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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Rezensionen</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Altes und neues der Feministischen Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90

„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90<br />
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„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an der Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen ge&#228;ndert hat.“ (41) Mit diesem Statement von Gabriele Wilde im ersten Beitrag von Staat und Geschlecht ist die Notwendigkeit des Bandes schnell belegt.<br />
Die Beitr&#228;ge der zw&#246;lf Autorinnen – einleitend wird betont, dass dies der erste Band der Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ ist, in dem nur Frauen publizieren, was die gegenw&#228;rtige Arbeitsteilung in der Staatstheorie abbildet, geht es doch um „Geschlecht“ und damit um eine „Frauenangelegenheit“ – bieten eine Zusammenschau zentraler Grundlagen feministischer Staatstheorie und -kritik der vergangenen 30 Jahre bis heute. Eva Kreisky und Marion L&#246;ffler erkl&#228;ren also etwa einmal mehr den Begriff des Maskulinismus im Staat, Gundula Ludwig das hegemonie- und gouvernementalit&#228;tstheoretische Staatsverst&#228;ndnis und die Folgen f&#252;r die Frage des Subjekts. Auch werden Themen wie die Debatte um den Geschlechtervertrag (Nichtregulierung des „Privaten“), Recht und Staat (Verb&#252;ndete im Bem&#252;hen um Gleichstellung?), Gewalt (Birgit Sauer pl&#228;diert f&#252;r einen „weiten Gewaltbegriff […] um die Vielf&#228;ltigkeit geschlechtsspezifischer Bedrohungs- und Unsicherheitslagen von Frauen […] in den Blick zu bekommen“ [62]) und die Transformation von Staatlichkeit diskutiert.<br />
Der zweite Teil des Buches, „Aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie“ betitelt, behandelt viele im geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontext noch wenig ber&#252;cksichtigte Felder, und hier wird es auch f&#252;r bereits in die Materie Eingelesene spannend: Feministische &#214;konomie, europ&#228;isches Regieren, transnationale Frauenbewegungen, Entwicklungen von Wohlfahrtsstaaten, Fortpflanzungspolitik und schlie&#223;lich Staatlichkeit und Intersektionalit&#228;t bieten einen breiten Zugang, welcher die Vielschichtigkeit feministischer Staatstheorie sehr pr&#228;gnant demonstriert und konkreten Aktualit&#228;tsbezug herstellt. Die von den Herausgeberinnen getroffene Auswahl der Autorinnen verspricht nicht zuviel: G&#252;lay Caglar etwa arbeitet zu „Gender und Globalisierung“ an der Berliner Humboldt Universit&#228;t, es findet sich eine Rechtsphilosophin neben einigen Politikwissenschafterinnen, Susanne Schultz ist Redakteurin beim Gen-ethischen Netzwerk e.V. Berlin mit Schwerpunkt Humangenetik und Friederike Habermann ist politikwissenschaftliche &#214;konomin und Historikerin.<br />
Besonders positiv hervorzuheben ist der Beitrag von Susanne Schultz, „Zwischen Eugenik, Demografie und dem Management reproduktiver Biographien: spannungsreiche staatstheoretische Zug&#228;nge zu Fortpflanzungspolitik“. Darin werden K&#246;rperpolitiken einer politikwissenschaftlichen Analyse unterzogen, die bisher vernachl&#228;ssigt wurde, obwohl die Macht des Staates &#252;ber den K&#246;rper bzw. der Einfluss des Staates bis hin zum subjektiven K&#246;rper eigentlich kein g&#228;nzlich neues Terrain darstellen. Der Beitrag behandelt ein gerade wieder durch die parlamentarische Debatte um Pr&#228;implantationsdiagnostik aufflammendes Thema und stellt zugleich neue Zug&#228;nge dar, um die trotz aller Kritik an der Trennung des „privaten“ Lebens und des „&#246;ffentlichen“, sprich „politischen“ Bereiches auch in der feministischen Politikwissenschaft anzutreffende Gewichtung in traditionelle und unkonventionelle Themen zu unterlaufen. Schultz zeigt auf, dass feministische Staatskritik „mehr kann“ als die immer gleichen Kritikpunkte an der Arbeit von Frauengruppen in internationalen Institutionen darzustellen oder die oft get&#228;tigten Vergleiche von Wohlfahrtsstaaten und deren Geschlechterpolitik neu aufzurollen. „Um einerseits die Strukturiertheit staatlicher Biopolitik als Ganzes und andererseits die Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit der K&#228;mpfe auf staatlichem Terrain analysieren zu k&#246;nnen“ (187), schl&#228;gt Schultz zwei staatstheoretische Optiken vor: „Eine Optik versucht, die K&#228;mpfe um Fortpflanzungspolitik in ihrem Prozess und mit den unterschiedlichen Positionen und AkteurInnen und somit deren Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit in den Blick zu bekommen. Und eine erfasst […] aufs Ganze blickend [und mit hegemonie- und diskurstheoretischen Werkzeugen ausgestattet], wie SprecherInnenpositionen im Feld des Staates Sinn ergeben, konstituiert sind und sich in ein hegemoniales Projekt einf&#252;gen“ (ebd.). Mit dieser Herangehensweise beschreibt Schultz drei staatstheoretische Str&#228;nge: erstens behandelt sie die biopolitische Grundstruktur moderner Staatlichkeit, wobei sie das Verh&#228;ltnis zwischen der Verwaltung von Bev&#246;lkerungen als biopolitische Makroebene und der Politik der Beeinflussung individueller K&#246;rper und deren reproduktives Verhalten als biopolitische Mikroebene beschreibt. Letztere bedeutet etwa Politik um „das individuelle oder im heteronormativen Kleinfamilienmodell paarf&#246;rmig organisierte reproduktive Verhalten“ (186). „Der zweite Zugang besch&#228;ftigt sich mit der Analyse unterschiedlicher Regime der Fortpflanzungspolitik“ (ebd.), und in der dritten Herangehensweise stellt sich die Frage: „Welche Selbsttechnologien, in unserem Fall welches ‚reproduktive Verhalten‘, wird auf der mikrobiopolitischen Ebene staatlich gef&#246;rdert, gefordert und durchgesetzt?“ (187). Hier wird die Macht von Wissensordnungen und F&#246;rdermechanismen dargestellt, aber auch empirisch, soziologisch, ethnologisch oder kulturwissenschaftlich nach Aneignungsformen und Uminterpretationsstrategien der Individuen geforscht. Musterhaft zieht die Autorin Beispiele staatlicher Politik aus Deutschland zwischen 1995 und 2008 heran. Im Schlusssatz betont Schultz die Bedeutung von sozialen Bewegungen im Kampf um politische Verhandlungen, welche hier „schon lange vor akademischen Diskussionen &#252;ber Biopolitik die[se] komplexen Verschr&#228;nkungen der Fortpflanzungspolitik analysiert haben“ (195). Im Editorial des Buches wird der Anspruch betont, dass die Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ des Nomos Verlages vor allem Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften ansprechen soll. Bei Staat und Geschlecht handelt es sich allerdings um Literatur f&#252;r jene, die im universit&#228;ren Umfeld noch nicht allzuviel &#252;ber feministische Staatskritik geh&#246;rt haben und wissen wollen, was diese in den vergangenen 30 Jahre geleistet hat. Wer in akademische Feminismen bereits eingelesen ist, wird zu Beginn des Buches kaum neuen Thesen begegnen – &#220;berraschung wird aber, um fair zu bleiben, auch nicht als Zielsetzung der Herausgeberinnen f&#252;r den ersten Teil genannt. Vielmehr soll hier auf zentrale „Begriffe, Theoreme und Problemstellungen feministischer Staatstheorie“ fokussiert werden (19). Der zweite Teil des Bandes stellt demgegen&#252;ber einige neue Themenkomplexe vor, die Lust auf eine tiefer gehende Besch&#228;ftigung machen. Eine solche kann Staat und Geschlecht mit den maximal sechzehnseitigen Beitr&#228;gen eindeutig nicht bieten. Es lohnt sich also, die jeweiligen Literaturlisten genauer durch zu schm&#246;kern.</p>
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		<title>Marx an der Uni</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:10:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Bescherer, Peter/Schierhorn, Karin: Hello Marx. Zwischen „Arbeiterfrage“
und sozialer Bewegung heute, Hamburg: VSA-Verlag 2009, 190 Seiten, € 16,30

Das Wiederentstehen und -erstarken einer studentischen Linken im deutschen Sprachraum schl&#228;gt sich nicht nur in Protesten gegen die &#214;konomisierung der Hochschulen (Stichwort: unibrennt) und mehr oder weniger erfolgreichen neuen Organisierungsversuchen an den Unis nieder, sondern auch in einem Lern- und Reflexionsbed&#252;rfnis. Diesem wurde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Bescherer, Peter/Schierhorn, Karin: Hello Marx. Zwischen „Arbeiterfrage“<br />
und sozialer Bewegung heute, Hamburg: VSA-Verlag 2009, 190 Seiten, € 16,30<br />
<span id="more-1969"></span><br />
Das Wiederentstehen und -erstarken einer studentischen Linken im deutschen Sprachraum schl&#228;gt sich nicht nur in Protesten gegen die &#214;konomisierung der Hochschulen (Stichwort: unibrennt) und mehr oder weniger erfolgreichen neuen Organisierungsversuchen an den Unis nieder, sondern auch in einem Lern- und Reflexionsbed&#252;rfnis. Diesem wurde in den letzten Jahren durch Marx- und andere Lesekreise, Workshops, Konferenzen und Veranstaltungsreihen zu kritischer Gesellschaftstheorie in verschiedener Schattierung Rechnung getragen. Ein sch&#246;nes Beispiel daf&#252;r liegt nun auch in Buchform vor: Hello Marx versammelt ausgearbeitete Vortr&#228;ge, die im Wintersemester 2007/08 an der Universit&#228;t Jena gehalten wurden.<br />
Die HerausgeberInnen, zugleich OrganisatorInnen der Veranstaltungsreihe, legen ihre Motivation in der Einleitung offen: „Deutungsangebote machen, Emp&#246;rung in Kritik transformieren, &#252;ber die Aneignung kritischer Theorie eine Verstetigung des Protests erreichen“ (10). Schon dass Marx (und nicht, sagen wir, Derrida, Habermas oder Rudi Dutschke) zu diesen Zwecken als Referenzautor gew&#228;hlt wurde, kann als ermutigendes Zeichen gelten, wobei die Aufgabe, an diesen anschlie&#223;ende (theorie-) politische Fragen zu er&#246;rtern, von den AutorInnen/Vortragenden recht verschieden interpretiert (und gegebenenfalls auch ver&#228;ndert) wurde. Um den – im Idealfall – kollektiven, debattenorientierten Charakter kritischer, an Marx anschlie&#223;ender Theoriearbeit zu verdeutlichen, wurde den einzelnen Beitr&#228;gen jeweils ein Kommentar zur Seite gestellt, was dem/der LeserIn erlaubt, eine Zweitmeinung einzuholen. Dieses Konzept geht im Band mal besser, mal schlechter auf: die Kommentare wirken manchmal redundant, wenn sie das eben erst Gelesene in eigenen Worten erneut zusammenfassen, bieten zumeist aber kompetente und hilfreiche Erl&#228;uterungen, Erg&#228;nzungen und manchmal auch sehr treffende Kritik. Im besten Fall trifft all dies zusammen, wie bei Margareta Steinr&#252;ckes Kommentar zu den Ausf&#252;hrungen des Cultural Studies-Theoretikers Paul Willis. Drei Beitr&#228;ge sollen hier hervorgehoben werden. Der Band wird durch eine sehr erhellende historische Darstellung der Entwicklung der Marxschen &#214;konomiekritik durch Michael Heinrich er&#246;ffnet. Was auf den ersten Blick wie Pedanterie oder philologische Spitzfindigkeit wirken mag – die Rekonstruktion der einzelnen Arbeits- und Argumentationsschritte in der Entwicklung der Kritik der Politischen &#214;konomie, der Vergleich der Marxschen Entw&#252;rfe und Manuskripte, die zum unvollendeten Hauptwerk „Das Kapital“ f&#252;hrten – wird in Heinrichs H&#228;nden zu einem politischen Argument geformt, oder eigentlich zu deren zwei. Erstens: Wer von der „Marxschen Lehre“ spricht, als w&#228;re diese ein einheitliches System von Lehrs&#228;tzen, unterschl&#228;gt die Reichhaltigkeit und Komplexit&#228;t des Marxschen Denkens – und arbeitet letztlich jenen zu, die Marx mitsamt dem „realsozialistischen“ Projekt auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen wollen. Zweitens: „Wissenschaft und Weltanschauung passen […] gerade nicht so einfach zusammen, wie die Rede von der ‚wissenschaftlichen Weltanschauung‘ suggeriert.