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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Festung Europa</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Die Angst vor dem biblischen Exodus &#8211; FRONTEX und die EU-Abschottungspolitik</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 16:31:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet. Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet.<span id="more-2027"></span> Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen wieder zur&#252;ckzuschicken. Welche Befugnisse FRONTEX genau hat, welche konkreten Operationen die Agentur derzeit durchf&#252;hrt und was gegen die Versch&#228;rfungen im Asyl- und Migrationsbereich getan werden kann, besprach <em>Julia Hofmann </em>mit <em>Stephanie Deimel</em>. </p>
<p><em>Seit den erschreckenden Bildern aus den Aufnahmelagern in Griechenland und der Ankunft von tausenden Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika ist FRONTEX ja wieder in aller Munde. Welche Operationen f&#252;hrt die Agentur aktuell durch?</em> </p>
<p>Die aktuellste auf der Homepage<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von FRONTEX zu findende gemeinsame Grenzschutzoperation (JO) ist Poseidon, also die Nachfolgeoperation des RABIT-Einsatzes am Ebros. Poseidon wird als Operation gegen Schmuggler verkauft. IIkka Laitinen, der FRONTEX Executive Director, argumentiert, dass Poseidon dem Schutz der MigrantInnen dient und dass es die zentrale Aufgabe der Operation ist den Schutz der Menschenrechte zu gew&#228;hrleisten – ein f&#252;r FRONTEX typisches Argumentationsmuster. MigrantInnen sind innerhalb dieser Logik also gleichzeitig T&#228;terInnen und Opfer krimineller Prozesse. Opfer der Machenschaften von Schmugglerbanden und T&#228;terInnen, weil sie ja illegal ins Land kommen und dementsprechend auch zur&#252;ckgeschickt werden m&#252;ssen. </p>
<p><em>Welche anderen zentralen Eins&#228;tze gab es in den letzten Jahren noch?</em> </p>
<p>Sehr, sehr viele, aber zwei sind besonders hervorzuheben. Einerseits Hera, eine Erfolgsoperation sowie andererseits Nautilus, eine gescheiterte JO. Hera l&#228;uft seit f&#252;nf Jahren auf den Kanaren und ist mittlerweile permanent. Das hei&#223;t, es gibt t&#228;glich Eins&#228;tze in diesem Gebiet. Gehostet wird die Operation von Spanien. Das Land hat zahlreiche bilaterale Abkommen mit den Kapverden, Senegal und Mauretanien abgeschlossen, die die gemeinsamen Patrouillen mit dem Grenzschutzpersonal der beteiligten Staaten in deren Hoheitsgew&#228;ssern m&#246;glich machen. Dabei handelt es sich vor allem um R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen und Patrouilleabkommen. Hera ist deswegen so eine Erfolgsoperation, weil die Zahl der auf den Kanaren ankommenden MigrantInnen durch die starke &#220;berwachung, Kontrolle und das Umleiten von Fl&#252;chtlingsbooten (ohne Einzelfallpr&#252;fung) massiv zur&#252;ckgegangen ist.<br />
Nautilus ist demgegen&#252;ber das klassische Beispiel einer gescheiterten FRONTEX-JO. An der Operation waren n&#228;mlich Italien und Libyen beteiligt. Gescheitert ist sie daran, dass Italien nicht die passenden Abkommen mit Libyen abschlie&#223;en konnte. Es gab zwar R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen, aber die wurden von libyscher Seite nicht ernst genommen. Ein Abkommen allein hei&#223;t nicht, dass es funktionsf&#228;hig ist. Patrouilleabkommen gab es gar nicht. W&#228;hrend Nautilus, die von 2006 bis 2009 im zentralen Mittelmeer stattfand, kam es daher zu einer massiven Zunahme der Migration in die EU, da es keine R&#252;ckeskortierungen gab und dies MigrantInnen zus&#228;tzlich zur &#220;berfahrt motivierte. Das hei&#223;t, Italien musste MigrantInnen ankommen lassen, weil Libyen nicht tolerierte, dass europ&#228;ische Boote in libyschen Hoheitsgew&#228;ssern operieren. </p>
<p><em>Welche Rolle spielen L&#228;nder wie Libyen genau? Wie ist deren Verh&#228;ltnis zu ihrer Migration bzw. zu den europ&#228;ischen Staaten? Hat sich hier etwas seit den Revolten in Nordafrika ver&#228;ndert?</em> </p>
<p>Gaddafi hat sich von der EU kaufen lassen. Von Italien wurden 1,5 Milliarden Euro gefordert und zus&#228;tzlich von der Europ&#228;ischen Union 50 Millionen Euro. Beim letzten EU-Afrika Gipfel im vergangenen Herbst hat Gaddafi weitere 1,5 Milliarden von der EU gefordert. Das war immer seine Strategie. F&#252;r viele Drittstaaten ist Grenzschutz ein wichtiges politisches Druckmittel geworden. Gerade L&#228;nder in relevanten geographischen Lagen, sprich in EU-N&#228;he, erlangen so eine bessere Verhandlungsposition. Sie setzen auf die Migrationskarte um Geld, Visumserleichterungen oder Entwicklungsgelder im Gegenzug zu ihrer Kooperation bei der Migrationssteuerung fordern zu k&#246;nnen.<br />
Gerade im Zuge der Umbr&#252;che in Nordafrika ist das nat&#252;rlich extrem problematisch. Aus Libyen finden derzeit sogar Zwangsdeportationen nach Italien statt. Die libysche Polizei geht in der Nacht in Wohnviertel von MigrantInnen und GastarbeiterInnen, setzt diese in Schiffe und schafft sie nach Lampedusa. Gaddafi hat immer gesagt, er &#252;berschwemmt Europa mit subsaharischen MigrantInnen. Je aussichtsloser seine Lage wird, desto mehr setzt er auf dieses Druckmittel. Wenn man sich jedoch die realen Zahlen anschaut, ist die Angst der Europ&#228;ischen Union vor einer „&#220;berschwemmung“ durch Fl&#252;chtlinge einfach nur absurd, schlie&#223;lich passiert alles andere als ein biblischer Exodus. Es handelt sich bisher nur um einige tausend Menschen, die vor dem Hintergrund der Umbr&#252;che in Nordafrika vorrangig aus Tunesien in die EU gekommen sind. Aus Libyen beispielsweise kommt nicht einmal ein Prozent der gesamten Fl&#252;chtlinge in die EU, sondern die Mehrheit reist in die Nachbarl&#228;nder &#196;gypten und Tunesien, die es mit einigen hunderttausend Fl&#252;chtlingen zu tun haben – also eine ganz andere Kategorie. Da diese L&#228;nder mit den aktuellen Fl&#252;chtlingsbewegungen ma&#223;los &#252;berfordert sind, ist die Situation in den grenznahen Fl&#252;chtlingslagern, wie z.B. im tunesischen Coucha, sehr schrecklich.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dort gab es bereits viele Tote durch Br&#228;nde, Polizeigewalt und Gewalt durch Anrainer, sodass vielen Fl&#252;chtlingen keine andere Wahl blieb als nach Libyen zur&#252;ckzukehren, wo ihr Leben ebenfalls auf dem Spiel steht. Was man hier beobachten kann, ist der Mangel an Solidarit&#228;t der Europ&#228;ischen Gemeinschaft, nicht nur in Lampedusa, wo Italien gro&#223;teils allein gelassen wird, sondern auch gegen&#252;ber &#196;gypten und Tunesien. </p>
<p><em>Lassen sich zentrale Strategien der Migrationssteuerung seitens der Europ&#228;ischen Union identifizieren, die &#252;ber FRONTEX-Operationen hinausgehen bzw. dahinter liegen?</em> </p>
