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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Asien</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 17:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
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		<description><![CDATA[Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.

Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht<br />
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. <em>Bonn Juego</em> und <em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.<br />
<span id="more-1656"></span><br />
Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des globalen kapitalistischen Systems konfrontiert – einer Ansammlung von miteinander verbundenen und voneinander abh&#228;ngigen Krisen. Die gegenw&#228;rtige politisch&#246;konomische Konjunktur ist nichts anderes als das Ergebnis kumulativer Effekte gleichzeitiger Krisen in den Bereichen Finanz, Produktion, Nahrung, &#214;kologie, Energie und Politik, die seit der Nachkriegszeit die Strukturen des weltweiten Kapitalismus heimsuchen. AkteurInnen unterschiedlicher ideologischer Couleur nehmen diese aktuelle Situation als willkommene Gelegenheit wahr, um die Krise ihren jeweiligen Interessen entsprechend zu n&#252;tzen.<br />
Der altgriechische Ursprung des Wortes „Krise“ bezeichnet den „entscheidenden Wendepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem wichtige Ver&#228;nderungen entweder zur Genesung oder zum Tod f&#252;hren“. Ob die multiplen Krisen zur Wiederherstellung oder zum Ende des hegemonialen neoliberalen Systems f&#252;hren werden, wird sich entscheiden durch die „Doppelbewegung“ der sich entfaltenden K&#228;mpfe zwischen jenen, in deren ureigensten Interessen die Aufrechterhaltung des gegenw&#228;rtigen Zustands liegt, und jenen, die f&#252;r eine Ver&#228;nderung der grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen einstehen. Forderungen nach einer anderen, demokratischen Zukunft werden zwar „von unten“ Ausdruck verliehen, die Krise hat jedoch bis jetzt keinerlei neue Strategien oder Visionen hervorgebracht, die den marktdominierten (d.h. neoliberalen) gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen Einhalt gebieten k&#246;nnten.<br />
Wir wollen in diesem Artikel zeigen, dass die gegenw&#228;rtige, globale kapitalistische Krise mit einem Angriff auf die Ideale der Demokratie und auf Prozesse der Demokratisierung einhergeht. Analytisch konzentrieren wir uns auf die Politiken und Diskurse internationaler Institutionen, regionaler Organisationen und nationaler Regierungen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Eine Untersuchung der Reaktionen auf die Krise seitens dieser Institutionen und Staaten in Europa und Asien zeigt einen Anstieg anti-demokratischer Tendenzen, namentlich in Form von Neoliberalismus, autorit&#228;rem Liberalismus und Nationalismus. Wir konzentrieren uns dabei auf zwei Aspekte. Erstens wollen wir darstellen, wie Weltbank und IWF, sowie deren Verb&#252;ndete in den G-20, versuchen, die Krise zu ihrem Vorteil zu n&#252;tzen und ihre seit langem propagierten neoliberalen Programme erneut zu bekr&#228;ftigen. Zweitens wollen wir am Beispiel Ost- und S&#252;dostasiens zeigen, wie schon im Zuge der Asienkrise von 1997 Institutionen des autorit&#228;ren Liberalismus – d.h. einer in autorit&#228;re politische Strukturen eingebetteten, liberalen Marktwirtschaft – in der Region zu neuem Leben erweckt wurden. Dies soll als Beispiel daf&#252;r dienen, dass Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberalismus und Krise</strong><br />
Wir verstehen Neoliberalismus als die Anwendung von Freihandels-Doktrinen auf nicht nur alle Bereiche wirtschaftlicher Aktivit&#228;t, sondern auch auf die Funktionsweisen &#246;ffentlicher Institutionen. Der Neoliberalismus ist eine bestimmte institutionelle Spielart des Kapitalismus und gekennzeichnet durch: eine spezifische Konfiguration des Kapitalismus (Liberalismus plus neue Institutionen); eine spezifische Ideologie (Marktfundamentalismus); eine spezifische Phase kapitalistischer Nachkriegs-Entwicklung, in der das aufsteigende Finanzkapital zu produktivem Kapital wird; ein spezifisches Set von wirtschaftlichen Reformpolitiken, verankert in den Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) des Washington Consensus; eine spezifische Form des Klassenverh&#228;ltnisses (die reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital); und schlie&#223;lich ein spezifischer Prozess der Kapitalakkumulation (der Einsatz von Geld, um mehr Geld zu machen). Der Neoliberalismus hebt, wie David Harvey gezeigt hat, den privaten Wirtschaftssektor, Privatbesitz und die damit verbundenen kulturellen Werte in eine gesellschaftlich dominante Position.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Er widerspricht dem demokratischen Prinzip von gemeinsamer Erfahrung und kollektivem Wissen, also der Idee, dass Regierungen und Institutionen Menschen, nicht Profiten verpflichtet sind, und das Wohlergehen von Gesellschaften &#252;ber jenes der M&#228;rkte zu stellen ist.<br />
Wenn man die Geschichte des Kapitalismus als eine sich stets in Bewegung befindliche Gesamtstruktur betrachtet, erscheint sie als Kreislauf von Krisen und Aufschw&#252;ngen. In der fast vierzigj&#228;hrigen Geschichte des Neoliberalismus waren Krisen funktional f&#252;r dessen Aufrechterhaltung in Bezug auf gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, marktorientierte Entwicklungsstrategien und neoliberale Umstrukturierungen des Staates. Die konstitutive Rolle und der funktionale Effekt von Krisen f&#252;r seine Lebenszyklen zeigt sich daran, dass der Neoliberalismus aus den Krisen der 1970er geboren wurde, sich durch eine Reihe von Krisen im Laufe der letzten 35 Jahre entwickelt hat, und durch die multiplen Krisen, die in die gegenw&#228;rtige globale Krise kulminieren, zu sterben scheint.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den letzten 35 Jahren wurden mehr als einhundert Finanzkrisen in aller Welt verzeichnet (und abgesehen von diesen Statistiken ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerungen und Gesellschaften der Welt sich seit langem in einem Zustand der Krise befinden). Krisen waren dem Neoliberalismus also von Beginn an inh&#228;rent und haben im Laufe der Jahrzehnte zu einer Reihe von Transformationen beigetragen. Wie ihre altgriechische Bedeutung anzeigt, erzwingt die „krisis“ als „Wendepunkt“ Innovation und Transformation in der kapitalistischen Produktionsweise und tr&#228;gt so zur Sicherung ihrer Hegemonie bei.</p>
<p><strong>Phasen neoliberaler Entwicklung</strong><br />
Der Neoliberalismus wird oft in zwei unterscheidbare, aufeinander folgende Phasen eingeteilt: den <em>Washington Consensus</em> (die erste Generation von Reformen) und den post-Washington Consensus (die zweite Generation von Reformen). Der Unterschied zwischen den beiden Phasen wird oft unzul&#228;ssigerweise auf eine einfache Staat-versus-Markt Debatte reduziert, in welcher der Washington Consensus von der Unterordnung der Staaten unter die M&#228;rkte gekennzeichnet ist, w&#228;hrend der post-Washington Consensus ein Erg&#228;nzungsverh&#228;ltnis zwischen beiden darstellt. Diese Debatte, in der ein Nullsummenspiel zwischen Staat und Markt angenommen wird, f&#252;hrt allerdings auf die falsche F&#228;hrte. Der Neoliberalismus ist, wie jede Form des Kapitalismus, ein politisches Projekt – d.h. er ist auf aktive Interventionen seitens des Staates angewiesen.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> So h&#228;tte der Abbau des Wohlfahrtsstaates nicht ohne die durch staatliche Politik betriebene Schw&#228;chung der Institutionen der ArbeiterInnenbewegung durchgesetzt werden k&#246;nnen. Wenn wir die augenscheinlichen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus f&#252;r bare M&#252;nze nehmen, verkennen wir die historische Realit&#228;t aktiver Staatsinterventionen, die seit Beginn der kapitalistischen Entwicklung daf&#252;r sorgen, dass M&#228;rkte funktionieren. Der Unterschied zwischen den beiden Entwicklungsweisen liegt nicht in der Form, sondern im Inhalt, in den Motiven, Zielen und Strategien. Der Washington Consensus zielte darauf ab, einen offenen Weltmarkt durch Strukturanpassungsprogramme, Politiken der Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung sowie durch Reformen des Finanzsystems zu schaffen. Der post-<em>Washington Consensus</em> ist ein Projekt, das auf die Verwirklichung einer „universalen Vereinheitlichung von Wettbewerbsf&#228;higkeit“ durch tiefgreifende institutionelle Reformen und Ver&#228;nderungen von Verhaltensweisen, auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und letztlich auf Human- und Sozialkapital abzielt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberale Kriseninterventionen</strong><br />
Die Anh&#228;ngerInnen des Neoliberalismus sind sich, als Repr&#228;sentantInnen der Dominanz des Privatkapitals, der Krisenanf&#228;lligkeit und Konflikttr&#228;chtigkeit des Kapitalismus v&#246;llig bewusst. Deshalb haben sie den Neoliberalismus immer zugleich als marktbasierte Entwicklungsstrategie <em>und </em>als Blaupause f&#252;r Kriseninterventionen beworben. Sie betrachten Krisenmomente als perfekte Gelegenheiten zur Intervention, um neoliberale Institutionen und Praktiken tiefer zu verankern. Nehmen wir die aufeinander folgenden Krisen seit den 1980ern als Beispiel. Als Lateinamerika 1982 in eine Schuldenkrise geriet, kn&#252;pften der IWF und pro-kapitalistische politische Kr&#228;fte Strukturanpassungsprogramme als Bedingungen an die notwendigen Umschuldungen, was letztlich zu massiver Deindustrialisierung, steigender Arbeitslosigkeit, Armut und ungleicher Entwicklung in der gesamten Region f&#252;hrte. Seither hatten die Reaktionen auf eine Reihe von Finanzkrisen in den letzten zwanzig Jahren – namentlich Skandinavien (Anfang der 1990er), Mexiko (1994), Ost- und S&#252;dostasien (1997), Russland (1998), Argentinien (2001), T&#252;rkei (2001-2002), US-Hypothekenmarkt (2007), die Gro&#223;e Rezession (2008) – die Etablierung einer offenen „internationalen Finanzarchitektur“ zum &#252;bergeordneten Ziel, in der regulierende Institutionen die Rechte des privaten Kapitals global absichern. Obwohl in manchen F&#228;llen (z.B. in Chile und Malaysia) der Nutzen mancher Kapitalverkehrskontrollen anerkannt wurde, trieben der IWF und die mit ihm verbundenen politischen Kr&#228;fte die Politik der neoliberalen Regulierung voran, um die Anpassung an die vorgebliche Offenheit des internationalen Finanzsystems (d.h. an die &#220;berwachungsinstrumente des IWF) zu gew&#228;hrleisten. In den Worten des fr&#252;heren Chef&#246;konomen der Weltbank, Michael Bruno: „Es existiert ein zunehmender Konsens dar&#252;ber, dass der Schock einer Krise, so sie gro&#223; genug ist, widerwillige Politiker dazu bringen kann, produktivit&#228;tssteigernde Reformen anzugehen.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<p><strong>Von der Krise von Weltbank und IWF…</strong><br />
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sahen sich die wichtigsten Institutionen der neoliberalen <em>Global Governance</em> – Weltbank, IWF und WTO – mit einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeits- und Legitimit&#228;tskrise konfrontiert. Diese ist auf eine Reihe polit-&#246;konomischer Krisen in L&#228;ndern zur&#252;ckzuf&#252;hren, die diese Institutionen selbst h&#228;tten managen, restrukturieren und entwickeln sollen. Zus&#228;tzlich zu ihrer eigenen Budgetkrise, der nur wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und mehreren gescheiterten Projekten, verdeutlichen die dramatischen Ereignisse und Enth&#252;llungen rund um die R&#252;cktritte von Joseph Stiglitz und Ravi Kanbur Anfang der 2000er Jahre den harten neoklassischen und neoliberalen Kurs der Weltbank. Und auch die WTO stand am Rande des Kollaps, als die Doha-Runde nach fast f&#252;nf Jahren andauernder Verhandlungen im Sommer 2006 endg&#252;ltig scheiterte. Doch im Zuge der aktuellen globalen Krise stellten sich die Voraussagen &#252;ber den bevorstehenden Untergang dieser neoliberalen multilateralen Organisationen als voreilig heraus. Sie haben sich entgegen der Erwartungen als den Herausforderungen der Krise gewachsen erwiesen und im Rahmen einer konzertierten Anstrengung ihre vorgebliche Legitimit&#228;t und Existenzberechtigung wieder hergestellt, statt die Fehler der Vergangenheit zuzugeben und zu korrigieren.<br />
Noch im Juli 2007 – knapp ein Monat bevor die Hypotheken-Krise in den USA ausbrach – sprach der Wirtschaftswissenschafter und Aktivist Walden Bello anl&#228;sslich des zehnten Jahrestags der Asienkrise vom „Untergang des IWF“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>. Er argumentierte, dass der IWF selbst ein Opfer der Asienkrise geworden w&#228;re, da Staaten wie Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen &#246;ffentlich erkl&#228;rt hatten, sich nie wieder den Bedingungen des W&#228;hrungsfonds zu unterwerfen. Hinzu kam die schwere Legitimit&#228;ts- und Glaubw&#252;rdigkeitskrise, nachdem 2002 mit Argentinien der „Mustersch&#252;ler“ des IWF den Staatsbankrott anmelden musste. Diese Entwicklung f&#252;hrte zudem zu tiefen Einschnitten in das Budget des IWF, da gro&#223;e lateinamerikanische Geberstaaten wie Brasilien, Argentinien und Venezuela ihre Beitr&#228;ge zur&#252;ck behielten.</p>
<p><strong>…zu ihrer Wiederbelebung in der Krise</strong><br />
Doch weniger als zwei Jahre nachdem Bello dieses Untergangsszenario vorgestellt hatte, drehte sich der Wind komplett; die globale Krise hat den IWF wiederbelebt. Die vielleicht gl&#252;cklichste Person weltweit in den Zeiten der Krise ist Dominique Strauss-Kahn, der gesch&#228;ftsf&#252;hrende Direktor des IWF, der auf der Pressekonferenz w&#228;hrend des G-20-Treffens am 2. April 2009 triumphierend verk&#252;ndete:<br />
„Der IWF ist zur&#252;ck. […] Sie sehen den Beweis daf&#252;r, wenn sie das Kommuniqué lesen. Jeder Abschnitt, oder fast jeder Abschnitt – sagen wir, die wichtigen Teile – sind auf die eine oder andere Weise mit dem IWF verbunden.“<br />
Ironischerweise sind es genau jene Staaten, die &#252;ber Jahrzehnte am meisten unter seiner Politik gelitten haben – insbesondere Argentinien, Brasilien und Indonesien, die nach der Erweiterung der G-7 zu den G-20-Staaten geh&#246;ren – die dem W&#228;hrungsfonds nun neues Leben einhauchen, ihm Legitimit&#228;t und Relevanz zur&#252;ckgeben. Auf den Gipfeltreffen der G-20 in London (April 2009) und Pittsburgh (September 2009) wurde festgehalten, dass die internationalen Finanzinstitutionen „eine wichtige unterst&#252;tzende Rolle f&#252;r die Arbeit (der G-20), f&#252;r nachhaltiges Wachstum, Stabilit&#228;t, die Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen, Entwicklung und Armutsbek&#228;mpfung spielen. Es ist daher entscheidend, dass diese weiterhin ihre Relevanz, ihre Reaktionsbereitschaft, ihre Effektivit&#228;t und ihre Legitimit&#228;t erh&#246;hen.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dar&#252;ber hinaus wird das neue „G-20 Rahmenwerk f&#252;r starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum“, das verst&#228;rkte wirtschaftliche Kooperation erm&#246;glichen soll, von IWF- und Weltbank-Analysen unterst&#252;tzt. Damit werden die G-20, ungeachtet ihrer Selbststilisierung als blo&#223;es „informelles Forum“, zu einer weiteren strategisch wichtigen Institution, durch die IWF und Weltbank ihre Ziele artikulieren und, was noch wichtiger ist, sich Legitimit&#228;t verschaffen k&#246;nnen. Doch w&#228;hrend die VertreterInnen der G-20 behaupten, sie w&#252;rden nicht nur wirtschaftliche Macht verk&#246;rpern, sondern auch Legitimit&#228;t und Glaubw&#252;rdigkeit genie&#223;en, werden hunderte schwache und marginalisierte L&#228;nder und ihre Bev&#246;lkerungen nicht von dieser Gruppe repr&#228;sentiert und somit au&#223;er Acht gelassen. Die Krise, die den IWF und die Weltbank h&#228;tte umbringen k&#246;nnen, hat diese Institutionen wieder auferstehen lassen. Und jene L&#228;nder, die guten Grund gehabt h&#228;tten, sie zugrunde gehen zu lassen, haben sie letztlich gerettet.</p>
<p><strong>Neoliberale Antworten auf die Krise</strong><br />
W&#228;hrend die Welt im April 2009 gespannt nach London blickte und sich manche vom dortigen G-20-Treffen eine Ver&#228;nderung der globalen Wirtschaftsordnung erhofften, war es nicht schwer, die Reaktionen auf die Krise seitens der G-20-Mitgliedsstaaten sowie von IWF und Weltbank voraus zu sehen. Eine aufmerksame Lekt&#252;re der Dokumente, die IWF und Weltbank im Vorfeld des Londoner Gipfels erstellt hatten, lie&#223; bereits erahnen, welche Antworten auf die globale Krise vorgeschlagen werden w&#252;rden. Die Krise sollte nicht als M&#246;glichkeit zur Schw&#228;chung des neoliberalen Projekts wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil als Gelegenheit, eine wirklich offene, weltweite Finanzarchitektur und wettbewerbsf&#228;hige M&#228;rkte zu schaffen, die auf globaler Ebene von IWF und Weltbank selbst eingesetzt, koordiniert und reguliert wird. Der <em>Global Monitoring Report</em> 2009 der Weltbank wiederholt das exakt selbe neoliberale Programm und Projekt, das seit den fr&#252;hen 1990er Jahren verfolgt wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Konkret identifiziert die Weltbank sechs Priorit&#228;tsfelder<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>: (1.) fiskalpolitische Ma&#223;nahmen zur Sicherung makro&#246;konomischer Stabilit&#228;t; (2.) St&#228;rkung des privaten Sektors in den Bereichen Kapitalanlage, Handel, Gewerbe und Finanzen, um die Stabilit&#228;t des Finanzsystems zu erh&#246;hen; (3.) „verst&#228;rkter Einsatz des privaten Sektors im Bereich der Finanzierung und Durchf&#252;hrung von Dienstleistungen“; (4.) Einwirken auf nationalstaatliche Regierungen, gegen verst&#228;rkten Druck in Richtung Protektionismus einzustehen und ein „offenes internationales Handels- und Finanzsystem aufrecht zu erhalten“; (5.) beschleunigter Abschluss der Doha-Verhandlungen; und (6.) &#220;bernahme einer „Schl&#252;sselposition“ durch Weltbank und IWF in der &#220;berbr&#252;ckung finanzieller Engp&#228;sse, die Entwicklungsl&#228;nder durch den R&#252;ckgang privater Kapitalfl&#252;sse zu erleiden haben. Dies wird verbunden mit dem Aufruf, den beiden Institutionen „den Auftrag, die Ressourcen und die notwendigen Instrumente zu verleihen, um eine effektive Reaktion auf die globale Krise zu unterst&#252;tzen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>. Einige Tage vor dem Gipfeltreffen in London wiederholte Robert Zoellick, Pr&#228;sident der Weltbank, diese Ideen und schlug eine Strategie zur Wiederbelebung multilateraler Abkommen vor, konkret „ein WTO-basiertes Monitoring-System“, das die Doha-Verhandlungen komplettieren soll; eine &#220;berwachungsrolle des IWF zur Bewertung von Konjunkturpaketen; und eine „Revision des Finanzregulierungs- und -aufsichtssystems“, in der nationalen Regierungen die Autorit&#228;t im Rahmen eines erweiterten Finanzstabilit&#228;tsforums &#252;bertragen wird, wobei letzteres „mit dem IWF und der Weltbankgruppe“ zusammen arbeiten soll.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Auch das vom IWF im Februar 2009 herausgegebene Papier <em>Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF</em> sieht die Krise als „einmalige Gelegenheit […] Fortschritte in scheinbar unl&#246;sbaren Fragen zu erreichen.“ Diese Gelegenheit gilt es laut IWF zu nutzen. Zwar wird eingestanden, dass „die Krise Schw&#228;chen an zentralen Punkten der Finanzarchitektur offengelegt hat“, die Quintessenz lautet jedoch, die alten Prinzipien und Politikvorschl&#228;ge wieder und wieder neu aufzuw&#228;rmen. Der IWF fordert (1.) &#220;berwachungsmechanismen, die schon nach der Asienkrise 1997 und dem Platzen der dot-com-Blase 2001 Schw&#228;chen und Risiken fr&#252;hzeitig aufsp&#252;ren h&#228;tten sollen; (2.) eine St&#228;rkung ihrer eigenen Institution und das Mandat, „F&#252;hrung zu &#252;bernehmen, wo es um die systemischen Aspekte der Weltwirtschaft geht“; (3.) Regeln f&#252;r grenz&#252;berschreitende Finanztransaktionen und (4.) ausreichende und jederzeit verf&#252;gbare Ressourcen „zum Ausgleich von Liquidit&#228;tsengp&#228;ssen und zur Abschw&#228;chung von W&#228;hrungsschwankungen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>.<br />
