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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Film</title>
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		<title>Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 10:58:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht Paul Pop anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.

„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht <em>Paul Pop</em> anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.<br />
<span id="more-1686"></span><br />
„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunde gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Tr&#252;mmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen“, schrieb Walter Benjamin 1936.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Er hegte die Hoffnung, der Kinofilm k&#246;nnte zur revolution&#228;rsten Kunstform werden, besonders wenn es gel&#228;nge, die Kontrolle der kapitalistischen Konzerne &#252;ber die filmischen Produktionsmittel zu brechen. Damit unterschied Benjamin sich von Theodor W. Adorno, der glaubte, die Kulturindustrie &#252;be eine mehr oder weniger totalit&#228;re Herrschaft im Sp&#228;tkapitalismus aus.<br />
Filme bieten meines Erachtens tats&#228;chlich die M&#246;glichkeit, die Widerspr&#252;chlichkeiten der heutigen Gesellschaft zu visualisieren und Perspektiven f&#252;r eine „andere Welt“ zu er&#246;ffnen. Stattdessen werden aber im heutigen Kino, egal ob in Form von Liebeskom&#246;dien oder Science-Fiction-Abenteuern, in der Regel die immer gleichen Repr&#228;sentationen der herrschenden Ideologie auf neuestem technischen Niveau reproduziert. Mit der weltweiten Krise der linken Bewegungen gibt es heute auch f&#252;r radikale Filmkunst kaum Ansatzpunkte und Publikum. Dennoch wurden Filme gemacht, die sich niemand entgehen lassen sollte, der/die f&#252;r grundlegende Ver&#228;nderungen eintritt.<br />
Gute Revolutionsfilme visualisieren die Herausforderungen und Probleme bei den Versuchen der Menschen, sich selbst zu befreien. Es geht also nicht darum, dass die SchauspielerInnen mit roten Fahnen herumlaufen und Parolen br&#252;llen, sondern darum, die Widerspr&#252;chlichkeiten bei der &#220;berwindung von Hierarchien basierend auf Klasse, Gender und <em>race</em>, die Suche nach neuen Organisationsformen sowie den Umgang mit Gewalt und Gegengewalt zu thematisieren. Ob Filme wie <em>Oktober </em>oder <em>Viva Zapata</em> die historische Realit&#228;tder russischen oder mexikanischen Revolution widerspiegeln, ist in diesem Zusammenhang zweitrangig. Beim Dreh der Massenszene des Sturms auf das Winterpalais in Eisensteins <em>Oktober </em>starben im Tumult etwa mehr Menschen als bei dem realen historischen Ereignis. Wichtiger als Realismus ist, welche Fragen Filme aufwerfen und welche neuen &#228;sthetischen Ma&#223;st&#228;be gesetzt werden.<br />
Im besten Fall ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des Films revolution&#228;r. Die H&#246;hepunkte des radikalen avantgardistischen Films stellten die 1920er und die 1960er bis fr&#252;hen 1970er Jahre dar. Nicht zuf&#228;llig entstand die sowjetische Avantgardekunst im Zuge der russischen Oktoberrevolution von 1917. Das Autorenkino der 1960er Jahre hatte die StudentInnenbewegungen in den Metropolen sowie die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ als Bezugspunkt. Christof Hesse definiert den Avantgardefilm so: „Als &#228;sthetische Veranstaltung kritisiert er die Reglementierungen, Kodifikationen und Bilderverbote; als politisches Ereignis bek&#228;mpft er die Institution, die von den kritisierten Bildern nicht zu trennen ist.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Der franz&#246;sische Regisseur Jean-Luc Godard formulierte den Anspruch, nicht politische Filme, sondern <em>politisch </em>Filme zu machen. Das bedeutet, unter ung&#252;nstigen Bedingungen Kontrolle &#252;ber filmische Produktionsmittel zu erk&#228;mpfen und die Produktionsmethoden zu ver&#228;ndern. Godard bezog in einige Filme ArbeiterInnen und AktivistInnen direkt mit ein und wollte dadurch die Allmacht der Regie durch kollektive Strukturen ersetzen. Ihm ging es zudem darum, die &#228;sthetischen Sehgewohnheiten des Publikums zu st&#246;ren und damit eine kritische Auseinandersetzung &#252;ber die Bilder anzusto&#223;en. Auch in der fr&#252;hen Sowjetunion wurde mit neuen Produktionsformen experimentiert. Der Regisseur Alexander Medvedkin fuhr Anfang der 1930er Jahre mit dem Zug durchs Land und hielt an, wenn er drehen wollte. Die Filme konnten sofort entwickelt und den Leuten gezeigt werden, die spontan in die Arbeit an den Dokumentationsfilmen eingebunden worden waren. Der Kommunistischen Partei waren die Bilder allerdings zu realistisch und die Filme verschwanden im Archiv.<br />
Im Folgenden m&#246;chte ich zehn Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution vorstellen. Nicht alle zehn Filme, die ich ausgesucht habe, werden dem Anspruch gerecht, neue Formen zu schaffen. So werden in Filmen wie <em>Siebtelbauern </em>wichtige politische Fragen, wie jene nach der revolution&#228;ren Ver&#228;nderung, aufgeworfen, ohne dass damit eine Attacke auf die &#196;sthetik Hollywoods verbunden w&#228;re. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die M&#246;glichkeiten, mit konventionellen &#196;sthetiken und Erz&#228;hlstrukturen radikale Filme zu machen, begrenzt sind. So wirkt z.B. der Revolutionsfilm von Ken Loach &#252;ber den spanischen B&#252;rgerkrieg (1936-1939) (<em>Land and Freedom</em>, 1995) h&#246;lzern, die Dialoge krampfhaft und der &#252;bliche Hollywood-Kitsch l&#228;sst keinen Platz f&#252;r eine Ambiguit&#228;t der Bilder. Auch die Versuche, das Leben von Revolution&#228;rInnen zu erz&#228;hlen, endeten nicht selten in schw&#252;lstigen Helden-Epen wie Spike Lees <em>Malcom X</em> (1992) oder Margarethe von Trottas <em>Rosa Luxemburg</em> (1986).<br />
Doch nun zu den gelungensten Filmen:</p>
<p><strong> 1. In drei Stunden um die Welt: Rot liegt in der Luft</strong><br />
(Frankreich 1977, Regie: Chris Marker, zum Bestellen nur US-Edition A Grin without a Cat)</p>
<p>In dem dreist&#252;ndigen Essayfilm geht es um nichts weniger, als zu erkl&#228;ren, wie die Neue Linke nach 1968 ihre eigene Oktoberrevolution suchte und warum sie scheiterte. Nicht zuf&#228;llig beginnt <em>Rot liegt in der Luft</em> daher mit der ber&#252;hmten Szene aus Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> (1925), in welcher zaristische Soldaten auf der Treppe im Hafen von Odessa 1905 DemonstrantInnen massakrieren. Marker montiert in diese Szene Bilder von StudentInnen, die 1968 von der Polizei verpr&#252;gelt werden. Er interessiert sich vor allem f&#252;r linke Bewegungen, welche die Avantgarde-Rolle der kommunistischen Partei in Frage stellten und eine „Revolutionder Revolution“ wollten. Die Reise geht nach Vietnam, zur kubanischen Revolution, den Pariser Mai-Unruhen von 1968, zum Prager Fr&#252;hling, zu Maos Kulturrevolution und zum demokratischen Sozialismus in Salvador Allendes Chile. Marker kann dabei auf beeindruckendes Filmmaterial und Interviews seiner fr&#252;heren Filme zur&#252;ckgreifen.<br />
Der Essayfilm ist eine Form der Analyse, bei der auch die Bilder selbst in Frage gestellt und entfremdet werden. Im Gegensatz zu postmodernen Dokumentarfilmen, die oft ohne Kommentar auskommen und die ZuschauerInnen ihrem (Un-)Wissen &#252;berlassen, strebt der Essayfilm eine aufkl&#228;rerische Wirkung an. Interviews mit Pariser StudentInnen werden in <em>Rot liegt in der Luft</em> z.B. mit Aussagen von ArbeiterInnen kontrastiert; als Kubas Staatschef Fidel Castro in einer Fernsehansprache den Einmarsch der Truppen des Warschauer-Paktes in Prag 1968 rechtfertigt, werden die Bilder pl&#246;tzlich immer wackeliger und die St&#246;rger&#228;usche bedrohlicher.<br />
Besonders ergreifend sind die Szenen, in denen Vietnam-Veteranen ihre Ehrenmedaillen &#252;ber den Zaun des Pentagons werfen oder Chiles Pr&#228;sident Allende versucht, den Arbeiter einer Staatsfabrik zu &#252;berzeugen, nicht zu stehlen. Auch bei der Darstellung der bittersten Entwicklungen verliert Marker nicht den Humor. Um die Sowjetisierung der kubanischen KP darzustellen, zeigt er eine Rede von Castro auf dem ersten Parteitag 1975, als der Máximo Líder die Delegierten fragt: „Ist jemand gegen die Beschl&#252;sse?“ und damit im Saal gro&#223;es Gel&#228;chter hervorruft. Markers Film bleibt die scharfsinnigste Darstellung der Revolutionen um 1968 und deren Scheitern.</p>
<p><strong>2. Der revolution&#228;re Bildersturm: Oktober</strong><br />
(UdSSR 1927, Regie: Sergej Eisenstein, Stummfilm)</p>
<p>Bis heute werden Filmszenen von Sergej Eisenstein (1898-1948) in den Filmseminaren der Universit&#228;ten auf der ganzen Welt gezeigt. Doch in der Regel wird Eisensteins revolution&#228;re Filmkunst auf &#228;sthetische Aspekte und die Montage-Technik reduziert. Sein ber&#252;hmter Film Panzerkreuzer Potemkin (1925) wurde in vielen kapitalistischen L&#228;ndern verboten oder zensiert. Eisenstein glaubte, das Kino k&#246;nne direkt auf die Psyche der ZuschauerInnen einwirken und ihr Bewusstsein revolutionieren.<br />
<em>Oktober </em>wurde von der KPdSU zum zehnten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution in Auftrag gegeben und erz&#228;hlt die Geschichte von der Februarrevolution 1917, die den Zaren st&#252;rzte, bis zum Sturm auf den Winterpalais in Petrograd und dem Sieg der Bolschewiki. Immer wieder wird den ZuseherInnen eingeh&#228;mmert, worum es bei der Revolution geht: Brot, Friede und Land! Obwohl es in einem Zwischentitel hei&#223;t „Die Partei wird euch zur rechten Zeit die Befehle erteilen“, sind im Film die Massen die Helden: Matrosen, Soldaten und ArbeiterInnen. Eisenstein setzte auf AmateurInnen statt auf Stareffekte durch bekannte Gesichter. Die Revolution&#228;rInnen siegen, als es der Regierung nicht mehr gelingt, durch das Hochziehen von Br&#252;cken die ArbeiterInnenviertel von der Innenstadt abzuschneiden und die Armee schlie&#223;lich rebelliert. Lenin kommt im Film zwar vor, h&#228;lt sich aber im Vergleich zu stalinistischen Dramen wie <em>Lenin im Oktober</em> (Mikhail Romm, 1937) im Hintergrund. In sp&#228;teren sowjetischen Filmen ist Lenin der Mastermind, der alle F&#228;den zieht – mit Stalin als ewigem Schatten.<br />
Auf geniale Weise setzt Eisenstein die Montage von gegens&#228;tzlichen Bildern ein, um die b&#252;rgerlich-provisorische Regierung, die ihren Sitz im Winterpalais des Zaren hat, mit Prunkgegenst&#228;nden aus der alten Zeiten zu umgeben. Indem Statuen und Ikonen zu einer Ausstellung der Dekadenz und des Schreckens montiert werden, greift der Film die Kirche an. Um die Gefahr der Restauration der alten Ordnung aufzuzeigen, fliegt der abgeschlagene Kopf der Zaren-Statue auf den Rumpf zur&#252;ck. Eine der beeindruckendsten Szenen ist der Sturm auf das Winterpalais, wenn sich die Massen in einem peitschenden Montage-Beat die R&#228;ume der Herrschaft aneignen – mit ihren Gewehrkolben zerschlagen Matrosen die Weinsammlung des Zaren. Der Film endet mit der Botschaft: „Die sozialistische Revolution der Arbeiter und Bauern ist vollbracht.“ Leider war Eisenstein damit etwas voreilig: Mit der Wende zum sozialistischen Realismus Anfang der 1930er Jahre wurde es immer schwieriger, Kunst auch bez&#252;glich der Form zu revolutionieren. Eisensteins stark zensiertes Sp&#228;twerk (<em>Iwan, der Schreckliche</em>, 1945-46) ist weit von der Qualit&#228;t des radikalen Bildersturms von Oktober entfernt.</p>
<p><strong>3. Die Schlacht von Algier</strong><br />
(Algerien 1966, Regie: Gillo Pontecorvo, Musik: Ennio Morricone)</p>
<p>Der Film beginnt mit einem Tabubruch: Franz&#246;sische Soldaten umringen eine gefolterte Kreatur, die nach den Qualen bereit ist, das Versteck der F&#252;hrung der algerischen Befreiungsfront (FLN) zu verraten. Schlie&#223;lich setzt ein Soldat dem gefolterten Algerier eine Armeekappe auf und verk&#252;ndet: „Integration“. Damals wurden in Frankreich alle Publikationen oder Filme verboten, welche die Folter durch die franz&#246;sische Armee in der Kolonie Algerien thematisierten, so auch <em>Die Schlacht von Algier</em>. Fast dokumentarisch versucht der Spielfilm, den Unabh&#228;ngigkeitskrieg in der Altstadt von Algier, der Casbah, von 1954 bis zur Unabh&#228;ngigkeit von 1962 nachzuzeichnen. Regisseur Pontecorvo (1919-2006) bem&#252;ht sich, die Bilder wie eine Wochenschau wirken zu lassen, filmt in schwarz-wei&#223; und l&#228;sst sogar einen der Anf&#252;hrer der FLN, Saadi Yacef, sich selbst spielen. Ansonsten werden die BewohnerInnen der Casbah eingesetzt. Der Film steht damit in der Tradition des italienischen Neo-Realismus, der versuchte, eine Kritik der realen Verh&#228;ltnisse durch ihre getreue Abbildung zu formulieren.<br />
Die Gegenma&#223;nahmen der franz&#246;sischen Armee wie Absperrungen, Checkpoints, Folter, n&#228;chtliche Hausdurchsuchungen, Sprengungen der H&#228;user von „Verr&#228;terInnen“ und sogar Terroranschl&#228;ge erinnern an den heutigen Irak oder Pal&#228;stina. <em>Die Schlacht von Algier</em> erz&#228;hlt die Geschichte einer gescheiterten Konterstrategie, die durch ihre Repressionsma&#223;nahmen immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung gegen die Kolonialmacht aufbringt. 2003 wurde der Film im Pentagon gezeigt, um Vergleiche zum Irak zu ziehen. Die Sympathien von Pontecorvo, der selber als Mitglied der KP Italiens eine PartisanInnengruppe in Mailand im Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg leitete, liegen klar auf Seiten der FLN. Er romantisiert die algerische Stadt-Guerilla jedoch nicht, und auch die Opfer der Terroranschl&#228;ge werden nicht entmenschlicht dargestellt. Als eine Frau eine Bombe in einem franz&#246;sischen Café platziert, wird vor der Explosion ein eisessendes Kind in Gro&#223;aufnahme gezeigt. Besonders beeindruckend ist der Wandel der Geschlechterrollen im bewaffneten Kampf: Frauen nehmen die Schleier ab und schminken sich wie Franz&#246;sinnen, um flirtend unkontrolliert die Checkpoints zu passieren; M&#228;nner verschleiern sich, um den Durchsuchungen zu entkommen. Ob als Kritik gemeint oder nicht, die Liquidierung von Zuh&#228;ltern durch die FLN und die Appelle an die islamische Moral wirken f&#252;r heutige ZuschauerInnen wom&#246;glich wie Vorboten eines sich zuspitzenden religi&#246;sen Fanatismus. Nach der Zerschlagung der FLN in der Altstadt bringen schlie&#223;lich spontane Massendemonstrationen die franz&#246;sische Herrschaft in Bedr&#228;ngnis. Der Film endet mit der Unabh&#228;ngigkeit 1962 und der Aussage: „Und die algerische Nation wurde geboren“. Leider trug die nationale Befreiung zur L&#246;sung der sozialen Fragen wenig bei. Die Casbah wurde in den 1990er Jahren zum Schauplatz islamistischen Terrors und staatlichen Gegenterrors des postkolonialen Regimes.</p>
<p><strong>4. Die Chinesin</strong><br />
(Frankreich 1967, Regie: Jean-Luc Godard, DarstellerInnen: Anne Wiazemsky, Jean-Pierre Léaud, Juliet Berto)</p>
<p>Eine Chinesin kommt zwar nicht vor, daf&#252;r aber eine maoistische WG in Frankreich. Mit <em>Tout va bien</em> (1972) geh&#246;rt der Film zu Godards maoistischer Phase. Nachdem sich im Mai 1968 die KP Frankreichs gegen die Revolte der StudentInnen und ArbeiterInnen stellte, suchten viele linke Intellektuelle in Maos Kulturrevolution (1966-1976) ein alternatives Modell. Wie viele Werke Godards ist auch <em>Die Chinesin</em> eine Reflexion &#252;ber Sprache, Repr&#228;sentation und Film. Die f&#252;nf WG-Mitglieder rezitieren ein wildes Gemisch von Mao-Zitaten, linguistischen Theorien und Filmkritiken. Kamera und Klappen sind h&#228;ufig zu sehen und durch die Form der Dialoge soll erst gar keine realistische Illusion entstehen. 1967 konnte der franz&#246;sische Maoismus noch humorvoll sein. So spielen die franz&#246;sischen StudentInnen in der Wohnung der Eltern, verschanzt hinter Bergen von „Mao-Bibeln“, den Vietnamkrieg nach. Indirekt wird auch Kritik an traditioneller Rollenverteilung ge&#252;bt, indem gezeigt wird, wie Yvonne, die aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammt, die ganze Hausarbeit macht. Sie geht sogar auf den Strich, weil zu wenige Exemplare der <em>Roten Garde</em> verkauft werden. Besonders absurd wirkt die Szene, in der die Studentin Veronique mit Francis Jeanson im Zug diskutiert, ob sie an franz&#246;sischen Universit&#228;ten Bomben legen soll, um wie in China die Schlie&#223;ung der Unis zu erzwingen. Jeanson hatte in Algeriens Unabh&#228;ngigkeitskrieg mit einem Netzwerk die FLN unterst&#252;tzt. Er versucht im Film jedoch, Veronique von ihrem Vorhaben abzubringen. An das Brechtsche Theater erinnert dann ein gescheiteter Anschlag der Gruppe auf den sowjetischen Kulturattaché. Bertolt Brecht (1898-1956) wollte durch Unterbrechung der Handlung und Entfremdung die Identifizierung der ZuschauerInnen mit dem St&#252;ck verhindern und stattdessen eine kritische Reflexion ansto&#223;en. Was in <em>Die Chinesin</em> noch spielerisch karikiert wird, sollte einige Jahren sp&#228;ter im bewaffneten Kampf der „Stadtguerilla“ in Deutschland und Italien bitterer Ernst werden. Es w&#228;re jedoch verk&#252;rzt, den Film nur als Warnung gegen Terrorismus zu lesen, zeigt der doch vor allem die Fr&#252;hphase der Neuen Linken.</p>
<p><strong>5. Die Eigendynamik der Gewalt: Morning Sun</strong><br />
(USA 2003, Regie: Carma Hinton, Geremie Barmé, Richard Gordon)</p>
<p>Der Dokumentarfilm <em>Morning Sun</em> versucht, die sich entwickelnde Begeisterung, Radikalisierung und Eskalation des Terrors w&#228;hrend der chinesischen Kulturrevolution zu erkl&#228;ren. Die chinesische Kulturrevolution war nicht nur ein parteiinterner Machtkampf, sondern auch ein gescheiterter Versuch, neue Formen der Beteiligung und Repr&#228;sentation der Massen zu schaffen. Nach einigen Monaten verstrickten sich die rebellierenden Jugendlichen jedoch in blutige Fraktionsk&#228;mpfe. Zu Wort kommen im Film Gr&#252;nderInnen der Roten Garden, damalige Sch&#252;lerInnen, LehrerInnen, die zu Opfern von Gewalt wurden, sowie Kinder hoher gest&#252;rzter Parteifunktion&#228;rInnen, die sich zwischen der Revolution und den Eltern entscheiden mussten.<br />
<em>Morning Sun</em> erinnert stark an Chris Markers Essayfilme: In einer vielschichtigen Analyse werden Ausschnitte aus damaligen Spielfilmen, revolution&#228;rem Ballet, Liedern und Nachrichtensendungen montiert. Eine Hauptthese des Films ist, dass die chinesische Revolution von 1949 im Jahr 1966 quasi reinszeniert wurde – von den Kindern gegen die Elterngeneration. Die Jugendlichen kopierten die Kritiksitzungen, die sie in Filmen zur Bodenreform gesehen hatten, um ihre eigenen LehrerInnen anzugreifen. Auf der Suche nach einem revolution&#228;ren Geist wanderten sie z.B. alleine die lange Strecke des legend&#228;ren Langen Marsches (1934-35) der Roten Armee nach.<br />
Das RegisseurInnenkollektiv Hinton, Gordon und Barmé d&#228;monisieren oder romantisieren nicht, sondern versuchen zu erkl&#228;ren, warum der Kampf um das Recht, an der Revolution teilzunehmen, in Terror eskalierte und zu Entt&#228;uschungen f&#252;hrte. Sehr empfehlenswert ist auch der Dokumentarfilm des Teams <em>The Gates of Heavenly Peace</em> &#252;ber die StudentInnenbewegung von 1989.</p>
<p><strong>6. Polyamour&#246;se Verstrickung auf der Baustelle: Spur der Steine</strong><br />
(DDR 1966, Regie: Frank Beyer, Darsteller: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard Esche)</p>
<p>Es ist traurig zu sehen, wie wenig gute politische Filme von der DEFA, dem „volkseigenen“ Filmstudio der DDR, produziert worden sind. „Indianer“- und Sciencefiction-Streifen versuchten, den Massengeschmack zu bedienen; propagandistische Streifen wie <em>Ernst Th&#228;lmann: Sohn seiner Klasse</em> (1954) erzeugten schon damals eine unfreiwillige Komik. Immerhin sind in der Fr&#252;hphase einige antifaschistische und antimilitaristische Werke wie <em>Die M&#246;rder sind unter uns</em> (1946) oder <em>Der Untertan</em> (1951) entstanden, die in der BRD erst Jahre sp&#228;ter gezeigt werden durften.<br />
Ein wahres Meisterwerk ist <em>Spur der Steine</em> von Frank Beyer, das allerdings nach der Urauff&#252;hrung verboten wurde und 23 Jahre lang von der Leinwand verschwand. Die Geschichte erz&#228;hlt vom gescheiterten Versuch, den Aufbau des Sozialismus gegen&#252;ber „Planfetischismus“ und politischen Scharfmachern voranzutreiben. Der Film beginnt mit einer Kritiksitzung gegen den jungen Parteisekret&#228;r Horrath im Niemandsland einer Gro&#223;baustelle. Gegenspieler von „Sheriff“ Horrath ist in der Geschichte der „Cowboy“ Brigadef&#252;hrer Balla, der von Manfred Krug gespielt wird. Balla h&#228;lt seine Truppe mit deftigen Spr&#252;chen zusammen und klaut schon mal Zement, um weiter bauen zu k&#246;nnen. Die Macht der ArbeiterInnen auf der Baustelle besteht nicht in der Teilnahme an Entscheidungen, sondern in einer r&#252;pelhaften Verweigerung gegen&#252;ber den „Weltverbesserern“ der Partei. Auf der Gro&#223;baustelle herrscht Resignation vor, da Funktion&#228;rInnen das Sagen haben, die lieber mit falschen Projektierungen bauen lassen, um den Plan zu erf&#252;llen, auch wenn sp&#228;ter die Fundamente wieder gesprengt werden m&#252;ssen. Die Situation &#228;ndert sich, als der junge und dynamische Parteisekret&#228;r Horrath nach dem Motto „Vertrauen macht die Menschen gut“ sowohl Balla f&#252;r sich gewinnen als auch den resignierten Funktion&#228;rInnen wieder Hoffnung machen kann. Balla und Horrath verlieben sich dann aber beide in die junge Technikerin Kati Klee, die sich in der rauen M&#228;nnerwelt erfolgreich Respekt verschafft.<br />
Der Film ist sozialistischer Realismus im besten Sinne und wirft Fragen auf, die bisher in jeder proletarischen Revolution aufkamen. Wie kann man sexistische Arbeiterr&#252;pel wie Balla ver&#228;ndern und produktiv in den Aufbau einbinden? Wie kann verhindert werden, dass Liebe und Leidenschaft ein Widerspruch zu politischen Beziehungen, und GenossInnen durch polyamour&#246;se Verstrickungen zu GegnerInnen werden? In welchem Verh&#228;ltnis sollten Alltagskenntnis der ArbeiterInnen, Fachwissen der „ExpertInnen“ und politische Ideologie stehen?<br />
Besonders fortschrittlich ist, wie der Film die Frage des Mutterseins thematisiert: Obwohl Kati den Vater ihres Kindes geheim h&#228;lt, ist es nach DDR-Manier selbstverst&#228;ndlich, dass sie nach der Geburt wieder an den Bau zur&#252;ckkehrt und sogar stellvertretende Leiterin wird. Allerdings lernt Kati auch, dass immer noch eine Doppelmoral herrscht und sie von M&#228;nnern mehrfach als unmoralisch angegriffen wird. Nicht um das Ansehen der Frauen, sondern um einen Gesichtsverlust der Partei f&#252;rchten die m&#228;nnlichen Funktion&#228;re. Der Film ist keinesfalls antisozialistisch; zwar werden die ArbeiterInnen nicht als reine HeldInnen dargestellt – es  gibt sogar halbe FaschistInnen unter ihnen –, aber der Film hegt die leise Hoffnung, dass das Projekt Sozialismus noch zu retten sei. Das Verbot des Films zeigte aber auch die Unf&#228;higkeit zur Selbstkritik und die Humorlosigkeit der SEDFunktion&#228;rInnen.</p>
<p><strong>7. Schwarzer bolschewistischer Humor: Happiness</strong><br />
(UdSSR 1934, Regie: Alexander Medvedkin, Stummfilm)</p>
<p>Apropos Humor: Mit der Widmung „Den Faulenzern in den Kolchosen“ beginnt der wohl au&#223;ergew&#246;hnlichste Film, der in der Sowjetunion gedreht wurde. Die Stummfilm-Kom&#246;die von Medvedkin erz&#228;hlt von der Suche des Bauern Khmyr und seiner Frau Anna nach Gl&#252;ck. Es geht jedoch nicht mit rechten Dingen zu: W&#228;hrend dem Kulaken (Gro&#223;bauer) in der alten Gesellschaft k&#246;stliche Kn&#246;del beim Mittagessen einfach in den Mund fliegen, treibt ein gepunktetes Pferd seinen Schabernack mit dem Bauernehepaar. Erst nachdem Khmyr aus lauter Verzweiflung seinen eigenen Sarg zimmert und sich umbringen will, kommt pl&#246;tzlich der ganze zaristische Staatsapparat ins Dorf, denn: „Wer soll Russland ern&#228;hren, wenn der Bauer stirbt?“ Ein Jahr nach der Hungersnot mit sechs bis sieben Millionen Toten muss diese Frage eine gewisse Doppeldeutigkeit gehabt haben.<br />
Auch nach der Kollektivierung der Landwirtschaft bleibt Khmyr ein Pechvogel und Faulenzer, doch schlie&#223;lich rettet er die Pferde der Kolchose vor der Sabotage der Kulaken. Der Film macht sich nicht &#252;ber den russischen Bauern als „dummen August“ lustig, sondern inszeniert ihn lustvoll als sympathischen Anti-Helden. Medvedkin drehte schon w&#228;hrend des russischen B&#252;rgerkrieges (1918-1920) Propaganda-Filme f&#252;r die Rote Armee und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1989 strammer Bolschewik. <em>Happiness </em>versetzt den Zuschauer noch heute in Erstaunen: Soldaten tragen surrealistische Masken, Nonnen durchsichtige Blusen, H&#228;user k&#246;nnen laufen und Tiere verz&#252;cken durch Humor. Nach der ersten Auff&#252;hrung wurde der Film verboten und erst in den 1960er Jahren wiederentdeckt. Die US-Edition von <em>Happiness </em>beinhaltet auch den brillanten Dokumentarfilm <em>The Last Bolshevik</em> (1993) von Chris Marker, der in fiktiven Briefen an Medvedkin der Frage nachgeht, warum kreative und innovative Geister der sowjetischen Avantgarde sp&#228;ter unbedeutende und kitschige stalinistische Propaganda-Filme drehten. Freche Pferde tauchten zumindest auch in sp&#228;teren Filmen Medvedkins wieder auf.</p>
