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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Alternativen</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
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		<title>Welt&#246;ffnende Begriffe</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:50:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>

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		<description><![CDATA[<em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span><span id="more-53"></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Ihr habt im ABC der Alternativen 126 Begriffe von 133 Autor-Innen versammelt – was war die Idee dahinter, so ein Buch zu machen, was ist der politische Einsatz dieses „ABC“s?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der erste Punkt ist, dass die Leute, die in dem Band schreiben, in sozialen Bewegungen als kritische Intellektuelle aktiv sind und wir in der Debatte um Kritik der Globalisierung bzw. Kritik der aktuellen Entwicklungen auf die Frage eingeben wollten: gibt es auch Alternativen? Ja, es werden aktiv Alternativen diskutiert, das wollten wir zeigen. Wir sind dann schnell drauf gekommen, dass das viel zu viel ist und haben uns darauf beschr&#228;nkt, perspektivierende Begriffe zu nehmen, die bestimmte Weltsichten &#246;ffnen. Wir haben also keine realen Bewegungen beschrieben wie die Zapatistas oder Attac, sondern gefragt: was sind alternative Weltsichten? Und das interessante daran ist, dass es uneindeutig ist, dass es ganz wenige eindeutige Begriffe gibt. Und je umfassender die Begriffe sind, umso uneindeutiger sind sie. Das ist Teil der K&#228;mpfe um Alternativen: Was hei&#223;t Kommunismus? Was hei&#223;t Sozialismus? Was hei&#223;t Marxismus? Was hei&#223;t Solidarit&#228;t? Was hei&#223;t Wirtschaftsdemokratie?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ein zweiter interessanter Punkt ist, dass das Denken von Alternativen durch eine Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse durch muss. Es gibt keine Blaupause, es wird nicht irgendwo etwas entwickelt, sondern es gibt immer – in den Stichworten nat&#252;rlich in aller gebotenen K&#252;rze – den deutlichen Bezug darauf, dass die herrschenden Verh&#228;ltnisse kritisiert werden. Das ist nicht eindeutig – eine Kritik etwa im Stichwort „Keynesianismus“ f&#228;llt anders aus als in „Kritik der politischen &#214;konomie“, aber das ist ein wichtiger Punkt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Drittens wird in vielen Stichworten deutlich, dass die Entwicklung von Alternativen durch Geschichte, durch linke Geschichte, durch Erfahrungen, durch Niederlagen hindurch gehen muss. Das scheint auf, auch wenn die Stichworte daf&#252;r zu kurz sind – aber das ist ein wichtiger Punkt. Wir argumentieren nicht ahistorisch, sondern zeigen bei Begriffen wie Trotzkismus oder Marxismus, wie sie historisch verwendet wurden und wie sie auch Teil von politischen, mitunter folgenschweren Irrt&#252;mern und Niederlagen sind – das m&#252;ssen wir uns ja eingestehen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Und als letzten Punkt: deutlich werden die Vielf&#228;ltigkeit und Relevanz von Theorie, das hei&#223;t die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven. Beispielsweise wird klar, wenn man John Holloway, Margit Mayer, Joachim Hirsch, Christa Wichterich, Karl Heinz Roth, J&#246;rg Huffschmid nebeneinander legt, um nur ein paar zu nennen, dass es da gro&#223;e Unterschiede gibt, eben unterschiedliche politische Vorstellungen: Was hei&#223;t Ver&#228;nderung, etwa in Bezug auf Staat und die herrschenden Verh&#228;ltnisse?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Die zweite Frage hast du damit fast vorweg genommen, n&#228;mlich jene nach den Auswahlkriterien f&#252;r Begriffe und Autor-Innen. Schlie&#223;lich besteht bei einem solchen Projekt die Gefahr, Begriffe, die wie du sagst einem geschichtlichen Wandel unterliegen, festzuschreiben durch Personen, die nat&#252;rlich auch ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Positionen einbringen. Es gibt im ABC Begriffe, die eher affirmativ beschrieben werden, von AktivistInnen, die ihre Position vertreten und andere, eher kritische Begriffe.<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Absolut – da hatten wir kein klares Kriterium. Neben den zuvor genannten inhaltlichen Kriterien ging es nat&#252;rlich auch darum: wen kennen wir, wen wollen wir dabei haben? Es ist kein Lexikon, das das bestehende Wissen sammelt – das w&#228;re absurd, auf 250 Seiten. Sondern es ist Ansto&#223; zur Diskussion. Es ist Bildungsmaterial f&#252;r eine breitere &#214;ffentlichkeit, das zeigen auch die bereits nach drei Monaten enormen Verkaufszahlen, und es ist ein Ansto&#223; innerhalb einer Linken, die sehr plural ist, f&#252;r Diskussionen um Begriffe. Aber, wie gesagt, nicht als Begriffshuberei, sondern als Perspektiven f&#252;r das Verst&#228;ndnis und die emanzipatorische Ver&#228;nderung herrschaftsf&#246;rmiger sozialer Verh&#228;ltnisse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Was unter anderem auff&#228;llt ist, dass es recht viele Begriffe gibt, die sich &#246;kologischer Fragen annehmen. Es gibt „Bioethik-Kritik“, „Energiepolitik“, „Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t“, „Klimagerechtigkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Naturverh&#228;ltnisse“, „&#246;kologische Gerechtigkeit“ und auch in anderen Stichworten wird diese Dimension mit einbezogen. Nun arbeitest du selbst seit vielen Jahren zu Naturverh&#228;ltnissen – inwieweit war das eine bewusste Intervention in die Debatten der sozialen Bewegungen?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das ist tats&#228;chlich eine Intervention. Wir als Herausgeber-Innen wollten das st&#228;rken, weil es eine Schw&#228;che in den aktuellen Bewegungen ist. Oft wird dichotomisiert: hier gibt’s die Umweltgeschichten, da gibt’s die globalisierungskritischen oder radikalen Geschichten. Gerade als wir begonnen hatten, das Buch zu planen, gab es den McPlanet Kongress im Mai 2007 in Berlin zu Umweltfragen mit 2.000 Leuten. Und es gab ein paar Wochen sp&#228;ter die Anti-G8-Proteste in Heiligendamm. Beim McPlanet Kongress war so etwas wie Kapitalismusanalyse abwesend, das einzige war ein Workshop, den ich mit Elmar Altvater gemacht habe, der rappelvoll war und wo auch viele gesagt haben: endlich gibt’s mal so etwas. Aber auf den gro&#223;en Podien war es absent. In Heiligendamm dagegen war die &#214;kologiefrage anwesend – globale Landwirtschaft war ein prominentes Thema – und wir wollten diese Konstellation nutzen, um das voranzutreiben. Seit Herbst 2007 ist das Umwelt- und vor allem das Klimathema in den Post-G8-Bewegungen sehr pr&#228;sent, einige neigen aber zur Instrumentalisierung. „Wenn die herrschende Agenda nun Klima ist, dann m&#252;ssen wir dem etwas entgegen setzen.“ Oft wird die Problematik der Naturverh&#228;ltnisse aber auf die „Umweltfrage“ reduziert und damit den herrschenden Sichtweisen auf den Leim gegangen. Ich hoffe, dass wir mit dem ABC zu einer Kl&#228;rung beitragen k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">&#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit den vielen feministischen Themen im Buch. Auch das ist oft ein blinder Fleck in den Bewegungen, wenn gemeint wird, es gehe jetzt um das „Kerngesch&#228;ft“ des Kapitalismus, d.h. Finanzm&#228;rkte, Arbeitsverh&#228;ltnisse im sehr engen Sinne. Dem wollen wir entgegen arbeiten. Um eine kleinen Vergleich zu machen: Das </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC zum Neoliberalismus</span></em><span lang="DE">, das zweite Buch in der ABC-Reihe, ist sehr gewerkschaftsorientiert. Ich finde es absolut gelungen, aber da sind viele Themen nicht dabei: sozial&#246;kologische Themen sind kaum vertreten, feministische Themen sind nicht dabei, und nur sieben der 67 AutorInnen sind Frauen. Neben der Ber&#252;cksichtigung der Geschlechterverh&#228;ltnisse waren uns zwei weitere Aspekte wichtig: Bei der Auswahl der AutorInnen intergenerationell zu sein, also alle politischen Generationen vertreten zu haben, sowie eine gro&#223;e politische Pluralit&#228;t, vom linksliberalen bis linksradikalen Spektrum.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Das Ansto&#223;en der Debatte rund um solche Begriffe passiert auch von eurer Seite konkret durch Veranstaltungen – es gab eine gut besuchte Buchvorstellung in Wien, um im April wird eine gr&#246;&#223;ere Veranstaltung zum ABC in Graz stattfinden. Was gibt es dort zu erwarten?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Wir selbst organisieren diese Veranstaltung gar nicht, sondern wurden eingeladen von Leuten in Graz, die das Buch gelesen haben und so begeistert sind, dass sie diese Tagung auf die Beine stellen, um drei Tage Themen des Buchs zu diskutieren. So soll ein Buch am besten wirken, dass auch Leute selbst etwas organisieren. Sie haben jetzt mit Joachim Hirsch, Manuela Bojadzijev, den </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">grundrisse</span></em><span lang="DE">-Leuten aus Wien und vielen anderen ein wie ich denke sehr gutes Programm zusammengestellt. Das Buch muss Resonanzen entwickeln, es ist nicht etwas f&#252;rs B&#252;cherregal, also ist es umso besser wenn es Arbeitskreise gibt, oder wenn LehrerInnen Stichworte verwenden – auch schon vom </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC der Globalisierung</span></em><span lang="DE">, das 2005 rauskam. Das ist ein enormer Wert, weil es in vielen Kontexten keine kritischen Wissensbest&#228;nde mehr gibt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Danke f&#252;r das Interview!</span></em></p>
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		<title>Plurale Perspektiven</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:45:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Brand, Ulrich/L&#246;sch, Bettina/Thimmel, Stefan (Hg.): ABC der Alternativen, Hamburg: VSA 2007, 12,40 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Brand, Ulrich/L&#246;sch, Bettina/Thimmel, Stefan (Hg.): ABC der Alternativen, Hamburg: VSA 2007, 12,40 €<br />
<span id="more-66"></span><br />
ABC der Alternativen</em><span> schreiben 133 AutorInnen &#252;ber 126 ‚Alternativen’, oder besser: &#252;ber Begriffe, die – so die HerausgeberInnen – „alternative ‚Weltsichten’ er&#246;ffnen und f&#252;r emanzipatorisches Denken und Handeln wichtig sind“. Und in dieser Hinsicht wird der Band seinem Titel gerecht. Das „ABC“ handelt sich an den wichtigsten Begriffen der ‚Sprache der Alternativen’ ab, und damit eben auch an jenen Begriffen, in denen ‚Alternativen’ gedacht und widerst&#228;ndiges Handeln m&#246;glich wird. Dabei erheben die HerausgeberInnen auch keinen Anspruch auf Vollst&#228;ndigkeit, da dieser Prozess der Begriffsfindung naturgem&#228;&#223; nie abgeschlossen sein kann, sondern sich st&#228;ndig an den herrschenden gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen und an der Reflexion der ‚eigenen’, linken Praxis orientieren muss. Das spiegelt sich auch in der Auswahl der Begriffe wider. So ist hier etwa zu Stichworten wie „Sozialforen“ oder „Queer“ von Perspektiven und konkreten Praxen zu lesen, die vor 20 Jahren noch nicht Teil emanzipativer Bewegungen waren (oder sein konnten). Beim Lesen wird einem so schnell klar, dass Begriffe nicht blo&#223; soziale Realit&#228;ten widerspiegeln, sondern selbst soziale Verh&#228;ltnisse stiften. Somit kann bereits der Prozess der Begriffsfindung, obwohl oder gerade weil er so umk&#228;mpft ist, als Teil eines Ver&#228;nderungsprozesses und damit auch als politische Aktivit&#228;t gesehen werden. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Damit ist auch angedeutet, was dieses Buch nicht ist und auch nicht sein will, n&#228;mlich ein ‚Lexikon der Alternativen’. Soll hei&#223;en? Dieses Buch ist definitiv kein Nachschlagewerk und will auch keine letztg&#252;ltigen Antworten geben. Zum ersten ist daf&#252;r die Bandbreite der hier vorgestellten Ans&#228;tze zu weit, die ‚Alternativen’ zu vielf&#228;ltig (so reichen die Vorschl&#228;ge von staatlich-institutionell bis anti-staatlich, von systemimmanent bis System transformierend, von lokal bis global). Zum zweiten zeigen auch die einzelnen Beitr&#228;ge selbst, dass es den AutorInnen mit ihrem Hinweis auf den „strategisch-perspektivischen“ Charakter der Begriffe ernst ist. Hier stehen also neben der Darstellung der jeweiligen historischen Entstehungs- und Entwicklungskontexte und den Benennungen gesellschaftlicher Widerspr&#252;che auch immer dezidiert die emanzipativen Potentiale und Entwicklungsm&#246;glichkeiten der vorgestellten Perspektiven zur Frage. Die einzelnen Begriffe werden so nicht einfach definiert, sondern vielmehr zur Diskussion gestellt. In diesem Zusammenhang kann das kurze „Zum Weiterlesen“ mit Literaturhinweisen am Ende jedes Beitrages durchaus w&#246;rtlich genommen werden. Sehr sympathisch ist dabei auch, dass nicht nur die ‚big names’ (wie diverse -ismen) behandelt werden, sondern unter Stichworten wie „Partizipativer Haushalt“, „Recht auf Stadt“ oder „Entschleunigung“ auch weniger prominente Perspektiven zu Wort kommen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die Ansicht, dass diese Pluralit&#228;t genau das Gegenteil von Perspektivlosigkeit ist, zieht sich als roter Faden durch das ganze Buch und l&#228;sst sich zu recht mit der Feststellung zusammenfassen, „dass emanzipatorisches politisches Handeln unter sehr widerspr&#252;chlichen Bedingungen stattfindet und die Reflexion dieser Widerspr&#252;che zum praktischen Bestandteil von Emanzipation wird“.<o></o></span></p>
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		<title>Quo vadis, Sozialdemokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 17:19:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mimi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p>Die Geschichte der neoliberalen Wendung der Sozialdemokratie ist untrennbar mit dem immer-noch britischen Premierminister Tony Blair verbunden. Als er 1997 die Wahlen gegen die Konservativen gewann, tat er das mit einem runderneuerten, „modernisierten“ Parteiprojekt – es war die Stunde des „Dritten Wegs“. Seither wurde Blairs „New Labour“ zur Blaupause f&#252;r fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, medienwirksam besiegelt mit dem 1999 vorgestellten „Schr&#246;der-Blair-Papier“. Damals legte der soeben gew&#228;hlte deutsche „Genosse der Bosse“ gemeinsam mit Blair ein Manifest vor, dessen Lekt&#252;re einiges davon wieder erkennen l&#228;sst, was aktuell oft nur als Dilletantismus oder pers&#246;nlicher Verrat der SP&#214;-Spitze erscheinen mag. Eine intellektuelle Schl&#252;sselfigur in der Entwicklung der „modernisierten“ Sozialdemokratie ist dabei der britische Soziologe Anthony Giddens. Er war und ist der wichtigste Stichwortgeber f&#252;r Tony Blair, und sein Buch „Der Dritte Weg“ wurde zu einer Bibel f&#252;r New Labour und die Schr&#246;der-Blair-Achse in Europa. In diesem Buch will Giddens die Politik Blairs und der &#252;brigen „neuen“ sozialdemokratischen Parteien „theoretisch unterf&#252;ttern“ 1. Er tritt an, um einen neuen Weg vorzuzeichnen, der die Sozialdemokratie in eine Zukunft jenseits von Neoliberalismus und der „alten Linken“ f&#252;hren sollte. Dieser Anspruch erscheint heute absurd, ist doch die Implementierung neoliberaler Politik durch die Parteien des „Dritten Wegs“ kaum noch zu leugnen. Doch gerade deshalb kann die Besch&#228;ftigung mit der Ideologie des Dritten Wegs helfen, zwei der aktuell wichtigsten politischen Fragen zu beantworten, n&#228;mlich: Wie l&#228;sst sich das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ begreifen? Und: kann die Einbindung der Parteibasis und weiter Teile der ArbeiterInnenklasse in dieses Projekt langfristig stabil bleiben?</p>
<h3>Giddens’ Welt</h3>
<p>Der Ausgangspunkt f&#252;r Giddens’ programmatisches Buch ist eine scheinbar radikale Zeitdiagnose: Alles ist neu (wie &#252;berhaupt alles am Dritten Weg), nichts ist mehr wie es war. Nat&#252;rlich ist nichts &#228;lter als die Feststellung, dass alles neu ist – doch Giddens pr&#228;sentiert seine programmatischen Vorschl&#228;ge als zwingende Konsequenzen dieser „neuen &#196;ra“. Tats&#228;chlich werden in „Der Dritte Weg“ real vorhandene Tendenzen im &#246;konomischen, politischen und kulturellen Bereich erfasst, jedoch gleichzeitig vereinfacht, &#252;berh&#246;ht, und auf eine einheitliche Bewegung hin zu einer neuen Epoche der globalisierten Welt reduziert. Die Widerspr&#252;chlichkeiten und Br&#252;che der tats&#228;chlichen Entwicklung werden ignoriert oder geleugnet, um die klaren Vorschl&#228;ge der Giddens’schen Politikberatung nicht in Gefahr zu bringen. Das beginnt bei der Diskussion um Globalisierung: Alex Callinicos weist darauf hin, dass f&#252;r jemanden, der in seiner fr&#252;heren Karriere als Sozialwissenschafter den angeblichen Klassenreduktionismus des Marxismus so scharf angegriffen hat, Giddens’ Erkl&#228;rungen der sozialen Welt erstaunlich monokausal sind, indem sie „s&#228;mtliche sozialen Ph&#228;nomene auf die Konsequenzen der Globalisierung reduzieren.“2 Trotz aller Beteuerungen, von Globalisierung d&#252;rfe nicht „wie von einem Naturereignis gesprochen“ werden, stellt Giddens sie als unaufhaltbare Kraft dar, die sich „Wege bahnt“, einen „Sog erzeugt“, die „Institutionen der Gesellschaft, in der wir leben, umformt“ etc. Globalisierung mag dementsprechend „durch eine Mischung aus politischen und &#246;konomischen Faktoren vorangetrieben“ werden – politischen Einfluss darauf zu nehmen steht bei Giddens jedoch nicht zur Debatte.3<br />
&#196;hnliches kann &#252;ber Giddens’ Beschreibung kultureller und politischer Ver&#228;nderungen gesagt werden. Auch hier werden<br />
vorhandene Ver&#228;nderungen der letzten drei&#223;ig bis vierzig Jahre verabsolutiert und in ein Schema gepresst, das notgedrungen auf Giddens’ vorweggenommene politische Conclusio, den Dritten Weg, hinausl&#228;uft. Und auch hier mischt Giddens eine holzschnittartige Analyse mit beschwichtigender Apologie: Es handle sich bei den Umw&#228;lzungen um einen „institutionellen Individualismus“, der „nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist“ und deshalb „auch keine so gro&#223;e Gefahr f&#252;r die gesellschaftliche Solidarit&#228;t“ darstellt4. Tats&#228;chlich w&#228;re der entscheidende Unterschied gegen&#252;ber fr&#252;heren Generationen eine „Verschiebung von sogenannten ‚Knappheitswerten’ zu ‚postmaterialistischen Werten’“.<br />
„Postmaterialistisch“ bedeutet hier, dass die „Werte des wirtschaftlichen Erfolgs und Wachstums mit zunehmendem Wohlstand an Bedeutung verlieren. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit treten an die Stelle der Einkommensmaximierung“5. Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich politische Pr&#228;ferenzen &#252;ber Generationen, sind Fragen zu Umweltschutz, Menschenrechten oder sexueller Selbstbestimmung zu wichtigen Themen der Gesellschaft geworden.<br />