In Summe kann festgehalten werden, dass trotz der verheerenden Folgen und dem gewaltigen Ausma&#223; der Krise die Institutionen der <em>Global Governance</em> an den Grundpfeilern des Neoliberalismus festhalten. Ihr Ziel ist es nicht, die Doktrin des freien Marktes aufzugeben, sondern sie in st&#228;rkere und bessere Institutionen einzubetten und dadurch noch weiter zu treiben. Doch dies l&#228;sst die Frage offen: st&#228;rkere und bessere Institutionen <em>f&#252;r wen?</em> Ihre Antwort ist eindeutig: f&#252;r den Markt, nicht f&#252;r die Menschen.</p>
<p><strong>Autorit&#228;rer Liberalismus in Asien</strong><br />
Die Best&#228;rkung des Neoliberalismus im Moment seiner eigenen Krise durch internationale Organisationen kennt man auch aus Asien. Anders, als es der beliebte Begriff der „Entwicklungsstaaten“ nahe legt, wurde in Ost- und S&#252;dostasien, seitdem die Region in die Kreisl&#228;ufe der neoliberalen Globalisierung eingebunden ist, eine spezifische Staatsform institutionalisiert. Diese kann als „autorit&#228;rer Liberalismus“ bezeichnet werden: eine liberale Marktwirtschaft, die in ein autorit&#228;res politisches Institutionengef&#252;ge eingebettet ist. Dieses Gef&#252;ge stellt den Rahmen dar, in dem die Region auf die globale Krise reagiert. Erfahrungen, die w&#228;hrend der Asienkrise 1997 und nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 gemacht wurden, und die Reaktionen auf die Krise seitens der Asiatischen Entwicklungsbank (AsEB) sowie der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) k&#246;nnen herangezogen werden, um m&#246;gliche – und wahrscheinliche – Auswirkungen der gegenw&#228;rtigen Krise besser zu verstehen.<br />
Die zwei prominentesten Thesen des politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams k&#246;nnen die gegenw&#228;rtige politische &#214;konomie Ost- und S&#252;dostasiens nur unzureichend erkl&#228;ren. Das erste, modernisierungstheoretische Argument besagt, dass &#246;konomische Globalisierung notwendigerweise die Ausbreitung liberaler Demokratien mit sich bringt; die zweite These, jene des „Demokratischen Friedens“, behauptet, dass zwischen demokratischen Staaten keine Kriege stattfinden. Die Restrukturierung der Staaten in Ost- und S&#252;dostasien als Prozess in Richtung eines autorit&#228;ren Liberalismus zu begreifen, kann dagegen eine tragf&#228;higere „Lesart“ dieser Entwicklung anbieten. Ein Blick auf die beiden gro&#223;en Krisen, die Asien in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben – die Asienkrise 1997 und die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 – zeigt, dass und wie Krisen funktional f&#252;r die Institutionalisierung des autorit&#228;ren Liberalismus waren.</p>
<p><strong>„Demokratische Momente“?</strong><br />
Der Umst&#252;rze zweier Milit&#228;rdiktaturen – der von Ferdinand Marcos auf den Philippinen 1986 und jener Suhartos in Indonesien 1998 – wurden oft als „demokratische Momente“ wahrgenommen, die den Fortschritt des Demokratisierungsprozesses in der ganzen Region anzeigen sollten. Der dominante Diskurs sowohl in den Sozialwissenschaften als auch unter PolitikerInnen prophezeite zu jener Zeit, dass die Liberalisierung der Wirtschaft die Entwicklung liberaler und demokratischer Regierungsformen antreiben w&#252;rde. Ebenso wurde behauptet, dass die Befreiung einer mit neuem Selbstvertrauen ausgestatteten, progressiven Mittelschicht von autorit&#228;ren Regimen ein funktionales Erfordernis f&#252;r florierende M&#228;rkte sei. Heute klingen solche Behauptungen hohl. In theoretischer Hinsicht waren die Modelle, die vom Mainstream der „&#220;bergangsdebatte“ angeboten wurden, schon immer wenig &#252;berzeugend. Sie entleerten den Begriff der Demokratie von jeder gesellschaftlichen Bedeutung im Sinne popularer Macht und reduzierten ihn auf formale und prozedurale Kriterien, symbolisiert v.a. durch das Abhalten von Wahlen und die „Effektivit&#228;t“ politischer Institutionen. Die Prinzipien und damit verbundenen Praktiken der Souver&#228;nit&#228;t des Volkes, etwa die Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Regierungen, die M&#246;glichkeit der freien politischen Meinungs&#228;u&#223;erung oder Partizipationsm&#246;glichkeiten f&#252;r B&#252;rgerInnen, kamen in den Forschungsprogrammen praktisch nicht vor. Der empirische Befund legt f&#252;r Asien jedoch eine deutlich andere Diagnose nahe, als es der dominante Diskurs suggeriert. Er verweist auf die Begrenztheit der Rechenschaftspflicht der Regierungen, die Beschr&#228;nkung politischer und ziviler Rechte, die Einschr&#228;nkung der Vereinigungsfreiheit sowie auf unfreie und unfaire Wahlen. Tats&#228;chlich bringen neoliberale Globalisierung und die damit verbundene krisenanf&#228;llige Wirtschaftsordnung nicht den Triumph der liberalen Demokratie mit sich, sondern ihren Untergang. Wenn die vergangenen zwei Jahrzehnte uns etwas &#252;ber das Verh&#228;ltnis von Demokratie und polit&#246;konomischer Ordnung gelehrt haben, dann dass die Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.15 Die Eliten Asiens werden nicht notwendigerweise zu Kr&#228;ften des politischen Liberalismus und der Demokratie; wenn es ihren Interessen dient, k&#246;nnen sie auch offen antiliberale und antidemokratische Haltungen annehmen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<p><strong>Asienkrise 1997</strong><br />
Die Asienkrise von 1997 beschleunigte einen Prozess der Reorganisation staatlicher Autorit&#228;ten in Ost- und S&#252;dostasien, der schon lange zuvor in Gang gesetzt worden war. Zentral f&#252;r diese neuen polit-&#246;konomischen Formen war „das Entstehen eines neuen regulierenden Staates, der direkt auf die Herstellung &#246;konomischer und gesellschaftlicher Ordnung innerhalb der globalisierten Wirtschaft abzielt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>. Das dahinterstehende Prinzip war klar: Durch die Einsetzung neuer Regelwerke versuchte der Staat, eine Reihe wichtiger &#246;konomischer Institutionen vom Einfluss demokratischer Willensbildung abzuschotten, um dadurch die Marktordnung zu sch&#252;tzen. Das Ergebnis ist die Verschmelzung autorit&#228;rer Politikformen mit regelbasierten <em>Governance</em>-Strukturen in unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Feldern.<br />
Ein Blick zur&#252;ck auf die Erfahrungen von 1997 zeigt, dass die politischen Strategien und Ma&#223;nahmen, die in Reaktion auf die Asienkrise durchgef&#252;hrt wurden, auf Kosten der Demokratisierung, der Menschenrechte und letztlich der armen Bev&#246;lkerung gingen. Erstens bot die Krise den Eliten in Asien den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorwand f&#252;r autorit&#228;re Ma&#223;nahmen – rhetorisch verpackt als „asiatische Werte“ – etwa in Malaysia, Singapur, China und Thailand. Diese Eliten waren die selben, die behauptet hatten, das System der europ&#228;ischen Wohlfahrtsstaaten w&#252;rde nicht zu den asiatischen Gegebenheiten passen. Zweitens wurden durch die Krise Menschenrechtsthemen an den Rand gedr&#228;ngt, B&#252;rgerrechte im Namen der inneren Sicherheit (z.B. in Malaysia und Singapur) und soziale Rechte zu Sparzwecken eingeschr&#228;nkt (z.B. in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen). Und drittens zielten die politischen Reaktionen auf die Krise darauf ab, M&#228;rkte und Unternehmen zu retten. So wurde am zweiten Asien-Europa-Treffen (ASEM-2), das 1998 in London stattfand, der <em>ASEM Trust Fund</em> eingerichtet, der aus Mangel an politischem Willen ohne angemessene institutionelle Mechanismen ausgestattet wurde und deshalb das Ziel, die Armen und ArbeiterInnen als die am st&#228;rksten von der Krise Betroffenen zu unterst&#252;tzen, verfehlen musste. Kurz gesagt zeigte sich, dass in Zeiten der Krise die M&#246;glichkeit besteht, Demokratisierungsprozesse hintan zu stellen, Menschenrechte zu ignorieren und die arme Bev&#246;lkerung zu vernachl&#228;ssigen.</p>
<p><strong>Der Sicherheitskomplex Asien nach 9/11</strong><br />
Auch die Krise in Folge der Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 konnte nicht am autorit&#228;ren Liberalismus in Asien r&#252;tteln. Im Gegenteil bot der US-gef&#252;hrte „Krieg gegen den Terror“ asiatischen Regierungen die Gelegenheit, staatliche &#220;berwachungs- und Internierungspolitiken auszubauen. Staaten in Asien mit semiautorit&#228;ren Regimen wurden zu strategisch wichtigen Einsatzpunkten im Kampf gegen den Terrorismus. Die Menschenrechtssituation hat sich in der Region seit 9/11 drastisch verschlechtert, wobei eine Reihe von F&#228;llen – von Morden an MenschenrechtsaktivistInnen und JournalistInnen auf den Philippinen bis zu Angriffen auf M&#246;nche und deren SympathisantInnen in Burma – Schlagzeilen machte.<br />
Das Post-9/11-Asien ist also eine Art Sicherheitskomplex, der aus verschiedenen autorit&#228;ren Systemen zusammengesetzt ist.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Stabilit&#228;t der Region scheint eher auf einer „friedlichen Koexistenz der Autoritarismen“ und einer Politik der wechselseitigen Nichteinmischung zu beruhen statt auf einem „demokratischen Frieden“. Wir beobachten eine Wiederauferstehung oder Versch&#228;rfung des Autoritarismus: Semiautorit&#228;re Regime in Malaysia und Singapur; eine Milit&#228;rregierung in Burma/Myanmar; die prominente Rolle von Milit&#228;r und Monarchie in Thailand; Ein-Parteien-Systeme in China, Laos, Kambodscha und Vietnam; eine Kultur der Straffreiheit und anhaltende Militarisierung in den indonesischen Regionen Aceh und Papua; und eine f&#252;r<br />
autorit&#228;re Vorschl&#228;ge zumindest empf&#228;ngliche philippinische Regierung.</p>
<p><strong>Die <em>Asian Development Bank</em> (ADB) und ASEAN</strong><br />
Die ADB reagierte auf die Krise und die damit verbundenen Fiskalprobleme ihrer Mitgliedsstaaten im Zeitraum 2009-2010 mit Hilfestellungen im Wert von 32 Milliarden USDollar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die ADB ist das <em>banking as usual</em> – es handelt sich um Kredite mit einer Laufzeit von zwischen f&#252;nf und 15 Jahren, vergeben an „bed&#252;rftige“ asiatische Staaten, mit fixen oder flexiblen Zinss&#228;tzen, die von der <em>London Interbank Offered Rate</em> (LIBOR) festgelegt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Das Vorgehen ist typisch f&#252;r die Ziele und Priorit&#228;ten der ADB: 44 Prozent der Kredite flie&#223;en in Programme, die das Wirtschaftswachstum stimulieren und das Vertrauen des privatwirtschaftlichen Sektors wieder herstellen sollen; 35 Prozent sind f&#252;r Strukturreformen im Rahmen der <em>„Countercyclical Support Facility“</em> vorgesehen, die das Investmentklima verbessern sollen; 12 Prozent f&#252;r Handelserleichterungen, um den Privatsektor zu entlasten; aber nur sechs Prozent f&#252;r Infrastrukturma&#223;nahmen und mickrige 3 Prozent f&#252;r soziale Sicherung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen die Schuldnerstaaten – sprich: die Bev&#246;lkerungen und SteuerzahlerInnen – f&#252;r die R&#252;ckzahlung der Kredite einstehen, &#252;bernehmen alle damit verbundenen Risiken und k&#246;nnen somit selbst dann haftbar gemacht werden, wenn die Privatwirtschaft gegen die Wand f&#228;hrt und f&#252;r die Krise verantwortlich ist.<br />
Einen Monat vor dem G-20-Gipfel in London traten die Staats- und Regierungschefs der ASEAN in Chaam Hua Hin, Thailand, zu ihrem 14. Treffen zusammen und diskutierten, welche Punkte Indonesien (als einziges G-20-Mitglied) auf die Tagesordnung der G-20 setzen sollte. In ihrer Abschlusserkl&#228;rung &#252;bernehmen sie die Argumente – und teilweise die wortw&#246;rtlichen Formulierungen – die zuvor von Weltbank, IWF und ADB in ihren jeweiligen Statements ausgearbeitet worden waren. Sie entspricht v&#246;llig dem bisherigen Bekenntnis der ASEAN zu den neoliberalen Idealen von Freihandel, Wettbewerbsf&#228;higkeit und offenen M&#228;rkten, die w&#228;hrend der letzten Dekade institutionalisiert worden waren und in den kommenden Jahren wohl weiter verfolgt werden. Mit der Annahme der ASEAN-Charter verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten Ende 2008 zu einer verst&#228;rkten asiatischen Integration, die nach dem Vorbild der EU die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und eines gemeinsamen Wirtschaftsraums bis 2015 vorsieht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Anstatt angesichts der gegenw&#228;rtigen Krise den Versprechen des Freihandels etwas mehr Misstrauen entgegen zu bringen, schloss die ASEAN dar&#252;ber hinaus zwischen Februar und August 2009 fast jeden Monat ein Investitionsund Freihandelsabkommen im asiatisch-pazifischen Raum (Australien und Neuseeland), im Osten (S&#252;dkorea und China) und im S&#252;den (Indien) Asiens ab.</p>
<p><strong>Das Projekt ASEAN 2015</strong><br />
Die gegenw&#228;rtigen Reaktionen der ost- und s&#252;dostasiatischen Staaten auf die globale Krise zeigen deutlich, dass es keine Zur&#252;cknahme des autorit&#228;ren Liberalismus gibt. Sowohl die milliardenschweren Konjunkturpakete als auch die riesigen ADB-Kredite zielen eindeutig auf die Wiederherstellung von Wirtschaftswachstum, die Unterst&#252;tzung der Privatwirtschaft und eine offene, freie Marktwirtschaft ab, und ignorieren weitgehend die soziale Absicherung der Armen.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Hinzu kommt, dass in der gegenw&#228;rtigen, instabilen polit-&#246;konomischen Situation das Risiko besteht, dass die Dollar-Milliarden enorme Budgetdefizite nach sich ziehen und dadurch eine weitere Schuldenkrise ausgel&#246;st wird.<br />
Tats&#228;chlich wurde erst im Kontext dreier aufeinander folgender &#246;konomischer Krisen w&#228;hrend der letzten zehn Jahre das ehrgeizige Projekt eines gemeinsamen ASEAN-Marktes durchgesetzt. Mit diesem haben sich die zehn Mitgliedsl&#228;nder kategorisch auf die Vertiefung von Freihandel, Wettbewerbsorientierung und eine offene Marktwirtschaft – also die Fortf&#252;hrung des neoliberalen Kurses – festgelegt. Jedoch existiert diese Festlegung zun&#228;chst nur auf dem Papier. Die Umsetzung geschieht auf Ebene der einzelnen Nationalstaaten, und die Durchf&#252;hrbarkeit der Vision eines gemeinsamen Marktes bis 2015 ger&#228;t durchaus mit der Realpolitik asiatischer Eliten in Konflikt – denn es sind deren Interessen, keine Ideologien, die letztlich z&#228;hlen. Die Eliten Asiens k&#246;nnen zutiefst anti-marktwirtschaftlich und wettbewerbshemmend agieren, wenn dies ihren Interessen entspricht.</p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Die globale Krise ist nicht die einzige Ursache f&#252;r die anti-demokratischen Tendenzen, die wir identifiziert haben, aber sie hat den schon l&#228;nger existierenden diskursiven und institutionellen Angriff auf die Demokratie versch&#228;rft und beschleunigt. Die hegemonialen neoliberalen AkteurInnen haben die Krise als Chance wahrgenommen, diese zu ihrem Vorteil zu nutzen und neoliberale Politiken zu erneuern und zu st&#228;rken. W&#228;hrend Weltbank, IWF und ihre G-20-Verb&#252;ndeten von Reformen sprechen, l&#228;uft ihre Strategie auf eine Restrukturierung der gesellschaftlichen Klassenverh&#228;ltnisse hinaus, welche die Hegemonie des Kapitals und die Macht der Eliten sichern, Entwicklungsstrategien (von Staaten wie von internationalen Organisationen) in Richtung Marktorientierung festschreiben und das Institutionengef&#252;ge in Staat und Gesellschaft entsprechend der Logiken, Anforderungen und Imperative des Neoliberalismus umgestalten soll. Die grundlegenden Regeln und Werte der politischen &#214;konomie sollen den Marktkr&#228;ften unterworfen werden, nicht der Demokratie.<br />
Die Staaten Ost- und S&#252;dostasiens reagieren auf die Krise im Rahmen eines polit-&#246;konomischen Regimes, das wir als autorit&#228;ren Liberalismus bezeichnen. Die Erfahrungen aus den Krisen von 1997 und nach dem 11. September 2001 sind eindeutig; die <em>banking as usual</em>-Politik der ADB bevorzugt weiterhin den privatwirtschaftlichen Sektor; und das ASEAN-2015-Projekt eines gemeinsamen Binnenmarkts verweist auf die weitere Verankerung des autorit&#228;ren Liberalismus als Staatsform im Prozess der neoliberalen Reproduktion der R&#228;ume des Kapitalismus in Zeiten der multiplen Krise.<br />
Eine dritte Tendenz<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> ist das Erstarken des Nationalismus in den USA und Europa. Das reicht von protektionistischer Wirtschaftspolitik bis zu Rassismus, Islamophobie, (neo-) kolonialistischen Entwicklungsstrategien und einer restriktiven, ausgrenzenden Migrationspolitik. Diese Praxen sind ausschlie&#223;end und grundlegend undemokratisch.<br />
Diese Krise zeigt deutlich die Schwachstellen des globalen Kapitalismus im Allgemeinen und des Neoliberalismus im Speziellen. Doch in einer Situation, in der die politische und &#246;konomische Machtkonstellation weiterhin die hegemonialen Akteure und Strukturen massiv bevorzugt, bef&#246;rdert der „zeit-r&#228;umliche fix“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> der gegenw&#228;rtigen globalen Krise die Reproduktion des Neoliberalismus und anti-demokratische Projekte. Die sich versch&#228;rfenden Angriffe auf die Demokratie zeigen, wo, warum und wie Widerstand geleistet und K&#228;mpfe gef&#252;hrt werden k&#246;nnen und sollen.</p>
<p><em>Bonn Juego</em> hat Politikwissenschaft auf den Philippinen und in Malaysia studiert und ist aktuell PhD Fellow an der Universit&#228;t Aalborg.</p>
<p><em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> ist au&#223;erordentlicher Professor an der Universit&#228;t Aalborg. Zuletzt hat er auf Deutsch ver&#246;ffentlicht: Finanzkrise, Sozialkrise und ungleiche Entwicklung in S&#252;dkorea und Thailand, in: K&#252;blb&#246;ck, Karin/Staritz, Cornelia (Hg.): Asienkrise: Lektionen gelernt? Finanzm&#228;rkte und Entwicklung, Hamburg 2008, S. 143-158</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wenn die Analyseebene „von unten“ gew&#228;hlt – d. h. auf Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen fokussiert – wird, l&#228;sst sich nat&#252;rlich argumentieren, dass die blo&#223;e Tatsache, dass Oppositionspolitik und Widerstand existiert, als Anzeichen f&#252;r Demokratisierung gewertet werden kann.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Anm. d. Red.:In einer l&#228;ngeren Version dieses Artikels gehen die Autoren auf eine dritte globale Tendenz ein, die sie in diesem Zusammenhang f&#252;r wichtig halten: das Erstarken von Nationalismus, Rassismus und (neo-)kolonialen Entwicklungsstrategien in Europa und den USA. Aus Platzgr&#252;nden kann dieser Aspekt hier nicht n&#228;her behandelt werden, eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung damit l&#228;sst sich aber in der Originalversion nachlesen: Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: The Global Crisis and the Assault on Democracy. Paper presented at the Conference ‘After the Gold Rush: Economic Crisis and Consequences’, University of Iceland, Reykjavik, unter: http://vbn.aau.dk/files/32589147/Juego&#038;Schmidt%20(2010),%20The%20Global%20Crisis%20and%20the%20Assault%20<br />
on%20Democracy.pdf<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich 2007<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zwar ist die neoliberale Form des Kapitalismus gestorben (d.h. der Marktfundamentalismus oder das Fehlen direkter staatlicher Intervention in den Markt), aber nicht der Kapitalismus als Prozess der Kapitalakkumulation und als Verh&#228;ltnis, in dem Arbeit unter Kapital subsumiert wird. (vgl. Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: Unpacking the Global Crisis: Neo-liberalism, Financial Crises, and Authoritarian Liberalism, Paper presented at the Sixth Historical Materialism Conference: ‚Another World is Necessary: Crisis, Struggle and Political Alternatives’, London, 2009).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und &#246;konomische Urspr&#252;nge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem, Frankfurt/M. 1978; vgl. Bugra Ayse/Agartan, Kaan (Hg.): Market Economy as a Political Project: Reading Karl Polanyi for the 21st Century, Basingstoke 2007<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Cammack, Paul: The Evolving Agenda of „Poverty Reduction“: from Structural Adjustment to Universal Competitiveness, Paper presented at the ISA Annual Convention, New York 2009, unter: http://www.allacademic.<br />
