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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Finanzmärkte</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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			<item>
		<title>Zusammenbruch der Wall Street: Frequently Asked Questions</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/zusammenbruch-der-wall-street-frequently-asked-questions/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/zusammenbruch-der-wall-street-frequently-asked-questions/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.<br />
<span id="more-134"></span><br />
Als ich letztens nach New York City flog, hatte ich das selbe Gef&#252;hl wie vor zwei Jahren, als ich w&#228;hrend des H&#246;hepunkts der israelischen Bombardements in Beirut ankam: ich betrat ein Kriegsgebiet. Der Einreisebeamte meinte zu mir, nachdem ich ihm erz&#228;hlt hatte, dass ich Professor f&#252;r Politische &#214;konomie bin: „Nun, ich nehme an, ihr Typen m&#252;sst nun eure Lehrb&#252;cher umschreiben?“ Der Busfahrer begr&#252;&#223;te uns mit den Worten „New York steht noch, Ladies and Gentlemen, aber die Wall Street ist verschwunden wie die Twin Towers.“ Selbst das notorisch fr&#246;hliche Fr&#252;hst&#252;cksfernsehen sah sich gen&#246;tigt, mit den schlechten Nachrichten zu beginnen, und ein Moderator machte f&#252;r die d&#252;steren Ereignisse die „fat cats of Wall Street who turned into pigs“ verantwortlich.</p>
<p>Diese Stadt steht unter Schock, und die meisten Menschen m&#252;ssen die Turbulenzen der letzten Wochen noch verdauen:<br />
•	Kapital im Wert von einer Billion Dollar l&#246;ste sich in Rauch auf, als die Wall Street am Zweiten Schwarzen Montag, dem 29. September, panisch auf die Ablehnung des 700 Milliarden Rettungspakets von George W. Bush durch das US-Repr&#228;sentantenhaus reagierte;<br />
•	Auf den Kollaps einer der prominentesten Investmentbanken der Wall Street, <em>Lehman Brothers</em>, folgte der gr&#246;&#223;te Bankencrash der US-Geschichte, als mit <em>Washington Mutual</em> die gr&#246;&#223;te Spar- und Kreditinstitution des Landes bankrott ging;<br />
•	Die de facto Verstaatlichung der Wall Street, mit der die Notenbank und das Finanzministerium alle wesentlichen strategischen Entscheidungen im Finanzsektor treffen, sowie die unglaubliche Tatsache, dass die US-Regierung durch die Rettung der <em>American International Group</em> (AIG) nun die weltgr&#246;&#223;te Versicherungsgesellschaft besitzt.<br />
Mehr als f&#252;nf Billionen Dollar an Marktwert wurden seit letztem Oktober vernichtet, mehr als eine Billion davon ist auf den Zusammenbruch der Wall Street-Gr&#246;&#223;en zur&#252;ck zu f&#252;hren. Die &#252;blichen Erkl&#228;rungen reichen hier nicht l&#228;nger aus. Au&#223;ergew&#246;hnliche Ereignisse verlangen nach au&#223;ergew&#246;hnlichen Erkl&#228;rungen.<br />
Doch zun&#228;chst…</p>
<p><strong>Ist das schlimmste vorbei?</strong><br />
Nein. Wenn irgendetwas nach den widerspr&#252;chlichen Aktionen der letzten Wochen klar ist, dann, dass keine Strategie vorhanden ist, um mit dieser Krise umzugehen: <em>Lehman Brothers</em> und <em>Washington Mutual</em> lie&#223; man zusammenbrechen, w&#228;hrend AIG &#252;bernommen wurde und die &#220;bernahme von <em>Merril Lynch</em> durch die <em>Bank of America</em> staatlich arrangiert wurde. Es gibt blo&#223; taktische Reaktionen, wie eine Feuerwehr, die auf einen Fl&#228;chenbrand reagiert.<br />