<p><strong>8. Rape and Revenge: Die Siebtelbauern</strong><br />
(&#214;/D 1998, Regie: Stefan Ruzowitzky, DarstellerInnen: Sophie Rois, Simon Schwarz, Lars Rudolf )</p>
<p>Revolution&#228;res tut sich in einem &#246;sterreichischen Dorf: Aus reiner Schadenfreude vermacht ein Bauer im M&#252;hlviertel der 1930er Jahre den Hof an seine Knechte. Anstatt sich aberdie K&#246;pfe einzuschlagen, entscheiden sich sieben M&#228;nner und Frauen, den Hof gemeinsam zu bewirtschaften. Die neuen „Siebtelbauern“ stehen vor den gleichen Problemen wie jede Revolution: Soll nun der Gro&#223;knecht, der junge Lukas mit dem gro&#223;en Maul, das Sagen haben oder sollen alle Entscheidungen gemeinsam gef&#228;llt werden? Wie sollen der gemeinsam beschlossene Verzicht und die h&#228;rtere Arbeit durchgesetzt werden, um die anderen Knechte auszuzahlen, wenn sie sich an dem Wagnis nicht beteiligen wollen? Auch die Konterrevolution schl&#228;ft nicht. Unter dem Motto „Ein Knecht darf kein Bauer werden“ versuchen die Gro&#223;bauern des Ortes mit allen Mittel, den Hof der „Siebtelbauern“ in den Ruin zu treiben. Wie sollen die Sieben darauf reagieren, ohne sich auf einen gewaltsamen Kampf einzulassen, den sie nicht gewinnen k&#246;nnen? Neben dem egalit&#228;ren Projekt entfaltet sich noch eine <em>Rape and Revenge-Geschichte</em>, welche die <em>Siebtelbauern </em>auch bez&#252;glich der Geschlechterfrage zum vorbildlichen Revolutionsfilm macht. Der Film ist ein neuer Heimatfilm im besten Sinne: Im Unterschied zu Klassikern des Genres wie <em>Heimat </em>(Edgar Reiz, 1981-1984) oder <em>Der pl&#246;tzliche Reichtum der armen Leute von Kombach</em> (Volker Schl&#246;ndorf, 1971) setzt <em>Siebtelbauern </em>nicht auf Mundart und Laien-SchauspielerInnen, um die Geschichte authentisch erscheinen zu lassen. Im Gegenteil kommunizieren bekannte SchauspielerInnen auf Hochdeutsch und die Filmmusik von Eric Satie und Verdi gibt dem Ganzen einen surrealistischen Beigeschmack. Am Ende scheitern die „Siebtelbauern“ zwar, aber allein die zeitweilige Existenz eines von M&#228;nnern und Frauen egalit&#228;r gef&#252;hrten Hofes ist schon ein Erfolg.</p>
<p><strong>9. Die Geister der alten Ordnung: Judou</strong><br />
(China 1990, Regie: Zhang Yimou und Zhang Fengliang, DarstellerInnen: Gong Li, Li Baotian)</p>
<p>In den 1980er Jahren drehte die so genannte F&#252;nfte Generation chinesischer Regisseure noch sozialkritische Filme, die das Leben der einfachen Leute widerspiegelten. Zu ihnen geh&#246;rte auch Zhang Yimou, der sich sp&#228;testens mit dem Kongfu-Film <em>Hero </em>(2002) Kommerz und nationalistischer Propaganda verschrieben hat. <em>Judou </em>ann dagegen als Parabel zur chinesischen Revolution gelesen werden. Oberfl&#228;chlich betrachtet entwickelt der Film eine Liebesgeschichte im l&#228;ndlichen China der 1930er Jahre, in der sich die junge Ehefrau des alten Patriarchen einer Stofff&#228;rberei und der Knecht ineinander verlieben. Obwohl weder KommunistInnen noch aufst&#228;ndische Massen vorkommen, wird eine entscheidende Frage aufgeworfen: Wie ver&#228;ndern sich die Unterdr&#252;ckten, wenn sie pl&#246;tzlich die Macht &#252;ber ihre Unterdr&#252;ckerInnen erhalten?<br />
Die Ehefrau Judou, gespielt von Chinas Filmikone Gong Li, wird von ihrem alten Mann jede Nacht gequ&#228;lt und geschlagen, weil sie keinen Sohn bekommt. Ihr Geliebter, der Knecht Tianqing, findet den Alten nach einem Unfall querschnittsgel&#228;hmt vor. Statt ihn sterben zu lassen, pflegen die beiden ihn. Schlie&#223;lich h&#228;ngen sie ihn als Strafe in einer Holztonne an die Decke, damit er das sch&#246;ne Leben des Paares mit ansehen muss. Die Freude &#252;ber den Sieg wehrt jedoch nur, bis Judou einen Sohn von Tianqing geb&#228;rt, den Alten aber als Vater ausgeben muss. Schon im Kindesalter schl&#228;gt sich der Junge auf die Seite des Alten und beginnt sp&#228;ter das Liebespaar zu drangsalieren. Aus Angst verstecken Judou und Tianqing ihre Gef&#252;hle immer mehr. Bolschewistisch gelesen, k&#246;nnte die Botschaft lauten, dass es sich bitter r&#228;cht, versetzt man dem Feind (den alten Tyrannen) nicht im entscheidenden Moment den t&#246;dlichen Schlag. Maoistisch k&#246;nnte man argumentieren, dass sich die alte Ordnung (der Revisionismus) wieder einschleicht, wenn man sich nicht um die richtige Erziehung der Kinder der Revolution k&#252;mmert. Aus heutiger Sicht ist die Botschaft eher, dass sich die Unterdr&#252;ckten durch ihre erlangte Macht ver&#228;ndern und dadurch Gefahr laufen, die Geister der Vergangenheit nicht loszuwerden. Die Frau Judou ist in der Geschichte die eigentliche treibende Kraft, die als einzige bis zum Schluss die Ordnung in Frage stellt. Das verwundert nicht, da im chinesischen Kino schon seit den 1920er Jahren in vielen Filmen Frauen die Hauptrolle spielen.</p>
<p><strong>10. Gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen: Viva Zapata!</strong><br />
(USA 1952, Regie: Elia Kazan, Drehbuch: John Steinbeck, Darsteller: Marlon Brando, Jean Peters, Anthony Quinn)</p>
<p>Von den starken chinesischen Frauen zum „revolution&#228;ren Machismo“: In dem Film spielt der sp&#228;tere Hollywood-Star Marlon Brando den energiegeladenen und vom Gerechtigkeitssinn getriebenen Emiliano Zapata (1879-1919). Dem mexikanischen Revolution&#228;r und Bauern geht es in dieser Geschichte vor allem darum, das Land wieder an die Campesinos (LandbewohnerInnen) zu verteilen. Sein Verb&#252;ndeter Madero will nach dem Sieg von Zapatas Guerilla die Bauern &#252;berreden, die Waffen abzugeben und die Landreform den Gerichten zu &#252;berlassen. General Huertas will die Bauern hingegen wieder vom besetzen Land vertreiben und Zapata t&#246;ten. Schnell sieht sich Zapata in einem Kreislauf der Gewalt gefangen, in dem Zweifel aufkommen, wie die Revolution&#228;rInnen gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen sollen. Wie die alte Gesellschaft zerst&#246;ren und eine neue schaffen? Zapata erkennt die Notwendigkeit der revolution&#228;ren Gewalt, verzweifelt aber gleichzeitig an ihr. Als er sich nach dem Sieg seiner Gegner wieder in die Berge zur&#252;ckzieht, antwortet er auf die Frage, was sich in Mexiko durch Revolution und B&#252;rgerkrieg eigentlich ge&#228;ndert habe: „Sie, die Menschen, haben sich ge&#228;ndert“. Auch wenn der Kampf um das Land noch lange dauern w&#252;rde, br&#228;uchten die Campesinos nun keinen F&#252;hrer mehr und k&#246;nnten ihre Sache selbst in die Hand nehmen.<br />
Dass dieser sozialrevolution&#228;re Film in den USA in der Fr&#252;hphase des Kalten Krieges produziert werden konnte, und Anthony Quinn f&#252;r den besten Nebendarsteller noch einen Oscar erhielt, ist erstaunlich. Allerdings bleibt die Revolution im b&#252;rgerlich-demokratischen Rahmen gefangen (Sturz der Tyrannei und Bodenreform). Das US-amerikanische Publikum f&#252;hlte sich beim R&#252;cktritt Zapatas vom Amt des mexikanischen Pr&#228;sidenten und dessen R&#252;ckzug auf das Land wahrscheinlich an die Geschichte des ersten US-Pr&#228;sidenten George Washington erinnert, dessen angebliche Selbstlosigkeit zum Mythos gemacht wurde. Frauen spielen im revolution&#228;ren Kampf keine zentrale Rolle und Zapata bekommt die sch&#246;ne B&#252;rgertochter als Belohnung f&#252;r einen Sieg. Trotzdem ist <em>Viva Zapata!</em> einer der besten Filme &#252;ber revolution&#228;re Gewalt. Nicht vergessen sollte man auch, dass Brando der bewaffneten Protestaktion des <em>American Indian Movement</em> 1973 in der Reservation am „Wounded Knee“ im US-Bundestaat South Dakota zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf, als er w&#228;hrend der Niederschlagung durch das Milit&#228;r die parallel stattfindende Verleihung des Oscar f&#252;r <em>Der Pate</em> ablehnte.</p>
<p>Es bleibt anzumerken, dass die meisten linken Gruppen ihre Botschaften immer noch sehr textlastig verbreiten. Statt bei Seminaren komplizierte Texte zu Revolutionstheorien zu lesen, die ohne jahrelange Vorbildung schwer verst&#228;ndlich sind, k&#246;nnen die gleichen Fragen auch anhand von Filmen aufgeworfen werden. In Anlehnung an Godard soll es dabei nicht darum gehen, politische Filme zu schauen, sondern <em>politisch </em>Filme zu schauen.</p>
<p>- Axjonow, Iwan: Sergej Eisenstein: Ein Portr&#228;t, Berlin 1997<br />
- Albersmeier, Franz-Josef (Hg.): Texte zur Theorie des Films, Stuttgart 1979<br />
- Brody, Richard: Everything is cinema: The working life of Jean-Luc Godard, New York 2008<br />
- Hesse, Christoph: Bilder in Bewegung: Bemerkungen zu Film und Politik, unter: http://www.rote-ruhr-uni-com/cms/Bilder-in-Bewegung-html<br />
- Vogel, Amos: Film als subversive K</p>
<p>10-Filme: <em>Paul Pop</em> ist Redaktionsmitglied der <em>grundrisse.zeitschrift f&#252;r linke theorie und &#038; debatte</em> aktiv in der <em>Superlinken </em>und Autor f&#252;r die Wochenzeitung <em>Jungle World</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Benjamin, Walter: Das Kunstwerk in der Epoche seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1977, S. 35ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Hesse, Christoph: Film, Politik und Avantgarde, unter: http://www.roteruhr-uni.com/cms/Film-Politik-Avantgarde.html</p>
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		<title>„Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). Franziskus Forster sprach mit den FilmemacherInnen Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel sowie mit Ashraf und Mne, zwei der ProtagonistInnen des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm <em>When the Mountain meets its Shadow</em> (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). <em>Franziskus Forster</em> sprach mit den FilmemacherInnen <em>Romin Khan, Alexander Kleider</em> und <em>Daniela Michel</em> sowie mit <em>Ashraf </em>und <em>Mne</em>, zwei der ProtagonistInnen des Films, &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln rund um Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
<span id="more-1584"></span></p>
<p><em>Wie kam es zu diesem Filmprojekt und was ist der Grundgedanke Eures Films?</em> </p>
<p>Alexander: Normalerweise verfolgen wir immer das Ziel, Dokumentarfilme &#252;ber sozialkritische Themen oder  – vor allem in letzter Zeit – &#252;ber die Auswirkungen des Neoliberalismus auf einzelne Menschen zu machen. Romin Khan, der auch bei dem Film beteiligt war, hat ein Jahr in Kapstadt studiert und mir von den dort vorherrschenden sozialen Umst&#228;nden erz&#228;hlt. Das war der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass wir uns dazu entschieden haben, „S&#252;dafrika“ als Projekt in Angriff zu nehmen. </p>
<p><em>Ihr habt euch ja bewusst das Medium „Film“ ausgesucht. Welche Erwartungen habt ihr damit verbunden?<br />
</em><br />
Daniela: Unser Ziel ist es, Erfahrungsr&#228;ume zu schaffen, in denen man sich austauschen kann. F&#252;r uns war und ist vor allen Dingen die Filmtour sehr wichtig, da wir dadurch den Film in vielen verschiedenen Kinos oder Veranstaltungsr&#228;umen zeigen k&#246;nnen und die M&#246;glichkeit haben, mit Leuten zu diskutieren.<br />
Ashraf: Wir versuchen Leuten zu vermitteln, wie es ist, in Armut zu leben. Unsere Filme sollen die Menschen aufr&#252;tteln, damit sie sehen, dass die Ursachen f&#252;r Armut in der weltpolitischen Lage und in der neoliberalen Politik liegen. Ich bin mir zwar sicher, dass die Menschen das im Grunde genommen wissen, aber es ist notwendig, diese Missst&#228;nde immer und immer wieder aufzuzeigen. </p>
<p><em>Plant ihr den Film beispielsweise auch in Brasilien oder Indien zu zeigen? </em></p>
<p>Romin: Wir wollen nat&#252;rlich, dass der Film so oft wie m&#246;glich in der ganzen Welt gezeigt wird. Gerade weil die Probleme ja an verschiedenen Orten relativ &#228;hnlich sind, w&#228;re es, aus unserer Sicht, sehr wichtig, dass die Menschen &#252;ber diesen Film zusammenkommen. <em>Im Schatten des Tafelberges</em> ist in Deutschland und der Schweiz schon ziemlich pr&#228;sent. In Kiew und Vancouver l&#228;uft der Film auch schon auf diversen Dokumentarfilmfestivals. Wir hoffen nat&#252;rlich, dass er sich weiter in die verschiedenen Teile der Welt verbreitet, er also auch in Brasilien oder Indien gezeigt wird.</p>
<p><em>Glaubt ihr, dass die Fu&#223;ballweltmeisterschaft euer Projekt weiter st&#228;rkt?</em></p>
<p>Romin: Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit f&#252;r den Film im Kontext der Fu&#223;ballweltmeisterschaft gestiegen ist und noch weiter steigen wird. In den Medien wird immer der positive Einfluss der Weltmeisterschaft auf S&#252;dafrika betont – viele Menschen haben daher keine Ahnung davon, dass dieser „&#246;konomische Gewinn“ den Armen in S&#252;dafrika nicht zugute kommt. Der Film soll ihnen daher zeigen, wie die soziale Situation in Kapstadt wirklich aussieht und warum die Weltmeisterschaft diese sogar noch verschlechtern kann. </p>
<p><em>Mne, Ashraf, ihr seid ja direkt von den Auswirkungen der Weltmeisterschaft betroffen. Was passiert gerade in Kapstadt? Wen treffen die Umw&#228;lzungen am meisten?</em></p>
<p>Mne: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft betreffen in erster Linie die Armen und diejenigen, die gewerblich in der (Innen-)Stadt zu tun haben. Alte Geb&#228;ude werden abgerissen, um neue, den „westlichen Standards“ entsprechende Geb&#228;ude zu errichten. Dadurch m&#252;ssen viele Menschen ihre L&#228;den oder Wohnungen r&#228;umen und sie werden aus ihren „communities“ vertrieben. Fu&#223;ball ist an sich ein beliebter Sport in S&#252;dafrika – durch die Auswirkungen der Weltmeisterschaft &#228;ndert sich das jetzt allerdings zunehmend.<br />
Ashraf: In nur wenigen Monaten wurden – nicht nur in unmittelbarer N&#228;he zum Stadion – 800 R&#228;umungen vorgenommen. Insgesamt betrifft das 420.000 Menschen. Man sieht ganz deutlich, dass die Regierung die Weltmeisterschaft den Menschen vorzieht. Sie nimmt f&#252;r kurzfristige Profite und globale Anerkennung zunehmende Obdachlosigkeit und Armut in Kauf. Wie Mne bereits angedeutet hat, ist es so, dass die armen Leute zunehmend die M&#246;glichkeit verlieren, Handel zu treiben, weil sie pl&#246;tzlich keine Gesch&#228;ftslokale mehr haben. Das hei&#223;t wiederum, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete oder ihr Essen zu zahlen. </p>
<p><em>Was hat es mit der Anti-R&#228;umungskampagne auf sich? Wie und in welchem historischen Kontext ist sie entstanden?</em></p>
<p>Ashraf: Durch den politischen Wandel 1994<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> erwarteten alle, dass sich vor allem f&#252;r die Armen die Situation verbessern w&#252;rde. Stattdessen wurde der &#246;ffentliche Sektor, unter anderem der Wohnungsbau und viele Bildungseinrichtungen, privatisiert. Die Lage der Armen in Kapstadt und also auch unsere eigene Situation ist dadurch nat&#252;rlich noch prek&#228;rer geworden. Auch wenn wir keine Kriminellen sind, wurden und werden wir st&#228;ndig kriminalisiert.<br />
Um diese Situation zu &#228;ndern, formierte sich nach 1994 vor allem in strukturschwachen <em>communities </em>die Anti-R&#228;umungskampagne. Wir gr&#252;ndeten eine Plattform, deren Ziel es war, gemeinsam f&#252;r unsere Rechte zu k&#228;mpfen. Die Situation ist heute zwar noch immer nicht viel besser; die Kampagne ist allerdings in den <em>communities </em>ziemlich bekannt. Die Menschen wissen genau, wer wir sind und was wir tun. Sie kommen auch immer &#246;fter mit ihren Problemen zu uns. Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert. Die Protestformen haben sich seit dem Ende der Apartheid allerdings stark gewandelt. Da die Politik wei&#223;, wie sie mit traditionellen Protestformen umgehen muss, um sie ins Leere laufen zu lassen, versuchen wir neue, kreative Protestformen zu entwickeln. Die direkte Aktion ist ein Beispiel daf&#252;r. Wenn beispielsweise von staatlichen oder privaten Organen Wasserleitungen durchtrennt werden, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, fixieren wir sie einfach wieder. Wir gehen auch gemeinsam in Kliniken und versuchen Gratisbehandlungen f&#252;r arme Menschen zu erzwingen. Wir wollen unmittelbare Erfolge sehen und versuchen daher direkte Aktionen durchzuf&#252;hren, anstatt Diskussionen zu f&#252;hren.<br />
Die Anti-R&#228;umungskampagne hat in vielen Stadtgebieten, in denen es soziale Probleme gibt, Anlaufstellen er&#246;ffnet, die gemeinsam mit den <em>communities </em>entscheiden, was unmittelbar getan werden muss und kann. Unsere Ideologie kann daher als <em>communitism </em>bezeichnet werden: Wir versuchen die <em>communities </em>zu st&#228;rken und eigenst&#228;ndig zu machen, anstatt &#8211; wie eine Beh&#246;rde – Sachen f&#252;r sie zu erledigen.</p>
<p><em>Ein gro&#223;es Problem eurer K&#228;mpfe scheint das Verh&#228;ltnis zum </em>African National Congress (ANC)</em> bzw. die Geschichte des ANC zu sein. Es wirkt von au&#223;en so, als ob es eine Art Kampf darum g&#228;be, wer der/die „legitime“ StellvertreterIn der Armen sein darf. Ihr versucht ja &#252;ber eure Kampagne die Legitimation des ANC herauszufordern.<br />
</em><br />
Ashraf: Der ANC ist eine politische Partei und l&#228;ngst keine revolution&#228;re Bewegung mehr. Die Mitglieder der politischen Elite innerhalb des ANC m&#246;gen zwar Ex-Revolution&#228;rInnen sein, aber jetzt sind sie eben Million&#228;rInnen – wir wissen also, dass sie die Interessen der armen Leute nicht (mehr) vertreten.<br />
Unser Ziel ist es nicht, Legitimation zu erk&#228;mpfen. Wir sind gegen jede politische Partei, egal ob das der ANC, die <em>Democratical Alliance</em>, die <em>Inkatha Freedom Party</em>, das <em>United Democratic Movement</em>, die <em>African Christians</em> oder die <em>National Party</em> ist. Einer unserer Grunds&#228;tze aus dem Jahr 2004 besagt: „Kein Land, kein Haus – keine Wahl“. D.h. wir sagen unseren Leuten, sie sollen nicht w&#228;hlen gehen, sondern am Tag der Wahl lautstark protestieren. Am 27. April ist beispielsweise der sogenannte <em>Freedom Day </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir von der Anti-R&#228;umungskampagne „feiern“ an diesem Tag den <em>Unfreedom Day</em> und weisen damit auf die schlechte Situation und die herrschenden Umst&#228;nde hin.</p>
<p><em>Versucht ihr auch &#252;ber offizielle, rechtliche Wege, beispielsweise durch Berufung auf die Verfassungsgrunds&#228;tze, etwas zu ver&#228;ndern? </em></p>
<p>Ashraf: Ja, 2002 haben wir einen Koordinierungsausschuss gegr&#252;ndet, dessen Ziel es war, die Stadt Kapstadt zu verklagen und das Kappen von Wasserleitungen als verfassungswidrig zu deklarieren. Wir wollten so etwas eigentlich nie tun, aber weil wir gesehen haben, dass die Abgeordneten des ANC nicht uns, sondern den Staat unterst&#252;tzen, haben wir uns dazu entschieden, den offiziellen Weg zu gehen. Mittlerweile hat sich die Arbeit des Koordinierungsausschusses auch ausgeweitet. Wir versuchen beispielsweise die Armen vor einer Verurteilung zu bewahren, wenn sie im Falle von R&#228;umungen gezwungen werden, vor Gericht zu gehen – wenn jemand n&#228;mlich nicht vor Gericht geht und einfach in das Haus zur&#252;ckkehrt, in dem er/sie unter Umst&#228;nden 30 Jahre gelebt hat, wird er/sie wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Wir haben desweiteren in Durban<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gegen ein Gesetz geklagt, das die BewohnerInnen einer unserer <em>communities </em>zu SlumbewohnerInnen erkl&#228;rt h&#228;tte, d.h. die Orte, an denen sie lebten, sollten zu Slums erkl&#228;rt werden. Dies h&#228;tte es der Politik erlaubt, ohne gerichtliches Verfahren jederzeit alles r&#228;umen zu lassen. Das Gesetz ist zwar noch nicht verhindert, aber wenigstens steht es jetzt wieder zur Diskussion.<br />
Eigentlich wollen wir &#252;berhaupt nicht vor Gericht gehen, aber weil die Politik und die Wirtschaft es machen, machen wir es auch. Wir sind andererseits aber auch davon &#252;berzeugt, dass der rechtliche Kampf nur wenig bewirkt und dass Widerstand auf vielen, anderen Ebenen geleistet werden muss. </p>
<p><em>Versucht ihr auch mit anderen sozialen Bewegungen, z.B. der Landlosenbewegung zusammenzuarbeiten?</em></p>
<p>Ashraf: Ja nat&#252;rlich! 2002 sind wir als <em>community </em>im Rahmen der Anti-R&#228;umungskampagne zum Weltkongress f&#252;r Nachhaltige Entwicklung gefahren. Allerdings stehen wir einigen NGOs auch kritisch gegen&#252;ber. Wir haben im Laufe der Jahre leider erfahren m&#252;ssen, dass sich beispielsweise die <em>South African National NGO Coalition</em> (SANGOCO) all unsere Ressourcen aneignen wollte, weshalb wir uns 2002 von den NGOs verabschiedeten und das <em>Netzwerk sozialer Bewegungen in S&#252;dafrika</em> (SMI) gr&#252;ndeten. Das SMI institutionalisierte sich jedoch relativ rasch und wurde zu einer wichtigen NGO S&#252;dafrikas. Als wir 2006 zur – j&#228;hrlich stattfindenden Konferenz – des SMI gingen, mussten wir erfahren, dass diese NGOisierung das SMI komplett ver&#228;ndert hatte. Das Netzwerk sprach &#252;ber die Interessen der Armen – also &#252;ber unsere Interessen – ohne mit uns zu reden, ohne uns einzubinden.<br />
Neben dem SMI haben wir uns auch an der Gr&#252;ndung anderer Bewegungen und Netzwerke beteiligt. Ein Beispiel ist die <em>Shacklessness</em>-Bewegung, also eine Bewegung von und mit Menschen, die in Baracken wohnen. Desweiteren sind wir auch in der <em>Action Alliance</em> aktiv, in der verschiedene soziale Gruppierungen und Personen zusammenarbeiten. Durch diese Action Alliance haben wir Kontakte zu anderen, k&#228;mpfenden communities gekn&#252;pft, insbesondere zu der Landlosenbewegung und zum <em>Rural Network</em>. Mit diesen haben wir die <em>Poor People Alliance of South Africa</em> gegr&#252;ndet.<br />
Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, wir versuchen st&#228;ndig uns mit anderen sozialen Bewegungen zusammenzuschlie&#223;en. Unser n&#228;chstes Ziel ist die Vernetzung mit Leuten und Bewegungen aus Europa, um eine <em>Poor People Alliance of the World</em> zu gr&#252;nden. </p>
<p><em> Wie k&#246;nnte eine solche Allianz zwischen europ&#228;ischen und s&#252;dafrikanischen sozialen Bewegungen aussehen?</em> </p>
<p>Ashraf: In S&#252;dafrika besitzen gro&#223;e, multinationale Konzerne – darunter auch viele europ&#228;ische Firmen – fast alles und mischen sich in Angelegenheiten, die uns betreffen, ein. Wir denken daher, dass die Kooperation mit sozialen Bewegungen in Europa besonders wichtig ist, weil sie ihre eigenen Regierungen anprangern k&#246;nnen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, aufzuzeigen, dass es nicht nur „arme AfrikanerInnen“ auf der einen und „reiche Europ&#228;erInnen“ auf der anderen Seite gibt, sondern dass wir alle mit denselben Problemen zu k&#228;mpfen haben. W&#228;hrend die politische Klasse weltweit von diesem System profitiert, leiden in allen Gebieten der Erde Menschen unter dessen Auswirkungen. Ein gemeinsames Ziel k&#246;nnte beispielsweise die Forderung nach einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen f&#252;r alle sein. Zwischen sozialen Bewegungen in Europa und (S&#252;d-) Afrika sollte eine gleichberechtige Beziehung hergestellt werden, ein Geben und Nehmen, und nicht ein „Wir“ und „Ihr“. Wir glauben zudem eher an Solidarit&#228;t durch Aktionen und nicht an Solidarit&#228;t durch &#246;konomische Unterst&#252;tzung. Wir w&#228;ren um einiges schlagkr&#228;ftiger, wenn wir uns &#252;ber gemeinsame Aktionen zusammenschlie&#223;en und definieren w&#252;rden. Sowohl in S&#252;dafrika als auch in Europa gibt es viele Orte, die f&#252;r Aktionen in Anspruch genommen werden k&#246;nnen. </p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r eure interessanten Ausf&#252;hrungen!</em></p>
<p><em>Romin Khan</em> forscht zu S&#252;dafrika und ist Mitherausgeber des Bandes S&#252;dafrika. Die Grenzen der Befreiung (Assoziation A, Berlin/Hamburg)</p>
<p><em>Alexander Kleider</em> ist Autor, Ressigisseur und Kameramann sowie Mitbegr&#252;nder der Filmkooperative DOKWERK.<br />
<em><br />
Daniela Michel</em> ist Autorin, Regisseurin und Produzentin sowie Mitbegr&#252;nderin der Filmkooperative DOKWERK.</p>
<p><em>Ashraf Cassiem</em> und <em>Mncedisi Twalo</em> sind Aktivisten der Anti-R&#228;umungskampagne Kapstadt.</p>
<p><em>Franziskus Forster</em> studiert Internationale Entwicklung und ist aktiv bei attac.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> 1994 wurden in S&#252;dafrika die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Apartheid-Regimes abgehalten. Der African National Congress (ANC) gewann die Wahlen und Nelson Mandela wurde Pr&#228;sident. Die Partei ist seit 1994 durchgehend an der Macht.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>Der 27. April 1994 ist der Tag der ersten freien Wahlen und daher in S&#252;dafrika Nationalfeiertag.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Durban ist eine Gro&#223;stadt an der Ostk&#252;ste S&#252;dafrikas.</p>
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		<title>Catastrofuck!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.

Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.<br />
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Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig machen und ihnen so jegliches Interesse daran verg&#228;llen k&#246;nnte – und setzt so stillschweigend Parteipolitik mit jeglicher Form von Politik gleich. Alastair Campbell ist auch nicht besonders davon &#252;berzeugt, dass in diesem Film die Geschehnisse rund um das Kabinett Tony Blairs, die schlussendlich zum Irak-Krieg f&#252;hrten, besonders treffend oder auch nur ansatzweise realistisch wiedergegeben wurden.<br />
Das alles ist nur wenig verwunderlich, schlie&#223;lich war Alistair Campbell eine zentrale Figur von New Labour in der &#196;ra Blair gewesen – zuerst als dessen Wahlkampfmanager, dann als Pressesprecher und quasi inoffizieller Vizekanzler.  Als solcher war er auch in eines der gr&#246;&#223;eren Politikdesaster der letzten Jahre verwickelt, spielte er doch eine zentrale Rolle bei der Verfassung des September Dossier der britischen Regierung &#252;ber Iraks Potential zur Herstellung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen – Campbell lie&#223; den Bericht auf Linie mit den USA trimmen und Zweifel an der Existenz dieser Waffen aus dem Bericht verschwinden. Das Dossier war so einerseits einer der Ecksteine der argumentativen Aufbereitung des bevorstehenden Irakkrieges und f&#252;hrte andererseits zu einem der gr&#246;&#223;ten Polit-Skandale der britischen Nachkriegsgeschichte: David Kelly war Experte f&#252;r Biowaffen, der Informationen &#252;ber die Ver&#228;nderungen des Berichts geliefert hatte und schlussendlich aufgrund massiven Drucks durch die Blair-Regierung als BBC-Informant genannt wurde. Zwei Tage nachdem er vor dem britischen Parlament dazu vernommen worden war, wurde er mit offenen Pulsadern in einem Waldst&#252;ck aufgefunden.<br />
Armando Ianuccis Satire In the Loop endet jedoch mit der Ver&#228;nderung des Berichts und dessen Pr&#228;sentation bei einer UN-Konferenz, auf der weitere Ma&#223;nahmen gegen einen ungenannten Staat im Nahen Osten beschlossen werden sollen. Das Setting f&#252;r diesen Film &#252;bernimmt Ianucci, umtriebiger Satiriker und Drehbuchautor in der britischen Medienlandschaft, weitgehend von der BBC-Satire-Serie The Thick of it, die um einen unf&#228;higen Kabinettsminister sowie einen zynischen Pressesprecher und Sekret&#228;r des Ministerpr&#228;sidenten kreist. In the Loop als Spin-Off von The Thick of it greift diese Konstellation auf: Malcolm Tucker, ein Berserker von einem Pressesprecher, der in seinen furiosen Fluchorgien selbst einen Fuhrknecht besch&#228;men k&#246;nnte (Alastair Campbell stand f&#252;r ihn Modell) muss sich st&#228;ndig mit den verbalen Fauxpas des „Minister of International Development“, Simon Foster herumschlagen.<br />
So beginnt das Chaos denn auch, als Foster zum Abschluss eines Interviews auf die Frage, ob denn ein Krieg im Nahen Osten bevorstehen w&#252;rde, diesen mehr versehent- als willentlich als „unforeseeable“ deklariert. Beim Versuch, sich von diesem Statement wieder zu distanzieren und seine absolute Meinungslosigkeit zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen, entschl&#252;pft Foster dieses sprachliche Kleinod: „Look, all sorts of things that actually are very likely, are also unforseeable. For the plane in the fog, the mountain is unforeseeable, but it is then suddenly very real and inevitable. The mountain in the metaphor is a completely hypothetical mountain that could represent anything. […] To walk the road of peace, sometimes we need to be ready to climb the mountain of conflict.&#8221;<br />
Aufgrund seiner flexiblen Meinung wird er nun zum Spielball zweier amerikanischer Regierungsbeamten: Linton Barwick,  US Assistant Secretary for Policy, der den Krieg vorbereitet und Karen Clarke, US Assistant Secretary for Diplomacy, die diesen verhindern will. Zum Verh&#228;ngnis wird ihm allerdings nicht nur seine Inkompetenz, die Parteilinie in Interviews wiederzugeben, sondern auch die losen Steine seiner Gartenmauer, die immer weiter Richtung Nachbarsgarten abrutscht und in den Medien allm&#228;hlich zum Gespr&#228;chsthema Nummer eins avanciert. Und fehlt einmal der erste Stein in der Mauer ist der Durchbruch – oder in diesem Fall das Desaster –  nahe, sodass sogar noch der eigene R&#252;cktritt zur Katastrophe ger&#228;t.<br />
<em>In the loop</em> ist eine unheimlich rasante Satire voller gro&#223;artiger Einzeiler und <em>inventive swearing</em> („Catastrofuck!“). F&#252;r Tempo sorgen dabei einerseits die staccatoartigen Dialoge und zahlreichen Settings, wie auch die sehr umtriebige Kameraf&#252;hrung, die das Agieren der ProtagonistInnen weniger glamour&#246;s, sondern eher dokumentarisch portraitiert. Was vielleicht so besonders gef&#228;llt an <em>In the Loop</em> ist die Diskrepanz in der Sprachverwendung der MeinungsprofessionalistInnen in dieser Satire: einerseits derb und schmutzig, aber auch eindeutig, wenn inoffiziell, dagegen weichgesp&#252;lt, inhaltsleer und manipulativ nach au&#223;en. Iannuccis Satire funktioniert sogar so gut, dass man sich manchmal w&#252;nscht, sie w&#228;re etwas weiter von der ihr zugrunde liegenden Realit&#228;t entfernt, um befreiter lachen zu k&#246;nnen. Denn jede gute Satire ist immer auch schmerzhaft, wenn sie den Aberwitz der Realit&#228;t im Spiegel des Humors zeigt, so auch<em> In the Loop.</em> </p>
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		<title>Revolutionen aus dem Off</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:09:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. Nikolaus Perneczky zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. <em>Nikolaus Perneczky</em> zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.<br />
<span id="more-661"></span><br />
In den langen 60er Jahren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> des 20. Jahrhunderts unterlag das Verh&#228;ltnis des euroamerikanischen Raums zur damaligen Dritten Welt einem fundamentalen Wandel. Die Emanzipation der ehemaligen Kolonien machte sich in geopolitischen Umw&#228;lzungen ungekannten Ausma&#223;es bemerkbar. Anstatt sich mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit abspeisen zu lassen, dr&#228;ngten die dabei entstandenen neuen Nationalstaaten auch auf wirtschaftliche und kulturelle Autonomie. Vor diesem Hintergrund fiel es den europ&#228;ischen Gesellschaften mit einem Mal schwer, sich weiterhin als Ausgangs- und Mittelpunkt des Weltgef&#252;ges zu begreifen. In einer radikalen Wendung beschreibt Jean-Paul Sartre diese Entwicklung als regelrechte Umkehrung der herrschenden Verh&#228;ltnisse. In seinem Vorwort zur franz&#246;sischen Erstausgabe von Frantz Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> von 1961 schreibt er, &#252;brigens ohne jede Wehleidigkeit: „Das ist das Ende: Europa ist an allen Ecken leck. Was ist denn geschehen? Ganz einfach dies: bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie sich in dieser Bemerkung Sartres schon andeutet, stie&#223; die Krise des eurozentrischen Weltbilds nicht nur jenen &#252;bel auf, deren Funktion oder Profit am Fortbestehen kolonialistischer Regime hing. Auch die europ&#228;ische und US-amerikanische Linke musste sich in der neuen Situation erst zurechtfinden. Schon vorher hatten sich Zweifel geregt, ob das zu bescheidenem Wohlstand gelangte westliche Proletariat nicht l&#228;ngst der Konsumgesellschaft assimiliert worden w&#228;re. Herbert Marcuse, Vordenker und Einfl&#252;sterer der sp&#228;ter so genannten „Neuen Linken“, vertrat gar die Ansicht, der Antagonismus zwischen B&#252;rgertum und Arbeiterklasse habe – wenigstens in Europa – seine Dringlichkeit und mithin die Funktion eines geschichtlichen Movens eingeb&#252;&#223;t: „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart ver&#228;ndert, da&#223; sie nicht mehr die Tr&#228;ger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nicht nur Sartre und Marcuse folgerten aus dieser Diagnose, dass Widerstand nur noch von den Ausgeschlossenen und Marginalisierten zu erwarten w&#228;re. Weite Teile der Linken schlossen sich dieser Einsch&#228;tzung an und investierten fortan hoch fliegende Hoffnungen in die Revolten und Revolutionen der Dritten Welt, aber auch in die radikalisierten Minderheiten in den Metropolen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Unabh&#228;ngigkeit der neuen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch- Westafrika (1958), die kubanische Revolution (1959), der Befreiungskampf der AlgerierInnen (1954-1962), die chinesische „Gro&#223;e Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1969), die Tet-Offensive des Vietcong (1968) – gleichg&#252;ltig, wie diese Ereignisse heute bewertet werden m&#246;gen, f&#252;hrten sie der zeitgen&#246;ssischen metropolitanen Linken mit Nachdruck vor Augen, dass die M&#246;glichkeit der Revolution sich vom Zentrum an die Peripherie verlagert hatte. Dies warf die Frage auf, ob die dabei erprobten Strategien auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse umgelegt, die M&#246;glichkeit der Revolution importiert werden k&#246;nnte.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ernesto „Che“ Guevaras Theorien der Guerilla und des „foco“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> (Fokus) boten sich als Legitimation voluntaristischer Vorst&#246;&#223;e gegen das staatliche Gewaltmonopol an.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Aber auch diejenigen, welche die Frage nach der &#220;bertragbarkeit revolution&#228;rer Praxis negativ beschieden, blieben von den Entwicklungen in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht unbeeindruckt. So war der Befreiungskrieg in Algerien ein entscheidendes Ereignis in der politischen Sozialisation zahlreicher sp&#228;terer AktivistInnen des Pariser Mai 1968<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, und insbesondere Vietnam wurde als Symbol f&#252;r die Br&#252;chigkeit westlicher Herrschaftsanspr&#252;che zur zentralen Bezugsgr&#246;&#223;e der europ&#228;ischen Linken.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Dass der Ort dieser sehr verschiedenen Befreiungsk&#228;mpfe oft als „Dritte Welt“ angegeben und derart vereinheitlicht wurde, ist nur teilweise der europ&#228;ischen Blindheit f&#252;r lokale Besonderheiten anzulasten. Als „Trikont“ bezeichneten ihn die ProponentInnen dieser Bewegungen n&#228;mlich immer wieder selbst, in der Absicht, ihre oft weit gestreuten politischen Anliegen zu b&#252;ndeln und den Kampf daf&#252;r zu internationalisieren. Schlie&#223;lich war ihrem Gegner – der als neokolonialistisch verurteilten Politik der so genannten entwickelten L&#228;nder, vormalige Kolonien in wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit zu halten – auf lokaler Ebene schwierig beizukommen.<br />
Der Aufstieg des Trikont und die Dezentrierung des Westens im Gefolge der einsetzenden Dekolonisation in den langen 1960er Jahren gilt unter HistorikerInnen, zumal in der neueren globalgeschichtlichen Forschung<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, als geschichtlicher Wendepunkt mit weit reichenden politischen, sozialen und kulturellen Folgen. Dass die beschriebene Zeitenwende auch in der Geschichte des Films ihre Spuren hinterlassen hat, ist der kanonischen Filmgeschichtsschreibung dagegen meist nur eine Randnotiz wert und deshalb au&#223;erhalb filmwissenschaftlicher Seminare und cinephiler Monatsschriften wenig bekannt. Diesem Missstand soll im Folgenden abgeholfen werden. Das Aufbegehren der damaligen Dritten Welt wurde von einer kinematografischen Revolution begleitet und mitgestaltet. Ihr Name: „El tercer cine“, das Dritte Kino.</p>
<p><strong>F&#252;r ein Drittes Kino</strong><br />
1969 unternahmen die argentinischen Filmemacher Fernando E. Solanas und Octavio Getino den Versuch, das Medium des Films f&#252;r den antikolonialen Kampf in Dienst zu nehmen und forderten ein eigenst&#228;ndiges Kino der Dritten Welt. Jenseits von Hollywood sollte es verortet sein, aber auch jenseits des mit der europ&#228;ischen Linken assoziierten „Autorenfilms“, selbst wenn sie strategischen Allianzen mit den politisch radikalsten unter dessen Vertretern nicht grunds&#228;tzlich abgeneigt waren. Das Manifest, worin diese Forderungen laut wurden, tr&#228;gt den Titel Hacia un tercer cine<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, f&#252;r ein Drittes Kino. F&#252;r ein Kino, das in enger Verschr&#228;nkung mit den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gegen die Herrschaft des Neokolonialismus und f&#252;r eine Internationale der Peripherie – die „Trikontinentale“, wie sie auf der legend&#228;ren antiimperialistischen Konferenz von Havanna im Jahr 1966 getauft wurde – k&#228;mpfen sollte. Solanas und Getinos Manifest er&#246;ffnet mit einer Anklage der westlichen Filmindustrien, unter deren Einfluss die Bezeichnung „Film“ zu einem Synonym f&#252;r Spektakel und Unterhaltung verkommen sei. Im schlimmsten Fall stehe das Kino der Vereinigten Staaten und Europas, als kaum verhohlene Interessensvertretung der Studiomagnaten, f&#252;r eine ahistorische Mystifizierung der herrschenden Zust&#228;nde, im besten Fall gebe es ein mut- und auswegloses Zeugnis von sozialer Ungerechtigkeit und der Zersetzung b&#252;rgerlicher Werte. Vieles von dem, was Solanas und Getino den westlichen Kinematografien ankreiden, klingt wie eine Popularisierung von Guy Debords Thesen zur „Gesellschaft des Spektakels“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> in seinem gleichnamigen Buch, das zwei Jahre vor ihrem Manifest ver&#246;ffentlicht worden war: Als fetischisiertes Spektakel, das sich verselbstst&#228;ndigt und an die Stelle lebendiger Erfahrung gesetzt h&#228;tte, behinderten das Hollywoodkino und seine Nachahmer die Bewusstwerdung der verblendeten Massen. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wird die Aufgabe, die sich f&#252;r trikontinentale FilmemacherInnen stellt, als zweischneidige beschrieben. Neben der Erfindung emanzipatorischer Bildpraxen steht die Zerst&#246;rung jener Bilder auf der Agenda, die sich die kapitalistischen Unterhaltungsfabriken von der Dritten Welt gemacht haben und immer noch machen.<br />
Die Kritik der Autoren richtet sich aber auch gegen all jene, die der M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Kinos wenig Chancen einr&#228;umen, bevor nicht s&#228;mtliche Produktionsmittel, auch jene zur Herstellung von Filmen, im Gefolge eines revolution&#228;ren Umsturzes enteignet und vergesellschaftet worden sind. Obwohl dieser Einwand auf solidem marxistischem Boden stand, verwerfen ihn Solanas und Getino mit der Begr&#252;ndung, er erkl&#228;re die eingeschliffenen Produktions-, Distributions- und Vorf&#252;hrbedingungen Hollywoods zum Vorbild. Diese seien, genauso wie die Filme selbst, zur G&#228;nze auf die Interessen der US-amerikanischen Bourgeoisie abgestellt, weswegen f&#252;r alle diese Bereiche neue Formen gefunden werden m&#252;ssten.<br />
Wie ist das zu verstehen? Die Vorstellung, dass Filme aus Hollywood inhaltlich oder ihrer Form nach einer bestimmten Ideologie zuarbeiten, ist recht gel&#228;ufig. Solanas und Getino scheinen jedoch etwas anderes, oder genauer: <em>mehr als das</em> im Sinn zu haben: „Die Machtergreifung einer mechanistischen Vorstellung von Kino, wonach abgeschlossene Strukturen, die auf der Leinwand geboren werden und sterben, bei standardisierter L&#228;nge in einem gro&#223;en Lichtspieltheater abgespult werden, f&#252;hrte zur Absorption von Formen des b&#252;rgerlichen Weltbilds, die in der Tradition der Kunst des 19. Jahrhunderts wurzeln: Der Mensch gilt ausschlie&#223;lich als passives und konsumierendes Objekt. Anstatt Geschichte zu erkennen und zu verstehen, kann er sie nur auffassen, kontemplieren, durchlaufen, erdulden.“ Um gegen die der Film- <em>und </em>Kinotechnik innewohnenden b&#252;rgerlichen Anschauungsformen etwas auszurichten, m&#252;ssten folglich nicht nur andere Filme entworfen werden, sondern auch eine andere, st&#228;rker involvierende und aktivierende Einrahmung ihrer Pr&#228;sentation.<br />
&#196;hnliches gelte f&#252;r den angrenzenden Bereich der Distribution. Die Versuche europ&#228;ischer AutorenfilmerInnen, am Rand der kommerziellen Filmindustrien ein Auskommen zu finden und sich zumindest teilweise auf deren Verleihstrukturen einzulassen, w&#228;ren in eine Sackgasse gem&#252;ndet. Von diesem Modell m&#252;ssten sich die VertreterInnen eines Dritten Kinos daher emanzipieren, um in enger Zusammenarbeit mit ihrem Publikum eigenst&#228;ndige, noch im Falle staatlicher Repression tragf&#228;hige Netzwerke aufzubauen. Dies kam oft dem Weg in den Untergrund gleich.</p>
<p><strong>Die Guerilla als Arbeitsweise</strong><br />
Erm&#246;glicht wurde die Emanzipation von den bestehenden, vertikal integrierten<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Filmindustrien von einem Innovationssprung in der Filmkamera- und Projektortechnik. Der technologische Fortschritt hatte immer kleinere, einfacher handhabbare und zudem g&#252;nstigere Bild- und Tonaufnahmeger&#228;te hervorgebracht, wodurch der Umgang mit Film eine ungekannte Demokratisierung – oder, wie es im zeitgen&#246;ssischen Jargon hie&#223;: „Entmystifizierung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> – erfuhr.<br />
Solanas und Getino versprechen sich von dieser Umw&#228;lzung der Produktionsmittel zudem eine neue Arbeitsweise, deren Sto&#223;richtung sich in der Empfehlung andeutet, die „Kamera als Gewehr“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> einzusetzen. Anhand dieser Metapher wollen sie die Praxis des Dritten Kinos an die Kampfstrategie der Guerilla anschlie&#223;en: „Die Kamera ist der unersch&#246;pfliche Enteigner von Bild-Waffen, der Projektor ein Gesch&#252;tz, das 24 Bilder in der Sekunde feuert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Mit dieser kruden Analogie ist im Wesentlichen eine bestimmte Arbeitsweise im Kollektiv angesprochen, worin jedes Mitglied mit der Gesamtheit des verwendeten Equipments und allen Funktionen hinreichend vertraut und mithin austauschbar ist; worin planerische Detailversessenheit, Disziplin und ein rasches Arbeitstempo vorherrschen; worin alle Beteiligten sich bereit erkl&#228;ren, auf Komfort, alte Gewohnheiten und „dieses ganze Klima der Normalit&#228;t, wohinter sich der allt&#228;gliche Kriegszustand verbirgt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, Verzicht zu leisten.<br />
Das Projekt des Dritten Kinos ist also von Anbeginn als ein ganzheitliches angelegt: Nicht nur die Filme selbst, sondern auch die angrenzenden Bereiche der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung sollten revolutioniert werden.</p>
<p><strong>Die Dekolonisation der Kultur</strong><br />
Trotz des recht martialischen Gleichnisses von Film und Gewehr lassen Solanas und Getino darin, wie sie das Verh&#228;ltnis von (Film-)Kunst zu Politik bestimmen, einigen Freiraum. Die Polarit&#228;t der beiden sei von der herrschenden Klasse als universell gesetzt und m&#252;sse, zugunsten der Einheit von Politik und Kunst, in Richtung einer „&#220;berblendung des &#196;sthetischen mit dem Leben der Gesellschaft“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> &#220;berwunden werden. Eine wahre Kunst des Volkes ersch&#246;pfe sich nie im &#228;sthetischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, sondern sei immer auch eine Kunst f&#252;r das Volk, in seinem politischen Interesse. Gleichzeitig warnen die Autoren des Manifests vor einer allzu pragmatischen Kunstauffassung. Direkte Agitation und Intervention in politische Auseinandersetzungen h&#228;tten ebenso ihren Platz wie solche Ans&#228;tze, die, ungleich weniger handlungsorientiert, auf die Bildung politischen Bewusstseins zielen. Im Anschluss an Fanons Analyse des Verh&#228;ltnisses von Kolonisatoren und Kolonisierten, die von Marx’ Fr&#252;hschriften und Freuds Psychoanalyse informiert ist, brechen Solanas und Getino die Zielsetzung des Dritten Kinos immer wieder auf die Ebene des Individuums herunter. Hier geht es um die Erlangung einer befreiten, unentfremdeten Pers&#246;nlichkeit, die zugleich an der kollektiven Subjektivit&#228;t des Volkes Anteil hat. Wer so denkt, wird geneigt sein, der „Dekolonisation der Kultur“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> einen ebenso hohen Stellenwert einzur&#228;umen wie etwa dem Streben nach politischer oder wirtschaftlicher Unabh&#228;ngigkeit.<br />
F&#252;r den Kampf gegen das wirtschaftsliberale, vom Milit&#228;r eingesetzte Regime in ihrem Heimatland Argentinien, das sich bis zu den Unruhen in Cordoba 1969 im Amt halten konnte, konstatieren die Autoren sogar eine Vorrangstellung des Kulturellen, insofern die Abh&#228;ngigkeit vom neokolonialen Hegemon USA in diesem Fall nicht prim&#228;r mit Hilfe polizeilicher und/oder milit&#228;rischer Gewalt aufrecht erhalten werde, sondern zur Konsolidierung des Status quo auf die tatkr&#228;ftige Unterst&#252;tzung der einheimischen Intelligenzija – in Schulen, Universit&#228;ten und Redaktionsr&#228;umen – baue. Dem Kino als derjenigen Kunstform, die im Weltma&#223;stab die gr&#246;&#223;ten Zuschauermassen auf sich zu konzentrieren vermochte, musste bei dieser strategischen Schwerpunktsetzung eine herausragende Rolle zufallen.</p>
<p><strong>&#196;sthetische Offenheit</strong><br />
Was die Grundlegung eines Formenkanons und also die textuelle Ebene der Filme selbst betrifft, h&#228;lt sich Solanas und Getinos Manifest auff&#228;llig bedeckt – solange die Filme nur das unklare Kriterium der „Militanz“ erf&#252;llen: „Filmische Pamphlete, didaktische Filme, Reportagen, Essayfilme, Filme, die Zeugnis ablegen – alle militanten Formen des Ausdrucks sind zul&#228;ssig, und es w&#228;re absurd, ihnen gemeinsame &#228;sthetische Arbeitsnormen zugrunde legen zu wollen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> An einer Stelle gehen die Autoren so weit, sogar bestimmte Auspr&#228;gungen des Experimentalfilms in ihre Definition aufzunehmen. Nur soviel lassen sie durchblicken: Wer sich in der Hoffnung, beim einfachen Volk auf gr&#246;&#223;eres Verst&#228;ndnis zu sto&#223;en, auf narrative oder formale Vereinfachung einl&#228;sst, gilt ihnen als Populist. Worauf es vielmehr ankomme, sei die Sache, in deren Dienst sich ein Film stellt. Wenn diese nur an die Erfahrung und Lebenswelt der ZuschauerInnen ankn&#252;pft, m&#252;sse sich niemand sorgen, unverstanden zu bleiben.<br />
Ein weiterer Ansto&#223; f&#252;r den Widerwillen der Autoren, sich in formal&#228;sthetischer Hinsicht festzulegen, sind die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Regionen des Trikont: „Die Differenzen zwischen den Befreiungsk&#228;mpfen verunm&#246;glichen die Festschreibung universeller Normen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
In einem deutlichen Spannungsverh&#228;ltnis zu diesem Bekenntnis zu lokaler Spezifik steht Solanas und Getinos Hoffnung, das Dritte Kino m&#246;ge zur Internationalisierung der trikontinentalen Unabh&#228;ngigkeitsbewegungen beitragen: Als technisch reproduzierbares Medium, das ob seiner Visualit&#228;t, die Bildungsh&#252;rde der Schrift und sprachliche Barrieren im Allgemeinen zu &#252;berwinden vermag, sollte dem Film die Aufgabe zukommen, der von westlicher Seite vorangetriebenen „Balkanisierung“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> ein f&#252;r allemal abzuhelfen.<br />