com//meta/p_mla_apa_research_citation/3/1/0/3/7/pages310370/p310370-1.php<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Bruno, Michael: Deep Crises and Reform: What Have We Learned?, Washington D.C. 1996, S. 4; vgl. auch Klein, Naomi: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt 2007<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Bello, Walden: All Fall Down, unter: http://www.fpif.org/articles/all_fall_down<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> G-20: Communiqué, Meeting of Finance Ministers and Central Bank Governors, 7 (2009), Abschnitt 5<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Cammack, Paul: The Governance of Global Capitalism, in: Historical Materialism 11(2) 2003, S. 37–59; ders.: „All Power to Global Capital!“, Papers in the Politics of Global Competitiveness 10, Institute for Global Studies, Manchester Metropolitan University, unter: http://e-space.openrepository.com/e-space/bitstream/2173/6190/3/The%20Politics%20of%20Global%20Competitiveness.pdf<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. World Bank: Global Monitoring Report 2009: A Development Emergency, Washington 2009<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> ebd., S. xii<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zoellick, Robert: Seizing Opportunity from Crisis; Making Multilateralism Work, The World Bank, 31 March 2009, unter: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:22121476~pagePK:34370~piPK:42770~theSitePK:4607,00.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> IMF: Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF, Washington 2009, S. 13<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Juego, Bonn: Constitutionalizing „Authoritarian Liberalism“ in the Philippines: A Critique of the Political Economy of Charter Change, in: Global Development Studies Research Series, 1 (2008), unter: http://vbn.aau.dk/files/14000082/1_GDS_wp.pdf<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rodan, Gary/Hewiso, Kevin/Robison, Richard (Hg.): Political Economy of South-East Asia: Markets, Power and Contestation, Sydney 2006<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Jayasuriya, Kanishka: Beyond Institutional Fetishism: From the Developmental to the Regulatory State, in: New Political Economy, 10(2005), S. 381–387; vgl. ders.: Authoritarian Liberalism, Governance<br />
and the Emergence of the Regulatory State in Post-Crisis East Asia, in: Robison, Richard et al. (Hg.): Politics and Markets in the Wake of the Asian Crisis, London 2000, S. 315-329 sowie ders.: Governance, Post Washington Consensus and the New Anti Politics, in: Working Papers Series No. 2 Southeast Asia Research Centre, City University of Hong Kong 2001, unter: http://www6.cityu.edu.hk/searc/Data/FileUpload/189/WP2_01_Jayasuriya.pdf<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Juego, Bonn: Securitization against Democratization: War on Terrorism, Authoritarian Liberalism, and Neoliberalism in Post-9/11 Southeast Asia, in: Brockmann, Katrin/Hauck, Hand Bastian/Reigeluth, Stuart (Hg.): From Conflict to Regional Stability: Linking Security and Development, Berlin 2008, S. 71–81<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> ADB: ADB’s Response to the Global Economic Crisis: An Update, 2009<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ADB: ADB Financial Products, 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.; ASEAN: Annual Report 2008-2009: Implementing the Roadmap for an ASEAN Community 2015, Jakarta 2009<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. ASEAN: Economic Stimulus: Thailand, Malaysia spend billions to boost economy, ASEANAffairs.com 2008; ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> siehe Fu&#223;note 2<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Anm. d. &#220;bers.: Der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey bezeichnet als „raum-zeitlichen fix“ Strategien, in denen &#252;berakkumuliertes Kapital dem Kapitalkreislauf entzogen wird, indem es an bestimmten Orten investiert und dadurch auf bestimmte Zeit gebunden („fixiert“) wird. Solche „fixes“ k&#246;nnen als tempor&#228;re L&#246;sung von durch &#220;berakkumulation verursachten Krisen dienen, (engl. „to fix“ kann auch „reparieren“ hei&#223;en), schieben diese aber zugleich immer nur zeitlich hinaus (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; sowie die Einleitung der &#220;bersetzerInnen in Silver, Beverly: Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005).</p>
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		<title>Revolutionen aus dem Off</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:09:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. Nikolaus Perneczky zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. <em>Nikolaus Perneczky</em> zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.<br />
<span id="more-661"></span><br />
In den langen 60er Jahren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> des 20. Jahrhunderts unterlag das Verh&#228;ltnis des euroamerikanischen Raums zur damaligen Dritten Welt einem fundamentalen Wandel. Die Emanzipation der ehemaligen Kolonien machte sich in geopolitischen Umw&#228;lzungen ungekannten Ausma&#223;es bemerkbar. Anstatt sich mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit abspeisen zu lassen, dr&#228;ngten die dabei entstandenen neuen Nationalstaaten auch auf wirtschaftliche und kulturelle Autonomie. Vor diesem Hintergrund fiel es den europ&#228;ischen Gesellschaften mit einem Mal schwer, sich weiterhin als Ausgangs- und Mittelpunkt des Weltgef&#252;ges zu begreifen. In einer radikalen Wendung beschreibt Jean-Paul Sartre diese Entwicklung als regelrechte Umkehrung der herrschenden Verh&#228;ltnisse. In seinem Vorwort zur franz&#246;sischen Erstausgabe von Frantz Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> von 1961 schreibt er, &#252;brigens ohne jede Wehleidigkeit: „Das ist das Ende: Europa ist an allen Ecken leck. Was ist denn geschehen? Ganz einfach dies: bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie sich in dieser Bemerkung Sartres schon andeutet, stie&#223; die Krise des eurozentrischen Weltbilds nicht nur jenen &#252;bel auf, deren Funktion oder Profit am Fortbestehen kolonialistischer Regime hing. Auch die europ&#228;ische und US-amerikanische Linke musste sich in der neuen Situation erst zurechtfinden. Schon vorher hatten sich Zweifel geregt, ob das zu bescheidenem Wohlstand gelangte westliche Proletariat nicht l&#228;ngst der Konsumgesellschaft assimiliert worden w&#228;re. Herbert Marcuse, Vordenker und Einfl&#252;sterer der sp&#228;ter so genannten „Neuen Linken“, vertrat gar die Ansicht, der Antagonismus zwischen B&#252;rgertum und Arbeiterklasse habe – wenigstens in Europa – seine Dringlichkeit und mithin die Funktion eines geschichtlichen Movens eingeb&#252;&#223;t: „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart ver&#228;ndert, da&#223; sie nicht mehr die Tr&#228;ger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nicht nur Sartre und Marcuse folgerten aus dieser Diagnose, dass Widerstand nur noch von den Ausgeschlossenen und Marginalisierten zu erwarten w&#228;re. Weite Teile der Linken schlossen sich dieser Einsch&#228;tzung an und investierten fortan hoch fliegende Hoffnungen in die Revolten und Revolutionen der Dritten Welt, aber auch in die radikalisierten Minderheiten in den Metropolen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Unabh&#228;ngigkeit der neuen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch- Westafrika (1958), die kubanische Revolution (1959), der Befreiungskampf der AlgerierInnen (1954-1962), die chinesische „Gro&#223;e Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1969), die Tet-Offensive des Vietcong (1968) – gleichg&#252;ltig, wie diese Ereignisse heute bewertet werden m&#246;gen, f&#252;hrten sie der zeitgen&#246;ssischen metropolitanen Linken mit Nachdruck vor Augen, dass die M&#246;glichkeit der Revolution sich vom Zentrum an die Peripherie verlagert hatte. Dies warf die Frage auf, ob die dabei erprobten Strategien auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse umgelegt, die M&#246;glichkeit der Revolution importiert werden k&#246;nnte.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ernesto „Che“ Guevaras Theorien der Guerilla und des „foco“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> (Fokus) boten sich als Legitimation voluntaristischer Vorst&#246;&#223;e gegen das staatliche Gewaltmonopol an.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Aber auch diejenigen, welche die Frage nach der &#220;bertragbarkeit revolution&#228;rer Praxis negativ beschieden, blieben von den Entwicklungen in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht unbeeindruckt. So war der Befreiungskrieg in Algerien ein entscheidendes Ereignis in der politischen Sozialisation zahlreicher sp&#228;terer AktivistInnen des Pariser Mai 1968<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, und insbesondere Vietnam wurde als Symbol f&#252;r die Br&#252;chigkeit westlicher Herrschaftsanspr&#252;che zur zentralen Bezugsgr&#246;&#223;e der europ&#228;ischen Linken.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Dass der Ort dieser sehr verschiedenen Befreiungsk&#228;mpfe oft als „Dritte Welt“ angegeben und derart vereinheitlicht wurde, ist nur teilweise der europ&#228;ischen Blindheit f&#252;r lokale Besonderheiten anzulasten. Als „Trikont“ bezeichneten ihn die ProponentInnen dieser Bewegungen n&#228;mlich immer wieder selbst, in der Absicht, ihre oft weit gestreuten politischen Anliegen zu b&#252;ndeln und den Kampf daf&#252;r zu internationalisieren. Schlie&#223;lich war ihrem Gegner – der als neokolonialistisch verurteilten Politik der so genannten entwickelten L&#228;nder, vormalige Kolonien in wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit zu halten – auf lokaler Ebene schwierig beizukommen.<br />
Der Aufstieg des Trikont und die Dezentrierung des Westens im Gefolge der einsetzenden Dekolonisation in den langen 1960er Jahren gilt unter HistorikerInnen, zumal in der neueren globalgeschichtlichen Forschung<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, als geschichtlicher Wendepunkt mit weit reichenden politischen, sozialen und kulturellen Folgen. Dass die beschriebene Zeitenwende auch in der Geschichte des Films ihre Spuren hinterlassen hat, ist der kanonischen Filmgeschichtsschreibung dagegen meist nur eine Randnotiz wert und deshalb au&#223;erhalb filmwissenschaftlicher Seminare und cinephiler Monatsschriften wenig bekannt. Diesem Missstand soll im Folgenden abgeholfen werden. Das Aufbegehren der damaligen Dritten Welt wurde von einer kinematografischen Revolution begleitet und mitgestaltet. Ihr Name: „El tercer cine“, das Dritte Kino.</p>
<p><strong>F&#252;r ein Drittes Kino</strong><br />
1969 unternahmen die argentinischen Filmemacher Fernando E. Solanas und Octavio Getino den Versuch, das Medium des Films f&#252;r den antikolonialen Kampf in Dienst zu nehmen und forderten ein eigenst&#228;ndiges Kino der Dritten Welt. Jenseits von Hollywood sollte es verortet sein, aber auch jenseits des mit der europ&#228;ischen Linken assoziierten „Autorenfilms“, selbst wenn sie strategischen Allianzen mit den politisch radikalsten unter dessen Vertretern nicht grunds&#228;tzlich abgeneigt waren. Das Manifest, worin diese Forderungen laut wurden, tr&#228;gt den Titel Hacia un tercer cine<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, f&#252;r ein Drittes Kino. F&#252;r ein Kino, das in enger Verschr&#228;nkung mit den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gegen die Herrschaft des Neokolonialismus und f&#252;r eine Internationale der Peripherie – die „Trikontinentale“, wie sie auf der legend&#228;ren antiimperialistischen Konferenz von Havanna im Jahr 1966 getauft wurde – k&#228;mpfen sollte. Solanas und Getinos Manifest er&#246;ffnet mit einer Anklage der westlichen Filmindustrien, unter deren Einfluss die Bezeichnung „Film“ zu einem Synonym f&#252;r Spektakel und Unterhaltung verkommen sei. Im schlimmsten Fall stehe das Kino der Vereinigten Staaten und Europas, als kaum verhohlene Interessensvertretung der Studiomagnaten, f&#252;r eine ahistorische Mystifizierung der herrschenden Zust&#228;nde, im besten Fall gebe es ein mut- und auswegloses Zeugnis von sozialer Ungerechtigkeit und der Zersetzung b&#252;rgerlicher Werte. Vieles von dem, was Solanas und Getino den westlichen Kinematografien ankreiden, klingt wie eine Popularisierung von Guy Debords Thesen zur „Gesellschaft des Spektakels“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> in seinem gleichnamigen Buch, das zwei Jahre vor ihrem Manifest ver&#246;ffentlicht worden war: Als fetischisiertes Spektakel, das sich verselbstst&#228;ndigt und an die Stelle lebendiger Erfahrung gesetzt h&#228;tte, behinderten das Hollywoodkino und seine Nachahmer die Bewusstwerdung der verblendeten Massen. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wird die Aufgabe, die sich f&#252;r trikontinentale FilmemacherInnen stellt, als zweischneidige beschrieben. Neben der Erfindung emanzipatorischer Bildpraxen steht die Zerst&#246;rung jener Bilder auf der Agenda, die sich die kapitalistischen Unterhaltungsfabriken von der Dritten Welt gemacht haben und immer noch machen.<br />
Die Kritik der Autoren richtet sich aber auch gegen all jene, die der M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Kinos wenig Chancen einr&#228;umen, bevor nicht s&#228;mtliche Produktionsmittel, auch jene zur Herstellung von Filmen, im Gefolge eines revolution&#228;ren Umsturzes enteignet und vergesellschaftet worden sind. Obwohl dieser Einwand auf solidem marxistischem Boden stand, verwerfen ihn Solanas und Getino mit der Begr&#252;ndung, er erkl&#228;re die eingeschliffenen Produktions-, Distributions- und Vorf&#252;hrbedingungen Hollywoods zum Vorbild. Diese seien, genauso wie die Filme selbst, zur G&#228;nze auf die Interessen der US-amerikanischen Bourgeoisie abgestellt, weswegen f&#252;r alle diese Bereiche neue Formen gefunden werden m&#252;ssten.<br />
Wie ist das zu verstehen? Die Vorstellung, dass Filme aus Hollywood inhaltlich oder ihrer Form nach einer bestimmten Ideologie zuarbeiten, ist recht gel&#228;ufig. Solanas und Getino scheinen jedoch etwas anderes, oder genauer: <em>mehr als das</em> im Sinn zu haben: „Die Machtergreifung einer mechanistischen Vorstellung von Kino, wonach abgeschlossene Strukturen, die auf der Leinwand geboren werden und sterben, bei standardisierter L&#228;nge in einem gro&#223;en Lichtspieltheater abgespult werden, f&#252;hrte zur Absorption von Formen des b&#252;rgerlichen Weltbilds, die in der Tradition der Kunst des 19. Jahrhunderts wurzeln: Der Mensch gilt ausschlie&#223;lich als passives und konsumierendes Objekt. Anstatt Geschichte zu erkennen und zu verstehen, kann er sie nur auffassen, kontemplieren, durchlaufen, erdulden.“ Um gegen die der Film- <em>und </em>Kinotechnik innewohnenden b&#252;rgerlichen Anschauungsformen etwas auszurichten, m&#252;ssten folglich nicht nur andere Filme entworfen werden, sondern auch eine andere, st&#228;rker involvierende und aktivierende Einrahmung ihrer Pr&#228;sentation.<br />
&#196;hnliches gelte f&#252;r den angrenzenden Bereich der Distribution. Die Versuche europ&#228;ischer AutorenfilmerInnen, am Rand der kommerziellen Filmindustrien ein Auskommen zu finden und sich zumindest teilweise auf deren Verleihstrukturen einzulassen, w&#228;ren in eine Sackgasse gem&#252;ndet. Von diesem Modell m&#252;ssten sich die VertreterInnen eines Dritten Kinos daher emanzipieren, um in enger Zusammenarbeit mit ihrem Publikum eigenst&#228;ndige, noch im Falle staatlicher Repression tragf&#228;hige Netzwerke aufzubauen. Dies kam oft dem Weg in den Untergrund gleich.</p>
<p><strong>Die Guerilla als Arbeitsweise</strong><br />
Erm&#246;glicht wurde die Emanzipation von den bestehenden, vertikal integrierten<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Filmindustrien von einem Innovationssprung in der Filmkamera- und Projektortechnik. Der technologische Fortschritt hatte immer kleinere, einfacher handhabbare und zudem g&#252;nstigere Bild- und Tonaufnahmeger&#228;te hervorgebracht, wodurch der Umgang mit Film eine ungekannte Demokratisierung – oder, wie es im zeitgen&#246;ssischen Jargon hie&#223;: „Entmystifizierung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> – erfuhr.<br />
Solanas und Getino versprechen sich von dieser Umw&#228;lzung der Produktionsmittel zudem eine neue Arbeitsweise, deren Sto&#223;richtung sich in der Empfehlung andeutet, die „Kamera als Gewehr“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> einzusetzen. Anhand dieser Metapher wollen sie die Praxis des Dritten Kinos an die Kampfstrategie der Guerilla anschlie&#223;en: „Die Kamera ist der unersch&#246;pfliche Enteigner von Bild-Waffen, der Projektor ein Gesch&#252;tz, das 24 Bilder in der Sekunde feuert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Mit dieser kruden Analogie ist im Wesentlichen eine bestimmte Arbeitsweise im Kollektiv angesprochen, worin jedes Mitglied mit der Gesamtheit des verwendeten Equipments und allen Funktionen hinreichend vertraut und mithin austauschbar ist; worin planerische Detailversessenheit, Disziplin und ein rasches Arbeitstempo vorherrschen; worin alle Beteiligten sich bereit erkl&#228;ren, auf Komfort, alte Gewohnheiten und „dieses ganze Klima der Normalit&#228;t, wohinter sich der allt&#228;gliche Kriegszustand verbirgt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, Verzicht zu leisten.<br />
Das Projekt des Dritten Kinos ist also von Anbeginn als ein ganzheitliches angelegt: Nicht nur die Filme selbst, sondern auch die angrenzenden Bereiche der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung sollten revolutioniert werden.</p>
<p><strong>Die Dekolonisation der Kultur</strong><br />
Trotz des recht martialischen Gleichnisses von Film und Gewehr lassen Solanas und Getino darin, wie sie das Verh&#228;ltnis von (Film-)Kunst zu Politik bestimmen, einigen Freiraum. Die Polarit&#228;t der beiden sei von der herrschenden Klasse als universell gesetzt und m&#252;sse, zugunsten der Einheit von Politik und Kunst, in Richtung einer „&#220;berblendung des &#196;sthetischen mit dem Leben der Gesellschaft“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> &#220;berwunden werden. Eine wahre Kunst des Volkes ersch&#246;pfe sich nie im &#228;sthetischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, sondern sei immer auch eine Kunst f&#252;r das Volk, in seinem politischen Interesse. Gleichzeitig warnen die Autoren des Manifests vor einer allzu pragmatischen Kunstauffassung. Direkte Agitation und Intervention in politische Auseinandersetzungen h&#228;tten ebenso ihren Platz wie solche Ans&#228;tze, die, ungleich weniger handlungsorientiert, auf die Bildung politischen Bewusstseins zielen. Im Anschluss an Fanons Analyse des Verh&#228;ltnisses von Kolonisatoren und Kolonisierten, die von Marx’ Fr&#252;hschriften und Freuds Psychoanalyse informiert ist, brechen Solanas und Getino die Zielsetzung des Dritten Kinos immer wieder auf die Ebene des Individuums herunter. Hier geht es um die Erlangung einer befreiten, unentfremdeten Pers&#246;nlichkeit, die zugleich an der kollektiven Subjektivit&#228;t des Volkes Anteil hat. Wer so denkt, wird geneigt sein, der „Dekolonisation der Kultur“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> einen ebenso hohen Stellenwert einzur&#228;umen wie etwa dem Streben nach politischer oder wirtschaftlicher Unabh&#228;ngigkeit.<br />
F&#252;r den Kampf gegen das wirtschaftsliberale, vom Milit&#228;r eingesetzte Regime in ihrem Heimatland Argentinien, das sich bis zu den Unruhen in Cordoba 1969 im Amt halten konnte, konstatieren die Autoren sogar eine Vorrangstellung des Kulturellen, insofern die Abh&#228;ngigkeit vom neokolonialen Hegemon USA in diesem Fall nicht prim&#228;r mit Hilfe polizeilicher und/oder milit&#228;rischer Gewalt aufrecht erhalten werde, sondern zur Konsolidierung des Status quo auf die tatkr&#228;ftige Unterst&#252;tzung der einheimischen Intelligenzija – in Schulen, Universit&#228;ten und Redaktionsr&#228;umen – baue. Dem Kino als derjenigen Kunstform, die im Weltma&#223;stab die gr&#246;&#223;ten Zuschauermassen auf sich zu konzentrieren vermochte, musste bei dieser strategischen Schwerpunktsetzung eine herausragende Rolle zufallen.</p>
<p><strong>&#196;sthetische Offenheit</strong><br />