Auch das vorgeschlagene 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket, um den Banken ihre faulen Kredite abzukaufen, ist keine Strategie, sondern blo&#223; ein verzweifelter Versuch, wieder Vertrauen in das System zu schaffen und einen Ansturm auf die Banken zu verhindern, wie er von der Gro&#223;en Depression 1929 ausgel&#246;st worden war.</p>
<p><strong>Was hat den Kollaps des Nervensystems des globalen Kapitalismus verursacht? War es Gier?</strong><br />
Die gute alte Gier hat sicher eine Rolle gespielt. Das meinte zumindest Karl Schwab, Organisator des World Economic Forum (des j&#228;hrlichen Treffens der globalen Elite in den Schweizer Alpen), als er dieses Jahr zu seinen G&#228;sten in Davos sagte: „Wir m&#252;ssen f&#252;r die S&#252;nden der Vergangenheit zahlen.“</p>
<p><strong>Hat sich die Wall Street selbst ausgetrickst?</strong><br />
Definitiv. FinanzspekulatorInnen haben sich durch immer komplexere Finanzkonstruktionen selbst eine Falle gelegt, beipielsweise durch die Schaffung von Derivaten, durch die Geld aus allen Arten von Risiken gewonnen werden sollte – einschlie&#223;lich solch exotischer Instrumente wie „Credit Default Swaps“, die es InvestorInnen erm&#246;glichten, darauf zu setzen, dass die SchuldnerInnen der eigenen Bank ihre Schulden nicht zur&#252;ckzahlen k&#246;nnten. So sahen also die unregulierten Multi-Billionen-Dollar-Gesch&#228;fte aus, die die AIG ins Verderben gest&#252;rzt haben.<br />
Am 17. Dezember 2005, als die <em>International Financing Review</em> ihren Annual Award – einen der prestigetr&#228;chtigsten Preise der Branche – verlieh, hatte sie dagegen noch folgendes zu sagen: „[<em>Lehman Brothers</em>] hat nicht nur seine Marktposition verteidigt, sondern ist auch in neue Bereiche vorgesto&#223;en, indem … neue Produkte und ma&#223;geschneiderte Transaktionen entwickelt wurden, um den Bed&#252;rfnissen der KreditnehmerInnen zu entsprechen … Lehman Brothers ist in diesem Feld am innovativsten, sie tun einfach Dinge, die man sonst nirgendwo findet.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Kein Kommentar.</p>
<p><strong>War es zu wenig Regulierung?</strong><br />
Ja. Niemand bestreitet heute, dass die Wall Street in ihrer F&#228;higkeit, immer innovativere und kompliziertere Finanzinstrumente zu erfinden, den Regulierungsf&#228;higkeiten der Regierung weit voraus war; nicht weil die Regierung nicht mithalten konnte, sondern weil sie sich durch ihren eigenen neoliberalen Stil des Laissez-Faire selbst daran gehindert hat, effektive Regulationsmechanismen zu entwickeln. Der &#252;berbordende Handel mit Derivaten verursachte die Krise und der US-Kongress trug dazu bei, indem er im Jahr 2000 ein Gesetz beschloss, das Handel mit Derivaten von der Kontrolle durch die B&#246;rsenaufsichtsbeh&#246;rde ausnimmt.</p>
<p><strong>Aber passiert hier nicht noch mehr?</strong><br />
Nun, laut George Soros, der die Krise kommen sah, befinden wir uns in einer Krise des „gigantischen Zirkulationssystems“ eines „globalen kapitalistischen Systems, … das sich an allen Enden aufl&#246;st.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Um die Einsicht dieses Erz-Spekulanten zu vertiefen, k&#246;nnen wir sagen, dass wir eine Intensivierung eines der zentralen Widerspr&#252;che des globalen Kapitalismus beobachten, eine Krise der &#220;berproduktion, auch bekannt als &#220;berakkumulation oder &#220;berkapazit&#228;t. Das ist die Tendenz des Kapitalismus, gigantische Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen, die die Konsumkapazit&#228;ten &#252;bersteigen, da soziale Ungleichheiten die Kaufkraft begrenzen. Die Profitabilit&#228;t wird dadurch ausgeh&#246;hlt.</p>