Doch daraus abzuleiten, materielle Bed&#252;rfnisse – Lohnh&#246;he, soziale Infrastruktur, Altersvorsorge usw. – w&#228;ren zu Nebenschaupl&#228;tzen sozialer Auseinandersetzung degradiert worden, hei&#223;t eine Giddens’sche Traumwelt zu imaginieren. In dieser h&#246;ren dann auch, weil sich Wahlverhalten nicht (mehr) klassenspezifisch zuordnen l&#228;sst, Klassen &#252;berhaupt auf zu existieren. Dass eine Klassengesellschaft mehr mit Lohnarbeit und Kapitalverwertung zu tun hat als mit Entscheidungen in der Wahlkabine, wird tapfer ignoriert. Die viel beschworene, immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich – auf globaler Ebene wie innerhalb der „Wohlstandsgesellschaften“ des Nordens – l&#228;sst sich jedenfalls schwer mit Giddens’ „postmaterieller Welt“ in Einklang bringen.</p>
<h3>Jenseits von Jedem</h3>
<p>Die Konstruktion einer widerspruchsfreien Entwicklung hin zur „neuen“, globalisierten Gesellschaft ist die Voraussetzung f&#252;r den rhetorischen Taschenspielertrick, den Giddens im „Dritten Weg“ pr&#228;sentiert. Denn auf die Zeitdiagnose folgt der Vorschlag f&#252;r die Erneuerung der Sozialdemokratie wie selbstverst&#228;ndlich, als „objektiv notwendige“ Reaktion der Politik auf „objektiv vorhandene“ Tatsachen in &#214;konomie und Kultur. Der rhetorische Kniff, den Giddens schon im Titel des Buches anwendet und erbarmungslos auf 180 Seiten durchzieht, ist wohl so alt wie die menschliche Sprache: der Weg der goldenen Mitte. In jedem Politikfeld werden die (angeblichen) Vorschl&#228;ge sowohl des Neoliberalismus als<br />
auch der so genannten „alten Sozialdemokratie“ gegeneinander gestellt, um dann den „Dritten Weg“ als widerspruchsfreie Synthese jenseits des Alten zu pr&#228;sentieren, dem Durchbruch der Vernunft im sich selbst erkennenden Weltgeiste gleich. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gegenpole „alte Sozialdemokratie“ und „Neoliberalismus“ h&#246;chst unterschiedlich bewertet werden. An ersterer wird kaum ein gutes Haar gelassen: der Glaube an die &#220;berwindung oder blo&#223;e Z&#228;hmung des Kapitalismus habe Wachstum und Fortschritt gebremst, Verstaatlichungen in Kernindustrien die Innovativkraft der M&#228;rkte behindert. Vor allem aber war der Sozialstaat und die damit verbundene „Gleichheitsorientierung der alten Linken […] gut gemeint, hat aber […] mitunter genau gegenteilige Ergebnisse gezeitigt – deutlich sichtbar an einer gesellschaftlichen Planung mit ihren &#220;berbleibseln verfallende, kriminalit&#228;tsgeplagter Siedlungen im sozialen Wohnungsbau. Der Wohlfahrtsstaat, der allgemein als das Herzst&#252;ck sozialdemokratischer Politik angesehen wird, schafft heute mit seiner L&#246;sung der Probleme st&#228;ndig neue Probleme.“6<br />
W&#228;hrend die alte Sozialdemokratie als Auslaufmodell gebrandmarkt wird, das den Aufgaben einer globalisierten Welt nicht gewachsen ist, streift Giddens im Umgang mit dem Neoliberalismus die Samthandschuhe &#252;ber. Dem von Margaret Thatcher vertretenen Programm wird in groben Z&#252;gen zugestimmt: Der (Sozial-)Staat wird als Bedrohung f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung dargestellt, der Markt als &#252;berlegener Distributionsmechanismus von Ressourcen und Informationen gefeiert, dessen Befreiung letztlich allen zu Gute kommen w&#252;rde. Giddens’ Kritik beschr&#228;nkt sich auf den sozialen Konservativismus der Thatcher-&#196;ra. Die „Verteidigung traditioneller Institutionen wie Familie und Nation“, teilweise verbunden mit fremdenfeindlichen Untert&#246;nen, sowie das Festhalten an einer neorealistischen Doktrin in den internationalen Beziehungen, die die Weltgesellschaft als „nach wie vor eine Gesellschaft der Nationalstaaten“ betrachtet, w&#228;ren die anachronistischen Fehlleistungen des orthodoxen Neoliberalismus.7 So l&#228;uft es letztlich darauf hinaus, den Neoliberalismus von seinem sozialkonservativen Ballast zu befreien und ihn mit einem Diskurs der Modernit&#228;t auszustatten – jenem des „Dritten Wegs“. Das ist, kurz gesagt, das Programm der „Neuen Sozialdemokratie“, theoretisch erdacht von Giddens, praktisch umgesetzt von Blair und Schr&#246;der: Die Fortf&#252;hrung des Neoliberalismus mit anderen<br />
Mitteln.</p>
<h3>Die Gleichheit, die sie meinen</h3>
<p>Neoliberale Wirtschaftsdoktrin als Politik der sozialen Gerechtigkeit zu tarnen ist das Herzst&#252;ck des Dritten Wegs. Dazu bedurfte es eines enormen Aufwands vor allem am Feld der Begriffe und Bedeutungen: eine „sch&#246;ne neue Begriffswelt“ musste ersonnen werden.8 Bei Giddens, schreibt Frigga Haug, „wird Arbeitslosigkeit umgedeutet in ‚Zeit f&#252;r Qualifikation’, Risiko in ‚Lebenselixier’, Familie in einen Hort demokratischer Erziehung, Rente als Ausschluss f&#228;higer Mitglieder aus der Gesellschaft (&#8230;). &#220;ber alledem steht die Parole, ‚n&#252;tzlich zu sein’.“9 „Rechte“ existieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als B&#252;rgerInnen- oder gar Menschenrechte. Ein Leben in W&#252;rde und auf ausreichender materieller Grundlage wird nur noch jenen zugestanden, die sich den Spielregeln des neoliberalen Marktes unterordnen: „Keine Rechte ohne Verpflichtungen“ lautet „das zentrale Motto der neuen Politik“ bei Giddens – und um keine Missverst&#228;ndnisse aufkommen zu lassen, f&#252;gt er gleich ein Beispiel an: „Die Arbeitslosenunterst&#252;tzung sollte beispielsweise an die Verpflichtung zu aktiver Arbeitssuche gekoppelt sein; Aufgabe des Staates ist es, drauf zu achten, dass die Sozialsysteme die Motivation f&#252;r eine solche nicht d&#228;mpfen.“10<br />
Die bedeutendste Begriffsarbeit wurde dabei an der Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs geleistet – schlie&#223;lich m&#252;sse, so Giddens, das „Hauptanliegen der Politik des dritten Weges […] nach wie vor die soziale Gerechtigkeit sein“.11 Doch was ist die Gerechtigkeit, die sie meinen? Nat&#252;rlich hat das Streben nach echter sozialer Gleichheit – die &#220;berwindung einer Gesellschaft, die auf der strukturellen Ungleichheit zwischen BesitzerInnen von Produktionsmitteln und Verk&#228;uferInnen von Arbeitskraft beruht – schon lange keinen Platz mehr in der Sozialdemokratie. Doch galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“12. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzt sich die Politik des Dritten Wegs nun vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung des von einer Gesellschaft erwirtschafteten Wohlstands soll erreicht werden, sondern in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst ersch&#246;pft sich bereits das neue Ideal der Gleichheit: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“13<br />
Ziel der Gerechtigkeitspolitik des Dritten Wegs soll dementsprechend sein, m&#246;glichst viele Menschen in den Produktionsprozess einzugliedern. Mit dieser Umformung des Gleichheitsbegriffs l&#228;sst sich etwa die K&#252;rzung von Sozialleistungen als Steigerung der „sozialen Gerechtigkeit“ pr&#228;sentieren. Schlie&#223;lich sei Arbeitslosigkeit eine Form der Exklusion und als solche zu bek&#228;mpfen, und „hohe Arbeitslosigkeit h&#228;ngt mit gro&#223;z&#252;gigen und zeitlich unbegrenzten Sozialleistungen und mit einem schlechten Ausbildungsstand am unteren Ende des Arbeitsmarktes […] zusammen.“14 Daher m&#252;sse das leitende Prinzip der neuen Sozialpolitik lauten: „Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen. An die Stelle des Sozialstaats sollten wir den Sozialinvestitionsstaat setzen […]“.15 Investiert wird dabei vor allem in Ausbildung – etwa in Form von Weiterbildungskursen, wie sie in &#214;sterreich vom Arbeitsmarktservice verpflichtend „angeboten“ werden. Mit &#228;hnlicher Argumentation kann Giddens auch die Abschaffung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters als „soziale Forderung“ stellen – ist doch der Ruhestand eine Form der Exklusion und damit der „Ungleichheit“ im neuen Sinne. Praktisch alle Argumente des Neoliberalismus werden so in vollem Umfang &#252;bernommen und mit kaum zu &#252;berbietender Chuzpe als sozial gerechte Politik verkauft. „Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch“, hei&#223;t es dann, „denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten.“ Wie demokratisch die Auslieferung der arbeitenden Bev&#246;lkerung an (privatisierte) Unternehmen – und damit die Logik des Profits – ist, steht nicht zur Diskussion.</p>
<h3>Blair-Schr&#246;der-Project</h3>
<p>Die „modernisierten“ Sozialdemokratien Europas sind der Forderung Giddens’, eine „Umverteilung der Chancen“ an Stelle der Umverteilung des Wohlstands zu setzen, nachgekommen und haben erfolgreich auch die letzten Reste sozialer Politik aus ihren Programmen getilgt. Paradigmatisch lie&#223; sich dies in der Programmdiskussion der SPD nachvollziehen. Hier wurde ab Ende der 1990er Jahre von ma&#223;geblichen Parteigranden ein „umfassender Gerechtigkeitsbegriff“ eingefordert – entsprechend der Giddens’schen Rede von der „Chancengleichheit“, die die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit von jeder progressiven Bedeutung befreit. So meldete sich der damalige Landesparteivorsitzende der nordrheinwestf&#228;lischen SPD mit dem Beitrag zu Wort: „Umverteilung ist leistungsfremd, und das kann keine Partei ernsthaft verfolgen“16. Dabei konnte er auf die Unterst&#252;tzung seines damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers Gerhard Schr&#246;der z&#228;hlen. Dessen gemeinsam mit Tony Blair 1999 ver&#246;ffentlichte Papier „Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten“ gilt als politische Geburtsurkunde der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie.17 Hier finden sich alle wesentlichen Motive des Giddens’schen Projekts wieder: der sozialdemokratischen Vergangenheit wird abgeschworen und einer „Modernisierung“ das Wort geredet, um „sich an objektiv ver&#228;nderte Bedingungen anzupassen“. Auch hier ist die Umformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs Ankerpunkt derTransformation der Sozialdemokratie: „In der Vergangenheit wurde die F&#246;rderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt“ – nunmehr sollten die B&#252;rgerInnen in die Pflicht genommen werden, die sich an den Werten „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“ zu orientieren h&#228;tten. Um die „notwendigen K&#252;rzungen der staatlichen Ausgaben“ durchzuf&#252;hren, w&#252;rde man „nicht z&#246;gern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuf&#252;hren“. Ebenfalls kein Z&#246;gern gab es bei der &#246;ffentlichen Ank&#252;ndigung, Kapital steuerlich zu entlasten, wie es bisher nur konservative Kr&#228;fte gefordert hatten: K&#246;rperschaftssteuer und Unternehmensbesteuerung sollten reduziert werden, um damit „Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen“ zu st&#228;rken.18 So weit, so bekannt. Doch Schr&#246;der und Blair „verdarben das von Giddens empfohlene Konzept ein wenig“19, als sie es in die politische Praxis &#252;bersetzten. Das betrifft in erster Linie die Rolle des Wirtschaftswachstums. Giddens betont immer wieder die Bedeutung &#246;kologischer Fragen f&#252;r die „neue Politik“ und &#228;u&#223;ert sich skeptisch zu Politikvorstellungen, die auf ein unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft abzielen. Schr&#246;der und Blair jedoch setzten auf die unbegrenzte „Stimulierung von Produktivit&#228;t und Wachstum“, vor allem indem der europ&#228;ische Wirtschaftsraum „wettbewerbsf&#228;hig“ gemacht wird – das hei&#223;t attraktiv f&#252;r weltweit operierende Konzerne. Diese ideologische Verschiebung hat wesentliche Bedeutung auch f&#252;r den „neuen Gerechtigkeitsbegriff“. Die alte neoliberale These, dass Wachstumssteigerung per se sozial ist und daher Umverteilung ersetzen soll, wird damit zum sozialdemokratischen Programm. Gesellschaftliche Ungleichheit wird dabei als Motor f&#252;r &#246;konomische Produktivit&#228;tssteigerung begriffen: „Begrenzte Ungleichheit“ wird in den Worten von Wolfgang Clement, damaliger Ministerpr&#228;sident von Nordrhein-Westfalen und sp&#228;terer SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister, „ein Katalysator (…) f&#252;r individuelle (und) (…) auch f&#252;r gesellschaftliche Entfaltungsm&#246;glichkeiten“.20 Der „Dritte Weg“ f&#252;hrt damit in letzter Konsequenz zu einer an Absurdit&#228;t nicht mehr zu &#252;berbietenden Logik: Sozial gerecht ist, was Wachstum schafft. Soziale Ungleichheit schafft Wachstum, ergo ist soziale Ungleichheit sozial gerecht.</p>
<h3>Made in Austria</h3>
<p>Am neoliberalen Umbau der europ&#228;ischen Sozialdemokratienwaren die &#246;sterreichischen Parteigranden mittendrin statt nur dabei. Der „Spin-Doctor“ des damaligen Bundeskanzlers und heutigen VW-S&#252;damerika-Chefs Viktor Klima, Andreas Rudas, hatte selbst an den Beratungen, die zum Schr&#246;der-Blair-Papier f&#252;hrten, teilgenommen21. Der einzige Grund, warum Klimas Unterschrift fehlte, war laut Rudas, weil Schr&#246;der und Blair „es als eindeutiges, klares deutschbritisches Projekt haben wollten“.22 Tats&#228;chlich finden sich schon im 1998 – also ein Jahr vor dem Schr&#246;der-Blair-Papier – verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm die wichtigsten Begrifflichkeiten des Dritten Wegs wieder. „Gleichheit“ wird<br />
auch hier zu „Chancengleichheit“, Gerechtigkeit zur „gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft“, und ganz im Stile von Giddens wird ein vorgeblicher „Mittelweg“ gesucht, der in der Formulierung der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ gipfelt.23 Dabei konnte sich die F&#252;hrung der „modernisierten“ SP&#214; auf praktische Vorarbeit st&#252;tzen: Bereits seit den 1980er Jahren sahen sich die Regierungen Sinowatz und Vranitzky „gezwungen, ‚im Interesse der Wettbewerbsf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Wirtschaft’ eine neoliberale Reform nach der anderen umzusetzen“24 – mit dem Ergebnis, dass die Lohnquote seit 1981 kontinuierlich sinkt.25 Doch erst unter Klima wurde das Neusprech des Dritten Wegs auch zum Vokabular der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. Nach dessen unr&#252;hmlichem Abgang schien es manchen BeobachterInnen zun&#228;chst, als w&#252;rde mit Alfred Gusenbauer eine Abkehr vom Schr&#246;der-Blair Modell einsetzen – so werden in einer &#214;GB/AK-Brosch&#252;re von 2002 „Anzeichen einer Distanzierung vom Konzept des ‚dritten Weges’“ ausgemacht.26 Diese Hoffnungen – zuletzt gen&#228;hrt von einer tendenziell „altlinkeren“ Rhetorik im j&#252;ngsten SP&#214;-Wahlkampf – wurden jedoch mit dem Koalitionsabkommen mit der &#214;VP vollends zunichte gemacht. Die Offenheit, mit der hier die Fortf&#252;hrung neoliberaler Politik angek&#252;ndigt wird, steht jener der „Gr&#252;nderv&#228;ter“ des Dritten Wegs in Nichts nach. Als Paradebeispiel kann daf&#252;r die so genannte „Grundsicherung“ gelten. In bester Tradition des Dritten Wegs als Ma&#223;nahme der sozialen Gerechtigkeit propagiert, l&#228;uft sie auf jene sinnentleerte „Teilhabe“ hinaus, die schon bei Giddens gefordert wird. Tats&#228;chlich handelt es sich dabei um ein Instrument zur Zwangsintegrierung von Erwerbslosen in unterbezahlte Lohnarbeit. Wie von der Wirtschaftskammer seit Jahren gefordert, werden die Zumutbarkeitsbestimmungen massiv versch&#228;rft (im Neusprech des Dritten Wegs: „gerechter und praxisn&#228;her gestaltet“27), Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe zusammengelegt und damit daf&#252;r gesorgt, dass wer sich weigert, einen unterbezahlten Job irgendwo im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anzunehmen, jedes Anrecht auf Unterst&#252;tzung verliert. Keine Rechte ohne Verpflichtungen hei&#223;t eben auch kein Recht auf Essen ohne Verpflichtung zur Lohnarbeit – zu (fast) jeder Bedingung. Indem der Anspruch auf Grundsicherung anhand des<br />
Haushaltseinkommens berechnet wird, werden damit dar&#252;ber hinaus insbesondere Frauen in die Abh&#228;ngigkeit des „Hauptverdieners“ getrieben – „Hausfrauenarbeit“ bleibt weiterhin unbezahlt.28 Dass der sozialpolitische Kahlschlag mit einer Fortf&#252;hrung der rigiden Politik der „inneren Sicherheit“ einhergeht, ist dabei kein Zufall: „Ein zum ‚workfare’ degenerierter Wohlfahrtsstaat bedarf der Absicherung durch ‚law and order’ – zumal in jenen innerst&#228;dtischen Zonen, in denen die ‚&#252;berfl&#252;ssige Restbev&#246;lkerung’ lebt“.29 Die im Regierungsabkommen angek&#252;ndigte Ausweitung<br />
der elektronischen &#220;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume (auch durch Private!) geh&#246;rt dazu ebenso wie restriktive Zuwanderungspolitik und disziplinierende Ma&#223;nahmen des AMS zur Herstellung von „Arbeitswilligkeit“.</p>
<h3>Das sozialdemokratische Paradoxon</h3>
<p>Die Konsequenz, mit der die Politik des Dritten Wegs in den letzten zehn Jahren durchgezogen wurde, legt den Schluss nahe, dass die Sozialdemokratien Europas sich bereits v&#246;llig in „normale“ neoliberale Parteien transformiert h&#228;tten. Tats&#228;chlich ist die vergebliche Suche nach der „sozialdemokratischen Handschrift“ etwa im aktuellen &#246;sterreichischen Koalitionsabkommen nicht in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Wolfgang Sch&#252;ssels oder dem „Verrat“ Gusenbauers zuzuschreiben, sondern Ausdruck der weitgehenden Deckungsgleichheit von sozialdemokratischen und neoliberalen Positionen. Dennoch ist die SP&#214; keine neoliberale Partei wie jede andere. Das spezifische an der Politik des Dritten Wegs ist, dass sie die neoliberale Transformation als fortschrittliches Projekt formuliert, als Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen und sozial Schwache. Dieser Versuch der Quadratur des Kreises ist nur mit Blick auf die Klassenbasis der Sozialdemokratien erkl&#228;rbar. Der entscheidende Unterschied zwischen SP&#214; und anderen neoliberalen Parteien liegt in der weiterhin tiefen Verwurzelung in der (vor allem traditionellen Industrie-)ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften. Zwar hat die Abzweigung zum Dritten Weg auch eine Orientierung hin zu einer jungen,<br />
