanz des <em>Big Business</em> stellte jedoch sicher, dass die Schuld auf die immer noch bestehenden Restriktionen des Agrarmarktes und nicht auf die Liberalisierungsma&#223;nahmen geschoben wurde. Das Resultat war das „&#220;bereinkommen zur Landwirtschaft“, welches aus den Verhandlungen der Uruguay-Runde des <em>General Agreement on Tariffs and Trade</em> (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen, GATT) im Jahr 1992, zusammen mit der Weltbank, entstanden ist. Darin wurde eine weitere Intensivierung des Prozesses der Marktliberalisierung durch die Reduzierung von Regierungssubventionen gefordert. Damit wurde beabsichtigt, dass die „Marktsignale“ noch st&#228;rker an die ProduzentInnen &#252;bertragen werden.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Eine Antwort auf die gegenw&#228;rtige Krise der Lebensmittelpreise ist die noch st&#228;rkere Marktliberalisierung. Es ist jedoch nicht die Unf&#228;higkeit der &#214;konomien der Entwicklungsl&#228;nder, auf die Marktsignale zu reagieren, sondern das Problem ist, dass der Markt selbst die Instabilit&#228;t erzeugt.</p>
<h3>Kapitalismus f&#252;hrt zu Armut</h3>
<p>Bisher haben wir gesehen, dass Handelsliberalisierung zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise f&#252;hren sollte und nicht dazu, sie zu senken. Ebenso sollten h&#246;here Investitionen der landwirtschaftlichen Gro&#223;betriebe gef&#246;rdert werden, sodass Gro&#223;produzenten den Hauptteil der „Wohlfahrtseffekte“ aus komparativen Vorteilen erhielten. Der Liberalisierungsansatz geht davon aus, dass die Zahl der l&#228;ndlichen Armen nur reduziert werden kann, indem man sie aus der Landwirtschaft in die st&#228;dtische Produktion transferiert. Das tats&#228;chliche Ziel war also die Zerst&#246;rung der l&#228;ndlichen Communities und die Entwicklung von gro&#223;industrieller Landwirtschaft. Im Bericht der Weltbank &#252;ber die „Landwirtschaft f&#252;r Entwicklung“ hei&#223;t es: „Landwirtschaftliches Wachstum war der Vorl&#228;ufer der industriellen Revolution, die sich in den gem&#228;&#223;igten Zonen von England Mitte des 18. Jahrhunderts bis Japan im sp&#228;ten 19. Jahrhundert verbreitete. Ebenso war das schnelle Wachstum der Landwirtschaft in China, Indien und Vietnam in der j&#252;ngeren Vergangenheit der Vorl&#228;ufer f&#252;r den dortigen Aufbau der Industrie.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Demnach setzte die Industrielle Revolution die Vertreibung der Menschen vom Land voraus – durch die Einhegungen in England und Schottland. Genauso werden die landlosen ArbeiterInnen, Klein- und Subsistenzbauern und -b&#228;uerinnen in den Entwicklungsl&#228;ndern als Hindernis f&#252;r die &#246;konomische Entwicklung des globalen S&#252;dens gesehen. Sch&#228;tzungen durch die UN im Jahr 2000 wiesen darauf hin, dass durch die Liberalisierungsma&#223;nahmen zwischen 20 und 30 Millionen Menschen l&#228;ndliche Gebiete verlassen haben.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Entwicklung hei&#223;t offenbar im engen kapitalistischen Rahmen der Ausbeutung von Lohnarbeit die Verarmung des Gro&#223;teils der Bev&#246;lkerung, und dass eine kleine Minderheit von der extremen Polarisierung des Reichtums profitiert. Solch ein System ignoriert die Nachhaltigkeit sowohl in Hinblick auf die globalen Ressourcen als auch die Auswirkungen auf die Armen der Welt.</p>
<p>Sogar innerhalb der Logik des Kapitalismus liegt der prim&#228;re Grund f&#252;r den Misserfolg der Entwicklungsl&#228;nder nicht in der Struktur der landwirtschaftlichen F&#246;rderung und Unterst&#252;tzung, sondern bei der Begrenzung des Exports der Entwicklungsl&#228;nder in die entwickelten L&#228;nder. In der EU und den USA hat diese Art der Subventionierung noch gr&#246;&#223;ere Bedeutung. Hier werden die Gro&#223;produzenten seit mehr als einem halben Jahrhundert gef&#246;rdert; direkte Zahlungen an die Landwirtschaft erreichten im Jahr 2003 235 Milliarden Dollar.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Der landwirtschaftliche Sektor in den entwickelten L&#228;ndern wird seitdem die Entwicklungsl&#228;nder zu mehr Liberalisierung gezwungen wurden nicht weniger, sondern noch st&#228;rker subventioniert.</p>
<p>Auch dort, wo die Entwicklungsl&#228;nder ihren Anteil am Handel beibehalten konnten, wurde die Armut nicht verringert. Von 1990 bis 2005 – ein Zeitraum in dem der Welthandel um ca. 200 Prozent gestiegen ist – konnten L&#228;nder mit niedrigem Einkommen ihren Anteil am Export von landwirtschaftlichen Produkten bei 15 Prozent halten. Selbst Afrika, der Kontinent, dessen &#246;konomische Entwicklung weit hinter den meisten Entwicklungsl&#228;ndern zur&#252;ckgefallen ist, konnte seinen Anteil von 3,4 Prozent am Weltexport halten. W&#228;hrend sich aber die Exporte der Entwicklungsl&#228;nder von Fleischprodukten, Gem&#252;se und &#214;lsaat mehr als verdreifacht haben, ist der heimische Konsum von Grundnahrungsmitteln seit den 1980ern ann&#228;hernd gleich geblieben und der Lebensmittelimport von 7 auf 11 Prozent des Welthandels gestiegen, sodass die Entwicklungsl&#228;nder ein Abladeplatz gest&#252;tzter Exporte der Industriel&#228;nder geworden sind.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Ern&#228;hrungssicherheit, die F&#228;higkeit der Regierungen, die heimische Produktion von Grundnahrungsmittel zu sch&#252;tzen, ist kontinuierlich ausgeh&#246;hlt worden, sodass die Armen der Welt den Schwankungen der Lebensmittelpreise immer st&#228;rker ausgesetzt wurden. Das Problem des Lebensmittelmarktes ist nicht, dass die Marktsignale nicht auf die Entwicklungsl&#228;nder durchschlagen, sondern die unkontrollierbaren Ergebnisse dieser Signale. Marktsignale stellen Informationen &#252;ber die gegenw&#228;rtigen Preise bereit, aber sie bieten keinen Mechanismus zur Koordination und Planung f&#252;r die Zukunft. Als die Lebensmittelpreise niedrig waren, gab es so gut wie keine Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r kleine und mittlere Bauern und B&#228;uerinnen, die die Grundlage der Lebensmittelversorgung in den meisten Entwicklungsl&#228;ndern sichern. Die Ausweitung der Marktmechanismen bedeutet, dass Bauern und B&#228;uerinnen selbst abh&#228;ngig davon werden, bestimmte Lebensmittel zu kaufen. Zus&#228;tzlich m&#252;ssen sie auch mehr f&#252;r landwirtschaftliche Produktionsmittel bezahlen – D&#252;ngemittel, Pestizide und Kraftstoffe: „Als sich der Preis von Reis in den letzten Monaten verdoppelte, hatten die meisten Farmer nur wenig davon – selbst in Vietnam, dem zweitgr&#246;&#223;ten Reisexporteur der Welt. Ihre Einnahmen sind gewachsen, aber ebenso die Kosten – vor allem f&#252;r D&#252;ngemittel, derem Preis eng an die Energiepreise gebunden ist. Kraftstoffe, die ben&#246;tigt werden um Wasser in die Reisfelder zu pumpen und ihre Ernte zu transportieren, sind ein weiterer schnell wachsender Kostenfaktor. In Gespr&#228;chen in ganz Vietnam berichten Bauern und B&#228;uerinnen ausnahmslos, dass sich ihre Kosten seit dem letzten Jahr verdoppelt haben, was eine Einkommenssteigerung trotz der ansteigenden Preise f&#252;r Reis auf den heimischen und den Weltm&#228;rkten unm&#246;glich machte.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Unabh&#228;ngig davon, ob Lebensmittelpreise hoch oder niedrig sind, die Millionen Kleinbauern und -b&#228;uerinnen der Welt sind dazu verdammt, unter dem jetzigen System zu leiden.</p>
<h3>Spekulation und Preise</h3>
<p>Das Leiden sowohl der Kleinbauern und -b&#228;uerinnen als auch derjenigen, die von ihren Produkten abh&#228;ngig sind, wird durch einen weiteren Faktor versch&#228;rft: die Spekulation. Warenm&#228;rkte f&#252;r Lebensmittel funktionieren jetzt genauso wie andere M&#228;rkte. Jede Warengruppe hat B&#246;rsen f&#252;r Termingesch&#228;fte (<em>futures, hedging, price guarantees</em>). Zwischenh&#228;ndlerInnen, gro&#223;e Handelskonzerne und Firmen nutzen Prognosen, um Risiken zu minimieren; dadurch glaubt man, einen Mechanismus zur Stabilisierung der Preise gefunden zu haben. Aber Warenb&#246;rsen tun noch einiges mehr: sie bef&#246;rdern Spekulationen st&#228;rker als produktive Investitionen. Spekulation beruht auf der F&#228;higkeit, Markttrends zu erkennen und kurzfristige K&#228;ufe und Verk&#228;ufe zu nutzen um in bestimmten M&#228;rkten zu bestimmten Zeitpunkten hohe Renditen zu erzielen. Diese spekulativen Investitionen k&#246;nnen hochgradig destabilisierende Effekte auf die M&#228;rkte haben. Der Zusammenbruch der „dotcom“-Spekulationsblase, und sp&#228;ter der Immobilien- und Banken-Spekulationsblasen, haben die M&#246;glichkeiten f&#252;r spekulative Investitionen auf kurzfristigen M&#228;rkten drastisch eingeschr&#228;nkt. Man richtete die Aufmerksamkeit auf Warenm&#228;rkte – Lebensmittel eingeschlossen – um zuk&#252;nftige Lieferungen zu kaufen, in der Annahme, dass deren Preise mit Sicherheit steigen w&#252;rden; und genau dadurch werden die Preise weiter nach oben getrieben. Die<em> Financial Times </em>berichtete: „Institutionelle und private Investitionen in Waren sind nach oben geschossen – angelockt durch Recherchen, die zeigen, dass Waren den Wertpapierbestand diversifizieren k&#246;nnen; und durch „performing-chasing“ [Jagd nach der besten Wertentwicklung] flie&#223;t Geld in Sektoren, die Geld machen. Laut dem Unternehmensberater Philip Verleger hat sich die H&#246;he der Investionen auf diesem Wege verf&#252;nffacht – auf ungef&#228;hr 250 Milliarden Dollar in nur drei Jahren.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<p>„Der Umfang der Spekulationen ist steil angestiegen. Seit 2003, so Stanley Morgan, sind Getreide-Termingesch&#228;fte von 500.000 auf knapp 2,5 Millionen Vertr&#228;ge gestiegen … Mehr spekulatives Geld wird hineinflie&#223;en und wird dadurch selbst eine gr&#246;&#223;ere Rolle beim Preisanstieg spielen. Und – nat&#252;rlich – mehr Menschen in den &#228;rmsten L&#228;ndern werden hungern.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p>Laut IWF sind Spekulationen zwar nicht die Ursache des Preisanstiegs, aber sobald die Preise steigen, flie&#223;en spekulative Investitionen in den Markt.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Wie neuartig diese Spekulation ist, kann an nachstehender Tabelle abgelesen werden:</p>
<p><strong>Tab. 1: ausgew&#228;hlte Warenpreise (2005 = 100%)</strong><br />
Quelle: IWF</p>
<p>W&#228;hrend sich die Preise aller Rohstoffe zwischen 1998 und 2005 verdoppelten, stiegen die Lebensmittelpreise nur unwesentlich von 92 auf 100 Prozent; aber seit 2005 steigen die Preise sehr viel schneller als zuvor. Doch die verheerenden Auswirkungen der Spekulation sind nur in Zusammenhang mit den tiefer greifenden Ver&#228;nderungen des Weltern&#228;hrungssystems zu verstehen.</p>
<h3>Horror-Szenarien</h3>
<p>Wenn die gegenw&#228;rtige Lebensmittelkrise durch die Unkontrollierbarkeit der Marktmechanismen verursacht ist, wie sehen dann die langfristigen Perspektiven aus?</p>
<p>Es gibt zwei weit verbreitete Ansichten. Die eine ist, dass der derzeitige Anstieg der Lebensmittelpreise mit dem letzten gro&#223;en Anstieg von 1972/73 vergleichbar ist. Damals fiel ein pl&#246;tzlicher Anstieg der Nachfrage f&#252;r Getreide aufgrund eines kurzen weltweiten Booms mit dem Eintritt der UdSSR in den Getreideweltmarkt wegen eigener Ernteengp&#228;sse zusammen. Die steigenden Lebensmittelpreise trugen zur weltweiten Inflation bei, ebbten aber in den sp&#228;ten 1970er Jahren ab und fielen dann &#252;ber einen langen Zeitraum im Vergleich zu anderen Preisen. Aus dieser Sicht m&#246;gen die gegenw&#228;rtigen Preissteigerungen zwar verheerende Konsequenzen zeitigen und dazu f&#252;hren, dass bis zu 100 Millionen Menschen hungern, weil die Weltbeh&#246;rden unf&#228;hig sind, Gegenma&#223;nahmen zu ergreifen. Aber die Katastrophe w&#252;rde nur einige Jahre dauern.</p>
<p>Die andere Position zeichnet ein Horror-Szenario.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Sie behauptet, dass die gegenw&#228;rtige Krise auf die Ersch&#246;pfung der neuen Mittel zur Steigerung der Getreideertr&#228;ge verweist, die die Lebensmittelpreiskrise in den 1970ern bew&#228;ltigten. Diese Methoden, oft als „Gr&#252;ne Revolution“ bezeichnet, basierten auf der Nutzung neuer, produktiverer Getreidesorten, kombiniert mit einem enorm gesteigerten Gebrauch von D&#252;ngemitteln und k&#252;nstlicher Wasserversorgung. Heute nutzt China 40 Millionen Tonnen D&#252;ngemittel pro Jahr, die USA 19 Millionen und Indien 16 Millionen Tonnen. Im Ergebnis war die weltweite Getreideproduktion 2004 – ca. 2 Milliarden Tonnen – drei mal h&#246;her als in den 1950ern und gleichzeitig stieg der durchschnittliche Konsum pro Kopf trotz Bev&#246;lkerungswachstum um 24 Prozent. Das verbannte das Gespenst der Hungersnot und des Hungertods (im Gegensatz zu der verbreiteten Untern&#228;hrung) f&#252;r mehr als eine Generation aus China und Indien.</p>
