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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Argentinien</title>
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		<title>¡Todos con Cristina!&#8230; Krise, Kontinuit&#228;t und Kirchnerismo</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 09:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt. Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die primarias abiertas, simultáneas y obligatorias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt.<span id="more-1986"></span> Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die <em>primarias abiertas, simultáneas y obligatorias (primarias)</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> mit 50,21% der abgegebenen Stimmen f&#252;r sich entscheiden konnte. Seitdem besteht endg&#252;ltig kein Zweifel mehr daran, dass sie in der kommenden Woche wiedergew&#228;hlt werden wird. Allerdings stellt nicht der Sieg der amtierenden Pr&#228;sidentin an sich, sondern die Deutlichkeit mit der dieser ausfiel, die eigentliche &#220;berraschung der Wahlen dar: man war von 43% bis 45% ausgegangen, die mehr als 50% &#252;berraschten selbst die Anh&#228;ngerInnen des <em>kirchnerismo</em>.<br />
Neben dem eigenen Wahlergebnis tr&#228;gt aber auch die brutale Niederlage der Opposition zur aktuellen Hochstimmung auf Seiten der Regierung bei. Betrachtet man die Ergebnisse dieser wird das Ausma&#223; des Sieges noch deutlicher. Mit gerade einmal 12,20% und 12,12% teilen sich Ricardo Alfonsín – <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Uni%C3%B3n_para_el_Desarrollo_Social"><em>Unión para el Desarrollo Social</em></a> (UDESO), eine Wahlkoalition angef&#252;hrt durch die <em>Unión Cívica Radical</em> (UCR), der &#228;lteste Partei Argentiniens, die man als konservativ b&#252;rgerlich charakterisierten k&#246;nnte – und Eduardo Dualde – Anf&#252;hrer des <em>peronismo federal</em>, Widersacher des <em>kirchnerismo </em>innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> (PJ) – im Endeffekt den zweiten Platz, dicht gefolgt von Hermes Binner – <em>Frente Amplio Progresista</em> (FAP), mitte-links Wahlallianz angef&#252;hrt durch die <em>Partido Socialista</em> –  mit 10,18%.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Keiner der genannten Kandidaten wird die amtierende Pr&#228;sidentin in ihrer Wiederwahl gef&#228;hrden, die einzige offene Frage ist ob Cristina Fernandez de Kirchner diese bereits in der ersten Runde gewinnen kann, oder zu Stichwahl antreten muss.</p>
<p>Dabei wiesen die Zeichen in den Monaten zuvor in eine andere Richtung. Bei der Provinzwahl in Santa Fe war der Kandidat der <em>Frente Para la Victoria</em> – so der Name des kirchneristischen „Parteifl&#252;gels“ innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> &#8211; nicht einmal bis in die Stichwahl gekommen, so dass sich bei dieser Ende Juli der Juan Antonio Bonfatti – <em>Frente progresista, civico y social</em> – Wahlb&#252;ndnis auf Provinzebene, welches von der <em>Partido Socialista</em> angef&#252;hrt wird – gegen&#252;ber Miguel De Sel – <em>Propuesta Republicana</em> (PRO), rechtspopulistische Partei unter der F&#252;hrung Mauricio Macris – durchsetzen konnte. Bonfatti trat als Nachfolger f&#252;r den scheidenden Hermes Binner (beide Mitglied der <em>Partido Socialista</em>) an, der um die Pr&#228;sidentschaft kandieren wird. Del Sel war f&#252;r die Partei Mauricio Macris <em>Propuesta Republicana</em> (PRO) angetreten und steht in gewisser Weise paradigmatisch f&#252;r dessen „Apolitik“: er ist ein bekannter Komiker. Sein zweiter Platz wurde als weitere Schlappe f&#252;r den <em>kirchnerismo </em>und als erneuten Hinweis auf die zunehmende Ablehnung der Regierung gewertet. Macri selber ist derzeit wohl die herausragendste Figur der Opposition und der neuen Rechten. Dass er nicht f&#252;r die Pr&#228;sidentschaft, sondern wieder in der Stadt Buenos Aires kandierte, scheint wahltaktischen &#220;berlegungen geschuldet: Die Wiederwahl Cristinas galt bereits vor den <em>primarias </em>als sehr wahrscheinlich. Bei der Wahl 2015 d&#252;rfte sie jedoch nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und es ist derzeit niemand in Sicht der das kirchneristische Projekt weiterf&#252;hren k&#246;nnte.<br />
