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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 9</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/22/581/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/22/581/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 22 Jan 2010 14:36:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>

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		<description><![CDATA[Die liebe Familie: Sitzpl&#228;tze und Blumenh&#252;te f&#252;r die Damen, Autorit&#228;t und weltgeschichtlicher Ruhm f&#252;r die Herren. Als Jenny Marx ihren Vater bat, Fragen in ihrem Poesiealbum zu beantworten, schrieb dieser, seine Lieblingstugend beim Mann w&#228;re „Kraft“; bei der Frau: „Schw&#228;che“. Wir sehen: die feministische Sache hatte es von Anfang an nicht leicht, in ein Verh&#228;ltnis zum Marxismus zu treten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die liebe Familie: Sitzpl&#228;tze und Blumenh&#252;te f&#252;r die Damen, Autorit&#228;t und weltgeschichtlicher Ruhm f&#252;r die Herren. Als Jenny Marx ihren Vater bat, Fragen in ihrem Poesiealbum zu beantworten, schrieb dieser, seine Lieblingstugend beim Mann w&#228;re „Kraft“; bei der Frau: „Schw&#228;che“. Wir sehen: die feministische Sache hatte es von Anfang an nicht leicht, in ein Verh&#228;ltnis zum Marxismus zu treten.<br />
<span id="more-581"></span><br />
Die heutige Linke geht mit der Frage der Geschlechterverh&#228;ltnisse da schon etwas sensibler um. Zumindest zu einem Lippenbekenntnis reicht es allemal. Nach dem Motto „Wir sind eh auch FeministInnen“ wird individuelle Gewissenberuhigung betrieben, systematische Auseinandersetzung mit Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus bleibt jedoch eher die Ausnahme. Und wie schon Antonio Gramsci wusste: Eine W&#252;ste mit einer Gruppe hoher Palmen bleibt immer eine W&#252;ste.</p>
<p>Gleichzeitig erleben wir in der b&#252;rgerlichen Presse eine W&#252;ste ohne Palmen. Pl&#246;tzlich werden die Geschlechter als Krisenerkl&#228;rungsmodell entdeckt und l&#228;ngst totgeglaubte Biologismen wieder ausgegraben, um die Wirtschaftskrise als „Testosteronkrise“ auch „Die Presse“-LeserInnen verst&#228;ndlich zu machen. Gerade jetzt sei die „Stunde der Frauen“ als „moderne Tr&#252;mmerfrauen“ gekommen, denn die „ticken anders, auch biologisch“ (Die Presse, am 27.09.09) und scheinen damit berufen, das von jungen risikofreudigen M&#228;nnern angerichtete Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Ein Schwerpunkt zum Thema „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“ ist also doppelt geboten. Einerseits, weil feministische Themen in der Linken trotz gegenteiliger Beteuerungen weiterhin nicht die n&#246;tige analytische und politische Aufmerksamkeit erfahren. Gerade als undogmatische MarxistInnen halten wir diese Auseinandersetzung f&#252;r notwendig, weil Geschlechterverh&#228;ltnisse „fundamentale Regelungsverh&#228;ltnisse in allen Gesellschaftsformationen, die wir kennen“ sind (Frigga Haug), und nicht ein in Fu&#223;noten abzuhandelndes „Eh-auch-wichtig“. Andererseits, weil die aktuelle Krise besonders zu Lasten von Frauen und deren Umsonstarbeit im Reproduktionsbereich geht. Und w&#228;hrend unmittelbar einleuchtend ist, dass die Linke sich zur globalen Krise politisch verhalten muss, wollen wir die Zentralit&#228;t ihrer Geschlechterdimension herausstreichen.</p>
<p>Der Satz, dass die Linke feministisch ist, oder nicht links, ist richtig; dennoch fallen Marxismus und Feminismus keineswegs automatisch zusammen. Darum widmen sich <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Katherina Kinzel</em> im Er&#246;ffnungsartikel der vorliegenden Ausgabe diesem schwierigen Verh&#228;ltnis, ausgehend von der „Hausarbeitsdebatte“, und argumentieren, dass es bewusster politischer Anstrengung bedarf, um eine dialogische Beziehung von Marxismus und Feminismus zu schaffen.<br />