<p>In der EU dreht sich seit neuestem viel um Migration und Entwicklung. Den Migration Development Nexus findet man seit 2005 in allen policy papers. Die EU will Migration unterbinden, in dem sie die „Entwicklung“ in Herkunfts- und Konfliktstaaten durch gezielte Kooperation und „Partnerschaftsabkommen“ f&#246;rdert. Migration wird hier nicht positiv in Bezug auf Entwicklung gesehen, sondern es gilt: Hilfe bei Migrationssteuerung und -kontrolle gegen Entwicklungskooperationssummen und –projekte. Bl&#246;d ist nur, dass dabei meist korrupten Diktaturen zugespielt wird und die entwickeln denkbar wenig. Nachdem sich die Lage in Tunesien stabilisiert hat, war das Erste, was die EU gemacht hat, neue Abkommen auszuverhandeln, weil sie Angst hatte, die alten w&#252;rden nicht mehr gelten. </p>
<p><em>Wie sieht eine FRONTEX-Grenzschutzoperation konkret aus?</em> </p>
<p>Es gibt verschiedene JO-Typen, besonders bekannt sind die Operationen an den Seeau&#223;engrenzen. FRONTEX erstellt im Normalfall eine Risikoanalyse &#252;ber die Lage an einem bestimmten Grenzabschnitt und muss dann darauf warten, dass ein Mitgliedstaat eine gemeinsame Operation anfordert. Im K&#252;stenmeer von Drittstaaten &#8211; dort gibt es besondere Rechtsunsicherheit – werden zum Beispiel gemeinsame Patrouillen auf hoher See durchgef&#252;hrt. Boote, die im K&#252;stenmeer von Drittstaaten oder auf Hoher See erwischt werden, werden sofort r&#252;ckeskortiert. Das ist besonders praktisch f&#252;r die EU, weil sie dann die MigrantInnen nicht rein lassen und Asylantr&#228;ge bearbeiten muss. Das kann dann noch mit der Menschenrechtsrhetorik gerechtfertigt werden, weil die MigrantInnen auf den Booten ja quasi gerettet wurden, da sie ja wirklich in Gefahr gewesen w&#228;ren durch die &#220;berfahrt. Solche Patrouillen gehen jeden Tag raus. </p>
<p><em>Bei solchen Patrouillen werden ja h&#228;ufig auch Menschenrechtsverletzungen dokumentiert…</em> </p>
<p>Das stimmt – Menschenrechtsorganisation dokumentieren beispielsweise bei den Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika, dass so einiges versucht wurde, um eben diese Boote nicht auf dem italienischen Festland ankommen zu lassen, z.B. dass Schlauchboote zerstochen wurden, dass Trinkwasser konfisziert wurde, etc. Das ist aber nicht der Regelfall! Dennoch sind in den letzten Monaten rund tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken und das bei einer zahlenm&#228;&#223;ig ausgesprochen hohen Pr&#228;senz von Booten im Mittelmeer durch den Libyen-Einsatz. In vielen F&#228;llen wurden Hilferufe von Fl&#252;chtlingsbooten in Seenot einfach ignoriert und das ist schon eher g&#228;ngige Praxis. Nat&#252;rlich passiert viel und es geht rough zu, aber einfach versenken kann man die Leute ja doch nicht &#8211; das w&#228;re ein zu gro&#223;er Skandal f&#252;r die EU. Es handelt sich schlie&#223;lich um zig tausende Leute, wobei man dazu sagen muss, dass der Gro&#223;teil aller irregul&#228;ren Migrationen in die EU nicht &#252;ber den Seeweg stattfindet. </p>
<p><em>Trotzdem werden ja immer wieder menschenrechtliche Grauzonen ausgen&#252;tzt. Ich denke da beispielsweise an die Boote aus Nordafrika, die im Mittelmeerraum hin- und hergeschickt wurden (zwischen Italien, Griechenland und Malta), weil kein Land sie aufnehmen wollte.</em> </p>
<p>Ja genau. Menschenrechtlichen Grauzonen gibt es vor allem bei den Seeoperationen, w&#228;hrend die anderen Bereiche z.B. Sammelabschiebungen leider rechtlich gro&#223;teils abgedeckt sind. Das Zur&#252;ckeskortieren von Booten zum Herkunftshafen ohne Einzelfallpr&#252;fung verst&#246;&#223;t aber gegen die internationale Menschenrechtskonvention.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Dar&#252;ber hinaus untergr&#228;bt es das Asylrecht, weil der/die MigrantIn keine M&#246;glichkeit mehr hat einen Asylantrag zu stellen. Antr&#228;ge d&#252;rfen ja bekanntlich nicht im Herkunftsland gestellt werden, sondern nur im (Erst-)Asylland. Menschen- Asyl- und Seerecht gelten nat&#252;rlich auch auf offener See, was von Seiten der Politik (z.B. vom deutschen Innenministerium) immer wieder bestritten wurde, aber von zahlreichen JuristInnen in Rechtsgutachten best&#228;tigt ist. </p>
<p> <a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png" alt="" title="Frontex-Bild" width="558" height="384" class="aligncenter size-full wp-image-2032" /></a></p>
<p><em>Welche Rolle spielt eigentlich &#214;sterreich bei FRONTEX-Eins&#228;tzen? Das Land hat ja zumindest keine EU-Au&#223;engrenze mehr.</em> </p>
<p>Stimmt, viele glauben daher auch, dass &#214;sterreich deshalb keine relevante Rolle spielt. Insbesondere in punkto Abschiebung bzw. Sammelabschiebung agiert Wien allerdings als zentrale Drehscheibe. In den letzten Jahren geht der Trend europaweit dahin vermehrt Sammelabschiebungen durchzuf&#252;hren, das kommt f&#252;r alle beteiligten L&#228;nder am billigsten und passiert unter Ausschluss der &#214;ffentlichkeit, da zu diesem Zweck eigene Flugzeuge gechartert werden. Diese landen oft nicht einmal auf regul&#228;ren Flugh&#228;fen, sondern auf Cargo-Airports. &#214;sterreich tut sich hier besonders hervor, nicht ohne Eigennutz: Da der Staat, der die Operation hostet das halbe Flugzeug „gratis bekommt“, sind Sammelabschiebungen auch f&#252;r das &#246;sterreichische Innenministerium (BMI) von Vorteil, da es billig viele Fl&#252;chtlinge zur&#252;ckschicken kann. Im Zuge dieser Sammelabschiebungen kommt es oft zu „Blitzidentifizierungen von MigrantInnen“, d.h. zu willk&#252;rlichen nationalen oder ethnischen Kategorisierungen. Da werden Menschen schon mal in fremde L&#228;nder abgeschoben. Auch in diesem Bereich ist FRONTEX aktiv. Seit neuestem befinden sich sogenannte „MenschenrechtsbeobachterInnen“ auf den Abschiebefl&#252;gen. F&#252;r &#214;sterreich macht das bekanntlich der Verein Menschenrechte &#214;sterreich, der vom BMI und der EU gef&#246;rdert wird. Da sieht man, was f&#252;r eine Farce das eigentlich ist.<br />
 <br />
<em>Wohin gehen diese Sammelabschiebungen aus &#214;sterreich?<br />
</em> </p>
<p>Kosovo und Nigeria sind klassische Abschiebel&#228;nder von &#214;sterreich aus. Ins franz&#246;sische Afrika geht es meistens &#252;ber Frankreich, also &#252;ber den Flughafen Paris Charles de Gaulles. Immer &#246;fter sind dort das Flughafenpersonal und die Polizei mit zivilgesellschaftlichen Protesten konfrontiert, wenn Passagiere bemerken, dass auf ihren Flug eine Abschiebung gebucht wurde. Meines Wissens nach gibt es jede Woche solche Proteste und sie sind h&#228;ufig erfolgreich. Das Prozedere ist simpel: Einfach aufstehen und so den Abflug der Maschine verz&#246;gern. Das letzte Wort liegt dann beim Piloten, aber oftmals entscheidet sich dieser gegen den unfreiwilligen Transport des/der MigrantIn. Auch aus diesem Grund sind Charter-Fl&#252;ge f&#252;r die EU-Staaten angenehmer.<br />