<p><strong>Doch was hat die &#220;berproduktionskrise mit den aktuellen Ereignissen zu tun?</strong><br />
Sehr viel. Doch um die Zusammenh&#228;nge zu verstehen, m&#252;ssen wir in die Zeit des sogenannten Goldenen Zeitalters des Kapitalismus zur&#252;ckgehen, die Periode zwischen 1945 und 1975.<br />
Damals gab es sowohl in den L&#228;ndern des Zentrums, als auch in den unentwickelten &#214;konomien ein rasantes Wirtschaftswachstum, das einerseits durch die massive Restrukturierung Europas und Ost-Asiens nach den Zerst&#246;rungen des Zweiten Weltkriegs, andererseits durch neue sozio-&#246;konomische Arrangements im Rahmen des Keynesianismus gest&#252;tzt wurde. Letzere umfassten starke staatliche Kontrollen der Marktaktivit&#228;ten, den aggressiven Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik zur Minimierung der Inflation und Rezession, und ein Regime von relativ hohen L&#246;hnen zur Stimulierung und Aufrechterhaltung der Nachfrage.</p>
<p><strong>Was ist dann schiefgegangen?</strong><br />
Diese Periode des hohen Wachstums endete Mitte der 1970er, als die &#214;konomien des Zentrums von einer <em>Stagflation</em> erfasst wurden – einer Kombination von <em>Stagnation </em>des Wirtschaftswachstums und hoher <em>Inflation </em>–, was neoklassische &#214;konomInnen f&#252;r unm&#246;glich gehalten hatten. Die Stagflation war jedoch nur Symptom eines tiefer liegenden Mechanismus: Der Wiederaufbau von Deutschland und Japan sowie der rapide Aufstieg von sich industrialisierenden Nationen wie Brasilien, Taiwan und S&#252;dkorea sorgten in der Weltwirtschaft f&#252;r immense neue Produktionskapazit&#228;ten und versch&#228;rften so den globalen Wettbewerb. Gleichzeitig behinderten die sozialen Ungleichheiten innerhalb als auch zwischen den L&#228;ndern das Wachstum von Kaufkraft und Nachfrage und untergruben dadurch die Profitabilit&#228;t. Dies wurde durch den massiven Anstieg des &#214;lpreises in den 1970ern noch verst&#228;rkt.</p>
<p><strong>Wie hat der Kapitalismus versucht, diese Krise der &#220;berproduktion zu l&#246;sen?</strong></p>
<p>Das Kapital hat drei Auswege aus der &#220;berproduktion gesucht: neoliberale Restrukturierung, Globalisierung und Finanzialisierung.</p>
<p><strong>Worum ging es bei der neoliberalen Restrukturierung?</strong><br />
Neoliberale Restrukturierung nahm im Norden die Form von <em>Reaganism </em>und <em>Thatcherism</em>, im S&#252;den jene der Strukturanpassungsprogramme an. Ziel war, die Kapitalakkumulation anzutreiben. Dies wollte man (1.) durch den Abbau staatlicher Hemmnisse f&#252;r das Wachstum, den Einsatz und die Zirkulation von Kapital und (2.) durch die Umverteilung der Einkommen von den armen und Mittelklassen zu den Reichen erreichen, basierend auf der Theorie, dass die Reichen dadurch motiviert w&#228;ren, st&#228;rker zu investieren und so das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Das Problem bei dieser Formel ist, dass durch die Umverteilung des Einkommens zu den Reichen das Einkommen der armen und Mittelklassen und damit deren Kaufkraft vernichtet wurde, w&#228;hrend die Reichen nicht notwendigerweise st&#228;rker in die Produktion investierten. Stattdessen flossen gro&#223;e Teile des umverteilten Reichtums in die Spekulation. In Wahrheit konnte die neoliberale Restrukturierung, die sich w&#228;hrend der 1980er und 1990er Jahre im Norden und S&#252;den konsolidiert hatte, nie nachhaltig f&#252;r st&#228;rkeres Wirtschaftswachstum sorgen. Das globale Wachstum belief sich in den 1990ern auf 1,1 Prozent und in den 1980ern auf 1,4 Prozent, w&#228;hrend sie in den 1960ern und 1970ern, zu Zeiten staatsinterventionistischer Politik, 3,5 bzw. 2,4 Prozent betrug. Die neoliberale Restrukturierung konnte die Stagnation nicht besiegen.</p>
