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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Gewerkschaftsbewegung</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Prek&#228;r, aber allein?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:34:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>
		<category><![CDATA[Wissensarbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60

Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60<br />
<span id="more-1592"></span><br />
Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und der industrielle Sektor (Forschung und Entwicklung in der Elektroindustrie). Es ist interessant zu erw&#228;hnen, dass nicht nur Interviews mit WissensarbeiterInnen, sondern auch mit Betriebsr&#228;tInnen gef&#252;hrt wurden,. Die Aufarbeitung der Untersuchungsfelder kann daher als empirisch ges&#228;ttigt und dicht beschrieben werden.</p>
<p>Die unterschiedliche Strukturiertheit der drei Untersuchungsfelder bringt die AutorInnen gleich zum zentralen Problem in der Besch&#228;ftigung mit Wissensarbeit: der Begriff Wissensarbeit an sich. Laut den AutorInnen versperrt sich das Feld Wissensarbeit einem Zugriff &#252;ber einen fordistisch gepr&#228;gten Arbeitsbegriff. Zentral f&#252;r ihre Definition von Wissensarbeit ist die Abgrenzung gegen&#252;ber routinisierten Arbeiten, die zwar ohne spezifische Kenntnisse nicht zu bewerkstelligen, aber nicht explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgelegt sind. Wissensarbeit ist f&#252;r sie daher eine T&#228;tigkeit, die &#252;berwiegend und explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgerichtet ist. Mit der Bedeutungszunahme von Wissen als „nicht-endlichem“ Rohstoff in der neuen wissensbasierten &#214;konomie r&#252;ckt laut den AutorInnen eine generalisierbare, explizite Form des Wissens gegen&#252;ber implizitem Wissen in den Vordergrund. Diese Prozesshaftigkeit versuchen sie mit organisationssoziologischen Konzepten zu erfassen. Entgegen anderslautender Argumente halten die AutorInnen fest, dass mit der Transformation zu einer wissensbasierten &#214;konomie keinesfalls der Charakter einer Klassengesellschaft aufgehoben wird. Es verschieben sich lediglich die Konfliktlinien, sie werden bis zu einem gewissen Grad neu gezogen.<br />
Gerade diese Annahme bringt die AutorInnen dazu, auf klassische Konzepte der Arbeits- und Industriesoziologie zur&#252;ckzugreifen, um die Durchsetzungsf&#228;higkeit von (Wissens-)ArbeiterInnen und Gewerkschaften n&#228;her bestimmen zu k&#246;nnen: Zentral ist f&#252;r sie das Machtressourcen-Konzept von Beverly J. Silver und Erik O. Wright, bei dem zwischen struktureller Macht (Produktionsmacht und Marktmacht) und Organisationsmacht unterschieden wird. Aufgegriffen wird auch das Konzept der institutionellen Machtressourcen, das von WissenschafterInnen der Universit&#228;t Jena entwickelt wurde und darauf abzielt, der institutionellen Eingebundenheit von ArbeiterInnenorganisationen in staatlich-korporatistische Strukturen (insbesondere in Deutschland, &#214;sterreich und den skandinavischen Staaten) Rechnung zu tragen.<br />
Mit Hilfe dieses hier nur grob skizzierten analytischen Handwerkszeugs werden von den AutorInnen die unterschiedlichen Untersuchungsfelder systematisch aufgearbeitet. Im weiteren Verlauf m&#246;chte ich mich insbesondere auf den Bereich der Universit&#228;t beziehen, da – trotz der positiven Aspekte des Buches – auch einige Kritikpunkte angebracht sind, die anhand ihrer Untersuchungen und Schlussfolgerungen bez&#252;glich der universit&#228;ren Landschaft besonders deutlich herausgearbeitet werden k&#246;nnen.<br />
Die Analyse des universit&#228;ren Feldes beginnt mit einer ausf&#252;hrlichen Darstellung der Verbetriebswirtschaftlichung der &#246;sterreichischen Universit&#228;ten. Dabei werden sowohl die Aspekte des Universit&#228;tsorganisationsgesetzes (UOG) 1993 als auch die Ver&#228;nderungen durch das Universit&#228;tsgesetz (UG) 2002 miteinbezogen. Besonders betont wird hierbei der inneruniversit&#228;re Abbau von demokratischer Mitbestimmung und die B&#252;rokratisierungstendenzen im Zuge des Bologna-Prozesses sowie der neuen Studienarchitektur. Ein weiterer Teil der Analyse widmet sich der Diversifizierung der Anstellungsverh&#228;ltnisse an der Universit&#228;t und dem Ph&#228;nomen der Prekarisierung gro&#223;er Teile der Universit&#228;tsangestellten, insbesondere der Drittmittelangestellten und der wachsenden Zahl sogenannter „externer“ LektorInnen.<br />
Des Weiteren beleuchten die AutorInnen die verschiedenen, mehr oder weniger institutionalisierten Vertretungsstrukturen an den Universit&#228;ten (Betriebsratsorgane, Interessensvertretungen wie die IG Externe LektorInnen usw.) und deren fraktionelle Untergliederungen. Einen wichtigen Teil der Aufarbeitung der universit&#228;ren Landschaft nimmt das Selbstverst&#228;ndnis der WissensarbeiterInnen ein. Wenig &#252;berraschend kommen die AutorInnen zum Schluss, dass die in unterschiedlichen Arbeitsverh&#228;ltnissen stehenden Besch&#228;ftigten sehr heterogene Interessen vertreten. Diese artikulieren sich meist auch eher auf einer individuellen Ebene, da Universit&#228;ten keinen einheitlichen Produktionszusammenhang darstellen, sondern eher einer Ansammlung vieler kleiner Wissenswerkst&#228;tten gleichen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich auch die betriebsr&#228;tliche und gewerkschaftliche Arbeit an Universit&#228;ten. Betriebsr&#228;tInnen werden nur selten als wichtige AnsprechpartnerInnen gesehen; auch Gewerkschaften spielen nur eine marginale Rolle.<br />
Mit dieser Analyse zeichnen die AutorInnen ein sehr d&#252;steres Bild. Aufbauend auf ihren Erkenntnissen – WissensarbeiterInnen verweigern sich an den Universit&#228;ten einer klassischen Repr&#228;sentation durch die institutionalisierten Kan&#228;le – kommen sie zu dem Schluss, dass Gewerkschaften oder andere Organe der Interessensvertretung ihre Serviceleistungen st&#228;rker individualisieren m&#252;ssen.<br />
F&#252;r mich war dies eine etwas &#252;berraschende Schlussfolgerung, hei&#223;t es doch im Titel des Buches Perspektiven einer kollektiven Interessensvertretung. Die Schlussfolgerung der AutorInnen hat meiner Meinung nach mehrere Ursachen: Erstens basiert ihre Analyse sehr stark auf der Individualisierungsthese, die sie durch die Ergebnisse ihrer Interviews zu st&#252;tzen versuchen. In diesen wurde von den InterviewpartnerInnen immer wieder betont, dass Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen bei Problemen an der Universit&#228;t nicht als AnsprechpartnerInnen gesehen werden. Die AutorInnen ziehen daher den Schluss, dass die kollektive Interessensartikulation aufgrund der Individualisierung im Bereich der universit&#228;ren Wissensarbeit schlichtweg nicht m&#246;glich w&#228;re. Man sollte sich hierbei allerdings fragen, was die Voraussetzungen f&#252;r eine kollektive Interessensartikulation sind. Diese kommt doch nicht automatisch, quasi nur aufgrund des Vorhandenseins von Problemen, zustande. Vielmehr muss der kollektiven Artikulation ein Organisierungsprozess vorausgehen. Die bisherige Arbeitsweise von Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen an der Universit&#228;t war nie auf einen derartigen Organisationsprozess ausgerichtet. Deshalb finde ich es fatal, wenn ein Organisierungsversuch erst gar nicht empfohlen, sondern als Schlussfolgerung vorgeschlagen wird, sich schlichtweg den desorganisierenden Tendenzen einer Individualisierung anzupassen.<br />
Zweitens liegt diese pessimistische Perspektive auch in der theoretischen Herangehensweise begr&#252;ndet. Obwohl die AutorInnen sich auf den Machtressourcen-Ansatz von Beverly J. Silver und Erik O. Wright beziehen, bleiben sie in ihrer Untersuchung sehr stark an einer einzelnen Machtressource orientiert, n&#228;mlich der Marktmacht. Unter Marktmacht versteht man die Bedingung, unter der Lohnabh&#228;ngige ihre Arbeitskraft verkaufen k&#246;nnen. Die AutorInnen konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die rechtlichen und &#246;konomischen Rahmenbedingungen, unter denen WissensarbeiterInnen ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese &#246;konomistische und legalistische Sichtweise m&#252;ndet meines Erachtens in ein Verst&#228;ndnis von passivierten ArbeiterInnen, die ihr Schicksal hinnehmen oder nur auf individueller Ebene versuchen, „es sich zu richten“. Dabei w&#252;rde der Machtressourcen-Ansatz noch viele andere Perspektiven er&#246;ffnen: Gerade die Frage der Produktionsmacht von ArbeiterInnen, also ihrer F&#228;higkeit, den Produktionsprozess oder die Funktionslogik eines Unternehmens oder einer Institution zum Erliegen zu bringen, vernachl&#228;ssigen die AutorInnen vollkommen. Sie reproduzieren damit einen paternalistischen Zugang zum Thema der Interessensvertretung und verbleiben dabei in den ausgetretenen und immer weniger durchsetzungsf&#228;higen Pfaden einer serviceorientierten Gewerkschaftskultur. Zudem reproduziert diese Herangehensweise in Bezug auf WissensarbeiterInnen auch einen Opferdiskurs. Sie versperrt den Blick auf deren aktives, dissidentes oder offen widerst&#228;ndiges Handeln, insbesondere an der Universit&#228;t.<br />
Drittens erw&#228;hnen die AutorInnen zwar die b&#252;rokratisch-hierarchische Organisationsstruktur der Universit&#228;ten als Hindernis f&#252;r gewerkschaftliche Organisierung, doch belassen sie es bei dieser Feststellung. Meine eigene Besch&#228;ftigung an der Universit&#228;t und die Auseinandersetzung mit dem Thema „Organisierung von WissensarbeiterInnen“ zeigen aber, dass diese b&#252;rokratisch-herrschaftsf&#246;rmige Zurichtung der Universit&#228;t mannigfache Momente der Dissidenz und des Widerstandes hervorbringt. Von Institutsleitungen, die versuchen, die rigiden b&#252;rokratischen Vorgaben zu umgehen, von Lehrenden, die gewisse Reglements umschiffen bis hin zu „externen“ LektorInnen, welche die Betreuung von Diplomarbeiten bestreiken, gibt es ein kleines Multiversum von abweichenden, dissidenten und widerst&#228;ndigen Praxen. Nicht zuletzt die Universit&#228;tsproteste der letzten Monate haben gezeigt, dass auch WissensarbeiterInnen f&#228;hig sind, kollektiv aufzutreten.<br />
Eine Perspektivenverschiebung in Richtung dieser t&#228;tigen Elemente im Machtressourcen-Ansatz h&#228;tte noch vollkommen andere Potentiale von Organisierung offen gelegt. Es gilt, genau diese Dissidenz und Widerst&#228;ndigkeit, die oft im Verborgenen existiert, zu verallgemeinern und einen Organisierungsprozess in Gang zu bringen.<br />
Die St&#228;rke dieses Buches besteht in der detaillierten, strukturellen Analyse der gegenw&#228;rtigen Arbeitsbedingungen von WissensarbeiterInnen. Doch genau diese St&#228;rke der strukturellen Analyse ist auch die Schw&#228;che des Buches. Die &#220;berbetonung der strukturellen Momente l&#228;sst keinen Platz mehr f&#252;r bereits vorhandene Formen des Widerstandes und der Dissidenz. Das verstellt auch den Blick auf alternative Methoden von Interessenvertretung, die eben nicht paternalistische Tendenzen einer Serviceorientierung reproduzieren, sondern die Selbstt&#228;tigkeit der Subjekte in den Vordergrund stellen.</p>
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		<title>Hic sunt leones: Die Besetzung der INNSE-Werke in Mailand</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 09:04:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. Andreas Fink analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.

Es war noch nie ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. <em>Andreas Fink</em> analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.<br />
<span id="more-1525"></span><br />
Es war noch nie ein Vergn&#252;gen, die mit „Kapital und Arbeit“ betitelten Rubriken der wenigen italienischen Zeitungen durchzubl&#228;ttern, die noch immer versuchen, sich dem Herrschaftsdiskurs von Wirtschaft und politischer &#214;konomie zu verweigern und Arbeitsk&#228;mpfen den Aktienkursen vorzuziehen. Dennoch war es besonders beklemmend zu sehen, wie in den letzten Jahren auf diesen Seiten t&#228;glich ein kleines St&#252;ck ArbeiterInnenbewegung zu Grabe getragen wurde –  von den Todesanzeigen weiter hinten nur durch den fehlenden schwarzen Rahmen unterscheidbar: Die Serie von Niederlagen in Form von Lohnsenkungen, steigenden Arbeitslosen- und Prek&#228;rbesch&#228;ftigtenzahlen, Stellenabbau, Betriebsschlie&#223;ungen und wirkungslosen Streikgeb&#228;rden wiegt umso schwerer angesichts der St&#228;rke dieser Bewegung und der linken Vielfalt von Theorie und Praxis, die das Land noch vor wenigen Jahrzehnten hervorgebracht hatte. Und fernab von theoretischen Verrenkungen um ein dahinsiechendes revolution&#228;res Subjekt ist es vor allem gro&#223;es menschliches Leid, welches damit verbunden ist.<br />
Aber etwas hat sich seit letztem Sommer ver&#228;ndert: Nicht dass die Meldungen in der Substanz anders w&#228;ren, im Gegenteil hat sich die Lage durch die Krise noch versch&#228;rft. Doch – so verkl&#228;rend es auch klingen mag – ein Funke Hoffnung ist zur&#252;ckgekehrt: In unz&#228;hligen Betrieben gibt es harte Auseinandersetzungen um L&#246;hne bei den einen, gegen drohende Werksschlie&#223;ungen bei den anderen. Viele haben neuen Mut gesch&#246;pft, wollen es so machen wie die INNSE, „fare come alla Innse“ ist zum gefl&#252;gelten Wort geworden. Am 13. August 2008 konnten die ArbeiterInnen dieses  Montagewerks f&#252;r Schwermechanik, das Werkzeugmaschinen und Anlagen f&#252;r die Eisenindustrie produziert, eine schmerzvolle, doch letztendlich siegreiche Auseinandersetzung f&#252;r vorl&#228;ufig beendet erkl&#228;ren – was &#252;ber die Grenzen Italiens hinaus hohe Wellen geschlagen hat. Dieser Text versucht nun im ersten Teil den sich &#252;ber Monate hin ziehenden Kampf nachzuzeichnen und nach den dahinter liegenden Ursachen zu fragen; im zweiten Teil werden einige &#220;berlegungen zu den wichtigsten Faktoren des Erfolgs angestellt. Es wird darum gehen, die beiden sich um Produktionsmittel und Boden entwickelnden Konfliktlinien und die darin eingebetteten AkteurInnen hervorzuheben: Genta in seiner Rolle als Eigent&#252;mer strebte den Verkauf der Maschinen an und bediente sich der damit verbundenen Machtinstrumente (d.h. des staatlich garantierten Schutzes des Privateigentums); die Immobiliengesellschaft AEDES wollte den Grund zwecks einer h&#246;heren Mehrwertrate umgestalten; die staatlichen Institutionen waren einerseits an die strukturelle Grundlage der Gesetze gebunden, verfolgten andererseits personenspezifische Eigeninteressen. F&#252;r die von einer Mitte-Rechts-Koalition regierte Stadt Mailand stand vor allem die Umsetzung des Bauleitplanes im Sinne einer kapitalorientierten Modernisierung im Vordergrund; einzelne Kr&#228;fte konnten hingegen ihre Position f&#252;r die ArbeiterInnen geltend machen. Letztere stellten sich –  sp&#228;ter mit Unterst&#252;tzung der Gewerkschaft – den Kapitalinteressen entgegen und forderten die Weiterf&#252;hrung der Produktion unter einem/einer neuen Eigent&#252;mer/in ein.</p>
<p><strong>Der letzte Rest</strong><br />
Die INNSE Presse, die sich in der ehemaligen Industriezone Lambrate im Nordosten Mailands befindet, ist ein &#220;berbleibsel des einst m&#228;chtigen Innocenti-Konzernes. Dieser erlebte seine Glanzzeiten in der Nachkriegszeit bis in die 1960er-Jahre durch sein Engagement im Metall- und Automobilsektor und durch die Produktion der ber&#252;hmten Lambretta-Kleinmotorr&#228;der. Die INNSE selbst entstand 1971 durch das Abtreten des Schwermechaniksektors an die staatliche I.R.I.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> bei gleichzeitiger Fusion mit der Sant’Eustachio aus Brescia (daher der Name INNocenti Sant‘Eustachio). Zwar besch&#228;ftigte das Unternehmen noch &#252;ber 2.000 ArbeiterInnen, doch setzte sich sein Niedergang sukzessive fort. Im Zuge der Privatisierungswelle in den 90er-Jahren kam die INNSE 1995 in den Besitz der deutschen SMS Demag, welche sie vier Jahre sp&#228;ter an die Manzoni Group weiterverkaufte. Diese verpflichtete sich, die mittlerweile auf 100 ArbeiterInnen zusammengeschrumpfte Belegschaft weiter zu besch&#228;ftigen, doch schon ein Jahr sp&#228;ter wurde die gesamte Manzoni Group und damit auch die INNSE Presse wegen finanzieller Schwierigkeiten unter administrative Verwaltung gestellt. Die INNSE selbst hingegen schrieb schwarze Zahlen und hatte eine solide Auftragslage, da die Konkurrenz in dieser stark spezialisierten Branche auch europaweit sehr &#252;berschaubar ist.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Wie eine Wohnung in Mailand</strong><br />
Im Jahre 2006 tauchte der Turiner Unternehmer Silvano Genta, der auf den An- und Verkauf gebrauchter Industrieger&#228;tschaft spezialisiert ist, als Interessent an dem Unternehmen auf und wurde nach zwei Jahren der Unsicherheit und des Verhandelns mit offenen Armen empfangen. Dank eines Gesetzes der Prodi-Regierung, welches f&#252;r die &#220;bernahme angeschlagener Betriebe besonders g&#252;nstige Konditionen vorsieht, erwarb Genta unter der Auflage, die Produktion f&#252;r den Zeitraum von zwei Jahren weiterzuf&#252;hren und die ArbeiterInnen zu besch&#228;ftigen den Betrieb um rund 750.000 Euro. Der Preis – in etwa so hoch wie der f&#252;r eine Wohnung in Mailand – wurde erst sp&#228;ter bekannt und lag nat&#252;rlich weit unter dem eigentlichen Marktwert, da es sich bei den Maschinen um High-Tech-Pr&#228;zisionsger&#228;te handelte. Trotz dieser g&#252;nstigen Konditionen blieb der Neuanfang aus: „Das Management Genta hat, wie die Zeitungen berichten, keinerlei relevante Investitionen f&#252;r den Aufschwung des Unternehmens get&#228;tigt, aber die INNSE lief trotzdem mit zufriedenstellenden Ergebnissen weiter.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nach zwei Jahren, kurz nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist, erhielten die ArbeiterInnen schlie&#223;lich das Telegramm in welchem ihnen die unmittelbare Einstellung der Produktion mitgeteilt wurde. Die Fabrik sollte geschlossen, die Maschinen verkauft und die Hallen f&#252;r ein Gro&#223;projekt der AEDES Immobiliare S.p.A., in deren Besitz sich das gesamte, weitgehend brach liegende Gel&#228;nde „Ex-Maserati“ befindet, niedergerissen werden.</p>
<p><strong>Kristallpalast statt dr&#246;hnender Maschinen</strong><br />
Diese Immobiliengesellschaft hatte sich in den letzten Jahren auf Immobilienfonds und Stadtentwicklungsprojekte konzentriert und musste im Zuge der Immobilienkrise 2007 gewaltige Verluste verzeichnen, sodass sie nun mit 800 Millionen Euro bei diversen Banken in der Schuld steht.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Im Jahr 2006 erwarb AEDES die Mehrheitsanteile der Rubattino 87 S.r.l., jener Gesellschaft, in deren Besitz sich der Grund und die Geb&#228;ude der INNSE befanden, um „ein wichtiges Entwicklungsprojekt im Osten von Mailand zu verwirklichen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dieser Plan ist schon seit 1998 im „Programm f&#252;r st&#228;dtische Wiederinstandsetzung“ der Gemeinde Mailand vorgesehen und sollte in zwei Phasen verwirklicht werden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Ostteil sind 245.000 m2 f&#252;r Wohnungen, eine Universit&#228;tsau&#223;enstelle und einen Business Park  vorgesehen, die nach Fertigstellung einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro haben sollen. Inklusive des Westteils mit 177.000 m2 und den Gr&#252;n- und Wasserfl&#228;chen umfasst das Gebiet rund 610.000 m2. F&#252;r AEDES ist das Projekt bedeutend, da dieses „wahrscheinlich mit gr&#246;&#223;erer Leichtigkeit die Schulden verringern [k&#246;nnte], die sie durch ihre Immobilienspekulation angeh&#228;uft haben, wenn sie ein Gel&#228;nde ohne INNSE in ihrem Portfolio h&#228;tten.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die erste Phase, die Errichtung der Anlage im Westen mit zahlreichen Wohngeb&#228;uden, ist schon teilweise abgeschlossen. Bez&#252;glich der zweiten l&#228;sst die Gemeinde Mailand verlauten: „Im April 2006 hat der Ausf&#252;hrende einen neuen Vorschlag der Raumordnung vorgestellt, welche vorsieht: die Verlegung der produktiven Anlage der Ex-INNSE in Hallen neuerer Bauart, angelegt im n&#246;rdlichen Sektor des P.R.U“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ganz unmissverst&#228;ndlich wird hier die Schlie&#223;ung der INNSE angek&#252;ndigt, da eine Verlegung der gewaltigen Maschinen ein sehr zeit- und kostenaufwendiges Unterfangen sei. Dieser Aspekt verweist in Hinblick auf den Wirtschaftsstandort Mailand und die geplante Expo 2015 auf eine h&#246;here Ebene, wodurch die Konfliktkonstellation eine weitere Facette erh&#228;lt: die st&#228;dteplanerische Entwicklung der Region.</p>
<p><strong>Ein neues Gesicht f&#252;r die Stadt</strong><br />
Mailand geh&#246;rt neben Turin und Rom zu den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen Italiens, da dort die B&#246;rse und zahlreiche bedeutende Unternehmen angesiedelt sind. Die Industrie- und Finanzmetropole gilt mit ihrer n&#228;heren Umgebung – der Metropolregion „Grande Milano“, in der rund 7,5 Millionen Menschen leben – f&#252;r viele nicht umsonst als „heimliche Hauptstadt Italiens“, die jedoch in letzter Zeit Boden an die Konkurrentin Rom verloren hat: „Lange Zeit [ist] in Mailand ohne Masterplan gebaut worden, schlicht nach verf&#252;gbarem Raum und dem Scheckbuch des Bauherrn entschieden worden.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Im Zuge der EXPO 2015, f&#252;r die die Stadt den Zuschlag erhalten hat, will sie sich ein neues Gesicht verpassen. Zahlreiche urbane Projekte werden vorangetrieben, darunter die Errichtung dreier Hochh&#228;user durch internationale Stararchitekten, der Ausbau des Stra&#223;en- und Verkehrsnetzes und die Begr&#252;nung der Stadt. Wie immer vor Gro&#223;ereignissen, die Milliardengelder in die Austragungsorte sp&#252;len, bl&#252;hen Baugewerbe und Immobilienspekulation, was das Ex-Innocenti-Gel&#228;nde umso attraktiver macht. Diesen architektonischen Ver&#228;nderungen liegt ein urbaner Umstrukturierungsprozess zugrunde, bei dem sich zugleich die letzten Momente des &#220;berganges vom fordistischen zum postfordistischen Akkumulationsregime (vor allem die Aufl&#246;sung sozialer Milieus und die Verlagerung der Industrie) vollziehen, die auf eine Optimierung des „Produktivit&#228;tsfaktors Stadt“ zielen. Es ist vor allem der regionale und interregionale Druck der Standortkonkurrenz, der die st&#228;dtebaulichen Entwicklungen dominiert. In Mailand, wo die industrielle Produktion fast vollst&#228;ndig aus der Stadt vertrieben wurde, um Platz f&#252;r neue B&#252;rot&#252;rme und Finanzzentren zu schaffen, zeigt sich dies besonders deutlich. Angesichts der schon lange bestehenden Pl&#228;ne, aus dem Gel&#228;nde der INNSE ein pulsierendes Business- und Wohnviertel zu machen, &#252;berrascht das Auftreten Gentas ebenso wenig wie seine Absichten, die Fabrik zu schlie&#223;en; denn &#252;berhaupt erst ins Spiel gebracht hatte ihn Roberto Castelli, ein hoher Funktion&#228;r der <em>Lega Nord</em> und Untersekret&#228;r f&#252;r Infrastruktur, der ihn als vertrauensw&#252;rdig empfohlen hatte. Die Schlie&#223;ung der Fabrik, die den Besch&#228;ftigten am 31. Mai 2008 mitgeteilt wurde, sollte den Weg frei machen f&#252;r ein weiteres St&#252;ck neues „gr&#252;nes Mailand“.</p>
<p><strong>Drei Monate der Selbstverwaltung</strong><br />
Doch mit der Reaktion der zu diesem Zeitpunkt nur mehr 50 ArbeiterInnen, drei von ihnen mit migrantischem Hintergrund und 14 weiblich, hatte wohl niemand gerechnet. Da die um Hilfe gebetene Mail&#228;nder Metallgewerkschaft zuerst abwarten wollte, gingen sie auf eigene Faust vor: Sie verschafften sich Zutritt zur verschlossenen und von Sicherheitsleuten bewachten Fabrik und riefen eine permanente Betriebsversammlung aus. Genta sollte dazu bewegt werden, alle Entlassenen wiedereinzustellen und die Produktion fortzusetzen. Daher nahmen die ArbeiterInnen ab dem 3. Juni die Arbeit in Selbstverwaltung wieder auf – in ihren Augen eine notwendige aber tempor&#228;re Strategie, einerseits um Druck auf den Eigent&#252;mer auszu&#252;ben, andererseits um die Maschinen in Gang zu halten. Die beiden Hauptabnehmer wurden verpflichtet, die konstante Auftragslage nicht abzubrechen: Erst wenn diese neues Rohmaterial anlieferten, wurde die  fertige Ware verschickt. Die Eink&#252;nfte flossen freilich weiterhin an Genta im guten Glauben, dieser w&#252;rde seine Position doch noch &#228;ndern. Ganz offensichtlich wurde dessen Entschlossenheit ebenso wie die Tragweite des Konfliktes untersch&#228;tzt, sodass die ArbeiterInnen auf eine innerbetriebliche L&#246;sung hinarbeiteten. Auffallend sind jedoch die gute Organisationsf&#228;higkeit und die Geschlossenheit, mit welcher die gesamte Belegschaft die Selbstverwaltung mitgetragen hat: „Niemand ist […] ausgeschert und hat den individuellen Ausweg gew&#228;hlt, alle sind geblieben, auch die Kaderangestellten. Der Ingenieur hat Seite an Seite mit den Arbeitern die Pfannen der selbstverwalteten Werkskantine gesp&#252;lt.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> An der internen Arbeitsteilung &#228;nderte sich nur wenig, die Handlungsabl&#228;ufe waren eingespielt: „Was die Arbeiten betraf, so bedurfte es keiner gro&#223;en Entscheidungen, wenn einer frei war ging er einem anderen zur Hand; wir haben uns ohne gro&#223;e Schwierigkeiten organisiert.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Bis zum 17. September wurde die Produktion so fortgef&#252;hrt. Dann griff Genta zu unerwartet harten Mitteln: Er lie&#223; die Fabrik in den Morgenstunden von Polizeihundertschaften r&#228;umen. Trotz des R&#252;ckschlages f&#252;hrten die ArbeiterInnen den Protest fort und errichteten in einem ehemaligen Pf&#246;rtnergeb&#228;ude am Werkstor ein Lager mit K&#252;che, Wohnraum und Mensa.</p>