“ (18) Erstere stellt (nach Marx’ eigenem Verst&#228;ndnis) die r&#252;cksichtslose Kritik auch ihrer eigenen Ergebnisse ins Zentrum, letztere zielt auf Sinnstiftung, Orientierungsvermittlung und Massenbasis ab. Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen diesen beiden Polen charakterisiert Marx und den Marxismus wesentlich. Die f&#252;r Heinrich charakteristische Tendenz, die Spannung zu Gunsten des Pols der Wissenschaft und Kritik aufzul&#246;sen, und dadurch die notwendige Rolle des Marxismus in der Ausarbeitung eines neuen Alltagsverstands zu untersch&#228;tzen, blitzt zwar an manchen Stellen des Textes auf, das tut der Qualit&#228;t seiner Ausf&#252;hrungen in diesem empfehlenswerten Beitrag jedoch keinen Abbruch. Alex Demirovi&#196; widmet sich in seinem Beitrag, der so etwas wie das konzeptionelle Herzst&#252;ck des Bandes darstellt, den gro&#223;en Begriffen marxistischer Gesellschaftstheorie: dem Staat, den Klassen und deren K&#228;mpfen. Vom griechisch-franz&#246;sischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas &#252;bernimmt er die These, dass wir den Staat weder als Instrument in H&#228;nden einer sich au&#223;erhalb des Staates konstituierenden Klasse, noch als blo&#223;es Ergebnis vielf&#228;ltig aufeinander einwirkender Pluralwillen, und auch nicht als &#252;ber den egoistischen Einzelinteressen schwebendes und diese vers&#246;hnendes „Subjekt“ verstehen sollten. Stattdessen wird der Staat selbst als Verh&#228;ltnis, genauer als Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Klassen und Klassenfraktionen aufgefasst; zugleich ist er ein „materiell verdichtetes“ Verh&#228;ltnis, also eine auf Dauer gestellte, Handlungsroutinen anleitende, mit materiellen Ressourcen und einem b&#252;rokratischen Apparat ausgestattete Struktur. Als solcher ist er nicht einfach „der Staat“, sondern ein kapitalistischer Staat, denn er ist „die Selbstorganisation der b&#252;rgerlichen Klasse und ihrer Fraktionen“ und „erm&#246;glicht […] so die Austragung der Konflikte unter den Fraktionen der b&#252;rgerlichen Klasse um die Strategien der Herrschaftsaus&#252;bung, ohne die Reproduktion der Herrschaft auf erweiterter Stufenleiter zu gef&#228;hrden.“ (70) Grundlage einer materialistischen Staatstheorie ist demnach eine tragf&#228;hige marxistische Theorie der Klassen. Demirovi&#196; gelingt es, auf knappem Raum Umrisse einer solchen dazulegen und dabei nicht nur die grundlegenden Unterschiede zwischen einem an Marx anschlie&#223;enden Klassenbegriff und einer an Max Weber orientierten, soziologischen Klassenbestimmung zu er&#246;rtern, sondern auch die in Teilen der Linken popul&#228;re (und auch in diesem Band von Oliver Marchart vertretene) „postmarxistische“ These von der „Aufl&#246;sung“ der Klassen in eine Vielzahl von Bewegungen und Antagonismen treffend zu kritisieren.<br />
Paul Willis’ &#220;berlegungen zu „kulturellen Waren“, deren kreative und produktive Aneignung durch Jugendliche er als „symbolische Arbeit“ verstanden wissen will, beschlie&#223;en (gemeinsam mit dem erw&#228;hnten Kommentar von Margareta Steinr&#252;cke) den Band. Willis’ Thesen sind herausfordernd, werfen den Blick auf den alltagskulturellen way of life subalterner Jugendlicher und heben sich angenehm vom kulturpessimistischen Lamento Adorno-geschulter VerblendungstheoretikerInnen ab. Sie zeigen aber auch deutlich die Grenzen eines Denkens in Begriffen von „Fetisch“ und„Entfremdung“, das der Cultural Studies- Vertreter mit den alten Herren der Kritischen Theorie letztlich teilt. Wo diese die Entfremdung gerade in der Welt der Kulturindustrie beklagen, setzt jener die Hoffnung in ein ent-fetischisiertes „expressives Selbst“ gerade im Konsum massen- und popkultureller Waren. Der Begriff der „Entfremdung“ wirft jedoch immer die Frage auf, wovon der Mensch entfremdet sein soll, und damit jene nach dem (Gattungs-)„Wesen“ des Menschen, das in einer befreiten (oder „vers&#246;hnten“) Gesellschaft rein und unverf&#228;lscht zur Geltung kommen solle. Wer hier die ultimative Aufforderung des Neoliberalismus, sich endlich „selbst zu verwirklichen“ anklingen h&#246;rt, liegt nicht ganz falsch. Eine anti-essentialistische Position, die das „Wesen“ des Menschen als nichts als das „Ensemble der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse“ (wie Marx in der 6. Feuerbachthese) begreift, liegt quer zu dieser Problematik. Willis’ sehr dichter, grundlegend-theoretische mit zeitdiagnostischen Argumenten verkn&#252;pfender Text bietet aber allemal anregenden Diskussionsstoff.<br />
Weitere in Hello Marx verhandelte Themen sind die „Praxisgeschichte des Marxismus“ – ein knapper Beitrag von Georg F&#252;lberth, dem der Schock &#252;ber das Ende des Staatskapitalismus, den er Staatssozialismus nennt, noch in den Gliedern zu stecken scheint –, Manuela Bojadžijevs kritische Aufarbeitung des Themenkomplexes „Rassismus und Migration“ in der deutschen Nachkriegslinken, und Oliver Marcharts, die Thesen Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes popularisierende Einf&#252;hrung in den „Postmarxismus“.<br />
Die gro&#223;e Leerstelle des Buches – wie die HerausgeberInnen selbst im Vorwort eingestehen – ist die Frage der Geschlechterverh&#228;ltnisse und feministischer Zug&#228;nge zur marxistischen Theorie und Praxis. Dass der dazu eingeladenen Referentin die Ausarbeitung ihres Vortrags zu einem Buchaufsatz nicht m&#246;glich war, ist bedauerlich. Weshalb die HerausgeberInnen keine andere Autorin um einen Beitrag gebeten haben ist jedoch ebenso wenig nachvollziehbar wie die (allerdings nicht den HerausgeberInnen anzulastende) Tatsache, dass bis auf wenige Ausnahmen (Manuela Bojadžijev, teilweise Alex Demirovi&#196;) Geschlechterverh&#228;ltnisse in den vorhandenen Beitr&#228;gen auch dort ignoriert werden, wo sie als „Querschnitt-Thema“ Platz h&#228;tten finden m&#252;ssen.<br />
Insgesamt ist Hello Marx dennoch ein gelungener Band, der auch Anlass zur Hoffnung gibt, dass die ProtagonistInnen des aktuellen Kampfzyklus den (theorie-)politischen Fehlern der 1970er und 1980er entgehen (schlie&#223;lich gibt es noch genug neue zu machen). Machistische Revolutionsromantik ist ihre Sache nicht, intellektuelles Glasperlenspiel ebenso wenig, und das ist gut so.</p>
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		<title>Die vielen Gesichter Mao Zedongs</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:10:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Wemheuer, Felix: Mao Zedong. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag
2010, 160 Seiten € 9,20

Ob als Personifikation eines vermeintlichen Gegenmodells zur Sowjetunion Stalins oder als sadistischer, sexbesessener Tyrann – kaum ein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts rief eine derartige Vielzahl an unterschiedlichen Interpretationen und Projektionen hervor wie Mao Zedong. Doch wer war Mao denn nun?
Dieser Frage widmet sich der Sinologe Felix Wemheuer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Wemheuer, Felix: Mao Zedong. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag<br />
2010, 160 Seiten € 9,20<br />
<span id="more-1971"></span><br />
Ob als Personifikation eines vermeintlichen Gegenmodells zur Sowjetunion Stalins oder als sadistischer, sexbesessener Tyrann – kaum ein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts rief eine derartige Vielzahl an unterschiedlichen Interpretationen und Projektionen hervor wie Mao Zedong. Doch wer war Mao denn nun?<br />
Dieser Frage widmet sich der Sinologe Felix Wemheuer mit seiner 2010 (in rotem Umschlag!) erschienenen Biographie des „Gro&#223;en Vorsitzenden“ auf &#228;u&#223;erst anregende Art und Weise. Der Autor reflektiert nicht nur, dass eben genannte und dar&#252;ber hinaus gehende „Interpretationen mehr &#252;ber den Zeitgeist im Westen aus[sagen] als &#252;ber Mao selbst“ (9), sondern argumentiert bereits eingangs, dass die Suche nach dem einen, „wirklichen“ Mao Zedong kaum zu leisten sei. Das Ziel Wemheuers liegt vielmehr darin, „die Entwicklung eines der widerspr&#252;chlichsten und schillerndsten Revolution&#228;re des 20. Jahrhunderts“ (14) nachzuzeichnen und somit die vielen Gesichter Mao Zedongs herauszuarbeiten.<br />
Hierf&#252;r widmet sich der Autor in den ersten beiden Kapiteln vor allem der Frage, wie und warum der 1893 in der Provinz Hunan geborene Sohn einer relativ gut situierten Bauernfamilie zum F&#252;hrer der chinesischen Revolution aufsteigen konnte. Ausf&#252;hrlich beschreibt Wemheuer Maos „Odyssee“ durch die l&#228;ndlichen Gebiete Chinas w&#228;hrend des chinesischen B&#252;rgerkrieges und Kampfes gegen die japanischen Imperialisten, die ihn nachhaltig gepr&#228;gt habe. Sowohl die innerparteiliche als auch die von sowjetischer Seite vorgebrachte Kritik an Maos „unmarxistischem“ Vertrauen in die b&#228;uerlichen Massen verhinderten jedoch bis 1945, dass Mao sich auch offiziell als F&#252;hrer der kommunistischen Bewegung Chinas etablieren konnte. Hervorzuheben sind die Abschnitte zum „Gro&#223;en Sprung nach vorn“ (1958-61) und zur „Gro&#223;en Proletarischen Kulturrevolution“ (1966-76). Hier gelingt es Wemheuer sehr gut, herauszuarbeiten, „wie Mao in der Auseinandersetzung mit der chinesischen Gesellschaft seine Strategien und Ideen immer wieder modifizieren musste“ (13). Die Entscheidung Maos zur Massenkampagne des „Gro&#223;en Sprungs“, in deren Mittelpunkt die radikale Kollektivierung der landwirtschaftlichen Produktion und der Aufbau von lokal betriebenen Schmelz&#246;fen zur Stahlproduktion stand, sei in erster Linie als „Flucht nach vorn aus einer politischen und sozialen Krise der chinesischen Gesellschaft“ (87) ab Mitte der 1950er Jahre zu verstehen. Dass diese Politik jedoch im Desaster einer Hungersnot mit nach offiziellen Sch&#228;tzungen 15 bis 45 Millionen Toten enden konnte, sei „[...] Maos gr&#246;&#223;ter Fehler und das gr&#246;&#223;te Verbrechen seines Lebens“ (101) gewesen. Denn die Hungersnot h&#228;tte nie ein derartiges Ausma&#223; erreichen k&#246;nnen, wenn Mao und die Parteif&#252;hrung schon fr&#252;her geeignete Ma&#223;nahmen ergriffen (und nicht etwa am Getreideexport festgehalten) h&#228;tten.<br />
Auch in seiner Darstellung der Kulturrevolution betont der Autor den gesellschaftlichen Kontext und stellt sich – entgegen jenen AutorInnen, die diese auf einen innerparteilichen Machtkampf reduzieren – der Frage, weshalb ein betr&#228;chtlicher Teil der chinesischen Gesellschaft diese letzte Kampagne Maos euphorisch begr&#252;&#223;te. Dabei verweist er insbesondere auf die tiefen gesellschaftlichen Spaltungslinien, die zwischen Kaderkindern an den Universit&#228;ten und Nachkommen der ArbeiterInnen und Bauern sowie zwischen dem privilegierten Kern der Industriearbeiterschaft und den zu diesem Zeitpunkt bereits einen betr&#228;chtlichen Anteil ausmachenden KontraktarbeiterInnen aufbrachen. Einige Aspekte der kulturrevolution&#228;ren Umw&#228;lzung, wie die Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen, werden durchaus positiv eingesch&#228;tzt. Gleichsam betont Wemheuer aber auch die (nach 1969 zunehmend institutionalisierte) Gewaltexzesse, das Festhalten Maos an der Autorit&#228;t der Partei sowie das Scheitern seines prim&#228;ren Ziels, noch vor seinem Tod eine neue soziale Basis und einen Nachfolger f&#252;r die Fortf&#252;hrung der „permanenten Revolution“ zu finden.<br />
Im abschlie&#223;enden Kapitel nimmt der Autor eine Gesamtbewertung Maos vor, die sich an dessen eigenen Anspr&#252;chen und Zielen orientiert. Der Aufbau eines unabh&#228;ngigen Nationalstaates und die nachholende Modernisierung werden vor diesem Hintergrund als Erfolge bilanziert, w&#228;hrend Wemheuer Maos selbst gestecktes Ziel einer sozialistischen Revolution als eindeutig gescheitert erkl&#228;rt.<br />
