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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Demokratie</title>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;urkovi&#196; zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>1968 oder Der Konflikt um die Demokratie</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.<br />
<span id="more-105"></span><br />
Vierzig Jahre nach 1968 gibt es erneut einen Streit um die politische Bedeutung der Protestbewegung der sp&#228;ten 1960er Jahre. G&#246;tz Aly, selbst aus der damals sich wieder formierenden radikalen Linken kommend und mittlerweile ein angesehener Historiker des Nationalsozialismus, geht, wie andere vor ihm, auf Distanz zu seiner Geschichte, indem er in seinem j&#252;ngsten Buch, in Artikeln und Interviews nahegelegt, dass es zwischen der studentischen Protestbewegung und dem Nationalsozialismus eine intergenerationelle Gemeinsamkeit gegeben habe. Diese Gemeinsamkeit sieht er in der Kritik am System, in der politischen Form der Bewegung, im Antiamerikanismus, im Antisemitismus. Die Reaktion auf Alys Provokation f&#228;llt angemessen aus, der Mangel an Seriosit&#228;t dieser formalen Analogien wird zurecht zur&#252;ckgewiesen. Doch bedeutend an dem Vorgang ist, dass die „Ideen von 1968“, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, wieder einmal Gegenstand einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung geworden sind und dass es nicht gelingt, diese Jahre Vergangenheit sein zu lassen. Darin besteht tats&#228;chlich mehr als eine Analogie: wie der Nationalsozialismus verlangt auch „1968“, historisch und gesellschaftspolitisch Position zu beziehen &#8211; und dies ist der Fall, weil sie in einem inneren Zusammenhang stehen. „1968“ war der Gegensatz zum Nationalsozialismus. Dieses Schl&#252;sseljahr steht f&#252;r die gesellschaftspolitische Alternative: nachdem der Nationalsozialismus die sozialistische Linke in Deutschland vernichtet hatte, entstand sie „1968“ von innen und auf der H&#246;he der Zeit wieder neu. Das lie&#223; sie manchmal triumphalistisch und moralisierend-autorit&#228;r werden, so als k&#246;nne sie nachtr&#228;glich die tiefe Niederlage der deutschen und europ&#228;ischen Linken, so als k&#246;nne sie die Barbarei des millionenfachen Mordes durch den deutschen Staat die Protestbewegung aus der Geschichte streichen. Aber sie machte erfahrbar, dass die Normalit&#228;t des Kapitalismus, dass auch der Nationalsozialismus und seine Verbrechen politisch hergestellt war und es Entwicklungsperspektiven jenseits des Bestehenden gibt. Den Konflikt um „1968“ muss die Linke austragen, aber die Vorw&#252;rfe, die Aly erhebt, kann sie gelassen zur Kenntnis nehmen, denn kein einziger ist neu und wird durch Wiederholung nicht wahrer. Sie wurden innerhalb der Linken &#252;ber viele Jahre immer wieder diskutiert, die Zeitschrift „links“ des Sozialistischen B&#252;ros ver&#246;ffentlichte seit den 1970er Jahren viele Artikel zu diesem Problemkontext. Schon w&#228;hrend der Jahre der Protestbewegung gab es unter den akademischen Lehrern der Protestierenden diese Vorbehalte: Horkheimer sah in der Kritik am US-amerikanisch gef&#252;hrten Krieg in Vietnam Antiamerikanismus, der an die Stelle des offiziell verbotenen Antisemitismus getreten war, Habermas warf den Sprechern der Proteste angesichts ihres laxen Verh&#228;ltnisses zur Gewalt als Propagandamittel Linksfaschismus vor, Adorno beklagte sich, dass die Protestierer mit ihren Protestmethoden die Wissenschaftsfreiheit einschr&#228;nkten.</p>
<h3>Selbstaufkl&#228;rung und Selbsreflexivit&#228;t</h3>
<p>Man mu&#223; solche Kritiken ernst nehmen und die Geschichte und Gegenwart der Linken wieder und immer wieder auf autorit&#228;re Tendenzen pr&#252;fen. Das ist im Interesse der (sozialistischen) Linken selbst und ihres Projektes. Sie will die Gesellschaft emanzipieren und ver&#228;ndern; es geh&#246;rt zu ihrem Anspruch, f&#252;r ihre Ziele und ihr Handeln wissenschaftliche, also &#252;berpr&#252;fbare, allgemein einsehbare, kritische, verwerfbare Argumente zu haben. Doch was w&#228;re, wenn die, die f&#252;r Emanzipation eintreten, selbst autorit&#228;r sind? Es geh&#246;rt zu den bitteren Erfahrungen der Kritischen Theorie in den 1930er Jahren, da&#223; viele derjenigen, die aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft als Sozialisten oder Kommunisten gelten konnten, autorit&#228;r orientiert und Mitl&#228;ufer der Macht egal welcher Richtung waren. Der sich aus einem solchen Wissen ergebende, selbstaufkl&#228;rerische Impuls, diese reflexive Wendung auf die eigene politische und theoretische Praxis sollten nicht aufgegeben werden. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das die Protestbewegung der bundesdeutschen Linken erschlossen hat – diese sollte sich durch die Dummheit manipulatorischer Geschichtspolitiker die Praxis der Selbstaufkl&#228;rung nicht enteignen und dumm machen lassen. Selbstverst&#228;ndlich mu&#223; die Linke sich misstrauisch pr&#252;fen, ob in ihr autorit&#228;re Tendenzen enthalten sind. Das war 1968, in den proletarisch gewendeten Organisationen der Neuen Linken, den Gr&#252;nen der Fall: es gab Antisemitismus, es gab politischen Kadavergehorsam, es gab Wendeh&#228;lse – aber es gab auch reale Aufkl&#228;rungs- und Emanzipationsprozesse. Es gab die Befreiungsversuche hin zu einer radikalen Alltagskultur in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschlechtern, eine Zur&#252;ckweisung des Heterosexismus und der Homophobie, Kritik an der Zerst&#246;rung der Natur und der sinnlosen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft; Schule, Hochschule, Geschlechterverh&#228;ltnis sollten emanzipiert und demokratisiert werden. Wenn G&#246;tz Aly sagen will, da&#223; die Kr&#228;fte dieser Emanzipation noch zu sehr der Geschichte verhaftet blieben, noch zu wenig radikal waren, manches immer noch zu autorit&#228;r war, dann mu&#223; man sagen: recht hat er. Es hat nicht ausgereicht. Aber seine Kritik diskreditiert nicht das, was geleistet wurde, sondern die Kr&#228;fte und Verh&#228;ltnisse, die verhindert haben, dass nicht mehr erreicht wurde.</p>
<h3>Demokratisches Potential und sozialistische Traditionen</h3>
<p>Mit der parlamentarischen Demokratie arrangierten sich die Besiegten, die nur widerwillig Befreite sein wollten; auf vielen verantwortlichen Positionen der Politik, der Wirtschaft, der Justiz waren weiterhin fr&#252;here Nazi-Funktion&#228;re aktiv, die nun absurderweise in Anspruch nehmen durften zu definieren, was Demokratie sei. Das Verst&#228;ndnis von Demokratie blieb paternalistisch, formal, konventionell und autorit&#228;r. Die Protestbewegung machte mit der Demokratie Ernst. Unter den Studierenden hatten nach einer Studie, die J&#252;rgen Habermas und Ludwig von Friedeburg Ende der 1950er Jahre am Institut f&#252;r Sozialforschung durchgef&#252;hrt hatten, gerade einmal neun Prozent ein definitiv demokratisches Potential, 16 Prozent aber ein definitiv autorit&#228;res Potential, der Rest von 66 Prozent erwies sich als mehr oder weniger unprofiliert, war also empf&#228;nglich f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderungen in die eine oder andere Richtung. In einem solchen als Restauration erfahrenen Klima verbot 1961 die SPD ihren Parteimitgliedern, im SDS oder seiner F&#246;rderergesellschaft Mitglied zu sein. Mit der Einschr&#228;nkung der innerparteilichen Demokratie wollte man nach der Godesberger Wende der Partei den unbequemen Studentenverband und die sozialistischen und marxistisch orientierten Mitglieder der Partei loswerden. Gerade durch den Unvereinbarkeitsbeschlu&#223; jedoch wurde der SDS in den 1960er Jahren das Zentrum der gesellschaftlichen Opposition. Denn er bot einen politischen und Erkenntniszusammenhang, der es erm&#246;glichte, sich Marx, die Erfahrungen der sozialistischen Bewegung wieder anzueignen, also jene Tradition, die das deutsche B&#252;rgertum zu vernichten versucht hatte. Kritische Intellektuelle wie Georg Lukács, Leo Kofler, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno konnten hier auf &#252;berraschende Weise Resonanz f&#252;r ihre Probleme und Argumente finden. Von b&#252;rgerlicher Seite wurde der Verdacht ge&#228;u&#223;ert, dass der SDS eine Organisation sei, die dem &#246;stlichen Totalitarismus zuarbeiten w&#252;rde. Doch selbst der CDU zuneigende Wissenschafter wie Rudolf Wildenmann und Max Kaase mussten als Ergebnis einer 1968 durchgef&#252;hrten Befragung feststellen, dass keine Gruppe der westdeutschen Gesellschaft so genau die Prinzipien der Demokratie verstand und so entschieden f&#252;r sie eintrat wie die Mitglieder des SDS. Dieser hatte seine demokratische Haltung schon l&#228;ngst bewiesen mit seiner Kampagne gegen die Notstandsgesetze, die ihn mit der IG-Metall unter Otto Brenner und mit linken Liberalen in einem B&#252;ndnis zur Verteidigung der Demokratie gegen ihre angeblichen Repr&#228;sentanten zusammenbrachte. Ein erster H&#246;hepunkt war der in Frankfurt im Oktober 1966 durchgef&#252;hrte Kongress „Notstand der Demokratie”, der das Ziel hatte, den bef&#252;rchteten Anf&#228;ngen zu wehren. An der Abschlusskundgebung nahmen 25.000 Menschen teil. Die gro&#223;e Koalition unter dem fr&#252;heren Nazi-Funktion&#228;r Kissinger l&#246;ste als eine zweifelhafte Allianz, von der bef&#252;rchtet wurde, dass sie hinter der parlamentarischen Fassade die Demokratie abwickeln w&#252;rde, Proteste aus: „Notstandsgesetze: Kapitalismus f&#252;hrt zum Faschismus” war eine der Parolen. Demokratie, so hie&#223; es in einem Flugblatt gegen die verbreitete Hetze gegen die Protestbewegung, hei&#223;e nicht Friedhofsruhe. Am 11. Mai 1968, in der Hochphase der weltweiten Protestbewegung, kam es in Bonn anl&#228;sslich der bevorstehenden dritten parlamentarischen Lesung der Notstandsgesetze zu einem Sternmarsch, an dem sich 60.000 Demonstranten beteiligten. In den folgenden Tagen fanden bundesweit Proteste, Kundgebungen, Demonstrationen, teach-ins, Universit&#228;tsbesetzungen statt. Erkl&#228;rt wurde, dass ein Staat zu bek&#228;mpfen sei, der die Demokratie beseitigen wolle. Diese Demonstrationen, die Sensibilisierung f&#252;r Gef&#228;hrdung demokratischer Prozesse und Verfahren, die Entstehung gegenkultureller Zusammenh&#228;nge und Alltagsgewohnheiten – das alles hat dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen in den Parteien und Gewerkschaften organisierten und neue demokratische Beteiligungsformen etabliert wurden; die sozialen Bewegungen haben in den folgenden Jahrzehnten Millionen Menschen in den demokratischen Prozess hineingezogen.</p>