Anfang August gewann eben jener Mauricio Macri dann die Stichwahl um die B&#252;rgermeisterschaft in Buenos Aires mit 64,25% gegen&#252;ber Daniel Filmus (35,75%), dem Kandidaten des <em>kirchnerismo</em>. Mit Sicherheit l&#228;sst sich das Ph&#228;nomen Macri nicht auf eine Erkl&#228;rung reduzieren und kann hier nicht tiefergehend diskutiert werden, eine dominante Erkl&#228;rung im Anschluss an den deutlichen Wahlerfolg – Macri konnte jeden einzelnen Wahlbezirk f&#252;r sich entscheiden – war, dass die Leute nicht f&#252;r Macri sondern gegen Cristina und den <em>kirchnerismo </em>gestimmt h&#228;tten.<br />
Bei den Provinzwahlen in Córdoba schlie&#223;lich, gewann Jose Manuel de la Sota. Die <em>Frente Para la Victoria </em>hat zwar keineN KandidatIn aufgestellt; de la Sota, selber Mitglied der peronistischen <em>Partido Justicialista</em>, gilt er jedoch als Gegner des <em>kirchnerismo </em>und z&#228;hlt zum rechten Fl&#252;gel des Peronismus.</p>
<p><strong>Die unn&#252;tze Opposition</strong><br />
Wie also l&#228;sst sich der &#252;berw&#228;ltigende Sieg Cristina Fernández de Kirchner erkl&#228;ren? Die nach den Wahlen dominierende Erkl&#228;rung verweist auf die fehlende Opposition. Im Vorfeld der Wahlen hatte es diese nicht geschafft, sich auf ein gemeinsames Projekt zu einigen. Betrachtet man die unterschiedlichen KandidatInnen erscheint keineR eine Alternative darzustellen. Ricardo Alfonsín, Sohn des ersten Pr&#228;sidenten nach der Milit&#228;rdiktatur der 70er und 80er Jahre, wird von der Bev&#246;lkerung als „Schw&#228;tzer“ ohne politisches Programm wahrgenommen. Die Kandidatur Eduardo Dualdes, mitverantwortlich f&#252;r die Abwertung des Peso 2002 und Vater der Repression gegen&#252;ber der sozialen Bewegungen jener Jahre, die schlie&#223;lich ihren traurigen H&#246;hepunkt in der Ermordung der beiden AktivistInnen Darío Santillán und Maximilian Kosteki fand, empfindet der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung als Dreistigkeit die ihres gleichen sucht. Alberto Rodríguez Saá, Gouverneur der Provinz San Luis  (immerhin 8,17%), gilt als Provinzcaudillo. Seiner Familie, die von Juan Saá einem bedeutenden Milit&#228;r und Politiker des B&#252;rgerkrieges des 19. Jahrhunderts abstammt, besitzt praktisch die gesamte Provinz und reicht die Posten innerhalb der staatlichen Apparate von Generation zu Generation weiter. Elisa Carrió, bei der Wahl 2007 mit 23% noch zweite hinter Fernández de Kirchner und Hoffnung der Opposition, erreichte gerade einmal 3,24%. Sie gilt als verr&#252;ckt geworden, nicht zuletzt deshalb weil sie von Zeit zu Zeit mit den abstrusesten Verschw&#246;rungstheorien aufwartet. So behauptete sie etwa im Anschluss an den Tod Néstor Kirchner, dass die gro&#223;e Anteilnahme und Trauer der Bev&#246;lkerung w&#228;hrend dessen Beerdigung, von der Theatergruppe inszeniert worden w&#228;re, die auch schon das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=O9pfkmMn9cA">200j&#228;hrige Jubil&#228;um Argentiniens organisiert hatte</a>. Neben der Programmlosigkeit der genannten OppositionspolitikerInnen, hatten diese es nicht geschafft Allianzen untereinander zu kn&#252;pfen und sich als eine M&#246;glichkeit des Bruchs mit dem <em>kirchnerismo </em>zu pr&#228;sentieren. Die meisten von ihnen repr&#228;sentieren hierbei die politische Elite der Krisenzeit um 2001, die im kollektiven Ged&#228;chtnis der Bev&#246;lkerung noch immer zutiefst verhasst ist. </p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2396"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011-300x200.jpg" alt="" title="Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011" width="300" height="200" class="aligncenter size-medium wp-image-2396" /></a></p>
<p>Die einzige Ausnahme bildet der bisherige Gobernador von Santa Fe Hermes Binner. Er gilt als gro&#223;er Gewinner der <em>primarias</em>, in dessen Vorfeld er sich stets als offener und sachlicher Diskussionspartner f&#252;r alle politischen Lager und Verfechter der demokratischen Institutionen pr&#228;sentiert hatte. So schreckte er beispielsweise auch nicht davor zur&#252;ck sich kurz vor der Wahl mit Hugo Moyano dem Chef der <em>Confederación General del Trabajo de la República Argentina</em> (CGT), der gr&#246;&#223;ten und m&#228;chtigsten Gewerkschaft Argentiniens, zu treffen. Hugo Moyano wird von der Opposition gerne als personifizierte Korruption und Machtgier aufgrund seiner Verbindungen zur Regierung dargestellt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Trotzdem versammelte sich Binner mit Moyano unter dem Verweis darauf, dass man die demokratischen Institutionen des Landes respektieren m&#252;sse – ob einem das Gesicht des anderen nun passe oder nicht. Eine Argumentation die an den Diskurs der Regierung &#252;ber die Bedeutung der demokratischen Institutionen ankn&#252;pft (mehr dazu weiter unten). Binners Politikform scheint auch f&#252;r weite Teile der (urbanen) Mittelschichten ankn&#252;pfungsf&#228;hig, die sich mehr soziale Gerechtigkeit w&#252;nschen, die populistische Politikform des <em>kirchnerismo </em>diesbez&#252;glich jedoch befremdlich finden. Zwar haben die Entwicklungen seit den <em>primarias </em>seine aufstrebende Tendenz best&#228;tigt und aufgezeigt, dass sich um ihn herum in kommenden Jahren ein oppositionelles Potenzial entwickeln k&#246;nnte, seine politische Karriere auf nationaler Ebene ist jedoch noch relativ jung, weshalb er nicht als ernsthafter Konkurrent f&#252;r Cristina gilt.<br />