<p>Aber die „Gr&#252;ne Revolution“ hat nun laut einem Bericht des<em> International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development</em> (Weltlandwirtschaftsrat, IAASTD) aus dem Jahr 2008 ein „Plateau“ erreicht.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die weltweiten Anbaufl&#228;chen, die f&#252;r Lebensmittel verwendet werden, vergr&#246;&#223;ern sich nicht und die Getreideproduktion kann mit dem Bev&#246;lkerungswachstum in Asien gerade noch mithalten, w&#228;hrend die Lage in Afrika noch schlimmer ist. Der letzte Weltentwicklungsreport der Weltbank r&#228;umt ein, dass die konventionellen Strategien in dieser Hinsicht versagen: „Viele L&#228;nder, deren &#214;konomien auf Landwirtschaft basieren, weisen noch ein schwaches pro-Kopf Wachstum und wenig strukturelle Ver&#228;nderungen auf… Dasselbe gilt f&#252;r riesige Fl&#228;chen in unterschiedlichen L&#228;ndern. Schnelles Bev&#246;lkerungswachstum, immer kleinere Landwirtschaftsbetriebe, sinkende Fruchtbarkeit des Bodens, und geringe M&#246;glichkeiten zur Einkommensdiversifizierung und Migration schaffen Notlagen, da die Landwirtschaft nur wenig Kraft zur Entwicklung hat. Ma&#223;nahmen, die die Landwirtschaft extrem besteuern und Investitionen erschweren sind Schuld und Ausdruck einer politischen &#214;konomie, in der st&#228;dtische Interessen die Oberhand haben. Verglichen mit erfolgreichen Schwellenl&#228;ndern zu dem Zeitpunkt, als diese noch einen hohen landwirtschaftlichen Anteil am BIP aufwiesen, ist der Anteil der Staatsausgaben f&#252;r Landwirtschaft in heutigen agrarbasierten Entwicklungsl&#228;ndern um einiges geringer (4 Prozent 2004 im Vergleich zu 10 Prozent 1980).“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<p>Die Chancen, dass das Horror-Szenario eintritt, k&#246;nnten durch den Klimawandel wachsen, der voraussichtlich die Lebensmittelproduktion in den am dichtesten bev&#246;lkerten Teilen der Welt am st&#228;rksten treffen wird. Die Klimawandelmodelle sind sehr problematisch, besonders wenn sie auf die Landwirtschaft angewandt werden, m&#252;ssen doch Annahmen in Bezug auf zuk&#252;nftige Landnutzung, Produktionswachstum, Konsummuster und Ver&#228;nderungen in der Bev&#246;lkerung in Betracht gezogen werden. Trotzdem legen Modellvorhersagen nahe, dass der vom <em>Intergovernmental Panel on Climate Change</em> (Weltklimarat, IPCC) gesch&#228;tzte Anstieg der Temperaturen um vier Grad zu einer Verringerung der durchschnittlichen landwirtschaftlichen Ertr&#228;ge und zu dramatischen Ver&#228;nderungen in der Verteilung des landwirtschaftlichen Outputs f&#252;hren k&#246;nnte, wenn das Vordringen der W&#252;ste in den &#228;quatornahen Regionen durchschl&#228;gt. Eine Studie sagt voraus, dass sich ohne den Klimawandel die Getreideproduktion bis 2080 verdoppeln w&#252;rde. Den Klimawandel miteingerechnet m&#252;sste das prognostizierte Produktionsvolumen nur um 0,6 bis 0,9 Prozent weltweit reduziert werden. W&#228;hrend in diesem Szenario aber die Produktion in den meisten der entwickelten L&#228;nder steigt, w&#252;rde die Produktion in Afrika, Ostasien und S&#252;dasien fallen; m&#246;glicherweise um bis zu 20 Prozent in S&#252;dasien.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Nat&#252;rlich kann die Genauigkeit der einzelnen in den Studien angewandten Modelle diskutiert werden, aber mit aller Wahrscheinlichkeit werden die Kosten des Klimawandels disproportional von den &#228;rmsten Teilen der Weltbev&#246;lkerung getragen werden.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Zu diesem Problem kommt noch die Verwendung von Land f&#252;r die Produktion von Biotreibstoffen hinzu. Nichts ist charakteristischer f&#252;r die Anarchie der Marktmechanismen als die Begeisterung f&#252;r Bioreibstoffe. Von Brasilien bis Indonesien werden Regenw&#228;lder zerst&#246;rt, um f&#252;r Plantagen Platz zu schaffen. Regenw&#228;lder werden niedergebrannt und der Boden ausgelaugt f&#252;r die Produktion eines Kraftstoffs, der den Verbrauch an Kohlenstoff verringern soll. Ebenso sichert die Unterst&#252;tzung der US-Regierung f&#252;r Ethanol als Biotreibstoff die meisten Subventionen f&#252;r die industrielle Entwicklung und damit die Verlagerung des Maisanbaus aus der Lebensmittel- in die Ethanol-Produktion.</p>
<p>Biotreibstoffe werden als eine Strategie gegen den Klimawandel angepriesen, doch f&#252;r eine nachhaltige Entwicklung sind diese keine ausreichende L&#246;sung. Der Klimawandel kann nicht einfach durch den Ersatz einer Form der Kohlenstoffnutzung durch eine andere bek&#228;mpft werden, sondern durch Ans&#228;tze, die die gesellschaftliche Kohlenstoffnutzung insgesamt in Frage stellen. Die Motivation der Bush-Administration war nicht, den Klimawandel zu stoppen, sondern die Sicherung der Energieversorgung des US-Kapitalismus. Es wird erwartet, dass die Produktion von Biotreibstoffen gegen&#252;ber der Erd&#246;l-basierten Treibstoff-Produktion profitabel wird, wenn der &#214;lpreis 60 Dollar pro Barrel &#252;bersteigt. In kapitalistischen Kreisen setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die &#214;lproduktion weltweit eine Spitze erreicht hat (<em>Peak Oil</em>) und dass der &#214;lpreis &#252;ber diesem Level bleiben wird. Das f&#252;hrt dazu, dass im Jahr 2008 ein noch gr&#246;&#223;erer Anteil des US-Maisanbaus f&#252;r Biokraftstoffproduktion aufgewandt wurde als im Jahr zuvor. Insgesamt wird gesch&#228;tzt, dass die Nutzung von Getreide f&#252;r Biokraftstoff f&#252;r ungef&#228;hr 30 Prozent des Anstiegs der Getreidepreise in den letzten f&#252;nf Jahren verantwortlich ist.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p>Die hohen &#214;lpreise sind daher eine doppelte Bedrohung f&#252;r die Lebensmittelproduktion und -preise. Auf der einen Seite steigen die Kosten f&#252;r Kraftstoff und D&#252;ngemittel f&#252;r die Landwirtschaft, wodurch es viel schwieriger wird, die Ertr&#228;ge mit den Methoden der letzten vier Jahrzehnte zu steigern. Auf der anderen Seite werden Anbaufl&#228;chen statt f&#252;r Lebensmittel f&#252;r Biotreibstoffproduktion genutzt. Beide Trends verschlimmern die gef&#228;hrlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die zuk&#252;nftige Lebensmittelversorgung. Das ist der furchtbare Preis, den die Menschheit f&#252;r die Abh&#228;ngigkeit des Kapitalismus von Kohlenstoff zu bezahlen riskiert – selbst wenn die D&#252;ngemittelproduktion selbst nur ungef&#228;hr ein Prozent der globalen Energie verbraucht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p>Der IWF weist darauf hin, dass sich der Bedarf an Lebensmitteln bis 2080 verdreifachen k&#246;nnte, was das Angebot &#252;bersteigen und zu chronischen Engp&#228;ssen f&#252;hren w&#252;rde.</p>
<p>Obwohl sie das nicht sagen, w&#228;re das das katastrophale Ergebnis kapitalistischer Akkumulationsstrategien. Im Gegensatz dazu weisen Tubiello und Fischer darauf hin, dass, wenn der Klimawandel aufgehalten werden kann, selbst im „schlimmsten Fall“ einer Verdopplung der Weltbev&#246;lkerung die Lebensmittelreserven 2080 immer noch 12 Milliarden Menschen ausreichend versorgt werden k&#246;nnen.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a></p>
<p>Klar scheint, dass das gegenw&#228;rtige Vertrauen auf industrielle Landwirtschaft, die Nutzung von Monokulturen und &#246;lbasierten D&#252;ngemitteln und der intensive Einsatz von Wasser zur Ausweitung der Lebensmittelproduktion zusehends unhaltbarer wird. Die Berichte der Weltbank und des IAASTD akzeptieren beides zur H&#228;lfte. Sie betonen den Bedarf f&#252;r mehr landwirtschaftliche Investitionen, die auf die Millionen von kleinen, arbeitsintensiven Betrieben gerichtet sind, achten auf den Wasserverbrauch, den Ersatz von k&#252;nstlichen durch organische D&#252;ngemittel sowie Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen weitere Sch&#228;digung des Bodens. Und sie beklagen das Versagen der Regierungen, Finanzmittel daf&#252;r bereitzustellen. Aber ihr Bekenntnis zum Kapitalismus bedeutet, dass sie ihren eigenen Einsichten den R&#252;cken kehren und weiterhin „cash crops“ sowie das Wachstum von industriell-kapitalistischen Landwirtschaftsbetrieben auf Kosten der Armen und deren Versorgung mit Grundnahrungsmitteln fordern.</p>
<p>Unter dem gegenw&#228;rtigen Modell der kapitalistischen Lebensmittelproduktion ist die Befriedigung der Nachfrage der Menschen nach Nahrungsmitteln zunehmend bedroht. Falls dieses Szenario Realit&#228;t wird, wurde es nicht durch &#220;berbev&#246;lkerung verursacht, wie Malthus behauptet hatte, sondern durch das Versagen der kapitalistischen Produktionsweise. Der Kapitalismus hat seine Destruktivit&#228;t in der Lebensmittelproduktion durch zerst&#246;rerische und nicht-nachhaltige Formen &#246;konomischer Entwicklung bewiesen.</p>
<p>Ohne Zweifel beruht der gegenw&#228;rtige Preisanstieg, mit der Gefahr, dass Millionen verhungern, auf einer besonders grausamen Version des kapitalistischen Kreislaufes von Auf- und Abschw&#252;ngen. Und mit gro&#223;er Wahrscheinlichkeit wird die Bedrohung der Weltern&#228;hrungssicherheit andauern, auch wenn die aktuelle Krise letztlich &#252;berwunden werden kann. Eine wirklich nachhaltige Lebensmittelproduktion bedarf der demokratischen Kontrolle durch die Weltbev&#246;lkerung.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Beattie, Alan: Governments Can No Longer Ignore the Cries of the Hungry; in: <em>Financial Times</em>, 5. April 2008<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> FAO: Food Outlook (Mai 2008), www.fao.org/docrep/010/ai466e/ai-466eoo.htm<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r eine detaillierte Aufz&#228;hlung der Verbindungen zwischen Energie und D&#252;ngemittelkosten siehe auch Walker, David: Energy and Fertiliser Costs; in:<em> MI Prospects</em> 8:19 (2006), www.hgca.com/imprima/miprospects/vol08Issue19/minisite/Vol08Issue19.pdf<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial System Faces Commodity-led Crisis; in: <em>Financial Times</em>, 5.M&#228;rz 2008<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> IWF: World Economic Outlook (September 2006), www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2006/02, Kapitel 5, Kasten 5.2<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Weltbank: World Development Report 2008: Agriculture for Development (2007), http://go.worldbank.org/ZJIAOSUFUo, S. 11<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> „Cash Crops“ bezeichnen Agrarprodukte, die f&#252;r den Export bestimmt sind und meist in Monokulturen angebaut werden. Sie werden vor allem in den ehemaligen Koloniall&#228;ndern S&#252;damerikas und Afrikas angebaut und dienen nicht der Selbstversorgung (<em>Food Crops</em>) des Landes. (A. d. &#220;.)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Madeley, John: Hungry for Trade (2000), S. 58<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hellin, John/ Higman, Sophie: Feeding the Market: South American farmers, Trade an Globalisation (2003), S. 36<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Stiglitz, Joseph: Globalisation and its Discontents (2002), S. XII<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Dolan, Catherine/ Humphrey, John: Changing Governance Patterns in the Trade in Fresh Vegetables between Africa and the United Kingdom; in: <em>Environment and Planning</em> <em>A</em> 36:3 (2004)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Hellin/ Higman, a.a.O., S. 36-37<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Morelli, Carlo: The politics of food; in: <em>International Socialism</em> 101 (2003), www.isj.org.uk/index.php4?id=36<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weltbank, a.a.O.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Madeley, a.a.O., S. 75<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Nash, John: Agriculture Trade: Reaping a Rich Harvest from Doha; in: <em>Finance and Development</em> 41 (2004), www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2004/12/pdf/picture.pdf, S. 34<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Welbank, a.a.O., Grafik 6<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vietnam’s Farmers Face Paradox Of The Paddy; in: <em>Globe Mail</em>, 1. Mai 2008; siehe auch Rice Prices To Benefit Asian Farmers; in: <em>Financial Times</em>, 29. April 2008<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Classic Films Shed Light On Commodities Boom; in: <em>Financial Times</em>, 9. Mai 2008<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Speculators Feast On Soaring Commodities; in: <em>Financial Times</em>, 12.Mai 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Es sollte hinzugef&#252;gt werden, dass die Forschung des IWF die historische Bewegung der Preise untersucht hat, nicht die rasanten Preisentwicklungen der letzten Jahre, sodass selbst ihre begrenzte Ablehnung von Spekulation nicht l&#228;nger haltbar sein k&#246;nnte.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> F&#252;r eine extreme Version dieser Ansicht siehe auch Pfeiffer, Dale Allen: Eating fossil fuels; in:<em> From the Wilderness</em> (2004), www.fromthewilderness.com/free/ww3/100303_eating_oil.html, welche durch die StudentInnenkampagne „People and Planet“ und andere in Umlauf gebracht wurde.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Feldman, Shelley/ Nathan, Dev/ Raina, Rafeswari/ Yang, Hong: International Assessment of Agricultural Knowledge, Science an Technology for Development, East and South Asia and Pacific: Summary for Decision Makers, IAASTD (2008), www.agassessment.org/docs/ESAP_SDM_220408_Final.pdf<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Weltbank, a.a.O., S. 7<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Tubiello, Francesco/ Fischer, G&#252;nther: Reducing Climate Change Impacts on Agriculture: Global and Regional Effects of Mitigation, 2000-2080; in:<em> Technological Forecasting and Social Change </em>74 (2007), http://pubs.giss.nasa.gov/docs/2007/2007_Tubiello_Fischer.pdf<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Diese Schlussfolgerung stimmt mit der IWF-Analyse &#252;berein. Siehe Cline, William: Global Warming and Agriculture; in: <em>Finance an Development</em> 45:1 (2008), www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2008/03/cline.htm<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Rosegrant, Mark W.: Biofuels and Grain Prices: Impacts and Policy Responses, International Food Policy Research Institute, Testimony for the US Senate Committee on Homeland Security and Governmental Affairs, 7.Mai 2008, www.ifpri.org/pubs/ testimony/rosegrant20080507.pdf<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Schrock, Richard: Nitrogen Fix; in: <em>MIT Technology Review</em> (Mai 2006), http://www.technologyreview.com/article/16822/<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cline, a.a.O.; Tubiello/ Fischer, a.a.O.</p>
