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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Brasilien</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230;Brasilien?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:10:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Brasilien]]></category>
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		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.<br />
<span id="more-89"></span><br />
Als Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, am 1. J&#228;nner 2003 das Pr&#228;sidentschaftsamt antrat, galt er als gro&#223;e Hoffnung der Linken, der Armen und Ausgebeuteten Brasiliens. Schlie&#223;lich war die von ihm gef&#252;hrte ArbeiterInnenpartei PT (Partido dos Trabalhadores) 1979 von GewerkschaftsaktivistInnen, linken Intellektuellen und VertreterInnen sozialer Bewegungen gegr&#252;ndet worden, und Lula selbst hatte sich als Chef der MetallarbeiterInnengewerkschaft den Ruf als kompromissloser K&#228;mpfer erarbeitet. Als Sozialist war er bei breiten Teilen der Bev&#246;lkerung angesehen, die Rechte der Arbeitenden und der Armen standen f&#252;r ihn an oberster Stelle.</p>
<h3>Vom linken Hoffnungstr&#228;ger zum neoliberalen Vork&#228;mpfer</h3>
<p>Doch – kaum im Amt – entpuppte sich der sozialistische Hoffnungstr&#228;ger schnell als neoliberaler Handlanger des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF), der ebenso kompromisslos wie fr&#252;her gegen die Konzerne nun im Interesse des Kapitals den radikalen Umbau der brasilianischen Gesellschaft vorantrieb. Bereits unmittelbar nach seiner Wahl gab Lula zu verstehen, dass er den unter Fernando Henrique Cardoso eingeleiteten neoliberalen Kurs fortsetzen werde. Insbesondere w&#252;rde er die Verpflichtungen des hochverschuldeten Landes gegen&#252;ber dem IWF, d.h. die neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme“, anerkennen. Der politische Kurswechsel der PT hatte sich freilich bereits vor den Wahlen 2002 angek&#252;ndigt. Seit den 1990ern orientierte sich die Partei zunehmend auf die Eroberung der Macht in den Institutionen des brasilianischen Staates. Dabei entfernte sich Lulas Programm immer weiter von den radikalen Wurzeln der PT. Der Kern der neuen Strategie gr&#252;ndete auf der Zusammenarbeit mit Konservativen und Unternehmern zur Wahrung sozialer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> In Regierungsverantwortung wurde diese Tendenz weitergef&#252;hrt und versch&#228;rft, und die wirtschaftspolitischen Kernressorts sowie das Landwirtschaftsministerium wurden mit neoliberalen Vordenkern besetzt.</p>
<p>Lula versuchte mehr und mehr auch bei Industriellen Sympathie zu erlangen, um f&#252;r ausl&#228;ndische InvestorInnen „seri&#246;s“ zu wirken. Dadurch konnte sich Lula bereits vor den Wahlen die Unterst&#252;tzung des IWF sichern, der auch bald riesige Kredite an Brasilien vergab. Im Gegenzug versprach Lula die Ausrichtung seiner Politik auf die Erfordernisse des Marktes. Kernprojekt war eine Steuer- und eine Pensionsreform, v.a. zu Lasten der arbeitenden Bev&#246;lkerung und der Armen Brasiliens. Nach nicht einmal einem Jahr hatte Lula damit seine Anh&#228;ngerInnenschaft zum ersten Mal verraten. 400.000 &#246;ffentlich Bedienstete sahen sich gezwungen, gegen die Pensionsreform der Regierung zu streiken.<br />
Wichtige Unterst&#252;tzerInnen der PT, wie die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), mussten ebenso herbe Entt&#228;uschungen erfahren. Die MST stellt in Brasilien, wo die Landkonzentration extrem polarisiert ist, eine wichtige Organisation dar. Rund 10 Prozent der Gro&#223;grundbesitzenden geh&#246;rt etwa 80 Prozent des gesamten Landes, w&#228;hrend 4,5 Millionen Bauernfamilien kein eigenes Land besitzen. Im Wahlkampf 2002 hatte Lula noch versprochen, an eine Million dieser Familien Land zu verteilen. Bei Regierungsantritt war schon nur mehr von einer halben Million die Rede, seitdem wird die Zahl immer kleiner, weil der Schuldenabbau f&#252;r die Regierung h&#246;here Priorit&#228;t genie&#223;t.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Insgesamt wurde seit 2003 Land an 25.000 Familien pro Jahr verteilt – das ist gerade einmal die H&#228;lfte dessen, was selbst Lulas neoliberaler Vorg&#228;nger Cardoso umgesetzt hatte.</p>