<p><strong>R&#228;umung durch die Polizei</strong><br />
Ein erster H&#246;hepunkt wurde im Winter erreicht: Nach einem misslungenen Versuch, unter Polizeischutz mit der Demontage der Maschinen zu beginnen, probierte es Genta im Januar erneut, doch eine eilig zusammengerufene Menschenmenge versperrte den Lastw&#228;gen den Weg. Die in Kampfmontur erschienenen Polizeikr&#228;fte griffen ein, die Situation eskalierte und mehrere ArbeiterInnen wurden verletzt, aber Gentas Vorhaben war vereitelt worden. Die &#246;ffentliche Resonanz war dementsprechend gro&#223;, und damit auch die Aufmerksamkeit f&#252;r den Arbeitskampf der INNSE-Belegschaft. Die ArbeiterInnen sahen ein, dass der Unternehmer zu keinen Verhandlungen bereit war, sondern sein Ziel mit Gewalt zu erreichen trachtete, weshalb sie verst&#228;rkt versuchten, &#252;ber politische Institutionen Druck auszu&#252;ben. So bekam der Arbeitskampf eine neue Dimension. Die Metallergewerkschaft FIOM<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, die sich zuvor sehr zur&#252;ckgehalten hatte, bekundete ihre Solidarit&#228;t und intervenierte offensiver. Gleichzeitig intensivierten die ArbeiterInnen ihre Medienarbeit und richteten ihren Protest verst&#228;rkt auch gegen die Immobiliengesellschaft, um Gespr&#228;che zu erwirken. „Die Technik war einfach: Ein Arbeiter in Zivil klopfte an die T&#252;r. Das Fr&#228;ulein &#246;ffnete ohne Probleme und in einem Augenblick war die Eingangshalle voll von Arbeitern der INNSE.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> In dieser Phase wuchs auch das Unterst&#252;tzerInnennetzwerk (v.a. Menschen aus den Centri Sociali<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>, dem gewerkschaftlichen Umfeld, anderen Betrieben und linken Parteien), viele Solidarit&#228;tsbekundungen trudelten ein, doch eine massenhafte Unterst&#252;tzung aus dem ArbeiterInnenmilieu oder der Stadtbev&#246;lkerung blieb aus. Auch aus Betrieben mit &#228;hnlichen Problemen, von denen es in Mailand etliche gibt, blieb die Unterst&#252;tzung relativ gering.<br />
Da der Fall an die Pr&#228;fektur weitergeleitet wurde, sollte der Sommer ruhig bleiben.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Doch die Lage spitzte sich zu: Am 2. August nutzte Genta die Gunst der Stunde – Mailand war urlaubsbedingt leer, einige ArbeiterInnen in Ferien – und lie&#223; durch ein Aufgebot von 300 Polizei- und Carabinieri-Einheiten das Lager der ArbeiterInnen am Werkstor r&#228;umen. Von Genta eigens engagierte ArbeiterInnen begannen in der Fabrik mit der Demontage der Maschinen . Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich durch diesen Vorsto&#223; pl&#246;tzlich zu Ungunsten der protestierenden ArbeiterInnen verschoben, die ihren Kampf nun auf der Stra&#223;e vor dem Tor weiterf&#252;hrten.</p>
<p><strong>Zw&#246;lf Meter &#252;ber der Erde</strong><br />
Am 4. August schien die Situation sowohl am Verhandlungstisch als auch direkt vor Ort festgefahren, die Kr&#228;fte der ArbeiterInnen ersch&#246;pft. Nachdem fest stand, dass die Demontage der Maschinen so nicht mehr aufzuhalten war, starteten vier Arbeiter und ein FIOM-Gewerkschafter eine au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion: Es gelang ihnen, die Polizeikr&#228;fte zu umgehen, in die Fabrik einzudringen und sich auf einer zw&#246;lf Meter hohen Kranbr&#252;cke zu verbarrikadieren. Vincenzo Acerenza, einer der vier, beschreibt dies folgenderma&#223;en: „Wir wussten schon l&#228;nger, dass der finale Akt nur eine symbolische Besetzung sein konnte. […] Um nicht geschnappt zu werden, haben wir gerufen: ‚Oh, machen wir einen Abstecher zur Versammlung der Arbeiterkammer?‘, und sind zu f&#252;nft langsam weggegangen.“ &#220;ber einen Hintereingang gelangten sie hinein: „Wir haben beschlossen [auf den Kran] hinaufzusteigen, w&#228;hrend wir in die Fabrik hineingegangen sind. Was tun, wenn wir schon einmal drinnen sind? Sie h&#228;tten uns hinaus zerren k&#246;nnen. Wir sind auf den Kran gestiegen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die Demontage wurde aus Sicherheitsgr&#252;nden sogleich eingestellt – ein erster Erfolg f&#252;r die Arbeiter auf dem Kran. Begleitet wurden sie durch eine Intensivierung der Protestaktionen und einer neuen Welle von Solidarit&#228;ts- und Unterst&#252;tzungserkl&#228;rungen.<br />
Nationale sowie internationale Medien, darunter alle gro&#223;en italienischen Tageszeitungen, berichteten &#252;ber diese Aktion und ihre Vorgeschichte, die „gruisti“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> waren in aller Munde.  Die regierenden PolitikerInnen sahen sich doppelt unter Zugzwang: Einerseits durch die Opposition, die eine fehlende Arbeitsplatzpolitik kritisierte, andererseits durch die unberechenbaren ArbeiterInnen auf der Kranbr&#252;cke. Sollten diese ihre Drohung, sich etwas anzutun, wahr machen, w&#252;rden auch sie zur Verantwortung gezogen werden.<br />
&#220;ber eine Woche harrten die f&#252;nf Arbeiter auf dem kleinen Plateau aus, a&#223;en, schliefen, wuschen sich dort oben so gut es eben ging, unerreichbar f&#252;r die Polizeikr&#228;fte und bald auch f&#252;r ihre KollegInnen und Verwandten, da der Strom abgeschaltet wurde, und sie so ihre Mobiltelefone nicht mehr aufladen konnten. Hinzu kam die Hitze, die bei &#252;ber 30°C auf der Stra&#223;e unter dem Hallendach um einiges h&#246;her gewesen sein d&#252;rfte.<br />
Die hinter verschlossenen T&#252;ren wieder aufgenommenen Verhandlungen, welche angesichts des &#246;ffentlichen Interesses viel ernster als zuvor gef&#252;hrt wurden, dauerten an. Zwar war schon am 6. August mit der Camozzi-Gruppe aus Brescia ein neuer m&#246;glicher K&#228;ufer gefunden, doch Genta stellte sich weiter quer. Erst als f&#252;r dessen Angebot ein Ultimatum ausgesprochen wurde und diese einmalige Chance zu entgleiten drohte, wurde der Druck auf Genta zu gro&#223; und es konnte eine Einigung erzielt werden: Attilo Camozzi, ein Ex-Gewerkschafter, erwarb den Maschinenpark der INNSE ebenso wie den zur Produktion ben&#246;tigten Grund von AEDES und versicherte die Wiedereinstellung der 49 Entlassenen und die Nutzung des Gebietes zu industriellen Zwecken bis 2025; weitere Investitionen und die Angliederung fr&#252;her erworbener Unternehmen sollten folgen. Der Immobiliengesellschaft wiederum wurde die Umzonung des restlichen Gel&#228;ndes von der Mail&#228;nder B&#252;rgermeisterin zugesichert.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> F&#252;r die INNSE-Belegschaft war das Verhandlungsergebnis ein voller Erfolg und die Freude beim Empfang der f&#252;nf Arbeiter entsprechend gro&#223;. &#220;ber den Eingang h&#228;ngten Unterst&#252;tzerInnen ein Transparent mit den Worten: „Hic sunt leones“ – „die L&#246;wen sind hier“ – ein Satz, mit dem antike KartographInnen die Gef&#228;hrlichkeit unbekannter Gebiete markierten. Zweifelsohne war f&#252;r den Unternehmer Genta und seine Helfer die Fabrik in den Monaten des Kampfes ein nicht ungef&#228;hrliches Terrain.</p>
<p><strong>Analyse &#038; Schlussfolgerung</strong><br />
Trotz der grunds&#228;tzlich geschw&#228;chten strukturellen Machtposition der ArbeiterInnen, f&#228;llt zuallererst ihre Entschlossenheit auf, die nur durch die ausweglose Situation zu erkl&#228;ren ist, in der sie sich aufgrund der Entlassungen befanden.<br />
Das traditionelle Hauptkampfmittel Streik w&#228;re in diesem Fall g&#228;nzlich wirkungslos gewesen und h&#228;tte nur bei einer Erfassung anderer Unternehmenszweige oder Betriebe Wirkung erzeugt. Dies war aber aufgrund der besonders starken Fragmentierung der Reste der ArbeiterInnenschaft im Raum Mailand undenkbar: „Hier hat die Industrie und das soziale Gewebe, das mit ihr verbunden war, eine Ver&#246;dung ohne Gleichen durchgemacht.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die politischen Institutionen und die &#214;ffentlichkeit stellten so die einzige M&#246;glichkeit dar, eine Gegenmacht zu entwickeln und Druck aufzubauen.</p>
<p><strong>Eine k&#228;mpferische Tradition</strong><br />
Es stellt sich nat&#252;rlich die Frage, welchen Stellenwert die &#252;blichen Strategien der Gewerkschaften in dieser Auseinandersetzung einnehmen. Neben der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung, die selbst eher konfliktorientiert war, gab es vor allem in den 60er- und 70er-Jahren eine starke autonomistische Bewegung („die glorreichen 77er“). Diese ist heute zwar theoretisch und praktisch nur mehr von geringer Bedeutung, dennoch stellt sie immer noch einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r die Identit&#228;t von ArbeiterInnen dar, insofern sie Handlungsm&#246;glichkeiten aufzeigte. Nicht zuletzt steigerte sie die Akzeptanz radikalerer Ma&#223;nahmen nicht nur in der Belegschaft, sondern auch in deren Familien, den Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft. In korporatistisch gepr&#228;gten L&#228;ndern hingegen ist die Schwelle, ab der ein Konflikt offen ausbricht, erheblich h&#246;her, zudem finden Impulse zu radikaleren Strategien im Betrieb oft keine Mehrheit oder werden durch die fehlende Unterst&#252;tzung isoliert.<br />
Dar&#252;ber hinaus sind aber die konkreten Erfahrungen der ArbeiterInnen in k&#228;mpferischen Auseinandersetzungen wichtig: Die h&#228;ufigen Wechsel der Fabrikeigent&#252;mer, die K&#228;mpfe um den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze und jene um ihre Rechte bewirkten einerseits eine hohe Verbundenheit mit der Fabrik, andererseits eine gro&#223;e Solidarisierung untereinander. „Wahrscheinlich ist eines der Motive jenes, dass wir hinter uns eine lange Geschichte, dass wir auf unseren Schultern Jahre des Kampfes haben. Zudem waren wir vorbereitet, wir haben unter uns dar&#252;ber schon in den zwei vorhergegangenen Jahren gesprochen. Wenn man die Personen betrachtete, die da kamen, war dies zu erwarten.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p><strong>Die Rolle von Parteien und Gewerkschaft</strong><br />
Die Organisierung einer Gegenmacht gelang aufgrund der defensiven Haltung der Gewerkschaft CGIL nur bedingt. Diese ist ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden und hat nach anf&#228;nglich &#228;u&#223;erst z&#246;gerlicher Unterst&#252;tzung erst in der kritischsten Phase den ArbeiterInnen den R&#252;cken gest&#228;rkt: „[D]ie Gewerkschaften haben uns Kompromisse vorgeschlagen, die wir nicht akzeptieren wollten. Am Ende ist es so gegangen, wie es gehen m&#252;sste: Wir Arbeiter haben alle Entscheidungen getroffen und die Gewerkschaft ist uns gefolgt.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Dass der m&#228;chtige Gewerkschaftsvorsitzende Gianni Rinaldini zu den gruisti in die Fabrik kommt, um mit diesen – „fast z&#228;rtlich“, wie sie schreiben – den weiteren Verlauf zu besprechen und ihr Einverst&#228;ndnis einzuholen, ist kennzeichnend f&#252;r das sich ver&#228;nderte Verh&#228;ltnis zwischen Repr&#228;sentantInnen und Repr&#228;sentierten; selbst nachdem sich die Gewerkschaft offiziell in dieser Auseinandersetzung engagierte, behielten die ArbeiterInnen nicht nur ihre Autonomie, sondern auch die Entscheidungsbefugnis &#252;ber das weitere Vorgehen in den Verhandlungen. Der Kampf der INNSE-Belegschaft ist demnach als ein autonomer Arbeitskampf einzusch&#228;tzen, bei dem die Gewerkschaft den ArbeiterInnen blo&#223; unterst&#252;tzend zur Seite stand und vor allem vermittelnd agierte.<br />
Die politischen Parteien der Linken hingegen – die zumindest dem eigenen Anspruch nach die Interessen der ArbeiterInnenschaft vertreten – waren, abgesehen von wenigen Einzelpersonen, unt&#228;tig.</p>
<p><strong>Der Faktor &#214;ffentlichkeit<strong><br />
So gelang es erst im Sommer 2009 durch mediales <em>campaining </em>eine breite &#214;ffentlichkeit zu schaffen – und zwar nicht nur f&#252;r die unmittelbare Situation, sondern vor allem auch f&#252;r den vorausgegangenen Kampf: „Die Rolle der Kommunikationsmittel, und haupts&#228;chlich des Fernsehens, war wichtig und positiv […].“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> RAI und Sky waren ab 2. August st&#228;ndig mit einem Reporterteam vor Ort, um die Entwicklungen zu dokumentieren. „Die au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion hat die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Doch das erkl&#228;rt nicht alles […]. Hier, bevor die f&#252;nf auf den Kran gestiegen sind, hat es einen Kampf von langer Dauer gegeben.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#246;ffentliche Diskurs formierte sich entlang der Frage, ob es legitim sei, eine wirtschaftlich rentable Fabrik f&#252;r h&#246;here Profitzwecke zu schlie&#223;en. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise spielte eine bedeutende Rolle, da diese Finanz- und Immobilienspekulationen in Verruf brachte und PolitikerInnen umso mehr forderten, Arbeitspl&#228;tze zu erhalten: „Sie [die politischen Kr&#228;fte] haben verstanden, dass der Kampf der INNSE in der &#246;ffentlichen Meinung Popularit&#228;t und wachsende Zustimmung erfuhr.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Die symbolische Besetzung wurde ab diesem Zeitpunkt eben nicht mehr nur als eine betriebsinterne Auseinandersetzung gesehen, sondern galt stellvertretend f&#252;r viele andere ArbeiterInnen in &#228;hnlichen Situationen – was diesen zus&#228;tzlich Kraft gab: „F&#252;r alle war die gr&#246;&#223;te Angst, die uns nachts nicht schlafen lie&#223;, nicht zeigen zu k&#246;nnen, dass nicht immer der Herr [padrone] gewinnt. Ich dachte daran, welches Beispiel wir abgeben w&#252;rden, wenn wir verlieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Erst diese Bedeutungszuschreibungen gaben dem Kampf eine symbolische Tragweite, wodurch sich die AkteurInnen zu einem Umdenken veranlasst sahen, da es nicht mehr blo&#223; um irgendeine Fabrik in Mailand, sondern auch um die Industrie schlechthin ging. Die k&#228;mpfenden ArbeiterInnen hatten eine Frage aufgeworfen, bei der es keinen Kompromiss geben konnte, und die politischen AkteurInnen mussten sich daran messen lassen, auf welche Seite sie sich stellten.</p>
<p>Am 12. Oktober 2009, 17 Monate nach Ausbruch des Kampfes, setzten sich die gigantischen Maschinen wieder in Bewegung und die ersten ArbeiterInnen der INNSE nahmen ihre Arbeit wieder auf. Zusammenfassend l&#228;sst sich festhalten, dass Geschlossenheit, k&#228;mpferische Tradition und unmittelbare Konflikterfahrungen, autonomes Vorgehen mit gewerkschaftlicher Unterst&#252;tzung und vor allem ein erfolgreiches <em>campaining </em>in der &#214;ffentlichkeit dies erm&#246;glicht haben. Noch w&#228;hrend die f&#252;nf auf der Kranbr&#252;cke ausharrten, hatte ihre Aktion Breitenwirkung gezeigt: Nahe Rom waren einige ArbeiterInnen auf einen Turm gestiegen, um gegen die Betriebsschlie&#223;ung zu protestieren. In der kurzen Zeit seit August 2009 gab es viele &#228;hnliche Beispiele; die INNSE hatte Schule gemacht. Mitte Dezember etwa stiegen vier Arbeiter einer Yamaha-Niederlassung in Lesmo bei Mailand auf das Dach ihres Betriebes, harrten eine Woche lang in eisiger K&#228;lte aus und konnten so zumindest die Aufnahme in die Lohnausgleichskasse erwirken. Die INNSE-Proteste sind also nicht nur deshalb interessant, weil sie einen sehr entschlossen und aktiv gef&#252;hrten Arbeitskampf im postindustriellen Mailand darstellen, sondern vor allem auch, weil sie eine starke Resonanz bei KollegInnen und &#252;ber diese hinaus hervorgerufen haben. Ihre positiven Nachwirkungen, theoretisch wie praktisch, werden sich wohl erst in einiger Zeit zur G&#228;nze zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> I.R.I. steht f&#252;r Istituto per la Ricostruzione Indutriale (Institut f&#252;r den industriellen Wiederaufbau), eine staatliche Holding, die wesentlich an der Industrialisierung Italiens in der Nachkriegszeit beteiligt gewesen ist.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine ausf&#252;hrliche Darstellung der Geschichte der Innocenti-Gruppe (in italienischer Sprache) liefert Andrea Gallazzi mit „Storia della Innocenti“ auf www.inno-mini-world.com/Innocenti/story/storiainnocenti/1.htm<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Vgl. Ebd.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> AEDES 2006: “Aedes acquista il 46,23% di Rubattino 87 da VICTORIA Italy Property GmbH.” Pressemitteilung der AEDES-Gruppe vom 16.07.2006, http://www.aedes-immobiliare.com/file_upload/CS_AcquistoRubattino_20060718.pdf (eingesehen am 24.07.2009).<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Eder, Florian 2008: „Mailand macht sich f&#252;r die Expo h&#252;bsch“, Online-Artikel von WeltOnline vom 07.04.2008, http://www.welt.de/welt_print/article1876310/Mailand_macht_sich_fuer_die_Expo_huebsch.html (eingesehen am 14.07.2009). Andreas Kipar war direkt an der Ausarbeitung der Entw&#252;rfe f&#252;r den Westteil des Rubattino-Projekts beteiligt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Thomann, Rainer 2009: „Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf – eine Studie aktueller Beispiele.“, Seite 34, http://www.netzwerkit.de/projekte/innse/innse.pdf (eingesehen am 05.07.2009).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> FIOM steht f&#252;r Federazione Impiegati Operai Metallurgici.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gli operai della Innse 2009: „Giu le mani dalla INNSE – L’agenda 2010 degli operai della Innse“, Progetto comunicazione, Milano.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Die Centri Sociali, Soziale Zentren, sind die typisch links bis linksradikalen Zentren, welche in vielen italienischen St&#228;dten existieren und oft aus Hausbesetzungen hervorgegangen sind.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Cartosio, Manuela 2009a: „Innse: C’è un compratore, ma la destra non s’interessa” Artikel in Il manifesto vom 07.08.2009, Seite 7.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vom italienischen Wort f&#252;r Kran (gru).<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Cartosio, Manuela 2009b: „Il cavalier Attilo, ama il lavoro e somiglia ai suoi gruisti” Artikel in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6f.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Rinaldini 2009, ggg<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6</p>
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		<title>Doppelkrise der Gewerkschaft</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:10:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>

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		<description><![CDATA[Sozialpartnerschaftliche Verhandlungsstrategien und verrechtlichte Formen des Arbeitskampfs sind offensichtlich in der Sackgasse. Doch die gewerkschaftliche Neuorientierung bleibt oft in den Mustern der Vergangenheit verhaftet. <em>Mario Becksteiner, Tobias Boos</em> und <em>Ako Pire</em> &#252;ber die Erosion gewerkschaftlicher Handlungsmacht und die Herausforderungen im Angesicht der Krise.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sozialpartnerschaftliche Verhandlungsstrategien und verrechtlichte Formen des Arbeitskampfs sind offensichtlich in der Sackgasse. Doch die gewerkschaftliche Neuorientierung bleibt oft in den Mustern der Vergangenheit verhaftet. <em>Mario Becksteiner, Tobias Boos</em> und <em>Ako Pire</em> &#252;ber die Erosion gewerkschaftlicher Handlungsmacht und die Herausforderungen im Angesicht der Krise.<br />
<span id="more-483"></span><br />
Anders als in vielen europ&#228;ischen L&#228;ndern scheint in &#214;sterreich die aktuelle Krise des Kapitalismus keine hohen Wellen zu schlagen. W&#228;hrend in Frankreich die Manager von Caterpillar, Sony und anderen Konzernen von w&#252;tenden ArbeiterInnen „arrestiert“ werden, um so den Erhalt von Arbeitspl&#228;tzen durchzusetzen, scheinen in &#214;sterreich K&#252;ndigungen, Kurzarbeit und milliardenschwere Rettungspakete f&#252;r Banken weitgehend hingenommen zu werden. In der Diskussion in Deutschland zeichnet sich ab, dass die gewerkschaftliche Linke kleine Terraingewinne gegen&#252;ber den gem&#228;&#223;igteren Gewerkschaftsspitzen erreicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Demgegen&#252;ber agieren die &#246;sterreichischen Gewerkschaften, denen anl&#228;sslich des Streiks gegen die schwarz-blaue Pensionsreform 2003 noch attestiert wurde, endlich aufgewacht zu sein, sehr z&#246;gerlich.<br />
In den Medien geistert die These herum, dass die Gewerkschaften es nicht wagen w&#252;rden, gegen die SP&#214; und gegen den eigenen ehemaligen Vorsitzenden und jetzigen Sozialminister Rudolf Hundstorfer auf die Barrikaden zu steigen. An dieser Th ese mag etwas Wahres sein, jedoch werden wir in unserem Artikel zeigen, dass diese Analyse zu kurz greift. Vielmehr argumentieren wir, dass eine Erkl&#228;rung des gegenw&#228;rtigen Agierens der &#246;sterreichischen Gewerkschaften auf einer grundlegenderen Ebene ansetzen muss.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Gewerkschaften in &#214;sterreich erlebten in den letzten 25 Jahren eine Ver&#228;nderung des gesellschaftlichen Umfelds, die ihre bisherigen Handlungsstrategien und politischen Entscheidungen, die stark auf sozialpartnerschaftliche Verhandlungsprozesse konzentriert waren, sukzessive in Frage stellten. Dieser Erosionsprozess ging langsam vonstatten und die Gewerkschaften reagierten nur sehr zur&#252;ckhaltend und selektiv auf ihn.<br />
Genau in diesem Erosionsprozess und den zaghaften Versuchen, auf diesen zu reagieren, werden ArbeiterInnen und Gewerkschaften nun von der massivsten Wirtschaftskrise seit 1929 getroff en. Wir k&#246;nnen also festhalten, dass zu einer tief greifenden Krise der sozialpartnerschaftlich gepr&#228;gten Praxis der Gewerkschaften eine Weltwirtschaftskrise hinzutritt, die einmal mehr die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ersch&#252;ttert und ratlose GewerkschafterInnen zur&#252;ckl&#228;sst. Diese suchen in einem &#228;u&#223;erst schwierigen Orientierungsprozess nach Anhaltspunkten und greifen dabei auf Muster, die in der Vergangenheit entwickelt wurden, zur&#252;ck. Ob diese allerdings f&#252;r eine zuk&#252;nftige gewerkschaftliche Praxis angemessen sind, erscheint mehr als fraglich.</p>
<p><strong>Gewerkschaftliche Machtressourcen</strong></p>
<p>Um die Analyse transparent zu halten, wollen wir zu Beginn einige analytische Werkzeuge erkl&#228;ren, die uns auf die F&#228;hrte der „doppelten“ Krise der Gewerkschaften f&#252;hren.<br />
Erik O. Wright und Beverly J. Silver definieren zwei zentrale Machtressourcen von ArbeiterInnenbewegungen. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>Diese sind als Machtpotentiale zu verstehen, die aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise zwar vorhanden sind, aber keineswegs automatisch aktiviert werden. Um die Machtpotentiale zu aktivieren, bedarf es eines bewussten Handelns der ArbeiterInnen und ihrer Organisationen. Erstens erwachsen aus der Position der ArbeiterInnen im &#246;konomischen System strukturelle Machtressourcen. Diese lassen sich in zwei Unterkategorien einteilen: Zum einen die Produktionsmacht. Diese „entwickeln Arbeiterinnen und Arbeiter in hochintegrierten Produktionsprozessen, die durch &#246;rtlich begrenzte Arbeitsniederlegungen an Schl&#252;sselstellen in einem Umfang gest&#246;rt werden k&#246;nnen, der weit &#252;ber die Arbeitsniederlegung selbst hinausgeht. Diese Macht zeigt sich, wenn ganze Flie&#223;b&#228;nder durch Arbeitsniederlegungen an einem Bandabschnitt gestoppt werden und ganze Konzerne, die von <em>just-in-time</em> Zulieferung abh&#228;ngen, durch Eisenbahnstreiks zum Stillstand gebracht werden.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die zweite strukturelle Machtressource ist weniger im Produktionsprozess selbst angesiedelt, sondern bezieht sich auf die Ware Arbeitskraft. Marktmacht entsteht aus einem „angespannten“ Arbeitsmarkt. „Die Marktmacht kann verschiedene Formen annehmen, darunter (1) den Besitz seltener Qualifikationen, die von ArbeitgeberInnen nachgefragt werden, (2) geringe Arbeitslosigkeit und (3) die F&#228;higkeit von Arbeitern und Arbeiterinnen, sich vollst&#228;ndig vom Arbeitsmarkt zur&#252;ckzuziehen und von anderen Einkommensquellen als der Lohnarbeit zu leben.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die zweite Kategorie von Machtressourcen bezieht sich auf die Organisationsf&#228;higkeit der ArbeiterInnen. Durch die kollektive Organisierung der ArbeiterInnen in Gewerkschaften oder Parteien kann die Individualisierung und die st&#228;ndige Konkurrenz unter den LohnarbeiterInnen zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden. Diese k&#246;nnen damit ihre Position gegen&#252;ber der Kapitalseite verbessern und zum Teil schwindende Markt- oder Produktionsmacht kompensieren. Trotzdem bleibt die Organisationsmacht abh&#228;ngig von der grunds&#228;tzlichen M&#246;glichkeit, Markt- und Produktionsmacht einzusetzen, also ein Drohpotential gegen&#252;ber der Kapitalseite aufrecht zu erhalten.<br />