<p>Zuerst erschienen in: <em>International Socialism</em> 119 (2008)<br />
<em>Carlo Morelli</em> lehrt Wirtschaftsgeschichte an der <em>University of<br />
Dundee</em> in Schottland.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Karin H&#228;dicke</em></p>
<p><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-3.jpg" alt="" /><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-4.jpg" alt="" /></p>
<p><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-2.jpg" alt="" /></p>
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		<title>Zuckerrohr und Peitsche</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.<br />
<span id="more-282"></span><br />
<em>Fangen wir mit einer einfachen Frage an: K&#246;nntest Du kurz erkl&#228;ren, was Agrartreibstoffe sind und warum dieses Thema im Moment so hei&#223; diskutiert wird?</em></p>
<p>Der Name Agrartreibstoffe ist bereits ein kritischer Begriff von Sozialen Bewegungen, die den Begriff Biotreibstoffe nicht akzeptieren. Sie nennen es Agrartreibstoffe um klar zu machen, dass wir &#252;ber eine weitere Warenkette des Agrar-Lebensmittels-Sektors sprechen. Der Agrar-Lebensmittel-Sektor und der Energiesektor sind heute die Sektoren, die am st&#228;rksten von Unternehmen kontrolliert werden und die h&#246;chste Machtkonzentration aufweisen. Mit der Entstehung der Agrar-Energie-Industrie erleben wir nun die Fusion dieser beiden Sektoren; nat&#252;rlich in Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie und der alten &#214;lindustrie.</p>
<p>Was sind Agrartreibstoffe? Haupts&#228;chlich Ethanol und Biodiesel. Ethanol wird in den USA aus Getreide und in Brasilien aus Zuckerrohr hergestellt. Biodiesel wird aus verschiedenen Quellen gewonnen, aus Raps, Sojabohnen und Palm&#246;l, wobei letzteres die profitabelste Quelle ist.</p>
<p><em>Welcher Zusammenhang besteht zwischen Agrartreibstoffen und der &#214;l- und Automobilindustrie und was hat dies mit den steigenden Benzin, Erd&#246;l- und Erdgaspreisen zu tun?</em></p>
<p>Agrartreibstoffe sind Teil einer gr&#246;&#223;eren Agrar-Energie-Strategie. Wir sprechen hier nicht nur &#252;ber Fl&#252;ssigtreibstoffe, sondern generell &#252;ber Energie, die aus Biomasse gewonnen wird. Wir benutzen die Landwirtschaft also, um Essen, Werkstoffe, Treibstoffe und Futter herzustellen.</p>
<p>Der allgemeine Hintergrund ist die Ersch&#246;pfung der &#214;lvorr&#228;te. Wir haben Peak-Oil erreicht bzw. wir erreichen es in einigen Jahren. Der &#214;lpreis hat sich im Zeitraum von April 2007 bis April 2008 verdoppelt und es zeichnet sich keine Abschw&#228;chung des Preises ab. Es kann eine Spekulationsblase sein, wie manche behaupten, aber der entscheidende Punkt ist, dass es immer teurer wird, die verbleibenden &#214;lvorr&#228;te zu f&#246;rdern. In Zukunft wird man mehr Energie aufwenden m&#252;ssen, das &#214;l zu f&#246;rdern, als man durch dieses gewinnt. Zus&#228;tzlich ist es notwendig, die Suche nach &#214;l in neue und &#246;kologisch empfindliche Gegenden wie die Nordsee oder den Amazonas auszuweiten. Und im Nahen Osten gibt es einen Krieg, von dessen Ausgang die weitere &#214;lf&#246;rderung abh&#228;ngt.</p>
<p>Die propagierte Strategie, mit Agrartreibstoffen den Klimawandel zu bek&#228;mpfen, wurde zu Beginn des Jahres 2008 von zwei gro&#223;en Studien zerpfl&#252;ckt, die ihren Fokus auf die gesamte Energiebilanz der Agrartreibstoffe richteten. Sie konnten zeigen, dass Agrartreibstoffe nicht nur genauso viel Emissionen produzieren wie &#214;l, sondern sogar noch mehr. Es geht hier also nicht um die Bek&#228;mpfung des Klimawandels, sondern um den Versuch, eine Krise hinauszuz&#246;gern, die wir bereits erleben. Es handelt sich um eine Systemkrise, weil die Agrartreibstoffe nicht losgel&#246;st von der v&#246;llig auf Erd&#246;l basierenden industriellen Landwirtschaft existieren.</p>
<p>In Brasilien produzieren wir seit 33 Jahren Ethanol, aber der entscheidende Punkt ist, dass wir es jetzt herstellen, um Treibstoffe f&#252;r den Leichttransport und eine 25-prozentige Beimischung zum Benzin zu gewinnen. Aber man bewegt keinen Traktor oder die acht Achsen eines gro&#223;en Trucks nur mit Ethanol. Sie funktionieren ausschlie&#223;lich mit Diesel, weil Diesel ein st&#228;rker konzentrierter Treibstoff ist. Wir sprechen dar&#252;ber, einen kleinen Teil des &#214;ls zu sparen, um die Transportkosten niedrig zu halten und die KonsumentInnen und speziell die Mittelklasse – die immer noch sehr stark auf die individuelle Mobilit&#228;t und ein Auto-zentriertes Leben Bezug nimmt – den Anstieg der &#214;lkosten nicht sp&#252;ren zu lassen. So ist zum Beispiel der Lebensmittelpreis bereits mit dem Preis f&#252;r Schwer&#246;l verbunden, das man f&#252;r den Transport der Lebensmittel ben&#246;tigt. Das ist der Grund f&#252;r die Explosion der Lebensmittelpreise und die Hungerrevolten. Im Gegensatz dazu explodieren die Preise f&#252;r den Individualverkehr noch nicht. Es gab in Europa Proteste, die jedoch haupts&#228;chlich vom Produktions-Sektor ausgingen, z.B. von Landwirten und Fischern. Alle, die auf Diesel angewiesen sind, protestierten. Aber wir haben keine Bewegung von urbanen KonsumentInnen gesehen, die gegen die steigende Treibstoffpreise protestiert h&#228;tten.</p>
<p><em>Abgesehen von den Preisen f&#252;r Benzin und Lebensmittel, welche sozialen Auswirkungen haben Agrartreibstoffe noch? Inwieweit h&#228;ngen diese mit den sogenannten „Umweltproblemen“ zusammen?</em></p>
<p>Zun&#228;chst m&#252;ssen wir uns die Frage stellen: wenn mehr und mehr Konsens dar&#252;ber besteht, dass Agrartreibstoffe keine „Strategie gegen den Klimawandel“ darstellen, warum unterst&#252;tzen die Regierungen diese dann immer noch? Weil, wie ich schon erw&#228;hnt habe, Agrartreibstoffe einen Spielraum oder ein Zeitfenster schaffen. Die Geschichte des Kapitalismus ist eng verbunden mit fossilen Treibstoffen. Ohne diese h&#228;tte der globale Handel und die globale Pl&#252;nderung der Rohstoffe nie eine derartige Geschwindigkeit und Intensit&#228;t erreichen k&#246;nnen. Die ganze industrielle Revolution basierte auf dem Verbrennen von Kohle, ab den 1850er Jahren wurde dann das Erd&#246;l ein Bestandteil der &#214;konomie. Wenn es nun ausgeht, wie soll das System, der weltweite Handel, die Produktion, der Transport und der Export von Waren aufrecht erhalten werden?</p>
<p>Agrartreibstoffe sind also keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern blo&#223; der Versuch, ein System am Leben zu erhalten, das von selbst zusammenbrechen w&#252;rde. Dieses System hat von Anfang an &#246;kologische und soziale Katastrophen provoziert: seit der Transformation der traditionellen Landwirtschaften in den verschiedensten L&#228;ndern nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gr&#252;ne Revolution …</p>
<p><em>K&#246;nntest Du kurz den Begriff „Gr&#252;ne Revolution“ erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Der Begriff der „Gr&#252;nen Revolution“ verweist auf die in den USA entwickelte und bewusst geplante Strategie, nach dem Zweiten Weltkrieg sozialistische oder kommunistische Aufst&#228;nde zu verhindern. Der „roten“ Revolution mit einer „gr&#252;nen“ Revolution entgegenzutreten. Die Idee war: wenn wir Nahrung f&#252;r die b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung in der dritten Welt sicherstellen, dann werden sich die Massen nicht der „roten Bedrohung“ anschlie&#223;en. Deshalb entwickelten sie das, was hybrides Saatgut genannt wird. Dieses kann nach der Aussaat nicht wiederverwendet werden. Damit wurde eine historische Wende vollzogen: zum ersten Mal in der Geschichte wurde Saatgut entwickelt, das die B&#228;uerInnen sowie die landwirtschaftliche Produktion insgesamt an ein vollst&#228;ndig technologisches Paket band. Das Paket beinhaltete D&#252;nger auf Erd&#246;l-Basis, Agrarchemikalien, Mechanisierung, Abh&#228;ngigkeit von Treibstoffen und Zugang zu Krediten. Das erste hybride Saatgut wurde in Indien und S&#252;dostasien eingesetzt, sp&#228;ter in Mexiko. Das erste Beispiel war der „Goldene Reis“, von dem behauptet wurde, er w&#228;re besser und enthalte mehr Vitamine, so dass er die Menschen von Mangelern&#228;hrung befreien k&#246;nnte. Heute wissen wir, dass diese Dinge haupts&#228;chlich von Rockefeller und der Ford-Foundation vorangetrieben wurden, dem „philantrophischen“ Gesicht des Kapitalismus. Viele Regierungen s&#252;dlicher Staaten wandten diese Pakete an. Darin liegt die Hauptursache vieler Auslandsschulden. Fast die gesamten Schulden Brasiliens basieren auf den Krediten, die aufgenommen wurden, um das Modell der industriellen Landwirtschaft einzuf&#252;hren. In Indien und sp&#228;ter auch Brasilien war das Paket zus&#228;tzlich mit Bev&#246;lkerungskontrolle und einem massiven Sterilisations-Programm verbunden.</p>
<p>Heute l&#228;sst sich noch ein anderer Aspekt der „Gr&#252;nen Revolution“ ausmachen: nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hinterlie&#223; die Kriegsindustrie viele Schiffe, Chemikalien und massenhaft Panzergestelle, aus denen man Traktoren bauen konnte. Es existierte also eine umfangreiche industrielle Infrastruktur, die im Krieg entstanden war und die Wirtschaft w&#228;hrend des Krieges florieren lie&#223;. Nun wurde ein sehr zufriedenstellender Weg gefunden, all diese vorhandenen Anlagen zu Geld zu machen und die Chemikalien loszuwerden. Um ein Beispiel f&#252;r die Chemikalien zu geben: Monsanto<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> produzierte das Entlaubungsmittel „agent orange“, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Am Ende des 20. Jahrhunderts tritt Monsanto als „Saatgutunternehmen“ auf, will die Welt von Hunger befreien und gewinnt viele Nachhaltigkeitsauszeichnungen. Ich will Euch nicht die Geschichte von Monsanto erz&#228;hlen, aber alle Unternehmen, die am Ende des 20. Jahrhunderts die Saatgutproduktion beherrschen, haben eine katastrophale Vergangenheit.</p>
<p>Mit dem hybriden Saatgut wurden die B&#228;uerInnen nicht nur dazu gezwungen, f&#252;r jede Aussaat neues Saatgut zu kaufen, sondern sie mussten auch ihr Land der Bank als eine Garantie geben, um die Kredite f&#252;r die Umsetzung des Pakets zu erhalten. Damit wurde ein riesiger Markt f&#252;r die ohnehin bereits produzierten Chemikalien geschaffen. Es half Deutschland, seine Wirtschaft wiederaufzubauen, da alle gro&#223;en Chemiekonzerne zu dieser Zeit aus Deutschland kamen: Bayer, BASF etc. Dies hat auch die Erosion der Biodiversit&#228;t angesto&#223;en, die wir heute erleben. Die <em>Food and Agriculture Organisation</em> (FAO) meint, dass wir im 20. Jahrhundert nicht weniger als 75 Prozent der gesamten agrarischen Biodiversit&#228;t verloren haben. Diese gesamte Entwicklung ging Hand in Hand mit der Schaffung freier Fl&#228;chen durch Abholzung, DDT<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> wurde gro&#223;r&#228;umig eingesetzt, um Gegenden von Moskitos zu befreien. All dies, um die M&#228;rkte mit Nahrung auf Getreidebasis zu &#252;berschwemmen. Diese wurde auch entwickelt, um industrielle Proteine einzuf&#252;hren. Zuvor nahmen die Menschen n&#228;mlich unterschiedliche Proteine zu sich, anh&#228;ngig davon, in welchem &#214;kosystem sie lebten. Aber mit der industriellen Revolution in der Landwirtschaft wurden – neben der Umstellung auf Getreide – auch die Grundlagen der „fast food“-Ern&#228;hrung geschaffen, durch die Rind, Gefl&#252;gel und Schwein zu den universellen und globalen Proteinquellen wurden. Nat&#252;rlich handelt es sich dabei um eine gro&#223;e Industrie, die gro&#223;e &#246;kologische und soziale Auswirkungen hat.</p>