Mitsamt zahlreichen Bildern, einer &#252;bersichtlichen Zeittafel und Empfehlungen f&#252;r weiterf&#252;hrende Literatur ist diese Biographie vor allem jenen zu empfehlen, die eine erste Auseinandersetzung mit Mao Zedongs Leben und der Geschichte der VR China suchen. Nicht zuletzt aufgrund der Verwendung bisher nicht zug&#228;nglicher Quellen und der &#252;berzeugend vorgetragenen Kritik an bisherigen Biographien sowie an innerhalb der „Linken“ noch weit verbreiteten Legenden ist die Publikation aber auch f&#252;r „Fortgeschrittene“ lesenswert und st&#246;&#223;t hoffentlich fruchtbare Diskussionen &#252;ber die chinesische Revolutionsgeschichte an.</p>
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		<title>Neue k&#228;mpfende Klassensubjekte in China</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:09:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Pun, Ngai/ Lee, Ching Kwan u.a.: Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China, Berlin/Hamburg:
Assoziation A 2010, 294 Seiten, € 18

Wer sich in der deutschsprachigen Linken f&#252;r die Situation in China interessiert, dem oder der ist das Kollektiv FreundInnen von gongchao (chin. f&#252;r: „Streik“, „Streikwelle“, oder auch „ArbeiterInnenbewegung“) m&#246;glicherweise bereits ein Begriff: Angefangen mit der im Dezember [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Pun, Ngai/ Lee, Ching Kwan u.a.: Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China, Berlin/Hamburg:<br />
Assoziation A 2010, 294 Seiten, € 18<br />
<span id="more-1964"></span><br />
Wer sich in der deutschsprachigen Linken f&#252;r die Situation in China interessiert, dem oder der ist das Kollektiv FreundInnen von gongchao (chin. f&#252;r: „Streik“, „Streikwelle“, oder auch „ArbeiterInnenbewegung“) m&#246;glicherweise bereits ein Begriff: Angefangen mit der im Dezember 2007 erschienenen Wildcat-Beilage Unruhen in China, &#252;ber die Ver&#246;ffentlichung des Buches dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarkfabriken erz&#228;hlen von Pun Ngai und Li Wanwei bis hin zu verschiedenen Veranstaltungen und einer Website (<a href="http://www.gongchao.org">http://www.gongchao.org</a>) machen sie seit einigen Jahren Informationen &#252;ber die vielf&#228;ltigen Klassenauseinandersetzungen und insbesondere die Situation der WanderarbeiterInnen in der aufsteigenden Weltmacht auch hierzulande zug&#228;nglich. Mit Aufbruch der zweiten Generation erf&#228;hrt dieses wichtige Projekt nun gl&#252;cklicherweise eine weitere Fortsetzung und inhaltliche Vertiefung.<br />
Am Ausgangspunkt des Buches steht eine paradoxe Situation: Zwar wird sp&#228;testens seit der massiven Streikwelle im Automobilsektor und anderen Branchen vom Fr&#252;hjahr/Sommer 2010 mehr und mehr auch au&#223;erhalb Chinas wahrgenom men, dass sich die ArbeiterInnen in der „Werkbank der Welt“ im „Aufbruch“ befinden, doch bleiben die Konturen dieser sozialen K&#228;mpfe allzu h&#228;ufig unscharf. Aufbruch der zweiten Generation m&#246;chte dazu beitragen, dies zu &#228;ndern. „Wer sind diese ArbeiterInnen, die Forderungen stellen und wilde Streiks organisieren?“ und „[w]arum rebellieren sie (erst) jetzt?“ (7) sind daher so etwas wie die Leitfragen des Buches. Eine erste Antwort gibt die Fokussierung auf die WanderarbeiterInnen als die zentralen Tr&#228;gerInnen der rasanten Entwicklung Chinas. Der Blick wird hier allerdings &#252;ber die ArbeiterInnen in den Weltmarktfabriken hinaus, die in Diskussionen und Ver&#246;ffentlichungen meist im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, ausgeweitet.<br />
So untersucht der erste Teil des Buches, in dem sich kritische chinesische SozialwissenschaftlerInnen mit ethnografischen Methoden wie Interviews und teilnehmender Beobachtung in insgesamt sechs Beitr&#228;gen verschiedenen Arbeiterfiguren ann&#228;hern, neben der Situation in Automobil- und Elektronikfabriken auch die Arbeitsbedingungen, Lebensrealit&#228;ten und Widerstandsformen von BauarbeiterInnen, Lastentr&#228;gerInnen, Sexarbeiterinnen sowie Hausangestellten. Im Zuge der sehr anschaulichen und an den Alltagserfahrungen der ArbeiterInnen orientierten Schilderungen wird ersichtlich, was diese neuen Klassensubjekte &#252;ber alle Differenzen hinaus verbindet: Es ist dies zum einen die zumeist vergeschlechtlichte Erfahrung unmenschlicher Arbeitsbedingungen, despotischer Kontrolle am und neben dem Arbeitsplatz sowie willk&#252;rlichen und h&#228;ufig gewaltsamen Verhaltens von Vorgesetzen oder staatlichen Beamten. Zum anderen teilen diese ArbeiterInnen als Mitglieder einer zweiten, in den 2000er Jahren erwachsen gewordenen Generation von WanderarbeiterInnen jedoch auch ein Selbstbewusstsein, das die erste Generation der WanderarbeiterInnen in den 1980er und 1990er Jahren so noch nicht hatte. Dieses dr&#252;ckt sich u.a. aus im Anspruch, sich dauerhaft in der Stadt aufhalten, angemessen am produzierten Reichtum teilhaben und ver&#228;nderte Geschlechterverh&#228;ltnisse leben zu k&#246;nnen, einer taktisch gepr&#228;gten Auswahl bestimmter, vergleichsweise attraktiver Unternehmen oder T&#228;tigkeiten, sowie einer gr&#246;&#223;eren Bereitschaft zu offensiven und kollektiven Widerstandsformen. Es ist daher kein Zufall, dass es gerade diese zweite Generation ist, die sich „im Aufbruch“ befindet und vermehrt soziale K&#228;mpfe f&#252;hrt.<br />
Die sechs Beitr&#228;ge zu den verschiedenen Arbeiterfiguren enthalten freilich auch immer wieder Hinweise darauf, warum es trotz dieser Gemeinsamkeiten bisher nicht zur Herausbildung einer breiteren ArbeiterInnenbewegung gekommen ist. Neben staatlicher Repression und vielf&#228;ltigen Formen der Spaltung der ArbeiterInnen (z.B. entlang von Geschlecht, Herkunft oder Qualifikation) stellt dabei insbesondere die neoliberale Anrufung der Lastentr&#228;gerInnen &#252;ber Diskurse von Freiheit und Eigenverantwortlichkeit einen interessanten Fall dar, lassen sich doch ungeahnte Parallelen zur Diskussion hierzulande ziehen. Ebenfalls bekannt kommt einem die Subsumtion des Klassendiskurses zugunsten neoliberaler Ideologie und der entpolitisierten Rede von Schichten vor, die Pun Ngai und Chris King-Chi Chan in einem von drei Texten im zweiten Teil des Buches f&#252;r China diagnostizieren. Mit diesem Beitrag, der Darstellung von Ching Kwan Lee zur Entwicklung des Arbeiteraufruhrs in China seit der maoistischen Periode sowie der Analyse des Verlaufs, der Hintergr&#252;nde und der m&#246;glichen Folgen der bereits erw&#228;hnten Streikwelle vom Fr&#252;hjahr/Sommer 2010 durch die FreundInnen von gongchao vermittelt dieser zweite Teil das Hintergrundwissen, um die konkreten Fallstudien von zuvor einordnen zu k&#246;nnen. Positiv hervorzuheben ist hier v.a. der letztgenannte Text, gelingt es ihm doch beispielhaft, den Bogen von<br />
der ganz konkreten Ebene der Streiks bis hin zu allgemeinen &#220;berlegungen zur weiteren Entwicklung Chinas und den Perspektiven sozialer K&#228;mpfe und linker Organisierung zu spannen.<br />
Dass sich dies nicht gleicherma&#223;en f&#252;r alle der in Aufbruch der zweiten Generation versammelten Beitr&#228;ge sagen l&#228;sst, verweist darauf, dass die St&#228;rke des Buches zugleich seine – wenngleich geringf&#252;gige – Schw&#228;che ist. Diese Ambivalenz, die von den FreundInnen von gongchao in ihrer Einleitung selbst reflektiert wird, speist sich zu einem gro&#223;en Teil aus den ma&#223;geblichen theoretischen Bezugspunkten der AutorInnen. In ihrer stark von E.P. Thompson und dem italienischen Operaismus gepr&#228;gten Perspektive „von unten“ werden die konkreten Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse und mithin also die Alltags- und Kampferfahrungen der ArbeiterInnen nicht nur ungemein anschaulich gemacht, sondern auch als Ausgangspunkt f&#252;r die Analyse von Prozessen der Klassen(neu)zusammensetzung verstanden. In Verbindung mit Michael Burawoys Analysen von Fabrikregimen und Konzepten aus der kritischen Geschlechterforschung ergibt sich so ein Blick auf die neuen Klassensubjekte, der gegen den oftmals vorherrschenden Opfer-Diskurs den Eigensinn und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen betont, ohne auf diese zugleich &#252;berbordende politische Hoffnungen zu projizieren oder die Realit&#228;t der Arbeitsbedingungen zu verharmlosen. Durch die Vielfalt der dargestellten Sektoren und Arbeiterfiguren wird zudem die Engf&#252;hrung auf die IndustriearbeiterInnen in den Weltmarktfabriken weitgehend vermieden. Gleichzeitig lassen die Texte in ihrer Perspektive „von unten“ teilweise das Interesse an der „anderen Seite“, sprich an den Interessen, Strategien und Taktiken des chinesischen und ausl&#228;ndischen Kapitals als politisch konstituierter Klasse vermissen. Dies ist insofern folgerichtig, als &#252;ber die begriffliche Einordnung und politische Bewertung des chinesischen Staates weder f&#252;r die Mao-&#196;ra noch f&#252;r die seit 1978 angebrochene Phase wirtschaftlicher Liberalisierung und &#214;ffnung Einigkeit zu bestehen scheint. Um die von den FreundInnen von gongchao zu Recht diagnostizierte „(…) anklingende Verharmlosung der maoistischen Klassenherrschaft und die Einordnung der Analyse in die reformistische Konfliktl&#246;sungs- und Rechtsstaatsdebatte“ (17) zu &#252;berwinden und so politischstrategisch handlungsf&#228;hig(er) zu werden, bedarf es daher noch weitergehender staats- und klassentheoretischer Untersuchungen. Diese m&#252;ssen freilich nicht notwendig nur in China selbst geleistet werden. Gerade weil sich angesichts einer globalisierten &#214;konomie und dem geopolitischen Aufstieg Chinas hierzulande mehr und mehr die Frage nach den M&#246;glichkeiten einer solidarischen Bezugnahme auf die K&#228;mpfe der chinesischen (Wander-)ArbeiterInnen stellt, ist eine intensive Besch&#228;ftigung mit der Situation vor Ort dringend notwendig. Daf&#252;r stellt Aufbruch der zweiten Generation einen unverzichtbaren Baustein dar. Deshalb: Pflichtkauf!</p>
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		<title>Auf der Suche nach den Subjekten</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:42:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30

Mit Kritischer Arbeitssoziologie versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30<br />
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Mit <em>Kritischer Arbeitssoziologie</em> versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als Grundlage f&#252;r prozessoptimierende Managementstrategien dienten, werden arbeitssoziologische Ans&#228;tze meist eher zur&#252;ckgewiesen. Neumann versucht mit diesem Buch allerdings aufzuzeigen, dass es innerhalb der soziologischen Arbeitsforschung auch eine andere Tradition gab und gibt.<br />
Anschlie&#223;end an Michael Schumann stellt er zu Beginn des Buches fest, dass der Begriff der Industriesoziologie f&#252;r eine kritische Betrachtung von Arbeit und den darin liegenden gesellschaftlichen Widerspr&#252;chen zu kurz greift und sich der weiter gefasste, aus der franz&#246;sische Tradition kommende Begriff der „sociologie du travail“ (Arbeitssoziologie) viel eher eignet. Hier stehen nicht die industriellen Beziehungen im Zentrum der Analyse, sondern die arbeitenden Subjekte und ihre widerspr&#252;chliche Konstitution im Verwertungsprozess kapitalistischer Akkumulation.<br />
Ausgehend von Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud, die er als theoretische Referenzfolien der unterschiedlichen Str&#228;nge kritischer Arbeitssoziologie ansieht, versucht Neumann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der franz&#246;sischen Debatte herauszuarbeiten. Deren gemeinsame Ausgangsfrage ist diejenige nach der Widerst&#228;ndigkeit der Subjekte im kapitalistischen Arbeitsprozess. Hier wird von deutscher wie von franz&#246;sischer Seite davon ausgegangen, dass die reale Subsumption der Arbeitskr&#228;fte unter die kapitalistische Profitlogik niemals vollst&#228;ndig vollzogen werden kann und sich die Subjekte immer wieder als widerst&#228;ndige generieren.<br />