 <br />
<em>Wie w&#252;rde die EU-Grenzpolitik ohne FRONTEX aussehen?<br />
</em> </p>
<p>Es wird ja oft behauptet, dass FRONTEX quasi der Ursprung allen B&#246;sen ist, aber selbst wenn man FRONTEX abschaffen w&#252;rde, w&#252;rde die EU genauso oder sehr &#228;hnlich weitermachen. FRONTEX erleichtert die Arbeit zwar, aber die Herzst&#252;cke der Agentur hatten schon vor ihrer Gr&#252;ndung Bestand. Es gab schon ein Risk Analysis Center (RAC) in Helsinki und Ilkka Laitinen war damals schon dessen Vorsitzender! Zus&#228;tzlich gab es noch ein anderes relevantes Komitee, das SCIFA<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, ein ExpertInnengremium in der EU, das wichtige Vorarbeit geleistet hat und das Risikoanalysemodell, mit dem FRONTEX heute arbeitet (CIRAM) bereits entwickelt und getestet hat. Vor FRONTEX gab es sogar schon eine erste gemeinsame Grenzschutzoperation an der Seeau&#223;engrenze im Bereich der Kanaren, die von Spanien gehostet wurde…<br />
FRONTEX hat diese Prozesse lediglich vereinfacht, zentralisiert und weiterentwickelt, aber die Vorarbeit war bereits geleistet. Dennoch muss gesagt sein, dass der teils sehr intransparente und flexible Rechtsrahmen, in dem FRONTEX als Regulierungsagentur agiert bewusst gew&#228;hlt wurde und bestens dazu geeignet ist Neues im Bereich der Grenzkontrolle zu entwickeln, zu testen und das unter weitgehendem Ausschluss der &#214;ffentlichkeit. Da die Agentur &#252;ber geheimdienstliche Informationen und den Zugang zu polizeiliche Datenbanken verf&#252;gt, kann sie sich auch darauf berufen und nicht die Vollversion von Berichten oder Analysen ver&#246;ffentlichen. Auch EUROPOL ist ja seit Januar 2010 eine Agentur und das mit der Begr&#252;ndung so schneller handlungsf&#228;hig zu sein. F&#252;r Agenturen gibt es also weniger Korrektive und Instanzen, die konsultiert werden m&#252;ssen um Entscheidungen zu f&#228;llen.<br />
 <br />
<em>Welche Entwicklungen wird der europ&#228;ische Grenzschutz deiner Meinung nach in den n&#228;chsten Jahren nehmen?<br />
</em> </p>
<p>Grenzschutz wird zunehmend exterritorialisiert. Der Bereich der Migrationskontrolle befindet sich innerhalb von Schengen, an den Grenzen und au&#223;erhalb von Schengen. &#220;berall dort finden Kontrollen statt, &#252;berall dort manifestiert sich die Grenze in verschiedenen Formen. Diese Tendenz besteht, weil es viel einfacher und angenehmer ist die Migrationskontrolle auszulagern. Dann ist auch der menschenrechtliche Widerspruch leichter aufzul&#246;sen. Die EU finanziert zahlreiche Auffanglager, auch in Libyen, einem Land, in dem Menschenrechte mit den F&#252;&#223;en getreten werden und das die Genfer Fl&#252;chtlingskonvention nie unterzeichnet hat. In die libyschen Lager darf nicht mal der UNHCR<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, da wird gefoltert,…finanziert von der EU! Was passiert, wenn diese Lager &#252;berf&#252;llt sind? Man nimmt LKWs und f&#252;hrt die MigrantInnen irgendwoanders hin. In letzter Zeit haben diese W&#252;stenr&#252;ckschiebungen, vor allem bez&#252;glich der Hera-Operation vor den Kanaren, mehr Aufmerksamkeit bekommen. W&#246;chentlich landen hunderte MigrantInnen und v.a. Jugendliche in der W&#252;ste, ohne Lebensmittel und sind so dem Tod ausgeliefert, wenn das Rote Kreuz sie nicht rettet oder sie die unglaubliche Kraft haben die n&#228;chste Stadt zu erreichen. So versuchen afrikanische Staaten wie Mauretanien oder Algerien, die im Rahmen von FRONTEX-JOs abgefangene Fl&#252;chtlinge zur&#252;cknehmen m&#252;ssen, das „Problem“ weiter in ihre Nachbarstaaten auszulagern – also das Ph&#228;nomen der Kettenr&#252;ckschiebung. Und dass daf&#252;r Gelder aus der EU verwendet werden, die z.B. den Entwicklungsstempel tragen, ist nicht auszuschlie&#223;en. Die EU ist es auch, die beispielsweise in Westafrika Systeme zur Grenz&#252;berwachung implementiert, Grenz&#252;berg&#228;nge errichtet und sogar Grenzschutzpersonal ausbildet. Auch von der EU gestaltete Anti-Emigrations-Spots und Plakate werden in Transit- oder Herkunftsstaaten platziert. An der malisch-mauretanischen Grenze beispielsweise habe ich ein von der EU aufgestelltes Schild mit der Aufschrift: „Stoppt irregul&#228;re Migration – sie ist eine Gefahr f&#252;r die malische Gesellschaft“ gesehen. So weit ist die Exterritorialisierung bereits fortgeschritten.<br />
Das sind die wahren Konsequenzen der europ&#228;ischen Abschottungspolitik: Zuerst in das Lager, wo du keine Rechte hast, keinen Lebensstandard, nicht mal eine Toilette, bis zur R&#252;ckschiebung an inner-afrikanische Grenzen, wo niemand zimperlich ist. Die Geschichte ist nach der Abschiebung nicht zu Ende. Die Menschen kommen traumatisiert zur&#252;ck, wenn sie es &#252;berhaupt zur&#252;ck schaffen. Nachdem die EU die Fl&#252;chtlingsbek&#228;mpfung auslagert hat, sind eben auch viel h&#228;rtere Regimes und Diktaturen mit im Spiel, die mit Genfer Fl&#252;chtlingskonvention und Menschenrechten nichts am Hut haben. Das hei&#223;t in Folge auch, dass der Fl&#252;chtlingsschutz, der eigentlich oberste Priorit&#228;t haben sollte, in Drittstaaten ausgelagert wird, wo er nicht gesichert ist.<br />
 <br />
<em>In den Medien gibt es ja alle paar Monate wieder einen humanit&#228;ren Aufschrei, wenn z.B. wieder ein Boot voller halb-verhungerter Fl&#252;chtlinge auf Lampedusa gestrandet ist. Warum passiert da eigentlich nicht mehr, z.B. von Seiten der lokalen Bev&#246;lkerung?<br />
</em> </p>
<p>In den letzten Jahren wird vermehrt auf eine enorme Angstmache gesetzt. FischerInnen werden zum Beispiel kriminalisiert, wenn sie Fl&#252;chtlinge gerettet haben. Eigentlich sind sie nach internationalem Seerecht verpflichtet, Menschen, die in Seenot geraten sind, zu helfen. Die FischerInnen, die sich daran gehalten haben, haben dann Verfahren am Hals gehabt. Ihre Boote wurden konfisziert, sie konnten ihren Beruf nicht mehr aus&#252;ben und mussten jahrelange Verfahren wegen Schlepperei aushalten. Das &#246;ffentlichkeitswirksamste Verfahren war das der Cap Anamur, ein deutsches Hilfsschiff mit Elias Bierdel<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> an Bord. Er und die Mannschaft hatten einen drei bis f&#252;nf j&#228;hrigen Prozess wegen Schlepperei und wurden freigesprochen. Die Cap Anamur hatte vierzig Menschen aufgenommen. Trotz des Freispruchs sind die FischerInnen sehr eingesch&#252;chtert, auch die Zivilgesellschaft greift deswegen selten ein.<br />
 <br />
<em>Wie kann man gegen FRONTEX vorgehen? Auf Ebene der Realpolitik und der Verhandlungen ist schwer etwas zu machen, wenn FRONTEX auch rechtlich so unangreifbar ist. Kann es &#252;berhaupt von dieser Warte aus gehen?<br />