Was die Grundlegung eines Formenkanons und also die textuelle Ebene der Filme selbst betrifft, h&#228;lt sich Solanas und Getinos Manifest auff&#228;llig bedeckt – solange die Filme nur das unklare Kriterium der „Militanz“ erf&#252;llen: „Filmische Pamphlete, didaktische Filme, Reportagen, Essayfilme, Filme, die Zeugnis ablegen – alle militanten Formen des Ausdrucks sind zul&#228;ssig, und es w&#228;re absurd, ihnen gemeinsame &#228;sthetische Arbeitsnormen zugrunde legen zu wollen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> An einer Stelle gehen die Autoren so weit, sogar bestimmte Auspr&#228;gungen des Experimentalfilms in ihre Definition aufzunehmen. Nur soviel lassen sie durchblicken: Wer sich in der Hoffnung, beim einfachen Volk auf gr&#246;&#223;eres Verst&#228;ndnis zu sto&#223;en, auf narrative oder formale Vereinfachung einl&#228;sst, gilt ihnen als Populist. Worauf es vielmehr ankomme, sei die Sache, in deren Dienst sich ein Film stellt. Wenn diese nur an die Erfahrung und Lebenswelt der ZuschauerInnen ankn&#252;pft, m&#252;sse sich niemand sorgen, unverstanden zu bleiben.<br />
Ein weiterer Ansto&#223; f&#252;r den Widerwillen der Autoren, sich in formal&#228;sthetischer Hinsicht festzulegen, sind die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Regionen des Trikont: „Die Differenzen zwischen den Befreiungsk&#228;mpfen verunm&#246;glichen die Festschreibung universeller Normen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
In einem deutlichen Spannungsverh&#228;ltnis zu diesem Bekenntnis zu lokaler Spezifik steht Solanas und Getinos Hoffnung, das Dritte Kino m&#246;ge zur Internationalisierung der trikontinentalen Unabh&#228;ngigkeitsbewegungen beitragen: Als technisch reproduzierbares Medium, das ob seiner Visualit&#228;t, die Bildungsh&#252;rde der Schrift und sprachliche Barrieren im Allgemeinen zu &#252;berwinden vermag, sollte dem Film die Aufgabe zukommen, der von westlicher Seite vorangetriebenen „Balkanisierung“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> ein f&#252;r allemal abzuhelfen.<br />
Das Problematische am Begriff des Dritten Kinos liegt in diesem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen lokaler Spezifik und Internationalisierung. So vereint das Dritte Kino eine Vielzahl heterogener Praktiken unter seinem konzeptuellen Deckmantel. Solanas und Getino sind sich der Problematik durchaus bewusst. Ihre Antwort: Das „Dritte Kino“ ist ein Kampfbegriff, den es n&#246;tigenfalls der schlechten Wirklichkeit entgegenzustellen gilt: „Unsere Zeit ist eine Zeit [...] der prozessualen Werke – unfertige, unordentliche, gewaltt&#228;tige Werke, angefertigt mit der Kamera in der einen Hand und mit einem Stein in der anderen. Solche Werke lassen sich nicht am Ma&#223; der tradierten theoretischen und kritischen Kanons messen. Die Idee unserer Filmtheorie und unserer Filmkritik wird durch die enthemmende Praxis des Experiments zum Leben erweckt werden.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Schauen, Sprechen, Handeln</strong><br />
Wurde die Bezeichnung des Dritten Kinos zun&#228;chst vornehmlich als Etikett f&#252;r den Aufbruch diverser lateinamerikanischer Nationalkinematografien gebraucht, hat sie sich in den 60 Jahren seit der Ver&#246;ffentlichung des Manifests <em>Hacia un tercer cine</em> zum ausfransenden Sammelbegriff r&#228;umlich und zeitlich weit auseinander liegender Film- und Kinokulturen gemausert. Dennoch l&#228;sst sich ihr gemeinsamer Nenner zumindest n&#228;herungsweise angeben: Gemeint sind politische Kinematografien aus Lateinamerika, Afrika und Asien w&#228;hrend der langen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei „politisch“ nicht mehr aber auch nicht weniger hei&#223;t, als dass die angesprochenen Filme und ihre AutorInnen bzw. AutorInnenkollektive in einem engen, irgendwo zwischen Dialog und Gleichmarsch angesiedelten Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen in den L&#228;ndern der Dritten Welt standen. Soweit jedenfalls die hier vorgeschlagene Minimaldefinition, die unter TheoretikerInnen des Dritten Kinos jedoch keineswegs unwidersprochen bleibt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Nachdem das Dritte Kino versuchsweise definiert und die ihm anhaftenden Probleme zur Sprache gebracht worden sind, ist es nun an der Zeit f&#252;r einen Streifzug durchs Dickicht seiner mannigfaltigen Auspr&#228;gungen – ausgehend von jenen Filmen, die sich in der Zwischenzeit zu einer Art Kanon verdichtet haben, zu den R&#228;nder dieses Kanons und dar&#252;ber hinaus, in die Gegenwart des Weltkinos, das sich zwar in den seltensten F&#228;llen ausdr&#252;cklich auf das Dritte Kino beruft, aber dennoch &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungslinien mit ihm in Beziehung steht.<br />
Im Eingang steht ein Film, der den Forderungen von Solanas und Getino eigentlich auf ganzer Linie entsprechen sollte, haben sie doch selbst Regie gef&#252;hrt. Ihr episch angelegter Dokumentarfilm <em>La hora de los hornos</em><em> (Die Stunde der Hoch&#246;fen</em>, 1968) gilt als klassischer Ort eines agitatorischen Kinos, das sein Publikum direkt anspricht und zu politischer Aktion dr&#228;ngt. In Pesaro uraufgef&#252;hrt, in Argentinien dagegen bis zur Abdankung des vom Milit&#228;r eingesetzten Pr&#228;sidenten Alejandro Lanusse nur im Untergrund gezeigt, entwirft das in fast dreij&#228;hriger Arbeit entstandene Erstlingswerk der Gruppe <em>Cine liberación</em> eine politische Geschichte Argentiniens seit der Unabh&#228;ngigkeit. Der erste Teil skizziert eine Anatomie des Neokolonialismus und seiner gewaltsamen Ausdrucksformen im lateinamerikanischen Alltag, der zweite rekonstruiert anhand einer Montage aus vorgefundenem Material und eigens gedrehten Interviews mit VertreterInnen der Gewerkschaft, ArbeiterInnen und StudentInnen das Fortwirken kolonialer Strukturen bis zum Sturz Pérons 1955. Zuletzt findet der Film eine klare Antwort, wie der zunehmenden politischen Eskalation zu begegnen sei: Mit bewaffnetem Widerstand und Solidarit&#228;t unter den V&#246;lkern der Dritten Welt. &#220;berraschender als die Botschaft ist die Art ihrer &#220;bermittlung. Diese kann, ganz ohne &#220;bertreibung, als regelrechte Selbstaufhebung des Films beschrieben werden: Zwischen den einzelnen Segmenten werden als Diskussionsansto&#223; Passagen aus Fanon, Guevara, Amílcar Cabral u.a. eingeblendet. Jedes Kapitel endet mit einem Fragenkatalog, in der Pause zwischen zwei Kapiteln soll der Projektor heruntergefahren und das Saallicht eingeschaltet werden, um das Publikum aus dem Modus der Betrachtung in jenen der angeregten Debatte zu &#252;berf&#252;hren. Doch damit nicht genug. Bevor sich der Vorhang zum letzten Mal senkt, tritt eine unumwundene Aufforderung an die Stelle der zur Reflexion anhaltenden Zitattafeln: Schaut nicht l&#228;nger zu, verlasst sofort den Saal und werdet endlich zu Sprechenden, zu Handelnden!<br />
Es liegt nahe, <em>La hora de los hornos</em> als idealtypische Verwirklichung von Solanas und Getinos Projekt eines Dritten Kinos aufzufassen. Was diese intuitive Lesart aber &#252;bersieht, ist die ausdr&#252;ckliche Offenheit des Manifests: Der agitatorische Ansatz mochte den argentinischen Verh&#228;ltnissen angemessen sein, Anspr&#252;che auf universelle G&#252;ltigkeit hatten seine Macher jedoch nicht im Sinn. So findet sich im Einzugsgebiet des Dritten Kinos eine F&#252;lle von Filmen, die ihren politischen Anspruch nicht am Revers tragen; in denen sich das Politische nicht direkt, sondern &#252;ber Umwege vermittelt. Die Spannbreite des Dritten Kinos reicht von Agitprop zu zur&#252;ckhaltender Beobachtung und reflexiver Selbstkritik, von dokumentarischen Formen zu generischen Spielfilmen, von &#196;sthetiken der Kargheit und des Mangels zu &#252;berschw&#228;nglicher Experimentierfreude, vom Streben nach kultureller Eigenst&#228;ndigkeit zur ironischen Anverwandlung westlicher Einfl&#252;sse.<br />
Im Lateinamerika der langen 1960er Jahre finden sich jene Filme, die dem Ansatz von Solanas und Getino am n&#228;chsten stehen. Aus Platzgr&#252;nden, und weil das Dritte Kino aus Argentinien, Brasilien, Kuba u.a. wesentlich &#246;fter Gegenstand gelehrter Betrachtung und der Vermittlungsarbeit an europ&#228;ischen Kinematheken ist als jenes aus Afrika und Asien, sei an dieser Stelle nur ein weiterer lateinamerikanischer Regisseur erw&#228;hnt: Der Bolivianer Jorge Sanjinés, der gemeinsam mit dem von ihm begr&#252;ndeten Ukamau-Filmkollektiv an einem Kino „junto al pueblo“, mit dem Volk<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> arbeitete. Alle Arbeitsschritte – von der Abfassung des Drehbuchs bis zur Vorf&#252;hrung in Wanderkinos – erfolgten in enger Kooperation mit der indigenen Landbev&#246;lkerung im bolivianisch-peruanischen Grenzland, als deren Werkzeug Sanjinés sich und seine MitstreiterInnen sah. Das Resultat ihrer Bem&#252;hungen sind einige der am konsequentesten antiindividualistischen Filme seit Sergej Eisenstein, darunter <em>El enemigo principal (Der Hauptfeind)</em> von 1973. Darin setzt sich eine indigene Dorfgemeinschaft gegen ihren brutalen Grundherren zur Wehr, der sie in einem der Leibeigenschaft &#228;hnlichen Zustand h&#228;lt. Erst die Ankunft einer Gruppe von Guerilleros, die den LandarbeiterInnen erkl&#228;ren, was es mit dem antiimperialistischen Kampf auf sich hat, schafft die n&#246;tigen Organisationsstrukturen f&#252;r den bewaffneten Widerstand und die Verurteilung des Gro&#223;grundbesitzers durch ein Guerillatribunal am Ende des Films.<br />
Die Dorfgemeinschaft tritt fast immer als Kollektiv ins Bild und handelt auch als solches. Sobald sich Einzelne aus der Gruppe l&#246;sen, schw&#228;cht das die Sto&#223;kraft ihrer Aktion, etwa zu Beginn des Films, als sie ihren Ausbeuter der Justiz &#252;berantworten will. Der korrupte Dorfrichter, der mit dem Gro&#223;grundbesitzer unter einer Decke steckt, weist die Indios an, VertreterInnen aus ihrer Mitte zu ernennen, um in einem Gerichtsverfahren f&#252;r ihre Br&#252;der und Schwestern zu sprechen. Zun&#228;chst verweigert sich die Dorfgemeinschaft dieser Stellvertretungslogik. Die erste Begegnung mit dem Richter wird zur Veranschaulichung des prinzipiellen Unvernehmens zwischen b&#252;rgerlichem Individuum und quasi-proletarischem Kollektiv: W&#228;hrend die Menge auf akustischer Ebene in ein Durcheinander unverst&#228;ndlicher Stimmen zerf&#228;llt, verbinden sich die Stimmen im Bild der vereint gestikulierenden Indios zum organischen Ausdruck der Vielen.</p>
<p><strong>Filme aus Zigarettenstummeln</strong><br />
Auch im postkolonialen Afrika finden sich Filme und FilmemacherInnen, die mit der Utopie des Dritten Kinos in Verbindung stehen. Zum Beispiel der senegalesische Film Borom Sarret von 1962, der Ousmane Sembènes Ruf als Vater des afrikanischen Kinos begr&#252;ndete und seither oft als Ma&#223;stab herbeizitiert wird, an dem sich andere afrikanische Filme der 1960er und 70er Jahre zu messen h&#228;tten. Daf&#252;r gibt es gute Gr&#252;nde: <em>Borom Sarret</em> ist, da sind sich die ChronistInnen einig<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, in einem bestimmten Sinn der erste afrikanische Film aller Zeiten. Soll hei&#223;en: Der erste von einem schwarzen afrikanischen Regisseur auf afrikanischem Boden realisierte Film in der Geschichte des Mediums.<br />
Sembènes unangefochtener Status als Gr&#252;ndervater r&#252;hrt nicht nur daher, dass es sich bei <em>Borom Sarret</em> um eine Pionierleistung handelte, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass sein erster Film eine Erz&#228;hlweise vorgab, die f&#252;r viele afrikanische FilmemacherInnen in seiner Nachfolge verbindlich werden sollte: Sozialer Realismus, gepaart mit dem dramaturgischen Muster des Stationendramas, worin es einen (meist m&#228;nnlichen) Protagonisten von einer episodischen Begegnung zur n&#228;chsten verschl&#228;gt. Die Personen, die er auf dieser Reise trifft, erscheinen zwar zun&#228;chst oft „wie aus dem Leben gegriffen“, geben sich in Momenten forcierter Zeichenhaftigkeit jedoch zugleich als allegorische Kippfiguren der postkolonialen Gesellschaft zu erkennen. Im Fall von <em>Borom Sarret</em> ist der Held ein etwas grantiger, aber im Grunde sympathischer Kutscher, der auf seinen Fuhren durch Dakar den unterschiedlichen Gesichtern der Stadt begegnet. Als er sich dem Verbot widersetzt, mit dem Karren die Grenze zum Verwaltungsdistrikt zu &#252;berqueren, wird er von einem Polizisten angehalten und sein Gef&#228;hrt konfisziert. Der Auftritt und das Gebaren des Polizisten ergeben sich l&#252;ckenlos aus der realistisch grundierten Handlungslogik. Bis zu dem Punkt, da er als Individuum in den Hintergrund tritt, w&#228;hrend sein extrem untersichtig gefilmter Stiefel zu einem &#252;berdeutlichen Symbol f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Gewalt – von der kolonialen in die postkoloniale &#196;ra – anw&#228;chst.<br />
Sembène konnte bereits einigen Erfolg als Romancier verbuchen, bevor er sich dem Film als neuem Ausdrucksmedium zuwandte. Er selbst erkl&#228;rte diesen folgenreichen Schritt mit dem weit verbreiteten Analphabetismus seiner Landsleute: „Ich denke, dass das Kino kulturell bedeutsamer ist, und f&#252;r uns Afrikaner von absoluter Notwendigkeit. Denn es gibt <em>eine </em>Sache, die man den afrikanischen Massen nicht wegnehmen kann, und das ist, etwas gesehen zu haben.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dass Sehen f&#252;r Sembène eine andere Form von Evidenz schafft als Lesen, macht ein Ausspruch deutlich, den er dem Kutscher von <em>Borom Sarret</em> in den Mund legt. Dieser sagt, mit Blick auf die nationale Bourgeoisie des postkolonialen Senegal: „Ils savent lire, et ils savent mentir“, sie k&#246;nnen lesen und sie k&#246;nnen l&#252;gen.<br />
Was l&#228;ngst nicht bedeutet, dass Bilder nicht auch l&#252;gen k&#246;nnten. Im Gegenteil begegnete Sembène auch dem Kino stets mit gro&#223;er Skepsis. Hatte es sich nicht in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zum Komplizen kolonialer Herrschaft gemacht und – was f&#252;r ihn noch schwerer wog – die m&#252;ndlichen Erz&#228;hlkulturen seiner Vorfahren &#252;berdeckt und so den Zugang zur eigenen Geschichte versperrt? So k&#228;mpfte Sembène Zeit seines Lebens gegen die Beherrschung des afrikanischen Filmverleihs durch US-amerikanische und europ&#228;ische Distributoren, die den Markt mit B-Filmen &#252;berschwemmten. Auch sein Pl&#228;doyer f&#252;r die <em>mégotage</em>, eine Produktionsweise, die aus Knappheit die Tugend kultureller Eigenst&#228;ndigkeit macht, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; <em>mégotage</em>, weil die meisten afrikanischen FilmemacherInnen darauf angewiesen waren, mit den &#252;brig gebliebenen <em>mégots</em>, den Zigarettenstummeln ausl&#228;ndischer Produktionen, zu arbeiten.<br />
Djibril Diop Mambétys<em> Badou Boy</em> von 1970 kn&#252;pft augenscheinlich an die von Sembène begr&#252;ndete Traditionslinie eines allegorisch zugespitzten und wom&#246;glich didaktischen, sozialen Realismus an. Aber er verpasst dieser Steilvorlage<br />
eine entscheidende Wendung ins Anarchische: Aus dem Kutscher wird ein kleiner Junge, aus der Kutsche ein Bus, aus dem zielvollen Ernst des Brotberufs der Spa&#223; einer wilden, ungerichteten Verfolgungsjagd. Wie in <em>Borom Sarret</em> tritt auch hier ein Polizist als Repr&#228;sentant der Obrigkeit auf, die dem Helden aus einfachen Verh&#228;ltnissen das Leben schwer macht; mit dem entscheidenden Unterschied, dass der gewitzte Badou Boy seinem Verfolger immer um eine Nasenl&#228;nge voraus ist.<br />
Auf der Folie der &#252;berlieferten Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die sich an der Leitfigur Sembène orientiert, erscheint <em>Badou Boy</em> zwar als ein Ausrei&#223;er, jedoch als einer, der immerhin am Figurenrepertoire und am dramaturgischen Strickmuster des kanonischen Korpus teilhat. Eine ganze Reihe von Kleinoden des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die erst k&#252;rzlich wieder in Archiven aufgetaucht sind<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, versperren sich noch st&#228;rker gegen die herk&#246;mmlichen Zuordnungen und r&#252;cken auch <em>Badou Boy</em> in ein anderes Licht.<br />
Zum Beispiel Safi Fayes <em>Kaddu Beykatt</em> (<em>Lettre Paysanne</em>, 1975). Absto&#223;ungspunkt ist der viel kritisierte ethnografische Film europ&#228;ischer Machart, mit seinem sezierenden, Stereotypen festschreibenden „Insektenforscherblick“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aber die Regisseurin Safi Faye verwirft diese filmische Gattung nicht einfach, sondern versucht sich an einer behutsamen Umkehrung des ethnografischen Paradigmas, die darauf abhebt, die Dargestellten an ihrer Darstellung zu beteiligen.<br />
Safi Faye nahm Anfang der 1970er Jahre das Studium der Ethnologie an der Pariser Sorbonne auf, um 1975 mit einer Kamera und einem Team von drei Assistenten in ihr Heimatdorf Fad’jal im S&#252;den Senegals zur&#252;ckzukehren. Wie viele afrikanische Produktionen jener Zeit erhielt das Filmprojekt finanzielle Unterst&#252;tzung vom franz&#246;sischen Ministère de la Coopération, das aus dem fr&#252;heren Kolonialministerium hervorgegangen war.<br />
Schon die Dreharbeiten zu<em> Kaddu Beykat</em> waren von Fayes zentralem Anliegen bestimmt, den ethnografischen Zugriff auf den afrikanischen Kontinent einer Revision zu unterziehen. So stand am Anfang zwar das Rudiment einer Geschichte – der junge Landarbeiter Ngor kann wegen der schlechten Ernte den Brautpreis f&#252;r seine Angebetete Columba nicht entrichten und versucht sein Gl&#252;ck in Dakar –, oft gab Faye aber wenig mehr als ein vages Thema vor und &#252;berlie&#223; den Ablauf der Szene den DarstellerInnen. In der resultierenden Zur&#252;ckhaltung vertr&#228;gt sich <em>Kaddu Beykatt</em> so gar nicht mit jener Vorstellung des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, das in Ousmane Sembène ihren zentralen Bezugspunkt findet. Der Sch&#228;rfe der Kritik tut diese Zur&#252;ckhaltung indes keinen Abbruch: Als Ursache f&#252;r die l&#228;ndliche Notlage identifiziert der Film die Fortsetzung kolonialer Politik nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit unter Pr&#228;sident Léopold Sédar Senghor; eine Politik, die den Bauern anstelle nachhaltiger Selbstversorgung den monokulturellen Anbau von Cash Crops nahe legte.</p>
<p><strong>Afrikanische Cowboys</strong><br />
Der Filmhistoriker Manthia Diawara hat einmal gesch&#228;tzt, dass 80 Prozent der afrikanischen Filmproduktion aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien stammten.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Das ist heute, im Zeitalter einer boomenden nigerianischen Videofilmindustrie mit Ausl&#228;ufern in anderen westafrikanischen Staaten sicher nicht mehr zutreffend. F&#252;r die 1960er und 70er Jahre aber m&#252;sste man die zahlenm&#228;&#223;ige &#220;berlegenheit des frankophonen Filmschaffens wahrscheinlich noch h&#246;her ansetzen. Das hat mehrere Gr&#252;nde, der wichtigste Faktor war aber wahrscheinlich das weit bis in die postkoloniale &#196;ra hinein reichende Bestreben des offiziellen Frankreich, seine Kolonien nicht nur &#246;konomisch, sondern auch kulturell an sich zu binden. Das nahm seinen Ausgang auf der Schulbank – in den Schulb&#252;chern war die Rede von „Nos ancêtres les gauloises“, von <em>unseren </em>gallischen Vorfahren – und setzte sich bis in die Kinos&#228;le fort. Noch zur Stummfilmzeit machten sich die franz&#246;sischen Kolonisatoren Gedanken, wie Filme f&#252;r ein afrikanisches Publikum auszusehen h&#228;tten, begr&#252;ndeten staatlich gelenkte Produktionsfirmen und f&#246;rderten den Distributionssektor.<br />
Auf diese Weise war es Frankreich nicht nur m&#246;glich, die Filmproduktion seiner afrikanischen Kolonien inhaltlich auf Linie zu bringen, sondern auch den Aufstieg von AfrikanerInnen in verantwortliche Positionen systematisch zu behindern. Auf der legalen Grundlage des 1934 verabschiedeten Décret Laval, wonach jedeR, der/die auf dem Territorium des damaligen Franz&#246;sisch-Westafrika ein kinematografisches Bild oder eine Tonaufnahme herstellen wollte, eine schriftliche Anfrage an den Generalgouverneur der jeweiligen Kolonie richten musste, war es ein Leichtes, diese Vorhaben durchzusetzen. Ein prominentes Opfer des Décret Laval war der Filmemacher Paulin Vieyra aus Benin. W&#228;re ihm 1955 nicht die Drehgenehmigung in Senegal verwehrt worden, dann g&#228;lte heute er und nicht Ousmane Sembène als Gr&#252;ndervater des afrikanischen Kinos. Stattdessen verlegte Vieyra seine Arbeit nach Paris und drehte einen Film &#252;ber die afrikanische Diaspora an der Seine. <em>Afrique-sur-Seine</em> ist ein Dokument &#252;ber das Afrika der Ausgewanderten und Ausgesto&#223;enen, das trotz widriger Produktionsbedingungen ein weitaus optimistischeres Bild zeichnet als &#252;ber zehn Jahre – und etliche Migrationswellen – sp&#228;ter Med Hondos verzweifelnder <em>Soleil Ô</em> (1969).<br />