Das Problematische am Begriff des Dritten Kinos liegt in diesem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen lokaler Spezifik und Internationalisierung. So vereint das Dritte Kino eine Vielzahl heterogener Praktiken unter seinem konzeptuellen Deckmantel. Solanas und Getino sind sich der Problematik durchaus bewusst. Ihre Antwort: Das „Dritte Kino“ ist ein Kampfbegriff, den es n&#246;tigenfalls der schlechten Wirklichkeit entgegenzustellen gilt: „Unsere Zeit ist eine Zeit [...] der prozessualen Werke – unfertige, unordentliche, gewaltt&#228;tige Werke, angefertigt mit der Kamera in der einen Hand und mit einem Stein in der anderen. Solche Werke lassen sich nicht am Ma&#223; der tradierten theoretischen und kritischen Kanons messen. Die Idee unserer Filmtheorie und unserer Filmkritik wird durch die enthemmende Praxis des Experiments zum Leben erweckt werden.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Schauen, Sprechen, Handeln</strong><br />
Wurde die Bezeichnung des Dritten Kinos zun&#228;chst vornehmlich als Etikett f&#252;r den Aufbruch diverser lateinamerikanischer Nationalkinematografien gebraucht, hat sie sich in den 60 Jahren seit der Ver&#246;ffentlichung des Manifests <em>Hacia un tercer cine</em> zum ausfransenden Sammelbegriff r&#228;umlich und zeitlich weit auseinander liegender Film- und Kinokulturen gemausert. Dennoch l&#228;sst sich ihr gemeinsamer Nenner zumindest n&#228;herungsweise angeben: Gemeint sind politische Kinematografien aus Lateinamerika, Afrika und Asien w&#228;hrend der langen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei „politisch“ nicht mehr aber auch nicht weniger hei&#223;t, als dass die angesprochenen Filme und ihre AutorInnen bzw. AutorInnenkollektive in einem engen, irgendwo zwischen Dialog und Gleichmarsch angesiedelten Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen in den L&#228;ndern der Dritten Welt standen. Soweit jedenfalls die hier vorgeschlagene Minimaldefinition, die unter TheoretikerInnen des Dritten Kinos jedoch keineswegs unwidersprochen bleibt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Nachdem das Dritte Kino versuchsweise definiert und die ihm anhaftenden Probleme zur Sprache gebracht worden sind, ist es nun an der Zeit f&#252;r einen Streifzug durchs Dickicht seiner mannigfaltigen Auspr&#228;gungen – ausgehend von jenen Filmen, die sich in der Zwischenzeit zu einer Art Kanon verdichtet haben, zu den R&#228;nder dieses Kanons und dar&#252;ber hinaus, in die Gegenwart des Weltkinos, das sich zwar in den seltensten F&#228;llen ausdr&#252;cklich auf das Dritte Kino beruft, aber dennoch &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungslinien mit ihm in Beziehung steht.<br />
Im Eingang steht ein Film, der den Forderungen von Solanas und Getino eigentlich auf ganzer Linie entsprechen sollte, haben sie doch selbst Regie gef&#252;hrt. Ihr episch angelegter Dokumentarfilm <em>La hora de los hornos</em><em> (Die Stunde der Hoch&#246;fen</em>, 1968) gilt als klassischer Ort eines agitatorischen Kinos, das sein Publikum direkt anspricht und zu politischer Aktion dr&#228;ngt. In Pesaro uraufgef&#252;hrt, in Argentinien dagegen bis zur Abdankung des vom Milit&#228;r eingesetzten Pr&#228;sidenten Alejandro Lanusse nur im Untergrund gezeigt, entwirft das in fast dreij&#228;hriger Arbeit entstandene Erstlingswerk der Gruppe <em>Cine liberación</em> eine politische Geschichte Argentiniens seit der Unabh&#228;ngigkeit. Der erste Teil skizziert eine Anatomie des Neokolonialismus und seiner gewaltsamen Ausdrucksformen im lateinamerikanischen Alltag, der zweite rekonstruiert anhand einer Montage aus vorgefundenem Material und eigens gedrehten Interviews mit VertreterInnen der Gewerkschaft, ArbeiterInnen und StudentInnen das Fortwirken kolonialer Strukturen bis zum Sturz Pérons 1955. Zuletzt findet der Film eine klare Antwort, wie der zunehmenden politischen Eskalation zu begegnen sei: Mit bewaffnetem Widerstand und Solidarit&#228;t unter den V&#246;lkern der Dritten Welt. &#220;berraschender als die Botschaft ist die Art ihrer &#220;bermittlung. Diese kann, ganz ohne &#220;bertreibung, als regelrechte Selbstaufhebung des Films beschrieben werden: Zwischen den einzelnen Segmenten werden als Diskussionsansto&#223; Passagen aus Fanon, Guevara, Amílcar Cabral u.a. eingeblendet. Jedes Kapitel endet mit einem Fragenkatalog, in der Pause zwischen zwei Kapiteln soll der Projektor heruntergefahren und das Saallicht eingeschaltet werden, um das Publikum aus dem Modus der Betrachtung in jenen der angeregten Debatte zu &#252;berf&#252;hren. Doch damit nicht genug. Bevor sich der Vorhang zum letzten Mal senkt, tritt eine unumwundene Aufforderung an die Stelle der zur Reflexion anhaltenden Zitattafeln: Schaut nicht l&#228;nger zu, verlasst sofort den Saal und werdet endlich zu Sprechenden, zu Handelnden!<br />
Es liegt nahe, <em>La hora de los hornos</em> als idealtypische Verwirklichung von Solanas und Getinos Projekt eines Dritten Kinos aufzufassen. Was diese intuitive Lesart aber &#252;bersieht, ist die ausdr&#252;ckliche Offenheit des Manifests: Der agitatorische Ansatz mochte den argentinischen Verh&#228;ltnissen angemessen sein, Anspr&#252;che auf universelle G&#252;ltigkeit hatten seine Macher jedoch nicht im Sinn. So findet sich im Einzugsgebiet des Dritten Kinos eine F&#252;lle von Filmen, die ihren politischen Anspruch nicht am Revers tragen; in denen sich das Politische nicht direkt, sondern &#252;ber Umwege vermittelt. Die Spannbreite des Dritten Kinos reicht von Agitprop zu zur&#252;ckhaltender Beobachtung und reflexiver Selbstkritik, von dokumentarischen Formen zu generischen Spielfilmen, von &#196;sthetiken der Kargheit und des Mangels zu &#252;berschw&#228;nglicher Experimentierfreude, vom Streben nach kultureller Eigenst&#228;ndigkeit zur ironischen Anverwandlung westlicher Einfl&#252;sse.<br />
Im Lateinamerika der langen 1960er Jahre finden sich jene Filme, die dem Ansatz von Solanas und Getino am n&#228;chsten stehen. Aus Platzgr&#252;nden, und weil das Dritte Kino aus Argentinien, Brasilien, Kuba u.a. wesentlich &#246;fter Gegenstand gelehrter Betrachtung und der Vermittlungsarbeit an europ&#228;ischen Kinematheken ist als jenes aus Afrika und Asien, sei an dieser Stelle nur ein weiterer lateinamerikanischer Regisseur erw&#228;hnt: Der Bolivianer Jorge Sanjinés, der gemeinsam mit dem von ihm begr&#252;ndeten Ukamau-Filmkollektiv an einem Kino „junto al pueblo“, mit dem Volk<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> arbeitete. Alle Arbeitsschritte – von der Abfassung des Drehbuchs bis zur Vorf&#252;hrung in Wanderkinos – erfolgten in enger Kooperation mit der indigenen Landbev&#246;lkerung im bolivianisch-peruanischen Grenzland, als deren Werkzeug Sanjinés sich und seine MitstreiterInnen sah. Das Resultat ihrer Bem&#252;hungen sind einige der am konsequentesten antiindividualistischen Filme seit Sergej Eisenstein, darunter <em>El enemigo principal (Der Hauptfeind)</em> von 1973. Darin setzt sich eine indigene Dorfgemeinschaft gegen ihren brutalen Grundherren zur Wehr, der sie in einem der Leibeigenschaft &#228;hnlichen Zustand h&#228;lt. Erst die Ankunft einer Gruppe von Guerilleros, die den LandarbeiterInnen erkl&#228;ren, was es mit dem antiimperialistischen Kampf auf sich hat, schafft die n&#246;tigen Organisationsstrukturen f&#252;r den bewaffneten Widerstand und die Verurteilung des Gro&#223;grundbesitzers durch ein Guerillatribunal am Ende des Films.<br />
Die Dorfgemeinschaft tritt fast immer als Kollektiv ins Bild und handelt auch als solches. Sobald sich Einzelne aus der Gruppe l&#246;sen, schw&#228;cht das die Sto&#223;kraft ihrer Aktion, etwa zu Beginn des Films, als sie ihren Ausbeuter der Justiz &#252;berantworten will. Der korrupte Dorfrichter, der mit dem Gro&#223;grundbesitzer unter einer Decke steckt, weist die Indios an, VertreterInnen aus ihrer Mitte zu ernennen, um in einem Gerichtsverfahren f&#252;r ihre Br&#252;der und Schwestern zu sprechen. Zun&#228;chst verweigert sich die Dorfgemeinschaft dieser Stellvertretungslogik. Die erste Begegnung mit dem Richter wird zur Veranschaulichung des prinzipiellen Unvernehmens zwischen b&#252;rgerlichem Individuum und quasi-proletarischem Kollektiv: W&#228;hrend die Menge auf akustischer Ebene in ein Durcheinander unverst&#228;ndlicher Stimmen zerf&#228;llt, verbinden sich die Stimmen im Bild der vereint gestikulierenden Indios zum organischen Ausdruck der Vielen.</p>
<p><strong>Filme aus Zigarettenstummeln</strong><br />
Auch im postkolonialen Afrika finden sich Filme und FilmemacherInnen, die mit der Utopie des Dritten Kinos in Verbindung stehen. Zum Beispiel der senegalesische Film Borom Sarret von 1962, der Ousmane Sembènes Ruf als Vater des afrikanischen Kinos begr&#252;ndete und seither oft als Ma&#223;stab herbeizitiert wird, an dem sich andere afrikanische Filme der 1960er und 70er Jahre zu messen h&#228;tten. Daf&#252;r gibt es gute Gr&#252;nde: <em>Borom Sarret</em> ist, da sind sich die ChronistInnen einig<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, in einem bestimmten Sinn der erste afrikanische Film aller Zeiten. Soll hei&#223;en: Der erste von einem schwarzen afrikanischen Regisseur auf afrikanischem Boden realisierte Film in der Geschichte des Mediums.<br />
Sembènes unangefochtener Status als Gr&#252;ndervater r&#252;hrt nicht nur daher, dass es sich bei <em>Borom Sarret</em> um eine Pionierleistung handelte, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass sein erster Film eine Erz&#228;hlweise vorgab, die f&#252;r viele afrikanische FilmemacherInnen in seiner Nachfolge verbindlich werden sollte: Sozialer Realismus, gepaart mit dem dramaturgischen Muster des Stationendramas, worin es einen (meist m&#228;nnlichen) Protagonisten von einer episodischen Begegnung zur n&#228;chsten verschl&#228;gt. Die Personen, die er auf dieser Reise trifft, erscheinen zwar zun&#228;chst oft „wie aus dem Leben gegriffen“, geben sich in Momenten forcierter Zeichenhaftigkeit jedoch zugleich als allegorische Kippfiguren der postkolonialen Gesellschaft zu erkennen. Im Fall von <em>Borom Sarret</em> ist der Held ein etwas grantiger, aber im Grunde sympathischer Kutscher, der auf seinen Fuhren durch Dakar den unterschiedlichen Gesichtern der Stadt begegnet. Als er sich dem Verbot widersetzt, mit dem Karren die Grenze zum Verwaltungsdistrikt zu &#252;berqueren, wird er von einem Polizisten angehalten und sein Gef&#228;hrt konfisziert. Der Auftritt und das Gebaren des Polizisten ergeben sich l&#252;ckenlos aus der realistisch grundierten Handlungslogik. Bis zu dem Punkt, da er als Individuum in den Hintergrund tritt, w&#228;hrend sein extrem untersichtig gefilmter Stiefel zu einem &#252;berdeutlichen Symbol f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Gewalt – von der kolonialen in die postkoloniale &#196;ra – anw&#228;chst.<br />
Sembène konnte bereits einigen Erfolg als Romancier verbuchen, bevor er sich dem Film als neuem Ausdrucksmedium zuwandte. Er selbst erkl&#228;rte diesen folgenreichen Schritt mit dem weit verbreiteten Analphabetismus seiner Landsleute: „Ich denke, dass das Kino kulturell bedeutsamer ist, und f&#252;r uns Afrikaner von absoluter Notwendigkeit. Denn es gibt <em>eine </em>Sache, die man den afrikanischen Massen nicht wegnehmen kann, und das ist, etwas gesehen zu haben.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dass Sehen f&#252;r Sembène eine andere Form von Evidenz schafft als Lesen, macht ein Ausspruch deutlich, den er dem Kutscher von <em>Borom Sarret</em> in den Mund legt. Dieser sagt, mit Blick auf die nationale Bourgeoisie des postkolonialen Senegal: „Ils savent lire, et ils savent mentir“, sie k&#246;nnen lesen und sie k&#246;nnen l&#252;gen.<br />
Was l&#228;ngst nicht bedeutet, dass Bilder nicht auch l&#252;gen k&#246;nnten. Im Gegenteil begegnete Sembène auch dem Kino stets mit gro&#223;er Skepsis. Hatte es sich nicht in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zum Komplizen kolonialer Herrschaft gemacht und – was f&#252;r ihn noch schwerer wog – die m&#252;ndlichen Erz&#228;hlkulturen seiner Vorfahren &#252;berdeckt und so den Zugang zur eigenen Geschichte versperrt? So k&#228;mpfte Sembène Zeit seines Lebens gegen die Beherrschung des afrikanischen Filmverleihs durch US-amerikanische und europ&#228;ische Distributoren, die den Markt mit B-Filmen &#252;berschwemmten. Auch sein Pl&#228;doyer f&#252;r die <em>mégotage</em>, eine Produktionsweise, die aus Knappheit die Tugend kultureller Eigenst&#228;ndigkeit macht, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; <em>mégotage</em>, weil die meisten afrikanischen FilmemacherInnen darauf angewiesen waren, mit den &#252;brig gebliebenen <em>mégots</em>, den Zigarettenstummeln ausl&#228;ndischer Produktionen, zu arbeiten.<br />
Djibril Diop Mambétys<em> Badou Boy</em> von 1970 kn&#252;pft augenscheinlich an die von Sembène begr&#252;ndete Traditionslinie eines allegorisch zugespitzten und wom&#246;glich didaktischen, sozialen Realismus an. Aber er verpasst dieser Steilvorlage<br />
eine entscheidende Wendung ins Anarchische: Aus dem Kutscher wird ein kleiner Junge, aus der Kutsche ein Bus, aus dem zielvollen Ernst des Brotberufs der Spa&#223; einer wilden, ungerichteten Verfolgungsjagd. Wie in <em>Borom Sarret</em> tritt auch hier ein Polizist als Repr&#228;sentant der Obrigkeit auf, die dem Helden aus einfachen Verh&#228;ltnissen das Leben schwer macht; mit dem entscheidenden Unterschied, dass der gewitzte Badou Boy seinem Verfolger immer um eine Nasenl&#228;nge voraus ist.<br />
Auf der Folie der &#252;berlieferten Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die sich an der Leitfigur Sembène orientiert, erscheint <em>Badou Boy</em> zwar als ein Ausrei&#223;er, jedoch als einer, der immerhin am Figurenrepertoire und am dramaturgischen Strickmuster des kanonischen Korpus teilhat. Eine ganze Reihe von Kleinoden des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die erst k&#252;rzlich wieder in Archiven aufgetaucht sind<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, versperren sich noch st&#228;rker gegen die herk&#246;mmlichen Zuordnungen und r&#252;cken auch <em>Badou Boy</em> in ein anderes Licht.<br />
Zum Beispiel Safi Fayes <em>Kaddu Beykatt</em> (<em>Lettre Paysanne</em>, 1975). Absto&#223;ungspunkt ist der viel kritisierte ethnografische Film europ&#228;ischer Machart, mit seinem sezierenden, Stereotypen festschreibenden „Insektenforscherblick“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aber die Regisseurin Safi Faye verwirft diese filmische Gattung nicht einfach, sondern versucht sich an einer behutsamen Umkehrung des ethnografischen Paradigmas, die darauf abhebt, die Dargestellten an ihrer Darstellung zu beteiligen.<br />
Safi Faye nahm Anfang der 1970er Jahre das Studium der Ethnologie an der Pariser Sorbonne auf, um 1975 mit einer Kamera und einem Team von drei Assistenten in ihr Heimatdorf Fad’jal im S&#252;den Senegals zur&#252;ckzukehren. Wie viele afrikanische Produktionen jener Zeit erhielt das Filmprojekt finanzielle Unterst&#252;tzung vom franz&#246;sischen Ministère de la Coopération, das aus dem fr&#252;heren Kolonialministerium hervorgegangen war.<br />
Schon die Dreharbeiten zu<em> Kaddu Beykat</em> waren von Fayes zentralem Anliegen bestimmt, den ethnografischen Zugriff auf den afrikanischen Kontinent einer Revision zu unterziehen. So stand am Anfang zwar das Rudiment einer Geschichte – der junge Landarbeiter Ngor kann wegen der schlechten Ernte den Brautpreis f&#252;r seine Angebetete Columba nicht entrichten und versucht sein Gl&#252;ck in Dakar –, oft gab Faye aber wenig mehr als ein vages Thema vor und &#252;berlie&#223; den Ablauf der Szene den DarstellerInnen. In der resultierenden Zur&#252;ckhaltung vertr&#228;gt sich <em>Kaddu Beykatt</em> so gar nicht mit jener Vorstellung des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, das in Ousmane Sembène ihren zentralen Bezugspunkt findet. Der Sch&#228;rfe der Kritik tut diese Zur&#252;ckhaltung indes keinen Abbruch: Als Ursache f&#252;r die l&#228;ndliche Notlage identifiziert der Film die Fortsetzung kolonialer Politik nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit unter Pr&#228;sident Léopold Sédar Senghor; eine Politik, die den Bauern anstelle nachhaltiger Selbstversorgung den monokulturellen Anbau von Cash Crops nahe legte.</p>
<p><strong>Afrikanische Cowboys</strong><br />
Der Filmhistoriker Manthia Diawara hat einmal gesch&#228;tzt, dass 80 Prozent der afrikanischen Filmproduktion aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien stammten.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Das ist heute, im Zeitalter einer boomenden nigerianischen Videofilmindustrie mit Ausl&#228;ufern in anderen westafrikanischen Staaten sicher nicht mehr zutreffend. F&#252;r die 1960er und 70er Jahre aber m&#252;sste man die zahlenm&#228;&#223;ige &#220;berlegenheit des frankophonen Filmschaffens wahrscheinlich noch h&#246;her ansetzen. Das hat mehrere Gr&#252;nde, der wichtigste Faktor war aber wahrscheinlich das weit bis in die postkoloniale &#196;ra hinein reichende Bestreben des offiziellen Frankreich, seine Kolonien nicht nur &#246;konomisch, sondern auch kulturell an sich zu binden. Das nahm seinen Ausgang auf der Schulbank – in den Schulb&#252;chern war die Rede von „Nos ancêtres les gauloises“, von <em>unseren </em>gallischen Vorfahren – und setzte sich bis in die Kinos&#228;le fort. Noch zur Stummfilmzeit machten sich die franz&#246;sischen Kolonisatoren Gedanken, wie Filme f&#252;r ein afrikanisches Publikum auszusehen h&#228;tten, begr&#252;ndeten staatlich gelenkte Produktionsfirmen und f&#246;rderten den Distributionssektor.<br />
Auf diese Weise war es Frankreich nicht nur m&#246;glich, die Filmproduktion seiner afrikanischen Kolonien inhaltlich auf Linie zu bringen, sondern auch den Aufstieg von AfrikanerInnen in verantwortliche Positionen systematisch zu behindern. Auf der legalen Grundlage des 1934 verabschiedeten Décret Laval, wonach jedeR, der/die auf dem Territorium des damaligen Franz&#246;sisch-Westafrika ein kinematografisches Bild oder eine Tonaufnahme herstellen wollte, eine schriftliche Anfrage an den Generalgouverneur der jeweiligen Kolonie richten musste, war es ein Leichtes, diese Vorhaben durchzusetzen. Ein prominentes Opfer des Décret Laval war der Filmemacher Paulin Vieyra aus Benin. W&#228;re ihm 1955 nicht die Drehgenehmigung in Senegal verwehrt worden, dann g&#228;lte heute er und nicht Ousmane Sembène als Gr&#252;ndervater des afrikanischen Kinos. Stattdessen verlegte Vieyra seine Arbeit nach Paris und drehte einen Film &#252;ber die afrikanische Diaspora an der Seine. <em>Afrique-sur-Seine</em> ist ein Dokument &#252;ber das Afrika der Ausgewanderten und Ausgesto&#223;enen, das trotz widriger Produktionsbedingungen ein weitaus optimistischeres Bild zeichnet als &#252;ber zehn Jahre – und etliche Migrationswellen – sp&#228;ter Med Hondos verzweifelnder <em>Soleil Ô</em> (1969).<br />
Der in Mauretanien geborene Hondo gelangte &#252;ber den Umweg des Theaters zum Film. &#196;hnlich Sembène dachte er dem reproduzierbaren Medium das Potenzial zu, sein Publikum und mithin die gesellschaftliche Relevanz seines k&#252;nstlerischen Schaffens zu vervielf&#228;ltigen. Als afrikanischer Migrant im Paris der 1960er Jahre machte Hondo jene Erfahrungen, die in seinem ersten Langfilm <em>Soleil Ô</em> zu einem schmerzvollen, aber befreienden Ausdruck dr&#228;ngen: Der Rassismus im Kleinen wie im (strukturellen) Gro&#223;en, der den Alltag der afrikanischen Diaspora im Herzen der „Grande Nation“ bestimmte – bedingt und begleitet von &#246;konomischer und kultureller Marginalisierung –, wird am Fallbeispiel eines jungen Afrikaners veranschaulicht. Sein Leidensweg f&#252;hrt ihn durch ein Paris, wie es selten zu sehen ist. W&#228;hrend zeitgen&#246;ssische franz&#246;sische Kommentatoren den Film ob seiner &#252;bersch&#228;umenden Experimentierfreudigkeit in die N&#228;he des Avantgardefilms r&#252;ckten, verortet ihn Hondo selbst in der afrikanischen Tradition abschweifenden, mehrschichtigen Erz&#228;hlens. In der Bezugnahme auf eine als genuin afrikanisch verstandene Tradition spricht sich Hondos erkl&#228;rtes Ziel aus, mit seinen Filmen ein Gegenwicht zu dem, wie er es selbst nennt, „euroamerikanischen Kino“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu schaffen. Nur wenn AfrikanerInnen aller L&#228;nder die Produktionsmittel zur Gestaltung filmischer Bilder selbst in die Hand bek&#228;men, war der Leser von Karl Marx, Frantz Fanon und Aimé Césaire &#252;berzeugt, kann die Befreiung auch vom ideellen Erbe des Kolonialismus gelingen.<br />
Mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit der franz&#246;sischen Kolonien wurden der Décret Laval und die kolonialistische<br />
Kulturpolitik, f&#252;r die er einstand, zwar obsolet. Ihre Nachwirkungen waren trotzdem zu sp&#252;ren. Weil AfrikanerInnen der Zugang zu hoch qualifizierten T&#228;tigkeiten wie Kameraf&#252;hrung, Tonaufnahme oder Schnitt versperrt gewesen war, herrschte nun ein eklatanter Mangel an Fachkr&#228;ften.<br />
Einige wenige gab es aber doch, und dieser Umstand verdankt sich unter anderem der pers&#246;nlichen Initiative des franz&#246;sischen Ethnografen Jean Rouch. Der hatte – entgegen den Gepflogenheiten – mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden gebrochen und einige seiner DarstellerInnen im Gebrauch einer tragbaren 16mm-Kamera angewiesen. Egal, was man von Rouch als Regisseur ethnografischer Filme halten mag<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>, kommt ihm allemal das Verdienst zu, etlichen Pionieren des afrikanischen Kinos den Weg geebnet zu haben.<br />
Unter seinen Sch&#252;lerInnen befand sich auch der nigerianische Filmemacher Moustapha Alassane, dessen Erstlingswerk <em>Le retour d’un aventurier</em> (1966) sich fast allen Ordnungsschemata widersetzt, die der kanonischen Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu Gebote stehen. Der Film handelt, wie so viele westafrikanische Filme dieser Zeit, von einem, der auszieht, das Gl&#252;ck zu suchen; als Boy in den Metropolen Afrikas, als Stra&#223;enfeger in Paris oder als Soldat im Indochinakrieg. Meist kehren diese jungen M&#228;nner, selten auch Frauen, mit leeren H&#228;nden in ihre Heimatd&#246;rfer zur&#252;ck. Nicht so in <em>Le retour d’un aventurier</em>. Der R&#252;ckkehrer hat von seiner Reise in die Vereinigten Staaten einen Koffer voller Stetson-H&#252;te, kniehoher Lederstiefel und anderer Western-Versatzst&#252;cke mitgebracht und verteilt sie unter seinen Freunden, die sich mit gro&#223;er Spielfreude Namen wie Jimmy und John und den dazu geh&#246;rigen Habitus aneignen. Bald schon geraten die frisch gebackenen Cowboys mit ihren losen Sitten aber in Konflikt mit der gewachsenen Dorfgemeinschaft. W&#228;hrend die Grenzen zwischen Rollenspiel und Ernst verschwimmen, werden die Widerspr&#252;che zwischen nigerischer Tradition und westlichen Einfl&#252;ssen immer handgreiflicher, ihr Ausdruck immer gewaltt&#228;tiger. Die wirtschaftliche &#214;ffnung und Modernisierung nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit bereitete dem Einzug des USamerikanischen Genrekinos den Boden, das gemeinsam mit indischen Produktionen &#252;ber Jahrzehnte die sporadischen Kinolandschaften Westafrikas dominieren sollte. Da liegt es nur nahe, dass Alassane den Konflikt zwischen nigerischer Tradition und westlicher Moderne auf der Folie des Western entwickelt. Obwohl die jugendlichen Cowboys nur Unheil anrichten, ist der Film weit davon entfernt, antimoderner Reflex zu sein. Allerorten macht sich eine tiefe Ambivalenz gegen&#252;ber der Modernisierung bemerkbar, und w&#228;hrend die Handlung gegen Ende einen moralisierenden Tonfall anstimmt, widerspricht ihr die Tonspur ganz entschieden, indem sie nigerische und US-amerikanische Musiktraditionen (Country) aufs Vers&#246;hnlichste harmonisiert.<br />
Vor dem Hintergrund der Filme von Faye, Hondo und Alassane ergeben sich ganz neue M&#246;glichkeiten der filmgeschichtlichen Kontextualisierung. Mambéty <em>Badou Boy</em>, der vorhin noch als eigenwillige Variation auf Sèmbenes <em>Borom Sarret</em> vorgestellt wurde, wird nun als Repr&#228;sentant einer versch&#252;tteten, noch zu entdeckenden Tradition des afrikanischen Kinos beschreibbar; einer Tradition, die das Streben nach kultureller Autonomie durch eine – wenngleich vorsichtige und oft reibungsvolle – Aneignung westlicher Einfl&#252;sse ersetzt.</p>