Eine Arbeitsgruppe an der Universit&#228;t Jena erweiterte diesen Ansatz um einen insbesondere f&#252;r deutsche und &#246;sterreichische Gewerkschaften wichtigen Aspekt: die institutionelle Machtressource. „Sie entsteht als Resultat von Aushandlungen und Konflikten, die auf struktureller Macht und Organisationsmacht beruhen. Ihre Besonderheit wurzelt in dem Faktum, dass Institutionen soziale Basiskompromisse &#252;ber &#246;konomische Konjunkturen und kurzzeitige Ver&#228;nderungen gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse hinweg festschreiben und teilweise gesetzlich fi xieren.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Diese Machtressource hatte und hat in &#214;sterreich eine starke pr&#228;formierende Wirkung auf das Handeln von GewerkschafterInnen und Betriebsr&#228;tInnen. In den von Sozialpartnerschaft gepr&#228;gten industriellen Beziehungen und den dichten korporatistischen Netzwerken zwischen Regierung und den Verb&#228;nden der ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen wurde die Konzentration auf diese Machtressource zum wichtigsten Orientierungspunkt. Dies hatte zwei Folgen f&#252;r die &#246;sterreichischen Gewerkschaften. Erstens wurden die anderen Machtressourcen, insbesondere die Produktionsmacht, vernachl&#228;ssigt und es bildete sich ein spezifi sches Praxismuster heraus – sowohl auf Ebene der makropolitischen Verhandlungen als auch auf jener der betrieblichen Arbeit. Vermittelt &#252;ber positive Erfahrungen mit dieser Praxis stabilisierten sich diese Muster. Zweitens war der Erfolg dieser Praxismuster gebunden an eine spezifi sche Periode kapitalistischer Entwicklung, den Fordismus. Dies hatte zur Folge, dass mit dessen Krise auch die tradierten gewerkschaftlichen Praxen in einen Widerspruch mit den tats&#228;chlichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen gerieten. Gleichzeitig ist die einmal erlernte und erfolgreich angewandte Praxis jedoch schwierig zu ver&#228;ndern, hat sie sich doch tief in das Selbstverst&#228;ndnis und das Weltbild von Organisationen und Individuen eingeschrieben.</p>
<p><strong>Voraussetzungen</strong></p>
<p>Als Fordismus bezeichnet man eine spezifische Periode kapitalistischer Entwicklung in der Nachkriegszeit. F&#252;r die Betrachtung gewerkschaftlicher Praxen spielen dabei drei Momente der industriellen Beziehungen eine herausragende Rolle.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Erstens war diese Periode gepr&#228;gt von einem spezifischen Produktionsparadigma, das auf tayloristischer<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Arbeitsorganisation und der Ausrichtung auf Massenkonsum basierte. Zweitens wurde dieser Massenkonsum den ArbeiterInnen &#252;ber die Kopplung der Lohnsteigerungen an die Produktivit&#228;tsfortschritte erm&#246;glicht. Erstmals in der Geschichte wurden ArbeiterInnen in den hoch entwickelten Industriestaaten in den kapitalistischen Prozess nicht nur als LohnarbeiterInnen, sondern auch als MassenkonsumentInnen integriert. Um sicher zu stellen, dass der soziale Frieden nicht durch k&#228;mpferische ArbeiterInnen gef&#228;hrdet wird, wurden die gro&#223;en ArbeiterInnenorganisationen zusehends in die staatlichen Institutionen eingebunden. Das dritte zentrale Moment stellt die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen dar. &#220;ber Verhandlungsprozesse wurde Umverteilung in f&#252;r das Kapital verkraftbaren Ausma&#223;en organisiert. Zugunsten eines verst&#228;rkten Mitspracherechts auf makropolitischer Ebene verzichteten Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien darauf, K&#228;mpfe zu mobilisieren, welche die Kontrolle &#252;ber die Arbeit und den Besitz von Produktionsmittel in Frage gestellt h&#228;tten.</p>
<p><strong>Austrokorporatismus</strong></p>
<p>Der Fordismus zeichnete sich in &#214;sterreich durch eine ganz besonders enge Verfl echtung von ArbeitnehmerInnenorganisationen, den Verb&#228;nden der Kapitalseite sowie der staatlichen Institutionen aus. Hier wurden wichtige politische Entscheidungen zumeist schon im Vorfeld parlamentarischer Diskussionen gef&#228;llt. In den meisten Darstellungen zur &#246;sterreichischen Sozialpartnerschaft wird unterstellt, dass die Entstehung konsensual-sozialpartnerschaftlicher Praxen in der Nachkriegszeit im Gro&#223;en und Ganzen friktionslos verlief. Oft wird unterschlagen, dass der Orientierung auf die Sozialpartnerschaft ein massiver Konfl ikt innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung vorausgegangen war. Die sozialpartnerschaftliche Orientierung musste von den SP&#214;- und &#214;VP-nahen Gewerkschaftsfraktionen auch gegen den Widerstand der eigenen Basis und der kommunistischen GewerkschafterInnen durchgesetzt werden.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
In der heutigen wissenschaftlichen Debatte wird mit Bezug auf die makropolitische Regulationsebene von „Austrokorporatismus“ gesprochen. Dieser zeichnete sich laut Tálos durch einige zentrale Merkmale aus: So herrschte bei der &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der Akteure ein Grundkonsens vor, sich auf eine im Rahmen des Nationalstaates orientierte makro&#246;konomische Entwicklung zu konzentrieren. Insbesondere das Kammernwesen wurde von Seiten der Politik stark privilegiert. So wurde die Pflichtmitgliedschaft bei Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer festgelegt. Weiters wird ein hoher Zentralisationsgrad der &#246;sterreichischen Verbandslandschaft deutlich, was sich beispielsweise in der Monopolstellung des &#214;GB zeigt. Zudem stehen diese Verb&#228;nde in enger Verbindung mit den &#246;sterreichischen Parteien (SP&#214; mit BAK und &#214;GB; &#214;VP mit PR&#196;KO, WKO, V&#214;I)<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Auf betrieblicher Ebene konnte sich der sozialpartnerschaftliche Konsens &#252;ber die Betriebsr&#228;te verankern. Auch in Politik und Bev&#246;lkerung stie&#223; die Sozialpartnerschaft auf breite Akzeptanz. Eine weitere Besonderheit des &#246;sterreichischen Systems stellten die verstaatlichten Betriebe (insbesondere in den Schl&#252;sselbranchen der Industrie, Schwerindustrie und des Bankensektors), sowie die kleinr&#228;umige Wirtschaftsstruktur und die relative Schw&#228;che des Gro&#223;kapitals dar.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Dieses dichte Netz an korporatistischen Arrangements und die wirtschaftliche Struktur bef&#246;rderten die Konzentration der Gewerkschaften auf die institutionellen Machtressourcen. Die sozialpartnerschaftlichen Aushandlungsprozesse verfestigten sich zu robusten Praxen, die sich nicht nur auf Ebene der makropolitischen Regulation etablierten, sondern auch auf die gewerkschaftliche und betriebsr&#228;tliche Arbeit auf Ebene der Betriebe selbst zur&#252;ckwirkten.</p>
<p><strong>Kulturelle Dispositionen</strong></p>
<p>Die Vermittlung zwischen makropolitischer und betrieblicher Ebene vollzog sich einerseits &#252;ber juridische Regelungen, andererseits &#252;ber Vertrauen und pers&#246;nliche Beziehungen. Bei der Gesetzgebung, insbesondere im Bereich des Arbeits- und Sozialrechts, spielten vorparlamentarische Aushandlungsprozesse zwischen den Sozialpartnern eine ma&#223;gebliche Rolle. „Das Arbeitsrecht erwies sich bis in die 1990er Jahre hinein als einer jener Politikbereiche, bei denen das korporatistische Muster der Entscheidungsfindung bzw. die korporatistische Verhandlungsdemokratie ann&#228;hernd durchg&#228;ngig zum Tragen kam. Eine &#228;hnliche Konstellation ist f&#252;r den Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik konstatierbar: privilegierte Einbindung der Dachverb&#228;nde auf allen Ebenen des Entscheidungsprozesses und Interessenakkordierung zwischen Regierung und den Dachverb&#228;nden.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Diese Verhandlungsstrategien f&#252;hrten auch dazu, dass sich sowohl die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse als auch die spezifischen &#246;konomischen Strukturen wie auch gesellschaftlichen Normen des Fordismus in die Gesetzgebung einschrieben und festgeschrieben wurden.<br />
Solange die gesetzlichen Regelungen den gesellschaftlichen Bedingungen, in deren Kontext sie entstanden waren, entsprachen, konnten sie f&#252;r das Agieren von Betriebsr&#228;tInnen, Gewerkschaften und Betriebsleitungen als gemeinsamer (symbolischer) Bezugsrahmen dienen, der die Verhandlungspraxen stabilisierte und auf Dauer stellte. Dieser Orientierungsrahmen erm&#246;glichte so auch ein Verhandeln auf (vermeintlich) „gleicher Augenh&#246;he“ und wurde damit zum zentralen Identifikationsmoment von GewerkschafterInnen und Betriebsr&#228;tInnen.<br />
Dass die gewerkschaftliche und betriebsr&#228;tliche Praxis auf pers&#246;nliche Beziehungen sowie – im Hinblick auf Verhandlungen auf Betriebsebene – auf gegenseitiges Vertrauen setzt, steht ebenfalls in einem engen Verh&#228;ltnis zu der makropolitischen Ebene der Sozialpartnerschaft. Wie die Aussagen eines Gewerkschaftssekret&#228;rs zeigen, spielen pers&#246;nliche Beziehungen eine zumindest ebenso wichtige Rolle wie gesetzliche Regelungen. „Ich stelle fest, manche Dinge l&#246;st man nicht durchs Gesetz, sondern l&#246;st man auch durch Beziehungen. Ich m&#246;chte meines dazu beitragen, und das ist auch eine Erfahrung der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung, dass Beziehungen immer eine wichtige Rolle gespielt haben f&#252;r manche Entwicklungen im Arbeits- und Sozialrecht in &#214;sterreich. Ein Benya<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> und Sallinger<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> haben total gute Beziehungen gehabt und haben auch viel weitergebracht.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die bisherigen Voraussetzungen, die wir aufgezeigt haben, verweilen noch auf einer relativ konkreten Analyseebene. Um die heutigen Ver&#228;nderungsprozesse in ihrer Tiefe zu verstehen, m&#252;ssen wir einen Blick auf die „Hintergrundmusik“ der fordistischen Entwicklung und der korporatistischen Praxen werfen.</p>
<p><strong>Raum und Zeit im Fordismus</strong></p>
<p>Gesellschaftliche Entwicklungen sind immer eingebettet in r&#228;umliche und zeitliche Strukturierungen. Diese Strukturen stehen der Gesellschaft nicht &#228;u&#223;erlich gegen&#252;ber sondern sind selbst gesellschaftlich produziert und k&#246;nnen durch allt&#228;gliche Praxen, aber auch durch strategisches Handeln von gesellschaftlichen AkteurInnen stabilisiert oder ver&#228;ndert werden. Der Fordismus l&#228;sst sich im Hinblick auf raum- zeitliche Muster analysieren. Die wichtigsten politischen Organisationen akzeptierten den Nationalstaat als zentrale r&#228;umliche Ma&#223;stabsebene der politischen Regulation. Die National&#246;konomie orientierte sich an dieser Ma&#223;stabsebene genauso wie die Gewerkschaften, die ihre Organisationskraft, bis auf wenige Ausnahmen, auf dieses r&#228;umliche Muster konzentrierten. Eine &#228;hnliche aber nicht idente Wirkung hatten die spezifischen r&#228;umlichen Implikationen des tayloristischen Arbeitsprozesses. „Das Arbeitsverfassungsmodell der betrieblichen Mitbestimmung ist ein industrialisiertes Modell, ist historisch auch so entstanden, das hei&#223;t der Grundgedanke war: es gibt einen Betrieb, mit einer Werkshalle, mit einem B&#252;ro, dort arbeiten alle und dort wird ein Betriebsrat gew&#228;hlt, der vertritt alle. Solange das so ist, funktioniert ist das ArbVG<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> sehr gut.“ Wie dieses Zitat eines Gewerkschaftssekret&#228;rs zeigt, schrieben sich in die Gesetze nicht nur die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die gesellschaftlichen Normen und &#246;konomischen Formen des Fordismus ein, sondern auch die r&#228;umlichen Strukturen. Die gesetzliche Regelung von Vertretungsstrukturen entsprach demnach dem auf dem Massenarbeiter aufbauenden fordistischen Betrieb, mit zumeist m&#228;nnlichen Arbeitern, und dieses Modell pr&#228;gte auch die Praxen gesellschaftlicher Widerspruchsbearbeitung. Jens Winter bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Vor diesem Hintergrund w&#228;re der Fordismus in <em>doppelter Hinsicht</em> als eine ‚gl&#252;ckliche Fundsache‘ zu begreifen: Zum einen als relativ koh&#228;renter, gesellschaftlicher Reproduktionsmodus, dar&#252;ber hinaus jedoch als relativ konvergente, <em>r&#228;umlich-territoriale Matrix</em> von Akkumulation, Regulation und den entsprechenden sozialen Konfl ikten und Aushandlungsprozessen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Doch nicht nur r&#228;umliche Konvergenzen spielten eine gewichtige Rolle in der einzigartigen Stabilit&#228;t der fordistischen Regulationsweise. Zeit als strukturierender und strukturierter Konstitutionsmoment ist ebenso zentral. So kann in Anlehnung an Richard Sennett eine spezifi sche „organisierte Zeit“ f&#252;r den Fordismus analysiert werden.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Michel Aglietta h&#228;lt fest: „Das Herzst&#252;ck der Regulation bestand in der Herstellung der Koh&#228;renz zwischen den schnellen Produktivit&#228;tsfortschritten, der Expansion der Realeinkommen und der Stabilit&#228;t ihrer Verteilung. Der Reallohn stieg regelm&#228;&#223;ig, weil er auf das Wachstum der Arbeitsproduktivit&#228;t abgestimmt war. … Somit war die Anhebung des Lebensstandards der Lohnabh&#228;ngigen vereinbar mit der Best&#228;ndigkeit der Profi trate, also mit der regelm&#228;&#223;igen Kapitalakkumulation.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die zeitlichen Konvergenzen, die sich auf Ebene der Umverteilung ergaben, standen auch mit finanzpolitischen Entscheidungen in enger Verbindung. Die Niedrigzinspolitik erm&#246;glichte es den Unternehmen &#252;ber kurzfristige, konjunkturelle Schwankungen hinweg, langfristig zu planen.<br />
Dieser langfristige Zeithorizont pr&#228;gte auch die politischen Beziehungen auf makropolitischer, wie auch auf betrieblicher Ebene. Dies erm&#246;glichte die Herausbildung stabiler Verhandlungsnetzwerke. Die relativ kontinuierlichen Erwerbsbiographien von ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen, sowie paternalistische und hierarchische Managementstrukturen bef&#246;rderten langfristige stabil-hierarchische Vertrauensbeziehungen. Insbesondere f&#252;r die betriebliche Arbeit und die beiden Vermittlungspraxen zwischen Makropolitik und Betrieb spielte diese langfristigen Zeithorizonte eine gewichtige Rolle. So konnten das Recht und die daran anschlie&#223;enden Praxen den notwendigen Rahmen betrieblicher Verhandlungsbeziehungen zu Verf&#252;gung stellen.</p>
<p><strong>Fordismus und Globalisierung</strong></p>
<p>Die Krise des Fordismus, die sich seit den fr&#252;hen 70er Jahren entwickelte und heute oft im Rahmen des Globalisierungsdiskurses verhandelt wird, hatte mehrere Ursachen. Es gibt eine F&#252;lle an Krisendiagnosen, auf die wir hier nicht n&#228;her eingehen k&#246;nnen. Ihnen allen, ob sich diese nun auf den politischen oder &#246;konomischen Bereich beziehen, ist gemeinsam, dass sie Ver&#228;nderungen von raum-zeitlichen Mustern aufzeigen. Dabei darf die Globalisierung nicht als quasi-nat&#252;rlicher Prozess der Kapitalbewegung verstanden werden, sondern muss als gesellschaftlich produziert und auf unterschiedlichen r&#228;umlichen Skalen durchgesetzt begriffen werden. Hier sind nicht nur die „&#252;blichen Verd&#228;chtigen“ wie IWF, Weltbank oder WTO als bestimmende Kr&#228;fte zu verstehen, sondern auch nationalstaatliche Akteure wie Wirtschaftsverb&#228;nde, Parteien, Regierungen aber auch Gewerkschaften. Studien in Deutschland haben gezeigt, dass Gewerkschaften mitunter zur treibenden Kraft wurden, um Regionen „fi t f&#252;r den Weltmarkt“ zu machen. Dabei nahmen sie nicht selten die Rolle subalterner Co-ManagerInnen des Strukturwandels ein. Im &#220;bergang von staatszentriertem Governement hin zu regionalen und akteursbezogenen Formen der Governance, glaubten viele Gewerkschaften ein neues Feld sozialpolitischer Aktivit&#228;t er&#246;ffnen zu k&#246;nnen. Doch schnell stellten sich diese Erwartungen als &#252;berh&#246;ht heraus. Die M&#246;glichkeiten, substantiell auf die Prozesse der &#246;konomischen Restrukturierung Einfluss zu nehmen, waren begrenzt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> In &#214;sterreich kann man diesen Prozess vor allem in den teils EU-fi nanzierten Regionalisierungs- und Clusterprojekten beobachten.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Auf diesem Weg werden Gewerkschaften sowohl diskursiv als auch institutionell in regionale „Wettbewerbspakte“ eingebunden. Die im Zuge der Globalisierung entwickelten Produktions- und Managementpraxen – „Just-in-time“, Flexibilisierung, transnationale Produktionsketten, „management by stress“, „outsourcing“ u.v.m. – werden nur selten in ihrer raum-zeitlichen Natur als umk&#228;mpft erfasst. Diese korrespondieren auch mit neuen politischen Mustern wie dem Wettbewerbsstaat, Wettbewerbsregionalismus, europ&#228;ischer Integration, Wettbewerbskorporatismus, „Global Governance“ oder der politischen Praxis des „speed kills“. Bisherige r&#228;umliche und zeitliche Muster werden neu verkn&#252;pft und zueinander in Verh&#228;ltnis gesetzt. Zum Beispiel wurden durch die Liberalisierung globaler Handelsstr&#246;me die nationalen &#214;konomien st&#228;rker miteinander in Beziehung gesetzt, die Gewinnerwartungen orientierten sich zusehends nicht mehr am nationalstaatlichen, st&#228;rker volkswirtschaftlich gepr&#228;gten Kontext, sondern vermehrt an den Gewinnvorgaben der internationalisierten Finanzm&#228;rkte. Der „Shareholder Value“ wurde zum zentralen Bezugssystem. Vermittelt &#252;ber Konkurrenzverh&#228;ltnisse auf den heimischen M&#228;rkten mussten sich auch nicht b&#246;rsennotierte Unternehmen vermehrt diesen neuen Standards anpassen. Diese dr&#252;ckten sich auf betrieblicher Ebene durch das Ausfindigmachen von Rationalisierungspotentialen und durch neue Managementpraktiken aus.<br />
Konjunkturelle Einbr&#252;che in der globalen Industrie wurden von Seiten des Kapitals, aber auch neoliberal orientierter Fraktionen in der &#246;sterreichischen Politik, dazu gen&#252;tzt, vormals verstaatlichte Betriebe zu privatisieren. Die Privatisierung der vormals verstaatlichten Industrie sowie die Teilprivatisierungen &#246;ff entlicher Infrastruktur schw&#228;chten die organisatorischen Hochburgen der Gewerkschaften. Auf Ebene der makropolitischen Regulation, also des dichten Netzwerkes des Austrokorporatismus, erodierte langsam die institutionelle Macht der ArbeitnehmerInnenorganisationen. Allerdings vollzog sich diese Erosion nicht &#252;ber einen offenen Konflikt wie in anderen L&#228;ndern, sondern durch einen schleichenden Prozess der Ver&#228;nderung von Verhandlungspraxen. Dies geschah im Kontext einer Ver&#228;nderung des Verhandlungsgleichgewichts, das den sozialpartnerschaftlich organisierten Klassenkompromissen zu Grunde lag. Denn als Folge der Transnationalisierung der &#214;konomie aber auch der politischen Entscheidungswege (EU-Beitritt), „wurde der Interessensdissens zwischen den sozialpartnerschaftlich involvierten Akteuren in wesentlichen Fragen wie der Budgetkonsolidierung, der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt, der Einkommensverteilung und sozialstaatlichen Sicherung gr&#246;&#223;er.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Die Praxis der Verhandlungen innerhalb der Sozialpartnerschaft kam zwar nicht zum Erliegen, doch wurde sie repositioniert und angesichts der ver&#228;nderten politischen und &#246;konomischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse neu ausgerichtet. Immer &#246;fter wurden von politischer Seite die inhaltlichen Spielr&#228;ume sehr eng gestaltet und neue AkteurInnen wie Lobbygruppen integriert. Oft wurden die tradierten Muster der Akkordierung der Sozialpartner nur noch im Bereich der Implementierung schlagend.</p>
<p><strong>Betriebliche Arbeit</strong></p>
<p>Dieser Erosionsprozess zeigte auch seine Wirkung in den Betrieben. Die Abwertung sozialpartnerschaftlicher Aushandlungsprozesse verlagerte Konfl ikte zusehends auf die betriebliche Ebene. Die gesteigerte Durchsetzungskraft neoliberaler Kapital- und Politikfraktionen erh&#246;hte den Druck auf ArbeitnehmerInnen. Gleichzeitig verloren die sozialpartnerschaftlichen Praxen auch in den Betrieben an Wirkm&#228;chtigkeit. Wie zuvor schon erw&#228;hnt gab und gibt es in den Betrieben zwei zentrale Praxisdispositionen, die aus der Organisationskultur der Sozialpartnerschaft entsprungen sind: die Verrechtlichung und die pers&#246;nlichen Beziehungen. Mit der Orientierung von Betrieben an internationalen Gewinnvorgaben zogen auch neue Managementformen in die Betriebe ein. Diese dr&#252;ckten sich in sehr rigiden Zielvorgaben f&#252;r das Management aus. Die Unternehmenspolitik entwickelte kurzfristigere Zeithorizonte. Ein Gewerkschaftssekret&#228;r beschreibt dies im Bereich der Personalwesens so: „Also fr&#252;her war ein Gesch&#228;ftsf&#252;hrer lange Jahre Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, ja, mit dem hat man eine Beziehung aufgebaut. … Und jetzt ist es so, dass die meisten Gesch&#228;ftsf&#252;hrer f&#252;nf Jahre da sind, wenn‘s gut geht, und ich kann nicht einen Gesch&#228;ftsf&#252;hrer innerhalb von f&#252;nf Minuten kennen und dann mit dem eine Verhandlungsbasis aufbauen. Abgesehen davon haben die meisten Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, die jetzt da anfangen zu arbeiten, im Vertrag drinnen stehen, wenn sie Einsparungsma&#223;nahmen haben, bekommen sie eine Erfolgspr&#228;mie.“ Auch die Kompetenzen der regionalen Organisationseinheiten, insbesondere von gro&#223;en Konzernen, wurden stark beschr&#228;nkt. Damit verringert sich der Verhandlungsspielraum, den Gesch&#228;ftsf&#252;hrerInnen gegen&#252;ber den Belegschaften und den Gewerkschaften vor Ort haben, enorm. Durch erfolgsgebundene Pr&#228;mien in den Vertr&#228;gen von ManagerInnen und Gesch&#228;ftsf&#252;hrerInnen, wird zus&#228;tzlich Druck aufgebaut. „Und wenn sie weggehen und die Bude hinter ihnen zusammenbricht, sie haben das was sie versprochen haben erf&#252;llt, wenn nicht, dann kriegen sie keine Kohle. … Und fr&#252;her war ein Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, der war, wei&#223; ich nicht, zwanzig, drei&#223;ig Jahre in einer Firma und der hat die Firma gekannt. Da war noch Handschlagsqualit&#228;t.“<br />
Sehr &#228;hnlich verh&#228;lt es sich mit der rechtlichen Ebene, die zunehmend selbst zum umk&#228;mpften Terrain wird. „Jetzt m&#252;ssen sie (die Betriebsr&#228;tInnen, Anm.d.V.) drum rennen. Jetzt m&#252;ssen sie hergehen und ein Gutachten einfordern und auf das Gutachten kommt ein Gegengutachten von der Gesch&#228;ftsleitung und irgendwann streiten sie sich einmal zusammen. Und es wird jetzt viel mehr auf Gesetzesebene versucht zu arbeiten. Ich mein‘, das Gesetz ist zwar gut, aber es sind teilweise Gummiparagraphen drinnen, wo du dich zwar dran anlehnen kannst aber es ist noch immer nicht das Gelbe vom Ei.“<br />
Das Recht wird also zur „Notbremse“ in betrieblichen Konflikten und zu einem Substitut der schwindenden Durchsetzungskraft pers&#246;nlicher Beziehungen. Gleichzeitig wird Recht selbst vermehrt umk&#228;mpft. Auf makropolitischer Ebene konnte in den letzten Jahren beobachtet werden, dass das Arbeitsrecht aus dem vorparlamentarischen Aushandlungsprozess der Sozialpartner herausgel&#246;st und zum Gegenstand parlamentarischer Mehrheitsentscheidungen wurde. Das bedeutet auch, dass Gewerkschaften und Arbeiterkammer weniger Einfl uss haben, da sich die parlamentarischen Machtverh&#228;ltnisse sukzessive nach Rechts verschieben.<br />
