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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Ägypten</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Kr&#228;ftemessen in &#196;gypten. Die Revolution zwischen nicht erf&#252;llten Hoffnungen und reaktion&#228;rem Backlash</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2011 10:02:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung1 von Ramin Taghian.

Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von <em>Ramin Taghian</em>.<br />
<span id="more-2114"></span><br />
<strong>Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r</strong><br />
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel nicht in dessen Interesse liegt. Dementsprechend hat er vor allem bei jungen Revolution&#228;rInnen stark an Unterst&#252;tzung verloren. Die Demobilisierung der revolution&#228;ren Bewegung nach dem Sturz Hosni Mubaraks Anfang des Jahres und die Hoffnung auf graduelle Ver&#228;nderungen unter der Aufsicht des „patriotischen und revolution&#228;ren“ Milit&#228;rs wich in den letzten Monaten einem zunehmenden Misstrauen gegen&#252;ber dem Obersten Milit&#228;rrat. Die ehemals breite Front gegen Mubarak ist auseinandergebrochen, und die unterschiedlichen Vorstellungen, wie ein neues &#196;gypten auszusehen habe, prallen zunehmend direkter aufeinander. Die Ausdifferenzierung von unterschiedlichen politischen und sozialen Interessen schreitet voran und hinterl&#228;sst eine brisante gesellschaftliche Situation in &#196;gypten. Das dr&#252;ckt sich seit Juni in der Wiederaufnahme regelm&#228;&#223;iger Stra&#223;enproteste und schlie&#223;lich seit 8. Juli in der Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aus. Doch anstatt wie im Februar in Sprechch&#246;ren die Einheit von Armee und Volk zu feiern, wurde auf Demonstrationen zum Sturz des Vorsitzenden des Milit&#228;rrats, Feldmarschall Tantawi, aufgerufen. Unter Beteiligung vor allem linker und liberaler Organisationen wurde die rasche Umsetzung der zentralen Anliegen der Revolution eingefordert. Denn bei vielen, vor allem jungen, Revolution&#228;rInnen hat sich das Gef&#252;hl eingestellt, ihre Revolution sei ihnen gestohlen worden. Die zentralen Forderungen waren daher: eine Beschleunigung des Verfahrens gegen Mubarak, seine S&#246;hne und engen Komplizen; die Entlassung und strafrechtliche Verfolgung von Polizisten, die w&#228;hrend der Revolution an der T&#246;tung von DemonstrantInnen beteiligt waren (was vor allem von den Familien der M&#228;rtyrerInnen gefordert wird); die Abschaffung von Milit&#228;rtribunalen und die Freilassung aller seit Februar vom Milit&#228;r inhaftierten und verurteilten Personen (was mehrere Tausende betrifft). Eine prominente Forderung aus der unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung war auch die Durchsetzung eines nationalen Mindestlohns. Linke und radikal-demokratische Kr&#228;fte forderten au&#223;erdem im Gegensatz zum Milit&#228;rrat und der Muslimbruderschaft eine Verschiebung der f&#252;r den fr&#252;hen Herbst angesagten Parlamentswahlen. Der Grund ist, dass die fr&#252;he Abhaltung der Wahlen vor allem den bereits gut organisierten Parteien Vorteile bringt, insbesondere der Muslimbruderschaft. Neue politische Bewegungen und Organisationen, die aus dem revolution&#228;ren Prozess entstanden sind, haben hingegen zu wenig Zeit um sich vorzubereiten und einen intensiven Wahlkampf zu f&#252;hren. Au&#223;erdem besagt das neue Parteiengesetz, dass jede Partei die zu Wahlen antritt mindesten 5000 eingeschriebene Mitglieder braucht, sowie in mindestens zwei nationalen Zeitungen Annoncen geschaltet haben muss. Diese Einschr&#228;nkung verunm&#246;glicht f&#252;r viele eine tats&#228;chliche Beteiligung, vor allem da die finanziellen Ressourcen kaum vorhanden sind.</p>
<p><strong>Neue Doppelstrategie</strong><br />
Zumindest die erste Forderung, n&#228;mlich dass Mubarak vor Gericht gestellt werden soll, wurde mittlerweile erf&#252;llt. Die Bilder von Mubarak, der hinter Gittern dem Richter vorgef&#252;hrt wird, gingen durch die Welt und stehen, allen Schwierigkeiten und Herausforderungen der revolution&#228;ren Bewegung zum Trotz, f&#252;r ein neues historisches Kapitel in der arabischen Welt. Selbst die am l&#228;ngsten herrschenden „Pharaonen“ m&#252;ssen damit rechnen, fr&#252;her oder sp&#228;ter f&#252;r ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bezeichnend ist aber auch, dass die Erf&#252;llung dieser vielfach gestellten Forderung nur einen Tag nach der <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2325/tahrir-august-1st_masquerade-for-a-lost-legitimacy">gewaltt&#228;tigen R&#228;umung des Tahrir Platzes</a> und der Verhaftung mehrerer DemonstrantInnen am ersten Tag des Ramadan kam.</p>
<p>Dies beweist, dass die aktuellen Herrschenden eine Doppelstrategie fahren: Einerseits versuchen sie, mit aller Kraft die Z&#252;gel der Macht nicht aus der Hand zu geben und reagieren sensibel auf jegliche Herausforderung. Andererseits geben sie kleine Zugest&#228;ndnisse und bringen Bauernopfer, um die Leute zu beschwichtigen und radikale AktivistInnen mit einem Interesse an grunds&#228;tzlichen und systemischen Ver&#228;nderungen zu isolieren.</p>
<p><strong>Risse und Lagerbildungen</strong><br />
Und tats&#228;chlich gerieten die progressiven Teile der Bewegung in den letzten Wochen unter zunehmenden Druck. Dies zeigte sich einerseits am 23. Juli, als eine Demonstration, die in Richtung des Verteidigungsministeriums zog um gegen den Obersten Milit&#228;rrat und die schleppenden Entwicklungen zu demonstrieren, von Schl&#228;gern attackiert wurde. Das Milit&#228;r schaute dabei zu, wie DemonstrantInnen mit Brands&#228;tzen, Steinen und Messern angegriffen und sogar von H&#228;usern aus beworfen wurden. 300 Menschen wurden verletzt; ein Demonstrant erlag einige Tage sp&#228;ter seinen Verletzungen. Diese Ereignisse alarmierten die revolution&#228;re Bewegung, eine neue Stufe der Eskalation wurde erreicht. Au&#223;erdem wurde deutlich, dass zwar viele der AngreiferInnen zu organisierten Schl&#228;gertrupps geh&#246;rten, es hatte jedoch auch einige lokale AnwohnerInnen an der Attacke teilgenommen. Es ist ein Zeichen f&#252;r die zunehmenden Risse und die sich versch&#228;rfende Lagerbildung in der &#228;gyptischen Bev&#246;lkerung.  Gleichzeitig erh&#246;ht sich der Druck auf die revolution&#228;re Bewegung auch in der Auseinandersetzung mit islamistischen Kr&#228;ften. Besonders deutlich wurde dies am 29. Juli, als Salafiten<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>  und Muslimbr&#252;der Zehntausende auf den Tahrir-Platz und nach Alexandria mobilisierten. </p>
<p>Die F&#252;hrung der Muslimbruderschaft hatte sich im J&#228;nner erst relativ sp&#228;t der Revolution angeschlossen. Nach der Revolution ging sie schnell dazu &#252;ber, dem Obersten Milit&#228;rrat ihre volle Unterst&#252;tzung zuzusagen, woran sich bis heute nichts ge&#228;ndert hat. Daher &#252;berraschte es nicht, dass sie nur sehr widerwillig oder gar nicht an diversen Mobilisierungen teilnahm, sondern sich auch dezidiert gegen eine radikalere Kritik und die Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aussprach. Es wird immer offensichtlicher, dass zwischen Muslimbruderschaft und Milit&#228;rf&#252;hrung eine neue B&#252;ndnisachse in &#196;gypten entstanden ist. Als Beispiel kann hier auch die Einigkeit in Bezug auf die Kontinuit&#228;t neoliberaler Wirtschaftspolitiken genannt werden. So sprach sich die Muslimbruderschaft Anfang Juli <a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-07-05/egyptian-debt-spurs-islamist-call-for-austerity-arab-credit.html">f&#252;r ein staatliches Sparpogramm</a>, dem Beschneiden der &#246;ffentlichen Ausgaben und der Privatisierung der staatlichen Medien aus. Gleichzeitig gibt es ein grunds&#228;tzliches Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft. Damit einher ging auch eine Ann&#228;herung zwischen der Muslimbruderschaft und den USA nachdem sich Au&#223;enministerin Hillary Clinton f&#252;r eine Zusammenarbeit beider aussprach und dies von der Muslimbruderschaft positiv aufgenommen wurde.</p>
<p>Diese Positionen, insbesondere das Verh&#228;ltnis zum Milit&#228;rrat, verursachen aber nicht nur Konflikte mit den linken und liberalen revolution&#228;ren Organisationen, sondern auch innerhalb der Muslimbruderschaft. Hier ziehen sich die Konfliktlinien zwischen F&#252;hrung und Basis bzw. vor allem der Jugend der Organisation. Viele Mitglieder widersetzten sich bereits mehrmals den Anordnungen der F&#252;hrung, nahmen aktiv an Protesten teil und forderten eine Demokratisierung der Organisation ein. Neben der Haltung zum Milit&#228;rrat f&#252;hrte vor allem die Gr&#252;ndung der „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ durch die F&#252;hrung der Bruderschaft zu Reibereien. So forderten gro&#223;e Teile der Jugend das Recht ein, anderen Parteien beitreten zu d&#252;rfen. Die Konflikte f&#252;hrten mittlerweile zu vielfachen Austritten sowie Ende Juni zur <a href="http://cafethawra.blogspot.com/2011/07/where-are-muslim-brotherhood-in.html">Gr&#252;ndung einer neuen Partei</a> durch j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft.</p>
<p><strong>Die islamistische Bewegung zeigt ihre Muskeln</strong><br />
Einen nachhaltigen Schock erlebte die revolution&#228;re Bewegung, die in den Wochen zuvor mehrere Demonstrationen und die Besetzung des Tahrir-Platzes organisiert hatte, am 29. Juli. Verschiedene salafitische Str&#246;mungen hatten eine Demonstration auf dem Tahrir Platz angek&#252;ndigt, um die gr&#246;&#223;tenteils s&#228;kularen Tahrir-BesetzerInnen zu diskreditieren. Mit ihrer Mobilisierung wollten sie die „islamische Identit&#228;t“ &#196;gyptens verteidigen sowie f&#252;r die Einf&#252;hrung der Scharia demonstrieren. Zwischen den Zeilen konnte man auch die Unterst&#252;tzung f&#252;r den Obersten Milit&#228;rrat heraush&#246;ren und stark sektiererische Tendenzen vernehmen. In den Tagen vor dem 29. Juli erh&#246;hte sich die Spannung auf Seiten der Tahrir-BesetzerInnen die eine Konfrontation bef&#252;rchteten. Schlie&#223;lich kam es zu Gespr&#228;chen zwischen Repr&#228;sentanten der unterschiedlichen Lager, welche sich auf eine gemeinsame Kundgebung unter dem Motto der „nationalen Einheit“ einigten und kontroverse Forderungen wie die Einf&#252;hrung der Scharia einerseits, und die Kritik am Milit&#228;r andererseits, aus den Forderungskatalogen strichen.</p>
<p>Dennoch sollte der 29. Juli zu einem Muskelspiel der islamistischen Kr&#228;fte, vor allem der Salafiten werden. Mit Bussen wurden aus dem ganzen Land Leute nach Kairo gebracht um an der Demonstration teilzunehmen. Salafitische Satellitensender, Facebook-Seiten und Prediger riefen ihre Anh&#228;nger auf, an den Protesten teilzunehmen. Trotz vorheriger Absprachen war die Demonstration eindeutig <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2281/salafis-in-tahrir">von den IslamistInnen und deren Spr&#252;chen gepr&#228;gt</a>. Die Rufe nach einem islamischen Staat und der Implementierung der Scharia dominierten das Geschehen und richteten sich dezidiert gegen die s&#228;kularen revolution&#228;ren Kr&#228;fte. Der <a href="http://www.arabawy.org/2011/07/30/bigotry-and-reaction-salafis/">Schock &#252;ber die Ereignisse</a> sa&#223; bei vielen Revolution&#228;rInnen tief. Noch am selben Tag erkl&#228;rten 33 politische Gruppen der Liberalen und Linken ihren R&#252;ckzug vom Tahrir-Platz und kritisierten die islamistischen Gruppen f&#252;r das Nichteinhalten vorher beschlossener Richtlinien bez&#252;glich eines gemeinsamen Protests.</p>