<p><strong>Internationalismus vs. Globalisierung</strong><br />
Mit dem explizit revolution&#228;ren und internationalistischen Gestus ihres Manifests rannten Solanas und Getino in Lateinamerika offene T&#252;ren ein. In den neuen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch-Westafrika stie&#223;en manche ihrer Forderungen – nach der Freilegung eigener kultureller Formen oder nach der Etablierung eines subsistenten Distributionssektors – auf fruchtbaren Boden. Andere dagegen verhallten ungeh&#246;rt: Weitaus zaghafter als sein lateinamerikanisches Gegenst&#252;ck unternahm das fr&#252;he afrikanische Kino den Versuch, die Probleme der nachkolonialen &#196;ra in einen L&#228;ndergrenzen oder sogar Kontinente &#252;bergreifenden Bezugsrahmen zu setzen. Auch in Asien entpuppte sich die Utopie des Dritten Kinos als nur bedingt anschlussf&#228;hig. Zwei kontr&#228;re Positionen aus den Philippinen der 1970er Jahren sollen dies veranschaulichen.<br />
Nachdem Ferdinand Marcos seine urspr&#252;nglich demokratisch legitimierte Pr&#228;sidentschaft 1972 in eine Milit&#228;rdiktatur umgewandelt hatte, war an ein im engeren Sinne radikales Filmschaffen – f&#252;r das ohnehin keine Infrastruktur zur Verf&#252;gung gestanden h&#228;tte – nicht zu denken. Diejenigen Regisseure, die dennoch den Versuch unternahmen, politische Filme zu drehen, mussten sich auf dem Gebiet des popul&#228;ren Kinos und seiner von Solanas und Getino kritisierten, an Holly- und Bollywood orientierten melodramatischen Form bewegen. Lino Brocka, der vielleicht bedeutendste philippinische Regisseur, betrachtete es als die Aufgabe jedes K&#252;nstlers, Stellung zu aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu beziehen. So beteiligte er sich in den 1980er Jahren mit der von ihm gegr&#252;ndeten Organisation Concerned Artists of the Philippines (CAP) an den b&#252;rgerlichen Protesten gegen den Diktator Ferdinand Marcos. Brockas Filme sind gepr&#228;gt von der Spannung zwischen diesem intervenierenden Gestus einerseits und den Zw&#228;ngen des Genrekinos, in welchem er Zeit seiner Karriere arbeitete, andererseits.<br />
Kein anderer Film Brockas macht diese Spannung so produktiv wie <em>Insiang </em>(1976), ein Melodram, angesiedelt in den &#252;berbev&#246;lkerten Slums von Manila. Hier, wo das Zusammenleben auf Zwang beruht, erstickt jeder Versuch, die soziale Zerrissenheit zu &#252;berwinden, im Keim, verl&#228;uft jede noch so minimale Geste der Solidarit&#228;t ins Nichts. Der Passionsweg der jungen Insiang f&#252;hrt sie von einer Erniedrigung zur n&#228;chsten, die sich, nach Art des klassischen Melodrams, s&#228;mtlich auf ihrem ebenm&#228;&#223;ig sch&#246;nen Gesicht abzeichnen. Am Ende des Films steht eine emanzipatorische Abweichung von der generischen Gussform: Wenn die leidende Oberfl&#228;che ihres Gesichts sich verh&#228;rtet und mit der Welt abgeschlossen hat, wird sich ihr grausamer Zorn nach au&#223;en wenden und gegen ihre Peiniger richten.<br />
Noch weiter von der herk&#246;mmlichen Auffassung des Dritten Kinos entfernt sich Kidlat Tahimiks <em>Mababangong bangungot</em><em> (Der parf&#252;mierte Albtraum)</em>. Schon 1977 bearbeitet er eine geopolitische Konstellation, die sich in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in ihrer Keimform befand, inzwischen aber aus politischen und auch sonstigen Gegenwartsdiagnosen nicht mehr wegzudenken ist: die Globalisierung. Der Regisseur Kidlat Tahimik hei&#223;t mit b&#252;rgerlichem Name Eric de Guia und arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler in den Vereinigten Staaten und Frankreich,bevor er es sich anders &#252;berlegte und mit <em>Mababangong bangungot</em> gleichsam im Alleingang das unabh&#228;ngige philippinische Kino begr&#252;ndete. Tahimik spielt oder parodiert sich selbst, als Bewohner eines kleinen Dorfes, der mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsglauben verfallen ist. Er ist der Vorsitzende des lokalen Wernher-von-Braun-Fanclubs, lauscht begeistert den Selbstbeweihr&#228;ucherungen der Vereinigten Staaten auf ihrem Auslandssender „Voice of America“ und ist besessen vom Br&#252;ckenbauen, das ihm als Metapher f&#252;r die zunehmende Verbundenheit seines Dorfes mit dem Rest des Globus gilt. Bis Kidlat sich eines Tages auf eine Bildungsreise durch Europa begibt, und dort zu seiner Ern&#252;chterung feststellen muss, dass der technologische Fortschritt wo er hinblickt menschliche Verlierer hervorgebracht hat.<br />
Tahimiks hybride Montage rauschhafter Bilder und T&#246;ne, die mit minimalem Budget auf 8mm gedreht wurde, bricht mit allem, wof&#252;r die philippinische Filmindustrie bis heute steht. Deren standardisierten Melodramen setzt Tahimik seinen eigenen Entwurf von Kino als einem gleichzeitig pers&#246;nlichen und hoch politischen Medium entgegen. Auf den ersten Blick steht der Film damit dem Kanon des Dritten Kinos wieder sehr nahe. Freilich scheint sich in Tahimiks &#196;sthetik, in der das Lokale ohne (vor allem nationalstaatliche) Vermittlungsinstanzen mit dem Globalen konfrontiert wird, ein grunds&#228;tzlich anderer Politikbegriff zu verbergen als in den &#252;brigen Filmen des Dritten Kinos, die selten ganz ohne Kategorien wie „Nation“ oder „Volk“ auskommen. <em>Mababangong bangungot</em> partizipiert dabei weniger an der postkolonialen Internationalisierungsrhetorik, als dass er seinen eigenen problematischen Adressierungsmodus reflektiert: Ein Film wie dieser kann nicht mehr in mobilisierender Absicht zu einer auch nur halbwegs koh&#228;rent gedachten &#214;ffentlichkeit sprechen. Stattdessen richtet er sich an jeden und niemand und im Zweifelsfall vor allem an westliche Filmfestivals.</p>
<p><strong>Das Erbe des Dritten Kinos?</strong><br />
Wer die hier vorgestellten Filme, von Solanas und Getinos <em>La hora de los hornos</em> bis zu Tahimiks <em>Mababangong </em>bangungot, ungeachtet ihrer gro&#223;en Unterschiede unter ein und demselben Banner versammelt, nimmt sich zwar die M&#246;glichkeit, den Begriff des Dritten Kinos zur pr&#228;zisen Bestimmung einer politischen &#196;sthetik zu gebrauchen, kann ihn daf&#252;r aber als reichen Fundus an Formen und Ideen zu einer politischen Bildpraxis im umfassenden Wortsinn auffassen. Nicht nur die Form der Bilder selbst steht dann auf dem Spiel, sondern auch wie sie gemacht, verteilt und gezeigt werden.<br />
Aus diesem Fundus sch&#246;pfen auch die heutigen Kinematografien aus den L&#228;ndern der ehemaligen Dritten Welt, auch wenn sie in den allerwenigsten F&#228;llen ausdr&#252;cklich beanspruchen, das Projekt des Dritten Kinos zu beerben oder weiterzuf&#252;hren.<br />
Auch wenn der ins Okkulte gewendete Antikapitalismus nigerianischer Videofilme nur noch wenig mit der aufgekl&#228;rten Gesellschaftskritik bei Ousmane Sembène und anderen VertreterInnen des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu tun hat, machte der Aufstieg „Nollywoods“ zumindest Sembènes Traum von einem wirtschaftlich autonomen Filmschaffen <em>von </em>AfrikanerInnen <em>f&#252;r </em>AfrikanerInnen wahr. Mit einer Einschr&#228;nkung jedoch: Die Kehrseite dieser &#246;konomischen Unabh&#228;ngigkeit ist nicht anderes als die Abh&#228;ngigkeit von der &#214;konomie: Der erste veritable Blockbuster aus diesem Produktionszusammenhang ist Chris Obi Rapus<em> Living in Bondage</em> (Nigeria, 1992). Nur wenige Wochen nach ihrer Ver&#246;ffentlichung „straight to video“ hatte sich die moralische Erz&#228;hlung um einen jungen Igbo, der seine Frau opfert, um an Wohlstand und einen Nissan Pathfinder zu gelangen, &#252;ber 500 000 mal verkauft. Von diesem Erfolg angespornt, investierten findige Gesch&#228;ftleute in &#228;hnlich geartete Filmprojekte und legten so den &#246;konomischen wie generischen Grundstein zur nigerianischen Videofilmindustrie, die seither zum zweitgr&#246;&#223;ten Arbeitgeber des Landes avancierte.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Ein anderes Beispiel, das in mehrerlei Hinsicht auf das Dritte Kino bezogen werden kann, ist das von der Volksrepublik China sowie der Europ&#228;ischen Union bezuschusste und vom Dokumentarfilmregisseur Wu Wenguang koordinierte Mammutprojekt <em>Chinese Villagers Documentary Project</em>, das in den letzten Jahren auf kleinen Festivals und im Internet<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Furore gemacht hat. Zehn DorfbewohnerInnen aus allen Teilen Chinas, &#252;ber deren Auswahl eine offene Ausschreibung entschied, wurden mit digitalen Videokameras ausgestattet. Bestand ihre Zielsetzung urspr&#252;nglich darin, die basisdemokratische Direktwahl der Dorfverwaltung zu dokumentieren, hat sich das Projekt inzwischen zu einem umfassenden Selbstportr&#228;t im Format der Langzeitbeobachtung ausgewachsen: Die nebenberuflichen FilmemacherInnen, die alle auch einem oft landwirtschaftlichen Brotberuf nachgehen, wollten einfach nicht mehr davon lassen, die Bedingungen ihres Lebens mit Hilfe der digitalen Aufzeichnung zu verdoppeln und so zu thematisieren.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Wenn das Dritte Kino nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft haben sollte, so wird sich diese wahrscheinlich nicht mehr auf Celluloid, sondern im entgrenzten Reich des digitalen Laufbilds abspielen.</p>
<p><em>Mit Dank an Lukas Foerster</em></p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> ist einer der KuratorInnen der Filmreihe <em>Revolutionen aus dem Off. Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch</em>, die vom 18. April bis zum 27. Mai 2009 im <em>Zeughauskino Berlin</em> gezeigt wurde.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zur geopolitischen Periodisierung der 1960er Jahre vgl. Kastner, Jens und David Mayer: Zur Einf&#252;hrung; In: Kastner, Jens und David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 11.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Sartre, Jean-Paul: Vorwort [1961]; In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1981, S. 24.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1989 [1964] (= Ders.: Schriften, Bd. 7), S. 15.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Tats&#228;chlich wurde das Aufbegehren etwa der konservativen Nation of Islam oder der linksradikalen Black Panther Party for  Self-Defense immer wieder zu den Befreiungsk&#228;mpfen auf dem afrikanischen Kontinent in<br />
Beziehung gesetzt, und im Umkehrschluss die rassistische Unterdr&#252;ckung in den USA als quasi kolonialistische gebrandmarkt. Vgl. dazu Scharenberg, Albert: „Die  B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA“; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 159-171, und als Zeitzeugnis Pasolini, Pier Paolo: B&#252;rgerkrieg [1966]; In: Ders.: Ketzererfahrungen, M&#252;nchen/Wien 1979, S. 179-186.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. van der Linden, Marcel: 1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Der Fokustheorie zufolge ist es die Aufgabe einer bewaffneten Gruppe entschlossener Revolution&#228;rInnen, die Revolution in die Landbev&#246;lkerung „hineinzutragen“.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008, S. 55f.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kalter, Christoph: ’Le monde va de l’avant. Et vous êtes en marge’. Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der ‚Dritten Welt’ in der radikalen Linken in Frankreich in den 1960er Jahren; In: Archiv f&#252;r Sozialgeschichte, Bd. 48, Bonn, 2008, S. 99-132.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hecken, a.a.O., S. 52.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> z.B. Kastner/Mayer, a.a.O.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Solanas, Fernando E. und Octavio Getino: Towards a Third Cinema [1969]; In: Nichols, Bill (Hg.): Movies and Methods. An Anthology, Berkeley/Los Angeles/London, 1976, S. 44-64.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin, 1996 [1967].<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Als vertikal integriert wird jene Unternehmensstruktur bezeichnet, bei der ein Filmstudio die Sektoren der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung unter seinem Dach vereint.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Solanas/Getino, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Ibid., S. 58.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ibid.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ibid., S. 50; Kursivsetzung im Original.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ibid., S. 47.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ibid., S. 55f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ibid., S. 56.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ibid., S. 55.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Pines, Jim und Paul Willemen (Hg.): Questions of Third Cinema, London, 1989; darin finden sich Versuche zu einer Ausweitung des Begriffs ebenso wie solche, denen an der Grundlegung eines &#228;sthetischen Kanons gelegen ist; vgl. auch Guneratne, Anthony und Wimal Dissanayake (Hg.): Rethinking Third Cinema, New York, 2003.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Sanjinés, Jorge und die Ukamau Gruppe (Hg.): Theory and Practice of a Cinema with the People, New York, 1989 [1979].<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Gutberlet, Marie-Hélène: Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankfurt am Main/Basel, 2004, S. 106; vgl. auch Ukadike, Nwachukwu Frank: Black African Cinema. Berkeley, 1994; sowie Murphy, David und Patrick<br />
Williams: Postcolonial African cinema. Ten directors, Manchester/New York, 2007, S. 50.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. http://revolutionenausdemoff.de/, unter dem Men&#252;punkt „Material“ findet sich jenes Interview mit Sembène, aus dem das Zitat entnommen ist.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Bisschoff, Lizelle und David Murphy: Africa’s Lost Classics. Introduction; In: Screen 48:4, Oxford, 2007.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Diese Metapher pr&#228;gte Ousmane Sembène als Vorwurf an den franz&#246;sichen Ethnografen Jean Roch, in deutscher &#220;bersetzung wiederabgerduckt als Rouch, Jean und Ousmane Sembène: „Du schaust uns an, als w&#228;ren wir Insekten.“ Eine historische Gegen&#252;berstellung zwischen Jean Rouch und<br />
Ousmane Sembène im Jahr 1965; In: Gutberlet, Marie-Hélène und Hans-Peter Metzler (Hg.): Afrikanisches Kino, Bad Honeff, 1997, S. 29-32.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Diawara, Manthia: African Cinema. Politics and Culture, Bloomington, 1992.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Murphy/Williams, a.a.O., S.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Fu&#223;note 30<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. http://www.guardian.co.uk/film/2007/jul/31/observerfilmmagazine.observerfilmmagazine5.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Auf der Website des China Independent Documentary Archive (http://www.cidfa.com) sind s&#228;mtliche Filme des Village Documentary Project verf&#252;gbar.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Foerster, Lukas: Village Voice; In: Cargo, Nr. 3, Berlin, Herbst<br />
2009, S. 49-52.</p>
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		<title>Sie kamen in Frieden und lebten in Lagern</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 13:30:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
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		<description><![CDATA[District 9, Action, Drama, USA/NZL 2009, 112 Minuten, Regie: Neill Blomkamp, Buch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell, Produzent: Peter Jackson]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>District 9, Action, Drama, USA/NZL 2009, 112 Minuten, Regie: Neill Blomkamp, Buch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell, Produzent: Peter Jackson<br />
<span id="more-603"></span><br />
Neill Blomkamps Spielfilmdebut ist, wie seine Hauptfigur, eine ambivalente Chim&#228;re: zur einen H&#228;lfte gesellschaftskritisch engagiertes Filmexperiment, zur anderen eine recht vorhersehbare Actionstory.<br />
Wir schreiben das Jahr 1982, als &#252;ber der Skyline von Johannesburg pl&#246;tzlich ein riesiges Raumschiff auftaucht. Nach drei Monaten des Zuwartens entschlie&#223;en sich die Menschen in das Innere des Raumschiffs vorzudringen, wo sie eine Million insektoide Aliens in schlechter medizinischer Verfassung vorfinden. Die Extraterrestrischen werden daraufhin evakuiert und in einem interimistischen Notfalllager einquartiert, das von einer undurchsichtigen Firma namens „Multi-National United“ (MNU) betreut wird. Doch dieses Lager namens „District 9“ wird immer mehr zum Slum: Gewalt, Drogenmissbrauch, Prostitution, Waffenhandel, Bev&#246;lkerungsexplosion, vor allem aber fortschreitender Rassismus der lokalen (menschlichen) Bev&#246;lkerung gegen&#252;ber Aliens, die mittlerweile nur mehr als „prawns“ (Garnelen) tituliert werden, veranlassen die Regierung diese in ein neues Lager („District 10“), 240km nordwestlich von Johannesburg zu &#252;bersiedeln. Blomkamps Held „Wikus Van De Merwe“ spielt dabei eine entscheidende Rolle – er ist es, der die offiziell als „Eviction“ deklarierte Deportation der 1,8 Mio. Au&#223;erirdischen durchf&#252;hren soll.<br />
Was Blomkamps Film hier auszeichnet, ist sowohl die Form der Erz&#228;hlung, als auch die Verkn&#252;pfung der Themen von Rassismus und der Privatisierung staatlicher Aufgabenfelder.<br />
So erz&#228;hlt er die gesamte Geschichte fast durchg&#228;ngig im Stil einer fiktiven Dokumentation, die anhand von Interviews sowie „Originalfilmmaterial“ die Geschehnisse im Zuge der Deportation retrospektiv aufrollt. Diese Passagen sind es auch, die besonders gut funktionieren. Die Verdopplung der Distanz durch den Film im Film streicht so das spezifisch tiefgr&#252;ndige Grauen des Normalen heraus: w&#228;hrend in den ExpertInnen-Interviews, vor allem in ihrem Bem&#252;hen um Political Correctness, der sublimierte Rassismus &#246;ffentlicher Diskurse stets durchschimmert, agieren die Charaktere der offiziellen Beh&#246;rden im dokumentarischen Originalmaterial offen rassistisch. Dies wird zugleich immer kontrastiert von Copleys Darstellung von Witus, der als Schnauzbart und Pollunder tragender Familienmensch und Schreibtischt&#228;ter gerade jene Absurdit&#228;t – die sprichw&#246;rtliche Banalit&#228;t des B&#246;sen – verk&#246;rpert. Selbst bei seinen Kontrollg&#228;ngen durch District 9 w&#228;hrend der Deportationen, bei denen er seine Unbescholtenheit wie einen Schutzschild vor sich her tr&#228;gt, l&#228;sst er die Atmosph&#228;re eines entspannten Familienpicknicks entstehen, das zuf&#228;llig jemand auf Video festgehalten hatte.<br />
Das Szenario, das so langsam entfaltet wird, folgt dabei weitgehend der immerw&#228;hrenden Zombiefilmweisheit, nach der zumindest auf den zweiten Blick die Bestialit&#228;t der Menschen die der Bestien immer &#252;bertrifft. So kann das Verh&#228;ltnis zwischen den Menschen und den Aliens einerseits als eindeutige Parabel auf die Apartheid, andererseits jedoch auch auf die j&#252;ngsten Unruhen in den Townships zwischen S&#252;dafrikanerInnen und ImmigrantInnen verstanden werden. Dabei ist die Darstellung von Rassismus bei Weitem besser gegl&#252;ckt, als die theoretische oder inhaltliche Reflektion. Letztere bleibt eben weitgehend bei jener Banalit&#228;t des B&#246;sen stecken und somit bei deren blo&#223;er Darstellung.<br />
Dies ist jedoch doppelt unbefriedigend, da dieses Verst&#228;ndnis Rassismus einerseits zwangsl&#228;ufig als nat&#252;rlich, unbegreifbar und daher unver&#228;nderbar erscheinen und so gleichzeitig auch L&#252;cken in der Storyline entstehen l&#228;sst: So bleibt etwa unklar, wovon sich dieser Rassismus n&#228;hrt, wodurch er bef&#246;rdert wird und wie der soziale Kontext, in den er eingebettet ist, beschaffen ist. Vielleicht mutet man mit diesen Fragen dem Film jedoch auch zuviel zu, weshalb noch einmal auf die exzeptionelle Erz&#228;hlweise des Films und seine kontextsensible Reflektion &#252;ber die mediale Repr&#228;sentation von Rassismus hingewiesen sei, die in ihren starken Momenten den boshaften Charakter einer Mediensatire annimmt.<br />
An die Darstellung von Rassismus kn&#252;pft sich nun aber auch ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt, der erst mit dem Fortschreiten der Geschichte wirklich nachvollziehbar wird. Dabei entpuppt sich das District 9 kontrollierende Unternehmen MNU allm&#228;hlich als riesiger privater Sicherheitsdienstleister mit angegliederter Waffenproduktion. Letztere zielt darauf ab, die High-Tech-Waffen der Aliens, die nur von diesen verwendet werden k&#246;nnen, auch Menschen zug&#228;nglich zu machen, was enorme Profite f&#252;r MNU bedeuten w&#252;rde. Dass Profitmaximierung sich dabei nur sehr schlecht mit der Aufrechterhaltung oder Herstellung ethischer Standards vertr&#228;gt, kann dabei als Metanarrativ und eindringliche Warnung des Films betrachtet werden. Der herrschende Rassismus wird f&#252;r MNU zu einem strategischen Kalk&#252;l, das gewaltsame &#220;bergriffe genauso erlaubt wie Deportationen. Denkt man etwa an Firmen wie Blackwater und ihr unbehelligtes Vorgehen im Irak oder auch an die mittlerweile marktwirtschaftlich organisierte „Betreuung“ von Fl&#252;chtlingen in den Industriestaaten, muss man konzidieren, dass die Realit&#228;t das Science-Fiction-Szenario bereits eingeholt hat. MNU schreckt dabei auch nicht vor Experimenten an den Aliens zur&#252;ck – die Parallelen zu den „medizinischen“ Experimenten der Nazis an „Untermenschen“ sind hier besonders offensichtlich.<br />
Sobald Disctrict 9 in der zweiten H&#228;lfte des Films diese dokumentarische Erz&#228;hlweise jedoch f&#252;r eine mit dem Geschehen verschmolzene Kameraf&#252;hrung aufgibt, verliert das gesamte Szenario den Reiz des Besonderen und verkommt zusehends zu einem generischen Actionspektakel. Je mehr die Kamera ins Geschehen eintaucht und je mehr vermeintliche Tiefe die Figuren dadurch erhalten sollen, desto platter und vorhersehbarer gestaltet sich ihr Agieren: Wikus kommt w&#228;hrend der Deportation mit einem Mutagen in Ber&#252;hrung und verwandelt sich allm&#228;hlich in ein Alien, was es ihm auch erm&#246;glicht, ihre Waffen zu benutzen. Dies macht ihn wiederum zum Zielobjekt von MNU, die seine spezielle F&#228;higkeit nun besonders genau betrachten wollen – unter dem Mikroskop, scheibchenweise. Auf der Flucht vor MNU ger&#228;t er an das Alien „Christopher“, der dieses Mutagen hergestellt hat. Sein Ziel ist, dieses als Treibstoff zu nutzen, um eine Raumf&#228;hre zu betreiben, um das Mutterschiff erreichen und die Heimreise antreten zu k&#246;nnen. Die medizinische Ausr&#252;stung an Bord des Raumschiffs ist auch der Schl&#252;ssel zur Bek&#228;mpfung Wikus fortschreitender Mutation; das Mutagen allerdings befindet sich im MNU Hauptquartier – gemeinsam schie&#223;en und sprengen sich Wikus und Christopher den Weg hin und zur&#252;ck frei und entwickeln dabei eine tiefe Freundschaft.<br />
So l&#228;sst sich letztlich festhalten, dass das au&#223;ergew&#246;hnliche und reizvolle Szenario von District 9 aufgrund seiner theoretischen Plattheit zu enervierenden L&#252;cken in der Geschichte f&#252;hrt, &#252;ber die weder die rasanten Verfolgungsjagden und Feuergefechte, noch die kunstvoll animierten explodierenden K&#246;rper und Gliedma&#223;en hinwegt&#228;uschen k&#246;nnen. Dies ist in Anbetracht der verhei&#223;ungsvollen ersten H&#228;lfte umso betr&#252;blicher, als die Hoffnung auf einen g&#228;nzlich neuen Science-Fiction-Klassiker letztlich entt&#228;uscht und so ein spannendes Szenario schlussendlich vergeudet wird.</p>