Im Gegensatz zu funktionalistischen TheoretikerInnen (wie beispielsweise Lukács) gehen die kritischen ArbeitssoziologInnen laut Neumann allerdings nicht von einem mystifizierten Klassenbewusstsein aus, sondern versuchen festzustellen, wie im Prozess der Subjektkonstitution Momente entstehen, die &#252;ber die Logik kapitalistischer Vergesellschaftung hinausweisen. Neumann pl&#228;diert hier f&#252;r eine Interpretation des Marxschen Werkes, die sich nicht in der Analyse der Kapitallogik ersch&#246;pft, sondern um die Frage nach der M&#246;glichkeit der Konstitution revolution&#228;rer Subjektivit&#228;t erweitert werden muss.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch <em>Geschichte und Eigensinn</em>) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Die franz&#246;sische Arbeitssoziologie nahm einen &#228;hnlichen Weg, nur mit anderen theoretischen Grundlagen. Aufbauend auf den Analysen von Vincent Castoriadis und anderen wurde Weber von den Franz&#246;sInnen „gegen den Strich“ gelesen und f&#252;r radikale Theoriebildung operationalisiert. Sowohl Pierre Bourdieu, als auch Alain Touraine sowie Luc Boltanski und Éve Chiapello setzen bei ihren jeweiligen Forschungen an diesen Grundlagen an. Dass insbesondere der Bezug auf Weber nur bedingt sinnvoll ist, zeigt sich laut Neumann an der starken Fokussierung der franz&#246;sischen Arbeitssoziologie auf die Aus&#252;bung von Herrschaft. Die autonomen Widerstandspotentiale der Arbeitssubjekte werden demnach zu wenig beachtet. Neumann schlie&#223;t sein Buch mit &#220;berlegungen zu der Frage, welche Rolle kritische Arbeitssoziologie zu Zeiten der globalen Krise des Kapitalismus einnehmen kann und muss.<br />
Generell kann festgehalten werden, dass das Buch im breiten Feld der Arbeitssoziologie einen guten &#220;berblick &#252;ber, sowie eine wichtige Einf&#252;hrung in die zentralen Theorien bietet. &#220;berblickstexte dieser Art m&#252;ssen naturgem&#228;&#223; immer blinde Flecken zur&#252;cklassen. Der Versuch einer theoriebezogenen Kanonisierung ist sicherlich mit Skepsis aufzunehmen. Der Zusammenhang zwischen tats&#228;chlich stattfindenden Klassenk&#228;mpfen und theoretischen Ans&#228;tzen wird meiner Ansicht nach zu wenig hergestellt. F&#252;r viele der im Buch angef&#252;hrten TheoretikerInnen, waren die Erfahrungen in den Fabriken – nicht die Universit&#228;t – Ausgangspunkt ihrer theoretischen &#220;berlegungen. Besonders deutlich wird dieses Manko in Bezug auf Antonio Negri. Dieser wird beinahe ausnahmslos im Kontext der franz&#246;sischen Debatte verortet und damit sowohl praktisch als auch theoretisch von seinen Wurzeln im italienischen Operaismus abgetrennt. Der starke Bezug auf Deutschland und Frankreich klammert dar&#252;ber hinaus die mannigfaltigen Austauschprozesse zwischen anderen L&#228;ndern aus. So bleiben viele Verbindungen  von Castoriadis zu den holl&#228;ndischen R&#228;tekommunistInnen rund um Pannekoek und anderen der R&#228;tebewegung nahe stehenden AktivistInnen im Dunkeln.<br />
Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in die unterschiedlichen theoretischen Traditionen der Kritischen Arbeitssoziologie. Besonders f&#252;r den &#246;sterreichischen Kontext ist es sehr wertvoll, da sich hiermit eine M&#246;glichkeit zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie er&#246;ffnet, die sich erfrischend von der g&#228;ngigen Debatte abhebt, welche in einem falschen Verst&#228;ndnis des Fetischbegriffs verhaftet zu sein scheint.</p>
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		<title>Radikales Palaver</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:32:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[kritische Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90

Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat Philosophieren unter anderen betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches<br />
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90<br />
<span id="more-1700"></span><br />
Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat <em>Philosophieren unter anderen</em> betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben so einiges – theoretisch wie praktisch – bewirkt. Aus der 68er-Bewegung kommend, wurde er 1973 Professor der Philosophie an der Freien Universit&#228;t Berlin, wo er, mit Unterbrechungen, bis heute lehrt. In seinem langen Schaffen entfaltete Wolf au&#223;erdem diverse politischemanzipatorische Aktivit&#228;ten: Er gab, um nur einzelne dieser T&#228;tigkeiten zu nennen, die Werke Louis Althussers auf Deutsch heraus und verk&#252;ndete bereits Mitte der 1980er-Jahre, dass die Zukunft des Marxismus nur in einem &#246;kologischen Sozialismus liegen k&#246;nne. Demgem&#228;&#223; sa&#223; Wolf in den 1980er und 1990er-Jahren auch f&#252;r die deutschen Gr&#252;nen im Europaparlament.<br />
Diese Breite im Schaffen Wolfs schl&#228;gt sich auch in der inhaltlichen Vielf&#228;ltigkeit der knapp 450 Seiten z&#228;hlenden Festschrift nieder, obgleich sie um Wolfs zentrales Anliegen des letzten Jahrzehnts zentriert ist: die Radikale Philosophie. <em>Radikale Philosophie</em> findet, laut Wolf, immer schon „unter anderen“, also im Diskurs bzw. „Palaver“ der Menschen, statt. Ihr erkl&#228;rtes Ziel ist es, „den Skandal“ offen zu legen, dass „die unterschiedlichsten philosophischen Linien einerseits das Selbstdenken propagierten und es auch innerhalb der Philosophieform propagieren mussten, sie andererseits aber gerade dieses Selbstdenken zum Instrument einer Selbstunterwerfung umfunktioniert haben.“ Wolfs Absicht ist also nichts Anderes, als philosophisches <em>underlabouring </em>in herrschaftskritischer Absicht zu betreiben. Und so hei&#223;t es auch an anderer Stelle des Sammelbandes, den Begriff des <em>underlabouring </em>konkretisierend: Radikale Philosophie „versucht, &#252;ber das Philosophieren als spezifische T&#228;tigkeit hinaus ein Selberdenken aller zu f&#246;rdern, das vor gelingender Praxis liegt, ohne sie garantieren zu k&#246;nnen.“(380) Selberdenken wiederum ist in allen m&#246;glichen Dom&#228;nen des menschlichen Zusammenlebens gefragt, und so kommt es auch, dass der Radikalen Philosophie ein breites Feld der Bet&#228;tigung offen steht.<br />
Der Ausgangspunkt ist dabei die kritische Theorie Marxens. Davon legt der erste Teil des Bandes, der knapp die H&#228;lfte des Gesamtvolumens einnimmt und mit „Philosophieren im Anschluss an Marx“ betitelt ist, beredtes Zeugnis ab. Auch hier f&#228;llt sofort die thematische Breite der Darlegungen auf, deren einziger gemeinsamer Nenner oftmals nur in einer Bezugnahme auf Wolfs Radikale Philosophie liegt und auch diese ist in manchen Texten, wenn &#252;berhaupt, so nur implizit vorhanden – eine Problematik, auf die wir sp&#228;terhin noch genauer zu sprechen kommen werden. Die inhaltliche Spannweite der Texte reicht in diesem Teil jedenfalls von der wissenschaftstheoretischen Bedeutung des Marxschen Werkes &#252;ber Reflexionen zum Verh&#228;ltnis von Ludwig Wittgenstein zu Pierre Bourdieu bis hin zur politischen Philosophie und Psychoanalyse von Cornelius Castoriadis. Dazwischen werden noch die gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnisse samt ihrer „nat&#252;rlichen Tiefendimension“ (Kate Soper), fr&#252;hb&#252;rgerliche Staatstheorien von Hobbes bis Hume und vieles mehr verhandelt.<br />
Insbesondere und exemplarisch hervorheben m&#246;chte ich aus diesem Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> einen einzelnen Text: ebenjenen von <em>Urs Lindner</em> „zur doppelten wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung von Karl Marx“, so der Untertitel seines Beitrags. Dieser zeichnet sich durch breite Kenntnis neuerer wissenschaftstheoretischer Debatten aus und demonstriert pr&#228;zise, was <em>underlabouring </em>in radikalphilosophischer Absicht auf dem Felde der Philosophie bedeuten kann. Lindner argumentiert n&#228;mlich sehr anschaulich, dass Louis Althussers These vom „epistemologischen Einschnitt“ im Marxschen Schaffen grunds&#228;tzlich modifiziert werden muss. Mit Althusser geht Lindner zwar davon aus, dass es diesen Einschnitt tats&#228;chlich gegeben hat, dass Marx sich also mit den <em>Feuerbachthesen</em> und der <em>deutschen Ideologie</em> 1845 auf den Weg machte von der spekulativen Philosophie seiner Jugendjahre zur Wissenschaftlichkeit seines Sp&#228;twerks – sodann emblematisch zu Tage tretend im <em>Kapital</em>. Lindner geht aber sogleich &#252;ber Althusser hinaus, indem er weitere heuristische Untergliederungen des Marxschen Schaffens einf&#252;hrt und meint, dass Marx sich von 1845 bis 1857 – bis zur Anfertigung der <em>Grundrisse </em>– in einem Prozess der Reifung befunden habe, der schlie&#223;lich zu einem wissenschaftlichen Durchbruch, namentlich der Identifikation des Doppelcharakters der gesellschaftlichen Arbeit, gef&#252;hrt hat und Marx folglich in die Lage versetzte, die kapitalistische Gesellschaft im <em>Kapital </em>von ihrer „Zellform“ (Marx) her aufzurollen. Lindner ist sich dabei der Problematik jedweder Schematisierung durchaus bewusst, wie er sich gleichsam, trotz der Rede von der Reifung, allen teleologischen Obert&#246;nen versagt. Das Marxsche Werk ist und bleibt ein Torso und gerade Lindners Rekurs auf neuere wissenschaftstheoretische &#220;berlegungen macht klar, dass Marx sich wohl selbst nicht so ganz bewusst war, welche ontologischen, epistemologischen und methodologischen Vorannahmen und Setzungen er getroffen hatte (hier ist wiederum <em>underlabouring </em>gefragt, um ebenjene impliziten Pr&#228;missen zu Tage zu f&#246;rdern).<br />
Teil 2 der Festschrift tr&#228;gt die &#220;berschrift „Politik, &#214;konomie, Geschlechterverh&#228;ltnisse“ und verweist damit auf den weitl&#228;ufigen Fokus der <em>underlabouring</em>-T&#228;tigkeit der Radikalen Philosophie, verglichen etwa mit diversen (&#246;konomistischen) Traditionsmarxismen.Auch diesem Teil des Bandes l&#228;sst sich eine bunte Vielfalt an Themen attestieren. Von Fragen queerer Theoriebildung &#252;ber Probleme der sog. Staatsableitung in marxistischen Debatten bis hin zu historischen Skizzen &#252;ber die Durchsetzung des Kapitalismus in England und die Widerst&#228;nde dagegen sind die verhandelten Inhalte wiederum mannigfaltig. So setzt sich etwa <em>Michael Heinrich</em> in Teil 2 mit den „Grenzen des idealen Durchschnitts“, will meinen den Grenzen der dialektischen Darstellungsweise des Marxschen Kapitals in Hinblick auf den Staat auseinander und gibt desgleichen eine &#220;bersicht &#252;ber die versprengten theoretischen Aussagen Marxens &#252;ber den Staat. <em>Ingo Elbe</em> besch&#228;ftigt sich daran anschlie&#223;end mit der Rechts- und Staatstheorie von Nicos Poulantzas und versucht in kritischer Auseinandersetzung mit diesem und im Anschluss an Erkenntnisse der deutschen Staatsableitungsdebatte der 1970er Jahre, die kapitalistische Staatsform zu ergr&#252;nden. Neben diesen enger auf das Marxsche Werk zentrierten Texten behandelt dieser Teil des Bandes zudem weitere Probleme marxistischer Theoriebildung, die nicht allzu oft als solche er&#246;rtert werden. <em>Ingo St&#252;tzle</em> besch&#228;ftigt sich beispielsweise mit der Kategorie der Staatsverschuldung und ihrem Stellenwert in der Kritik der politischen &#214;konomie – ein in Krisenzeiten ausnehmend interessanter Beitrag. Dar&#252;ber hinaus sei aus diesem Abschnitt schlie&#223;lich noch der Text von <em>Pia Paust-Lassen</em> zur Lekt&#252;re empfohlen, welcher sich in sehr innovativer und erkenntnisbringender Art und Weise mit der Relevanz von verschiedenen Formen von Zeitlichkeit f&#252;r &#214;konomie und &#214;kologie auseinandersetzt.<br />