<p><strong>Reaktion und Verunsicherung</strong><br />
Diese Erfahrung tr&#228;gt aktuell zur Verunsicherung von Teilen der revolution&#228;ren Bewegung bei. Einen Tag nach der islamistischen Mobilisierung zum Tahrir-Platz, gaben zahlreiche Organisationen bekannt, die Besetzung des Platzes w&#228;hrend des Ramadan auszusetzen. Wiederum einen Tag sp&#228;ter wurden, wie schon erw&#228;hnt, die restlichen DemonstrantInnen, inklusive einer gro&#223;en Zahl von Familien der M&#228;rtyrerInnen, vom Milit&#228;r gewaltsam und unter Einsatz von Panzern ger&#228;umt.</p>
<p>F&#252;r die salafitische Bewegung war es ein Signal an die &#214;ffentlichkeit, dass man mit ihnen als politischem Faktor zu rechnen hat. Bisher jedoch war diese Bewegung nicht einheitlich organisiert und in sich relativ heterogen. W&#228;hrend einige Str&#246;mungen eher konservativ predigend auftreten, gibt es andere, die <a href="http://english.ahram.org.eg/~/NewsContent/1/64/17711/Egypt/Politics-/Account-of-the-Islamists’-overtake-of-Friday-demon.aspx">zunehmend politische Ambitionen</a> &#228;u&#223;ern, wie zum Beispiel die Gr&#252;ndung der salafitischen al-Nour Partei („das Licht“) zeigt.</p>
<p><strong>Aktivit&#228;t der sozialen Bewegungen</strong><br />
Trotz der angespannten Lage und der relativen R&#252;ckschl&#228;ge der progressiven Kr&#228;fte der Revolution machen die <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/08/02/egypt-new-wave-of-strikes-greets-start-of-ramadan/">weiterhin starken sozialen Bewegungen</a> in &#196;gypten Hoffnung. So legten Ende Juli ArbeiterInnen von 20 Betrieben einer „Free Economic Zone“ nahe der am Suez Kanal gelegenen Stadt Ismailiyya ihre Arbeit nieder, um f&#252;r h&#246;here L&#246;hne zu streiken. Die Forderungen inkludierten die Implementierung eines Mindestlohns von 1200 &#228;gyptischen Pfund (ca. € 140,-), eine volle Gesundheitsversicherung, und bessere Arbeitsbedingungen.<br />
Gleichzeitig fanden Arbeitsk&#228;mpfe in zahlreichen anderen Betrieben statt. Erst vor wenigen Wochen gingen die EisenbahnarbeiterInnen in den Streik. Das Personal am Kairoer Flughafen konnte nach einem <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/07/26/egypt-cairo-airport-workers-win-concessions-from-military-council/">entschlossenen Streik</a> und der Blockade der Hauptzufahrtsstrasse zum Flughafen unter anderem bewirken, dass zum ersten Mal seit 50 Jahren anstatt einem Milit&#228;rangeh&#246;rigen eine zivile Person zum Manager bestellt wurde. Dieser Sieg wird von der Gr&#252;ndung zahlreicher unabh&#228;ngiger Gewerkschaften in unterschiedlichen Branchen begleitet. Erst in den letzten Tagen kam es auch unter EisenbahnerInnen zur Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften. Laut einer k&#252;rzlich erschienen Statistik gab es seit J&#228;nner mittlerweile 956 Aktionen (Streiks, Sit-ins, Demonstrationen) von ArbeiterInnen. Diese Trend wird sich, wenn auch sicherlich nicht linear, weiter fortsetzen. Schon jetzt haben LehrerInnen in Ober&#228;gypten einen Streik mit der Forderung nach einem Mindestlohn f&#252;r Anfang des Schuljahres angedroht.</p>
<p>Als Zwischenres&#252;mee l&#228;sst sich festhalten: Nach der Revolution ist – nicht ganz – vor der Revolution. Gro&#223;e Teile der &#228;gyptischen Gesellschaft sind nach wie vor aktiviert. Zahlreiche Initiativen und Organisationen sind entstanden und organisieren zuvor unorganisierte Menschen. Trotz der harten Reaktion gegen&#252;ber der revolution&#228;ren Bewegung, wurden dennoch einige Zugest&#228;ndnisse gemacht. Der provisorische Premierminister Essam Sharaf sah sich gezwungen, die S&#228;uberung des Polizeiapparates anzuk&#252;ndigen wie auch eine Umbesetzung des Innenministeriums durchzuf&#252;hren. Die prominente Forderung nach einem nationalen Mindestlohn musste ebenfalls aufgegriffen werden, auch wenn anstatt der 1200 Pfund nur 700 zugesagt wurden. Die Bilder von Mubarak hinter Gittern zeigen nicht nur den anderen L&#228;ndern des Mittleren Osten die M&#246;glichkeit auf, Diktatoren zu st&#252;rzen. Auch in &#196;gypten selbst k&#246;nnten sie der revolution&#228;ren Bewegung neuen Mut und Enthusiasmus geben, um auch die anderen &#220;berreste des alten Regimes weiter zu bek&#228;mpfen, um diese bald neben Mubarak in einer Zelle sitzen zu sehen.</p>
<p>Eine Revolution ist kein linearer Prozess sondern gepr&#228;gt von vielen Br&#252;chen, Auf- und Abschw&#252;ngen. Nachdem der Fr&#252;hling eine relative Demobilisierung zeigte, waren die ersten Sommermonate von einem Aufschwung der revolution&#228;ren K&#228;mpfe gepr&#228;gt und es wurde &#252;ber eine „zweite Revolution“ geredet. Ob die aktuellen relativen R&#252;ckschl&#228;ge einer „dritten Revolution“ weichen werden, wird sich in den n&#228;chsten Monaten und vor allem im Kontext der kommenden Wahlen im Herbst zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
Das Foto stammt von <a href="http://www.arabawy.org/photos/">http://www.arabawy.org/photos/</a> </p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> F&#252;r eine fr&#252;here, ausf&#252;hrlichere Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution  siehe <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/">http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Salafiyya (Salafismus) ist eine konservative Str&#246;mung des Islam und ideologisch dem saudi-arabischen Wahabismus nahe. Die Salafiyya nimmt sich die urspr&#252;ngliche islamische Gemeinschaft zu Zeiten des Propheten Mohammed zum Vorbild und vertritt eine relativ wortgetreue Auslegung des Koran. In diesem Sinne m&#252;sste die Umma (die Gemeinschaft aller MuslimInnen), um aus der Krise der islamischen Gesellschaft herauszukommen, eine R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Werten und Praxen des Islams anstreben und eine islamische &#8220;Renaissance&#8221; einleiten.<br />
Nichtsdestotrotz ist eine Verallgemeinerung der salafitischen Bewegung schwierig, da es keine tats&#228;chlich einheitliche Bewegung darstellt, sondern sich an verschiedenen Predigern orientiert. So findet man eher apolitische Str&#246;mungen, welche eine Abkehr von der verwestlichten und dekadenten Gesellschaft anpeilen und sich auf religi&#246;se Predigt konzentrieren wollen. Andere wiederum agieren dezidiert politisch, bauen Organisationen und Parteien auf und partizipieren am &#246;ffentlichen Diskurs zur Ver&#228;nderung der Gesellschaft.<br />
Historisch muss die Salafiyya als &#8220;moderne&#8221; Erscheinung im Kontext und als Antwort auf die Auseinandersetzungen mit Kolonialismus und den Auswirkungen des Kapitalismus auf die jeweiligen Gesellschaften analysiert werden und nicht, wie oft in Medien dargestellt, als traditionalistischer oder &#8220;mittelalterlicher&#8221; &#220;berrest des Islam.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Revolution in Egypt &#8211; zwischen Aufbruchsstimmung und Revolutionsromantik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/05/24/revolution-in-egypt-zwischen-aufbruchsstimmung-und-revolutionsromantik/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 May 2011 10:25:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[AGMO]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>

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		<description><![CDATA[Diskussionsveranstaltung der Arbeitsgruppe Mittlerer Osten (AGMO)
Mittwoch, 1. Juni 2011, 19 Uhr
HS B, Hof 2, Campus der Universit&#228;t Wien (Achtung, ge&#228;ndert!)
Spitalgasse 2-4
1090 Wien

Thawra, Thawra hatta’l nasr („Revolution bis zum Sieg“) war Anfang des Jahres auf den &#228;gyptischen Stra&#223;en tausendfach zu h&#246;ren. Die Forderung nach Mubaraks Abdankung und einem Aufr&#228;umen mit den f&#252;hrenden K&#246;pfen des alten Regime hat die revolution&#228;re Bewegung geeint. Wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diskussionsveranstaltung der Arbeitsgruppe Mittlerer Osten (<a href="https://www.facebook.com/profile.php?id=100002513520194" target="_blank">AGMO</a>)</p>
<p>Mittwoch, 1. Juni 2011, 19 Uhr<br />
HS B, Hof 2, Campus der Universit&#228;t Wien (Achtung, ge&#228;ndert!)<br />
Spitalgasse 2-4<br />
1090 Wien</p>
<p><span id="more-1927"></span></p>
<p>Thawra, Thawra hatta’l nasr („Revolution bis zum Sieg“) war Anfang des Jahres auf den &#228;gyptischen Stra&#223;en tausendfach zu h&#246;ren. Die Forderung nach Mubaraks Abdankung und einem Aufr&#228;umen mit den f&#252;hrenden K&#246;pfen des alten Regime hat die revolution&#228;re Bewegung geeint. Wie die Zukunft &#196;gyptens nun gestaltet werden soll, ist allerdings heftig umstritten. W&#228;hrend alte Eliten und diverse Interessengruppen versuchen, das Ende der Revolution auszurufen, fordern progressive Kr&#228;fte einen qualitativen Bruch mit der alten politischen Ordnung und weitreichende soziale Ver&#228;nderungen.<br />
Der Ausgang dieser Auseinandersetzungen und somit auch die Frage nach der Tragweite der &#228;gyptischen Revolution ist offen.<br />
In dieser Veranstaltung wollen abseits von revolutionsromantischer Hochstilisierung und medialen Konstruktionen wie der &#8220;Facebook-Revolution&#8221; ein differenziertes Bild des revolution&#228;ren Prozesses in &#196;gypten diskutieren.<br />
Welche Voraussetzungen erm&#246;glichten diesen Massenprotest? Wie sehen aktuelle Entwicklungen und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in &#196;gypten aus? Was k&#246;nnen wir davon lernen und wie sind die unz&#228;hligen Widerspr&#252;chlichkeiten einer Gesellschaft im Umbruch zu verarbeiten? Letztendlich, wo steht die &#228;gyptische Linke in diesem Prozess und welchen Herausforderungen muss sie sich dabei stellen?</p>
<p>AGMO – Arbeitsgruppe Mittlerer Osten<br />
Diese Veranstaltung ist der erste Output einer Forschungsreise, welche Anfang Mai nach &#196;ypten f&#252;hrte. In Kairo, Alexandria und in der Industriestadt Mahalla el-Kubra wurden zahlreiche Interviews gef&#252;hrt. AkteurInnen unterschiedlicher politischer Herkunft und &#220;berzeugung wurden um ihre Einsch&#228;tzung zu den Entwicklungen und Perspektiven in &#196;gypten befragt. Die Ergebnisse dieser Interviews wie auch die visuelle Dokumentation der Reise werden in den Vortrag einflie&#223;en.</p>
<p>Facebook: <a rel="nofollow" href="http://www.facebook.com/profile.php?id=100002513520194" target="_blank">http://www.facebook.com/profile.php?id=100002513520194</a><br />
Weitere Veranstaltungen : &#196;gyptische Revolution und Geschlechterverh&#228;ltnisse</p>
<p>In Kooperation mit <a href="http://www.perspektiven-online.at" target="_blank">Perspektiven</a>, <a href="http://marxistin.blogsport.de/" target="_blank">Marxist*In</a>, <a href="http://www.univie.ac.at/politikwissenschaft/strv/index.html" target="_blank">STV Politikwissenschaften</a>, <a href="http://www.linkeshochschulnetz.at/" target="_blank">Linkes Hochschulnetzwerk</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#196;gypten &#8211; The Revolution was Televised</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</link>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 09:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der Gruppe Perspektiven, das Ramin Taghian ausgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.
Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der </em>Gruppe Perspektiven, <em>das </em>Ramin Taghian a<em>usgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.</em><span id="more-1775"></span></p>
<p>Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten sich viele eine Signalwirkung an Bewegungen im Mittleren Osten, nun ihre eigenen langj&#228;hrigen Diktatoren verst&#228;rkt herauszufordern. Dass jedoch innerhalb weniger Wochen bereits der zweite Diktator durch eine revolution&#228;re Massenbewegung gest&#252;rzt werden w&#252;rde – und dies noch dazu im geopolitisch wichtigsten Land der Region, &#196;gypten – damit hatte niemand gerechnet. Gleichzeitig wurde sie von Millionen Menschen weltweit gebannt mitverfolgt. F&#252;r zwei Wochen war der Livestream von Al-Jazeera f&#252;r Tausende das Erste und Letzte am Tag, was ein bzw. ausgeschaltet wurde. Revolutionen sind ansteckend, und eine Revolution, die beinahe live mitverfolgt werden kann, umso mehr!<br />
Die Medien konzentrieren sich bei ihren Versuchen, eine Erkl&#228;rung f&#252;r diese Dynamik zu finden, meist auf die schon lange ausgerufene „Web 2.0-Generation“. Es seien Netzwerke wie <em>facebook</em>, die diese Revolution erm&#246;glichten. Es sei die neue, junge, ausgebildete, global vernetzte, Technologie-affine, nach Moderne und Demokratie strebende Jugend, die diese Revolte „inszenierte“. &#196;hnliche Interpretationen kennen wir aus der Berichterstattung zur „Gr&#252;nen Bewegung“ im Iran 2009 sowie zur „Unibrennt“-Bewegung 2010 in &#214;sterreich.<br />
Dass <em>facebook</em> – und allgemein das Internet – eine wichtige Rolle spiel(t)en und neue M&#246;glichkeiten der Vernetzung und Organisierung f&#252;r AktivistInnen bieten, sei hier in keinster Weise in Frage gestellt. Es soll hier aber auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert werden, welche in &#196;gypten f&#252;r die Entstehung dieser Bewegung zentral waren. Revolutionen haben keine fixen Drehb&#252;cher und entstehen auch nicht aus dem Nichts! Es gibt immer AktivistInnen, die &#252;ber Jahre an K&#228;mpfen geschult wurden, &#252;ber Siege und Niederlagen Erfahrungen akkumuliert haben und dabei Zusammenh&#228;nge schufen, welche in der Lage sind, die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen zu bringen. Dies ist in &#196;gypten nicht anders gewesen, und tats&#228;chlich ist in den letzten Jahren eine Generation von AktivistInnen entstanden, ohne die die aktuelle Situation nicht denkbar w&#228;re. Dar&#252;ber hinaus formierte sich innerhalb dieser K&#228;mpfe nicht zuletzt eine neue und junge Linke, welche im Unterschied zu fr&#252;heren Generationen vor allem durch ihre unsektiererische Haltung gegen&#252;ber anderen politischen Richtungen und insbesondere der Muslimbruderschaft gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Im Folgenden soll auf drei Phasen von sozialen K&#228;mpfen in &#196;gypten eingegangen werden, die mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre identifiziert werden k&#246;nnen. Denn die Radikalit&#228;t und St&#228;rke der gegenw&#228;rtigen Bewegung kann nur dann erkl&#228;rt werden, wenn diese Phasen analysiert und als zusammenh&#228;ngend und aufeinander aufbauend verstanden werden. Daran anschlie&#223;end werde ich in acht Punkten auf den Charakter der Revolution, die wichtigsten AkteurInnen und die Herausforderungen, mit denen sich die progressiven Kr&#228;fte in &#196;gypten nun konfrontiert sehen, eingehen.</p>
<p><strong>1. 2000-2003:</strong> Eine erste Welle des Protests erfasste &#196;gypten zwischen 2000 und 2003. Dies geschah erst im Rahmen der Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina und danach der Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Zum ersten Mal seit langer Zeit fanden wieder &#246;ffentliche Stra&#223;enproteste in &#196;gypten statt. Die Bewegung wurde insbesondere von Studierenden an den Universit&#228;ten getragen, wobei vor allem linke Studierende die Bewegung anf&#252;hrten, w&#228;hrend die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft, die Muslimbruderschaft, eher durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<br />
Wie auf der ganzen Welt, so fanden auch in &#196;gypten vor der Invasion der USA in den Irak Anfang 2003 Massenproteste statt. Erstmals erschienen mehrere tausende Menschen auf dem symboltr&#228;chtigen Tahrir-Platz in Kairo, um ihren Unmut auszudr&#252;cken. Was diese Proteste auszeichnete, war jedoch nicht nur einfach die Tatsache ihres Zustandekommens, sondern vielmehr der Umstand, dass die Kritik am US-Imperialismus sowie der Politik des Staates Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinenserInnen erstmals mit der Kritik an den eigenen Herrschenden in &#196;gypten, insbesondere dem Pr&#228;sidenten Hosni Mubarak, verbunden wurde. W&#228;hrend die Kritik am Pr&#228;sidenten bisher eher fl&#252;sternd ge&#228;u&#223;ert wurde, hatte man pl&#246;tzlich vereinzelte Rufe gegen Mubarak auf den Demonstrationen. Doch erst in der n&#228;chsten Phase nahm diese Entwicklung eine neue Qualit&#228;t an.</p>
<p><strong>2. 2004-2005</strong>: Seit 2004 formierte sich die „Kefaya“-Bewegung (dt.: „Genug!“) aus der Antikriegsbewegung der vorhergehenden Jahre. Diese repr&#228;sentierte ein breites B&#252;ndnis von NasseristInnen, Liberalen, SozialistInnen sowie auch der Muslimbruderschaft. Obwohl die von ihr organisierten Proteste zahlenm&#228;&#223;ig meist nicht mehr als einige hundert Leute auf die Stra&#223;e brachten (jeglicher Stra&#223;enprotest in &#196;gypten wird grunds&#228;tzlich mit einem Gro&#223;aufgebot der Polizei konfrontiert und von der &#214;ffentlichkeit isoliert), war die Bedeutung von „Kefaya“ eher in ihrer politischen Radikalit&#228;t begr&#252;ndet, mit der sie auch eine gewisse &#214;ffentlichkeit erreichte. So fanden erstmals Proteste statt, in denen dezidiert der R&#252;cktritt Mubaraks und eine &#214;ffnung des rigiden politischen Systems gefordert wurde. Nach 2005 verlor die „Kefaya“-Bewegung aufgrund interner Streitigkeiten sowie einer zunehmenden Repression an Bedeutung. Nichtsdestotrotz hat sie eine neue Kultur des Protestes und der Kritik etablieren k&#246;nnen und gleichzeitig aufgezeigt, dass die Opposition bis zu einem gewissen Grad auch geschlossen gegen das Regime auftreten kann.</p>
<p><strong>3. 2006-2008</strong>: Seit dem Winter 2006 rollte eine Streikwelle durch &#196;gypten, wie sie seit den 1940er Jahren nicht mehr entstanden war. Ihr Zentrum sowie ihren Ausgangspunkt hatte diese Bewegung in der Industriestadt Mahalla al-Kubra, in der sich die gr&#246;&#223;te Textilfabrik des Mittleren Ostens und damit 27.000 ArbeiterInnen befinden. Hunderte Streiks und hunderttausende ArbeiterInnen nahmen in den darauf folgenden zwei Jahren an diversen Streikaktionen im ganzen Land teil und forderten eine Anhebung der mickrigen L&#246;hne, eine Auszahlung der Bonis bis hin zur Absetzung der korrupten, lokalen Gewerkschaftsvorsitzenden. Zum ersten Mal kamen auch Forderungen nach unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf, was zumindest im Falle der SteuerbeamtInnen auch zur Gr&#252;ndung der ersten unabh&#228;ngigen Gewerkschaft seit 1952 f&#252;hrte.<br />
Den H&#246;hepunkt fand die Streikbewegung am 6. April 2008 in der Stadt Mahalla al-Kubra. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von <em>Ghazl El-Mahalla</em> f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und bessere Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte nach der Besetzung des Betriebes durch Polizeieinheiten in zwei Tage andauernden Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen. Obwohl am Ende die Polizei die „Intifada von Mahalla“ niederschlug, war eine neue Qualit&#228;t in der Auseinandersetzung zwischen Staat und ArbeiterInnen erreicht. Bedeutend war der der Aufstand vom 6. April auch deshalb, weil er von der Oppositionsbewegung in ganz &#196;gypten aufgegriffen wurde. Wenn auch der Aufruf zum landesweiten Generalstreik ein Hirngespinst einiger <em>facebook</em>-AktivistInnen blieb und letztendlich nicht umgesetzt werden konnte, hatte der Aufstand eine enorme symbolische Bedeutung f&#252;r eine Generation von &#228;gyptischen AktivistInnen und f&#252;hrte zu einer Ann&#228;herung der Demokratiebewegung an die ArbeiterInnenbewegung. Die „Jugendbewegung des 6. April“, welche einen ma&#223;geblichen Anteil am Zustandekommen der &#228;gyptischen Revolution hatte, gab sich aufgrund dieses Aufstands ihren Namen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Der 6. April 2008 war der letzte gro&#223;e Aufschwung der oppositionellen Bewegungen in &#196;gypten bis zu den Entwicklungen der letzten Wochen. Nichtsdestotrotz wurden diverse Kampagnen organisiert und um diese herum bauten sich weitere Netzwerke von AktivistInnen auf. Diese Kampagnen thematisierten meist die Menschenrechtssituation in &#196;gypten, Polizeirepression und Korruption. Eine dieser Kampagnen war &#8220;We are all Khaled Said&#8221;, ein Blogger welcher letzten Sommer von korrupten Polizisten in Alexandria auf offener Stra&#223;e zu Tode gepr&#252;gelt wurde. Was mit Khaled Said passiert war, wurde zu einem Symbol des politischen Zustands in &#196;gypten.<br />
Bereits vor der Revolution in Tunesien war aus &#196;gypten eine angespanntere Stimmung als die Jahre zuvor zu vernehmen. Die Parlamentswahlen im November 2010 zeigten erneut das jegliche Hoffnung auf eine politische Liberalisierung vergeblich waren. W&#228;hrend die Muslimbruderschaft mit 88 Abgeordneten als gr&#246;&#223;ter Oppositionsblock in den Wahlen von 2005 ins Parlament einziehen konnte, blieben er nun nur noch ein einziger Abgeordneter &#252;brig.<br />
Der Bombenangriff auf eine koptische Kirche in Alexandria und die Reaktionen darauf zeigten ebenfalls in welche Richtung der Wind zu wehen begann. Spontane Demonstrationen der koptischen Gemeinde verurteilten das Regime und die Polizei f&#252;r den fehlenden Schutz. Zahlreiche Proteste an denen auch MuslimInnen teilnahmen wurden organisiert. In dem n&#246;rdlichen Kairoer ArbeiterInnenbezirk Shubra mit einem hohen koptischen Bev&#246;lkerungsanteil fanden Massenproteste mit Beteiligung diverser Oppositionsparteien statt. Zeitweise konnte die Polizei bereits relativ erfolgreich konfrontiert werden.<br />
Die Revolution in Tunesien war in dieser Situation wie ein Z&#252;ndfunke f&#252;r ein schon volles Pulverfass. Der Sturz Ben Ali&#8217;s zeigte, dass durch die Massenproteste auch die brutalste Diktatur gest&#252;rzt werden kann und gab den AktivistInnen in &#196;gypten das Selbstbewusstsein und die &#220;berzeugung es ihren Br&#252;dern und Schwestern in Tunesien gleich zu tun.</p>
<p><strong>1. Eine wahre Revolution</strong></p>
<p>Die Ereignisse in &#196;gypten beschr&#228;nkten sich nicht nur auf eine gro&#223;e Party am Tahrir-Platz, wie es die Medien oft darstellten, sondern sie waren ein tats&#228;chlicher Aufstand im gesamten Land. Von Alexandria bis Kairo, von Suez bis zur weit im Westen liegenden Oase Kharga gingen die Leute auf die Stra&#223;e. Auch in kleinen Ortschaften brannten Polizeistationen oder wurden – insbesondere in der Bev&#246;lkerung als sadistisch bekannte – Polizisten nicht mehr als Autorit&#228;ten anerkannt und vertrieben. Betriebe im gesamten Land wurden bestreikt und Volkskommitees (<em>Popular Commitees</em>) errichtet, um nach dem Abzug der Polizei ab dem 28. J&#228;nner das &#246;ffentliche Leben selbst zu organisieren.<br />
In diesem Prozess ver&#228;nderte sich auf einen Schlag das Bewusstsein von Millionen und eine neue Generation artikulierte sich politisch. Die Angst vor dem Regime transformierte sich in Wut, politische Lethargie in das Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t und Verantwortungsbewusstsein f&#252;r das eigene Handeln und die politische Relevanz jedes/r Einzelnen f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung trat hervor. Genau dies machte es zu einer echten Revolution!<a title="anm2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Die demokratische Revolution in &#196;gypten und dar&#252;ber hinaus ist auch auf einer weiteren Ebene bedeutend. Seit 9/11 trat vor allem die US-Regierung mit der Position auf, Demokratie m&#252;sse den unterentwickelten islamischen und arabischen L&#228;ndern gebracht werden, wenn n&#246;tig auch mit Bomben. Dieses L&#252;gengeb&#228;ude ist nun eingest&#252;rzt! Die Menschen selbst sind sehr wohl in der Lage f&#252;r ihre eigene Befreiung einzutreten und brauchen keine westlichen Soldaten oder neokonservative Think Tanks um ihnen Demokratie beizubringen!</p>
<p><strong>2. &#8230;doch nicht vollendet – Der national-demokratische Charakter der Revolution</strong></p>
<p>Die Revolution war jedoch bisher vor allem eine national-demokratische Revolution. Da sich die Proteste prim&#228;r gegen die autorit&#228;re Herrschaftsstruktur, gegen eine ungeheuer korrupten Elite und f&#252;r einfache B&#252;rgerrechte richteten, konnten Menschen unterschiedlichster Herkunft Bezug dazu herstellen. Mitglieder fast aller Klassen, Konfessionen und politischer Richtungen nahmen daran teil. Es wurde die &#8220;&#228;gyptische Nation&#8221; als Ganze angerufen.<br />
&#8220;National&#8221; ist die Revolution auch deshalb, weil sie sich gegen den geopolitisch untergeordneten Status &#196;gyptens als Anh&#228;ngsel des „Westens“ richtet. W&#228;hrend &#196;gypten unter dem ehemaligen Pr&#228;sidenten Nasser f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Kurs stand und ein selbstbewusstes Image als widerst&#228;ndiges Land der Dritten Welt besa&#223;, kann das von dem Mubarak-Regime nicht behauptet werden. Das Regime war in engster Weise mit dem „Westen“ und vor allem den USA verbunden. Mit dem Camp-David-Abkommen Ende der 1970er Jahre wurde ein Friedensvertrag mit Israel beschlossen und eine relativ enge Kooperation aufgebaut – eine Entwicklung mit der sich die Mehrheit der &#196;gypterInnen nicht identifizieren konnte.<br />
Hinzu kommt, dass sich &#196;gypterInnen international oft als Menschen zweiter Klasse verstanden. Die das Land besuchenden „westlichen“ TouristInnen hatten einen weit besseren Status als die meisten &#196;gypterInnen. Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass &#196;gypterInnen unf&#228;hig seien, eigenst&#228;ndige Politik zu machen. Diese Revolution hat jedoch so etwas wie einen nationalen Stolz zur&#252;ck gegeben. Putztrupps, die den Tahrir-Platz s&#228;uberten und auch jetzt noch in den Stra&#223;en f&#252;r Sauberkeit sorgen, sind ein Ausdruck dieses Gef&#252;hls.<br />