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		<title>Sch&#246;ne freie Welt</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby<br />
<span id="more-506"></span><br />
Die Phrase „It’s a free world“ verweist auf die prinzipielle Freiheit der Individuen, Vertr&#228;ge einzugehen. Zugleich stellt sie die lapidare Antwort des Neoliberalismus und seiner ProponentInnen auf die erlebten Drangsalierungen durch die M&#228;rkte dar. Ken Loach macht sich in seinem neuestem Film zur Aufgabe, zu zeigen, dass diese Phrase bodenlos zynisch ist, indem er minuti&#246;s nachstellt, wie wenig frei diese Welt der M&#228;rkte und das Individuum in ihnen tats&#228;chlich ist.<br />
Die Geschichte, die er zu diesem Zweck w&#228;hlt, ist recht einfach gehalten: Im Mittelpunkt steht Angie, die alleinerziehende Mutter, die von einem Job zum anderen wechselt und sich wieder einmal auf die Stra&#223;e gesetzt findet, nachdem sie sich gegen die sexuelle Bel&#228;stigung durch einen Auftraggeber ihrer Personalvermittlungsagentur gewehrt hatte. Dies ist jedoch nicht ihr einziges Problem, auch ihr elfj&#228;hriger Sohn, der bei seinen Gro&#223;eltern lebt, leidet daran, dass seine Mutter keine Zeit f&#252;r ihn findet, da sie die meiste Zeit damit zubringt, ihre Schulden abzuarbeiten. Doch mit etwas UnternehmerInnengeist und der Hilfe ihrer Mitbewohnerin Rose, einer ebenfalls in Shitjobs gefangen Akademikerin, findet sie die vermeintliche L&#246;sung ihrer Probleme: die beiden gr&#252;nden in dem Hinterhof eines Londoner Pubs eine illegale Arbeitsvermittlungsagentur f&#252;r Tagel&#246;hnerInnen.<br />
Anhand dieses inhaltlichen Ger&#252;sts zeigt Loach, dass eben nicht nur die Ausgebeuteten, sondern auch die Ausbeutenden die Zw&#228;nge des Systems unweigerlich zu sp&#252;ren bekommen. Mit den Tagel&#246;hnerInnen bringt er noch einen weiteren Aspekt in die Geschichte mit ein: die Rolle teils illegalisierter migrantischer Arbeit, die von weitgehend rechtlosen und unorganisierten ArbeiterInnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten oder von Asylsuchenden verrichtet wird und einen wesentlichen Eckstein westlicher &#214;konomien bildet. Auch Angie wird sich im Verlauf dieses Films skrupellos an ihnen bereichern und ihre Machtposition missbrauchen: so deutet eine Sequenz an, dass sie von einem ihrer Arbeitnehmer sexuelle Gef&#228;lligkeiten einfordert. Da dies mit dessen impliziter Einwilligung geschieht, erf&#252;llt es zwar nicht den Tatbestand der sexuellen Bel&#228;stigung. Der Kontext in dem das alles stattfindet – das Machtverh&#228;ltnis zwischen ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen, aber auch ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt – sorgt allerdings f&#252;r massives Unbehagen, weil er exemplarisch zeigt, dass die in Vertr&#228;gen skizzierten Grenzen zwischen &#246;ffentlich und privat letztlich zur Farce verkommen.<br />
Loachs Darstellungsweise verzichtet aber darauf, diese Geschehnisse in simpler schwarz-wei&#223; Manier abzuhandeln. Einerseits macht er deutlich, wie Angies eigene Situation sie dazu zwingt, aus dieser Rechtlosigkeit Profi t zu schlagen. Gleichzeitig ist sie aber auch selbst immer mehr gewillt, ihr Handeln als legitim zu begreifen – „We’re giving these people a chance. (…) If I was him, I’d wanna meet someone like me.“ [&#220;ber einen iranischen Familienvater, dem sie gef&#228;lschte Papiere und mit diesen unterbezahlte Arbeit beschaff t.] Die Frage nach Opfern und T&#228;terInnen in diesem System wird also nicht ausgespart, aber auch nicht als manich&#228;isch begriff en – daf&#252;r stehen etwa die Gespr&#228;che mit ihrem Vater, in denen Loach Angie ihre Lebenssituation offen legen l&#228;sst. Eine Episode ist dabei besonders hervorzuheben: Angies Vater erf&#228;hrt von ihren Gesch&#228;ftsmethoden und stellt sie, auf seiner Frage „Do you pay minimum wages?“ insistierend, zur Rede. Der besondere Reiz dieser Szene liegt vor allem in der unterschiedlichen Geschichte der beiden Charaktere begr&#252;ndet – der Vater, gewerkschaftlich organisiert und seit drei&#223;ig Jahren in ein und demselben Betrieb, die Tochter dagegen ihr Leben lang mit prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen konfrontiert.<br />
Die Meisterschaft von Loachs Film liegt in den Bildern, die er f&#252;r Sachverhalte findet, die in theoretischen Abhandlungen meist recht n&#252;chtern und technisch bleiben. Diese sind dabei so gew&#228;hlt, dass sie weder unkritisches Mitleid herstellen, weil selbst die Opfer des Systems nicht als ohnm&#228;chtig und machtlos gezeichnet werden; noch wollen sie in selbstgef&#228;lliger, patrimonialer Manier zeigen, wie unab&#228;nderlich schlecht diese Welt sei und dass es sich damit zu arrangieren gelte. Die einzelnen Einstellungen sind f&#252;r sich selbst zwar weitgehend n&#252;chtern, beinahe dokumentarisch, in Summe aber entfalten sie ein beklemmendes Drama, das &#252;ber diese hinausweist. Die Art der Erz&#228;hlung und der &#228;sthetischen Pr&#228;sentation steht dem italienischen Neorealismus nahe und bleibt weitgehend ohne L&#228;ngen – und ohne Happy-End: niemand gewinnt, weder die migrantischen ArbeitnehmerInnen noch Angie selbst, die ihr pers&#246;nliches Gl&#252;ck ihrer Selbstausbeutung zum Zwecke finanzieller Unabh&#228;ngigkeit unterordnet.</p>
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		<title>Die Revolution tr&#228;umen. Sowjetisches Kino 1924-1934</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:09:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.<br />
<span id="more-286"></span><br />
Das Kino ist, so will es das Klischee, eine Traumfabrik. Das Publikum tritt ein, die Lichter gehen aus und der Traum beginnt. Obwohl sich Lenin in „Was tun?“ mehr Tr&#228;ume in unserer Bewegung w&#252;nschte,<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> stellten die ersten Jahre der Sowjetunion, auf den ersten Blick, einen Moment der Filmgeschichte dar, der vom tr&#228;umerischen nicht weiter entfernt h&#228;tte sein k&#246;nnen: Agitatorische FilmemacherInnen versuchten ihr Publikum durch schnelle, aggressive Schnitte, schockierende Gegen&#252;berstellungen, durch schonungslose Geschwindigkeit und Rhythmik aufzuwecken. Den ber&#252;hmtesten sowjetischen Filmen, etwa Sergej Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> mit seiner kinetischen, katastrophischen Szene an der Hafentreppe von Odessa, oder Dziga Vertovs rasante, experimentelle Dokumentation <em>Der Mann mit der Kamera</em>, geht es im Grunde immer darum, das Publikum aus jedem Anflug von Abschweifung oder Schlummer wachzur&#252;tteln, hin zum Gedanken, zur Bewegung und zur Aktion. Diese Ideen wurden am besten durch die marxistischen DenkerInnen und K&#252;nstlerInnen der LEF-Gruppe vertreten, deren gleichnamige Zeitschrift f&#252;r den Anspruch stand, nicht nur k&#252;nstlerische Prozesse zu entmystifizieren, sondern auch politische.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Der Versuch, aus einem Publikum, das sich im Wesentlichen nicht allzu sehr von jenem im Westen unterschied – m&#252;de, &#252;berarbeitet, auf der Suche nach ein paar Stunden Eskapismus – aktive PartizipantInnen zu machen war wohl wenig Erfolg versprechend, solange dieses Publikum nicht selbst an politischen Aktionen teilnahm. Nichtsdestotrotz ist die weit verbreitete Darstellung des fr&#252;hen sowjetischen Films als paternalistische Manipulation passiver ZuseherInnen eine Karikatur. Die Filme m&#246;gen versucht haben, das Publikum aufzuwecken, aber sie waren zugleich selbst Produkte von Tr&#228;umen – und anf&#228;llig f&#252;r eben solche: Tr&#228;ume von der Revolution und einer neuen Gesellschaft, oder auch von einer amerikanisierten, industriellen Moderne. Ich will im Folgenden die Filme dieser Periode vorstellen und sie als politische Instrumente und historische Artefakte untersuchen. Die Analyse kann in keiner Weise abschlie&#223;end sein, sondern behandelt den Film als politische Traumarbeit, um diese Filme zu lesen – Werke, die vielleicht die faszinierendsten, umfassenden Versuche darstellen, eine revolution&#228;re, modernistische und politische populare Kunst zu schaffen.</p>
<h3>Zwei Tr&#228;ume – <em>Die Generallinie</em> und <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em></h3>
<p>Zwei 1929 produzierte Filme fassen die Dialektik des Tr&#228;umens im sowjetischen Film exemplarisch ein. Erstens ein Film von „Friedrich Ermler“, ein Pseudonym, das Vladimir Markovich Breslav im Kino und in der Tscheka verwendete. Er war der vielleicht einzige wichtige Regisseur der Zeit, der aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammte.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em><a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> ist eine Art bolschewistischer <em>Rip van Winkle</em><a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>-Geschichte &#252;ber das pl&#246;tzliche Erwachen in der neuen Gesellschaft. Die durch einen Schock im Russischen B&#252;rgerkrieg hervorgerufene Amnesie eines Bahnarbeiters verschwindet pl&#246;tzlich; der Protagonist sieht nun die Sowjetunion von 1928 mit den Augen eines &#220;berbleibsels aus dem Zarenreich. Mit seinem Kreuz und dem Bart eines alten Bauern wandelt er durch eine v&#246;llig fremde Welt. Der Film ist eine ungew&#246;hnliche und herausragende Fusion aus psychologischem Realismus und den extremsten filmischen Montage-Experimenten. Ermler war in den sp&#228;ten 1920ern ein enthusiastischer Leser Freuds, und seine Verwendung von Objekten als Ausl&#246;ser von Erinnerungen f&#252;hrt zu einigen spektakul&#228;ren Szenen, in denen schnell geschnittene „Intellektuelle Montage“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> verwendet wird um das Auftauchen verborgener, schmerzhafter Erinnerungen darzustellen. So etwa wenn eine Zigarettenschachtel und der fliegende Funke einer Maschine das Ged&#228;chtnis des Arbeiters pl&#246;tzlich mit bitteren Bildern aus seiner Vergangenheit durchfluten.</p>
<p>Zeitgen&#246;ssische Architektur wird als Ma&#223; der ungeheuren Geschwindigkeit der Ver&#228;nderung genutzt. Als er bei seiner R&#252;ckkehr den Bahnhof von St. Petersburg – Leningrad – verl&#228;sst, sieht der vom Ged&#228;chtnisverlust Geplagte einen Arbeiterverein, ein paar neue Wohnh&#228;user, vor allem aber einen riesigen Komplex von T&#252;rmen und Br&#252;cken, und fragt schockiert: „Wo ist St. Petersburg? Wer hat hier das Sagen?“ Die Inszenierung der Architektur funktioniert hier &#228;hnlich wie der Gebrauch der Montage als Prozess und Indikator einer zerst&#246;rerischen, aber m&#246;glicherweise utopischen Beschleunigung. Die Ver&#228;nderung geschieht mit so hoher Geschwindigkeit, dass die Stadt innerhalb von zehn Jahren nicht wieder zu erkennen ist. Nun w&#228;re es f&#252;r Ermler am naheliegendsten gewesen, einen schulterklopfenden Propagandafilm zu produzieren, in dem die neue Welt den Protagonisten, dieses &#220;berbleibsel aus dem Kaiserreich, in eine unendlich bessere Gesellschaft assimiliert. Aus den propagandistischen Vorgaben ist hier jedoch ein weitaus dunklerer, ambivalenterer Film entstanden.</p>
<p>Dem Protagonisten wird erz&#228;hlt, es g&#228;be keine Chefs mehr und die Leute in St. Petersburg belustigen sich &#252;ber seine unterw&#252;rfigen Manieren, doch passt er sich nach und nach an. &#220;ber seinen nunmehr verarmten ehemaligen Chef bekommt er einen Job in einem Vorzeigebetrieb, er rasiert seinen Bart ab, und eine Serie kurzer, ekstatischer Montagesequenzen zeigt das schwindelerregende Tempo und das Ehrfurcht gebietende Ausma&#223; der Industrialisierung – aber irgend etwas stimmt nicht. Die Arbeiter in der auf Hochglanz polierten Fabrik trinken heimlich Wodka, und immer wieder kehren Bilder der Tyrannen des <em>ancien regime</em> in sein Ged&#228;chtnis zur&#252;ck, wenn er mit den neuen B&#252;rokraten spricht. Als er schlie&#223;lich seine Frau wieder findet, deren Andenken die ganze Assoziationskette und sein Erwachen zu Beginn ausgel&#246;st hatte, ist sie die Arbeitssklavin eines besonders unangenehmen Parteib&#252;rokraten. In diesem wie in anderen Filmen derselben Periode sind die Angriffe auf die neue Staatsmacht noch in akzeptable Formen verpackt, schlie&#223;lich stellten sich f&#252;r einige Zeit selbst die StalinistInnen als Feinde der B&#252;rokratie dar. Doch hier wird die Kritik in verst&#246;rende, qu&#228;lende Formen gegossen, wobei der Unterschied zwischen Traum und Realit&#228;t st&#228;ndig verschwimmt.</p>
<p>Der andere Traum ist in Sergej Eisensteins am seltensten gesehenen Werk zu finden, <em>Die Generallinie</em> (1929). Der Film ist eine Geschichte der Kollektivierung der Landwirtschaft, ein fr&#252;hes Essay, dessen Stil sp&#228;ter als „Junge trifft Traktor“ popul&#228;r werden sollte. Die Heldin, Marfa Lapkina – kein Filmstar, sondern eine arme B&#228;uerin, die sich selbst spielt – ist frustriert von der „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ ihres Dorfes, der ewigen Schinderei und dem Konservatismus des Landlebens. Sie schafft es schlie&#223;lich, die anderen DorfbewohnerInnen zu &#252;berreden eine Kooperative zur Milchproduktion zu gr&#252;nden, und tr&#228;umt von einer besseren Zukunft. Es folgt eine &#252;berw&#228;ltigend sch&#246;ne Ode an die Beherrschung der Natur, eine begeisterte Vision der Farm als Fabrik, wo in den wei&#223; get&#252;nchten Geb&#228;uden der Kooperative H&#252;hner in kleinen K&#246;rben sitzen, K&#252;he in Reihen nebeneinander stehen und Eier auf Flie&#223;b&#228;ndern transportiert werden. Diese Traumsequenz ist ebenso hell und affirmativ, wie <em>Tr&#252;mmer</em> <em>des Kaiserreichs</em> schmerzhaft und ambivalent ist. Sie dr&#252;ckt all die Versprechungen der fr&#252;hen sowjetischen Moderne aus, aus dem Land der Datschen und <em>muzhik</em>-Bauern eine technokratische, tayloristische Utopie aufzubauen. Tats&#228;chlich bedeutete das Erreichen der industriellen Moderne jedoch Nationalismus, die R&#252;ckkehr zu den Klassikern und – in Eisensteins n&#228;chstem, fast ein Jahrzehnt sp&#228;ter fertiggestellten Film, <em>Alexander Nevski</em>,– dass nicht mehr analphabetische Bauern und B&#228;uerinnen sich selbst, sondern professionelle Schauspieler mittelalterliche Helden spielten.</p>
<h3>„Oh, es war alles ein Traum…“ – Revolution am Mars</h3>
<p>Der erste bemerkenswerte Film aus der Sowjetunion, neben Dziga Vertovs „Kino-Prawda“-Wochenschauen, war ein Science-Fiction-Spektakel namens <em>Aelita</em>. Der Film erschien 1924, produziert von <em>Mezhrabpom-Russ</em>, der Filmabteilung von Willi M&#252;nzenbergs Komintern-Medienimperium. <em>Aelita </em>stellte eine schr&#228;ge Kombination des „alten“ b&#252;rgerlichen Kinos mit den von den jungen KonstruktivistInnen entwickelten neuen Techniken dar. Im Wesentlichen war er Produkt zweier anti-bolschewistischer Exilanten: Alexei Tolstoi, auf dessen Roman der Film basierte, und Jakov Protazanov, ein profilierter Macher „dekadenter“ Filme in den letzten Jahren des Zarenreichs. In Kurzfassung: Ein junger Ingenieur und ein ehemaliger Soldat der Roten Armee erhalten eine Nachricht vom Mars und befreien die MarsbewohnerInnen von einem unterdr&#252;ckerischen Regime. Daraufhin rei&#223;t die K&#246;nigin des Mars, die zu Beginn die Erdlinge gerufen hatte, die Macht an sich und wird zu einer marsianischen Bonaparte-Figur. Am Ende wacht der Ingenieur auf – es war nat&#252;rlich nur ein Traum.</p>
<p>In <em>Aelita </em>haust der marsianische Despotismus, der von den Erdlingen schlie&#223;lich gest&#252;rzt wird, in einer der ersten konstruktivistisch gebauten Landschaften. Das B&#252;hnenbild von Isaak Rabinowitsch, eine skurrile futuristische, hieratische Welt, bestehend aus scharfen, gl&#228;sernen Vielecken, ist selbst 85 Jahre sp&#228;ter noch beeindruckend. Alexandra Exners Kost&#252;me verliehen dem Geschehen eine anorganische Sexualit&#228;t und den K&#246;rpern selbst eine befremdliche Kantigkeit, die nicht ohne sexuelle Schauder blieb. Tats&#228;chlich zeigt die Vorwegnahme der <em>Schlock</em>-&#196;sthetik in der Darstellung von Robotern und Marsmenschen in <em>Aelita</em>, dass B-Movies und Cyberpunk ihre Wurzeln – anders, als es uns die Kalte- Kriegs-Interpretation des Konstruktivismus weismachen will – in der &#196;sthetik der UdSSR haben. Das gro&#223;e Budget und die Mitarbeit von fr&#252;heren „Wei&#223;en“ russischen Exilanten f&#252;hrten dazu, dass <em>Aelita </em>vom harten marxistischen Fl&#252;gel der Avantgarde verachtet wurde (besonders die LEF-Gruppe hielt den Film f&#252;r ideologisch verd&#228;chtig). Eine direkte Antwort war der 1924 produzierte Kurzfilm <em>Interplanetare Revolution</em>, in dem das Cut Out-Animationsteam um Khodataev, Komisarenko und Margolenko Regie f&#252;hrte.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Darin wird ein Kampf zwischen Kapitalisten und Kommunisten im Weltall vorhergesagt, jedoch mit phantasierendem, surrealistischem Humor und quasi-dadaistischen Karikaturen, anstelle von <em>Aelitas </em>Langatmigkeit, den Mehrdeutigkeiten und Zweifeln ob des m&#246;glichen Verrats an der Revolution.</p>
<h3>Amerikanische Tr&#228;ume – Exzentrismus und Sozialistische Kom&#246;die</h3>
<p>Praktisch alle sowjetischen Regisseure waren tief von den krassesten Beispielen des amerikanischen Kinos beeinflusst. Als Antwort auf die Versuche, Filme durch eine st&#228;rker literarische Gestaltung zug&#228;nglicher zu machen, favorisierten sie die Montagetechniken von D. W. Griffith und die Slapstick-Kom&#246;dien von Buster Keaton, Charlie Chaplin, Mack Sennett oder Harold Lloyd. Diese „exzentristische“ Bewegung wurde von Grigorij Kozincev, Leonid Trauberg und Sergej Jutkevic und deren „Fabrik des exzentrischen Schauspielers“ (FEKS) begr&#252;ndet. Das von ihnen aus einem fahrenden Auto auf die Stra&#223;en von St. Petersburg geworfene „Manifest des exzentrischen Schauspielers“ von 1921 ist ein spielerisches Gegenst&#252;ck zum futuristischen <em>Sturm und Drang</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>: selbstreferenziell und witzig, und in all seiner Gewaltt&#228;tigkeit fast niedlich.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Exzentrische Manifest stellt ein wichtiges Korrektiv zur tragischerweise immer noch weit verbreiteten Charakterisierung der Avantgarde der 1920er als abgehoben und von der Popularkultur distanziert dar – ein Mythos, der in einer Parodie des Leninismus die k&#252;nstlerische „Vorhut“ als eine Art puritanische Zwangsbegl&#252;ckung sieht, die ihr Publikum zu „erziehen“ sucht. Tats&#228;chlich war der Exzentrismus ein erstes Aufflackern des Kampfes der Avantgarde gegen die „Hohe Kunst“ und f&#252;r alles, was deren VertreterInnen entsetzt. Wer zwischen den Zeilen ihrer Verk&#252;ndigungen liest, findet in ihren dumm-schlauen Preisungen des Slapstick, der Vergn&#252;gungsparks, Hollywoods und des Amerikanismus, in der &#220;berzeugung dass der Kommunismus sich die Massenproduktion und Massenkultur der USA zu eigen machen muss, jene Umdeutungen, die sp&#228;ter den Punk ausmachen sollten. Sie verk&#252;ndeten: „GESTERN – die Kultur Europas. Heute – die Technologie Amerikas. Industrie, Produktion unter<em> stars and stripes</em>. Oh, Amerikanisierung! Oh, Totengr&#228;ber!“</p>
<p>Der Exzentrismus machte zuerst Schluss mit der Konzentration des Theaters auf die Subjektivit&#228;t und auf die Darstellung der inneren Zerrissenheit der Figur und setzte an deren Stelle die Geste, die Kom&#246;die der Bewegung und der Maschinen. Das physische und politische Vorbild daf&#252;r war der Slapstick. Chaplin selbst sollte sp&#228;ter das Kompliment durch die Tribute an den Konstruktivismus in<em> Modern Times</em> zur&#252;ckgeben. Das &#228;lteste &#252;berlieferte Beispiel f&#252;r den Ausflug des Exzentrismus in das Filmgesch&#228;ft ist <em>Das Teufelsrad</em> von 1926, eine phantasmagorische Animations-Kom&#246;die &#252;ber das Lumpenproletariat von Leningrad, einen Vergn&#252;gungspark und die lasterhaften Ausschweifungen eines Rotarmisten (viele Filme der fr&#252;hen sowjetischen Avantgarde kreisen um diese Figur, die vom Ausbleiben der Ausbreitung der Revolution frustriert ist – <em>Aelita </em>l&#246;st dieses Problem, indem sein Protagonist eine Revolution auf dem Mars beginnt). Von Beginn an schafft der Film eine Spannung zwischen seinen auf sozialen Ausgleich gerichteten Zielen und der offensichtlichen Lust an der karikierenden Darstellung der kriminellen Unterwelt. Die erste Szene zeigt ein von Schutt umgebenes Wohnhaus in Leningrad mit zerschlagenen Fenstern, das sich pl&#246;tzlich mit tanzenden, k&#228;mpfenden und k&#252;ssenden Menschen f&#252;llt. Der Film pr&#228;sentiert das Allt&#228;gliche durch den Verfremdungseffekt abrupter Schnitte und billiger, aber effektiver Tricks. Nichts ist ihnen zu grob, viele der Tricks beruhen auf Offensichtlichem, wie etwa im Hintergrund gez&#252;ndeten Feuerwerken oder Spiegelkabinetten, durch die die Figuren gehen.</p>
<p>In einigen Momenten in <em>Das Teufelsrad</em> wird die im Exzentrismus vorhandene Spannung zwischen Bolschewismus und der Fixierung auf das gesellschaftlich Anr&#252;chige deutlich. In einer Szene ziehen die Ganoven, angef&#252;hrt von einem Zirkusmagier namens „Herr Frage“, los, um einen Arbeiterverein anzugreifen. Kurz ist nicht ganz klar, welche Seite Kozincev und Trauberg in diesem Kampf als Sieger sehen wollen. Es wird angedeutet, dass die Welt dieser Charaktere, die immer auf der Suche nach Thrill und Erlebnis als Selbstzweck sind, die wahre und richtige Art der Erfahrung der technologisierten Alltagswelt ist. Das Manifest selbst begr&#252;&#223;t den „Kult des Vergn&#252;gungsparks, des Riesenrads und der Achterbahn, welcher der j&#252;ngeren Generation die GRUNDGESCHWINDIGKEIT der Epoche lehrt.“ Die Hochschaubahn als Erzieherin.</p>
<p>Diese Mehrdeutigkeit setzt sich fort in <em>Das neue Babylon</em> (1929), einer Zelebrierung der Pariser Kommune, in der die Ereignisse nicht durch den maskulinistischen, muskelbepackten Archetyp des Sozialistischen Realismus gezeigt werden, sondern durch die Augen einer Verk&#228;uferin. Der Film entwirft ein verwegenes, Baudelairsches Paris der Ausbeutung und des Konsums, nur um es danach in das Feuer der Revolution zu tauchen. FEKS verweigerte sich konsequent dem Bild des heroischen Arbeiters, das die 1930er und die Filme des Sozialistischen Realismus bev&#246;lkern sollte. Ihr Marxismus war weitaus subtiler – die Adaption von Nikolai Gogols Erz&#228;hlung<em> Der Mantel</em> ist praktisch ein filmisches Essay &#252;ber das Warenfetischismus-Kapitel in Marx’ Kapital. Hier wird das allt&#228;gliche Objekt des Mantels mit solch absonderlichen Eigenschaften ausgestattet, dass es mehr Bewegung und Leben enth&#228;lt, als sein Besitzer selbst. Trotzdem wandten sich Kozincev und Trauberg in den 1930ern, nach der Aufl&#246;sung der FEKS, Filmen &#252;ber vergangene revolution&#228;re Heldentaten zu, etwa in ihrer enorm popul&#228;ren und populistischen <em>Maxim</em>-Trilogie. Doch die von ihnen zuvor angedeutete Dialektik der Affinit&#228;ten zwischen Futurismus und Technokratie, Revolution und Rummelplatz – in der der Begriff des „Festivals der Unterdr&#252;ckten“ w&#246;rtlich genommen wurde – birgt immer noch viele M&#246;glichkeiten. Die Linke ist wie immer zu gefangen in den versteinerten Gesichtsz&#252;gen eines Buster Keaton – der Exzentriker steht derweil kichernd auf den Barrikaden.</p>