<p><strong>Inwiefern war Globalisierung eine Antwort auf die Krise?</strong><br />
Der zweite Fluchtplan des globalen Kapitals war die „extensive Akkumulation“ oder Globalisierung, also die rapide Integration semi-kapitalistischer, nicht-kapitalistischer oder pr&#228;-kapitalistischer Gebiete in die globale Marktwirtschaft. Rosa Luxemburg, die ber&#252;hmte revolution&#228;re &#214;konomin, erkannte dies schon vor langer Zeit als Notwendigkeit, um die Profitraten in den &#214;konomien der Metropolen aufrecht zu halten. Inwiefern? Durch die Schaffung des Zugangs zu billiger Arbeitskraft, neuen – wenn auch beschr&#228;nkten –  Absatzm&#228;rkten, ergiebigen Quellen f&#252;r billige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe, und neuen Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r Infrastrukturprojekte. Diese Integration wird durch die Liberalisierung des Welthandels erm&#246;glicht, der die Schranken f&#252;r die Mobilit&#228;t des globalen Kapitals und Auslandsdirektinvestitionen beseitigt.<br />
China ist nat&#252;rlich der prominenteste Fall eines nicht-kapitalistischen Gebiets, das in den letzten 25 Jahren in die globale kapitalistische &#214;konomie integriert wurde. Um ihren fallenden Profiten entgegen zu wirken, haben viele gro&#223;e Konzerne einen signifikanten Teil ihrer Unternehmungen nach China verlagert, um von den scheinbar unersch&#246;pflichen Reserven an billiger Arbeitskraft zu profitieren. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erzielten US-Unternehmen rund 40 bis 50 Prozent ihrer Profite aus Unternehmungen im Ausland, vor allem in China.</p>
<p><strong>Warum konnte die Globalisierung die Krise nicht &#252;berwinden?</strong><br />
Das Problem dieses Fluchtplans war, dass er die Probleme der &#220;berproduktion nur noch versch&#228;rfte, da er die Produktionskapazit&#228;t zus&#228;tzlich erh&#246;ht. In China wurde der Weltwirtschaft in den letzten 25 Jahren ein ungeheures Ausma&#223; an Produktionskapazit&#228;t hinzugef&#252;gt, und dies hatte einen dr&#252;ckenden Effekt auf Preise und Profite. Wenig &#252;berraschend h&#246;rten die Profite von US-Konzernen ab 1997 auf zu wachsen. Laut einer vom Wirtschaftswissenschafter Philip O’Hara erarbeiteten Statistik sank die Profitrate der <em>Fortune 500</em> (die 500 umsatzst&#228;rksten Unternehmen der Welt, Anm. d. &#220;.) von 7,15 Prozent im Zeitraum von 1960-69, auf 5,30 von 1980-90, auf 2,29 von 1990-99 und auf 1,32 von 2000-02.</p>
<p><strong>Was hat es mit der Finanzialisierung auf sich?</strong><br />
Aufgrund der begrenzten Erfolge von neoliberaler Restrukturierung und Globalisierung wurde die dritte Strategie f&#252;r die St&#228;rkung der Profitabilit&#228;t immer wichtiger: Finanzialisierung. In der perfekten Welt der neoklassischen &#214;konomInnen ist das Finanzsystem ein Mechanismus, durch den AkteurInnen, die &#252;ber &#252;bersch&#252;ssige Mittel verf&#252;gen, mit UnternehmerInnen zusammen gebracht werden, die diese Mittel wiederum ben&#246;tigen, um in Produktion zu investieren. In der realen Welt des Sp&#228;tkapitalismus jedoch, in der Investitionen