<h3>Wider die Denunziation</h3>
<p>Unter den Studierenden der 1990er Jahre war die Gruppe der Autorit&#228;ren nicht kleiner als Ende der 1950er Jahre, aber der Anteil der demokratisch Studierenden hatte deutlich auf ein Viertel zugenommen; und die am entschiedensten demokratisch Orientierten sahen sich auch am deutlichsten auf der linken Seite des politischen Spektrums. Dabei wird man sich nicht beruhigen k&#246;nnen, der Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen, die sich aus Prozessen der Gesellschaftsver&#228;nderung im Namen der Freiheit ergeben, kann autorit&#228;re Anwandlungen beg&#252;nstigen. Doch die Linke und die politische Form der Bewegung umstandslos als autorit&#228;r und nationalsozialistisch zu denunzieren – davon zu sprechen, der Nationalsozialismus sei eine Bewegung gewesen, sitzt selbst schon der Nazi-Propaganda auf –, schw&#228;cht nicht nur die Praxis demokratischer Ver&#228;nderung, sondern auch die darin enthaltenen M&#246;glichkeiten selbstkritischer &#220;berpr&#252;fung und Korrektur.</p>
<p>Alex Demirovic lehrt Politikwissenschaft an der TU Berlin. Zuletzt ist von ihm erschienen: <em>Demokratie in der Wirtschaft. Positionen &#8211; Probleme &#8211; Perspektiven</em>, M&#252;nster 2007 sowie <em>Nicos Poulantzas. Aktualit&#228;t und Probleme materialistischer Staatstheorie</em>, M&#252;nster 2007.</p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230; Mexiko?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 13:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.</p>
<p><span id="more-33"></span></p>
<p>Im letzten Jahr ersch&#252;tterten zahlreiche soziale und politische Bewegungen die Gesellschaftsordnung Mexikos. Die Aufst&#228;nde stellten nicht nur korrupte und repressive Herrschaftsstrukturen in Frage, es wurden auch alternative Wege, wie eine „andere“ Gesellschaft organisiert und gestaltet sein k&#246;nnte sichtbar und sogar m&#246;glich. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit partizipativer Massendemokratie und die Auseinandersetzung mit dem repressiven Staatsapparat wurden Bestandteil des allt&#228;glichen Lebens von Millionen.</p>
<p>Im April 2006 streikte die Belegschaft <em>Villaceros</em>, einem der gr&#246;&#223;ten Stahlwerke Mexikos. Zwei Arbeiter wurden w&#228;hrend der erfolgreichen Abwehr eines Polizeiangriffs ermordet. Nach vier Monaten konnten die Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden Sieg &#252;ber die Gesch&#228;ftsleitung vorweisen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Auch die Zapatistas lie&#223;en im letzten Jahr &#252;ber die Grenzen von Chiapas hinaus wieder von sich h&#246;ren. Schon Ende 2005 wurde eine neue politische Initiative vorgestellt – L’Otra Campana, die „Andere Kampagne“, deren Ziel die landesweite basisdemokratische Vernetzung aller au&#223;erparlamentarischen linken Kr&#228;fte Mexikos sowie die Einigung auf eine gemeinsame Vorgehensweise ist. Mit ihrer klaren Abgrenzung zum politischen Parteiensystem und den 2006 stattgefundenen Pr&#228;sidentschaftswahlen schlie&#223;t sich die Kampagne einer Entwicklung an, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Seitdem tourt eine Delegation der Zapatistas mit Subcommandante Marcos an der Spitze, unterst&#252;tzt von etlichen SympathisantInnen, durch Mexiko.<br />
Dem gegen&#252;ber stand die Wahlkampagne des linksreformistischen ehemaligen B&#252;rgermeisters von Mexiko-City Andrés Manuel López Obrador (PRD). In seinen Wahlkampf konnte sich Obrador auf die Hoffnung von Millionen der untersten Schichten Mexikos auf eine linke Trendwende und die Abwahl der neoliberalen Wirtschaftspolitik st&#252;tzen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die Wahl Anfang Juli brachte ein knappes Ergebnis zugunsten Obradors Kontrahenten, Felipe Calderón von der rechts-konservativen PAN. Dieser Ausgang war aber &#228;u&#223;erst umstritten. Unz&#228;hlige Berichte von doppelt gez&#228;hlten Stimmen (f&#252;r Calderón), in Stra&#223;engr&#228;ben gefundenen versiegelten Wahlboxen aus armen Regionen und andere Formen von Wahlbetrug wurden bekannt. Die PRD reagierte mit Massenmobilisierungen, Stra&#223;enblockaden und gr&#252;ndete die <em>Convencion Nacional Democratica</em>, Nationale Demokratische Versammlung, welche in einer Massenveranstaltung, mit mehr als eine Millionen Anwesenden, Obrador am 16. September zum „echten“ Pr&#228;sidenten k&#252;rte.</p>
<p>Anfang Mai revoltierten B&#228;uerInnen in Atenco<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, einer Stadt nahe Mexiko-City, gegen Ma&#223;nahmen zur Unterbindung des illegalen Stra&#223;enhandels. Der Staat reagierte mit massiver Polizeirepression, im Zuge derer mindestens zwei Menschen ermordet, hunderte verletzt und verhaftet wurden.<br />