F&#252;r eine weitere kleine &#220;berraschung sorgte das Abschneiden von Jorge Altamira dem Pr&#228;sidentschaftskandidaten der <em>Frente de Izquierda y de los trabajadores</em> (FIT). Hierbei handelt es sich um ein B&#252;ndnis der drei gro&#223;en trotzkistischen Parteien <em>Partido Obrero</em> (PO), <em>Partido de los Trabajadores Socialistas</em> (PTS) und <em>Izquierda Socialist</em>a (IS) und Einzelpersonen. D<a href="http://www.ips.org.ar/?p=1743.">abei wird es von einer ganzen Reihe von bekannten Intellektuellen, wie Eduardo Gr&#252;ner unterst&#252;tzt.</a> Unter dem Titel „Asamblea de intelectuales, docentes y artistas en apoyo al Frente de Izquierda“ versammeln sich diese in Form <a href="http://www.ips.org.ar/?cat=9.">&#246;ffentlicher Diskussionsveranstaltungen</a>, um das B&#252;ndnis zu debattieren. Bei allen Vorbehalten und Kritikpunkten unterst&#252;tzen viele das B&#252;ndnis mit der Begr&#252;ndung, es sei die einzige antikapitalistische Kraft, die bei den Wahlen antreten w&#252;rde. Zudem gehe es darum einen <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3277">Diskussionsprozess innerhalb der Linken voranzutreiben</a> und alte Vorurteile abzubauen. Die FIT hatte im Vorfeld die <em>primarias </em>an sich sowie die zu erreichende Mindeststimmzahl von 400.000 bzw. 1,5% Stimmanteil heftig kritisiert und diese als Versuch der Regierung die kleinen Parteien von den Wahlen auszuschlie&#223;en angeprangert. Viele glaubten nicht wirklich daran, dass die FIT und Altamira wirklich den genannte Stimmanteil erreichen w&#252;rde, schlie&#223;lich waren es dann sogar 2,48%. </p>
<p><strong>Narrative des <em>kirchnerismo</em></strong><br />
Auch wenn die fehlende Opposition sicherlich einen Teil zum Erfolg Cristinas beigetragen hat, so reicht diese bei weitem nicht aus, um den Wahlerfolg zu erkl&#228;ren. Wie Alfredo Serrano und Esteban de Gori in ihrer <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134634&#038;titular=votos-sorpresas-y-reconfiguraciones- ">hervorragenden Analyse</a> feststellen, hat es die Regierung geschafft ein Narrativ zu etablieren, welches Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r verschiedene Sektoren bietet und einen „<em>un nuevo horizonte de expectativas</em>“ (einen neuen Erwartungshorizont) schafft. In diesem sei die Hoffnung auf einen gewissen „<em>bienstar</em>“ (Wohlstand/Wohlfahrt) f&#252;r alle eingeschrieben, welches nicht nur &#246;konomische Aspekte beinhaltet, sondern als ganzheitliche Kategorie zu verstehen sei, „die seit 2003 in der Konsolidierung eines Institutionennetzes f&#252;r Bildung, Gesundheit und sozialen Einrichtungen besteht. Ausgehend [davon] wurde eine Subjektivit&#228;t hervorgerufen […], die konfrontiert mit der Notwendigkeit &#252;ber seine Gegenwart und Zukunft zu entscheiden, es umgehend bevorzugt ein Projekt zu unterst&#252;tzen, welches eine stabile Basis besitzt.“<br />
Dieses Narrativ der Institutionen kn&#252;pft auch bei vielen W&#228;hlerInnen des (st&#228;dtischen) Kleinb&#252;rgerInnentums an und kontrastiert den <em>kirchnerismo </em>gegen das Chaos um 2001. Selbst diese Teile rechnen der Regierung trotz ideologischer Differenz an, die politischen Institutionen wieder gest&#228;rkt zu haben. Nicht zu untersch&#228;tzen ist dabei auch die Rolle des 2010 verstorbenen Ex-Pr&#228;sidenten Néstor Kirchner. Im Wahlkampf stetig pr&#228;sent, ist wird seine Mythologisierung von Seite des <em>kirchnerista </em>stetig vorangetrieben. Passend dazu ist vor kurzem eine Biographie Cristina Fernández de Kirchner erschienen, in der sie ausf&#252;hrliche intime Details &#252;ber ihren Mann erz&#228;hlt. Zudem sind j&#252;ngst mehrere Biographien und B&#252;cher &#252;ber den Ex-Pr&#228;sidenten ver&#246;ffentlicht worden. Unter anderem eine Sammlung von José Pablo Feinmann – ein bekannter Intellektueller und h&#228;ufig als Philosoph <a <a href="http://jafrenkejnshtein.ru">more info</a></p>
