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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Geopolitik</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Islamophobie und die Kulturen des Rassismus</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:54:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Islamophobie]]></category>
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		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Islamophobe Argumente ziehen sich seit einigen Jahren durch das gesamte politische Spektrum. Wiewohl sich die unterschiedlichen ProtagonistInnen der Debatte aus unterschiedlichsten Positionen zu Wort melden, scheinen sie doch in dieselbe Kerbe zu schlagen. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Felix Wiegand</em> &#252;ber die Zusammenh&#228;nge von Neorassismus, „Kampf der Kulturen“ und „Islamkritik“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Islamophobe Argumente ziehen sich seit einigen Jahren durch das gesamte politische Spektrum. Wiewohl sich die unterschiedlichen ProtagonistInnen der Debatte aus unterschiedlichsten Positionen zu Wort melden, scheinen sie doch in dieselbe Kerbe zu schlagen. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Felix Wiegand</em> &#252;ber die Zusammenh&#228;nge von Neorassismus, „Kampf der Kulturen“ und „Islamkritik“.<br />
<span id="more-63"></span><br />
Mit den j&#252;ngsten Verbalattacken der Grazer FP&#214;-Kandidatin Susanne Winter hat die islamfeindliche Hetze in &#214;sterreich einen vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt erreicht. Die Reaktionen waren zwar gro&#223;teils ablehnend bis emp&#246;rt, doch stets mit einen „aber“ verbunden. Zusammengefasst: „Emp&#246;rend, aber der islamistische Terrorismus ist schon eine echte Bedrohung“, „Emp&#246;rend, aber die Integration von MuslimInnen ist tats&#228;chlich ein Problem“, „Emp&#246;rend, aber der Islam ist eben eine r&#252;ckschrittliche, gewaltverherrlichende Religion“. So „emp&#246;rt“ sich auch Standard-Gastkommentator Christian Zeitz – &#252;ber die Emp&#246;rung: „Es ist ein Akt intellektueller Redlichkeit, die Quellen, auf die sich die Muslime selbst berufen, zitieren und die Ausbreitungsgeschichte des Islam referieren zu d&#252;rfen. Und es ist ein Akt der Selbstbehauptung des mitteleurop&#228;ischen Erfolgsmodells, von den Vertretern der Muslime den Nachweis der Anpassung ihrer Lehre an die Wertebasis unserer Gemeinschaft einzufordern. Dies als ‚Ausgrenzung’ und ‚menschenverachtenden Rassismus’ zu definieren ist ein inakzeptables Totschlagsargument. Denn ‚die Wahrheit ist den Menschen zumutbar’ (Karl Popper).“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>Rassismus ohne Rassen</h3>
<p>Wenn wir hier demgegen&#252;ber auf der Notwendigkeit beharren, von „Ausgrenzung“ und „menschenverachtendem Rassimus“ zu sprechen, sollte zun&#228;chst klar sein, wor&#252;ber wir nicht sprechen: &#252;ber die Vorstellung, die menschliche Gattung best&#252;nde aus unterschiedlichen biologischen „Rassen“, denen von Natur aus ein unterschiedliches Ma&#223; an Zivilisiertheit, Intelligenz, Arbeitseifer usw. zuk&#228;me und die sich anhand &#228;u&#223;erer Merkmale wie Hautfarbe oder Sch&#228;delform erkennen lie&#223;en. Die Argumente eines solchen – wissenschaftlich unhaltbaren – <em>biologischen</em><span> Rassismus sind nach 1945, aber auch aufgrund der Dekolonialisierung sowie der Abschaffung der „Rassen“-Segregation in den USA und in S&#252;dafrika im &#246;ffentlichen Mainstream moralisch derart diskreditiert, dass insbesondere im deutschsprachigen Raum die Verwendung des Wortes „Rasse“ weitgehend tabu ist. Nicht umsonst wird zwischen einzelnen Bev&#246;lkerungsgruppen gegenw&#228;rtig – zumindest im offiziellen Sprachgebrauch – anhand ethnischer, kultureller oder religi&#246;ser Differenzen, nicht anhand von Hautfarbe oder Sch&#228;delform unterschieden. Doch ist Rassismus deshalb verschwunden? Nein, er hat lediglich seine Form ver&#228;ndert und funktioniert als „Rassismus ohne Rassen“, meinten in den 1980er Jahre vor allem franz&#246;sische und britische (Sozial-)WissenschafterInnen und PhilosophInnen und er&#246;ffneten damit einen neuartigen Blick auf einige der wirkungsm&#228;chtigsten ideologischen Prozesse gegenw&#228;rtiger Gesellschaften. Die zentrale Einsicht von TheoretikerInnen wie Pierre-André Taguieff, Ettiene Balibar, Robert Miles oder Stuart Hall besteht dabei – &#252;ber alle Unterschiede in einzelnen Positionen hinweg – in der Erkenntnis, dass eine bestimmte Form der Unterteilung der Menschheit in verschiedene Gruppen und der Identifikation dieser Gruppen mit bestimmten Charakteristika nicht notwendigerweise an die Idee einer Existenz biologischer „Rassen“ gebunden sein muss, um rassistisch zu sein. Stattdessen kann, so die These, rassistische Klassifikation auch auf der Annahme unver&#228;nderlicher kultureller Differenz beruhen. </p>
<h3>Diskurs der Differenz</h3>
<p>Doch was genau kennzeichnet ein solches kulturalistisches, d. h. das Kulturelle betonende Denken als „neorassistisch“, ab wann ist es also gerechtfertigt, von „kulturellem“ oder „differenzialistischem“ </span><em>Rassismus</em><span> zu sprechen? Einen ersten Anhaltspunkt bietet zun&#228;chst eine allgemeine Bestimmung von Rassismus: dieser beruht nach Robert Miles<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> auf einem ideologischen Prozess der Grenzziehung zwischen verschiedenen, als miteinander unvereinbar gedachten Gruppen, sowie auf der Vorstellung, die Zugeh&#246;rigkeit eines Menschen zu einer dieser Gruppen lie&#223;e sich anhand (zumeist) &#228;u&#223;erlicher und (vermeintlich) angeborener Merkmale erkennen und w&#228;re zwingend mit bestimmten (kulturellen und/oder biologischen) Eigenschaften verbunden. Die Zuordnung dieser Eigenschaften erfolgt im rassistischen „Diskurs der Differenz“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> in Form von einander entgegengesetzten Stereotypen und dient der Konstruktion von Identit&#228;t: so wie die der anderen Gruppe zugesprochenen (negativen) Eigenschaften ihr Spiegelbild in jenen (positiven) der eigenen Gruppe haben (irrational vs. rational, naturverhaftet vs. aufgekl&#228;rt, primitiv vs. kultiviert usw.), findet das „Andere“ als Objekt des Rassismus seinen Gegensatz im eigenen „Wir“. F&#252;r Stuart Hall ist „[d]ieses System der Spaltung der Welt in ihre bin&#228;ren Gegens&#228;tze (…) das fundamentale Charakteristikum des Rassismus, wo immer man ihn findet“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Im Zuge dieses „Diskurses der Differenz“ werden demnach sowohl das „Wir“ (<em>die</em></span><span> Wei&#223;en, </span><em>die</em><span> &#214;sterreicher, </span><em>der</em><span> Okzident) als auch das „Andere“ (</span><em>die</em><span> Schwarzen, </span><em>die</em><span> Ausl&#228;nder, </span><em>der</em><span> Orient) als geschlossen und v&#246;llig homogen – gleichsam als monolithischer Block – konstruiert. Die unz&#228;hligen Differenzen, die sich innerhalb dieser Gruppen und der einzelnen Individuen entlang von Kategorien wie Geschlecht, Klasse, sexuelle Orientierung, Alter usw. usf. auftun, m&#252;ssen daher notwendigerweise zugunsten einer vermeintlich allumfassenden gemeinsamen Identit&#228;t unter den Tisch fallen. Da diese Identit&#228;t wie auch die mit ihr verkn&#252;pften Eigenschaften dabei als unver&#228;nderlich und quasi-angeboren und nicht als Ergebnis eines historisch-sozialen Prozesses dargestellt werden, erscheinen beide letztlich auch dort als nat&#252;rliche Tatsache, wo grade nicht biologistisch, sondern kulturell argumentiert wird: „</span><em>Kultur [kann] durchaus als eine solche Natur fungieren</em><span>, insbesondere als eine Art, Individuen und Gruppen </span><em>a priori</em><span> in eine Ursprungsgeschichte, eine Genealogie einzuschlie&#223;en, in ein unver&#228;nderliches und unverr&#252;ckbares Bestimmt-Sein durch den Ursprung“.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dass der neorassistische Diskurs in seinem Effekt – der Festschreibung von Kultur als angeborener Tatsache – dem biologischen Rassismus hier sehr stark &#228;hnelt, ist ein Indiz daf&#252;r, dass beide Ph&#228;nomene realiter nicht unbedingt einen Gegensatz, sondern lediglich die „,zwei Logiken‘ des Rassismus“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> bilden: so wie in der Vergangenheit der vermeintliche Unterschied zwischen verschiedenen biologischen „Rassen“ seine Begr&#252;ndung zugleich immer auch in sozialen und kulturellen Differenzen fand, werden heute umgekehrt kulturell bestimmten Gruppen spezifische physische Merkmale und sexuelle Eigenheiten zugeschrieben oder es wird unterstellt, enge famili&#228;re Bindungen und Heiratsregeln dienten der biologischen und zugleich kulturellen Reproduktion solcher Gruppen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Die Analyse derartiger Verbindungen von Essentialismus, Naturalisierung und biologistischer Zuschreibung – d. h. die Frage, wie Rassismus ideologisch funktioniert – w&#228;re indes weniger dr&#228;ngend, ginge dieser bekannterma&#223;en nicht &#252;ber eine blo&#223;e Identit&#228;tskonstruktion weit hinaus. Insofern der rassistische Diskurs immer auf eine Form der (praktischen) Marginalisierung abzielt, erhalten die vermeintlich nat&#252;rlichen und daher unver&#228;nderlichen Unterschiede n&#228;mlich eine besondere Bedeutung: sie werden als Rechtfertigung daf&#252;r benutzt, der als „anders“ definierten Gruppe (und nur ihr) auch tats&#228;chlich gewisse Rechte (bis hin zum Recht auf Leben) oder den Zugang zu bestimmten Ressourcen zu verweigern.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Da Rassismus derartige „Ausschlie&#223;ungspraxen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> begr&#252;ndet, ist er demnach zwingend immer auch ein Herrschaftsprozess und als solcher an gesellschaftliche Macht- und Dominanzverh&#228;ltnisse gebunden. Offenkundig wird dies besonders dort, wo rassistisches Denken sich aus der Machtposition der Mehrheit heraus gegen Minderheiten richtet bzw. in Form von institutionellem Rassismus oder gar einer zur Staatsdoktrin erhobenen Ideologie wirkungsm&#228;chtig wird. </p>
<h3><span>Rassismus und b&#252;rgerliche Herrschaft</span></h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu diesem unmittelbar auf die Opfer gerichteten Effekt steht Rassismus jedoch auch noch anderweitig in engem Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung von Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen. Denn in dem Ma&#223;e, in dem er dazu beitr&#228;gt, untergeordnete Gruppen und Klassen zu spalten – z.B. in „wei&#223;e“ und „schwarze“ ArbeiterInnen oder „westliche“ und „islamische“ Frauen – und eine Solidarisierung oder angemessene Repr&#228;sentation gemeinsamer Interessen so zu verhindern<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, wirkt das durch den rassistischen Diskurs erzeugt Konstrukt einer einheitlichen und gemeinsamen Identit&#228;t (s.o.) umgekehrt als ideologischer Kitt im Inneren einer Gesellschaft: insofern es Identifikation erm&#246;glicht und auch gesamtgesellschaftlich nicht privilegierten Gruppen und Schichten Zugeh&#246;rigkeit und (materielle) Vorteile verspricht, ist es n&#228;mlich zugleich „Bestandteil der Gewinnung von Konsensus und der Konsolidierung einer sozialen Gruppe in Entgegensetzung zu einer anderen, ihr untergeordneten Gruppe“.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Falsch w&#228;re es freilich, Rassismus auf diese Funktion der Erhaltung b&#252;rgerlicher Herrschaft zu reduzieren und seine Wirkungsm&#228;chtigkeit – gerade in der ArbeiterInnenklasse – in weiterer Folge mit einer gezielten Vermittlung „falschen Bewusstseins“ durch die Herrschenden erkl&#228;ren zu wollen. Vielmehr gilt es zu verstehen, dass rassistische Ideologien in „praktisch ad&#228;quater“ Art und Weise an Elemente des Alltagsverstands ankn&#252;pfen und eine M&#246;glichkeit darstellen, wie Menschen ausgehend von ihren Erfahrungen die (kapitalistisch verfasste) Welt und ihr Verh&#228;ltnis zu dieser beobachten und verstehen k&#246;nnen.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Um in dieser Form als „Sinngebungsinstanz“ zu fungieren und den Menschen ein vermeintliches Wissen &#252;ber gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge zu vermitteln, bed&#252;rfen rassistische Ideologeme jedoch zuvor einer Art Rationalisierung, d. h. einer theoretischen Ausarbeitung auch und gerade durch Intellektuelle und den akademisch-wissenschaftlichen Betrieb.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Intellektualisierte Rechte</h3>
<p>Angesichts der Notwendigkeit einer solchen theoretischen Ausarbeitung scheint im Bezug auf das Aufkommen und die Verbreitung kulturrassistischer Argumente zun&#228;chst ein Blick auf die Diskursman&#246;ver der so genannten „Neuen Rechten“ angebracht. Diese „intellektualisierte Rechte“, wie sie sich selbst bezeichnet, die sich besonders seit den 1980er Jahre in Frankreich und Deutschland ausbreitet<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, grenzt sich bewusst von r&#252;ckw&#228;rtsgewandten Ideen ab, verzichtet auf plumpe Rassismen und benutzt eine konsensf&#228;hige Diktion um rassistische Ideen zu transportieren. Chefideologe Alain De Benoist bezieht sich in diesem Zusammenhang auf den gramscianischen (aus der marxistischen Tradition stammenden) Begriff der kulturellen Hegemonie und Pierre Krebs macht es zum erkl&#228;rten Ziel, „den Kampf um Europa theoretisch vorzubereiten“.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Dementsprechend wird auf den Begriff der „Rasse“ verzichtet und der Begriff der „Kultur“ ins Zentrum gestellt. Die Mehrdeutigkeit dieses Begriffs ist dabei besonders vorteilhaft, Konnotationen bleiben unausgesprochen, f&#252;r Insider sei die Bedeutung ohnehin klar.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> So analysieren Fischer und Gestettner: „Sie sagen Kultur und meinen Rasse … Sie verwenden zur Bezeichnung von Althergebrachten und Ewiggestrigen eine neutralisierte Sprache …“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Vor allem in ihrer Kritik am Multikulturalismus und in dem von ihnen propagierten Gegenmodell des Ethnopluralismus wird die synonyme Verwendung des Kulturbegriffs mit dem der „Rasse“ deutlich. Aufgegriffen werden dabei vor allem jene Argumente aus der Multikulturalismusdebatte, die das Recht auf kulturelle Differenz<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> betonen. Hier ergeben sich scheinbare Kontinuit&#228;ten aus der Aufwertung des Kulturbegriffs auf Seiten linker Intellektueller der 70er und 80er Jahre. Dieser Retrosionseffekt<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> nimmt nicht nur der anti-rassistischen Kritik den Wind aus den Segeln, er hilft auch, „ethnische Konflikte“ in „nat&#252;rliche Abwehrreaktionen“ auf unnat&#252;rlich gesellschaftliche Experimente umzudeuten. Vorangestellt wird hier das „humanistische“ Argument, dass jede/m seine/ihre Kultur zugestanden werden m&#252;sse, eine multikulturelle Vermischung aber eine Gef&#228;hrdung der Kultur jedes/er Einzelnen darstelle. Angestrebt wird eine „heterogene Welt homogener V&#246;lker“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a></p>
<h3>Rechtspopulismus<o></o></h3>
<p>Wie das praktisch umgesetzt werden soll, bleibt zwar unausgesprochen, doch kann auf diesem Weg das alte Feindbild „Ausl&#228;nder“ nicht mehr nur f&#252;r Arbeitslosigkeit und soziale Verschlechterung, sondern auch f&#252;r die Bedrohung der kulturellen Identit&#228;t verantwortlich gemacht werden.<br />
So beschrieben z. B. im Parteiprogramm der NPD:„Die V&#246;lker sind die Tr&#228;ger der Kulturen. V&#246;lker unterscheiden sich durch Sprache, Herkunft, geschichtliche Erfahrung, Religion, Wertvorstellungen und ihr Bewusstsein. Ihrer kulturellen Eigenart werden sich die V&#246;lker besonders dann und dort bewusst, wenn diese gef&#228;hrdet ist. Die Erhaltung der V&#246;lker dient der Erhaltung der Kultur. Blo&#223;e Gesellschaften bilden keine Kultur, sondern h&#246;chstens eine Zivilisation, deren h&#246;chster Wert materiell ist. „Multikulturelle“ Gesellschaften sind in Wirklichkeit kulturlose Gesellschaften. Die Vielfalt der V&#246;lker muss erhalten bleiben.“<sup>21</sup> Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, kulturhomogene R&#228;ume zu schaffen (ergo Deutschland den Deutschen). Au&#223;erdem wird Kultur als etwas nat&#252;rlich Gewachsenes dargestellt. Die &#220;berschneidung von kultureller und genetischer Kategorisierung zeigt sich beispielsweise in den familienpolitischen Konzepten rechter Parteien. Um die <em>kulturelle</em></span><span> Identit&#228;t zu wahren, soll das „Kindergeld als <em>volks</em>politische Ma&#223;nahme“ nur an deutsche M&#252;tter ausbezahlt werden.<br />
In Verbindung mit einer „das Boot ist voll“-Angstmache war die populistische Umsetzung der strategischen &#220;berlegungen der Neuen Rechten vor allem in den 1990er Jahren in Europa &#252;beraus erfolgreich. Zum einen konnte der &#228;u&#223;ere Anschein der Unbedenklichkeit und Seriosit&#228;t rechter, kulturrassistischer Theoriebildung die Diskursfiguren von rechts au&#223;en weit in die Mitte der Gesellschaft r&#252;cken lassen. Zugleich schufen wirtschaftliche Umstrukturierung (Neoliberalismus, Prekarisierung) und der damit verbundene Vertrauensverlust in die Sozialdemokratische Parteien den Raum f&#252;r den Aufschwung rechtspopulistischer Parteien. Der Siegeszug von Parteien wie der FP&#214;, Front National, Lega Nord, Forza Italia usw. ging mit einen Rechtruck im gesamten politischen Spektrum einher, in dessen Folge sich auch die konservativen Parteien, die teilweise ihre Zusammenarbeit mit den RassistInnen zu rechtfertigen hatten, gen&#246;tigt f&#252;hlten, die „Ausl&#228;nderproblematik“ aufzugreifen und den Tonfall ihrer „Partner“ vom rechten Rand nachzuahmen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a></p>
<h3>Zivilisationsparadigma</h3>
<p>Wie sehr diese Verschiebung des politischen Klimas nach rechts kulturrassistische Stereotype auch im politischen Mainstream und im b&#252;rgerlich-liberalen Lager salonf&#228;hig werden lie&#223;, zeigt nicht zuletzt der bis heute anhaltende Erfolg jener publizistischen Zeitdiagnosen und Zukunftsszenarien, die in verschiedenen Zusammenh&#228;ngen eine Bedrohung „des Westens“ bzw. der westlichen „Wertegemeinschaft“ postulieren. Interessanterweise beruhen die meisten dieser Bedrohungsszenarien und Kriegsprognosen seit den 1990er Jahren trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen doch auf einer Reihe gemeinsamer Annahmen, deren theoretisch-akademische Ausarbeitung als „Zivilisationsparadigma“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> sich zum gro&#223;en Teil im Werk Samuel Huntingtons findet<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a>. Dieser US-amerikanische Politikwissenschaftler und Pr&#228;sidentenberater entwarf in seinem 1993 in </span><em>Foreign Affairs</em> erschienen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> – entgegen dem Fragezeichen im Titel – das in den letzten 15 Jahren &#252;beraus einflussreiche Szenario eines „Kampfes der Kulturen“ (so auch der deutsche Titel des gleichnamigen Buches).<br />
Huntingtons Theorie nach w&#252;rden Konflikte im 21. Jahrhundert nicht mehr in erster Linie auf &#246;konomischen oder ideologischen Ursachen beruhen, sondern entst&#252;nden aufgrund des kulturell bedingten Aufeinanderprallens sozialer Gro&#223;r&#228;ume, so genannter Zivilisationen. Letztere lie&#223;en sich durch „objektive Eigenschaften“ wie Sprache, Geschichte, Br&#228;uche, Institutionen, Familienstrukturen, Bewusstsein oder auch Blutsbande als einander fremd gegen&#252;berstehende, im Inneren homogene und weitgehend unver&#228;nderliche „kulturelle Entit&#228;ten“ bestimmen und verf&#252;gten als „eine Art Mega-Lebewesen“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> &#252;ber eine je spezifische langfristige Entwicklungsdynamik von Aufstieg und Fall, von Entstehung, Wachstum und Untergang<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a>. Wenn bereits diese allgemeinen, zugleich kulturalistischen und biologistischen Annahmen „… auf die Aufhebung menschlicher Geschichte, auf ihren Ersatz durch Natur, und damit auf den Kulturrassismus als Basis der Argumentation [verweisen]“<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a>, so tr&#228;gt Huntingtons Beschreibung der einzelnen Zivilisationen und ihres Verh&#228;ltnisses zueinander erst recht offen rassistische Z&#252;ge.<br />
Denn w&#228;hrend er die „westliche“ Zivilisation in erster Linie durch angeblich gemeinsame „Werte und Ideen“ wie “individualism, liberalism, constitutionalism, human rights, equality, liberty, the rule of law, democracy, free markets (sic!), the seperation of church and state” definiert<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a>, spricht er diese den restlichen sechs bis sieben Zivilisationen, d. h. namentlich der Konfuzianischen, Japanischen, Islamischen, Hinduistischen, Slawisch-Orthodoxen, Lateinamerikanischen sowie, m&#246;glicherweise, der Afrikanischen (Huntington ist sich der Existenz einer solchen nicht sicher) ab. Stattdessen sieht er sie vor allem religi&#246;s bestimmt.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Aufgrund derartig gro&#223;er kulturell-religi&#246;ser Unterschiede m&#252;sse es, so Huntington weiter, notwendigerweise zu einem Konflikt “The West versus the Rest”<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> kommen, in dem sich als Bedrohung f&#252;r die westliche Vormachtstellung insbesondere die “Confucian-Islamic Connection” herausstellen w&#252;rde<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a>. Dieses (anhand gegenseitiger Waffenlieferungen vermeintlich nachgewiesene) Fantasiekonstrukt scheint bei genauerer Betrachtung indes lediglich aus der „Islamischen Zivilisation“ zu bestehen, unterstellt Huntington dieser doch, wie keine zweite zu Krieg und Gewalt zu neigen: “Islam has bloody borders”<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a>. Dass hier und bei der Mehrheit der EpigonInnen Huntingtons gerade „der Islam“ – der infolge der Identifizierung von Kultur und Religion die ganze „Zivilisation“ repr&#228;sentiert – als Feindbild herhalten muss, ist aus zweierlei Gr&#252;nden wenig &#252;berraschend. <o></o></p>
<h3>Feindbild Islam</h3>
<p>Zum einen greift Huntington mit seinen rassistischen Stereotypen auf eine Vielzahl jener Inhalte, Symbole und Bedeutungen zur&#252;ck, die nach Edward Said als Elemente des „Orientalismus-Diskurses“, d. h. eines Diskurses „des Westens“ &#252;ber „den Orient“, eine jahrhundertealte Geschichte haben<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a>. Den im Zusammenhang mit Huntington wichtigste Bestandteil bildet jene zumindest implizit rassistische Konstruktion und (Re-)Produktion des „Orients“, in der dieser essentialistisch als homogene und unver&#228;nderliche Einheit aufgefasst und mit bestimmten negativen Eigenschaften (irrational, r&#252;ckst&#228;ndig, unterentwickelt etc.) belegt wird. Diese Eigenschaften unterscheiden sich dabei negativ-spiegelbildlich von jenen des „Westens“ und lassen diesen daher als positives Gegenst&#252;ck oder Norm erscheinen<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a>. Angesichts der Argumentation Huntingtons liegt es auf der Hand, in seinen Thesen eine pseudo-wissenschaftliche Form dieses Diskurses zu sehen und seine publizistischen Erfolge in den 1990er Jahren demnach zumindest teilweise auf die gro&#223;en Verbreitung derartiger Ideologeme &#252;ber „den Orient“ respektive „den Islam“ zur&#252;ckzuf&#252;hren.<br />
Zum zweiten kommt dem „Feindbild Islam“ bei Huntington und anderen die spezifische Funktion zu, anstelle der UdSSR oder des Kommunismus im Inneren der „westlichen“ Gesellschaften als ideologischer Kitt zu wirken und „Legitimationsreserven“<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> f&#252;r eine aggressiv-imperialistische Au&#223;enpolitik bereitzustellen. Dies wird dort &#252;berdeutlich, wo Huntington – ganz Pr&#228;sidentenberater – vorschl&#228;gt, die angebliche Gefahr eines “decline of Western power” und, damit einhergehend, eines “retreat“ bzw. einer “erosion of Western culture”<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a> durch die R&#252;ckbesinnung auf die eigene zivilisatorisch-kulturelle Einheit sowie durch konkrete politische, strategische und milit&#228;rische Ma&#223;nahmen zu bek&#228;mpfen.<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Auch wenn derartige L&#246;sungsvorschl&#228;ge Huntingtons sicherlich nicht eins-zu-eins Eingang in konkrete europ&#228;ische oder US-amerikanische Politiken finden<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a>, so bilden seine Thesen doch „einen Vorrat von Erkl&#228;rungen legitimen staatlichen Handelns, die hervorgeholt werden k&#246;nnen – und dann, da bekannt, einleuchten –, wenn spezifische Konflikte erkl&#228;rt, gegebenenfalls ,friedensschaffende und friedenssichernde‘ Eins&#228;tze des Milit&#228;rs begr&#252;ndet werden sollen“<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a>. Gerade in seiner Fokussierung auf die “Confucian-Islamic Connection” stellt Huntington demnach das ideologische Repertoire zur Verf&#252;gung, das die seit Anfang der 1990er Jahre bestehende milit&#228;rstrategische Orientierung der US-Regierung und ihrer Verb&#252;ndeten auf den arabischen und zentral-asiatischen Raum als notwendig und gerechtfertigt erscheinen l&#228;sst.<br />