in Industrie und Landwirtschaft aufgrund der &#220;berkapazit&#228;ten nur geringe Profite versprechen, werden gro&#223;e Teile der &#220;bersch&#252;sse in den Finanzsektor investiert und reinvestiert. Dieser Kreislauf hat zur Folge, dass der Finanzsektor auf sich selbst zur&#252;ckgeworfen wird. Das Resultat ist eine Teilung zwischen einer hyperaktiven Finanzwirtschaft und einer stagnierenden Real&#246;konomie. Ein B&#246;rsenmanager meint dazu: „In den letzten Jahren ist eine wachsende Entkoppelung von realer und Finanz&#246;konomie zu beobachten. Die Real&#246;konomie ist gewachsen, … aber das steht in keinem Verh&#228;ltnis zum Wachstum der Finanzwirtschaft – bis zu dem Zeitpunkt, als sie implodiert ist.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Was uns dieser Beobachter nicht sagt, ist, dass die Entkoppelung zwischen realer und Finanz&#246;konomie kein Zufall ist – dass die Finanz&#246;konomie genau deshalb geboomt ist, um die Stagnation aufgrund der &#220;berproduktion in der Real&#246;konomie auszugleichen.</p>
<p><strong>Was war das Problem mit der Finanzialisierung?</strong><br />
Das Problem mit den Investitionen in den Finanzsektor ist, dass es dem Versuch gleich kommt, Wert aus bereits geschaffenem Wert zu pressen. Es mag Profite schaffen, aber es schafft keinen neuen Wert – nur Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungen k&#246;nnen neuen Wert schaffen.<br />
Da die Profite nicht auf geschaffenem Wert basieren, werden die Investitionen unberechenbar und Preise f&#252;r Aktien und Wertpapiere k&#246;nnen sich extrem von ihren tats&#228;chlichen Werten entfernen – so wie die Aktien von Internet-Startups, die durch Spekulationen in die H&#246;he getrieben wurden, nur um dann zu crashen. In diesem Kontext sind Profite von kurzfristigen Preisspr&#252;ngen von Waren abh&#228;ngig, die verkauft werden, bevor eine „Korrektur“ stattfindet, sie also auf ihren realen Wert zur&#252;ck fallen. Die extremen Preisspr&#252;nge einer Anlage &#252;ber ihren eigentlichen Wert hinaus wird als „Bubble“ bezeichnet.</p>
<p><strong>Warum ist die Finanzialisierung so unsicher?</strong><br />
Da die Profite auf spekulative Coups angewiesen sind, ist es nicht &#252;berraschend, dass der Finanzsektor sich von einer Bubble zur n&#228;chsten bewegt. Weil er von Spekulation zu Spekulation hetzt, hat der finanzgetriebene Kapitalismus rund einhundert Krisen seit der Deregulierung der Kapitalm&#228;rkte in den 1980ern erlebt. Vor dem aktuellen Zusammenbruch der Wall Street waren die explosivsten Vorf&#228;lle die Finanzkrise in Mexiko 1994-95, die Finanzkrise in Asien 1997-98, die Finanzkrise in Russland 1996, der Kollaps der New Yorker B&#246;rse 2001 und die Krise in Argentinien 2002. Bill Clintons Finanzminister, der Wall Street Broker Robert Rubin, sagte schon vor f&#252;nf Jahren voraus, dass „zuk&#252;nftige Finanzkrisen fast sicher unabwendbar sind, und sie k&#246;nnten noch verheerender sein.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>Wie entstehen, wachsen und platzen Bubbles?</strong><br />
Nehmen wir die Asienkrise von 1997-98 als Beispiel.<br />
•	Zuerst kommt die Kapitalmarkt- und Finanzliberalisierung auf Dr&#228;ngen von IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und dem US-Finanzministerium.<br />
•	Dann treten ausl&#228;ndische AnlegerInnen auf der Suche nach schnellen und hohen Ertr&#228;gen auf den Plan, die sich auf Immobilien und B&#246;rse konzentrieren.<br />