<p>Aufgrund dieser Entwicklungen beendete die MST ihre Schonfrist f&#252;r die Regierung Lula und nahm ihre Proteste und Landbesetzungen wieder auf. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen, denen das Land oft nur zu Spekulationszwecken dient, begannen nun ihr Land mit privaten Sicherheitsdiensten, den „Pistoleiros“, militant zu verteidigen. Dabei wurden in den letzten Jahren viele AktivistInnen der MST get&#246;tet, doch die Medien kriminalisieren die BesetzerInnen. Auch Lula verurteilte die Landbesetzungen als „illegal“, statt die ungerechten Agrarverh&#228;ltnisse zu bek&#228;mpfen: f&#252;r viele Millionen Menschen stellt in Brasilien Landbesitz eine Chance dar, dem Leben als Tagel&#246;hnerInnen oder st&#228;dtische Obdachlose zu entfliehen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Landbesitz w&#252;rde f&#252;r sie ein menschengerechtes Leben bedeuten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die Aufst&#228;nde der Landlosen sind aber nur ein Teil der Proteste gegen Lulas Politik. Auch Frauenorganisationen, Studierende und einflussreiche linkskatholische Organisationen kritisierten den Regierungskurs. KonsumentInnensch&#252;tzerInnen protestierten gegen die Erh&#246;hung von Energie- und Telefonkosten, sowie gegen die Schlie&#223;ung freier Radios. Die Linke in Brasilien musste also erfahren, dass sie im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung nicht mehr auf die ArbeiterInnenpartei PT setzen konnte. Lulas Reaktionen auf die Forderungen der Bewegungen klangen bald nicht mehr viel anders als in konservativ regierten L&#228;ndern. Die AktivistInnen wurden verh&#246;hnt, als kriminelle Gewaltt&#228;terInnen bezeichnet und selbst als es zu politischen Morden kam, schritt er nicht ein.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Auch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Korruptionsvorw&#252;rfe und die in den letzten Wochen fast t&#228;glich neuen Meldungen &#252;ber Bestechungsgelder an ParlamentarierInnen verst&#228;rkten das Misstrauen gegen den Pr&#228;sidenten. So musste etwa erst am 19. September ein Sonderberater Lulas wegen dem Vorwurf der Schmiergeldzahlung in H&#246;he von 770.000 US-Dollar zur&#252;cktreten, am 24. September folgte ihm Lulas Wahlkampfleiter, er soll auch in den Fall verwickelt sein.</p>
<p>Au&#223;enpolitisch hat sich Lula ebenfalls als Handlanger des Kapitals und imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte erwiesen. So f&#252;hren brasilianische Truppen die von der UNO autorisierte Besatzung Haitis an, wo der demokratisch gew&#228;hlte Pr&#228;sident Aristide 2004 in einem von den USA und Frankreich gest&#252;tzten Putsch gest&#252;rzt wurde.<br />
Gegen&#252;ber der linken Regierung von Evo Morales in Brasiliens Nachbarland Bolivien hat Lula in den letzten Monaten ebenfalls den Druck erh&#246;ht, die Nationalisierung des Erd&#246;l und Erdgas abzuschw&#228;chen – schlie&#223;lich w&#228;re der brasilianische &#214;lkonzern Petrobras einer der Hauptverlierer bei Morales’ Verstaatlichungsprogramm.</p>
<h3>Eine Neue Linke</h3>
<p>Der langaufgestaute Frust &#252;ber die Politik Lulas, auch und gerade innerhalb der PT, erforderte die Gr&#252;ndung einer neuen Organisation, die sich wieder den Grunds&#228;tzen verschreibt, mit denen Lula gebrochen hat.<br />
AktivistInnen und Abgeordnete aus Lulas PT wie Heloísa Helena, Mitglied der Tendenz Sozialistische Demokratie (DS), Luciana Genro von der Bewegung der sozialistischen Linken (MES) und João Batista Oliveira de Araujo, von der Sozialistischen Arbeiterstr&#246;mung (CST) konnten die neoliberalen „Reformen“ der PT nicht mehr ertragen. Und sie waren nicht die Einzigen. Wegen ihrer Kritik an Lulas Pensionsreform wurden sie 2003 aus der Partei ausgeschlossen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gemeinsam gr&#252;ndeten sie daraufhin die Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit PSOL.<br />
Die Mehrheit der PT-Linken setzte aber nach 2003 den Kampf f&#252;r einen Kurswechsel innerhalb der Partei fort. Sie traten als „regierungstreue Opposition“ f&#252;r die Erneuerung der PT und die Neuausrichtung der Regierungspolitik ein, fanden sich dadurch jedoch in der widerspr&#252;chlichen Situation, zwar anti-neoliberal zu argumentieren, sich aber gleichzeitig hinter Lula und dessen Regierung zu stellen. Dass die innerparteiliche Opposition die Regierungspolitik nicht grundlegend ver&#228;ndern konnte, zeigte sich in den Folgejahren. Seit Bekanntwerden des Korruptionsskandals im Sommer 2005 traten schlie&#223;lich immer gr&#246;&#223;ere Teile der Parteilinken aus der PT aus und schlossen sich der PSOL an.<br />