Paradigmatisch und am offensichtlichsten hierf&#252;r ist die Zeit der Schwarz-Blauen Regierung, die bereits bestehende Trends verst&#228;rkte. „In der XXI. Gesetzgebungsperiode (2000-2002) wurden von insgesamt 31 arbeitsrechtlichen Gesetzen 17 nur mit Stimmen der Regierungsparteien, elf einstimmig beschlossen. In der XXI. Gesetzgebungsperiode (2003-2006) erfolgte bei insgesamt 26 arbeitsrechtlichen Gesetzen der Beschluss in zehn F&#228;llen mit Stimmenmehrheit der Regierungsparteien, in zehn F&#228;llen einstimmig. Faktum insgesamt ist, dass im Unterschied zu fr&#252;her die Regierung nunmehr im Bereich des Arbeitsrechtes ihre parlamentarische Mehrheit h&#228;ufi g einsetzt.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die Verteidigung von Rechtspositionen und die Aufrechterhaltung von Verhandlungsbeziehungen auf betrieblicher Ebene werden zur arbeitsintensiven Aufgabe. Sowohl Betriebsr&#228;tInnen aber auch Gewerkschaftssekret&#228;rInnen kommen damit in vorwiegend defensive Positionen. Oftmals werden dann von Seiten der Gewerkschaften, aber auch von Seiten der Betriebsr&#228;tInnen Verschlechterungen akzeptiert, nur um noch ein Wenig sozialpartnerschaftliche Kultur aufrechterhalten zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krise kultureller Praxen</strong></p>
<p>Es l&#228;sst sich also zusammenfassen, dass die &#246;konomischen und politischen Ver&#228;nderungen zu einem massiven Verlust an Durchsetzungskraft von sozialpartnerschaftlichen Praxen, sowohl auf makropolitischer als auch auf betrieblicher Ebene gef&#252;hrt haben. Diesen Verlust beschreiben wir als eine schleichende aber immer brisanter werdende Krise gewerkschaftlicher Praxiskultur, insbesondere auf Ebene der Betriebe. In diesem Sinne kann der erw&#228;hnten Jenaer Forschungsgruppe zugestimmt werden, wenn sie f&#252;r &#214;sterreicheine „Fassade institutioneller Stabilit&#228;t“ konstatiert. „Unser Fazit lautet: Ohne Organisationsbasis in den Unternehmen stehen auch die &#246;sterreichischen Gewerkschaften trotz weiterhin bestehender institutioneller Vorteile den Restrukturierunsstrategien der Unternehmen relativ hilfl os gegen&#252;ber. Eine einseitige Konzentration wissenschaftlicher Analyse auf die institutionelle Kontinuit&#228;t verdeckt die Erosion gewerkschaftlicher Organisations- und Durchsetzungsmacht. Die fortbestehende sozialpartnerschaftliche Einbindung kann den akuten Machtverlust der Gewerkschaften nur unzureichend kompensieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<p><strong>Bisherige „Reformans&#228;tze“</strong></p>
<p>Die von uns beschriebenen Krisenmomente legen nahe, dass sich Reformans&#228;tze verst&#228;rkt auf gewerkschaftliche Praxen auf betrieblicher Ebene beziehen m&#252;ssten, um so gesamtgesellschaftlich wieder durchsetzungsf&#228;higer zu werden. Dies geschieht allerdings nur in sehr geringem Ma&#223;e. Die bisherigen Reformen sind eher gepr&#228;gt von einem funktionalistischen Verst&#228;ndnis und dem Versuch die angeschlagene Finanzlage, insbesondere nach dem BAWAG-Debakel, zu reparieren.<br />
Als Beispiel dieser funktionalistischen Reformans&#228;tze kann die Fusionswelle der Gewerkschaften in den letzten Jahren angesehen werden. Speziell die Industriegewerkschaften durchliefen einen Prozess der Konzentration. Dabei fusionierten kleinere Teilgewerkschaften von Post, Eisenbahn,Metaller zu gr&#246;&#223;eren Apparaten wie GMTN (Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung) oder VIDA. Hintergrund dieser Fusionen waren Einsparungsma&#223;nahmen, die mit dem Verlust von Mitgliedern im industriellen Sektor erkl&#228;rt wurden. Der im internationalen Vergleich relativ gering ausfallende Mitgliederverlust wirkte sich auf kleine Teilgewerkschaften mit jeweils eigenen gro&#223;en Apparaten proportional st&#228;rker aus. Vom Gewerkschaftsdachverband &#214;GB wurde ein Reformversuch unter dem Titel „&#214;GB Neu“ angestrengt, der haupts&#228;chlich darauf abzielte, die drohende Pleite abzuwenden. Diese Prozesse ber&#252;hrten die betrieblich-kulturellen Praxen nur in sehr geringem Umfang und zielten eher darauf ab, die fi nanzielle Potenz und damit die institutionelle Verhandlungsmacht und den b&#252;rokratischen Apparat, der immer mehr auf Rechtshilfe und Serviceleistungen ausgerichtet wurde, zu stabilisieren. Eine Revitalisierung betrieblicher Durchsetzungskraft und eine Ver&#228;nderung der erodierenden Praxen auf betrieblicher Ebene standen dabei so gut wie nie zur Debatte.<br />
Um den Mitgliederverlust zu kompensieren wurde von Seiten der Gewerkschaften verst&#228;rkt auf Serviceorientierung und punktuelle Pr&#228;senz in Form von Werbeveranstaltungen in den Betrieben oder in Branchen gesetzt, wo es einen niedrigen Organisationsgrad gibt. Nur selten gingen diese Bestrebungen &#252;ber ein Modell der serviceorientierten Gewerkschaftsarbeit hinaus. Eine weitere Taktik war die „NGOisierung“ gewerkschaftlicher Arbeit. Wie bei KIK und zuletzt bei IKEA wird dabei versucht, Druck &#252;ber Medien aufzubauen und die &#246;ff entliche Meinung zu Gunsten von ArbeitnehmerInneninteressen zu beeinfl ussen. Dabei konnten punktuelle Teilerfolge erzielt werden, doch den Angestellten und ArbeiterInnen kam in diesen Kampagnen zumeist eine eher passive Position zu. In gewisser Weise wird hier ein „zivilgesellschaftlicher Bypass“ um die Frage der Revitalisierung betriebsnaher gewerkschaftlicher Praxiskultur gelegt. Deshalb ist es fraglich, ob die Teilerfolge, gerade im Angesicht der Krise, auf Dauer gestellt werden k&#246;nnen. Diese Reformans&#228;tze, so notwendig sie auch sein m&#246;gen, fanden bisher keine Antworten auf den zentralen Erosionsprozess betrieblicher Durchsetzungskraft und ver&#228;nderten nur in sehr geringem Ausma&#223; die nicht mehr greifenden kulturellen Praxen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung. In diesem Moment werden ArbeiterInnen von der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit 1929 getroff en. Die organisierte ArbeiterInnenbewegung steht nun vor einer doppelten Krise.</p>
<p><strong>Drei Dimensionen der Krisen</strong></p>
<p>Um die drei Dimensionen der Krise, die unmittelbar auf die Gewerkschaften in &#214;sterreich einwirken, auszuloten, werden wir noch einmal zu den erw&#228;hnten Machtressourcen zur&#252;ckkehren. Wir verorten in der derzeitigen Krisendynamik drei Einsatzebenen von institutioneller Macht und Organisationsmacht und eine Ebene auf der potentiell Produktionsmacht und betriebsnahe Praxen ein Revival erleben k&#246;nnten.<br />
(1) Makropolitik: Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen zeigen, wie dramatisch die Lage mittlerweile ist: Ende M&#228;rz meldet das Arbeitsmarktservice (AMS) einen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 28,8%.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In ihrer Februar/M&#228;rz Ausgabe berichtet die <em>Solidarit&#228;t </em>f&#252;r Ende Januar bereits von 20.000 beim AMS zur Kurzarbeit angemeldeten Besch&#228;ftigten. Bis Ende des ersten Quartals 2009 soll die Zahl auf 26.000 steigen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Zum Vergleich: Im Jahre 2007 lag der Monatsdurchschnitt der ArbeiterInnen in Kurzarbeit bei 200. Bei General Motors sind es mittlerweile 1.540 von 1.850 ArbeiterInnen, die zur Kurzarbeit angemeldet sind; bei der VOEST in Linz sind von 7.000 Besch&#228;ftigten 5.900 in Kurzarbeit.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Erleichterung der Kurzarbeitsregelungen stellt die erste S&#228;ule der gewerkschaftlichen Krisenbearbeitung auf makropolitischer Ebene dar.<br />
Die zweite S&#228;ule ist die gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung der Konjunkturpakete. Damit sollen Arbeitspl&#228;tze gesichert und nach M&#246;glichkeit neue geschaff en werden. So wichtig konkrete und direkte Ma&#223;nahmen zum jetzigen Zeitpunkt sein m&#246;gen, so scheint es doch so, als ob vor allem die &#214;GB-Spitze vor lauter Krisenmanagement grundlegende Fragen vergessen w&#252;rde. Tats&#228;chlich macht es den Eindruck, als wolle sich die &#214;GB-Spitze als Krisenfeuerwehr etablieren um gemeinsam mit den Unternehmen in sozialpartnerschaftlicher Tradition gegen die Krise anzuk&#228;mpfen. Off ensichtlich wird dies von Kapitalseite im Moment auch gebraucht, denn ohne die Zustimmung des &#214;GB w&#252;rde eine geordnete Abwicklung von Kurzarbeit und Konjunkturpaketen wohl nicht von Statten gehen. Zwei Momente sind hier zentral. Erstens wird Kurzarbeit als &#220;bergangsl&#246;sung in der Krise anerkannt, was nat&#252;rlich die Hoff nung impliziert, dass die Krise nicht allzu lange andauern werde. Zweitens wird der &#214;GB in ein sozialpartnerschaftliches Krisenmanagement eingebunden, was Hoff nungen sch&#252;rt, dass die Kapitalseite und neoliberale PolitikerInnen eine Kehrtwende vollziehen. Diese Hoff nung auf eine Revitalisierung von institutioneller Macht scheint allerdings mit Blick auf die Berufsgruppen und Branchen fragw&#252;rdig.<br />
(2) Angriff auf Kollektivvertr&#228;ge (KV) und Beamtengruppen: In den letzten Monaten mehren sich Angriff e auf die KV der ChemiearbeiterInnen, der DruckerInnen, der ITBesch&#228;ftigten sowie auf die Arbeitsbedingungen von LehrerInnen. ArbeitgeberInnen argumentierten sowohl im Bereich der chemischen Industrie als auch im Bereich des Druckereigewerbes, dass, neben anderen Faktoren, die Krise eine Verschlechterung der kollektivvertraglich geregelten Arbeitsbedingungen und Entgeltzahlungen notwendig machen w&#252;rde. Das Angebot von Kapitalseite an die ChemiearbeiterInnen ist eine 0,54%ige Lohnerh&#246;hung bei gleichzeitiger Reduktion der Geltungsdauer des KVs auf f&#252;nf Monate, um dann, angepasst an die wirtschaftliche Entwicklung, einen neuen KV zu verhandeln. Dar&#252;ber hinaus werden von UnternehmerInnenseite wichtige Punkte des KV in Frage gestellt, wie &#220;berstundenzuschl&#228;ge an Wochenenden, Schicht- und Erschwerniszulagen usw.<br />
Bei den Besch&#228;ftigten im Druck sieht die Sache sehr &#228;hnlich aus. Am 22. Juni 2008 k&#252;ndigte der Arbeitgeberverband mit 30. Juni 2009 alle KV von ArbeiterInnen und Angestellten inklusive aller Sonderbestimmungen.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Begr&#252;ndet wurde diese Aufk&#252;ndigung mit zu hohen KV-L&#246;hnen, insbesondere angesichts des hohen Importdrucks der deutschen Konkurrenz, zu wenig Flexibilit&#228;t der Arbeitszeit und nat&#252;rlich der angespannten Lage im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Ohne auf die Details der Konfl ikte eingehen zu k&#246;nnen, kann festgehalten werden, dass diese Angriffe von Seiten des Kapitals auf einen <em>de facto</em> Bruch mit einer sozialpartnerschaftlichen Kollektivvertragspraxis hinauslaufen. Die Krise wird zum Katalysator des Erosionsprozesses sozialpartnerschaftlicher Kultur und erfasst bisher relativ stabile Bereiche und eines der Kerngesch&#228;fte der &#246;sterreichischen Gewerkschaften, n&#228;mlich den KV. Es ist angesichts der Forderungen der Industriellenvereinigung, k&#252;nftig verst&#228;rkt „Kollektivvertr&#228;ge“ auf betrieblicher Ebene aushandeln zu wollen, zu bef&#252;rchten, dass sich hier ein breiterer Trend ank&#252;ndigt. So genannte „Not-Kollektivertr&#228;ge“ wie sie die IV jetzt fordert, w&#252;rden zwar zeitlich begrenzt bleiben, aber auf Betriebsebene abgeschlossen werden, was eine ernsthafte Bedrohung der fl&#228;chendeckenden KVs darstellt.<br />
Doch nicht nur in der Privatwirtschaft werden Angriffe auf Lohnabh&#228;ngige unternommen. In aller Munde ist der Konfl ikt zwischen LehrerInnen und der Bildungsministerin. Auch der Staat fordert im Angesicht der Krise Opferbereitschaft. Wenn ArbeiterInnen Kurzarbeit akzeptieren und auf Lohn verzichten, m&#252;ssen auch LehrerInnen ihren Beitrag leisten. <em>Who will be next?</em> Auch hier wird von Seiten des Chefs der Gewerkschaft &#214;ff entlicher Dienst (G&#214;D) festgehalten: „Ein einseitiger Eingriff ins Arbeitsrecht widerspricht der sozialpartnerschaftlichen Kultur.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Der noch immer relativ hohe Organisationsgrad in gewissen Branchen erleichtert es den Gewerkschaften auf dieser Ebene der Auseinandersetzung die Organisationsmacht ins Feld zu f&#252;hren. &#214;ff entlichkeitswirksame Protestkundgebungen und Betriebsversammlungen werden organisiert. Allen gemeinsam ist allerdings ein Appell an die Vernunft und ein Aufruf, die sozialpartnerschaftlichen Traditionen nicht &#252;ber Bord zu werfen. Aus Sicht der GPA-djp und der Chemiearbeitergewerkschaft, wird die Krise als Vorwand genommen, um „die in Jahrzehnten verhandelten kollektivvertraglichen Rahmenrechtspunkte ersatzlos zu streichen. Dies hat nichts mit Krisenbew&#228;ltigung zu tun, sondern ist ein kalkulierter Abbauversuch jahrzehntelang erworbener Rechte der ArbeitnehmerInnen.“ Was aus Sicht der Gewerkschaften so alarmierend ist, ist also dass die letzten einigerma&#223;en funktionierenden Bereiche sozialpartnerschaftlicher Tradition jetzt zur Disposition stehen.</p>
<p>(3) Betriebliche Ebene: Es zeichnet sich ab, dass die Weltwirtschaftskrise noch l&#228;ngst nicht ihre volle Wirkung entfaltet hat. Was wird geschehen, wenn die makropolitischen Krisenbearbeitungsversuche nicht greifen und die Krise &#252;ber die Dauer der Kurzarbeit anh&#228;lt? Wenn es zu einer massiven Welle an Insolvenzen und Entlassungen kommt? Wenn das Staatsbudget noch st&#228;rkeren Belastungen durch Begehrlichkeiten der Kapitalseite ausgesetzt wird? Was passiert, wenn die bisherigen Angriff e auf KV und ganze Berufsgruppen tats&#228;chlich nur das Vorspiel sind? Es ist nicht schwierig, sich auszumalen, dass dann die betriebliche Ebene zum zentralen Auseinandersetzungsfeld wird.<br />
Wie wir im ersten Teil des Artikels gezeigt haben, steht es um die gewerkschaftliche Machtbasis in den Betrieben sehr schlecht. Auf dieser Ebene sind auch ohne Weltwirtschaftskrise die bisherigen sozialpartnerschaftlichen Praxen erodiert. Betriebsr&#228;tInnen und Gewerkschaftssekret&#228;rInnen finden sich auch ohne Weltwirtschaftskrise in defensive Positionen gedr&#228;ngt. Bei massiven K&#252;ndigungswellen stellt sich auch noch die Frage, ob eine Konfl iktkanalisierung in die Rechtsform ein probates und operationalisierbares Kampfmittel ist. Dies hat zwei Gr&#252;nde. Zum einen sind arbeitsrechtliche Prozesse aufw&#228;ndige Verfahren, die auch innerhalb des Gewerkschaftsapparates einen enormen administrativen Aufwand erfordern. Schon in Zeiten ohne Wirtschaftskrise geht laut interviewten Gewerkschaftssekret&#228;rInnen ein Gutteil der Arbeitszeit in der Bearbeitung von Rechtsfragen auf. Wie viel Mehrbelastung w&#252;rde es dann bedeuten, wenn zeitgleich eine Flut von K&#252;ndigungen und anderer Probleme ansteht? Zweitens entwickelt der Rechtsweg eine spezifische zeitliche Struktur. Das Recht kann zumeist nur <em>ex post</em> angewandt werden, also erst wenn der Schaden schon eingetreten ist. Insbesondere f&#252;r Gek&#252;ndigte, f&#252;r die die Aussichten auf einen neuen Job sehr schlecht sind, wird der Rechtsweg auf Dauer und in Masse gesehen wenig attraktiv erscheinen. Das kann den Ruf nach neuen Praxisformen in Betrieben beschleunigen. Wenn also die Krise in Form von Entlassungen und Insolvenzen durchschl&#228;gt, k&#246;nnte der endg&#252;ltige Kollaps der tradierten gewerkschaftlichen Praxisformen bevorstehen.</p>
<p><strong>„Dialektik“ der Erneuerung</strong></p>
<p>Eine „organische“ Krise besteht laut Antonio Gramsci darin, dass „das Alte stirbt [w&#228;hrend] das Neue &#8230; noch nicht zur Welt kommen kann“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>. Dieser Satz beschreibt den Zustand der &#246;sterreichischen Gewerkschaften heute vortreffl ich. Wie wir gezeigt haben, treff en zwei Krisenmomente aufeinander, die sich gegenseitig beeinfl ussen. Zum einen erodieren tradierte kulturelle Praxen der Gewerkschaften, sowohl auf Ebene der makropolitischen Regulation, als auch auf Ebene der betrieblichen Arbeit von Gewerkschaftssekret&#228;rInnen und Betriebsr&#228;tInnen. Dies geht mit einem sukzessiven Machtverlust auf gesamtgesellschaftlicher und betrieblicher Ebene einher. Bisherige Reformen und Erneuerungsversuche konnten die entwerteten sozialpartnerschaftlichen Praxen, die den Kern des Problems ausmachen, weder erneuern noch durch durchsetzungsm&#228;chtigere Praxen ersetzen. Dieser langfristige Erosionsprozess verkn&#252;pft sich heute zum anderen mit der enormen Dynamik der Weltwirtschaftskrise. Nicht nur auf globaler Ebene vollziehen sich Umbr&#252;che. Auf nationaler, regionaler und betrieblicher Ebene werden bisher noch prek&#228;r aufrechterhaltene Gewissheiten in Frage gestellt. Doch die Krise kann auch gegenl&#228;ufi ge Dynamiken lostreten. Zusehends werden die in den Alltagsverstand integrierten, sozialpartnerschaftlichen Vorstellungen und Praxen mit den tats&#228;chlichen gesellschaftlichen Entwicklungen in Widerspruch treten. Der sich daraus ergebende Konflikt kann ein Potential darstellen, in dem K&#228;mpfe von unten eingefordert und gef&#252;hrt werden k&#246;nnen.<br />
Dies k&#246;nnte einen Impuls darstellen, der zu tiefgreifenderen Ver&#228;nderungen auf gewerkschaftlicher Ebene f&#252;hren kann. Ver&#228;rgerte, w&#252;tende und kampfbereite Belegschaften, gemeinsam mit selbstbewussten Betriebsr&#228;tInnen, k&#246;nnen neue Formen betrieblicher Praxen entwickeln, die offensivere Abwehrk&#228;mpfe gegen die Krisenfolgen erm&#246;glichen. Diese Momente sollten von Gewerkschaften nicht als Bedrohung, sondern als Chance ihrer eigenen Erneuerung betrachtet werden. Diese Impulse m&#252;ssten zu einer essentiellen Ver&#228;nderung der Gewerkschaft selbst f&#252;hren. Demokratisierung, Partizipation und &#214;ff nung des Gewerkschaftsapparates w&#228;ren die notwendigen Voraussetzungen daf&#252;r, dass die Krise als Moment der Erneuerung erkannt und gen&#252;tzt wird.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. B&#246;hm, Th omas/ Busch, G&#252;nter/ Heim, Stefan/ Riexinger, Bernd/Sauerborn, Werner: Gewerkschaften in der Weltwirtschaftskrise. Weiter so – oder Krise als Chance. Erschienen auf www.LabourNet.de (November 2008); Kr&#228;mer, Ralf: Gewerkschaften und die Krise des Neoliberalismus. Abrufbar auf www.LabourNet.de (5.11.2008); Sauerborn, Werner: Mobilisierungsaversion. Zur Diskussion um Nationalkeynsianismus und gewerkschaftliche Gegenstrategien in der Weltwirtschaftskrise; in: express. Zeitung f&#252;r sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftspolitik 1/09. Abrufbar auf www.labournet.de/diskussion/wipo/fi nanz/sauerborn.html; Wendl, Michael: Keynsianismus als Feindbild. Eine Antwort auf die ver.di – Kritik von Thomas B&#246;hm und Kollegen; in: Sozialismus 2/2009.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zum Teil flie&#223;en in den Artikel Ergebnisse eines Forschungsprojektes ein, das von Mario Becksteiner, Elisabeth Steinklammer und Florian Reiter im Auftrag der GPA-djp Bildungsabteilung von Herbst 2008 bis Herbst 2009 durchgef&#252;hrt wird. Der Titel des Forschungsprojektes lautet: „Betriebsratsrealit&#228;ten im Postfordismus. Betriebsr&#228;te zwischen Selbst- und Fremdanspr&#252;chen“. Etwaige Zitate von GewerkschafterInnen sind aus diesem Forschungsprojekt entnommen und wurden anonymisiert. Voraussichtliche Endergebnisse des Forschungsprojektes werden im Herbst 2009 vorliegen.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Wright, Erik O.: Working-Class Power, Capitalist-Class Interests, and Class Compromise; in: American Journal of Sociology 4/2000.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Silver, Beverly J.: Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870. Berlin 2005, S. 31</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brinkmann, Ulrich et al.: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden 2008, S. 25</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> &#220;ber die Momente der industriellen Beziehungen hinaus m&#252;ssen f&#252;r eine Analyse des Fordismus noch eine ganze Reihe anderer Momente integriert werden. Geschlechterverh&#228;ltnisse, Migrationsregime, Alltagskultur aber auch Erziehungsformen und Familienstrukturen spielen eine wichtige Rolle, k&#246;nnen aber im Zuge dieses Artikels nicht n&#228;her behandelt werden.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Tayloristische Arbeitsorganisation bezeichnet die so genannte „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die auf stark arbeitsteilige Produktionsprozesse und die Technisierung der Produktion, etwa durch das Flie&#223;band, abzielt.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl dazu: Karin H&#228;dicke in Perspektiven Nr. 1, und Wittau, Mathias/Seifert, Matthias: &#214;sterreich 1950; in: Die gro&#223;en Streiks. Episoden aus dem Klassenkampf. M&#252;nster 2008</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> BAK: Bundes Arbeiter Kammer (AK); &#214;GB: &#214;sterreichischer Gewerkschaftsbund; PR&#196;KO: Pr&#228;sidentenkonferenz der Landwirtschaftskammer &#214;sterreich; VOI: Verband &#214;sterreichischer Industrieller</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?; in: Dachs, Herbert et al. (Hrsg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch.<br />
2006, S. 425-442</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Obinger, Herbert/ Tálos, Emmerich: Sozialstaat &#214;sterreich zwischen Kontinuit&#228;t und Umbau. Eine Bilanz der &#214;VP/FP&#214;/BZ&#214;-Koalition. Wiesbaden 2006, S. 204</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> &#214;GB-Pr&#228;sident von 1963 bis 1987</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Pr&#228;sident der Wirtschaftskammer &#214;sterreich (WKO) von 1964 bis 1990</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Interview, November 2008</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Das Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG) sind jene gesetzlichen Bestimmungen, welche die kollektive Rechtsgestaltung und Vertretung der ArbeitnehmerInnen<br />
regelt. Es umfasst Bestimmungen zu Kollektivvertr&#228;gen, Satzungen, Mindestlohntarifen, festgesetzte Lehrlingsentsch&#228;digungen aber eben auch die Frage des Organisationsrechtes und der Betriebsvereinbarungen.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Winter, Jens: Regulation und Hegemonie in nachfordistischen Zeiten; in: Brand, Ulrich/ Raza, Werner (Hrsg.): Fit f&#252;r den Postfordismus? Theoretisch-<br />
politische Perspektiven des Regulationsansatzes. M&#252;nster 2003, S. 199</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sennet, Richard: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2007, S. 33</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Aglietta, Michel: Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Pr&#252;fstand. M&#252;nster 2000, S. 33</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Vgl. dazu: D&#246;rre, Klaus/ R&#246;ttger, Bernd (Hg.): Die ersch&#246;pfte Region. M&#252;nster 2005.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Unseres Wissens gibt es dazu in &#214;sterreich keine kritische Forschung. Deshalb sind die Ausf&#252;hrungen als kursorisch und vereinfacht zu verstehen.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Obinger/Tálos, a.a.O., S. 205</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd., S. 208</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Brinkmann et al., a.a.O., S. 51</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Arbeitsmarktservice &#214;sterreich: M&#228;rz-Arbeitslosigkeit stieg um 28,8 Prozent; AMS-Off ensive f&#252;r Jugendliche: Ausbildungsgarantie f&#252;r Lehrlinge und Aktion „Zukunft Jugend“. 01.04.2009. http://ams.at/14169_21062.html</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> M&#252;ller, Stefan: Kurzarbeit rettet viele Arbeitspl&#228;tze. Immer mehr Unternehmen m&#252;ssen Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Der &#214;GB hat sich f&#252;r flexiblere Regelungen stark gemacht; in: Solidarit&#228;t 914, Feb./M&#228;rz 2009, S. 2f.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/art15,152344 am 17.4.09</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> GPA-djp, NewsGrafisch. Informationen zu den KV-Verhandlungen Grafisches Gewerbe, Nr. 1, J&#228;nner 2009</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Interview in HEUTE Nummer 948, Freitag 17. April 2009</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.2, Hamburg 1991, S. 354</p>
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		<item>
		<title>Veranstaltung: Filmabend &#8220;The Wobblies&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 19:11:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[

 
Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.