<p>Ich habe so weit ausgeholt, um den Zusammenhang zwischen den &#246;kologischen und sozialen Auswirkungen der Agrartreibstoffe aufzuzeigen. Seit Beginn der „Gr&#252;nen Revolution“ haben ExpertInnen, AktivistInnen und soziale Bewegungen auf die verheerenden Folgen aufmerksam gemacht. Aber dies hat das Projekt nicht aufgehalten, weil die Regierungen wirklich &#252;berzeugt waren, eine Intensivierung der Produktion w&#228;re notwendig. Das Hungerproblem wurde nicht an der Wurzel gepackt, z. B. mit einer Landreform in Lateinamerika. Die Strategie war vielmehr, die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion zu f&#246;rdern. Jetzt – mit der durch die gentechnisch ver&#228;nderten Organismen (GMO) losgetretenen „zweiten Gr&#252;nen Revolution“ – erleben wir eine neue Welle der Belastung von Land, von Wasser etc. Das wird &#252;berall kritisiert. Aber die Regierungen sind die einzigen, die in der Lage w&#228;ren, verbindliche Rechtsvorschriften f&#252;r den Konsum und die Produktion von Agrartreibstoffen zu erlassen. F&#252;r diese existiert deshalb ungebrochene Unterst&#252;tzung, weil keine Regierung die politische Aufgabe &#252;bernehmen will, ihren B&#252;rgerInnen offen zu sagen: „Dieser Lebensstil kann nicht weitergehen, wir m&#252;ssen ihn dramatisch &#228;ndern“. Das ist genau der Punkt! Es existiert keine politische Plattform, weder auf Seiten der Linken noch der Rechten, die ehrlich genug w&#228;re, den B&#252;rgerInnen zu sagen: „Diese Welt braucht einen Neustart, wir m&#252;ssen innehalten, das Ganze &#252;berdenken und neu planen“. Und es geht hier nicht um technische L&#246;sungen oder ein besseres Management, das Ganze muss vielmehr strukturell v&#246;llig neu konzipiert werden, ausgehend von der Lebensmittel- und Energieversorgung der heutigen Millionenst&#228;dte.</p>
<p><em>Was verstehst Du unter der sogenannten „Geopolitik der Agrartreibstoffe“?</em></p>
<p>Der Begriff „Geopolitk der Agrartreibstoffe“ ist ein Begriff, der von verschiedenen Gruppen des globalen S&#252;dens gepr&#228;gt wurde, die sich das erste Mal im Juni 2007 in Ecuador getroffen haben. Es gab zu dieser Zeit viele Debatten &#252;ber Agrartreibstoffe, aber wir waren uns einig, dass wir, wenn wir diese thematisieren wollten, so etwas wie einen gemeinsamen Ausgangspunkt brauchten: Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Wir diskutierten &#252;ber dieses Thema in Ecuador, einem kleinen Land, dessen Wirtschaft v&#246;llig vom Erd&#246;l-Export abh&#228;ngig ist. Es ist auch das Land, in dem TEXACO zum ersten Mal &#252;berhaupt f&#252;r verursachte Umweltsch&#228;den verklagt wurde. Und es ist auch ein Land, dessen &#214;lreserven maximal noch f&#252;r zw&#246;lf bis zwanzig Jahre reichen werden und das sich deshalb gegenw&#228;rtig Gedanken &#252;ber Ver&#228;nderungen macht. Sie schreiben im Moment an einer neuen Verfassung, die einen Wandel hin zu einem „Ecuador nach dem &#214;l“ vorsieht. Wir dachten also, dies w&#228;re ein gro&#223;artiger Ort, um &#252;ber dieses Thema zu sprechen. Es waren Mitglieder des <em>Oil-Watch-Networks</em> mit dabei. Dieses Netzwerk &#252;berwacht – wie der Namen schon sagt – seit mehr als 15 Jahren die Produktion und den Verkauf des Erd&#246;ls. Sie teilten mit uns sehr wichtige Erfahrungen dar&#252;ber, wie Gebiete, in denen die Pipelines verliefen, im letzten Jahrhundert die Geopolitik entscheidend beeinflussten. Wenn man sich vergegenw&#228;rtigt, dass der Aufbau der Infrastruktur f&#252;r die F&#246;rderung und den Transport des &#214;ls viel Zeit in Anspruch nimmt und die entsprechenden Gebiete buchst&#228;blich „ges&#228;ubert“ werden m&#252;ssen, beginnt man zu verstehen und die Teile des Puzzles zusammen zu setzen.</p>
<p>Im Zusammenhang mit den Agrartreibstoffen passiert genau dasselbe. Zum Beispiel kann man sagen, dass in Lateinamerika heute alle gro&#223;en Infrastrukturma&#223;nahmen mit der Energieproduktion und -distribution zu tun haben. Es gibt H&#228;fen, Speicher, zwei Ethanol-Pipelines, die Umleitung von  Fl&#252;ssen, Mega-D&#228;mme: all das ist Teil der gro&#223;en Infrastruktur, die errichtet wurde, um Energie zu produzieren, zu exportieren und eine billige Energieversorgung f&#252;r die Produktion sicher zu stellen. Doch diese Entwicklung verlangt die S&#228;uberung bestimmter Gebiete, die Errichtung von „Schutzgebieten“. Gesch&#252;tzt vor wem? Gesch&#252;tzt vor den Menschen, die dort eigentlich leben! Wenn die Gebiete erst einmal ges&#228;ubert sind und die Dinge ins Laufen kommen, dann sind sie nicht mehr zu stoppen, weil die Menschen in den St&#228;dten leben und deshalb nicht mitbekommen, was tats&#228;chlich passiert.</p>
<p>Wenn man ausgehend von diesen Infrastrukturprojekten einen Schritt weiter geht, bekommt man in den Blick, wie die Politik in Lateinamerika durch diese neue Geopolitik umgestaltet wird. Die ersten, die davon profitieren, sind die Brasilianische Regierung und die Ethanol-Allianz zwischen den USA und Brasilien, die den neu entstehenden internationalen Agrar-Energie-Markt beherrscht. Dabei ist ein sehr wichtiger Punkt, dass die Entscheidungen &#252;ber die Bedingungen und die Standards des Ethanol-Sektors in ihrer Hand liegen. Um eine internationale Ware zu werden, muss dieser Sektor n&#228;mlich v&#246;llig standardisiert werden und wer die Standards bestimmt, bestimmt auch, wie dieser funktioniert. Wir dachten: „Oh, das ist ein zu vernachl&#228;ssigender Aspekt!“, aber das ist es nicht! Denn wenn man ein oder zwei Grad in der Reinheit oder der Konzentration des Treibstoffs &#228;ndert, l&#228;uft es nicht mehr durch die Motoren, da diese – im Gegensatz zu fr&#252;heren Generationen – sehr komplex, vollst&#228;ndig elektronisch und &#252;beraus empfindlich sind und nur wenige Unternehmen auf der Welt die entsprechenden Technologien besitzen. Das ganze erscheint zwar wie eine rein technische Frage, aber das ist es definitiv nicht! Die Frage ist, wer die Standards f&#252;r die Produktion setzt und die Automobil-Industrie hat gro&#223;en Einfluss darauf.</p>
<p>Diese Allianz zwischen Brasilien und den USA bedeutet nun f&#252;r letztere erst einmal eine weitere sichere Quelle f&#252;r Treibstoff, die sie unabh&#228;ngiger von Konflikten im Nahen Osten und anderswo macht. Gleichzeitig hilft es Brasilien, zum neuen „Giganten des S&#252;dens“ zu werden, eine Position, die schon lange angestrebt wurde. Es nutzt seinen gesamten Staatsapparat, um zu sagen: „Jetzt sind wir hier, wir m&#246;chten mit den Gro&#223;en mitspielen und einen permanenten Sitz im UN Sicherheitsrat“. Das ist eine Obsession f&#252;r Brasilien.</p>
<p>Zus&#228;tzlich zu dem Ethanol haben wir ca. 240 km vor der K&#252;ste in tiefen Gew&#228;ssern die weltweit drittgr&#246;&#223;ten Erd&#246;l und -gasreserven. Dies er&#246;ffnete einen gro&#223;en Spielraum f&#252;r Spekulationen, da es ein sehr kostspielig zu f&#246;rderndes &#214;l und Gas ist, Brasilien jedoch die f&#252;hrende Technologie f&#252;r die <em>off-shore</em>-F&#246;rderung besitzt.</p>
<p>Brasilien kombiniert also Agrartreibstoffe mit gew&#246;hnlichen fossilen Brennstoffen und ist zus&#228;tzlich dieser „Wassergigant“, der auch Energie aus Wasserkraft/Hydroenergie bereitstellen kann. Und das passt sehr gut in die Interessen der USA, weil es Chavez v&#246;llig marginalisieren w&#252;rde – Chavez und Venezuela als <em>die </em>&#214;lmacht der Region. Es k&#246;nnte z. B. auch der Abh&#228;ngigkeit vom Erdgas Evo Morales’ ein Ende bereiten – Brasilien importiert gegenw&#228;rtig eine Menge dieses Erdgases. Wir k&#246;nnten im Hinblick auf die Energie selbstversorgend sein, aber wir beziehen Energie aus dem Ausland, weil es sich lohnt, billiges &#214;l zu kaufen und unser qualitativ hochwertiges &#214;l teuer zu verkaufen. Wir verkaufen also eine Menge davon ins Ausland und gleichzeitig importieren wir Diesel, nicht weil wir es nicht h&#228;tten, sondern weil es sich auszahlt. Brasilien raubt damit den am st&#228;rksten links orientierten Regierungen in Lateinamerika und deren Ansichten die Aufmerksamkeit, sie werden in den Schatten gestellt vom „neuen Giganten“ Brasilien.</p>
<p>Brasilien ma&#223;t sich auch an, nach Afrika zu expandieren. Weil Brasilien „ein Freund Afrikas“ ist. Unsere Bev&#246;lkerung besteht zu mehr als 60 Prozent aus „Afro-BrasilianerInnen“. Als Land, das von Sklavenh&#228;nden erbaut wurde, sei Brasilien berufen, nach Afrika zu gehen, diese Schuld zu bezahlen, und so weiter und so fort. Brasilien wird in Afrika ein warmer Empfang bereitet, wegen der Nahrungsmittelknappheit und Lulas Charisma. Die USA w&#228;ren dazu nie in der Lage. Brasilien macht sich also den Weg frei und sagt: wir sind nur hier um Zuckerrohrplantagen anzulegen, unsere Entwicklungsbank kann euch Geld leihen, weil wir diese S&#252;d-S&#252;d-Kooperation haben. De Facto ist dies jedoch nur Wasser auf die M&#252;hlen der Gro&#223;industrie. Der Aufstieg Brasiliens hat auch die Art und Weise ver&#228;ndert, in der sich Europa, z. B. Deutschland, gegen&#252;ber dem Land verh&#228;lt. Pl&#246;tzlich bekommt Brasilien Besuch von Angela Merkel und jedeR versucht, es Brasilien recht zu machen, weil jedeR ein riesiges Interesse an Brasilien hat – so nehmen zumindest wir in Brasilien es war. Denn nun haben wir etwas anzubieten, unsere Regierung ist mehr denn je dazu bereit, das Land zu missbrauchen, um die globalen M&#228;rkte zu versorgen. Lula sagte letztes Jahr, dass die BetreiberInnen von Zuckerplantagen f&#252;r mehr als 500 Jahre als <em>Bad Guys</em> angesehen wurden – nun sind sie unsere Helden, da sie den Markt mit dem versorgen k&#246;nnen, was dieser verlangt. Und er hat gesagt, dass wir die Pflicht haben, diese Versorgung f&#252;r sie sicherzustellen. Das ist vollkommen unterw&#252;rfig.</p>
<p>Die europischen Regierungen sind schlie&#223;lich nicht hier, um alle zwei Jahre ein Fass zu kaufen, sondern es geht um riesige Mengen, die jeden Tag im Hafen von Rotterdam einlaufen. Wenn man eine derart gro&#223;e Nachfrage hat, muss man ohne Unterbrechung anbauen, verarbeiten, lagern und liefern, d.h. man ben&#246;tigt eine umfassende Infrastruktur und eine gut getimte Logistik, Lastwagen, Tanks, Schiffe usw. Wenn man nach Sao Paolo reist, sieht man gleich, dass das kein Kindergeburtstag ist. Aber je mehr der Anbau von Agrartreibstoffen zunimmt, desto gr&#246;&#223;er wird das Interesse des Kapitals sein, Infrastruktur zu errichten. Und wie man im Irak sieht, flie&#223;en beim Aufbau von Infrastruktur gewaltige Geldsummen. Das alles h&#228;lt die Wirtschaft am Laufen und das ist genau das, was sie brauchen.</p>
<p><em>Was bedeutet diese Entwicklung, die Errichtung dieser Infrastruktur, die Umstrukturierung der Wirtschaft, diese neue Agro-Industrie, f&#252;r die Menschen in Brasilien und speziell f&#252;r die Bev&#246;lkerung des Amazonas-Gebietes?</em></p>
<p>Zun&#228;chst einmal, dass wir in Brasilien jeden Tag mit dieser neuen Agro-Energie &#252;berschwemmt werden. Wir sind seit mehr als drei&#223;ig Jahren daran gew&#246;hnt. Das ist sehr stark nationalistisch aufgeladen und die Mittelklasse findet Gefallen daran: sie sind es, die die Autos fahren und f&#252;r das Ethanol nur ein Drittel des normalen Benzinpreises zahlen. Es ist also billiger und es wird nicht weiter dar&#252;ber nachgedacht. F&#252;r einen anderen Teil der Bev&#246;lkerung, die sozialen Bewegungen, die bereits zuvor begonnen hatten, gegen die Expansion des Agro-Buisness zu mobilisieren und Widerstand zu leiten, bedeuten die Entwicklungen lediglich die Vergr&#246;&#223;erung eines bereits bestehenden Problems. Nat&#252;rlich haben wir die Expansion des Agro-Business genau beobachtet und Widerstand geleistet, aber mit der F&#246;rderung von Agrartreibstoffen – ein mit internationalem Kapital angesto&#223;ener Prozess – nahm die Geschwindigkeit, mit der das Land durch Monokulturen ver&#228;ndert wurde, dramatisch zu. Die Entwicklung begann also bereits zuvor, nahm nun jedoch eine andere Dimension an.</p>
<p>Zuallererst m&#252;ssen wir verstehen, dass die Ausbreitung industrieller und genetisch modifizierter Monokulturen sowie der massive Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft die Hauptursache f&#252;r den Teufelskreis ist, den das Agro-Business losgetreten hat: die Abholzung, der Verlust der Biodiversit&#228;t, die Vertreibung der Bev&#246;lkerung von ihrem Land. Sie kommen mit ihren Monokulturen und verschmutzen den Boden und das Wasser, beschleunigen die Erderw&#228;rmung und treiben die Bev&#246;lkerung in die Randgebiete der Gro&#223;st&#228;dte. Dort ben&#246;tigen sie Unterk&#252;nfte, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen und Wasser und weil sie das alles nicht kriegen, nimmt die Gewalt um die St&#228;dte herum zu. Au&#223;erdem hat das alles die Vereinheitlichung der Ern&#228;hrung zur Folge und treibt die „Supermarktisierung“ des allt&#228;glichen Lebens voran. Die st&#228;dtischen Siedlungen – konzipiert als Orte, um dort sein Leben zu fristen, zu konsumieren und zu wohnen – sind allesamt um diese riesigen Supermarkt- und Einkaufszentren herum gebaut, wo du hingehst und deinen ganzen Tag nur damit verbringst, Dinge zu kaufen. Das ist sehr amerikanisch, alles ist genormt, es gibt viele Shops und sie kontrollieren genau, was du isst und was du kaufst. Sogar die Sozialleistungen f&#252;r arme Menschen bestehen darin, Lebensmittelmarken f&#252;r diese Zentren zu verteilen. Die Lebensmittel sind komplett industriell hergestellt, machen dich krank und fett aber nicht satt. Den Armen sieht man ihren Hunger nicht an, sie sind fett. In Brasilien kann man einen ziemlich klaren Unterschied erkennen: die Armen sind fett und ein klares Zeichen des sozialen Aufstiegs besteht darin, schlank zu sein und den g&#228;ngigen Sch&#246;nheitsidealen zu entsprechen.</p>