•	&#220;berinvestitionen f&#252;hren zu einem Verfall von Aktienkursen und Immobilienpreisen sowie panischen Reaktionen. 1997 wurden innerhalb weniger Wochen rund 100 Milliarden Dollar aus den ostasiatischen &#214;konomien abgezogen.<br />
•	Die Schulden der SpekulantInnen werden vom IWF &#252;bernommen.<br />
•	Die Real&#246;konomie bricht zusammen – quer durch Ost-Asien kommt es 1998 zur Rezession.<br />
Trotz massiver Destabilisierungen wurden Bem&#252;hungen um nationale und globale Regulierungen des Finanzsystems aus ideologischen Gr&#252;nden abgelehnt.</p>
<p><strong>Wie ist die aktuelle Bubble entstanden?</strong><br />
Die aktuelle Bubble ist eine Folge der IT-Bubble in den sp&#228;ten 1990ern, als die Preise f&#252;r Aktien von Internet-Startups in den Himmel schossen und dann kollabierten. Dies vernichtete Anlagen im Wert von sieben Billionen Dollar und f&#252;hrte zur Rezession von 2001-02. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank unter Alan Greenspan hatte die IT-Bubble mitverursacht. Als die USA in eine Rezession fielen senkte Greenspan im Juni 2003 den Leitzinss auf ein Prozent – den niedrigsten Satz seit 45 Jahren – und hielt ihn ein Jahr auf diesem Niveau. Der Effekt war, dass eine neue Bubble im Immobilienbereich entstand. Schon 2002 hatten progressive &#214;konomen wie Dean Baker vom <em>Center for Economic Policy Research</em> vor der Immobilienbubble gewarnt. Doch noch im Jahr 2005 f&#252;hrte Ben Bernanke, damals Vorsitzender des <em>Council of Economic Advisers</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und heute Vorsitzender der US-Notenbank, den Aufschwung an Immobilienpreisen auf „starke &#246;konomischen Fundamente“ anstatt auf die Aktivit&#228;ten von SpekulantInnen zur&#252;ck.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ist es ein Wunder, dass er im Sommer 2007 von der Immobilienkrise v&#246;llig unvorbereitet getroffen wurde?</p>
<p><strong>Und wie ist sie gewachsen?</strong><br />
Einer der wichtigsten Protagonisten der internationalen Finanzm&#228;rkte, George Soros, dr&#252;ckt es so aus: „Die Finanzinstitutionen ermutigten HypothekenbesitzerInnen, ihre Hypotheken zu refinanzieren und das verf&#252;gbare Eigenkapital abzuziehen. Sie lockerten ihre Kreditkonditionen und f&#252;hrten neue Produkte ein, wie Hypotheken mit anpassbaren Ratenzahlungen (ARM – „Adjustable Rate Mortgage“), Nur-Zins-Hypotheken („Interest Only Mortgage) und verlockende Einstiegszinss&#228;tze („promotional teaser rates“). All das befl&#252;gelte die Spekulation auf Wohnh&#228;user. Die Immobilienpreise wuchsen im zweistelligen Prozentbereich. Das verst&#228;rkte wiederum die Spekulation und die HausbesitzerInnen f&#252;hlten sich ob der steigenden Preise reich; das Resultat war ein starker Anstieg des Konsums, der die Wirtschaft in den letzten Jahren unterf&#252;ttert hat.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Hypothekenkrise nicht darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, dass das Angebot die reale Nachfrage &#252;berstiegen h&#228;tte. Vielmehr wurde die „Nachfrage“ selbst gr&#246;&#223;tenteils durch die Spekulation von BauunternehmerInnen und Finanziers produziert, die aus ihrem Zugang zu ausl&#228;ndischem – vor allem asiatischem – Kapital, das die USA im letzten Jahrzehnt &#252;berflutet hat, Profit schlagen wollten. Millionen von Menschen wurden so Hypotheken und Kredite angeboten, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die niedrigen Einstiegszinss&#228;tze wurden in Folge „angepasst“, um die Zahlungen der neuen HausbesitzerInnen hinauf zu schrauben.</p>