<p>href=&#8221;http://numberswiki.com/&#8221;>numberswiki.com</a></p>
<p>des <em>kirchnerismo </em>bezeichnet – welche Gespr&#228;che zwischen ihm und Néstor Kirchner enth&#228;lt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Seine Bem&#252;hungen, das Land nach der Krise wieder auf Kurs zu bringen, dient hier als eine Art gemeinsame Geschichte, die eine Z&#228;sur markiert und ein neues nationales Projekt einleitete; dieses gelte es nun weiter zu f&#252;hren.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2395"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/18-G3c3p.AuSt_.55-300x199.jpg" alt="" title="18-G3c3p.AuSt.55" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2395" /></a></p>
<p><strong>Die Angst vor der Krise</strong><br />
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Erkl&#228;rung des Wahlerfolges stellt die weltweite Krise des Kapitalismus dar. Bisher scheint diese zwar in Argentinien kaum Auswirkungen zu haben und die Regierung betont immer wieder, dass man gut ger&#252;stet sei, was denn auch kommen m&#246;ge. Wie der <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Eduardo Gr&#252;ner</a> jedoch feststellt, muss die Wahl auch als eine konservative Entscheidung verstanden werden: <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">„Eine Abstimmung daf&#252;r, dass sich, w&#228;hrend der zugespitzten internationalen Krise des Kapitalismus, nichts zu sehr bewegt.“</a> Seine Interpretation wird auch durch die Wahlergebnisse in den Provinzen gest&#252;tzt, in denen ausnahmslos die bisherigen Regierungen best&#228;tigt wurden. Betrachtet man die <a href="http://www.primarias2011.gob.ar/">Wahlergebnisse </a>der <em>primarias </em>in den einzelnen Provinzen zeigt sich sogar, dass Cristina in Santa Fe gegen&#252;ber Hermes Binner durchsetzen konnte, was ebenfalls auf den Wunsch nach Kontinuit&#228;t sowohl auf Provinz- als auch nationaler Ebene hindeutet. Dass es der Regierung Kirchner bisher gelungen ist die Auswirkungen der Krise soweit wie m&#246;glich zu umschiffen, wird ihr hoch angerechnet. Nicht zuletzt deshalb, weil man mit <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_xC3KB_UBco">Entsetzen nach Griechenland</a> schaut und feststellt, dass die dort aufoktroyierten Politiken denen gleichen, die 2001 in Argentinien angewendet wurden.</p>
<p>Neben diesem Bezug zur aktuellen Krise wird das Projekt-K allerdings auch insgesamt trotz all seiner M&#228;ngel als wirtschaftlich erfolgreich wahrgenommen. <a href="http://www.atilioboron.com/2011/08/cristina-recargada-notas-sobre-las.html">Atilio Boron</a> beschreibt die Wahrnehmung der Regierungspolitik wie folgt: „Zudem wird das wirtschaftliche Wachstum von einer starken Ausweitung des Konsums begleitet (in den Augen des Beg&#252;nstigten interessieren die Mechanismen nicht mit Hilfe derer diese bef&#246;rdert wird); die Schaffung von Jobs (egal ob angemeldet oder „schwarz“); eine bescheidene aber willkommene Verbesserung der L&#246;hne, Geh&#228;lter und der Bez&#252;ge der PensonistInnen; die enorme Ausweitung der Vorsorge f&#252;r Hausfrauen; die Implementierung einiger palliativer Ma&#223;nahmen gegen das Armutsproblem, welches im Land seit den neunziger Jahren herrscht […]. “<br />
Und tats&#228;chlich wird die Wirtschaftspolitik der Regierung von den unterschiedlichen Sektoren als erfolgreich wahrgenommen, wobei es die Regierung clever versteht, diese mit unterschiedlichen Politiken zu bedienen.<br />
Zwar sorgt steigende Inflation daf&#252;r, dass die &#228;rmeren Teile der Bev&#246;lkerung sich gerade so &#252;ber Wasser halten k&#246;nnen. Auch dass die Regierung die Inflationszahlen des INDEC manipuliert, ist ein offenes Geheimnis und wird viel kritisiert. Allerdings ist man aber doch froh wieder Arbeit zu haben und sich irgendwie durchschlagen zu k&#246;nnen. Dass die meisten Jobs <em>en negro</em> sind und viele seit Jahren darauf warten, in den Genuss von Sozialversicherungsleistungen zu kommen, ist man bereits gew&#246;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Gerade in diesen Teilen der Bev&#246;lkerung scheint man sich wenig Illusionen &#252;ber die Parteienpolitik und politischen Institutionen zu machen. Auf die Frage, wen sie w&#228;hlen – die Wahlen in Argentinien sind verpflichtend – h&#246;rt man immer wieder, dass es den Leuten wirtschaftlich gesehen relativ egal erscheint wer das Land regiert, allerdings w&#228;hle man Cristina „por lo que hace para la gente.“ (wegen dem was Cristina f&#252;r die (einfachen) Leute tut). So konnte Cristina auch die meisten Stimmen in den &#228;rmeren Provinzen des Nordens wie Santiago del Estero.<br />