urban gepr&#228;gten, gebildeten, aufstrebenden „neuen Mitte“ bedeutet; um als Massenpartei (mit entsprechendem W&#228;hlerInnenzuspruch) bestehen zu bleiben, reicht diese quantitativ relativ schmale Schicht, die dazu auch von klassisch liberalen und gr&#252;nen Parteien umworben wird, jedoch nicht aus. Die Einbindung der Gewerkschaften – verbunden mit deren Umbau zu reinen Lobbying-Agenturen mit Kalmierungsfunktion f&#252;r aufbegehrende Ausgebeutete – und eines gro&#223;en Teils der ArbeitnehmerInnen ist daher weiterhin notwendig f&#252;r eine „erfolgreiche“ Sozialdemokratie. Genau hier liegt auch die besondere Gefahr der Politik des Dritten Wegs f&#252;r die anti-neoliberale Linke. Die entscheidende Frage ist schlie&#223;lich, ob neoliberale Politik, Denk- und Handlungspraxen in Europa stabil hegemonial werden, also sich als unhinterfragte und unhinterfragbare Logiken im „Alltagsverstand“ der Menschen absetzen k&#246;nnen. Dabei spielt die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle als „Relaisstation“ neoliberaler Ideologie, schlie&#223;lich „macht es einen Unterschied, ob die gr&#246;&#223;er gewordenen sozialen Ungleichheiten von jener Partei gerechtfertigt werden, die einmal die der ‘kleinen Leute’ war oder von Vertretern konservativer und liberaler Parteien“.30 Gleichzeitig aber bietet die Sozialdemokratie – teils aus Tradition, teils wegen ihrer quasi-Monopolstellung in vielen Bereichen der ArbeitnehmerInnenvertretung, teils auf Grund von progressiver Rhetorik – auch tats&#228;chlichen GegnerInnen des neoliberalen Programms eine (wenn auch nicht sehr gem&#252;tliche) politische Heimat. Das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ l&#228;uft letztlich auf die Frage hinaus, ob und wie sich der Bruch zwischen sozialdemokratischen Parteien und deren sozialer Basis politisch ausdr&#252;cken wird.</p>
<h3>Gute Aussichten?</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir auch zur zweiten zuvor gestellten Frage zur&#252;ckkehren: Kann das Projekt des Dritten Wegs langfristig erfolgreich sein? Mit „erfolgreich“ ist dabei nicht gemeint, ob der von Giddens und seinen J&#252;ngern formulierte Anspruch einer Politik „jenseits“ des Neoliberalismus eingel&#246;st wird – diese Frage kann eindeutig negativ beantwortet werden – sondern ob die hegemoniale Einbindung von ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften in das neoliberale Projekt stabil funktionieren kann. Einiges spricht daf&#252;r: So kann nicht geleugnet werden, dass viele Motive neoliberaler Ideologie – Eigenverantwortung, Flexibilisierung, etc. – bereits Eingang in den Alltagsverstand auch vieler Menschen gefunden hat, die materiell unter neoliberaler Politik leiden. Damit zusammenh&#228;ngend muss auch die (teilweise resignierende) Akzeptanz vormals bek&#228;mpfter neoliberaler Transformationsprojekte durch weite Teile der sozialdemokratischen Basis erw&#228;hnt werden. Studiengeb&#252;hren k&#246;nnen hier als drastisches Beispiel dienen: Protestierten bei deren Einf&#252;hrung noch mehrere zehntausende Studierende auf den Stra&#223;en, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen deren Beibehaltung unter einer SP&#214;-gef&#252;hrten Regierung nur noch einige Tausend. Und schlie&#223;lich gibt es aktuelle und historische Beispiele, die zumindest f&#252;r die M&#246;glichkeit der erfolgreichen langfristigen Bindung einer ArbeiterInnenbasis an eine neoliberale Partei sprechen. So zeigen die Erfahrungen der US-amerikanischen Linken mit der Demokratischen Partei – bei allen wichtigen Unterschieden zur europ&#228;ischen politischen Landschaft – dass, wenn keine glaubw&#252;rdige alternative Kraft existiert, neoliberale Politik &#252;ber sehr lange Zeitr&#228;ume hinweg mit der Unterst&#252;tzung der ArbeitnehmerInnen-Basis und der Gewerkschaftsb&#252;rokratien praktiziert werden kann.31 Andererseits weist vor allem in j&#252;ngster Zeit viel darauf hin, dass das Projekt des Dritten Wegs m&#246;glicherweise doch zum Scheitern verurteilt ist. So verlieren seit einigen Jahren „modernisierte“ sozialdemokratische Parteien an der Macht massiv an Unterst&#252;tzung – was sich in Massenaustritten ebenso manifestiert wie in ausbleibenden Wahlerfolgen.32 Den politisch bedeutsamsten Hinweis auf die Krise der Sozialdemokratie des Dritten Wegs k&#246;nnen wir in &#214;sterreich jedoch (noch?) nicht ausmachen: Die Entstehung neuer politischer Kr&#228;fte, die mit dezidiert linker Programmatik jene ansprechen, die traditionell sozialdemokratisch orientiert sind, sich von der neoliberalen Politik „ihrer“ Partei jedoch angewidert abwenden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die aus der Fusion von WASG und PDS entstandene Linkspartei in Deutschland (siehe Interview mit Klaus Henning in diesem Heft), aber auch in Gro&#223;britannien („Respect“), Portugal („Linksblock“), D&#228;nemark („Rot-Gr&#252;ne Allianz“) oder Holland („Sozialistische Partei“) gibt es &#228;hnliche Projekte. Gr&#246;&#223;e und Erfolg dieser Parteien und B&#252;ndnisse der „neuen Linken“ unterscheiden sich stark – was sie eint ist die konsequente Ablehnung des Neoliberalismus, auch und besonders in seiner sozialdemokratischen Reinkarnation sowie eine unsektiererische, offene Haltung gegen&#252;ber der traditionellen Basis der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Ob die neoliberale Sozialdemokratie politisch scheitert, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob glaubw&#252;rdige Alternativen auf der Linken entstehen, die sich den praktischen und ideologischen Herausforderungen des Dritten Wegs stellen. Das bedeutet etwa, der Logik des „Keine Rechte ohne Pflichten“ Konzepte entgegen zu stellen, die das Recht aller Menschen auf ein w&#252;rdevolles Leben unabh&#228;ngig von ihrem „Nutzen“ f&#252;r den kapitalistischen Verwertungsprozess einfordern. Gelingt dies nicht, kann eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden: die Lehre aus der Abl&#246;se Sch&#252;ssels durch Gusenbauer wird ihre G&#252;ltigkeit behalten – es kommt nichts Besseres nach.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,<br />
Frankfurt 1998, S. 12.<br />
2 Callinicos, Alex: Against the Third Way. An Anti-Capitalist Critique,<br />
Cambridge 2001, S. 17.<br />
3 Giddens: a.a.O., S. 44-46.<br />
4 Ebd., S. 49.<br />
5 Ebd., S. 32f.<br />
6 Ebd., S. 28.<br />
7 Ebd.: S. 23-25.<br />
8 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Luc: Sch&#246;ne neue Begriffswelt, in: Le Monde diplomatique, Mai 2000, S. 7.<br />
9 Haug, Frigga: Krise der Sozialdemokratie?, in: Das Argument 256 (2004), S. 459.<br />
10 Giddens: a.a.O., S. 81.<br />
11 Ebd.<br />
12 Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen<br />
Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525.<br />
13 Giddens: a.a.O., S. 120.<br />
14 Ebd., S. 142f., Hervorhebungen im Original.<br />
15 Ebd., S. 137, Hervorhebungen im Original.<br />
16 Zit. nach Draheim, Susanne/ Reitz, Tilman: Work Hard and Play by the Rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programdiskussion, in: Das Argument 256 (2004), S. 470.<br />
17 Ber&#252;chtigt geworden als „Schr&#246;der/Blair-Papier“: Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair (1999), http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
18 Ebd.<br />
19 Haug: a.a.O., S. 459.<br />
20 Zit. nach Mahnkopf: a.a.O.<br />
21 Selbstverst&#228;ndlich haben nicht Blair und Schr&#246;der selbst das Papier verfasst. Ma&#223;gebliche Autoren waren die jeweiligen „grauen Eminenzen“, Peter Mandelson und Bodo Hombach.<br />
22 Zit. nach Der Standard, 30. Juni 1999.<br />
23 SP&#214;: Das Grundsatzprogramm, 1998, S. 5, 6, 10, online: http://www.spoe.at/bilder/d251/spoe_partei_programm.pdf. „Teilhabe“ ist die seit der<br />
SPD-Programmdebatte gel&#228;ufige deutsche &#220;bersetzung von „Inklusion“. „Teilhabegerechtigkeit“ wird dabei als Gegenentwurf zur Verteilungsgerechtigkeit“ ins Spiel gebracht – vgl. Draheim/Reitz: a.a.O., S. 473.<br />
24 So formuliert in einer von &#214;GB und Arbeiterkammer herausgegebenen Brosch&#252;re: Eberhard, Erik: Austromarxismus und Sozialdemokratie. Politische Str&#246;mungen der Arbeiterbewegung II, Politik und Zeitgeschehen 2, 2006, S. 39.<br />
25 Zwischen 1980 und 1990 sank die Lohnquote von 78,7 auf 72,4 Prozent, bis 2000 auf 69,8 Prozent. Guger, Alois/ Marterbauer, Markus: Die<br />
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in &#214;sterreich. Wien: Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung 2004, online: http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf.<br />
26 Sandner, G&#252;nther: Der ‚Dritte Weg’ der Sozialdemokratie, Politik und Zeitgeschehen 10, 2002, S. 19.<br />
27 Regierungsprogramm f&#252;r die XXIII. Gesetzesgebungsperiode, 2007, S.110, online: www.bmf.gv.at/Service/Regierungsprogramm.pdf<br />
28 FrauenLesben gegen Zwangsarbeit: Wie entsteht ein gesamt&#246;sterreichisches Arbeitshaus?, in: grundrisse 21 (2007), S. 20-22.<br />
29 Mahnkopf: a.a.O.<br />
30 Ebd.<br />
31 Nat&#252;rlich hinkt dieser Vergleich: Zwei-Parteien-System, geringer gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und extrem niedrige Wahlbeteiligung<br />
vor allem der unteren Klassen machen das Ziehen von Parallelen schwierig.<br />
32 Der Wahlsieg der SP&#214; ist hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme – schlie&#223;lich war der Wahlkampf gerade keiner des „Dritten Wegs“.</p>
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		<title>Umverteilen!</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 10:22:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Keynesianismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Markus Marterbauer: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven einer neuen &#246;sterreichischen<o></o> Wirtschaftspolitik. Wien: Zsolnay 2007.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Markus Marterbauer: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven einer neuen &#246;sterreichischen Wirtschaftspolitik. Wien: Zsolnay 2007.<br />
<span id="more-28"></span>In Zeiten der scheinbaren Alternativlosigkeit neoliberaler Politikkonzepte kommt ein Buch &#252;ber die Frage „Wem geh&#246;rt der Wohlstand?“ gerade recht. Markus Marterbauer, Wirtschaftsforscher am Wiener WIFO, verschafft hiermit dem fast vergessenen linken Fl&#252;gel innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften Geh&#246;r und zeigt (keynesianistische) Alternativen zur momentan herrschenden Politik in &#214;sterreich auf.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Als zentrales Problem sieht Marterbauer das Zur&#252;ckbleiben der heimischen Nachfrage hinter den in den letzten Jahren get&#228;tigten Investitionen und den erzielten Gewinnen. Wirtschaftswachstum bedeute immer auch ein Wachstum an Arbeitspl&#228;tzen. „Es gibt kein ,Jobless Growth’“, postuliert er. Im Schnitt rechnet Marterbauer, dass bei einem Wirtschaftswachstum von &#252;ber zwei Prozent die Arbeitslosigkeit zu sinken beginnt. Doch das starke Wachstum des Exports in &#214;sterreich bewirkt dies nicht. Die hohen Gewinne der Unternehmen der letzten Jahre wurden nicht an die ArbeiterInnen in Form von h&#246;heren L&#246;hnen, welche die Kaufkraft st&#228;rken w&#252;rden, weitergegeben, und zus&#228;tzliche Investitionen wurden nicht in ausreichendem Ma&#223; get&#228;tigt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Argumentation liegt ein linkskeynesianistisches Theorem zugrunde. UnternehmerInnen, Marterbauer spricht vom oberen Einkommensdrittel, erh&#246;hen mit ihrem zus&#228;tzlichen Einkommen weniger die Nachfrage, weil sie ihre Bed&#252;rfnisse schon gedeckt wissen und oft keinen Sinn darin sehen sich einen zweiten oder dritten Wochenendjet zu leisten. Das f&#252;hrt dazu, dass sie ihr zus&#228;tzliches Einkommen vermehrt sparen oder in Aktien und anderen Wertpapieren anlegen. Dies f&#252;hrt zu einem Anstieg des spekulativen, nicht produktiven Finanzkapitals. ArbeiterInnen, oder hier das untere Einkommensdrittel, hingegen w&#252;rden dadurch, dass sie mit ihrem niedrigen Einkommen kaum oder gerade mal das Auslangen finden, ein h&#246;heres Einkommen zur individuellen Bed&#252;rfnisbefriedigung vermehrt auf den Markt tragen. Die erh&#246;hte Nachfrage schafft ihrerseits Bedarf an mehr Produktion, somit mehr Arbeitspl&#228;tze.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Marterbauer zieht die logische Konsequenz und fordert staatliche Eingriffe zugunsten der unteren Einkommen (die Netto-Realeinkommen je unselbstst&#228;ndig Besch&#228;ftigtem/r sind die letzten 10 Jahre stagniert, w&#228;hrend das gesamte Einkommen der Volkswirtschaft um 25% gewachsen ist). Besch&#228;ftigungspolitik und Budgetpolitik seien hier geeignete Instrumente. F&#252;r erstere fordert Marterbauer eine Arbeitszeitverk&#252;rzung auf eine 35 Stundenwoche bei kostenneutralem Lohnausgleich (der Lohnausgleich erfolgt im Ausma&#223; der Produktivit&#228;tssteigerung), eine Reduktion geleisteter &#220;berstunden, mehr M&#246;glichkeiten f&#252;r Karenz (Kinder und Bildung) und den Einsatz der Gewerkschaft f&#252;r absolute Lohnerh&#246;hungen, um die faktisch niedrigeren Einkommen von Frauen relativ st&#228;rker zu erh&#246;hen.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">In der Budgetpolitik teilt er gleich zu Beginn Budgetdefizite in „gute“ und „schlechte“. Schlechte seien solche, die Unternehmen bei einigerma&#223;en ausreichendem Wirtschaftswachstum beg&#252;nstigen, w&#228;hrend gute jene seien, die die Umverteilung von oben nach unten vorantreiben. In diesem Sinn schl&#228;gt Marterbauer die Wiedereinf&#252;hrung der Verm&#246;genssteuer, die Erh&#246;hung (statt der aktuell geschehenen Abschaffung) der Erbschaftssteuer und die gezielte Besteuerung von Stiftungen, die nicht dem Allgemeinwohl dienen, vor. Staatliche Investitionen in Bildung (ohne Zugangsbeschr&#228;nkungen), Gesundheit und Mobilit&#228;t sollen die Produktivit&#228;t zus&#228;tzlich erh&#246;hen.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Marterbauer kritisiert zu Recht die falsche Politik der letzten sechs Jahre, die das genaue Gegenteil dessen war, was er als L&#246;sungsvorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt vorstellt. Sein Buch ist ein willkommener Anlass, die wichtige Frage der Umverteilung von oben nach unten neu zu diskutieren. Doch auch wenn er sich bewusst ist, dass einer aktiven Umverteilungspolitik „starker Widerstand gewiss“ (120) ist, &#252;bersch&#228;tzt er letztlich doch die M&#246;glichkeiten des kapitalistischen Staates, angesichts langfristiger &#246;konomischer Stagnation im Weltma&#223;stab Krisen nachhaltig zu verhindern. Dass die Hoffnungen, die davon gen&#228;hrt werden, auf theoretischen Fehlschl&#252;ssen aufsetzen, kann im Artikel zu „Kreisky und Keynes“ im vorliegenden Heft (12-17) nachgelesen werden.<o></o><br />
<o></o></p>
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		<title>Es geht auch anders!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/29/es-geht-auch-anders/</link>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 09:15:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Privatisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>

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		<description><![CDATA[Sachzwanglogik und Standortwettbewerb sind heute zu unhinterfragbaren Pr&#228;missen der politischen Auseinandersetzung geworden. Mehr denn je ist es n&#246;tig, wieder &#252;ber radikale politische Alternativen zum neoliberalen Einheitsdenken zu diskutieren. Von <em>Stefan Probst</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sachzwanglogik und Standortwettbewerb sind heute zu unhinterfragbaren Pr&#228;missen der politischen Auseinandersetzung geworden. Mehr denn je ist es n&#246;tig, wieder &#252;ber radikale politische Alternativen zum neoliberalen Einheitsdenken zu diskutieren. Von <em>Stefan Probst</em>.<br />
<span id="more-86"></span><br />
Neoliberale Argumentationsmuster sind heute quer durch das Parteienspektrum hegemonial. Zurecht schrillen deshalb bei vielen Menschen die Alarmglocken, wenn PolitikerInnen „Reformen“ einfordern. Denn wenn etwas „gr&#252;ndlich reformiert“ geh&#246;rt bedeutet das meist Sozialabbau, Privatisierung usw. „Reform“ ist zum Codewort f&#252;r die konsequente Ausrichtung auf die Erfordernisse des Marktes mutiert.<br />
Die Neoliberalen freilich behaupten die eiserne Notwendigkeit, ja Unumg&#228;nglichkeit solcher Ma&#223;nahmen angesichts steigenden „Kostendrucks“ aufgrund der versch&#228;rften Konkurrenz am Weltmarkt. Die angef&#252;hrten Sachzw&#228;nge, die den Legitimationsdiskurs des Neoliberalismus strukturieren, werden als quasi-naturgesetzlich angenommen und lassen folglich keine politischen Alternativen zu. Mit Vehemenz wird auf die „Probleme“ zu hoher Lohn- und Sozialstaatskosten sowie „unflexibler“ Arbeitsm&#228;rkte und „sozialer H&#228;ngematten“ verwiesen. „Der Markt“ fordere Senkung von Sozialleistungen, Deregulierung des Arbeitsmarkts und Privatisierung &#246;ffentlicher Dienste.<br />
Begleitet wird diese „Neoliberalisierung“ der Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse durch einen frontalen ideologischen Angriff: „Es geht darum, die sozialen Sicherungsbed&#252;rfnisse als ‚Vollkaskomentalit&#228;t’ nachhaltig zu diskreditieren und durch permanente und lebenslange Flexibilisierungsanforderungen zu ersetzen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>In wesentlichen Z&#252;gen hat diese Argumentation auch die Sozialdemokratie &#252;bernommen. Die „Vernunft“ gebiete das „Notwendige“ und vorgeblich „Realistische“. Weil der Markt den Rahmen dessen absteckt, was politisch m&#246;glich ist, k&#246;nnen die klassischen Forderungen der ArbeiterInnenbewegung nur mehr als naive Utopie erscheinen.</p>
<p>Deutlich wurde das im 1999 von Schr&#246;der und Blair vorgelegten Strategiepapier<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, einem Manifest der neoliberal gewendeten europ&#228;ischen Sozialdemokratien. Die hier pr&#228;sentierten „realit&#228;tstauglichen Antworten auf neue<br />
Herausforderungen in Gesellschaft und &#214;konomie“ geben sich durchgehend unternehmerfreundlich: Aufgabe der Politik sei es in erster Linie, „die Steuerungsfunktion von M&#228;rkten“ zu verbessern; das soziale Netz m&#252;sse „in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung“ umgewandelt werden; Werte wie „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“, die „zu h&#228;ufig … hinter universelles Sicherungsstreben zur&#252;ckgestellt wurden“, m&#252;ssten gef&#246;rdert werden.<br />
Von der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie wurde dieses Programm ausdr&#252;cklich begr&#252;&#223;t. Andreas Rudas, damaliger Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrer, meinte, das Papier entspreche bis auf wenige Detailfragen voll der Linie der Partei und dem „prinzipiellen Willen der SP&#214;, sich zu erneuern“. Vieles sei ohnehin schon im Parteiprogramm verankert.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Bereits jetzt sind die Auswirkungen dieser Politik katastrophal: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten Jahren in &#214;sterreich deutlich ge&#246;ffnet. W&#228;hrend die Unternehmensprofite wachsen sind mehr und mehr Menschen von Armut und Existenzunsicherheit betroffen. Das gilt nicht allein f&#252;r die wachsende Zahl Erwerbsloser und „atypisch“ Besch&#228;ftigter (Teilzeit, Leiharbeit, Scheinselbst&#228;ndigkeit etc.), sondern in immer gr&#246;&#223;erem Ausma&#223; auch f&#252;r Vollzeitarbeitende.</p>