<p><strong>Doch wie konnten faule Hypotheken zu einem so gro&#223;en Problem werden?</strong><br />
Weil diese Anlagen anschlie&#223;end von den HypothekengeberInnen zusammen mit anderen Werten als komplexe Derivatprodukte „verbrieft“ wurden – als sogenannte <em>Collateralized Debt Obligations</em> (CDOs). Die HypothekengeberInnen arbeiteten dabei &#252;ber Mittelsm&#228;nner, die die tats&#228;chlichen Risiken unterschlugen, um die CDOs so schnell wie m&#246;glich an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitute weiterzugeben. Diese Institute gaben ihrerseits wiederum die Wertpapiere an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitutionen weiter. Die Idee war, schnell zu verkaufen, gute Profite einzufahren, und dabei die Risiken den Schw&#228;chsten anzuh&#228;ngen.<br />
Als die Zinsraten auf <em>subprime</em>-Kredite, ARMs und andere Immobilienkredite angehoben wurden, war das Spiel vorbei. Heute sind &#252;ber sechs Millionen <em>subprime</em>-Hypotheken ausst&#228;ndig, von denen nach Soros’ Sch&#228;tzungen 40 Prozent in den n&#228;chsten zwei Jahren unwiederbringlich verloren gehen werden.<br />
Weitere f&#252;nf Millionen ARMs und andere „flexible Kredite“ werden in den n&#228;chsten paar Jahren ebenfalls nicht bezahlt werden k&#246;nnen. Die Derivate, deren Wert in die Billionen Dollar geht, wurden jedoch bereits wie ein Virus in das globale Finanzsystem eingespeist. Das gigantische Zirkulationssystem des globalen Kapitalismus ist t&#246;dlich infiziert.</p>
<p><strong>Aber wie konnten die Wall Street-Giganten wie ein Kartenhaus zusammenbrechen?</strong><br />
Im Fall von <em>Lehman Brothers</em>, <em>Merrill Lynch</em>,<em> Fannie Mae</em>, <em>Freddie Mac</em> und <em>Bear Stearns</em> &#252;berstiegen die nicht einl&#246;sbaren Derivate ganz einfach die eigenen Reserven und st&#252;rzten sie in den Abgrund. Weitere Banken werden ihnen wahrscheinlich folgen, da ihre Bilanzen korrigiert werden m&#252;ssen, um den tats&#228;chlichen Wert ihrer Anlagen zu ermitteln – im Moment scheinen viele davon nicht in den offiziellen Bilanzen auf.<br />
Auch andere werden ein &#228;hnliches Schicksal erleiden, wenn Bereiche wie Kreditkarten und Versicherungen nachziehen. Die AIG wurde durch ihre massive Involvierung in <em>Credit Default Swaps</em> (s.o., Anm. d. &#220;.) ins Verderben gest&#252;rzt. Solche Wetten stellen mittlerweile einen v&#246;llig unregulierten Markt von 45 Billionen Dollar. Das entspricht mehr als dem F&#252;nffachen des gesamten Markts US-amerikanischer Staatsanleihen. Die unglaubliche Gr&#246;&#223;enordnung dieser Anlagen ist der Grund, warum die US-Regierung ihre Meinung ge&#228;ndert und AIG aufgefangen hat, nachdem sie <em>Lehman Brothers</em> kollabieren lie&#223;.</p>
<p><strong>Was passiert jetzt?</strong><br />
Wir k&#246;nnen also mit Sicherheit voraus sagen, dass es mehr Bankrotte und staatliche &#220;bernahmen geben wird, und ausl&#228;ndische Banken und Finanzinstitutionen jenen in den USA folgen werden; dass der Zusammenbruch der Wall Street sich vertiefen und die US-Rezession sich verl&#228;ngern wird; und dass sich die US-Rezession in Asien und anderswo in eine Rezession oder Schlimmeres &#252;bersetzen wird.<br />
Der Grund daf&#252;r ist, dass die USA Chinas wichtigster Exportmarkt sind und China wiederum aus Japan, S&#252;dkorea und S&#252;dostasien Rohstoffe und Zwischenprodukte f&#252;r den Export in die USA bezieht. Die Globalisierung hat eine „Entkopplung“ unm&#246;glich gemacht. Die USA, China und Ostasien sind wie drei Gefangene aneinander gekettet.</p>