Der nationale Charakter dr&#252;ckt sich weiters in der Positionierung der Mehrheit gegen&#252;ber dem Milit&#228;r aus. Anders als der Polizeiapparat, welcher in den Augen der &#196;gypterInnen immer schon als nach innen gerichteter Repressionsapparat wahrgenommen wurde und den Hass der Gesellschaft auf sich vereinte, war das Milit&#228;r mit dem Schein nationaler Einheit und politischer Neutralit&#228;t umgeben. Dies ist vor dem Hintergrund der Rolle des Milit&#228;rs in der &#228;gyptischen Geschichte zu verstehen. Es war zentraler St&#252;tzpfeiler der nationalistisch-populistischen &#196;ra Nassers sowie Verteidiger gegen ausl&#228;ndische Aggressoren (Kriege in den Jahren 1956, 1968, 1973).</p>
<p><strong>3. Widerspr&#252;che innerhalb der Bewegung</strong></p>
<p>Bis zum R&#252;cktritt Mubaraks am 11. Februar galt innerhalb der revolution&#228;ren Bewegung Einheit im gemeinsamen Kampf gegen das Regime. Nach deren erstem Erfolg ist zu erwarten, dass sich die Bewegung ausdifferenziert. Ein gro&#223;er Teil der Bewegung argumentierte unmittelbar nach dem Abtritt des Pr&#228;sidenten und der &#220;bernahme der Staatsgesch&#228;fte durch das Milit&#228;r f&#252;r eine Demobilisierung der Bewegung, eine Beendigung der Streiks und eine „R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t“. Dem Milit&#228;r wurde von vielen das Vertrauen ausgesprochen, einen geregelten &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu garantieren. Noch vor dem Fall Mubaraks sprachen sich zum Beispiel Mohammed el-Baradei und seine Unterst&#252;tzerInnen f&#252;r ein Einschreiten des Milit&#228;rs und eine Beendigung des &#8220;Chaos&#8221; aus.  Nun sei es an der Zeit, das „neue &#196;gypten“ aufzubauen und „h&#228;rter zu arbeiten als jemals zuvor“.<br />
F&#252;hrende Figuren der „Jugendbewegung“ wie Wael Ghonim sa&#223;en bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks zusammen mit den Milit&#228;rs an einem Tisch, um einen Dialog aufzubauen. Einige liberale Kr&#228;fte der Opposition bildeten die &#8220;Koalition der Jugend der Revolution&#8221; – darunter Repr&#228;sentantInnen der &#8220;6. April Bewegung&#8221;, j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie der Gruppe um El-Baradei. Es wird sich noch zeigen, welche Rolle diese Zusammenh&#228;nge weiterhin spielen werden. Doch das Vertrauen in das Milit&#228;r als Garant f&#252;r einen geregelten &#220;bergang in eine Post-Mubarak &#196;ra, der Aufruf zur Demobilisierung der Bewegung sowie vor allem zur Beendigung der massenhaften Streiks im Land sind gef&#228;hrliche Schritte, da sie der revolution&#228;ren Bewegung ihr urspr&#252;ngliches Momentum nehmen k&#246;nnten. Solange keine starken und permanenten Gegenstrukturen  zum Staatsapparat gebildet werden, ist die Revolution in Gefahr gewonnenes Terrain zu verlieren.</p>
<p><strong>4. Muslimbruderschaft</strong></p>
<p>Die Muslimbruderschaft ist die gr&#246;&#223;te und am besten organisierte Oppositionskraft &#196;gyptens. Dabei spielte sie immer eine widerspr&#252;chliche Rolle. Ihre F&#252;hrung versuchte, eine eher moderate konformistische Haltung einzunehmen. Nicht der Sturz des Regimes sondern eine Beteiligung am System war ihr prim&#228;res Interesse. Ihr Verh&#228;ltnis zum Regime war ebenso ambivalent. Je nach politischer Konjunktur wurde sie, obwohl immer offiziell illegal, mal geduldet oder verst&#228;rkt verfolgt. Gleichzeitig gibt es in der Muslimbruderschaft seit einigen Jahren eine neue Generation junger aktivistischer Mitglieder, die weiter gehen will als ihre F&#252;hrung. Wenn die Organisation in der Demokratiebewegung aktiver wurde, dann meist durch den Druck dieser Basis. Diese Jugend war auch aktiv an der Bewegung beteiligt.<br />
Seit der Revolution steckt die Organisation in einer Zwickm&#252;hle. Die F&#252;hrung reagierte versp&#228;tet auf die Bewegung, w&#228;hrend viele Mitglieder von Anfang an aktiv beteiligt waren. Politisch hat sie keine f&#252;hrende Rolle gespielt, auch wenn sie nachtr&#228;glich der Bewegung ihre Infrastruktur zur Verf&#252;gung stellte.<br />
Aktuell rief die Muslimbruderschaft dazu auf, dem Milit&#228;r mit dem &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu vertrauen. Noch vor dem Sturz Mubaraks waren sie an Gespr&#228;chen mit dem Regime beteiligt, um einen Kompromiss auszuhandeln. Diese Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Ernennung eines Mitglieds der Bruderschaft an einem vom Milit&#228;r eingesetzten Komitee zur &#220;berarbeitung der Verfassung.<br />
Ziel der Muslimbruderschaft ist es, eine legale politische Partei zu werden. An einer grunds&#228;tzlichen Ver&#228;nderung der sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens hat sie kein Interesse. Ein Vergleich mit der AKP der T&#252;rkei ist hierbei angebracht.</p>
<p>W&#228;hrend viele Teile der Opposition von der R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t und einem &#8220;Ende&#8221; der Revolution reden, argumentieren linke Teile der Bewegung daf&#252;r, die nun verst&#228;rkt auftretenden sozialen K&#228;mpfe weiterzuf&#252;hren und den Aufbau unabh&#228;ngiger Gewerkschaften zu forcieren. So sollte die Mobilisierung zum Tahrir-Platz mit der Mobilisierung innerhalb der Betriebe erg&#228;nzt bzw. durch diese ersetzt werden. Gleichzeitig warnen diese Kr&#228;fte davor, dem Milit&#228;r als Garant f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Revolution zu vertrauen (zur Frage des Milit&#228;rs, siehe unten).<br />
Die Revolution in &#196;gypten hat au&#223;erordentliches geschafft, etwas womit kaum jemand gerechnet hat. Jedoch sind die alten Strukturen &#196;gyptens noch weitgehend in Kraft. Der tats&#228;chliche Kampf f&#252;r strukturelle Ver&#228;nderungen f&#228;ngt somit erst an. Ein wesentlicher Faktor daf&#252;r wird die F&#228;higkeit progressiver Kr&#228;fte zur Formierung, sowie die Aktivit&#228;ten der ArbeiterInnenklasse im Aufbau einer Gegenmacht sein!</p>
<p><strong>5. Die ArbeiterInnenbewegung &#8211; </strong><em><strong>the next stage of the revolution</strong></em><strong>!</strong></p>
<p>ArbeiterInnen waren zwar seit Beginn der Proteste involviert, beteiligten sich aber zun&#228;chst nicht als ArbeiterInnen, sondern als einfache DemonstrantInnen. In der letzten Woche vor dem Sturz Mubaraks nahm die Zahl von Streiks und ArbeiterInnenk&#228;mpfen jedoch rasant zu, und ArbeiterInnen begannen sich als ArbeiterInnen in den Betrieben zu organisieren. Dies war der letzte Ansto&#223; f&#252;r den Fall Mubaraks.<br />
Die &#228;gyptische ArbeiterInnenklasse denkt nicht daran, sich mit dem Abtritt Mubaraks und der Macht&#252;bernahme durch das Milit&#228;r zu begn&#252;gen. Immer neue Teile der ArbeiterInnenklasse wurden in den letzten Wochen aktiv, um ihre soziale Lage zu thematisieren. In allen Sektoren der Wirtschaft finden Streiks statt. Von den Suezkanal-ArbeiterInnen &#252;ber TextilarbeiterInnen bis hin zu MitarbeiterInnen diverser Ministerien und des &#246;ffentlichen Sektors werden Arbeitsk&#228;mpfe organisiert und Forderungen aufgestellt. Letztere sind dabei weitreichend. Neben Lohnerh&#246;hungen und dem Wunsch nach staatlichen Sozialleistungen sind die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn sowie der Absetzung korrupter Bosse und lokaler staatlicher Gewerkschaftsf&#252;hrer prominente Themen.<br />
Parallel zu den lokalen K&#228;mpfen gewinnt die Bewegung zur Gr&#252;ndung eines unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbundes an St&#228;rke. Bereits zu Beginn der Bewegung riefen die unabh&#228;ngige Gewerkschaft der SteuerbeamtInnen sowie des Krankenhauspersonals zur Formierung einer solchen auf. Seither haben sich einige weitere Betriebe und Sektoren dieser Initiative angeschlossen. Immer neue Forderungskataloge finden ihren Weg an die &#214;ffentlichkeit.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Diese Entwicklung wird ein wesentlicher Faktor im weiteren Verlauf der Revolution in &#196;gypten sein. Eine unabh&#228;ngige Gewerkschaftsbewegung w&#228;re in der Lage, die lokalen und bisher meist von einander isolierten K&#228;mpfe zu vereinen und die Frage einer sozialen Revolution fl&#228;chendeckend auf die Tagesordnung zu stellen.<br />
Die Streikbewegung ist jedoch mit Hindernissen konfrontiert. So hat das Milit&#228;r mehrmals zur Beendigung der Streiks aufgerufen und mit der Anwendung von Gewalt gedroht. Wie oben erw&#228;hnt haben auch Teile der Bewegung die Beendigung der sozialen K&#228;mpfe gefordert, um nun das „neue &#196;gypten“ aufzubauen. Unumstritten ist, dass mit der revolution&#228;ren Bewegung die B&#252;chse der Pandora ge&#246;ffnet wurde. ArbeiterInnen haben schon in den letzten Jahren verst&#228;rkt f&#252;r ihre sozialen und politischen Rechte gek&#228;mpft. F&#252;r sie ist die Verbindung zwischen dem autorit&#228;ren politischen System und der &#246;konomischen Ausbeutung viel offensichtlicher als f&#252;r andere Bev&#246;lkerungsteile. Die Eliten in der Politik waren die gleichen korrupten Unternehmer, die sie f&#252;r Hungerl&#246;hne schuften haben lassen.  Ein „demokratisches“ &#196;gypten w&#252;rde f&#252;r ArbeiterInnen nichts ver&#228;ndern, wenn sich nicht auch die sozialen Verh&#228;ltnisse mitver&#228;ndern w&#252;rden. Ob dies passiert oder nicht, h&#228;ngt von den sich nun formierenden militanten ArbeiterInnen und SozialistInnen ab. Die Voraussetzungen f&#252;r einen solchen Kampf sind jedoch zweifelsohne vorhanden.</p>
<p><strong>6. Rolle der Armee</strong></p>
<p>Die Milit&#228;relite ist fixer Bestandteil des Regimes, und ihr ist nicht zu trauen! Seit dem 11. Februar hat der oberste Milit&#228;rrat die Regierungsgesch&#228;fte &#252;bernommen. Verteidigungsminister Tantawi, lange Zeit enger Freund und Kollege von Mubarak, steht nun an der Spitze des Staates. Das Milit&#228;r wird von vielen als Garant f&#252;r Stabilit&#228;t und einen „geordneten“ &#220;bergang zu einer zivilen Regierung gesehen. Obwohl es den Anschein einer neutralen Institution hat, war das Milit&#228;r schon immer einer der wichtigsten St&#252;tzpfeiler des Regimes. W&#228;hrend es bis in die 1970er Jahre eine offene politische F&#252;hrungsfunktion hatte, verschwand es danach aus der politischen &#214;ffentlichkeit. Seither existiert ein Deal zwischen der zivilen Regierung und dem Milit&#228;r. Letzteres h&#228;lt sich dabei zwar bewusst im Hintergrund, sein Einfluss in Wirtschaft und Politik ist jedoch enorm:<br />
- Personell sind die Kommandoh&#246;hen des Staates von ehemaligen Offizieren besetzt. Alle  Pr&#228;sidenten seit 1952 rekrutierten sich aus dem Milit&#228;r. Hosni Mubarak selbst war, bevor er unter Sadat Vizepr&#228;sident wurde, Offizier der Luftwaffe.<br />
- Das Milit&#228;r betreibt ein weitreichendes Wirtschaftsnetz. In vielen Branchen wie  der Nahrungsmittel- und Zementproduktion, der Automobilindustrie oder der Gasf&#246;rderung mischt das Milit&#228;r an entscheidender Stelle mit. Zudem kontrolliert es einen gro&#223;en Teil des &#246;ffentlichen Grund und Bodens in &#196;gypten. Auch genie&#223;t das Milit&#228;r im Wirtschaftsbereich weitreichende Privilegien. So ist es von Steuerzahlungen befreit und muss sich mit vielen der b&#252;rokratischen H&#252;rden, denen die Privatwirtschaft unterliegt, nicht herumschlagen. Es genie&#223;t somit eine gewisse Autonomie im Staat und der Wirtschaft.<br />
- Ein stark ausgebauter Sektor von Clubs, Krankenh&#228;usern etc. soll die Loyalit&#228;t der eigenen Offiziere gew&#228;hrleisten und sie bei Stange halten.<br />
- Das Bild vom Milit&#228;r als politisch neutrale Institution und rein nach au&#223;en gerichtete Verteidigungsarmee ist tats&#228;chlich ein Mythos. In Notzeiten war es bisher immer sofort zur Stelle, um die innenpolitische Feuerwehr zu spielen: Bei der Niederschlagung der Brotaufst&#228;nde von 1977 und einer Polizeirevolte 1986 ebenso wie im Krieg gegen militante islamistische Bewegungen in den 1990er Jahren.<br />
- Au&#223;enpolitisch ist es ebenfalls das Milit&#228;r, das am engsten mit Israel und den USA zusammenarbeitet. So erh&#228;lt das &#228;gyptische Milit&#228;r mit ca. 1.3 Mrd. Dollar nach Israel die zweith&#246;chste US-Milit&#228;rhilfe.</p>
<p>Es ist gut vorstellbar, dass das Milit&#228;r den &#220;bergang zu einer zivilen Regierung tats&#228;chlich garantiert und keine weitere, offen-politische Pr&#228;senz anvisiert. Dies w&#252;rde durchaus ihrem eigenen Interesse entsprechen, konnte es doch bereits in den letzten Jahrzehnten erfolgreich im Hintergrund agieren, ohne sich dabei &#246;ffentlicher Kritik stellen zu m&#252;ssen. Voraussetzung daf&#252;r wird jedoch sein, dass die &#246;konomische Rolle und die institutionalisierten Privilegien des Milit&#228;rs unangetastet bleiben. Was passiert, wenn diese zur Diskussion gestellt werden, bleibt demgegen&#252;ber eine offene Frage. Solange dies nicht geschieht, besteht eine grunds&#228;tzliche strukturelle Kontinuit&#228;t zur Mubarak-&#196;ra.<br />
Ungekl&#228;rt bleibt auch, wie die weiteren Entwicklungen innerhalb der Armee aussehen. W&#228;hrend gro&#223;e Teile der Soldaten und mittleren Offiziersr&#228;nge mit der Bewegung sympathisierten (siehe die Bilder sich solidarisierender Soldaten und Offiziere am Tahrir-Platz), sind die oberen Generalsr&#228;nge fixer Bestandteil des &#228;gyptischen Herrschaftsapparats und, wie oben gezeigt, an einem grunds&#228;tzlichen Wandel nicht interessiert. Ein Vertrauen in das bestehende Oberkommando h&#228;tte daher f&#252;r die Perspektiven der Revolution in &#196;gypten fatale Folgen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>7. Fraktionsk&#228;mpfe innerhalb der Eliten</strong></p>
<p>Trotz offensichtlicher Kontinuit&#228;ten hat es in den letzten Wochen mehrere strategische Man&#246;ver gegen Teile des alten Regimes gegeben. Einzelnen Ministern wurde die Ausreise verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Manche wurden mittlerweile sogar festgenommen, gegen sie wird wegen Korruption ermittelt. Die betroffenen Kreise sind vor allem jene Unternehmer, die erst in den letzten Jahren in der Hierarchie der regierenden NDP (<em>National Demokratische Partei</em>) aufgestiegen sind. Diese Gruppe, welche eng mit Gamal Mubarak, dem Sohn des Pr&#228;sidenten und bis zur Revolution sein potentieller Nachfolger, verbunden war, stand f&#252;r eine neue Fraktion in &#196;gyptens Herrschaftsapparat. Anders als die „alte Garde“ favorisierte diese Fraktion eine Verst&#228;rkung des neoliberalen Kurses, von dem sie auch pers&#246;nlich enorm profitieren konnte. Repr&#228;sentanten dieser nachr&#252;ckenden Gruppe waren zum Beispiel  der Stahl-Tycoon Ahmad Ezz, der f&#252;r die NDP im Parlament sa&#223; und sich durch die Privatisierung von Stahlbetrieben bereichern konnte. Andere sind der ehemalige Innenminister Habib al-Adly, Tourismusminister Zoheir Garranah und der ehemalige Wohnbauminister Ahmed El-Maghraby. Alle vier wurden bereits verhaftet. Obwohl ihre Verfolgung sehr zu begr&#252;&#223;en ist – sie haben an der Neoliberalisierungsoffensive der letzten Jahre zweifellos einen gro&#223;en Anteil – m&#252;ssen diese Entwicklungen mit Vorsicht betrachtet werden. Tats&#228;chlich werden hier n&#228;mlich S&#252;ndenb&#246;cke f&#252;r das alte Regime gesucht. Zudem darf nicht &#252;bersehen werden, dass hier auch innerhalb der Herrschaftselite alte Rechnungen beglichen werden.</p>