Der letzte Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> ist der „Theorie und Praxis radikaler Philosophie“ im engeren Sinne gewidmet, auch wenn selbst in diesem Teil der Bezug auf Wolfs <em>framework </em>h&#228;ufig nur implizit bleibt. <em>Denis Maeder</em> spricht gegen Ende des Bandes etwa &#252;ber die Zentralit&#228;t des Fragens und Nichtwissens im Gegensatz zur reinen Aussagen- und Satzlogik klassischer (analytischer) Philosophie und <em>Boaventura de Sousa Santos</em> macht sich Gedanken &#252;ber die Kommensurabilit&#228;t verschiedener Wissensformen und pl&#228;diert f&#252;r eine bestimmte standpunktlogische „Epistemologie des S&#252;dens“. Auch in diesem letzten Teil der Festschrift gilt, was schon zuvor aufgefallen war: Es handelt sich um durchwegs interessante Texte, wobei deren Bez&#252;ge zur Radikalen Philosophie oder Wolfs Werk ganz generell &#246;fter unklar bleiben.<br />
Dies leitet auch schon zur eigentlichen Problematik der Festschrift &#252;ber. Selbige ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Sammelsurium gegenw&#228;rtiger linker Theoriebildung und Emanzipation, die, will sie denn greifen, sich gewiss nur als vermittelte Zusammenschau vieler differenter Perspektiven denken l&#228;sst. Frieder Otto Wolf versucht mit seiner Radikalen Philosophie eine Art gemeinsame Klammer, einen Diskursbogen f&#252;r verschiedene emanzipatorische Ans&#228;tze zu schaffen, sodass sie in Dialog treten und sich schlussendlich gegenseitig theoretisch befruchten k&#246;nnen. Trotz dieses hehren und unterst&#252;tzenswerten Anliegens stellt sich bei der Lekt&#252;re der Festschrift aber die Frage nach der Koh&#228;renz der gesamten (meta-)theoretischen Perspektive. Wollen linke Theoriebildung und emanzipatorische Bewegungen nicht in seichten und zahnlosen Pluralismus abgleiten, so gelte es ebenso, die verschiedenen Ans&#228;tze in produktive Frontstellungen zueinander zu bringen und, wo n&#246;tig, eben auch Gegens&#228;tze zu prononcieren. Genau dies unterbleibt aber im vorliegenden Band &#252;berwiegend. <em>Underlabouring </em>h&#228;tte es genauso zur Aufgabe, die Inkonsistenzen und ideologischen Verschleifungen einzelner Theorien herauszupr&#228;parieren. Nur durch diese Gegens&#228;tze hindurch lie&#223;e sich zu einer pointiert-vermittelten Theorie des Ganzen gelangen. Mit dieser Festschrift ist sicherlich ein erster Schritt getan, verschiedene Theorietraditionen und Positionen in ein produktives Palaver miteinander und auch „unter die anderen“ zu bringen, weitere Schritte zur Sch&#228;rfung der zu Tage tretenden Widerspr&#252;che stehen aber – auch unter dem Schirm der Radikalen Philosophie – noch aus. Denn so befreiend und egalit&#228;r <em>Palaver </em>sein kann als gleichberechtigtes und solidarisches Sprechen unter anderen, die doch Gleiche sind, so schnell kann dieser in die polyphone Kakophonie des <em>Palaverns </em>ausarten, wo es nicht mehr so sehr darum geht, durch die Differenzen hindurch in kritischer Auseinandersetzung zur Wahrheit zu gelangen, sondern, im Gegenteil, die eigene (virtuelle) Befindlichkeit lauthals und &#252;ber alle anderen dr&#252;ber kundzutun.</p>
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		<title>Wo arbeitet die argentinische Demokratie?</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:20:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und trabajo territorial. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00

Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und <em>trabajo territorial</em>. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-1697"></span><br />
Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In Bezug auf Argentiniendominierte jedoch nicht immer ein derart makroperspektivischer Blick. Vielmehr galt Argentinien vielen Linken deshalb als interessant, weil es sich von einem Versuchslabor f&#252;r neoliberale Umstrukturierungspl&#228;ne zu einem Experimentierfeld f&#252;r neue Formen kollektiver Organisierung gewandelt hatte. Dass mit der Zeit immer weniger von Projekten wie den Tauschringen oder <em>fabricas recuperadas</em> (besetzte und selbstverwaltete Fabriken) zu vernehmen war, lag u. a. an der erfolgreichen Doppelstrategie der Regierung(en) Kirchner, radikale Bewegungsteile zu kriminalisieren, gem&#228;&#223;igtere hingegen (klientelistisch) in ein neues hegemoniales Projekt einzubinden.<br />
Im Zuge der Aufarbeitung, die auf die erste Ern&#252;chterung folgte, er&#246;ffneten sich neue Fragen: Woher kamen die Massen? Wo und wie organisierten sie sich? Wo waren die unterschiedlichen Bewegungsteile r&#228;umlich verankert? Und vor allem „[w]o wurde wann mit wem oder was wie interagiert und wie entwickelte sich diese Interaktion langfristig?“(90) Diesen Fragen geht Martina Blank in ihrer 2009 erschienenen Dissertation nach. Von besonderem Interesse ist f&#252;r sie hierbei die r&#228;umliche Dimension kollektiver Praktiken. Deshalb f&#252;hrt Blank zun&#228;chst in zentrale Konzepte der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte wie <em>place</em>, <em>scale </em>oder David Harveys Klassifizierung der <em>community “in itself”</em> und <em>“for itself”</em> ein. Mit Hilfe dieser Begriffswerkzeuge versucht sie sich dann den 2001 entstandenen sozialen Bewegungen zu n&#228;hern. Dabei macht sie zun&#228;chst drei zentrale Konfliktfelder mit unterschiedlichen Protestformen aus: Die neoliberalen Strukturanpassungen, denen sich die Arbeitslosenbewegung mit der Form des <em>piquete </em>(Stra&#223;ensperren) entgegenstellte; die Straflosigkeit der letzten Milit&#228;rdiktatur, gegen die in Form der <em>escrache </em>(Markierung der Wohnorte der Straft&#228;terInnen) protestiert wurde; sowie die Entt&#228;uschung &#252;ber die in den 1980ern neu geschaffenen demokratischen Institutionen, die zur Selbstorganisierung in <em>asambleas barriales</em> (Stadtteilversammlungen) f&#252;hrte. Alle diese neuen Protest- und Organisierungsformen beziehen sich zentral auf die R&#228;umlichkeit des <em>barrios </em>(Viertel). Raum ist Blank zufolge in diesem Zusammenhang jedoch nicht als geographisches Territorium zu verstehen, sondern vielmehr als „verortete Verdichtung sozialer Interaktion“(89). Ihre zentrale These lautet daher: „<em>Trabajo territorial</em> [die kollektive Arbeit im <em>barrio</em>, Anm. TB] […] ist der Versuch zur Schaffung neuer Handlungsr&#228;ume, die Verortung im Stadtviertel zielt auf die Konstruktion sozialer R&#228;ume, die ein „más alla“ („dar&#252;ber hinaus“) des Protests erm&#246;glichen sollen.“(11)<br />
Zur Untersuchung dieser These betrachtet die Autorin die Arbeit der <em>Asamblea Popular de Florida Este</em> in deren <em>barrio</em>. Die <em>asamblea </em>stellt in ihren Augen die radikalste Form der Schaffung und kollektiven Aneignung von &#246;ffentlichen R&#228;umen dar (142). Zentrale Triebfeder der asamblea sei das Verlangen nach Kommunikation im und mit dem <em>barrio</em>. &#196;hnlich dem &#246;sterreichischen Gr&#228;tzl ist der Raum des <em>barrios </em>weit davon entfernt, in kartographischen Begriffen wie des Viertels oder der Nachbarschaft erfasst zu werden. Blank zufolge handelt es sich vielmehr um einen „<em>place</em>-spezifischen Erfahrungshorizont, einer f&#252;r Buenos Aires typischen Tradition“ (141). Dieser Erfahrungshorizont sei nicht zuletzt der Geschichte einer chaotischen und prek&#228;ren Urbanisierung geschuldet, die neben der Konstruktion eines privaten Raumes einen kollektiven, lokalen und &#246;ffentlichen Raum ausgebildet habe. Eben jenes <em>barrio</em>, das in den unterschiedlichen Etappen in der Geschichte Argentiniens zahlreiche Transformationsprozesse durchlief und stets ein politisch umk&#228;mpfter Raum war. Insofern richtet sich die Arbeit der <em>asamblea </em>f&#252;r die Autorin auch nicht auf ein kartographisch fest zu bestimmendes Gebiet, sondern „[d]as Territorium, auf das sich die eigenen Arbeit richtet, ist selbst Produkt dieser Arbeit.“(226) Daher schlussfolgert Blank: „Trabajo Territorial ist keine <em>place</em>-Konstruktion im Sinne einer Einhegung, einer <em>community ‚for itself ‘</em>. Es ist vor allem anderen auch ein best&#228;ndiger Versuch, Grenzen zu &#252;berschreiten, politische und soziale Grenzen, die in den vermeintlich privaten Alltag eingelassen und in die Territorien der barrios eingeschrieben sind.“(248)<br />
Insgesamt merkt man dem Buch seinen Dissertationscharakter an. Dies hat teilweise Vorteile: So erm&#246;glicht der grobe &#220;berblick &#252;ber die wichtigsten Konzepte und Begriff der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte auch Au&#223;enstehenden den Einstieg in das Thema. Selbiges gilt f&#252;r die Vorgeschichte und die Ereignisse rund um das Jahr 2001, die pr&#228;gnant zusammengefasst werden. Allerdings – und hier zeigt sich die Schw&#228;che des Buches – stehen die einzelnen Teile etwas unvermittelt nebeneinander. Die sehr lange Beschreibung der auftauchenden Protestformen ist zwar spannend, h&#228;tte aber angesichts der sp&#228;teren Begrenzung auf das empirische Beispiel der <em>asamblea </em>k&#252;rzer ausfallen k&#246;nnen. Daf&#252;r w&#228;ren in Bezug auf die <em>asamblea </em>selbst weitere Ausf&#252;hrungen interessant gewesen. Immer aufschlussreich wird es n&#228;mlich dann, wenn die Autorin sich ein paar Seiten Raum nimmt, um auf spezifische Teilaspekte einzugehen. So zeigt sie etwa eindrucksvoll, wie sich der „von Klassismus und Rassismus durchzogene Sicherheitsdiskurs“ (242) in das <em>barrio </em>einschreibt. Hier und auch im Bezug auf die von ihr so stark gemachte Figur des <em>vecino </em>(Nachbar), den sie als „Tr&#228;ger eines hundert Jahre alten emanzipatorischen Horizonts von sozialem Aufstieg, Solidarit&#228;t und Partizipation“ (166) beschreibt, w&#228;re eine genauere Aufarbeitung der Klassenzusammensetzung und -transformation und deren r&#228;umliche Dimensionen n&#246;tig gewesen. So bleiben die Eigenheiten des Gro&#223;raums Buenos Aires in dieser Hinsicht f&#252;r LeserInnen, die nicht schon vorab mit diesen vertraut sind, etwas unklar.<br />
Auch die abschlie&#223;ende demokratietheoretische Bewertung des von ihr beschriebenen <em>scale</em>-Wechsel hin zum <em>barrio </em>bleibt offen. Handelt es sich hierbei um einen R&#252;ckzug auf das Lokale, der als Reaktion auf das Abgeschnitten-Sein breiter Bev&#246;lkerungsteile von politischen Institutionen folgt? Liegt ein freiwilliger Selbstausschluss vor, der neue und emanzipatorische Formen der Selbstorganisierung erm&#246;glicht? Oder wird ein Perspektivwechsel vollzogen, in dessen Folge der Nationalstaat nicht l&#228;nger als Adressat f&#252;r Emanzipationsbestrebungen wahrgenommen wird? Unscharf bleibt dar&#252;ber hinaus ihr Versuch, trabajo territorial mit der Transformation des argentinischen Staates in Verbindung zu setzen: F&#252;r ihre Annahme „<em>[t]rabajo territorial</em> ist vor allem anderen eine Verortung in Territorien fragmentierter Staatlichkeit“ (257) mag es gute Argumente geben, allerdings m&#252;ssten diese weiter ausgef&#252;hrt werden. So bleibt dieser Teil zu thesenhaft.<br />
Alles in allem ist <em>Zwischen Protest und trabajo territorial</em> durchaus empfehlenswert und gerade f&#252;r LeserInnen, die sich erstmalig mit den Ereignissen in Argentinien von 2001 auseinandersetzen m&#246;chten, ein gelungener Einstieg. F&#252;r jene, die sich bereits intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt haben, werden durch die r&#228;umliche Perspektive zwar neue, interessante Aspekte zutage gef&#246;rdert, allerdings w&#252;rde man sich an manchen Stellen tiefer gehende Ausf&#252;hrungen w&#252;nschen.</p>