Der Wandel rassistischer Rhetorik und die Denkmuster zur Erkl&#228;rung der neuen Weltordnung erm&#246;glichten es, dass die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 die Welt keineswegs ins Chaos st&#252;rzten. Ganz im Gegenteil, alles schien pl&#246;tzlich klar. George W. Bush erkl&#228;rt den „Feinden der freien Welt“ den Krieg (womit zwischen den Zeilen immer der Islam gemeint ist) und fordert jede einzelne Nation auf sich zu entscheiden: „Either you are with us, or you are with the terrorists”. Mit dem Angriff auf Afghanistan stiegen die USA und ihre Koalition der Willigen milit&#228;risch in den Kampf der Kulturen ein, den es scheinbar schon immer gegeben hatte. B&#252;rgerliche Medien und konservative Politiker halten pl&#246;tzlich B&#252;rger- und Frauenrechte hoch und erkl&#228;ren die Notwendigkeit, diese mit Gewalt in den Nahen und Mittleren Osten zu bringen. Beim Angriff auf Afghanistan geht es um mehr als Rache: „Dieser Krieg ist Teil eines viel gr&#246;&#223;eren Spektrums eines viel weiteren Konflikts zwischen einem gesetzten, kreativen, produktiven Westen und einem r&#228;uberischen, zerst&#246;rerischen Orient“.<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a><br />
In der europ&#228;ischen Debatte werden diese Argumente nat&#252;rlich nicht eins zu eins &#252;bernommen. Zum Verst&#228;ndnis islamophober Hetze im europ&#228;ischen Raum gilt es hier eher an die oben beschriebenen Entwicklungen (Aufschwung der Rechten, Verschiebung auf kulturelle Stereotype) anzukn&#252;pfen und genauer zu untersuchen, mit welchen Motiven das politische Klima angereichert und versch&#228;rft wurde.</p>
<h3>Europ&#228;ischer Sicherheitsdiskurs</h3>
<p>Zun&#228;chst muss festgehalten werden, dass der „Krieg gegen den Terror“ in Europa andere Priorit&#228;ten hat. Die Achse des B&#246;sen, der West-against-the-rest-Konflikt bestimmen zwar das globale Setting, doch das Hauptproblem sind die hier lebenden Muslime, die „Schl&#228;fer“, die „Feinde in unserer Mitte“. Dieses Feindbild wird dabei nicht nur rhetorisch bedient, die rassistische Implikation neuer Anti-Terror und „Fremden“-Gesetzte – h&#228;ufig in einem Atemzug genannt – ist dabei unschwer zu erkennen. Unmittelbar nach dem 11. September 2001 setzte die EU neue Rahmenbedingungen f&#252;r die Terrorismusbek&#228;mpfung. Terroristische Taten werden hier als Vergehen definiert, die „mit der Absicht begangen werden, Personen einzusch&#252;chtern und die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen eines Landes in bedeutendem Ma&#223;e zu &#228;ndern oder zu zerst&#246;ren“, dabei wird deren „aktive und passive Unterst&#252;tzung“ geahndet.<a href="#anm42" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a> Diese Vorgabe der Europ&#228;ischen Kommission wurde von vielen Mitgliedsstaaten f&#252;r Asylrechtsversch&#228;rfungen und &#252;berwachungsstaatliche Ma&#223;nahmen von unglaublicher Tragweite genutzt. Auf die Ma&#223;nahmen kann hier nicht einzeln eingegangen werden, entscheidend ist der Effekt der produziert wird. So vergleicht die Kriminologin Janne Flyghed die &#246;ffentliche Meinung zum Terror der IRA oder der ETA, der eher als ein peripheres Ph&#228;nomen gedeutet wurde, mit der Allgegenwart, der unmittelbaren Bedrohung, die vom Terror durch den Islamismus ausgeht: „Wiederholte Bezugnahme auf gewisse spektakul&#228;re Ereignisse produzieren ein falsches Bewusstsein der bevorstehenden Gefahr“, damit verbunden ist „die Wahrnehmung einer unspezifischen, diffusen aber dennoch sehr ernsten Bedrohung. Was genau bedroht ist, ist auch schwer zu definieren, es umfasst Konzepte wie das der ‚nationalen Sicherheit’, der ‚Sicherheit des Landes’ oder der ‚&#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit’, Konzepte deren Inhalt und Anwendung je nach politischer Situation variieren.“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Zu dem Klima von Angst, Misstrauen und Vorurteilen tr&#228;gt auch die Erweiterung des Kompetenzbereichs von Polizei und Geheimdiensten bei. So wurden in D&#228;nemark und Norwegen ausl&#228;ndische Studierende als Risikogruppe definiert und ein Prozess des „religious profiling“ eingeleitet. Dabei sind Universit&#228;ten verpflichtet, mit den Geheimdiensten zu kooperieren<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a>. Regelm&#228;&#223;ige Razzien in Moscheen in Deutschland<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> oder die „Stop-and-Search“-Praxis in Gro&#223;britannien sind in diesem Kontext als Disziplinarma&#223;nahmen bzw. strukturell rassistische Praxen zu verstehen, da es so gut wie nie zum Nachweis terroristischer Aktivit&#228;ten kommt. So wurden in Gro&#223;britannien von den 71.000 durchsuchten Personen im Zeitraum von 2002-2003 nur 1,8% verhaftet und der Gro&#223;teil davon nicht im Zusammenhang mit Terrorverdacht.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a> Sp&#228;testens seit den Anschl&#228;gen in London und den Aufst&#228;nden in den franz&#246;sischen Banlieus gelten vor allem muslimische MigrantInnen der zweiten-, dritten Generation als tickende Zeitbomben. Die gr&#246;&#223;te Gefahr gehe demnach von der islamischen Subkultur, wie sie in unseren „Kellern und Garagen“ (Nicolas Sarkozy)<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> praktiziert wird, aus. Dabei werde nicht nur unser Leib und Leben bedroht, es geht um unsere Wertegemeinschaft, den europ&#228;ischen Lebensstil und die jeweils nationale Identit&#228;t.</p>
<h3>Wertedebatte und Leitkultur</h3>
<p>Nicht ganz umsonst verhallte unl&#228;ngst Michael K&#246;hlmeiers Appell im Club 2<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a>, doch einen „europ&#228;ische Traum“ als Gegenst&#252;ck zum amerikanischen zu formulieren, fast ungeh&#246;rt in seiner „Intellektuellenrunde“. Zu unterschiedlich sei die Geschichte der einzelnen Staaten und ihre jeweiligen Kulturen. Wenn &#252;berhaupt, seien es noch am ehesten die Ideale der Aufkl&#228;rung, die Europa zusammenhielten<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a>. Die Anstrengungen, eine gemeinsame Identit&#228;t zu schaffen, scheinen immer wieder zu scheitern – so beispielsweise in den Debatten um Hymne und Fahne im EU-Reformvertrag. Aber so schwierig es zu sein scheint, zu definieren was Europa ist, so klar liegt auf der Hand, was es nicht ist und wogegen es sich sch&#252;tzen muss: R&#252;ckst&#228;ndigkeit, Irrationalit&#228;t und all jene Dunkelheit, die aus dem Orient kommt. In Bezug auf die jeweiligen nationalen Identit&#228;ten scheint der Fall weniger kompliziert. Hier sind es eher gewisse Altlasten, die wenn schon nicht abgeworfen, dann wenigstens umgedeutet werden m&#252;ssen. Dies kann anhand der deutschen Leitkulturdebatte gezeigt werden werden. Der Autor Hartwig Pautz sieht die Wurzeln der Leitkulturdebatte in neo-rassistischen Argumenten sowohl formuliert durch die Neue Rechte als auch durch Samuel Huntington und seine Anh&#228;ngerInnen.<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a> Der Leitkulturbegriff als Ma&#223;stab f&#252;r die Integration von MigrantInnen an die deutsche Kultur wurde 1998 von Bassam Tibi gepr&#228;gt.<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> Friedrich Merz (CDU) brachte den Begriff dann auf die politische Agenda und verkn&#252;pft ihn mit dem Ideal der europ&#228;ischen Integration. Nachdem die CDU die Debatte vor allem im Feld der Einwanderungspolitik ansiedelte und nicht mit „Law and Order“ Assoziationen sparte, wurde der Begriff von linker Seite teilweise kritisiert. Allerdings sahen sich alle KritikerInnen gen&#246;tigt, trotzdem ihre Liebe zu Deutschland zu betonen (Gabi Zimmer, PDS) oder sich zumindest positiv auf den „Verfassungspatriotismus“ zu beziehen (Renate K&#252;nast, Die Gr&#252;nen). Der Begriff der Leitkultur verschwand zeitweise wieder aus den offiziellen CDU-Papieren. Was er impliziert, und zwar genau in dem Feld, in dem er urspr&#252;nglich angesiedelt war, ist aber nachhaltig gelungen: eine Umdeutung des Integrations- in einen Assimilationsbegriff, ohne dass dies ausgesprochen werden muss. Die praktischen Konsequenzen dieser Leitkultur-Metapher sind in erster Linie die in vielen L&#228;ndern eingef&#252;hrten Integrationsvertr&#228;ge, in Deutschland Einb&#252;rgerungstests. Von den ImmigrantInnen wird gefordert, nicht nur Sprache und Gesetzte zu beherrschen, sondern die Werte und Normen der Nation aktiv zu bef&#252;rworten und zu leben. Oder, wie es der CDU-Politiker J&#246;rg Sch&#246;nbohm etwas weniger politisch korrekt ausdr&#252;ckt: „Immigranten m&#252;ssen die Kultur anstreben, die sich seit Otto dem Gro&#223;en entwickelt hat, mit ganzem Herzen und nicht nur wegen der pers&#246;nlichen Vorteile der Immigration.“<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Auch in diesem Zusammenhang gab es in den letzten Jahren eine Verschiebung der Problemstellung vom allgemeinen „Ausl&#228;nderproblem“ zum Problem „der Muslime“. So ver&#246;ffentlichte das baden-w&#252;rtenbergische Innenministerium die Einsch&#228;tzung, man m&#252;sse „<em>Zweifeln, ob bei Muslimen generell davon auszugehen sei, dass ihr Bekenntnis bei der Einb&#252;rgerung auch ihrer tats&#228;chlichen inneren Einstellung entspreche</em><span>“.<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a> Damit werden Menschen muslimischer Religion pauschal als potentielle L&#252;gnerInnen abstraft.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a></p>
<h3>Abrechnung mit Multi-Kulti</h3>
<p>Mit Blick auf die mediale Resonanz dieser Werte- und Leitkultur-Debatte sowie auf das weitgehende Fehlen linker Interventionen l&#228;sst sich ein weiterer Faktor f&#252;r den Erfolg islamophober Diskursmuster im deutschsprachigen Raum ausmachen: die Verschiebung des politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zugunsten einer neuen Form des Konservativismus. So gelang es VertreterInnen religi&#246;ser, neo- oder rechtskonservativer und rechtsfeministischer Positionen in den letzten Jahren, eine gewisse ideologische Deutungshoheit zu erlangen und sich auch in jenen b&#252;rgerlichen Medien Geh&#246;r zu verschaffen, in denen noch in den 1990er Jahren vorwiegend linksliberale Positionen vertreten wurden. Der Wunsch, mit solchen Positionen und ihren ProtagonistInnen, d. h. vor allem „den 1968ern“ abzurechnen, ist neben einer christlich-religi&#246;s gepr&#228;gten Abwehrhaltung sicherlich einer der Hauptgr&#252;nde daf&#252;r, dass neokonservative Str&#246;mungen das Thema „Islam“ derart stark besetzen. Denn wenngleich diese Abrechnung – die im Kern auf eine grunds&#228;tzliche Delegitimierung emanzipatorischen Denkens und Handelns zielt – bereits seit Jahren im vollen Gange ist, so erh&#228;lt sie seit den Anschl&#228;gen von 9/11, dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh oder den „Gewaltexzessen ausl&#228;ndischer Gewaltt&#228;ter“ eine neue Sto&#223;richtung; sie wird zur Suche nach den gesellschaftlich Schuldigen f&#252;r die vermeintliche Misere: wer sonst als „die Linken“ und ihre „Multikulti-L&#252;ge“ (F</span><em>ocus</em><span>-Cover) kommen da in Frage, h&#228;tte deren „verhuschte Fremdenfreundlichkeit“ und „falsche Toleranz“<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> doch zu einer Gesellschaft gef&#252;hrt, die, wie </span><em>Spiegel</em><span>-Autor Henryk M. Broder mit seinem Bestseller „Hurra, wir kapitulieren“ warnt, einer angeblichen Unterwanderung durch islamistischen Str&#246;mungen v&#246;llig wehrlos gegen&#252;berst&#252;nde.<br />
Die strategische Ausrichtung einer solchen Argumentation, die zun&#228;chst Multikulturalismus vereinfachend mit Kulturrelativismus<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> gleichsetzt, um diesen dann f&#252;r eine „falsche Toleranz“ gegen&#252;ber der „Tsunami-Welle des islamischen Fundamentalismus“<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> verantwortlich zu machen, liegt auf der Hand: durch die gezielte Diskeditierung von AntirassistInnen als naive, weltfremde und letztlich gef&#228;hrliche „Gutmenschen“ wird versucht, Widerstand gegen rassistische (Einwanderungs- und Sicherheits-)Politik zu delegitimieren und so das Entstehen breiter (zivil-)gesellschaftlicher Allianzen zu verhindern (Lichterketten, Bewegung gegen Schwarz-Blau usw.). Gleichzeitig soll der Eindruck entstehen, dass umgekehrt f&#252;r eine „wirkliche Integration“<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a> der MuslimInnen deren Assimilation an eine „deutsche“, „&#246;sterreichische“ oder „europ&#228;isch-westliche“ „Leitkultur“ der einzig gangbare Weg w&#228;re. Dass im Zuge einer derartigen, auf vermeintliche Gefahrenabwehr fokussierten Argumentation die positive Bezugnahme auf Volk und Nation rund um den Begriff „Leitkultur“ wieder salonf&#228;hig wird, passt insofern ins Bild, als insbesondere in Deutschland zuletzt Geschichtsrevisionismus und die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen auch fernab des rechten Randes fr&#246;hliche Urst&#228;nd’ feierten<a href="#anm60" title="anm_60" name="anm_60"><sup>60</sup></a>. Dass auch die Debatte um Islamismus davon nicht verschont bleibt, zeigen etwa Henryk Broder, der das gegenw&#228;rtige Verhalten Europas mit der Appeasement-Politik gegen&#252;ber Hitler vergleicht oder Alice Schwarzer, die islamistische „Mordbrigarden“ f&#252;r „gef&#228;hrlicher als die Nazis“<a href="#anm61" title="anm_61" name="anm_61"><sup>61</sup></a> h&#228;lt.</p>
<p>Das zentrale Ziel einer solchen Argumentation liegt indes wohl weniger in der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen als vielmehr im Versuch, durch die Konstruktion eines m&#246;glichst bedrohlichen Feindbildes in der Bev&#246;lkerung jene &#196;ngste zu sch&#252;ren, die f&#252;r die Durchsetzung der eigenen politischen Projekte notwendig sind. Neben bereits genannten innen- und sicherheitspolitischen Ma&#223;nahmen geht es im Zusammenhang mit dem Islam dabei – ganz im Sinne des Vordenkers Samuel Huntington – um die Legitimierung eines „Kampfs der Kulturen“ auf globaler Ebene und also um die Beteiligung am US-amerikanisch gef&#252;hrten „Krieg gegen den Terror“. Mit dessen VerfechterInnen in Think-Tanks in den USA verbindet VertreterInnen neo- und rechtskonservativer Positionen hierzulande ohnehin mehr als nur die Fokussierung auf den Iran als n&#228;chstem Angriffsziel: hier wie dort m&#252;ssen f&#252;r neoimperialistische Politik ausgerechnet jene „westlichen“, zugleich jedoch „universellen“ „Werte“ –</span><span>  </span>Freiheit, Demokratie und Menschenrechte – als Begr&#252;ndung herhalten, die in Folge des „Kriegs gegen den Terror“ weltweit mit F&#252;&#223;en getreten werden und gegen deren Verwirklichung in Europa und den USA selbst sich grade konservative Kreise seit Jahrhunderten (erfolgreich) verwehren. </p>
<h3>Frauenrechte und rechte Frauen</h3>
<p>Die Paradoxie einer solchen Argumentation wird dabei nirgendwo deutlicher als in der Debatte um Frauenrechte und weibliche Emanzipation. Denn wo einerseits Kirchenvertreter und konservative Parteien im Fahrwasser des „Eva-Prinzips“ publikumswirksam „f&#252;r eine neue Weiblichkeit“, mithin also f&#252;r die R&#252;ckkehr zu der von „der 68er-Bewegung“ vermeintlich abgeschafften Wertsch&#228;tzung f&#252;r Kinder, Familie und den gewaltt&#228;tigen Ehemann geworben wird, mutiert andererseits alles und jedeR – selbst noch die reaktion&#228;rsten VerfechterInnen von Heim-und-Herd – zu gl&#252;henden RadikalfeministInnen, wenn es um „den Islam“ geht. Diesem wird dabei unterstellt, im Hinblick auf Geschlechterverh&#228;ltnisse „kulturell“ r&#252;ckst&#228;ndig und vormodern zu sein und eine Form patriarchaler Unterdr&#252;ckung zu (re-)produzieren, &#252;ber die der fortschrittliche, durch die Emanzipation der Frauen gepr&#228;gte und daher &#252;berlegene „Westen“ l&#228;ngst hinaus w&#228;re. Derartig offenkundig kulturrassistisch wird indes nicht allein von jenen argumentiert, die – wie rechtskonservative Kreise – Frauenrechte und Sexismus <em>ausschlie&#223;lich</em><span> mit dem Ziel aufgreifen, versch&#228;rfte Repressionsma&#223;nahmen gegen MigrantInnen oder eine interventionistische Au&#223;enpolitik zu rechtfertigen. Vielmehr wird eine ganz &#228;hnliche Position auch von einem gegenw&#228;rtig &#252;beraus popul&#228;ren rechten Feminismus vertreten. Nicht zuf&#228;llig war es Alice Schwarzer und ihrer Zeitschrift </span><em>Emma</em><span> vorbehalten, in dieser Hinsicht eine fragw&#252;rdige VorreiterInnenrolle zu spielen: so prangerte </span><em>Emma</em><span> bereits 1993 in einem Dossier mit dem Titel „islamischer Fundamentalismus“ die Frauenunterdr&#252;ckung in so genannten islamischen L&#228;ndern auf eine Art und Weise an, die von verschiedener Seite als (kultur-)rassistisch ausgewiesen wurde.<a href="#anm62" title="anm_62" name="anm_62"><sup>62</sup></a> Dass es Schwarzer und KonsortInnen insbesondere in Folge von 9/11 und dem Mord an Theo van Gogh dennoch gelang, zu gefragten ExpertInnen in Sachen „islamischer Fundamentalismus und Frauen“ zu werden, sagt viel aus &#252;ber ein politisches Klima, in dem z. B. die Fokussierung auf das Kopftuch als Symbol f&#252;r die Unterdr&#252;ckung „der muslimischen Frau“ und also f&#252;r die Gewaltt&#228;tigkeit „des Islam“ l&#228;ngst zum ideologischen Allgemeingut geworden ist. Ohne an dieser Stelle auf die Einzelheiten der sogenannten Kopftuchdebatte(n) eingehen zu k&#246;nnen, sei auf eine inzwischen mehrheitsf&#228;hige Position verwiesen, die zun&#228;chst Sexismus als gesellschaftlichen Hauptwiderspruch setzt und Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse entlang anderer Kategorien (z. B. „Kultur“, Nationalit&#228;t) bewusst ignoriert, um dann ausschlie&#223;lich „den Islam“ in den Blick zu nehmen und das Ablegen des Kopftuches, d.h. die Abkehr vom Islam, zur Grundvoraussetzung von Emanzipation zu erkl&#228;ren.<a href="#anm63" title="anm_63" name="anm_63"><sup>63</sup></a> Im Zuge einer solchen Argumentation wird kopftuchtragenden Frauen nicht nur der Status als Subjekt ihrer eigenen Befreiung abgesprochen und die Komplexit&#228;t der Auseinandersetzungen und Differenzen innerhalb islamisch gepr&#228;gter Regionen und Communities zu Gunsten des Bildes eines homogenen „Islam“ ignoriert, sondern auch „der Westen“ als quasi-paradiesischer Ort der (weiblichen) Emanzipation konstruiert. Dies tr&#228;gt schlie&#223;lich auch dazu bei, die in europ&#228;ischen L&#228;ndern nach wie vor und angesichts des (neo-)konservativen Backlash mehr denn je existierenden patriarchalen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse zu &#252;berdecken.</p>
<h3>Islamophobie und die Linke</h3>
<p>Angesichts solcher Implikationen taucht freilich die Frage auf, warum auch Personen, die sich selbst als liberal oder links verstehen und in Bezug auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Fragestellungen progressive und emanzipatorische Positionen vertreten, der unkritischen Verabsolutierung eines wei&#223;en, mitteleurop&#228;ischen Frauenbildes in den Debatten um „den Islam“ nicht nur widerstandslos begegnen, sondern sie im Gegenteil selbst noch bef&#246;rdern. Als Paradebeispiel hierf&#252;r kann jener offene Brief gelten, in dem 2003 in Deutschland im Zuge der Kopftuchdebatte rund hundert FeministInnen und AntirassistInnen, unter ihnen Halina Bendkowski, Viola Roggenkamp, Seyran Ates und Frigga Haug, unverbl&#252;mt forderten, solche MigrantInnen, die aus „L&#228;ndern kommen, in denen M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen rechtlich privilegiert sind“, dann sofort auszuweisen, wenn sie das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes nicht explizit unterschreiben w&#252;rden. Auch wenn Frigga Haug diese Forderung, die letztlich auf eine rassistische Sondergesetzgebung hinauslaufen w&#252;rde, sp&#228;ter lediglich als „Provokation“ verstanden wissen wollte<a href="#anm64" title="anm_64" name="anm_64"><sup>64</sup></a>, so zeigt sich an diesem Fall die Gefahr, die von einem gegen&#252;ber dem eigenen (privilegierten) Standpunkt unkritischen, die bestehenden politischen und ideologischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse ignorierenden Universalismus gegenw&#228;rtig auch dann ausgeht, wenn an seinem emanzipatorischen Impetus kein Zweifel bestehen k&#246;nnte: nicht nur werden reaktion&#228;ren Kr&#228;ften aus politisch vermeintlich unbedenklicher Ecke Steilvorlagen f&#252;r die weitere Verbreitung islamophober Stereotype geliefert, es werden diese auch dort hoff&#228;hig gemacht, wo sich im Grunde antirassistischer Widerstand formulieren sollte. </p>
<h3>Kolonialer Gestus</h3>
<p>Die Seltenheit solidarischer Auseinandersetzung zum Thema Islamophobie sowie die damit einhergehende Unf&#228;higkeit, effektive antirassistische Positionen zu entwickeln, ist nicht zuletzt Ausdruck einer allgemeinen Krise der Linken. Der unkritische R&#252;ckgriff auf die „Werte der Aufkl&#228;rung“ als letzter Zufluchtsort einer desillusionierten Linken muss auch als Ergebnis zahlloser Niederlagen der letzten Jahrzehnte begriffen werden. So ist die Position, als R&#228;cherIn der Marginalisierten, der unterdr&#252;ckten Frauen und diskriminierten Homosexuellen aufzutreten, in ihrer kulturalisierten Umdeutung oft recht bequem, da sich dadurch eine Konfrontation mit den scheinbar &#252;berm&#228;chtigen Verh&#228;ltnissen, die tats&#228;chlich diese Ausschlussmechanismen produzieren, er&#252;brigt. Stattdessen wirft man sich in die Pose der RetterIn der Menschenrechte, um gemeinsam mit den Herrschenden religi&#246;s oder kulturell definierte Gruppen zum Hauptfeind zu erkl&#228;ren. Bei aller emanzipatorischer Motivation werden damit nicht nur die systematischen Effekte der Islamophobie erzeugt, sondern auch, durch die Subsumtion aller gesellschaftlichen Konflikte unter eine rassistische Dichotomisierung, reale Macht-, Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsverh&#228;ltnisse hegemonial stabilisiert. Der spezifisch „linken“ Auspr&#228;gung dieser islamophoben Praxis kommt dabei besondere Bedeutung zu. Diese hat einerseits die kritische Debatte zum Begriff der Kultur, wie sie in den 1980er und 1990er Jahren gef&#252;hrt wurde, rezipiert und wei&#223; scheinbar um deren nicht-angeborenen, nicht-statischen und hybriden Charakter Bescheid. Gleichzeitig fordert sie jedoch, etwa in der „Integrationsdebatte“, MuslimInnen ultimativ zur Konvertierung zu einer – letztlich doch gar nicht so hybriden – westlichen oder europ&#228;ischen „Wertegemeinschaft“ auf. Nicht so sehr die kulturrassistischen Positionen der „Neuen Rechten“, die der Trennung unvereinbarer Kulturkreise das Wort reden, stehen hier im Mittelpunkt, sondern der koloniale Gestus des aufgekl&#228;rten Europ&#228;ers: Alle Barbaren haben die Chance auf und Pflicht zu s&#228;kularer Erleuchtung. Ist das nicht das alte wie das neue an diesem Rassismus?</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> </span><em>Der Standard</em> vom 18. J&#228;nner 2008<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Miles, Robert: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, in: <em>Das Argument</em> 175 (1989), S. 353-367; Miles, Robert: Die Idee der „Rasse“ und Theorien &#252;ber Rassismus: &#220;berlegungen zur britischen Diskussion, in: Bielefeld, Ulrich (Hg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt? Neuausgabe. Hamburg 1998, S. 189-218<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Hall, Stuart: Rasse – Klasse – Ideologie, in: <em>Das Argument</em> 122 (1980), S. 507-511<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs, in: R&#228;thzel, Nora (Hg.): Theorien &#252;ber Rassismus, Hamburg 2000, S. 7-16, hier S. 14<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Balibar, Etienne: Gibt es einen ,neuen Rassismus‘?, in: <em>Das Argument</em> 175 (1989), S. 369-380, hier S. 374<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Hall, Stuart: „Die Frage des Multikulturalismus“, in: ders.: Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Ideologie, Identit&#228;t, Repr&#228;sentation, Hamburg 2004, S. 188-227, hier S. 205<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. ebd. S. 204f.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Vgl. Miles: Die Idee der „Rasse“ und Theorien &#252;ber Rassismus, a.a.O., S. 211f.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Vgl. Hall: Rasse – Klasse – Ideologie, a.a.O., S. 508f.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O., S. 14<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. Miles: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, a.a.O., S. 360f.; Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O., S. 10f.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Vgl. Balibar: Gibt es einen ,neuen Rassismus‘?, a.a.O., S. 370<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Als Neue Rechte (vorher „Junge Rechte“) bezeichneten sich erstmals die j&#252;ngeren Rechtsradikalen in der 1964 gegr&#252;ndeten NPD, um sich von den erfolglosen „alten Rechten“ abzugrenzen.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> www.thule-seminar.org<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Flatz, Christian/G&#228;rtner, Reinhold: Kultur statt ‘Rasse’. Analyse einer Bedeutungsverschiebung, in: Flatz, Christian u.a. (Hg.): Rassismus im virtuellen Raum, Hamburg 1998, S. 219-239, hier S.219<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Fischer, Gero/Gstettner, Peter (Hg.): Am K&#228;rntner Wesen k&#246;nnte diese Republik genesen. An den rechten Rand Europas: J&#246;rg Haiders „Erneuerungspolitik“, Klagenfurt/Celovec 1990.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Vgl. Taguieff, Pierre-Andre: La Force du préjugé. Essai sur le racisme et ses doubles, Paris 1988. Deutsche Ausgabe: Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double, Hamburg 2000<o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm1">19</a> Ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm201">20</a> Vgl. Krebs, Pierre (Hg.): Mut zur Identit&#228;t – Alternativen zum Prinzip der Gleichheit, T&#252;bingen 1988<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> NPD-Parteiprogramm, 8. Aufl. 2004, Berlin. http://partei.npd.de/medien/pdf/Parteiprogramm.pdf<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Demirovic, Alex (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, M&#252;nster 2002<o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Çaglar, Gazi: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel Huntingtons ,Kampf der Kulturen‘. &#220;berarb. und erg. Auflage, M&#252;nster 2002, S. 10<o></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. ebd., S. 13ff.