<p>Aber der entscheidende Punkt ist, dass diese Entwicklung mit einer noch st&#228;rkeren Ausrichtung der &#214;konomie auf den Export landwirtschaftlicher G&#252;ter Hand in Hand geht. Man muss sich das &#252;berlegen, diese Landwirtschaft ist keine Landwirtschaft, sondern Bergbau! Man beutet die gesamt Fruchtbarkeit des Bodens, die gesamten Mineralien aus, schickt die Erzeugnisse nach Europa, nach China, wo sie dann gegessen werden; aber die Exkremente gelangen niemals zur&#252;ck nach Brasilien, der biologische Kreislauf wird niemals wieder hergestellt. Im Ergebnis bedeutet dies, dass nach 30 Jahren Landwirtschaft in der Amazonas-Region der Boden bereits ausgelaugt ist, und dies trotz gro&#223;er Mengen von D&#252;nger und Zusatzstoffen, die aus Sibirien und Israel importiert werden. Man kann die Phosphate usw. nicht produzieren, also m&#252;ssen sie von irgendwoher herangeschafft werden.</p>
<p>F&#252;r viele Menschen liegt es demnach auf der Hand, dass und wie dieses ganze System zusammenbricht. Warum wird dies nicht eingestanden und der Bev&#246;lkerung reiner Wein eingeschenkt? Die Ern&#228;hrungskrise hat grade erst angefangen, sie wird aber bestehen bleiben. Wir br&#228;uchten  eine v&#246;llige Umgestaltung des Ern&#228;hrungssystems, von Nahrungsmittelproduktion und -handel, eine Wiederentdeckung traditionellen Saatguts, das gegen&#252;ber Klimawandel und extremen Naturereignissen viel widerstandsf&#228;higer ist. Wir aber tun genau das Gegenteil: wir f&#246;rdern die Erforschung von GMOs mit h&#246;herer Widerstandskraft gegen&#252;ber Trockenheit, obwohl es die GMOs selbst sind, die die Trockenheit verursachen! Es ist wie bei einem Hund, der versucht, sich in den eigenen Schwanz zu bei&#223;en und deshalb die ganze Zeit im Kreis l&#228;uft. W&#228;hrenddessen schmelzen die Pole.</p>
<p>Die Situation ist also sehr ernst und gleichzeitig ist es sehr schwierig, in die &#246;ffentliche Wahrnehmung zu gelangen, weil das Problem so vielschichtig ist. Manche Menschen lernen es auf die h&#228;rteste Art und Weise: sie stehen auf ihren Feldern und sehen, dass sie keine Landwirtschaft mehr betreiben k&#246;nnen, weil st&#228;ndig extreme klimatische Ereignisse geschehen. Landwirtschaft ist davon abh&#228;ngig, eine Versicherung zu besitzen, weil es z. B. passieren kann, dass ein gro&#223;er Sturm die Ernte zerst&#246;rt. Die brasilianische Regierung vergibt eine Versicherung jedoch nur dann, wenn man den Kaufbeleg seines modifizierten Saatgutes vorweist. Die Sache ist also die, dass man das eigentliche Problem kaufen muss: die GMOs. Es ist interessant zu wissen, dass die meisten dieser Entwicklungen durch staatliche Politik vorangetrieben werden. Nat&#252;rlich haben die Unternehmen einen gewissen Einfluss, aber die Regierungen werden nicht gezwungen, so zu handeln. Sie glauben selbst daran. Die ganze Kritik am Neoliberalismus fokussierte immer auf die Unternehmen, aber nun, da wir uns in einer post-neoliberalen Phase befinden – fall es sie &#252;berhaut gibt –, ist der Staat st&#228;rker denn je. Und er greift auf sein Gewaltmonopol zur&#252;ck.</p>
<p><em>Wie leisten die Menschen, die davon physisch betroffen sind, Widerstand?</em></p>
<p>Es gibt viele K&#228;mpfe und viel Widerstand. Die Bewegung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung war federf&#252;hrend darin, das Agrartreibstoff-Projekt anzuprangern. Es gab viele Protestm&#228;rsche, sie besetzten Fabriksgel&#228;nde, blockierten Stra&#223;en etc. Vor kurzem, am 11. Juni, gab es einen nationalen Mobilisierungstag, an dem die Bewegungen, die Teil von Via Campesina Brasilien sind, teilnahmen – darunter die Landlosenbewegungen und andere –, aber auch st&#228;dtische Bewegungen. Sie organisierten sich, besetzten L&#228;ndereien, die gepachtet wurden, um neue Plantagen aufzubauen, und Areale vor wichtigen Ethanol-Fabriken, sie zerst&#246;rten ein Versuchslabor f&#252;r GMO-Zuckerrohr, sie besetzen die Geb&#228;ude und Lagerhallen gro&#223;er Agrarunternehmen und verteilten die Lebensmittel unter der umliegenden Bev&#246;lkerung. Dies wurde von den internationalen Medien stark beachtet und war in allen Zeitungen, weil es zeitgleich in allen elf Provinzen stattfand und eine Welle der Repression seitens des Milit&#228;rs und der Polizei hervorrief. Aber Fakt ist, dass sie sehr erfolgreich waren, indem sie zeigen konnten, „wir sind hier“, „wir werden st&#228;rker“, „wir werden dies nicht mehr hinnehmen“. Es gibt direkte Aktion und direkte Konfrontation, die ganz anders ist als das was ihr in Europa macht, weil man hierbei wirklich sein Leben riskiert.</p>
<p>Aber es gibt auch alternative Ideen, das Konzept der Energiesouver&#228;nit&#228;t. Letztes Jahr hatten wir die erste landesweite Konferenz zu Agrarenergie, die &#252;ber 500 Delegierte von sozialen Bewegungen, Umwelt-NGOs, Gewerkschaften, Kirchen und Universit&#228;ten zusammenbrachte und aus der eine gemeinsame Deklaration zu Agrarenergie hervorging. In dieser hei&#223;t es, dass wir in keiner Weise die Export-orientierte Agrartreibstoff-Politik unserer Regierung unterst&#252;tzen. Konkret fordern wir die Suche nach alternativen Energiequellen. Menschen ben&#246;tigen Energie, sie waren immer abh&#228;ngig von Agrarenergie. Was die Bewegung tut – und wir unterst&#252;tzen das – ist eine kleinr&#228;umliche Produktion von Agrartreibstoffen f&#252;r den lokalen Gebrauch aufzubauen. Das k&#246;nnte auf ein Abkommen zwischen den StadtbewohnerInnen und der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung hinauslaufen, wonach letztere Lebensmittel und Treibstoff produzieren, die lokal vertrieben werden. Das tr&#228;gt dem Umstand Rechnung, dass gegenw&#228;rtig allein schon f&#252;r den Transport der Agrartreibstoffe selbst Treibstoff verbraucht wird. Durch die Nutzung von Agrartreibstoffen auf lokaler Ebene w&#252;rde sich die Abh&#228;ngigkeit vom &#214;l reduzieren. Das muss mit einer umfassenderen Ver&#228;nderung Gesellschaft einhergehen, die z. B. &#246;ffentlichen Verkehrsmitteln den Vorzug geben w&#252;rde. Zusammen mit anderen Organisationen haben wir eine Brosch&#252;re zu Energiesouver&#228;nit&#228;t herausgegeben, konkret geht es um die Erfahrungen autonomer Energieproduktion in der Region von Brazil. Dort gibt es viele kleine St&#228;dte, die ihre Lebensmittel lokal produzieren. Der erste Punkt w&#228;re, dass man so positiven Einfluss auf die Umwelt nimmt und eine Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften schafft. Wenn dies auf lokaler Ebene stattfindet, kann man sich mit allem, was schief l&#228;uft, lokal befassen. Weil die Menschen es aus erster Hand wissen.</p>
<p>Der Kampf findet also auf zwei Ebenen statt: direkten Widerstand leisten, wachr&#252;tteln und die Menschen konfrontieren und gleichzeitig neue Ideen und alternative Modelle der Energieversorgung und Lebensmittelproduktion entwerfen. Ich glaube, die l&#228;ndliche Bev&#246;lkerung ist eine wirkliche Avantgarde. Es gibt ein internationales Positionspapier von Via Campesina, das hei&#223;t „Kleinbauern stoppen die Erderw&#228;rmung“. So wird zum Ausdruck gebracht, dass die gegenw&#228;rtige landwirtschaftliche Produktionsweise die Hauptursache f&#252;r die Erderw&#228;rmung ist. Dies umfasst nicht nur die Produktion, sondern auch den Verkauf und den ganzen Prozess der Distribution. Und die Bauern schaffen zwar nicht die endg&#252;ltige L&#246;sung, aber das ist doch ein wichtiger Schritt in Richtung einer Alternative. Der dominanten Ansicht nach ist der/die KonsumentIn, der/die ein Hybridauto oder Energiesparlampen kaufen kann, das entscheidende politische Subjekt und der/die Tr&#228;gerIn des Wandels. Demgegen&#252;ber sagen wir, dass es die Bev&#246;lkerungsmehrheit in den l&#228;ndlichen Gebieten des globalen S&#252;dens ist, die genau jetzt etwas &#228;ndern kann, wenn sie ihre Landwirtschaft &#228;ndert, ihre W&#228;lder aufforstet, Gemischtanbau betreibt, auf agrar&#246;kologischer Basis wirtschaftet, die durch die Agrarindustrie zerst&#246;rten Agrarsysteme wieder herstellt und ohne schwere Maschinen und Importprodukte arbeitet. Nat&#252;rlich w&#252;rde dies zun&#228;chst eine umfassende Landreform und die Schaffung vieler Arbeitspl&#228;tze erfordern.</p>
<p>In einem n&#228;chsten Schritt m&#252;ssten wir die Notwendigkeitbetonen, dass die Menschen wieder in die l&#228;ndlichen Gebiete zur&#252;ckkehren. Der Trend der Urbanisierung ist nicht nachhaltig. Die Idee, v&#246;llig zusammengepfercht in urbanem Raum zu leben ist lediglich 200 Jahre alt. Es war eine Fantasie, die mit dem Ende des &#214;ls zusammenbricht. Die Menschen werden gezwungen sein, aufs Land zur&#252;ckzugehen, in kleinere St&#228;dte, zu einer humaneren Gr&#246;&#223;enordnung, weil die Nahrung aus der n&#228;heren Umgebung wird kommenm&#252;ssen, weil dies die einzige M&#246;glichkeit sein wird, wie wir uns das leisten k&#246;nnen, weil die Energieversorgung von lokalen Quellen abh&#228;ngig sein wird. Dies im Gegensatz zu Erd&#246;l, dessen entscheidendes Merkmal es ist, als fl&#252;ssiger Treibstoff &#252;berall hintransportiert und &#252;berall gelagert werden zu k&#246;nnen. Doch z. B. ohne die Fortsetzung des Irak-Krieges oder die ganzen Distributionsketten ist das Auto einfach nur ein Gerippe. Es bewegt sich nicht, es ist kein selbstst&#228;ndiges Ding. Es ist eine Maschine, die lediglich hier liegt, so lange, bis man die n&#246;tige Energie hat. Daher muss man die Auto-fixierte Kultur und ihre Verbindung mit Mobilit&#228;t und Freiheit – „Autokultur als Kultur der Freiheit“ – de-mystifizieren. Das war nur ein Traum, der zum Alptraum geworden ist und bald ein Ende haben wird!</p>
<p><em>Nat&#252;rlich ist unsere Lage hier in Europa nicht mit der in Brasilien zu vergleichen. Welchen Beitrag k&#246;nnen soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Akteure, AktivistInnen etc. aus dem globalen Norden dennoch zugunsten dieser K&#228;mpfe in Brasilien und im globalen S&#252;den allgemein leisten?</em></p>
<p>Ich denke an zwei Dinge. Erstens: Die EU hat sich das Ziel gesetzt, Agrartreibstoffe zu importieren und insofern dieses Ziel politisch gesetzt wurde, kann es politisch abgeschafft werden. Zu allererst: Akzeptiert es nicht! Weil ich letzte Woche in Irland war: Sagt einfach Nein! Lasst die EU nicht eine Supermacht werden. Dies ist nur ein kleinerer Punkt, der jedoch nahe bei dem ist, was in meinen Augen die viel versprechendste Bewegung in Europa ist. Obwohl es keine europaweite Bewegung gegen die EU gibt, existiert die Frage des Klimawandels als Moment der Mobilisierung. Ich habe geh&#246;rt, dass es Klima-Camps geben soll, und das ist, finde ich, sehr interessant. Wir w&#252;rden nicht von euch erwarten, euch mit der Bewegung der B&#228;uerInnen zu erheben, weil ihr diese Form der Umwelt nicht mehr habt. Ihr habt die W&#228;lder komplett zerst&#246;rt, ihr habt Plantagen und euer Lebensstil bedeutet die Wiederholung dessen im Rest der Welt. Aber wenn man den extremen Klimawandel und die Verantwortlichkeit Europas – als weltweites Modell – zum Ausgangspunkt nimmt, besteht die M&#246;glichkeit, eine starke Allianz zu bilden, um das Thema Klimawandel ernsthaft anzugehen. Nachdem in D&#228;nemark im Dezember 2009 die n&#228;chste <em>Conference of the Parties</em> der UN <em>Convention on Climate Change</em> stattfindet, habt ihr einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, um das Thema Klimawandel richtig zu politisieren und den Fokus auf KonsumentInnen wirklich in Frage zu stellen. Denn der/die KonsumentIn kann nicht die L&#246;sung sein. Was wir zu allererst brauchen ist keine individuelle Unterst&#252;tzung, sondern eine soziale Bewegung in Europa. Alles andere f&#252;hrt nirgendwohin. Weil freundliche Menschen, die ihre Autos m&#246;gen, gibt es mehr als genug. Was wir brauchen ist eine kollektive Antwort, organisiert und strukturiert. Wir verlangen keine neue Partei, sondern eine soziale Bewegung, die die Menschen auf die Stra&#223;e bringt und der EU klar macht, dass es so nicht geht.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Weltweit agierender Saatgutkonzern<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Krebserregendes Pestizid<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Bezeichnet das Recht, die Landwirtschafts- und Ern&#228;hrungspolitik selbst zu definieren. Der Begriff wurde 1996 anl&#228;sslich der Weltern&#228;hrungskonferenz von der Kleinb&#228;uerInnen- und LandarbeiterInnenbewegung Via Campesina gepr&#228;gt.</p>
<p>Transkription und &#220;bersetzung: <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em></p>
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		<title>Globalisierungskritik: The Next Generation</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:03:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Werner-Lobo, Klaus: <em>Uns geh&#246;rt die Welt – Macht und Machenschaften der Multis</em>, M&#252;nchen: Carl Hanser Verlag 2008, 278 Seiten, € 16,90]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Werner-Lobo, Klaus: <em>Uns geh&#246;rt die Welt – Macht und Machenschaften der Multis</em>, M&#252;nchen: Carl Hanser Verlag 2008, 278 Seiten, € 16,90<br />
<span id="more-298"></span></p>