Die Zustimmung beschr&#228;nkt sich jedoch nicht auf diese Bev&#246;lkerungsteile. Tats&#228;chlich gewann die amtierenden Pr&#228;sidentin &#252;berraschenderweise auch in den Regionen, in denen <a href="http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-175080-2011-08-23.html">etwa die Agrarwirtschaft angesiedelt ist</a> oder aber in Buenos Aires, wo eine Woche zuvor noch Macri mehr als deutlich siegen konnte. Neben der fehlenden Wahlalternative stellt sich die wirtschaftspolitische Kluft zwischen den beiden Lagern bei weiten nicht so gro&#223; dar, wie dies vielleicht auf ideologischer Ebene der Fall sein mag. <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Gr&#252;ner analysiert </a>in diesem Zusammenhang: „Die sogenannte rechte Opposition ist nachdem sie nebenher ungeschickt, nutzlos und dumm ist, auch vollkommen unn&#246;tig, da die Regierung sorgf&#228;ltig alle Aufgaben der Bourgeoisie (tareas burguesas) erledigt, die in dieser Etappe notwendig sind. Die unterschiedlichen Wirtschaftsfraktionen der herrschenden Klassen sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo sie sich einerseits ein wenig f&#252;gen und andererseits ein wenig davon schw&#228;rmen, dass man mit dieser Regierung hervorragende Gesch&#228;fte machen kann und es keinen Grund daf&#252;r gibt bei der derzeitigen weltweiten Krise gro&#223;e Abenteuer einzugehen.“<br />
Das hei&#223;t, w&#228;hrend der populare Sektor die (prek&#228;ren) M&#246;glichkeiten des aktuellen Wirtschaftswachstums zu nutzen wei&#223; und nach der Ohnmacht der vorangegangen Jahre wieder M&#246;glichkeiten und Zukunftsperspektiven sieht (auch wenn diese darin bestehen sechs Tage die Woche in mehreren Jobs unangemeldet zw&#246;lf oder mehr Stunden zu arbeiten), hofft ein weiterer Teil der Lohnabh&#228;ngigen darauf in geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse &#252;berzuwechseln. Das (st&#228;dtische) Kleinb&#252;rgerInnentum wiederum setzt darauf, dass die Wirtschaft weiter w&#228;chst und stabil bleibt, da die Gesch&#228;fte derzeit gut laufen.</p>
<p>Neben diesen wirtschaftspolitischen Aspekten d&#252;rfen jedoch nicht die Regierungsma&#223;nahmen im Bereich der Menschen- und B&#252;rgerInnenrechte vergessen werden die von der Regierung h&#228;ufig medienwirksam inszeniert werden und eine starke symboltr&#228;chtige Wirkung haben. Hierzu lassen z&#228;hlen Projekte wie das <a href="http://www.lgbt.org.ar/blog/Matrimonio/matrimonio.htm">Matrimonio Igualitario (gleichgeschlechtliche Ehe)</a>, das sogenannte <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/nueva-ley-de-medios/C2396-nueva-ley-de-medios-punto-por-punto.php">Ley de los medios</a> (Mediengesetz) und die Menschenrechtspolitik (im Bezug auf die Milit&#228;rdiktatur).Mit Hilfe dieser unterstreicht die Regierung immer wieder ihren Anspruch auf den progressiven Charakter ihrer Politik und bedient viele gesellschaftliche Gruppen. So h&#246;rt man beispielsweise von AktivistInnen, die sich stark f&#252;r das <em>matrimonio igualtario</em> engagiert haben, dass sie die Wirtschaftspolitik der Regierung als Tropfen auf den hei&#223;en Stein empfinden, diese aber aus Mangel an ernsthaften Alternativen weiterhin unterst&#252;tzen werden, in der Hoffnung bestimmte <em>single-issues</em> so durchsetzen zu k&#246;nnen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2393"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/4266721301.jpg" alt="" title="4266721301" width="300" height="169" class="aligncenter size-full wp-image-2393" /></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Der sich abzeichnende Trend unmittelbar nach den <em>primarias </em>hat sich in den darauf folgenden Wochen best&#228;tigt: Die Opposition scheint noch mehr in Aufl&#246;sung begriffen als vor den primarias. Dass selbst hartgesottene Regierungsgegner wie Biolcati, der Vorsitzende der Sociedad Rural Argentina unmittelbar nach den <em>primarias</em>, den Sieg Cristinas nicht mehr anzweifelten und der Opposition ihre Programmlosigkeit vorwarfen, zeigt deren verzweifelte Lage.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Wie Biolcati bereits zu diesem Zeitpunktanklingen lie&#223;, zeigte sich in den Folgewochen, dass diese nun auf die ebenfalls am 23. Oktober stattfindenden Wahlen in einigen Provinzen zu fokussieren scheint, bei denen immerhin 130 Abgeordnete sowie 24 SenatorInnen neu bestimmt werden.<br />