Termin: Freitag, 28.11.2008
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien
Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Georgia;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1.jpg"><img class="size-medium wp-image-226 alignnone" title="flyer_release_6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1-233x300.jpg" alt="Flyer" width="233" height="300" /></a></span></p>
<div>
<p><span style="font-size: medium; font-family: Georgia;"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.</p>
</div>
<p>Termin: <strong>Freitag, 28.11.2008</strong><br />
Uhrzeit: <strong>20 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien</strong></p>
<p>Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen ArbeiterInnen 2006 und Organisierungsversuche neuer Gewerkschaftsbewegungen zeigen die Br&#252;che und Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Dass die amerikanische ArbeiterInnenbewegung auf eine radikale Geschichte zur&#252;ckblicken kann, wird dabei oft vergessen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Film &#8220;The Wobblies&#8221; zeigt die Geschichte der Industrial Workers Of The World, einer militanten Gewerkschaftsbewegung zu Beginn des 20.Jahrhunderts, welche mit der Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen und ihren kreativen Kampfformen Inspiration auch f&#252;r heutige klassenk&#228;mpferische Gewerkschaftspraxis sind.</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 6 (Herbst 2008) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/perspektiven-nr-6-herbst-2008-erschienen/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 16:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Schwerpunkt: USA – Br&#252;che im Imperium


]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-6/"><br />
<h3>Schwerpunkt: USA – Br&#252;che im Imperium</h3>
<p></a><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-6/"><img class="alignleft" title="perspektiven6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/10/perspektiven6.jpg" alt="" width="209" height="226" /></a></p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/editorial-6/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
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		<description><![CDATA[Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.<span id="more-131"></span> Die Sehnsucht nach einem Richtungswechsel an der Spitze der letzten verbliebenen Supermacht ist gro&#223;, und das nicht nur im „Alten Europa“, sondern auch in den Vereinigten Staaten selbst. Was Wunder angesichts der zu Ende gehenden &#196;ra Bush II, die, gepr&#228;gt von einem nicht zu gewinnenden Krieg, der Verarmung breiter Teile der US-Gesellschaft und dem rapiden Niedergang der globalen kulturellen Strahlkraft des ehemaligen <em>Land of the Free</em>, „Change“ zum Gebot der Stunde macht. Es muss sich etwas &#228;ndern – das ist die Botschaft des Wahlkampfs in den USA, und der nachhaltige Hegemonieverlust des neokonservativen Projekts zwingt sogar den erz-neoliberalen Abtreibungsgegner John McCain, sich bei jeder Gelegenheit von der Bush- Adminstration zu distanzieren. Das Imperium ist heute so br&#252;chig wie selten zuvor, eine Tatsache, die von den nicht enden wollenden Kriegen in Afghanistan und Irak ebenso tragisch illustriert wird wie von der aktuellen Finanzkrise, die ganze National&#246;konomien in den Abgrund zu ziehen droht und deren l&#228;ngerfristige Konsequenzen noch immer nicht absehbar sind. Zugleich aber – und das Ph&#228;nomen Obama zeigt das ebenso deutlich – ist das Ende des globale Sonderstatus der USA noch lange nicht besiegelt. Dass allein die Vorwahlen der Republikanischen und Demokratischen Partei &#252;berall auf der Welt Millionen zu unm&#246;glichen Tagesund Nachtzeiten vor die Fernsehger&#228;te bannten und die Internet-<em>Blogosph&#228;re </em>die Kampagnen der Kandidaten in hitzige Debatten und Pl&#228;doyers &#252;bersetzt, verweist darauf, dass die Auswirkungen der Entscheidung von etwa 220 Millionen Wahlberechtigten wahrlich globale Dimensionen hat.</p>
<p>Der Schwerpunkt dieser Ausgabe von <em>Perspektiven </em>versucht, den Blick f&#252;r die Br&#252;che, Widerspr&#252;chlichkeiten und vor allem die K&#228;mpfe zu sch&#228;rfen, die die USA – und damit auch ihre Rolle in der Welt – pr&#228;gen. Den Beginn macht <em>Gary Younge</em>, Journalist und New York-Korrespondent des britischen <em>Guardian</em>, der das Ph&#228;nomen Obama im Zusammenhang mit der weiterhin rassistischen politischen Kultur in den USA untersucht. Seine Conclusio verwehrt sich gegen ein zynisches Abtun der ersten relevanten Schwarzen Pr&#228;sidentschaftskandidatur in der Geschichte der USA, auch wenn Obamas Politik keinen echten <em>Change </em>bringen wird. <em>Tobias ten Brink</em> analysiert die Rolle der USA aus geopolitischer Perspektive und zeigt, dass das Imperium nicht nur im Inneren fragil ist, sondern auch in der anhaltenden Konkurrenz mit anderen globalen imperialistischen Akteuren schwer zu bew&#228;ltigenden Herausforderungen gegen&#252;ber steht – mit oder ohne Obama. Seine Aktualisierung imperialismustheoretischerer Argumente er&#246;ff net dar&#252;ber hinaus weiterf&#252;hrende, theoretische Diskussionen; an dieser Stelle verweisen wir gerne auf ten Brinks soeben beim Verlag Westf&#228;lisches Dampfboot erschienenes Buch „Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz“, das wir Interessierten w&#228;rmstens empfehlen. Oft gestellte Fragen zur aktuellen, schweren Banken- und Finanzkrise beantwortet einer der profi liertesten Intellektuellen der globalisierungskritischen Bewegung, <em>Walden Bello</em> – ein Crashkurs zum Kurscrash, damit auch Kulturlinke und Polit-AktivistInnen erkl&#228;ren k&#246;nnen, was es mit <em>Credit Default Swaps</em> auf sich hat. Einen k&#228;mpferischen Blick „von unten“ auf die USA liefern zwei weitere Artikel im Schwerpunkt: <em>Philipp Probst</em> ruft die K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> vom Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung und zeigt, dass deren Anspruch, junge, migrantische und &#252;berwiegend weibliche ArbeiterInnen mit klassenk&#228;mpferischer Perspektive zu organisieren, nicht nut von historischem Interesse ist. <em>Maria Asenbaum</em> setzt mit ihrem Artikel zu Gewerkschaften und <em>Community Organizing</em> in den USA da an, wo sie gemeinsam mit <em>Karin H&#228;dicke</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 3 („Gewerkschaft bewegen“) aufgeh&#246;rt hatte. Im Mittelpunkt stehen hier die <em>Worker Centers</em>, die migrantische NiedriglohnarbeiterInnen organisieren. Schlie&#223;lich widmen sich <em>Katherina Kinzel</em> und <em>Katharina Hajek</em> den Forderungen und Positionen der „Black Feminists“, die seit den 1960ern die Zusammenh&#228;nge und &#220;berschneidungen von klassen- und geschlechtsspezifi scher sowie rassistischer Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung nicht nur analysieren, sondern auch nach M&#246;glichkeiten ihrer &#220;berwindung fragen. Dieser Anspruch, so ihre Th ese, kann auch f&#252;r gegenw&#228;rtige akademische Debatten um „Intersektionalit&#228;t“ fruchtbar gemacht werden.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts stellen wir unsere kurze Analyse der frustrierenden Ergebnisse der &#246;sterreichischen Nationalratswahl zur Diskussion. Und im dritten Teil unserer Serie „Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution“ zeichnen <em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> den Prozess der Degeneration und B&#252;rokratisierung des jungen Sowjet-Staates zwischen 1917 und 1928 mit besonderem Augenmerk auf die Transformation der Verh&#228;ltnisse in den Betrieben nach.</p>
<p>Im Rezensionsteil stellt <em>Daniel Fuchs</em> die Arbeit der Sozialwissenschaftlerin Pun Ngai aus Hong Kong vor, die sich mit der Situation und den Widerstandspotentialen der s&#252;dchinesischen Wanderarbeiterinnen befasst (vgl. auch den Artikel von Pun Ngai in <em>Perspektiven </em>Nr. 3). Dazu gibt es Besprechungen zu Konfl ikten um Migrationspolitik und Protestformen illegalisierter MigrantInnen an den Grenzen Europas, Gewerkschaftpolitik und die Umsetzung von USamerikanischen <em>Organizing</em>-Strategien in Europa, Theorien der 1968er und Kritische Psychologie.</p>
<p>Viel Spa&#223; und kontroverse Diskussionen w&#252;nscht<br />
<em>Eure Redaktion</em></p>
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		<title>Stars and Strikes</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.<br />
<span id="more-136"></span></p>
<p>Amerika scheint ein Land ohne Klassenauseinandersetzungen und k&#228;mpfende Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein; das Klischee des amerikanischen Arbeiters als wei&#223;, m&#228;nnlich, patriotisch, zumindest ein bisschen christlich-fundamental und im Grunde reaktion&#228;r h&#228;lt sich hartn&#228;ckig. Die Proteste migrantischer ArbeiterInnen 2006, <em>worker centers</em>, die Organizing-Versuche neuer Gewerkschaftsbewegungen und „wilde“ Streiks zeichnen hingegen ein anderes Bild der amerikanischen ArbeiterInnenklasse.<br />
Dass viele dieser Entwicklungen nicht v&#246;llig neuartig sind, ist allerdings in der Geschichte der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung versch&#252;ttet worden. Bereits die revolution&#228;re Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> (IWW), eine der herausstechendsten Organisationen der K&#228;mpfe Anfang des 20. Jahrhunderts, versuchte, Kampf- und Organisationsformen ungelernter, &#252;berwiegend weiblicher und migrantischer ArbeiterInnen aufzugreifen. Von der Sensibilit&#228;t der „Wobblies“ f&#252;r Ver&#228;nderungen in der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und ihrer klassenk&#228;mpferischen Einstellung kann auch die heutige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaftsbewegung lernen.<br />
In der Phase der industriellen Umstrukturierung der amerikanischen Wirtschaft war die IWW die erste gewerkschaftliche Organisation, die die Auswirkungen des Taylorismus auf die ArbeiterInnenklasse erkannte. Ihr Anspruch, die Spaltungen zwischen den ArbeiterInnen zu &#252;berwinden und alle in einer gro&#223;en Gewerkschaft zu organisieren, war wegweisend f&#252;r die sp&#228;tere amerikanische Gewerkschaftsbewegung. Das Ziel der IWW war eine neue, bessere Gesellschaft und der Massenstreiks das entscheidende Mittel, diese zu erreichen.</p>
<h3>Die „Industrial Workers of the World”</h3>
<p>Am 27. Juni 1905 er&#246;ffnete „Big Bill“ Haywood in Chicago den Gr&#252;ndungskonvent der IWW unter gro&#223;em Beifall: „Dies ist der kontinentale Kongress der ArbeiterInnenklasse. Wir sind hier, um die ArbeiterInnen dieses Landes zu einer ArbeiterInnenbewegung zusammenzuschlie&#223;en, deren Ziel die Befreiung der ArbeiterInnenklasse von der kapitalistischen Sklaverei ist“.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der Saal war voll mit Delegierten aus dem ganzen Land: AnarchistInnen und SozialistInnen, der linke Fl&#252;gel der <em>Socialist Party</em>, Frauen und M&#228;nner, Schwarze und Wei&#223;e, die k&#228;mpferischen Bergleute der <em>Western Federation of Miners</em>, „Radikale, RebellInnen und Revolution&#228;rInnen, die ‚stiff-necked irreconcilables’ im Krieg mit der kapitalistischen Gesellschaft“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Sie sahen die Organisation als Mittel, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und durch „eine neue soziale Ordnung“ zu ersetzen, als eine Organisation, die „geformt, basiert und gegr&#252;ndet ist im Klassenkampf“ und kompromisslos gegen die von anderen Gewerkschaften betonte Klassenkooperation stand. „Die Idee des Klassenkonflikts war … die Ausgangsbasis der IWW“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und anstelle des „konservativen Mottos ‚Ein fairer Tageslohn f&#252;r einen fairen Arbeitstag‘“ stand die Forderung nach der Abschaffung des ganzen Lohnsystems.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Der Slogan „One Big Union“ brachte auf den Punkt, was die IWW sein wollte. Entgegen der ausgrenzenden Politik etablierter Gewerkschaften wie der <em>American Federation of Labor</em> (AFL), die nur wei&#223;e, gelernte Arbeiter aufnahmen, sollte die IWW nicht nur gelernte und ungelernte (<em>skilled and unskilled labor</em>) umfassen, sondern auch Frauen und die gro&#223;e Zahl migrantischer Arbeiter und Arbeiterinnen. „Was wir diesmal aufbauen wollen, ist eine ArbeiterInnenorganisation, die ihre T&#252;ren weit f&#252;r alle &#246;ffnen wird, die ihren Unterhalt entweder durch ihre Muskeln oder ihr Gehirn verdienen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a></p>
<h3>Vorgeschichte: Pullman 1894</h3>
<p>Der Streik der <em>American Railway Union</em> in Pullman unter F&#252;hrung des Sozialisten Eugene V. Debs war ein entscheidender Moment in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und die Gr&#252;nde f&#252;r dessen Niederlage pr&#228;gten die nachfolgenden Jahre und die Politik der IWW grundlegend.<br />
Ende des 19. Jahrhunderts war Amerika Schauplatz rasanter Industrialisierung und Mechanisierung der Produktionstechniken und heftiger Streikbewegungen. 1892 konnte in Homestead der Streik der damals st&#228;rksten Teilgewerkschaft, der <em>Amalgamated Association of Iron and Steel Workers</em>, gegen das Carnegie Unternehmen nur durch die Gewalt von Privatarmee und Regierungstruppen gebrochen werden. Der Arbeitskampf endete mit der Zerschlagung der <em>Amalgamated Association</em>. Die Zerschlagung „der m&#228;chtigsten Gewerkschaft der Vereinigten Staaten durch eine Privatarmee, die Staatsmiliz und die Carnegie-Gesellschaft zwang die Arbeiter zum Umdenken. Es galt, neue L&#246;sungen auf dem Boden einer weitreichenden Solidarit&#228;t der Lohnabh&#228;ngigen zu finden.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
&#196;hnliche Erfahrungen machten im gleichen Jahr die ArbeiterInnen von New Orleans, die einen Generalstreik ausgerufen hatten, in dem sich schwarze und wei&#223;e ArbeiterInnen solidarisierten. Kurzfristig wurde die rassistische Segregation unter den ArbeiterInnen &#252;berwunden und das Potential gemeinsamer K&#228;mpfe aufgezeigt. Aufgrund der Gefahr einer Solidarisierung schwarzer und wei&#223;er ArbeiterInnen versch&#228;rften Unternehmer und Regierung rassistische Segregationsstrategien sowie die Durchsetzung der<em> Jim Crow</em>-Gesetze.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die Streikwelle des Jahres 1894 – es streikten 750.000 ArbeiterInnen, mehr als jemals zuvor – gipfelte schlie&#223;lich in den Auseinandersetzungen in Pullman. George Pullman, Besitzer des Waggonherstellerunternehmens <em>Pullman Palace Car Company</em>, geh&#246;rte im Grunde die ganze Stadt: H&#228;user, Wohnungen und Stra&#223;en. Der Frust &#252;ber fallende L&#246;hne bei gleich bleibenden Mieten, die direkt vom Lohn abgezogen wurden, f&#252;hrte zum Streik. Ein Arbeiter fasste die Stimmung zusammen: „Wir bekommen zu wenig Geld zum Leben, warum sollten wir also arbeiten?“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> In diesen Auseinandersetzungen war die <em>American Railway Union </em>(ARU, eine Teilgewerkschaft der AFL), in der Eugene Debs eine f&#252;hrende Rolle innehatte, entscheidend. Der Streik in den Pullmanwerken weitete sich rasch aus. Solidarit&#228;tsstreiks und ein Boykott der Weichensteller f&#252;hrten dazu, dass bald alle Linien nach Chicago brach lagen.<br />
Die Solidarit&#228;tsstreiks wurden vor allem durch eine Strategie der ARU m&#246;glich, die im Gegensatz zur AFL-Dachgewerkschaft, die die Facharbeiter nach „Z&#252;nften“ oder „Handwerk“, d.h. einer Teilgewerkschaft f&#252;r Weichensteller, einer f&#252;r Drucker, etc.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> organisierte, darauf abzielte, m&#246;glichst allumfassend die ArbeiterInnen der Industrien zu organisieren.<br />
Die ARU nahm damit schon in Ans&#228;tzen vorweg, was die IWW sp&#228;ter unter <em>Industrial Unionism</em> verstand. Debs fasste zusammen: „Die Arbeiter m&#252;ssen sich vereinigen. Die Trennungslinien m&#252;ssen nach und nach &#252;berwunden werden und alle unter dem siegreichen Banner der Arbeit zusammenkommen, zusammen marschieren, zusammen w&#228;hlen und zusammen k&#228;mpfen. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, in der die Arbeiter die Fr&#252;chte ihrer Arbeit selbst besitzen und genie&#223;en werden.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Der Kampf gegen die Eisenbahnergesellschaften war erfolgreich. Diese standen trotz medialer Hetze gegen die Streikenden und Privatarmee mit dem R&#252;cken zur Wand und sahen die letzte M&#246;glichkeit darin, die Regierungstruppen einzuschalten, damit sich der Streik nicht &#252;ber das ganze Land ausbreitet. Der bis dahin bewusst friedliche Streik<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> eskalierte und es kam zu gewaltsamen Ausbr&#252;chen und b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden von Sacramento bis New Mexico. An der Spitze der Gegenwehr der ArbeiterInnen standen vor allem „Emigranten, Arbeitslose und unqualifizierte Arbeiter – also die am brutalsten ausgebeutete Klasse des Proletariats.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Debs wurde verhaftet und der Streik stand an der Kippe. Die Gewerkschaft der ZigarrendreherInnen forderte einen Generalstreik. Die AFL sprach sich jedoch gegen Solidarit&#228;tsstreiks aus und stellte sich grunds&#228;tzlich gegen das umfassende gewerkschaftliche Konzept der ARU. Sie beschloss eine symbolische 1000-Dollar Spende f&#252;r Debs’ Verteidigung, ordnete den lokalen AFL-Zweigen an, wieder zur Arbeit zur&#252;ckzukehren, und nahm damit dem Streik den Wind aus den Segeln. Die Eisenbahner zogen ihre Lehren aus dem Verlauf des Streiks: „Er hat gezeigt, dass die Arbeiter gemeinsam k&#228;mpfen m&#252;ssen, dass keine Einzelgewerkschaft Erfolg haben kann … Die gesamte Presse war gegen uns, die Richter, die &#246;ffentlichen Vertreter des Staates, der Staat selber – ja sogar die alten Arbeitervereine“.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Die alten Gewerkschaften hatten jedoch weder die Auswirkungen der Umstrukturierungen im Zuge der Industrialisierung auf die ArbeiterInnenklasse begriffen, noch waren sie gewillt, eine ernsthafte Konfrontation mit der kapitalistischen Klasse einzugehen. Laut Eugene Debs musste deshalb eine „revolution&#228;re ArbeiterInnenorganisation“ aufgebaut werden, die „den Klassenkampf ausdr&#252;cken muss. Sie muss die Klassenlinien sehen. Sie muss, selbstverst&#228;ndlich, klassenbewusst sein. Sie muss vollst&#228;ndig kompromisslos sein. Sie muss eine Organisation der ArbeiterInnen an der Basis selbst sein.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Der alte Gewerkschaftstyp der AFL habe „nicht nur seinen Nutzen verloren …, sondern ist reaktion&#228;r geworden, nichts als ein Hilfsmittel der kapitalistischen Klasse“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die Lehren der K&#228;mpfe des sp&#228;ten 19. Jahrhunderts wurden von der IWW aufgenommen. Diese machte es sich sowohl zur Aufgabe, die neue Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, wie auch die Umstrukturierung der kapitalistischen Wirtschaft im Zuge der Industrialisierung und der von Taylor eingef&#252;hrten ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ zu analysieren. Diese neue Klassenzusammensetzung, die sowohl Ergebnis der technischen Umstrukturierung wie auch des Widerstands dagegen war, stand im Zentrum der theoretischen und praktischen Aktivit&#228;ten der IWW.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<h3>Wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung</h3>
<p>Im Zuge der Industrialisierung des amerikanischen Kapitalismus verschwanden die alten Formen der Produktion, die Formen der individuellen Produktion durch gelernte Arbeiter. Neue Technologien und die Einf&#252;hrung der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ gaben den Unternehmern mehr Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess. Mit dieser technischen Umstrukturierung schwand auch die Macht der Fachgewerkschaft der AFL.<br />
Diese lag vor allem darin, dass sie das Produktionsausma&#223;, also die produzierte St&#252;ckzahl und das Arbeitstempo mitbestimmen konnte. Die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“ des Taylorismus zielte darauf ab, die Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess beim Management zu konzentrieren. Ziel war es die Zeit herauszufinden, die tats&#228;chlich f&#252;r die Produktion gebraucht wird und damit gegen das „systematische Bremsen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> vorzugehen.<br />
Ein Gewerkschaftsf&#252;hrer beschrieb 1887 die Auswirkungen: „Die Glocke, die den m&#252;den, unterbezahlten Arbeiter aus seiner bitter n&#246;tigen Ruhe rei&#223;t, verh&#246;hnt ihn mit jedem Schlag. Die Maschinerie, die seine F&#228;higkeiten und seine Zeit f&#252;r ihn selbst wertloser macht, wertvoller aber f&#252;r seinen Herrn, wird zum verhassten Folterinstrument; ihr monotones Ger&#228;usch summt im Takt mit seinem St&#246;hnen und Fluchen. Die Fabrik, das Bergwerk, die Gie&#223;erei und der Lokomotivschuppen stehen da wie Giganten, bereit, sein Innerstes zu verschlingen.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die erworbenen F&#228;higkeiten und das Wissen der Facharbeiter wurden in der mechanisierten Massenproduktion auf die Ebene des Managements verlagert. Arbeit wurde damit zur rein ausf&#252;hrenden T&#228;tigkeit ohne Einsicht in die Zusammenh&#228;nge des Arbeitsprozesses. Das Ergebnis war eine radikale Trennung von Denken und Tun, Hand- und Kopfarbeit, Kontrolle und Ausf&#252;hrung. Zus&#228;tzlich h&#246;hlte die Entwertung der Facharbeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gegen&#252;ber den Unternehmern weitgehend aus. Hatten diese bis dahin Ausbildungswege reguliert und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften monopolisiert, reduzierte die tayloristische Betriebsorganisation die Nachfrage nach Facharbeitern auf ein Mindestma&#223;. Das Projekt der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zielte damit auf drei Punkte ab: „die Brechung der Macht und faktischen Kontrolle der organisierten Facharbeiter &#252;ber den Produktionsprozess, die Enteignung ihrer Kenntnisse und deren Einverleibung in neue Planungs- und Kontrollinstanzen des Management, und schlie&#223;lich die Atomisierung der Arbeitsverrichtungen in kalkulierbare Segmente“, die die „Poren der Arbeitszeit“ eliminieren sollte.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
In Folge ihres Machtverlustes konzentrierte sich die AFL auf die Bedrohung des Lohn- und Leistungsniveaus und die Forderung eines gerechten Lohns f&#252;r eine gerechte Arbeit. Die Ursache der Lohnsenkungen wurde aber nicht in den Umstrukturierungen der Produktionsprozesse verortet, sondern im vermeintlichen Lohndruck durch eingewanderte billige Arbeitskr&#228;fte. Damit war der Weg geebnet f&#252;r eine rassistische Politik der AFL.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Tats&#228;chlich dienten ImmigrantInnen aus vielen Teilen der Welt den Unternehmen als ungelernte Arbeitskr&#228;fte<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>; das Vorhandensein eines „doppelten Arbeitsmarktes“ lie&#223; sie jedoch erst gar nicht in Konkurrenz zu gelernten Facharbeitern treten. Die Konzentration der AFL auf die Facharbeiter und der Versuch, deren privilegierte Position innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu sch&#252;tzen, verstellte ihnen nicht nur den Blick auf die Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, sondern f&#252;hrte auch dazu, dass die wachsende Gruppe ungelernter, migrantischer ArbeiterInnen als Bedrohung ihrer eigenen Stellung betrachtet wurde. Die Aussagen des AFL-F&#252;hrers Samuel Gompers &#252;ber die IWW als „Schimmelpilz auf der Arbeiterbewegung“ und die ungelernten und angelernten ArbeiterInnen als „P&#246;bel“ zeugten von der Verachtung f&#252;r diese neuen Schichten.</p>