<p>Sieben Jahre nach dem Erscheinen des globalisierungskritischen Klassikers „Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne“ wendet sich einer der Autoren, Klaus Werner-Lobo, mit seinem j&#252;ngsten Werk „Uns geh&#246;rt die Welt – Macht und Machenschaften der Multis“ an eine neue Generation von GlobalisierungskritikerInnen. Das Erscheinen dieses Buches im Hanser-Verlag zeigt, dass die Thematik nicht nur aktuell geblieben ist, sondern auch junge LeserInnen und neue AktivistInnen daf&#252;r begeistert werden k&#246;nnen. Inhaltlich werden viele der Fakten aus dem Schwarzbuch wiederholt, teilweise erg&#228;nzt und auch im Hinblick auf Handlungsm&#246;glichkeiten und Alternativen diskutiert. Formal ist das Buch eing&#228;ngig geschrieben, Vieles wird anhand von Beispielen illustriert, Begrifflichkeiten mangelt es fast nie an Erkl&#228;rungen. Dies ist wohl auch Werner-Lobos 15-j&#228;hriger Beraterin Jana Forsthuber geschuldet, die „geholfen hat, dass dieses Buch auch f&#252;r junge Menschen verst&#228;ndlich bleibt“. So wird jedes Kapitel mit einer Zusammenfassung in wenigen Punkten, einer Kurz&#252;bersicht an Handlungsm&#246;glichkeiten und Empfehlungen zur weiterf&#252;hrenden Weblekt&#252;re abgeschlossen. Nach einem einf&#252;hrenden Kapitel &#252;ber die ungerechte Ressourcenverteilung in der Welt widmet sich der Autor in jugendfreundlicher Sprache einigen klassischen Argumenten globalisierungskritischer Debatten. Im Abschnitt &#252;ber Konzerne und Globalisierung f&#252;hrt er zun&#228;chst Begriffe wie Neoliberalismus, Global Village, Lobbyismus und Privatisierung ein, vergleicht das BIP verschiedener L&#228;nder mit j&#228;hrlichen Konzerngewinnen und diskutiert die Rolle von IWF und Weltbank in der Verschuldung so genannter Entwicklungsl&#228;nder. In den n&#228;chsten Kapiteln werden tats&#228;chlich einige Themen aus dem Schwarzbuch unter &#228;hnlichen &#220;berschriften wiederholt. Vergleiche: Schmierige Gesch&#228;fte (2001) und Wie geschmiert (2007), Menschliche Versuchskaninchen (2001) und Kranke Gesch&#228;fte (2007) oder Fressen und Gefressen werden (2001) und Prost Mahlzeit! (2007). Dies ist dem Autor aber nicht vorzuwerfen, da er im Vorwort selbst einr&#228;umt, dass „einige Reportagen aus dem Schwarzbuch in den Text eingeflossen [sind]“. Neu gestaltet ist ein zusammenfassendes Kapitel &#252;ber Arbeitsbedingungen in Billiglohnl&#228;ndern, in welchem auch eine relativ ausf&#252;hrliche Kritik an den Strategien der <em>Corporate Social Responsibility</em> formuliert wird, sowie eine einfachere und weitaus k&#252;rzere Fassung der Diskussion um Finanzm&#228;rkte und der Besteuerung von Spekulationsprofiten. Am Ende des Buches gibt es dann eine Kurzfassung einiger Firmenportraits, die ja das Kernst&#252;ck des Schwarzbuches ausmachten.</p>
<p>Wer dies alles schon oft geh&#246;rt und gelesen hat, wird sich in diesem Buch vor allem f&#252;r zwei Kapitel interessieren: „Alternativen“ und „Aktiv werden“. Zun&#228;chst erkl&#228;rt der Autor hier recht allgemein was seiner Ansicht nach unter Kommunismus und Anarchismus zu verstehen ist, wobei letzterer weitaus besser wegkommt. Im Kommunismus g&#228;be es zwar &#246;konomische Gerechtigkeit, aber diese nur auf Kosten individueller Freiheiten, w&#228;hrend in seinem weitgefassten Anarchismuskonzept, inklusive R&#228;tedemokratie, eine herrschaftslose Ordnung m&#246;glich scheint. Zaghaft reformistische Ideen von Sozialer Marktwirtschaft wei&#223; Werner-Lobo zu kritisieren, nicht zuletzt mit dem Verweis, dass die fetten Jahre nicht nur vorbei seien, sondern auch auf der Ausbeutung ehemaliger Koloniall&#228;nder beruhen. Mit dieser Feststellung geht der Autor dann zu seinen konkreteren Forderungen &#252;ber: Grenzen auf f&#252;r alle, Menschenrechte globalisieren und M&#246;glichkeiten zur demokratischen Partizipation schaffen. Wobei es erfreulich ist, dass es hier keine Illusionen in die staatlichen Institutionen gibt. So wird die Sozialforums-Aktivistin Arundhati Roy folgenderma&#223;en zitiert: „Unsere Freiheiten wurden uns nicht von irgendeiner Regierung gew&#228;hrt, wir haben sie ihnen abgerungen. Und sind sie einmal preisgegeben, wird der Kampf um ihre R&#252;ckgewinnung zur Revolution. Dieser Kampf muss in allen Kontinenten und L&#228;ndern gef&#252;hrt werden. Kein Ziel ist zu klein, kein Sieg zu unbedeutend.“ Insgesamt bezieht sich der Autor sehr positiv auf die antikapitalistische Bewegung, sowohl in den Sozialforen als auch bei diversen Gipfelmobilisierungen (Seattle, Genua, Heiligendamm). In Bezug auf die in dem Kontext h&#228;ufig gestellte „Gewalt-Frage“ wird durchaus vern&#252;nftig argumentiert, dass es dieses System ist, das Gewalt aus&#252;bt. Ansonsten fallen die Handlungsvorschl&#228;ge unter dem Motto „Uns geh&#246;rt die Welt“ eher entt&#228;uschend aus: sich informieren, Zivilcourage zeigen und bei gemeinsamen, &#246;ffentlichen Aktionen Spa&#223; haben. Kommunikationsguerillas und Rebel-Clown-Army machen es vor. Auch bei durchdachter Kritik und einer Reihe von Alternativen muss der fehlende Plan offensichtlich mit vielen Appellen an Humor und Geduld kompensiert werden. Obwohl sich Werner-Lobo radikaler gibt als noch vor zehn Jahren, fehlt ihm jeglicher Klassenstandpunkt, was seine Handlungsvorschl&#228;ge allzu zahm ausfallen l&#228;sst.</p>
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		<title>Arbeiten am Hegemoniebegriff</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:38:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €<br />
<span id="more-110"></span><br />
Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem Jens Winter seine Arbeit entwickelt, sind die globalen Ver&#228;nderungen der Arbeitsverh&#228;ltnisse und die mannigfachen Fragen die sich daraus ergeben. Nicht nur f&#252;r die Wissenschaft, sondern auch f&#252;r politische AkteurInnen, die sich Angriffen ausgesetzt sehen, welche &#252;ber Jahrhunderte erworbene Rechte im Bereich der Arbeitsbeziehungen zunichte machen oder zumindest aush&#246;hlen, sind die Fragen heute von zentraler Bedeutung. Entlang der Ver&#228;nderungen in einer globalen Welt, die sich auszeichnen durch eine vermehrte Transnationalisierung von Herrschafts- und Ausbeutungsverh&#228;ltnissen, rekonstruiert der Autor mehrere theoretische Ans&#228;tze, die diese Dynamik zu begreifen versuchen. Generell unterteilt er hier in „problem solving“-Theorien und in kritische Theorien, wobei er sich selbst in einer wissenschaftlichen Tradition verortet, die sich aus den kritischen Arbeiten des neogramscianschen Ansatzes, der Regulationsschule und der staatstheoretischen Debatte rund um Joachim Hirsch und Bob Jessop speist.<br />
&#220;berblicksm&#228;&#223;ig l&#228;sst sich festhalten, dass er mit Bezug auf die „problem solving“-Theorien, unter die er neoinstitutionalistische und regimetheoretische Ans&#228;tze einordnet, zwei zentrale Schwachstellen erkennt. Sie schaffen es nicht, die Genese und das umfassende gesellschaftstheoretische Transformationspotential aktueller Entwicklungen, unter Ber&#252;cksichtigung sich neu konstituierender transnationaler Herrschaftsverh&#228;ltnisse, zu erfassen. Mit Bezug auf Staatlichkeit sind es auch genau diese Herrschaftsverh&#228;ltnisse, die aus dem Blickfeld geraten und deshalb zu einem verk&#252;rzten Staatsverst&#228;ndnis f&#252;hren. Trotzdem spricht er diesen Ans&#228;tzen nicht ab, auf analytischer Ebene ein sensibles methodisches Instrumentarium entwickelt zu haben, um die politischen Prozesse innerhalb analytisch fixierter Rahmenbedingungen zu erfassen. Mit Bezug auf die neogramscianisch inspirierte Forschung macht Jens Winter zwei zentrale Problembereiche aus: a) ein zu hoher Abstraktionsgrad der Analyse, der es erschwert, spezifische soziale Dynamiken und Institutionalisierungsprozesse zu erfassen und b) ein stark auf die KapitalistInnenklasse konzentriertes Erkenntnisinteresse, was zu einer Unterbelichtung der Rolle staatlicher AkteurInnen, inter- bzw. transnationalen Regimen und Subalternen f&#252;hrt. Entlang dieser Einsch&#228;tzung neogramscianischer Problemfelder spezifiziert er sein Anliegen. Dabei steht das permanente Spannungsfeld dynamischer und statischer Elemente in hegemonietheoretischen Analysen im Zentrum. Da Hegemonie immer sowohl das Umk&#228;mpfte als auch das Medium des Kampfes ist, schl&#228;gt Winter vor, die dynamische Perspektive zu favorisieren und fasst dies in einer terminologischen Erneuerung. Nicht ein pr&#228;fixierter historischer Block sollte Untersuchungsgegenstand sein, sondern der Prozess der Herausbildung einer hegemonialen Konstellation. Mit dieser prozessorientierten Konzeption von Hegemonie betont er die konstitutive Komponente sozialen Handelns, umgeht die pr&#228;judizierte Setzung wichtiger AkteurInnen in hegemonialen Auseinandersetzungen und kann die in hegemonialen Auseinandersetzungen sich neu bildenden AkteurInnen auf unterschiedlichen r&#228;umlichen Ebenen erfassen, was ein besseres r&#228;umlichfunktionales Begreifen politischer Prozesse erm&#246;glicht.<br />
Sein eigenes Vorgehen bezeichnet Jens Winter als akteursorientierten kritischhegemonietheoretischen Ansatz. „Es geht darum, verschiedene methodische Wege zu nutzen und v.a. die Ergebnisse mit der Absicht zu interpretieren, neue Erkenntnispfade innerhalb des kritisch-hegemonietheoretischen Paradigmas zu beschreiten“, deren Ergebnisse<br />
nicht schon im Vorhinein, aufgrund festgezurrter Annahmen relativ fixiert sind. (74)<br />
Als sein Untersuchungsfeld w&#228;hlt Jens Winter die hegemoniale Konstellation des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA und spezifischer das North American Agreement on Labor and Cooperation (NAALC), also einen „spezifischen transnationalen Governance Prozess im Widerspruchs und Konfliktfeld der Arbeitsregulierung“ (75).<br />
In seinem ersten empirischen Teil analysiert Winter die allgemeine hegemoniale Konstellation der NAFTA, um sich dann einem speziellen Teilbereich dieser Konstellation zuzuwenden. Die Analyse des NAALC versucht empirisch reich untermauert die Dynamiken und Resultate unterschiedlicher Auseinandersetzungen in den verschiedenen Arenen als Handlungsspielr&#228;ume verschiedenster Akteure zu interpretieren. Sein akteurszentrierter Ansatz kann zeigen, dass die Entwicklung einer hegemonialen Konstellation der NAFTA keineswegs als ein reines Elitenprojekt zu begreifen ist, sondern widerst&#228;ndige Praktiken sich insbesondere in den Nebenabkommen wie dem NAALC niederschlugen, diese dadurch aber Teil einer hegemonialen Kompromissformel wurden. Das hei&#223;t, die oft elitenfixierte Herangehensweise neogramscianischer Ans&#228;tze kann kein umfassendes Bild hegemonialer Konstellationen und deren Realit&#228;t zeichnen, wenn nicht die Rolle subalterner Akteure als Teil der Konstitutionsbedingung hegemonialer Konstellationen gefasst wird. Methodisch l&#228;sst sich sagen, dass der Versuch, unterschiedliche Formen der Untersuchung f&#252;r das Feld NAFTA und NAALC zu verbinden, gelungen ist. Trotzdem bleiben einige Fragen offen, wie der Autor zum Teil selbst anmerkt. Theoretisch f&#252;hrt uns die Arbeit zu einer zentralen Fragestellung, die nicht beantwortet wird, n&#228;mlich dem Verh&#228;ltnis zwischen Struktur und Handlung innerhalb der Analyse hegemonialer Konstellationen. Jens Winter benennt diesen Problembereich zwar, beantwortet ihn aber nicht. Dar&#252;ber hinaus stellt der Begriff des Transnationalen zwar eine zentrale theoretische Kategorie dar, bleibt allerdings unterbestimmt. Wie in dem Buch zu erkennen ist, wird transnationaler Raum analytisch nicht beschr&#228;nkt auf die Summe von Akteuren oder Prozessen, sondern erh&#228;lt einen eigenst&#228;ndigen theoretischen Status, doch bleibt dieser Status implizit im Text verschl&#252;sselt. Empirisch werden die transnationalen Prozesse zwar akribisch herausgearbeitet, doch fehlt eine theoretische Darstellung des transnationalen Raumes in seinen eigenen Logiken als Arena hegemonialer Auseinandersetzungen. Besonders f&#252;r das Erfassen transnationaler, subalterner Subjektivierung w&#228;re diese Darstellung hilfreich. Abschlie&#223;end soll festgehalten werden, dass das Buch, sowohl in methodischen Belangen als auch in seinen theoretischen Erweiterungen, als wichtige Intervention in die Debatten um neogramscianische Forschungsperspektiven zu sehen ist. Besonders die gelungene &#220;berwindung der Dichotomie zwischen theoretischen Arbeiten und empirischer Forschung ist ein Vorzeigebeispiel daf&#252;r, wie theoriegeleitete Forschung aussehen kann. Kritische Forschung kann sich entlang solcher Herangehensweisen wieder als wichtige Stichwortgeberin gesellschaftlicher K&#228;mpfe etablieren und so das gramscianische Paradigma einer „Philosophie der Praxis“ mit neuem Leben erf&#252;llen.</p>
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		<title>Klassenkampf von oben</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:37:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich: Rotpunktverlag 2007, 24,70 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich: Rotpunktverlag 2007, 24,70 €<br />
<span id="more-111"></span><br />
Im Titel des Buches steckt schon das erste Argument David Harveys, n&#228;mlich dass die politischen, &#246;konomischen, ideologischen und kulturellen Umbr&#252;che auf globaler Ebene seit den 1970er Jahren unter dem Begriff des Neoliberalismus zusammengefasst werden k&#246;nnen. Diese Ausgangsthese soll jedoch, so macht der Autor schnell klar, nicht dazu verleiten, die spezifischen, geographisch und historisch unterschiedlichen Transformationspfade, Entstehungsformen und Konfigurationen des Neoliberalismus als einheitlich oder gleichf&#246;rmig zu verstehen. Die ungleiche geographische Entwicklung, das Ausnutzen und die Produktion von territorialen Unterschieden, ist ein zentraler Durchsetzungsmechanismus und eine Schl&#252;sseleigenschaft des Neoliberalismus. Um eine „kurze Geschichte des Neoliberalismus“ erz&#228;hlen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen also lokale Transformationen in ihrem Verh&#228;ltnis zu allgemeinen Trends untersucht werden.<br />