Noch im gleichen Monat streikten die LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca. Wieder gingen die Beh&#246;rden brutal gegen die Streikenden vor. Diesmal sollte sich die Bewegung jedoch nicht einsch&#252;chtern lassen. Ihr Kampf entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Aufstand zur Absetzung des korrupten und illegitimen PRI-Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz. Das neue organisatorisches Zentrum der K&#228;mpfe, die <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em> – Volksversammlung der Bev&#246;lkerung Oaxacas (APPO) wurde zu einer politischen Struktur basisdemokratischer Kontrolle und Gegenmacht, die die bestehende Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage stellte.</p>
<h3>Avanti Zócalo</h3>
<p>Der Aufstand von Oaxaca nahm seinen Anfang Mitte Mai mit den Streiks der LehrerInnen und der Besetzung des Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca-Stadt. Die traditionell militante Sektion 22 der Nationalen LehrerInnengewerkschaft (SNTE)<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> spielte dabei die f&#252;hrende Rolle. Obwohl die 70.000 LehrerInnen Oaxacas im Vergleich zum Rest der Bev&#246;lkerung relativ gut gestellt sind und zur „staatlichen Mittelklasse“ gez&#228;hlt werden k&#246;nnen, wurde ihr Kampf zum Ausdruck der sozialen Widerspr&#252;che in der Provinz Oaxaca.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>Der Protest und die Besetzung des Zócalo durch die LehrerInnen ist f&#252;r sich allein genommen noch nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches. Seit 26 Jahren kommen die LehrerInnen regelm&#228;&#223;ig im Mai zu einem „live-in“ am Zócalo zusammen, um gegen die neoliberale Bildungspolitik und f&#252;r Gehaltserh&#246;hungen zu protestieren und so ihre Position in Verhandlungen mit der Regierung zu st&#228;rken. Entgegen der neoliberalen Grunds&#228;tze des Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz forderten die LehrerInnen eine allgemeine Erh&#246;hung des Mindestlohns, Gehaltserh&#246;hungen, die Verbesserung der schulischen Infrastruktur sowie die Befriedigung grundlegender Bed&#252;rfnisse der Sch&#252;lerInnen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Die LehrerInnengewerkschaft ist die einzige demokratisch organisierte Kraft mit einer fl&#228;chendeckenden kommunalen Verankerung im ganzen Bundesstaat Oaxaca. Die besondere Rolle die den LehrerInnen folglich zukam, resultierte aus ihrer organisatorischen St&#228;rke und Vernetzung. Sie identifizieren sich auch mit den prek&#228;ren sozialen Bedingungen in ihren Gemeinden und sind somit nicht nur K&#228;mpferInnen in der eigenen Gewerkschaft, sondern oft auch SprecherInnen f&#252;r die sozialen Forderungen ihrer Gemeinden.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Anfang Juni fanden zwei Massendemonstrationen in Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen statt, an denen sich jeweils ca. 100.000 Menschen beteiligten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Bereits in dieser Phase schlossen sich andere Gruppen mit ihren eigenen Forderungen an.<br />
Anstatt die Verhandlungen fortzusetzen und einen Kompromiss auszuhandeln, versuchte die Regierung Oaxacas die streikenden LehrerInnen mit Polizeigewalt mundtot zu machen. In der Nacht des 14. Juni st&#252;rmten tausende Polizisten das Camp, verbrannten das Eigentum der LehrerInnen, verletzten etwa hundert Personen und schossen Tr&#228;nengas aus Polizeihelikoptern. Die Berichte &#252;ber mehrere Todesopfer wurden offiziell nie best&#228;tigt. Wie gegen die B&#228;uerInnen in Atenco versuchte der Staatsapparat mit purer Gewalt die Bewegung zu unterdr&#252;cken und ein Exempel an ihr zu statuieren. Diese Strategie zur Demobilisierung ging in Oaxaca nicht auf. Diesmal konnten sich die LehrerInnen nach stundenlangen K&#228;mpfen gegen die Polizei durchsetzen und eroberten den Platz zur&#252;ck.<br />
Die harten Auseinandersetzungen wirkten wie ein Dammbruch f&#252;r die Bewegung. Zwei Tage sp&#228;ter fand eine Demonstration mit 400.000 Menschen statt. Diesmal ging es nicht nur um Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen, „Fuera Ulises!“ – Ulises Raus!, der Sturz des korrupten Gouverneurs war nun die zentrale Forderung.</p>
<p>Die weit verbreitete Diskreditierung der herrschenden Eliten und der massive Bruch der politischen Bewegungen mit der Regierung, liegen vor allem in der dominanten Rolle der PRI in Mexiko begr&#252;ndet. Mittels Klientelismus und Korporativismus &#252;bte die Partei seit der mexikanischen Revolution ein effizientes Kontrollsystem auf die sozialen Kr&#228;fte aus, welches jedoch nach dem neoliberalen Paradigmenwechsel der PRI in den 80er Jahren und der Orientierung auf Freihandel und Deregulierung zerbrach. Seitdem steht die ehemalige „Staatspartei“ in wachsendem Widerspruch zu den sozialen Bewegungen und den verarmten Massen.</p>
