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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Frankreich</title>
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		<title>Stimme der Ungeh&#246;rten &#8211; Die Makellosigkeit der Grande Nation?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:06:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50

Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50<br />
<span id="more-1542"></span><br />
Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde in den Banlieues zu kritisieren. Dabei sind die soziologischen Hintergr&#252;nde der fortdauernden und immer wiederkehrenden Ausschreitungen immer mit zu ber&#252;cksichtigen. Diese sind zum einen in der gesellschaftlichen Marginalisierung der ImmigrantInnen und zum anderen in deren Ghettoisierung begr&#252;ndet. Als billige Arbeitskr&#228;fte nach Frankreich geworben, kamen die meisten der heutigen BanlieuebewohnerInnen aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien,<br />
zumeist mit franz&#246;sischer Staatsb&#252;rgerschaft. So entstanden um Paris und andere Gro&#223;st&#228;dte Trabantenst&#228;dte, deren BewohnerInnen fast ausschlie&#223;lich MigrantInnen waren. Sowohl die Banlieues, als auch ihre BewohnerInnen wurden fortan nicht nur geographisch an den Rand der franz&#246;sischen Gesellschaft gedr&#228;ngt. Diese Manifestation einer Zweiklassengesellschaft – mit der Bourgeoisie innerhalb der Stadtmauern und dem davon abgegrenzten Prekariat weit weg von den Augen des arrivierten B&#252;rgertums – wird paradoxerweise gerade in einem Land vollzogen, welches sich als <em>Grande Nation</em> so sehr selbst beweihr&#228;uchert: jeder Mensch sei gleich, mit gleichen Rechten und Pflichten, mit Anspruch auf Chancengleichheit unabh&#228;ngig von Herkunft. In der Beobachtung der historisch-&#246;konomischen Entwicklung scheint es jedoch, als sei die <em>Grande Nation</em> im Zustand wirtschaftlichen Abschwungs noch weniger in der Lage, ihre so hoch gehaltenen Grundwerte in die Tat umzusetzen. Vielmehr fordert die Wirtschaftskrise hier verst&#228;rkt ihren gesellschaftlichen Tribut. Die gro&#223;en Aufst&#228;nde 2005 oder auch die letzten Unruhen 2009 k&#246;nnen somit nicht als vereinzelte K&#228;mpfe Jugendlicher aus den Banlieues isoliert werden, sondern sind im Kontext jahrzehntelanger Vernachl&#228;ssigungspolitik als deren fatale Folgen zu sehen. Die Ausl&#246;ser der &#252;berregionalen Revolten waren jedesmal Todesf&#228;lle jugendlicher ImmigrantInnen. Diesen, in Auseinandersetzungen mit der Polizei zu Tode gekommenen, kam als „Opfern des Systems“ Symbolcharakter zu: Im November 2005 verungl&#252;ckten zwei Jugendliche in Clichy-sous-Bois w&#228;hrend einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. 2007 war es Hakim Arama, der im M&#228;rz durch einen Polizeischuss t&#246;dlich verletzt wurde.<br />
Rund um die Diskussion der sozialen Verh&#228;ltnisse in den Banlieues schlossen sich deutsche und franz&#246;sische AktivistInnen zu der Gruppierung „Kollektiv Rage“ zusammen. Sie haben 2009 das Buch „Banlieus. Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ herausgegeben, das die Aufst&#228;nde aus soziologischer Sicht und aus der Perspektive der BanlieuebewohnerInnen beleuchtet. Den AutorInnen geht es in dieser Ver&#246;ffentlichung nicht darum, die Ausschreitungen zu verherrlichen, sondern, auf Basis verschiedener Erfahrungen, soziale Auseinandersetzungen zu analysieren und diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten.<br />