Dass die Geschlechter eine Geschichte haben, zeigen <em>Tobias Boos </em>und <em>Veronika Duma</em>. Sie zeichnen die Entstehung des modernen Zwei-Geschlechter-Modells im Zusammenhang mit der Selbstkonstituierung des B&#252;rgertums nach.</p>
<p>Eine Analyse der globalen Wirtschaftskrise aus geschlechterpolitischer Perspektive liefern <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em>. Sie argumentieren, dass trotz gegenw&#228;rtiger Umbr&#252;che das neoliberale Geschlechterregime weitgehend aufrechterhalten wird.</p>
<p>Zum Abschluss des Schwerpunkts sprechen <em>Katherina Kinzel</em> und <em>Felix Wiegand </em>mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t </em>&#252;ber Arbeitsbedingungen und K&#228;mpfe von Frauen im globalen S&#252;den.</p>
<p>Illustriert wird der Schwerpunkt von <em>Reinhard Lang</em>, dessen Fotoserie unseren Umgang mit vergeschlechtlichten Konnotationen von Produktionsmitteln herausfordert.</p>
<p>Auf kurzfristige politische Ereignisse einzugehen, f&#228;llt einem Magazin, das dreimal im Jahr erscheint, naturgem&#228;&#223; schwer. Mit etwas zeitlichem Abstand reflektiert <em>Behrooz Rahimi </em>die Protestbewegungen im Iran nach der Wieder-„Wahl“ Mahmud Ahmadinedjads und analysiert die Widerspr&#252;che innerhalb des Regimes der Islamischen Republik.</p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> tr&#228;gt zur Fortf&#252;hrung unserer ebenso unregelm&#228;&#223;igen wie inoffiziellen Kinoserie bei. Nach &#246;sterreichischen Polit-Dokus (Nr. 0) und russischem Revolutionsfilm (Nr. 7) geht es nun um das „Dritte Kino“, das sich in den Dienst der Befreiungsbewegungen und Dekolonisationsk&#228;mpfen in Lateinamerika, Afrika und Asien stellte.</p>
<p>Zuletzt unser Beitrag zum Darwin-Jahr: <em>Ian Angus</em> &#252;ber die „Entstehung der Arten“ und was sie mit dem Historischen Materialismus zu tun hat. Ein auch in der Redaktion nicht unumstrittener Artikel – wir freuen uns &#252;ber Kommentare, Zuspruch und Kritik!</p>
<p>Ein paar Rezensionen, damit ihr wisst, wie ihr die langen, einsamen und dunklen Herbstabende &#252;bersteht: Feminismus und Multikulturalismus, Grenzen des Wachstums, der revolution&#228;re Atlantik und Aliens im Apartheid-District 9. Und die Gustost&#252;ckerl hei&#223;en jetzt Rosinenpicken.</p>
<p>F&#252;r die klassen- und geschlechterlose Gesellschaft oder: schafft drei, vier, viele Geschlechter!</p>
<p>Eure Perspektiven-Redaktion</p>
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		<item>
		<title>Wert und Wettex</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/20/wert-und-wettex/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/20/wert-und-wettex/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:55:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Versuche einer theoretischen Vereinigung marxistischer und feministischer Erkl&#228;rungsans&#228;tze zu asymmetrischen Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus waren und sind nicht unproblematisch. Maria Asenbaum und Katherina Kinzel w&#252;hlen in Hausarbeitsdebatten, werttheoretischen Streitfragen, b&#252;rgerlich-familialen Diskurskonstruktionen und ideologietheoretischen Auseinandersetzungen der letzten 30 Jahre.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Versuche einer theoretischen Vereinigung marxistischer und feministischer Erkl&#228;rungsans&#228;tze zu asymmetrischen Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus waren und sind nicht unproblematisch. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Katherina Kinzel</em> w&#252;hlen in Hausarbeitsdebatten, werttheoretischen Streitfragen, b&#252;rgerlich-familialen Diskurskonstruktionen und ideologietheoretischen Auseinandersetzungen der letzten 30 Jahre.<br />