</em> </p>
<p>Innerhalb von FRONTEX oder des EU-Grenzschutzes wird es schwer sein etwas zu ver&#228;ndern. Au&#223;erdem hat FRONTEX in der EU ein gutes Standing. Das Budget der Agentur wird immer wieder erh&#246;ht, das hei&#223;t man ist mit der Arbeit im Gro&#223;en und Ganzen zufrieden. Die Europ&#228;ischen Gr&#252;nen haben vor kurzem eine Studie herausgegeben, die die Vereinbarkeit von FRONTEX mit den Menschenrechten in Frage stellt. Diese Vorst&#246;&#223;e sind sehr wichtig, aber haben sie momentan keine Mehrheit im Parlament.<br />
Dar&#252;ber hinaus gibt es innerhalb von FRONTEX und des europ&#228;ischen Grenzschutzes auch gar kein Interesse daran die Entwicklungen in eine progressive Richtung zu ver&#228;ndern. FRONTEX ist eng verzahnt mit der europ&#228;ischen Polizei und den Geheimdiensten. Das Problem ist also das System. Wenn man dieser Logik folgt, in der unsere Staaten und unsere Wirtschaft funktionieren und unser Markt, unsere Politik sich bewegen, die auf Profit, Konkurrenz, eigenem Vorteil und auf Ausbeutung basiert, wird sich nichts &#228;ndern. Wenn wir eine/n MenschrechtsbeobachterIn mehr in ein Abschiebeflugzeug schicken, ist das nur ein Tropfen auf den hei&#223;en Stein. Vielleicht bewirkt es Peanuts, aber das ist viel zu wenig. Die Strukturen sind viel zu festgefahren.<br />
Es muss jetzt viel mehr darum gehen grunds&#228;tzliche Fragen zu stellen: Warum fl&#252;chten Menschen und finden keine Lebensgrundlage in ihren Herkunftsl&#228;ndern mehr? Da ist die Europ&#228;ische Union mit ihren hohen Agrarsubventionen, dem Leerfischen von Meeren und dem Aufrechterhalten von Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen ja alles andere als unbeteiligt. Und wenn das klar ist, funktioniert auch ein Aufsplitten in „eure“ und „unsere“ Probleme nicht mehr. Eine solche Argumentation ist dann nicht mehr haltbar. Ein erster Schritt w&#228;re meiner Meinung nach auch eine &#220;berarbeitung der Genfer Fl&#252;chtlingskonvention aus dem Jahr 1951, die ich f&#252;r veraltet halte und die Wirtschaftsflucht immer noch nicht als legalen Fluchtgrund anerkennt, auch wenn wirtschaftliche Not, Armut und Hunger in Realit&#228;t lebensbedrohlich sind.<br />
Aus jetziger Perspektive ist es meiner Meinung nach unverzichtbar ein breites Bewusstsein f&#252;r die reale Situation von MigrantInnen an den EU-Au&#223;engrenzen und dar&#252;ber hinaus zu erzeugen und die Mythen &#252;ber Ausl&#228;nderInnen, die Einheimischen, die Jobs wegnehmen und kriminell sind – die ganze rechtspopulistische Propaganda eben – zu dekonstruieren. Es gibt ja auch Studien dazu. Das Wissen ist da. Je mehr Menschen, die Mythen als solche erkennen und einsehen, dass hier Unrecht passiert, desto besser. Da k&#246;nnen auch kleine Aktionen, Flashmobs, M&#228;rsche, Diskussionen und jegliche Art der Bewusstseinsbildung helfen. MigrationsgegnerInnen argumentieren h&#228;ufig damit, dass Zuwanderung eine Kostenfrage und unleistbar sei. Real zahlen MigrantInnen mehr ins &#246;sterreichische Sozialsystem ein, als sie herausbekommen und verrichten vorrangig T&#228;tigkeiten unter ihrer Qualifikation.<br />
Die Verh&#228;ltnisse werden sich nur durch &#246;ffentlichen Druck ver&#228;ndern lassen und ich denke, dass wir momentan eine sehr spannende Zeit der Umbr&#252;che erleben. &#220;ber Nordafrika hinaus sind die Menschen in Spanien und Griechenland emp&#246;rt &#252;ber die herrschenden Zust&#228;nde und artikulieren ganz klar ihre Unzufriedenheit mit dem System, mit einer „repr&#228;sentativen Demokratie“, durch die sie sich nicht repr&#228;sentiert f&#252;hlen und mit der Kluft zwischen Arm und Reich, die immer gr&#246;&#223;er wird, da an den falschen Ecken eingespart wird oder Geld einfach versickert. In Bezug auf die Migrationspolitik ist es an der Zeit die gesamtgesellschaftliche Haltung zu Einwanderung und zum Fl&#252;chtlingsschutz zu ver&#228;ndern, ein fremdenfreundliches Klima und eine offene Atmosph&#228;re zu schaffen, in der mensch sich wohlf&#252;hlen kann und anerkannt wird. Also: Mythen dekonstruieren und Solidarit&#228;t zeigen! </p>
<p><em>Stephanie Deimel</em> ist Politikwissenschaftlerin und hat ihre Diplomarbeit zu FRONTEX und den Auswirkungen des EU-Au&#223;engrenzmanagements auf Migrationsbewegungen geschrieben. Im Fr&#252;hjahr 2011 nahm sie gemeinsam mit AktivistInnen des Netzwerkes <em>Afrique-Europe-Interact</em> an einer Karawane zum Weltsozialforum teil, die sich f&#252;r Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung einsetzt. </p>
<p><strong>Interessante Links:</strong><br />
Borderline Europa: <a href="http://www.borderline-europe.de/">http://www.borderline-europe.de/</a><br />
Frontex-Watch: <a href="http://frontex.antira.info/">http://frontex.antira.info/</a>Frontexplode: <a href="http://frontexplode.eu/">http://frontexplode.eu/</a>Welcome to Europe: <a href="http://w2eu.net/">http://w2eu.net/</a>Afrique-Europe-Interact: <a href="http://www.afrique-europe-interact.net/">http://www.afrique-europe-interact.net/</a>Migreurop: <a href="http://www.migreurop.org/?lang=fr">http://www.migreurop.org/?lang=fr</a></p>
<p><strong>Traurige Links:</strong><br />
Frontex-Homepage: <a href="http://www.frontex.europa.eu/ ">http://www.frontex.europa.eu/ </a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> http://www.FRONTEX.europa.eu/newsroom/news_releases/art109.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> http://afrique-europe-interact.net/index.php?article_id=462&#038;clang=0<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Artikel 13 (2): „Jeder Mensch hat das Recht jedes Land, einschlie&#223;lich seines eigenen, zu verlassen.&#8221;<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> „Strategische Komitee f&#252;r Einwanderungs-, Grenz- und Asylfragen“, wurde im Rahmen der SCIFA die Common Unit („Gemeinsame Instanz von Praktikern f&#252;r die Au&#223;engrenzen“) eingerichtet. Diese organisierten den Aufbau der Ad-hoc-Zentren f&#252;r die Luft-, See- und Landgrenzen sowie die Risikoanalyse (RAC) und die gemeinsame Ausbildung von Grenzbeamten (ACT), die als Vorg&#228;nger von FRONTEX zu bezeichnen sind.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> UN Refugee Agency<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Elias Bierdel hat Borderline gegr&#252;ndet.</p>
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		<title>Freiheit statt Frontex</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Mar 2011 13:02:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Netzwerke afrique-europe-interact, Welcome to Europe und das Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung haben eine Stellungnahme zu den Revolten in Nordafrika und der m&#246;rderischen Grenzpolitik Europas verfasst.