Der erste Teil des Buches besteht aus Analysen der aktuellen Situation und ihrer geschichtlichen Verankerung. So sind unter anderem der <em>Contrat Première Embauche</em> (Ersteinstellungsvertrag), der den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r Jugendliche und Heranwachsende abschaffte, ethnische und rassistische Diskriminierungen am Beispiel Schule und Arbeitsmarkt sowie die Neoliberalisierung der Sozialistischen Partei und deren Auswirkung auf die Banlieues Gegenstand der Diskussion. Ingrid Artus befasst sich in „Die Novemberrevolte in den franz&#246;sischen Banlieues: Blinde Wut oder soziale Bewegung“ mit den Dynamiken und Hintergr&#252;nden der Revolte im November 2005. Besonderen Fokus findet die politische Sprachlosigkeit der Aufst&#228;nde. Sprachlosigkeit bedeutet in diesem Sinnzusammenhang, dass es bei den Aufst&#228;nden weder eine politische F&#252;hrung gab, die die Aufst&#228;nde initiierte, noch dass konkrete Forderungen an die politischen Institutionen gestellt wurden. Eben solche Forderungen, Verhandlungen und uneingel&#246;ste Versprechen gab es in den letzten Jahrzehnten zu gen&#252;ge. „Wir wollen keinen Dialog mehr mit der Regierung. Unsere V&#228;ter, unsere Familien sind mehr als genug mit Gerede vertr&#246;stet worden. Der Dialog ist endg&#252;ltig abgebrochen, versucht nicht mehr uns zu beruhigen.“ (Aufst&#228;ndische K&#228;mpfer, S.156). Diese Verweigerung der verbalen Kommunikation wurde von den Medien als Ausbruch reiner Gewalt diffamiert und interpretiert, jedoch wurde dabei oftmals au&#223;er Acht gelassen, dass die Anschl&#228;ge, die sich gegen die institutionellen Kr&#228;fte Staat, Polizei und Schule richteten, einer klaren Richtung folgten, n&#228;mlich der Auflehnung gegen die herrschenden Verh&#228;ltnisse, der Auflehnung gegen soziale Ausgrenzung und Erniedrigung. Eine Auflehnung also gegen Einrichtungen, die als Symbole staatlicher Kontrolle wahrgenommen werden.<br />
In einem Interview mit Laurent Mucchielli, Spezialist f&#252;r Fragen der Sicherheitspolitik und Jugendkriminalit&#228;t, wird auf die Sicht der Jugendlichen eingegangen. Laut seiner Aussage, sei die Chancenungleichheit, die schon in der Schule beginne und sich im Arbeitsleben fortsetze, mitverantwortlich f&#252;r die Revolten. Grundlegende M&#246;glichkeiten, sich in die Gesellschaft einzugliedern, wie ein Wohnung zu mieten, bei den Eltern auszuziehen und eine eigene Familie zu gr&#252;nden, w&#252;rden durch Arbeitslosigkeit von vornherein abgeschnitten.<br />
In „Die Banlieues als politisches Experimentierfeld“ geht Emmanuelle Piriot auf die Entstehung und Ver&#228;nderungen der Gro&#223;siedlungen, auf die Organisation der Arbeitsmigration und die neuen polizeilichen Kontrolltechniken gegen Illegalisierte ein.<br />
Max Henninger setzt sich in „Der Unterschied, auf den es ankommt“ ebenso wie Ingrid Artus mit den Hintergr&#252;nden der Novemberrevolte 2005 auseinander. Er legt den Schwerpunkt auf die politischen Entwicklungen in den Banlieues &#252;ber die letzten Jahrzehnte und auf die Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen heute. Dabei skizziert er die in den 1980er Jahren erprobte Reformpolitik der Sozialistischen Partei und zeigt gleichzeitig auf, dass diese Reformen die herrschenden Verh&#228;ltnisse nie in Frage gestellt haben, was impliziert, dass sie nie im Sinne der BanlieuebewohnerInnen konzipiert worden waren.<br />
Im zweiten Teil des Buches stehen konkrete Einzelschicksale von BanlieuebewohnerInnen in ihrem t&#228;glichen Kampf in der Arbeitswelt im Vordergrund. So finden sich hier Interviews mit gewerkschaftlich organisierten ArbeitnehmnerInnen, Ausschnitte aus dem Leben revoltierender BanlieuebewohnerInnen und deren Widersacher B.A.C (<em>Brigade anticriminalité</em>).<br />
Anne Br&#252;gmann &#038; Emanuelle Piriot setzen sich in ihrem Beitrag mit der Bewegung <em>Ni putes ni soumises</em> („weder Huren noch Unterworfene“) auseinander, die auf die Lage der Frauen in den Banlieus aufmerksam machen will. Diese – sich durch Sarkozy-N&#228;he auszeichnende und dadurch nicht unumstrittene Bewegung – k&#246;nne sich ihnen zufolge oftmals auch des Vorwurfs des Pseudo-Feminismus nicht erwehren. Zum einen st&#252;nden der professionell erscheinenden &#214;ffentlichkeitsarbeit von NPNS relativ wenige realisierte Projekte gegen&#252;ber: So verf&#252;gte NPNS im Jahre 2008 lediglich &#252;ber zwei Zufluchtsst&#228;tten f&#252;r misshandelte Frauen im Gro&#223;raum Paris. Zum anderen vernachl&#228;ssige der alleinige Fokus auf die Gewalt gegen Frauen auch deren Beteiligung an den sozialen und politischen Auseinandersetzungen und f&#252;hre zu einer weiteren Verfestigung bestehender Klischees und Rassismen. Beispielhaft hierf&#252;r sei etwa die