<o></o><br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Huntington, Samuel P.: “The Clash of Civilizations?”, in: <em>Foreign Affairs</em> 72:3 (1993), S. 22-49<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Çaglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen, a.a.O.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Vgl. Huntington: The Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 23<o></o><br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Geiger, Klaus F.: Vorsicht: Kultur. Stichworte zu kommunizierenden Debatten, in: <em>Das Argument</em> 224 (1998), S. 81-90<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Huntington: The Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 40<o></o><br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Ebd., S. 25, 40<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Ebd., S. 39<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Ebd., S. 45<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Ebd., S. 35<o></o><br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Said, Edward W.: Orientalism, New York 1978. Deutsche, allerdings ungenaue &#220;bersetzung: Orientalismus, Frankfurt a. M. 1981<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Vgl. ebd., S. 48-50<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> Geiger: Vorsicht: Kultur, a.a.O., S. 82<o></o><br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a> Huntington, Samuel P.: “If not Civilization, What? Paradigms of the Post-Cold War World”, in: <em> Foreign Affairs</em> 72:5 (1993), S. 186-194, hier S. 192f.<br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a> Vgl. Huntington: Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 48f.<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a> Huntington war freilich Mitglied jener Kommission, die bereits 1987 dem damaligen US-Pr&#228;sidenten Ronald Reagan riet, sich vom Kommunismus als Hauptfeind zu l&#246;sen und sich st&#228;rker milit&#228;risch in regionalen und internen Konflikten auf anderen Kontinenten und den L&#228;ndern der „dritten Welt“ zu engagieren (vgl. Çaglar, a.a.O., S. 39, Anm. 70).<br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a> Geiger: Vorsicht: Kultur, a.a.O., S. 82<o></o><br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a> Keegan, John, <em>The Daily Telegraph</em>, 8. Oktober 2001<br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a> Fekete, Liz: Racism: the hidden cost of September 11, London, IRR, 2002<br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a> Flyghed, Janne: ‘Normalising the exceptional: the case of political violence’, in: <em>Policing and Society</em> 13:1 (2002)<o></o><br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a> <em>Copenhagen Post</em> (25. September 2003); <em>Aftenposten</em> (30. J&#228;nner 2004), nach Feteke, a.a.O.<br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a> <em>Junge Welt</em>, 4. J&#228;nner 2003<br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a> <em>Statewatch Bulletin</em> 13:6 (2003)<br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a> Zitiert im <em>Economist</em>, 25. Oktober 2003<br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a> Club 2 am 6. Februar 2008 „Hassliebe USA-Europa?“<o></o><br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a> Zur Debatte um die Aufkl&#228;rung vgl. den Artikel von Neil Davidson in dieser Ausgabe.<br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a> Pautz, Hartwig: Die deutsche Leitkultur. Eine Identit&#228;tsdebatte: Neue Rechte, Neorassismus und Normalisierungsbem&#252;hungen, Stuttgart 2005<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a> Tibi, Bassam: Europa ohne Identit&#228;t. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, M&#252;nchen 1998<o></o><br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a> <em>Junge Freiheit</em>, 19. M&#228;rz 1997<br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a> Aus der Pressemitteilung des baden-w&#252;rttembergischen Innenministeriums vom 14. Dezember 2005<o></o><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a> Al-Radwany, Marwa: Vortrag „Feindbild Islam – der neue Rassismus“ auf der „Marx is muss“-Konferenz in Berlin, November 2007<o></o><br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a> <em>Focus</em> 10.04.2006<br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a> Alice Schwarzer, zitiert nach Marx, Daniela: Vom ,feministischen Schreckgespenst‘ zur gefragten Expertin – Alice Schwarzers Islamismuskritik als Eintrittskarte in die Welt der Mainstream-Medien, in: J&#228;ger, Margarete/Link, J&#252;rgen (Hg.): Macht – Religion – Politik. Zur Renaissance religi&#246;ser Praktiken und Mentalit&#228;ten, M&#252;nster 2006, S. 209-230, hier S. 218<br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a> Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, dass Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden k&#246;nnen.<br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a> Broder, Henryk in: <em>Spiegel</em> 29. Dezember 2007; vgl. Aussagen von Susanne Winter zur FP&#214;-Neujahrskonferenz<br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a> Alice Schwarzer, zitiert nach Marx: Vom ,feministischen Schreckgespenst‘ zur gefragten Expertin, a.a.O.<br />
<a href="#anm_60" title="anm60" name="anm60">60</a> So wird heftig f&#252;r eine „neue Lust am Nationalstolz“ – so der Titel einer Diskussion bei Beckman – geworben, der Abschied von dem durch „Linke und politisch Korrekte“ aufgezwungen „Schuldkomplex“ gefordert und schlie&#223;lich die Einsicht vertreten, Hitler sei lediglich „ein Freak-Unfall der Deutschen“ (<em>Spiegel</em>-Kulturchef Matthias Mattusek) gewesen.<br />
<a href="#anm_61" title="anm61" name="anm61">61</a> Ebd., S. 213<br />
<a href="#anm_62" title="anm62" name="anm62">62</a> Vgl. Marx, Daniela: Krieg f&#252;r Frauen(rechte)? ,Pseudo-feministische‘ Kollateralsch&#228;den, in: Forum Wissenschaft 1 (2002), S. 34-37. Online: http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/441976.html<o></o><br />
<a href="#anm_63" title="anm63" name="anm63">63</a> Vgl. ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_64" title="anm64" name="anm64">64</a> Zur Debatte um diesen offenen Brief siehe u. a. http://www.iz3w.org/iz3w/Ausgaben/276/LP_s07.html, http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&amp;dig=2004/01/17/a0173<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
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		<title>Braucht der Kapitalismus ein Staatensystem?</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:46:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €<br />
<span id="more-65"></span><br />
Die Geburtsstunde des modernen internationalen Staatensystems wird gemeinhin mit dem Ende des Drei&#223;igj&#228;hrigen Kriegs im Westf&#228;lischen Frieden 1648 datiert. Hier sei, so die Ansicht nicht nur des Mainstreams der wissenschaftlichen Disziplin der „Internationalen Beziehungen“, die internationale Staatenordnung auf der Grundlage v&#246;lkerrechtlicher Vertr&#228;ge zwischen souver&#228;nen Territorialstaaten etabliert worden. Wenn heute &#252;ber Global Governance, die Internationalisierung des Staates etc. diskutiert wird, so erscheint jene geopolitische Ordnung als negative Referenzfolie, deren Prinzipien seit dreieinhalb Jahrhunderten die internationalen Beziehungen strukturiert h&#228;tten und erst in den letzten ein, zwei Jahrzehnten unterh&#246;hlt worden seien. Unabh&#228;ngig von den spezifischen theoretischen Positionen in den aktuellen Auseinandersetzungen dient 1648 daher als „Gr&#252;ndungsmythos“ eines ganzen Forschungsfelds.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Zentrales Anliegen von Teschkes Studie ist es, diesen Mythos als eben solchen zu entlarven – eine Ansicht, die sich zwar in der historischen Forschung l&#228;ngst durchgesetzt hat (z.B. Heinz Duchhardt, Ronald Asch), in den Politikwissenschaften bislang aber noch kaum reflektiert worden ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschkes Intervention setzt sicherlich eine zumindest grobe Kenntnis der Theorien der Internationalen Beziehungen voraus. In dreifacher Frontstellung sowohl gegen die Ahistorizit&#228;t neorealistischer Theorien, die neoweberianische Historische Soziologie sowie den orthodoxen Marxismus, der bei Teschke im Wesentlichen auf jene Positionen reduziert wird, die Robert Brenner als „smithianischen“ und „neomalthusianischen“ Marxismus bezeichnet hat, zeigt Teschke, dass die internationale Staatenordnung im 17. Jahrhundert weiterhin von der vormodernen Dynamik dynastischer Konflikte gepr&#228;gt blieb. Staatliche Politiken waren immer noch in h&#246;chstem Ma&#223; von personalisierten Verh&#228;ltnissen bestimmt. Sinnvollerweise k&#246;nne erst mit der f&#252;r die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen Trennung von Politik und &#214;konomie von einer modernen geopolitischen Ordnung gesprochen werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die begrifflichen Probleme f&#252;r die Konstitutionsbedingungen moderner Staatlichkeit und des modernen Staatensystems, die sich aus dieser Kritik ergeben, entwickelt Teschke in einem ambitionierten Gro&#223;entwurf, der nicht weniger sein m&#246;chte als eine „theoriegeleitete Rekonstruktion der Genese und Entwicklung des europ&#228;ischen Staatensystems vom Karolingerreich bis zur Fr&#252;hneuzeit, verstanden als Untersuchung der Konstitution und des Strukturwandels internationaler Ordnungen.“ (12)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Explizit st&#252;tzt sich Teschke in diesem Unternehmen auf den „politischen Marxismus“ der „Brenner-Schule“, der die gesellschaftlichen Eigentumsverh&#228;ltnisse (</span><em>social property relations</em><span>) und die mit ihnen verbundenen Klassenk&#228;mpfe ins Zentrum der theoretischen Erkl&#228;rung r&#252;ckt. Die Varianz, die ungleichzeitige Entwicklung und die Dynamik der Transformation geopolitischer Formationen und Beziehungen wurzeln, so Teschke, letztlich in Klassenverh&#228;ltnissen, die „dem Internationalen“ einen bestimmten sozialen Gehalt aufpr&#228;gen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschke entfaltet sein Argument, das &#252;ber weite Strecken Brenner folgt, in drei Schritten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Zun&#228;chst wird der Charakter der mittelalterlichen geopolitischen Ordnung aus den spezifischen feudalen Eigentumsverh&#228;ltnissen entwickelt. Die feudale Produktionsweise sei grundlegend durch die politische und milit&#228;rische („au&#223;er&#246;konomische“) Gewalt in der Aneignung des b&#228;uerlichen Mehrprodukts durch die Grundherren charakterisiert. Die damit verbundenen widerspr&#252;chlichen Reproduktionsstrategien der Klassen bedingten strukturelle Grenzen f&#252;r die Produktivkraftentwicklung, da weder abh&#228;ngige Bauern noch Grundherren Mittel und Interesse an einer intensiven Entwicklung der Arbeitsproduktivit&#228;t aufwiesen. Vielmehr &#252;bersetzten sich die Klassengegens&#228;tze der Feudalgesellschaften in einen systematischen Drang zur Konzentration der Zwangsmittel und territorialer Expansion, einen Prozess, den Teschke im Anschluss an Brenner als „politische und geopolitische Akkumulation“ bezeichnet. Da die Kontrolle &#252;ber die Gewaltmittel unter den fragmentierten grundherrschaftlichen Adel diffundiert war, manifestierte sich die extensive Dynamik als permanente milit&#228;rische Konkurrenz zwischen den Herren, die in der Institution der Fehde als „legitime Gewalt“ rechtlich sanktioniert war. Demnach kann in diesem geopolitischen System der Rivalit&#228;t parzellierter Souver&#228;nit&#228;ten keine sinnvolle Unterscheidung zwischen innerer und „internationaler“ Sph&#228;re gezogen werden, genauso wenig wie die Form gewaltf&#246;rmiger Mehrproduktaneignung eine Trennung zwischen Politik und &#214;konomie zul&#228;sst.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Die zersplitterten Grundherrschaften, die den „klassischen“ Feudalismus, so wie er sich seit dem „Umbruch im Jahr 1000“ (Guy Bois) pr&#228;sentierte, kennzeichneten, wurden seit dem 12. Jahrhundert, als Ergebnis der Tendenz zur (geo)politischen Akkumulation, in politischen Gemeinwesen zusammengefasst. Diese feudalen Staaten seien jedoch nicht als zentralisierte Monarchien zu verstehen, sondern als „Ensembles von Herrschaften“, zusammengehalten durch personale Bindungen (Lehenstreue), ihnen fehlte jede „abstrakte institutionelle Existenz jenseits der Lebenszeit individueller Herrscher“. (71) <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Seit dem Sp&#228;tmittelalters etablierte sich aus dieser Dynamik ein „politisches Pluriversum“ dynastischer K&#246;nigreiche als konstitutives Merkmal der europ&#228;ischen Geopolitik, in denen die Anf&#228;nge einer Differenzierung zwischen „dem Inneren“ und „dem Internationalen“ begr&#252;ndet sind. Die Logik der politischen und geopolitischen Akkumulation formierte so den politischen Raum Europas zu einem vormodernen Staatensystem. (144)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>3. Anders als die Orthodoxien der Theorie der Internationalen Beziehungen begreift Teschke die Rekonfiguration politischer Herrschaft infolge der „Krise des 14. Jahrhunderts“ nicht als Beginn eines Prozesses der Herausbildung moderner Staatlichkeit, eines strukturellen Bruchs zur Moderne, sondern differenziert zwei Entwicklungspfade, die er am Beispiel Frankreichs und Englands erl&#228;utert: Frankreich steht hier f&#252;r den &#220;bergang vom Feudalismus zum Absolutismus, der einer vormodernen Dynamik verhaftet blieb, und auch nicht als widerspr&#252;chliches „&#220;bergangsph&#228;nomen“ in der Entwicklung des Kapitalismus behandelt werden d&#252;rfe, w&#228;hrend sich in England, und nur dort, als Ergebnis der au&#223;ergew&#246;hnlichen Form zentralisierter feudaler Staatlichkeit seit 1066 und der unintendierten Folgen der sp&#228;tmittelalterlichen Klassenk&#228;mpfe kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse in der Landwirtschaft und ein moderner Staat entwickeln konnten (die klassische Brenner-These).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aufgrund der stark fragmentierten Formen lokaler Herrengewalt in Frankreich gelang es den Bauern, sich im Zuge der sozialen Auseinandersetzungen der sp&#228;tmittelalterlichen Krise des Feudalismus weitgehend aus grundherrlichen Abh&#228;ngigkeiten zu befreien. Dennoch bedeutete die Aufl&#246;sung der Leibeigenschaft nicht die &#220;berwindung, sondern nur die Neustrukturierung „feudaler“ Verh&#228;ltnisse: einerseits die Zentralisierung parzellierter politisch-milit&#228;rischer Aneignungsgewalt im absolutistischen Staat, zugleich die Reorganisierung der Ausbeutung auf Grundlage des Steuersystems. Der absolutistische Staat blieb demnach dynastischer Patrimonialstaat, eine Form personalisierter politischer Herrschaft, wovon etwa auch die Praxis des &#196;mterkaufs zeugt, die gerade f&#252;r die Integration des aufstrebenden Manufaktur- und Handelskapitals eine entscheidende Rolle spielte. Folglich m&#252;sssen auch der fr&#252;hneuzeitliche Aufbau maritimer Imperien und die Internationalisierung der &#214;konomie im Merkantilismus weiterhin als nicht-kapitalistische Ph&#228;nomene gelten, die in die typisch vormoderne Logik (geo-)politischer Akkumulation eingebunden waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Demgegen&#252;ber gelang es dem Feudaladel in England, Eigentumsrechte &#252;ber einen Gro&#223;teil des durch die demographische Krise des 14. Jahrhunderts vakant gewordenen Bodens ohne st&#228;rkere staatliche Zentralisation durchzusetzen, auch wenn die Bauern nicht wieder in die Leibeigenschaft gezwungen werden konnten. Diese Konstellation, in der die Klassenk&#228;mpfe weder eindeutig zugunsten der Grundherren, noch zugunsten der Bauern entschieden wurden, beg&#252;nstigte die Herausbildung neuer, genuin kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse, die durch die Trias Grundherr – kapitalistischer Pachtbauer – freier Lohnarbeiter gekennzeichnet waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die Kapitalismuskonzeption, auf die sich Teschke hier st&#252;tzt, setzt sich explizit von jenen Ans&#228;tzen ab, die diesen auf die Zirkulationssph&#228;re reduzieren, d.h. auf die Ausbreitung von Handel und M&#228;rkten, was ja nicht allein f&#252;r die englische Landwirtschaft charakteristisch gewesen w&#228;re. Kapitalismus nach Teschke bezeichnet vielmehr spezifische Verh&#228;ltnisse zwischen den von den Subsistenzmitteln getrennten und daher den Imperativen des Marktes unterworfenen unmittelbaren ProduzentInnen (freie LohnarbeiterInnen) und den Eigent&#252;merInnen der Produktionsmittel. Mit dieser Konzeption des Kapitalismus sei auch eine bestimmte Theorie des modernen Staates impliziert. Denn wenn das kapitalistische Eigentumsregime im Unterschied zum feudalen gerade durch die Abwesenheit politischer Aneignungsgewalt charakterisiert ist, so liegt genau darin die Differenzierung von Politik und &#214;konomie begr&#252;ndet. Der entpersonalisierte Staat greift nicht mehr direkt in den Produktionsprozess ein sondern beschr&#228;nkt sich darauf, das Eigentumsregime durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Die staatliche Institutionalisierung des privaten Eigentumsregimes in Form einer Reihe privater Rechte erscheint somit als notwendige Bedingung der „Entbettung des Marktes“ (Polanyi). Genau jene Rekonfiguration von Staatlichkeit k&#246;nne nun f&#252;r England seit dem sp&#228;ten 17. Jahrhundert (im Wesentlichen seit der Glorious Revolution 1688) konstatiert werden, womit auch die Dynamik der internationalen Beziehungen Englands grundlegend transformiert wurde, die sich aus der vormodernen Logik geopolitischer Akkumulation zu l&#246;sen begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Damit ist aber die Frage nach dem Verh&#228;ltnis des Kapitalismus, nicht zum modernen Staat, sondern zum internationalen System von Staaten (im Plural) noch nicht gekl&#228;rt. Wenn der moderne Staat dem Kapitalverh&#228;ltnis inh&#228;rent ist, kann selbiges auch f&#252;r die Pluralit&#228;t des Staatensystems behauptet werden? Teschke verneint das: das politische „Staatenpluriversum“ sei vielmehr kontingentes historisches Erbe der Vormoderne und k&#246;nne nicht aus dem Kapitalverh&#228;ltnis abgeleitet werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>In einem bis ins fr&#252;he 20. Jahrhundert andauernden, vom England des sp&#228;ten 17. Jahrhunderts ausgehenden Prozess wurden moderne Staatlichkeit und kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse im vormodernen europ&#228;ischen Staatensystem in Form „gesellschaftlich uneinheitlicher aber geopolitisch kombinierter Entwicklung“ universalisiert. Endogen seien kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse und moderner Staat einzig und allein im fr&#252;hneuzeitlichen England entstanden, deren geopolitisch vermittelte Ausbreitung die Funktionsweise und Akkumulationslogik des bestehenden dynastisch-absolutistischen Systems langsam durchsetzten und in eine moderne internationale Ordnung transformierten. Der Kapitalismus trat somit „innerhalb eines vorgeformten Staatensystems in Erscheinung“ (241), das selbst keine Funktion des Kapitalismus war, jedoch mit diesem Staatensystem zu einer widerspr&#252;chlichen Einheit verwuchs. Die spezifische Art und Weise, wie Staaten auf die geopolitische Expansion des Kapitalismus reagierten, war dabei selbst Ausdruck bestimmter Klassenkonstellationen im Inneren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit der Herausbildung eines globalen Weltmarkts stehen wir nun an jenem historischen Punkt, an dem sich die modernen internationalen Beziehungen tats&#228;chlich im Weltma&#223;stab durchgesetzt haben. Dadurch w&#252;rde zwar das System territorial zersplitterter Staaten nicht aufgehoben, die Eliminierung der vormodernen Logik politischer Akkumulation durch Krieg k&#246;nnte aber zumindest die M&#246;glichkeit einer internationalen Ordnung er&#246;ffnen, die sich auf „das multilaterale politische Management des Krisenpotentials des globalen Kapitals und die Regulierung der Weltwirtschaft durch die f&#252;hrenden kapitalistischen Staaten“ beschr&#228;nkt. (244) Ein vers&#246;hnlicher Gedanke zum Schluss!<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit </span><em>Mythos 1648</em><span> hat Teschke eine empirisch detaillierte und theoretisch stringente Studie vorgelegt, die die Debatte der kritischen Internationalen Beziehungen und Internationalen Politischen &#214;konomie noch lange besch&#228;ftigen wird. Freilich ist vieles schon bei Brenner nachzulesen und bleibt in der historischen Darstellung oft schematisch und undifferenziert. In aller K&#252;rze sollen hier aber nur zwei Punkte angedeutet werden, denen sich eine kritische Auseinandersetzung zu stellen hat:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Mit dem starken Bezug auf Brenners Beitrag in der Debatte zum „&#220;bergang“ vom Feudalismus zum Kapitalismus importiert Teschke auch alle Probleme, die mit Brenners Thesen verbunden sind. Am schwersten wiegt dabei Brenners Hypostasierung des Kapitalismusbegriffs.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Gerade vorm Hintergrund, dass Teschke gro&#223;en Wert auf die Unebenheiten und Ungleichzeitigkeiten historischer Prozesse legt, erscheint Brenners Theorie nur bedingt hilfreich. Nach Brenner h&#228;tten sich genuin kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse nur in England, und dort nur in der Landwirtschaft entwickelt. Ausgeblendet bleiben dabei regionale Kristallisationspunkte kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in anderen L&#228;ndern ebenso wie „&#220;bergangsformen“ wie Handelskapital und Protoindustrie, die in widerspr&#252;chlicher Einheit mit einem System personaler Herrschaft existierten. Zwar kann hier tats&#228;chlich nicht von kapitalistischen Formen </span><em>sui generis</em><span> gesprochen werden. Teschke verbaut sich aber den Weg zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit solchen &#220;bergangsformen weil sein Kapitalismusbegriff auf der abstrakten Ebene der Produktionsweise verharrt und sich f&#252;r historisch-konkrete Kapitalismen eigentlich nicht interessiert. Das f&#252;hrt zu Schwarzwei&#223;malerei und Formalismus: entweder ganz kapitalistisch oder gar nicht. Eine historische Analyse, die das Konzept ungleicher und kombinierter Entwicklung ernst nimmt, m&#252;sste aber gerade danach fragen, inwieweit protokapitalistische &#220;bergangsformen die Matrix gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse durchsetzen und durch die Akkumulation &#246;konomischer und politischer Macht die alte Ordnung sukzessive untergraben konnten. Der Effekt w&#228;re sowohl die Bindung vieler Protokapitalisten an das bestehende politische Regime, zugleich aber auch die Transformation des Charakters dieses Regimes, sodass alte Formen neue, b&#252;rgerliche Verh&#228;ltnisse verdecken. Schlie&#223;lich w&#252;rde ein Punkt erreicht, der eine Ver&#228;nderung der Staatsform erfordert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Unabh&#228;ngig vom Problem personalisierter Herrschaft m&#252;sste deshalb gefragt werden, ob absolutistische Politiken Formen der politischen Aneignungsgewalt konservierten oder kapitalistische Entwicklung bef&#246;rderten. Und es m&#252;sste die Frage gestellt werden, ob jene Ereignisse, die gemeinhin als b&#252;rgerliche Revolutionen bezeichnet werden, nicht gerade Rekonfigurationen in der Form der Staatlichkeit bedingten, die solche Entwicklungen forcierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Bei Teschke erscheinen Feudalismus/Absolutismus aber als System, das nicht aus seinen inneren Widerspr&#252;chen heraus unterminiert werden kann. Die M&#246;glichkeit endogener kapitalistischer Entwicklung wird somit zum &#228;u&#223;erst unwahrscheinlichen Produkt konjunktureller Zuf&#228;lle. Die Impulse zu kapitalistischer Transformation und politischer Rekonfiguration werden, mit Ausnahme Englands, exogenisiert, und auf die internationale Ebene geopolitischen Modernisierungsdrucks verlagert. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dieselbe Kritik trifft auch Teschkes Diskussion des vormodernen Charakters des Kolonialismus. Weil der strukturale Nexus zwischen Politik und &#214;konomie nicht zerst&#246;rt war sei dieser vor-kapitalistisch gewesen. Wieder die Hypostasierung </span><em>des</em><span> Kapitalismus, die den Einbruch des Politischen in die &#214;konomie nur als nicht-kapitalistisch verstehen kann, statt konkreter Analyse historischer kapitalistischer Formationen in ihrer Variabilit&#228;t. Die Trennung Politik-&#214;konomie im Kapitalismus ist aber eine st&#228;ndige neu verhandelte Tendenz, kein Strukturprinzip. In diesem Sinn k&#246;nnte dann behauptet werden, dass der merkantile Kolonialismus sowohl feudale als auch kapitalistische Imperative verfolgte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Sobald wir Ans&#228;tze kapitalistischer Entwicklung nicht auf England einengen und die absolutistischen Staaten als widerspr&#252;chliche Formationen begreifen, die nicht so einfach in das formalistische Korsett vormoderner Staatlichkeit gezw&#228;ngt werden k&#246;nnen, erscheint die Frage nach dem Charakter des neuzeitlichen Staatensystems als weit komplexeres Problem, als in Teschkes Darstellung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aber selbst dann, wenn Teschkes These als historisches Argument akzeptiert wird, ist damit noch nicht gezeigt, dass Staatensystem und Kapitalismus nicht logisch zusammenh&#228;ngen k&#246;nnen. Eine solche Behauptung verwechselt historische Genese mit begrifflicher Struktur.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Das entscheidende Problem scheint mir Teschkes, von Ellen Wood &#252;bernommene, </span><em>strikte</em><span> Trennung von Politik und &#214;konomie in der Charakterisierung moderner Staatlichkeit, deren Funktion sich auf die Sicherung der Bedingungen einer prinzipiell universalen &#246;konomischen Akkumulationslogik reduziert. Die Durchsetzung des Kapitalismus w&#228;re demnach von der </span><em>Trennung</em><span> von Geopolitik und &#246;konomischer Akkumulation, vom R&#252;ckzug politischen Zwangs aus der Sph&#228;re des Internationalen begleitet gewesen. Dabei wird aber ausgeblendet, dass die kapitalistische Akkumulation selbst nicht glatt verl&#228;uft, sondern ihre eigenen geographischen Konzentrationen und Unebenheiten – raum-zeitliche Fixierungen (Harvey) – erzeugt, und die Trennung von Politik und &#214;konomie im Kapitalismus nie so absolut war, wie Teschkes Modell fordert. Im Ergebnis war daher die geopolitische Machtlogik immer schon Element der modernen kapitalistischen Staatenordnung, wenn auch &#252;berformt und in widerspr&#252;chlicher Verschr&#228;nkung mit der Logik &#246;konomischer Akkumulation. Genau diesen Prozess versucht die marxistische Imperialismustheorie zu fassen, und genau in diesem Punkt werden auch die politischen Konsequenzen von Teschkes Studie deutlich: wenn geopolitische Konflikte nur historisches Erbe, &#220;berreste der vormodern Staatenordnung sind, dann landen wir bei jenem Zukunftsszenario Teschkes, das nicht zuf&#228;llig an Kautskys Ultraimperialismustheorie erinnert: Kriege haben mit dem Kapitalismus eigentlich nichts zu tun, ein befriedeter Kapitalismus, in dem sich staatliche Politik auf das harmonische Management der Bedingungen der &#246;konomischen Akkumulation beschr&#228;nkt, ist zumindest denkbar. Letztlich kann Teschkes Dichotomisierung von absolutistischer, vormoderner und moderner, kapitalistischer Staatenordnung nicht &#252;berzeugen, weder theoretisch noch politisch.<o></o></span></p>