<h3>Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse</h3>
<p>Die Politik des <em>Industrial Unionism</em> und der <em>One Big Union</em> waren Antwortversuche der IWW auf die Auswirkungen des Taylorismus. Die IWW sah ihre Aufgabe darin, aus der ver&#228;nderten Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und den neuen Bedingungen f&#252;r Widerstand Schl&#252;sse zu ziehen, sowohl die Art der Organisierung als auch der Kampfformen betreffend. Denn die ArbeiterInnenklasse bestand nicht nur aus wei&#223;en, gelernten Arbeitern, sondern auch aus ungelernten ArbeiterInnen, Frauen, WanderarbeiterInnen, Schwarzen, ImmigrantInnen aus Irland, Polen, Schweden und vielen weiteren L&#228;ndern Europas. Die Wobblies erkannten dies: „Das Industriesystem bezieht alle Faktoren ein: die Arbeiterin, der Ungelernte, der Wanderarbeiter, der Handlanger sind alle integraler Bestandteil der Industrie, in der sie jeweils besch&#228;ftigt sind. Sie sind keineswegs lumpenproletarische Wracks, sondern sie sind reale und notwendige Elemente in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Der steigende Anteil ungelernter Arbeitskr&#228;fte f&#252;hrte nicht nur zur Entwertung der Facharbeit, sondern erm&#246;glichte es den Unternehmern auch, Arbeitssuchende, die in Massen in die Industrien dr&#228;ngten, gegeneinander auszuspielen und Streikbrecher gegen streikende ArbeiterInnen einzusetzen. Durch unterschiedliche Lohnniveaus und interne Disziplinierung konnte die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen ausgenutzt werden, die zus&#228;tzlich entlang geschlechtsspezifischer Trennlinien als auch nach Hautfarbe oder Herkunft gespalten waren. Die Einbeziehung eines Teils der gelernten Facharbeiter als Vorarbeiter oder in Managementstrukturen spaltete diese wiederum untereinander.<br />
Demgegen&#252;ber strebten die Unternehmer eine koordinierte Politik gegen&#252;ber den ArbeiterInnen an. Seien es offene Konfrontation oder subtilere Methoden, ihr Erfolg hing „von der Blindheit und den inneren Zwistigkeiten der Arbeiterklasse“ ab.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Gerade wegen ihres Ziels der <em>One Big Union</em> war es f&#252;r die Wobblies essentiell, „das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit aus der Perspektive einer gespaltenen in sich selbst konkurrierenden und st&#228;ndig neu zusammengesetzten Arbeiterschaft zu sehen“ und die Kampf- und Organisationsformen der spezifischen Situation anzupassen. Es ging dabei nicht darum dem „Arbeiter [zu] sagen was richtig und was falsch [ist], sondern die aktuellen Bedingungen zu analysieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Der Streik in McKees Rock verdeutlicht die Strategie der IWW, nicht nur auf die Kernbelegschaft zu setzen, sondern, Frauen, Arbeitslose und ArbeiterInnen anderer Industriezweige in die Streiks mit einzubeziehen. &#220;ber den Massenstreik sollten die inneren Spaltungen &#252;berwunden werden. Zugleich zeigt das Beispiel, wie von Unternehmern versucht wurde, die Spaltungen auszunutzen, und die privilegierten Facharbeiter erfolgreich auf deren Seite gezogen werden konnten.</p>
<h3>McKees Rock</h3>
<p>Der Streik begann, als am 12. Juli 1909 ausl&#228;ndische ArbeiterInnen aus Protest gegen Lohnk&#252;rzungen im Konzern <em>Pressed Steel</em> die Arbeit niederlegten und daraufhin entlassen wurden.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Drei Tage sp&#228;ter hatten alle ausl&#228;ndischen ArbeiterInnen die Arbeit niedergelegt und sich einige der einheimischen ArbeiterInnen angeschlossen, sodass die gesamte Fabrik geschlossen werden musste. Ein Streikkomitee amerikanischer Facharbeiter, genannt die <em>Big Six</em>, setzte sich an die Spitze des Streiks, organisierte Spenden und Lebensmittel, setzte sich aber nicht aktiv f&#252;r den Streik ein. Von den Unternehmern wurden alle Mittel aufgeboten. Nach Polizei und Nationalgarde wurden die „Pennsylvania Cossacks“ geholt, eine ber&#252;chtigte Spezialtruppe, die die Aufgabe hatte, Streikbrecher (scabs) einzuschleusen und die Fabrikwohnungen zu r&#228;umen. Mit der Konfrontation wurde auch die Frage von gewaltsamen Gegenma&#223;nahmen akut. Sowohl der Widerstand gegen die Wohnungsr&#228;umungen, der haupts&#228;chlich von Frauen getragen wurde, als auch dringender Handlungsbedarf gegen scabs, machten schnelle und militante Entscheidungen notwenig. Die Big Six jedoch setzten auf Geduld. Sie sprachen sich strikt gegen alle Widerstandsma&#223;nahmen und f&#252;r freiwillige R&#228;umungen und Verhandlungen mit dem Management aus. Die Passivit&#228;t der Big Six veranlasste die Streikenden, sich neu zu organisieren, und Kontakt zu den IWW aufzunehmen. Unter der F&#252;hrung der IWW wurde ein neues Komitee gegr&#252;ndet und regelm&#228;&#223;ig Versammlungen organisiert, auf denen Forderungen formuliert, Streiktaktiken beschlossen und &#220;bersetzungen besorgt wurden. Die Gefahr durch scabs wurde durch Truppen von ArbeiterInnen, die Streikbrecher aufsp&#252;rten und aus den Fabriken warfen, abzuwehren versucht. Als viel wichtiger erwies sich aber die Solidarit&#228;tsarbeit und der Versuch der IWW, Frauen, Kinder und Arbeitslose in die Streikaktivit&#228;ten mit einzubeziehen. Die Solidarit&#228;tsarbeit zeigte bald Wirkung und Eisenbahner weigerten sich, Streikbrecher nach McKees Rock zu transportieren. W&#228;hrend sich 2.000 bis 3.000 Arbeitslose dem Streik anschlossen und damit den Druck der „industriellen Reservearmee“ minderten, verteidigten Frauen die Werkwohnungen.<br />
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Streikenden versuchten die Big Six und die Regierung, die Kontrolle wieder zu &#252;bernehmen. Ein Kompromiss wurde verhandelt, die Zugest&#228;ndnisse aber nie eingel&#246;st. Die militante Stimmung blieb aufrecht und am n&#228;chsten Tag streikten 2.500 ArbeiterInnen, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Mit dieser neuen Methode des sit in wurden substantielle Lohnerh&#246;hungen erk&#228;mpft. Ein weiterer Streikversuch von 4.500 ArbeiterInnen wurde jedoch durch die Facharbeitergewerkschaft, mit der das Unternehmen bereitwillig in Verhandlungen trat, verhindert, indem sie unter Polizeischutz mit tausend Streikbrechern in die Fabrik einzog.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die Unternehmen reagierten mit Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen erneute „Ausl&#228;nderaufst&#228;nde“. Eine „Amerikanisierungskampagne“ mit einem Abendschulprogramm f&#252;r Unterricht in englischer Sprache und in amerikanischer Staatsb&#252;rgerkunde wurde eingerichtet. „Was hier unterrichtet wurde, erf&#228;hrt man aus einem zeitgen&#246;ssischen Textbuch: ‚Ich h&#246;re die F&#252;nf-Minuten Sirene. Es ist Zeit, in die Fabrik zu gehen. Ich nehme am Eingang meine Stempelkarte und stecke sie in meiner Abteilung ein. Ich ziehe mich um und mache mich zum Arbeiten fertig. Die Startsirene bl&#228;st. Ich esse mein Mittagessen. Es ist verboten, vorher zu essen. Die Sirene bl&#228;st f&#252;nf Minuten vor Arbeitsbeginn. Ich mache mich f&#252;r die Arbeit fertig. Ich arbeite, bis die Sirene wieder bl&#228;st. Ich lasse meinen Arbeitsplatz sauber zur&#252;ck. Ich lege alle meine Sachen in mein Schlie&#223;fach. Ich gehe nach Hause.’“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Da die Strategie der Unternehmer auf die Integration von Facharbeitern in Managementstrukturen abzielte, war f&#252;r die IWW klar, dass es vergeblich war, auf eine selbstverst&#228;ndliche oder durch moralische Appelle bewirkte Klasseneinheit im Sinne einer <em>One Big Union</em> zu hoffen. Sie konzentrierte sich deshalb noch st&#228;rker auf die ungelernten ArbeiterInnen. Das bedeutete nicht, dass das Projekt der <em>One Big Union</em> aufgegeben wurde; durch die Organisierung der Masse der ungelernten ArbeiterInnen sollten die Facharbeiter in Massenbewegungen und Massenstreiks mitgerissen werden.</p>
<h3>K&#228;mpfende und singende ArbeiterInnen</h3>
<p>Trotz der Niederlage war der Streik bei McKees Rock der Startschuss f&#252;r eine Phase von K&#228;mpfen, die „zu den gewaltsamsten der nordamerikanischen Arbeitergeschichte geh&#246;rt.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Dem Streik von McKees Rock folgten Aufst&#228;nde in der Waffenfabrik <em>Bethlehem Steel</em> 1910, bei dem 7.000 haupts&#228;chlich ungarische und polnische ArbeiterInnen f&#252;r den acht-Stunden-Tag k&#228;mpften. Trotz des Versuchs der AFL die herbeigerufene IWW fernzuhalten, breitete sich der Streik auf die angrenzenden Kohleabbaugebiete aus. In Philadelphia kam es 1909 zu gewaltsamen Aktionen gegen Streikbrecher und 1910 zu einem Generalstreik von &#252;ber 146.000 ArbeiterInnen, ausgel&#246;st durch einen Streik von Textilarbeiterinnen. Inspiriert vom Internationalen Frauentag brachen 1909 zehntausende N&#228;herinnen in New York einen Aufstand los, der sich gegen „sweatshop“-Bedingungen und die regelm&#228;&#223;igen sexuellen Bel&#228;stigungen durch Vorarbeiter richtete. „Wo immer Arbeiter sich versammelten, wurde heftig &#252;ber den Generalstreik diskutiert“. Streiks slawischer Stahlarbeiter in Hammond, j&#252;discher und italienischer N&#228;herinnen in New York und slawischer Bergarbeiter in Avelia waren alle Teil der Streikwelle, getragen haupts&#228;chlich von unorganisierten und ungelernten, h&#228;ufig weiblichen ArbeiterInnen in und au&#223;erhalb der Fabrik. „[Ihre] Militanz, der unmittelbare Angriff auf die neue Organisation der Arbeit und die ‚direkte Aktion’ – Widerstands- und Organisationsformen ohne oder gegen die Gewerkschaften – wurden zu Charakteristika der K&#228;mpfe in den Jahren seit 1909 bis hin zu ihrem H&#246;hepunkt in der Nachkriegszeit.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Die etablierten AFL-Teilgewerkschaften konnten den Massen an ungelernten ArbeiterInnen keine Perspektive bieten. Ein alter AFL-Gewerkschafter schreibt &#252;ber die Ungelernten ver&#228;chtlich, dass sie „heute in die Gewerkschaft eintreten und morgen schon streiken wollen“.3<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Tats&#228;chlich entsprach die kompromisslerische Politik der AFL nicht der Lebensrealit&#228;t und den Interessen dieses Teils der ArbeiterInnenklasse. Durch den st&#228;ndigen Wechsel von Arbeitspl&#228;tzen war es f&#252;r die Ungelernten und WanderarbeiterInnen wenig verlockend, auf lange Verhandlungen zu setzen. In manchen Branchen bewegten sich MigrantInnen durch die Unternehmen „wie durch Dreht&#252;ren.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die Konzentration auf die Masse der un- oder angelernten ArbeiterInnen lie&#223; die IWW auch auf neue Widerstands- und Organisationsformen setzen. So entsprangen die<em> free speech fights</em> dem Protest der ArbeiterInnen gegen die Praxis des „Jobkaufs“, bei dem sie sich die Arbeitspl&#228;tze um ca. f&#252;nf Dollar kaufen mussten. Die free speech fights fingen dort an, wo sich die Massen versammelten: nicht am Arbeitsplatz, sondern in den St&#228;dten. Die IWW organisierten Stra&#223;enversammlungen, um die ArbeiterInnen aufzurufen das Betteln um Arbeit zu verweigern. „Don’t buy Jobs! Read the <em>Industrial Worker</em>!“ Die <em>soapboxer</em>, Menschen die sich auf Seifenkisten stellten um Reden zu halten, versuchten die WanderarbeiterInnen davon zu &#252;berzeugen, sich zu organisieren. Dabei hatten die Wobblies die Heilsarmee und andere religi&#246;se Sekten gegen sich, die den ArbeiterInnen Geduld und die Verhei&#223;ungen des Paradieses predigten, wenn sie nur brav w&#228;ren. Die Wobblies nutzten die Melodien der Heilsarmeekapellen und sangen ihre eigenen Texte dar&#252;ber. So hei&#223;t es in einem Lied des ber&#252;hmten Wobbly und S&#228;nger Joe Hill, dass sie den versprochenen „pie in the sky“ schon auf Erden haben wollen.<br />
Nachdem die Unternehmer 1909 ein Rede- und Versammlungsverbot durchgesetzt hatten, ging die Polizei hart gegen die <em>soapboxer </em>vor. Dem Verbot folgten Aufrufe in den Zeitungen der IWW, die tausende Menschen mobilisierten, bis die Beh&#246;rden gezwungen waren, das Verbot aufzuheben. Als Kommunikationsnetz zwischen den MigrantInnen wurden die<em> free speech fights</em> zu einem wichtigen Widerstandsmittel. So konnte die Rezession von 1910-12 zwar die erste Streikwelle d&#228;mpfen aber nicht die <em>free speech fights</em>, da diese zur Kampfform der Arbeitslosen, zum Widerstandsmittel der WanderarbeiterInnen und zum Mittel der Solidarisierung zwischen Arbeitslosen und ArbeiterInnen wurden. Die Slogans und Lieder der Wobblies waren weithin bekannt und Tausende nannten das rote IWW-Liederbuch ihr Eigen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Ein weiterer Versuch, die WanderabeiterInnen zu organisieren, waren die job delegates, mobile WanderarbeiterInnen-Wobblies, die MigrantInnen am Arbeitsplatz organisierten. Der Kern der m&#228;chtigen <em>Agricultural Workers Organizaion</em> der IWW entstand aus diesen Bem&#252;hungen.<br />
Die <em>free speech fights</em> zeigen besonders deutlich, wie die IWW ihre Organisierungsmethoden an die spezifische Situation unterschiedlicher Gruppen von ArbeiterInnen anzupassen vermochte. WanderarbeiterInnen, die ohne festen Wohnsitz und l&#228;ngeres Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis schwer organisierbar waren, wurden dort angesprochen, wo sie sich versammelten. Mit Hilfe der <em>job delegates</em> gelang es der IWW, die besonderen Probleme der WanderarbeiterInnen – etwa Polizeikontrollen, Diebe in den von ihnen ben&#252;tzten Z&#252;gen oder die Willk&#252;r der Arbeitgeber – nicht nur anzusprechen, sondern L&#246;sungen zu finden, wie die militante, kollektive Abwehr von Dieben und Polizei.<br />
Die Taktiken der IWW wurden immer vielf&#228;ltiger: Neben Generalstreiks wurde der quickie eingef&#252;hrt, bei dem direkt am Arbeitsplatz f&#252;r kurze Zeit gestreikt wurde. Ein Wobbly erkl&#228;rte: „Die Arbeit niederlegen und hungern ist verr&#252;ckt, wenn man am Arbeitsplatz streiken kann und essen.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Das Kampfmittel der Sabotage richtete sich gegen die Rationalisierungs- und Effizienzwelle im Zuge der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ und wurde ein immer wichtigerer Teil der IWW-Strategie. Dabei ging es um „den bewussten Entzug von Effizienz“, den Versuch, zumindest teilweise die Kontrolle &#252;ber das Arbeitstempo zur&#252;ckzugewinnen. So pries „Big Bill“ Haywood die Sabotage in Betrieben: „Ich kenne nichts was euch so viel Befriedigung bringen wird und dem Boss so viel &#196;rger wie ein bisschen Sabotage am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Findet heraus, was es bedeutet. Es wird euch nicht schaden, aber sehr wohl dem Boss.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die IWW zeigte, „dass die Wanderarbeiter, Frauen, Schwarzen und Ausl&#228;nder keineswegs unorganisierbar und unterw&#252;rfig, passiv oder zur&#252;ckgeblieben waren, was vielfach als Rechfertigung ihrer Diskriminierung innerhalb der offiziellen Arbeiterbewegung behauptet wurde, und dass im Gegenteil der Zusammenhalt und Massencharakter ihrer K&#228;mpfe die entscheidende Bedrohung f&#252;r das kapitalistische Projekt darstellte“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a></p>
<h3><em>Bread and Roses</em></h3>
<p>Die Solidarisierung zwischen ArbeiterInnen und Arbeitslosen war bedeutend f&#252;r einen erneuten Aufschwung von Arbeitsk&#228;mpfen, der 1912 begann. Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken in den USA waren derselben Umstrukturierung unterworfen, wie in anderen Industriezweigen. Die Arbeiterinnen mussten mehrere Webst&#252;hle – auch <em>devils</em> genannt – gleichzeitig bedienen, viele waren entlassen und die L&#246;hne gesenkt worden.<br />
Schon 1909 war es deshalb in New York zum „Aufstand der 20.000“ gekommen. Die Stimmung brachte eine junge Arbeiterin auf einer Versammlung auf den Punkt: „Ich bin eine Arbeiterin, eine von denen, die gegen unertr&#228;gliche Bedingungen streiken. Ich bin es m&#252;de, Sprechern zuzuh&#246;ren, die allgemeine Reden halten. Wir sind hier, um zu entscheiden, ob wir streiken sollen oder nicht. Ich beantrage, dass ein Generalstreik erkl&#228;rt wird – sofort.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Jahr 1912 kam es schlie&#223;lich in Lawrence zum Generalstreik. Die IWW hatte in den Monaten davor „Organizers“ in die Textilfabriken geschickt, um die Arbeiterinnen gegen die „speed ups“ und untragbaren Arbeitsbedingungen zu organisieren. Ein Organizer meinte: „Wir sprachen Marxismus, wie wir ihn verstanden – Klassenkampf, Ausbeutung der ArbeiterInnen, der Staat und die Streitkr&#228;fte der Regierung, die gegen die ArbeiterInnen waren.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> An einem Zahltag im J&#228;nner kam es dann zum Aufstand. Polnische Arbeiterinnen hatten nach Lohnk&#252;rzungen die Arbeit niedergelegt. Gruppen italienischer ArbeiterInnen verbreiteten die Aktion in anderen Abteilungen und Betrieben, und am n&#228;chsten Tag waren die wichtigsten Textilfabriken in der Stadt stillgelegt.<br />
Die Basisarbeit der IWW hatte ihnen das Vertrauen der Streikenden gesichert und OrganisatorInnen des McKees-Streiks wurden zus&#228;tzlich herbeigerufen. Man hatte aus dessen partieller Niederlage gelernt und so wurde von Beginn an ein eigenes Streikkomitee der Wobblies eingesetzt und die AFL herausgehalten. Am H&#246;hepunkt des Streiks hatten 250.000 ArbeiterInnen aus 24 unterschiedlichen Nationen die Arbeit niedergelegt. Frauen nahmen eine f&#252;hrende Rolle in den Streiks ein. Gurley Finn, Streikf&#252;hrerin und Wobbly, erkl&#228;rte, dass „der IWW vorgeworfen wird, dass sie Frauen an die Front schickt. Die Wahrheit ist, die IWW h&#228;lt die Frauen nicht zur&#252;ck, und sie kommen von selbst nach vorn.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Das getragene Banner „We want bread and roses too“ gab dem Streik seinen Namen. Der Slogan stand f&#252;r eine Radikalisierung der Forderungen, die sich nicht mehr nur auf ein Subsistenzminimum beschr&#228;nkten, sondern ein Leben in W&#252;rde beanspruchten. „Der Streik war ber&#252;hmt f&#252;r die Anwendung erprobter und neuer Taktiken: Streikpostenketten, massenhafte und mobile Streikposten, die den gesamten Wohnbezirk um die Fabrik erfassten.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Von der <em>United Textile Workers</em> Gewerkschaft, die der F&#252;hrung der AFL angeh&#246;rte, wurde der Streik als „anarchistisch“ und „revolution&#228;r“ bezeichnet, doch wie ein Reporter die Situation beschrieb, war es „der Geist der ArbeiterInnen, der gef&#228;hrlich war. Sie marschierten und sangen immer.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Es war kein gew&#246;hnlicher Streik, schrieb ein Zeitgenosse sieben Jahre sp&#228;ter, „sondern eine soziale Revolution im Kleinen.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Die Unternehmer gaben den meisten Forderungen der Streikenden nach und die „Lawrence Revolution“ war Ausgangspunkt einer gro&#223;en Streikwelle. Von der „1000 Meilen langen Streikkette“, die von der <em>Agricultural Workers Organization</em> (AWO) der IWW organisiert wurde, und den erfolgreichen Abwehrschlachten der AWO gegen Schl&#228;ger und Polizei, &#252;ber die Streiks 1915 in den Raffinerien Rockefellers und den Aufst&#228;nden schwarzer ArbeiterInnen im S&#252;den, bis zum gro&#223;en Streik der Holzf&#228;ller und S&#228;gewerkarbeiter, der die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags erzwang, war die IWW in einer f&#252;hrenden Rolle. Der Arbeitskr&#228;ftem&#228;ngel auf Grund des Wirtschaftsaufschwungs im Ersten Weltkrieg st&#228;rkte die Position der ArbeiterInnen gegen&#252;ber den Unternehmern zus&#228;tzlich. Das veranlasste Unternehmen und Regierung, ihre bis dahin gewerkschaftsfeindliche Politik zu &#228;ndern. Sie versuchten, <em>company unions</em> einzuf&#252;hren, oder mit Hilfe von kleinen Zugest&#228;ndnissen an die AFL und die Anerkennung von schon existierenden Teilgewerkschaften ArbeiterInnen von Streiks abzuhalten.</p>
<h3>Streikjahr 1919</h3>
<p>Die hohe Inflation und die seit 1914 massiv angestiegenen Lebenserhaltungskosten bei halbierten Reall&#246;hnen sorgten f&#252;r Unruhe unter den ArbeiterInnen, die bald in Wut und Militanz umschlug. In Seattle l&#246;ste ein Aufstand von Hafenarbeitern einen Generalstreik von 60.000 ArbeiterInnen aus, als &#252;ber 116 lokale Gewerkschaften in Solidarit&#228;tsstreiks traten. Ganz Seattle war in der Hand der ArbeiterInnen. Die IWW organisierte zusammen mit dem <em>Metal Trades Council</em> (Metallarbeiterverein, der formal der AFL angeschlossen war) nach dem Modell der russischen Revolution einen Soldaten-, Matrosen-, und ArbeiterInnenrat, der daf&#252;r verantwortlich sein sollte, dass unverzichtbare Dienstleistungen aufrecht erhalten werden. So organisierten die M&#252;llarbeiterInnen die Reinigung der Stadt, w&#228;hrend sich Brot- und MilchlieferantInnen um die Lebensmittelversorgung k&#252;mmerten. Polizei und Armee gingen gegen die Streikenden vor. Dabei konnten sie auf die R&#252;ckendeckung der nationalen AFL-F&#252;hrung z&#228;hlen, die Druck auf die lokalen Verb&#228;nde aus&#252;bte – gerade zu der Zeit, als die Dauer des Streiks und die Abgeschnittenheit der Stadt enorm auf den ArbeiterInnen lastete. Schlie&#223;lich musste der Streik abgebrochen werden. Trotzdem war die Stimmung im Land k&#228;mpferisch, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Ereignisse: <em>The Nation</em> schrieb im Oktober 1919, dass „[d]ie bedeutendste Tatsache der Gegenwart die beispiellose Revolte der Massen [ist]. Ihre Folgen sind unberechenbar und f&#252;r den Augenblick bedrohlich; doch gleichzeitig hat sie eine ungeheure Hoffnung in die Welt gesetzt. Es ist eine weltweite Bewegung, die durch den Krieg beschleunigt wurde. In Russland wurde der Zar entthront. Seit zwei Jahren steht Lenin an der Spitze des Volkes. Korea, Indien, &#196;gypten und Irland befinden sich in entschlossenem Widerstand gegen die politische Tyrannei. England erlebt einen Eisenbahnerstreik, der gegen den Widerstand der Gewerkschaftsf&#252;hrung durchgesetzt wurde. In Seattle und San Francisco weigern sich die Schauerleute [Hafenarbeiter], Waffen oder Nachschub zu bef&#246;rdern, die gegen die sowjetische Regierung eingesetzt werden sollen. Streikende Kumpels in Illinois haben in einer einstimmig verabschiedeten Resolution ihre Staatsregierung dazu aufgefordert, ‚zur H&#246;lle zu gehen‘“.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Der H&#246;hepunkt und gleichzeitige Wendepunkt war ein Streik der StahlarbeiterInnen im September 1919. Nachdem das Unternehmen US Steel die Anerkennung der Gewerkschaft verweigerte, legten 400.000 ArbeiterInnen in 50 St&#228;dten die Arbeit nieder und hielten drei Monate den Angriffen stand. Die Niederlage dieses Streiks war ein Schlag gegen die gesamte ArbeiterInnenbewegung. Die noch immer stattfindenden wilden Streiks wurden mit immer h&#228;rteren Mitteln bek&#228;mpft und die Repression richtete sich besonders gegen Radikale, wie IWW-Mitglieder. Im Kampf gegen die „rote Gefahr“ (red scare) wurden Revolution&#228;rInnen aller Gruppierungen verfolgt, in den Untergrund getrieben und hingerichtet. Die Repressionswelle war gekoppelt an die politische Integration etablierter Gewerkschaften. Der Wirtschaftsaufschwung in den 1920ern erm&#246;glichte im Zuge des <em>American Plan</em> Wohlfahrts- und Sozialprogramme, die mit patriotischer Propaganda einhergingen. So gelang es der Regierung, sich die Loyalit&#228;t der ArbeiterInnenklasse zu sichern. Die Einf&#252;hrung von <em>employee representation</em> (ArbeitnehmerInnenrepr&#228;sentation), welche die Form „gelber Gewerkschaften“ oder betriebsrats&#228;hnliche Formen annehmen konnte, sollte selbstst&#228;ndige Organisierung und Radikalit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenklasse verhindern.<br />