<p>Die zuk&#252;nftige Entwicklung wird diese Trends nur versch&#228;rfen. Hartz IV in Deutschland und das CPE in Frankreich sind Vorboten dessen, was mit der Lissabon-Strategie zu<br />
gesamteurop&#228;ischer Politik erhoben wurde. Dort ist nicht nur vorgesehen, bis 2010 das Pensionsalter auf 67 Jahre anzuheben, privat finanzierte Pensions- und Gesundheitssysteme weiter auszubauen, sondern auch die Senkung der unteren L&#246;hne um 20-30 Prozent, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose sowie die Beseitigung der sozialen Absicherung, wo sie ein „Hindernis f&#252;r die Wiederaufnahme von Arbeit“ ist. Die Zielvorgabe<br />
einer Erwerbsquote von 70% (M&#228;nner) bzw. 65% (Frauen) soll durch den konsequenten Ausbau von Niedriglohnsektoren und prek&#228;rer Besch&#228;ftigung erreicht werden.</p>
<h3>Gegenfeuer</h3>
<p>Angesichts der Tatsache, dass Prekarit&#228;t und Flexibilit&#228;tsanforderungen zur Normalit&#228;t des 21. Jahrhunderts gemacht werden sollen, erh&#228;lt der Kampf um das Recht auf soziale und existenzielle Absicherung einen zentralen Stellenwert gegenw&#228;rtiger Auseinandersetzungen.<br />
Das setzt einen radikalen Bruch mit der vorgeblichen Alternativlosigkeit des herrschenden neoliberalen Einheitsdenkens, der Sachzwang- und Standortlogik, voraus.<br />
Folgende f&#252;nf Punkte – im Wesentlichen alte Forderungen der Gewerkschaftsbewegung und von Erwerbsloseninitiativen – sollten, als <em>Mindest</em>programm, Orientierungspunkte f&#252;r eine politische Trendwende sein.</p>
<p><strong>(i) Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich</strong><br />
Neoliberale Wirtschaftswissenschaft und Politik propagieren als K&#246;nigsweg zum Abbau der Arbeitslosigkeit den Ausbau von Niedriglohnsektoren. Ursache der Arbeitslosigkeit seien zu hohe L&#246;hne und zu wenig scharfe Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose. Das eigentliche Problem seien demnach die Arbeitskr&#228;fte selbst, die an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes nicht angepasst sind: weil zu teuer, oder &#252;berqualifiziert, usw.<br />
In dieselbe Kerbe schlagen auch die Vorschl&#228;ge der Dritte-Wegs-Sozialdemokratie: „Der Arbeitsmarkt braucht einen Sektor mit niedrigen L&#246;hnen… Teilzeitarbeit und geringf&#252;gige Arbeit sind besser als gar keine Arbeit“, erkl&#228;ren Schr&#246;der und Blair.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die strukturelle Arbeitslosigkeit soll dazu dienen, den Arbeitsdruck zu erh&#246;hen und die L&#246;hne weiter zu senken.<br />
Das ist v&#246;llig inakzeptabel. Mehr als 250.000 Menschen sind in &#214;sterreich erwerbslos, w&#228;hrend die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 44,1 Stunden betr&#228;gt. Unternehmen fahren Rekordgewinne ein, w&#228;hrend die Reall&#246;hne kontinuierlich fallen. Wir meinen, dass die Produktivit&#228;tsfortschritte allen zu gute kommen sollen. Deshalb: radikale Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit auf max. 30 Stunden<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> bei vollem Lohn- und Personalausgleich.</p>
<p>Leider scheinen die Gewerkschaften diesen Slogan l&#228;ngst verabschiedet zu haben. Man begn&#252;gt sich mit:„Arbeitspl&#228;tze schaffen!“. Aber eine Strategie, die auf die Losung „Hauptsache Arbeit“ setzt, bef&#246;rdert tatkr&#228;ftig den Verfall der L&#246;hne und spielt so den Neoliberalen in die H&#228;nde.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Selbst eine radikale Verk&#252;rzung der Arbeitszeit w&#252;rde ohne Lohnausgleich erst recht zu Flexibilisierung und dem Zwang f&#252;r Einzelne f&#252;hren, l&#228;nger zu arbeiten, um am Monatsende auf ein ausreichendes Einkommen zu kommen.</p>
<p><strong>(ii) Gesetzlicher Mindestlohn</strong><br />
F&#252;r 253.000 <em>working poor</em> ist das Arbeitseinkommen nicht mehr existenzsichernd.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Deshalb: gesetzlicher Mindestlohn, und zwar nicht pro Stunde sondern pro Monat – nur so kann das Elend des wachsenden Teilzeitproletariats aufgegriffen werden. Ein Mindestlohn von mindestens 1.500 Euro pro Monat (brutto) w&#228;re eine untere Schranke gegen die Tendenz, die L&#246;hne mit wachsender Arbeitslosigkeit immer mehr unter die Armutsgrenze zu dr&#252;cken und gegen die schleichende Aush&#246;hlung der Kollektivvertr&#228;ge (Leiharbeit etc.).<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><o :p></o><br />
Allerdings darf dies nicht durch &#246;ffentliche Lohnsubvention – einem sog. Kombilohn – realisiert werden, wie etwa die deutsche Regierung zur Zeit diskutiert. Wenn ein Min-destlohn aus Massensteuern finanziert wird w&#228;re das nichts anderes als ein neoliberales trojanisches Pferd: den unteren Einkommensschichten bleibt unterm Strich erst recht weniger und die Konzerne w&#228;ren zus&#228;tzlich entlastet.</p>
<p><strong>(iii) Grundsicherung</strong><br />
In Zeiten struktureller Arbeitslosigkeit wird auch die Frage der existenziellen Absicherung der Erwerbslosen zunehmend wichtig. Bislang hat sich die Gewerkschaftsbewegung kaum oder nur unzureichend um deren Anliegen gek&#252;mmert.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>Es gibt jedoch einen inneren Zusammenhang zwischen K&#252;rzungen des Arbeitslosengelds und der Sozialhilfe sowie versch&#228;rften Zumutbarkeitskriterien und Bed&#252;rftigkeitspr&#252;fungen auf der einen Seite und Lohndumping und erh&#246;htem Druck auf abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte auf der anderen. Dar&#252;ber hinaus spaltet die Ideologie des „Faulenzers“ und „Schmarotzers“ die Klasse und somit auch die Kampfkraft der Gewerkschaften.<br />
Deshalb: bedarfsorientierte Grundsicherung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, also ein Mindesteinkommen f&#252;r Erwerbslose. Nach dem Modell der Eurom&#228;rsche soll ein Mindesteinkommen individuell ausgezahlt werden (d.h. PartnerInneneinkommen werden nicht angerechnet); garantiert sein (Rechtsanspruch); ausgedr&#252;ckt werden in einem Anteil am gesellschaftlichen Reichtum (50% des BIP pro Kopf); nicht an Arbeitszwang gebunden sein.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Idee der Grundsicherung richtet sich somit vehement gegen die neoliberalen Vorstellungen einer „aktivierenden Arbeitsmarktpolitik“ mitsamt ihren dem&#252;tigenden Schikanen beim Bed&#252;rftigkeitsnachweis, ihren Disziplinierungsma&#223;nahmen (Zumutbarkeit von Stellenvorschl&#228;gen, Meldepflichten, verpflichtende Umschulungskurse usw.), sowie der Leistungsk&#252;rzung bei l&#228;ngerer Erwerbslosigkeit, die den Zwang zur Annahme von Billigst-Jobs versch&#228;rfen.</p>
<p><strong>(iv) Ausbau einer sozialen Infrastruktur</strong><br />
Der Trend zur Privatisierung &#246;ffentlicher Dienste – was David Harvey treffend als „Akkumulation durch Enteignung“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> bezeichnet – muss gestoppt werden. Deshalb: umfassender Ausbau &#246;ffentlicher G&#252;ter und Dienstleistungen, die allen Menschen unentgeltlich zur Verf&#252;gung gestellt werden m&#252;ssen. Dies reicht von Bildung und Ausbildung &#252;ber Gesundheitsvorsorge bis hin zu Wohnen und Verkehr.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p><strong>(v) Verm&#246;genssteuer und Wertsch&#246;pfungsabgabe</strong><br />
Die Neoliberalen werden nun einwenden, das m&#246;gen ja alles gutgemeinte Vorschl&#228;ge sein, nur: das Geld ist nicht da. Die „Politik der leeren Kassen“ zieht freilich nur so lange, als Konzerngewinne und die Verm&#246;gen der Million&#228;re nicht angetastet werden. Dem neoliberalen Diskurs des Mangels halten wir entgegen: das Geld ist da, wir m&#252;ssen es uns nur holen. Deshalb: deutliche Erh&#246;hung der Gewinn- und Verm&#246;genssteuern sowie Einf&#252;hrung einer Wertsch&#246;pfungsabgabe.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Auf Basis der genannten Forderungen kann eine offensiv ausgerichtete gemeinsame Kampfperspektive von Erwerbslosen, prek&#228;r Besch&#228;ftigten und sog. NormalarbeiterInnen hergestellt werden.<br />
Uns muss jedoch klar sein, dass – so wenig radikal diese Forderungen f&#252;r manche klingen m&#246;gen – ihre Durchsetzung auf erbitterten Widerstand des Kapitals sto&#223;en wird. Der wahre Kern des neoliberalen Sachzwangarguments ist die Stagnationskrise des Kapitalismus, die den Konzernchefs immer weniger Spielraum f&#252;r Zugest&#228;ndnisse erlaubt. Insofern sind die obigen Forderungen mit den Imperativen der Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert nicht kompatibel.</p>
<h3>Kapitalismus und Gerechtigkeit</h3>
<p>Aus diesem Grund ist jede erk&#228;mpfte Reform st&#228;ndig davon bedroht, wieder &#8220;Rationalisierungsma&#223;nahmen“ zum Opfer zu fallen. „Die grundlegenden Merkmale des Kapitalismus – seine Abh&#228;ngigkeit von der Ausbeutung der Lohnarbeit und seine Dynamik der konkurrenzgetriebenen Akkumulation einerseits und die institutionellen Strukturen, die als Folge sozialer Konflikte wie auch von Klassenkompromissen seinen Spielraum einschr&#228;nken, andererseits“ stehen in einem permanenten Spannungsverh&#228;ltnis zueinander.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Deshalb ist es notwendig, die Debatte um grundlegende politische Alternativen und Visionen, die die neoliberale „Dampfwalze des Machbaren und der Sachzw&#228;nge“ so erfolgreich zur&#252;ckgedr&#228;ngt und „in den Bereich des Wunschdenkens und M&#228;rchenerz&#228;hlens“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> verwiesen hat, wieder auf die Tagesordnung zu setzen.<o :p></o><br />
Die „globalisierungskritische“ Bewegung seit 1999 hat mit ihrem Slogan „Menschen statt Profite“ die Frage, ob wir wirklich in der „besten aller m&#246;glichen Welten“ leben wieder aufgeworfen und damit eine neue Debatte um systemische Alternativen, um gesellschaftliche „Utopien“ angesto&#223;en. Das gilt es aufzugreifen und mit Inhalt zu f&#252;llen.</p>
<p><em>Ein</em> solcher Vorschlag ist der eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE):<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Jeder Mensch soll <em>bedingungslos</em>, d.h. ohne, dass Arbeitsleistung oder Arbeitsbereitschaft daf&#252;r verlangt wird, und unabh&#228;ngig von anderen Einnahmequellen (z.B. aus Lohnarbeit), ein Einkommen (vom Staat) erhalten, das ihm/ihr ein Leben in W&#252;rde garantiert.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Begr&#252;ndet wird diese Forderung mit dem „<em>uneingeschr&#228;nkte[n] Recht</em> auf eine angemessene &#246;konomische Lebensgrundlage f&#252;r alle“ <a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a></p>
<p>In diesem Sinn geht das Konzept des BGE weit &#252;ber die im vorigen Abschnitt angef&#252;hrten Punkte hinaus, denn die Forderung nach Ausweitung politischer Rechte zu sozialen Grundrechten ber&#252;hrt die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Das System der Lohnarbeit beruht auf dem „Recht auf Ausbeutung zu jedem marktnotwendigen Preis“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a>; Lohnersatzleistungen werden nur unter der Beding-<br />
ung der „unbedingten und vollst&#228;ndigen Verf&#252;gbarkeit f&#252;r den Arbeitsmarkt“ gezahlt. Ein soziales Grundrecht auf ein Einkommen, das ein Leben in W&#252;rde erm&#246;glicht <em>unabh&#228;ngig</em> vom Zwang, daf&#252;r zu arbeiten, – eben ein garantiertes Grundeinkommen – steht in grunds&#228;tzlichem Widerspruch zur kapitalistischen Verwertungslogik und Profitmaximierung.</p>
<p>Das BGE zielt somit ins Herz des herrschenden Gesellschafts- und Menschenbilds. Wenn gefordert wird, allen Menschen die gleichen M&#246;glichkeiten zu geben, „das Leben zu f&#252;hren, das <em>sie</em> – als bestimmte Individuen mit einem eigenen Profil von F&#228;higkeiten, Lebensgeschichte, kulturellem Hintergrund und Bed&#252;rfnissen – Grund haben zu sch&#228;tzen“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a>, so sind diese Gerechtigkeitsprinzipien mit kapitalistischen Priorit&#228;ten nicht kompatibel. Nicht zuf&#228;llig hat der neoliberale Vordenker Hayek &#252;berhaupt bestritten, dass an den Kapitalismus Gerechtigkeitsma&#223;st&#228;be angelegt werden k&#246;nnten.<br />
Ein Grundeinkommen ist deshalb solange „utopisch“, als die kapitalistischen Zw&#228;nge die gesellschaftlichen M&#246;glichkeiten vorgeben. Die Tatsache, dass die Durchsetzung des BGE unter kapitalistischen Vorzeichen nicht m&#246;glich sein wird, wirft folglich weitergehende Fragen auf, wie eine egalit&#228;re Gesellschaft politisch und &#246;konomisch organisiert werden sollte.</p>
<p>Am wichtigsten scheint mir: Die Einf&#252;hrung eines Grundeinkommens m&#252;sste Hand in Hand gehen mit der gesellschaftlichen Aneignung der Verm&#246;gen und produktiven Ressourcen und deren demokratischer Verwaltung durch die Bev&#246;lkerung. Erst dann w&#228;re die Verteilung des Reichtums entlang der Gerechtigkeitsprinzipien, die die Idee des Grundeinkommens leiten, verwirklichbar.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Auch wenn sich die meisten ProponentInnen des BGE nicht als AntikapitalistInnen verstehen, ist die Forderung somit zumindest <em>normativ</em> antikapitalistisch – und genau das macht ihre<br />
soziale Sprengkraft aus.<br />
Freilich soll das BGE kein Ersatz f&#252;r jene Forderungen sein, wie sie im ersten Abschnitt formuliert wurden. Im Gegenteil ist der Kampf um Arbeitszeitverk&#252;rzung, Mindestlohn usw. viel unmittelbarer notwendig und m&#246;glich.</p>
<p>Das BGE kann jedoch eine Debatte &#252;ber alternative Werte und Priorit&#228;ten einer „anderen Welt“ jenseits kapitalistischer Verwertungslogik er&#246;ffnen, und helfen, die normativen Grundlagen einer solchen egalit&#228;ren Gesellschaft zu begr&#252;nden. Dabei stellen die Prinzipien des BGE auch heute schon allgemeine Orientierungspunkte f&#252;r die gesellschaftliche Auseinandersetzung dar.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a></p>
<p>1. Das Grundeinkommen kn&#252;pft sozialpolitische Forderungen <em>nicht</em> an das Wohlergehen „der Wirtschaft“. Das bedeutet, dass die Logik der Profitmaximierung und die Budgetpolitik der Staaten auch nicht als eine „quasi nat&#252;rliche, un&#252;berwindliche Schranke f&#252;r die Perspektive des politischen Handelns erachtet und als solche auch nicht akzeptiert wird.“</p>
<p>2. W&#228;hrend die Politik die Sicherung der grundlegenden Lebensbedingungen zunehmend in die Eigenverantwortung jedes isolierten Einzelnen entl&#228;sst, stellt sich das Konzept des Grundeinkommens prinzipiell gegen jede Form der Privatisierung gesellschaftlicher Aufgaben.</p>
<p>3. Der Vorschlag der Entkoppelung von Einkommen und Lohnarbeit impliziert, dass auch die Bedeutung nicht-erwerbsf&#246;rmiger Arbeiten gesellschaftlich anerkannt wird: Kinderbetreuung und -erziehung, Pfleget&#228;tigkeiten, Beratungseinrichtungen, politische soziale und k&#252;nstlerische Initiativen, NGOs etc.</p>
<p>4. Die Rolle des Staates beschr&#228;nkt sich im Konzept des Grundeinkommens darauf, „allen BezieherInnen des Grundeinkommens dieses p&#252;nktlich zu &#252;berweisen.“ Das impliziert sowohl die Ablehnung jeglicher kontrollierenden, &#252;berwachenden und disziplinierenden staatlichen Ma&#223;nahmen, als auch die Betonung, dass der Kampf um eine gerechte Gesellschaft von den Menschen selbst organisiert werden muss und nicht an staatliche Instanzen delegiert werden kann.</p>
<h3>Politik des „Unm&#246;glichen“</h3>
<p>Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat die heutige Politik treffend als „Post-Politik“ bezeichnet, weil sie „echte Politik“, “die Kunst des <em>Unm&#246;glichen</em>”, ausschlie&#223;t, die<br />
„gerade die Parameter dessen, was in der existierenden Konstellation als ‚m&#246;glich’ betrachtet wird“ ver&#228;ndert.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Politik als „Kunst des Unm&#246;glichen“ bedeutet demnach, nicht zu akzeptieren, dass die kapitalistische Marktwirtschaft den Horizont m&#246;glicher Ver&#228;nderung definiert. Es bedeutet auch, konkret &#252;ber „Utopien“ einer egalit&#228;ren Gesellschaft nachzudenken.<br />
Schon Lenin, von dem man das wohl am wenigsten erwarten w&#252;rde, betonte: „Wir m&#252;ssen tr&#228;umen!“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Allerdings d&#252;rften Traum und Wirklichkeit nicht unverbunden nebeneinander stehen. Den „Zwiespalt“ zwischen beiden zu &#252;berwinden sei Aufgabe politischer Strategie. Deshalb ist jede normative Kritik an den herrschenden Zust&#228;nden unvollst&#228;ndig ohne anzugeben, wie und von wem die ungerechten Verh&#228;ltnisse ge&#228;ndert werden k&#246;nnen. Die Debatte um das Ziel einer egalit&#228;ren Gesellschaft muss folglich in den konkreten K&#228;mpfen im hier und heute verankert werden.<br />