<span id="more-671"></span><br />
Wie das Verh&#228;ltnis von Kapitalismus und Geschlechterverh&#228;ltnissen denken? Und wie es nicht lediglich denken, indem man zwei Herrschaftsverh&#228;ltnisse empiristisch zusammenaddiert – sondern auf eine Art und Weise, die marxistische und feministische Zielsetzungen organisch zusammenf&#252;hrt? Michéle Barrett schreibt im Vorwort zu ihrem 1980 erschienenen Buch <em>Das unterstellte Geschlecht (Women’s Opression Today)</em>: „Ich gehe davon aus, dass eine solche Vers&#246;hnung bisher nicht stattgefunden hat, und dass jeder Versuch, eine schl&#252;ssige marxistisch-feministische Analyse zu erstellen, enorme theoretische und politische Probleme aufwirft, die sich vielleicht als Stolperstein eines jeden B&#252;ndnisses zwischen Frauenbewegung und der Linken erweisen werden – und von beiden Seiten Kompromisse verlangen, wenn sie gel&#246;st werden sollen. Aber es ist sicherlich besser, sich ihnen zu stellen, als sie hinwegzudeuten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Sie zieht damit Bilanz &#252;ber die vorangegangenen Jahre reger marxistisch-feministischer Debatten um das Verh&#228;ltnis von kapitalistischer Produktionsweise und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, Klassenvergesellschaftung und Geschlechterhierarchie.<br />
Wie diese Auseinandersetzungen gef&#252;hrt wurden/werden, h&#228;ngt dabei eng mit den Konjunkturen von Frauenbewegung und ArbeiterInnenbewegung zusammen. In den 70er Jahren machte die Hausarbeitsdebatte erstmals unter marxistischen Vorzeichen Reproduktionsarbeit zum Thema. Die Intention war es, zu zeigen, dass die Unterordnung von Frauen „weder ein blo&#223;er R&#252;ckstand aus einer vorindustriellen Phase des Kapitalismus oder vorkapitalistischer Gesellschaften ist, noch auf sexistische Einstellungen und Vorurteile zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann, die mit Argumenten und Erziehung abgeschafft werden k&#246;nnen“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, sondern mit der politischen &#214;konomie kapitalistischer Gesellschaften inh&#228;rent verbunden ist<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Als materielle Basis der Unterordnung von Frauen wurde die von der zweiten Frauenbewegung ans Licht gebrachte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung thematisch: die unbezahlte, unsichtbare, und wie eine Naturressource „selbstverst&#228;ndlich“ verf&#252;gbare Hausarbeit r&#252;ckte ins Zentrum der Theoretisierungsversuche von „Frauenunterdr&#252;ckung“ <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Kapitalismus.<br />
Dass die Frage nach dem Zusammenhang von Kapitalismus und Geschlecht zun&#228;chst die Form einer Reflexion &#252;ber das Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohnarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit annahm, war kein Zufall: In den 60ern und 70ern war das Familienern&#228;hrermodell mit der dazugeh&#246;rigen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, welches Frauen h&#246;chstens als Dazuverdienerinnen im Lohnarbeitssektor anerkannte, wenn auch nicht in allen Gesellschaftsschichten verwirklicht, so doch ideologisch als Ideal verallgemeinert. In diesem Kontext richteten sich die politischen Aktivit&#228;ten der neuen Frauenbewegung unter anderem darauf, die Familie als Ort von Gewalt, Herrschaft und Ausbeutung zu thematisieren und die im Haushalt verrichtete unbezahlte Reproduktionsarbeit als <em>Arbeit</em> sichtbar zu machen. Dar&#252;ber hinaus wurde verst&#228;rkt feministische Kritik an der Theorie und Praxis des Arbeit<em>er</em>bewegungsmarxismus h&#246;rbar, welcher die Interessen und Erfahrungen von