FREIHEIT STATT FRONTEX
Keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit

Die Dynamik des arabischen Fr&#252;hlings strahlt aus in die ganze Welt. Die Aufstandsbewegungen im Maghreb machen Mut und Hoffnung, nicht nur weil despotische Regime verjagt werden, die vor [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Netzwerke <a href="http://www.afrique-europe-interact.net">afrique-europe-interact</a>, <a href="http://w2eu.net/">Welcome to Europe</a> und das <a href="http://kritnet.org/">Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung</a> haben eine Stellungnahme zu den Revolten in Nordafrika und der m&#246;rderischen Grenzpolitik Europas verfasst.<br />
<span id="more-1848"></span></p>
<p><strong>FREIHEIT STATT FRONTEX<br />
Keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit</strong><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/528382.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/528382-300x187.jpg" alt="" title="52838" width="300" height="187" class="alignnone size-medium wp-image-1853" /></a></p>
<p>Die Dynamik des arabischen Fr&#252;hlings strahlt aus in die ganze Welt. Die Aufstandsbewegungen im Maghreb machen Mut und Hoffnung, nicht nur weil despotische Regime verjagt werden, die vor kurzem noch un&#252;berwindbar erschienen. So offen die weiteren Entwicklungen bleiben, im Dominoeffekt der tunesischen Jasminrevolution meldet sich in atemberaubender Schnelligkeit die alte Erkenntnis zur&#252;ck, dass Geschichte von unten gemacht wird. Die K&#228;mpfe richten sich gegen die t&#228;gliche Armut wie auch gegen die allgemeine Unterdr&#252;ckung, es geht gleicherma&#223;en um bessere Lebensbedingungen wie um W&#252;rde, kurz: um „Brot und Rosen“.</p>
<p>Die unglaublichen Tage auf dem Tahrirplatz in Kairo stehen f&#252;r die Suche nach neuen Formen der Selbstorganisierung und Basisdemokratie. Der Wunsch nach gleichen Rechten, nach Autonomie und Teilhabe am wirtschaftlichen Reichtum, spiegelt sich aber auch in den Booten Richtung Europa wieder: jetzt aus Tunesien, seit Jahren aus Nord- und Westafrika. „Exit“ – sich die Bewegungsfreiheit zu nehmen und zu migrieren, um ein anderes, besseres Leben zu finden, und „Voice“ – die Stimme zu erheben und den Kampf vor Ort zu f&#252;hren, sind keine Gegens&#228;tze, sie stehen vielmehr in einem lebendigen Wechselverh&#228;ltnis.</p>
<p>Das hatten – noch offenkundiger – bereits die Umbr&#252;che 1989 gezeigt. Die Abstimmung mit den F&#252;&#223;en katalysierte damals die Protestbewegungen gegen das realsozialistische Unterdr&#252;ckungsregime. Die Mauer ist auch deshalb gefallen, weil die Menschen ihre Bewegungsfreiheit durchgesetzt haben. Um so verlogener erscheint heute die Freiheitsrhetorik westlicher PolitikerInnen, die angesichts der Migrationsbewegungen aus und &#252;ber Nordafrika einmal mehr das Bedrohungsszenario der &#220;berflutung bem&#252;hen, gegen die nun die europ&#228;ische Grenzschutzagentur Frontex in Stellung gebracht wird.</p>
<p>Die EU-Regierungen haben die nordafrikanischen Machthaber hofiert und gest&#252;tzt und sich in den letzten Wochen z&#246;gerlich bis bremsend gegen&#252;ber den Aufstandsbewegungen verhalten. Dahinter stecken starke &#246;konomische Interessen, aber auch die gewachsene Kollaboration in der Migrationskontrolle. Despoten wurden umso wichtigere „Partner“, je effektiver sie als Wachhunde f&#252;r ein vorverlagertes EU-Grenzregime fungierten. Migrationsbewegungen aus Afrika sollten um jeden Preis einged&#228;mmt werden.</p>
<p>Tausendfacher Tod und Leid nicht mehr nur auf See, sondern auch in den W&#252;sten und Internierungslagern waren und sind die Folgen dieser sch&#228;ndlichen Komplizenschaft. Die subsaharischen MigrantInnen, die aktuell in Libyen Opfer pogromartiger Hetzjagden werden, sahen sich unter dem Gaddafi-Regime seit Jahren einer systematischen Entrechtung, Willk&#252;r und Misshandlungen ausgeliefert. Die EU hat dem libyschen Diktator Millionen gezahlt und &#220;berwachungstechnik geliefert, eine &#228;hnliche Kooperation gibt es mit dem marokkanischen Machthaber, und bis vor kurzem auch mit dem tunesischen Regime. Die arabischen Revolutionen markieren jetzt das m&#246;gliche Scheitern dieses brutalen Ausgrenzungsprojekts der EU im Mittelmeerraum.</p>
<p>Mit den gezielt medial gestreuten Bef&#252;rchtungen &#252;ber einen Kollaps der Migrationskontrolle wird nun die weitere Versch&#228;rfung und Militarisierung des EU-Grenzregimes legitimiert, verk&#246;rpert durch Frontex. Die europ&#228;ische Grenzschutzagentur erg&#228;nzt und erweitert die nationalen Kontrollsysteme, die seit Jahrzehnten auf Abschreckung und Kriminalisierung der Migrationsbewegungen zielen. Frontex soll – wie bereits vor der westafrikanischen K&#252;ste oder an der griechisch-t&#252;rkischen Grenze – nun auch verst&#228;rkt vor Nordafrika zum Einsatz gebracht werden.</p>
<p>Italien erh&#228;lt die Federf&#252;hrung f&#252;r diese „Operation Hermes“. Das ist konsequent und schockierend ehrlich: In Folge des Schulterschlusses zwischen Berlusconi und Gaddafi kam es in den letzten Jahren zu unz&#228;hligen unrechtm&#228;&#223;igen R&#252;ckschiebungen im Mittelmeer, der italienische Staat hat sich geradezu als Meister im Bruch aller Fl&#252;chtlingsskonventionen inszeniert. Und nicht zuf&#228;llig wird kriminalisiert, wer das Leben der Boatpeople rettet. Das zeigen die F&#228;lle der Cap Anamur oder der tunesischen Fischer, deren Prozesse in Italien noch immer andauern.</p>
<p>MigrantInnen suchen Schutz oder ein besseres Leben in Europa. Sie wandern gegen ein Reichtumsgef&#228;lle, das ganz wesentlich in den neokolonialen Dominanz- und Ausbeutungsverh&#228;ltnissen zwischen Europa und Afrika begr&#252;ndet liegt. In Europa muss sich der universelle Anspruch auf Freiheit und Demokratie deshalb am Umgang mit denjenigen messen lassen, die auf dem Weg der Migration gleiche Rechte einfordern. Frontex steht f&#252;r den Ausbau eines t&#246;dlichen Grenzregimes, f&#252;r das in einer freien Welt kein Platz ist. Der Tod an den Au&#223;engrenzen k&#246;nnte schon morgen Geschichte sein. Aber das ist politisch nicht gewollt. Stattdessen f&#252;hren die EU-Verantwortlichen einen regelrechten Krieg an den Au&#223;engrenzen.</p>
<p>Innerhalb der EU geh&#246;ren Entrechtung und Abschiebung zum rassistischen Alltag, in dem „Integration“ als Druckmittel der Anpassung und Ausbeutung in den Niedriglohnsektoren benutzt wird. Doch dieser selektive Umgang mit Migration ist mit Widerst&#228;ndigkeiten und Beharrlichkeiten konfrontiert, die das System der Ungleichheiten und Unfreiheiten immer wieder herausfordern. Nicht zuf&#228;llig findet in dieser bewegten Zeit ein dramatischer Hungerstreik von 300 maghrebinischen MigrantInnen f&#252;r ihre Legalisierung in Griechenland statt. Und verst&#228;rkt flackern Bleiberechtsk&#228;mpfe und migrantische Streiks quer durch Europa auf, seit Sans Papiers – insbesondere aus Afrika – vor 15 Jahren in Paris mit der Forderung „Papiere f&#252;r Alle“ in die &#214;ffentlichkeit traten.</p>
<p>Der Aufbruch in Nordafrika zeigt, was alles m&#246;glich ist. Es geht um nicht weniger als um ein neues Europa, ein neues Afrika, eine neue arabische Welt. Es geht um neue R&#228;ume der Freiheit und Gleichheit, die es in transnationalen K&#228;mpfen zu entwickeln gilt: in Tunis, Kairo oder Bengazi genauso wie in Europa und den Bewegungen der Migration, die die beiden Kontinente durchziehen.</p>
<p>8. M&#228;rz 2011<br />
Afrique-Europe-Interact<br />
Welcome to Europe<br />
Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung</p>