<p>Der andere wichtige „amerikanistische“ Film, Lev Kulešovs <em>Die seltsamen Abenteuer des Herrn West im Lande der Bolschewiken</em>, von 1924, war das Ergebnis mehrerer Jahre dauernder Experimente des „Kollektivs gescheiteter Schauspieler“ (die Mitglieder hatten alle ihre Aufnahmepr&#252;fungen nicht geschafft), eine abendf&#252;llende Farce &#252;ber den titelgebenden amerikanischen Besucher. Dieser bereist die UdSSR und erwartet, aufgrund der Berichterstattung in westlichen Medien, auf skrupellose, blutr&#252;nstige Bolschewiken zu sto&#223;en. Als Besch&#252;tzer hat Mr. West einen mit ihm verwandten Cowboy mitgebracht, doch dieser wird bald von einer charismatischen, exzentrischen Untergrund-Bande entf&#252;hrt, &#228;hnlich jener, die zwei Jahre sp&#228;ter in <em>Das Teufelsrad</em> auftreten sollte. Die meisten der zahlreichen Tricks und Stunts im Film orientieren sich an der von Kulešov vertretenen Technik der „Amerikanischen Montage“. Mr. Wests vornehmes <em>Ivy League</em>-Auftreten und seine runden Brillengl&#228;ser erinnern sofort an Harold Lloyd. Der &#252;berw&#228;ltigende Eindruck ist jener der schieren Geschwindigkeit, von den schnellen Schnitten bis zu den immer wiederkehrenden Verfolgungsjagden. Andere Mittel wiederum wurden anscheinend ohne amerikanisches Vorbild eingesetzt. Zumindest manche der Anleihen und grellen Details sollten einen erzieherischen oder wenigstens parodistischen Effekt erzielen, wenngleich sie haupts&#228;chlich auf Kosten des Deutschen Expressionismus und nicht der Amerikanischen Comedy gingen. So etwa in den Szenen, die Parodien von <em>Caligari </em>und <em>Mabuse</em> darstellen: „In diesen Szenen wollten wir den grundlegenden, zentralen Irrtum des psychologischen Spielfilms blo&#223;stellen und wir versuchten zu zeigen, dass uns die planm&#228;&#223;ige Organisation von Schauspiel und Montagetechnik die M&#246;glichkeit gibt, jeden Produktionsstil zu &#252;berwinden, besonders die amerikanischen und deutschen Beispiele.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> „Planm&#228;&#223;ige Organisation“ – so sind sogar die scheinbar improvisierten Szenen, in denen die verbliebene Unterweltbande herumhampelt und Mr. Wests Empfindlichkeiten verletzt, mit mechanischer Pr&#228;zision gestaltet. Das Kollektiv rund um Kulešov drangsaliert Mr. West mit gro&#223;er Hingabe, etwa durch eine dubiose „Gr&#228;fin“, die von Aleksandra Khokhlova besonders grell und h&#228;misch gespielt wird. Auch hier ist die Unterwelt beeindruckender als die echten Bolschewiken, die Mr. West am H&#246;hepunkt des Films retten und ihm solch Wunder wie eine Parade der Roten Armee und den Schuchow-Radioturm zeigen. Doch eines der verbl&#252;ffendsten Elemente in Kulešovs Werk liegt im Zusammenhalt des filmischen Kollektivs, sowohl in der Rolle von Mr. Wests Gegnern, als auch in ihrer eigenen Arbeit. Dies erinnert daran, dass die Regisseure der Avantgarde ein bestimmtes Element des popul&#228;ren Kinos praktisch ohne Ausnahme als f&#252;r ihre Zwecke unbrauchbar ablehnten, statt es sich durch Subversion oder Assimilation zu Eigen zu machen: das Starsystem. Die SchauspielerInnen sahen zumeist recht eigenartig aus, ihr Charisma entsprang jedenfalls nicht ihrem guten Aussehen. Im Falle Aleksandra Khokhlovas rief dies sogar die verstaatlichten Filmstudios auf den Plan, die sie de facto daran hinderten, weiter aufzutreten. Olga Bulgakova schrieb in einem Artikel &#252;ber sowjetische Schauspielerinnen, dass es gerade die „exzentrische Frau“ war, die gew&#246;hnlich sowohl von den Autorit&#228;ten als auch vom Publikum verachtet wurde: „weibliche ‚Anti-Stars’ der 1920er zeichneten sich in erster Linie durch ihre fehlende Attraktivit&#228;t aus (…) sie waren den Konzepten des ‚Stars’, der ‚Sch&#246;nheit’, der ‚K&#246;nigin der Leinwand’ spinnefeind (…). W&#228;hrend alle von Greta Garbos ‚g&#246;ttlicher Sch&#246;nheit’ schw&#228;rmten, beschrieb ein Kritiker die FEKS-Schauspielerin Elena Kuzmina als ‚Monster mit Schluckauf ’.“ Bulgakova zitiert Eisenstein zu dieser Form des Anti-Stars: „(Khokhlova) ist keine sowjetische Pickford. Amerika ist mit dem Bild der Kleinbourgeoisie und des ‚badenden M&#228;dchens’ bestens vertraut. Die reine Existenz von Khokhlova zerst&#246;rt dieses Bild. Ihre gefletschten Z&#228;hne zerrei&#223;en die Schablone der ‚Frau auf der Leinwand‘ – Khokhlova ist die erste exzentrische Frau auf der Leinwand.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Sie merkt an, dass dies genau in jenem Jahr 1926 geschrieben wurde, als Kulešov er&#246;ffnet wurde, er d&#252;rfe nur noch Filme machen, in denen Khokhlova keine Hauptrolle spielt.</p>
<p>Die Kom&#246;dien von Kulešovs Mitarbeitern (von denen viele – Sergej Komarov, Boris Barnet, Vsevolod Pudovkin – nach <em>Mr. West</em> selbst Regisseure wurden) schufen zwischen 1925 und 1927 eine spezifisch sowjetische Satire. In Barnets <em>Das M&#228;dchen mit der Hutschachtel</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> (1927) gibt es mehrere Sticheleien gegen die Neue &#214;konomische Politik (NEP), dem Kompromiss mit dem Kapitalismus in den 1920er Jahren – und dies in einem ausgesprochen amerikanistischen Film. Mehr noch als andere Filme wirkt dieser wie eine direkte sowjetische &#220;bertragung der leichteren amerikanischen Kom&#246;dien, etwa Buster Keatons <em>Our Hospitality</em><a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur dass sie etwas realistischer und formal experimentierfreudiger ausf&#228;llt. Das Elend jener Zeit wird anhand der T&#228;uschung und Ausbeutung der Heldin dargestellt, deren Chef Teile ihrer Wohnung in Beschlag nimmt und sie st&#228;ndig mit dem Rauswurf bedroht. Falsche Namen, gemietete Wohnr&#228;ume, Obdachlosigkeit, Zweckheirat, Schikanen am Arbeitsplatz sowie das offensichtliche &#220;berleben und die anhaltende Macht des B&#252;rgertums werden allesamt als Material f&#252;r die Kom&#246;die – wenn auch nicht unbedingt zur Agitation – genutzt. Obwohl es dem Film in gewissem Sinne gelingt, eine einwandfreie Kom&#246;die mit sowjetischen Mitteln zu schaffen, ist sein <em>deus ex machina</em>-Ende – ein Lotteriegewinn – von zweifelhaftem politischem Nutzen. Und die Hauptdarstellerin Anna Sten war anders als Barents fr&#252;here KollegInnen im Kollektiv der gescheiterten Schauspieler h&#252;bsch genug um in den 1930ern von Samuel Goldwyn unter die Fittiche genommen zu werden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Die melancholischste Kom&#246;die der NEP-Zeit ist<em> Tretja Mestchanskaja</em> (1926) von Abraham Room, die au&#223;erhalb Russlands als <em>Bett und Sofa</em> erschien. Es ist die Geschichte eines jungen Paares, das auf einem engen Dachboden wohnt: ein Facharbeiter und eine Hausfrau. Sie schl&#228;ft unter Fotografien von Stars, die sie aus Magazinen ausgeschnitten hat, ihr Ehemann hat einen Stalin-Kalender an der Wand h&#228;ngen. Sie nehmen einen Untermieter auf, der ihr die Welt au&#223;erhalb der Wohnung zeigt und zu ihrem Liebhaber wird, w&#228;hrend der Ehemann gesch&#228;ftlich unterwegs ist. Sein Versprechen, sie als gleichberechtigt zu behandeln, h&#228;lt der Liebhaber aber schon bald nicht mehr ein. Der Film bildet nicht nur die emotionalen Konsequenzen ab, die aus der von den Bolschewiki teilweise durchgesetzten „neuen Moral“ resultieren, insbesondere wenn diese sich mit dem alten Sexismus verbindet. Er stellt zugleich auch einen Blick auf die Effekte von Ikonen und das Spektakel des Alltagslebens dar: Parteif&#252;hrer und Filmstars blicken auf das Elend und die Trauer herab und der einzige Ausweg aus der klaustrophobischen Enge ist die Flucht in Tr&#228;ume am Bett oder auf dem Sofa. Die offene Darstellung einer Dreiecksbeziehung war bemerkenswert fortschrittlich f&#252;r jene Zeit und der Film wurde dementsprechend von feigen Sowjet-Beamten und amerikanischen Zensoren abgelehnt. Doch es ist ein au&#223;ergew&#246;hnlicher Film &#252;ber frustrierte Menschen und fetischisierte Objekte, der daran erinnert, dass der Alltag ein ebenso wichtiges politisches Kampffeld ist, wie die Orte der Heldenverehrung, die so viele der Filme dieser Periode zum Thema haben.</p>
<h3>Der Traum und seine B&#252;rokratie</h3>
<p>Obwohl die Filme der 1920er und 1930er Jahre versuchten, propagandistische Aufgaben mit der Produktion des Denkens und Handelns zu verbinden – „Dem Arbeiter lehren, dialektisch zu denken“, wie es Eisenstein in seinen Notizen zum „Kapital“ formulierte<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> – sind sie so stark von der chaotischen politischen Situation jener Zeit beeinflusst, dass sie nie als unproblematische Artefakte behandelt werden k&#246;nnen – weder als eindeutige Beispiele f&#252;r die Revolution im Film, noch als stalinistische Apologien, wie es heute so oft der Fall ist. Dies kann am deutlichsten anhand der Filme des „great turn“ gezeigt werden, jener Orgie der Zerst&#246;rung und des Aufbaus w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans (1928-1932), die die &#196;ra der Diktatur endg&#252;ltig besiegelte.</p>
<p><em>Die Generallinie</em> (1929) und Dziga Vertovs <em>Entuziasm</em><a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>(1931) lassen Erde und Metall aufeinander schmettern und treiben so den technokratischen Impuls der Utopisten zur extremen Konsequenz. Der bekannteste Teil in <em>Die Generallinie</em> ist die Szene mit der Milchentrahmungsmaschine, in der die neue Technologie eine Art kommunaler sexueller Konsumtion erf&#228;hrt: wir sehen schockierte Bauern und B&#228;uerinnen, die mit Sahne bespritzt werden, gegengeschnitten mit dem ekstatischen Gesicht der Heldin, die den warmen Strahl ber&#252;hrt, der aus der Maschine schie&#223;t. Passenderweise folgt diese Szene auf ein Bild des religi&#246;sen Obskurantismus, in dem die DorfbewohnerInnen in einer Prozession marschieren und um ein Wunder bitten. Eisenstein zeigt Kommunismus und Technologie als gleichzeitige Zur&#252;ckweisung und Erf&#252;llung der Religion – hier finden die „Wunder“ statt: in der Kathedrale des Sozialismus. Nicht, dass Ideologie hier abwesend w&#228;re. Marfas Versuch, ihr Dorf zu organisieren, wird von „den Arbeitern“ unterst&#252;tzt, in diesem Fall eine Gruppe St&#228;dter, die ihrer Forderung nach einem Traktor Nachdruck verleiht. Dies ist der Mythos des F&#252;nfjahresplans in seiner Essenz, eine spontane Reaktion der Arbeiter auf die Bed&#252;rfnisse des Landes, die blo&#223; in einigen F&#228;llen von der B&#252;rokratie behindert wird.</p>
<p>Die B&#252;rokratie stellte zwar zu jenem Zeitpunkt (1928-1932) schon recht eindeutig eine herrschende Klasse dar (und die StalinistInnen erwiesen sich als unerwartet gute HegelianerInnen, indem sie der „universellen Klasse“ eine solch prominente Rolle zugestanden), doch daf&#252;r bekommen sie in den Filmen dieser Zeit einiges ab. Im FEKS-Film <em>Allein </em>(1930) verb&#252;nden sich B&#252;rokraten mit den Kulaken, um eine in eine Dorfschule versetzte junge Lehrerin zu ermorden, und kleiden dabei ihre Klassenkollaboration in revolution&#228;re Rhetorik. &#196;hnlich in <em>Die Generallinie</em>: Marfa und ihre proletarischen Helfer besuchen ein Regierungsb&#252;ro und treffen auf elegant gekleidete, Zigarren rauchende Faulpelze. Dann wird die Konsequenz des zun&#228;chst negativen Bescheids f&#252;r die Anschaffung eines Traktors gezeigt: harte, k&#246;rperliche Schinderei bei der Ernte. Zun&#228;chst sind die B&#252;rokraten &#252;berheblich und konservativ, doch sie werden vom Arbeiter zum Handeln gezwungen, dessen emp&#246;rter Ruf „F&#252;hrt die Generallinie durch!“ von Eisenstein mit Bildern von Explosionen unterlegt wird. Schockiert springen sie auf, spr&#252;hend vor Aktivit&#228;t: eine Kettenreaktion wird ausgel&#246;st, die schlie&#223;lich – oh ja – zu einem funkelnden, neuen Traktor f&#252;hrt. Die eigenartige Halbwahrheit darin war wohl einer der Gr&#252;nde, weshalb Stalin &#252;ber den Film so besorgt war. Er befahl mehrere &#196;nderungen im Schnitt und die &#196;nderung des Titels auf „Das Alte und das Neue“, um ihn von der Parteipolitik zu entkoppeln. Doch so eindeutig ist es nicht. Die B&#252;rokratie ist eine Klasse, die ihre eigene Existenz und ihre Methoden leugnet, und Eisenstein zeigt auf, wie die B&#252;rokratie ihre eigene Politik (die Kollektivierung der Landwirtschaft) behindert – eine Politik, die ihre Macht massiv ausweitete und zu riesigen Hungersn&#246;ten und Massakern f&#252;hrte.</p>
<p>Auch in Dziga Vertovs Meisterwerk von 1929, <em>Der Mann mit der Kamera</em>, wird die B&#252;rokratie &#228;hnlich verspottet, w&#228;hrend sie in seiner sp&#228;teren „Industriellen Sinfonie“ <em>Entuziasm</em>, einer Hymne auf den F&#252;nfjahresplan, welche die Industrialisierung eines Gebiets in der Ukraine zeigt, &#252;berhaupt nicht vorkommt. Der Film ist vor allem f&#252;r seine &#228;u&#223;erst innovative Tongestaltung zu nennen. Ein anderes sch&#246;nes Beispiel hierf&#252;r sind Dimitri Schostakowitschs Collagen f&#252;r <em>Allein</em>, in denen er Funkrauschen, &#246;ffentliche Ansprachen und ein Theremin mit seinen eigenen Kompositionen zu kurzen Sequenzen verarbeitete, die dialektische Kommentare zur Handlung bilden, statt sie nur zu begleiten. Manchmal h&#246;ren wir die Charaktere sprechen, und manchmal werden Zwischentitel eingeblendet, um dem Einbruch der Stimme einen Schockeffekt zu verleihen. Vertov f&#252;hrt diese Technik in verbl&#252;ffende Extreme, indem er eine Montage erschafft, in der das Klirren der Industrie – r&#252;ckgekoppelte Kratz- und Schlagger&#228;usche – zu einer kolossalen Komposition roher Macht arrangiert wird, in der die <em>musique concrete</em><a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> und die elektronische Musik um fast 15 Jahre vorweg genommen werden. In <em>Entuziasm </em>wird jede Bewegung als Kampf, als Errungenschaft gezeigt. Die Verquickung von Mensch und Maschine ist hier schmutzig, rau und &#252;beraus sexuell, voller penetrierender Kolben und &#252;berlaufender Fl&#252;ssigkeiten: hier pulsiert der neue, lebende Organismus. Und auch hier gibt es die Ablehnung und Erneuerung der Religiosit&#228;t. Der Film beginnt mit der Zerst&#246;rung von Kirchen und den jubelnden Massen, die die Orthodoxe Kirche verspotten. Und sp&#228;ter sehen wir eine Gruppe junger Arbeiterinnen mit wundersch&#246;nen, mechanisch gespannten K&#246;rpern, die gemeinsam Bekenntnisse singen, wie viel sie produzieren werden, wie eine Art industrielle Liturgie. Stachanowisten als die Auserw&#228;hlten. Wieder und wieder h&#246;ren wir von der Entschlossenheit, den F&#252;nfjahresplan in vier Jahren zu erf&#252;llen – den Slogan „2 + 2 = 5“. Die B&#252;rokratie ist die unsichtbare Kraft hinter allem, was wir in <em>Entuziasm </em>sehen, das abwesende Zentrum, das alle dirigiert und Edikte erl&#228;sst, die sich immer weiter von der Realit&#228;t entfernen.</p>
<p>Die Fortsetzung, <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> (1934), einer der letzten in der UdSSR gedrehten Avantgarde-Filme, hat zu Beginn eine Szene, in der wei&#223; get&#252;nchte, schachtelf&#246;rmige H&#228;user in Zentralasien zu sehen sind, einige Einstellungen sp&#228;ter gefolgt von &#228;hnlich wei&#223;en, eckigen H&#228;usern in den neuen Industriest&#228;dten: diese zeigen die Handschrift von Ernst May, dem Architekten und Stadtplaner der Neues Bauen-Gruppe, der eingeladen wurde, neue St&#228;dte wie Magnitogorsk zu entwerfen. Hier, und in den Bildern von Kopftuch tragenden Frauen mit Mikroskopen, die dazwischen geschnitten sind, zeigt sich eine Konzeption &#228;sthetischer Geschichte, die nicht blo&#223; von der Barbarei zur Zivilisation verl&#228;uft. Vielmehr werden die Entlehnungen der Avantgarde aus „primitiven“ Kulturen als Beweise verwendet, dass diese Kulturen bereits f&#252;r sich selbst fortgeschritten waren. Jedoch haben wir es hier mit jenem Moment zu tun, in dem die Avantgarde sich v&#246;llig dem Stalinismus verschrieben hat, und <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> nutzt konstruktivistische Montage und Faktographie f&#252;r die Glorifizierung des neuen Nationalstaates und seines gottgleichen Herrschers.</p>
<p>Deshalb l&#228;uft durch den ganzen Film eine Spannung zwischen dem, was wir sehen und dem, von dem wir wissen, wof&#252;r es steht. Obwohl in der aktuellen Version, einer von Vertovs Frau, der Cutterin Elizaveta Svilova, umgeschnittenen Fassung von 1969, die meisten Verweise auf Stalin getilgt sind, ist dies immer noch ein zutiefst stalinistisches Werk. Im ersten „Lied“ mit dem Titel „Mein Antlitz war in Dunkelheit gefangen…“, preisen Frauen aus Zentralasien die Partei, die sie vom Schleier befreit hat. Man macht es sich zu einfach, wenn man dies blo&#223; als Glorifizierung der Unterdr&#252;ckung der Minderheiten in der UdSSR verurteilt, oder es als Befreiung der Frauen r&#252;hmt, aber man kann sich der Art und Weise kaum entziehen, wie aktiv diese starken zentralasiatischen Wissenschafterinnen, Bauarbeiterinnen und Sportlerinnen dargestellt sind, wie sehr sie als jene pr&#228;sentiert werden, die alles unter ihrer Kontrolle haben. Der Akt der „Entschleierung“, in dem das Gesicht der Kamera pr&#228;sentiert wird, wiederholt sich in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden w&#228;hrend des Films: eine immer wieder gezeigte Einstellung zeigt verschiedene Frauen im <em>niqab</em>, die ihre Schleier abwerfen und in die Kamera l&#228;cheln. Hier zeigt sich eine wiederkehrende Geste, die Parallelen zu anderen Beispielen der Praxis einer modernisierenden (stalinisierenden?) Avantgarde aufweist.</p>
<p>Ein anderes Beispiel sind die Versuche des LEF-CuttersSergej Tretjakov, den Bauern und B&#228;uerinnen der neuen, kollektivierten Landwirtschaft die Faktographie n&#228;her zu bringen, &#252;blicherweise dargestellt als Ansatz zur Demokratisierung der neuen Technologie, die in die H&#228;nde der ProduzentInnen gelegt wird um zu verhindern, dass diese – in den Worten Moholy-Nagys – die „Analphabeten der Zukunft“ werden. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Tretjakov mit zwei Bauern. Tretjakov versucht merklich einen der beiden dazu zu bringen, in die Kamera zu schauen und dadurch die neue faktographische Form anzuerkennen. Doch eingedenk dessen, wof&#252;r diese neue Technologie damals eingesetzt wurde, etwa f&#252;r Rodschenkos dokumentarische &#196;sthetisierung der Zwangsarbeit beim Bau des Kanals am Wei&#223;en Meer, ist das Misstrauen gegen&#252;ber der Kamera nur zu verst&#228;ndlich. So besehen hat Vertovs Insistieren, der Mann m&#246;ge sich ohne zu blinzeln der Kamera stellen, einen weit weniger befreienden Aspekt.</p>
<p>Die Gefahr f&#252;r den Avantgarde-Film, zu einem reinen Denkmal f&#252;r den Stalinismus zu werden, konnte letztlich abgewendet werden – 1934 lag er bereits in seinen letzten Z&#252;gen. Stalins Rivale Kirov wurde kurz nach der Ver&#246;ffentlichung von<em> Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> ermordet, worauf die psychotische, despotische Phase des Hochstalinismus folgte. Von diesem Moment an war der historische Eklektizismus das unvermeidliche Diktat in der Architektur, und ein neuer Heroismus, die R&#252;ckkehr zu Charakteren, Subjektivit&#228;t und gefilmtem Theater wurde der sowjetischen Filmindustrie aufgezwungen. Als in den fr&#252;hen 1930er Jahren der erste F&#252;nfjahresplan endete, war die Produktion von avantgardistischen Filmen praktisch verboten, und auch Eisensteins Techno-Pastoral und Vertovs „Film-Wahrheit“ (die dokumentarisches Material verwendete) waren der mittlerweile konsolidierten B&#252;rokratie verd&#228;chtig. Stattdessen gab es hochtrabende Versuche, ein „sowjetisches Hollywood an der Krim“ zu erschaffen, und die Bandbreite der Filme aus dieser Epoche reicht von revolution&#228;rer Hagiographie bis zu den bizarr choreographierten Spektakeln der stalinistischen Musicals. Diese Filme waren zwar von einer mitrei&#223;enden, bombastischen Bejubelung des technokratischen sowjetischen Sozialismus gepr&#228;gt, aber die Sowjets selbst – in ihrer Bedeutung als „ArbeiterInnenr&#228;te“, als radikale Demokratie, die die ersten Jahre der Revolution begleitet hatte – sind fast immer v&#246;llig abwesend. Daher erscheinen die Filme oft als schr&#228;ge Selbstportraits einer neuen herrschenden Klasse. Und dennoch durchstr&#246;mt sie das Ungest&#252;me einer echten Revolution.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Lenin: Werke, Bd. 5, S. 530<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r mehr Informationen &#252;ber die LEF-Gruppe und das Konzept der Faktographie empfehle ich die von Devin Fore herausgegebene Ausgabe der Zeitschrift October, Nr. 118 (Herbst 2006).<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm1">3</a> Die Details &#252;ber Ermlers Leben sind Youngblood, Denise: Movies for the Masses (Cambridge 1992) entnommen.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Der Film, im Original „Oblomok Imperii“, wurde im deutschsprachigen Raum unter verschiedenen Titeln gezeigt, darunter „Der Mann, der sein Ged&#228;chtnis verlor“ und „Der Betriebsrat“. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> „Rip Van Winkle“ ist eine 1819 erschienene Erz&#228;hlung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving und gilt als eine der ersten Kurzgeschichten der amerikanischen Literatur. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> „Intellektuelle Montage“ nannte Sergej Eisenstein sein Konzept, filmische Erz&#228;hlung durch die symbolische Gegen&#252;berstellung von Widerspr&#252;chen zu ordnen, um dadurch neue Sinnzusammenh&#228;nge zu erschlie&#223;en (Anm. d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Der Film ist, mit englischen Untertiteln, auf Youtube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=aSE14cMsDtY<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Im Original deutsch (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Das Manifest ist auf Englisch reproduziert unter http://tinyurl.com/7wm937<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Kuleshov, Lev: Mr West (1924); in: Christie, Ian/ Taylor, Richard (Hg.): The Film Factory (London 1994), S. 108<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Bulgakova, Olga: The Hydra of the Soviet Cinema; in: Attwood, Lynne (Hg.): Red Women on the Silver Screen (London 1993), S. 154-156. (Mary Pickford war in den 1910er und 1920er Jahren eine der ersten weiblichen Kinostars in den USA und spielte als Little Mary zumeist junge, h&#252;bsche M&#228;dchen; sie gilt als eine der zentralen Figuren in der Durchsetzung des Schauspielstar-Systems. Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Moskau wie es weint und lacht“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Auf Deutsch erschienen als „Verflixte Gastfreundschaft“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Samuel Goldwyn war einer der einflussreichsten Produzenten Hollywoods und Mitbegr&#252;nder der Filmstudios United Artists und MGM (Anm.d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Tomic, Milica: Reading Capital, http://tinyurl.com/a6uq26<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Die Donba&#223;-Sinfonie“ (Anm. d.&#220;.)<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Musique concrete“ ist der Name f&#252;r eine in den 1940er Jahren entstandene Musikrichtung, bei der technisch fixierte Kl&#228;nge und Ger&#228;usche aus Technik und Natur das Ausgangsmaterial bilden und durch Montage und Schnitt verfremdet werden. (Anm. d. &#220;.)</p>
<p><em>Owen Hatherley</em> bloggt auf <a href="http://nastybrutalistandshort.blogspot.com">nastybrutalistandshort.blogspot.com</a> &#252;ber Architektur, auf <a href="kinofist.blogspot.com">kinofist.blogspot.com</a> &#252;ber Film und lebt in London.<br />
Sein Buch <em>Militant Modernism</em> erscheint voraussichtlich im Fr&#252;hling 2009 bei <em>zero books</em>.</p>
<p>&#220;bersetzung: Katherina Kinzel und Benjamin Opratko, mit herzlichem Dank an Nikolaus Perneczky.</p>
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		<title>Veranstaltung: Filmabend &#8220;The Wobblies&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 19:11:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[

 
Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.