Der in Mauretanien geborene Hondo gelangte &#252;ber den Umweg des Theaters zum Film. &#196;hnlich Sembène dachte er dem reproduzierbaren Medium das Potenzial zu, sein Publikum und mithin die gesellschaftliche Relevanz seines k&#252;nstlerischen Schaffens zu vervielf&#228;ltigen. Als afrikanischer Migrant im Paris der 1960er Jahre machte Hondo jene Erfahrungen, die in seinem ersten Langfilm <em>Soleil Ô</em> zu einem schmerzvollen, aber befreienden Ausdruck dr&#228;ngen: Der Rassismus im Kleinen wie im (strukturellen) Gro&#223;en, der den Alltag der afrikanischen Diaspora im Herzen der „Grande Nation“ bestimmte – bedingt und begleitet von &#246;konomischer und kultureller Marginalisierung –, wird am Fallbeispiel eines jungen Afrikaners veranschaulicht. Sein Leidensweg f&#252;hrt ihn durch ein Paris, wie es selten zu sehen ist. W&#228;hrend zeitgen&#246;ssische franz&#246;sische Kommentatoren den Film ob seiner &#252;bersch&#228;umenden Experimentierfreudigkeit in die N&#228;he des Avantgardefilms r&#252;ckten, verortet ihn Hondo selbst in der afrikanischen Tradition abschweifenden, mehrschichtigen Erz&#228;hlens. In der Bezugnahme auf eine als genuin afrikanisch verstandene Tradition spricht sich Hondos erkl&#228;rtes Ziel aus, mit seinen Filmen ein Gegenwicht zu dem, wie er es selbst nennt, „euroamerikanischen Kino“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu schaffen. Nur wenn AfrikanerInnen aller L&#228;nder die Produktionsmittel zur Gestaltung filmischer Bilder selbst in die Hand bek&#228;men, war der Leser von Karl Marx, Frantz Fanon und Aimé Césaire &#252;berzeugt, kann die Befreiung auch vom ideellen Erbe des Kolonialismus gelingen.<br />
Mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit der franz&#246;sischen Kolonien wurden der Décret Laval und die kolonialistische<br />
Kulturpolitik, f&#252;r die er einstand, zwar obsolet. Ihre Nachwirkungen waren trotzdem zu sp&#252;ren. Weil AfrikanerInnen der Zugang zu hoch qualifizierten T&#228;tigkeiten wie Kameraf&#252;hrung, Tonaufnahme oder Schnitt versperrt gewesen war, herrschte nun ein eklatanter Mangel an Fachkr&#228;ften.<br />
Einige wenige gab es aber doch, und dieser Umstand verdankt sich unter anderem der pers&#246;nlichen Initiative des franz&#246;sischen Ethnografen Jean Rouch. Der hatte – entgegen den Gepflogenheiten – mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden gebrochen und einige seiner DarstellerInnen im Gebrauch einer tragbaren 16mm-Kamera angewiesen. Egal, was man von Rouch als Regisseur ethnografischer Filme halten mag<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>, kommt ihm allemal das Verdienst zu, etlichen Pionieren des afrikanischen Kinos den Weg geebnet zu haben.<br />
Unter seinen Sch&#252;lerInnen befand sich auch der nigerianische Filmemacher Moustapha Alassane, dessen Erstlingswerk <em>Le retour d’un aventurier</em> (1966) sich fast allen Ordnungsschemata widersetzt, die der kanonischen Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu Gebote stehen. Der Film handelt, wie so viele westafrikanische Filme dieser Zeit, von einem, der auszieht, das Gl&#252;ck zu suchen; als Boy in den Metropolen Afrikas, als Stra&#223;enfeger in Paris oder als Soldat im Indochinakrieg. Meist kehren diese jungen M&#228;nner, selten auch Frauen, mit leeren H&#228;nden in ihre Heimatd&#246;rfer zur&#252;ck. Nicht so in <em>Le retour d’un aventurier</em>. Der R&#252;ckkehrer hat von seiner Reise in die Vereinigten Staaten einen Koffer voller Stetson-H&#252;te, kniehoher Lederstiefel und anderer Western-Versatzst&#252;cke mitgebracht und verteilt sie unter seinen Freunden, die sich mit gro&#223;er Spielfreude Namen wie Jimmy und John und den dazu geh&#246;rigen Habitus aneignen. Bald schon geraten die frisch gebackenen Cowboys mit ihren losen Sitten aber in Konflikt mit der gewachsenen Dorfgemeinschaft. W&#228;hrend die Grenzen zwischen Rollenspiel und Ernst verschwimmen, werden die Widerspr&#252;che zwischen nigerischer Tradition und westlichen Einfl&#252;ssen immer handgreiflicher, ihr Ausdruck immer gewaltt&#228;tiger. Die wirtschaftliche &#214;ffnung und Modernisierung nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit bereitete dem Einzug des USamerikanischen Genrekinos den Boden, das gemeinsam mit indischen Produktionen &#252;ber Jahrzehnte die sporadischen Kinolandschaften Westafrikas dominieren sollte. Da liegt es nur nahe, dass Alassane den Konflikt zwischen nigerischer Tradition und westlicher Moderne auf der Folie des Western entwickelt. Obwohl die jugendlichen Cowboys nur Unheil anrichten, ist der Film weit davon entfernt, antimoderner Reflex zu sein. Allerorten macht sich eine tiefe Ambivalenz gegen&#252;ber der Modernisierung bemerkbar, und w&#228;hrend die Handlung gegen Ende einen moralisierenden Tonfall anstimmt, widerspricht ihr die Tonspur ganz entschieden, indem sie nigerische und US-amerikanische Musiktraditionen (Country) aufs Vers&#246;hnlichste harmonisiert.<br />
Vor dem Hintergrund der Filme von Faye, Hondo und Alassane ergeben sich ganz neue M&#246;glichkeiten der filmgeschichtlichen Kontextualisierung. Mambéty <em>Badou Boy</em>, der vorhin noch als eigenwillige Variation auf Sèmbenes <em>Borom Sarret</em> vorgestellt wurde, wird nun als Repr&#228;sentant einer versch&#252;tteten, noch zu entdeckenden Tradition des afrikanischen Kinos beschreibbar; einer Tradition, die das Streben nach kultureller Autonomie durch eine – wenngleich vorsichtige und oft reibungsvolle – Aneignung westlicher Einfl&#252;sse ersetzt.</p>
<p><strong>Internationalismus vs. Globalisierung</strong><br />
Mit dem explizit revolution&#228;ren und internationalistischen Gestus ihres Manifests rannten Solanas und Getino in Lateinamerika offene T&#252;ren ein. In den neuen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch-Westafrika stie&#223;en manche ihrer Forderungen – nach der Freilegung eigener kultureller Formen oder nach der Etablierung eines subsistenten Distributionssektors – auf fruchtbaren Boden. Andere dagegen verhallten ungeh&#246;rt: Weitaus zaghafter als sein lateinamerikanisches Gegenst&#252;ck unternahm das fr&#252;he afrikanische Kino den Versuch, die Probleme der nachkolonialen &#196;ra in einen L&#228;ndergrenzen oder sogar Kontinente &#252;bergreifenden Bezugsrahmen zu setzen. Auch in Asien entpuppte sich die Utopie des Dritten Kinos als nur bedingt anschlussf&#228;hig. Zwei kontr&#228;re Positionen aus den Philippinen der 1970er Jahren sollen dies veranschaulichen.<br />
Nachdem Ferdinand Marcos seine urspr&#252;nglich demokratisch legitimierte Pr&#228;sidentschaft 1972 in eine Milit&#228;rdiktatur umgewandelt hatte, war an ein im engeren Sinne radikales Filmschaffen – f&#252;r das ohnehin keine Infrastruktur zur Verf&#252;gung gestanden h&#228;tte – nicht zu denken. Diejenigen Regisseure, die dennoch den Versuch unternahmen, politische Filme zu drehen, mussten sich auf dem Gebiet des popul&#228;ren Kinos und seiner von Solanas und Getino kritisierten, an Holly- und Bollywood orientierten melodramatischen Form bewegen. Lino Brocka, der vielleicht bedeutendste philippinische Regisseur, betrachtete es als die Aufgabe jedes K&#252;nstlers, Stellung zu aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu beziehen. So beteiligte er sich in den 1980er Jahren mit der von ihm gegr&#252;ndeten Organisation Concerned Artists of the Philippines (CAP) an den b&#252;rgerlichen Protesten gegen den Diktator Ferdinand Marcos. Brockas Filme sind gepr&#228;gt von der Spannung zwischen diesem intervenierenden Gestus einerseits und den Zw&#228;ngen des Genrekinos, in welchem er Zeit seiner Karriere arbeitete, andererseits.<br />
Kein anderer Film Brockas macht diese Spannung so produktiv wie <em>Insiang </em>(1976), ein Melodram, angesiedelt in den &#252;berbev&#246;lkerten Slums von Manila. Hier, wo das Zusammenleben auf Zwang beruht, erstickt jeder Versuch, die soziale Zerrissenheit zu &#252;berwinden, im Keim, verl&#228;uft jede noch so minimale Geste der Solidarit&#228;t ins Nichts. Der Passionsweg der jungen Insiang f&#252;hrt sie von einer Erniedrigung zur n&#228;chsten, die sich, nach Art des klassischen Melodrams, s&#228;mtlich auf ihrem ebenm&#228;&#223;ig sch&#246;nen Gesicht abzeichnen. Am Ende des Films steht eine emanzipatorische Abweichung von der generischen Gussform: Wenn die leidende Oberfl&#228;che ihres Gesichts sich verh&#228;rtet und mit der Welt abgeschlossen hat, wird sich ihr grausamer Zorn nach au&#223;en wenden und gegen ihre Peiniger richten.<br />
Noch weiter von der herk&#246;mmlichen Auffassung des Dritten Kinos entfernt sich Kidlat Tahimiks <em>Mababangong bangungot</em><em> (Der parf&#252;mierte Albtraum)</em>. Schon 1977 bearbeitet er eine geopolitische Konstellation, die sich in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in ihrer Keimform befand, inzwischen aber aus politischen und auch sonstigen Gegenwartsdiagnosen nicht mehr wegzudenken ist: die Globalisierung. Der Regisseur Kidlat Tahimik hei&#223;t mit b&#252;rgerlichem Name Eric de Guia und arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler in den Vereinigten Staaten und Frankreich,bevor er es sich anders &#252;berlegte und mit <em>Mababangong bangungot</em> gleichsam im Alleingang das unabh&#228;ngige philippinische Kino begr&#252;ndete. Tahimik spielt oder parodiert sich selbst, als Bewohner eines kleinen Dorfes, der mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsglauben verfallen ist. Er ist der Vorsitzende des lokalen Wernher-von-Braun-Fanclubs, lauscht begeistert den Selbstbeweihr&#228;ucherungen der Vereinigten Staaten auf ihrem Auslandssender „Voice of America“ und ist besessen vom Br&#252;ckenbauen, das ihm als Metapher f&#252;r die zunehmende Verbundenheit seines Dorfes mit dem Rest des Globus gilt. Bis Kidlat sich eines Tages auf eine Bildungsreise durch Europa begibt, und dort zu seiner Ern&#252;chterung feststellen muss, dass der technologische Fortschritt wo er hinblickt menschliche Verlierer hervorgebracht hat.<br />
Tahimiks hybride Montage rauschhafter Bilder und T&#246;ne, die mit minimalem Budget auf 8mm gedreht wurde, bricht mit allem, wof&#252;r die philippinische Filmindustrie bis heute steht. Deren standardisierten Melodramen setzt Tahimik seinen eigenen Entwurf von Kino als einem gleichzeitig pers&#246;nlichen und hoch politischen Medium entgegen. Auf den ersten Blick steht der Film damit dem Kanon des Dritten Kinos wieder sehr nahe. Freilich scheint sich in Tahimiks &#196;sthetik, in der das Lokale ohne (vor allem nationalstaatliche) Vermittlungsinstanzen mit dem Globalen konfrontiert wird, ein grunds&#228;tzlich anderer Politikbegriff zu verbergen als in den &#252;brigen Filmen des Dritten Kinos, die selten ganz ohne Kategorien wie „Nation“ oder „Volk“ auskommen. <em>Mababangong bangungot</em> partizipiert dabei weniger an der postkolonialen Internationalisierungsrhetorik, als dass er seinen eigenen problematischen Adressierungsmodus reflektiert: Ein Film wie dieser kann nicht mehr in mobilisierender Absicht zu einer auch nur halbwegs koh&#228;rent gedachten &#214;ffentlichkeit sprechen. Stattdessen richtet er sich an jeden und niemand und im Zweifelsfall vor allem an westliche Filmfestivals.</p>
<p><strong>Das Erbe des Dritten Kinos?</strong><br />
Wer die hier vorgestellten Filme, von Solanas und Getinos <em>La hora de los hornos</em> bis zu Tahimiks <em>Mababangong </em>bangungot, ungeachtet ihrer gro&#223;en Unterschiede unter ein und demselben Banner versammelt, nimmt sich zwar die M&#246;glichkeit, den Begriff des Dritten Kinos zur pr&#228;zisen Bestimmung einer politischen &#196;sthetik zu gebrauchen, kann ihn daf&#252;r aber als reichen Fundus an Formen und Ideen zu einer politischen Bildpraxis im umfassenden Wortsinn auffassen. Nicht nur die Form der Bilder selbst steht dann auf dem Spiel, sondern auch wie sie gemacht, verteilt und gezeigt werden.<br />
Aus diesem Fundus sch&#246;pfen auch die heutigen Kinematografien aus den L&#228;ndern der ehemaligen Dritten Welt, auch wenn sie in den allerwenigsten F&#228;llen ausdr&#252;cklich beanspruchen, das Projekt des Dritten Kinos zu beerben oder weiterzuf&#252;hren.<br />
Auch wenn der ins Okkulte gewendete Antikapitalismus nigerianischer Videofilme nur noch wenig mit der aufgekl&#228;rten Gesellschaftskritik bei Ousmane Sembène und anderen VertreterInnen des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu tun hat, machte der Aufstieg „Nollywoods“ zumindest Sembènes Traum von einem wirtschaftlich autonomen Filmschaffen <em>von </em>AfrikanerInnen <em>f&#252;r </em>AfrikanerInnen wahr. Mit einer Einschr&#228;nkung jedoch: Die Kehrseite dieser &#246;konomischen Unabh&#228;ngigkeit ist nicht anderes als die Abh&#228;ngigkeit von der &#214;konomie: Der erste veritable Blockbuster aus diesem Produktionszusammenhang ist Chris Obi Rapus<em> Living in Bondage</em> (Nigeria, 1992). Nur wenige Wochen nach ihrer Ver&#246;ffentlichung „straight to video“ hatte sich die moralische Erz&#228;hlung um einen jungen Igbo, der seine Frau opfert, um an Wohlstand und einen Nissan Pathfinder zu gelangen, &#252;ber 500 000 mal verkauft. Von diesem Erfolg angespornt, investierten findige Gesch&#228;ftleute in &#228;hnlich geartete Filmprojekte und legten so den &#246;konomischen wie generischen Grundstein zur nigerianischen Videofilmindustrie, die seither zum zweitgr&#246;&#223;ten Arbeitgeber des Landes avancierte.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Ein anderes Beispiel, das in mehrerlei Hinsicht auf das Dritte Kino bezogen werden kann, ist das von der Volksrepublik China sowie der Europ&#228;ischen Union bezuschusste und vom Dokumentarfilmregisseur Wu Wenguang koordinierte Mammutprojekt <em>Chinese Villagers Documentary Project</em>, das in den letzten Jahren auf kleinen Festivals und im Internet<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Furore gemacht hat. Zehn DorfbewohnerInnen aus allen Teilen Chinas, &#252;ber deren Auswahl eine offene Ausschreibung entschied, wurden mit digitalen Videokameras ausgestattet. Bestand ihre Zielsetzung urspr&#252;nglich darin, die basisdemokratische Direktwahl der Dorfverwaltung zu dokumentieren, hat sich das Projekt inzwischen zu einem umfassenden Selbstportr&#228;t im Format der Langzeitbeobachtung ausgewachsen: Die nebenberuflichen FilmemacherInnen, die alle auch einem oft landwirtschaftlichen Brotberuf nachgehen, wollten einfach nicht mehr davon lassen, die Bedingungen ihres Lebens mit Hilfe der digitalen Aufzeichnung zu verdoppeln und so zu thematisieren.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Wenn das Dritte Kino nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft haben sollte, so wird sich diese wahrscheinlich nicht mehr auf Celluloid, sondern im entgrenzten Reich des digitalen Laufbilds abspielen.</p>
<p><em>Mit Dank an Lukas Foerster</em></p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> ist einer der KuratorInnen der Filmreihe <em>Revolutionen aus dem Off. Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch</em>, die vom 18. April bis zum 27. Mai 2009 im <em>Zeughauskino Berlin</em> gezeigt wurde.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zur geopolitischen Periodisierung der 1960er Jahre vgl. Kastner, Jens und David Mayer: Zur Einf&#252;hrung; In: Kastner, Jens und David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 11.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Sartre, Jean-Paul: Vorwort [1961]; In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1981, S. 24.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1989 [1964] (= Ders.: Schriften, Bd. 7), S. 15.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Tats&#228;chlich wurde das Aufbegehren etwa der konservativen Nation of Islam oder der linksradikalen Black Panther Party for  Self-Defense immer wieder zu den Befreiungsk&#228;mpfen auf dem afrikanischen Kontinent in<br />
Beziehung gesetzt, und im Umkehrschluss die rassistische Unterdr&#252;ckung in den USA als quasi kolonialistische gebrandmarkt. Vgl. dazu Scharenberg, Albert: „Die  B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA“; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 159-171, und als Zeitzeugnis Pasolini, Pier Paolo: B&#252;rgerkrieg [1966]; In: Ders.: Ketzererfahrungen, M&#252;nchen/Wien 1979, S. 179-186.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. van der Linden, Marcel: 1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Der Fokustheorie zufolge ist es die Aufgabe einer bewaffneten Gruppe entschlossener Revolution&#228;rInnen, die Revolution in die Landbev&#246;lkerung „hineinzutragen“.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008, S. 55f.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kalter, Christoph: ’Le monde va de l’avant. Et vous êtes en marge’. Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der ‚Dritten Welt’ in der radikalen Linken in Frankreich in den 1960er Jahren; In: Archiv f&#252;r Sozialgeschichte, Bd. 48, Bonn, 2008, S. 99-132.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hecken, a.a.O., S. 52.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> z.B. Kastner/Mayer, a.a.O.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Solanas, Fernando E. und Octavio Getino: Towards a Third Cinema [1969]; In: Nichols, Bill (Hg.): Movies and Methods. An Anthology, Berkeley/Los Angeles/London, 1976, S. 44-64.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin, 1996 [1967].<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Als vertikal integriert wird jene Unternehmensstruktur bezeichnet, bei der ein Filmstudio die Sektoren der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung unter seinem Dach vereint.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Solanas/Getino, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Ibid., S. 58.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ibid.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ibid., S. 50; Kursivsetzung im Original.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ibid., S. 47.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ibid., S. 55f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ibid., S. 56.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ibid., S. 55.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Pines, Jim und Paul Willemen (Hg.): Questions of Third Cinema, London, 1989; darin finden sich Versuche zu einer Ausweitung des Begriffs ebenso wie solche, denen an der Grundlegung eines &#228;sthetischen Kanons gelegen ist; vgl. auch Guneratne, Anthony und Wimal Dissanayake (Hg.): Rethinking Third Cinema, New York, 2003.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Sanjinés, Jorge und die Ukamau Gruppe (Hg.): Theory and Practice of a Cinema with the People, New York, 1989 [1979].<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Gutberlet, Marie-Hélène: Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankfurt am Main/Basel, 2004, S. 106; vgl. auch Ukadike, Nwachukwu Frank: Black African Cinema. Berkeley, 1994; sowie Murphy, David und Patrick<br />
Williams: Postcolonial African cinema. Ten directors, Manchester/New York, 2007, S. 50.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. http://revolutionenausdemoff.de/, unter dem Men&#252;punkt „Material“ findet sich jenes Interview mit Sembène, aus dem das Zitat entnommen ist.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Bisschoff, Lizelle und David Murphy: Africa’s Lost Classics. Introduction; In: Screen 48:4, Oxford, 2007.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Diese Metapher pr&#228;gte Ousmane Sembène als Vorwurf an den franz&#246;sichen Ethnografen Jean Roch, in deutscher &#220;bersetzung wiederabgerduckt als Rouch, Jean und Ousmane Sembène: „Du schaust uns an, als w&#228;ren wir Insekten.“ Eine historische Gegen&#252;berstellung zwischen Jean Rouch und<br />