<h3>Gegenmacht</h3>
<p>In Oaxaca weiteten sich die K&#228;mpfe aus und hinter den Barrikaden wurde eine neue politische Macht geboren – <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em>, APPO. Die erste Versammlung der APPO fand bereits drei Tage nach dem Sieg der LehrerInnen &#252;ber die Polizei auf dem wieder besetzten Zócalo statt und 170 Personen von 85 Organisationen nahmen daran teil.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Im weiteren Verlauf kamen 350 Gruppen zusammen und formierten sich zu einem qualitativ als auch quantitativ neuen Organ der Bewegung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die beteiligten Gruppen in der APPO geeinigt hatten war der Sturz des „illegitimen“ Gouverneurs Ulises. Die Strategie der APPO war es, den Beh&#246;rden die Unregierbarkeit Oaxacas vor Augen zu f&#252;hren. Mit gezielten Aktionen des zivilen Ungehorsams sollte die Illegitimit&#228;t des etablierten politischen Systems vorgef&#252;hrt werden. Provinzregierungsgeb&#228;ude wurden von APPO-AktivistInnen blockiert, Stra&#223;en die zum Zócalo f&#252;hren mit Barrikaden gepflastert und Radio- und Fernsehstationen besetzt und &#252;bernommen. Die APPO erkl&#228;rte sich zum einzigen rechtm&#228;&#223;igen politischen Organ in Oaxaca.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>So wurde die APPO zum Vehikel f&#252;r die angesammelte Wut jahrelanger Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung – Korruption, Wahlbetrug und teils massive Gewalt gegen Gemeinden und die politische Opposition. Fortschreitende soziale Polarisierung zwischen den ProfiteurInnen des Tourismus-Booms in Oaxaca und den VerliererInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> sowie die Durchsetzung neoliberaler Projekte – der Plan Puebla Panama (PPP) ist hier als eines der gr&#246;&#223;ten transnationalen Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte prim&#228;r zu nennen<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> – bilden den Rahmen f&#252;r den Bruch mit der alten und der Entstehung einer neuen sozialen und politischen Ordnung.<br />
Die StudentInnen der Universit&#228;t Oaxacas spielten im Aufstand ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite stellten sie viele der AktivistInnen bei der Besetzung von Blockaden, usw. auf der anderen Seite bot die Universit&#228;t eine wichtige Infrastruktur f&#252;r die Bewegung. Das <em>Radio Universidad</em> entwickelte sich zu einem offiziellen Organ der APPO und bot rund um die Uhr Informationen zum Aufstand. Die StudentInnen stehen dabei in einer, bis in die 70er Jahre reichenden Tradition der Vernetzung mit B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen sowie der aktiven und radikalen Beteiligung an Bewegungen.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der APPO war auch der Besuch der Otra Campaña, unter Leitung Subcommandante Marcos im Februar. Hier wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der progressiven Kr&#228;fte besonders deutlich. Es galt eine gemeinsame Stimme zu finden und die Isolierung und Rivalit&#228;t der zahlreichen kleineren und gr&#246;&#223;eren Gruppen zu &#252;berwinden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Genau dieser Punkt war bei der Etablierung der APPO eines der gr&#246;&#223;ten Anliegen: Die APPO soll eine „alternative partizipative Demokratie“ sein an der jeder und jede teilnehmen kann und keine politische Partei oder sonstige Gruppe dominieren darf. Die verschiedenen Ideologien oder politischen Visionen durften dem Funktionieren dieses Organs der Demokratie von unten nicht im Weg stehen. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen &#252;ber die Transformation der Gesellschaft wurden alle durch den Willen zum gemeinsamen Handeln auf partizipativ-demokratischer Basis vereint. Dieses Verst&#228;ndnis hat seine Wurzeln auch in einer langen Tradition indigenen Widerstands und kommunaler Organisierung.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> So wird zum Beispiel die basisdemokratische konsensorientierte Entscheidungsfindung und die Wahl von Delegierten im Stil der Zapatista nun auch bei der APPO praktiziert. Sie basiert die APPO auf dem indigenen Prinzip des <em>mandar obedeciendo</em> („gehorchend befehlen“), in dem Entscheidungen zuerst von der Basis diskutiert und gef&#228;llt werden, um dann von Delegierten wie beschlossen umgesetzt werden. Die APPO ist somit ein Versuch der Revitalisierung einer bestimmten oaxacanesischen Tradition kommunaler Organisierung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung, die sich an den traditionellen <em>usos y costumbres</em> (Gewohnheiten und Br&#228;uche) orientiert und in der politische Parteien abgelehnt werden. Seit Jahrzehnten versucht die PRI diese Formen gewohnheitsrechtlicher Praktiken zu unterbinden.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a></p>
<p>Anfang Juli erkl&#228;rte sich die APPO zur neuen regierenden K&#246;rperschaft in Oaxaca und nahm den alten Regierungspalast am Zócalo<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> in einer symbolischen Geste f&#252;r die „alternative Regierung“ in Besitz.</p>