Termin: Freitag, 28.11.2008
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien
Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Georgia;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1.jpg"><img class="size-medium wp-image-226 alignnone" title="flyer_release_6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1-233x300.jpg" alt="Flyer" width="233" height="300" /></a></span></p>
<div>
<p><span style="font-size: medium; font-family: Georgia;"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.</p>
</div>
<p>Termin: <strong>Freitag, 28.11.2008</strong><br />
Uhrzeit: <strong>20 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien</strong></p>
<p>Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen ArbeiterInnen 2006 und Organisierungsversuche neuer Gewerkschaftsbewegungen zeigen die Br&#252;che und Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Dass die amerikanische ArbeiterInnenbewegung auf eine radikale Geschichte zur&#252;ckblicken kann, wird dabei oft vergessen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Film &#8220;The Wobblies&#8221; zeigt die Geschichte der Industrial Workers Of The World, einer militanten Gewerkschaftsbewegung zu Beginn des 20.Jahrhunderts, welche mit der Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen und ihren kreativen Kampfformen Inspiration auch f&#252;r heutige klassenk&#228;mpferische Gewerkschaftspraxis sind.</p>
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		<title>Eine Geschichte aus dem „Goldenen Zeitalter“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/eine-geschichte-aus-dem-goldenen-zeitalter/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:39:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, Regie: Cristian Mungius, Rum&#228;nien 2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, Regie: Cristian Mungius, Rum&#228;nien 2007<br />
<span id="more-67"></span><br />
„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ geht unter die Haut. Der Film erz&#228;hlt die Geschichte der jungen Studentin Gabita, die sich – begleitet von ihrer Freundin Otilia – im Rum&#228;nien der sp&#228;ten 1980er Jahre einer illegalen Abtreibung unterzieht. In zur&#252;ckhaltend beobachtender und gleichzeitig sehr intensiver Weise l&#228;sst Mungius die/den Zusehende/n an diesen dramatischen Stunden der Protagonistinnen teilnehmen und hebt die individuelle Erfahrung aus dem Kontext historischer Realit&#228;t hervor. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mungius siedelt seine Geschichte, die als Teil des Filmprojekts „Geschichten aus dem Goldenen Zeitalter“ (zynischerweise charakterisierte Nicolae Ceauşescu die Jahre seiner politischen F&#252;hrung als solches) eine Geschichte aus dem Alltag im „sozialistischen“ Rum&#228;nien darstellen soll, in diesem realen Rum&#228;nien an. Bereits 1966, kurz nach seiner Macht&#252;bernahme, verbot Ceauşescu die Abtreibung, wie auch empf&#228;ngnisverh&#252;tende Mittel. Das Volk des „sozialistischen“ Rum&#228;niens sollte sich schnell vermehren. Mungius erinnert sich in einem Interview – er selbst ist 1968 geboren – wie rasant die Bev&#246;lkerungszahl zu dieser Zeit stieg, die Zahl der Klassen in den Schulen sei, so Mungius, von zwei bis drei auf neun bis zehn, die Durchschnittszahl der Sch&#252;lerInnen pro Klasse von 28 auf 36 gewachsen. Vor diesem Hintergrund h&#228;tten mehr und mehr Frauen sich einer illegalen Abtreibung unterzogen, was vorwiegend als Akt der Rebellion und Widerstand gegen das Regime wahrgenommen worden sei. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Gabita und Otilia teilen sich ein Zimmer im StudentInnenwohnheim, dessen trostlose Atmosph&#228;re aus jeder Ecke schreit, der Kauf einer Schachtel Zigaretten vom Schwarzh&#228;ndler scheint das einzige Symbol f&#252;r Freiheit und Lebensgenuss im farblos gezeichneten Leben der jungen Frauen. Nachdem Gabita ihrer Freundin anvertraut, dass sie schwanger ist, wird bald klar, dass die einzige M&#246;glichkeit, die Schwangerschaft abzubrechen, eine illegale Abtreibung ist – Abtreibungen waren in Rum&#228;nien in der Zeit zwischen 1966 und 1989 nicht nur gesetzlich verboten, sondern auch streng geahndet. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Otilia gelingt es mit Hilfe ihres Freundes Adi, das n&#246;tige Geld f&#252;r den Eingriff aufzutreiben. Ein Gespr&#228;ch zwischen den beiden im Verlauf des Films macht deutlich, wieso sie ihren Freund nicht in das Vorhaben einweiht, er verweigert die Ben&#252;tzung von Kondomen, ohne sich der daraus m&#246;glicherweise resultierenden Konsequenzen auch nur im Ansatz bewusst zu sein. Otilia organisiert ein Hotelzimmer, was sich als &#228;u&#223;erst schwieriges Unterfangen herausstellt und einmal mehr die von Angst und Unterdr&#252;ckung gepr&#228;gte Atmosph&#228;re im repressiven Staat eindringlich vermittelt. Dort haben sich die beiden Frauen mit Herrn Bebe verabredet, dem Mann, der sich f&#252;r eine vorher vereinbarte finanzielle Gegenleistung bereit erkl&#228;rt, den Abbruch der Schwangerschaft vorzunehmen, er wird Gabita eine Sonde einf&#252;hren, die den F&#246;tus absaugt. Herr Bebe entpuppt sich als grausam und skrupellos. Er stellt zun&#228;chst fest, dass sich Gabita bereits in einem Schwangerschaftsstadium befindet, in welchem ein Abbruch vom Gesetz als Mord qualifiziert wird und wei&#223; die Notlage der Frauen auszun&#252;tzen. Er sch&#252;chtert sie massiv ein, um sie zum Geschlechtsverkehr zu zwingen, ehe er die brutale Prozedur einleitet und die beiden Frauen wieder ihrem Schicksal &#252;berl&#228;sst.</span><span>  </span><o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span>W&#228;hrend Gabita im Bett liegen bleiben muss, besucht Otilia auf Dr&#228;ngen ihres Freundes die Geburtstagsparty seiner Mutter, wo die junge Frau sich in einer Runde gutb&#252;rgerlicher Erwachsener wieder findet, die sie mit vermeintlichen Ratschl&#228;gen und Lebensweisheiten &#252;berh&#228;ufen und ihr ein Gef&#252;hl der Unterlegenheit aufzw&#228;ngen, nicht zuletzt aufgrund ihrer „einfachen Herkunft“. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mungius gelingt es mit seiner nahezu dokumentarischen Erz&#228;hlweise die Aufmerksamkeit des/der Zusehenden in pausenloser (An)spannung zu halten und verlangt ihnen dabei viel ab. Mit ungeschminkten Dialogen und einer mit Bedacht unspektakul&#228;r gestalteten Kulisse h&#228;lt er die schrecklichen Erfahrungen der beiden Frauen fest und bettet sie in den politischen Hintergrund, ohne dass dieser explizit Erw&#228;hnung findet. Die Schauspieler/innen &#252;berzeugen durch ein H&#246;chstma&#223; an Authentizit&#228;t und Hingabe und wecken dabei gro&#223;e Gef&#252;hle, denen man/frau sich nicht zu entziehen vermag. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit langen aber nie langatmigen Sequenzen in Echtzeit l&#228;sst der Regisseur die Zusehenden den einschneidenden Tag im Leben der beiden Frauen auf einzigartige Weise miterleben und &#246;ffnet die Augen f&#252;r einen wahrhaftigen und unverf&#228;lschten Einblick in eine entsetzliche Wirklichkeit. Die Entscheidung, welche der beiden Frauen die Hauptrolle spielt, &#252;berl&#228;sst er dem/der Zusehenden selbst. Durch einen st&#228;ndigen Wechsel zwischen der Perspektive der naiv und unbeholfen wirkenden Gabita und der sich k&#228;mpferisch gebenden Otilia erzeugt Mungius einen spannenden Kontrast, der die andauernd beunruhigende Stimmung in die Tiefe hin anreichert. In seiner Geradlinigkeit au&#223;ergew&#246;hnlich fordert er die Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema und erschafft mit „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ einen besonderen Film, der mindestens das Pr&#228;dikat </span><em>besonders wertvoll</em><span> verdient.<o></o></span></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Bewegte Bilder &#8211; Zur Politik des &#246;sterreichischen Dokumentarfilms</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bewegte-bilder-zur-politik-des-oesterreichischen-dokumentarfilms/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/bewegte-bilder-zur-politik-des-oesterreichischen-dokumentarfilms/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:25:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ukrainische KohlebergarbeiterInnen, s&#252;dspanische Tomatenplantagen und erschreckend gro&#223;e Fische im ugandischen Viktoriasee haben seit letztem Jahr etwas gemeinsam. Sie sind einige der ProtagonistInnen einer bemerkenswerten Entwicklung, die in j&#252;ngster Zeit &#214;sterreichs Kinos erfasst hat. <em>Reinhard Lang</em> und <em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber das Ph&#228;nomen des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ukrainische KohlebergarbeiterInnen, s&#252;dspanische Tomatenplantagen und erschreckend gro&#223;e Fische im ugandischen Viktoriasee haben seit letztem Jahr etwas gemeinsam. Sie sind einige der ProtagonistInnen einer bemerkenswerten Entwicklung, die in j&#252;ngster Zeit &#214;sterreichs Kinos erfasst hat. <em>Reinhard Lang</em> und <em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber das Ph&#228;nomen des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich.<br />
<span id="more-76"></span><br />
Sp&#228;testens seit der Oscar-Nominierung von Hubert Saupers Studie &#252;ber Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung auf das Leben an der Binnenseek&#252;ste Tansanias, „Darwin’s Nightmare“, ist ein Trend offensichtlich geworden, der mit einer Reihe weiterer Filme &#246;sterreichischer RegisseurInnen verbunden ist. Michael Glawoggers „Workingman’s Death“ und Erwin Wagenhofers „We feed the World“ geh&#246;ren dazu ebenso wie die deutlich kleineren Produktionen „Operation Spring“ von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber oder die Arbeit von Thomas Korschil und Eva Simmler &#252;ber die brisante Debatte um zweisprachige Ortstafeln in K&#228;rnten, „Artikel 7 – unser Recht“, deren Ausstrahlung der ORF wohl aus politischen Gr&#252;nden in letzter Sekunde verweigerte. Bemerkenswert ist nicht allein die Tatsache, dass diese Filme produziert werden – sie sind auch noch au&#223;ergew&#246;hnlich erfolgreich und begeistern KinobetreiberInnen, Publikum und KritikerInnen gleicherma&#223;en. „Workingman’s Death“ wurde unter anderem bei der Biennale in Venedig gezeigt, war nominiert f&#252;r den Europ&#228;ischen Filmpreis und gewann Preise bei Festivals in Leipzig, London, Gijon und Toronto. Ebenso international hochgelobt ist „We feed the World“, der mit derzeit 180.000 BesucherInnen erfolgreichste &#246;sterreichische Dokumentarfilm aller Zeiten; und „Darwin’s Nightmare“ hat es bekanntlich bis in die ehrw&#252;rdigen Hallen des Kodak Theatre in Hollywood geschafft (auch wenn er sich dort der erstaunlich belanglosen „Reise der Pinguine“ geschlagen geben musste). Vielleicht am wichtigsten – jedenfalls aber f&#252;r uns interessant –, ist die Tatsache, dass diese Filme Eingang in &#246;ffentlichen Debatten gefunden haben oder solche erst losgetreten haben. Es sind Filme, die explizit politische Themen aufgreifen, die Stellung beziehen, und die diskutiert werden. Grund genug, sich mit dem „Ph&#228;nomen politischer Dokumentarfilm“ n&#228;her zu besch&#228;ftigen. <o></o></p>
<h3>Globale Br&#252;che…</h3>
<p>Wir wollen nicht aus den Augen verlieren, dass es sich dabei nicht nur um ein „&#246;sterreichisches“ Ph&#228;nomen handelt. Seit einigen Jahren erregt das Genre der „Politdokus“ – politische und im besten Sinne „parteiische“ Dokumentarfilme – international Aufmerksamkeit. Prominentestes Beispiel ist sicherlich Michael Moore, der mit seinen provokativen Arbeiten &#252;ber den Zustand US-amerikanischer Politik und Gesellschaft – vor allem „Bowling for Columbine“ und der oscarpr&#228;mierte „Fahrenheit 9/11“ – zum gefeierten Helden der globalen Linken aufstieg. Ebenso global wie die Filme und ihr Publikum sind auch die Entstehungsbedingungen dieser Filme. Sp&#228;testens seit Ende der 1990er Jahre ist der Post-1989-Konsens, der die Menschheit in der „besten aller m&#246;glichen Welten“ vermutete und das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) beschwor, br&#252;chig geworden. Bald wurde immer offensichtlicher, dass die existentiellen politischen Probleme von der gegenw&#228;rtigen Weltordnung nicht nur nicht gel&#246;st, sondern im Gegenteil noch versch&#228;rft werden. Die Hoffnung auf eine &#196;ra des Friedens wurde unter Schutt- und Leichenbergen im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Ruanda und anderswo begraben. Bilder von verhungernden Kindern und ganzen Landstrichen, die von AIDS entv&#246;lkert werden sind heute ebenso Teil des Alltagssinns gro&#223;er Teile der Weltbev&#246;lkerung wie die Zerst&#246;rung der Umwelt, globale Erderw&#228;rmung und Knappheit an Trinkwasser inklusive. Und schlie&#223;lich sind es auch die &#246;konomischen und sozialen Krisen in den „entwickelten“ L&#228;ndern des reichen Nordens, die Armut und Arbeitslosigkeit zu realen Bedrohungsszenarien machen, w&#228;hrend Gro&#223;konzerne Rekordgewinne schreiben und die Geh&#228;lter von CEOs und TopmanagerInnen sich in astronomische Sph&#228;ren bewegen.<o></o></p>
<h3>…produzieren &#214;ffentlichkeit</h3>
<p>Diese globalen Entwicklungen haben die politische Landschaft &#252;berall auf der Welt nachhaltig ver&#228;ndert. W&#228;hrend noch in der 1980er Jahren b&#252;rgerliche IdeologInnen die „gro&#223;en Erz&#228;hlungen“ am Ende w&#228;hnten und Politik auf das Management konkurrierender Individuen reduzierten, konnte eine Dekade sp&#228;ter festgestellt werden: Die „Big Issues“, die gro&#223;en Themen der politischen Debatte sind zur&#252;ck! Zwei Ereignisse stehen stellvertretend f&#252;r den Beginn dieser Bewegung: Der Aufstand der Zapatistas 1994 in Chiapas/Mexiko, deren Aufschrei gegen die neoliberale Globalisierung um die Welt ging; und die Gro&#223;demonstration in Seattle 1999 gegen das Treffen der Welthandelsorganisation WTO, wo eine bis dahin undenkbare Allianz aus jungen AktivistInnen, die sich gegen Umweltzerst&#246;rung, Rassismus, die Ausbeutung der „Dritten Welt“ oder Sexismus engagieren, Teilen der radikalen Linken und organisierten ArbeiterInnen die HerrscherInnen der Welt &#252;berraschte. Seitdem findet bekanntlich kein Treffen der globalen Eliten – ob WTO, IWF, Weltbank, NATO, G8 oder EU – ohne Gegenveranstaltungen statt, bei Sozialforen auf globaler, kontinentaler, nationaler und regionaler Ebene wird regelm&#228;&#223;ig &#252;ber Politik und Strategien der Bewegung diskutiert, die sich den Slogan „Eine andere Welt ist m&#246;glich!“ auf die Fahnen geschrieben hat, und die Proteste gegen den Irak-Krieg im Fr&#252;hjahr 2003 zeigten auf beeindruckende Weise, dass Millionen Menschen in aller Welt von den Entwicklungen der letzten Jahre politisiert wurden. Wenn auch &#252;ber die konkreten Erfolge und Misserfolge der einzelnen Bewegungen noch diskutiert werden muss, ist ein Produkt dieser globalen Entwicklung doch offensichtlich: eine globale, kritische &#214;ffentlichkeit, die Politik weder &#246;konomischen Eliten noch SpitzenpolitikerInnen &#252;berlassen will, f&#252;r die die „gro&#223;en Fragen“ der Politik heute wieder auf der Tagesordnung stehen, und die politische Debatten in alle Bereiche der Gesellschaft tr&#228;gt. Vor diesem Hintergrund muss der politische Dokumentarfilm diskutiert werden. Es sind genau die „gro&#223;en Fragen“ der Politik, die von diesen Filmen angesprochen werden, es ist die neue kritische &#214;ffentlichkeit, die den Filmen ihr Publikum gibt, und es sind die Ver&#228;nderungen im allt&#228;glichen Bewusstsein, die den Resonanzraum schaffen, in dem die Filme und ihre Themen diskutiert werden – auch in &#214;sterreich. Ein Blick auf die drei prominentesten Beispiele aktueller politischer Dokumentarfilme aus &#214;sterreich zeigt deutlich deren globale Perspektiven und Anspr&#252;che.<o></o></p>
<h3>Workingman’s Death: Arbeit einst, jetzt und dann?</h3>
<p>In seinem Film „Workingman’s Death“ wollte Michael Glawogger eigentlich ein Kapitel den Linzer Stahlwerken der VOEST widmen. Doch das Management wollte nicht, weg vom Schwerarbeiter-Image war die Begr&#252;ndung. Glawogger stellt die bezeichnende Frage nach dem Verschwinden der Sichtbarkeit manueller Arbeit. Arbeit, die an die k&#246;rperliche Substanz geht, die jeden Muskel des K&#246;rpers fordert und kaputt macht. Somit auch jene Form der Arbeit, die als Mythos einer Klasse, der Klasse der ArbeiterInnen, gilt. Die erste der sechs Episoden dreht sich entsprechend um den Mythos des Aleksej Stachanov. Dieser holte angeblich 1935 im gr&#246;&#223;ten Kohleabbaugebiet der Welt das 14-fache der vorgegebenen Arbeitsnorm der Sowjets. Einst der Stolz der stalinistischen Weltmacht, heute Teil der Ukraine und einer der devastiertesten Flecken Erde in Europa ist Donbass heute heruntergekommen und verlassen, doch abgebaut wird noch immer. L&#228;ngst aufgegeben von Staat und Wirtschaft sch&#252;rfen Menschen autark und auf sich allein gestellt in 30 cm hohen Sch&#228;chten nach Kohle f&#252;r ihr t&#228;gliches &#220;berleben. Mit denselben Mitteln wie zu Stachanovs Zeiten.<br />
In Indonesien begleitet Glawogger Schwefelarbeiter, die t&#228;glich den Vulkan Kawa Ijen besteigen, umh&#252;llt von giftigen D&#228;mpfen Schwefelplatten aus dem Krater schlagen um anschlie&#223;end jeweils 70 – 120 kg dieser Brocken zu Tale zu tragen. Die Arbeiter sind Teil der touristischen Attraktion geworden, wer den Vulkan besucht will auch die Schwefelarbeiter sehen. Maschinen kommen nicht zum Einsatz, die Kosten-Nutzen-Rechnung spricht dagegen.<br />
In zwei weiteren Kapiteln widmet sich Glawogger einem riesigen Schlachthof in Port Harcourt (Nigeria) sowie einer pakistanischen Werft, in der gigantische, ausrangierte westliche Tanker zerlegt werden. Vier mal entf&#252;hrt und fesselt Workingman’s Death mit einer filmerisch beeindruckenden &#196;sthetik ans Ende der Welt, an Orte der Trostlosigkeit und Arbeit wie sie in unserer Gesellschaft nur mehr in den Geschichtsb&#252;chern zu finden ist. Doch wie schaut die Zukunft aus? Hier wirft der Film zun&#228;chst einen Blick ins aufstrebende China. In den Stahlwerken in Anshan h&#228;lt die Moderne Einzug. Technologie l&#246;st reine Muskelkraft ab. Kapitalismus fordert Entlassungen. Ein China im Aufbruch verbunden mit dem Glauben an eine wunderbare Zukunft, vergleichbar mit dem Boom in Nachkriegs-Deutschland. Nach Deutschland f&#252;hrt uns auch die abschlie&#223;ende Episode. Der „Epilog“ zeigt das ehemalige H&#252;ttenwerk Duisburg-Meidrich im Ruhrgebiet. Hier wurde eins Stahl erzeugt, heute ist es ein Freizeitpark. Workingman’s Death spielt mit der Arbeiter&#228;sthetik l&#228;ngst vergangener Zeiten., sucht Arbeit die in dieser Form f&#252;r uns fremd und skurril erscheint, als Relikt vergangener Zeiten und stellt dabei die brandaktuelle Frage nach der Zukunft des „bewussten Stoffwechsels mit der Natur“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>We Feed the World und Darwin’s Nightmare: Viel Fisch, viel Fleisch</h3>
<p>Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie w&#228;chst unser Gem&#252;se auf? Sind unsere Hendlhaxen wirklich gl&#252;cklich? Gibt es noch „Landwirtschaft“ oder ist sie nicht schon Teil einer Industrie, in der Nahrung genauso produziert wie in einer Fabrik oder abgebaut wie in einem Bergwerk wird? Das sind die Fragen, denen der Film „We feed the world“ auf den Grund gehen m&#246;chte. Das Ergebnis ist eine Irrfahrt durch europ&#228;ische Schaupl&#228;tze und bis zu Soja Bauern in Brasilien, wo Kinder Hunger leidend neben f&#252;r europ&#228;ische Viehzucht bestimmten Sojafeldern aufwachsen, die nach Greenpeace Sch&#228;tzungen zu 60% aus genmanipulierten Organismen bestehen. In Rum&#228;nien erkl&#228;rt Karl Otrok von Pioneer, dem weltgr&#246;&#223;ten Saatgut-Konzern, zwischen Melanzanifeldern: „Wir sollten uns damit anfreunden, dass es eigentlich keine Lebensmittel mehr gibt, die gentechnik-frei sind.“ In der Steiermark begleitet man den generalstabsm&#228;&#223;ig geplanten achtw&#246;chigen Zyklus zur Aufzucht unserer Speiseh&#252;hner, in Spanien taucht man ein in unendliche Weiten von Gew&#228;chsh&#228;usern, Tomaten das ganze Jahr und f&#252;r ganz Europa. Die Devise lautet &#252;berall gleich: Profit ist alles, Geschmack ist nichts. Der Film dagegen hinterl&#228;sst Geschmack: intensiv bitter bleibt er auch lange nachdem man etwa erfahren hat, dass in Wien t&#228;glich soviel Brot vernichtet wird, wie eine Stadt der Gr&#246;&#223;e von Graz t&#228;glich ben&#246;tigt.</p>
<p>In Hubert Saupers „Darwin’s Nightmare“ beginnt alles mit einem wissenschaftlichen Experiment. In den 1960er Jahren wurde in den Victoria See eine fremde Fischart eingesetzt, der Nilbarsch. Nach drei Jahrzehnten sind die urspr&#252;nglichen 400 Fischarten ausgerottet und die Filets des Fremdlings der Exportschlager in alle Welt. Die Konsequenzen sind vielf&#228;ltig, der Fisch wird exportiert w&#228;hrend Hunger herrscht, Flugzeuge holen den Fisch ab und kommen aus Europa mit Waffen f&#252;r die Kriege Afrikas. „Darwin’s Nightmare“ k&#246;nnte ich in Sierra Leone erz&#228;hlen, nur w&#228;re der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak, schwarzes &#214;l.”, so Hubert Sauper. Der Film zeigt so exemplarisch, wie die Abh&#228;ngigkeit der Peripherie vom Zentrum funktioniert, nach den Spielregeln des globalisierten Kapitalismus.<o></o></p>
<h3>Was kann die Doku? Film und Politik</h3>
<p>Die Filme greifen lebendige und relevante Debatten auf: Verschwindet die ArbeiterInnenklasse? Woher kommt die Hungerkrise? Wie wird der afrikanische Kontinent systematisch „unterentwickelt“? Die Form des Dokumentarfilms bietet dazu eine M&#246;glichkeit zur Intervention mit Vor- und Nachteilen. „Meiner Meinung nach ist es so, dass der Spielfilm mit dem arbeitet, wie das Leben sein k&#246;nnte. Und der Dokumentarfilm arbeitet mit dem, wie das Leben ist“, meint „We feed the World“-Regisseur Erwin Wagenhofer. Dokumentarfilm ist damit der Versuch eines Abbildes von Realit&#228;t, damit aber auch immer Reduktion, Zurichtung der Realit&#228;t. Ein Bild hat immer eineN AutorIn, der Blick ist immer jener des/der FilmemacherIn. Darin liegen die Schw&#228;chen und St&#228;rken des Dokumentarfilms. „Wie das Leben ist“, dazu gibt es verschiedene Perspektiven und Meinungen, Dokumentarfilm leistet einen Beitrag zu diesen Debatten und bereichert sie. Einerseits wird so grunds&#228;tzlich Aufmerksamkeit geschaffen, auf Themen fokussiert und Ansto&#223; zur Debatte gegeben. Die in den Filmen aufgegriffenen Argumente werden diskutiert, im Alltag und in Medien, aber auch die FilmemacherInnen stellen sich der Auseinandersetzung – beispielsweise bei Podiumsdiskussionen. Die gro&#223;e St&#228;rke des Dokumentarfilms liegt wohl w&#246;rtlich in den m&#246;glichen neuen Sicht-Weisen auf Themen, in der Macht des Bildes. Andrerseits l&#228;sst der Dokumentarfilm den/die BetrachterIn mit den gezeigten Missst&#228;nden alleine. Im Aufzeigen von Perspektiven und L&#246;sungsans&#228;tzen weisen sich die Schwachpunkte des Mediums, dies ist somit auch nicht der Anspruch, der an politischen Dokumentarfilm gestellt werden sollte. Die M&#246;glichkeiten, Perspektiven aufzuzeigen verschwinden zur G&#228;nze (wie bei „Workingman’s Death“ und „Darwin’s Nightmare“) oder beschr&#228;nken sich zumeist auf verbale Mittel – wobei die Frage, wer zu Wort kommen darf, dabei stets heikel bleibt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeiten und Beschr&#228;nkungen des politischen Dokumentarfilms stecken somit die Grenzen der Rezeption der Filme ab. Sie k&#246;nnen und sollen als Interventionen in politische Debatten verstanden und diskutiert werden. Das bedeutet auch, Argumente der Filme – ob explizit ausgesprochen oder implizit vorhanden – kritisch zu &#252;berpr&#252;fen und zu kommentieren. In „We Feed the World“ nimmt beispielsweise Jean Ziegler, linksliberaler Intellektueller und UN-Sonderberichterstatter f&#252;r das Menschenrecht auf Nahrung, die Rolle des Kommentators ein – und f&#252;llt sie eher mit leeren Phrasen als echten Handlungsperspektiven. „Workingman’s Death“ muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen &#228;sthetisierenden Bildern Drecksarbeit zu romantisieren und Distanz zu stachanowschen Mythen vermissen zu lassen, oder durch die Anordnung der Episoden eine logische Entwickling hin zu einer „schwerelosen“ &#214;konomie zu suggerieren: Den peripheren Orten, wo Menschen noch physisch schuften m&#252;ssen, weist das chinesische Stahlkombinat den Weg in die Zukunft – den ChinesInnen wiederum der Duisburgische Vergn&#252;gungspark. Hier steckt die Politik, die Botschaft in der &#196;sthetik – auch dorthin muss politische Kritik zielen. Gleichzeitig aber kann der Anspruch an Dokumentarfilme – und gleiches gilt f&#252;r Spielfilm, Literatur, Musik oder bildende Kunst – nicht sein, politische Programme zu formulieren. Stattdessen ist es notwendig, Politdokus als Teil der gesellschaftlichen Debatten zu begreifen, die zu aktiver Politik und der Ver&#228;nderung der von ihm dargestellten Gegenwart f&#252;hren k&#246;nnen. Filme wie jene von Glawogger, Wagenhofer und Sauper und viele kleinere Produktionen k&#246;nnen so die ernsthafte Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen und zeigen, dass auch am kleinen, ruhigen &#214;sterreich die globale Dynamik nicht spurlos vor&#252;berzieht.<o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Die Arbeit ist zun&#228;chst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23: 192)<o></o></p>
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