Sowohl die Niederlagen der gro&#223;en Streiks als auch die „Sozialstaatspolitik“ waren also daf&#252;r verantwortlich, dass nur mehr K&#228;mpfe von isolierten Gruppen von ArbeiterInnen stattfanden. „&#220;ber eine Dekade“, so Mike Davis, „mussten die Unternehmen keine militante Gewerkschaftsarbeit f&#252;rchten“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Die endg&#252;ltige Wende</h3>
<p>Erst in den drei&#223;iger Jahren kam es wieder zu einem Aufschwung der K&#228;mpfe. Der H&#246;hepunkt der IWW war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Der Verlust vieler AktivistInnen w&#228;hrend der Repressionswelle und eine Spaltung zwischen AnarchistInnen und KommunistInnen schw&#228;chte die Organisation zus&#228;tzlich. Ein gro&#223;er Teil der Wobblies ging zur Communist Party und bildete den Kern der ArbeiterInnenk&#228;mpfe der 1930er. Der neu gegr&#252;ndete <em>Congress of Industrial Organizations</em> (CIO) &#252;bernahm einige inhaltliche Forderungen der IWW. So propagierte der CIO das Programm des <em>Industrial Unionism</em> und war in seiner Gr&#252;ndungsphase an zahlreichen „wilden Sitzstreiks“ beteiligt. Doch im Gegensatz zur revolution&#228;ren IWW war die Politik des CIO von Beginn an auf Klassenkooperation ausgerichtet und von dem Widerspruch gekennzeichnet, einerseits unter Druck der streikwilligen ArbeiterInnen und militanten BasisgewerkschafterInnen Streiks zu initiieren, andererseits „wurden die ArbeiterInnen vieler m&#246;glicher Errungenschaften beraubt, weil die Regierung der Demokraten unter R&#252;ckendeckung der CIO-F&#252;hrung intervenierte.“ Die meisten Streiks endeten in der Anerkennung der Gewerkschaften, die meistens im Paket mit einer Streikverbotsklausel kam. So betonte ein CIO-Gewerkschaftsf&#252;hrer, dass zum Erreichen der gewerkschaftlichen Anerkennung Streiks n&#252;tzlich sind; sobald diese aber erreicht w&#228;re, sollte die Konzentration des CIO auf Verhandlungen liegen, um so das Beste f&#252;r den/die ArbeiterIn herauszuholen. „Ein Kontrakt mit der C.I.O.“ ist dann, laut CIO-Gr&#252;nder John L. Lewis, „ein ad&#228;quater Schutz vor Sitzstreiks oder jeder anderen Streikaktion.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die Niederlagen der Streikbewegung und die Integration der Gewerkschaftsb&#252;rokratie in Klassenkooperation m&#252;ssen als Wendepunkt in der US-amerikanischen Gewerkschaftsgeschichte gesehen werden. Obwohl „wilde“ Streiks noch einige Jahre lang &#252;blich waren, war das Projekt einer die K&#228;mpfe verbindenden Gewerkschaft langfristig gescheitert.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Niedergang<br />
Die Gr&#252;nde f&#252;r den Niedergang der IWW sind vielf&#228;ltig: Einerseits hatte die brutale Repression im Zuge der Kampagne gegen die „rote Gefahr“ und zus&#228;tzlich Spaltungen im Laufe ihrer Geschichte die Organisation geschw&#228;cht und die IWW viele ihrer wichtigsten AktivistInnen verloren. Doch es war nicht die Repression alleine. Der Versuch beides zu sein, Gewerkschaft f&#252;r alle ArbeiterInnen und revolution&#228;re Organisation, scheiterte am Widerspruch, als Gewerkschaft rein <em>&#246;konomische </em>Verbesserung f&#252;r alle ArbeiterInnen innerhalb des Systems zu erk&#228;mpfen und gleichzeitig als revolution&#228;re Organisation einen <em>politischen </em>Kampf um weitreichende gesellschaftliche Ver&#228;nderungen zu f&#252;hren.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Dies bedingte, dass es die IWW selten schaffte, l&#228;ngerfristige Strukturen aufzubauen und ihre Mitgliederzahl zu erh&#246;hen, obwohl sie so eine wichtige Rolle im Vorw&#228;rtstreiben vieler Streikaktionen und Bewegungen gespielt hatte.<br />
Die Integration der etablierten Gewerkschaften, die Bindung von ArbeiterInnen an Unternehmen durch bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Lebensmittelpreise, Erholungszentren, Urlaub etc., und die im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs m&#246;glichen Zugest&#228;ndnisse der Regierungsparteien, schafften es letztlich, die ArbeiterInnenklasse in das kapitalistische Projekt der Effizienzsteigerung und „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ einzubinden. Die Konzentration der IWW auf &#246;konomische K&#228;mpfe und ihre Ablehnung politischer K&#228;mpfe, der Auseinandersetzung mit politischen Ideologien oder Wahlen, hatten sie &#252;bersehen lassen, wie Teile der ArbeiterInnenklasse zumindest bis zur Krise der drei&#223;iger Jahre ins Boot geholt wurden.</p>
<h3>Inspiration</h3>
<p>Trotzdem, die Politik und Geschichte der IWW ist heute noch Inspiration f&#252;r militante AktivistInnen. Ihr Blick auf die Heterogenit&#228;t der ArbeiterInnenklasse, auf jene Teile der Klasse, die nicht Kernbelegschaft und Facharbeiter waren, hatte es ihr erm&#246;glicht, jene zu organisieren, die als unorganisierbar galten. Zentral war dabei immer, die besondere Situation und die Bedingungen, unter denen die ArbeiterInnen streikten oder Widerstand leisten mussten, zu analysieren und angemessene Kampf- und Organisationsformen daraus abzuleiten: &#252;ber die <em>free speech fights</em> und das <em>soapboxing</em>, bis zu neuen Streikmethoden, wie den sit ins und dem quickie. Durch die genaue Analyse der Klassenzusammensetzung, der inneren Spaltungen und unterschiedlichen Interessen, schafften sie es, Strategien zu entwickeln, die diese Spaltungen aufhoben. Heutige Entwicklungen, wie Prekarisierung und unsichere Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, machen es notwendig, an diesem Punkt an die Politik und Widerstandskultur der IWW anzuschlie&#223;en.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zitiert in Davis, Mike: Happy Birthday Bill, in Socialist Review 2006<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Cannon, James P.: The IWW, 1955. Online: <a href="http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Cannon, James P.: a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> , William: One Big Union. 1911 online: <a href="http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm</a><br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brecher, Jeremy: Streiks und Arbeiterrevolten. Amerikanische Arbeiterbewegung 1877-1970, Frankkfurt/M. 1975: 65.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Mit Jim Crow bezeichnet man in der Umgangssprache die Gesetze, auf denen zwischen 1876 und 1964 das System der „Rassentrennung“ in den USA beruhte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Die Teilgewerkschaften sollten in ihrer jeweiligen “Zunft” ein Arbeitsmonopol aufrechterhalten und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften niedrig halten. Dadurch konnten sie eine Verhandlungsmacht gegen&#252;ber den Unternehmern aufbauen. Mit Entstehung der Massenproduktion ging diese aber verloren (siehe sp&#228;ter)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Brecher, Jeremy: a.a.O: 83-93<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Debs hatte die Streikenden aufgefordert die Gesetze nicht zu brechen, um der Repression zu entgehen.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ebd.: 92.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Debs, Eugene: Revolutionary Unionism. Speech at Chicago, November 25, 1905 online: <a href="http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm</a><br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. Bock, Gisela: Die andere Arbeiterbewegung in den USA von 1909 – 1922. Die I.W.W. The Industrial Workers of the World, M&#252;nchen, 1976.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Taylor zitiert in Bock, Gisela, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 18.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Bock, Gisela: a.a.O.:18-23.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Es muss gesagt werden, dass sich die Politik der AFL nicht automatisch in eine konservative Richtung entwickelte. Innerhalb der AFL k&#228;mpften Teile f&#252;r radikalere Politik, wie die Forderung nach „collective ownership“ der Produktionsmittel. Die Heterogenit&#228;t innerhalb der AFL zeigte sich auch in einigen k&#228;mpferischen Teilgewerkschafte, wie zum Beispiel den United Mine Workers of Armerica, die sich gegen die rassistische Politik der AFL stellte und viele Tendenzen in Richtung „industrial unionism“ aufwiesen. Schlussendlich setzte sich aber der konservative Fl&#252;gel rund um Samuel Gompers durch.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Zwischen 1840 und 1924 kamen 35 Millionen ImmigrantInnen nach Amerika und ver&#228;nderten damit auch das Gesicht der ArbeiterInnenklasse in Amerika<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Die Mehrzahl der Arbeiter, deren Anlernzeit bei Pressed Steel im Durchschnitt unter einem Monat lag, musste nicht nur ihre Arbeitskraft gegen einen elenden Lohn von 8-12 Dollar pro Woche verkaufen, sondern der Arbeitsplatz selbst und das Recht ihn zu behalten, mussten st&#228;ndig durch Zahlungen an Vermittlungsagenten und Aufseher erkauft werden – eine Praxis, die in vielen Wirtschaftsbereichen der U.S.A &#252;blich war.“ Bock, Gisela, a.a.O.: 8.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bock, Gisela: 7- 17.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebd.: 13.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 7.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 13-14.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd.: 42<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Sharon: Subterranean Fire. A History of Working-Class Radicalism in the United States. Chicago, 2006.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ebd.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 53<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Cannon, James P.: a.a.O<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Bock, Gisela: a.a.O., 52<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.: 95<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Zit. in Trudell, Megan: The Hidden History of US radicalism. In International Socialist Journal 111, 2006<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Brecher, Jeremy: 183<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Es kann in diesem Artikel nicht genauer auf die Situation in den 1930ern eingegangen werden, aber siehe Sharon, Smith: a.a.O. und &#252;ber die Streikbewegungen bis in die 70er Jahre Brenner, Jeremy, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Smith, Sharon: a.a.O.</p>
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		<title>Community Union Unity?</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Zuge der <em>Union Renewal</em>-Debatte in den USA werden auch alternative, <em>community</em>-bezogene Organisierungsans&#228;tze diskutiert. <em>Maria Asenbaum</em> fragt, ob die so genannten <em>Worker Centers</em> migrantischer ArbeiterInnen einen Beitrag zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung leisten k&#246;nnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Zuge der <em>Union Renewal</em>-Debatte in den USA werden auch alternative, <em>community</em>-bezogene Organisierungsans&#228;tze diskutiert. <em>Maria Asenbaum</em> fragt, ob die so genannten <em>Worker Centers</em> migrantischer ArbeiterInnen einen Beitrag zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung leisten k&#246;nnen.<br />
<span id="more-137"></span></p>
<p>Die Gewerkschaften in den USA stehen unter immensen, durch Mitgliederschwund und Machtverlust indizierten, Druck. Derzeit sind nur 12,1% der Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen und 7,5% im privaten Sektor gewerkschaftlich organisiert.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die Verluste wurden vor allem seit den 1980er Jahren gr&#246;&#223;er<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> und f&#252;hrten schlie&#223;lich 2005 zu einer Spaltung des nationalen Dachverbandes der Gewerkschaften in <em>AFL-CIO</em> und <em>Change to Win</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Dieser Spalt er&#246;ffnete den Raum und die Notwendigkeit f&#252;r Diskussionen &#252;ber neue Gewerkschaftsmodelle, bekannt unter „Union Renewal Debatte“, sowohl auf gewerkschaftlicher als auch akademischer Seite. <em>Perspektiven</em> hat sich bereits in Ausgabe Nr. 3 mit Aspekten dieser Debatte in Bezug auf die <em>Organizing</em>-Strategie auseinandergesetzt und dabei ein klassenbewusstes <em>Social Movement Unionism</em> (SMU) Konzept ins Zentrum gestellt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<h3>Gewerkschaft bewegen – aber wie?</h3>
<p>Ausgangspunkt sind drei Problemfelder, denen wir, neben der objektiven Situation, den zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Relevanz traditioneller Gewerkschaften zuschreiben: (1) starre, undemokratische Strukturen, (2) unscharfer strategischer Fokus bzw. zu wenig Konfliktbereitschaft und (3) geringe Einbindung von weiblichen und migrantischen ArbeitnehmerInnen, was auf tradierte Machtstrukturen und einen zu eng gefassten Klassenbegriff zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann.<br />
Einen Rahmen, innerhalb dessen L&#246;sungsans&#228;tze f&#252;r die oben beschlagworteten Probleme sinnvoll diskutiert werden k&#246;nnen, bieten die Ans&#228;tze des <em>Social Movement Unionism</em>. Dieser entwickelte sich urspr&#252;nglich im Zuge der Arbeitsk&#228;mpfe in Brasilien und S&#252;dafrika in den 1980ern und wurde dann von amerikanischen AutorInnen im Rahmen der antikapitalistischen Bewegung Ende der 1990er Jahre als Theoretisierung des Zusammenkommens von Sozialer Bewegung und Gewerkschaft mit unterschiedlicher Akzentuierung ausgebaut.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Das hei&#223;t, dass auch SMU kein vollst&#228;ndig ausdiskutiertes Konzept darstellt. Wir beziehen uns im Folgenden auf eine Interpretation, wie sie z.B. von Kim Moody (US-amerikanischer Gewerkschaftsaktivist und ehemaliger Herausgeber der <em>Labor Notes</em><a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>) vertreten wird, der betont, dass SMU darauf abzielt, dass Gewerkschaften zur Sozialen Bewegung werden sollen, ohne sich darin aufzul&#246;sen. Dies resultiert aus einem klassentheoretischen Verst&#228;ndnis der Transformationsm&#246;glichkeiten der Gesellschaft. Die Eckpfeiler eines solchen SMU k&#246;nnen folgenderma&#223;en zusammengefasst werden:<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> <em>(1) Die R&#252;ckbesinnung auf den Klassencharakter der Gewerkschaften als Interessensorganisationen, (2) Die Bem&#252;hungen, B&#252;ndnisse mit anderen gesellschaftlichen Initiativen, Gruppen und sozialen Bewegungen zu schlie&#223;en, und (3) Die Demokratisierung der eigenen Organisationsstrukturen und die Aktivierung der Organisationsbasis</em>. Vor allem der zweite Punkt wird mit diesem Artikel n&#228;her untersucht. Dabei wird besonders die Verbindung von klassenbasierter und <em>Community</em>-basierter Organisationen in Form der <em>Worker Centers</em> fokussiert.</p>
<h3><em>Community Organizing</em> in den USA</h3>
<p>Interessensorganisationen auf Basis so genannter <em>Communities</em> blicken in den USA auf eine lange Tradition zur&#252;ck.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Unter <em>Community</em> ist dabei nicht unbedingt die Gesamtheit der BewohnerInnen eines Ortes zu verstehen, genauso kann es sich beispielsweise um die <em>black</em>- oder die <em>gay-community</em> einer Region handeln. Der Organisierungsansatz setzt allerdings eine geographische N&#228;he voraus, da es meist um Verbesserungen der Bedingungen im unmittelbaren Lebensraum geht und Face-to-Face-Meetings der Betroffenen ein Kernelement des Aufbaus bilden. Abgesehen davon handelt es sich bei <em>Community Organizing</em> (CO) um einen sehr heterogenen Begriff.<br />
Als Bezugs- und Absto&#223;punkt der CO-Debatte im engeren Sinn ist die Alinsky-Schule zu nennen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Saul Alinsky (1909-1972) war kritischer Soziologe und begann Ende der 1930er Jahre, AfroamerikanerInnen in den <em>Back Yard Quarters</em> (Fleischverarbeitungsviertel) Chicagos zu organisieren. Alinsky arbeitete mit dem zeitgleich neugegr&#252;ndeten Gewerkschaftsbund CIO<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> zusammen. In seinen Organisierungsaktivit&#228;ten war Alinsky bestrebt, B&#252;ndnisse von zivilgesellschaftlichen (auch religi&#246;sen) und gewerkschaftlichen Organisationen zu schmieden, um die Lebensbedingungen in den „Slums“ zu verbessern. Politisch wird er retrospektiv oft als Radikaler bezeichnet. Er betonte die Notwendigkeit der Selbstorganisation und Misstrauen in den Staat und dessen Institutionen; langfristig ging es ihm um eine radikale Ver&#228;nderung der Machtverh&#228;ltnisse in der Gesellschaft.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Alinskys Ideen fanden dann vor allem Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre neue Resonanz. Die Nachbarschaftsorganisationen wurden als „revolution in a nutshell“ betrachtet und stellten vor allem w&#228;hrend des Ausklingens der 68er Bewegung eine willkommene Alternative zu den gro&#223;en K&#228;mpfen dar. Nicht zuletzt die &#246;konomischen und politischen Spielr&#228;ume dieser Zeit (<em>Social Policy Offensive</em>, <em>War on Poverty</em>) lie&#223;en zu, sich Illusionen einer postkapitalistischen Gesellschaft im Kleinen hinzugeben.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
In den 1980ern &#228;nderte sich mit der neoliberalen Wende, eingeleitet durch die Reagan-&#196;ra, der Community-Diskurs. Nicht mehr soziale Verbesserungen sondern das Wirtschaftwachstum in den Gemeinden stand im Vordergrund. <em>Community-Development-Organisations</em> wurden eingef&#252;hrt „[um] das Versagen des Marktes zu korrigieren, Arbeitspl&#228;tze und Sozialleistungen bereitzustellen.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> <em>Community</em>-Strukturen sollen also ausgleichen, was sozialstaatlich gestrichen wurde. Im in den 1980ern popul&#228;ren <em>Asset-Based-Development</em>-CO-Ansatz wird propagiert, dass Alinsky bez&#252;glich der Selbstorganisation recht behalten habe, nur ginge es jetzt nicht mehr um einen Kampf um die Macht in der Gesellschaft, sondern darum, sich auf die vorhandenen Ressourcen zu konzentrieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> So wurden Kinderbetreuungszirkel und Nachbarschaftswachen unter dem Label <em>Communitiy Organizing</em> aufgebaut, was mit der Ursprungsidee nur mehr wenig zu tun hat.</p>
<h3><em>Worker Centers</em></h3>
<p>Ein starkes <em>Community</em>-System mit den dazugeh&#246;rigen Organisationen (nach Religion, Ethnie, lokal oder Branchenbezogen) ist, anders als in Europa, schon sehr lange ein wichtiger Teil der US-amerikanischen Gesellschaft; eine bestimmte politisch-strategische Ausrichtung ist damit jedoch noch nicht notwendig verbunden.<br />
Eine spezielle Form der <em>Community</em>-Organisation macht derzeit in gewerkschaftlichen und anderen, linken Zusammenh&#228;ngen von sich reden, die so genannten <em>Worker Centers</em>. Diese sind „community-basierte Institutionen, die  Niedriglohn-ArbeiterInnen unterst&#252;tzen und sie organisieren.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die ersten <em>Worker Centers</em> entstanden in den 1970er Jahren im Zuge der abklingenden 68er Bewegung. Die zweite und dritte Welle neu gegr&#252;ndeter <em>Worker Centers</em> standen in Zusammenhang mit den gro&#223;en Einwanderungsbewegungen in die USA Anfang der 1990er und nach 2000.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Vorerst dienten sie als Anlaufstelle f&#252;r neue MigrantInnen vor allem in arbeitsrechtlichen Fragen. Heute gibt es etwa 130 bis 160 <em>Worker Centers</em>, die meisten sind in New York, Los Angeles und Chicago konzentriert, aber in den letzten Jahren wurden auch immer mehr in den l&#228;ndlichen Gegenden des S&#252;dens gegr&#252;ndet, wo MigrantInnen in der Agrar- und Lebensmittelverarbeitungsindustrie t&#228;tig sind.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Dabei sind Ideologie und Praxen vielf&#228;ltig, meist geht es um Information, Service und Organisierung f&#252;r von klassischen Gewerkschaften h&#228;ufig vernachl&#228;ssigte ArbeiterInnen-Communities. Diese relativ neue Organisationsform unter migrantischen ArbeiterInnen hat auch im gewerkschaftstheoretischen Feld vermehrt Aufmerksamkeit erregt. Janice Fine, die von 2003 bis 2005 eine nationale Studie zu migrantischen <em>Worker Centers</em> leitete, hat folgende gemeinsame Merkmale herausgearbeitet: (1) die meisten <em>Worker Centers</em> sind auf migrantische oder afroamerikanische Communities eines bestimmten Ortes (Stadtteil, Nachbarschaft) ausgerichtet; (2) Ethnizit&#228;t spielt eine ebenso gro&#223;e Rolle wie Branche oder Arbeitsplatz, Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung wird h&#228;ufig auf die „Migrationsproblematik“ zur&#252;ckgef&#252;hrt; (3) innerorganisatorische Demokratie und die Entwicklung von <em>Leadership</em>-Kompetenz sind zentrale Strategiemerkmale; (4) Bildung wird als integrativer Bestandteil von Aufbau und Organisierung gesehen; (5) Bewusstsein f&#252;r internationale Zusammenh&#228;nge und Solidarit&#228;t mit ArbeiterInnen aus den Herkunftsl&#228;ndern ist meist vorhanden; (6) Beratung dreht sich nicht nur um Probleme am Arbeitsplatz, sondern um Fragen der Migration (rechtlicher Status etc.); (7) B&#252;ndnisse mit anderen <em>Community</em> Organisationen werden gesucht; (8) meist gibt es wenige, aber daf&#252;r sehr aktive Mitglieder, intensive Mitgliederwerbung wird nicht betrieben. Die meisten Kampagnen der <em>Worker Centers</em> zielen eher darauf ab, &#252;ber das Rechtssystem oder &#246;ffentlichen Druck Konzernleitungen Zugest&#228;ndnisse abzuringen, als &#252;ber eine Massenbasis etwas an den allgemeinen Machtverh&#228;ltnissen zu &#228;ndern.</p>
<h3><em>Garment Worker Center Los Angeles</em></h3>
<p>Da diese allgemeinen Beschreibungen der <em>Worker Centers</em> nur h&#246;chst vage bleiben k&#246;nnen, soll hier im Detail auf eines der bekanntesten und erfolgreichsten von ihnen eingegangen werden. Das <em>Garment Worker Center</em> in Los Angeles (GWC) besteht bereits seit sieben Jahren und unterst&#252;tzt Textilarbeiterinnen vor allem aus S&#252;d- und Mittelamerika sowie aus Asien, bei ihrem Kampf um die Ausbezahlung von L&#246;hnen und f&#252;r humane Arbeitsbedingungen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Forderungen erscheinen auf den ersten Blick moderat, m&#252;ssen aber in den Kontext der herrschenden Bedingungen in der US-Bekleidungsindustrie gesetzt werden. Die Textilbranche ist einer der st&#228;rksten Industriezweige der USA mit einem gesch&#228;tzten Jahresumsatz von 24 Milliarden Dollar allein in Kalifornien. Etwa ein Viertel aller Produktionsst&#228;tten befindet sich in Los Angeles und Umgebung und besch&#228;ftigt gro&#223;teils ostasiatische und mittelamerikanische Arbeiterinnen. Durch die vermehrten Standortverlagerungen der letzten Jahre steht die US-Produktion unter starkem Konkurrenzdruck, der auf dem R&#252;cken der Besch&#228;ftigten ausgetragen wird.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nach einer Studie des <em>US Department of Labor</em> zahlen 67 Prozent der Textilfabriken in Kalifornien weniger als den Mindestlohn, 98 Prozent &#252;berschreiten die Maximalarbeitszeit und 80 Mio US-Dollar an Lohn werden j&#228;hrlich nicht ausbezahlt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Die Studie rechnet allerdings die nicht registrierten Fabriken, in denen echte <em>Sweatshop</em>-Bedingungen herrschen, noch gar nicht mit ein. Die Arbeitstage dauern hier meist zehn bis zw&#246;lf Stunden in hei&#223;er, schmutziger Umgebung, den ArbeiterInnen ist das Sprechen mit Kolleginnen verboten, regelm&#228;&#223;ige Toilettenpausen gibt es nicht. Versprochen wird Bezahlung pro fertig gestelltem St&#252;ck, doch oft gibt es monatelang gar nichts, die Schecks sind nicht gedeckt oder die Fabriken werden ohne Vorwarnung geschlossen. Das sind die Hauptprobleme der Klientel des GWC. Dazu kommen Angst vor Abschiebung nach der Versch&#228;rfung der Einwanderungsgesetze nach 9/11 und Schwierigkeiten bei der Verst&#228;ndigung.<br />