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		<title>Mechanismen der Ideologie</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:11:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40

Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40<br />
<span id="more-1695"></span><br />
Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie ist es, theoretische Mittel zur Verf&#252;gung zu stellen, um die kulturelle Hegemonie des Neokonservativismus bzw. des Neoliberalismus erkl&#228;ren zu k&#246;nnen – insbesondere die Frage, wie es gelingen konnte, Subalterne dazu zu bewegen, mehr oder minder begeistert f&#252;r Parteien zu stimmen, deren Politik ihren Interessen zuwider lief und zu einem Verlust von kollektiver Handlungsf&#228;higkeit und sozialer Absicherung beitrug. Weiters z&#228;hlt der Autor es zu den Aufgaben von Ideologietheorien, eine hegemonief&#228;hige Strategie demokratisch-sozialistischer Transformationen zu entwickeln.<br />
Rehmann unterteilt die verschiedenen Ideologiekonzeptionen in „Ideologiekritik“ und „Ideologietheorien“, betont aber stets, dass die Trennlinien bei weitem nicht so klar gezogen werden k&#246;nnen, wie dies die VertreterInnen der jeweiligen Position gerne h&#228;tten. Zun&#228;chst referiert er die Geschichte der pr&#228;-marxistischen Ideologiekritik, beginnend mit Destutt de Tracy. Darauf folgt eine ausf&#252;hrliche Darstellung der – durchaus heterogenen – Thesen von Marx und Engels zu Fragen der Ideologie (Kapitel 2). Mittels intensiver und kontextbezogener Lekt&#252;re kann Rehmann einigeoberfl&#228;chliche, aber weit verbreitete Kritiken am Ansatz von Marx und Engels entkr&#228;ften. Er zeigt, dass die Kritik der Ideologie als „notwendig falsches Bewusstsein“ sowie das Bild der Camera obscura und auch die problematischen Metaphern des „Reflexes“ und des „Echos“ keineswegs als passive Bewusstseinspr&#228;gung (naiver Empirismus) verstanden wird, sondern stets auf der These beruhen,dass Ideologien aus dem widerspr&#252;chlichen „historischen Lebensprozess“ der Menschen sowie der Verselbst&#228;ndigung und &#220;berordnung der intellektuellen T&#228;tigkeiten gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Produktion hervorgehen. Zentral ist ein Terrainwechsel von einer (Natur-)Wissenschaft der Ideen auf das Gebiet einer Analyse der Widerspr&#252;che der Gesellschaft, ihrer „Selbstzerrissenheit“. Rehmann stellt dabei den durchaus umstrittenen Begriff des „Waren-Fetischismus“ in den Mittelpunkt: „Mit dem ,Fetischcharakter der Ware‘ bezeichnet Marx den Tatbestand, dass in der privatarbeitsteiligen Warenproduktion der gesellschaftliche Zusammenhang der Produzenten nicht bewusst geplant werden kann, sondern sich erst beim Verkauf der Ware und damit im Nachhinein als fremde, ,dingliche‘ Macht hinter ihrem R&#252;cken durchsetzt.“(37) In der Rezeptionsgeschichte der Thesen von Marx und Engels h&#228;tten dann v.a. Lenin und der Marxismus-Leninismus den Ideologiebegriff neutralisiert (Kap. 3), w&#228;hrend Lukács die kritische Ideologiekonzeption in einer Theorie „verdinglichten Bewusstseins“ rehabilitierte. Jedoch habe Lukács die „Verdinglichung“ auf eine Weise totalisiert, dass Apparate und Intellektuelle nicht mehr erforderlich sind und die K&#228;mpfe und Widerspr&#252;che in der Ideologie nicht mehr wahrgenommen werden k&#246;nnen. Horkheimer und Adorno kn&#252;pften an Lukács an, kritisierten aber verschiedene Aspekte, wie etwa das philosophisch &#252;berh&#246;hte Vertrauen in ein revolution&#228;res Proletariat. Zentrale Themen ihres ideologiekritischen Ansatzes bilden die Kritik des Identit&#228;tsdenkens sowie die Konzeption der Kulturindustrie (Kap. 4). Alle diese Ans&#228;tze werden &#252;blicherweise unter dem Label „Ideologiekritik“ verhandelt. Insbesondere gegen ideologiekritische Entlarvungen „falschen Bewusstseins“ werden meist folgende Einw&#228;nde erhoben: sie &#252;bersehen die materiellen Existenzformen des Ideologischen, seine Apparate, Intellektuellen und Praxisformen, die bestimmte ideologische Effekte auf Handlungs- und Denkweisen erzeugen; sie verfehlen die Bedeutung der unbewussten Funktionsweisen von ideologischen Formen und Praxen; und sie verdr&#228;ngen die Hauptaufgabe, die Wirkungsweise der Ideologien zu verstehen und ihrer „Macht &#252;ber die Herzen“ nachzusp&#252;ren, um ihr auf dieser Grundlage ihre Attraktionspunkte entwenden zu k&#246;nnen (12).<br />
Die Ausarbeitung einer „Ideologietheorie“, die diese Probleme und Grenzen des Ansatzes der Ideologiekritik zu &#252;berwinden versucht, begann mit den Werken von Antonio Gramsci und Louis Althusser. Gramsci konzentrierte sich auf die inneren Widerspr&#252;che der Ideologien, der zivilgesellschaftlichen Institutionen und des Alltagsverstands. Rehmann betont die praktische Bedeutung dieser theoretischen Perspektive, da jede eingreifende Politik von unten darauf angewiesen sei, die Widerspr&#252;che im ideologischen Gef&#252;ge und speziell im herrschenden Machtblock zu analysieren, um in sie intervenieren zu k&#246;nnen. Letztlich diente Gramsci der Ideologiebegriff als &#220;bergangskategorie zur Ausarbeitung einer Hegemonietheorie, einschlie&#223;lich seines erweiterten Begriffs des „integralen Staats“. Althusser setzte Gramscis &#220;berlegungen fort und erg&#228;nzte sie um die Konzepte des ideologischen Subjekts, der freiwilligen Unterwerfung (assujettissement) und des Imagin&#228;ren. Diese psychoanalytischen Kategorien erm&#246;glichten ihm, das Ideologische als ein „gelebtes“ Verh&#228;ltnis zu den Existenzbedingungen zu verstehen, es konstitutiv mit dem Unbewussten in Beziehung zu setzen und den dynamischen und aktiven Charakter ideologischer Unterwerfung zu veranschaulichen. Weiters betont Althusser die materielle Existenz von Ideologien in Alltagspraxen, Ritualen und (ideologischen Staats-)Apparaten. Die Integration der lacanschen Psychoanalyse setze, so kritisiert Rehmann, die althussersche Ideologietheorie der Spannung zwischen einem historisch spezifischen Konzept der ideologischen Staatsapparate und einer ungeschichtlich konzipierten „Ideologie im Allgemeinen“ aus – ein Problem, das schlie&#223;lich sogar zur Aufl&#246;sung der „Althusser-Schule“ (es wird nie erkl&#228;rt, wer dies sei) beigetragen haben soll. Rehmann missinterpretiert hier Althusser insofern, als er dessen Thesen &#252;ber die „Ideologie im Allgemeinen“ als substanzielle Aussagen &#252;ber konkrete Ideologien deutet. Althusser hingegen versteht diese Thesen als „begriffliches Minimum“ (dessen Bestimmungen selbstverst&#228;ndlich revidierbar sind), das notwenig ist, um &#252;berhaupt von Ideologie sprechen zu k&#246;nnen. Diese Missinterpretation verweist auch auf eine offenbar un&#252;berwindbare Differenz zwischen Psychoanalyse und Kritischer Psychologie (nach Klaus Holzkamp). Rehmann geht z.B. mit Holzkamp davon aus, dass in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die menschliche Psyche ohne Unbewusstes auskommen k&#246;nne, w&#228;hrend Althusser genau dies in seiner Ideologietheorie bestreitet. Zu kurz kommt in Rehmanns Darstellung ein grunds&#228;tzliches Anliegen der Althusserschen ideologietheorie: der Versuch der wissenschaftlichen Erkl&#228;rung der Mechanismen von Ideologie (Anrufung, verkennende Wiedererkennung), relativ autonomer Mechanismen, die nicht auf die gesellschaftlichen Herrschaftsverh&#228;ltnisse reduzierbar sind. Selbstverst&#228;ndlich kritisiert Althusser – so wie auch Stuart Hall – alle Ideologien, die Marx, Engels oder die Kritische Theorie ebenfalls kritisierten. Zugleich aber versuchen sie Vorstellungen einer „Reinheit“ bestimmter gesellschaftlicher Bereiche oder gesellschaftlicher Gruppen zu kritisieren – bzw. positiv formuliert: deren konstitutive Verwobenheit in ideologische Verh&#228;ltnisse zu denken, ohne sie darauf zu reduzieren. Dies bedeutet eine Aufforderung zu einem politischen Handeln ohne Garantien und zur st&#228;ndigen Selbstreflexion aller emanzipatorischen Bewegungen.<br />
Rehmann konstruiert weiters eine theoretische Kontinuit&#228;t zwischen der „Althusser-Schule“ und poststrukturalistischen Diskurstheorien bzw. der Postmoderne: Der „Althusserianismus“ habe der postmodernen &#220;bernahme seiner zentralen Kategorien kaum etwas entgegenzusetzen, da er insbesondere durch einen „theoretischen Antihumanismus“ gel&#228;hmt sei – also die theoretische Forderung, dass nicht „der Mensch“ (wie entfremdet, verdinglicht und in Fetischismen verfangen auch immer), sondern die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse und K&#228;mpfe die Grundkategorien einer materialistischen Geschichtstheorie sein sollten. Der Autor bezieht sich hier insbesondere auf die poststrukturalistischen Ans&#228;tze von Foucault, Laclau und Mouffe, da diese die Ideologie ihres kritischen Stachels beraubt, neutralisiert und durch den Diskursbegriff ersetzt h&#228;tten (134ff). Die Weiterentwicklungen der Althusserschen Thesen durch Michel Pecheuxs materialistische Diskursanalyse zeigen hingegen, dass eine konsistente Verkn&#252;pfung von Diskurs- und Ideologietheorien durchaus m&#246;glich ist. Im &#220;brigen reduzieren weder Althusser noch Pêcheux das Gesellschaftliche auf Diskurse.<br />
Ein zentrales Problem in Althussers Ansatz sieht Rehmann schlie&#223;lich darin, dass die Analyse der Widerspr&#252;che und K&#228;mpfe im Ideologischen zugunsten der Funktion der Herrschaftsstabilisierung vernachl&#228;ssigt wurden und somit weder die Entstehung noch die Wirkungsweisen von Widerstand erkl&#228;rt werden k&#246;nnten. Althussers Modell m&#252;sse daher dialektisiert werden, um Widerspr&#252;che denken zu k&#246;nnen. Das Projekt Ideologietheorie (PIT) um Wolfgang F. Haug kn&#252;pft an den „kritischen Ideologiebegriff bei Marx und Engels“ sowie an Gramsci und Althusser an. Das Ideologische bezeichnet hier die Grundstruktur ideologischer M&#228;chte „&#252;ber“ der Gesellschaft und damit den Wirkungszusammenhang einer „entfremdeten Vergesellschaftung-von-oben“. Es wird prim&#228;r an den Funktionsweisen der Hegemonialapparate, ideologischer M&#228;chte und Praxisformen festgemacht, die das Selbst- und Weltverh&#228;ltnis der Individuen organisieren. Der Ansatz des PIT versteht sich nicht nur als ideologietheoretisch, sondern zugleich als ideologiekritisch, da er die ideologischen M&#228;chte, Apparate und Praxisformen „grunds&#228;tzlich vom Standpunkt einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft betrachtet.“(153) Er wird sowohl dem entfremdeten Charakter als auch der materiellen Existenzweise der Ideologie gerecht, verbindet beide Str&#228;nge organisch miteinander und behebt damit das „Dilemma“ der bisherigen Forschungsans&#228;tze. Als Gegenbegriff zum Ideologischen entwirft das PIT – und Rehmann folgt ihm hierbei – die Perspektive einer Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Eine kritische Gesellschaftstheorie m&#252;sse sich auch f&#252;r die vielf&#228;ltigen „horizontalen“ Vergesellschaftungsformen (Erfahrungen der Kooperation und Solidarit&#228;t) interessieren, in denen die Individuen ihr Zusammenleben ohne Dazwischenkunft &#252;bergeordneter ideologischer Instanzen regeln und entsprechende soziale Erfahrungen und Kompetenzen entwickeln. Im Alltagshandeln werden, so das PIT, das Ideologische, das Kulturelle, die horizontale Selbstvergesellschaftung und das Proto-Ideologische widerspr&#252;chlich miteinander verkn&#252;pft. Zur Bestimmung des Proto-Ideologischen verbindet Rehmann die Warenfetischismus-These mit Marxens Bemerkung &#252;ber den „stummen Zwang der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse“, d.h. der Unterstellung, dass das kapitalistische System im Normalfall ohne Anwendung von „au&#223;er&#246;konomischer, unmittelbarer Gewalt“ auskomme, weil die Arbeiterklasse die Anforderungen der kapitalistischen Produktionsweise als „selbstverst&#228;ndliche Naturgesetze“ anerkenne. Damit gelangt er zum (Fehl-?)Schluss, die im &#246;konomischen Feld produzierten „objektiven Gedankenformen“ nicht als Ideologien zu verstehen, sondern als Rohmaterial, das erst dann von den Ideologien – die ausschlie&#223;lich im Staat verortet werden – bearbeitet werde. „Offenbar stellt dieser ,stumme Zwang‘ bereits die Weichen f&#252;r die ideologische Unterstellung unter die b&#252;rgerliche Herrschaft, bevor die Ideologien anfangen, wortreich &#252;ber ihn zu reden oder ihn angestrengt zu verschweigen, ihn zu rechtfertigen oder abzuleugnen.“(43) Auf Althussers Kritik (in seinem Text Marx in his limits) der marxschen Fetischanalysen als „vormarxistisches Relikt der Entfremdungstheorie“ geht Rehmann dabei leider nicht ausf&#252;hrlicher ein. Er kritisiert schlie&#223;lich auch Gramsci und Foucault, weil sie nicht von „Entfremdungen und Fetischisierungen“ schreiben. Doch sind es nicht gerade diese beiden totalisierenden Kategorien (&#252;berh&#246;ht nur mehr durch „Verdinglichung“), welche eine konkrete Analyse historisch-sozialr&#228;umlich realer Situationen und Zusammenh&#228;nge – auf die es Rehmann doch zentral ankommt – be- und verhindern? Zwar sind sie Ausdruck herrschaftskritischer Intentionen, der pr&#228;zisen Analyse scheinen sie aber nicht dienlich zu sein.<br />