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		<title>Der andere Iran</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 07:05:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.<br />
<span id="more-88"></span><br />
Der Iran unterlag im 20. Jahrhundert einer langen Periode ausl&#228;ndischer Kontrolle und Ausbeutung. Grund daf&#252;r war die geostrategische Lage als Br&#252;cke zwischen der Arabischen Welt, Europa und Asien sowie dessen Reichtum an Erd&#246;l.</p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir uns &#252;ber die aktuelle Situation der „Islamischen Republik“ klar werden wollen, m&#252;ssen wir zu den Wurzeln der Entstehung dieses Systems zur&#252;ckkehren. Diese liegen in einem der gr&#246;&#223;ten sozialen und politischen Umbr&#252;che, der den Mittleren Osten im 20. Jahrhundert ersch&#252;tterte, der iranischen Revolution von 1978/79.</p>
<h3>Shahdiktatur und Revolution</h3>
<p>W&#228;hrend der 60er und 70er Jahre fanden im Iran massive &#246;konomische und soziale Ver&#228;nderungen statt. Durch die Profite aus den &#214;lgesch&#228;ften konnte in westliche Technologie, Industrialisierung und eine begrenzte Verbesserung der Gesundheits- und Bildungssituation investiert werden. Der Pahlavi-Staat<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, unterst&#252;tzt vom Westen, war dabei die Hauptkraft in der Akkumulation von Kapital. Doch nur eine kleine Minderheit konnte von diesen Entwicklungen profitieren. Die von den USA und dem Westen unterst&#252;tzte Shah-Regierung verhalf einer kleinen Oberschicht von Kapitalisten, Gro&#223;grundbesitzern und Staatsb&#252;rokraten zu Reichtum, w&#228;hrend die Mehrheit der IranerInnen in wachsender Armut leben musste. Obwohl das Bruttonationaleinkommen pro Kopf 1978 bei mehr als 2.000 Dollar lag, hatten 87% der D&#246;rfer keine Schule, nur 1% besa&#223; medizinische Einrichtungen, die Preise stiegen kontinuierlich und 40-50% des Budgets wurden f&#252;r Milit&#228;rausgaben verwendet.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Durch die Einf&#252;hrung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in die iranische Landwirtschaft konnten viele Menschen gegen die Konkurrenz nicht mehr bestehen. Sie wanderten in die St&#228;dte, wo sie in Wellblechst&#228;dten und Armut leben mussten. Gleichzeitig verloren auch die traditionell privilegierten Klassen an Einfluss und Wohlstand. Die Geistlichkeit b&#252;&#223;te einen gro&#223;en Teil ihres Gro&#223;grundbesitzes nach den Bodenreformen des Shahs ein und die <em>Bazaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute der Bazare) litten unter der Konkurrenz in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Diese &#246;konomischen und sozialen Verh&#228;ltnisse wurden von einem massiven Repressionsapparat gesichert.</p>
<p>Die Revolution von 1978-79 war das Resultat enormer Unzufriedenheit mit wachsenden sozialen und &#246;konomischen Disparit&#228;ten, einer Wut gegen die brutale politische Repression und dem Ausschluss der Mehrheit aus dem politischen System des Shahs. Die Bewegung gegen diese politische und soziale Unterdr&#252;ckung wurde von ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen sowie nationalen und religi&#246;sen Minderheiten getragen. Sie brachten eines der brutalsten vom Westen unterst&#252;tzten Regime im Mittleren Osten zu Fall.<br />
Der Kampf der iranischen ArbeiterInnen war neben der StudentInnen- und Frauenbewegung ein wesentliches Element der Revolution. Sie hatten durch ihren Generalstreik der alten Ordnung den letzten Sto&#223; verpasst und eine selbstbewusste radikale Wandlung durchgemacht. Sie begannen sich in ArbeiterInnenr&#228;ten (<em>Shoras</em>) zu organisieren und &#252;bernahmen, nachdem die alten Manager und Bosse geflohen waren, die Kontrolle &#252;ber die Produktion in den Fabriken.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Die Entwicklung der Islamischen Republik</h3>
<p>Die nach dem Sturz des Shah-Regimes erk&#228;mpfte politische Freiheit erm&#246;glichte es sozialen Gruppen, Parteien und Initiativen zum ersten Mal seit 26 Jahren sich frei zu organisieren. Das Streben nach politischer Partizipation und sozialer Gerechtigkeit pr&#228;gten diese Zeit. Obwohl die Geistlichen durch die Unterst&#252;tzung der st&#228;dtischen verarmten Massen und der religi&#246;sen Mittelschicht die F&#252;hrung in der Revolution gewinnen konnten, war ihre Macht noch nicht gefestigt. Allerdings f&#252;hrte das Versagen der linken und s&#228;kularen Kr&#228;fte<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> dazu, dass sie diese immer weiter ausbauen konnten. Als Vehikel zur Massenverankerung der islamischen Bewegung dienten die sogenannten <em>Komiteh</em> (politische Gremien), die aus den Moscheen heraus die administrativ-politischen Aufgaben &#252;bernahmen. Damit verbunden entstand die <em>Basidji</em>-Organisation, eine Art Volksmiliz mit dem Ziel, die Menschen f&#252;r die Islamische Revolution zu mobilisieren.</p>
<h3>Machtkonsolidierung</h3>
<p>Die 80er Jahre standen zun&#228;chst im Zeichen materieller Zugest&#228;ndnisse an die Basis der Islamischen Bewegung. Das vom Shah und seinen Verb&#252;ndeten konfiszierte Verm&#246;gen und Eigentum wurde durch Islamische Stiftungen (<em>Bonjad</em>) verwaltet und umverteilt. Die religi&#246;se Mittelklasse, die st&#228;dtischen SlumbewohnerInnen und ArbeiterInnen, die den Islamischen Staat unterst&#252;tzen, wurden bei Anstellungen und Bildungsm&#246;glichkeiten beg&#252;nstigt. Dieses Vorgehen erkl&#228;rt den R&#252;ckhalt des Regimes in den &#228;rmeren iranischen Schichten. Dies war jedoch verbunden mit der Konsolidierung der Macht der islamischen Eliten. Schleichend wurden die Strukturen von unten, welche sich w&#228;hrend der Revolution etabliert hatten, ausgeh&#246;hlt. Zum Beispiel wurden die ArbeiterInnenschoras wieder aufgel&#246;st und die Kontrolle &#252;ber die Betriebe ging in die Hand „islamischer Manager“ &#252;ber.</p>
<p>Der zweite Aspekt auf dem Weg zur Festigung der Macht war die Instrumentalisierung au&#223;enpolitischer Krisen. Der vom Irak 1980 angezettelte Krieg gegen den Iran war hier ein entscheidender Schritt. „Der Krieg verschleierte die schwere wirtschaftliche Krise und konnte au&#223;erdem f&#252;r die Nichteinl&#246;sung so mancher Versprechen der Revolution verantwortlich gemacht werden.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Au&#223;erdem wirkte er wie ein neuerlicher Mobilisierungsschub f&#252;r die Islamische Republik. „Denn selbst die Iraner, die eigentlich gegen die Islamische Republik waren, wechselten im Zuge der Verteidigung gegen die ausl&#228;ndischen Aggressoren in Khomeinis<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lager.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> In dieser Situation konnten die Reste der linken und nationalistischen Opposition ausgeschaltet werden. S&#228;kulare Frauen- und StudentInnenorganisationen wurden brutal verfolgt und durch islamische Organisationen ersetzt.</p>
<p>Der Iran-Irak Krieg endete 1988 mit Tausenden Toten und massiver Zerst&#246;rung von Infrastruktur sowie wichtiger wirtschaftlicher Sektoren. Die dramatischen Auswirkungen des Krieges schw&#228;chten den R&#252;ckhalt der islamischen F&#252;hrung in der Bev&#246;lkerung.</p>
<h3>&#214;konomische Liberalisierung</h3>
<p>Das Ende des Krieges brachte eine Verschiebung der Machtverh&#228;ltnisse in der islamischen F&#252;hrung und im Zuge dessen eine wirtschaftliche Neuausrichtung mit sich. Der unangefochtene Revolutionsf&#252;hrer Ayatollah Khomeini hatte es bis dahin noch geschafft, die verschiedenen Fraktionen der islamischen Bewegung zu vereinen. Mit seinem Tod 1989 und neuer politischer und &#246;konomischer Rahmenbedingungen zerbrach dieses B&#252;ndnis und es setzte sich ein wirtschaftsliberaler Kurs unter dem einflussreichen Geistlichen Haschemi Rafsanjani<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> durch. Der Wirtschaftswissenschaftler Mahdy Farhadian beschreibt die Neuausrichtung der Islamischen Republik: „Nach einem Jahrzehnt der aktiven Interventionen des Staates in die Wirtschaft verschob sich die <em>balance of power</em> innerhalb der Wirtschaft, weg von den mostasaffin, den Unterdr&#252;ckten, und hin zur Bourgeoisie und ihrer verb&#252;ndeten Mittelklasse. Dieser Trend wird verst&#228;rkt durch die Deregulierung der Preise auf Lebensmittel und andere G&#252;ter sowie Dienstleistungen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Dazu kam, dass die Privatisierung von nicht rentablen Staatsbetrieben zu einer sch&#228;rferen Situation am Arbeitsmarkt beitrug. Dieser neue Kurs war in der Bev&#246;lkerung unpopul&#228;r, und selbst innerhalb des islamischen Lagers nicht unumstritten. Es kam in dieser Situation zu einem wachsenden Spalt zwischen einer korrupten geistlichen Oberschicht und der verarmten Bev&#246;lkerung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, als auch zu immer deutlicheren Differenzen zwischen Radikalislamisten, Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Islamischen Reformern.</p>
<p>Viele prominente Geistliche<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> und ehemalige Islamische Revolution&#228;re begannen aufgrund anhaltender politischer Repression offene Kritik an der konservativen F&#252;hrung zu &#228;u&#223;ern und manche sogar die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> in Frage zu stellen.</p>
<h3>Reformbewegung von oben</h3>
<p>Auch in der iranischen Bev&#246;lkerung wuchs die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen – Proteste wurden lauter. Diese Stimmung f&#252;hrte 1997 zur Wahl des reformfreundlichen Geistlichen Khatami<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, welcher vor allem mit den Stimmen der Frauen und Jugendlichen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt wurde. Die neue Regierung bot der Bewegung von unten den Rahmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Pressezensur wurde nach und nach ausgeh&#246;lt und es entwickelte sich eine breite, von den neuen Medien und sozialen Gruppen getragene, &#246;ffentliche politische Debatte. Es kam zu Protesten und Auseinandersetzungen f&#252;r eine politische Liberalisierung. Trotz Redaktionsschlie&#223;ungen von Reformzeitungen, Verhaftungen von AktivistInnen und politischer Morde lie&#223; sich die Bewegung nicht einsch&#252;chtern.<br />
Ab der zweiten Amtsperiode Khatamis spitzte sich die wirtschaftliche Situation weiter zu. Das Wirtschaftsprogramm sah weitreichende Privatisierungen<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, weitere Deregulierung des Marktes und Einschnitte in das Sozialsystem vor. Die allgemeinen Lebensbedingungen sanken aufgrund der Reduktion sozialer Leistungen. Die Arbeitslosigkeit unter der seit den 80er Jahren rasch anwachsenden Bev&#246;lkerung stieg. All dies f&#252;hrte zu sozialer Unzufriedenheit und gro&#223;er Entt&#228;uschung mit der reformistischen Regierung.<br />
Ein erster Bruch zwischen der Reformbewegung auf der Stra&#223;e und der reformistischen Regierung manifestierte sich mit den StudentInnenprotesten 1999. Khatami stellte sich offen auf die Seite des Systems und verurteilte die Proteste. Das war f&#252;r die StudentInnen, die auf Khatami vertraut hatten, ein Schlag ins Gesicht – die Regierung hatte sich von der Bewegung distanziert.<br />
Auch innerhalb der herrschenden Klasse konnten sich die Reformisten immer schlechter durchsetzten. Ihre Anstrengungen das politische System zu reformieren stie&#223;en auf den Widerstand noch m&#228;chtigerer Instanzen wie zum Beispiel Revolutionsf&#252;hrer Khamenei<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und W&#228;chterrat. Die Bem&#252;hungen f&#252;r eine institutionelle Reform scheiterten am Widerstand der konservativen Kr&#228;fte und an der kompromissbereiten und z&#246;gernden Strategie der Regierung.<br />
Mit ihrer neoliberalen unsozialen Politik konnte die Regierung die verarmten Bev&#246;lkerungsschichten nicht mehr f&#252;r sich mobilisieren. Auch die von vielen erhofften politischen Reformen kamen nicht zustande.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>Das Fehlen von Antworten f&#252;r die soziale Problematik im Land erm&#246;glichte es den Radikalislamisten mit Sozialdemagogie eine z&#246;gernde Unterst&#252;tzung unter den &#196;rmsten zu gewinnen.</p>
<h3>Der Machtwechsel zu den Radikalislamisten</h3>
<p>Viele der Radikalislamisten stammten aus den st&#228;dtischen und l&#228;ndlichen Unterschichten und hatten sich w&#228;hrend der Iranischen Revolution in Hoffnung auf materielle und politische Verbesserungen den <em>Basidjis</em> angeschlossen. Diese „Fu&#223;soldaten“ der Islamischen Republik „waren diejenigen, die zu Beginn der Revolution die Demonstrationen und Kundgebungen organisierten, diejenigen, die w&#228;hrend des achtj&#228;hrigen Krieges gegen den Irak an vorderster Front k&#228;mpften, diejenigen, die sich um die Niederschlagung oppositioneller Gruppen k&#252;mmerten – mit einem Wort, sie waren diejenigen, die die Drecksarbeit verrichteten, w&#228;hrend die &#228;lteren Herren die Fr&#252;chte ernteten.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Radikalislamisten waren von der Korruption und Bereicherung ihrer geistigen F&#252;hrung entt&#228;uscht und sahen einen Verrat an den ideologischen und sozialen Wurzeln der Islamischen Republik. Durch den Sieg der Reformisten Ende der 90er Jahre gewannen die islamistischen <em>Basidji</em>-Milizen und Revolutionsw&#228;chter im Lager der Konservativen wieder an Gewicht. Sie wurden wieder vermehrt zur Niederschlagung der Opposition sowie zur Mobilisierung der islamistischen Basis eingesetzt, welche durch die Sozialwerke der Islamischen Stiftungen an der Stange gehalten wurden.<br />
Am 27. Februar 2004 schafften es die Konservativen wieder die Kontrolle &#252;ber das Parlament zu &#252;bernehmen und im letzten Jahr gewann Mahmud Ahmadinedschad, ein Vertreter der Radikalislamisten im Iran, die Pr&#228;sidentschaftswahl. Damit hat die Reform&#228;ra von oben ein nicht unerwartetes Ende genommen. Dem Wahlgang war ein langer Prozess politischer Machtk&#228;mpfe zwischen den islamischen Fraktionen sowie Repressionswellen gegen Oppositionelle und reformfreundliche Zeitungen vorangegangen. Bei den Parlamentswahlen 2004 als auch bei den Pr&#228;sidentenwahlen 2005 wurden tausende von Bewerbern und sogar 87 bereits gew&#228;hlte Parlamentsmitglieder durch den W&#228;chterrat von den Wahlen ausgeschlossen, was den Konservativen von vornherein die Staatsmacht sicherte. Aus diesem Grund boykottierten viele IranerInnen die Wahlen.<br />
Die Pr&#228;sidentenwahl von 2005, wo sich Ahmadinedschad gegen den ehemaligen Pr&#228;sidenten Rafsanjani durchsetzte, zeigte aber auch die Konflikte in der Machtelite der Islamischen Republik. Ahmadinedschad gab sich als K&#228;mpfer gegen Korruption und Vetternwirtschaft.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Seine Sozialdemagogie sprach das Bed&#252;rfnis der benachteiligten IranerInnen nach Sicherung ihrer materiellen Existenz erfolgreich an. Er wurde nicht wegen seiner religi&#246;sen Rhetorik sondern in erster Linie wegen seiner sozialen Versprechen von den Armen gew&#228;hlt. Dies zeigt das Scheitern der Reformer auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit. Es gab unter den f&#252;hrenden Reformkr&#228;ften kaum jemanden, der eine Alternative zum konservativen Sozialislamismus Ahmadinedschads darstellen konnte. Die Wahl Ahmadinedschads war eine Protestwahl mancher Sektionen der Unterschichten gegen die neoliberale reformistische F&#252;hrung.<br />
Die neue iranische Regierung wird ihre sozialen Versprechungen f&#252;r die &#196;rmsten nicht in die Tat umzusetzen. Noch dazu fehlt ihr die Unterst&#252;tzung der Mehrheit der IranerInnen und, was nicht minder wichtig ist, die Unterst&#252;tzung eines erheblichen Teils des konservativen Lagers. Deshalb trat sie die Flucht nach vorne an: Konflikte auf die Spitze treiben, (au&#223;enpolitische) Krisen erzeugen, die Armen mit populistischen Parolen mobilisieren, die Gegner denunzieren und Feindbilder aufstellen. Mit dieser Methode gelang es ihr, zumindest ein geringes Ma&#223; an Unterst&#252;tzung zu sichern.</p>
<h3>Aktuelle Bewegungen: Arbeitsk&#228;mpfe</h3>
<p>Die AktivistInnen der Reformbewegung waren vom Scheitern der reformistischen F&#252;hrung desillusioniert und wandten sich von ihr ab. Doch das Versagen der Reformbewegung von oben zeigte den ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen und Jugendlichen die Grenzen und Widerspr&#252;che der Islamischen Republik und verursachte einen hohen Politisierungsgrad.<o></o></p>
<p>Die Islamische Republik bezog ihre Legitimation aus der Unterst&#252;tzung der <em>Mostasaffin</em>, den Armen und ArbeiterInnen. Die Verbindung zwischen dieser Basis und der islamischen Oberschicht ging wegen der wirtschaflichen Neuausrichtung in die Br&#252;che. Anfang der 90er intensivierten sich aufgrund der schlechter werdenden Lebensbedingungen die sozialen Auseinandersetzungen. 1995 kam es gegen die Verdopplung der Buspreise zu gewaltsamen Ausschreitungen in Islamshahr, einem ArbeiterInnenviertel von Teheran. Die Proteste endeten in einem Blutbad.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Aufst&#228;nde wurden zwar niedergeschlagen, aber sie markierten eine Wende im Grad der sozialen Auseinandersetzung. Die Bev&#246;lkerung, besonders die &#228;rmeren Schichten, war von nun an bereit auch zu radikaleren Mitteln zu greifen.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a><br />
In den letzten Jahren gab es speziell in der Frage nicht ausbezahlter L&#246;hne sowie der Angst vor Arbeitsplatzverlust zahlreiche Streikaktionen von ArbeiterInnen in verschiedensten Wirtschaftszweigen. Au&#223;erdem treibt die massive Inflation die Preise in die H&#246;he und verursacht zus&#228;tzliche Wut gegen die Profiteure der Islamischen Republik an den Schalthebeln der Macht. Die Abneigung der einfachen Bev&#246;lkerung gegen die Geistlichen und deren Verb&#252;ndete zeigt sich im allgemeinen Stra&#223;enbild der iranischen Gro&#223;st&#228;dte. Mullahs m&#252;ssen am Stra&#223;enrand lange ausharren, bis ein Fahrer der zahlreichen Sammeltaxis sich dazu erbarmt sie mitzunehmen. Andere Fahrg&#228;ste weigern sich oft aufgrund der tiefen Abneigung vor dieser korrupten Elite mit einem Mullah im Taxi zu fahren.<br />
Ein weiteres Kampffeld f&#252;r die iranischen ArbeiterInnen ist die Etablierung von unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Der aktuellste Kampf war der Busarbeiterstreik in Tehreran. Die Gewerkschaft der Busarbeiter wurde in den 80er Jahren verboten, aber 2004 reanimiert. Sie setzt sich f&#252;r das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung ein und k&#228;mpft f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung durch die Forderung nach Kollektivvertr&#228;gen. Daf&#252;r wurden am 22. Dezember 2005 zw&#246;lf ihrer Anf&#252;hrer verhaftet, woraufhin ein Streik der Busarbeiter zur Befreiung einsetzte. Die Auseinandersetzung zwischen den ArbeiterInnen und dem Staatsapparat intensivierte sich in den folgenden Monaten. Hunderte Busfahrer, ihre Familienmitglieder und studentische SymphatisantInnen wurden dabei verhaftet, mussten aber bald wieder freigelassen werden.<br />
Trotz der massiven Repression und der Einsch&#252;chterungen, zeigt der Arbeitskampf die Aktivit&#228;t und Entschlossenheit der iranischen ArbeiterInnen. Sie fordern den theokratischen Staat auf ihre Weise heraus, indem sie gegen die ungerechte Verteilung von Reichtum und die politische Repression k&#228;mpfen.</p>
<h3>Frauenbewegung</h3>
<p>„Frauen im Iran haben trotz ideologischer Herrschaft und struktureller Beschr&#228;nkungen, im Kontext des schiitischen Islams, ein erstaunliches Engagement, Mut und Vorstellungskraft bewiesen um f&#252;r ihre Geschlechterinteressen, Menschenrechte und Demokratie zu k&#228;mpfen.“ Die Geschlechterkonstruktion, diktiert von den patriarchalen Institutionen wie Staat, Familie, Bildungsystem, Arbeitswelt, Medien und Parlament werden von ihnen aktiv konfrontiert und in Frage gestellt.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Die ideologischen und sozialen Entwicklungen im Iran der letzten 25 Jahre produzierten widerpsr&#252;chliche Tendenzen f&#252;r Frauen in der Gesellschaft. Auf der einen Seite wurde von der Islamischen F&#252;hrung versucht, (besonders s&#228;kulare) Frauen aus den offiziellen Sph&#228;ren gesellschaftlichen Lebens auszuschlie&#223;en und auf ihre reproduktive Rolle innerhalb der Familie zu beschr&#228;nken. Frauen wurden auf dem Arbeitsmarkt und vor dem Gesetz stark benachteiligt und ihr Leben repressiven Kontrollen unterworfen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Doch gleichzeitig waren religi&#246;se Frauen der Unterschichten ein wichtiges Element im Aufbau der Islamischen Republik gewesen. Diese relgi&#246;sen Frauen waren im modernen s&#228;kularen Pahlavi-Staat aufgrund ihrer Religi&#246;sit&#228;t marginalisiert und ideologisch vom Zugang zu s&#228;kularer Bildung und Arbeit ausgeschlossen gewesen. Der Islamische Staat erm&#246;glichte ihnen nun den Zugang zu materiellen und ideologischen Ressourcen und verlieh ihnen eine beschr&#228;nkte Macht. Paradoxerweise gab die patriarchale Ordnung religi&#246;sen Frauen aus traditionellen Familien zum ersten Mal die M&#246;glichkeit, ihre famili&#228;ren Zw&#228;nge zu verlassen und in Politik und Gesellschaft aktiv zu werden. Diese neu erworbene aktive Pr&#228;senz in der Gesellschaft gab religi&#246;sen Frauen ein noch nicht dagewesenes Selbstbewusstsein. Die wachsende Berufst&#228;tigkeit und der sozialpolitische Aktivismus von Frauen f&#252;hrte dazu, dass ihr Bewusstsein f&#252;r frauenspezifische Interessen stieg und sie die Schranken der staatlichen Geschlechterideologie in Frage stellten.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a></p>
<p>S&#228;kulare und islamische Frauen hatten in der iranischen Revolution und beim Sturz des Shah eine wichtige Rolle gespielt. Doch in den 80er Jahren gab es einen Bruch zwischen der islamischen und der s&#228;kularen Frauenbewegung &#252;ber die Frage der Gr&#252;ndung der Islamischen Republik. S&#228;kulare Frauenorganisationen wurden im Zuge der Islamisierung aus den Institutionen verdr&#228;ngt und durch staatliche islamische Frauenorganisationen ersetzt. Tats&#228;chlich folgte die Mehrheit der Iranerinnen den islamischen Feministinnen. Doch bereits in den 80er Jahren wandelte sich das Verh&#228;ltnis vieler islamischer Feministinnen zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen und dem Islamischen Staat, den sie unterst&#252;tzt hatten. Auf der Seite s&#228;kularer Feministinnen erkannten einige, dass Frauenunterdr&#252;ckung nicht allein auf die islamische Ideologie reduziert werden kann. Themen wie Scheidung, das Sorgerecht f&#252;r Kinder und andere Familiengesetze betreffen die &#246;konomische und soziale Rolle aller Frauen genauso wie Armut, Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit. In den 90er Jahren entwickelten sich daher aufgrund des steigenden &#246;konomischen Drucks gemeinsame Aktivit&#228;ten religi&#246;ser und s&#228;kularer berufst&#228;tiger Frauen und sie legten ihre Meinungsunterschiede, zum Beispiel &#252;ber das Tragen des Hejab (das islamische Kopftuch), beiseite. In Frauenzeitschriften durch Journalistinnen, im Parlament durch weibliche Abgeordnete oder Juristinnen wurde f&#252;r die Verbesserung der Situation iranischer Frauen in der Gesellschaft gek&#228;mpft.<br />