<p><strong>8. Regionale und globale Dimension der Revolution(en) – 2011 als Jahr der Revolutionen?!</strong></p>
<p>Nach den Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten werden die Karten geopolitisch neu gemischt werden m&#252;ssen. Der „Westen“ wei&#223; noch nicht so recht, wie er auf die Situation reagieren soll und womit er noch zu rechnen hat. Zudem wird der Widerspruch zwischen den eigenen geopolitischen Interessen, die denen der autorit&#228;ren Regime  in engster Weise verbunden waren, und der Rhetorik von Demokratie und Freiheit f&#252;r alle in dieser Situation nur zu offensichtlich.<br />
Bisher hat sich die Berichterstattung auf den arabischen Raum konzentriert. Doch die Inspiration der Revolution in Tunesien und &#196;gypten hat bereits andere Regionen erreicht. Im Iran sch&#246;pfte die Opposition, die 2009/2010 noch brutal niedergeschlagen wurde, neue Energie und Hoffnung. Aber auch in den nicht weniger autorit&#228;r regierten L&#228;ndern Afrikas finden die ersten Revolutionen des 21. Jahrhundert einen starken Widerhall.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Selbst in den USA findet die Revolution in &#196;gypten einen Widerhall. Die j&#252;ngsten gewerkschaftlichen K&#228;mpfe in Wisconsin sahen teilweise direkte Bezugsnahmen auf die Massenproteste im Mittleren Osten. Unabh&#228;ngig vom weiteren Verlauf der Ereignisse kann schon jetzt gesagt werden, dass das Jahr 2011 neben 1848, 1917, 1968 und 1989 als Jahr der Revolutionen in die Geschichte eingehen wird. Die Entwicklung, welche in Tunesien ihren Anfang nahm, hat sich in k&#252;rzester Zeit zu einem regionalen Fl&#228;chenbrand ausgebreitet. Die Erfahrung, dass auch die brutalsten und autorit&#228;rsten Regime durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden k&#246;nnen, hat sich weltweit in das Bewusstsein von Millionen Menschen eingebrannt. Revolutionen sind ansteckend, und es wird noch zu sehen sein, was die langfristigen Folgen der j&#252;ngsten Entwicklungen sein werden.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven<br />
Wien, am 27. Februar 2011</em></p>
<p><strong>weiterf&#252;hrende Links:</strong></p>
<p>Spannende Dokumentation &#252;ber die &#228;gyptische Revolution: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded">http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded</a></p>
<p>Zu feministischen Positionen in der Revolution:<br />
<a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html">http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html</a></p>
<p>Interview mit der ber&#252;hmten radikalen Feministin und Autorin Nawal el-Saadawi:<br />
<a href="http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html">http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html<br />
</a><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;">Zwei lesenswerte Artikel zur Rolle von Frauen in der Revolution: <a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html">http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html</a></span></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;"><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></span><a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_">http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_</a></p>
<p>Reiseberichts-Serie von marx21 zur &#228;gyptischen Revolution: <a href="http://marx21.de/content/view/1349/32/">http://marx21.de/content/view/1349/32/</a></p>
<p>Zur Opposition, inklusive der Muslimbruderschaft:<br />
<a href="http://marx21.de/content/view/1326/32/">http://marx21.de/content/view/1326/32/</a></p>
<p>Zum Verh&#228;ltnis zwischen der Linken und der Muslimbruderschaf:<br />
<a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a></p>
<p>Ein toller Artikel zu Neoliberalismus, Korruption, Milit&#228;r und die soziale Frage in &#196;gypten: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html">http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe zum Geburtsort der Revolution in Mahalla: <a href="http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full">http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Es wurden hunderte Tagebucheintr&#228;ge und Berichte zu den revolution&#228;ren Erfahrungen verfasst. Hier eine kleine Auswahl:<br />
<a href="http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2">http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2</a>, <a href="http://samuliegypt.blogspot.com/">http://samuliegypt.blogspot.com/</a>, <a href="http://caironotes.blogspot.com/">http://caironotes.blogspot.com/</a>, <a href="http://www.sandmonkey.org/">http://www.sandmonkey.org/</a>, <a href="http://www.arabist.net/">http://www.arabist.net/</a>, <a href="http://www.arabawy.org/blog/">http://www.arabawy.org/blog/</a>. Zur Vorbereitung des Aufstands am 25. J&#228;nner siehe: <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html">http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html</a></p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Siehe zur letzten Deklaration der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft: <a href="http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/">http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/</a>, <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000">http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000</a></p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Siehe zur Rolle des Milit&#228;rs in &#196;gypten: <a href="http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html">http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html</a></p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Siehe dazu: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html">http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html</a></p>
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		<item>
		<title>Veranstaltung: Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/14/veranstaltungdie-revolutionaeren-bewegungen-in-tunesien-und-aegypten/</link>
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		<pubDate>Mon, 14 Feb 2011 17:40:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Tunesien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1756</guid>
		<description><![CDATA[15.2.2011: Perspektiven-Autor Ramin Taghian spricht auf der Diskussionsveranstaltung Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten &#8211; Hingehen! Ausdr&#252;cklich empfohlen!
19:30, Afro-Asiatisches Institut (AAI), T&#252;rkenstr. 3, 1090 Wien.

RednerInnen:
Imed Garbaya, ehem. linker, panarabischer Uni-Aktivist aus Gafsa (Tunesien), Kaufm&#228;nnischer Angestellter in Wien.
Elisabeth Mandl, Gewerkschafterin aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, lebte l&#228;ngere Zeit in der Region
Ramin Taghian, Verfasste ua. folgenden Artikel zur &#228;gyptischen Linken: http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>15.2.2011: Perspektiven-Autor Ramin Taghian spricht auf der Diskussionsveranstaltung <em>Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten</em> &#8211; Hingehen! Ausdr&#252;cklich empfohlen!<br />
19:30, Afro-Asiatisches Institut (AAI), T&#252;rkenstr. 3, 1090 Wien.<br />
<span id="more-1756"></span></p>
<p><em>RednerInnen:</em><br />
Imed Garbaya, ehem. linker, panarabischer Uni-Aktivist aus Gafsa (Tunesien), Kaufm&#228;nnischer Angestellter in Wien.</p>
<p>Elisabeth Mandl, Gewerkschafterin aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, lebte l&#228;ngere Zeit in der Region</p>
<p>Ramin Taghian, Verfasste ua. folgenden Artikel zur &#228;gyptischen Linken:<a href=" http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/"> http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/</a> (Gruppe Perspektiven)</p>
<p>Moderation und Einleitung: Neva L&#246;w (marxist*in)</p>
<p>Eine Veranstaltung von &#8220;Funke&#8221; und &#8220;marxist*in&#8221;<br />
mit Unterst&#252;tzung von AI-Gruppe f&#252;r verfolgte GewerkschafterInnen und dem Freidenkerbund </p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/15/rosinenpicken-4/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[ArbeiterInnenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Chavez]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<category><![CDATA[Venezuela]]></category>

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		<description><![CDATA[Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das MERIP (Middle East Research and Information Project) gibt unter dem Namen MER (Middle East Report) ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: George Trumbell besch&#228;ftigt sich mit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das <em>MERIP</em> <em>(Middle East Research and Information Project)</em> gibt unter dem Namen <em>MER (Middle East Report)</em> ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: <em>George Trumbell</em> besch&#228;ftigt sich mit der Frage, ob der „failed state“ Somalia Ursache f&#252;r das Wiedererstarken der Piraterie zwischen Jemen und dem Horn von Afrika ist, oder ob nicht eher das Konzept des „failed state“ selbst ein Problem darstellt. <em>Chris Toensing</em> und <em>Amanda Ufheil-Somer</em>s analysieren den Nord-S&#252;d-Konflikt im Sudan, der in den n&#228;chsten Jahren zu einer Abspaltung des S&#252;dens f&#252;hren k&#246;nnte. Die Rolle Chinas in Afrika und dem Mittleren Osten sowie die potentiellen imperialen Konflikte, die sich hieraus ergeben k&#246;nnten, untersucht <em>Philip McCrum</em>. Und <em>Mona El-Ghobashy</em> analysiert in ihrem Artikel The Dynamics of Egypt’s Elections die Bedeutung von Wahlen in einem Land, in dem es oft so scheint, als best&#252;nde deren Funktion nur darin, dem Regime das M&#228;ntelchen der Legitimit&#228;t umzuh&#228;ngen. Aber selbst im &#196;gypten Mubaraks k&#246;nnen sich Risse im Gef&#252;ge der Macht ergeben und ein scheinbar &#252;berm&#228;chtiger Staat herausgefordert werden. So nutzt derzeit nicht nur das Regime den Wahlkampf, um W&#228;hlerInnen zu mobilisieren, sondern auch die Opposition. Nicht zu vergessen ist dar&#252;ber hinaus, dass sp&#228;testens seit der Streikbewegung 2007 mit sozialen Bewegungen als unberechenbarem Faktor gerechnet werden muss. Leider ist nur ein Teil der Artikel derzeit im Internet verf&#252;gbar. Dar&#252;ber hinweg tr&#246;stet aber ein regelm&#228;&#223;iger Blick auf die Homepage von <em>MERIP</em>, auf der immer wieder Artikel zu aktuellen Fragen und Herausforderung im Nahen und Mittleren Osten publiziert werden.</p>
<p>Die politische Dynamik in Lateinamerika wurde in den letzten Ausgaben von <em>Perspektiven </em>str&#228;flich vernachl&#228;ssigt. Wir geloben Besserung und verweisen in der Zwischenzeit auf das Interview mit <em>Adolfo Gilly</em> in <em>New Left Review</em> 64. Der 82-j&#228;hrige Historiker der mexikanischen Revolution l&#228;sst hier seine Erfahrungen als Revolution&#228;r in Lateinamerika Revue passieren. Auf die spezifische politische Situation der einzelnen L&#228;nder wird ebenso eingegangen wie auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der dort k&#228;mpfenden linken Gruppierungen. Eine Einsch&#228;tzung der Situation in Venezuela bietet <em>Mike Gonzales</em> in der ersten Ausgabe des neuen Magazins <em>Red Words</em> aus Irland. Er benennt pr&#228;zise die Widerspr&#252;chlichkeit der Verh&#228;ltnisse, die sich in der Figur Hugo Chávez’ verdichten, – auch wenn die j&#252;ngsten Wahlergebnisse in der bereits im April erschienenen Analyse nicht ber&#252;cksichtigt werden konnten.</p>
<p>Der Groucho unter den MarxistInnen, <em>Slavoj Žižek</em>, nimmt die Debatte um die „Euro-Krise“ zum Anlass, um den vergesslicheren unter den Linken eine eigentlich schon l&#228;nger gewonnene Erkenntnis ins Ged&#228;chtnis zu rufen: Dass der b&#252;rgerliche Rechtsstaat und seine liberalen Institutionen nicht das Terrain sind, auf dem wir um wahre Freiheit k&#228;mpfen k&#246;nnen. Vielmehr m&#252;ssen die vermeintlich unpolitischen Verh&#228;ltnisse der Produktion, des Marktes und der Familie umgesto&#223;en werden. Nebenbei bringt er eine der zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Argumente im Angesicht der globalen Wirtschaftskrise auf den Punkt: Man muss <em>gleichzeitig </em>darauf bestehen, dass die Krise nichts „nat&#252;rliches“ ist, sondern Ergebnis einer Abfolge von politischen Entscheidungen – <em>und </em>anerkennen, dass unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen „die Wirtschaft“ tats&#228;chlich pseudonat&#252;rlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterworfen ist, die immer wieder und notwendigerweise Krisen hervorrufen. Ein <em>Žižek </em>in Hochform jedenfalls, der die Kunst beherrscht, auf wenigen Seiten eine Vielzahl von Argumenten und Thesen unterzubringen – manche &#252;berzeugend, manche weniger, alle zum Denken anregend. Ebenfalls in <em>New Left Review</em> 64 erschienen.</p>
<p>In Perspektiven Nr.11 thematisierten <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em> in ihrem Artikel <em>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</em> die Auswirkungen einer neoliberalisierten Sozialpolitik auf die Arbeit im Sozialbereich. Wer sich n&#228;her f&#252;r die Urspr&#252;nge und Folgen dieser von der EU vorangetriebenen Politik interessiert, findet hierzu im neuen Kurswechsel zahlreiche Beitr&#228;ge. Unter dem Titel <em>EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</em> stehen unter anderem der Weg hin zu einer europ&#228;ischen Armuts- und Sozialpolitik sowie ihre Implementierung in &#214;sterreich im Zentrum.</p>
<p>Marxistische Wirtschaftstheorien standen in den Jahren des Nachkriegsbooms vor dem Problem, einen lang andauernden, relativ stabilen Wirtschaftsaufschwung gegen&#252;ber der behaupteten Instabilit&#228;t erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Die <em>Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft</em> war ein in den 1960er Jahren entwickelter Zugang, der aus marxistischer Perspektive zugleich die Grundlagen des Aufschwungs erkl&#228;rte als auch dessen zeitlich begrenzte Wirksamkeit aufzeigte. <em>Gonzalo Pozo</em> zeichnet in der j&#252;ngsten Ausgabe des <em>International Socialism Journal</em> die theoretische Entwicklung und die Probleme dieses Erkl&#228;rungsansatzes kritisch nach und versucht, dessen Relevanz f&#252;r heute aufzuzeigen.<br />