Im September letzten Jahres schaffte es die PSOL, die notwendigen 438.000 Stimmen zur Anerkennung als w&#228;hlbare Partei zu sammeln. Es schien, als h&#228;tten viele BrasilianerInnen nur darauf gewartet. Schon in den ersten Tagen nach der offiziellen Gr&#252;ndung der neuen linken Partei gab es Meldungen &#252;ber einige bis dahin sogar f&#252;hrende PT-Mitglieder oder ganze Str&#246;mungen (zum Beispiel die sozialistische Einheitsbewegung), welche bisher die PT unterst&#252;tzt hatten und nun zur PSOL wechselten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Auch bekannte linke GewerkschafterInnen, wie aus der Beamtengewerkschaft, linke ChristInnen und viele Einzelne von der PT entt&#228;uschten AktivistInnen, entschlossen sich, die neue Partei zu unterst&#252;tzen. Es gibt unz&#228;hlbare Berichte &#252;ber regionale PT-Gruppen, die geschlossen &#252;bertraten, da sie weiterhin, aber in einer vertrauensw&#252;rdigeren Partei, f&#252;r ihre Belange k&#228;mpfen wollen. Der Bruch mit Lulas Politik hat ihnen neue Energie gegeben.<br />
Auch au&#223;erhalb Brasiliens unterst&#252;tzen soziale Bewegungen die Entwicklung einer neuen linken Alternative. So haben mehr als 350 prominente AktivistInnen der globalisierungskritischen Bewegung, wie Noam Chomsky oder Ken Loach, Anfang September diesen Jahres eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Spitzenkandidatin Heloísa Helena unterzeichnet.<br />
In der Erkl&#228;rung f&#252;r die Kandidatin hei&#223;t es, Helena vertrete heute die Interessen der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen, der Armen und der Unterdr&#252;ckten. Die Regierung Lulas habe dagegen Millionen von Menschen entt&#228;uscht, die ihn im Jahr 2002 „in der Hoffnung auf einen sozialen Wandel und eine radikale Politik“ gew&#228;hlt hatten. Ebenso gehe es Menschen aus aller Welt, die sich von Lula einen „neuen Impuls f&#252;r den antiimperialistischen Kampf“ erhofft h&#228;tten. Im Gegensatz zu Lula seien „Heloísa Helena und ihre GenossInnen dem urspr&#252;nglichen antiimperialistischen und sozialistischen Programm der ArbeiterInnenpartei treu geblieben“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Deutlich wurde das in den Forderungen der PSOL im Pr&#228;sidentschaftswahlkampf. Die Kernpunkte waren: radikale Agrarreform; Suspendierung der Zahlung der Auslandsschulden; radikale Reduzierung der Arbeitszeit ohne Einkommenseinbu&#223;en; Ablehnung der Amerikanischen Freihandelszone ALCA/FTAA und Unterst&#252;tzung f&#252;r ALBA, die Bolivarianische Amerikanische Allianz (Venezuela, Bolivien, Kuba).</p>
<p>Die Wahl Anfang Oktober hat gezeigt, dass dieses Programm von mittlerweile mehr als sechs Millionen Menschen unterst&#252;tzt wird. Das ist mehr als ein Achtungserfolg, zumal die F&#252;hrung der Gewerkschaftsdachorganisation CUT, genauso wie die Sprecher der MST sich – wenn auch kritisch im Detail – f&#252;r die Wahl Lulas ausgesprochen hatten. Dass 6,9 Prozent mit der Illusion, dass die PT das „kleinere &#220;bel“ darstelle, und Lula wieder zu seinen politischen Wurzeln zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nne, gebrochen haben, zeigt die M&#246;glichkeiten f&#252;r den Aufbau einer konsequent anti-neoliberalen und anti-imperialistischen linken Alternative in Brasilien.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. zur Entwicklung der PT z.B. Gonzales, Mike: „Brazil in the eye of the storm“; in: International Socialism 98 (2003)<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Pablo Ortellado: What happened to the left? In: Znet, August 08, 2003<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Wahl, Joachim: Die Regierung Lula nach ihrem ersten Jahr. In: Utopie kreativ, September 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. François Sabado: Krise und Neuformierung der Linken in Brasilien. in: Inprekorr, Februar 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. www.zeit.de am 05.09.06</p>
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