W&#228;hrend der Pr&#228;sidentenwahlen kandidierten 89 Frauen, um gegen die Verfassung zu protestieren, welche Frauen verbietet Pr&#228;sidentin zu werden. Im Zuge dessen gab es mehrere Demonstrationen und Sit-Ins von Demokratie- und FrauenaktivistInnen gegen diese Diskriminierung. Am 9. Juni 2005 st&#252;rmten mehrere hundert junge Frauen das Azadi-Fu&#223;ballstadion und widersetzten sich somit dem Verbot f&#252;r Frauen Fu&#223;ballspiele besuchen zu d&#252;rfen. Gleichzeitig praktizieren insbesonders Frauen in den St&#228;dten die Strategie des zivilen Ungehorsams gegen die islamischen Kleidervorschriften. Die Kopft&#252;cher r&#252;cken immer weiter nach hinten und die Gew&#228;nder werden enger. Die iranische Frauenbewegung hat trotz einer harten repressiven Politik immer wieder mit Ausdauer, Kreativit&#228;t und Radikalit&#228;t die Regeln der Islamischen Republik konfrontiert um ihrem Recht nach Gleichberechtigung und Freiheit Nachdruck zu verleihen.<br />
Die Frauenbewegung war und ist ein entscheidender Teil der Demokratiebewegung auf der Stra&#223;e. Frauen waren auch die entscheidende Stimme in der Wahl des reformfreundlichen Pr&#228;sidenten Khatami. Es konnten in den 90er Jahren tats&#228;chlich begrenzte Reformen im Familien-, Scheidungs- und Arbeitsrecht f&#252;r Frauen erk&#228;mpft werden. Dies war durch das selbstbewusste Engagement zahlreicher Frauenaktivistinnen am Arbeitsplatz, Universit&#228;t, in der Politik und Justiz erm&#246;glicht worden.</p>
<h3>StudentInnenproteste</h3>
<p>In der Islamischen Republik gab es in den 90er Jahren eine breite Bildungsoffensive. Im ganzen Land wurden Universit&#228;ten und Schulen gebaut um dem Versprechen nach „unentgeltlicher Ausbildung f&#252;r das Volk“ nachzukommen.<br />
Damit wurde eine Dynamik freigesetzt, die dem Regime gef&#228;hrlich geworden ist. „Die Erziehungspolitik der Republik ist verantwortlich daf&#252;r, dass die Kinder der Revolution hervorragend ausgebildet und politisiert wurden und sie, weil sie schon mit 16 Jahren das Wahlrecht erhalten, die Ersten waren, die ihrer Unzufriedenheit mit dem Regime Ausdruck verliehen.“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die h&#246;here Bildung f&#252;r einen gro&#223;en Teil der Bev&#246;lkerung erh&#246;ht auch die Erwartungen der (jungen) IranerInnen auf Gleichberechtigung vor dem Gesetz, gleicher politischer Partizipation, Recht auf Gesundheit, Bildung, Arbeit und das Frauenrecht, selbst entscheiden zu k&#246;nnen, den islamischen <em>Hejab</em> zu tragen oder nicht. Da diese Widerspr&#252;che in der Islamischen Republik nicht gel&#246;st werden k&#246;nnen, w&#228;chst die Unzufriedenheit der Jugend immer weiter.<br />
Die StudentInnenbewegung ist von Anfang an ein Herzst&#252;ck der Reform- und Demokratiebewegung gewesen. Die gelockerte Pressezensur Ende der 90er Jahre gab den Studiernden die M&#246;glichkeit, Ideen auszutauschen und eigene politische Zeitschriften zu publizieren. Die gr&#246;&#223;ten politischen Unruhen seit der iranischen Revolution fanden im Juli 1999 unter diesen Umst&#228;nden statt. Die Proteste richteten sich gegen die Schlie&#223;ung der reformistischen Zeitung „Salam“. In Reaktion darauf &#252;berfielen in der Nacht zum 9. Juli bewaffnete paramilit&#228;rische Einheiten die Studierendenschlafs&#228;le der Universit&#228;t Teheran. Dabei kam mindestens ein Student ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Im Verlauf der n&#228;chsten Tage fanden im ganzen Land Demonstrationen und Unruhen sowie zahlreiche Verhaftungen statt. Der 9. Juli gilt seitdem als wichtiger Bezugspunkt f&#252;r die StudentInnenbewegung und der Jahrestag wird mit Protesten gefeiert.<br />
2003 enz&#252;ndete das Vorhaben des Regimes, die StudentInnenwohnheime sowie andere universit&#228;re Dienstleistungen zu privatisieren und die Studiengeb&#252;hren zu erh&#246;hen, eine neuerliche Protestwelle. Die Studierenden lieferten sich &#252;ber zehn Tage lang n&#228;chtliche Stra&#223;enschlachten mit den Basidjis. Die Proteste politisierten sich sehr schnell und fordertem die Herrschenden insgesamt heraus. Die StudentInnenunruhen fanden in der Bev&#246;lkerung eine breite Zustimmung. In den Armenvierteln brachen selbst Unruhen aus und w&#228;hrend dieser zehn Tage ert&#246;nten Tausende von Autohupen in den Stra&#223;en Teherans und anderer gro&#223;er St&#228;dte um Solidarit&#228;t mit den Protestierenden zu zeigen. Die Aufst&#228;nde konnte zwar niedergeschlagen werden, markierten aber aufgrund der direkten Kritik gegen die herrschende Geistlichkeit eine neue Qualit&#228;t politischer Auseinandersetzungen.</p>
<h3>Perspektiven der iranischen Bewegungen</h3>
<p>Der Kampf um Demokratie und Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil der iranischen Gesellschaft. In den letzten Jahren haben wichtige Auseinandersetzungen stattgefunden. Wenn sie auch nicht gewonnen werden konnten, zeichnet sich das Bild einer dynamischen k&#228;mpferischen und weitverzweigten Demokratiebewegung ab, welche den undemokratischen Islamischen Staat und dessen Institutionen konfrontiert.<br />
Widerstand gegen das repressive Regime findet auch im Alltagsleben vieler IranerInnen seinen Ausdruck. Durch vielf&#228;ltige Strategien – das Brechen von konservativen Geschlechterrollen, aktive Nicht-Kooperation mit dem Islamischen Staat und dessen Vertretern, die Nutzung von nicht-staatlichen illegalen Medien (Satellitenfernsehen, Internet<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a>) – wird die ideologische Legitimit&#228;t der Islamischen Republik unterh&#246;hlt.<br />
Doch die aktuelle au&#223;enpolitische Lage stellt die iranische Demokratiebewegung vor ein gro&#223;es Problem. Die Attacken des Westen wegen der Urananreicherung Irans st&#228;rken die Position des Regimes. Die Mehrheit der IranerInnen unterst&#252;tzt trotz aller Kritik an der eigenen F&#252;hrung ihr Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie. Schlie&#223;lich hat der Iran eine lange Geschichte im Kampf f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit und Selbstbestimmung und diese ist im Bewusstsein der IranerInnen noch immer tief verwurzelt. Ahmadinedschad nutzt aber den „Feind von au&#223;en“ um den Nationalismus aufzupeitschen und die repressiven Apparate noch weiter zu st&#228;rken. Die iranischen Bewegungen stehen im Kreuzfeuer. Solange diese Situation anh&#228;lt existiert die M&#246;glichkeit, dass sich das Regime, welches nach wie vor unter Druck einer schwindenden Basis steht und sich gewisse Ma&#223;nahmen nicht mehr leisten kann, wieder festigt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kampf der internationalen Antikriegsbewegung gegen die Offensive der USA und EU gegen den Iran eine wichtige Voraussetzung um der iranischen Opposition den R&#252;cken frei zu halten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> 1953 putschte Mohammad Reza Schah Pahlavi mit Hilfe von Teilen des Milit&#228;rs und der CIA gegen die demokratisch gew&#228;hlte Regierung des Nationalisten Mohammad Mossadegh. Siehe dazu: Stephen Kinzer, All the Shah’s Men. An American Coup and the Roots of Middle East Terror, New Jersey 2003.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Maryam Poya, Women, Work &amp; Islamism. Ideology and Resistance in Iran, London 1999, p48.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Siehe zur Geschichte der Shoras: Maryam Poya, Iran 1979 – Lang lebe die Revolution! Lang lebe der Islam? http://www.linksruck.de/zeitung/archiv/geschich/mp_i1979.htm#kap3<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe dazu: Maziar Behrooz, Rebels with a Cause. The failure of the left in Iran, London 1999.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Rasoul Fadil, Irak-Iran: Ursachen und Dimensionen eines Konflikts, Wien 1987, p113.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini (1900-1989) war Geistliches Oberhaupt und Revolutionsf&#252;hrer der Islamischen Republik von 1979 bis zu seinem Tod 1989.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005, p84.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Rafsanjani ist einer der m&#228;chtigsten und reichsten Geistlichen des Iran. Er galt schon zu Khomeinis Zeiten als seine Rechte Hand und besetzte w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft die Schalthebel der Macht mit ihm getreuen Technokraten. Der Rafsanjani-Clan geh&#246;rt zu den reichsten Familien des Iran mit weitverzweigten wirtschaftlichen Aktivit&#228;ten.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p95, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Es leben heute gesch&#228;tzte 12 Millionen IranerInnen unter der Armutsgrenze. Ca. 80% des nationalen Verm&#246;gens liegt in den H&#228;nden der religi&#246;sen und politischen Elite. Diese Eliten waren aber weiterhin, wegen des Drucks von unten gezwungen, begrenzte materielle Zugest&#228;ndnisse in Form von Sozialleistungen zu machen.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Gro&#223;ayatollah Montazeri, einst der zweite Mann in der Islamischen Republik nach Khomeini und dessen potentieller Nachfolger, ist ein leuchtendes Beispiel daf&#252;r. 1988 begann er die Massenhinrichtungen von Oppositionellen offen zu kritisieren und wurde daraufhin aus der Macht ausgeschlossen und bis zum Jahr 2003 unter Hausarrest gestellt. Heute geh&#246;rt er zu den sch&#228;rfsten Kritikern der Islamischen Republik und genie&#223;t ein hohes Ansehen in der Bev&#246;lkerung.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>Velayath-e faghih</em>) ist ein Grundelement der Islamischen Republik und garantiert die politische Macht des Klerus.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Mohammed Khatami (1943 geboren) war der f&#252;nfte Staatspr&#228;sident des Irans. 1981 wurde er Minister f&#252;r islamische Kultur, galt aber bereits als gem&#228;&#223;igt. 1992 trat er wegen Differenzen mit der konservativen F&#252;hrung von diesem Posten zur&#252;ck.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Bei den Privatisierungen spielten die halbstaatlichen <em>Bonjads</em>&lt; (Islamischen Stiftungen) eine aktive Rolle. Sie sind nach dem Staat die m&#228;chtigsten Wirtschaftseinheiten im Iran. Urspr&#252;nglich mit der Aufgabe betraut den &#228;rmsten Schichten soziale Dienste bereitzustellen, entwickelten sie sich in den 90er Jahren zu kapitalistischen Konzernen. Die <em>Bonjads besitzen gro&#223;e industrielle Unternehmungen, sind im Geldgesch&#228;ft und im Schwarzmarkt t&#228;tig.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Ayatollah Seyyed Ali Khamenei (geboren 1939) war, nachdem er von 1981 bis 1989 Staatspr&#228;sident des Iran war, der Nachfolger von Khomeini als Geistliches Oberhaupt. Seine Ernennung zum Ayatollah (hoher schiitischer geistlicher Rang) war mit seinem Staatsamt verbunden und von vielen schiitischen Geistlichen nur widerwillig angenommen worden.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Stattdessen wurde die Pressezensur wieder gestrafft und die Gef&#228;ngnisse f&#252;llten sich mit politischen H&#228;ftlingen.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Bahman Nirumand, Iran &#8211; Die drohende Katastrophe, p108.<o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Dies war somit auch ein direkter Angriff auf seinen Kontrahenten Rafsanjani, der bekanntlich zu den reichsten und korruptesten Lenkern der Islamischen Republik z&#228;hlt und ein Symbol f&#252;r die iranische Obrigkeit ist.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> http://www.wildcat-www.de/wildcat/wc_krieg_2003/wk3irana.htm <o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p214f, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Maryam Poya, Women and Work in Iran, http://www.stateofnature.org/womenAndWork.html.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Dies &#228;nderte sich aufgrund der &#246;konomischen Entwicklung, die die (unter- oder unbezahlte) Frauenarbeit im &#246;ffentlichen Sektor erforderte und w&#228;hrend des Iran-Irak Kriegs Frauen an der Heimatfront eine wichtige mobilisierende und soziale Rolle spielten.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Maryam Poya, Women, Work and Islamism. Ideology and Resistance in Iran, pp135-138.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Aufgrund der anhaltenden Repression und fehlenden M&#246;glichkeit Meinungen frei auszutauschen, hat in den letzten Jahren das Internet als Meinungsplattform insbesonders f&#252;r junge IranerInnen eine wachsende Bedeutung erhalten. Siehe dazu: Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005. Vgl. Rezensionsteil dieser Ausgabe.<o></o></em></p>
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		<title>Ein neuer Imperialismus? &#8211; Tendenzen und Widerspr&#252;che europ&#228;ischer Integration</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:07:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.<br />
<span id="more-70"></span><br />
Die Strukturen des europ&#228;ischen Kapitalismus unterliegen heute einer tiefgreifenden Ver&#228;nderung. An sich stellt das nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches dar, im Gegenteil ist es eine Notwendigkeit des Systems, sich st&#228;ndig zu restrukturieren, um nicht an den eigenen Widerspr&#252;chen zu zerbrechen. Dennoch bringen die aktuellen Tendenzen in Europa etwas qualitativ Neues mit sich. Wir sind heute ZeugInnen einer Entwicklung, die als politischer Ausdruck ver&#228;nderter &#246;konomischer Bedingungen charakterisiert werden kann: Der Prozess der Zentralisation von Kapital in Europa hat zur Bildung transeurop&#228;ischer Konzerne gef&#252;hrt. Politisch st&#252;tzt sich dieses „europ&#228;ische Kapital“ nicht mehr nur auf die Nationalstaaten, sondern findet und schafft sich eine Ebene gesamteurop&#228;ischer Politik, die es ihr besser erlaubt, ein Europa nach seinem Bild zu schaffen. Als Ergebnis der wachsenden wechselseitigen Verflechtung des Kapital und der nationalen &#214;konomien in Europa entsteht so ein Mehrebenensystem politischer Einflussnahme. Dieser Prozess kann die Basis f&#252;r die Herausbildung eines origin&#228;r europ&#228;ischen Imperialismus sein.<o></o></p>
<h3>Europ&#228;ische Einheit – keine neue Idee</h3>
<p>Schon lange vor der Europ&#228;ischen Union gab es Bestrebungen verschiedener Kr&#228;fte und AkteurInnen in Europa, sich &#252;ber die Grenzen des b&#252;rgerlichen Nationalstaates hinweg f&#252;r gemeinsame Interessen zu verb&#252;nden. Eine Besonderheit war dabei, dass diese Ideen immer dann in den Vordergrund traten, wenn es weltweit zu Krisenph&#228;nomenen des kapitalistischen Systems kam. So tauchte die Idee eines vereinten Europas nach dem 1. Weltkrieg auf und erh&#228;lt dieser Tage wieder Brisanz im Zeichen einer krisenhaften Entwicklung unter der Dominanz der neoliberalen Globalisierung.<br />
Deutschlands herrschenden Eliten schwebte in den 1940ern eine europ&#228;ische Gemeinschaft unter deutscher F&#252;hrung vor. Nach der Macht&#252;bernahme der Nationalsozialisten in Deutschland richtete die NSDAP die „Zentralstelle f&#252;r europ&#228;ische Gro&#223;raumwirtschaft“ ein: „…Deutschland, in der Mitte des europ&#228;ischen Kontinents gelegen, ist an erster Stelle verpflichtet, diese Aufgabe der Errichtung einer kontinental-europ&#228;ischen Gro&#223;raumwirtschaft nicht nur zu verk&#252;nden, sondern auch handelspolitisch-praktisch zu bet&#228;tigen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verantwortlich f&#252;r Europa.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Der Hintergrund war das Bed&#252;rfnis, einen &#228;hnlich gro&#223;en, homogenen Binnenmarkt wie in den USA zu schaffen, in dem die Akkumulation von Kapital erleichtert w&#252;rde und welcher die Basis zu weiterer Expansion darstellen sollte.<br />
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges r&#252;ckten diese Vorstellungen zun&#228;chst in weite Ferne. Die USA konnte durch ihre Dominanz – sowohl milit&#228;risch als auch wirtschaftlich – die Entwicklung in Westeuropa ihren Interessen unterordnen. Sie unterst&#252;tzten den Aufbau Westeuropas als Gegenmacht zu Osteuropa und konnten gleichzeitig ihren Produktionskapazit&#228;ten, welche nicht durch Zerst&#246;rungen des 2. Weltkrieges in Mitleidenschaft gezogen wurden, den dringend notwendigen Absatzmarkt beschaffen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Ans&#228;tze europ&#228;ischer Staaten zur Kooperation fanden in den Nachkriegsjahren auf wirtschaftlichem Gebiet statt. Durch die Unterzeichnung der R&#246;mischen Vertr&#228;ge 1957 wurde die Europ&#228;ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegr&#252;ndet mit dem Ziel der Beseitigung von Handels- und Zollhemmnissen zwischen den einzelnen Staaten und der Gr&#252;ndung eines gemeinsamen Marktes. Gemeinsame au&#223;enpolitische oder gar milit&#228;rische Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen europ&#228;ischer Eliten au&#223;erhalb Europas konnte sich unter der US-Dominanz jedoch nicht entfalten bzw. wurde durch das transatlantische milit&#228;rische B&#252;ndnis der NATO den Interessen der USA untergeordnet.</p>
<h3>Union statt Kooperation</h3>
<p>Die Ver&#228;nderungen der wirtschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse – welche durch die erste Nachkriegskrise 1973 zum Ausdruck kamen – brachten dem Projekt Europ&#228;ische Union neue Aktualit&#228;t. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, die eine Weile durch den Nachkriegsaufschwung &#252;berdeckt wurde, stellte neue Herausforderungen.<br />
Ein wichtiger Schritt zur Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus war die Etablierung eines europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems (EWS).<br />
Ausgangspunkt war das Zusammenbrechen des Weltw&#228;hrungssystems von Bretton-Woods im Jahr 1973. Das Abkommen von Bretton-Woods war im Jahr 1944 mit dem Ziel geschlossen worden, die reibungslosere Abwicklung des Welthandels bei festen Wechselkursen zu garantieren. Ein gro&#223;er unbekannter Faktor bei der grenz&#252;berschreitenden Realisierung von Profit konnte so aus der Gleichung genommen werden. Mit der Freigabe der Wechselkurse nach dem Ende von Bretton-Woods kristallisierte sich deshalb f&#252;r einige gro&#223;e europ&#228;ische &#214;konomien eine instabile und unvorteilhafte Lage heraus. Das konnte kein Dauerzustand sein. Die Antwort war die Einf&#252;hrung des Europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems 1979. Dabei gab es unterschiedliche Ausgangssituationen. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:</p>
<h3>Deutschland</h3>
<p>Als wichtigste &#214;konomie Kontinentaleuropas befand sich die BRD unter einem enormen Druck. Die Deutsche Mark „drohte“ zu einer zweiten Leitw&#228;hrung zu werden. Die kontinuierliche Aufwertung der DM f&#252;hrte zur Verteuerung deutscher Exportg&#252;ter auf dem Weltmarkt und wirkte sich deshalb nachteilig auf die Konkurrenzf&#228;higkeit aus. Teilweise konnte dieser Nachteil durch Modernisierung der Produktivkr&#228;fte und technisch hochwertige Produkte ausgeglichen werden. Eine weitere Aufwertung der DM h&#228;tte trotzdem zur Folge gehabt, dass das „Modell Deutschland“ weiter starkem Druck ausgesetzt gewesen w&#228;re. Also war es das Interesse der Deutschen Bundesregierung, die DM aus der Rolle einer Weltleitw&#228;hrung herauszuhalten. Dies sollte durch eine st&#228;rkere Bindung der DM an die schw&#228;cheren europ&#228;ischen W&#228;hrungen erreicht werden.</p>
<h3>Frankreich</h3>
<p>Als zweite wichtige &#214;konomie in Europa war Frankreich ebenfalls treibende Kraft des EWS. Seine Ausgangslage gestaltete sich allerdings etwas anders. Die franz&#246;sische &#214;konomie hatte mit einem massiven Modernisierungsr&#252;ckstand zu k&#228;mpfen. Die Konkurrenzf&#228;higkeit franz&#246;sischer Produkte konnte nur aufrechterhalten werden, in dem sie durch die „k&#252;nstliche“ Abwertungspolitik des franz&#246;sischen Francs billig gehalten wurden. Das Problem war, dass so kein Anreiz f&#252;r die franz&#246;sische Industrie geschaffen wurde, den Modernisierungsr&#252;ckstand aufzuholen. Die Idee der konservativen Regierung Frankreichs war, durch eine st&#228;rkere Bindung des Francs an die DM die franz&#246;sische Industrie st&#228;rkerer Konkurrenz auszusetzen und sie so zu zwingen, sich dem Modernisierungsdruck des Marktes zu stellen. Im Grunde bedeutet dies, die Restrukturierung der &#214;konomie nicht mehr unter der Regie der Politik zu betreiben, sondern der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zu &#252;bergeben, die zwangsvermittelt die Konkurrenzf&#228;higkeit herstellen sollte.</p>
<p>Die engere finanzpolitische Zusammenarbeit kam den verschiedenen Ausgangssituationen entgegen. Die Einf&#252;hrung des EWS 1979 mit festen, jedoch anpassungsf&#228;higen Wechselkursen erm&#246;glichte eine Zone der W&#228;hrungsstabilit&#228;t zwischen den teilnehmenden L&#228;ndern. Diese Wechselkursregelung sollte den Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr zwischen den EG-L&#228;ndern vor Wechselkursrisiken bewahren.</p>
<p>Die Herausbildung des EWS zeigt, wie Ver&#228;nderungen in den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen eine konkrete Form von Politik – in diesem Fall die Finanzpolitik – annehmen, auch wenn diese scheinbar aus unterschiedlichen politischen Interessen angetrieben wird. Der Konservative Valéry Giscard d’Estaing war der wichtigste politische Akteur auf Seiten Frankreichs. Obwohl einem anderen politischen Lager zugeh&#246;rig als der sozialdemokratische Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, konnten beide sich auf einen gemeinsamen Weg zum EWS einigen. Aufbauend auf der Verallgemeinerung eines zentralen Bereichs wirtschaftspolitischer Einflussnahme, n&#228;mlich der Finanzpolitik, setzte sich in Europa eine Dynamik durch, die an einer gemeinsamen europ&#228;ischen Verwertungsstrategie orientiert war.<o></o></p>
<h3>Motoren politischer Integration</h3>
<p>Der Zusammenbruch des Ostblocks ver&#228;nderte die Rahmenbedingungen nochmals. Die UdSSR als zweite Supermacht hinterlie&#223; ein Machtvakuum, das die M&#246;glichkeit zur Neuaufteilung der Einflusssph&#228;ren bot.<o></o><br />
Die Expansion nach Osteuropa konnten die europ&#228;ischen Staaten jedoch nur politisch koordiniert und als gemeinsames imperialistisches Projekt angehen.<br />
In so genannten „Beitrittsverhandlungen“ wurden osteurop&#228;ische L&#228;nder in einen Wettlauf getrieben, der sie zwang, soziale Standards in unvorstellbarem Ausma&#223; abzubauen. Der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze durch westeurop&#228;ische Konzerne ging ein massiver Arbeitsplatzabbau voraus. Im Endeffekt flie&#223;en alle Investitionen, die in Osteuropa angelegt wurden, als Gewinne in Milliardenh&#246;he nach Westeuropa zur&#252;ck. Das Bank- und Versicherungswesen, industrielle Landwirtschaft und hochmoderne Produktionsketten sind in der Hand westeurop&#228;ischer Konzerne.<br />
Die Osterweiterung ist ein Beispiel f&#252;r internationalen Konkurrenzkampf um M&#228;rkte und Einflusszonen. Sie kann aber auch exemplarisch daf&#252;r stehen, welche Auswirkungen „Europ&#228;isierung“ auf Staaten hat. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks wurden von autorit&#228;ren Versorgungsstaaten zu Wettbewerbstaaten<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, deren Hauptaufgabe darin besteht, bestm&#246;glich Verwertungsbedingungen f&#252;r europ&#228;isches Kapital zu schaffen.</p>
<p>Der &#220;bergang von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, in der mehrere Machtbl&#246;cke wirtschaftlich und geopolitisch um Macht und Einfluss konkurrieren, forcierte auch die milit&#228;rische Hochr&#252;stung innerhalb Europas.</p>
<p class="MsoNormal">„Eine harte W&#228;hrung [Euro], die eine schwache Verteidigung hat, ist auf lange Frist keine harte W&#228;hrung”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – direkter kann der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsinteressen und Militarisierung kaum ausgedr&#252;ckt werden. Auch wenn weiterhin der Schwerpunkt der Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene liegt, f&#228;llt einer gemeinsamen milit&#228;rischen Politik eine gr&#246;&#223;ere Rolle zu.<br />
Auch hierf&#252;r musste eine politische Form gefunden werden. Die NATO, in der die USA die dominierende Kraft sind, war demnach nicht die geeignete Plattform. Die beginnenden Bestrebungen, sich auch milit&#228;risch weniger abh&#228;ngig von den USA zu machen, wurden unter anderem im „Vertrag &#252;ber die Europ&#228;ische Union“ festgehalten, der 1992 in Maastricht geschlossen wurde. Unter dem Schlagwort „Gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik“ (GASP) wurde festgelegt, dass zur EU „ …auf l&#228;ngere Sicht auch die Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik geh&#246;rt, die zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Verteidigung f&#252;hren k&#246;nnte.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Vertr&#228;ge allein reichen nicht, sondern die praktische Best&#228;tigung dieses Anspruches musste ebenfalls entwickelt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus spielt die Beteiligung von EU-Staaten bei der blutigen Zerschlagung von Jugoslawien eine wichtige Rolle. W&#228;hrend des Kosovo-Krieges 1999, den die USA gemeinsam mit EU-Staaten als NATO-Einsatz f&#252;hrte, wurde der Aufbau europ&#228;ischer Streitkr&#228;fte beschlossen, die zuk&#252;nftig unabh&#228;ngig von den USA in der Lage sein sollten, milit&#228;rische Interventionen durchzuf&#252;hren. Die Kriege am Balkan sind daher treffend als „europ&#228;ische Einigungskriege“ bezeichnet worden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Sie sollten dar&#252;ber hinaus den osteurop&#228;ischen Staaten die milit&#228;rische St&#228;rke Europas demonstrieren und sie so f&#252;r die sp&#228;tere Osterweiterung auf Linie bringen.</p>
<h3>Die &#246;konomische Basis f&#252;r einen EU-Imperialismus</h3>
<p>Begleitet wurden diese Anstrengungen von einem Prozess zunehmend engerer Verflechtungen und Zentralisationstendenzen des Kapitals, die die &#246;konomische Basis f&#252;r die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bildeten.<br />
W&#228;hrend in Zeiten guter wirtschaftlicher Konjunktur eine Konzentration von Kapital beobachtet werden kann, die sich in einem innerbetrieblichen Wachstum von Unternehmen ausdr&#252;ckt, verschiebt sich in Krisenzeiten die Entwicklung hin zur Zentralisation.