<p>So entwickelte sich die APPO zu einer Art Embryo einer grunds&#228;tzlich anderen Gesellschaftsordnung. Die Regierungsinstitutionen verloren immer mehr an Autorit&#228;t, w&#228;hrend die Versammlungen der APPO zu einem Instrument der basisdemokratischen Kontrolle wurde. Nach und nach &#252;bernahmen immer mehr D&#246;rfer im ganzen Bundesstaat dieses Prinzip demokratischer Selbstverwaltung. Die Gemeindeh&#228;user wurden besetzt und PRI-Funktion&#228;re entmachtet. Gemeindedelegierte kamen trotz Geld- und Transportproblemen nach Oaxaca-Stadt um an den gro&#223;en APPO-Versammlungen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></p>
<p>Diese Entwicklungen stellten eine massive Gefahr, nicht nur f&#252;r die Eliten Oaxacas sondern ganz Mexikos dar. Dazu kam, dass zeitgleich eine weitere Bewegung den mexikanischen Herrschenden Kopfschmerzen bereitete.</p>
<h3>Parlamentarische Parallelgefechte</h3>
<p>Im Sommer organisierte die PRD Massendemonstrationen gegen den Wahlbetrug des konservativen Pr&#228;sidentschaftskandidaten Calderón (PAN). Trotz der potentiell explosiven Mischung mehrerer gleichzeitiger K&#228;mpfe kamen diese nicht zusammen. Die PRD hielt sich bei allen anderen politischen Auseinandersetzungen wie in Oaxaca, Atenco und Chiapas, weitgehend im Hintergrund, trotz ihrer Massenverankerung in den &#228;rmsten Bev&#246;lkerungsschichten des Landes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Unterst&#252;tzung blieb meistens bei verbalen Verurteilungen der polizeilichen Repression und der R&#252;cktrittsforderung an Ulises stehen.<br />
Die z&#246;gerliche Politik der PRD hat historische Wurzeln. Die PRD erlangte politische Relevanz in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre, im Zuge der Neoliberalisierung der PRI. Ihre urspr&#252;ngliche Basis waren mehrere kleine Linksgruppierungen, Elemente der Kommunistischen Partei Mexikos (PCM) sowie linksreformistische DissidentInnen aus der PRI,<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> welche sich gegen die neoliberale Entwicklung der PRI wendeten und ein Zur&#252;ck zu der staatsorientierten Wirtschaftsstrategie der Vergangenheit anstrebten.<br />
Die PRD ist also ein Sammelbecken unterschiedlicher linker reformistischer Projekte und leidet daher regelm&#228;&#223;ig unter fraktionellen K&#228;mpfen. Die konstante politische Migration von ehemaligen PRI-Funktion&#228;ren zur PRD, oft aus karrieristischen Gr&#252;nden, verw&#228;sserte die politische Linie zus&#228;tzlich. Eine aktive Unterst&#252;tzung der Aufst&#228;nde in Oaxaca w&#252;rde die Spaltung zwischen den linken und rechten Fraktionen innerhalb der PRD provozieren und die Gefahr des Kontrollverlusts &#252;ber die Parteibasis mit sich bringen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Adolfo Gilly, radikaler mexikanischer Autor und bekanntes Mitglied der PRD, setzt mit seiner Kritik an Obrador genau hier an.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> W&#228;hrend Hundertausende von der PRD gegen den Wahlbetrug in wochenlangen Protesten mobilisiert werden konnten, bem&#252;hte sich Obrador nicht, seiner Kritik am Vorgehen der PRI und PAN und seiner verbalen Solidarit&#228;t mit den Menschen in Oaxaca auch auf dieser Ebene einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Isolation in der sich der Aufstand Oaxacas aufgrund der Passivit&#228;t der mexikanischen Massenbewegungen befand, wurde so zu einem der wesentlichen Stolpersteine f&#252;r die Bewegung.</p>
<h3>Die letzte Schlacht…</h3>
<p>Die Rechte Mexikos bereitete sich unterdessen auf den Gegenschlag vor. Bis Oktober zeichnete sich ein B&#252;ndnis zwischen der PAN-Regierung und dem in die Ecke gedr&#228;ngten PRI Gouverneur von Oaxaca ab. Beide waren aufeinander angewiesen. Ulises brauchte Bundesunterst&#252;tzung f&#252;r die Niederschlagung des Aufstands in Oaxaca und Calderón ben&#246;tigte die PRI-Unterst&#252;tzung in der Auseinandersetzung um die Pr&#228;sidentschaftswahl. Daraufhin wurden die von Ulises lange angeforderten Bundespolizeieinheiten (PFP) nach Oaxaca entsandt.<br />
Dies war aber nur der H&#246;hepunkt einer Hetz- und Repressionswelle gegen die APPO. Bereits &#252;ber den ganzen Sommer hinweg wurden zahlreiche APPO-SprecherInnen von ZivilpolizistInnen oder PRI-Anh&#228;ngerInnen ermordet. Bewaffnete M&#228;nner fuhren auf nicht gekennzeichneten Pick-Ups durch die Stadt und lie&#223;en regelm&#228;&#223;ig Mitglieder der APPO verschwinden. Die APPO beschloss daraufhin noch mehr Barrikaden zu errichten und diese<span>  </span>st&#228;rker zu besetzen. Trotzdem tappte sie nicht in die Falle, sich auf eine milit&#228;rische Auseinandersetzung einzulassen. Zwei gef&#228;hrliche Szenarien bestanden f&#252;r sie: Das erste ist, die APPO zu provozieren, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Damit h&#228;tte sie sich in das politische Aus katapultiert und ein milit&#228;risches Vorgehen des Staates erm&#246;glicht. Das zweite beschreibt er als den Gang durch die Institutionen, welcher die APPO zu genau dem gemacht h&#228;tte, was sie urspr&#252;nglich bek&#228;mpft hatte – einen Teil des politischen Systems. Die APPO lie&#223; sich auf beides nicht ein und das ist auch der Grund, weshalb trotz massiver Repression der Kampf in den letzten Monaten weitergef&#252;hrt werden konnte.<br />