In der gleichen Ausgabe findet sich neben einem bemerkenswerten Nachruf auf den im Januar diesen Jahres verstorbenen<em> Daniel Bensaïd</em> von <em>Sebastian Budgen</em> ein Artikel von <em>John Newsinger</em>, der sich den Klassenk&#228;mpfen in den USA im Jahr der Sitzstreiks 1937 widmet. Er beschreibt dessen Auswirkungen auf gewerkschaftliche Organisierungsformen und auf die Kommunistische Partei in der Zeit des <em>New Deals</em>. Wer die in Perspektiven Nr. 6 beschriebenen K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> spannend fand, wird auch dieses Kapitel der Geschichte der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung gerne nachlesen.</p>
<p>Zu guter letzt sei auf das September-Heft der <em>Kulturrisse </em>verwiesen, in dem &#252;ber das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) debattiert wird. Und das teils im wahrsten Sinne des Wortes: die Transkription einer Podiumsdiskussion mit <em>Milena Bister</em> (Agru Grundeinkommen), <em>Margit Appelt</em> (Katholische Sozialakademie), <em>Melina Klaus</em> (KP&#214;) und <em>Markus Koza</em> (AUGE-UG) zu <em>Potenzialen und Fallstricken der BGE-Forderung</em> l&#228;sst die F&#252;rs und Widers nachvollziehbar aufeinander prallen. Die besten Argumente f&#252;r das Grundeinkommen liefert aber <em>K&#228;the Knittler</em>, die in ihrem Artikel die Sprengkraft einer Forderung, in der die Trennung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit radikal in Frage gestellt wird, aus feministischer Perspektive deutlich macht, ohne das BGE gegen andere sinnvolle und notwendige Forderungen – etwa nach Mindestlohn und Arbeitszeitverk&#252;rzung – auszuspielen.</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Bister, Milena/Appelt, Margit/Klaus, Melina/Koza, Markus: Mit dem Grundeinkommen gegen die Prekarit&#228;t?, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.20–25</p>
<p>Budgen, Sebastian: The Red Hussar. Daniel Bensaïd, 1946–2010, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127</a></p>
<p>East Report online, 29.09.2010, unter: <a href="http://www.merip.org/mero/mero092910.html">http://www.merip.org/mero/mero092910.html</a></p>
<p>Gilly, Adolfo (Interview): What Exists Cannot Be True, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S. 29–45</p>
<p>Gonzales, Mike: Venezuela: The State of the Revolution, in: Red Words. Irish Socialist Journal, Nr. 1 (May 2010), <a href="http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/">http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/</a></p>
<p>Knittler, K&#228;the: Was w&#228;re wenn&#8230; Das bedingungslose Grundeinkommen und die Arbeit, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.12–15</p>
<p>Kurswechsel Nr. 3 (2010): EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</p>
<p>McCrum, Philip: China and the Arabian Sea, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Middle East Research and Information Project (MERIP), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html">http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html</a></p>
<p>Newsinger, John: 1937: the year of the sitdown, in: International Socialism<br />
Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127">http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127</a></p>
<p>Pozo, Gonzalo: Reassessing the permanent arms economy, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127</a></p>
<p>Toensing, Chris/Ufheil-Somers, Amanda: Scenarios of Southern Sudanese Secession, Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Trumbell, George: On Piracy and the Afterlives of Failed States, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html">http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html</a></p>
<p>Žižek, Slavoj: A permanent economic emergency, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S.85–95</p>
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		<title>Solidarit&#228;t mit &#228;gyptischen ArbeiterInnen</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2008 11:31:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Sonntag, dem 6. April 2008 fand in &#196;gypten eine Fortf&#252;hrung des seit &#252;ber einem Jahr andauernden Radikalisierungsprozesses statt. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von Ghazl El-Mahalla f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und verbesserte Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte in stundenlangen Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag, dem 6. April 2008 fand in &#196;gypten eine Fortf&#252;hrung des seit &#252;ber einem Jahr andauernden Radikalisierungsprozesses statt. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von Ghazl El-Mahalla f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und verbesserte Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte in stundenlangen Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen.<br />
Diese Eskalation passiert vor dem Hintergrund einer massiven Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung, insbesonders aufgrund des starken Anstiegs der Grundnahrungsmittelpreise in den letzten Wochen und einer zunehmenden Frustration ob des Regimes von Hosni Mubarak. Der Streikaufruf der ArbeiterInnen von Mahalla, die im letzten Jahr die Speerspitze der &#228;gyptischen ArbeiterInnenbewegung bildeten, konnte daher leicht von Teilen der politischen Opposition aufgegriffen werden, welche daraufhin zu einem Aktionstag in ganz &#196;gypten aufriefen. Das Regime reagierte auf diese Herausforderung mit einem immensen Polizeiaufgebot und einer massiven Einsch&#252;chterungskampagne gegen die ArbeiterInnen und politischen AktivistInnen. Der letztendliche Versuch, den Streik der TextilarbeiterInnen zu sabotieren, f&#252;hrte jedoch dazu, dass sich die Wut und Frustration auf die Strassen von Mahalla verlagerte.<br />
Laut Berichten von AktivistInnen aus Mahalla wurden bei den Protesten seit Sonntag bereits vier Protestierende get&#246;tet, Hunderte verletzt und/oder festgenommen. Unter den Festgenommenen befinden sich Kamal el-Fayoumi and Tarek Amin el-Senoussi, beides Streikf&#252;hrer und Aktivisten der Liga der TextilarbeiterInnen, welche sich in den letzten Monaten in Opposition zum staatsdominierten Gewerkschaftskomittee gegr&#252;ndet hatte. Aus anderen Teilen &#196;gyptens wurden ebenfalls etliche Festnahmen von politischen AktivistInnen aller Tendenzen gemeldet.<br />
Die Auseinandersetzungen fanden bisher noch keinen Abbruch. Die Menschen in Mahalla lie&#223;en sich noch nicht einsch&#252;chtern und sind dementsprechend mit einem massiven Repressionsapparat konfrontiert.<br />
Internationale Solidarit&#228;t ist in dieser Situation von gr&#246;sster Bedeutung. Wir rufen alle Kr&#228;fte und insbesonders gewerkschaftliche Gruppen dazu auf, Solidarit&#228;tserkl&#228;rungen f&#252;r die ArbeiterInnen von Mahalla und ihre inhaftierten KollegInnen zu verfassen. Ihr Kampf ist f&#252;r den Erfolg der Bewegung essenziell!<br />
F&#252;r genauere Informationen zu den Ereignissen siehe den Blog des &#228;gyptischen Journalisten Hossam El-Hamalawy:</p>
<p><a href="http://arabist.net/arabawy/" target="_blank" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">http://arabist.net/arabawy/</a><br />
zur allgemeinen Entwicklung in &#196;gpyten siehe unser Artikel in Perspektiven Nr.4 <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/prolet-und-prophet/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">Prophet und Prolet</a></p>
<p> </p>
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		<title>Prolet und Prophet</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:52:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Was macht die Linke in...]]></category>

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		<description><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.<br />
<span id="more-55"></span>
</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Offizielle Stellungnahmen der &#228;gyptischen Regierungsbeh&#246;rden zur eskalierenden Bewegung versuchten die Verantwortung der Muslimbruderschaft und vom Ausland finanzierten </span><em>agents provocateurs</em><span lang="DE"> in die Schuhe zu schieben. Dies passt hervorragend in die bisherige Vorgehensweise der &#228;gyptischen herrschenden Klasse in der Auseinandersetzung mit jeglicher Art von Opposition. Wenn nur das Wort „Muslimbruderschaft“ f&#228;llt, gilt das seit jeher als Legitimation, um mit &#228;u&#223;erster H&#228;rte gegen Kritik am Regime vorzugehen. Tats&#228;chlich ist die Muslimbruderschaft die gr&#246;&#223;te politische Oppositionskraft in &#196;gypten. Doch ihre Rolle im „ArbeiterInnenaufstand“ des vergangenen Jahres war relativ marginal gemessen an ihrer Gr&#246;&#223;e und ihrer oppositionspolitischen St&#228;rke. Auch andere politische Gruppierungen, insbesondere der Linken, hatten bisher nur wenige Kontakte zur ArbeiterInnenbewegung etablieren k&#246;nnen. Was waren die Beweggr&#252;nde und Motive f&#252;r den Ausbruch der Streikbewegung und in welchem Verh&#228;ltnis steht sie zur politischen Opposition?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">&#214;konomische Restrukturierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die &#228;gyptische Wirtschaft befindet sich seit den fr&#252;hen 1990er Jahren in einer Umbruchsphase. Infolge der Verstaatlichungspolitik unter Gamal Abdel Nasser in den 1960er Jahren war ein gro&#223;er Teil der Wirtschaft, besonders die Gro&#223;industrie, in staatlicher Hand und ArbeiterInnen genossen durch klientelistische Politik immerhin gewisse soziale Sicherheiten. In einem Interview meinten zwei der Streikf&#252;hrer der Mahalla Textilfabrik, Muhammad ‘Attar und Sayyid Habib, dass sie die niedrigen L&#246;hne bisher nur deswegen akzeptiert hatten<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, weil sie als ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Sektor zumindest eine Jobgarantie f&#252;rs Leben haben und Rente bekommen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Doch selbst diese minimalen Sicherheiten sind nun in Gefahr.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Mubarak-Regime vollf&#252;hrte seit 1991 eine scharfe Trendwende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, nachdem ein „Economic Reform and Structural Adjustment Program“ mit IWF und Weltbank unterzeichnet wurde.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Trotz einer Reihe von Streiks wurden hunderte Betriebe privatisiert oder geschlossen, tausende ArbeiterInnen arbeitslos gemacht und L&#246;hne seither nicht mehr angehoben oder an die Inflation angeglichen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Kontrolle des Privatkapitals &#252;ber die Baumwollindustrie stieg zum Beispiel von 1992 bis 2000 von 8 auf 58 Prozent.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gleichzeitig fand eine Verschiebung der &#246;ffentlichen Investitionen statt. Der Staat investierte nicht mehr in die Landwirtschaft, Industrie und (Aus-)Bildung, sondern nun profitierten Finanziers und besonders ImmobilienspekulantInnen von der staatlichen Wirtschaftspolitik.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Durch Korruption und die Verschmelzung von politischer und &#246;konomischer Macht profitiert &#196;gyptens „politische Klasse“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> vom Ausverkauf. Eine kleine Minderheit wird reicher, alle anderen &#228;rmer. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ma&#223;nahmen, die die &#228;gyptische Exportwirtschaft beleben und ausl&#228;ndisches Kapital nach &#196;gypten locken sollten, konnten jedoch die &#246;konomische Krise Ende der 90er Jahre nicht verhindern. Die Antwort der Regierung war eine noch radikalere neoliberale Offensive. Eines der wichtigsten Ziele dieser Offensive liegt in der Privatisierung des traditionell wichtigen und gr&#246;&#223;ten industriellen Sektors, der Textilindustrie. In einer Serie von Arbeitsk&#228;mpfen haben sich TextilarbeiterInnen seit 2004 gegen die Zerschlagung des staatlichen Sektors gewehrt. Diese K&#228;mpfe kamen im vergangenen Jahr zu ihrem H&#246;hepunkt, als sich die Bewegung auf andere Sektoren auszubreiten begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">Year of discontent</span></em><span lang="DE"><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ausgangspunkt des &#228;gyptischen </span><em>winter of discontent</em><span lang="DE"> waren die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen der Textilindustrie im Nildelta, genauer gesagt in &#196;gyptens gr&#246;&#223;tem staatlichen Betrieb, der </span><em>Misr Spinning and Weaving Company</em><span lang="DE"> in Mahalla al-Kubra s&#252;dlich von Alexandria, der 27.000 ArbeiterInnen besch&#228;ftigt.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Nachdem die j&#228;hrlichen Zusch&#252;sse viel geringer ausfielen als versprochen, weigerten sich die ArbeiterInnen ihr Gehalt anzunehmen, traten am 7. Dezember in den Streik und besetzten die Fabrik.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Staatsmacht traute sich aufgrund der gro&#223;en &#220;berzahl von ArbeiterInnen nicht mit Gewalt gegen die Streikenden vorzugehen. Nach nur vier Tagen gaben die Beh&#246;rden den Forderungen der ArbeiterInnen nach. Motiviert durch diesen Sieg folgten immer mehr Belegschaften in anderen Fabriken dem Beispiel der Mahalla-ArbeiterInnen. Betroffen waren vor allem die gesamte Textilbranche, das Baugewerbe, die verarbeitende Industrie, sowie auch der Personennahverkehr in der Hauptstadt Kairo. Die Radikalit&#228;t und Streikbereitschaft nahm solche Ausma&#223;e an, dass selbst die SteuereintreiberInnen in einen mehr-w&#246;chigen landesweiten Streik traten, deren Forderungen Anfang dieses Jahres vollends erf&#252;llt wurden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Rolle der Arbeiter</span><em>innen</em><span lang="DE"> in der Initiierung, sowie im gesamten Verlauf der Streikbewegung ist besonders zu betonen. Erst als 3.000 N&#228;herinnen von Mahalla al-Kubra am Beginn der Streikbewegung ihre Arbeit niederlegten, durch die Fabrik marschierten und riefen: „Wo sind die M&#228;nner? Hier sind die Frauen!“, wurde die Produktion komplett gestoppt. Muhammad Attar, einer der Streikf&#252;hrer von Mahalla al-Kubra meinte in Bezug auf die Militanz der Frauen: „Die Frauen nahmen fast jeden auseinander, der vom Management kam, um zu verhandeln.