Eine anti-neoliberale Bewegung sollte Massenproteste um Ma&#223;nahmen organisieren, „die sowohl unmittelbare Verbesserungen bieten als auch beginnen, eine andere gesellschaftliche Logik einzuf&#252;hren.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen k&#246;nnte eine M&#246;glichkeit daf&#252;r sein.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Hauer, Dirk: Anmerkungen zur Prekarit&#228;t; in: SiG 43. p19-20; hier: p19.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard 1999: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair; online: http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Volksstimme 26/99.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Schr&#246;der/Blair: a.a.O.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> 30 Wochenstunden sind freilich noch eine relativ moderate Forderung. Christian Felber (ATTAC) bspw. schl&#228;gt, angesichts der Produktivit&#228;tsentwicklung, eine Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden vor. (Felber, Christian: 50 Vorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus. Wien: Deuticke 2006. p254ff)<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> vgl. Eurom&#228;rsche: Der Ansatz der Europ&#228;ischen M&#228;rsche gegen Erwerbslosigkeit, ungesch&#252;tzte Besch&#228;ftigung und Ausgrenzung. 2004.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Armutskonferenz (http://www.armutskonferenz.at/armut_in_oesterreich_workingpoor.htm)<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Allerdings muss eine gewerkschaftliche Kritik am gesetzlichen Mindestlohn ernst genommen werden, n&#228;mlich, dass dadurch die Kollektivvertragshoheit ausgeh&#246;hlt w&#252;rde. Vgl. dazu Hermann, Christoph: Mindestl&#246;hne in &#214;sterreich; online: http://www.forba.at/files/download/download.php?_mmc=czo2OiJpZD0xNDUiOw sowie den Aufsatz von Kurt Nikolaus et al. im Sammelband Einkommen zum Auskommen. Von bedingungslosem Grundeinkommen, gesetzlichen Mindestl&#246;hnen und anderen Verteilungsfragen. Hamburg: VSA 2004. 94-110.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Gauper, Ortrun 2006: Wir m&#252;ssen uns &#246;ffnen; in SoZ Juli 2006. p5; online: http://members.aol.com/sozabc/060705.htm<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Vgl. Tálos, Emmerich (Hg.): Bedarfsorientierte Grundsicherung. Wien: Mandelbaum 2003; Eurom&#228;rsche: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Allerdings ist die Grundsicherung an die Bereitschaft zur Annahme „zumutbarer Arbeiten“ gekn&#252;pft. Was als „zumutbar“ gilt, unterscheidet sich selbstverst&#228;ndlich grundlegend von den Vorstellungen von Industriellenvereinigung &amp; Co. (vgl. Tálos: a.a.O.) Dennoch liegt hier eine potentielle Schwachstelle der Grundsicherungsmodelle.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Harvey, David 2005: Der neue Imperialismus. Hamburg: VSA.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Vgl. Hirsch, Joachim/ Steiner, Heinz: Gibt es eine Alternative zum neoliberalen Sozialstaatsabbau? Umrisse eines Konzepts von Sozialpolitik als Infrastruktur; http://www.links-netz.de/K_texte/K_links-netz_sozpol.html<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Wertsch&#246;pfungsabgabe: die Bemessung der Sozialabgaben der „Arbeitgeber“ nach Lohnsumme durch die Heranziehung der gesamten Wertsch&#246;pfung im Produktionsprozess ersetzen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Callinicos, Alex: Ein Anti-Kapitalistisches Manifest. Hamburg: VSA 2004. p129f.<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Reitter, Karl: Garantiertes Grundeinkommen jetzt!; in: Grundrisse 12 (2004); online: http://www.unet.univie.ac.at/~a9709070/grundrisse12/12karl_reitter.htm<o :p></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Der Vorschlag eines Grundeinkommens wurde in den 1980ern von Sozialminister Dallinger aufgegriffen und wird heute auch in den Gewerkschaften diskutiert. vgl. Gauper: a.a.O. und Dallinger, Alfred (Hg.): Basislohn/Existenzsicherung. Garantiertes Grundeinkommen f&#252;r alle? Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr. 16. Wien: BM f. Arbeit und Soziales 1987.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Tats&#228;chlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Grundeinkommenskonzepte. Die ProponentInnen des BGE sind sich dabei sowohl &#252;ber Inhalt als auch &#252;ber Durchsetzbarkeit und Implikationen der Forderung uneins. Sogar Kombilohnmodelle und Vorschl&#228;ge einer negativen Einkommenssteuer werden unter dem Begriff Grundeinkommen diskutiert. Ich verzichte hier auf eine Kritik dieser Modelle und bringe die Grundeinkommensforderung im Folgenden in der Art und Weise in die Diskussion ein, wie sie mir sinnvoll und fortschrittlich erscheint. Mir ist bewusst, dass sich dies von vielen anderen Vorschl&#228;gen abhebt. (Zur Geschichte der Grundeinkommensforderung vgl. Van Parijs, Philippe/ Vanderborght, Yannick: Ein Grundeinkommen f&#252;r alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags. Frankfurt: Campus 2005 und F&#252;llsack, Manfred: Leben ohne zu arbeiten? Zur Sozialtheorie des Grundeinkommens. Berlin: Avinus 2002; zur Kritik vgl. z.B. Roth, Rainer: http://www.gegen-sozialabbau.de/downloads/bge_rr.pdf)<o :p></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Reitter, Karl: Garantiertes Grundeinkommen jetzt!, a.a.O. (m.Hv.)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Im Prinzip wird damit nicht mehr gefordert, als das, was die b&#252;rgerliche Gesellschaft seit jeher versprochen hat, aber nie konsequent einl&#246;sen konnte: Freiheit und Gleichheit werden nur als formale politische Rechte gew&#228;hrt, die &#214;konomie bleibt ausgenommen. In der Grundeinkommensdiskussion geht es dagegen genau um die materiellen Grundlagen von Freiheit und Gleichheit. Dieckmann meint daher treffend: „Wenn man so will, bringt die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen eine b&#252;rgerliche Utopie gegen die real existierende b&#252;rgerliche Gesellschaft ins Spiel.“ (Dieckmann, Martin: Der Grund der Rechte. Kontroversen &#252;bers „bedingungslose Grundeinkommen“; http://www.linksnet.de/artikel.php?id=2209)<o :p></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Klein, Angela: Das Leben in W&#252;rde und der Kapitalismus; in: SiG 43. p16-17.<o :p></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Callinicos: a.a.O. p121. <o :p></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> D.h., dass ein bedingungsloses Grundeinkommen eine wichtige Ma&#223;nahme einer sozialistischen &#220;bergangsgesellschaft darstellen kann, in der zwar die Lohnform tw. noch besteht, deren Bedeutung jedoch durch die kontinuierliche Erh&#246;hung eines Grundeinkommens mehr und mehr abgeschw&#228;cht wird. Diese Formulierung unterscheidet sich von demjenigen von van Parijs, der im Rahmen eines Modells der <em>evolution&#228;ren</em> Transformation des Kapitalismus die allm&#228;hliche Erh&#246;hung eines Grundeinkommens selbst schon als „schrittweise Entwicklung hin zum Kommunismus“ auffasst. (van Parijs/Vanderborght: a.a.O., p90) Einen &#228;hnlichen Gedanken entwickelt, wenn ich ihn richtig verstehe, auch Reitter auf Basis der Konzeption einer „dualen Wirtschaft“. (http://homepage.univie.ac.at/Karl.Reitter/grundeinkommen.htm)<o :p></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Das Folgende nach Reitter, Karl: Dimensionen des garantierten Grundeinkommens. Eine Antwort auf popul&#228;re Einw&#228;nde; http://homepage.univie.ac.at/Karl.Reitter/grundeinkommen.pdf, p14.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Žižek, Slavoj: Die T&#252;cke des Subjekts. Frankfurt: Suhrkamp 2001. p274.<o :p></o><br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Lenin, Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung; in: Werke Bd. 5, p355-549; hier p529.<o :p></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Callinicos, a.a.O. p141.<span lang="EN-GB"><o :p></o></span></p>
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		<title>Zahme ATTACen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 02:20:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Christian Felber: 50 Vorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus. Wien: Deuticke 2006. 19,90 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Christian Felber: 50 Vorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus. Wien: Deuticke 2006. 19,90 €<br />
<span id="more-94"></span><br />
Christian Felber, prominenter Globalisierungskritiker und Mitbegr&#252;nder von ATTAC &#214;sterreich, hat ein neues Buch herausgebracht, mit dem Anspruch, Alternativen zu „Konzernmacht und Kapitalismus“ aufzuzeigen. In der Ank&#252;ndigung des Verlags hei&#223;t es: „Den GlobalisierungskritikerInnen wird immer wieder vorgeworfen, sie w&#252;rden nur Probleme aufzeigen, aber keine L&#246;sungen bieten: Dieses Buch entkr&#228;ftet diesen Vorwurf eindrucksvoll: [Felber] pr&#228;sentiert 50 konkrete Alternativen zur neoliberalen Globalisierung und zur &#214;konomisierung unseres Lebens”. So begr&#252;&#223;enswert dieser Ansatz auch ist, so wenig &#252;berzeugt Felber dann tats&#228;chlich in seiner Argumentation. Seine Analysen sind fundiert, die konkreten Vorschl&#228;ge aber weder neu noch erscheinen sie ausreichend f&#252;r das Ziel einer gerechteren Welt. Die gr&#246;&#223;te Angriffsfl&#228;che stellen aber seine Strategien zur Umsetzung dar, die mehr als vage bleiben.</p>
<p>Einleitend beschreibt Felber die Probleme der neoliberalen Globalisierung und der damit verbundenen TINA-Ideologie. „There is no alternative“, kurz TINA, ist der von Margaret Thatcher gepr&#228;gte Ausdruck, der heute mehr denn je den Diskurs rund um Schlagw&#246;rter wie Marktdominanz, Standortwettbewerb, Verwertbarkeitslogik und Konkurrenz auf allen Ebenen dominiert. Felbers 50 Vorschl&#228;ge haben den Anspruch, sich eben dieser Logik zu widersetzen und tats&#228;chlich menschliche Bed&#252;rfnisse &#252;ber Profitinteressen zu stellen.<br />
Die konkreten Alternativvorschl&#228;ge sind zu gr&#246;&#223;eren thematischen Einheiten, wie Finanzmarktregulierung, Entwicklungszusammenarbeit, Steuergerechtigkeit, Soziale Sicherheit oder &#214;kologische Gerechtigkeit zusammengefasst, wobei jedes Kapitel mit einer durch Zahlen und Fakten beeindruckend untermauerten Analyse der derzeitigen Probleme eingeleitet wird. So bekommt der/die globalisierungskritische LeserIn eine Reihe von internationalen Vergleichen und anschaulich gemachten zeitlichen Entwicklungen von Steuerquoten, Armuts- und Arbeitslosigkeitsstatistiken, Produktivit&#228;tsbilanzen, Profit- und Lohnverteilungen usw. als Argumentationswerkzeuge in die Hand.<br />
Die finanzpolitischen L&#246;sungsvorschl&#228;ge lesen sich allerdings eher als eine sch&#246;ne Zusammenfassung althergebrachter Ideen: fixe Wechselkurse, Kapitalimport und –exportkontrollen, niedrigere Zinsen, St&#228;rkung der Kaufkraft, die mittlerweile allerorts diskutierte Tobin-Tax und Demokratisierung von IWF und Weltbank. F&#252;r mehr Steuergerechtigkeit soll eine Weltsteuerbeh&#246;rde mit Anbindung an die UNO sorgen, die auf wundersame Weise pl&#246;tzlich frei w&#228;re von Konzerninteressen und der Intervention imperialistischer Staaten und nur noch den Bed&#252;rfnissen der Menschen dient.<br />
Vor allem im Kontext der aktuellen politischen Debatte interessante Vorschl&#228;ge finden sich im Kapitel &#252;ber Soziale Sicherheit. Die Finanzierbarkeit sicherer Pensionen und eines staatlich abgesicherten Gesundheitssystems wird gut ausargumentiert, indem die demographische Ver&#228;nderung der steigenden Produktivit&#228;t gegen&#252;bergestellt wird. Klar positioniert sich Felber in der Grundsicherungsdebatte. Sein Vorschlag: Eine bedarfsorientierte Grundsicherung, plus „ein kleines St&#252;ck des Himmels“, drei Jahre bedingungsloses Grundeinkommen, f&#252;r jede/n. Gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen auf Lebenszeit spricht f&#252;r Felber das „Problem“ der Arbeitsmotivation und der Finanzierbarkeit. Mit seinem Kombi-Modell umgeht er die beiden Probleme, da die „sch&#246;pferische Pause“ zeitlich begrenzt ist und sich quasi selbst finanziert, &#252;ber eine dadurch verringerte Arbeitslosigkeit. Vollst&#228;ndig eliminieren lie&#223;e sich die Arbeitslosigkeit allerdings nur mit einer schrittweisen Entwicklung zur 20-Stunden Woche, bei vollem Lohnausgleich. F&#252;r Felber ein Schritt von der G&#252;ter- zur „Zeitwohlstandsgesellschaft“.<br />
Bei 50 Vorschl&#228;gen ist es wenig verwunderlich, dass sich darunter alte und neue, grundlegende und detailbezogene Ideen finden. F&#252;r jede/n AktivistIn der anti-kapitalistischen Bewegung (und jene, die es noch werden wollen) kann dieses Buch hilfreich sein, weil es viele Argumente, die sonst lose im Raum schweben, in einen systematischen Zusammenhang stellt.<br />
Die Schwachstellen der Alternativensammlung liegen aber nicht nur in Detailfragen. Felbers allgemeine Argumentationslinie geht von einem ungebrochenen Vertrauen in Institutionen des Systems aus. Dass IWF und Weltbank, nachdem sie reformiert wurden, zu einer gerechteren Welt beitragen werden, erscheint nicht nur naiv, sondern f&#252;r jede/n der schon einmal gegen diese Organisationen demonstriert hat, fast ein bisschen zynisch. Bei der Frage, von wem und wie diese gerechtere Welt erreicht werden soll, steht f&#252;r den Autor weiterhin die Partizipation der Zivilgesellschaft im Zentrum. „Jeder Mensch sollte eine (individuelle) Form des politischen Engagements w&#228;hlen, sich in irgendeiner Form f&#252;r das Gemeinwohl einsetzen, sich in die &#246;ffentlichen Angelegenheiten einmischen, die Demokratie mit Sauerstoff versorgen.“ Auch wenn Felbers Vorschl&#228;ge gro&#223;teils durchaus fortschrittlich sind, individuell und irgendwie werden sie bestimmt nicht umgesetzt</p>
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		<title>Alle(s) f&#252;r den Hugo? &#8211; Perspektiven der Bolivarianischen Revolution in Venezuela</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:40:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.<br />
<span id="more-73"></span><br />
Ein fl&#252;chtiger Blick auf die Geschichte Venezuelas zeigt Muster, die sich kaum von jenen anderer lateinamerikanischer Staaten unterscheiden. Blutig erk&#228;mpfte Unabh&#228;ngigkeit vom Kolonialismus, eine extrem reiche und politisch einflussreiche Schicht von Gro&#223;grundbesitzern die den armen Massen gegen&#252;bersteht sind weithin bekannte Eckpunkte. Was aber Venezuela in erster Linie von seinen Nachbarstaaten unterscheidet ist sein Reichtum an fossilen Rohstoffen. Seit den 1920er Jahren macht der Export von Erd&#246;l knapp 90 Prozent des Staatseinkommens aus. Die Auswirkungen waren und sind gravierend: Zwar prosperierte die Wirtschaft Venezuelas &#252;ber weite Teile des 20. Jahrhunderts konstant, sodass das lateinamerikanische Land in den 1950er Jahren ein beliebtes Ziel s&#252;deurop&#228;ischer MigrantInnen war – der Reichtum aus den &#214;lexporten kam aber nur einer schmalen Schicht zugute. Caracas, die Hauptstadt Venezuelas, ist ein Monument dieser Entwicklung: W&#228;hrend die zentralen Bezirke von modernistischen Betonbauten ges&#228;umt sind, ziehen sich Ringe von Slumvierteln –„Barrios“ – die Caracas umschlie&#223;enden Bergh&#228;nge hinauf. Die ProfiteurInnen der Erd&#246;lwirtschaft – in erster Linie UnternehmerInnen und die obere Mittelschicht der Hauptstadt – brachten es zu beachtlichem Wohlstand, sodass in den 1960er Jahren, am H&#246;hepunkt des Erd&#246;lbooms, die Lebenserhaltungskosten in Caracas h&#246;her als jene in Chicago waren, w&#228;hrend die BewohnerInnen der Barrios sozial und &#246;konomisch ausgegrenzt blieben.<o :p></o></p>
<h3>Grenzen des Korporatismus</h3>
<p>Der 1958 geschlossene „Punto-Fijo-Pakt“, der die Kollaboration der zwei gr&#246;&#223;ten Parteien Venezuelas<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> institutionalisierte, sorgte &#252;ber mehrere Jahrzehnte f&#252;r relative politische Stabilit&#228;t. Die &#214;lindustrie Venezuelas wurde ebenfalls in den 1950er Jahren zusammengefasst und lie&#223; die Profite aus dem &#214;lexport in die Taschen der Eliten und der oberen Mittelschicht flie&#223;en. Die „Stabilit&#228;t“ des Systems beruhte in erster Linien auf diesen Profiten und einer Mischung aus Patronage (die zwei Prozent der Besch&#228;ftigten, die in der &#214;lindustrie arbeiteten, genossen hohe L&#246;hne und privilegierten Sozialstatus), Repression und vereinzelter sozialer Inklusion. Im Rahmen einer Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> (und auf Druck der Linken) wurde unter anderem die so wichtige Erd&#246;lindustrie zur PDVSA<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> verstaatlicht und stetig kleine Teile der bis in die 1970er Jahre buchst&#228;blich sprudelnden Gewinne in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme gesteckt die, gemeinsam mit den im Punto-Fijo-Pakt integrierten Gewerkschaften, die armen Massen ruhig halten konnten. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass diese Politik keineswegs zu einer Angleichung der Lebensstandards gef&#252;hrt hat. Im Gegenteil war das Resultat der Politik des „Puntofijoismo“ eine enorme Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums – so befindet sich seit damals praktisch die gesamte Medienlandschaft in den H&#228;nden von vier Industriellenfamilien<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> – und die zunehmende Armut der BewohnerInnen der Barrios.<br />
In den 1980er Jahren, als die Regierung Venezuelas als Reaktion auf den Absturz des &#214;lpreises und die weltweite Rezessionskrise (und auf Druck des Internationalen W&#228;hrungsfonds IWF) immer sch&#228;rfere neoliberale Reformen durchf&#252;hrte<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, konnte das alte korporatistische System die soziale Sprengkraft der sich zunehmend versch&#228;rfenden Ungleichheiten kaum noch eind&#228;mmen. Der gro&#223;e Ausbruch kam im Jahr 1989, als Proteste gegen die Verdoppelung der Preise f&#252;r &#246;ffentliche Busse in Caracas sich zu einem gewaltigen Aufstand gegen die sozialdemokratische AD-Regierung entwickelten. Die Armen der Barrios st&#252;rmten von den H&#228;ngen in das Stadtzentrum und pl&#252;nderten die luxuri&#246;sen H&#228;user und Gesch&#228;fte der superreichen BewohnerInnen des Zentrums. Die herrschende Klasse reagierte, indem sie Milit&#228;r und Polizei mit Waffengewalt gegen die Protestierenden vorgehen lie&#223;. Nach zwei Tagen heftiger K&#228;mpfe und mehreren tausend Toten mussten sich die DemonstrantInnen wieder in die Barrios zur&#252;ckziehen. Doch die Regierung hatte einen Pyrrhussieg errungen. Zwar konnte sie mit Gewalt und Repression ihre Herrschaft vor&#252;bergehend sichern – der Preis daf&#252;r war jedoch der endg&#252;ltige Verlust an Konsens und Vertrauen in breiten Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung. Das zentrale Moment b&#252;rgerlicher Machtaus&#252;bung – die Organisierung von aktiver oder passiver Zustimmung unter der Mehrheit der Unterdr&#252;ckten – war damit abhanden gekommen.<o :p></o></p>
<h3>Auftritt Hugo Chávez</h3>
<p>Der als „Caracazo“ in die Geschichte eingegangene Aufstand von 1989 wirkte als Initialz&#252;ndung f&#252;r die Widerstandsbewegungen Venezuelas. Auf lokaler Ebene entstanden Netzwerke und Basisinitiativen, die sich auf k&#228;mpferische Traditionen der Barrios beriefen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und von alternativen Radiosendern &#252;ber Stadtteilversammlungen bis zur Unterst&#252;tzung von seit den 1960ern existierenden Guerillatruppen reichten. Gleichzeitig gewannen linke, nicht in den Staat integrierte politische Parteien wie „La Causa R“, die ab 1993 den B&#252;rgermeister von Caracas stellte, mehrere Regionalwahlen. Und schlie&#223;lich regte sich immer st&#228;rkerer Widerstand im Milit&#228;r, wo nicht zuletzt die Ereignisse des „Caracazo“ viele davon &#252;berzeugt hatten, dass das zutiefst korrupte Regime gest&#252;rzt und die immer gr&#246;&#223;ere Teile der Gesellschaft in Armut sto&#223;ende neoliberale Politik beendet werden musste.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><o :p></o><br />