</p>
<p class="MsoNormal">Konzentration von Kapital beruht darauf, dass es profitable Verwertungsm&#246;glichkeiten des Kapitals gibt, d.h. dass der Profit gesteigert wird durch den Ausbau der Produktion in den Unternehmen selbst. Mit der sich versch&#228;rfenden Profitkrise in den 70ern wurden diese M&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt. Deshalb bekam die Zentralisation von Kapital eine gr&#246;&#223;ere Bedeutung, d.h. dass der Akkumulationsprozess nicht mehr haupts&#228;chlich &#252;ber Produktion, sondern durch das Zusammenf&#252;hren und Integrieren fremden Kapitals passiert. Fusionen und das Verschwinden kleinerer Unternehmen durch Aufkauf pr&#228;gen das Bild.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> <o></o></p>
<p>Der europ&#228;ische Binnenmarkt war Konsequenz aus diesen Zentralisationsprozessen. Der Binnenmarkt bietet f&#252;r das europ&#228;ische Kapital zwei M&#246;glichkeiten. Zum einen unterst&#252;tzt er den Zentralisationsprozess. Zum zweiten k&#246;nnen unterschiedliche soziale Standards dazu gen&#252;tzt werden, die Produktion wieder profitabler zu gestalten. Die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen f&#252;hrt nicht zu einem „fairen“ Wettbewerb, sondern unterst&#252;tzt kapitalkr&#228;ftige Unternehmen darin, Fusionen durchzuf&#252;hren und Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Diese Art von Zentralisierung ist die &#246;konomische Basis f&#252;r einen Imperialismus, der sich mit der Europ&#228;ischen Union entwickelt.<br />
Die daraus entstandenen, in wichtigen Sektoren transnational orientierten Gro&#223;konzerne, brauchen die M&#246;glichkeit, &#252;ber nationale Grenzen hinweg politische Interessen zu formulieren und durchzusetzen.<br />
Die EU-Institutionen entstanden also vor allem durch die Interessen der Gro&#223;konzerne und haben den Vorteil, nicht durch nationalstaatliche Aufgaben wie die Regulierung der Sozialstandards eingeengt zu sein. Das hei&#223;t, „dass das Kapital den einzelnen Staaten flexibler gegen&#252;bertritt und sich wichtige Politikformulierungs- und -durchsetzungsprozesse auf die Ebene internationaler Organisationen verlagern.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a></p>
<h3>Die Nationalstaaten und die EU</h3>
<p>Dadurch verlagern sich jedoch auch die Konflikte zwischen den europ&#228;ischen Staaten in die Institutionen der Union. Die historisch gewachsenen unterschiedlichen Interessen und Anspr&#252;che einzelner Staaten und ihrer Eliten verhindern immer wieder einen reibungslosen Fortschritt der EU und brachten sie auch schon an den Rand des Scheiterns. Beispiele aus der j&#252;ngeren Geschichte sind die Ablehnung der Verhandlungen zur ersten EU-Verfassung Ende 2003 durch Polen oder der Streit um das EU-Budget 2005.<br />
Die beiden politischen Ebenen Nationalstaat und EU sollten jedoch nicht als konkurrierend betrachtet werden. Vielmehr sind beide dem massiven Druck der Optimierung der Wett-bewerbsbedingungen ausgesetzt. Das Kapital nutzt beide Ebenen, um f&#252;r sich bestm&#246;gliche Bedingungen herauszuholen. Je nach Situation und Einflussm&#246;glichkeit werden europ&#228;ische oder nationalstaatliche Institutionen bem&#252;ht.<br />
Weiterhin aufrecht bleibt die Konkurrenz der Konzerne der EU-Staaten untereinander. Fusionen und &#220;bernahmen sind hart umk&#228;mpft. Nationale Regierungen greifen ein, wenn in ihren L&#228;ndern beheimatete Konzerne aufgekauft werden sollen. Ein Wirtschaftsexperte im EU-Parlament illustriert die widerspr&#252;chliche Situation: “Man erkennt momentan in einigen Staaten eine gewisse Schizophrenie. Solange man im Ausland kaufen kann, sind die Nationalstaaten, die nationalen Politiken, zufrieden und sehen das auch als eigene St&#228;rke an. Sobald es aber umgekehrt kommt und jemand in diesen Markt m&#246;chte, greift man zu protektionistischen Mitteln, um dieses aufzuhalten nach dem Motto: Wir gehen auf Einkaufstour, aber nicht bei uns. … Das f&#252;hrt zu dieser absurden Situation, dass als jemand den Danone-Konzern aufkaufen wollte, die Spitzenpolitiker in Frankreich auf einmal Jogurt als ein nationales Kulturgut gekennzeichnet und hier eine entsprechende Abwehrschlacht vorbereitet haben.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Die Energiepolitik ist ein gutes Beispiel f&#252;r die widerspr&#252;chliche Rolle von Nationalstaaten innerhalb der EU-Institutionen. W&#228;hrend sich Deutschlands Regierungschefin Angela Merkel auf der einen Seite gegen protektionistische Tendenzen ausgesprochen hat – “Wir m&#252;ssen uns mit europ&#228;ischen Champions abfinden, statt national zu denken. Der Binnenmarkt funktioniert nur, wenn wir Strom ohne Grenzen durch die Union schicken k&#246;nnen, und auch Unternehmen nicht behindert werden.”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – wurde auf nationaler Ebene eine Konferenz mit den Energiekonzernen abgehalten, unter anderem mit Frau Merkel und Vorst&#228;nden der gro&#223;en Energiekonzerne. Dort wurde betont, dass es f&#252;r Deutschland darum gehe, eigene Konzepte zu entwickeln, um zu verhindern, dass die EU-Kommission auch nationale Zust&#228;ndigkeiten &#252;bernimmt. Ein SPD-Politiker bringt beide Anspr&#252;che zusammen: “Wir haben es mit einem bedeutenden Wirtschaftssektor zu tun. Wenn es Deutschland versteht, mit innovativen Techniken eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, hat unsere Wirtschaft sehr gute Ausgangsbedingungen nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern auch auf dem stark expandierenden Weltmarkt.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dieser scheinbare Widerspruch findet sich auch auf milit&#228;rischer Ebene. Es ist heute schwer vorstellbar, dass Nationalstaaten innerhalb der EU einen milit&#228;rischen Konflikt austragen w&#252;rden. Ebenso offensichtlich ist, dass die EU kein Nationalstaat ist. Innerhalb der EU-Grenzen verhindern politische Regularien und Vertr&#228;ge milit&#228;rische Auseinandersetzungen; Interessen werden abgestimmt und ausgeglichen, auch wenn dies nicht immer den Vorstellungen und W&#252;nschen aller Beteiligten entspricht. Die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bedingt eben auch die innere Konstituierung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, auf deren Basis eine gemeinsame aggressive Au&#223;enpolitik errichtet werden kann.</p>
<h3>Politische Auswirkungen</h3>
<p>Wie bereits gezeigt, gibt es innerhalb der EU Tendenzen, die die &#246;konomische Basis f&#252;r einen genuin europ&#228;ischen Imperialismus legen. Die Herausbildung einer politischen Ebene, die eine gemeinsame imperialistische Strategie formulieren und durchsetzen k&#246;nnte, bleibt allerdings ein von Widerspr&#252;chen gepr&#228;gtes Projekt.<br />
Es ist gekennzeichnet durch enorme &#246;konomische St&#228;rke, aber noch zu geringem milit&#228;rischen Potential. Deshalb setzt die EU im internationalen Geflecht von Institutionen vor allem ihre wirtschaftliche Kraft zugunsten der europ&#228;ischen Konzerne durch. Dieses Mehrebenensystem<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> von internationalen Organisationen wie WTO und IWF erm&#246;glicht es imperialistischen Bl&#246;cken, ihren Interessen auch sehr stark &#252;ber marktvermittelte Strukturen Geltung zu verschaffen. Doch nicht nur durch internationale Organisationen passiert die Ausrichtung schw&#228;cherer &#214;konomien auf die Bed&#252;rfnisse der europ&#228;ischen Konzerne. Auch diverse Vertragswerke zwischen schwachen Staaten und der EU dienen in vielfacher Hinsicht diesem Zweck. So sind Schlagworte wie „gutes Regieren“ (good governance) in beinahe allen Vertragswerken zu finden. Mit „Gutem Regieren“ ist jedoch die Absicherung von europ&#228;ischen Investitionen rund um den Globus gemeint. Im Kern verfolgen solche Vertr&#228;ge die Ausweitung der Einflusssph&#228;re europ&#228;ischen Kapitals.</p>
<p>Der Eindruck eines „zivilgesellschaftlichen“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Imperialismus w&#228;re tr&#252;gerisch. Noch immer z&#228;hlt im Fall der F&#228;lle die milit&#228;rische Potenz. In diesem Bereich hinkt die EU hinterher, auch wenn es hier Aufholbestrebungen gibt. Die Konflikte am Balkan, der Alleingang der USA und Gro&#223;britanniens im Irak und der von den westlichen Staaten propagierte Kampf gegen den Terror waren wichtige Katalysatoren f&#252;r die milit&#228;rische Weiterentwicklung der EU. Die Dominanz der USA im bisher tonangebenden milit&#228;rischen B&#252;ndnis NATO stellte immer mehr ein Hindernis f&#252;r die milit&#228;rische Umsetzung europ&#228;ischer Interessen dar. Der Aufbau von eigenen milit&#228;rischen Kapazit&#228;ten r&#252;ckt deshalb mehr und mehr ins Zentrum der Bem&#252;hungen der europ&#228;ischen Eliten.<br />
Die Bildung gemeinsamer milit&#228;rischer Kommandostrukturen hat l&#228;ngst begonnen. Europ&#228;isch organisierte Einsatztruppen deuten auf eine weitere Integration und das Herausbilden gemeinsamer milit&#228;rischer Strategien hin. Auch ein gemeinsamer milit&#228;risch-industrieller Komplex befindet sich im Aufbau, dessen Aush&#228;ngeschild der R&#252;stungskonzern EADS und dessen Paradeprojekt der „Eurofighter“ ist.</p>
<p>Auch wenn die Herrschenden Europas optimistisch das Bild einer zuk&#252;nftigen „globalen Supermacht“ zeichnen, bleibt die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus ein widerspr&#252;chlicher und konfliktreicher Prozess. Gerade deshalb ist die zentrale Herausforderung f&#252;r die Linke in Europa, diese Entwicklung ernst zu nehmen und den europ&#228;ischen Eliten konsequente antiimperialistische Politik entgegen zu stellen. „Der Widerstand gegen die Militarisierung und Hierarchisierung Europas ist nicht chancenlos, weil er sich auf die Interessen gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung an Frieden und sozialer Absicherung st&#252;tzen kann.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Hofbauer, Hannes: Osterweiterung. Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration. Wien: Promedia 2003.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Hamburg: VSA 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> St&#252;tzle, Walther, zit. in Oberansmayer, Gerald: Auf dem Weg zur Supermacht. Die Militarisierung der Europ&#228;ischen Union. Wien: Promedia 2004.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> EUV, Artikel J.1.4.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Oberansmayer a.a.O. 36.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> nach Kisker, Klaus Peter: Kapitalkonzentration und die Rolle des Staates im Zeitalter der Globalisierung, in: Joachim Bischoff/Paul Boccara/Karl Georg Zinn u.a. (Hg.): Die Fusionswelle. Hamburg: VSA 2000. 78 ff.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hirsch, a.a.O.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Deutschlandfunk, 23.03.2006, dradio.de.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. im Standard, Ausgabe vom 23.03.06<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Pressemitteilung BMU vom 15.03.2006<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Das internationale Mehrebenensystem kann als Bearbeitungsversuch der sich zuspitzenden Widerspr&#252;che des globalisierten Kapitals verstanden werden. Die Macht der Organisationen entspringt dem stark international vernetzten kapitalistischen System. Haupts&#228;chlich dient es der strukturell vermittelten Durchsetzung &#246;konomischer Interessen der kapitalistischen Zentren. Es ist aber auch Konfliktfeld auf dem rivalisierende Strategien der kapitalistischen Bl&#246;cke aufeinanderprallen. <o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> In vielen Debatten um die Zukunft Europas wird heute fantasiert, Europa k&#246;nne zu einem Modell friedlicher Integration f&#252;r die Welt werden. Dabei werden st&#228;ndig die zivilgesellschaftliche Komponente und der kooperative Charakter der EU ins Feld gef&#252;hrt. Auf internationaler Ebene setzt die EU allerdings auch handfeste &#246;konomische Interessen durch.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Oberamsmayer a.a.O. 135.<o></o></p>
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		<title>Besatzung und B&#252;rgerkrieg im Irak</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:55:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
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		<description><![CDATA[Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.<br />
<span id="more-72"></span></p>
<p><em>Ich w&#252;rde gerne mit der Frage der Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen MuslimInnen beginnen. Wie seht ihr dieses Problem?</em></p>
<p>Haifa Zangana: Diese Identifikation von Menschen, je nachdem ob sie SunnitInnen oder SchiitInnen sind, ist etwas, das es zu Beginn der 1980er Jahre nicht gegeben hat. Es existierte nicht in der Gesellschaft, nicht im Journalismus, nicht in der Geschichtsschreibung oder in der Literatur. Es w&#228;re sehr schwierig, ein Fachbuch zu finden, das sich mit IrakerInnen besch&#228;ftigt, indem es sie in religi&#246;se „Sekten“ einteilt.</p>
<p><em>Oft treffen wir auf die Vorstellung, dass fr&#252;her SunnitInnen die Regierung dominierten. W&#252;rdet ihr sagen, dass das ein falsches Bild ist?</em></p>
<p>HZ: Ich denke, es ist v&#246;llig k&#252;nstlich; wenn wir das auf Gro&#223;britannien &#252;bertragen und nach dem Hintergrund einzelner Personen forschen w&#252;rden – ist er Protestant, Katholik, Anglikaner – w&#252;rden wir auf bestimmte Muster der Machtverteilung sto&#223;en, die bequem von einem selektiven Prozess aufgegriffen werden k&#246;nnten.<br />
Wenn man sich 52 Spielkarten ansieht, auf denen die Ba’ath-F&#252;hrer abgebildet sind, die von den USA gleich nach dem Fall von Bagdad gesucht wurden, findet man heraus, dass 38 dieser 52 F&#252;hrer Schiiten sind. Also, wer hat den Irak beherrscht? Ich denke, dass diese Idee komplett an den Haaren herbei gezogen ist, sie wurde bewusst produziert und kann auf die Zeit zu Beginn der 1980er zur&#252;ck gef&#252;hrt werden, der Zeit des Iran-Irak-Kriegs</p>
<p>Sami Ramadani: Auf kommunaler Ebene, auf der Stra&#223;e, gibt es keine scharfen Trennungen zwischen den Menschen. Die Leute gehen nicht los und t&#246;ten andere, weil sie auf der falschen Seite der religi&#246;sen oder gar nationalen Teilung stehen. Die Kriege gegen die kurdische Bev&#246;lkerung, zum Beispiel, waren keine kommunalen Kriege, in denen hunderttausende AraberInnen die KurdInnen bek&#228;mpft haben, sondern der Akt eines repressiven Staats, der einen chauvinistischen Krieg gegen das kurdische Volk f&#252;hrte; es war der Staat gegen das Volk. Fortschrittliche AraberInnen aus dem S&#252;den flohen damals nach Kurdistan, das ein sicheres Gebiet war, um den Kampf gegen das Regime zu f&#252;hren. Am H&#246;hepunkt der Kriege etwa flohen tausende Soldaten zu den kurdischen Kr&#228;ften.<br />
Saddams Regime hatte nat&#252;rlich relig&#246;s-sektiererische Dimensionen, besonders nach dem Aufstand von 1991, dessen Zentrum sich im S&#252;den befand, und nachdem der Gro&#223;teil des S&#252;dens schiitisch ist, schien die Kampagne (des irakischen Regimes gegen die Aufst&#228;ndischen, A.d.&#220;.) sich gegen die Shia zu richten. Irak ist keine Apartheid-Gesellschaft und war auch nie eine. Saddams Regime beruhte auf sozialen Schichten und Sicherheitskr&#228;ften verschiedener religi&#246;ser und nationaler Zugeh&#246;rigkeit. Saddams Regime h&#228;tte den S&#252;den oder Kurdistan nicht beherrschen k&#246;nnen, ohne dass Menschen aus dem S&#252;den und aus Kurdistan mitgemacht h&#228;tten. Es gab also eine soziale Basis – eine schmale soziale Basis nat&#252;rlich – die dieses Modell unterst&#252;tzt hat, aber es war eine soziale Basis, die sich aus allen Konfessionen, Religionen und Nationalit&#228;ten zusammengesetzt hat.<br />
Die Stadt Falluja ist ein gutes Beispiel. Sie war eine starke Bastion der Anti-Saddam-Bewegung, denn im Jahr 1996 gab es einen Putschversuch, den Saddam auf Leute in Falluja zur&#252;ckf&#252;hrte, und 1998 befahl er den Imamen der Moscheen in Falluja, ihn zu verherrlichen und f&#252;r ihn zu beten. Sie weigerten sich, und er begann die EinwohnerInnen Fallujas zu bestrafen. Und bis heute ist Ba’ath in Falluja sehr schwach – das ist der Grund daf&#252;r, dass der Widerstand dort vor allem von religi&#246;sen Kr&#228;ften angef&#252;hrt wird. Der wichtige Punkt ist, dass Saddam jede Quelle der Opposition zerschlagen hat, ohne R&#252;cksicht auf Sekten, Religion oder Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Denkt ihr, dass die Besatzungsm&#228;chte versucht haben, religi&#246;s-sektiererische Spaltungen zu produzieren, und wenn ja, wie haben sie das getan?</em></p>
<p>SR: Allgemein gesprochen haben sie das bereits vor der Besatzung gef&#246;rdert, indem sie mit irakischen Oppositionskr&#228;ften bei Vor-Kriegs-Konferenzen in London und anderswo immer st&#228;rker auf Basis von „wer ist Kurde“, „wer ist Araber“, „wer ist Schiit“, „wer ist Sunnit“, „wer ist Turkmene“, „wer ist Christ“ und so weiter umgegangen sind. Und sie haben bewusst versucht, das zu f&#246;rdern – das war recht offensichtlich. Nach der Besatzung haben sie das weitergef&#252;hrt, in noch gr&#246;&#223;erem Ausma&#223;. Jede Institution, bei deren Aufbau sie ihre Hand im Spiel hatten, musste nach religi&#246;s-sektiererischen Kriterien aufgeteilt werden. Sogar die Armeeeinheiten h&#228;tten auf dieser Basis entstehen sollen. Paul Bremer’s Irakischer Regierungsrat<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> ist ein gutes Beispiel daf&#252;r, wie sie IrakerInnen spalten wollten.<br />
Eine so genannte „Balance“ zwischen den verschiedenen Communities beinhaltet im Prinzip sehr strenge religi&#246;se und ethnische Spaltungen, bis hinab zu Treffen und Komitees auf den niedrigsten Ebenen. All das ist den Jahrhunderte alten Traditionen des Landes v&#246;llig fremd.</p>
<p>HZ: Der „Hohe Rat f&#252;r die Islamische Revolution im Irak“, SCIRI, repr&#228;sentiert zum Beispiel eine bestimmte Klasse von SchiitInnen. Muqtada al-Sadr repr&#228;sentiert eine andere Klasse – die &#196;rmsten der Armen. SCIRI steht mehr oder weniger f&#252;r die Mittelklasse und die Menschen, die die heiligen St&#228;tten &#252;berwachen. Ich sehe es mehr als einen Klassenkampf als etwas anderes, schlie&#223;lich ist es eine Religion, der Islam. Es gibt kaum Unterschiede, was die Schriften betrifft – was wichtig ist, ist wer was kontrolliert. Es handelt sich um politische Parteien, die diese oder jene religi&#246;se Gruppe benutzen. Diese auf religi&#246;sem Sektierertum basierenden Parteien sind etwas Neues.<br />
Wenn man ihre ganzen Programme liest, sind sie letztlich alle gleich, sie k&#252;mmern sich sehr um das irakische Volk, nationale Einigkeit, sind gegen religi&#246;ses Sektierertum und so weiter. Leute aus dem Irak erz&#228;hlen uns, dass das Innenministerium in drei Stockwerke unterteilt ist – jedes Stockwerk geh&#246;rt einer politischen Partei, und sie sprechen nicht miteinander. Vor kurzem wurde entdeckt, dass 167 IrakerInnen im Geb&#228;ude des Ministeriums gefangen gehalten wurden, und jede politische Partei beschuldigt die andere, weil sie nicht einmal wissen, wer verhaftet und wer foltert. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Verhaftungen und die Milizen, sondern auch die Vergabe von Arbeitspl&#228;tzen. Um etwa einen Job im Verteidigungsministerium zu bekommen, oder im Sozialministerium, oder in irgend einem anderen Ministerium, musst du den Kriterien des Ministers entsprechen – je nachdem, welche Partei er repr&#228;sentiert. Wenn er in der PUK (Patriotische Union Kurdistans) ist, musst du auch PUK-Mitglied sein, sonst kannst du es vergessen. Mit deinen Qualifikationen hat das nichts zu tun.</p>
<p>SR: Es existiert ein gewisser Grad an Toleranz in der irakischen Gesellschaft, der das Existieren verschiedener religi&#246;ser Gruppen, Religionen und Nationalit&#228;ten erlaubte. Das hat sich sozial in gemischten Familien und gemischten Nachbarschaften ausgedr&#252;ckt. So leben etwa mehr KurdInnen in Bagdad als in irgendeiner Stadt in Kurdistan. Es gibt schiitische Communities &#252;berall im Irak. Ein Viertel der Bev&#246;lkerung Basras ist sunnitisch. Das sind Zeichen f&#252;r die allgemeine Durchmischung in dem Land, die nun aktiv aufgebrochen wird.</p>
<p><em>In den Medien hei&#223;t es oft, dass viele SchiitInnen die Besatzung unterst&#252;tzen und viele SunnitInnen sie ablehnen.</em></p>
<p>SR: Ich w&#252;rde nicht sagen, dass der Gro&#223;teil der schiitischen Community die Regierung unterst&#252;tzt. Ich denke, es gibt offensichtlich schiitische Massenorganisationen wie SCIRI oder die Da’wah-Partei, die Teil der Regierung sind, und die in den s&#252;dlichen St&#228;dten und in Teilen Bagdads stark sind. Aber sie repr&#228;sentieren – meiner Einsch&#228;tzung nach – keinesfalls die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten. Die Sadr-Bewegung, die stark gegen die Regierung und gegen die Besatzung auftritt, ist zum Beispiel sehr beliebt. Muqtada al-Sadr spielt eine sehr komplexe Rolle – w&#228;hrend er einerseits eine sehr feindliche Haltung gegen&#252;ber der Besatzung und der Politik der Regierung einnimmt, l&#228;sst er seine Unterst&#252;tzer andererseits f&#252;r die Wahlen kandidieren. Doch seine j&#252;ngste Entscheidung, einige seiner Unterst&#252;tzer der offiziellen Liste der „Irakischen Nationalen Koalition“ beitreten zu lassen, hat unter seinen Leuten gro&#223;e Diskussionen ausgel&#246;st – manche sind komplett dagegen, manche sagen „Wenn wir uns schon den Wahlen stellen, sollten wir es allein machen, oder uns zumindest mit anderen Anti-Besatzungs-Kr&#228;ften verbinden, die auch an den Wahlen teilnehmen k&#246;nnten“.</p>
<p><em>Versuchen die Besatzungskr&#228;fte, das Land in mehrere Teile aufzubrechen?</em></p>
<p>SR: Ich denke nicht, dass sie gekommen sind, um das Land in einen B&#252;rgerkrieg zu st&#252;rzen. Sie sind gekommen, um den Irak und sein Erd&#246;l auszubeuten und um das Land in eine strategische Basis im globalen Kontext zu verwandeln. Doch wegen des Ausma&#223;es an Opposition gegen ihre Anwesenheit und dem raschen Aufschwung des bewaffneten Widerstands im ganzen Irak (mit Ausnahme Kurdistans) wurde aus der Politik, Menschen entlang religi&#246;s-sektiererischer und ethnischer Grenzen zu trennen, ein Schema, um Unfrieden und Gewalt zwischen den Communities zu schaffen. Das ist die einzige M&#246;glichkeit einer Kolonialmacht – oder jeder anderen Macht – die eine andere Gesellschaft beherrscht, um mit dieser Situation zu Recht zu kommen, und zwar ganz spontan. Wenn du einen Feind hast, versuchst du ihn zu spalten, und die IrakerInnen haben &#252;berw&#228;ltigend bewiesen, dass sie – in unterschiedlichem Ausma&#223; – gegen die Besatzung sind. Die Reaktion der BesatzerInnen war, Differenzen auszunutzen, und Organisationen, die religi&#246;s-sektiererische  Gewalt predigen und aus&#252;ben, zu ignorieren oder gar aufzustacheln.</p>
<p>HZ: Wenn du eineN IrakerIn auf der Stra&#223;e fragst: „Willst du von Schiiten oder Sunniten regiert werden?“, wird die Antwort kommen: „Der Teufel kann uns regieren, solange er erstens ein Iraker ist, uns zweitens Sicherheit bringt, und drittens erm&#246;glicht, dass wir ein mehr oder weniger normales Leben f&#252;hren k&#246;nnen – alles andere ist uns egal“. Sogar als Talabani zum Pr&#228;sidenten ernannt wurde, h&#246;rte ich keineN IrakerIn sagen; „Dieser Talabani ist Kurde, deswegen wollen wir ihn nicht“. Sie k&#246;nnen dir eine lange Liste an Gr&#252;nden geben, warum sie Talabani hassen: Er ist korrupt; er ist verantwortlich f&#252;r den Tod vieler KurdInnen&#8230; Es geht also um Wirtschaft und Politik.</p>