Ousmane Sembène im Jahr 1965; In: Gutberlet, Marie-Hélène und Hans-Peter Metzler (Hg.): Afrikanisches Kino, Bad Honeff, 1997, S. 29-32.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Diawara, Manthia: African Cinema. Politics and Culture, Bloomington, 1992.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Murphy/Williams, a.a.O., S.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Fu&#223;note 30<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. http://www.guardian.co.uk/film/2007/jul/31/observerfilmmagazine.observerfilmmagazine5.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Auf der Website des China Independent Documentary Archive (http://www.cidfa.com) sind s&#228;mtliche Filme des Village Documentary Project verf&#252;gbar.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Foerster, Lukas: Village Voice; In: Cargo, Nr. 3, Berlin, Herbst<br />
2009, S. 49-52.</p>
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		<title>Geschichten des Widerstands</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[WanderarbeiterInnen]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €<br />
<span id="more-130"></span><br />
Der Transformationsprozess der Volksrepublik China ist gekennzeichnet von in ihrem Ausma&#223; beispiellosen Wanderungsbewegungen der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung in die K&#252;stenregionen und Sonderwirtschaftszonen des Landes. Mit der Dekollektivierung der chinesischen Landwirtschaft in den sp&#228;ten 1970er Jahren und beg&#252;nstigt durch die schrittweise Aufweichung vormals rigider Migrationskontrollen seit Mitte der 1980er Jahre, wurde es transnationalen Konzernen m&#246;glich, ihre Mehrwertsch&#246;pfung an die Ausbeutung der Arbeitskraft eines Heeres chinesischer WanderarbeiterInnen zu koppeln. Aktuell wird die Zahl der ArbeitsmigrantInnen auf insgesamt 150 bis 200 Millionen gesch&#228;tzt, wobei es in den Fabrikshallen der Export-orientierten Industrie seit Anfang der 1990er Jahre vor allem junge Frauen – im Chinesischen als <em>dagongmei</em> bezeichnet – sind, deren Mehrarbeit vom Produktionsapparat abgepresst wird. Gleichzeitig stehen diese jedoch auch im Zentrum des zunehmenden Widerstands der WanderarbeiterInnen gegen deren Ausbeutung.<br />
Um die gro&#223;teils 18- bis 25-j&#228;hrigen Frauen in ihren Auseinandersetzungen zu unterst&#252;tzen, gr&#252;ndete Pun Ngai, Professorin am <em>Social Work Research Center</em> der <em>Peking University</em> und an der <em>Hong Kong Polytechnic University</em>, 1996 in der im s&#252;dchinesischen Perflussdelta gelegenen Stadt Shenzhen das <em>Chinese Working Women Network</em> (CWWN). Gemeinsam mit Li Wanwei, Mitarbeiterin der Hongkonger NGO <em>Industrial Relations Institute</em>, ver&#246;ffentlichte sie im Jahr 2006 die Ergebnisse eines vom Arbeiterinnen-Netzwerk in Shenzhen durchgef&#252;hrten Interviewprojektes mit Fabrikarbeiterinnen. Unter dem Titel <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> liegen diese Aufzeichnungen nun auch in deutscher Sprache vor.<br />
Im Vorwort des Buches wird der/die Leser/in an eine der zentralen Thesen in den Arbeiten Pun Ngais herangef&#252;hrt. F&#252;r sie deutet die Bezeichnung <em>dagongmei </em>auf die Entstehung neuer proletarischer Subjekte in China, die in einem deutlichen Gegensatz zu den <em>gongren </em>(„ArbeiterInnen“) der Mao-&#196;ra stehen. W&#228;hrend letztere von der einstigen Propaganda gefeiert und in den staatlichen Arbeitseinheiten mit lebenslangen, materiellen Privilegien versehen wurden, verweist der im chinesischen Sprachgebrauch seit etwa 20 Jahren g&#228;ngige Begriff dagong („f&#252;r den Boss arbeiten“) auf die Ausdehnung kapitalistischer Arbeitsbeziehungen. Der Zusatz <em>mei </em>(„kleine Schwester“) kennzeichnet &#252;berdies den geschlechtspezifischen Charakter des Proletarisierungsprozesses. Das auf den <em>dagongmei </em>lastende Ausbeutungsverh&#228;ltnis sieht Pun Ngai in einer „dreifachen Unterdr&#252;ckung“ (12) durch das globale Kapital, den chinesischen Staat und patriarchaler Gesellschaftsstrukturen charakterisiert. Despotische Arbeits- und Wohnbedingungen, die Verhinderung eines l&#228;ngerfristigen Verbleibens in den St&#228;dten und einer unabh&#228;ngigen, gewerkschaftlichen Organisierung sowie der Zwang zur Unterordnung unter ein traditionelles Frauenbild sind dabei miteinander verschr&#228;nkt.<br />
Das Ziel der Ver&#246;ffentlichung von zw&#246;lf biographischen Geschichten in <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> ist es, so erfahren wir ebenfalls im Vorwort, einen „subjektiven Blick der Arbeiterinnen“ (16) auf die in diesem spezifischen Kontext zu verortenden Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse zu bieten. Pun Ngai begreift die Erz&#228;hlungen &#252;berdies als ein „Sub-Genre des Widerstands“ (13); die zitierten Erz&#228;hlungen, die anhand vier thematischer Schwerpunkte gegliedert und von Erl&#228;uterungen der Interviewerinnen begleitet werden, sollen insbesondere auch die unterschiedlichen Widerstandspraktiken der <em>dagongmei </em>dokumentieren, die im hegemonialen Diskurs der „Modernisierung“ Chinas ausgeblendet bleiben.<br />
Der Fokus der ersten drei Erz&#228;hlungen liegt auf den Motiven der <em>dagongmei</em>, ihre l&#228;ndliche Heimat meist sofort nach dem Schulabschluss zu verlassen. Durch die pers&#246;nlichen Geschichten wird deutlich, dass die Entscheidungen f&#252;r ein vor&#252;bergehendes Leben als Fabrikarbeiterin auf mehr als blo&#223; &#246;konomischen Zw&#228;ngen beruhen. Das Ausbrechen aus einer von der Gewaltt&#228;tigkeit des Vaters &#252;berschatteten Familiensituation tritt in den Ausf&#252;hrungen der jungen Frauen bspw. ebenso in den Vordergrund, wie die Suche nach neuen Herausforderungen und beruflichen Aufstiegsm&#246;glichkeiten abseits der als anstrengend und eint&#246;nig empfundenen Arbeit in der Landwirtschaft. Die Stadt wird dabei zur Projektionsfl&#228;che von W&#252;nschen nach einem „modernen Leben“ und Konsum. Obwohl die jungen Frauen durch Berichte von ins Dorf zur&#252;ck kommenden <em>dagongmei </em>&#252;ber die st&#228;dtischen Arbeitsbedingungen informiert sind, werden diese W&#252;nsche durch den Anblick der geschminkten und neu eingekleideten Heimkehrerinnen gleichwohl verst&#228;rkt. Die Erz&#228;hlungen vermitteln dar&#252;ber hinaus einen Einblick in die Gef&#252;hlslage der <em>dagongmei</em>, zwischen zwei unterschiedlichen Welten hin und her gerissen zu sein. Die Ausbeutung in den Fabriken und h&#228;ufiges Heimweh f&#252;hren dazu, dass sie in Zeiten v&#246;lliger Ersch&#246;pfung in die l&#228;ndliche Heimat zur&#252;ckkehren. Da sie ihre Zukunftsperspektiven jedoch weiterhin an eine Arbeit in der Stadt gebunden sehen, dauert es oft nicht lange, bis sie den Entschluss fassen, erneut in die Industriezonen zu wandern.<br />
Die biographischen Geschichten im zweiten Kapitel lenken den Blick auf die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen in den l&#228;ndlichen Regionen Chinas. Die interviewten <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen dabei u.a. von erzwungenen Schulabbr&#252;chen, der elterlichen Entscheidungsgewalt &#252;ber den Zeitpunkt der Heirat sowie dem Druck, sich einer traditionellen Rolle als Ehefrau unterzuordnen, welche ihr weiteres Leben auf das Geb&#228;ren und Erziehen der Kinder, die Arbeit im Haushalt und landwirtschaftliche T&#228;tigkeiten beschr&#228;nkt sieht. Die Erz&#228;hlungen des zweiten Kapitels zeigen jedoch auch den gegen diese Formen der Unterdr&#252;ckung gerichteten Widerstand der Frauen auf. Das Verlassen des Dorfes und die Lohnarbeit in den st&#228;dtischen Fabriken stellen f&#252;r sie hart errungene Versuche dar, ihre W&#252;nsche nach finanzieller Unabh&#228;ngigkeit und einem selbst bestimmten Leben zu verwirklichen. Obwohl es neben dem staatlichen Haushaltsregistrierungssystem insbesondere erzwungene Heiraten sind, welche die durchschnittliche Dauer des Aufenthalts von <em>dagongmei </em>in den St&#228;dten auf etwa 4-5 Jahre beschr&#228;nken, verdeutlicht bspw. die Geschichte der 50-j&#228;hrigen Cuiyi, dass sich die Frauen Wege erk&#228;mpfen, aus diesem vorgezeichneten Leben auszubrechen. Durch die Arbeit in der Fabrik fand Cuiyi nicht nur zu einem gest&#228;rkten Selbstbewusstsein, sondern widersetzte sich auch erfolgreich der traditionellen Rollenverteilung in der Familie. Nach einigen Jahren der Lohnarbeit zeigt sie sich stolz dar&#252;ber, nun selbst f&#252;r das famili&#228;re Einkommen sorgen zu k&#246;nnen und ob ihrer Hartn&#228;ckigkeit von den Frauen im Heimatdorf bewundert zu werden.<br />
Im Zentrum der im dritten Kapitel unter dem Titel <em>Bittere Wanderarbeit</em> gesammelten Erz&#228;hlungen stehen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken. Neben wiederholten F&#228;llen ausstehender L&#246;hne und der regelm&#228;&#223;igen Ausdehnung der Arbeitszeiten ohne R&#252;cksicht auf gesetzlich festgelegte Standards berichten die Arbeiterinnen vor allem von ihren pers&#246;nlichen Erfahrungen mit Berufskrankheiten und Arbeitsunf&#228;llen. Die Gefahr von Verletzungen in den Fabriken ist durch veraltete Produktionsmaschinen und fehlende Informationen &#252;ber notwendige Sicherheitsvorkehrungen gro&#223;. Wie die Geschichte der knapp 40-j&#228;hrigen A’lan, die sich bei der Arbeit in einer Schuhfabrik mit hoch konzentriertem Klebstoff vergiftete und zwei Jahre im Krankenhaus verbringen musste, zeigt, bleiben an die Firmenleitung gestellte Forderungen der <em>dagongmei </em>nach gesundheitlichen Schutzma&#223;nahmen h&#228;ufig ohne Reaktionen. Dar&#252;ber hinaus ist es f&#252;r die Arbeiterinnen im Falle von Krankheiten und Verletzungen schwer, entsprechende Entsch&#228;digungen ausbezahlt zu kommen. Die gesetzlich verankerte Sozialversicherung f&#252;r WanderarbeiterInnen erm&#246;glicht bisher wenig R&#252;ckhalt, da die Firmen nur selten Sozialversicherungsbeitr&#228;ge abf&#252;hren. Deutlich wird durch die Erz&#228;hlungen auch, dass die Einschaltung der lokalen Arbeitsbeh&#246;rde ohne gleichzeitigen medialen Druck nur begrenzt Unterst&#252;tzung bietet bzw. deren geringe Entsch&#228;digungszahlungen an Stelle der Firmen akzeptiert werden m&#252;ssen. Denn im Wissen &#252;ber die Schwierigkeit der <em>dagongmei</em>, auf sich alleine gestellt Gerichtsprozesse zu f&#252;hren, bleiben die Beh&#246;rden in erster Linie daran interessiert, direkte Konfrontationen mit den Unternehmen zu vermeiden.<br />
Der Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen, welcher im Mittelpunkt des vierten und abschlie&#223;enden Teils der biographischen Geschichten steht, nimmt nichtsdestotrotz stetig zu. Die Erz&#228;hlungen dokumentieren, wie sich die Arbeiterinnen u.a. gegen zu niedrige L&#246;hne, regelm&#228;&#223;ige &#220;berstunden, Verlegungen der Fabrikstandorte und miserable Wohnverh&#228;ltnisse zur Wehr setzen. Die systematische Unterbringung von Arbeitsmigrantinnen in Wohnheimen direkt auf dem Fabrikgel&#228;nde oder in dessen unmittelbarer N&#228;he, die Pun Ngai als f&#252;r die Industriezonen Chinas charakteristisch betrachtet und mit dem Begriff „Wohnheim-Arbeitsregime“ (11; siehe auch Pun Ngais Artikel in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/schlafsaalkapitalismus-in-shenzhen/"><em>Perspektiven </em>Nr. 3</a>) fasst, offenbart dabei ihren doppelten Charakter. Einerseits erm&#246;glicht sie den Unternehmen, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft niedrig zu halten, die Arbeiterinnen Tag und Nacht zu kontrollieren sowie deren st&#228;ndige Abrufbarkeit sicherzustellen. Andererseits werden die Wohnheime und Schlafs&#228;le zu Orten, an denen sich die Arbeiterinnen &#252;ber ihre Erfahrungen austauschen und f&#252;r gemeinsame K&#228;mpfe vernetzen k&#246;nnen. Die <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen von ihren Erfolgen, gemeinsam an Firmenleitung und Arbeitsbeh&#246;rde gerichtete Beschwerdebriefe zu verfassen, sowie in den Wohnheimen f&#252;r Unterschriften und Streiks zu mobilisieren. Doch auch Unstimmigkeiten &#252;ber die Ziele der Auseinandersetzungen und Gegenma&#223;nahmen des Managements werden beschrieben. Neben der Abschreckung durch Entlassungen oder Beurlaubungen von R&#228;delsf&#252;hrerinnen bestehen die dargestellten Strategien der Gesch&#228;ftsleitung u.a. darin, mit Teilzugest&#228;ndnissen eine Spaltung unter den Arbeiterinnen herbeizuf&#252;hren. Schlie&#223;lich verweisen die Erz&#228;hlungen in diesem Kapitel ebenso darauf, dass die <em>dagongmei </em>&#252;ber ihre Erfahrungen in K&#228;mpfen sowohl die wichtige Rolle der Kenntnis von Arbeitsgesetzen und des kollektiven Widerstands erkennen, als auch ein zunehmend starkes Klassenbewusstsein entwickeln.<br />
Im Anschluss an die Geschichten der <em>dagongmei </em>finden sich in der deutschen Ausgabe des Buches zwei Texte, die gegen&#252;ber dem chinesischen Original erg&#228;nzt wurden. In den <em>Nachbetrachtungen von Li Wanwei</em> reflektiert diese &#252;ber die Beweggr&#252;nde f&#252;r die Beteiligung am Interviewprojekt sowie &#252;ber die Bedeutung der Interviews f&#252;r die Beziehung zwischen ihr und den Fabrikarbeiterinnen. Daf&#252;r beschreibt sie ihre Politisierung in Hong Kong und das daraus erwachsende Interesse an der Unterst&#252;tzung der neuen ArbeiterInnenklasse in den Industriezonen des angrenzenden Perflussdeltas. Die Zusammenarbeit mit den <em>dagongmei </em>charakterisiert Li als „gemeinsamen Lernprozess“ (196), wobei sie den gegenseitigen Erfahrungsaustausch unter den Arbeiterinnen als einen zentralen Aspekt im Verlauf der Interviews hervorhebt. Die sich hinsichtlich der Ver&#246;ffentlichung der Interviewaufzeichnungen stellende Frage nach dem Verh&#228;ltnis zwischen (kommentierenden/ &#252;berleitenden) Interviewerinnen und (zitierten) Fabrikarbeiterinnen wird von ihr jedoch nicht thematisiert. Den Abschluss der Publikation bildet das &#252;bersetzte Kapitel <em>Sozialer K&#246;rper, Kunst der Disziplin und Widerstand</em> aus dem im Jahr 2005 erschienen Buch <em>Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace </em>von Pun Ngai, f&#252;r dessen Erstellung sie selbst acht Monate in einer Elektronikfabrik in Shenzhen arbeitete. Pun Ngai setzt ihre ethnographischen Aufzeichnungen in Bezug zum foucaultschen Konzept der Disziplinarmacht und pr&#228;sentiert eine ebenso detaillierte wie aufschlussreiche Analyse der auf die weiblichen K&#246;rper gerichteten Disziplinartechniken des Produktionsregimes. Dar&#252;ber hinaus dokumentiert sie den allt&#228;glichen Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die tayloristischen Arbeitsbedingungen und zeigt dessen M&#246;glichkeiten und Grenzen innerhalb der Machtbeziehungen an konkreten Beispielen auf.<br />
Hinsichtlich bisheriger Publikationen zur Lage chinesischer WanderarbeiterInnen stellt der auf die biographischen Geschichten fokussierte Ansatz des vorliegenden Buchs eine Ausnahme dar. Die Besonderheit dieser Herangehensweise ist dabei insgesamt betrachtet gleichsam dessen gro&#223;e St&#228;rke. Mittels der subjektiven Erz&#228;hlungen gelingt es zum einen, die spezifische Situation der <em>dagongmei </em>aus deren eigenem Blickwinkel begreifbar zu machen, ohne gleichzeitig die Heterogenit&#228;t der Arbeiterinnen in Frage zu stellen. Zum anderen k&#246;nnen die biographischen Geschichten die den <em>dagongmei </em>im hegemonialen Diskurs zugeschriebene Passivit&#228;t widerlegen und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf emanzipatorische Ver&#228;nderungen aufzeigen. Des Weiteren ist positiv festzuhalten, dass die Lekt&#252;re keinerlei Vorkenntnisse voraussetzt, was neben den Ausf&#252;hrungen im Vorwort vor allem auch einem umfangreichen Glossar mit grundlegenden Begriffskl&#228;rungen zu verdanken ist. Das Buch ist somit ein sehr wichtiger Beitrag f&#252;r eine kritische, an Vorstellungen und Erfahrungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pfende Auseinandersetzung der deutschsprachigen Linken mit den sozialen Umw&#228;lzungsprozessen in China.</p>
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		</item>
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		<title>nao steht f&#252;r Unruhe</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/nao-steht-fuer-unruhe/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:47:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[WanderarbeiterInnen]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span>Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span id="more-64"></span><span><o></o>Der Blick auf China l&#228;sst staunen. Zu vielf&#228;ltig und widerspr&#252;chlich sind die medial vermittelten Bilder, die wir Europ&#228;erInnen &#252;blicherweise geboten bekommen: Billiglohnland f&#252;r Spielzeug und Kleidung, Austragungsort der olympischen Spiele, neue Weltmacht (meist mit Fragezeichen), Lokomotive der Weltkonjunktur, Turbokapitalismus mit sozialistischem Antlitz, Megainvestor in Afrika und Lateinamerika („bald auch bei uns?“, fragt dann die hiesige Wirtschaftspresse nerv&#246;s), B&#246;rsenjongleur und Dollaraufk&#228;ufer, Atmosph&#228;renverschmutzer, verdammt viele sind sie – und was passiert erst, wenn die alle Auto fahren wollen? Es ist den HerausgeberInnen und AutorInnen dieses Hefts hoch anzurechnen, dass sie sich auf den 80 A4-Seiten nicht in diesen und noch viel mehr Fragen verheddert haben, sondern einen beeindruckend informierten und hoch interessanten Einblick in die Auseinandersetzungen liefern, die in China selbst die Entwicklung bestimmen. Nicht zuf&#228;llig prangt das </span><em>nao</em><span> am Cover, das Zeichen f&#252;r Unruhe, L&#228;rm und Tumult, wie wir auf der R&#252;ckseite erfahren. Es geht vor allem um die K&#228;mpfe der drei „gef&#228;hrlichen Klassen“, von deren Ausbeutung und Ruhigstellung das chinesische Regime abh&#228;ngt, deren Unzufriedenheit aber zugleich dessen gr&#246;&#223;te Bedrohung darstellt. Da w&#228;ren zun&#228;chst die Bauern und B&#228;uerinnen, die mit rund 700 Millionen noch immer den gr&#246;&#223;ten Bev&#246;lkerungsanteil stellen (zum Vergleich: die EU hat rund 500 Millionen EinwohnerInnen) und die von massiver Enteignung durch den Staat betroffen sind. Die boomende Wirtschaft braucht Platz und den bekommt sie – f&#252;r Industrieprojekte und rasant wachsende St&#228;dte – h&#228;ufig, indem der Staat schlicht Landraub begeht. Viele tausende Proteste, von friedlichen Petitionen bis zu gewaltsamen Aufst&#228;nden, sind Ausdruck des Widerstands dieser ihrer Subsistenzgrundlage beraubten Bauern und B&#228;uerinnen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dann gibt es die „alte“ industrielle ArbeiterInnenklasse, </span><em>gongren</em><span>, die im maoistischen China als St&#252;tze des Staates galt und in kollektiven Arbeitseinheiten, </span><em>danwei</em><span>, besch&#228;ftigt war. Mit lebenslanger sozialer Absicherung – der so genannten „eisernen Reissch&#252;ssel“ – ausgestattet, hatten sie gewisse Privilegien genossen, die sie jedoch mit rigider politischer &#220;berwachung und Kontrolle bezahlen mussten. Doch sp&#228;testens seit den Reformen der 1990er Jahre wurden die </span><em>gongren</em><span> zu einem weiteren Unruheherd. Die meisten </span><em>danwei</em><span> wurden umstrukturiert, viele geschlossen oder privatisiert, w&#228;hrend den ArbeiterInnen die „eiserne Reissch&#252;ssel“ entzogen wurde und (meist befristete) Arbeitsvertr&#228;ge die lebenslange Zugeh&#246;rigkeit zu einer Arbeitseinheit abl&#246;sten. Der darauf folgende soziale Abstieg eines gro&#223;en Teils der gongren lie&#223; auch hier die Unzufriedenheit steigen und das traditionelle Band zwischen der st&#228;dtischen ArbeiterInnenklasse und der herrschenden KP locker werden. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Und schlie&#223;lich sind die WanderarbeiterInnen, als dynamischste gesellschaftliche Kraft Chinas, die vielleicht „gef&#228;hrlichste aller Klassen“. Sie, die </span><em>mingong</em><span> – „Bauern-die-Arbeiter-wurden“ – arbeiten in den Sonderwirtschaftszonen, produzieren die chinesischen Exportschlager der Spielzeug- und Textilindustrie, bauen die Fabriken und Wohnsilos oder bieten einfache Dienstleistungen in den wachsenden Megast&#228;dten an. Sie sind jung, &#252;berwiegend weiblich und wehren sich gegen niedrige L&#246;hne, Lohnbetrug, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende soziale Absicherung oder miserable Wohnverh&#228;ltnisse (vgl. den Artikel von Pun Ngai in Perspektiven Nr. 3) . <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Den AutorInnen gelingt es, diese groben Linien der gegenw&#228;rtigen Klassenlandschaft in China nahe zu bringen, ohne holzschnittartig zu werden. &#220;ber Widerspr&#252;che innerhalb und zwischen den einzelnen Klassen wird nicht hinweggegangen, die spezifischen Situationen etwa von Frauen, sowohl von Wanderarbeiterinnen als auch von „traditionellen“ </span><em>gongren</em><span> und B&#228;uerinnen, werden behandelt. So wird in einem Beitrag gezeigt, dass die „ungl&#252;ckliche Generation“, die die Jahrg&#228;nge von ca. 1945 bis 1960 umfasst, nicht nur insgesamt von Hungersn&#246;ten, den Gewaltexzessen der „Kulturrevolution“ und den neoliberalen Umstrukturierungen der 1980er und 90er Jahre gepr&#228;gt ist, sondern spezifische Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsformen Frauen in allen historischen Phasen zu doppelt Benachteiligten machten. Ob in den kollektivierten Landwirtschaftsbetrieben, den „Roten Garden“ der Kulturrevolution oder dem Kontrollregime des </span><em>danwei</em><span>, traditionelle, patriarchale Strukturen schrieben sich stets in den neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation fort. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Der Blick aufs Konkrete, die Lebensverh&#228;ltnisse und Auseinandersetzungen der neuen chinesischen ProletarierInnen, macht die Qualit&#228;t des Hefts aus. Vor allem aber zeigt er, was die Probleme und Grenzen der aktuellen K&#228;mpfe sind. Denn diese bleiben in aller Regel sehr begrenzt, richten sich gegen den Boss oder korrupte lokale Verwaltungen. Die Verbindung der K&#228;mpfe bleibt zumeist aus und der Zentralstaat organisiert sich derma&#223;en geschickt, dass er, indem er Kompetenzen an die lokalen Staatseinheiten abgibt, den Zorn von sich ablenken und als neutraler Vermittler oder oberste Instanz f&#252;r Protestierende auftreten kann. Doch dass dies so weiter geht, ist keineswegs ausgemacht, und die Sprengkraft, die die Verkn&#252;pfung der K&#228;mpfe verschiedener ArbeiterInnenklassen erzeugen k&#246;nnte, l&#228;sst sich in den Beitr&#228;gen des Hefts erahnen. Leider verschwindet hinter der lebendigen Beschreibung der vielf&#228;ltigen &#246;konomischen Kampfformen etwas die Frage, welche Form einer politischen, &#252;ber die konkreten Interessen der protestierenden ArbeiterInnen hinaus reichenden Organisierung unter den besonderen Bedingungen der chinesischen Entwicklungsdiktatur &#252;berhaupt denkbar ist. Auch die teilweise etwas unscharfen Begrifflichkeiten m&#246;gen manche(n) LeserIn etwas stutzen lassen – in der theoretischen Einsch&#228;tzung und historischen Einordnung des maoistischen China sind sich die AutorInnen offensichtlich nicht so sicher. So wird an manchen Stellen von der „Kommodifizierung“ der Arbeitskraft durch die Privatisierung ehemals staatlicher Industrien in den 1990ern gesprochen (36), was nahe legt, dass diese davor keine Ware gewesen w&#228;re. Anderswo leisten Frauen jedoch schon w&#228;hrend der 1950er Jahre, zur Zeit des „Gro&#223;en Sprungs nach vorne“, „Lohnarbeit“ etwa in der Textilindustrie (43). Und vollends verwirrend wird es, wenn die </span><em>danwei</em><span> als Orte der „sozialistischen Akkumulation von Kapital“ tituliert werden (35). Dass die notwendige Debatte um ad&#228;quate theoretisch Begriffe (die selbst eine eminent politische ist) hier nicht gef&#252;hrt wird, soll den Beitrag des Hefts jedoch nicht schm&#228;lern. Der Blick auf das breite Spektrum der lebendigen K&#228;mpfe, auf randalierende WanderarbeiterInnen, streikende Proletarier im „Rostg&#252;rtel“ des Nordostens, Bauernaufst&#228;nde, aber auch k&#252;nstlerische Protestformen, die sich etwa in einem Boom „unbequemer Filme“ ausdr&#252;cken, ist umso wertvoller. Die deutschsprachige Linke wird, so sie die Entwicklungen in der dynamischsten Wirtschafsmacht der Welt nicht verschlafen will, an dieser Publikation nicht vorbei kommen.<o></o></span></p>
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		<title>Schlafsaalkapitalismus in Shenzhen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 09:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.</p>
<p><span id="more-14"></span></p>
<p>Die Reformen der sp&#228;ten 1970er Jahre haben eine bisher beispiellose Fluchtbewegung aus den l&#228;ndlichen in die st&#228;dtischen Gebiete Chinas bewirkt. Der anhaltende Migrationsstrom wurde von der Ankunft transnationaler Konzerne (TNK) aus allen L&#228;ndern, vor allem aus Hong Kong, Taiwan, Japan, USA und Westeuropa begleitet. Eine neue Generation von Binnenfl&#252;chtlingen oder WanderarbeiterInnen hat begonnen f&#252;r diese TNKs zu arbeiten, entweder direkt bei Joint-Ventures gro&#223;er amerikanischer oder europ&#228;ischer Unternehmen oder bei chinesischen Unternehmen und deren Unterh&#228;ndlern in den St&#228;dten der Exportproduktionszone des Landes.<br />
Die Zahl dieser WanderarbeiterInnen wurde im Jahr 2000 von der F&#252;nften Volksz&#228;hlung in China auf 120 Millionen gesch&#228;tzt. Diese fl&#252;chteten aus den inneren Provinzen, wie Hunan, Hubei, Guizhou, Sichuan, Jianxi und Anhui in die s&#252;dlichen K&#252;stenprovinzen, wo Special Economic Zones (SEZ) errichtet wurden. Diese BinnenmigrantInnen zogen f&#252;r eine kurze oder l&#228;ngere Zeit von ihrem registrierten Wohnort weg, ohne einen dementsprechenden Wechsel des eingetragenen st&#228;ndigen Wohnsitzes, auch <em>hukou</em> genannt. Das bewirkte, dass sie, anders als registrierte BewohnerInnen der St&#228;dte, von subventionierter Unterst&#252;tzung f&#252;r Wohnung, Bildung, Ausbildung, Gesundheitssystem und Sozialhilfe in den St&#228;dten ausgeschlossen wurden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> WanderarbeiterInnen, vor allem Frauen, arbeiten haupts&#228;chlich in der arbeitsintensiven verarbeitenden Leichtindustrie, wie der Kleidungs-, Elektronik-, Schuh- und Spielzeugindustrie und im unteren Dienstleistungssektor.<br />
Der Aufstieg Chinas zur „Weltfabrik“ kennzeichnet au&#223;erdem ein neues Jahrhundert, in dem Mehrarbeit aus den l&#228;ndlichen Gebieten Chinas die globale Wirtschaft anheizt.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Nicht nur im chinesischen K&#252;stengebiet, sondern viel mehr im ganzen Land haben st&#228;dtische Industriezentren zu boomen begonnen. Der Beitritt Chinas zur WTO setzte das Einflie&#223;en von Kapitalien aus der Produktionsindustrie, den High-Tech-Sektoren und den Finanzm&#228;rkten fort, begleitet von der Kritik des Westens, dass die chinesischen ArbeiterInnen den ArbeiterInnen im Westen die Arbeitspl&#228;tze mehr und mehr wegnehmen w&#252;rden. In Wahrheit jedoch leiden beide ArbeiterInnenklassen – die westliche wie die &#246;stliche – am globalen Preiskampf, dem Unterbieten von Umweltschutzbedingungen und der Verschlechterung der Arbeits- und Wohnstandards. Trotz vermehrter Reformen des Arbeitsrechts seitens der Zentralregierung und der Einf&#252;hrung von Verhaltenskodizes f&#252;r Unternehmen in den letzten Jahren, hindern die Globalisierung und die Einf&#252;hrung von Just-in-Time-Produktion internationaler Konzerne die Verbesserung der Arbeitsverh&#228;ltnisse in China. Stattdessen setzen Dormitory-Labour-St&#228;tten ihren Siegeszug fort und schaffen hiermit hochgradig ausbeuterische Verh&#228;ltnisse, vor allem f&#252;r chinesische Arbeiterinnen, w&#228;hrend sie gleichzeitig eine neue gesellschaftliche Kraft hervorbringen, die stillschweigend den neuen Kapital-Arbeits-Beziehungen Widerstand leistet. Wir werden zuerst diese neue <em>Dagong</em>-Klasse [<em>dagong</em> bedeutet „f&#252;r den Boss arbeiten“ und steht im Gegensatz zu <em>gangren</em> (ArbeiterIn); Anm. d. &#220;.] der WanderarbeiterInnen und das Aufkommen eines speziellen Dormitory-Labour-Regimes f&#252;r diese neuen, vor allem weiblichen, ArbeiterInnen in S&#252;dchina analysieren.</p>
<h3>Die neue <em>Dagong</em>-Klasse</h3>
<p>Chinas Reformen der letzten zwei Jahrzehnte setzten ein globales Produktionssystem in Kraft, das die sozialistischen Arbeitsbeziehungen ver&#228;ndert und zur Schaffung einer neuen chinesischen ArbeiterInnenklasse beigetragen hat. Gleichzeitig mit der Privatisierung oder dem Bankrott des Staates und der kollektiven Wirtschaft Mitte der 1990er Jahre gruppieren sich private, ausl&#228;ndische und Joint-Venture-Unternehmen nicht nur um die K&#252;stenregion, sondern auch in fast allen Industriest&#228;dten Chinas im Inland zusammen. Eine neue ArbeiterInnenklasse von l&#228;ndlichen WanderarbeiterInnen, die <em>Dagong</em>-Klasse,<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> im Gegensatz zur Maoistischen ArbeiterInnenklasse, ist im heutigen China entstanden. Seit den sp&#228;ten 1970er Jahren hat die Dekollektivierung einen massiven &#220;berfluss an l&#228;ndlichen Arbeitskr&#228;ften produziert. Zur gleichen Zeit, hat die Zentralregierung die Migration vom Land in die Stadt durch die Lockerung des <em>hukou</em>-Systems<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> erleichtert. Die meisten transnationalen Konzerne und ihre chinesischen Unterh&#228;ndler rekrutierten Millionen von BauernmigrantInnen f&#252;r die Export-orientierte Industrie. Bis in die fr&#252;hen 1990er lag die akzeptierte Zahl der WanderarbeiterInnen bei 70 Millionen f&#252;r ganz China. W&#228;hrend den fr&#252;hen Jahren nach dem Jahrtausendwechsel schnellte die offizielle Zahl auf 120 Millionen WanderarbeiterInnen hoch, wobei Sch&#228;tzungen von bis zu 200 Millionen ausgehen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Frauen sind f&#252;r die Formierung dieser in privaten oder ausl&#228;ndischen Unternehmen ausgebeuteten neuen ArbeiterInnenklasse zentral, speziell in der Exportproduktionszone. Die Entwicklung dieser SEZs &#252;ber ganz China basierte, &#228;hnlich der Entwicklung dementsprechender Einrichtungen in den meisten anderen sich entwickelnden Wirtschaften, auf einer massiven Nutzbarmachung junger ArbeiterInnen, vor allem unverheirateter und j&#252;ngst verheirateter Frauen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Im Jahr 2000 machten Arbeiterinnen ungef&#228;hr 47,5 Prozent aller chinesischen WanderarbeiterInnen Chinas aus.  In der K&#252;stenregion Chinas sind sogar 65,6 Prozent aller WanderarbeiterInnen Frauen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Diese neugeformte ArbeiterInnenklasse oder <em>Dagong</em>-Klasse wird daran gehindert, sich in den St&#228;dten niederzulassen, also an den Orten, an denen sie Arbeitspl&#228;tze zugeordnet bekamen. Schlimmer noch, das <em>hukou</em>-System, gemeinsam mit Arbeitskontrollen, ist entscheidend f&#252;r die Produktion einer verschwommenen, unklaren Identit&#228;t l&#228;ndlicher WanderarbeiterInnen, indem sie gleichzeitig die Ausbeutung dieses gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung versch&#228;rft und verbirgt. WanderarbeiterInnen gelten nicht als vollwertige B&#252;rgerInnen vor dem Gesetz; mehr noch, den Familienangeh&#246;rigen der WanderarbeiterInnen ist es nicht erlaubt, in der jeweiligen Industriestadt zu leben, wenn sie dort nicht ebenfalls einen Arbeitsplatz finden und damit den Status eines Zeitarbeiters/einer Zeitarbeiterin erwerben. W&#228;hrend Lokalregierungen und ausl&#228;ndische Unternehmen von der Arbeit der WanderarbeiterInnen profitieren, k&#246;nnen sie gleichzeitig wohlfahrtsstaatliche Ausgaben vermeiden, die ArbeiterInnen rechtlich zustehen w&#252;rden.</p>
<h3>Arbeitskontrolle unter dem „Dormitory-Labour“-Regime</h3>
<p>Weil offizielle und inoffizielle Strukturen verhindern, dass diese neue <em>Dagong</em>-Klasse ihre eigenen Communities in den St&#228;dten aufbauen kann, liegt die Verantwortung kontinuierlich die ben&#246;tigte Arbeitskraft sicherzustellen, und damit die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft, alleine bei der Industrie. Diese Verschiebung der Verantwortung vom Staat hin zum privaten Sektor schafft das, was wir „Dormitory Labour Regimes“ nennen, was zur Entstehung eines besonders ausbeuterischen Systems im Kontext der internationalen Arbeitsteilung beitr&#228;gt. W&#228;hrend Millionen von WanderarbeiterInnen in die Industriest&#228;dte str&#246;men, bleibt die Bereitstellung von Schlafr&#228;umen (engl. Dormitory) eine chinesische Besonderheit globaler Produktionsprozesse. Unabh&#228;ngig von der Industriebranche, vom Ort oder der Herkunft des Kapitals werden chinesische WanderarbeiterInnen – weiblich oder m&#228;nnlich, verheiratet oder nicht –  in Schlafs&#228;len untergebracht, die sich in der N&#228;he oder auf dem Fabrikgel&#228;nde selbst befinden. Wir bezeichnen dieses Ph&#228;nomen als „Dormitory Labour Regime“, um die R&#252;ckkehr einer Verbindung von Schlafs&#228;len und Fabriken als hybridem Auswuchs des globalen Kapitalismus einerseits und des Erbes des Staatssozialismus zu fassen.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Wir hoffen dieses Dormitory Labour Regime nicht nur als Form des Arbeitsmanagement, sondern auch als Ort f&#252;r ArbeiterInnensolidarit&#228;t und Arbeitsk&#228;mpfe betrachten zu k&#246;nnen. W&#228;hrend diese Art der Verwendung von „dormitory labour“ spezifisch f&#252;r das heutige China ist, ist ihre Auswirkung auf die globale Produktion, besonders im Hinblick auf Arbeitskontrolle und Widerstand, weitreichend.<br />
Bemerkenswert ist die systematische Bereitstellung von Schlafs&#228;len durch Unternehmern f&#252;r ihre ArbeiterInnenschaft, die mit der &#214;ffnung Chinas f&#252;r die globalen Produktionsprozesse, beginnend mit der Shenzhen SEZ 1981, einhergeht. Das wurde zur Norm und wurde auf die Mehrheit der ProduktionsarbeiterInnen ausgedehnt. Diese Schlafs&#228;le in China passen weder zum westlichen Vorurteil einer angeblich paternalistischen Form, noch zum „Managerfamiliarismus“ Japans, noch zum Betrieb als „ganzheitlicher Organisation“ der vor-reformierten chinesischen Staatswirtschaft.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Der Grund liegt darin, dass die gegenw&#228;rtigen Schlafs&#228;le nicht als langfristige Einrichtungen, sondern haupts&#228;chlich als kurzfristige Unterkunft f&#252;r WanderarbeiterInnen dienen. Diese Schlafs&#228;le schlie&#223;en ein l&#228;ngeres Verh&#228;ltnis zwischen der einzelnen Firma und dem/der einzelnen ArbeiterIn aus. Dieses Schlafsaal-System wird in den verschiedensten Betrieben angewandt, unabh&#228;ngig von unterschiedlichen Produktionscharakteristika, Saison oder Standort.<br />
Wichtig ist, dass in China nicht die Unternehmen Unterk&#252;nfte f&#252;r ArbeiterInnen bereitstellen, um die Loyalit&#228;t des/der ArbeiterIn oder knappe F&#228;higkeiten [Skills; d.&#220;.] zu sichern, sondern um die kurzfristige Verf&#252;gbarkeit der WanderarbeiterInnen zu gew&#228;hrleisten und den Gebrauch dieser Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages zu maximieren. Die so gesicherte Beute repr&#228;sentiert eine neue Produktionsart, die sowohl dem &#220;berfluss an l&#228;ndlichen ArbeiterInnen als auch der &#246;konomischen Integration Chinas in das globale Flie&#223;band Rechnung tr&#228;gt.<br />
Die offensichtliche R&#252;ckkehr dieser alten Form der Arbeitskraftverwendung ist das hybride Ergebnis des globalen Kapitalismus und des Staatssozialismus, neu belebt von den transnationalen Konzernen und den Lokalwirtschaften im Kontext der Globalisierung. Praktisch alle ausl&#228;ndischen Unternehmen nutzen Schlafs&#228;le, die sie entweder von lokalen Beh&#246;rden mieten oder selber zu Verf&#252;gung stellen. Jeder dieser Konzerne strebt die Sicherung jugendlicher WanderarbeiterInnen, speziell Arbeiterinnen, f&#252;r kurze Arbeitsdauer im Betrieb an. So verfestigt sich eine Infrastruktur, die die unsicheren chinesischen Arbeitsverh&#228;ltnisse aufrechterh&#228;lt.<br />
Die Schlafs&#228;le f&#252;r FabriksarbeiterInnen geh&#246;ren zum oder grenzen an das Fabrikgel&#228;nde. Sie sind kommunale Hochh&#228;user, die einige hundert ArbeiterInnen beherbergen, mit in der Regel acht bis zwanzig ArbeiterInnen pro Raum. Wasch- und Toiletteinrichtungen sind gemeinschaftlich und zwischen den R&#228;umen, Etagen oder ganzen Einheiten gelegen. Dies macht den Lebensraum extrem kollektiv, ohne M&#246;glichkeit auf Privatsph&#228;re, au&#223;er hinter den geschlossenen Vorh&#228;ngen einer Schlafkoje. Diese materiellen Umst&#228;nde erkl&#228;ren jedoch nicht die Rolle der Schlafs&#228;le als Form der Unterbringung – als Leben-bei-der-Arbeitsst&#228;tte. Zentral f&#252;r diese Schlafsaalform ist eine politische &#214;konomie, die das Zusammenkommen typischerweise junger weiblicher Arbeiterinnen regelt. Getrennt von ihren Familien, ihrer Heimat und ihrer normalen Routine, leben diese Menschen konzentriert am Arbeitsplatz und den herrschenden Gesetzen unterworfen, die ihre Pers&#246;nlichkeiten vollst&#228;ndig unterjochen und sie zu Instrumenten der Produktion degradieren. Weil das vertragliche Arbeitsverh&#228;ltnis &#228;u&#223;erst kurz gehalten ist, &#252;bersteigt die Entfremdung der Individuen den Mangel an Besitz von Produktionmitteln oder die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess. ArbeiterInnen in Schlafs&#228;len leben in einem System, das sie von ihrer Vergangenheit entfremdet und das allt&#228;gliche Umfeld durch die Fabrik, dominiert von ungew&#246;hnlicher Sprache, Essen, Produktionsmethoden und Produkten ersetzt.<br />
Die doppelte Entfremdung, die von diesen WanderarbeiterInnen erlebt wird, wird durch die Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenschaft durch Dormitory Labour Regimes illustriert. Das f&#252;hrt zu einer absoluten Verl&#228;ngerung des Arbeitstages und zur R&#252;ckkehr zu einer absoluten Mehrwertproduktion. Auf Grund dieses leichten Zugangs zur Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages ist ein Just-in-Time-Arbeitssystem f&#252;r die Just-in-Time-Produktion m&#246;glich geworden. Die Dormitory Labour Regimes bedeuten ebenso Kontrolle &#252;ber die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft innerhalb der Fabrik. Unterkunft, Essen, Reisen, Soziales und Freizeit – alles geschieht innerhalb einer Produktionseinheit. Wir k&#246;nnen deshalb eine Verdichtung des „Arbeitslebens“ durch &#252;berlange Arbeitszeiten und den produktionsbasierten Gebrauch junger Arbeitskr&#228;fte erwarten.</p>
<h3>Arbeitsschutz und Verhaltenskodizes der Konzerne</h3>
<p>Die Arbeitsbedingungen von ArbeiterInnen in der Textilindustrie sind ein gutes Beispiel. Die Guangdongprovinz in S&#252;dchina ist das gr&#246;&#223;te Produktionsgebiet chinesischer Textilexporte. Wir f&#252;hrten 2003-2004 eine Untersuchung in zehn kleinen bis mittelgro&#223;en Bekleidungsfabriken in Shenzen durch. Die Ergebnisse bez&#252;glich Bezahlung von Arbeiterinnen, Arbeitszeiten und Gesundheit zeigten Arbeitsbedingungen, die disziplinierend und ausbeuterisch sind. Von den 50 bis 200 ArbeiterInnen einer jeden Fabrik sind &#252;ber 70 Prozent Frauen, verantwortlich f&#252;rs N&#228;hen – junge M&#228;dchen und Frauen mittleren Alters. Die kleineren Fabriken geh&#246;ren haupts&#228;chlich kleinen Subunternehmern. Die gr&#246;&#223;eren Betriebe, die internationale Marken beliefern, sind von Investoren aus Hong Kong und Taiwan finanziert.<br />
Das chinesischen Arbeitsrecht, welches seit 1. J&#228;nner 1995 in Kraft ist, legt f&#252;r die Arbeitszeit fest, dass eine F&#252;nf-Tage-Woche nicht mehr als 40 Arbeitsstunden umfasst und dass &#220;berstunden im Monat auf 36 Stunden begrenzt sind. Trotzdem ignorieren nahezu alle Unternehmen diese Gesetze und der durchschnittliche Arbeitstag betr&#228;gt oft 12 oder 13 Stunden – sechs bis sieben Tage die Woche. R&#252;ckt die Deadline f&#252;r eine Produktion n&#228;her, k&#252;rzt das Management oft die Essens- und die Zwischenpausen auf nur 30 Minuten. Um mit der immer h&#228;ufiger werdenden Just-in-Time-Produktion fertig zu werden, fordert das Management oft das Durcharbeiten bis in die fr&#252;hen Morgenstunden. In den extremsten F&#228;llen werden ArbeiterInnen gezwungen, 48 Stunden durchzuarbeiten. Die totale Arbeitszeit pro Woche erh&#246;ht sich so oft auf 90 bis 110 Stunden.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich spielen bei solchen Arbeitsbedingungen betriebsinterne Schlafr&#228;ume eine essentielle Rolle, um eine Verf&#252;gbarkeit von ArbeiterInnen rund um die Uhr zu gew&#228;hrleisten.<br />
Unter solchen Druck gestellt leiden Arbeiterinnen an einer ganze Reihe beruflich bedingter Krankheiten, wie Menstruationsst&#246;rungen, R&#252;cken- und Kopfschmerzen, verschlechterter Sehkraft, M&#252;digkeit und Atembeschwerden. Die Situation wird durch die schlechte Bel&#252;ftung des Arbeitsplatzes noch verschlimmert. Schw&#228;chere Arbeiterinnen fallen am Arbeitsplatz, vor allem w&#228;hrend der hei&#223;en Sommermonate, manchmal in Ohnmacht. Bei den meisten Unternehmen gibt es keinen bezahlten Krankenstand. Bezahlte Karenz, ebenfalls durch ein Gesetz „gesichert“, wird teilweise ignoriert, obwohl dies als Grundrecht gilt.<br />