<p>Zum Unterzeichnen der Deklaration bitte eine entsprechende kurze Mitteilung an fsf@antira.info schicken.</p>
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		<title>Risse in der Festung Europa?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/risse-in-der-festung-europa/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:15:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Schwenken, Helen: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme. Politische Mobilisierungen um irregul&#228;re Migration in die Europ&#228;ische Union. Bielefeld: transcript 2006, 29,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Schwenken, Helen: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme. Politische Mobilisierungen um irregul&#228;re Migration in die Europ&#228;ische Union. Bielefeld: transcript 2006, 29,80 €</p>
<p><span id="more-127"></span> Im Gro&#223;teil der sozialwissenschaftlichen Literatur wird das Ph&#228;nomen der Migration in erster Linie aus dem Blickwinkel der Integration betrachtet. „Integrationsfixierung“ nennt Helen Schwenken das und macht schon zu Beginn ihres mit 370 Seiten recht umfangreichen Buches deutlich, dass sie hierin eine problematische Verengung der Thematik sieht. Das Anliegen der Kasseler Politikwissenschaftlerin, die selbst im Untersuchungsfeld politisch aktiv ist, ist es, die M&#246;glichkeitsbedingungen politischer Mobilisierung von irregul&#228;ren MigrantInnen auszuloten. In ihrer Dissertation stellt sie MigrantInnen als handelnde Subjekte n den Mittelpunkt ihrer Analysen, nennt und untersucht jedoch auch eine Reihe anderer AkteurInnen, die im <em>Konfliktfeld </em>Migration agieren. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie den <em>Kontextstrukturen</em>, aus denen sich der Grad der <em>Offenheit </em>f&#252;r politische Anliegen von MigrantInnen ableiten l&#228;sst. Gleichzeitig werden die bewussten oder unbewussten Strategien beleuchtet, die von staatlicher Seite, NGOs und MigrantInnen erfolgt werden.<br />
Ein Ergebnis der Studie ist die Unterscheidung von drei Mobilisierungstypen, die jeweils andere Tr&#228;gerInnen und Ziele haben und &#252;ber unterschiedliche Handlungsspielr&#228;ume verf&#252;gen. Hierbei fasst die Autorin „politische Mobilisierung“ mit dem Verweis auf die Theorie Antonio Gramscis soweit, dass auch staatliches Handeln unter den Begriff f&#228;llt.<br />
Der erste Mobilisierungstyp ist das vorwiegend staatlich betriebene „repressive Migrationsmanagement“, das wohlweislich von „illegaler Migration“ spricht und ihre Bek&#228;mpfung zum Ziel hat. Zweitens gibt es den Ansatz der Re-Regulierung“, der &#252;berwiegend von gro&#223;en <em>pro-migrant-Organisationen</em> und <em>advocacy-Netzwerken</em> vertreten wird. Sie wollen Migration regulieren und gerecht(er) gestalten. Drittens l&#228;sst sich noch eine sehr heterogene Akteursgruppe ausmachen, deren Maxime sich mit der Forderung des „Rechts auf Rechte“ charakterisieren l&#228;sst. Neben MigrantInnen-Selbstorganisationen lassen sich auch einige <em>pro-migrant-Organisationen</em> in diese Kategorie einordnen. Sie betrachten irregul&#228;re Migration als eine soziale Tatsache und versuchen nicht nur die konkreten Lebensbedingungen der irregul&#228;ren MigrantInnen sondern auch ihre rechtliche Situation zu verbessern und die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Konfliktfeld der Migration grunds&#228;tzlich zu verschieben.<br />
Anhand von zwei Fallbeispielen werden die Voraussetzungen erfolgreicher politischer Mobilisierung der „schwachen Interessen“ von irregul&#228;ren MigrantInnen aufgezeigt.<br />
Bei der ersten Fallstudie handelt es sich um das Rote-Kreuz-Zentrum in Sangatte an der Nordk&#252;ste Frankreichs, in dem ich von 1999 bis 2002 insgesamt etwa 80.000 Menschen aufhielten, die irregul&#228;r nach England einreisen wollten. Helen Schwenken vollzieht die Auseinandersetzungen auf den verschiedenen Ebenen nach. Sie schildert detailreich die Entwicklung verschiedener Formen des migrantischen Widerstands, der &#252;ber Demonstrationen, die Ver&#246;ffentlichung von Forderungen bis zu Besetzungsaktionen und Eindringen in den Eurotunnel reichte. Sie argumentiert, dass sich in den Grenzr&#228;umen auf spezifische Weise Macht-, Wissens- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse &#252;berschneiden, welche diese zu pr&#228;destinierten „terrains of resistence“ machen.<br />
Auch der Konflikt auf staatlicher Ebene wird beleuchtet, um das Zustandekommen der Konfliktkonstellation zu erl&#228;utern. Der Elitenkonflikt zwischen franz&#246;sischer und englischer Regierung habe es erm&#246;glicht, so ihre These, dass das Zentrum des Roten Kreuzes &#252;berhaupt &#252;ber einen relativ langen Zeitraum als Zwischenstation f&#252;r MigrantInnen Bestand hatte und eine breite gesellschaftliche Debatte anstie&#223;, in der auch die MigrantInnen und ihre Verb&#252;ndeten als AkteurInnen sichtbar wurden.<br />
Bei der zweiten Fallstudie handelt es sich um eine Untersuchung des RESPEKTNetzwerks von und f&#252;r MigrantInnen, die ohne g&#252;ltigen Arbeits- und Aufenthaltsstatus in Privathaushalten Arbeiten verrichten. Im Gegensatz zu den relativ spontanen Protesten in Sangatte, die nur in der speziellen r&#228;umlichen und zeitlichen Konstellation Wirkungsm&#228;chtigkeit entfalteten, werden bei der Untersuchung des RESPEKT-Netzwerks die Kontinuit&#228;t der Interventionen und das geschickte strategische Vorgehen hervorgehoben.<br />
Die Fallstudien, welche auch f&#252;r sich allein stehen k&#246;nnen, werden vielfach mit den Analysen &#252;ber den Einfluss der neu entstehenden Strukturen der Europ&#228;ischen Union und &#220;berlegungen zu m&#246;glichen B&#252;ndnispartnern der irregul&#228;ren MigrantInnen verschr&#228;nkt. Besonders aufschlussreich ist ein Kapitel, in dem Erfahrungen beim Versuch der Kooperation mit Gewerkschaften zusammengetragen werden. Helen Schwenken pl&#228;diert f&#252;r ein st&#228;rkeres Engagement der Gewerkschaften und z&#228;hlt verschiedene Gr&#252;nde f&#252;r deren Zur&#252;ckhaltung auf. Struktur und Gr&#246;&#223;e der Gewerkschaften haben oftmals eine gewisse Tr&#228;gheit zur Folge. Auf neue Entwicklungen im Arbeitssektor wie dem Anstieg informeller, prek&#228;rer Erwerbsarbeit und der Internationalisierung des Arbeitsmarkts wird nur z&#246;gerlich reagiert. Au&#223;erdem m&#252;ssen sich migrantische Initiativen gegen rassistische Ressentiments in den Reihen der Gewerkschaftsmitglieder durchsetzen. Die Autorin nennt aber auch Beispiele f&#252;r erfolgreiche Ans&#228;tze. Hierzu z&#228;hlen der von der IG BAU gegr&#252;ndete „Europ&#228;ische Verband der Wanderarbeiter“ und die amerikanischen <em>worker centers</em>.<br />
Eine besonders kreative Ma&#223;nahme stellt die Entscheidung der britischen <em>Transport and General Workers’ Union</em> dar, Gewerkschaftsmitgliedskarten unabh&#228;ngig vom Aufenthaltsstatus zu vergeben.<br />
Dieses Dokument erm&#246;glicht es auch MigrantInnen „sans papiers“ sich auszuweisen, wenn sie in eine Polizeikontrolle kommen oder ins Krankenhaus m&#252;ssen. Durch diese Schilderungen tr&#228;gt das Buch zur Sichtbarmachung von lokalen und nationalen K&#228;mpfen und ihrer partiellen Erfolge bei.<br />