Der M&#228;r von der Schw&#228;chung oder gar dem Verschwinden von staatlicher Macht h&#228;lt Harvey entgegen, dass der enorme Aufwand, der betrieben werden muss, um den Umbau von einer fordistisch-keynesianischen zu einer neoliberalen Entwicklungsweise durchzuf&#252;hren, gerade auf einen starken und aktiven Staat angewiesen ist. Ein wesentlicher Teil von Neoliberalisierung ist die Transformation von Staatlichkeit und staatlicher Politiken, die als Ver&#228;nderung der „Hauptaufgaben“ des Staates beschrieben wird. In der &#196;ra des „eingebetteten Liberalismus“, w&#228;hrend des langen Nachkriegsaufschwungs, hatte sich eine Art der Staatlichkeit in Europa, den USA und Japan etabliert, in deren Rahmen allgemein akzeptiert war, dass der Fokus staatlicher Politiken auf Vollbesch&#228;ftigung, Wirtschaftswachstum und dem Wohlergehen der B&#252;rgerInnen liegen und der Staat zu diesem Zwecke in M&#228;rkte eingreifen oder sie gar ersetzen sollte. Das neoliberale Projekt zielte darauf, das Kapital aus diesen Einschr&#228;nkungen zu „entbetten“ und ein „gutes Gesch&#228;ftsoder Investmentklima“ zu schaffen und den Interessen von Finanzkapital und Finanzinstitutionen im Falle eines Konflikts Priorit&#228;t gegen&#252;ber dem Wohlergehen von Bev&#246;lkerung und Umweltqualit&#228;t einzur&#228;umen. Diesen Leitvorgaben entsprechen Praktiken neoliberaler Staaten: Zerschlagung oder Beschr&#228;nkung von erk&#228;mpften und gewachsenen Institutionen der ArbeiterInnenklasse, Neuregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsm&#228;rkte nach dem Leitbild des stets verf&#252;gbaren Arbeiters, das Eintreten von territorialen Entit&#228;ten (Staaten, aber auch Regionen und St&#228;dte) in internationalen Wettbewerb und Strategien der „Akkumulation durch Enteignung“.<br />
Diese umfassende Transformation muss, so Harvey, als politisches Projekt zur Re-Etablierung der Bedingungen der Kapitalakkumulation und zur „Wiederherstellung der Macht der &#246;konomischen Eliten“ verstanden werden. Harveys Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf letzterem: Der soziale Inhalt des Neoliberalismus ist die (Wieder-)Herstellung von Klassenherrschaft, die in den 1970er Jahren durch die &#246;konomische Krise einerseits, den Aufschwung linker politischer Bewegungen andrerseits, in Gefahr geraten war. Neoliberale Ideologeme wie individuelle Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung m&#252;ssen als kulturelle Verh&#252;llungen der eigentlichen politischen Bedeutung der Neoliberalisierung als strategisches Projekt der Herrschenden begriffen und analysiert werden. Diese These zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch; gest&#252;tzt auf reichhaltiges Datenmaterial wird verdeutlicht, dass neoliberale Reformen, egal in welchen Teilen der Welt sie durchgef&#252;hrt wurden, zunehmende soziale Ungleichheit und eine enorme Konzentration von Besitz und Reichtum zum Ergebnis hatten. Daraus wird abgeleitet, dass Neoliberalisierung von Anfang an ein Projekt zur Wiederherstellung von Klassenmacht war. Damit verbunden sind auch Verschiebungen und Neuformierungen innerhalb der Klassen, die je nach r&#228;umlichem und historischem Kontext stark variieren; allgemeine Trends sind hier die tendenzielle Aufl&#246;sung der Trennung von KapitalbesitzerInnen und ManagerInnen und die St&#228;rkung der „Finanzwelt“. Die „historische Kluft“ zwischen Finanzkapital auf der einen und produktivem und Handelskapital auf der anderen Seite wird durch die Entstehung von gro&#223;en Konzernen, unter deren Dach alles von der Stahlproduktion bis zur W&#228;hrungsspekulation Platz hat, zunehmend geringer. Die Wiederherstellung von Klassenmacht durch neoliberale Reformen bedeutete also gleicherma&#223;en eine Verschiebung des dominanten Kerns der Eliten.<br />
Die entscheidende Frage ist, wie die in demokratischen Staaten notwendige Zustimmung eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung zu diesem Projekt der Eliten organisiert werden konnte. Der Kern der Antwort liegt f&#252;r Harvey in einem lange vorbereiteten ideologischen Klassenkampf, gef&#252;hrt von bestimmten Teilen der herrschenden Klasse und ihnen verbundenen Intellektuellen. Rund um halbformelle Zentren wie die Mont Pelerin Society wurden kontinuierlich Think-Tanks, Medien und akademische Institutionen aufgebaut und genutzt, um Ideen von individueller Freiheit und Selbstbestimmung zu verbreiten. Mit dem langen Marsch der neoliberalen Ideen durch diese Institutionen wurde ein Meinungsklima geschaffen, das durch die &#220;bernahme von politischen Parteien und, schlie&#223;lich, staatlicher Macht konsolidiert wurde. Voraussetzung daf&#252;r war jedoch, dass der Alltagsverstand breiter Teile der Bev&#246;lkerung von den sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre aufbereitet worden war. „1968“ (das als Chiffre f&#252;r so unterschiedliche, aber doch Gemeinsamkeiten aufweisende Bewegungen wie jenen in Paris, Berlin, Berkeley, Bangkok oder Mexiko Stadt steht) verschr&#228;nkte auf prek&#228;re Weise das Sehnen nach pers&#246;nlicher Freiheit und Selbstbestimmung mit Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit. Die Spannung zwischen diesen Polen nutzte das neoliberale Projekt aus, indem es mit scheinbar progressiver Rhetorik einen Keil zwischen Freiheit und Gerechtigkeit trieb. Neoliberalisierung hatte neu entstehende Lebens- und Konsumnormen zur Bedingung, die sich als hochgradig kompatibel mit bestimmten Momenten der „68er-Bewegungen“ und den kulturellen Impulsen des „Postmodernismus“ erwiesen.<br />
Die konkrete Ausgestaltung des hegemonialen Projekts der Neoliberalisierung nahm in verschiedenen L&#228;ndern unterschiedliche Formen an. So war in den USA die Allianz von Neoliberalen und der „moral majority“ der christlicher Rechten entscheidend, um auch dann noch stabile Unterst&#252;tzung zu erhalten, als die durch neoliberale Reformen verursachte soziale Desintegration Kritik laut werden lie&#223;. Ein vor allem auf die wei&#223;e ArbeiterInnenklasse gerichteter Wertekanon rund um kulturellen Nationalismus, Familie und Religion wurde aufgeboten, um die von der Aufl&#246;sung der im Fordismus erk&#228;mpften und etablierten sozialen Strukturen Betroffenen aufzufangen – eine Strategie, die unter Reagan etabliert wurde und bis in die Gegenwart wirkm&#228;chtig bleibt. In Gro&#223;britannien dagegen war die widerspr&#252;chliche Verkn&#252;pfung von Nationalismus (Falkland!) und Neoliberalisierung nicht in der Lage, ausreichenden „sozialen Kitt“ herzustellen. Unterst&#252;tzung f&#252;r die Privatisierungspolitik konnte hier in erster Linie durch den massenhaften Verkauf von &#246;ffentlichem Wohnraum an MieterInnen hergestellt werden, wodurch die Anzahl der Wohnungs- und Hausbesitzerinnen drastisch anstieg. Kurze Geschichten der Neoliberalisierung in Mexiko, Argentinien, S&#252;dkorea und Schweden sowie ein ganzes Kapitel zu Neoliberalismus in China zeigen, wie der „soziale Inhalt“ des Neoliberalismus – die Wiederherstellung von Klassenmacht – &#252;ber die mannigfaltigen Unterschiede hinweg als Sinn uns Zweck der &#220;bung begriffen werden muss.<br />
Harveys Argument verstrickt sich jedoch in Widerspr&#252;che. Einerseits wird eine globale Hegemonie des Neoliberalismus festgestellt, der in den Alltagsverstand und die Erfahrungen des t&#228;glichen Lebens eingedrungen sei, vor allem durch den positiven Bezug auf die libert&#228;r-individualistischen Positionen der sozialen Bewegungen der 1960er/1970er Jahre. Gleichzeitig ist die globale Situation keineswegs von Stabilit&#228;t gekennzeichnet, wie sie f&#252;r den „eingebetteten Liberalismus“ des Nachkriegsbooms konstatiert wird. Im Gegenteil wird wiederholt auf den inh&#228;rent instabilen Charakter des neoliberalen Staats hingewiesen, der eher als prek&#228;re &#220;bergangsform zu verstehen sei. Dies l&#228;sst sich in erster Linie auf die Kluft zwischen den verk&#252;ndeten Zielen neoliberaler Theorie (Freiheit und Wohlergehen) und den tats&#228;chlichen Konsequenzen neoliberaler Praxis (Restauration von Klassenherrschaft) zur&#252;ckf&#252;hren. Hier dr&#228;ngt sich die Frage auf, was auf den Neoliberalismus folgen k&#246;nnte. F&#252;r Harvey verdichten sich die Hinweise auf einen neokonservativ-autorit&#228;ren Turn auf globaler Ebene, wof&#252;r paradigmatisch der Bruch zwischen den US-Administrationen Clinton und Bush Jr. steht. Das Modell China zeigt dar&#252;ber hinaus eindrucksvoll, wie (&#246;konomisch) erfolgreich Wirtschaftsliberalismus mit autorit&#228;ren politischen Strukturen verbunden werden kann, und auch die Beschneidung von B&#252;rgerInnenrechten in der „westlichen Welt“ sind Anzeichen daf&#252;r. Wie morsch die tragenden Balken der Weltwirtschaft – China und die USA – tats&#228;chlich sind, weist auf die Instabilit&#228;t der gegenw&#228;rtigen polit&#246;konomischen Konstellation auf Weltebene hin. Die USA verbuchen horrende Budget- und Au&#223;enhandelsdefizite, w&#228;hrend Chinas gigantische, schuldenfinanzierte Infrastrukturprojekte zwar im Moment als Auffangbecken f&#252;r &#252;bersch&#252;ssige Kapital- und Arbeitskraftreserven dienen, mittelfristig aber entsprechende Ertr&#228;ge bringen m&#252;ssen. Eine folgenreiche Krise – Harvey spielt mehrere m&#246;gliche Szenarien durch – ist angesichts dieser prek&#228;ren Lage nicht unwahrscheinlich. F&#252;r die Politik der Linken hat Harveys Diagnose bedeutende Konsequenzen. Wenn die herrschenden Klassen sehenden Auges und mit der Parole „nach mir die Sintflut“ in die Katastrophe steuern, findet sich die ArbeiterInnenbewegung in der paradoxen Situation wieder, den Kapitalismus vor sich selbst retten zu m&#252;ssen. Dies w&#228;re laut Harvey, da Krisen stets die „einfachen Leute“ am h&#228;rtesten treffen, durchaus in deren Interesse. Harvey treibt damit seine schon in seinem letzten gro&#223;en Buch „Der neue Imperialismus“ formulierte Position auf die Spitze, wo als einzig m&#246;gliche, wenn auch befristete Antwort eine Art von „neuem ‚New Deal’ mit weltweitem Einflussbereich“ (vgl. die Rezension von Stefan Probst in <em>Perspektiven </em>Nr. 0) vorgeschlagen wird.<br />
Was die „Kleine Geschichte des Neoliberalismus“ zu einem lesenswerten Buch macht, ist Harveys F&#228;higkeit, den oft zum Unwort aufgeblasenen Begriff Neoliberalismus auf zeitlich und geographisch konkrete Transformationen von Politik und &#214;konomie herunter zu brechen. Er macht nachvollziehbar, wie unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Regionen der Erde, verschiedene Wege zu Konstellationen gef&#252;hrt haben, die trotzdem sinnvoll mit einem Begriff bezeichnet werden k&#246;nnen. Dies zeigt sich besonders dort, wo das analytische Netz besonders fein gekn&#252;pft wird – etwa in der Beschreibung der neoliberalen Neuerfindung New York Citys in den 1970er und 1980er Jahren. Als Intervention in breitere Debatten ist dar&#252;ber hinaus die Analyse des gegenw&#228;rtigen Kapitalismus in Begriffen von Klasse und Klassenkampf mehr als notwendig. Sicherlich ist theoretische Kritik an vielen Stellen angebracht. So wird der Begriff der Hegemonie von Gramscis machttheoretischem Konzept zuweilen auf die Notwendigkeit der Erheischung von W&#228;hlerInnenstimmen reduziert. Der Begriff Klasse wird oft jeglicher analytischer Tiefensch&#228;rfe beraubt und „KapitalistInnen“, „herrschende Klasse“ und „Eliten“ praktisch synonym verwendet. Und schlie&#223;lich bleibt auch in diesem Buch, so wie in seinen vorhergegangenen, die Staatstheorie ein wei&#223;er Fleck in Harveys theoretischer Landkarte. Das – gemessen an seinem eigenen Anspruch – entscheidende Manko des Buchs liegt jedoch meines Erachtens an anderer Stelle. In seiner Analyse der Neoliberalisierung gibt es eine konsequente &#220;berbetonung der handelnden AkteurInnen auf Kosten von nicht auf diese reduzierbaren Strukturen. Harveys Neigung, die Transformationen in Politik und &#214;konomie auf eine Strategie zur Wiederherstellung von Klassenherrschaft zur&#252;ck zu f&#252;hren, ohne den strukturellen Zw&#228;ngen der Kapitalakkumulation angesichts sich versch&#228;rfender &#220;berakkumulationskrisen &#228;hnliche Erkl&#228;rungskraft zuzugestehen, l&#228;sst seine Argumentation teilweise gar in die N&#228;he von Verschw&#246;rungstheorien geraten.<br />