Die Regierung selber scheint derzeit vor Selbstvertrauen zu strotzen. In der <a href="www.presidencia.gov.ar/informacion/actividad-oficial/25323">Pressekonferenz</a> unmittelbar nach den <em>primarias </em>k&#252;ndigte Cristina bereits an, dass sogenannte <em>ley de la tierra</em> m&#246;glichst schnell vorantreiben zu wollen. Hierbei geht es um die Beschr&#228;nkung des Erwerbs von L&#228;ndereien durch Nicht-ArgentinierInnen. Die Agraroligarchie hat sich bisher wenig erfreut &#252;ber die Versuche der Regierung in diese Richtung gezeigt. Zudem preschte der Innenminister Florencio Randazzo bei der <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/C8328-elecciones-primarias-abiertas-simultaneas-y-obligatorias-paso---14-de-agosto-de-2011.php">Verk&#252;ndung der endg&#252;ltigen Wahlresultate</a> wenige Tage sp&#228;ter in der stetigen Auseinandersetzung zwischen der Regierung und einigen Medienunternehmen erneut vor: Diese hatten immer wieder von Unstimmigkeiten bei den Wahlen gesprochen. Im Endeffekt mussten die Zahlen f&#252;r Cristina Fernández de Kirchner dann sogar noch oben korrigiert werden. Erneut bediente Randazzo dabei den Diskurs der demokratischen Institutionen, indem er diesen Medien – vor allem den Zeitungen Clarín und La Nación – vorwarf unverantwortlich zu handeln und diese Institutionen anzugreifen.<br />
Auch in den Ergebnissen der Provinzwahlen nach den <em>primarias</em>, konnte die Regierung ihren Siegeszug fortsetzen: Im Chaco wurde mit Jorge Capitanich ein Anh&#228;nger des <em>kirchnersimo </em>mit deutlicher Mehrheit wiedergew&#228;hlt. In Rio Negro gewann mit Carlos Soria nicht nur der Kandidat der <em>Frente para la Victoria</em>,sondern &#252;berhaupt das erste Mal seit der R&#252;ckkehr zu Demokratie ein peronistischer Kandidat.<br />
Wie es auf lange Sicht weitergeht mit dem <em>kirchnersimo </em>steht jedoch in den Sternen. Dass diese Form des Kompromisses keine langfristige L&#246;sung bringen wird, zeigt sich in der grundlegenden Ausrichtung des derzeitigen Modells, dessen Wurzeln bis in die Wirtschaftspolitik der Milit&#228;rjunta reichen: Dominanz des ausl&#228;ndischen Finanzkapitals und Unternehmen, r&#252;cksichtslose Ausbeutung der nat&#252;rlichen Ressourcen, „Sojarisierung“ die dazu f&#252;hrt, dass die Wirtschaft sich wieder vermehrt im Prim&#228;rsektor konzentriert und diesen homogenisiert, Prekarisierung der <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134376&#038;titular=cristina-recargada-">Arbeitsverh&#228;ltnisse und Schwarzarbeit</a>.  Es ist schwer vorstellbar, dass sich diese dauerhaft mit den. trotz aller berechtigten und n&#246;tigen Kritik, zweifellos vorhandenen progressiven Aspekten des <em>kirchnerismo </em>und vor dem Hintergrund einer weltweiten kapitalistischen Krise vereinbaren lassen. Wie sich der <em>kirchnerismo</em>, konfrontiert mit den neuen Herausforderungen, verhalten wird scheint offener denn je.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen schnellen Einstieg und &#220;berblick bez&#252;glich der KandidatInnen, ihre nParteien und Wahlkoalitionen bietet der <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Elecciones_primarias_de_Argentina_de_2011">wikipedia-Eintrag</a> zu den primarias.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Parteienlandschaft Argentiniens ist h&#246;chtst zersplittert und stellt sich hinsichtlich B&#252;ndnispartnerInnen  etc. a auf nationaler Ebene anders dar als auf Pronvinzebene. Als zentrales Merkmal k&#246;nnten man eine Art Projektcharakter ausmachen im Zuge dessen sich vor den Wahlen die unterschiedlichen Parteistr&#246;mungen, auch &#252;ber die eigenen Parteigrenzen hinaus, um zentrale Figuren gruppieren. Weil die Darstellung der argentinischen Parteienlandschaft eines eigenen Artikels bed&#252;rfte, verzichte ich an dieser Stelle auf genauere Ausf&#252;hrungen. Statistiken nach Ministerio del Interior: http://www.primarias2011.gob.ar/ [3.09.2011]<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Hugo Moyano ist Vorsitzender der Lastwagenvereinigung. Da ein Gro&#223;teil des Warentransportes &#252;ber den Stra&#223;enverkehr abgewickelt wird besitzt diese ein enormes Machtpotenzial. In Argentinien sagt man, wenn Mayona will, dann steht das Land still.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Russo, Sandra (2011): La presidenta. Buenos Aires: Editorial Sudamericana.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Feinmann, José Pablo (2011): El Flaco. Dialogos Irreverentes con Néstor Kirchner. Buenos Aires: Editorial Planeta.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Schwarzarbeit liegt derzeit bei ca. 30%. Die Absurdit&#228;t in diesem Zusammenhang ist, dass es sogar f&#252;r den Staat Arbeitenden gibt, die en negro arbeiten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Der Vorsitzende sorgt nach den <em>primarias </em>f&#252;r einen Skandal nachdem er seiner Verachtung f&#252;r die popul&#228;ren Sektoren Argentiniens freien Lauf lie&#223; und wie folgt analysierte: „Die Leute schauen Tinelli und wenn sie ihren Plasmafernseher bezahlen k&#246;nnen interessiert sie nichts mehr/schei&#223;en sie auf alles.“ Zudem gab dieser zu, dass die Repr&#228;sentantInnen des <em>campo </em>immer wieder gelogen h&#228;tten, um Stimmung gegen die Regierung zu machen und dass es der Agrarwirtschaft eigentlich sehr gut ginge.</p>