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Arbeiterinnen spielten auch in den K&#228;mpfen des letzten Jahres in anderen Betrieben eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist der Kampf von Hagga Aisha, der Streikf&#252;hrerin der Hennawi Tabak-Fabrik. Als Mitglied des Gewerkschaftsausschusses der Fabrik musste sie sich gegen den Ausverkauf der ArbeiterInneninteressen seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung wehren und f&#252;hrte einen erfolgreichen Streik, sowie eine Kampagne zur Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrung an. Zwar wurde Hagga Aisha wegen ihrer Rolle im Arbeitskampf sowohl vom Fabriksmanagement als auch von der nationalen Gewerkschaft schikaniert und von ihrem Gewerkschaftsposten entlassen, f&#252;r ihr Engagement und ihre Standhaftigkeit erntete sie aber von der weiblichen wie auch der m&#228;nnlichen Belegschaft den h&#246;chsten Respekt und die Belegschaft best&#228;tigte, dass im Laufe des Streiks viele Barrieren zwischen M&#228;nnern und Frauen gefallen waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Strategie des Staats<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Umfang der Arbeitsk&#228;mpfe hat seit dem „winter of discontent“ ein enormes Ausma&#223; angenommen. Joel Beinin, Direktor des Instituts f&#252;r Middle East Studies an der Amerikanischen Universit&#228;t von Kairo, meinte, dass dies die gr&#246;&#223;te und l&#228;ngste Streikbewegung seit dem Herbst 1951 sei. Mit 386 Arbeitsk&#228;mpfen zwischen J&#228;nner und Juli 2007 im privaten und staatlichen Sektor wurden die Zahlen der letzten Jahre bei weitem &#252;bertroffen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bemerkenswert an der Streikbewegung ist nicht nur die Dynamik und die Breite der Beteiligung, sondern auch die Reaktion der herrschenden Klasse &#196;gyptens. Politische Demonstrationen und Auseinandersetzungen werden in &#196;gypten in der Regel bereits im Keim erstickt. Die Repression ist das wichtigste Mittel zur Verhinderung einer Machtverschiebung und zur Sicherung der politischen und &#246;konomischen Interessen der Eliten. Die Reaktion auf die j&#252;ngsten ArbeiterInnenk&#228;mpfe ist jedoch tendenziell anders. Besonders bei gro&#223;en Betrieben halten sich die Sicherheitskr&#228;fte &#252;berraschend im Hintergrund und viele der Forderungen wurden nach nur wenigen Tagen erf&#252;llt. Diese Nachgiebigkeit von seiten des Regimes reflektiert die Angst vor weiteren Unruhen. Ein Mitarbeiter des Hisham Mubarak Law Center, eine &#228;gyptische NGO zur Verteidigung von Opfern von Menschenrechtsverletztungen, meinte: „Es ist eine Sache, eine Demonstration mit 50 Intellektuellen im Stadtzentrum Kairos aufzul&#246;sen&#8230; es ist eine andere Sache, tausende ArbeiterInnen einer gro&#223;en Fabrik mitten in einer dicht besiedelten Wohngegend niederzukn&#252;ppeln. Das k&#246;nnte Probleme f&#252;r die Regierung bedeuten.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Strategie des Staates beschr&#228;nkte sich demnach darauf ArbeiterInnen in ihren Betrieben zu isolieren und nicht heraus zu lassen. So wurden zum Beispiel ArbeiterInnendelegationen daran gehindert Demonstrationen vor den B&#252;ros des staatlichen Gewerkschaftsbunds in Kairo zu veranstalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Gewerkschaftsb&#252;rokratie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die aktuellen K&#228;mpfe wirken noch beeindruckender, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass beinahe alle Streiks in &#196;gypten illegal gef&#252;hrt werden. Grund daf&#252;r ist, dass zwar Streiks an sich erlaubt sind, aber vom dominierenden allgemeinen Gewerkschaftsbund („Egyptian Trade Union Federation“ – ETUF) genehmigt werden m&#252;ssen. Dieser muss jedoch faktisch als Teil des Staatsapparats bezeichnet werden, weshalb es auch keine legalen Streiks in &#196;gypten gibt. Die Funktion der ETUF liegt prim&#228;r in der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen und der politischen Mobilisierung f&#252;r die regierende NDP<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>. Unn&#246;tig zu sagen, dass die Gewerkschaft h&#246;chst undemokratisch und b&#252;rokratisch organisiert ist, sowie deren Spitze ein effektives Werkzeug in den H&#228;nden der regierenden NDP und verb&#252;ndeten Gesch&#228;ftsleuten zur Legitimierung der Privatisierungspolitik ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ETUF zeichnete sich w&#228;hrend der Streikbewegung durch eine enge Kollaboration mit den lokalen Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen gegen die streikenden ArbeiterInnen aus und argumentierte systematisch gegen die Forderungen der durch ArbeiterInnen gegr&#252;ndeten Fabrikskomitees. Durch dieses Vorgehen verlor sie die Unterst&#252;tzung selbst der eher gem&#228;&#223;igten und dem Mubarak-Regime treuen ArbeiterInnen. Die Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrungen und die Wahl neuer und von unten kontrollierter Gewerkschaften wurde zentraler Bestandteil der Forderungen vieler Fabriksbelegschaften, die den Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen berechtigerweise Korruption und Wahlf&#228;lschungen vorwarfen. Besonders radikale ArbeiterInnen wie jene der Mahalla Textilfabrik drohten mit Massenaustritten und der Gr&#252;ndung neuer „echter“ Gewerkschaften.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Muhammad al-Attar, welcher neben seiner Funktion als Streikf&#252;hrer auch Mitglied des linken „Center for Trade Union &amp; Workers Services“ (CTUWS) ist, sagte in einem Interview nach seiner Freilassung am 27. September: “Wir wollen eine &#196;nderung in der Struktur und Hierarchie des Gewerkschaftssystems in diesem Land… So wie Gewerkschaften von oben nach unten organisiert sind, ist grundlegend falsch. Es wird so dargestellt, als ob wir unsere Repr&#228;sentantInnen selbst gew&#228;hlt h&#228;tten, obwohl sie in Wirklichkeit von der Regierung ernannt wurden.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dieser Umstand k&#246;nnte nicht nur f&#252;r die Gewerkschaft, sondern f&#252;r das gesamte Regime fatale Konsequenzen haben, welches eine Beteiligung der ArbeiterInnen an der politischen Opposition kaum verkraften k&#246;nnte. Aus diesem Grund fanden seit dem Ausbruch der Streikbewegung zwar weniger repressive Ma&#223;nahmen gegen die Belegschaften selbst, daf&#252;r aber Repression gegen Organisationen, die sich f&#252;r ArbeiterInnenrechte und eine radikale ArbeiterInnenbewegung einsetzten, statt. Seit M&#228;rz wurden B&#252;ros der CTUWS in Kairo und Mahalla geschlossen und mehrere Mitglieder verhaftet. Das CTUWS wurde beschuldigt (nat&#252;rlich neben der Muslimbruderschaft) f&#252;r die Streiks verantwortlich zu sein. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Nichtsdestotrotz gibt es auch gro&#223;e Hindernisse f&#252;r die Etablierung einer unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung. Der Kampf muss &#252;ber den &#246;konomischen Rahmen hinausgetragen werden und sich mit der politischen Oppositionsbewegung vereinen, um die Herrschenden auf mehreren Ebenen herausfordern zu k&#246;nnen. W&#228;hrend die Repression ein Zeichen der Schw&#228;che des Regimes ist, zeigt sich die Schw&#228;che der politischen Opposition in der bisherigen Unf&#228;higkeit, effektive Verbindungen zum Kampf der ArbeiterInnen aufzubauen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">ArbeiterInnenbewegung und politische Opposition<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ArbeiterInnenbewegung des vergangenen Jahres hatte unmittelbar &#246;konomische und soziale Ursachen. Dennoch begannen sich Teile der ArbeiterInnenschaft w&#228;hrend der Streikbewegung zu politisieren und das Regime selbst f&#252;r ihre missliche Lage verantwortlich zu machen. Besonders in Mahalla al-Kubra, definitv einer der radikalsten Betriebe &#196;gyptens, mischten sich immer wieder Anti-Regime-Slogans in die Sprechch&#246;re der ArbeiterInnen. Ihr popul&#228;rster Streikf&#252;hrer, Muhammad al-Attar, sagte auf einer Versammlung w&#228;hrend der zweiten gro&#223;en Streikaktion des Betriebes in einem Jahr: „Ich m&#246;chte die ganze Regierung abtreten sehen… Ich m&#246;chte das Mubarak-Regime zu einem Ende kommen sehen. Politik und ArbeiterInnenrechte sind untrennbar. Arbeit ist selbst schon Politik. Was wir hier [im Streik] gerade erleben ist so demokratisch, wie es nur sein kann.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Obwohl bei der aktuellen ArbeiterInnenbewegung noch nicht von einer politischen Oppositionsbewegung gesprochen werden kann, stellt sie dennoch eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen f&#252;r das Regime dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist: Wie verh&#228;lt sich nun die politische Opposition und insbesonders die &#228;gyptische Linke und die Muslimbruderschaft zu dieser Bewegung?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Muslimbruderschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Muslimbruderschaft gilt als die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft &#196;gyptens (innerhalb des Paralaments mit 80 Abgeordneten als auch au&#223;erhalb) mit einem weitverzweigten Mitgliederstamm.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ihr Aufstieg gestaltete sich jedoch beileibe nicht als lineare Erfolgsstory, sondern verlief &#252;ber Br&#252;che, Niederlagen und R&#252;ckschl&#228;ge. Unter Nasser wurde sie in den 50er Jahren aufgrund ihrer politischen St&#228;rke und ihrer Opposition zum Nasserismus in die Illegalit&#228;t getrieben und verlor in Folge fast komplett an Bedeutung. Erst in den 1970er Jahren gelang es ihr wieder an Einfluss zu gewinnen. Aufgrund ihrer Konzentration auf moralische Predigt, ihrer Ablehnung einer Konfrontationspolitik gegen den Staat, und der leisen Duldung des Sadat-Regimes konnte sie sich neu gruppieren. Dar&#252;berhinaus half die Muslimbruderschaft dem Staat gegen die linke und nasseristische Opposition, welche zu dieser Zeit am lautesten gegen die wirtschaftsliberale Wende und die pro-israelische Haltung Sadats demonstrierte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit den 70er Jahren charakterisiert die Muslimbruderschaft ihre Kompromisshaltung gegen&#252;ber dem Staat und die Akzeptanz der vom Staat gesetzten Grenzen. Der Aufbau einer „islamischen Wirtschaft“ (islamische Banken, Firmen…), eines islamischen Sozialnetzwerkes f&#252;r die Armen und religi&#246;ser Einrichtungen verhalf der Muslimbruderschaft zu einer Massenverankerung in der &#228;gyptischen Gesellschaft. Dazu kommt, dass sie seit den fr&#252;hen 1990er Jahren erfolgreich in der Rekrutierung mittelst&#228;ndischer Berufsgruppen wie &#196;rzten, Juristen, Journalisten, usw. war. Dementsprechend konnte sie einen hohen Einfluss in den Vertretungen dieser Berufsgruppen aufbauen. Auch auf den Universit&#228;ten stellt sie heute die dominante Kraft in den Studierendenorganisationen dar. Eine andere Frage ist jedoch, in welchem Verh&#228;ltnis sie zur ArbeiterInnenklasse steht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bruderschaft hatte in ihrer Vergangenheit immer wieder Verbindungen zur &#228;gyptischen ArbeiterInnenklasse aufgenommen. Tats&#228;chlich wurde sie sogar 1928 von Hasan al-Banna in der Stadt Isma’iliyya zusammen mit Arbeitern der Suez-Kanal-Gesellschaft gegr&#252;ndet. In den 1940er Jahren weitete sie ihre Aktivit&#228;ten in den Betrieben aus. Anti-Kommunismus und die Konfrontation mit KommunistInnen, wo immer sie Einfluss hatten, war hier ein ausschlaggebender Faktor. Sie lehnten die Unabh&#228;ngigkeit der Gewerkschaften und ArbeiterInnenmilitanz ab. Klassenkampf wurde dementsprechend kritisiert, da dadurch Konflikt und sozialer Unfriede zwischen MuslimInnen geschaffen w&#252;rde.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Nach wie vor h&#228;lt sie den sozialen Frieden und die „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Klassen hoch. Eine islamische „moralische Wirtschaft“ (moral economy) regelt das Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und schreibt ihnen Rechte sowie Pflichten zu.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das „Klassenparadox“ der MB wird heute im widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zur ArbeiterInnenbewegung deutlich. W&#228;hrend einige AktivistInnen die ArbeiterInnenk&#228;mpfe des letzten Jahres begr&#252;&#223;t und verbal unterst&#252;tzt haben, scheint es, als ob es zwischen den wohlhabenden Gesch&#228;ftsleuten, welche den Gro&#223;teil der F&#252;hrung bilden, und den BasisaktivisInnen aus der niederen Mittel- und Unterschicht grobe Unterschiede gibt. Dies konnte in der Debatte &#252;ber die Gr&#252;ndung eines neuen Gewerkschaftsverbandes beobachtet werden. Saber Abul Fattouh, Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft und ihr Koordinator f&#252;r die Gewerkschaftswahlen 2006, drohte, dass im Falle manipulierter Wahlen die Muslimbruderschaft einen unabh&#228;ngigen Verband nach dem Vorbild der vereinten unabh&#228;ngigen Studierendenkomitees gr&#252;nden w&#252;rde. Nachdem jedoch deutlich wurde, dass die Wahlen tats&#228;chlich manipuliert waren, ruderte die Muslimbruderschaft wieder zur&#252;ck und meinte vorsichtig, dass solch ein Schritt gut vorbereitet sein wolle.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Selbst wenn die Initiative von Fattouh ernst gemeint war, sie w&#228;re an der Weigerung der oppositionellen Nasseristen und der „mitte-links“ </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> Partei gescheitert, welche eine Allianz mit der Muslimbruderschaft ablehnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Die Linke im Abseits?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dies kennzeichnet die Problematik des Verh&#228;ltnisses zwischen der Linken und der MB. Die Positionierung von Linken gegen&#252;ber der Bruderschaft war und ist Ursache zahlreicher Debatten und ist ausschlaggebend f&#252;r die St&#228;rke und den Erfolg linker Strategien in &#196;gypten. Einer der gr&#246;&#223;ten Fehler von gro&#223;en Teilen der Linken w&#228;hrend der 90er Jahre war der Schulterschluss mit dem Regime von Mubarak gegen die Bruderschaft. Diese Orientierung produzierte zahlreiche negative Entwicklungen: Mubaraks diktatorisches Regime erhielt einen Persilschein f&#252;r seine repressiven und neoliberalen Ma&#223;nahmen und musste einen gro&#223;en Teil der Linken nicht mehr als Opposition f&#252;rchten. Die gro&#223;e Debatte &#252;ber das Schreckgespenst „Islamismus“ lenkte die Linke von den massiven &#246;konomischen Ver&#228;nderungen in &#196;gypten und deren katastrophalen Folgen f&#252;r den Gro&#223;teil der arbeitenden und unteren Klassen ab. Ebenso &#252;bersah sie dadurch, dass der Aufstieg des militanten Islam in &#196;gypten eng mit der prek&#228;ren und in die Informalit&#228;t abgedrengten Lebensrealit&#228;t der &#228;gyptischen Unterklassen und der Unzufriedenheit der Studierenden zusammenhing. In den schwer zu &#252;berwachenden, schnell gewachsenen informellen Siedlungen von Kairo hatten militante Gruppen wie Jamaat al Islamiya ein sicheres Versteck vor Polizeirepression finden k&#246;nnen. Das Fehlen jeglicher politischer Antworten auf die harsche &#246;konomische und soziale Situation etablierte diese Gruppen, welche Teil der Gemeinden geworden waren, als ernstzunehmende Vertreterinnen der Unterprivilegierten und Armen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Partei </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> („National Progressive Democratic Union Party“) ist ein Beispiel f&#252;r das Paradox linker Politik in den 90er Jahren. Sie unterst&#252;tzte in den 80er Jahren eine Reihe von Streiks materiell und produzierte Zeitungen zur Unterst&#252;tzung von k&#228;mpfenden ArbeiterInnen. W&#228;hrend der 90er Jahre verlor </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> jedoch alle Verbindungen zur ArbeiterInnenbewegung. Der Grund lag im generellen R&#252;ckzug von aktiver linker Politik und der strategischen Wende hin zur Unterst&#252;tzung des Staatsapparates in der Unterdr&#252;ckung der islamistischen Aufst&#228;nde im S&#252;den &#196;gyptens, sowie in den gro&#223;en Slums von Kairo und Alexandria.