In den abschlie&#223;enden drei Kapiteln des Buches werden die erarbeiteten ideologietheoretischen Instrumentarien am weltweit hegemonialen Neoliberalismus erprobt, u.a. an den Thesen von Friedrich A. Hayek sowie an Texten der governmentality studies: Rehmann versucht zu zeigen, dass die neoliberale Aktivierungsrhetorik der Managementliteratur von den governmentality studies „nur einf&#252;hlsam nacherz&#228;hlt und theoretisch verdoppelt“ werde (210). Allerdings w&#252;rde Foucaults Konzept der Gouvernementalit&#228;t durchaus wertvolle Anregungen bieten, wenn es mit konkreten Analysen realer Herrschaftsverh&#228;ltnisse bzw. gesellschaftlicher Spaltungen verbunden werde.<br />
Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie besticht durch einen kompakten und kenntnisreichen &#220;berblick &#252;ber zentrale Ans&#228;tze der Ideologiekritik und der Ideologietheorie, in deren Mittelpunkt die umfassende Analyse von Herrschaftsverh&#228;ltnissen sowie die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft stehen. Auch aufgrund des Vorschlags, die innovativen Argumente der durchaus unterschiedlichen Ans&#228;tze zu verkn&#252;pfen, stellt dieses Buch eine ausgezeichnete Basis f&#252;r weiterf&#252;hrende Diskussionen dar.</p>
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		<title>Kritische Soziologie reloaded</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:01:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[kritische Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40

Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40<br />
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Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung und betrachteten sie als empirizistische Handlanger neoliberaler Politik. In den letzten Jahren scheint demgegen&#252;ber die kritische Gesellschaftsforschung wieder zunehmend an Einfluss in der Soziologie zu gewinnen. Einzelne SoziologInnen, aber auch ganze Institute verschreiben sich neuerdings einer „kritischen Theorietradition“.<br />
Als ein Versuch, diesen Trend zur Wiederkehr kritischer Soziologie zu verst&#228;rken, kann die in Buchform gebrachte Debatte der Jenaer Soziologen Klaus D&#246;rre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa verstanden werden. So lautet das hochgesteckte Ziel der drei Autoren, die „R&#252;ckkehr der Kritik in die Soziologie“ (12) zu forcieren. Die Methode, die D&#246;rre, Lessenich und Rosa daf&#252;r w&#228;hlen, ist innovativ: Das „diskursive Prinzip dialogischer Wissensentwicklung“ (13) gibt im ersten Teil des Buches jedem Autor knapp 50 Seiten Spielraum, um die eigenen Positionen darzulegen. Im zweiten Teil kritisieren die Autoren die Konzepte der jeweils anderen und der dritte Teil gibt Gelegenheit, auf die Kritik einzugehen bzw. die eigenen Position noch klarer darzustellen.<br />
Eine kritische Soziologie muss sich in erster Linie mit den Urspr&#252;ngen und Spezifika des Kapitalismus auseinandersetzen, um die Krisenhaftigkeit dieses Systems analysieren zu k&#246;nnen. Hinsichtlich ihres kapitalismustheoretischen Grundverst&#228;ndnisses unterscheiden sich die drei Jenaer Soziologen allerdings massiv: Klaus D&#246;rre betont insbesondere die verschiedenen Formen kapitalistischer Landnahme (21), Stephan Lessenich weist auf die Rolle von Aktivierungsprozessen hin (126) und Hartmut Rosa sieht im modernen Kapitalismus vorwiegend eine Beschleunigungsmaschine (87). Aufgrund dieser h&#246;chst unterschiedlichen Konzepte haben die drei Autoren nat&#252;rlich auch unterschiedliche Einsch&#228;tzungen bez&#252;glich der Folgen kapitalistischer Vergesellschaftungsprozesse.<br />
In Anschluss an Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und David Harvey ist f&#252;r Klaus D&#246;rre der Kapitalismus nur durch seine F&#228;higkeit zur Landnahme lebensf&#228;hig, das hei&#223;t durch seine Gabe, sich immer auf ein „Au&#223;en“ beziehen und dieses teilweise selbst mitproduzieren zu k&#246;nnen (42). Jede kapitalistische Phase sei durch eine bestimmte Form der Landnahme gekennzeichnet, so seit den 1970er Jahren auch der Finanzmarktkapitalismus durch seine finanzgetriebene Landnahme. Letztere zeichnet sich D&#246;rre zufolge dadurch aus, dass marktbegrenzende Institutionen (die fr&#252;her das „Au&#223;en“ kapitalistischer Gesellschaften bildeten) zunehmend geschw&#228;cht, ausgeh&#246;hlt und Teil von Landnahmeprozessen werden. Das neue „finanzdominierte Akkumulationsregime“ (57) wirke sich verheerend auf die Gesellschaft aus: die Trennung zwischen Privatem und Arbeit wird im flexiblen Kapitalismus zunehmend aufgeweicht, konkurrenzbasierte Regulationsdispositive setzen sich durch; das Tarifsystem erodiert, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse h&#246;hlen Kollektivvereinbarungen aus und mithilfe des Shareholder Value k&#246;nnen marktzentrierte Steuerungsans&#228;tze &#252;ber (inner-) betriebliche Angelegenheiten bestimmen. Auch Finanzkrisen w&#252;rden zum „Modus operandi der neuen Landnahme“ (69) geh&#246;ren. Durch intransparente Finanzprodukte und -risiken, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und der (damit einhergehenden) zunehmenden Notwendigkeit eines Staatsinterventionismus habe sich das finanzmarktkapitalistische System selbst instabil gemacht und sto&#223;e an „immanente Grenzen“ (81). Diese selbstgeschaffenen Widerspr&#252;che offenbaren f&#252;r D&#246;rre die Chance auf Wandel – die subalternen Gruppen m&#252;ssten diese Krisen des Finanzmarktkapitalismus nur erkennen, ihre Angst vor sozialem Abstieg abbauen und f&#252;r eine andere Gesellschaftsform k&#228;mpfen. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen progressiven Entwicklung sch&#228;tzt der Soziologe allerdings als sehr gering ein. Da es an einem „glaubw&#252;rdigen, &#252;berw&#246;lbenden, emanzipatorischen Projekt“ (82) fehle, werde es wohl nichts mit dem Klassenkampf in n&#228;chster Zeit. Daher m&#252;sse sich die Soziologie, so argumentiert D&#246;rre n&#252;chtern, f&#252;r eine innerkapitalistische Alternative einsetzen: den &#246;kologischen New Deal (83).<br />
Anders als Klaus D&#246;rre, der sich in seinen Analysen am wenigsten von der marxistischen politischen &#214;konomie entfernt, lehnt sich Harmut Rosa in seinen Positionen eher an Max Weber an. Rosa sieht das „gute Leben“ (87) aller Menschen aufgrund des Wachstumsprinzips und der Beschleunigungslogik kapitalistischer Akkumulationsprozesse in Gefahr. Das Tempo sozialen Wandels beschleunige sich konstant – die Folge w&#228;re der Verlust von „in der „klassischen Moderne“ gewonnenen Gestaltungs-, Entwicklungs- und […] Autonomieanspr&#252;chen“ (109). Der flexible Mensch sei politisch ohnm&#228;chtig, m&#252;sse sich permanent anpassen und sich mit einer „situativen Identit&#228;t“ (110) zufrieden geben. Auch die Politik habe kaum mehr Handlungsspielr&#228;ume. Anstelle einer Interessenspolitik werde daher immer mehr auf die „Strategie des ,muddling through‘“ (109) gesetzt. Da die Sozialwissenschaften und die politischen Akteure die Widerspr&#252;che innerhalb des Kapitalismus – also die „Spaltungen, Spannungen und Trennungen zwischen Klassen“ (97/98) – jahrzehntelang &#252;berbetonten, konnte der Kapitalismus, so Rosa, bisher nie an seiner „ethischen Wurzel“ (125) gepackt werden. Aufgabe einer kritischen Soziologie w&#228;re es demnach, aufzuzeigen, dass der Kapitalismus „Profiteure und Gewinner nur ungl&#252;cklich machen kann, weil [er] all ihre […] Energien […] dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsf&#228;higkeit“ (125) unterwerfe. Stephan Lessenich besch&#228;ftigt sich als einziger der drei Soziologen vorwiegend mit der Rolle des Staates im kapitalistischen System. Er stellt die These in den Raum, dass der moderne Kapitalismus weder mit, noch ohne (Wohlfahrts-)Staat lebensf&#228;hig w&#228;re (141). Aufbauend auf Carl Offes „Theorie des Sp&#228;tkapitalismus“ untersucht Lessenich die ver&#228;nderte Rolle des Staates im „postindustriellen“ Kapitalismus. Dieser sei in „einer zwiesp&#228;ltigen, dilemmatischen Kommunikationssituation“ (149), da er den „kapitalistischen Erfordernissen und demokratischen Forderungen gleicherma&#223;en gerecht“ (149) werden m&#252;sse. Folge w&#228;re – und hier argumentiert Lessenich mit Foucault – nicht nur eine &#214;konomisierung, sondern auch eine Subjektivierung des Sozialen, d.h. „die Sorge um das Soziale, seine Sicherung und St&#228;rkung, wird in die Verantwortung der Subjekte gelegt.“(166) Der Staat ziehe sich zunehmend zur&#252;ck. Gesellschaftliche Inklusion w&#252;rde nicht mehr gef&#246;rdert, sondern nur mehr Ma&#223;nahmen gegen drastische Formen der Exklusion gesetzt. Neue soziale Spaltungen zwischen Inkludierten (Mehrheitsgesellschaft) und Exkludierten (Angeh&#246;rige der „Unterschicht“, illegale MigrantInnen) w&#228;ren die Folge. Nur wenn diese &#252;berwunden w&#252;rden und sich „die als Aktivb&#252;rger gedachten Subjekte“ (174) der Aktivgesellschaft und ihrer eigenen Rolle bewusst w&#252;rden, k&#246;nnte diese Form kapitalistischer Vergesellschaftung &#252;berwunden werden. Ziel einer kritischen Soziologie muss es nach Lessenich daher sein, die Subjekte &#252;ber die Urspr&#252;nge und Bedingungen dieser Aktivgesellschaft aufzukl&#228;ren.<br />
Hier ist nicht der Raum, auf die Kritiken einzugehen, welche die Autoren aneinander &#252;ben. Einige relevante Punkte seien jedoch genannt: So sehr Harmut Rosas Analyse von der „Beschleunigungsmaschine Kapitalismus“ stimmen mag, so unbrauchbar ist seine Position f&#252;r eine linke Kritik am kapitalistischen System. Rosas Blindheit gegen&#252;ber jeglichen sozialstrukturellen Differenzierungen &#228;hnelt stark Ulrich Becks These der „Individualisierung sozialer Risiken“. Auch wenn der Kuchen des Kapitalismus, wie Rosa betont, an sich giftig ist (268), so macht es eben doch einen Unterschied, wer davon wie viel isst und wer aus welchen Gr&#252;nden beschlie&#223;t, einen neuen Kuchen zu backen. Stephan Lessenichs Versuch einer Integration polit-&#246;konomischer Ans&#228;tze und foucaultianischer Subjektivierungstheorien ist ebenfalls nicht ganz gl&#252;cklich. Statt Struktur- und Akteursebene zu verbinden, werden &#246;konomische Prozesse und subjektive Handlungsmuster getrennt dargestellt. Die Rolle des Staates (welches eigentlich?) als intermedi&#228;re Instanz bleibt ebenso diffus. Auch Klaus D&#246;rre bleibt in seiner Position hinter den Erwartungen eines kritischen Geistes zur&#252;ck. Zwar ist seine Analyse polit&#246;konomisch durchaus fundiert, doch sind die politischen Konsequenzen, die er zieht, sehr z&#246;gerlich. Ein Green New Deal m&#252;sse her; jegliche andere Form dekommodifizierter Gesellschaft w&#228;re utopisch.<br />