Die Kombination aus massenhafter Unzufriedenheit mit den Herrschenden, vielf&#228;ltiger Organisierungsformen an der Basis und dem glaubw&#252;rdigen politischen Projekt des „Movimiento Quinta República“ (MVR), in dem sich progressive Milit&#228;rs mit Teilen der politischen Linken gegen das korrupte System des Puntofijismo und die neoliberale Politik der Regierung verbanden, sp&#252;lte schlie&#223;lich bei den Wahlen von 1998 den seit den Putschversuchen von 1992 popul&#228;ren Offizier Hugo Chávez f&#246;rmlich ins Pr&#228;sidentenamt. Anfangs noch bedacht, soziale Reformen durchzusetzen und den Kampf gegen die korrupte B&#252;rokratie des Puntofijismo aufzunehmen, ohne das Gro&#223;b&#252;rgertum Venezuelas allzu sehr zu verprellen, wurde Chávez bald klar, dass dessen Bereitschaft zur Kooperation mit der neuen Regierung kaum vorhanden war. Dies war kaum &#252;berraschend – schlie&#223;lich versprach Chávez nicht weniger als die komplette Neugestaltung der venezolanischen Gesellschaft im Rahmen der „bolivarianischen Revolution“, die den Staatsapparat komplett transformieren will, ohne dabei die Bahnen des b&#252;rgerlich-demokratischen Rechtsstaates zu verlassen.<o :p></o><br />
Der Name des legend&#228;ren Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfers Lateinamerikas, Simon Bolivar, dient Chávez dabei als Symbol f&#252;r dieses politische Projekt. Was genau den „Bolivarianismus“, die „bolivarianische Revolution“ ausmacht, dar&#252;ber sind sich nicht nur die politischen KontrahentInnen in Venezuela uneinig, auch im Lager von Hugo Chávez und dessen weltweiten SympathisantInnen bleiben die Begrifflichkeiten oft eher Projektionsfl&#228;chen eigener Vorstellungen – was nicht zuletzt ein Geheimnis der globalen Popularit&#228;t des Bolivarianismus ist. Hugo Chávez selbst gibt in einem Interview aus dem Jahr 1996 – also vor seiner Wahl zum Pr&#228;sidenten, einige Hinweise auf die Grundlagen seiner Politik:<br />
„Die bolivarianische Bewegung wurde vor 15 Jahren in den Baracken geboren, als eine Gruppe von Soldaten erkannte, dass der Feind nicht der Kommunismus, sondern der Imperialismus war. Viele Jahre lang arbeiteten wir vorsichtig und schrittweise an der Entwicklung einer nationalistischen, patriotischen Bewegung mit einer Hand in den Baracken und einer in den Stra&#223;en (&#8230;) In unserem Modell von Demokratie (&#8230;) muss es direkte Demokratie, eine Regierung des Volkes mit Volksversammlungen und –kongressen geben, wo die Menschen das Recht aus&#252;ben, ihre gew&#228;hlten Delegierten abzuw&#228;hlen, zu nominieren, zu sanktionieren und abzusetzen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">In diesem Zitat l&#228;sst sich die Essenz des Bolivarianismus erkennen: Einerseits ein „progressiver Nationalismus“, der den gesellschaftlichen Reichtum der Nation gerecht auf die gesamte Bev&#246;lkerung verteilen will – im Kontext des Erd&#246;l-Staates Venezuelas hei&#223;t das in erster Linie „die Verteidigung der Souver&#228;nit&#228;t &#252;ber die Ressourcen, von deren Ausbeutung und Exporten in die Industriestaaten das Land lebt“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>; Souver&#228;nit&#228;t vor allem gegen&#252;ber den &#246;konomischen Interessen der gro&#223;en US-amerikanischen und multinationalen Konzerne. Andererseits eine Vorstellung von Demokratie, die mit den traditionellen Repr&#228;sentationsmustern des Parlamentarismus – ein Kreuz alle x Jahre – bricht und an deren Stelle ein System der direkten Demokratie von unten setzen will. Der R&#252;ckgriff auf Bolivar scheint dabei in erster Linie ein symbolisches Reservoir zu &#246;ffnen, das gro&#223;en Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung eine direkte, affektive Identifikation mit dem Projekt der Regierung Chávez erm&#246;glicht.<o :p></o></p>
<h3>Der Hass der Bourgeoisie</h3>
<p>Die Heftigkeit, mit der die alten Eliten auf die Politik Chávez’ reagierten, zeigte sich erstmals im April 2002, als die Opposition im B&#252;ndnis mit rechten Milit&#228;rs und den m&#228;chtigsten Medienunternehmen einen Putschversuch organisierten. Chávez wurde kurzzeitig entf&#252;hrt, und der Vorsitzende der Arbeitgeberorganisation erkl&#228;rte sich kurzerhand zum neuen Pr&#228;sidenten. Gerettet wurde Chávez von jenen, die ihn bereits 1998 zu seinem Wahlsieg verholfen hatten: Wie w&#228;hrend des Caracazo st&#252;rmten die Armen zu hunderttausenden aus den Barrios und forderten die Wiedereinsetzung von Chávez und seiner Regierung. Gro&#223;e Teile der Armee solidarisierten sich darauf hin mit Chávez und die Putschisten mussten aufgeben. Auch zwei weitere Versuche, Chávez zu st&#252;rzen, scheiterten: Als die Teile der UnternehmerInnenschaft und insbesondere die B&#252;rokratInnen der PVDSA in einen „Managerstreik“ traten – also die Betriebe schlossen und die Maschinen anhielten – reagierten ArbeiterInnen, indem sie die &#214;lproduktion selbst organisierten; und 2004 versuchte die Opposition einen Passus der unter Chávez ausgearbeiteten und implementierten „Bolivarianischen Verfassung“, der die M&#246;glichkeit der Abwahl von PolitikerInnen durch ein Referendum nach der H&#228;lfte der Amtszeit vorsieht, gegen den Pr&#228;sidenten zu nutzen, konnte aber trotz massiven Einsatzes aller gro&#223;en Medien keine Mehrheit gegen Chávez erreichen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Diese enorme und nachhaltige Unterst&#252;tzung f&#252;r das Projekt des Pr&#228;sidenten – von den letzten Pr&#228;sidentschaftswahlen noch einmal unterstrichen – kann nur im Zusammenhang mit den konkreten Reformen verstanden werden, die von der Regierung Chávez seit ihrem Amtsantritt 1998 durchgef&#252;hrt wurden.</p>
<h3>Strategien gegen Neoliberalismus&#8230;</h3>
<p>Die meisten Projekte werden &#252;ber so genannte misiónes (Missionen) verwirklicht, deren KoordinatorInnen von Chávez ernannt und ihm direkt verantwortlich sind. Durch die Programme Robinson I und II wurde 1,4 Millionen Menschen aus den &#228;rmeren Bev&#246;lkerungsschichten erstmals Lesen und Schreiben gelehrt, wodurch die Analphabetismusrate in Venezuela laut UNESCO-Studie auf nahezu null gesenkt werden konnte. Zus&#228;tzlich zur Grundausbildung wurde weiterbildende und h&#246;here Bildung erm&#246;glicht: Seit 1999 haben f&#252;nf neue „Bolivarianische Universit&#228;ten“ er&#246;ffnet, bis Ende 2006 sollen noch weitere hinzukommen. Im Moment sind etwa 275.000 Menschen in diversen universit&#228;ren Programmen eingeschrieben. Im Gegensatz zur Zeit vor Chávez ist Bildung von Grundschule bis Universit&#228;t frei zug&#228;nglich und gratis.<br />
Es gibt eine Reihe von Initiativen um freie, umfassende und qualitative hochwertige Gesundheitsversorgung f&#252;r die Bev&#246;lkerung zug&#228;nglich zu machen. Mehr als 500 medizinische Zentren wurden errichtet. Mit Hilfe von 20.000 kubanischen &#196;rztInnen konnte eine Vielzahl neuer Krankenh&#228;user betrieben werden. 70% der venezolanischen Bev&#246;lkerung erhielten dadurch erstmals Zugang zu freier medizinischer Versorgung, die &#252;ber einfachste Behandlungen weit hinaus geht und etwa auch Zahnmedizin umfasst.</p>
<p>Die misión „Vuelvan Caras“ ist ein Programm zur administrativen und technischen Ausbildung von ArbeiterInnen, um ihnen die F&#228;higkeiten f&#252;r zuk&#252;nftige Jobs zu geben. Ziel ist es, dass viele dieser ArbeiterInnen in den neu gegr&#252;ndeten und von der Regierung unterst&#252;tzten Kooperativen arbeiten. Diese Kooperativen werden als zentrale Komponente eines neue &#246;konomischen Models gesehen, das auf „gemeinschaftliches Wohlergehen statt Kapitalakkumulation“ zielt. Derzeit werden etwa 700 Unternehmen &#252;berpr&#252;ft, die nach dem Unternehmerstreik von 2002/2003 nicht mehr produzieren. Diese sollen enteignet (allerdings nicht ohne den Eigent&#252;merInnen Entsch&#228;digungen zu zahlen), von ArbeiterInnen &#252;bernommen und als Kooperativen weitergef&#252;hrt werden. 49% des Betriebes sind dann in der Hand der ArbeiterInnen, w&#228;hrend die restlichen 51% in Staatshand wandern. Diese Art des Ko-Managements soll partizipative Demokratie in der Arbeitswelt verankern. Zurzeit gibt es acht Fabriken, die von ArbeiterInnen &#252;bernommen worden sind, doch erst bei zwei ist der juristische Prozess abgeschlossen. Auch die in Lateinamerika traditionell enorm wichtige Frage der Landverteilung wird von der Regierung Chávez angegangen. Im Rahmen der „Leyes Habilitantes“ wird geregelt dass Land, das von armen Bauern und B&#228;uerinnen als Anbau- oder Wohnfl&#228;che genutzt wird, rechtm&#228;&#223;ig in deren Besitz &#252;bergehen kann, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Land gar nicht oder zu wenig von seinen Eigent&#252;merInnen genutzt wird.<o :p></o></p>
<p>Die M&#246;glichkeit diese misiónes und Sozialprogramme zu finanzieren, h&#228;ngen stark von den Einnahmen der &#214;l-Industrie ab. Venezuela ist der f&#252;nftgr&#246;&#223;te Erd&#246;lexporteur der Welt, mit den gr&#246;&#223;ten Reserven an normalem &#214;l der Westlichen Hemisph&#228;re. Der starke Anstieg des &#214;lpreises seit 2002 f&#252;hrte zu einem Wirtschaftswachstum von 17% im Jahr 2004 und &#252;ber 9% in 2005. Durch die Erh&#246;hung der Abgaben auf Erd&#246;l, die ausl&#228;ndische Erd&#246;lkonzerne an den venezolanischen Staat zu liefern haben, von 1% auf 16,66% seit Januar 2005, sind die Nettoeink&#252;nfte Venezuelas aus dem Erd&#246;lexport von 46 Millionen Dollar auf &#252;ber 750 Millionen Dollar im Jahr 2005 gestiegen. Der Staatshaushalt f&#252;r 2006 betr&#228;gt ca. 33 Mrd. Euro, wovon 41% in soziale Programme flie&#223;en sollen. Damit sind die &#246;ffentlichen Ausgaben seit 1998 verdreifacht worden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Bolivarianische Projekt hat es geschafft Millionen bisher randst&#228;ndiger Menschen Hoffnung zu geben und in das politische und gesellschaftliche Leben mit einzubeziehen. Dennoch die Menschen in Venezuela sind noch weit davon entfernt alle Aspekte ihres Landes selbst zu kontrollieren. Der Gro&#223;teil der Industrie ist noch in privater Hand. Gro&#223;grundbesitzerInnen heuern Schl&#228;ger an, um Bauern und B&#228;uerinnen von ihren Grundst&#252;cken zu vertreiben, w&#228;hrend die Regierung zu langsam ist, die Anerkennung des unbenutzten Landes zu regeln.<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal">Trotz Versuchen und Ma&#223;nahmen den Staat zu demokratisieren, wie die M&#246;glichkeit gew&#228;hlte Kandidaten nach der H&#228;lfte ihrer Amtszeit abzuw&#228;hlen, bleibt die Staatsmaschinerie und B&#252;rokratie gr&#246;&#223;tenteils in Takt. Chávez’ Regierung deregulierte das venezolanische Finanzsystem, was dazu f&#252;hrte, dass spanische Banken sehr stark darin involviert sind. Die Stromversorgung wurde privatisiert, Medien und die gro&#223;en Dienstleistungsindustrien bleiben nach wie vor in privater Hand. Es gibt Hindernisse bei der Einf&#252;hrung des Ko-Managements von Fabriken, wichtige Industriezweige wie die &#214;lindustrie und wichtige Dienstleistungssektoren (etwa im Bereich Telekommunikation) werden von der Mitverwaltung der ArbeiterInnen ausgeschlossen.<o :p></o></p>
<p>Angesichts dieser Probleme wird auch unter jener Mehrheit der Bev&#246;lkerung Venezuelas, die auf der Seite der „Bolivarianischen Revolution“ steht, Kritik an der Umsetzung des revolution&#228;ren Prozesses laut. So kam es bei Gemeindewahlen zu Auseinandersetzungen zwischen BasisaktivistInnen der „chavistischen“ Partei und f&#252;hrenden Parteimitgliedern, weil die BasisaktivistInnen die vorgegebene KandidatInnenliste nicht akzeptieren wollte. Viele Menschen sind skeptisch gegen&#252;ber der Regierung und dem b&#252;rokratischen Apparat rund um Chávez. „Es ist wichtig, dass es einen Druck von der Basis gibt. Und es gibt ganze Schichten wie die B&#252;rgermeister, die &#252;ber den Raum, der den Massen gegeben wird, beunruhigt sind, und nahe dran sind ihn zur&#252;ck nehmen zu wollen. Sie wollen das Erreichte umdrehen. Deswegen gibt es einen Kampf der Basis gegen die B&#252;rokratisierung und die Korruption.“, berichtet ein Aktivist einer Gemeinde. Roland Denis, Aktivist eines Netzwerks von GewerkschafterInnen, spricht das Problem direkt an: „Das Problem ist nicht nur die B&#252;rokratie, sondern auch die Korruption. B&#252;rokratie und Korruption werden zu einer furchtbaren Maschine, die den revolution&#228;ren Prozess in Venezuela zu zerst&#246;ren droht. Eine Menge Geld wird &#252;ber den &#214;l-Export eingenommen, doch nur wenig kommt zu den Massen. Ein Gro&#223;teil geht verloren in den Sozialprogrammen, die eine direkte Verbindung zur Regierung haben. Doch bis jetzt hat nur ein Viertel der Bev&#246;lkerung davon profitiert.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>&#8230; und Imperialismus</h3>
<p>Auf internationaler Ebene geht es Chávez in erster Linie um die Verteidigung der „bolivarianischen Revolution“ und ein von den gro&#223;en Bl&#246;cken USA, Europa, und Japan unabh&#228;ngiges Lateinamerika. &#214;l-Lieferungen an Kuba und Argentinien im Austausch gegen kubanische &#196;rztInnen, und argentinische Agrarprodukte sind einige von mehreren Ans&#228;tzen, eine st&#228;rkere Zusammenarbeit zwischen den lateinamerikanischen Staaten zu erreichen.<o :p></o><br />
Zus&#228;tzlich arbeitet Chávez an der Verwirklichung der „Bolivarianischen Alternativen Handelszone“ (ALBA) als Gegengewicht zu der von den USA dominierten Freihandelszone f&#252;r Amerika (FTAA/ALCA).</p>
<p>Das Ziel der ALBA soll sein, eine umfassende Integration Lateinamerikanischer Staaten zu erreichen, die „auf den Grunds&#228;tzen der Solidarit&#228;t, der Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Respekt f&#252;r jede Nation frei von Kontrolle andere Nationen und Konzerne“ aufbauen soll. Dieser Plan umfasst den Aufbau von drei regionalen Organisationen. Neben der Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarkts soll „Petrosur“ die einzelnen &#214;lindustrien zusammenfassen und mit „Bansur“ eine gemeinsame Bank entstehen, die die nationalen Reserven zusammenfassen und dadurch Kredite unabh&#228;ngig von IMF bzw. der Weltbank und deren Zinsen vergeben k&#246;nnte. Die Umsetzbarkeit dieser Strategie scheint aber mehr als fraglich, angesichts der von links-liberalen Regierungen in Lateinamerika verfolgten Politik. F&#252;r Petrosur zum Beispiel m&#252;sste Argentinien die &#214;lindustrie wieder verstaatlichen, was eher unwahrscheinlich ist.</p>
<p>Chávez nimmt in allen wichtigen Fragen eine gegen&#252;ber den USA kontr&#228;re Haltung ein.<o :p></o><br />
Neben einigen verbalen Angriffen gegen die USA und George Bush im besondern, den er als „Mr. Danger“ bezeichnete, sprach er sich vehement gegen den so genannten „Krieg gegen Terror“ in Afghanistan und im Irak aus. 2005 spendierte Venezuela 1,15 Millionen Gallonen Billigheiz&#246;l, das tausenden ArbeiterInnenfamilien und Armen in sieben US-Bundesstaaten an der Ostk&#252;ste zugute kam, was besonders nach der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans auf gro&#223;e Sympathie stie&#223;. Gleichzeitig sucht sich Chávez seine anti-imperialistischen Partner sehr undifferenziert. Die Abh&#228;ngigkeit der bolivarischen Revolution vom Erd&#246;l zwingt ihn &#252;berall Partner zu suchen. Nach seiner letzten Frankreichreise meinte Chávez, dass Venezuela eine verl&#228;sslicher und langfristiger &#214;l- und Gaslieferant Europas werden will. Mit China wurden Handelsvereinbahrungen &#252;ber Technologieaustausch beschlossen und selbst der Iran wird als potentieller Partner genannt. Die immer st&#228;rkere Verkn&#252;pfung mit potenten kapitalistischen Partnern, wie Europa oder China, hindert Chávez an klaren Positionierungen zu Auseinandersetzungen in diesen L&#228;ndern. W&#228;hrend die imperialistische Politik der USA zu Recht kritisiert wird, fehlen Stellungnahmen zu Protesten gegen neoliberale Reformen in Europa, zur Kriegspolitik der EU oder der Menschenrechtssituation in China.<o :p></o></p>
<h3>El pueblo unido?</h3>
<p>Ein Blick auf die Politik hinter dem „Symbol Chávez“ ist ein Blick auf eine h&#246;chst komplexe und widerspr&#252;chliche politische Situation. Innerhalb des „bolivarianischen Projekts“ entstehen Elemente eines echten demokratischen Sozialismus von unten – in Form von selbstverwalteten Betrieben, Netzwerken der sozialen Bewegungen und lokalen Organisationsformen, etwa im Rahmen der misiónes. Gleichzeitig verbleiben weite Bereiche des politischen Systems in den H&#228;nden der staatlichen B&#252;rokratie – die zu gro&#223;en Teilen noch aus pr&#228;-Chávez-Zeiten stammt, und die ArbeiterInnen-Verwaltung bleibt zumindest bisher auf einige Betriebe beschr&#228;nkt und muss selbst dort, wo sie existiert, Zugest&#228;ndnisse an die Staatsb&#252;rokratie machen. In der Au&#223;enpolitik trifft ein zumindest verbal radikaler Antiimperialismus auf Versuche, durch die Ann&#228;herung an andere lateinamerikanische Staaten sowie Kooperationen mit L&#228;ndern wir Russland, China oder dem Iran einen alternativen Wirtschaftsblock aufzubauen, der keineswegs mit den Spielregeln der globalen Marktwirtschaft brechen will.<br />
Wohin sich die bolivarianische Revolution bewegt, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob ihre soziale Basis erfolgreich politischen Druck nach oben aus&#252;ben kann. Der kometenhafte Aufstieg von Chávez wurde von der verarmten Bev&#246;lkerung der Barrios getragen. Sie waren es, die ihren Pr&#228;sidenten vor dem Putschversuch der Opposition sch&#252;tzten, indem sie in Massen nach Caracas st&#252;rmten, und sie sind es auch, die mit Nachbarschaftsversammlungen, lokalen politischen Netzwerken (etwa zur Durchf&#252;hrung der misiónes) und sozialen und kulturellen Projekten das politische Vakuum f&#252;llten, das die Implosion der alten Parteien und die Ablehnung der traditionellen Formen der Politik hinterlie&#223;en. Die physische Mobilisierung der armen Bev&#246;lkerung konnte die bolivarianische Revolution zwar in der Vergangenheit verteidigen, die soziale Basis des Projekts bleibt damit allerdings fragil. Wie oft noch k&#246;nnen die BewohnerInnen der Barrios so auf die zweifellos wiederkehrenden Angriffe der Opposition reagieren? Die zwei Standbeine des Bolivarianismus – die fortschrittlichen Teile des Milit&#228;rs und die verarmte Bev&#246;lkerung, „die Baracken und die Stra&#223;e“, werden eine dritte, entscheidende St&#252;tze brauchen, um sich erfolgreich zu behaupten: die ArbeiterInnen und Angestellten als ProduzentInnen des gesellschaftlichen Reichtums Venezuelas. Ein gewaltiger Schritt in diese Richtung wurde im Managerstreik von 2002 getan, als ArbeiterInnen in Eigenregie die Produktion aufnahmen – insbesondere in der zentralen &#214;lindustrie, deren traditionell privilegierte Angestellte bis dahin als Bollwerk der Opposition galten. Die Politik des Ko-Managements, in deren Rahmen immer mehr Betriebe von ArbeiterInnen verwaltet werden, setzte diese Dynamik fort und integrierte sie in das bolivarianische Projekt. Eine wichtige Entwicklung ist dabei auch die Entstehung eines neuen Gewerkschaftsverbands, nachdem sich die alte, seit dem Punto-Fijo-Pakt mit den traditionellen Eliten verbandelte CTV offen auf die Seite der Opposition geschlagen hat. Heute z&#228;hlt die neue Gewerkschaft UNT bereits mehr Mitglieder als die CTV.<o :p></o></p>