Auch der strategische Vorschlag, den Harvey aus seiner Analyse ableitet, mag nicht &#252;berzeugen. Um aus deklariert marxistischer Perspektive die Rettung des Kapitalismus vor den KapitalistInnen zu fordern, d.h. die Fortf&#252;hrung eines auf Ausbeutung und (wie gerade Harvey immer wieder gezeigt hat) gewaltt&#228;tigen Konflikten beruhenden Systems, m&#252;ssen schon sehr &#252;berzeugende Argumente hervorgebracht werden. Harveys These lautet stark verk&#252;rzt: Ein „entbetteter Liberalismus“ erzeugt unweigerlich Krisen, deren Folgen immer die &#228;rmsten Teile der Bev&#246;lkerung am h&#228;rtesten treffen. Diese haben daher ein nicht von der Hand zu weisendes Interesse daran, den Kapitalismus zu stabilisieren um Krisen zu verhindern. Dieses Argument scheint mir nicht sehr &#252;berzeugend. Es beruht (1.) auf der Annahme, dass unter den gegenw&#228;rtigen Bedingungen eine l&#228;ngerfristige Stabilisierung nach Vorbild des „eingebetteten Liberalismus“ der Nachkriegsjahre m&#246;glich w&#228;re („neuer New Deal“) und scheint (2.) zu vergessen, dass auch auf eine solche Phase, so sie denn m&#246;glich w&#228;re, eine weitere Welle des Klassenkampfs von oben und weite Teile der Erde ersch&#252;tternde Krisen folgen m&#252;ssten. Dieser wenig einleuchtende, extrem defensive Strategievorschlag k&#246;nnte als Ergebnis der recht trostlosen Lage der US-amerikanischen Linken interpretiert werden. Tats&#228;chlich liegen ihr jedoch meines Erachtens einige theoretische und analytische Fehleinsch&#228;tzungen zu Grunde. Dies betrifft zun&#228;chst eine verk&#252;rzte Analyse des „eingebetteten Liberalismus“. Dieser wird vor allem als ausbalanciertes Kompromissgleichgewicht verstanden, das l&#228;ngerfristig Krisen verhindern und relativ gerecht verteilten Wohlstand sichern konnte. Zwar ist dieses Bild als ein Aspekt des langen Nachkriegsbooms sicherlich korrekt; den spezifischen internationalen polit&#246;konomischen Bedingungen – vor allem der imperialistischen Konfrontation im Kalten Krieg und der anhaltende Ausbeutung der L&#228;nder des Trikonts – wird dabei jedoch nicht Rechnung getragen. Dar&#252;ber hinaus muss das „goldene Zeitalter“ selbst einer kritischen historischen &#220;berpr&#252;fung unterzogen werden, war die Phase relativer Stabilit&#228;t schlie&#223;lich geographisch (Teile Europas und Nordamerikas) und zeitlich (von politischer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t kann, zumindest in Europa, vor 1950 und nach 1968, kaum gesprochen werden) eng beschr&#228;nkt. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz fungiert hier das „goldene Nachkriegszeitalter“ als positiver Bezugspunkt f&#252;r aktuelle Strategien. Trotzdem bietet etwa die an einigen Stellen aufgeworfene Frage nach dem Stellenwert von Rechten spannenden und zukunftsweisenden Diskussionsstoff: einerseits ist der Aufstieg des Neoliberalismus eng verwoben mit jenem des Menschenrechts-Diskurses, der gerne als Rechtfertigung f&#252;r imperialistische Angriffskriege dient; gleichzeitig bietet der Bezug auf universelle Rechte aber auch Chancen f&#252;r eine anti-neoliberale Linke. Welche Priorit&#228;ten Rechten zugewiesen und wem diese zugestanden werden, ist eine zentrale politische Auseinandersetzung. Ob das Recht auf Privateigentum vor dem Recht auf Leben gilt ist eine Frage, um die zum Beispiel in den Debatten zu Patentrechten auf Pharmazeutika gestritten werden muss. Denn zwischen gleichen Rechten, erinnert uns Harvey an Marx’ Worte, entscheidet Gewalt. So erfreulich es ist, dass Harvey die Fragen um universelle Rechte ernst nimmt, so bedauerlich ist es, dass diese wichtigen Debatten so eng an eine recht kurzsichtig auf nationalstaatliche (Regierungs-) Macht orientierte Strategie gekoppelt werden. Das tats&#228;chlich vorhandene, radikal emanzipatorische Potenzial etwa eines Rechts auf gerechten Zugang zu Ressourcen und Reicht&#252;mern gelingt es dadurch kaum auszusch&#246;pfen. Das Res&#252;mee des Buchs f&#228;llt insgesamt dennoch positiv aus, da es Harvey gelingt, zentrale und unabdingbare Begriffe einer kritischen politischen &#214;konomie in die Debatte um Neoliberalismus einzubringen; salopp gesagt lautet die unterst&#252;tzenswerte Botschaft: wer &#252;ber Klassen nicht reden will, soll &#252;ber Neoliberalismus schweigen.</p>
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		<title>Welt&#246;ffnende Begriffe</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/weltoeffnende-begriffe-brand-ueber-abc-der-alternativen/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:50:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>

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		<description><![CDATA[<em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span><span id="more-53"></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Ihr habt im ABC der Alternativen 126 Begriffe von 133 Autor-Innen versammelt – was war die Idee dahinter, so ein Buch zu machen, was ist der politische Einsatz dieses „ABC“s?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der erste Punkt ist, dass die Leute, die in dem Band schreiben, in sozialen Bewegungen als kritische Intellektuelle aktiv sind und wir in der Debatte um Kritik der Globalisierung bzw. Kritik der aktuellen Entwicklungen auf die Frage eingeben wollten: gibt es auch Alternativen? Ja, es werden aktiv Alternativen diskutiert, das wollten wir zeigen. Wir sind dann schnell drauf gekommen, dass das viel zu viel ist und haben uns darauf beschr&#228;nkt, perspektivierende Begriffe zu nehmen, die bestimmte Weltsichten &#246;ffnen. Wir haben also keine realen Bewegungen beschrieben wie die Zapatistas oder Attac, sondern gefragt: was sind alternative Weltsichten? Und das interessante daran ist, dass es uneindeutig ist, dass es ganz wenige eindeutige Begriffe gibt. Und je umfassender die Begriffe sind, umso uneindeutiger sind sie. Das ist Teil der K&#228;mpfe um Alternativen: Was hei&#223;t Kommunismus? Was hei&#223;t Sozialismus? Was hei&#223;t Marxismus? Was hei&#223;t Solidarit&#228;t? Was hei&#223;t Wirtschaftsdemokratie?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ein zweiter interessanter Punkt ist, dass das Denken von Alternativen durch eine Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse durch muss. Es gibt keine Blaupause, es wird nicht irgendwo etwas entwickelt, sondern es gibt immer – in den Stichworten nat&#252;rlich in aller gebotenen K&#252;rze – den deutlichen Bezug darauf, dass die herrschenden Verh&#228;ltnisse kritisiert werden. Das ist nicht eindeutig – eine Kritik etwa im Stichwort „Keynesianismus“ f&#228;llt anders aus als in „Kritik der politischen &#214;konomie“, aber das ist ein wichtiger Punkt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Drittens wird in vielen Stichworten deutlich, dass die Entwicklung von Alternativen durch Geschichte, durch linke Geschichte, durch Erfahrungen, durch Niederlagen hindurch gehen muss. Das scheint auf, auch wenn die Stichworte daf&#252;r zu kurz sind – aber das ist ein wichtiger Punkt. Wir argumentieren nicht ahistorisch, sondern zeigen bei Begriffen wie Trotzkismus oder Marxismus, wie sie historisch verwendet wurden und wie sie auch Teil von politischen, mitunter folgenschweren Irrt&#252;mern und Niederlagen sind – das m&#252;ssen wir uns ja eingestehen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Und als letzten Punkt: deutlich werden die Vielf&#228;ltigkeit und Relevanz von Theorie, das hei&#223;t die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven. Beispielsweise wird klar, wenn man John Holloway, Margit Mayer, Joachim Hirsch, Christa Wichterich, Karl Heinz Roth, J&#246;rg Huffschmid nebeneinander legt, um nur ein paar zu nennen, dass es da gro&#223;e Unterschiede gibt, eben unterschiedliche politische Vorstellungen: Was hei&#223;t Ver&#228;nderung, etwa in Bezug auf Staat und die herrschenden Verh&#228;ltnisse?<o></o></span></p>
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<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Die zweite Frage hast du damit fast vorweg genommen, n&#228;mlich jene nach den Auswahlkriterien f&#252;r Begriffe und Autor-Innen. Schlie&#223;lich besteht bei einem solchen Projekt die Gefahr, Begriffe, die wie du sagst einem geschichtlichen Wandel unterliegen, festzuschreiben durch Personen, die nat&#252;rlich auch ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Positionen einbringen. Es gibt im ABC Begriffe, die eher affirmativ beschrieben werden, von AktivistInnen, die ihre Position vertreten und andere, eher kritische Begriffe.<o></o></span></em></p>
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<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Absolut – da hatten wir kein klares Kriterium. Neben den zuvor genannten inhaltlichen Kriterien ging es nat&#252;rlich auch darum: wen kennen wir, wen wollen wir dabei haben? Es ist kein Lexikon, das das bestehende Wissen sammelt – das w&#228;re absurd, auf 250 Seiten. Sondern es ist Ansto&#223; zur Diskussion. Es ist Bildungsmaterial f&#252;r eine breitere &#214;ffentlichkeit, das zeigen auch die bereits nach drei Monaten enormen Verkaufszahlen, und es ist ein Ansto&#223; innerhalb einer Linken, die sehr plural ist, f&#252;r Diskussionen um Begriffe. Aber, wie gesagt, nicht als Begriffshuberei, sondern als Perspektiven f&#252;r das Verst&#228;ndnis und die emanzipatorische Ver&#228;nderung herrschaftsf&#246;rmiger sozialer Verh&#228;ltnisse.<o></o></span></p>
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<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Was unter anderem auff&#228;llt ist, dass es recht viele Begriffe gibt, die sich &#246;kologischer Fragen annehmen. Es gibt „Bioethik-Kritik“, „Energiepolitik“, „Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t“, „Klimagerechtigkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Naturverh&#228;ltnisse“, „&#246;kologische Gerechtigkeit“ und auch in anderen Stichworten wird diese Dimension mit einbezogen. Nun arbeitest du selbst seit vielen Jahren zu Naturverh&#228;ltnissen – inwieweit war das eine bewusste Intervention in die Debatten der sozialen Bewegungen?<o></o></span></em></p>
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<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das ist tats&#228;chlich eine Intervention. Wir als Herausgeber-Innen wollten das st&#228;rken, weil es eine Schw&#228;che in den aktuellen Bewegungen ist. Oft wird dichotomisiert: hier gibt’s die Umweltgeschichten, da gibt’s die globalisierungskritischen oder radikalen Geschichten. Gerade als wir begonnen hatten, das Buch zu planen, gab es den McPlanet Kongress im Mai 2007 in Berlin zu Umweltfragen mit 2.000 Leuten. Und es gab ein paar Wochen sp&#228;ter die Anti-G8-Proteste in Heiligendamm. Beim McPlanet Kongress war so etwas wie Kapitalismusanalyse abwesend, das einzige war ein Workshop, den ich mit Elmar Altvater gemacht habe, der rappelvoll war und wo auch viele gesagt haben: endlich gibt’s mal so etwas. Aber auf den gro&#223;en Podien war es absent. In Heiligendamm dagegen war die &#214;kologiefrage anwesend – globale Landwirtschaft war ein prominentes Thema – und wir wollten diese Konstellation nutzen, um das voranzutreiben. Seit Herbst 2007 ist das Umwelt- und vor allem das Klimathema in den Post-G8-Bewegungen sehr pr&#228;sent, einige neigen aber zur Instrumentalisierung. „Wenn die herrschende Agenda nun Klima ist, dann m&#252;ssen wir dem etwas entgegen setzen.“ Oft wird die Problematik der Naturverh&#228;ltnisse aber auf die „Umweltfrage“ reduziert und damit den herrschenden Sichtweisen auf den Leim gegangen. Ich hoffe, dass wir mit dem ABC zu einer Kl&#228;rung beitragen k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">&#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit den vielen feministischen Themen im Buch. Auch das ist oft ein blinder Fleck in den Bewegungen, wenn gemeint wird, es gehe jetzt um das „Kerngesch&#228;ft“ des Kapitalismus, d.h. Finanzm&#228;rkte, Arbeitsverh&#228;ltnisse im sehr engen Sinne. Dem wollen wir entgegen arbeiten. Um eine kleinen Vergleich zu machen: Das </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC zum Neoliberalismus</span></em><span lang="DE">, das zweite Buch in der ABC-Reihe, ist sehr gewerkschaftsorientiert. Ich finde es absolut gelungen, aber da sind viele Themen nicht dabei: sozial&#246;kologische Themen sind kaum vertreten, feministische Themen sind nicht dabei, und nur sieben der 67 AutorInnen sind Frauen. Neben der Ber&#252;cksichtigung der Geschlechterverh&#228;ltnisse waren uns zwei weitere Aspekte wichtig: Bei der Auswahl der AutorInnen intergenerationell zu sein, also alle politischen Generationen vertreten zu haben, sowie eine gro&#223;e politische Pluralit&#228;t, vom linksliberalen bis linksradikalen Spektrum.<o></o></span></p>
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<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Das Ansto&#223;en der Debatte rund um solche Begriffe passiert auch von eurer Seite konkret durch Veranstaltungen – es gab eine gut besuchte Buchvorstellung in Wien, um im April wird eine gr&#246;&#223;ere Veranstaltung zum ABC in Graz stattfinden. Was gibt es dort zu erwarten?<o></o></span></em></p>
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<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Wir selbst organisieren diese Veranstaltung gar nicht, sondern wurden eingeladen von Leuten in Graz, die das Buch gelesen haben und so begeistert sind, dass sie diese Tagung auf die Beine stellen, um drei Tage Themen des Buchs zu diskutieren. So soll ein Buch am besten wirken, dass auch Leute selbst etwas organisieren. Sie haben jetzt mit Joachim Hirsch, Manuela Bojadzijev, den </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">grundrisse</span></em><span lang="DE">-Leuten aus Wien und vielen anderen ein wie ich denke sehr gutes Programm zusammengestellt. Das Buch muss Resonanzen entwickeln, es ist nicht etwas f&#252;rs B&#252;cherregal, also ist es umso besser wenn es Arbeitskreise gibt, oder wenn LehrerInnen Stichworte verwenden – auch schon vom </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC der Globalisierung</span></em><span lang="DE">, das 2005 rauskam. Das ist ein enormer Wert, weil es in vielen Kontexten keine kritischen Wissensbest&#228;nde mehr gibt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Danke f&#252;r das Interview!</span></em></p>
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