<p><em>Das ist ein ganz anderes Bild als jenes, das wir von den Medien pr&#228;sentiert bekommen. Die allgemeine Sicht ist, dass der Irak geteilt ist in die KurdInnen im Norden, den SunnitInnen im „sunnitischen Dreieck“ und den SchiitInnen im S&#252;den. Ist das ein falsches Bild?</em></p>
<p>SR: Absolut. Aber dieses Bild hat sich leider stark festgesetzt, weil es so oft wiederholt wurde, dass es nun als selbstverst&#228;ndlich gilt. Die Macht der modernen Medien geht so weit, dass dieser Mythos in den K&#246;pfen der Menschen au&#223;erhalb des Irak zur Realit&#228;t wird. Im Irak selbst hat es Einfluss in intellektuellen Kreisen und unter bestimmten politischen Organisationen. Aber bei Menschen von der Stra&#223;e und in den Communities hat es sich noch nicht durchgesetzt.</p>
<p><em>Aber mit den Milizen und bewaffneten Banden hat es doch etwas auf sich?<br />
</em><br />
HZ: Es gibt tats&#228;chlich Milizen – jene von Ahmed Chalabi ist etwa noch sehr stark. Es gibt die Badr-Brigaden der SCIRI, die ber&#252;chtigt sind – und von denen wir wissen, dass sie im Iran aufgebaut wurden und mit der Partei selbst in den Irak kamen, ohne Verwurzelung in der irakischen Gesellschaft. Dann gibt es die Peshmerga (kurdische Milizen), die von den Besatzungsm&#228;chten in Najaf und Falluja benutzt wurden.<br />
Wenn wir von politischen Parteien sprechen, existiert es tats&#228;chlich. Aber wenn wir von den Menschen sprechen, ist das Gegenteil wahr. Als zum Beispiel hunderte Menschen auf der Jisr al-Imma-Br&#252;cke in Bagdad zu Tode getrampelt wurden, kamen alle Menschen, um ihnen zu helfen. W&#228;hrend der Belagerung Fallujas spendeten Menschen aus den verschiedensten Teilen des Irak Blut und Lebensmittel. Es gibt also eine feste Einigkeit, und ich denke, dass sie das Herz des Irak darstellt. Aber wie lange wird diese Einigkeit &#252;berleben, wenn sie t&#228;glich von PolitikerInnen und den Medien angegriffen wird – innerhalb wie au&#223;erhalb des Irak?</p>
<p>SR: Nat&#252;rlich ist es wichtig, die Vergangenheit zu betrachten, obwohl es keinen logischen Grund gibt, dass die historische Kontinuit&#228;t nicht auch durch die j&#252;ngsten Ereignisse gebrochen werden k&#246;nnte. Es gibt eine echte Gefahr, und je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto gegens&#228;tzlicher werden die Spaltungen werden. Die Besatzung ist nicht mehr ein externer Faktor in der irakischen Gesellschaft. Sie befindet sich in der irakischen Gesellschaft. Sie baut Armeetruppen und Sicherheitskr&#228;fte auf; sie kolonisiert den Staat; sie arbeitet mit recht gut organisierten politischen Kr&#228;ften zusammen; sie hat ihre Tentakel in alle Organisationen der Gesellschaft ausgebreitet; sie hat tausende ausl&#228;ndische S&#246;ldnerInnen und zehntausende von „geheimen“ Privatarmeen, die das Land &#252;berziehen.<br />
Ich denke, man m&#252;sste den Slogan von der Gefahr des B&#252;rgerkriegs im Irak umdrehen und sagen, dass je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Konflikt ausbrechen wird. Je schneller sie sich zur&#252;ckziehen,  desto wahrscheinlicher ist es, dass der Irak sich wieder in Richtung des relativ starken Zusammenhalts entwickeln wird, der zwischen den verschiedenen Communities existiert hat. Deine Politik war im Irak immer wichtiger als deine Religion oder deine Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Das Interview wurde von </em><em>Anne Ashford</em> f&#252;r das International Socialism Journal gef&#252;hrt. Das ganze Interview ist auf Englisch abrufbar unter:</p>
<p>http://www.isj.org.uk/index.php4?id=159&amp;issue=109.</p>
<p>Anmerkungen<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eine von den Besatzungsm&#228;chten eingerichtete und besetzte „Regierung“, die bis zu den Wahlen im Amt war.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Bolivien: Revolution Reloaded?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bolivien-revolution-reloaded/</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:30:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.<br />
<span id="more-74"></span></p>
<h3>Eine neue Bewegung</h3>
<p>Morales wurde von den Bewegungen der letzten Jahre f&#246;rmlich an die Macht getragen. Nach 15 Jahren neoliberaler Strukturanpassungsprogramme, einer Welle von Privatisierungen und R&#252;ckzugsgefechten der ArbeiterInnenbewegung markierten die Proteste gegen die Privatisierung der Wasserversorgung 2000 in Cochabamba den Wendepunkt und Startschuss einer neuen Periode sozialer Auseinandersetzungen. Nach jahrelangen getrennten K&#228;mpfen von isolierten Teilen der Gesellschaft, formierte sich in Cochabamba eine Bewegung, deren Qualit&#228;t in jeder Hinsicht neu war, nicht nur aufgrund der Einheit und Koordination der beteiligten Kr&#228;fte; die wachsende Politisierung fand gr&#246;&#223;tenteils au&#223;erhalb der etablierten Organisationen, auch jenen der Linken, und den diskreditierten Institutionen des politischen Systems statt. Strategische Entscheidungen w&#228;hrend der f&#252;nfmonatigen Mobilisierung wurden von den AktivistInnen gemeinsam in Nachbarschafts- und Stadtversammlungen getroffen. Politik war nicht mehr nur Sache professioneller Politiker, wie Oscar Olivera, Sprecher der<em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic"> Coordinadora de Defensa del Agua</span></em>, betont: „Mehr als alles andere lernen wir uns politisch selbst zu repr&#228;sentieren, indem wir unsere eigenen Pl&#228;ne entwickeln und umsetzen – indem wir uns gegenseitig ermutigen zu sagen, wie wir die Dinge haben wollen, und dann f&#252;r diese Vision zu k&#228;mpfen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Proteste in Cochabamba waren auch mehr als defensive Gefechte f&#252;r die R&#252;cknahme eines Privatisierungsgesetzes. Die Forderung nach Nationalisierung der Wasserversorgung zielte nicht einfach auf deren Wiederverstaatlichung. Olivera erkl&#228;rt: “Das wirkliche Gegenteil der Privatisierung ist die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Bev&#246;lkerung, selbst-organisiert in kommunalen Verwaltungsstrukturen, in Nachbarschaftsversammlungen, in Gewerkschaften, an der Basis.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> <o></o></p>
<h3>Die MAS zwischen Radikalismus und Realpolitik</h3>
<p>Der erfolgreiche Kampf der Cochabambinas gab in den folgenden Monaten auch anderen Bewegungen neues Selbstvertrauen: den <em>cocaleros</em>, die f&#252;r die Legalisierung des Kokaanbaus k&#228;mpfen; den Organisationen der Aymara und Quechua, die f&#252;r ihre Rechte als Indigenas protestierten; usw.; schlie&#223;lich der Bewegung f&#252;r die Nationalisierung des Erdgas, die all diese Kr&#228;fte zusammenf&#252;hrte.<o></o><br />
Im Sog dieser Bewegungen wurde die MAS bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2002 beinahe an die Macht katapultiert. Mit 21 Prozent der Stimmen unterlag Morales nur um eineinhalb Prozent gegen Sánchez de Lozada, einen der Architekten der neoliberalen Schocktherapie Boliviens Mitte der 1980er.<br />
Das Ergebnis kam selbst f&#252;r die MAS &#252;berraschend. Erst 1999 als „politisches Instrument“ der Kokabauerngewerkschaften gegr&#252;ndet, besa&#223; die Partei weder interne Strukturen noch landesweite Verankerung; vielmehr handelte es sich bei der MAS um „eine Koalition flexibler sozialer Bewegungen, die ihre Aktionen auf die Wahlebene ausgeweitet haben.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <o></o><br />
Der &#220;berraschungserfolg von 2002 schien nun einen Sieg bei den n&#228;chsten Wahlen 2007 in greifbare N&#228;he zu r&#252;cken und lie&#223; damit das Projekt einer „graduellen, institutionellen Transformation des bolivianischen Staates“ als realistische Perspektive erscheinen. Diesem Ziel hat Morales seither die Politik der MAS untergeordnet.<br />
Nicht nur zur traditionellen Linken wurden engere Kontakte gekn&#252;pft, vor allem auch Intellektuelle und professionelle Politiker wurden f&#252;r die Partei rekrutiert, die keine organische Verwurzelung in den sozialen K&#228;mpfen hatten, aber der MAS helfen sollten, “die Mittelklassen und mit dem internen Markt verbundene Unternehmer anzuziehen”.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Heute besteht die MAS – neben Morales selbst – im Kern aus dieser kleinen Gruppe Parteiintellektueller, die versucht einen Kurs zwischen den Forderungen der sozialen Bewegungen, der Oligarchie Boliviens, transnationalem Kapital, dem US-Imperialismus und separatistischen Tendenzen im Land zu man&#246;vrieren.<o></o><br />
Dies hatte freilich eine z&#246;gerliche und oft widerspr&#252;chliche Politik zufolge.<br />
So unterst&#252;tzte die MAS im Oktober 2003, nachdem eine Massenbewegung gegen den Ausverkauf bolivianischen Erdgases Pr&#228;sident Lozada gest&#252;rzt hatte, dessen ebenso neoliberalen Nachfolger Carlos Mesa, als dieser die Entscheidung &#252;ber die Nationalisierung des Erdgas auf Juli 2004 (also neun Monate sp&#228;ter!) vertagte und so die Bewegung demobilisieren konnte. Mitte 2005, als die indigenen Bewegungen, Gewerkschaften, die Organisationen der <em>cocaleros</em> und die MAS einen Einheitspakt zum Sturz Mesas beschlossen, zerbrach dieser rasch wieder, da sich die MAS mit einer 50-prozentigen Besteuerung des Erdgas zufrieden geben wollte, w&#228;hrend die anderen Organisationen an der Forderung nach entsch&#228;digungsloser Nationalisierung festhielten. Und als im Juni 2005 die Bewegungen Mesa zu Fall brachten, die &#214;lfelder und Flugh&#228;fen des Landes besetzten, die Stra&#223;en blockierten und f&#252;r kurze Zeit die politische Kontrolle der Gesellschaft nicht mehr in der Hand des b&#252;rgerlichen Staatsapparats sondern der Selbstverwaltungsstrukturen der Bewegungen lag, setzte die MAS alles daran, die revolution&#228;re Krise wieder in konstitutionelle Bahnen zu lenken. Morales einigte sich schlie&#223;lich mit Interimspr&#228;sident Rodriguez auf Neuwahlen im Dezember.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im Wahlkampf griff die MAS zwar viele der Forderungen der sozialen Bewegungen auf (Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, Nationalisierung der Gasvorkommen, Legalisierung des Kokaanbaus), warb aber gleichzeitig f&#252;r das Modell eines „Andenkapitalismus“, ein staatskapitalistisches Entwicklungsprojekt, dessen Architekt – der Soziologe und nunmehrige Vizepr&#228;sident Álvaro García Linera – offen seine Bewunderung f&#252;r die europ&#228;ische Sozialdemokratie erkl&#228;rt. Der Balanceakt zwischen sozialer Bewegung und „Realpolitik“ f&#252;hrte zu so paradoxen Situationen, wie jene, als Morales gegen die ALCA demonstrierte w&#228;hrend gleichzeitig García Linera verk&#252;ndete, bilaterale Verhandlungen &#252;ber ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten seien keineswegs ausgeschlossen. Unmittelbar nach den Wahlen gab Morales gr&#252;nes Licht f&#252;r die Privatisierung von Mutún, einem der gr&#246;&#223;ten Eisen- und Magnesiumvorkommen der Welt, die erst nach der Intervention der Gewerkschaften wieder auf Eis gelegt wurde.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Und w&#228;hrend die Sozialministerien in der neuen Regierung an AktivistInnen der Bewegung gingen, wurden die &#246;konomischen Schl&#252;sselministerien mit Technokraten besetzt, die Verbindungen zur alten Ordnung unterhalten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">Bei einigen Organisationen der sozialen Bewegungen h&#228;lt sich das Vertrauen auf Morales und die MAS deshalb verst&#228;ndlicherweise in Grenzen. Der Dachverband der Stadtteilkomitees (FEJUVE) von El Alto bspw. hat der MAS eine 90-Tage-Frist gesetzt, die Nationalisierung des Erdgases umzusetzen. Auch Felipe Quispe (MIP), Jaime Solares (COB) und Oscar Olivera (Coordinadora) bleiben auf kritischer Distanz. Die Einsch&#228;tzung innerhalb dieser Organisationen ist jedoch selbst gespalten. Die Mehrheit der sozialen Bewegungen hat sich f&#252;r die strategische Unterst&#252;tzung der MAS-Regierung entschlossen. Viele zentrale AktivistInnen sind nun selbst Mitglieder der Regierung – wie etwa Abel Mamani von der FEJUVE –, was die Mobilisierungsf&#228;higkeit dieser Kr&#228;fte zur Zeit entscheidend einschr&#228;nkt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
<p class="MsoNormal">Die Kernfrage der strategischen Debatten innerhalb der bolivianischen Linken ist die um das Verh&#228;ltnis der Bewegungen zu b&#252;rgerlichem Staat und politischer Macht. Die Diskussion bewegt sich dabei zwischen zwei (idealisierten) Extrempolen: Transformation der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats, oder Aufbau von Selbstverwaltungsorganen als politische Machtstrukturen jenseits b&#252;rgerlicher Staatlichkeit. Solche Fragen stellen sich in der bolivianischen Geschichte nicht zum ersten Mal: in vielerlei Hinsicht sind die historischen Erfahrungen der Revolution von 1952 ein zentraler Bezugspunkt f&#252;r die aktuellen Debatten.<o></o></p>
<h3>The Fire Last Time</h3>
<p>Im Zentrum und an der Spitze der sozialen Bewegungen im Bolivien der 1930er und 1940er Jahre waren die Minenarbeiter, die <em>mineros</em>, gestanden.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Zinnbergbau war seit der Wende zum 20. Jahrhundert zum bedeutendsten Sektor der bolivianischen Wirtschaft aufgestiegen – mehr als ein Viertel des BIP wurde in den Zinnminen erwirtschaftet – und bis in die 1920er schuf das stabile Wachstum der Zinnindustrie die materielle Basis f&#252;r eine Periode au&#223;ergew&#246;hnlicher politischer Stabilit&#228;t. Nicht nur der politische und &#246;konomische Einfluss der wenigen Unternehmen, die den Zinnbergbau monopolisierten (die <em>rosca</em>), sondern auch deren ideologische Hegemonie in der Gesellschaft war relativ unumk&#228;mpft.<o></o></p>
<p>Als jedoch mit der Weltwirtschaftskrise 1929 Nachfrage und Preise f&#252;r Zinn am Weltmarkt rasant fielen, brach dieses Setup rasch zusammen. Heftige K&#228;mpfe in den 1930ern waren die Folge, die von den Regierungen mit wachsender Brutalit&#228;t niedergeschlagen wurden.<br />
Auch im Mittelstand formierte sich in den 1930ern, als sich die Illusion, die Profite aus dem Zinnexport w&#252;rden die Mittel f&#252;r die &#246;konomische und politische Modernisierung des Landes bereitstellen, zusehends in Luft aufl&#246;sten<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>, eine Bewegung, die ihre Inspiration u.a. aus den kleinb&#252;rgerlich-nationalistischen Strategien der APRA<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> in Peru zog. Als Zusammenschluss dieser Kr&#228;fte wurde 1941 die MNR gegr&#252;ndet.<br />
Der MNR gelang es in den 1940ern, schrittweise auch unter ArbeiterInnen eine solide Verankerung aufzubauen. Die bislang hegemoniale Kraft in der Gewerkschaftsbewegung, die stalinistische PIR, verweigerte den K&#228;mpfen die Unterst&#252;tzung, schlie&#223;lich hatte die KomIntern als oberste Maxime die Unterst&#252;tzung der Alliierten und der Sowjetunion im Krieg ausgegeben, und das hie&#223;, v.a. billigen Zinnexport zu garantieren. In das ideologische Vakuum, das der Bankrott der PIR hinterlie&#223;, konnte die MNR vorsto&#223;en. Nur in einigen radikaleren Minen konnte zu dieser Zeit auch die trotzkistische POR Fu&#223; fassen.<br />
Die politische Strategie der MNR orientierte allerdings nicht auf Massenbewegungen von unten. Vielmehr kn&#252;pfte die MNR Kontakte zu einer Fraktion nationalistischer Armeeoffiziere um General Villarroel. Als sich dieser im Dezember 1943 an die Macht putschte trat die MNR in die Regierung ein.<o></o><br />
Die Koalition MNR/Villarroel stand von Beginn an sowohl von au&#223;en (US-Imperialismus) als auch von innen (<em>rosca</em>) unter Druck. Die korporatistische Integration der Gewerkschaften in den Staat wurde deshalb entscheidend f&#252;r das &#220;berleben des Regimes. So wurde dann auch 1944 die erste nationale Gewerkschaft der Minenarbeiter (FSTMB) auf ma&#223;gebliche Initiative der MNR gegr&#252;ndet.<o></o><br />
Das B&#252;ndnis mit der ArbeiterInnenbewegung war jedoch keineswegs permanent und stabil. Die Durchsetzung des &#246;konomischen Programms der Regierung, eines staatskapitalistischen Entwicklungsmodells in Anlehnung an „milit&#228;rsozialistische“ Experimente der 1930er<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>, musste fr&#252;her oder sp&#228;ter auf eine Konfrontation mit den ArbeiterInnen hinauslaufen. Die Spannungen brachen schlie&#223;lich aus, als der neue Finanzminister Paz Estenssoro ein restriktives Programm zur Stabilisierung der W&#228;hrung ank&#252;ndigte, das nur mit harter Repression durchgesetzt werden konnte. Auf ihrem dritten Kongress im M&#228;rz 1946 entzog die FSTMB der Villarroel-Regierung die Unterst&#252;tzung und bereitete sich auf die unausweichlich scheinende Konfrontation vor.<o></o><br />
Juan Lechín, Gewerkschaftsf&#252;hrer der FSTMB und Mitglied der MNR, versuchte unterdessen, den wachsenden Einfluss radikalerer Kr&#228;fte wie der trotzkistischen POR unter den <em>mineros</em> und die Kontrolle der MNR &#252;ber die Bewegung gegeneinander auszubalancieren. Lechín, selbst Mitglied der Partei, die in Regierungsverantwortung die Angriffe organisierte, ging es darum, die Gewerkschaftsbewegung als Hebel zu nutzen, um dem Regime Reformen abzutrotzen. Zwar war er daf&#252;r bereit, die Forderungen der POR teilweise zu unterst&#252;tzen und die Regierung samt MNR-Ministern unter Druck zu setzen; vor einer echten Offensive schreckte Lechín aber zur&#252;ck.<o></o><br />
Auch nachdem Villarroel im Juli 1946 von einer unheiligen Allianz aus Milit&#228;rs und Stalinisten gest&#252;rzt worden war, wurde dieser Kurs im Wesentlichen beibehalten. Zwar beschloss die FSTMB auf ihrem au&#223;erordentlichen Kongress im November 1946 mit den „Thesen von Pulacayo“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> ein Programm, das zurecht als eines der radikalsten Dokumente der bolivianischen ArbeiterInnenbewegung bezeichnet worden ist: darin wurden nicht nur Lohnerh&#246;hungen und die Gr&#252;ndung einer nationalen Gewerkschaftsf&#246;deration gefordert, sondern auch die Strategie einer grundlegenden Transformation der bolivianischen Gesellschaft entworfen. Pl&#228;ne zur Besetzung der Minen wurden vorbereitet, eine Taktik, die in der &#220;bernahme der politischen Macht gipfeln sollte. Das Problem war nur, dass die <em>mineros</em> zur Implementierung der Thesen auf die Gewerkschaftsf&#252;hrung um Lechín vertrauten – und diese z&#246;gerte.<o></o><br />
Es verwundert deshalb kaum, dass auch der Umsturz im April 1952 zun&#228;chst ohne aktive Beteiligung der ArbeiterInnen geplant wurde. Die MNR hatte den Kommandeur der paramilit&#228;rischen Polizei Seleme f&#252;r einen Putschversuch gewonnen; wie 1943 sollte das Milit&#228;r den <em>coup d’etat</em> organisieren, w&#228;hrend die MNR die Unterst&#252;tzung der Massen sicherstellen w&#252;rde.<o></o><br />
Die Aktion begann am 9. April: MNR-Kommandos und Einheiten der paramilit&#228;rischen Polizei &#252;bernahmen die wichtigsten Geb&#228;ude der Hauptstadt. Entgegen der Erwartungen blieb die Armee jedoch loyal zum Regime; am Abend des ersten Tages schien die Situation aussichtslos und Seleme fl&#252;chtete aus dem Land, nachdem er zuvor in einer Radioansprache die F&#252;hrung des Aufstandes an die Zivilbev&#246;lkerung &#252;bergeben hatte. Die Initiative ging so auf die <em>mineros</em> &#252;ber – und mit deren Mobilisierung wendete sich das Blatt. Bewaffnete ArbeiterInnen besetzten die Bahnh&#246;fe, beschlagnahmten Munitionsz&#252;ge und schnitten den Nachschub der Truppen nach La Paz ab – was als traditioneller <em>coup d’etat</em> begann wurde so in einen Massenaufstand transformiert. Am 11. April, nach drei Tagen heftiger K&#228;mpfe, gab sich die Armee geschlagen. ArbeiterInnenmilizen kontrollierten die Stra&#223;en; die Macht lag effektiv in den H&#228;nden des Proletariats.<br />
Die neue Regierung sah sich nun mit einer Situation konfrontiert, die so nicht vorgesehen war: statt in einer Koalition mit den Milit&#228;rs fand sich die MNR in einem B&#252;ndnis mit den <em>mineros</em> wieder, wobei das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in den ersten Wochen nach dem April-Umsturz eindeutig auf Seiten der ArbeiterInnenbewegung lag. Der am 17. April gegr&#252;ndete erste nationale Gewerkschaftsdachverband COB war f&#252;r einige Zeit das einzige relevante Machtzentrum im Land, denn „im gesellschaftlichen Zusammenbruch und Chaos nach dem 9. April war die COB der Fokus, um den sich ArbeiterInnen organisieren konnten. Sie war die einzige Kraft mit der St&#228;rke und Geschlossenheit, Entscheidungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch umzusetzen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Nicht zuletzt, weil mit Lechín, Butron und Angel Cromez auch drei prominente Gewerkschaftsf&#252;hrer in der neuen Regierung sa&#223;en, konnten in den Monaten nach dem April 1952 weitreichende Reformen durchgesetzt werden: ein allgemeines Wahlrecht wurde eingef&#252;hrt, die Zinnbergwerke wurden nationalisiert und die FSTMB erhielt zwei von sieben Sitzen in der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL. In den Minen wurde die Betriebsleitung von Delegierten der ArbeiterInnen beaufsichtigt. Am Land eigneten sich die Bauern und B&#228;uerinnen das Eigentum der Gro&#223;grundbesitzer an – was mit der im August 1953 verabschiedeten Landreform rechtlich legitimiert wurde. Die Revolution hatte also zu einer dramatischen und permanenten Restrukturierung der bolivianischen Gesellschaft gef&#252;hrt: die kleine Elite, die Jahrhunderte lang an der Macht gewesen war, war gest&#252;rzt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeit, diese Reformen durchzusetzen, war ma&#223;geblich vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig. Die F&#252;hrung der COB, allen voran Lechín, beschr&#228;nkte sich jedoch darauf, m&#246;glichst gro&#223;en Einfluss innerhalb der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats zu sichern, statt den Prozess der revolution&#228;ren Transformation der Gesellschaft weiterzutreiben, die begonnene Entwicklung in Richtung einer genuin sozialen Revolution, d.h. der &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle der gesamten Gesellschaft durch Selbstverwaltungsstrukturen der ArbeiterInnen, auszuweiten und zu vertiefen. So sollte sich die ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben auf die &#220;berwachung der Betriebsleitung beschr&#228;nken und am Land „sollten nur unproduktive <em>haciendas</em> enteignet werden und Grundbesitzer, die dem Reformprogramm zustimmten, w&#252;rden Arbeitsvertr&#228;ge f&#252;r Landarbeiter erhalten“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o><br />
Auch die POR sa&#223; der Illusion auf, dass die dominante Position der COB in der Regierung die revolution&#228;re Entwicklung von selbst garantieren w&#252;rde und verzichtete auf weitere Mobilisierung. Dies sollte sich als fatal erweisen: sobald die Bewegung demobilisiert war und das Regime fest im Sattel sa&#223;, wurden die Zugest&#228;ndnisse sukzessive entsch&#228;rft oder zur&#252;ckgenommen, w&#228;hrend die POR mittels b&#252;rokratischer Man&#246;ver aus der COB verdr&#228;ngt wurde. Lechín diente der Regierung dabei nur als linkes Feigenblatt, bis sich die Situation wieder beruhigt hatte. 1956 f&#252;hlte sich das MNR-Regime schlie&#223;lich stark genug, zur Durchsetzung der &#246;konomischer „Modernisierungspolitik“ auch ihre ehemaligen Partner in den Gewerkschaften frontal anzugreifen.<o></o></p>
<h3>Revolution Reloaded?</h3>