Das <em>Garment Worker Center</em> wurde 2001 mit der Unterst&#252;tzung mehrerer NGOs (namentlich <em>Sweatshop Watch</em>, <em>Asian Pacific American Legal Center</em>, <em>Coalition for Humane Immigrant Rights of Los Angeles</em> und <em>Korean Immigrant Workers Advocates</em>) gegr&#252;ndet. Eigentlich ist es eine Nachfolgeorganisation des von den Textilgewerkschaften UNITE gegr&#252;ndeten <em>Garment Workers Justice Center</em>, das geschlossen wurde, nachdem die Gewerkschaften ihre Organisierungsbem&#252;hungen aus Mangel an Erfolgsaussichten in der Gegend aufgegeben hatten. Das GWC steht heute nur in loser Verbindung zu der Gewerkschaft, und zwar eher in ideeller als in materieller Hinsicht. Die Mitbegr&#252;nderin und derzeitige Leiterin des GWC, Kimi Lee, die selbst aus einer EinwandererInnenfamilie kommt und die Bedingungen in den Textilfabriken von Kindheit an kennt, beschreibt die Ziele der Organisation folgenderma&#223;en: „TextilarbeiterInnen im Gro&#223;raum Los Angeles zu erm&#228;chtigen, mit anderen MigrantInnen im Niedriglohnsektor und den entrechteten <em>Communities</em> im Kampf f&#252;r soziale, &#246;konomische und &#246;kologische Gerechtigkeit solidarisch zusammenzuarbeiten.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Das GWC hat ein explizites Organisierungsmodell, wobei der <em>Organizing</em>-Aspekt nicht <em>neben</em> Service und Bildung steht, sondern als eine Art &#220;berthema die einzelnen Aktivit&#228;ten beeinflusst. Die vier Aktivit&#228;tskomponenten sind dabei: <em>Advocacy</em>, <em>Education</em>, <em>Campaigns</em> und <em>Coalitions</em>. <em>Advocacy</em>, also die rechtliche Vertretung der Forderungen der ArbeiterInnen in individuellen F&#228;llen, ist eine der wichtigsten Aktivit&#228;ten des GWC. Meistens geht es dabei darum, nicht ausbezahlte L&#246;hne einzufordern, in selteneren F&#228;llen auch um das illegale Verhalten von ArbeitgeberInnen, wenn diese gesetzliche Mindestl&#246;hne und Maximalarbeitszeiten vollkommen ignorieren. Im Durchschnitt verdienen Menschen, die sich an das GWC wenden 3,28 US-Dollar pro Stunde und arbeiten w&#246;chentlich 52 Stunden. H&#228;ufig ist der Wunsch nach rechtlichem Beistand der prim&#228;re Grund f&#252;r den ersten Kontakt. In der Bildungsstrategie geht es dem GWC um n&#252;tzliches Wissen und politisches Bewusstsein, es gibt Workshops zu Arbeitsrecht, Sprachkurse, Frauengruppen und Berichte von anderen Arbeitsk&#228;mpfen. Aber es geht um mehr als praktische Hinweise, erkl&#228;rt Kimi Lee in einem Interview: „Wenn die ArbeiterInnen etwas &#252;ber den Krieg [im Irak] lernen, hilft ihnen das zwar nicht ihren Gehaltsscheck zu bekommen, aber es hilft ihnen… rauszugehen und andere Dinge zu tun, andere Orte zu sehen und neue Leute kennenzulernen… Es sind solche kleinen Sachen, die helfen Zusammenhalt aufzubauen.”<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dieser Bildungsaspekt soll auch das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen st&#228;rken und damit zur Demokratisierung und Selbstorganisation des <em>Centers</em> selbst beitragen. Die Kampagnenarbeit ist meist auf ausgew&#228;hlte Gesch&#228;ftsketten konzentriert. Da in den Betrieben selbst wenig zu holen ist, wird Druck direkt auf die Verkaufsst&#228;tten ausge&#252;bt, die einen Imageschaden viel mehr f&#252;rchten. Beispiele hierf&#252;r sind erfolgreiche Kampagnen gegen <em>Bebe</em> oder <em>Forever 21</em>. Eine Mischung aus Boykott-Aktionen, Medienarbeit und kleinen <em>Pickets</em> direkt vor den Gesch&#228;ften konnten Druck auf die Firmen aus&#252;ben. In dieser Strategie spielt auch das <em>Coalitionbuilding</em> mit anderen <em>Community</em>-Organisationen, Gewerkschaften und einzelnen Prominenten eine wichtige Rolle. In welcher Form der Druck aber an die HerstellerInnen weitergegeben wird und wie diese darauf reagieren ist jedoch schwer zu beeinflussen.<br />
Die Wirkmacht von Organisationen wie dem <em>Garment Worker Center</em> in Los Angeles soll weiter unten genauer analysiert werden. Festzuhalten ist, dass es sich hierbei um einen Ort f&#252;r migrantische ArbeiterInnen handelt, an dem sie nicht von oben herab behandelt werden, sondern sich selbst organisieren k&#246;nnen, wo sie voneinander lernen und politisch diskutieren und, vor allem, wo sie sich entlang ihrer Stellung im Produktionsprozess organisieren. <em>Worker Centers</em> sind nicht blo&#223; MigrantInnennetzwerke, sondern k&#246;nnen als eine spezifische, mit anderen Dimensionen verquickte, Form des Klassenkampfs begriffen werden.</p>
<h3><em>Union Renewal</em> und <em>Worker Centers</em></h3>
<p>Bei der Frage nach dem Beitrag von <em>Worker Centers</em> zu einer Revitalisierung der ArbeiterInnenbewegung in den USA muss auch auf das Verh&#228;ltnis der <em>Centers</em> zu den Gewerkschaften eingegangen werden. So berechtigt der Einwand einiger AutorInnen ist, den gewerkschaftlichen Organisationsgrad nicht mit der St&#228;rke der ArbeiterInnenbewegung gleichzusetzen (<em>Density-Bias</em>)<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a>, so wichtig sind dennoch die Ankn&#252;pfungspunkte in Theorie und Praxis. Eine Vereinigung von <em>Worker Centers</em> und den fortschrittlicheren Gewerkschaftsteilen von <em>Change to Win</em> w&#252;rde in vielerlei Hinsicht naheliegen. Einerseits ist in diesen Teilen der Gewerkschaft zumindest theoretisch die Einsicht durchgesickert, dass die ArbeiterInnenklasse ihr Gesicht ver&#228;ndert hat und dass die Organisierung migrantischer ArbeitnehmerInnen des Niedriglohnsektors ein lange vernachl&#228;ssigter Bereich ist. Vor allem nach den gro&#223;en Demonstrationen und Streiks migrantischer ArbeiterInnen am 1. Mai 2006 k&#246;nnen die quantitativen und qualitativen St&#228;rken dieser Bewegung nicht mehr von der Hand gewiesen werden.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Aber auch f&#252;r die <em>Worker Centers</em> selbst w&#228;re eine organisatorische Anbindung an k&#228;mpferische Teile der Gewerkschaftsbewegung vorteilhaft, sto&#223;en doch die meisten von ihnen mit ihrer Strategie der Konfliktaustragung vor Gericht auf Grenzen, da das Kapital fast immer am l&#228;ngeren Hebel sitzt. So wurde z.B. in vom GWC angestrengten Prozessen Kl&#228;gerInnen insgesamt eine Million Dollar an unbezahltem Lohn zugesprochen, w&#228;hrend jedoch insgesamt 80 Millionen j&#228;hrlich nicht bezahlt werden. Selbst von dem offiziell gewonnenen Geld wird nur ein Bruchteil ausbezahlt, da sich die Firmen durch Konkurse, Umbenennung, Standortwechsel etc. h&#228;ufig aus der Aff&#228;re ziehen k&#246;nnen. Und ohne die Gewerkschaft im R&#252;cken ist auch der Aufbau von Kampagnen eine sehr fordernde Aufgabe und das <em>Fundraising</em> vereinnahmt oft viel zu viele der ohnehin schmalen Kr&#228;fte. Auch die gr&#246;&#223;eren <em>Worker Centers</em> haben fast immer weniger als zehn bezahlte MitarbeiterInnen.<br />
Dementsprechend wurden in der gewerkschaftstheoretischen Debatte auch schon verschiedene Modelle der <em>Union-Community-Coalition</em> angedacht.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In der Praxis allerdings meinen zwar zwei Drittel der Gewerkschaften, mit <em>Community</em>-Organisationen zusammenzuarbeiten, auf Seiten der <em>Worker Centers</em> geben aber nur etwa 14 Prozent an, in engem Kontakt mit Gewerkschaften zu stehen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Janice Fine macht hier drei Ebenen aus, die die Probleme in der Zusammenarbeit erkl&#228;ren: Struktur, Kultur und Ideologie.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Strukturen der Gewerkschaft sind rigide und formalisiert, w&#228;hrend sie bei den <em>Worker Centers</em> flexibel sind und die Mitgliedschaft nicht auf finanziellen, sondern aktivistischen Beitr&#228;gen beruht. Innerhalb der Gewerkschaften herrscht eine Kultur festgefahrener Rituale mit einem Fokus auf wei&#223;e, m&#228;nnliche Arbeiter, welche potentielle Mitglieder mit Migrationshintergrund abschreckt. Und schlie&#223;lich ist die unterschiedliche ideologische Ausrichtung das gr&#246;&#223;te Hindernis: Fine sieht hier die Gewerkschaften st&#228;rker im Staat- und Marktsystem eingebunden, w&#228;hrend sie <em>Worker Centers</em> eher zu den <em>Community</em>- bzw. <em>Social Movement</em>-Organisationen z&#228;hlt.<br />
Dass dieser Spalt aber nicht un&#252;berbr&#252;ckbar ist, zeigen zwei j&#252;ngere Entwicklungen: Ende 2006 trat die <em>New York City Taxi Workers Alliance</em> als erstes <em>Worker Center</em> offiziell der Gewerkschaft bei und im selben Jahr macht die AFL-CIO dem <em>National Day Laborer Organizing Network</em> ein Kooperationsangebot. Dies zeigt „eine neue Richtung, wie zumindest ein Teil der organisierten ArbeiterInnenbewegung in den USA sich selbst sieht.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
F&#252;r die <em>Social Movement Unionism</em>-Debatte wird deutlich, dass man bei den drei h&#228;ufig genannten Eckpfeilern, Demokratie, Klassenstandpunkt und &#214;ffnung zu anderen Organisationen, nicht einfach an einer Ecke anfangen und hoffen  kann, dass der Rest von selbst passiert. Eine so genannte &#214;ffnung erfordert nicht nur eine theoretische Redefinition des Klassenbegriffs, sondern muss sich auch in Strategien und Praxen der Gewerkschaften niederschlagen. Der unter dem Schlagwort ‚Kultur‘ angesprochene Aspekt eines gewissen Habitus und einer Fokussierung des wei&#223;en, m&#228;nnlichen Teils der ArbeiterInnenklasse kann nur bearbeitet werden, wenn auch Forderungen zu MigrantInnenrechten auf die Agenda der Gewerkschaften gesetzt werden und die Zusammenarbeit auf allen Ebenen forciert wird. Gerade wenn progressive Gewerkschaften B&#252;ndnisse mit Organisationen sozialer Bewegungen anstreben, oder wie im SMU-Konzept formuliert selbst zur Sozialen Bewegung werden wollen, d&#252;rfen sie sich nicht nur mit der Verbesserung der &#246;konomischen Situation ihrer Mitglieder auseinandersetzen, sondern m&#252;ssen <em>politische</em> Forderungen, gerade vor dem Hintergrund der Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, aufnehmen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Stand 2007, Quelle „Bureau of Labor Statistics“ <a href="http://www.bls.gov/news.release/union2.nr0.htm">http://www.bls.gov/news.release/union2.nr0.htm</a><br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kim Moody, Autor und ehemaliger Herausgeber der <em>Labor Notes</em>, meint den <em>turning point</em> 1980-81 mit dem verlorenen Fluglotsen-Streik (PATCO) auszumachen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> AFL-CIO = <em>American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations</em> und CTW = <em>Change to Win Federation</em>.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Asenbaum, Maria/ H&#228;dicke Karin: <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/gewerkschaft-bewegen/">Gewerkschaft bewegen</a>. Perspektiven Nr. 3 (2007).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. z. B. Waterman, Peter: The New Social Unionism: A New Union model for a New World Order, in: Munck, Ronaldo/ Wateman, Peter (Hg.): Labour Worldwide in the Era of Globalisation. Alternative Union Models in the New World Order, London 1999.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> <a href="http://www.labornotes.org">www.labornotes.org</a><br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Nach Kim, Susanne: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung. Zur Konzeption des „Social Movement Unionism“. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit, Universit&#228;t Hamburg 2004.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Fisher, Robert: Let the People Decide: Neighborhood Organizing in America, New York 1994<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Honey, Cheryll: Community Organizing past present an future. Commorg Papers 2006.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Zur Gr&#252;ndung der CIO siehe auch <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/stars-and-strikes/">Philipp Probsts Artikel</a> in dieser Ausgabe.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Alinsky, Saul: Reveille for Radicals. Vintage Books 1991. (Erstausgabe 1946)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Fisher, Robert: Community Organizing – the importance of the historical context. In: Dennis Keating, Norman Krumholz, Phil Star (eds.): Revitalizing urban neighbourhoods. University Press of Kansas 1996.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> “[to] correct the market’s failure to provide jobs and services to the community”. Marquez, Benjamin: Mexican American Community Development Corporations and the Limits of Directed Capitalism. Economic Development Quaterly 7, 3 (1996). Nach Fisher, a.a.O.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Honey, a.a.O.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Fine, Janice: Worker Center – Organizing communities on the edge of a dream. Ithaca, NY and Washington, DC (2006).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wildcat, 78, Winter 2006/07<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Die Zahlen variieren hier betr&#228;chtlich; nicht alle der als „Worker Centres“ untersuchten Einrichtungen bezeichnen sich selbst als solche. Vgl. Fine, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Lee, Kimi: Six Years of Workers Organizing in the Fight for Social &amp; Economic Justice. Bericht zum 6-j&#228;hrigen Bestehen des GWC. December 6, 2007.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Sullivan, Richard: Organizing Immigrants in America‘s Sweatshops: The Los Angeles Garment Worker Center. Paper Presented at American Sociological Association Annual Meeting August 14, 2007.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> ebd.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> “to empower garment workers in the greater Los Angeles area and to work in solidarity with other low-wage immigrant workers and disenfranchised communities in the struggle for social, economic and environmental justice”<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> “I mean, you saw last night we had these workers who were learning about the war and [while] it’s not helping them get a paycheck, it’s helping them…go to other things and see other places and meet new people….So there [are] some little things like that that just help to build a relationship”. Sullivan, a.a.O., S. 20<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> US-weit demonstrierten am 1. Mai 2006 &#252;ber eine Millionen Menschen gegen den die strikten Einwanderungsgesetzte, im ganzen Land wurden Betriebe und Gesch&#228;fte bestreikt.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Tattersall, Amanda: From union-community coalitions to community unionism? A look at the pattern of recent union relationships with community organisations. In: NSW Community and Unions 2004. Trades Hall, Victoria 2004.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Fine, Janice: A Marriage Made in Heaven? Mismatches and Misunderstandings between Worker Centres and Unions. British Journal of Industrial Relations 45 (2007), 337-364.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> ebd.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Moody, a.a.O.</p>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:16:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Brinkmann, Ulrich/ Choi, Hae-Lin/Detje, Richard/ D&#246;rre, Klaus/ Holst, Hajo/ Karakayali, Serhat/ Schmalstieg, Catharina: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden: VS Verlag f&#252;r Sozialwissenschaften 2008. 19,90 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Brinkmann, Ulrich/ Choi, Hae-Lin/Detje, Richard/ D&#246;rre, Klaus/ Holst, Hajo/ Karakayali, Serhat/ Schmalstieg, Catharina: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden: VS Verlag f&#252;r Sozialwissenschaften 2008. 19,90 €<br />
<span id="more-129"></span><br />
Die AutorInnen des Buches <em>Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung</em> greifen die international immer intensiver gef&#252;hrte Debatte rund um gewerkschaftliches <em>Organizing </em>auf und stellen dabei zwei Fragen ins Zentrum: (1) K&#246;nnen die Konzepte des <em>Organizing</em>, die insbesondere im angloamerikanischen Raum entstanden sind, auf kontinentaleurop&#228;ische und insbesondere bundesdeutsche Verh&#228;ltnisse angewendet werden? (2) Was kann eine, sich als kritisch verstehende Gewerkschaftsforschung dazu beitragen, dass sich Gewerkschaften aus der Ohnmachtsfalle befreien, in die sie gegenw&#228;rtig offensichtlich gekommen sind? Zum Einstieg geben die AutorInnen einen Einblick in ihre eigenen theoretischen Grundlagen. Dabei grenzen sie sich von institutionalistischen Forschungsans&#228;tzen ab, da diese gesellschaftliche Kr&#228;fte- und Machtverh&#228;ltnisse aus der Analyse gewerkschaftlicher Praxis zum gro&#223;en Teil ausblenden. Dieser Ausschluss wird besonders schlagend in der Betrachtung von <em>Organizing</em>-Konzepten, da es hier vor allem um die die Wiedergewinnung und Ausweitung von Organisationsmacht geht.<br />
Grunds&#228;tzlich gehen die AutorInnen von einem Machtressourcen-Ansatz aus, der eine Asymmetrie zwischen Kapital und Lohnarbeit voraussetzt. Dieser Asymmetrie zugunsten des Kapitals kann von ArbeiterInnen nur durch eine kollektive Mobilisierung entgegengetreten werden. Auf dieser Grundlage entstehen bis heute immer neue ArbeiterInnenbewegungen. Diese werden von den AutorInnen in zwei unterschiedliche Typologien unterteilt. Sie k&#246;nnen eher „marxschen Typs“ sein und die &#220;berwindung des kapitalistischen Systems zum Ziel haben oder eher „polanyischen Typs“, der defensiv auf den Schutz der ArbeitnehmerInnen innerhalb des kapitalistischen Systems und auf die Abmilderung der Folgen kapitalistischer Ausbeutungslogik abzielt. Entgegen homogenisierender Vorstellungen sehen die AutorInnen eine Vielzahl von ArbeiterInnenbewegungen, die keinen einheitlichen Charakter aufweisen, oft durch klassenunspezifische Grenzziehungen bestimmt sind und daher in ihren geographisch-historischen Spezifikationen erfasst werden m&#252;ssen.<br />
Diese ArbeiterInnenbewegungen st&#252;tzen sich allerdings auf gemeinsame Machtressourcen. So gibt es f&#252;r die AutorInnen drei Formen von ArbeiterInnenmacht. &#196;hnlich wie Erik O. Wright und Beverly J. Silver unterscheiden sie zun&#228;chst zwischen struktureller und Organisationsmacht. Strukturelle Macht ergibt sich aus der Positionierung der Lohnabh&#228;ngigen im &#246;konomischen Prozess. So k&#246;nnen ver&#228;nderte Strukturen des Arbeitsprozesses, wie zum Beispiel der derzeitige Boom von individualisierten Arbeitsprozessen in der Dienstleistungsbranche, zu ver&#228;nderten Einflussm&#246;glichkeiten f&#252;hren. Die Organisationsmacht ist dem gegen&#252;ber abh&#228;ngig vom Grad der kollektiven Organisierung der Lohnabh&#228;ngigen in Form von Gewerkschaften, Parteien oder &#196;hnlichem. Au&#223;erdem stellen die AutorInnen noch eine dritte Form von Machtressource f&#252;r Lohnabh&#228;ngige heraus: die institutionelle Macht. Diese basiert auf den beiden zuvor dargestellten. &#220;ber auf Dauer gestellte Normen und Gesetze sowie institutionelle Arrangements kann eine eigene Robustheit entwickelt werden, die &#252;ber kurzfristige konjunkturelle Ver&#228;nderungen hinaus Wirkm&#228;chtigkeit entfaltet. Alle drei Machtressourcen sind miteinander verbunden und existieren nie in Reinformen, sondern nur in unterschiedlichen Kombinationen.<br />
F&#252;r Gewerkschaften der westlichen Welt entwickelte sich in der Bl&#252;tezeit des Fordismus, insbesonders in Teilen Europas, die institutionelle Macht zum wichtigsten Referenzpunkt gewerkschaftlichen Handelns. Diese Form der Macht pr&#228;gte den Arbeitskonflikten nicht nur einen in hohem Ma&#223;e verrechtlichten Charakter auf, sondern bestimmte &#252;ber weite Strecken das Selbstverst&#228;ndnis der Gewerkschaften als wichtige und nicht selten staatstragende Verhandlungspartner.<br />
Mit der Krise der fordistischen Gesellschaftsformation hat auch diese Machtressource der Gewerkschaftsbewegung an Bedeutung verloren. Die institutionalisierte Machtbalance zwischen Kapital, Lohnabh&#228;ngigen und Staat verschiebt sich zuungunsten der Arbeit, womit auch die Handlungsr&#228;ume f&#252;r korporatistische Interessenspolitik enger werden und sich Konflikte verst&#228;rkt auf betriebliche Ebene verlagern m&#252;ssen. Da sich Gewerkschaften traditionell auf die institutionalisierte Machtressource konzentrierten, wurde &#252;ber Jahrzehnte Organisationsarbeit im Sinne gewerkschaftlicher Organisierung in den Betrieben, und damit die eigentliche Machtbasis von Gewerkschaften vernachl&#228;ssigt. Diese macht den Gewerkschaften heute zusehends zu schaffen. Der postfordistische Transformationsprozess spielte nicht nur der Kapitalseite zus&#228;tzliche Machtpotentiale in die H&#228;nde, ebenso trieb die Stellvertreterpolitik die Gewerkschaften in eine Repr&#228;sentations- und Praxiskrise. Zwar stellen die AutorInnen fest, dass nicht von einem Ende der Gewerkschaften die Rede sein kann, doch lassen sich sehr wohl einschneidende Ver&#228;nderungen in den Arbeitsbeziehungen festmachen, auf die insbesondere Gewerkschaften in Deutschland und &#214;sterreich keine ad&#228;quaten Antworten finden.<br />
Vor dem Hintergrund dieser Analysen stellen die VerfasserInnen die Frage, ob <em>Organizing </em>einen Weg aus dieser Defensive weisen kann und welche Rolle kritische Gewerkschaftsforschung dabei spielen kann, neue Handlungsspielr&#228;ume zu er&#246;ffnen. Anhand eingehender Literaturstudien arbeiten die VerfasserInnen zwei Begriffe von <em>Organizing </em>heraus, die unterschiedliche praktische Implikationen haben. Ein weiter <em>Organizing</em>-Begriff hebt auf nachhaltige und tiefgreifende Ver&#228;nderungen im Verh&#228;ltnis zwischen Gewerkschaftsb&#252;rokratie und Mitgliedern ab. Es geht um eine Ver&#228;nderung gewerkschaftlicher Praxis hin zu demokratischeren Strukturen innerhalb der Organisation und einem konfliktorientierten <em>Campaigning </em>in der Au&#223;enwendung. Ein enger<em> Organizing</em>-Begriff ist eher funktionalistisch und instrumentell ausgerichtet.<em> Organizing </em>wird hier als Erg&#228;nzung zu bestehenden gewerkschaftlichen Strukturen verstanden. Beide Praxen, so haben empirische Untersuchungen gezeigt, k&#246;nnen erfolgreich sein, doch muss f&#252;r die jeweils spezifische Situation eine Verbindung von unterschiedlichen Strategien, Taktiken und Methoden angewandt werden. Dies gilt insbesondere f&#252;r Versuche, das <em>Organizing</em>-Konzept auf den deutschsprachigen Raum anzuwenden.<br />
Die AutorInnen betonen, dass es Aufgabe einer kritischen Wissenschaft im Feld der Gewerkschaftsforschung sein muss, derartige Prozesse der Generierung von neuen Praxen wissenschaftlich analytisch und beratend zu begleiten. Mit <em>Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung</em> geben die VerfasserInnen einen kompakten Einblick in kritische und eingreifende Gewerkschaftsforschung sowie einen Ausblick auf zuk&#252;nftige Forschungsaufgaben. Das Buch kann damit als Anfangspunkt f&#252;r eine wichtige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaften dienen.</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 3 (Herbst 2007) ist erschienen!</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Jul 2008 11:35:07 +0000</pubDate>
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Schwerpunkt: Prek&#228;re Klassen, prek&#228;re K&#228;mpfe
 

 
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