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die illegale Kommunistische Partei, deren &#220;berreste in </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> aktiv blieben, spielte hierbei eine &#228;hnlich tragische Rolle und verlor zunehmends an Bedeutung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">GenossInnen und Br&#252;der<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit einigen Jahren hat sich jedoch das traditionell angespannte und feindlich gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis zwischen Teilen der Linken und der Muslimbruderschaft zu entspannen begonnen. Zwei Faktoren sind hierbei hervorzustreichen. Auf der einen Seite die Entstehung einer neuen Linken seit der Mitte der 1990er Jahre, die</span><span>  </span>prim&#228;r durch die „Revolutionary Socialist Tendency“ und einer wachsenden links-orientierten Menschenrechtsgemeinde gekennzeichnet ist. Der zweite Faktor war ein Generationswechsel in den unteren R&#228;ngen der Muslimbruderschaft sowie der Linken in Zusammenhang mit der R&#252;ckkehr von Stra&#223;enprotesten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Antikriegsbewegung gegen den Angriff auf Irak. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Leitspruch der neuen Linken war „manchmal mit den Islamisten, immer gegen den Staat!“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Angewendet wurde diese Richtlinie vor allem auf den Universit&#228;ten. Anstatt StudentInnen der Muslimbruderschaft einfach als „Faschisten“ zu diffamieren, wie es die stalinistische Linke sowie die Muslimbruderschaft von der Linken f&#252;r Jahrzehnte gewohnt war, k&#228;mpften sie nun zusammen mit AktivistInnen der Muslimbruderschaft in Fragen von Demokratie und gegen staatliche Repression, zum Beispiel, wenn Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen oder von der Uni ausgeschlossen wurden. Dies erm&#246;glichte einen politischen Dialog der AktivistInnen beider Lager. Kamal Khalil, ein wohlbekannter politischer Aktivist und Direktor des „Centre for Socialist Studies“, sagte, dass IslamistInnen, welche noch in den 70er Jahren oft mit der Regierung zusammen gegen die Linke insbesondere auf den Universit&#228;ten vorgingen, beeindruckt waren von dem Engagement von SozialistInnen f&#252;r islamistische politische Gefangene.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Tats&#228;chlich fand &#252;ber die gemeinsam erfahrene Repression durch die Staatsgewalt ebenfalls eine Ann&#228;herung zwischen AktivistInnen der Linken und der Muslimbruderschaft statt. Der linke unabh&#228;ngige Aktivist Ala Sayf beschrieb in seinem Blog seine Erfahrungen, als Dutzende Muslimbr&#252;der und Linke zusammen festgenommen wurden, nachdem sie sich 2006 mit den Richtern solidarisiert hatten, welche den Wahlbetrug von 2005 anprangerten. In den gemeinsamen Zellen wurden aus Muslimbr&#252;dern pl&#246;tzlich Genossen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gleichzeitig verteidigte die Linke die Rechte von religi&#246;sen Minderheiten und Frauen, wenn Teile der Muslimbruderschaft reaktion&#228;re Kommentare von sich gaben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">W&#228;hrend die Linke in den 90er Jahren zu marginal war, um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, &#228;nderte sich das mit dem Ausbruch der zweiten Intifada. Die radikale Linke konnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten das politische Feld durch die Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina dominieren, zu einer Zeit wo die Muslimbruderschaft durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Das Resultat war ein Anwachsen der radikalen Linken und ein wachsender Druck der Basis der Muslimbruderschaft auf ihre F&#252;hrung, die Zur&#252;ckhaltung in Bezug auf die Proteste aufzugeben. Mitglieder der Muslimbruderschaft begannen regelm&#228;&#223;ig auf Treffen der linken Solidarit&#228;tskomitees zu erscheinen und auch f&#252;hrende Muslimbr&#252;der sprachen auf Veranstaltungen. Der Ausbruch der Antikriegsbewegung 2003 vertiefte diesen Trend weiter. Dazu kam, dass seit 2004 die Stimmung gegen Imperialismus zusehends gegen das Mubarak Regime selbst gerichtet wurde. Direktes Resultat war die Kifaya („Genug!“) Bewegung in Opposition zum Regime und f&#252;r einen politischen Wandel. Dessen H&#246;hepunkt war 2005, als die Muslimbruderschaft in eine Anti-Mubarak Allianz einstimmte. Staatliche Repression, besonders gegen die Muslimbruderschaft, lie&#223; die Bewegung seither kaum auf der Bildfl&#228;che erscheinen, die Effekte sind jedoch noch immer sp&#252;rbar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im November 2005 gr&#252;ndeten die </span><em>Revolutionary Socialist Tendency</em><span lang="DE">, die Muslimbruderschaft und unorganisierten AktivistInnen auf einigen &#228;gyptischen Universit&#228;ten die </span><em>Free Student Union</em><span lang="DE"> (FSU). Ihr Ziel ist es, als Gegengewicht und Parallelorganisation zu den staatlich-dominierten Studierendengewerkschaften zu funktionieren. Dieser neue politische Rahmen erlaubt eine weitere Ann&#228;herung, basierend auf politischer Praxis zwischen den beiden Fl&#252;geln und stellt somit eine Chance sowie Herausforderung f&#252;r die Linke dar. Diese Ann&#228;herung kann gleichzeitig einen Raum f&#252;r politische Debatten er&#246;ffnen, wodurch neben dem gemeinsamen Kampf gegen Mubarak auch Fragen wie Frauenbefreiung, Umgang mit religi&#246;sen Minderheiten, Neoliberalismus und Klassenkampf thematisiert werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">The battle goes on<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Auswirkungen der ArbeiterInnenbewegung des letzten Jahres auf die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens sind noch schwer abzusch&#228;tzen. Eine zentrale Frage bleibt, inwieweit die Vernetzung der zu gro&#223;en Teilen parallel ablaufenden politischen und &#246;konomischen K&#228;mpfe zustande gebracht wird, und welche zuk&#252;nftige Rolle die Linke darin spielen kann. Die &#246;konomischen K&#228;mpfe sind eine Chance f&#252;r die Linke, in einem Bereich Einfluss zu gewinnen, der weit weniger als die politische Oppositionsbewegung von der Bruderschaft monopolisiert ist. Die relative Schw&#228;che der &#228;gyptischen Linken in den 1990er Jahren k&#246;nnte dadurch endg&#252;ltig gebrochen werden. Die Verkn&#252;pfung von politischen und „Brot und Butter“-K&#228;mpfen ist aber bei weitem keine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Derzeit fordern beide Bewegungen das Regime relativ unabh&#228;ngig voneinander heraus. Eine Zusammenf&#252;hrung h&#228;tte explosive Auswirkungen f&#252;r &#196;gypten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Im Durchschnitt erh&#228;lt einE ArbeiterIn mit Familie um die 30 Dollar im Monat. Allein die staatlichen Zusch&#252;sse heben das monatliche Einkommen auf ca. 60-70 Dollar an.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order”, in: MERIP, 25. M&#228;rz 2007, <a href="http://www.merip.org/mero/mero032507.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero032507.html</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Bereits der 1981 ermordete &#228;gyptische Pr&#228;sident Anwar al-Sadat propagierte eine &#214;ffnung des Marktes und ein Ende der Subventionen f&#252;r Grundnahrungsmittel. Diese unpopul&#228;ren Ma&#223;nahmen konnten jedoch aufgrund massiver Aufst&#228;nde („bread riots“ von 1977) nicht g&#228;nzlich durchgesetzt werden.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Zwischen 1990-91 und 1995-96 fielen die Reall&#246;hne in der staatlichen Industrie um 8 Prozent. Andere L&#246;hne im &#246;ffentlichen Sektor blieben gleich, aber nur deshalb, weil sie ohnehin unter dem Existenzminimum liegen. Die &#228;gyptischen L&#246;hne liegen deswegen weit unter den regionalen Standards (die an sich schon niedrig sind). Die L&#246;hne von ArbeiterInnen in der Textilindustrie betragen 85 Prozent der L&#246;hne von ArbeiterInnen in Pakistan und 60 Prozent von ArbeiterInnen in Indien. Vgl. Timothy Mitchell: “Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, in: MERIP 210 (Fr&#252;hling 1999), <a href="http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> <a href="http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html" target="_blank">http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht nur Betriebe werden privatisiert, sondern in einem noch gr&#246;&#223;eren Ausma&#223; einst &#246;ffentliches Land sehr billig verkauft. Das verursachte in den letzten Jahren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und enteigneten Bauern und B&#228;uerinnen. Vgl. Timothy Mitchell: „Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, a.a.O.; Ray Bush: “Politics, power and poverty: twenty years of agricultural”, in: <em>Third World Quarterly</em> 28:8 (2007), S. 1599-1615</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vor allem Mitglieder der herrschenden NDP (Nationaldemokratische Partei), aber auch andere staatliche und halbstaatliche Beh&#246;rden und Institutionen wie die Gewerkschaftsf&#252;hrer in Absprache mit dem Kapital.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die FabriksarbeiterInnen k&#246;nnen dabei auf eine lange und stolze Tradition des radikalen Kampfes und Widerstandes zur&#252;ckblicken. Genaueres &#252;ber die Tradition der Arbeitsk&#228;mpfe in Mahalla al-Kubra in: Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy: „Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order“, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Anne Alexander/Farah Koubaissy: „Women were braver than a hundred men“, in: <em>Socialist Review</em> (J&#228;nner 2008), <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227" target="_blank">http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> <a href="http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-industrial-actions-in-6-months/" target="_blank">http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-<br />
industrial-actions-in-6-months/</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Daniel Williams: “Mubarak Plan to Shed State-Run Factories Threatened by Strikes”, 21. Mai 2007, <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home" target="_blank">http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Von 23 Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze sind 22 NDP-Mitglieder, der &#252;brige Mitglied einer verb&#252;ndeten Partei.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Siehe dazu den Bericht &#252;ber eine ArbeiterInnendelegation der Mahalla Textilfabrik mit der Forderung zur Absetzung ihrer Fabriksgewerkschaft in:Liam Stack: “Mahalla textile workers demand union dissolved and greater independence”, in: <em>Daily News Egypt </em>(29. J&#228;nner 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Liam Stack/Maram Mazen: „Striking Mahalla workers demand govt. fulfill broken promises“, in: <em>Daily News Egypt </em>(27. September 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zitiert in Joel Beinin: „The Militancy of Mahalla al-Kubra“, in: MERIP (29. September 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero092907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero092907.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Joel Beinin/Zachary Lockman: Workers on the Nile. Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954, Cairo 1998, S. 365</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Ebd., S. 376</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Joel Beinin/Hossam al-Hamalwy. „Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity“, in: MERIP (9. Mai 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero050907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero050907.html</a><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Anders als die Muslimbruderschaft, welche sich traditionell prim&#228;r auf die Mittelklasse bezieht, waren die militanten islamistischen Gruppen in den 1990ern erfolgreich in der Rekrutierung bei den unteren Klassen. Siehe dazu Salwa Ismail: “The Popular Movement Dimensions of Contemporary Militant Islamism: Socio-Spatial Determinants in the Cairo Urban Setting”, in: <em>Comparative Studies in Society and History </em>42:2 (2000), S. 363-393</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Die Repression traf militante wie dezidiert friedliche Islamisten wie die Muslimbr&#252;der. Siehe dazu Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity”, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Ein gro&#223;er Teil dieses Abschnittes basiert auf dem Artikel von Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, in: MERIP 242 (Fr&#252;hling 2007), <a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Chris Harman: „The Prophet and the Proletariat“, <a href="http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm" target="_blank">http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Manal el-Jesri: „Kamal Abu Eita &amp; Kamal Khalil“, in: <em>Egypt Today. </em><em>The Magazine of Egypt </em>(Mai 2004), <a href="http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553" target="_blank">http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553</a><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, a.a.O.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Seit dem harten Durchgreifen gegen die Muslimbruderschaft im Zuge der staatlichen Kampagne gegen die Islamisten, insbesondere gegen ihre Basis, verfolgte sie eine Politik der Nicht-Konfrontation.</p>
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