Tatsache, dass sich die NPNS klar gegen das Kopftuch ausspreche. Bei einer Gro&#223;demonstration im M&#228;rz 2003 wurden Kopftuch tragende Frauen von vornherein von der Demonstration ausgeschlossen. Fadela Amara, die Gr&#252;nderin und erste Pr&#228;sidentin von NPNS, ist mittlerweile Staatssekret&#228;rin im Stadtministerium der Regierung Sarkozy. Die NPNS ist ein Paradebeispiel daf&#252;r, dass nicht jede Organisation, die von sich behauptet, die Interessen der BanlieuebewohnerInnen zu vertreten und gegen Rassismus anzuk&#228;mpfen, dies auch wirklich tut, sondern eher in eigenem Interesse handelt, um politische Salonf&#228;higkeit zu erlangen.<br />
Ferner versucht in dem Band das Ruhrgebiets Internationalismus Archiv Dortmund (RIAD) in ihrem Beitrag, die Verbindung zwischen den Aufst&#228;nden und Rap nachzuvollziehen. Rechtskonservative geben dem Hip-Hop im Allgemeinen einen Gro&#223;teil der Schuld an den Aufst&#228;nden. Um dieses Bild in der &#214;ffentlichkeit zu sch&#228;rfen, wurden Kampagnen gestartet, in denen Textpassagen aus aggressiven und teils rassistischen Liedern zur Abschreckung ver&#246;ffentlicht wurden. Diese Vorgehensweise f&#252;hrte in Gro&#223;teilen der Bev&#246;lkerung zur D&#228;monisierung der gesamten franz&#246;sischen Rapszene. In „Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ wird diese induktive Verallgemeinerung entkleidet. Ins Blickfeld r&#252;ckt dabei vorwiegend die Rolle der Raperinnen, die, im Gegensatz zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen, gegen Vergewaltigung, eheliche Gewalt, Sexismus in Vororten und die Rolle der Frau in der Gesellschaft ansingen. Raperinnen, wie Princess Aniès, Diam’s oder Keny Arkana nehmen hier zweifelsfrei eine wegweisende VorreiterInnenrolle ein.<br />
Um die Problematik der Vorst&#228;dte im internationalen Kontext zu erl&#228;utern, wird ein Vergleich mit der Lage in Berlin herangezogen. Hierbei liegt der Fokus vorwiegend auf privaten Dienstleistern und ehrenamtlichen Engagements, die staatlich finanzierte Stellen und soziale Einrichtungen ersetzt haben. Hinter Programmen wie dem „Quartiersmanagement“ – QM – stehe nicht zuletzt die &#220;bertragung der Verantwortung f&#252;r soziale Exklusion auf die Betroffenen, die in diesem Sinne v&#246;llige Eigenverantwortung f&#252;r ihre Situation tragen sollen. Diese werden in solchen Programmen als billige Arbeitskr&#228;fte eingesetzt und „bed&#252;rften“ von nun an nicht mehr der staatlichen Unterst&#252;tzung. Diese Form der &#246;konomischen Selbstkontrolle, die nicht zuletzt zu einer weiteren Prekarisierung der BewohnerInnen f&#252;hrt, wird fast ausschlie&#223;lich in Stadtteilen eingesetzt, die als „soziale Brennpunkte“ gelten.<br />
Gerade diese Gegen&#252;berstellung der beiden Metropolen erm&#246;glicht es, soziale Prozesse in anderen L&#228;ndern zu erschlie&#223;en und macht die Lekt&#252;re f&#252;r den/die LeserIn nicht nur facettenreich, sondern physisch sp&#252;rbar. Schlie&#223;lich wird dem/der LeserIn mit einem geschichtlichen &#220;berblick der Aufst&#228;nde in Frankreich von 1971 bis heute vertiefend und abrundend anschauliche Orientierung zur Faktenlage geboten.<br />
Das Buch ist somit eine kenntnisreiche Informationsquelle f&#252;r interessierte LeserInnen, die sich mit den sozialen Missst&#228;nden im urbanen Lebensraum auseinandersetzen m&#246;chten, gibt aber gleichzeitig auch Menschen, die sich schon eingehender mit den Banlieues besch&#228;ftigt haben, neue Denkanst&#246;&#223;e: „Dis leur que je ne me plierai pas aux exigences du marché ou autre, Et que je crierai ce que je pense sur nos chers bâtards de dirigeants, Dis leur que c’est de la vérité que je compte mettre sur le tapis, En gros dis leur que mon rap est une menace pour les règles établies.“ („Sag Ihnen, dass ich mich niemals dem Markt oder etwas anderem anpassen werde, und dass ich schreien werde, was ich &#252;ber unsere liebe Bastardelite denke, Sag Ihnen, dass ich die Wahrheit zur Sprache bringen werde, sag Ihnen, dass mein Rap die etablierten Regeln bedroht.“ Keny Arkana: le missile est lancé.)</p>
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