Ende November f&#252;hlte sich der Staat stark genug, um die direkte Konfrontation mit der APPO zu suchen. Ausgangspunkt war ein friedlicher Massenprotest am 25. November, der von bewaffneten PRI-Anh&#228;ngerInnen und Polizeieinheiten angegriffen wurde. In stundenlangen Auseinandersetzungen gewann die Polizei nach und nach die Oberhand und die letzten Barrikaden fielen. Hunderte Verhaftete und Verletzte waren das Resultat. Die APPO-F&#252;hrung wurde in den Untergrund gedr&#228;ngt.<br />
Die Bev&#246;lkerung Oaxacas musste f&#252;r ihre Herausforderung der Staatsmacht mit Blut bezahlen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres schufen ein neues kollektives Bewusstsein, welches mit schierer Polizeirepression nicht einfach gel&#246;scht werden kann.</p>
<h3>…gewinnen wir!</h3>
<p>Die oft gezogene historische Parallele zwischen den Ereignissen in Oaxaca und der Kommune von Paris 1871 ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. In beiden F&#228;llen entstanden aus den politischen und organisatorischen Notwendigkeiten einer Massenbewegung Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, die eine tats&#228;chliche Gegenmacht zum b&#252;rgerlichen Herrschaftsapparat darstellten. Die Frage nach der Macht in der Gesellschaft musste nicht bewusst gestellt werden, sondern dr&#228;ngte sich aufgrund der Herausforderung von selbst auf. Die Alternative „die Welt zu ver&#228;ndern ohne die Macht zu ergreifen“, wurde in dieser Situation obsolet.<br />
Auch die Niederlagen der Kommunen in Paris und Oaxaca haben gemeinsame Ursachen. Die fehlende &#252;berregionale Vernetzung, zum Beispiel mit der Massenbewegung von Obrador, f&#252;hrte durch Isolation zum vorl&#228;ufigen Ende dieses Experiments einer Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen. Doch der Prozess ist noch lange nicht beendet. Noch immmer sind zahlreiche Gemeinden in Oaxaca in Verbindung zur APPO selbstverwaltet. Die APPO hat sich nach einer massiven Repressionswelle und der R&#252;ckkehr des Staatsapparats Ende November wieder neu formieren k&#246;nnen und formulierte bereits ihr weiteres Vorgehen. Zentrale Herausforderung ist es nun, den Kampf auf eine nationale Ebene zu heben – das schlie&#223;t eine noch radikaler ausformulierte Kritik an den Institutionen und dem Machtgef&#252;ge der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit ein.</p>
<p>Der Aufstand in Oaxaca und die Formierung der APPO stehen im Kontext einer Entwicklung, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Poder popular ist der Slogan sowohl in den Bewegungen in El Alto und Cochabamba, Bolivien, als auch in der bolivarianischen Revolution in Venezuela.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Die Kommune von Oaxaca ist damit ein weiterer Baustein des Projekts eines Sozialismus im 21. Jahrhundert.</p>
<p><em>Vielen Dank an Lukas Hammer und Stephanie Deimel f&#252;r die Diskussion und die Unterst&#252;tzung bei der Recherche.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Es wurden 6 Prozent Gehaltserh&#246;hung, 2 Prozent mehr Zusch&#252;sse und sogar die Nachzahlung der L&#246;hne f&#252;r die Zeit des Streiks erk&#228;mpft. Siehe dazu: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2006-08/artikel-6883884.asp.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Dabei wurde auf den Erfolg sozialer Bewegungen und die Wahl von linken Pr&#228;sidenten wie in Bolivien (Evo Morales) und Venezuela (Hugo Chávez) Bezug genommen.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Atenco ist seit dem Kampf der Bev&#246;lkerung gegen ein Flughafen-Gro&#223;projekt 2001 ein Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Die gro&#223;e und m&#228;chtige SNTE war in den letzten 70 Jahren stark mit der regierenden PRI verbunden. Entgegen ihrer hierarchischen Organisationsstruktur war die Sektion 22 lange Zeit die Bastion der demokratischen Fraktion in der Gewerkschaft. Siehe: Carlsen, Laura: Oaxaca Fights Back, 8. November 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3688.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>Salzman, George: From Teachers’ Strike Towards Dual Power. The Revolutionary Surge in Oaxaca, 30. August 2006, http://www.counterpunch.org/salzman08302006.html.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Navarro, Luis Hernández: Lessons from the Teachers. Repression and Resistance in Oaxaca, 21. November 2006, http://www.counterpunch.org/navarro11212006.html.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Das waren die bisher gr&#246;&#223;ten Proteste in Oaxaca, die sich aber in den n&#228;chsten Monaten noch mehrmals verdoppeln sollten. Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Davies, Nancy: Oaxaca Teachers Organize “Popular Assembly” to Oppose the State Government. Talks with Federal Negotiators Cancelled as Teachers’ Strike Dedicates Itself to Ousting the Governor, 21. Juni 2006, http://www.narconews.com/Issue42/article1928.html.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Tourismus, ein Segen f&#252;r die Kassen der Reichen und der oberen Mittelschicht Oaxacas, hat daf&#252;r gesorgt, dass die Preise in den letzten Jahren stark anstiegen w&#228;hrend die Geh&#228;lter bei weitem nicht mitziehen haben k&#246;nnen. Das sch&#246;n herausgeputzte Kolonialidyll der Stadt Oaxaca steht somit in einem krassen Gegensatz zu verfallenden Schulgeb&#228;uden und Armut insbesonders in den indigenen l&#228;ndlichen Regionen.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Der Plan <em>Puebla Pananma</em> umfasst fast den gesamten Mittelamerikanischen Raum. Er f&#252;hrt zur Enteignung von ehemals indigenem Land f&#252;r Infrastrukturprojekte zur Verbesserung des Zugriffs der Multinationalen Konzerne und des Tourismus auf die Region. Durch den PPP wird die „Maquiladorisierung“ des S&#252;dens angestrebt, dessen dramatische soziale Auswirkungen bereits seit den 80er Jahren im Norden Mexikos an der US-Grenze zu beobachten sind.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>1972 wurde die COCEO (<em>Coalición de Obreros, Campesions, y Estudiantes de Oaxaca</em> – Koalition der Arbeiter, Bauern und Studenten) gegr&#252;ndet. Ihr Einfluss reichte weit &#252;ber die Universit&#228;t hinaus und schuf Verbindungen zu ruralen und urbanen Gruppen. Au&#223;erdem war die Koalition an der Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften beteiligt. Bereits Mitte der 70er Jahre, im Zuge der oft radikalen K&#228;mpfe um Land und soziale Gerechtigkeit, wurde die korrupte Herrschaft der PRI massiv kritisiert. Letztlich wurde die Bewegung jedoch blutig niedergeschlagen. Siehe dazu: Murphy, Arthur D./ Stepick, Alex: Social Inequality in Oaxaca. A History of Resistance and Change, Philadelphia 1991, S. 120.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Davies, Nancy: In The Wake of the Otra: Because We are all Prisoners, 7. M&#228;rz 2006, http://narcosphere.narconews.com/story/2006/3/7/115248/3372.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> 70 Prozent der 3,5 Millionen EinwohnerInnen des Bundesstaates Oaxaca sind Indigenas. &#220;ber die H&#228;lfte von ihnen lebt in Armut mit schlechter sozialer Infrastruktur und in 46% der Haushalte gibt es mindestens eine Person die in die USA migrieren musste weil ihre Gemeinde&#246;konomien durch die neoliberalen Reformen der Regierung zerst&#246;rt oder einfach nicht mehr lebenserhaltend waren. Siehe dazu: Gause, Rochelle: Toward dual power. People’s alternatives in Oaxaca, in: <em>Left Turn</em> 23 (J&#228;nner/Februar 2007), S. 22.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Seit den 70er Jahren findet ein Kampf um die Restoration solcher kommunaler Formen der Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und Identit&#228;t statt. Siehe dazu: Davies, Nancy: Oaxaca Initiates Alternative Government: Popular Assembly Reclaims Government Palace for the People, 7. Juli 2006, http://narconews.com/Issue42/article1964.html; Carlsen: a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Ulises verlegte 2005 den Regierungssitz vom Zócalo nach au&#223;erhalb der Stadt – aus Angst vor Protesten und um eine stabile Regierungst&#228;tigkeit zu erm&#246;glichen. Siehe in: Davies: Oaxaca Initiates Alternative Government, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Tatsache ist, dass Obrador durch Infrastrukturprogramme, reale soziale Verbesserungen f&#252;r die &#196;rmsten und einem Schuss Populismus eine Massenverankerung in den mexikanischen Unterschichten, besonders in Mexiko-City gewinnen konnte. Schlie&#223;lich bekam Obrador in der Pr&#228;sidentschaftswahl am 2. Juli die Stimmen von (wahrscheinlich mehr als) 15 Millionen MexikanerInnen.</p>
<p><a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>Camp, Roderic Ai: Politics in Mexico. The Democratic Consolidation, New York 2007, S. 233. Der popul&#228;rste PRI Dissident war Cuauhtémoc Cárdenas, der in der Pr&#228;sidentschaftswahl 1988 der PRD-Kandidat war und sich wahrscheinlich nur wegen Wahlmanipulation nicht gegen den PRI-Kandidaten Salinas hat durchsetzten k&#246;nnen. Siehe dazu: Giordano, Al: Mexico‘s Presidental Swindle, in: <em>New Left Review</em> 41 (2006), S. 5-27<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>Cárdenas kritisierte Obrador bereits f&#252;r seine respektlose Haltung gegen&#252;ber den mexikanischen politischen Institutionen. Ebd.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Gilly, Adolfo: Solitary in Flames, in: <em>La Jornada</em>, 1. November 2006, Englische &#220;bersetzung: http://www.narconews.com/Issue43/article2257.html.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Vgl. die Artikel zu Bolivien und Venezuela in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
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