<p><strong>Zusammengefasst?</strong><br />
Der Zusammenbruch der Wall Street ist nicht allein auf Gier und das Fehlen staatlicher Regulation eines hyperaktiven Sektors zur&#252;ckzuf&#252;hren. Er resultiert letztlich aus einer Krise der &#220;berproduktion, die den globalen Kapitalismus seit Mitte der 1970er heimsucht.<br />
Die Finanzialisierung der Investionen war einer der Fluchtwege aus der Stagnation. Die anderen beiden waren neoliberale Restrukturierung und Globalisierung. Da diese beiden Prozesse die Krise kaum eind&#228;mmen konnten wurde die Finanzialisierung als Mechanismus zur Wiederherstellung der Profitabilit&#228;t attraktiver. Doch diese hat sich als gef&#228;hrlicher Weg herausgestellt, der zu spekulativen Bubbles gef&#252;hrt hat, deren Effekt zwar der kurzfristige Wohlstand einiger weniger war, letztlich jedoch zu einem Zusammenbruch der Konzerne und einer Rezession in der Realwirtschaft gef&#252;hrt hat.<br />
Die entscheidenden Fragen sind nun: Wie tief und wie lang wird diese Rezession sein? Braucht die US-Wirtschaft eine weitere spekulative Bubble, um sich aus der Rezession zu ziehen? Und wenn ja, wo wird diese Bubble entstehen? Manche meinen, es w&#228;re der milit&#228;risch-industrielle Komplex oder der „disaster capitalism complex“, von dem Naomi Klein schreibt<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> – aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Walden Bello</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der <em>University of the Philippines</em> und Direktor der NGO <em>Focus on the Global South</em>.<br />
Erstmals erschienen auf der Website <a href="http://www.inquirer.net" target="_blank"><em>Inquirer.net</em></a> am 1. Oktober 2008.<br />
&#220;bersetzt von <em>Benjamin Opratko</em>.<br />
Von Walden Bello ist zuletzt auf Deutsch erschienen:<br />
<em>De-Globalisierung: Widerstand gegen die neue Weltordnung</em>. Hamburg: VSA 2004.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> <a href="http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm" target="_blank">http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm</a><br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm" target="_blank">http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> González, Francisco: What banks can learn from this credit crisis, in: Financial Times, 4. 2. 2008; online: <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html" target="_blank">http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html</a><br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zit. n. The New York Times, 30. 11. 2003<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> „Rat der Wirtschaftsberater“, ein Beratungsorgan des Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten. Die Ratsmitglieder werden vom Pr&#228;sidenten mit Zustimmung des Senats ernannt.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zit. n. <a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm" target="_blank">http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm</a>l<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Soros, George: The Age of Fallibility. Consequences of the War on Terror, New York 2007, 24<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Klein, Naomi: The Shock Doctrine. The Rise of Disaster Capitalism, New York 2007, 12</p>
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