<h3>Reformierte Marktwirtschaft oder demokratischer Sozialismus?</h3>
<p>Die „Bolivarianische Revolution“ ist ein Prozess mit offenem Ende. In der venezolanischen Regierung und der UNT k&#228;mpfen verschiedene Kr&#228;fte um ihre Politik. Manche von ihnen propagieren eine „solidarische“ Marktwirtschaft und die Einbindung der KapitalistInnen in das bolivarianische Projekt. Die chilenische Journalistin und enge Beraterin von Chávez, Martha Harnecker, meinte etwa in einem Interview, dass „um die Armut zu beseitigen, es unter anderem notwendig ist, produktive Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, und die Reaktivierung des privaten Sektors war die Hauptquelle der Arbeitspl&#228;tze im Land“.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Gleichzeitig aber argumentieren wachsende politische Str&#246;mungen f&#252;r eine Vertiefung und Ausweitung der bolivarianischen Revolution: „Chávez sagt, wir m&#252;ssen den Menschen Macht geben. Nun, Macht bedeutet, Kontrolle &#252;ber deine Fabrik, deine Community, die Menschen die du w&#228;hlst auszu&#252;ben“, meint etwa Stalin Pérez Borges, Vorsitzender der UNT und Mitbegr&#252;nder der PRS, einer neuen Partei, die f&#252;r eine sozialistische Perspektive des Bolivarianismus eintritt.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
„Bolivarianismus“ ist somit weniger ein koh&#228;rentes politisches Projekt als eine Art begrifflicher &#220;berbau, der unterschiedliche und teilweise gegens&#228;tzliche politische Strategien zumindest vorl&#228;ufig zusammenh&#228;lt. F&#252;r den konservativeren „Mainstream“ der „bolivarianischen Revolution“ ist das Ziel ein staatskapitalistisches Entwicklungsregime, das die Einnahmen aus dem Erd&#246;lexport via Sozial- und Bildungsprogrammen breiteren Bev&#246;lkerungsschichten zug&#228;nglich macht und begrenzte Reformen zur St&#228;rkung partizipativer Demokratie durchsetzt. Bei allen positiven Ver&#228;nderungen, die dadurch m&#246;glich w&#228;ren, sind diesem Projekt doch enge Grenzen gesetzt: Die Weltmarkt-Interessen Venezuelas zwingen zu B&#252;ndnissen mit neoliberalen Regierungen, die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktions- und Distributionsformen degradiert die ArbeiterInnenmitbestimmung letztlich zu einer Art von Selbstausbeutung und Demokratisierung macht vor den Entscheidenden Bereichen der Gesellschaft – den Produktionsst&#228;tten – halt.<br />
Gleichzeitig gibt es wichtige Kr&#228;fte innerhalb des Bolivarianismus, die aus der „bolivarianischen“ eine tats&#228;chliche soziale und politische Revolution machen wollen. Dazu m&#252;ssten die existierenden und entstehenden demokratischen Basisstrukturen – in den Betrieben, den Stadtteilen, Schulen usw. – den Anspruch stellen, tats&#228;chlich die politische und &#246;konomische Kontrolle zu &#252;bernehmen. Das Projekt des Bolivarianismus hat es erm&#246;glicht, den Kampf um die Macht „von unten“ zu f&#252;hren. Daraus sollte aber nicht geschlossen werden, dass ein „glatter“, gradueller &#220;bergang von einem kapitalistischen Staat zu einem demokratischen Sozialismus geben kann.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Die venezolanische Bourgeoisie hat schlie&#223;lich bereits angesichts der Reformen der Regierung Chávez gezeigt, dass sie ihre Machtposition nicht kampflos abgibt.<br />
Letztlich wird es von der erfolgreichen politischen Organisierung der &#246;konomischen, sozialen und kulturellen Initiativen, unabh&#228;ngig von staatlichen Strukturen, abh&#228;ngen, ob im Namen der Bolivarianismus ein altes System rot angestrichen, oder die &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle durch demokratische Strukturen von unten erm&#246;glicht wird. An ihnen liegt es, ob sich die radikale Rhetorik Chávez’ tats&#228;chlich in Politik umsetzen l&#228;sst. Der hat schlie&#223;lich in seiner w&#246;chentlichen TV-Show „Álo Presidente“ verk&#252;ndet: „Ich bin &#252;berzeugt, dass der Weg in eine neue, bessere Welt nicht der Kapitalismus ist. Der Weg ist der Sozialismus.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Harman, Chris: Revolution in the Revolution; in: Socialist Review, February 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Der Pakt umschloss die sozialdemokratische „Acción Democratica“ (AD) und die christlich-b&#252;rgerliche COPEI.<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Importsubsituierende Industrialisierung (ISI) war eine in den 1950er und 1960er Jahren weit verbreitete Entwicklungsstrategie peripherer Staaten. Ziel der ISI ist es, durch den Aufbau einer eigenst&#228;ndigen nationalen Industrie und die tempor&#228;re Abschottung der Inlandsm&#228;rkte, langfristig den Import von Konsumg&#252;tern durch eigene Produkte zu ersetzen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> „Petroleo de Venezuela S.A.“, meist ausgesprochen „Pédevésa“.<o :p></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> F&#252;r die der venezolanische Volksmund die Bezeichnung „die vier Reiter der Apokalypse“ kennt.<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zwischen 1983 und 1989 fielen die Reall&#246;hne um ein F&#252;nftel, der Armutsanteil der Bev&#246;lkerung stieg von zehn Prozent Ende der 1970er bis 1991 auf 68 Prozent. (Zelik, Raul: Venezuelas „bolivarianischer Prozess“. Mit Gilles Deleuze in Caracas; in: Prokla 142, 1/2006. 26ff)<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Diese Traditionen werden wohl am besten vom Barrio-Bezirk „23 de Enero“ repr&#228;sentiert, der nach dem Datum eines Aufstands seiner BewohnerInnen gegen den Diktator Jimenez im Jahr 1958 benannt ist.<o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die progressiven Teile des Milit&#228;rs, organisiert in losen „Bolivarianischen Zirkeln“, organisierten 1992 zwei Putschversuche, die zwar fehlschlugen, ihrem charismatischen Kopf Hugo Chávez aber zu enormer Popularit&#228;t verhalfen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. nach Gonzales, Mike: Venezuela: Many steps to come; in: International Socialism Journal 104, Autumn 2004.<o :p></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Melcher, Dorothea: Venezuelas Erd&#246;l-Sozialismus; in: Das Argument 262, 4/2005. 506.<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zum Referendum siehe ausf&#252;hrlicher: Gonzales a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Herrman, Jan Peter: Ein Modell f&#252;r eine andere Welt?; in: Argumente 8, November 2005.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Harman a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harnecker, Martha: In the laboratory of the revolution. An interview with Martha Harnecker; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Pérez Borges, Stalin: The Party of Revolution and Socialism. Interview with Stalin Pérez Borges; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Diese falsche Vorstellung eines graduellen &#220;bergangs tritt in zwei Formen auf. Einerseits wird aus der zunehmend radikaleren Rhetorik von Hugo Chávez eine revolution&#228;r-sozialistische Orientierung der F&#252;hrung des Bolivarianismus abgeleitet. Andererseits meinen TheoretikerInnen wie John Holloway, die Entstehung von molekularen Formen von Demokratie und Solidarit&#228;t in den „Rissen im Gewebe der kapitalistischen Herrschaft“ mache die Frage nach der Macht obsolet. (Holloway, John/Negri, Toni: Die Revolution hat bereits begonnen. Interview; in: ak – Analyse &amp; Kritik, M&#228;rz 2006)<o :p></o></p>
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		<title>Bolivien: Revolution Reloaded?</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:30:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<description><![CDATA[Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.<br />
<span id="more-74"></span></p>
<h3>Eine neue Bewegung</h3>
<p>Morales wurde von den Bewegungen der letzten Jahre f&#246;rmlich an die Macht getragen. Nach 15 Jahren neoliberaler Strukturanpassungsprogramme, einer Welle von Privatisierungen und R&#252;ckzugsgefechten der ArbeiterInnenbewegung markierten die Proteste gegen die Privatisierung der Wasserversorgung 2000 in Cochabamba den Wendepunkt und Startschuss einer neuen Periode sozialer Auseinandersetzungen. Nach jahrelangen getrennten K&#228;mpfen von isolierten Teilen der Gesellschaft, formierte sich in Cochabamba eine Bewegung, deren Qualit&#228;t in jeder Hinsicht neu war, nicht nur aufgrund der Einheit und Koordination der beteiligten Kr&#228;fte; die wachsende Politisierung fand gr&#246;&#223;tenteils au&#223;erhalb der etablierten Organisationen, auch jenen der Linken, und den diskreditierten Institutionen des politischen Systems statt. Strategische Entscheidungen w&#228;hrend der f&#252;nfmonatigen Mobilisierung wurden von den AktivistInnen gemeinsam in Nachbarschafts- und Stadtversammlungen getroffen. Politik war nicht mehr nur Sache professioneller Politiker, wie Oscar Olivera, Sprecher der<em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic"> Coordinadora de Defensa del Agua</span></em>, betont: „Mehr als alles andere lernen wir uns politisch selbst zu repr&#228;sentieren, indem wir unsere eigenen Pl&#228;ne entwickeln und umsetzen – indem wir uns gegenseitig ermutigen zu sagen, wie wir die Dinge haben wollen, und dann f&#252;r diese Vision zu k&#228;mpfen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Proteste in Cochabamba waren auch mehr als defensive Gefechte f&#252;r die R&#252;cknahme eines Privatisierungsgesetzes. Die Forderung nach Nationalisierung der Wasserversorgung zielte nicht einfach auf deren Wiederverstaatlichung. Olivera erkl&#228;rt: “Das wirkliche Gegenteil der Privatisierung ist die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Bev&#246;lkerung, selbst-organisiert in kommunalen Verwaltungsstrukturen, in Nachbarschaftsversammlungen, in Gewerkschaften, an der Basis.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> <o></o></p>
<h3>Die MAS zwischen Radikalismus und Realpolitik</h3>
<p>Der erfolgreiche Kampf der Cochabambinas gab in den folgenden Monaten auch anderen Bewegungen neues Selbstvertrauen: den <em>cocaleros</em>, die f&#252;r die Legalisierung des Kokaanbaus k&#228;mpfen; den Organisationen der Aymara und Quechua, die f&#252;r ihre Rechte als Indigenas protestierten; usw.; schlie&#223;lich der Bewegung f&#252;r die Nationalisierung des Erdgas, die all diese Kr&#228;fte zusammenf&#252;hrte.<o></o><br />
Im Sog dieser Bewegungen wurde die MAS bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2002 beinahe an die Macht katapultiert. Mit 21 Prozent der Stimmen unterlag Morales nur um eineinhalb Prozent gegen Sánchez de Lozada, einen der Architekten der neoliberalen Schocktherapie Boliviens Mitte der 1980er.<br />
Das Ergebnis kam selbst f&#252;r die MAS &#252;berraschend. Erst 1999 als „politisches Instrument“ der Kokabauerngewerkschaften gegr&#252;ndet, besa&#223; die Partei weder interne Strukturen noch landesweite Verankerung; vielmehr handelte es sich bei der MAS um „eine Koalition flexibler sozialer Bewegungen, die ihre Aktionen auf die Wahlebene ausgeweitet haben.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <o></o><br />
Der &#220;berraschungserfolg von 2002 schien nun einen Sieg bei den n&#228;chsten Wahlen 2007 in greifbare N&#228;he zu r&#252;cken und lie&#223; damit das Projekt einer „graduellen, institutionellen Transformation des bolivianischen Staates“ als realistische Perspektive erscheinen. Diesem Ziel hat Morales seither die Politik der MAS untergeordnet.<br />
Nicht nur zur traditionellen Linken wurden engere Kontakte gekn&#252;pft, vor allem auch Intellektuelle und professionelle Politiker wurden f&#252;r die Partei rekrutiert, die keine organische Verwurzelung in den sozialen K&#228;mpfen hatten, aber der MAS helfen sollten, “die Mittelklassen und mit dem internen Markt verbundene Unternehmer anzuziehen”.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Heute besteht die MAS – neben Morales selbst – im Kern aus dieser kleinen Gruppe Parteiintellektueller, die versucht einen Kurs zwischen den Forderungen der sozialen Bewegungen, der Oligarchie Boliviens, transnationalem Kapital, dem US-Imperialismus und separatistischen Tendenzen im Land zu man&#246;vrieren.<o></o><br />
Dies hatte freilich eine z&#246;gerliche und oft widerspr&#252;chliche Politik zufolge.<br />
So unterst&#252;tzte die MAS im Oktober 2003, nachdem eine Massenbewegung gegen den Ausverkauf bolivianischen Erdgases Pr&#228;sident Lozada gest&#252;rzt hatte, dessen ebenso neoliberalen Nachfolger Carlos Mesa, als dieser die Entscheidung &#252;ber die Nationalisierung des Erdgas auf Juli 2004 (also neun Monate sp&#228;ter!) vertagte und so die Bewegung demobilisieren konnte. Mitte 2005, als die indigenen Bewegungen, Gewerkschaften, die Organisationen der <em>cocaleros</em> und die MAS einen Einheitspakt zum Sturz Mesas beschlossen, zerbrach dieser rasch wieder, da sich die MAS mit einer 50-prozentigen Besteuerung des Erdgas zufrieden geben wollte, w&#228;hrend die anderen Organisationen an der Forderung nach entsch&#228;digungsloser Nationalisierung festhielten. Und als im Juni 2005 die Bewegungen Mesa zu Fall brachten, die &#214;lfelder und Flugh&#228;fen des Landes besetzten, die Stra&#223;en blockierten und f&#252;r kurze Zeit die politische Kontrolle der Gesellschaft nicht mehr in der Hand des b&#252;rgerlichen Staatsapparats sondern der Selbstverwaltungsstrukturen der Bewegungen lag, setzte die MAS alles daran, die revolution&#228;re Krise wieder in konstitutionelle Bahnen zu lenken. Morales einigte sich schlie&#223;lich mit Interimspr&#228;sident Rodriguez auf Neuwahlen im Dezember.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im Wahlkampf griff die MAS zwar viele der Forderungen der sozialen Bewegungen auf (Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, Nationalisierung der Gasvorkommen, Legalisierung des Kokaanbaus), warb aber gleichzeitig f&#252;r das Modell eines „Andenkapitalismus“, ein staatskapitalistisches Entwicklungsprojekt, dessen Architekt – der Soziologe und nunmehrige Vizepr&#228;sident Álvaro García Linera – offen seine Bewunderung f&#252;r die europ&#228;ische Sozialdemokratie erkl&#228;rt. Der Balanceakt zwischen sozialer Bewegung und „Realpolitik“ f&#252;hrte zu so paradoxen Situationen, wie jene, als Morales gegen die ALCA demonstrierte w&#228;hrend gleichzeitig García Linera verk&#252;ndete, bilaterale Verhandlungen &#252;ber ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten seien keineswegs ausgeschlossen. Unmittelbar nach den Wahlen gab Morales gr&#252;nes Licht f&#252;r die Privatisierung von Mutún, einem der gr&#246;&#223;ten Eisen- und Magnesiumvorkommen der Welt, die erst nach der Intervention der Gewerkschaften wieder auf Eis gelegt wurde.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Und w&#228;hrend die Sozialministerien in der neuen Regierung an AktivistInnen der Bewegung gingen, wurden die &#246;konomischen Schl&#252;sselministerien mit Technokraten besetzt, die Verbindungen zur alten Ordnung unterhalten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">Bei einigen Organisationen der sozialen Bewegungen h&#228;lt sich das Vertrauen auf Morales und die MAS deshalb verst&#228;ndlicherweise in Grenzen. Der Dachverband der Stadtteilkomitees (FEJUVE) von El Alto bspw. hat der MAS eine 90-Tage-Frist gesetzt, die Nationalisierung des Erdgases umzusetzen. Auch Felipe Quispe (MIP), Jaime Solares (COB) und Oscar Olivera (Coordinadora) bleiben auf kritischer Distanz. Die Einsch&#228;tzung innerhalb dieser Organisationen ist jedoch selbst gespalten. Die Mehrheit der sozialen Bewegungen hat sich f&#252;r die strategische Unterst&#252;tzung der MAS-Regierung entschlossen. Viele zentrale AktivistInnen sind nun selbst Mitglieder der Regierung – wie etwa Abel Mamani von der FEJUVE –, was die Mobilisierungsf&#228;higkeit dieser Kr&#228;fte zur Zeit entscheidend einschr&#228;nkt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
<p class="MsoNormal">Die Kernfrage der strategischen Debatten innerhalb der bolivianischen Linken ist die um das Verh&#228;ltnis der Bewegungen zu b&#252;rgerlichem Staat und politischer Macht. Die Diskussion bewegt sich dabei zwischen zwei (idealisierten) Extrempolen: Transformation der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats, oder Aufbau von Selbstverwaltungsorganen als politische Machtstrukturen jenseits b&#252;rgerlicher Staatlichkeit. Solche Fragen stellen sich in der bolivianischen Geschichte nicht zum ersten Mal: in vielerlei Hinsicht sind die historischen Erfahrungen der Revolution von 1952 ein zentraler Bezugspunkt f&#252;r die aktuellen Debatten.<o></o></p>
<h3>The Fire Last Time</h3>
<p>Im Zentrum und an der Spitze der sozialen Bewegungen im Bolivien der 1930er und 1940er Jahre waren die Minenarbeiter, die <em>mineros</em>, gestanden.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Zinnbergbau war seit der Wende zum 20. Jahrhundert zum bedeutendsten Sektor der bolivianischen Wirtschaft aufgestiegen – mehr als ein Viertel des BIP wurde in den Zinnminen erwirtschaftet – und bis in die 1920er schuf das stabile Wachstum der Zinnindustrie die materielle Basis f&#252;r eine Periode au&#223;ergew&#246;hnlicher politischer Stabilit&#228;t. Nicht nur der politische und &#246;konomische Einfluss der wenigen Unternehmen, die den Zinnbergbau monopolisierten (die <em>rosca</em>), sondern auch deren ideologische Hegemonie in der Gesellschaft war relativ unumk&#228;mpft.<o></o></p>
<p>Als jedoch mit der Weltwirtschaftskrise 1929 Nachfrage und Preise f&#252;r Zinn am Weltmarkt rasant fielen, brach dieses Setup rasch zusammen. Heftige K&#228;mpfe in den 1930ern waren die Folge, die von den Regierungen mit wachsender Brutalit&#228;t niedergeschlagen wurden.<br />
Auch im Mittelstand formierte sich in den 1930ern, als sich die Illusion, die Profite aus dem Zinnexport w&#252;rden die Mittel f&#252;r die &#246;konomische und politische Modernisierung des Landes bereitstellen, zusehends in Luft aufl&#246;sten<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>, eine Bewegung, die ihre Inspiration u.a. aus den kleinb&#252;rgerlich-nationalistischen Strategien der APRA<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> in Peru zog. Als Zusammenschluss dieser Kr&#228;fte wurde 1941 die MNR gegr&#252;ndet.<br />
Der MNR gelang es in den 1940ern, schrittweise auch unter ArbeiterInnen eine solide Verankerung aufzubauen. Die bislang hegemoniale Kraft in der Gewerkschaftsbewegung, die stalinistische PIR, verweigerte den K&#228;mpfen die Unterst&#252;tzung, schlie&#223;lich hatte die KomIntern als oberste Maxime die Unterst&#252;tzung der Alliierten und der Sowjetunion im Krieg ausgegeben, und das hie&#223;, v.a. billigen Zinnexport zu garantieren. In das ideologische Vakuum, das der Bankrott der PIR hinterlie&#223;, konnte die MNR vorsto&#223;en. Nur in einigen radikaleren Minen konnte zu dieser Zeit auch die trotzkistische POR Fu&#223; fassen.<br />