Zu der gro&#223;en Bandbreite der untersuchten Themenfelder und der auf unterschiedlichen Ebenen ansetzenden Fragestellungen kommt hinzu, dass die Studie Beispiele aus Frankreich, Deutschland und England heranzieht und dabei die sich unterscheidenden Bedingungen f&#252;r den Kampf der MigrantInnen unterstreicht. Auch das lobbypolitische Zentrum in Br&#252;ssel wird untersucht. In diesem Zusammenhang wird jedoch eine kritische Betrachtung der Institutionalisierungsprozesse sozialer Bewegung vernachl&#228;ssigt. Der fast durchgehend positive Bezug auf feministische B&#252;rokratinnen stellt hierf&#252;r ein anschauliches Beispiel dar. Denn f&#252;r linke, im Migrations- und Fl&#252;chtlingsbereich aktive Organisationen ist die Frage nach den unintendierten Wirkungen des eigenen Engagements von zentraler Bedeutung: Wo muss die Hilfe f&#252;r Betroffene und die konkrete Verbesserung ihrer Lebensbedingungen an erster Stelle stehen und wann tr&#228;gt das eigene Engagement lediglich zur Optimierung des repressiven Migrationsmanagements bei? Diesen Fragen wird in der Arbeit zu wenig Platz einger&#228;umt.<br />
In der Arbeit finden sich auch kurze theoretische Abschnitte, in denen wichtige Referenzpunkte wie Pierre Bourdieus Theorie des sozialen Kapitals, Foucaults Vorstellungen von Macht und Widerstand und Bob Jessops Ansatz der strategischen Selektivit&#228;t benannt werden.<br />
Helen Schwenken ist sich der politischen Implikationen der Begriffe, die auf dem umk&#228;mpften Feld der Migration verwendet werden, bewusst, und legt die sowohl politisch als auch methodisch motivierten Entscheidungen f&#252;r ihre Begriffswahl verschiedentlich offen.<br />
Die Autorin verzichtet weitgehend auf isolierte, ausschlie&#223;lich theoretisch angelegte Kapitel. Die Entscheidung, stattdessen &#252;ber die Kapitel hinweg konkrete Beispiele mit pr&#228;ziser Weitergabe von Fakten und theoretischen Er&#246;rterungen zu verkn&#252;pfen, tr&#228;gt ma&#223;geblich zur guten Lesbarkeit der Arbeit bei und erm&#246;glicht auch die gewinnbringende Lekt&#252;re einzelner Abschnitte.<br />
Hinsichtlich der gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen um eine <em>neue Form von Souver&#228;nit&#228;t</em> kommt Helen Schwenken zu dem Schluss, dass die These vom Verschwinden der Grenzen ebenso wie jene von der Aufl&#246;sung des Nationalstaats nicht haltbar ist. Vielmehr sei eine Verschiebung der Grenzen ins Innere, das Unsichtbarwerden von Grenzverl&#228;ufen und die Vervielfachung von &#220;berwachungs- und Kontrollpunkten festzustellen.<br />
Eine Reihe von theoretischen Debatten, die im Zusammenhang mit dem Konfliktfeld Migration stehen, werden leider lediglich angerissen. So etwa die Frage nach neuen Subjektivit&#228;ten und der Notwendigkeit von kollektiven Identit&#228;ten sowie die Diskussion um unterschiedliche Rechtsauffassungen und ihre politischen Implikationen. Vor dem Hintergrund dieser Debatten scheint der Titel „Rechtlos aber nicht ohne Stimme“ ungl&#252;cklich gew&#228;hlt, da er inhaltlich den Kernthesen der Arbeit nicht gerecht wird. Auch irregul&#228;re MigrantInnen haben unver&#228;u&#223;erliche Rechte. Ob diese faktisch von Bedeutung sind, ist von politischen K&#228;mpfen, gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnissen und Strategien der politischen Mobilisierung um Migration abh&#228;ngig.<br />
Methodisch st&#252;tzt sich die Arbeit auf eine Mischung aus ExpertInneninterviews, Dokumentenanalyse, Ereignisdatenanalyse und teilnehmender Beobachtung. Als besonders fruchtbar erweist sich hierbei der <em>framing</em>-Ansatz: Es werden M&#246;glichkeiten und Prozesse fokussiert, in denen soziale Bewegungen ihre Anliegen artikulieren, pr&#228;sentieren und nach Au&#223;en wie Innen mit Legitimation und Sinn versehen.<br />
Die Autorin beschr&#228;nkt sich nicht auf die Betrachtung der unterschiedlichen Strategien, die hinter der Entscheidung zu Lobbyarbeit auf Europ&#228;ischer Ebene oder der Ausrichtung von autonomen <em>noborder</em>-Grenzcamps stehen. Vielmehr versucht sie, die dahinter stehenden <em>framings </em>auszumachen und deren Anschlussm&#246;glichkeit, Resonanz und politische Implikationen zu ergr&#252;nden.<br />
So benennt Helen Schwenken etwa die Diskussion um <em>Frauenhandel </em>bzw. <em>neue Sklaverei</em> als einen <em>frame</em>, der zwar auf gro&#223;e Resonanz st&#246;&#223;t, jedoch auch an repressive Sicherheitsdiskurse anschlussf&#228;hig ist und die Situation vieler MigrantInnen nicht erfassen kann. Dem entgegen steht der <em>„Autonomie der Migration“-frame</em>, der MigrantInnen zwar nicht in eine Opferrolle dr&#228;ngt sondern zu handelnden Subjekten macht, dessen Forderungen jedoch wesentlich geringere politische Realisierungschancen haben.<br />
Die Arbeit bietet einen guten &#220;berblick &#252;ber die aktuellen europ&#228;ischen Entwicklungen der Migrationspolitik und liefert eine Reihe von Anregungen f&#252;r LeserInnen, die selbst an den politischen Auseinandersetzungen teilnehmen. Zwar sind die Ergebnisse der Studie, wie betont wird, nicht auf andere Politikfelder &#252;bertragbar. Helen Schwenken hat jedoch eine Arbeit vorgelegt, die zeigt, wie die Analyse politischer M&#246;glichkeitsbedingungen emanzipatorischer K&#228;mpfe aussehen muss, um die Erfolgschancen der Organisierung „schwacher Interessen“ zu erh&#246;hen.<br />
Helen Schwenken macht deutlich, dass sie nicht nur <em>&#252;ber</em>, sondern auch <em>f&#252;r </em>die Akteure im Konfliktfeld Migration schreibt. Hierbei positioniert sie sich durch ihre wissenschaftliche Analyse zweifelsfrei auf der Seite der MigrantInnen und der <em>pro-migrant-Organisationen</em> und liefert eine fundierte Kritik an der Ausrichtung des europ&#228;ischen Grenzregimes. Auch ihrem eigenen Anspruch einer feministischen Perspektive auf den Themenkomplex Migration wird sie gerecht. Insbesondere die Auswahl des RESPEKT-Netzwerkes, in dem &#252;berwiegend philippinische Frauen organisiert sind, unterstreicht diesen Fokus. Es gelingt ihr, das Potential einer Verschr&#228;nkung von Frauenrechts- und Migrationsthemen in der gegenw&#228;rtigen europ&#228;ischen Konstellation aufzuzeigen.<br />
Das Buch stellt einen wichtigen Beitrag zum Thema irregul&#228;re Migration dar. Die Lekt&#252;re ist wissenschaftlich Interessierten aber auch AktivistInnen w&#228;rmstens zu empfehlen, da Helen Schwenken <em>windows of opportunity</em> und Erfolge aufzeigt, ohne &#252;ber die schwierigen Bedingungen emanzipatorischer Mobilisierungen im Feld irregul&#228;rer Migration hinwegzut&#228;uschen.</p>
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		<title>Europa macht dicht</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/europa-macht-dicht/</link>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 01:10:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Corinna Milborn: Gest&#252;rmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Wien-Graz-Klagenfurt: Styria 2006. 19,90 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Corinna Milborn: Gest&#252;rmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Wien-Graz-Klagenfurt: Styria 2006. 19,90 €<br />
<span id="more-95"></span><br />
Wer die Medien verfolgt, kennt unz&#228;hlige Beispiele wie diese: Zehn Tote Fl&#252;chtlinge wurden vor der Insel Lampedusa aus dem Meer gefischt, sie kamen aus Nordafrika, vierzig bleiben vermisst, oder: auf den Kanaren sind in den letzten Tagen neunhundert Menschen an Land gekommen, die aus Afrika gefl&#252;chtet sind. Beinahe t&#228;glich sind Nachrichten von ausgehungerten, halb verdursteten, gekenterten oder toten Menschen zu lesen, die versucht hatten, von einem Kontinent zum anderen mittels abenteuerlich zusammen gebauter Boote in ein neues Leben zu gelangen. Auch die Berichte &#252;ber Reaktionen der Regierungen sind zu vernehmen: Italienische Minister hatten in der Vergangenheit vorgeschlagen, die Fl&#252;chtlingsboote durch Bombardierung zu vertreiben, Spanien schreit nach europ&#228;ischem Heer an seinen Grenzen. Menschen, die es geschafft haben, europ&#228;isches Festland zu erreichen ohne sofort wieder abgeschoben zu werden, leben oftmals in der Illegalit&#228;t, in Vorstadtghettos, so wie in Paris oder in Rom, wo eine riesige Stahlmauer errichtet wurde, da die Stadtverwaltung Ausl&#228;nderwohnbl&#246;cke vom Rest der Gesellschaft abgrenzen will.<br />