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		<title>Wo arbeitet die argentinische Demokratie?</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:20:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und trabajo territorial. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00

Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und <em>trabajo territorial</em>. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-1697"></span><br />
Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In Bezug auf Argentiniendominierte jedoch nicht immer ein derart makroperspektivischer Blick. Vielmehr galt Argentinien vielen Linken deshalb als interessant, weil es sich von einem Versuchslabor f&#252;r neoliberale Umstrukturierungspl&#228;ne zu einem Experimentierfeld f&#252;r neue Formen kollektiver Organisierung gewandelt hatte. Dass mit der Zeit immer weniger von Projekten wie den Tauschringen oder <em>fabricas recuperadas</em> (besetzte und selbstverwaltete Fabriken) zu vernehmen war, lag u. a. an der erfolgreichen Doppelstrategie der Regierung(en) Kirchner, radikale Bewegungsteile zu kriminalisieren, gem&#228;&#223;igtere hingegen (klientelistisch) in ein neues hegemoniales Projekt einzubinden.<br />
Im Zuge der Aufarbeitung, die auf die erste Ern&#252;chterung folgte, er&#246;ffneten sich neue Fragen: Woher kamen die Massen? Wo und wie organisierten sie sich? Wo waren die unterschiedlichen Bewegungsteile r&#228;umlich verankert? Und vor allem „[w]o wurde wann mit wem oder was wie interagiert und wie entwickelte sich diese Interaktion langfristig?“(90) Diesen Fragen geht Martina Blank in ihrer 2009 erschienenen Dissertation nach. Von besonderem Interesse ist f&#252;r sie hierbei die r&#228;umliche Dimension kollektiver Praktiken. Deshalb f&#252;hrt Blank zun&#228;chst in zentrale Konzepte der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte wie <em>place</em>, <em>scale </em>oder David Harveys Klassifizierung der <em>community “in itself”</em> und <em>“for itself”</em> ein. Mit Hilfe dieser Begriffswerkzeuge versucht sie sich dann den 2001 entstandenen sozialen Bewegungen zu n&#228;hern. Dabei macht sie zun&#228;chst drei zentrale Konfliktfelder mit unterschiedlichen Protestformen aus: Die neoliberalen Strukturanpassungen, denen sich die Arbeitslosenbewegung mit der Form des <em>piquete </em>(Stra&#223;ensperren) entgegenstellte; die Straflosigkeit der letzten Milit&#228;rdiktatur, gegen die in Form der <em>escrache </em>(Markierung der Wohnorte der Straft&#228;terInnen) protestiert wurde; sowie die Entt&#228;uschung &#252;ber die in den 1980ern neu geschaffenen demokratischen Institutionen, die zur Selbstorganisierung in <em>asambleas barriales</em> (Stadtteilversammlungen) f&#252;hrte. Alle diese neuen Protest- und Organisierungsformen beziehen sich zentral auf die R&#228;umlichkeit des <em>barrios </em>(Viertel). Raum ist Blank zufolge in diesem Zusammenhang jedoch nicht als geographisches Territorium zu verstehen, sondern vielmehr als „verortete Verdichtung sozialer Interaktion“(89). Ihre zentrale These lautet daher: „<em>Trabajo territorial</em> [die kollektive Arbeit im <em>barrio</em>, Anm. TB] […] ist der Versuch zur Schaffung neuer Handlungsr&#228;ume, die Verortung im Stadtviertel zielt auf die Konstruktion sozialer R&#228;ume, die ein „más alla“ („dar&#252;ber hinaus“) des Protests erm&#246;glichen sollen.“(11)<br />