<p>Sowohl der gesellschaftliche Kontext als auch die politischen AkteurInnen haben sich seit 1952 stark ver&#228;ndert. In gewissem Sinn wurde die politische Kontinuit&#228;t in Bolivien mit der neoliberalen Wende Mitte der 1980er gebrochen. Als die Minen privatisiert und auf einen Schlag 30.000 <em>mineros</em> entlassen wurden, wurde damit auch das politische Gewicht der Gewerkschaften massiv geschw&#228;cht. Auch in den l&#228;ndlichen Gebieten Chapares und im <em>altiplano</em> hat die zunehmende Kapitalisierung der Landwirtschaft viele Bauern und B&#228;uerinnen in prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse in die St&#228;dte gezwungen. Heute arbeiten 68 Prozent der 3,5 Mio. Lohnabh&#228;ngigen im „informellen Sektor“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur ein F&#252;nftel sind gewerkschaftlich organisierte Vollzeitbesch&#228;ftigte.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> El Alto ist Ausdruck dieser strukturellen Ver&#228;nderungen in der bolivianischen Gesellschaft: 1950 noch ein Dorf mit wenigen tausend EinwohnerInnen ist El Alto heute ein Vorstadt-Slum von La Paz, in dem mehr als einer Million Menschen lebt, die meisten von ihnen schlagen sich mit prek&#228;ren Jobs in der Hauptstadt durch.<br />
Die Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung und die damit einhergehende soziale Atomisierung bedeuteten auch ver&#228;nderte Formen politischen Bewusstseins. Traditionen von Klassensolidarit&#228;t, die ihre Wurzeln in den Minen hatten, wurden seit den 1980ern ausgeh&#246;hlt und ein diffuser indigener Nationalismus sowie kommunalistische Widerstandsformen konnten in den 1980ern und 90ern stark an Einfluss gewinnen. Das soll nicht bedeuten, dass die Organisationen der ArbeiterInnen in den K&#228;mpfen der letzten Jahre bedeutungslos waren, geschweige denn, dass sie in den kommenden Auseinandersetzungen keine Rolle spielen werden m&#252;ssen. Die Konf&#246;deration der FabriksarbeiterInnen in Cochabamba war haupts&#228;chliche Impulsgeberin der Proteste 2000; die Regionalgewerkschaften COR, die vor allem die prek&#228;r Besch&#228;ftigten organisieren, sind insbesondere in El Alto eine wichtige Kraft der K&#228;mpfe; und f&#252;r die Zukunft wird die Organisierung der GasarbeiterInnen im Osten des Landes, wo die Bewegung seit 2000 am wenigsten verwurzelt ist, eine zentrale Herausforderung sein. Trotzdem fehlt der Bewegung heute eine koordinierende und zentralisierende Kraft, wie sie die COB bis in die 1980er darstellen konnte.<o></o><br />
Politische Strategien in Bolivien m&#252;ssen dieser ver&#228;nderten Situation Rechnung tragen. Die historischen Erfahrungen der Revolution 1952 sind deshalb nicht direkt und unmittelbar auf die heutige Situation &#252;bertragbar. Dennoch ist ein Verst&#228;ndnis des letztlichen Scheiterns der Revolution auch f&#252;r die aktuellen Debatten relevant:<br />
1. Das politische Programm der MAS ist ein Kompromissprojekt, das es sowohl den sozialen Bewegungen als auch dem urbanen Mittelstand, der nationalen Bourgeoisie und selbst internationalem Kapital gleichzeitig recht machen will.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Nicht allein aufgrund der Tatsache, dass der parlamentarische Spielraum der MAS selbst begrenzt ist (die MAS h&#228;lt zwar die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, nicht aber im Senat, und kontrolliert au&#223;erdem nur drei von neun Regionalregierungen), ist die Durchsetzung radikaler Forderungen deshalb weiterhin vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig, um Morales so an seine Versprechen zu binden. Wie fatal das Vertrauen in einen geschichtlichen Automatismus und eine Abwartehaltung gegen&#252;ber linken Regierungen enden kann, haben die Ereignisse nach April 1952 deutlich gezeigt. Weil die COB auf weitere Aktionen von unten verzichtete konnte sich letztlich die Politik des „rechten“ Fl&#252;gels der MNR durchsetzen.<br />
2. Im Prozess der Mobilisierung gilt es, den Aufbau selbstverwalteter politischer Machtstrukturen jenseits und als Alternative zum b&#252;rgerlichen Staat auszuweiten und zu vertiefen. Eine solche Orientierung zeigten im Ansatz die Asamblea Nacional in El Alto und die Revolution&#228;re Volksversammlung in Cochabamba im Juni 2005. Gleichzeitig jedoch existierte in der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer eine andere Dynamik, die auf die Wahlen und die Macht im Staat orientierte – es war letztere, die sich vorerst durchsetzen konnte. Derselbe Konflikt verbirgt sich heute unter dem Label der f&#252;r Juli 2006 angesetzten Konstituierenden Versammlung, deren Funktion von den politischen AkteurInnen sehr unterschiedlich definiert wird. Sie k&#246;nnte sich auf der einen Seite als reiner Trick erweisen, deren einziges Ziel die Konsolidierung der Macht der MAS im Staat ist.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Auf der anderen Seite k&#246;nnte die Konstituierende Versammlung aber auch Startschuss f&#252;r einen Prozess demokratischer Selbstorganisierung sein, als Koordinationsstruktur eines Netzwerks von Basisstrukturen.<br />
1952 wurde der Staat radikal umgebaut, aber kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse und der b&#252;rgerliche Staatsapparat selbst blieben intakt. Die COB hielt in den Wochen nach dem April-Umsturz die politische Macht in der Hand; die Durchsetzung echter ArbeiterInnenkontrolle &#252;ber Produktion und Distribution w&#228;re m&#246;glich gewesen; stattdessen optierte die F&#252;hrung der COB f&#252;r eine Koalitionsregierung mit der MNR und beschr&#228;nkte sich auf zwei Sitze in der frisch verstaatlichten Bergbaugesellschaft. Dieses Arrangement mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen sollte ihr letztlich selbst auf den Kopf fallen.<br />
Heute ziehen einige Organisationen der Bewegungen radikalere Schl&#252;sse aus den Erfahrungen der K&#228;mpfe der letzten Jahre. Die Coordinadora in Cochabamba schrieb &#252;ber die revolution&#228;re Krise im Juni 2005:<br />
„In dieser Mobilisierung haben wir zwei Dinge gesehen. Auf der einen Seite, dass wir, die verschiedenen sozialen Bewegungen, das gesamte Land lahmlegen und die Man&#246;ver der Unternehmer und Politiker zur&#252;ckschlagen k&#246;nnen. Auf der anderen Seite haben wir es nicht geschafft, unsere eigenen Entscheidungen und Ziele durchzusetzen… Basierend auf diesen zwei &#220;berlegungen haben wir in allen Nachbarschaften und Communities in Cochabamba und im ganzen Land eine breite Debatte &#252;ber die Notwendigkeit er&#246;ffnet, Schritt f&#252;r Schritt unsere eigenen Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen und daf&#252;r in den n&#228;chsten Mobilisierungen zu k&#228;mpfen. Wir haben die St&#228;rke und Kreativit&#228;t, unsere Beschl&#252;sse jenseits der offiziellen Institutionen und traditionellen politischen Parteien umzusetzen… Dieses Mal haben wir die &#214;lt&#252;rme, die Gasfelder und die Raffinerien besetzt. In Zukunft m&#252;ssen wir auch in der Lage sein, sie in unserem Eigeninteresse einzusetzen.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Olivera, Oscar: ¡Cochabamba! Water War in Bolivia. Cambridge/MA: South End Press 2004. 21.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ebd. 156f.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Exclusive Interview with MAS’ Vice-Presidential Candidate; online unter: http://americas.irc-online.org/am/2987.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> García Linera, Álvaro: State Crisis and Popular Power; in: New Left Review 37 (2006). 73-85; hier: 85.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Petras, James: Evo Morales/Bolivia: Populist gestures and neo-liberal substance; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=25142 und ders.: New Winds from the Left or Hot Air from a New Right; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=28333.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. Petras, James: A Bizarre Beginning in Bolivia. Inside Morales’s Cabinet; online unter: http://www.counterpunch.org/petras02042006.html<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hinzu kam, dass der “Chaco-Krieg” gegen Paraguay, den Salamanca vom Zaun gebrochen hatte, um die innere Krise im Land in einem „nationalen Schulterschluss“ zu &#252;berwinden, in einer verheerenden Niederlage endete.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA): 1924 von Haya de la Torre gegr&#252;ndete kleinb&#252;rgerlich-nationalistische Sammlungsbewegung in Peru, deren Ideen in ganz Lateinamerika einflussreich wurden.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> „Milit&#228;rsozialismus“ nannten die Milit&#228;rregimes in der zweiten H&#228;lfte der 1930er ihr Projekt eines autorit&#228;r-korporatistischen Staats.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Die Thesen online: http://www.pt.org.uy/textos/temas/pulacayo.htm.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Lora, Guillermo: A History of the Bolivian Labour Movement, 1848-1971. Cambridge: Cambridge UP 1977. 281.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Kohl, James V.: Peasant and Revolution in Bolivia, April 9, 1952-August 2, 1953; in: Hispanic American Historical Review 58:2 (1978). 238-259; hier: 248.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> García Linera: a.a.O. 79; vgl. auch Nicholls, Peter: Bolivia: between a rock and a hard place; in: Capital &amp; Class 81 (2003). 9-15; hier: 12.<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Olivera: a.a.O. 124.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Darauf weist u.a. auch hin, dass am Tag der Konstituierenden Versammlung auch das Referendum &#252;ber die Autonomie der erdgasreichen Region Santa Cruz stattfinden wird, das seit der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer von der Rechten in Bolivien gefordert wird. Das Ergebnis des Referendums soll f&#252;r die Konstituierende Versammlung bindend sein.<o></o></p>
<p><a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Zit. n. Gonzales, Mike: Bolivia: the Rising of the People; in: International Socialism 108 (2005). 73-101; hier: 73.<o></o></p>
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		<title>Zwei Logiken der Macht</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:22:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: David Harvey: Der neue Imperialismus, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 23,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sp&#228;testens seit Bushs <em>War Against Terrorism</em> erleben wir ein Revival marxistischer Imperialismustheorien, die versuchen, die neuen Kriege, die Instabilit&#228;ten und Widerspr&#252;che im globalen Kapitalismus zu Beginn des neuen Jahrtausends zu erkl&#228;ren. Mit <em>Der neue Imperialismus</em> hat David Harvey, marxistischer Geograph und f&#252;hrender Vertreter eines „historisch-geographischen Materialismus“, einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte geleistet.<o></o><br />
Harvey definiert den kapitalistischen Imperialismus als widerspr&#252;chliche Verschmelzung von zwei Logiken der Macht: einer territorialen (geopolitischen) und einer kapitalistischen (&#246;konomischen). Das Verh&#228;ltnis zwischen beiden ist weder funktionell noch einseitig. Weder operieren Staaten und Imperien immer aus kapitalistischen Motiven, noch werden die &#246;konomischen Prozesse von Staaten und Imperien gelenkt. Kapitalistische und territoriale Machtlogik sind als voneinander verschieden zu begreifen, aber gleichzeitig „auf komplexe und widerspr&#252;chliche Weise miteinander verwoben“. (36)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Aus Perspektive der kapitalistischen Logik geht es bei imperialistischen Praktiken darum, die ungleichen geographischen Bedingungen, die notwendig aus kapitalistischen Tauschbeziehungen entstehen, auszunutzen, w&#228;hrend es Hauptaufgabe des Staates ist, „die asymmetrische Struktur des r&#228;umlichen Tauschs, die sich zu seinem Vorteil auswirkt, zu erhalten.“ (38)<o></o></p>
<p>Staatliche Aktivit&#228;t ist auch zentral bei der L&#246;sung der regelm&#228;&#223;igen &#220;berakkumulationskrisen im Kapitalismus, entweder durch massive Entwertung oder Erschlie&#223;ung neuer Verwertungsm&#246;glichkeiten im Inneren, oder durch geographische Expansion nach au&#223;en und die Umstrukturierung r&#228;umlicher Beziehungen. Hier kommt das ins Spiel was Harvey „Akkumulation durch Enteignung“ nennt. Der Kapitalismus ben&#246;tigt stets einen Vorrat an Verm&#246;genswerten au&#223;erhalb seiner selbst, um dem Druck der &#220;berakkumulation zu entgehen. Der Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ bei Marx – „die Kommodifizierung und Privatisierung des Bodens…, Umwandlung verschiedener Formen von Eigentumsrechten (&#246;ffentlich, kollektiv, staatlich usw.) in exklusive Eigentumsrechte; Kommodifizierung der Arbeitskraft und die Unterdr&#252;ckung alternativer (traditioneller) Formen der Produktion und des Konsums; koloniale, neokoloniale und imperialistische Prozesse der Aneignung von Verm&#246;genswerten…“ (143) – ist f&#252;r Harvey deshalb nicht nur ein Ph&#228;nomen in der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, sondern „eine wichtige und anhaltende Kraft in der historischen Geographie der Kapitalakkumulation durch Imperialismus“. (141)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Insbesondere seit der Welt-wirtschaftskrise 1973 wurde die „Akkumulation durch Enteignung“, als Kompensation f&#252;r die chronischen Probleme der &#220;berakkumulation, immer wichtiger. Hauptvehikel dieser Entwicklung war die Finanzialisierung und die effektive Abstimmung eines internationalen Finanzsystems, das bestimmten Gebieten oder auch ganzen L&#228;ndern – gest&#252;tzt auf internationale Institutionen – brutale Entwertungsrunden auferlegen konnte. (154) Dies ist nach Harvey das zentrale Kennzeichen des neuen, „neoliberalen Imperialismus“; die Hegemonie der USA in dieser Konstellation spiegelte sich in ihrer F&#252;hrungsrolle in den internationalen Finanzinstitutionen („Wall-Street-US-Finanzministerium-IWF-Komplex“).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Die Bush-Administration f&#252;hrt diese Politik fort. Jedoch zeichnet den „neokonservativen Imperialismus“ im Unterschied zum neoliberalen aus, dass er verst&#228;rkt mit Zwang statt mit Konsens operiert. Die Ursachen daf&#252;r sieht Harvey in der schwindenden Dominanz des US-Kapitals nicht nur in der Produktion sondern auch im Finanzsektor. Der neokonservative Imperialismus versucht, die Schw&#228;chen der wirtschaftlichen Grundlagen seiner geopolitischen Macht zu kompensieren, indem er sich auf den einzigen Bereich st&#252;tzt, in dem die USA noch absolut dominieren: den milit&#228;rischen. Die Sicherung der &#214;lreserven im Mittleren Osten soll ihnen die Mittel in die Hand geben, „um auf jede innerhalb der Weltwirtschaft drohende – wirtschaftliche oder milit&#228;rische – Machtverschiebung zu antworten“ und die US-Dominanz in den n&#228;chsten 50 Jahren sichern. (80)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey betont jedoch die Widerspr&#252;che in dieser Strategie: die Unvereinbarkeit der heute vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen, der kapitalistischen Machtlogik, mit der spezifischen durch den neokonservativen Imperialismus angestrebten territorialen Logik. Bspw. treiben die Kosten des Irakkriegs das Haushaltsdefizit der USA weiter in die H&#246;he. Hinzu kommt die prek&#228;re internationale Lage der US-&#214;konomie: die private und staatliche Auslandsverschuldung macht die US-Wirtschaft au&#223;erordentlich verwundbar f&#252;r Kapitalflucht, je mehr das Vertrauen in die US-Regierung sinkt. Die Gefahr der „imperialen &#220;berdehnung“ ist st&#228;ndig pr&#228;sent; „die kapitalistische Logik der Macht“ k&#246;nnte „die territoriale Logik, der man jetzt folgt, in St&#252;cke rei&#223;en“. (84)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey gelingt es, komplexe Theorien und Sachverhalte klar und in einfacher Sprache zu erkl&#228;ren. Die deutliche Unterscheidung zwischen neoliberalem und neokonservativem Imperialismus hat sich zwar in den letzten Monaten relativiert und Harveys politisches Pl&#228;doyer f&#252;r einen „neuen New Deal“ als „einzig m&#246;gliche, wenn auch befristete Antwort“ (202) auf die Probleme wird kaum jemand &#252;berzeugen k&#246;nnen. Dennoch: Mit <em>Der neue Imperialismus </em>ist Harvey ein Buch gelungen, das Wert ist, gelesen und diskutiert zu werden. Empfehlung.<o></o></p>
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		<title>Materialistische Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €<br />
<span id="more-80"></span><br />
Karl Marx konnte seine Staatstheorie niemals ausf&#252;hrlich darlegen. Anmerkungen zum Staat finden sich zwar viele, doch keine systematisch ausgereifte Darlegung einer Staatstheorie.<br />
An diesem Punkt kn&#252;pft Joachim Hirsch mit seinem Buch an.<br />
Ausgehend von der Marxschen Methodik und aufbauend auf der Forschungsarbeit von mehreren Jahrzehnten, entwirft Hirsch, Professor f&#252;r Politikwissenschaft an der Goethe Universit&#228;t Frankfurt, ein Bild des Staates, das weit &#252;ber die klassischen Schemata von Basis und &#220;berbau hinausreicht. Ein ambitioniertes Vorhaben, das sicherlich auf weiten Strecken des Buches gelingt.<o></o><br />
Hirsch beginnt damit, die Aufgaben des Staates und seine “relative Autonomie“ gegen&#252;ber den Klassen zu erkl&#228;ren. Hirsch stellt die Frage, warum das Politische im Kapitalismus &#252;berhaupt eine von &#214;konomie und Gesellschaft getrennte <em>&#246;ffentliche</em> Form annimmt, und nicht als privater Zwangsapparat der herrschenden Klassen organisiert ist. Die Antwort liegt in der Besonderheit der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise, die durch die Trennung der unmittelbaren ProduzentInnen von den Produktionsmitteln, Privatproduktion, Lohnarbeit und Warentausch charakterisiert ist. Ungehinderter Warentausch, Konkurrenz der PrivatproduzentInnen und ‚Freiheit’ der Lohnarbeit sind aber nur m&#246;glich, wenn die &#246;konomisch herrschende Klasse ihr Verh&#228;ltnis untereinander und gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse nicht auf unmittelbare, individuell angewendete Gewalt gr&#252;ndet. Die Aneignung des Mehrprodukts durch die &#246;konomisch herrschende Klasse findet nicht durch Zwang, sondern „&#252;ber den scheinbar &#228;quivalenten Warentausch einschlie&#223;lich der Ware Arbeitskraft“ statt. (23) Die physischen Zwangsapparate m&#252;ssen daher eine von allen gesellschaftlichen Klassen getrennte Institutionalisierung erfahren, eben in Gestalt des Staates. Seine Hauptaufgabe ist die Sicherung des Privateigentums an Produktionsmitteln als Voraussetzung der marktvermittelten Ausbeutung.<br />
Die gleichzeitige Trennung und Verbindung zwischen Politik und &#214;konomie ist damit selbst Produkt der materiellen Vergesellschaftungsweise im Kapitalismus. Die widerspr&#252;chliche Einheit von Wertgesetz und Politik ist nach Hirsch die grundlegende Form, in der sich „der Zusammenhang und die Reproduktion der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ausdr&#252;ckt und vollzieht.“<br />
&#220;ber diese sehr allgemein gehaltenen Analysen hinaus geht es Hirsch im Besonderen um die Transformationen des Staates in den Phasen des „Fordismus“ – des “goldenen” Nachkriegszeitalters – und des „Postfordismus“ – des Kapitalismus nach den Krisen der 1970er Jahre. Die „integrale &#214;konomie“, der Wettbewerbsstaat oder die Internationalisierung des Staates, der Imperialismus im postfordistischen Gewand oder die Probleme b&#252;rgerlich-demokratischer Verfasstheit sind Bereiche, die in dem Buch ausf&#252;hrlich behandelt werden. Marx, Gramsci, Poulantzas, Althusser, Harvey, Holloway und viele mehr sind mit ihren Theorien vertreten und flie&#223;en in die Arbeit ein.<br />
Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass Hirsch zu viele verschiedene Denkrichtungen zu vereinen versucht. Und leider m&#252;ndet das Buch in kaum befriedigende emanzipatorischen Strategien: Hirschs Vorschl&#228;ge laufen auf einen lauwarmen Linksreformismus hinaus. Er schwankt hier zwischen Autonomismus, radikaler Reform und der Angst, sich doch wieder nur in die F&#228;nge staatlicher Macht zu begeben.</p>
<p class="MsoNormal">Grunds&#228;tzlich r&#228;umt Hirsch in dem Buch sehr gut mit dem weitverbreiteten Mythos vom Verschwinden des Staates auf. Der Staat ist mitnichten im Verschwinden begriffen, im Gegenteil stellt er sich neu auf, wird neu geformt unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus. „Neoliberaler Konstitutionalismus“ verknotet die Macht von staatlichen, transnationalen und supranationalen Akteure.<br />
Zum Verstehen und Begreifen dieser neuen Konstellation leistet Joachim Hirsch einen unverzichtbaren Beitrag.<o></o></p>
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		<title>Wie der Vietnamkrieg gestoppt wurde</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:15:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €<br />
<span id="more-82"></span><br />
In Der amerikanische Krieg schildert der Marxist Jonathan Neale eindrucksvoll, wie die Supermacht USA einen Krieg gegen eine milit&#228;risch unterlegene Guerillaarmee gleich an zwei Fronten verloren hat: in Vietnam und in den USA.<br />
Doch es handelt sich um weit mehr als nur um einen geschichtlichen Abriss &#252;ber einen l&#228;ngst vergangenen Krieg. Die St&#228;rke dieses Buches liegt darin, dass Neale einerseits den Konflikt, in dem sich die USA sowohl innen- als auch au&#223;enpolitisch befand, mit einer bestechenden Klarheit beschreibt und analysiert. Andererseits – und das macht dieses Buch so einmalig und beeindruckend – l&#228;sst er auf lebendige und authentische Weise die Betroffenen des Krieges zu Wort kommen: Die vietnamesischen Widerstandsk&#228;mpferInnen, die amerikanischen Soldaten in Vietnam, deren sich &#228;ngstigenden M&#252;tter und die AntikriegsaktivistInnen in den USA.<br />
Die Niederlage der US-Regierung resultierte aus drei Elementen: Der erbitterte vietnamesische Widerstand, die Protestbewegung in den USA und letztlich die Auflehnung und Verweigerung der Soldaten innerhalb der US-Armee selbst. Die Bilder der Tet-Offensive, in der vietnamesische Guerillak&#228;mpferInnen die US-Botschaft in Saigon st&#252;rmten und f&#252;r einige Stunden besetzt hielten, gingen um den gesamten Globus. Zus&#228;tzlich sah sich die US-Regierung konfrontiert mit einem Protest nie gekannten Ausma&#223;es, die auch die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der Schwarzen und die Eltern der Soldaten miteinschloss.<br />
Neben dem vietnamesischen Widerstand und dem Protest in den USA lag der Grund f&#252;r das Scheitern der USA v.a. auch am Widerstand innerhalb der US-Armee selbst. Neale schreibt: „Die GIs in Vietnam kamen aus der Arbeiterklasse, und ihr Auftrag lautete, eine Revolte armer Bauern zu zerschlagen. Sie wussten es. Sie waren in einen grausamen Krieg geschickt worden und wurden ermuntert, zu t&#246;ten und Leichen zu z&#228;hlen. Der Widerspruch, in dem sie gefangen waren, die Qual und die Konfusion, auf der falschen Seite zu stehen, trieb viele zur Grausamkeit. Dieselben Kr&#228;fte jedoch konnten die M&#228;nner zur selben Zeit zur Revolte gegen den Krieg treiben – und sie revoltierten auch.“ Zun&#228;chst begannen einige Soldaten Antikriegstreffen zu organisieren. Was als kleinere Versammlungen von Einzelnen begann, weitete sich rasch aus. GIs traten organisiert auf, verweigerten Befehle und schossen sogar auf Offiziere.<br />
Heute wird h&#228;ufig von einer „Vietnamisierung“ des Irakkriegs gesprochen. Tats&#228;chlich finden sich im Irakkonflikt die drei tragenden Elemente, die den USA ihrem unpopul&#228;r gef&#252;hrten Krieg und der jetzigen Besatzung zum Verh&#228;ngnis werden k&#246;nnten: Der Widerstand der IrakerInnen, eine weltweite Antikriegsbewegung und zunehmender Unmut in der Armee.<br />
Deshalb ist das Buch so wertvoll; nicht nur weil es packend geschrieben ist, auch weil sich aus den Protesten der Bewegung von damals viele relevante Lehren f&#252;r heute ziehen lassen.</p>
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