Das gr&#246;&#223;te Problem aller interviewten ArbeiterInnen der Textilindustrie war die illegale (Unter-)Bezahlung unter dem Subsistenzniveau. Zwischen dem 1. Mai 2004 und 2005 betrug der Mindestlohn in Shenzhen SEZ 610 Yuan (d. s. ca. 58 Euro). Der Stundenlohn betr&#228;gt so 3,51 Yuan (33 Cent). &#220;berstunden sollten mit 5,30 Yuan (50 Cent) wochentags und 7,01 Yuan (66 Cent) am Wochenende bezahlt werden. Durchschnittliche ArbeiterInnen in Shenzhen, die 13 Stunden am Tag arbeiten m&#252;ssen, m&#252;ssten f&#252;r 400 Stunden pro Monat 1.916 Yuan (180 Euro) verdienen. Selten verdienen die ArbeiterInnen aber mehr als 500-800 Yuan (47-75 Euro) pro Monat. Es gibt zwei Hauptgr&#252;nde daf&#252;r: Erstens sind die anstelle eines Monatslohns erhaltenen St&#252;ckl&#246;hne extrem niedrig, zweitens wird der St&#252;cklohn f&#252;r ArbeiterInnen niemals transparent gemacht. Am Lohnzettel scheint nur ein Pauschalbetrag auf, ohne auf einzelne Komponenten einzugehen, w&#228;hrend Geldstrafen und Abz&#252;ge wie f&#252;r Essen und Unterkunft klar aufgelistet werden und 150-200 Yuan (14-18 Euro) pro Monat betragen k&#246;nnen. ArbeiterInnen k&#246;nnen sich kaum das Leben in Gro&#223;st&#228;dten wie Shenzhen leisten.<br />
Die Mehrheit der befragten TextilarbeiterInnen in den kleineren privat gef&#252;hrten Unternehmen, haben noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag – ein klarer Versto&#223; gegen das chinesische Arbeitsrecht. Ohne legales Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis haben die ArbeiterInnen auch keinen Anspruch auf staatlich geregelte Versicherungen. Leiden ArbeiterInnen unter arbeitsbedingten  Krankheiten oder Verletzungen haben sie gro&#223;e Schwierigkeiten, medizinische Hilfe zu erhalten.<br />
Auf die lokalen Regierungen kann offensichtlich nicht gez&#228;hlt werden, wenn es darum geht, Arbeitsrechte durchzusetzen. Um &#246;konomisches Wachstum zu forcieren und um f&#252;r ausl&#228;ndisches Kapital attraktiv zu werden, gehen lokale Regierungen mit Absicht sehr locker mit dem Arbeitsrecht um und bekommen so im Gegenzug gro&#223;e Steuereinnahmen von den Unternehmensgewinnen, und Boni von prosperierenden Konzernen. Oft sind lokale Beamte gleichzeitig selbst Investoren in gr&#246;&#223;ere Unternehmen und nehmen manchmal Bestechungsgelder von kleineren Fabriken an, um Zertifikate f&#252;r Sicherheitsbestimmungen auszustellen.<br />
Andrerseits beklagen FabriksbesitzerInnen und ManagerInnen den Druck von transnationalen Konzernen. Ein Manager einer gro&#223;en Textilfabrik in Dongguan in der Provinz Guangdong beschreibt in der <em>Financial Times</em> diesen Druck: „Wir stehen unter gro&#223;em Stress, Kunden bestellen oft sehr kurzfristig, &#228;ndern ihre Bestellung, w&#228;hrend die Produktion schon l&#228;uft und zahlen ihre Rechnungen sp&#228;t. Zur gleichen Zeit verlangen sie eine bessere Ausbildung unseres Personals, bessere Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen. Wir k&#246;nnen nicht alles gleichzeitig erf&#252;llen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
F&#252;r TNKs, wie beispielsweise Levi Strauss, Nike, Reebok, The Gap und andere sind Konzernkodizes zum Trend geworden. Die Einf&#252;hrung solcher Kodizes wurde Teil deren Unternehmensstrategie, um den Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen am globalen Markt sicher zu stellen. Interne &#220;berpr&#252;fungen von Subunternehmen oder Zulieferern durch Konzernvertreter sind normalerweise der Fall, obwohl manchmal unabh&#228;ngige Pr&#252;ferInnen, wie zum Beispiel AkademikerInnen, AutorInnen und/oder NGOs eingeladen werden, um die Glaubw&#252;rdigkeit zu erh&#246;hen.<br />
Konzerneigene Kodizes m&#252;ssen in den gr&#246;&#223;eren &#246;konomischen Zonen der Deltas des Pearl- und des Yangtze-Flusses im S&#252;den Chinas erst vollst&#228;ndig implementiert werden. Korruption, Falschaussagen und Verschleierungen sind an der Tagesordnung. Der chinesische Manager einer gro&#223;en Zuliefererfabrik f&#252;r die Textilindustrie im Pearl-Fluss-Delta in Guangdong berichtete in der <em>Financial Times</em>, dass die Zeitkarten der ArbeiterInnen und die Verkaufszahlen gef&#228;lscht waren, um die Anforderungen der Kodizes zu erf&#252;llen. Ein Team von sechs Angestellten wurde beauftragt die Dokumente vorzubereiten, so dass sie perfekt in die W&#252;nsche ausl&#228;ndischer Investoren passen w&#252;rden. Das ist nur ein Beispiel unter Tausenden. Wichtiger jedoch ist, dass das die Beschr&#228;nkungen konzerninterner Pr&#252;fung klar zeigt. ArbeiterInnen wurde unter schwerer Strafe verboten, nicht vorgegebene Antworten zu geben und wurden f&#252;r „richtige“ Antworten belohnt. Zum Beispiel, wenn InspektorInnen nach den Arbeitszeiten fragen, m&#252;ssen die ArbeiterInnen antworten, dass sie einen Standard-Arbeitstag von acht Stunden haben, mit h&#246;chstens drei &#220;berstunden pro Tag.</p>
<h3>Versuche der Organisierung</h3>
<p>Die Abwesenheit oder Ineffizienz der staatlichen Rolle, als auch der Unternehmenskodizes, im Schutz der ArbeiterInnen-Rechte, schaffen ein Bed&#252;rfnis nach alternativen zivilen Organisationen. Wir erleben einen Boom an ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta der sp&#228;ten 1990er und 2000er Jahre, die um ihr Dasein k&#228;mpfen, w&#228;hrend eine Zivilgesellschaft noch nicht entstanden ist. Durch den geringen politischen, legalen und organisatorischen Raum, den solche ArbeiterInnen-NGOs haben, haben sie keine andere Wahl als eine Taktik anzunehmen, die diese als „NGOs of Chinese characteristics“ formen. Einige von ihnen unterhielten eine enge Verbindung mit sozialen Organisationen oder Stiftungen in Hong Kong, wie beispielsweise das „Chinese Working Women Network“ (CWWN) oder „Workers’ Empowerment“. Andere wurden von chinesischen Anw&#228;ltInnen und JournalistInnen gegr&#252;ndet, wie das „Institute of Contemporary Observations“ (ICO). Viele wurden von WanderarbeiterInnen gegr&#252;ndet, wie beispielsweise die „Migrant Workers’ Association“. Ohne Zivilgesellschaft, ohne &#246;ffentliche Teilnahme mussten sich diese Organisationen gro&#223;en Herausforderungen stellen, um langfristig Raum f&#252;r die Organisierung von ArbeiterInnen oder deren St&#228;rkung zu schaffen. W&#228;hrend einige von ihnen einen „bevormundenden“ Partner, wie beispielsweise die lokale ACFTU (All Chinese Federation of Trade Unions), die „Youth League“ oder das Gesundheitsminsterium finden, um einen legalen Status zu erlangen, sind einige auch einfach als Wirtschaftseinheiten gegr&#252;ndet worden, wie bspw. das ICO. Der Rest dieser NGOs operiert einfach ohne Registrierung.<br />
Nehmen wir das CWWN als Beispiel, um die Organisierung und Arbeit von ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta zu illustrieren. Als NGO aus Hong Kong wurde sie bereits 1996 in der Industriezone S&#252;dchinas ins Leben gerufen und organisiert seither Fabriksarbeiterinnen in Shenzhen, der ersten SEZ Chinas. Sie k&#228;mpft f&#252;r die Anerkennung und die Aufrechterhaltung von Arbeits- und Genderrechten und unterst&#252;tzt Grassroots-Netzwerke und soziale Gerechtigkeit in China. Wegen der gro&#223;en Schwierigkeiten, WanderarbeiterInnen direkt am Arbeitsplatz zu organisieren, ist das CWWN in den WanderarbeiterInnen-Communities verwurzelt und f&#246;rdert verschiedene Projekte, um ArbeiterInnen au&#223;erhalb der traditionellen Gewerkschaften zu st&#228;rken. Um eine Basis in China zu sichern, organisiert das CWWN nicht nur ArbeiterInnen, sondern arbeitet auch mit lokalen Staatsbeamten zusammen, die ebenfalls die missliche Lage von Wanderarbeiterinnen kritisieren und bereit sind gangbare Projekte zu unterst&#252;tzen. So war es dem CWWN seit mehr als zehn Jahren m&#246;glich, verschiedene Grassrootnetwork Projekte im Zentrum der Guangdong-Provinz aufzubauen, die sich mit Arbeitsrechten, Gesundheits- und Sicherheitsthemen, Gendergleichheit und nachhaltiger Entwicklung besch&#228;ftigen. Das CWWN startete auch Initiativen zur Organisierung in den Fabriksschlafst&#228;tten, gr&#252;ndete Kooperativen f&#252;r Arbeiterinnen und veranstaltete Trainingsworkshops zu Arbeits- und Genderrechten, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern und chinesische Arbeiterinnen Empowerment-Programme anzubieten. Es organisiert ebenso kulturelle und bildungstechnische Aktivit&#228;ten, um das soziale Leben von Arbeiterinnen zu bereichern und ermutigt zu Solidarit&#228;t. Zus&#228;tzlich zu diesen Projekten organisiert das CWWN Arbeitsplatz-Trainings, Informations- und Erfahrungsaustausch unter den verschiedenen Gruppen.<br />
Ein einzigartiges Programm des CWWN war das Mobile-Van-Projekt, wo ein „Women Health Express (WHE)“ die verschiedenen Dormitory-Industriezentren anf&#228;hrt, um Wanderarbeiterinnen zu erreichen, die in Teilen Chinas leben, wo das Netzwerk keine feste Basis hat. Ein adaptierter Minibus beinhaltet medizinische Ausr&#252;stung, B&#252;cher, TV und VCDs sowie Lausprecher f&#252;r Bildungsveramstaltungen im Freien. Dieser Van funktioniert als ein mobiles Service-Center f&#252;r die Verbreitung von Information zu Gesundheits- und Sicherheitsthemen, genauso wie zur Information und Schulung grundlegender Arbeitsrechte. Der WHE begann seine Arbeit am 8. M&#228;rz 2000 im Industriegebiet des Pearl-Fluss-Deltas und beendete sie im M&#228;rz 2002. Dieses Projekt erreichte &#252;ber 80.000 Arbeiterinnen. Trotz dieses Erfolges konnte das Projekt aufgrund seiner mobilen Konzeption keine dauerhaft organisierten Gruppen von ArbeiterInnen aufbauen und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum aufrecht erhalten.<br />
Das CWWN hat versucht die Integration von lokalen Arbeiterinnen in ihre Programme zu beschleunigen, damit sie eine gr&#246;&#223;ere Rolle in der Planung und Organisierung von Projekten einnehmen k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich zur Arbeit mit Wanderarbeiterinnen S&#252;dchinas unterh&#228;lt das CWWN ein Arbeiterinnen-Zentrum, eine Gruppe f&#252;r verletzte Arbeiterinnen und ein Gemeindezentrum f&#252;r eine professionelle Gesundheitsausbildung. Auf dem WHE basierend bildete das CWWN ein Team von lokalen OrganizerInnen in China aus, um die selbstst&#228;ndige Organisierung verletzter Arbeiterinnen zu unterst&#252;tzen und ein &#246;ffentliches Bewusstsein zu erzeugen, das berufsbedingte Krankheiten nicht ignoriert.<br />
In aller K&#252;rze betreffen die Hauptprobleme der Arbeiterinnen im Pearl-Fluss-Delta vor allem drei Bereiche: Arbeitsrechte, Berufskrankheiten und Sicherheit am Arbeitsplatz, und Frauenrechte bez&#252;glich &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit. Diese Hauptthemen werden von der Arbeit des CWWN abgedeckt.</p>
<h3>Training am Arbeitsplatz</h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu den Trainings in den Communities versuchen die ArbeiterInnen-NGOs ebenfalls, ArbeiterInnen am Arbeitsplatz zu organisieren. 2004 schuf das CWWN, gemeinsam mit zwei Partner-Organisationen, ArbeiterInnen-Komitees in zwei Betrieben, um die Demokratie am Arbeitsplatz durch ein von den ArbeiterInnen ausgehendes Monitoring-Systems zu f&#246;rdern. Die Gr&#246;&#223;e der Komitees variiert mit der Anzahl der ArbeiterInnen in der Fabrik, ist jedoch zwischen 12 und 14 Personen gro&#223;, eine Relation von einem Mitglied des Komitees zu 30 ArbeiterInnen. Der Bennungs- und Wahlprozess ist offen und demokratisch, wo jedeR ArbeiterIn einen geheimen Stimmzettel w&#228;hrend der Arbeitszeit abgibt.<br />
Die ArbeiterInnen wissen &#252;ber ihre Rechte Bescheid und, wie die Umsetzung des Verhaltenskodex am Arbeitsplatz &#252;berwacht werden kann. Die ArbeiterInnen f&#252;hren fabriksweite Wahlen durch und bestimmen so ihre eigenen Repr&#228;sentantInnen im Komitee. Diese Komitees untersuchen, ob die Arbeitsbedingungen dem Gesetz entsprechen oder dem Verhaltenskodex. Sie verstehen sich als Alternative zum top-down organisierten offiziellen Gewerkschaftsbund ACFTU.<br />
Die gr&#246;&#223;te Herausforderung f&#252;r dieses Projekt liegt in der langfristigen Unterst&#252;tzung der Komitees. ArbeiterInnen-NGOs bemerken, dass ArbeiterInnen noch nicht an wichtigen Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, wie Arbeitszeit und &#220;berstundenbezahlung, beteiligt sind. Die Verhandlungsposition gegen&#252;ber dem Management in t&#228;glichen Entscheidungen muss gest&#228;rkt werden. Der Versuch, die Demokratie am Arbeitsplatz zu f&#246;rdern, scheint noch immer im Anfangsstadium und es wird definitiv noch ein langer Weg zu bestreiten sein.</p>
<h3>Schlussfolgerung</h3>
<p>China ist eine „Weltwerkstatt“ geworden, die im Zusammenhang mit Dormitory-Labour-Regime organisiert ist. Ein gro&#223;er Pool an billigen WanderarbeiterInnen wurde geschaffen, um den Bed&#252;rfnissen globaler Produktionsprozesse in der internationalen Arbeitsteilung zu gen&#252;gen. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltfabrik ist auch eine neue soziale Kraft – der <em>Dagong</em>-Klasse – entstanden. Die ArbeiterInnen-NGOs streben danach einen gesellschaftlichen Raum von unten f&#252;r Millionen von WanderarbeiterInnen zu schaffen, die das R&#252;ckgrat der boomenden Exportwirtschaft Chinas darstellen, indem sie ArbeiterInnen und lokale OrganizerInnen ausbilden und Solidarit&#228;t aufzubauen. In einem „Brief an die FreundInnen der WanderarbeiterInnen“, ruft die „Migrant Workers’ Association“ ArbeiterInnen  zur Unterst&#252;tzung auf:<br />
„Nur wenn wir organisiert sind und uns gegenseitig solidarisch unterst&#252;tzen, wird diese neue Klasse an WanderarbeiterInnen, diese gro&#223;e benachteiligte Gruppe, sich nicht „wie Sand zerstreuen“ und kein Opfer willk&#252;rlicher Tyranneien werden. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir die Aufmerksamkeit der Regierung erreichen und k&#246;nnen wir effektive Wege finden, die unsere Probleme zu reflektieren. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir WanderarbeiterInnen eine h&#246;rbare Stimme haben, und kommunikative Mechanismen f&#252;r einen st&#228;ndigen und effektiven Austausch mit Regierung und Gesellschaft aufbauen, um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen arbeitsrechtliche Bestimmungen und unser institutioneller Schutz gesichert werden.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Solinger, Dorothy J.: Contesting Citizenship in Urban China. Berkeley 1999<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Chan, Anita: China’s Workers Under Assault. The Exploitation of Labor in a Globalizing Economy, New York 2001; Lee, Ching Kwan: Gender and the South China Miracle. Two Worlds of Factory Women, Berkeley 1998; Pun, Ngai: Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace, Durham/ Hong Kong 2005<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Pun: Made in China, a.a.O.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Das <em>Hokou</em>-System („eingetragener st&#228;ndiger Wohnsitz“ oder „Anzahl der Haushalte und der Gesamtbev&#246;lkerung“), das den Aufenthaltsort an einen zugewiesenen Ort band. Der Aufenthalt am zugeordneten Wohnort war Voraussetzung f&#252;r jede Art von Besch&#228;ftigung und die Vergabe von Essen und anderen wichtigen Konsumg&#252;tern.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Lavely, William: First Impressions of the 2000 Census of China, in: Population and Development Review 27(4), 2001, S. 755-69, hier S. 3; Liang, Zai/ Ma Zhongdong: China’s Floating Population. New Evidence from the 2000 Census, in: Population and Development Review 30(3), 2004, S. 467-88; Gaetano, Arianne M./ Jacka, Tamara (Hg.): On the Move: Women in Rural-to-Urban Migration in Contemporary China. New York 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Pun, Ngai: Becoming Dagongmei: The Politics of Identity and Difference in Reform China, in: The China Journal 42, 1999, S. 1-19, Gaetano/Jacka: On the Move, a.a.O.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Liang/ Ma: China’s Floating Population, a.a.O.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Pun, Ngai/ Smith, Chris: Putting Transnational Labour Process in its Place: Dormitory Labour Regime in Post-Socialist China, in: Work, Employment and Society 21(1), 2007, S. 27-45<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Ebd.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  SACOM: Looking for Mickey Mouse’s Conscience: A survey on working conditions of Disney supplier factories in China, online: <a href="http://www.sacom.org.hk">http://www.sacom.org.hk</a> (10. 11. 2005)<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Code of Conduct Implementation in China: Laying a False Trail, The Financial Times, 21. April 2005</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von Pun Ngai<br />
&#220;bersetzung: Michael Doblmair und Philipp Probst<br />
„Made in China“ von Pun Ngai ist 2005 bei Duke University Press erschienen</p>
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		<title>Wie der Vietnamkrieg gestoppt wurde</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:15:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975. K&#246;ln: Atlantik/Neuer ISP Verlag 2004. 17,30 €<br />
<span id="more-82"></span><br />
In Der amerikanische Krieg schildert der Marxist Jonathan Neale eindrucksvoll, wie die Supermacht USA einen Krieg gegen eine milit&#228;risch unterlegene Guerillaarmee gleich an zwei Fronten verloren hat: in Vietnam und in den USA.<br />
Doch es handelt sich um weit mehr als nur um einen geschichtlichen Abriss &#252;ber einen l&#228;ngst vergangenen Krieg. Die St&#228;rke dieses Buches liegt darin, dass Neale einerseits den Konflikt, in dem sich die USA sowohl innen- als auch au&#223;enpolitisch befand, mit einer bestechenden Klarheit beschreibt und analysiert. Andererseits – und das macht dieses Buch so einmalig und beeindruckend – l&#228;sst er auf lebendige und authentische Weise die Betroffenen des Krieges zu Wort kommen: Die vietnamesischen Widerstandsk&#228;mpferInnen, die amerikanischen Soldaten in Vietnam, deren sich &#228;ngstigenden M&#252;tter und die AntikriegsaktivistInnen in den USA.<br />
Die Niederlage der US-Regierung resultierte aus drei Elementen: Der erbitterte vietnamesische Widerstand, die Protestbewegung in den USA und letztlich die Auflehnung und Verweigerung der Soldaten innerhalb der US-Armee selbst. Die Bilder der Tet-Offensive, in der vietnamesische Guerillak&#228;mpferInnen die US-Botschaft in Saigon st&#252;rmten und f&#252;r einige Stunden besetzt hielten, gingen um den gesamten Globus. Zus&#228;tzlich sah sich die US-Regierung konfrontiert mit einem Protest nie gekannten Ausma&#223;es, die auch die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der Schwarzen und die Eltern der Soldaten miteinschloss.<br />
Neben dem vietnamesischen Widerstand und dem Protest in den USA lag der Grund f&#252;r das Scheitern der USA v.a. auch am Widerstand innerhalb der US-Armee selbst. Neale schreibt: „Die GIs in Vietnam kamen aus der Arbeiterklasse, und ihr Auftrag lautete, eine Revolte armer Bauern zu zerschlagen. Sie wussten es. Sie waren in einen grausamen Krieg geschickt worden und wurden ermuntert, zu t&#246;ten und Leichen zu z&#228;hlen. Der Widerspruch, in dem sie gefangen waren, die Qual und die Konfusion, auf der falschen Seite zu stehen, trieb viele zur Grausamkeit. Dieselben Kr&#228;fte jedoch konnten die M&#228;nner zur selben Zeit zur Revolte gegen den Krieg treiben – und sie revoltierten auch.“ Zun&#228;chst begannen einige Soldaten Antikriegstreffen zu organisieren. Was als kleinere Versammlungen von Einzelnen begann, weitete sich rasch aus. GIs traten organisiert auf, verweigerten Befehle und schossen sogar auf Offiziere.<br />
Heute wird h&#228;ufig von einer „Vietnamisierung“ des Irakkriegs gesprochen. Tats&#228;chlich finden sich im Irakkonflikt die drei tragenden Elemente, die den USA ihrem unpopul&#228;r gef&#252;hrten Krieg und der jetzigen Besatzung zum Verh&#228;ngnis werden k&#246;nnten: Der Widerstand der IrakerInnen, eine weltweite Antikriegsbewegung und zunehmender Unmut in der Armee.<br />
Deshalb ist das Buch so wertvoll; nicht nur weil es packend geschrieben ist, auch weil sich aus den Protesten der Bewegung von damals viele relevante Lehren f&#252;r heute ziehen lassen.</p>
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