Trotz aller Kritik an den Ans&#228;tzen ist die Initiative D&#246;rres, Lessenichs und Rosas absolut unterst&#252;tzenswert. Wenn „Soziologie &#8211; Kapitalismus &#8211; Kritik“ auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so l&#228;sst es zumindest das kritische SoziologInnenherz ein wenig h&#246;her schlagen.</p>
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		<title>Prek&#228;r, aber allein?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:34:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>
		<category><![CDATA[Wissensarbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60

Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60<br />
<span id="more-1592"></span><br />
Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und der industrielle Sektor (Forschung und Entwicklung in der Elektroindustrie). Es ist interessant zu erw&#228;hnen, dass nicht nur Interviews mit WissensarbeiterInnen, sondern auch mit Betriebsr&#228;tInnen gef&#252;hrt wurden,. Die Aufarbeitung der Untersuchungsfelder kann daher als empirisch ges&#228;ttigt und dicht beschrieben werden.</p>
<p>Die unterschiedliche Strukturiertheit der drei Untersuchungsfelder bringt die AutorInnen gleich zum zentralen Problem in der Besch&#228;ftigung mit Wissensarbeit: der Begriff Wissensarbeit an sich. Laut den AutorInnen versperrt sich das Feld Wissensarbeit einem Zugriff &#252;ber einen fordistisch gepr&#228;gten Arbeitsbegriff. Zentral f&#252;r ihre Definition von Wissensarbeit ist die Abgrenzung gegen&#252;ber routinisierten Arbeiten, die zwar ohne spezifische Kenntnisse nicht zu bewerkstelligen, aber nicht explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgelegt sind. Wissensarbeit ist f&#252;r sie daher eine T&#228;tigkeit, die &#252;berwiegend und explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgerichtet ist. Mit der Bedeutungszunahme von Wissen als „nicht-endlichem“ Rohstoff in der neuen wissensbasierten &#214;konomie r&#252;ckt laut den AutorInnen eine generalisierbare, explizite Form des Wissens gegen&#252;ber implizitem Wissen in den Vordergrund. Diese Prozesshaftigkeit versuchen sie mit organisationssoziologischen Konzepten zu erfassen. Entgegen anderslautender Argumente halten die AutorInnen fest, dass mit der Transformation zu einer wissensbasierten &#214;konomie keinesfalls der Charakter einer Klassengesellschaft aufgehoben wird. Es verschieben sich lediglich die Konfliktlinien, sie werden bis zu einem gewissen Grad neu gezogen.<br />
Gerade diese Annahme bringt die AutorInnen dazu, auf klassische Konzepte der Arbeits- und Industriesoziologie zur&#252;ckzugreifen, um die Durchsetzungsf&#228;higkeit von (Wissens-)ArbeiterInnen und Gewerkschaften n&#228;her bestimmen zu k&#246;nnen: Zentral ist f&#252;r sie das Machtressourcen-Konzept von Beverly J. Silver und Erik O. Wright, bei dem zwischen struktureller Macht (Produktionsmacht und Marktmacht) und Organisationsmacht unterschieden wird. Aufgegriffen wird auch das Konzept der institutionellen Machtressourcen, das von WissenschafterInnen der Universit&#228;t Jena entwickelt wurde und darauf abzielt, der institutionellen Eingebundenheit von ArbeiterInnenorganisationen in staatlich-korporatistische Strukturen (insbesondere in Deutschland, &#214;sterreich und den skandinavischen Staaten) Rechnung zu tragen.<br />
Mit Hilfe dieses hier nur grob skizzierten analytischen Handwerkszeugs werden von den AutorInnen die unterschiedlichen Untersuchungsfelder systematisch aufgearbeitet. Im weiteren Verlauf m&#246;chte ich mich insbesondere auf den Bereich der Universit&#228;t beziehen, da – trotz der positiven Aspekte des Buches – auch einige Kritikpunkte angebracht sind, die anhand ihrer Untersuchungen und Schlussfolgerungen bez&#252;glich der universit&#228;ren Landschaft besonders deutlich herausgearbeitet werden k&#246;nnen.<br />
Die Analyse des universit&#228;ren Feldes beginnt mit einer ausf&#252;hrlichen Darstellung der Verbetriebswirtschaftlichung der &#246;sterreichischen Universit&#228;ten. Dabei werden sowohl die Aspekte des Universit&#228;tsorganisationsgesetzes (UOG) 1993 als auch die Ver&#228;nderungen durch das Universit&#228;tsgesetz (UG) 2002 miteinbezogen. Besonders betont wird hierbei der inneruniversit&#228;re Abbau von demokratischer Mitbestimmung und die B&#252;rokratisierungstendenzen im Zuge des Bologna-Prozesses sowie der neuen Studienarchitektur. Ein weiterer Teil der Analyse widmet sich der Diversifizierung der Anstellungsverh&#228;ltnisse an der Universit&#228;t und dem Ph&#228;nomen der Prekarisierung gro&#223;er Teile der Universit&#228;tsangestellten, insbesondere der Drittmittelangestellten und der wachsenden Zahl sogenannter „externer“ LektorInnen.<br />
Des Weiteren beleuchten die AutorInnen die verschiedenen, mehr oder weniger institutionalisierten Vertretungsstrukturen an den Universit&#228;ten (Betriebsratsorgane, Interessensvertretungen wie die IG Externe LektorInnen usw.) und deren fraktionelle Untergliederungen. Einen wichtigen Teil der Aufarbeitung der universit&#228;ren Landschaft nimmt das Selbstverst&#228;ndnis der WissensarbeiterInnen ein. Wenig &#252;berraschend kommen die AutorInnen zum Schluss, dass die in unterschiedlichen Arbeitsverh&#228;ltnissen stehenden Besch&#228;ftigten sehr heterogene Interessen vertreten. Diese artikulieren sich meist auch eher auf einer individuellen Ebene, da Universit&#228;ten keinen einheitlichen Produktionszusammenhang darstellen, sondern eher einer Ansammlung vieler kleiner Wissenswerkst&#228;tten gleichen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich auch die betriebsr&#228;tliche und gewerkschaftliche Arbeit an Universit&#228;ten. Betriebsr&#228;tInnen werden nur selten als wichtige AnsprechpartnerInnen gesehen; auch Gewerkschaften spielen nur eine marginale Rolle.<br />
Mit dieser Analyse zeichnen die AutorInnen ein sehr d&#252;steres Bild. Aufbauend auf ihren Erkenntnissen – WissensarbeiterInnen verweigern sich an den Universit&#228;ten einer klassischen Repr&#228;sentation durch die institutionalisierten Kan&#228;le – kommen sie zu dem Schluss, dass Gewerkschaften oder andere Organe der Interessensvertretung ihre Serviceleistungen st&#228;rker individualisieren m&#252;ssen.<br />
F&#252;r mich war dies eine etwas &#252;berraschende Schlussfolgerung, hei&#223;t es doch im Titel des Buches Perspektiven einer kollektiven Interessensvertretung. Die Schlussfolgerung der AutorInnen hat meiner Meinung nach mehrere Ursachen: Erstens basiert ihre Analyse sehr stark auf der Individualisierungsthese, die sie durch die Ergebnisse ihrer Interviews zu st&#252;tzen versuchen. In diesen wurde von den InterviewpartnerInnen immer wieder betont, dass Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen bei Problemen an der Universit&#228;t nicht als AnsprechpartnerInnen gesehen werden. Die AutorInnen ziehen daher den Schluss, dass die kollektive Interessensartikulation aufgrund der Individualisierung im Bereich der universit&#228;ren Wissensarbeit schlichtweg nicht m&#246;glich w&#228;re. Man sollte sich hierbei allerdings fragen, was die Voraussetzungen f&#252;r eine kollektive Interessensartikulation sind. Diese kommt doch nicht automatisch, quasi nur aufgrund des Vorhandenseins von Problemen, zustande. Vielmehr muss der kollektiven Artikulation ein Organisierungsprozess vorausgehen. Die bisherige Arbeitsweise von Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen an der Universit&#228;t war nie auf einen derartigen Organisationsprozess ausgerichtet. Deshalb finde ich es fatal, wenn ein Organisierungsversuch erst gar nicht empfohlen, sondern als Schlussfolgerung vorgeschlagen wird, sich schlichtweg den desorganisierenden Tendenzen einer Individualisierung anzupassen.<br />
Zweitens liegt diese pessimistische Perspektive auch in der theoretischen Herangehensweise begr&#252;ndet. Obwohl die AutorInnen sich auf den Machtressourcen-Ansatz von Beverly J. Silver und Erik O. Wright beziehen, bleiben sie in ihrer Untersuchung sehr stark an einer einzelnen Machtressource orientiert, n&#228;mlich der Marktmacht. Unter Marktmacht versteht man die Bedingung, unter der Lohnabh&#228;ngige ihre Arbeitskraft verkaufen k&#246;nnen. Die AutorInnen konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die rechtlichen und &#246;konomischen Rahmenbedingungen, unter denen WissensarbeiterInnen ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese &#246;konomistische und legalistische Sichtweise m&#252;ndet meines Erachtens in ein Verst&#228;ndnis von passivierten ArbeiterInnen, die ihr Schicksal hinnehmen oder nur auf individueller Ebene versuchen, „es sich zu richten“. Dabei w&#252;rde der Machtressourcen-Ansatz noch viele andere Perspektiven er&#246;ffnen: Gerade die Frage der Produktionsmacht von ArbeiterInnen, also ihrer F&#228;higkeit, den Produktionsprozess oder die Funktionslogik eines Unternehmens oder einer Institution zum Erliegen zu bringen, vernachl&#228;ssigen die AutorInnen vollkommen. Sie reproduzieren damit einen paternalistischen Zugang zum Thema der Interessensvertretung und verbleiben dabei in den ausgetretenen und immer weniger durchsetzungsf&#228;higen Pfaden einer serviceorientierten Gewerkschaftskultur. Zudem reproduziert diese Herangehensweise in Bezug auf WissensarbeiterInnen auch einen Opferdiskurs. Sie versperrt den Blick auf deren aktives, dissidentes oder offen widerst&#228;ndiges Handeln, insbesondere an der Universit&#228;t.<br />
Drittens erw&#228;hnen die AutorInnen zwar die b&#252;rokratisch-hierarchische Organisationsstruktur der Universit&#228;ten als Hindernis f&#252;r gewerkschaftliche Organisierung, doch belassen sie es bei dieser Feststellung. Meine eigene Besch&#228;ftigung an der Universit&#228;t und die Auseinandersetzung mit dem Thema „Organisierung von WissensarbeiterInnen“ zeigen aber, dass diese b&#252;rokratisch-herrschaftsf&#246;rmige Zurichtung der Universit&#228;t mannigfache Momente der Dissidenz und des Widerstandes hervorbringt. Von Institutsleitungen, die versuchen, die rigiden b&#252;rokratischen Vorgaben zu umgehen, von Lehrenden, die gewisse Reglements umschiffen bis hin zu „externen“ LektorInnen, welche die Betreuung von Diplomarbeiten bestreiken, gibt es ein kleines Multiversum von abweichenden, dissidenten und widerst&#228;ndigen Praxen. Nicht zuletzt die Universit&#228;tsproteste der letzten Monate haben gezeigt, dass auch WissensarbeiterInnen f&#228;hig sind, kollektiv aufzutreten.<br />
Eine Perspektivenverschiebung in Richtung dieser t&#228;tigen Elemente im Machtressourcen-Ansatz h&#228;tte noch vollkommen andere Potentiale von Organisierung offen gelegt. Es gilt, genau diese Dissidenz und Widerst&#228;ndigkeit, die oft im Verborgenen existiert, zu verallgemeinern und einen Organisierungsprozess in Gang zu bringen.<br />
Die St&#228;rke dieses Buches besteht in der detaillierten, strukturellen Analyse der gegenw&#228;rtigen Arbeitsbedingungen von WissensarbeiterInnen. Doch genau diese St&#228;rke der strukturellen Analyse ist auch die Schw&#228;che des Buches. Die &#220;berbetonung der strukturellen Momente l&#228;sst keinen Platz mehr f&#252;r bereits vorhandene Formen des Widerstandes und der Dissidenz. Das verstellt auch den Blick auf alternative Methoden von Interessenvertretung, die eben nicht paternalistische Tendenzen einer Serviceorientierung reproduzieren, sondern die Selbstt&#228;tigkeit der Subjekte in den Vordergrund stellen.</p>
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