Corinna Milborn, &#246;sterreichische Politikwissenschafterin und Journalistin hat nun ein Buch verfasst, das sich umfassend mit der europ&#228;ischen Migrationspolitik auseinandersetzt.<br />
Milborn beginnt mit einem Besuch an den beiden einzigen europ&#228;ischen St&#228;dten auf afrikanischem Boden – Ceuta und Melilla, am mittlerweile sechs Meter hohen Zaun, welcher die europ&#228;ischen Au&#223;engrenzen vor den Fl&#252;chtlingen sch&#252;tzen soll. Sie trifft Menschen, die es geschafft haben, die erz&#228;hlen wieso und wie sie gekommen sind, von unendlichen M&#228;rschen durch die W&#252;ste, von Freunden, die von europ&#228;ischen „Verteidigern“ schwer verletzt wurden und wie sie jetzt leben. Es bleibt aber nicht bei diesen Schilderungen. Milborn analysiert, wie Europas Markt von den Clandestinos, den Illegalen, profitiert. Denn w&#228;hrend die Fl&#252;chtlinge unter M&#252;llhalden-&#228;hnelnden Zust&#228;nden leben m&#252;ssen und st&#228;ndig Angst vor der Abschiebung haben, verrichten sie durch Obst- und Gem&#252;seernte in den Plastikst&#228;dten Spaniens (riesige Fl&#228;chen von Land werden so zu Anbaugebiet f&#252;r Tomaten, Erdbeeren, Salat etc, die sich in unseren Lebensmittelgesch&#228;ften wieder finden) eine Arbeit, die kaum ein Mensch freiwillig machen w&#252;rde. Der Lohn betr&#228;gt wenige Euro in der Woche, und wenn er einmal nicht ausbezahlt wird, kann sich niemand beschweren, denn sonst droht jederzeit die Abschiebung.<br />
Arbeitszeit und Arbeitsumst&#228;nde sind unter jeglichen europ&#228;ischen Rechtsstandards – mit der Vision, der Familie in Afrika ein wenig Geld zukommen lassen zu k&#246;nnen nehmen die Fl&#252;chtlinge aber alles auf sich – und europ&#228;ische Unternehmen profitieren davon.<br />
Aber nicht nur im fernen Spanien, sondern auch in Deutschland oder &#214;sterreich lebt die Wirtschaft davon, dass Menschen ohne jegliche arbeitsrechtliche Absicherung in der Bauwirtschaft, Gastronomie oder zuletzt aktuell geworden – f&#252;r h&#228;usliche Hilfe wie Pflege von Alten hier arbeiten. Diese Menschen, f&#252;r die jede Fahrscheinkontrolle oder jedes Gespr&#228;ch mit der Nachbarin mit Angst vor Entdeckung verbunden ist, haben im Krankheitsfall keine M&#246;glichkeit, in ein Krankenhaus zu gehen, sie k&#246;nnen kein Konto er&#246;ffnen oder sich versichern lassen. Sie sind recht- und schutzlos und werden sich deshalb auch h&#252;ten, beim Arbeitgeber Forderungen einzubringen. Dazu sagt Carmela, eine in Wien illegal Arbeitende, mit der sich Milborn trifft: „Ich sch&#228;tze, dass zumindest die H&#228;lfte der Lokale in Wien Illegale besch&#228;ftigt, vielleicht auch alle. Wir sind ja auch sehr praktisch.“ Auch das Beispiel der VOEST, bei der Arbeiter entdeckt wurden, die 60 Wochenstunden illegal arbeiten mussten, daf&#252;r 1,30 Euro in der Stunde erhielten, w&#228;hrend nach Kollektivvertrag mindestens 10,50 bezahlt werden m&#252;ssten, zeigt, wie Unternehmen von der misslichen Lage der Fl&#252;chtlinge profitieren. Das sind die Arbeitspl&#228;tze also, die den „Inl&#228;ndern“ weggenommen werden?<br />
W&#252;rde ganz Europa, so wie es sich so mancher Politiker w&#252;nscht, von einem Tag auf den Anderen ohne die illegal hier arbeitenden Menschen auskommen m&#252;ssen – es st&#228;nde wohl f&#252;r einige Tage still. So argumentiert der &#214;konom Friedrich Schneider im Buch: „Die Schattenwirtschaft ist der dynamischste Wirtschaftszweig“, und damit gehe auch ein Wachstum der offiziellen Wirtschaft einher. Ein  Anthropologe kommt auch zu Wort und argumentiert, wie n&#252;tzlich f&#252;r die Neoliberalen diese Situation ist: „Sie fordern m&#246;glichst f&#252;gsame und flexible Arbeitskr&#228;fte, die keinerlei sozialen Schutz genie&#223;en und nicht fest gebunden sind… Ausl&#228;nder ohne g&#252;ltige Papiere erhalten keinen Mindestlohn und verursachen keine Sozialkosten, da sie von jeder Sozialversicherung ausgeschlossen sind. ..man kann sie hinauswerfen, wann man will. Es sind Arbeitskr&#228;fte, die nach Strich und Faden ausgebeutet werden k&#246;nnen und genau den Vorstellungen der liberalen Wirtschaftsfachleute entsprechen.“ Er schlussfolgert: „In Wirklichkeit toleriert der Staatsapparat die illegalen Arbeitsm&#228;rkte.“<br />
Nun geht es aber in Milborns Buch nicht in erster Linie um die Situation der Illegal in Europa lebenden, sondern um s&#228;mtliche mit Migration und Politik aktuell wichtige Themen: So genannte gespaltene Gesellschaften, wie sie entstehen und wie Menschen in einer Gesellschaft leben, die sie nicht haben will. Dabei trifft sie junge Muslime in englischen Vorst&#228;dten und es wird nachvollziehbar, woher die von den Medien so genannten „Terrorzellen“ kommen. Jugendlichen wird der Zugang zum Bildungssystem erschwert oder verwehrt, Familien m&#252;ssen in heruntergekommenen Siedlungen leben, die eigene geschaffene Identit&#228;t wird so immer wichtiger, da die „neue“ Heimat eben keine anbietet.  Auch aktuelle Entwicklungen seit dem „War on Terror“, nehmen so im Buch eine wichtige Rolle ein und die Gespr&#228;che die die Autorin mit den jungen ImmigrantInnen in London f&#252;hrt, machen in ihren Aussagen deutlich, wo auch innerhalb der europ&#228;ischen Grenzen die Regierungen versagt haben.<br />
Schnell wird klar: Es ist nicht die Einwanderung, die Probleme schafft, sondern es ist der politische Umgang damit.<br />
Die Autorin bringt in ihren Argumenten immer wieder aktuellste Beispiele aus Nachbarl&#228;ndern und aus &#214;sterreich (welches bekanntlich das restriktivste Staatsb&#252;rgerschaftsgesetz im EU-Vergleich hat), sie geht auf die Menschen ein, konzentriert sich dabei auch auf Themen wie „Frauen zwischen den Welten“. Dabei kommt klar zum Ausdruck, wie es passieren konnte, dass Frauenunterdr&#252;ckung – durchaus ein Wesensmerkmal der europ&#228;ischen Gesellschaft – pl&#246;tzlich zu einer barbarischen Eigenheit muslimischer Einwanderer deklariert wurde. Ein heikles Thema, um das Linke oftmals einen Bogen machen. Nur das Argument „Nicht nur in Familien mit migrantischem Hintergrund gibt es Frauenunterdr&#252;ckung“ hilft den betroffenen Frauen noch nicht. Milborn kritisiert, dass so Missst&#228;nde innerhalb von Familien anderer Religion oder Kultur verdeckt werden, wenn es nur mehr darum gehen kann, sie vor rassistischen Pauschalisierungen verteidigen zu m&#252;ssen. Sie fordert, die Probleme dieser Frauen wie die von gleichwertigen Menschen mit gleichwertigen Rechten zu behandeln und nicht, wie die Probleme von irgendwelchen „Anderen“. Sie weist aber dennoch darauf hin, dass eben durch die fremdenfeindliche Stimmung in Europas Politik genau das nicht m&#246;glich ist, sondern Frauen einmal mehr als Objekt herhalten m&#252;ssen, in diesem Fall, um die Thematik so genannter „traditionsbedingter Gewalt gegen Frauen“ zu instrumentalisieren.<br />
Zusammenfassend handelt es sich hier um ein Buch, das – untermauert durch viele Beispiele – f&#252;r heutige Debatten um Integration, Einwanderung, europ&#228;ische Interessen und Auswirkungen auf die Gesellschaft in und au&#223;erhalb Europas, viele spannende Fragen behandelt.</p>
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