Die politische Strategie der MNR orientierte allerdings nicht auf Massenbewegungen von unten. Vielmehr kn&#252;pfte die MNR Kontakte zu einer Fraktion nationalistischer Armeeoffiziere um General Villarroel. Als sich dieser im Dezember 1943 an die Macht putschte trat die MNR in die Regierung ein.<o></o><br />
Die Koalition MNR/Villarroel stand von Beginn an sowohl von au&#223;en (US-Imperialismus) als auch von innen (<em>rosca</em>) unter Druck. Die korporatistische Integration der Gewerkschaften in den Staat wurde deshalb entscheidend f&#252;r das &#220;berleben des Regimes. So wurde dann auch 1944 die erste nationale Gewerkschaft der Minenarbeiter (FSTMB) auf ma&#223;gebliche Initiative der MNR gegr&#252;ndet.<o></o><br />
Das B&#252;ndnis mit der ArbeiterInnenbewegung war jedoch keineswegs permanent und stabil. Die Durchsetzung des &#246;konomischen Programms der Regierung, eines staatskapitalistischen Entwicklungsmodells in Anlehnung an „milit&#228;rsozialistische“ Experimente der 1930er<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>, musste fr&#252;her oder sp&#228;ter auf eine Konfrontation mit den ArbeiterInnen hinauslaufen. Die Spannungen brachen schlie&#223;lich aus, als der neue Finanzminister Paz Estenssoro ein restriktives Programm zur Stabilisierung der W&#228;hrung ank&#252;ndigte, das nur mit harter Repression durchgesetzt werden konnte. Auf ihrem dritten Kongress im M&#228;rz 1946 entzog die FSTMB der Villarroel-Regierung die Unterst&#252;tzung und bereitete sich auf die unausweichlich scheinende Konfrontation vor.<o></o><br />
Juan Lechín, Gewerkschaftsf&#252;hrer der FSTMB und Mitglied der MNR, versuchte unterdessen, den wachsenden Einfluss radikalerer Kr&#228;fte wie der trotzkistischen POR unter den <em>mineros</em> und die Kontrolle der MNR &#252;ber die Bewegung gegeneinander auszubalancieren. Lechín, selbst Mitglied der Partei, die in Regierungsverantwortung die Angriffe organisierte, ging es darum, die Gewerkschaftsbewegung als Hebel zu nutzen, um dem Regime Reformen abzutrotzen. Zwar war er daf&#252;r bereit, die Forderungen der POR teilweise zu unterst&#252;tzen und die Regierung samt MNR-Ministern unter Druck zu setzen; vor einer echten Offensive schreckte Lechín aber zur&#252;ck.<o></o><br />
Auch nachdem Villarroel im Juli 1946 von einer unheiligen Allianz aus Milit&#228;rs und Stalinisten gest&#252;rzt worden war, wurde dieser Kurs im Wesentlichen beibehalten. Zwar beschloss die FSTMB auf ihrem au&#223;erordentlichen Kongress im November 1946 mit den „Thesen von Pulacayo“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> ein Programm, das zurecht als eines der radikalsten Dokumente der bolivianischen ArbeiterInnenbewegung bezeichnet worden ist: darin wurden nicht nur Lohnerh&#246;hungen und die Gr&#252;ndung einer nationalen Gewerkschaftsf&#246;deration gefordert, sondern auch die Strategie einer grundlegenden Transformation der bolivianischen Gesellschaft entworfen. Pl&#228;ne zur Besetzung der Minen wurden vorbereitet, eine Taktik, die in der &#220;bernahme der politischen Macht gipfeln sollte. Das Problem war nur, dass die <em>mineros</em> zur Implementierung der Thesen auf die Gewerkschaftsf&#252;hrung um Lechín vertrauten – und diese z&#246;gerte.<o></o><br />
Es verwundert deshalb kaum, dass auch der Umsturz im April 1952 zun&#228;chst ohne aktive Beteiligung der ArbeiterInnen geplant wurde. Die MNR hatte den Kommandeur der paramilit&#228;rischen Polizei Seleme f&#252;r einen Putschversuch gewonnen; wie 1943 sollte das Milit&#228;r den <em>coup d’etat</em> organisieren, w&#228;hrend die MNR die Unterst&#252;tzung der Massen sicherstellen w&#252;rde.<o></o><br />
Die Aktion begann am 9. April: MNR-Kommandos und Einheiten der paramilit&#228;rischen Polizei &#252;bernahmen die wichtigsten Geb&#228;ude der Hauptstadt. Entgegen der Erwartungen blieb die Armee jedoch loyal zum Regime; am Abend des ersten Tages schien die Situation aussichtslos und Seleme fl&#252;chtete aus dem Land, nachdem er zuvor in einer Radioansprache die F&#252;hrung des Aufstandes an die Zivilbev&#246;lkerung &#252;bergeben hatte. Die Initiative ging so auf die <em>mineros</em> &#252;ber – und mit deren Mobilisierung wendete sich das Blatt. Bewaffnete ArbeiterInnen besetzten die Bahnh&#246;fe, beschlagnahmten Munitionsz&#252;ge und schnitten den Nachschub der Truppen nach La Paz ab – was als traditioneller <em>coup d’etat</em> begann wurde so in einen Massenaufstand transformiert. Am 11. April, nach drei Tagen heftiger K&#228;mpfe, gab sich die Armee geschlagen. ArbeiterInnenmilizen kontrollierten die Stra&#223;en; die Macht lag effektiv in den H&#228;nden des Proletariats.<br />
Die neue Regierung sah sich nun mit einer Situation konfrontiert, die so nicht vorgesehen war: statt in einer Koalition mit den Milit&#228;rs fand sich die MNR in einem B&#252;ndnis mit den <em>mineros</em> wieder, wobei das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in den ersten Wochen nach dem April-Umsturz eindeutig auf Seiten der ArbeiterInnenbewegung lag. Der am 17. April gegr&#252;ndete erste nationale Gewerkschaftsdachverband COB war f&#252;r einige Zeit das einzige relevante Machtzentrum im Land, denn „im gesellschaftlichen Zusammenbruch und Chaos nach dem 9. April war die COB der Fokus, um den sich ArbeiterInnen organisieren konnten. Sie war die einzige Kraft mit der St&#228;rke und Geschlossenheit, Entscheidungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch umzusetzen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Nicht zuletzt, weil mit Lechín, Butron und Angel Cromez auch drei prominente Gewerkschaftsf&#252;hrer in der neuen Regierung sa&#223;en, konnten in den Monaten nach dem April 1952 weitreichende Reformen durchgesetzt werden: ein allgemeines Wahlrecht wurde eingef&#252;hrt, die Zinnbergwerke wurden nationalisiert und die FSTMB erhielt zwei von sieben Sitzen in der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL. In den Minen wurde die Betriebsleitung von Delegierten der ArbeiterInnen beaufsichtigt. Am Land eigneten sich die Bauern und B&#228;uerinnen das Eigentum der Gro&#223;grundbesitzer an – was mit der im August 1953 verabschiedeten Landreform rechtlich legitimiert wurde. Die Revolution hatte also zu einer dramatischen und permanenten Restrukturierung der bolivianischen Gesellschaft gef&#252;hrt: die kleine Elite, die Jahrhunderte lang an der Macht gewesen war, war gest&#252;rzt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeit, diese Reformen durchzusetzen, war ma&#223;geblich vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig. Die F&#252;hrung der COB, allen voran Lechín, beschr&#228;nkte sich jedoch darauf, m&#246;glichst gro&#223;en Einfluss innerhalb der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats zu sichern, statt den Prozess der revolution&#228;ren Transformation der Gesellschaft weiterzutreiben, die begonnene Entwicklung in Richtung einer genuin sozialen Revolution, d.h. der &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle der gesamten Gesellschaft durch Selbstverwaltungsstrukturen der ArbeiterInnen, auszuweiten und zu vertiefen. So sollte sich die ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben auf die &#220;berwachung der Betriebsleitung beschr&#228;nken und am Land „sollten nur unproduktive <em>haciendas</em> enteignet werden und Grundbesitzer, die dem Reformprogramm zustimmten, w&#252;rden Arbeitsvertr&#228;ge f&#252;r Landarbeiter erhalten“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o><br />
Auch die POR sa&#223; der Illusion auf, dass die dominante Position der COB in der Regierung die revolution&#228;re Entwicklung von selbst garantieren w&#252;rde und verzichtete auf weitere Mobilisierung. Dies sollte sich als fatal erweisen: sobald die Bewegung demobilisiert war und das Regime fest im Sattel sa&#223;, wurden die Zugest&#228;ndnisse sukzessive entsch&#228;rft oder zur&#252;ckgenommen, w&#228;hrend die POR mittels b&#252;rokratischer Man&#246;ver aus der COB verdr&#228;ngt wurde. Lechín diente der Regierung dabei nur als linkes Feigenblatt, bis sich die Situation wieder beruhigt hatte. 1956 f&#252;hlte sich das MNR-Regime schlie&#223;lich stark genug, zur Durchsetzung der &#246;konomischer „Modernisierungspolitik“ auch ihre ehemaligen Partner in den Gewerkschaften frontal anzugreifen.<o></o></p>
<h3>Revolution Reloaded?</h3>
<p>Sowohl der gesellschaftliche Kontext als auch die politischen AkteurInnen haben sich seit 1952 stark ver&#228;ndert. In gewissem Sinn wurde die politische Kontinuit&#228;t in Bolivien mit der neoliberalen Wende Mitte der 1980er gebrochen. Als die Minen privatisiert und auf einen Schlag 30.000 <em>mineros</em> entlassen wurden, wurde damit auch das politische Gewicht der Gewerkschaften massiv geschw&#228;cht. Auch in den l&#228;ndlichen Gebieten Chapares und im <em>altiplano</em> hat die zunehmende Kapitalisierung der Landwirtschaft viele Bauern und B&#228;uerinnen in prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse in die St&#228;dte gezwungen. Heute arbeiten 68 Prozent der 3,5 Mio. Lohnabh&#228;ngigen im „informellen Sektor“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur ein F&#252;nftel sind gewerkschaftlich organisierte Vollzeitbesch&#228;ftigte.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> El Alto ist Ausdruck dieser strukturellen Ver&#228;nderungen in der bolivianischen Gesellschaft: 1950 noch ein Dorf mit wenigen tausend EinwohnerInnen ist El Alto heute ein Vorstadt-Slum von La Paz, in dem mehr als einer Million Menschen lebt, die meisten von ihnen schlagen sich mit prek&#228;ren Jobs in der Hauptstadt durch.<br />
Die Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung und die damit einhergehende soziale Atomisierung bedeuteten auch ver&#228;nderte Formen politischen Bewusstseins. Traditionen von Klassensolidarit&#228;t, die ihre Wurzeln in den Minen hatten, wurden seit den 1980ern ausgeh&#246;hlt und ein diffuser indigener Nationalismus sowie kommunalistische Widerstandsformen konnten in den 1980ern und 90ern stark an Einfluss gewinnen. Das soll nicht bedeuten, dass die Organisationen der ArbeiterInnen in den K&#228;mpfen der letzten Jahre bedeutungslos waren, geschweige denn, dass sie in den kommenden Auseinandersetzungen keine Rolle spielen werden m&#252;ssen. Die Konf&#246;deration der FabriksarbeiterInnen in Cochabamba war haupts&#228;chliche Impulsgeberin der Proteste 2000; die Regionalgewerkschaften COR, die vor allem die prek&#228;r Besch&#228;ftigten organisieren, sind insbesondere in El Alto eine wichtige Kraft der K&#228;mpfe; und f&#252;r die Zukunft wird die Organisierung der GasarbeiterInnen im Osten des Landes, wo die Bewegung seit 2000 am wenigsten verwurzelt ist, eine zentrale Herausforderung sein. Trotzdem fehlt der Bewegung heute eine koordinierende und zentralisierende Kraft, wie sie die COB bis in die 1980er darstellen konnte.<o></o><br />
Politische Strategien in Bolivien m&#252;ssen dieser ver&#228;nderten Situation Rechnung tragen. Die historischen Erfahrungen der Revolution 1952 sind deshalb nicht direkt und unmittelbar auf die heutige Situation &#252;bertragbar. Dennoch ist ein Verst&#228;ndnis des letztlichen Scheiterns der Revolution auch f&#252;r die aktuellen Debatten relevant:<br />
1. Das politische Programm der MAS ist ein Kompromissprojekt, das es sowohl den sozialen Bewegungen als auch dem urbanen Mittelstand, der nationalen Bourgeoisie und selbst internationalem Kapital gleichzeitig recht machen will.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Nicht allein aufgrund der Tatsache, dass der parlamentarische Spielraum der MAS selbst begrenzt ist (die MAS h&#228;lt zwar die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, nicht aber im Senat, und kontrolliert au&#223;erdem nur drei von neun Regionalregierungen), ist die Durchsetzung radikaler Forderungen deshalb weiterhin vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig, um Morales so an seine Versprechen zu binden. Wie fatal das Vertrauen in einen geschichtlichen Automatismus und eine Abwartehaltung gegen&#252;ber linken Regierungen enden kann, haben die Ereignisse nach April 1952 deutlich gezeigt. Weil die COB auf weitere Aktionen von unten verzichtete konnte sich letztlich die Politik des „rechten“ Fl&#252;gels der MNR durchsetzen.<br />
2. Im Prozess der Mobilisierung gilt es, den Aufbau selbstverwalteter politischer Machtstrukturen jenseits und als Alternative zum b&#252;rgerlichen Staat auszuweiten und zu vertiefen. Eine solche Orientierung zeigten im Ansatz die Asamblea Nacional in El Alto und die Revolution&#228;re Volksversammlung in Cochabamba im Juni 2005. Gleichzeitig jedoch existierte in der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer eine andere Dynamik, die auf die Wahlen und die Macht im Staat orientierte – es war letztere, die sich vorerst durchsetzen konnte. Derselbe Konflikt verbirgt sich heute unter dem Label der f&#252;r Juli 2006 angesetzten Konstituierenden Versammlung, deren Funktion von den politischen AkteurInnen sehr unterschiedlich definiert wird. Sie k&#246;nnte sich auf der einen Seite als reiner Trick erweisen, deren einziges Ziel die Konsolidierung der Macht der MAS im Staat ist.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Auf der anderen Seite k&#246;nnte die Konstituierende Versammlung aber auch Startschuss f&#252;r einen Prozess demokratischer Selbstorganisierung sein, als Koordinationsstruktur eines Netzwerks von Basisstrukturen.<br />
1952 wurde der Staat radikal umgebaut, aber kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse und der b&#252;rgerliche Staatsapparat selbst blieben intakt. Die COB hielt in den Wochen nach dem April-Umsturz die politische Macht in der Hand; die Durchsetzung echter ArbeiterInnenkontrolle &#252;ber Produktion und Distribution w&#228;re m&#246;glich gewesen; stattdessen optierte die F&#252;hrung der COB f&#252;r eine Koalitionsregierung mit der MNR und beschr&#228;nkte sich auf zwei Sitze in der frisch verstaatlichten Bergbaugesellschaft. Dieses Arrangement mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen sollte ihr letztlich selbst auf den Kopf fallen.<br />
Heute ziehen einige Organisationen der Bewegungen radikalere Schl&#252;sse aus den Erfahrungen der K&#228;mpfe der letzten Jahre. Die Coordinadora in Cochabamba schrieb &#252;ber die revolution&#228;re Krise im Juni 2005:<br />
„In dieser Mobilisierung haben wir zwei Dinge gesehen. Auf der einen Seite, dass wir, die verschiedenen sozialen Bewegungen, das gesamte Land lahmlegen und die Man&#246;ver der Unternehmer und Politiker zur&#252;ckschlagen k&#246;nnen. Auf der anderen Seite haben wir es nicht geschafft, unsere eigenen Entscheidungen und Ziele durchzusetzen… Basierend auf diesen zwei &#220;berlegungen haben wir in allen Nachbarschaften und Communities in Cochabamba und im ganzen Land eine breite Debatte &#252;ber die Notwendigkeit er&#246;ffnet, Schritt f&#252;r Schritt unsere eigenen Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen und daf&#252;r in den n&#228;chsten Mobilisierungen zu k&#228;mpfen. Wir haben die St&#228;rke und Kreativit&#228;t, unsere Beschl&#252;sse jenseits der offiziellen Institutionen und traditionellen politischen Parteien umzusetzen… Dieses Mal haben wir die &#214;lt&#252;rme, die Gasfelder und die Raffinerien besetzt. In Zukunft m&#252;ssen wir auch in der Lage sein, sie in unserem Eigeninteresse einzusetzen.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Olivera, Oscar: ¡Cochabamba! Water War in Bolivia. Cambridge/MA: South End Press 2004. 21.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ebd. 156f.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Exclusive Interview with MAS’ Vice-Presidential Candidate; online unter: http://americas.irc-online.org/am/2987.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> García Linera, Álvaro: State Crisis and Popular Power; in: New Left Review 37 (2006). 73-85; hier: 85.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Petras, James: Evo Morales/Bolivia: Populist gestures and neo-liberal substance; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=25142 und ders.: New Winds from the Left or Hot Air from a New Right; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=28333.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. Petras, James: A Bizarre Beginning in Bolivia. Inside Morales’s Cabinet; online unter: http://www.counterpunch.org/petras02042006.html<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hinzu kam, dass der “Chaco-Krieg” gegen Paraguay, den Salamanca vom Zaun gebrochen hatte, um die innere Krise im Land in einem „nationalen Schulterschluss“ zu &#252;berwinden, in einer verheerenden Niederlage endete.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA): 1924 von Haya de la Torre gegr&#252;ndete kleinb&#252;rgerlich-nationalistische Sammlungsbewegung in Peru, deren Ideen in ganz Lateinamerika einflussreich wurden.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> „Milit&#228;rsozialismus“ nannten die Milit&#228;rregimes in der zweiten H&#228;lfte der 1930er ihr Projekt eines autorit&#228;r-korporatistischen Staats.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Die Thesen online: http://www.pt.org.uy/textos/temas/pulacayo.htm.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Lora, Guillermo: A History of the Bolivian Labour Movement, 1848-1971. Cambridge: Cambridge UP 1977. 281.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Kohl, James V.: Peasant and Revolution in Bolivia, April 9, 1952-August 2, 1953; in: Hispanic American Historical Review 58:2 (1978). 238-259; hier: 248.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> García Linera: a.a.O. 79; vgl. auch Nicholls, Peter: Bolivia: between a rock and a hard place; in: Capital &amp; Class 81 (2003). 9-15; hier: 12.<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Olivera: a.a.O. 124.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Darauf weist u.a. auch hin, dass am Tag der Konstituierenden Versammlung auch das Referendum &#252;ber die Autonomie der erdgasreichen Region Santa Cruz stattfinden wird, das seit der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer von der Rechten in Bolivien gefordert wird. Das Ergebnis des Referendums soll f&#252;r die Konstituierende Versammlung bindend sein.<o></o></p>
<p><a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Zit. n. Gonzales, Mike: Bolivia: the Rising of the People; in: International Socialism 108 (2005). 73-101; hier: 73.<o></o></p>
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