Zur Untersuchung dieser These betrachtet die Autorin die Arbeit der <em>Asamblea Popular de Florida Este</em> in deren <em>barrio</em>. Die <em>asamblea </em>stellt in ihren Augen die radikalste Form der Schaffung und kollektiven Aneignung von &#246;ffentlichen R&#228;umen dar (142). Zentrale Triebfeder der asamblea sei das Verlangen nach Kommunikation im und mit dem <em>barrio</em>. &#196;hnlich dem &#246;sterreichischen Gr&#228;tzl ist der Raum des <em>barrios </em>weit davon entfernt, in kartographischen Begriffen wie des Viertels oder der Nachbarschaft erfasst zu werden. Blank zufolge handelt es sich vielmehr um einen „<em>place</em>-spezifischen Erfahrungshorizont, einer f&#252;r Buenos Aires typischen Tradition“ (141). Dieser Erfahrungshorizont sei nicht zuletzt der Geschichte einer chaotischen und prek&#228;ren Urbanisierung geschuldet, die neben der Konstruktion eines privaten Raumes einen kollektiven, lokalen und &#246;ffentlichen Raum ausgebildet habe. Eben jenes <em>barrio</em>, das in den unterschiedlichen Etappen in der Geschichte Argentiniens zahlreiche Transformationsprozesse durchlief und stets ein politisch umk&#228;mpfter Raum war. Insofern richtet sich die Arbeit der <em>asamblea </em>f&#252;r die Autorin auch nicht auf ein kartographisch fest zu bestimmendes Gebiet, sondern „[d]as Territorium, auf das sich die eigenen Arbeit richtet, ist selbst Produkt dieser Arbeit.“(226) Daher schlussfolgert Blank: „Trabajo Territorial ist keine <em>place</em>-Konstruktion im Sinne einer Einhegung, einer <em>community ‚for itself ‘</em>. Es ist vor allem anderen auch ein best&#228;ndiger Versuch, Grenzen zu &#252;berschreiten, politische und soziale Grenzen, die in den vermeintlich privaten Alltag eingelassen und in die Territorien der barrios eingeschrieben sind.“(248)<br />
Insgesamt merkt man dem Buch seinen Dissertationscharakter an. Dies hat teilweise Vorteile: So erm&#246;glicht der grobe &#220;berblick &#252;ber die wichtigsten Konzepte und Begriff der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte auch Au&#223;enstehenden den Einstieg in das Thema. Selbiges gilt f&#252;r die Vorgeschichte und die Ereignisse rund um das Jahr 2001, die pr&#228;gnant zusammengefasst werden. Allerdings – und hier zeigt sich die Schw&#228;che des Buches – stehen die einzelnen Teile etwas unvermittelt nebeneinander. Die sehr lange Beschreibung der auftauchenden Protestformen ist zwar spannend, h&#228;tte aber angesichts der sp&#228;teren Begrenzung auf das empirische Beispiel der <em>asamblea </em>k&#252;rzer ausfallen k&#246;nnen. Daf&#252;r w&#228;ren in Bezug auf die <em>asamblea </em>selbst weitere Ausf&#252;hrungen interessant gewesen. Immer aufschlussreich wird es n&#228;mlich dann, wenn die Autorin sich ein paar Seiten Raum nimmt, um auf spezifische Teilaspekte einzugehen. So zeigt sie etwa eindrucksvoll, wie sich der „von Klassismus und Rassismus durchzogene Sicherheitsdiskurs“ (242) in das <em>barrio </em>einschreibt. Hier und auch im Bezug auf die von ihr so stark gemachte Figur des <em>vecino </em>(Nachbar), den sie als „Tr&#228;ger eines hundert Jahre alten emanzipatorischen Horizonts von sozialem Aufstieg, Solidarit&#228;t und Partizipation“ (166) beschreibt, w&#228;re eine genauere Aufarbeitung der Klassenzusammensetzung und -transformation und deren r&#228;umliche Dimensionen n&#246;tig gewesen. So bleiben die Eigenheiten des Gro&#223;raums Buenos Aires in dieser Hinsicht f&#252;r LeserInnen, die nicht schon vorab mit diesen vertraut sind, etwas unklar.<br />
Auch die abschlie&#223;ende demokratietheoretische Bewertung des von ihr beschriebenen <em>scale</em>-Wechsel hin zum <em>barrio </em>bleibt offen. Handelt es sich hierbei um einen R&#252;ckzug auf das Lokale, der als Reaktion auf das Abgeschnitten-Sein breiter Bev&#246;lkerungsteile von politischen Institutionen folgt? Liegt ein freiwilliger Selbstausschluss vor, der neue und emanzipatorische Formen der Selbstorganisierung erm&#246;glicht? Oder wird ein Perspektivwechsel vollzogen, in dessen Folge der Nationalstaat nicht l&#228;nger als Adressat f&#252;r Emanzipationsbestrebungen wahrgenommen wird? Unscharf bleibt dar&#252;ber hinaus ihr Versuch, trabajo territorial mit der Transformation des argentinischen Staates in Verbindung zu setzen: F&#252;r ihre Annahme „<em>[t]rabajo territorial</em> ist vor allem anderen eine Verortung in Territorien fragmentierter Staatlichkeit“ (257) mag es gute Argumente geben, allerdings m&#252;ssten diese weiter ausgef&#252;hrt werden. So bleibt dieser Teil zu thesenhaft.<br />
Alles in allem ist <em>Zwischen Protest und trabajo territorial</em> durchaus empfehlenswert und gerade f&#252;r LeserInnen, die sich erstmalig mit den Ereignissen in Argentinien von 2001 auseinandersetzen m&#246;chten, ein gelungener Einstieg. F&#252;r jene, die sich bereits intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt haben, werden durch die r&#228;umliche Perspektive zwar neue, interessante Aspekte zutage gef&#246;rdert, allerdings w&#252;rde man sich an manchen Stellen tiefer gehende Ausf&#252;hrungen w&#252;nschen.</p>
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