Frauen nicht als ernstzunehmenden Teil sozialistischer Politik anerkannte (man denke an die ebenso hochnotpeinlichen wie sinnlosen Haupt- und Nebenwiderspruchsthesen). Diese Kritik &#246;ffnete auch das Terrain f&#252;r eine feministische Marxaneignung. Eine solche Aneignung musste auf Probleme sto&#223;en, zumal Marx selbst, was Geschlechterverh&#228;ltnisse betrifft, nicht gerade progressiv war, wie sich an seinen meist mit moralisierendem Unterton vorgetragenen &#196;u&#223;erungen zur Fabrikarbeit von Frauen, welche zu Sittenverfall und Elend der proletarischen Familie f&#252;hre, ablesen l&#228;sst. Engels Arbeiten schienen hier anschlussf&#228;higer, hatte dieser doch in <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats</em> erste Thesen zum Verh&#228;ltnis von Produktion und Reproduktion skizziert, und die Unterordnung von Frauen als „erste(n) Klassengegensatz“ <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> skandalisiert – mit dem entscheidenden Manko jedoch, dass die Familie von ihm als privater Bereich, nicht als spezifischer Arbeitszusammenhang begriffen wird. Genau auf diesen Arbeitszusammenhang wird sich die Hausarbeitsdebatte konzentrieren.</p>
<p><strong>Auf der Suche nach einer systematischen Theorie der Hausarbeit</strong><br />
Die Hausarbeitsdebatte war wesentlich von der Intention gezeichnet, zu einer systematischen Theorie der Bedeutung unbezahlter Reproduktionsarbeit im Kapitalismus zu gelangen und schwankte zwischen zwei unterschiedlichen theoretischen Vorhaben, die nicht immer klar auseinander gehalten wurden: <em>Erstens</em> ging es um die Frage der Fruchtbarmachung marxscher Begriffe f&#252;r eine Analyse von Reproduktionsarbeit, also darum, wie sich Hausarbeit marxistisch denken l&#228;sst.<br />
Sie nahm aber auch <em>zweitens</em> die Form des Versuchs an, Geschlechterverh&#228;ltnisse &#252;ber eine Reflexion auf die Rolle von Hausarbeit in der kapitalistischen Produktionsweise in die Marxsche Werttheorie hineinzureklamieren. Die Pr&#228;misse der Auseinandersetzungen lautete, dass Hausarbeit ein „blinder Fleck in der Kritik der politischen &#214;konomie“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> sei, diese also Teil des Gegenstandes des <em>Kapitals</em> sein m&#252;sste. In Folge ging es darum, zu kl&#228;ren, ob Hausarbeit im marxistischen Sinn der Produktion von Mehrwert ‚produktiv‘ oder ‚unproduktiv‘ ist, ob unbezahlte Hausarbeit dazu beitr&#228;gt, den Wert der Arbeitskraft des Ehemannes zu vergr&#246;&#223;ern oder zu verkleinern und ob Hausfrauen &#252;berhaupt Teil der ArbeiterInnenklasse sind. Die Auseinandersetzungen bewegten sich dabei zwischen zwei Polen: Einerseits Ans&#228;tzen, welche die Hausarbeit als integralen Teil der kapitalistischen Produktionsweise analysieren und so in der Marxsche Werttheorie unterzubringen trachten, andererseits Versuchen, den nichtkapitalistischen Charakter und die (relative) Autonomie der Hausarbeit gegen&#252;ber der kapitalistischen Produktion/Lohnarbeit zu explizieren.<br />
Implizit wird hier stets auch eine politische Frage mitverhandelt,<br />
n&#228;mlich ob Marxismus und Feminismus einander &#228;u&#223;erliche politische Projekte sind, die man nur nachtr&#228;glich und additiv zusammenf&#252;hren kann, oder ob sie entlang gemeinsamer Konfliktachsen arbeiten, woraus sich auch gemeinsame Zielsetzungen und Strategien ergeben.</p>
<p><strong>Teil der kapitalistischen Produktionsweise&#8230;</strong><br />
Mariarosa Dalla Costa stellte die These auf, dass Hausarbeit im marxschen Sinne produktiv genannt werden m&#252;sse.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Insofern der Gebrauchswert der m&#228;nnlichen Arbeitskraft durch unbezahlte Dienstleistungen erh&#246;ht wird, und auch die Hausfrau mehr produziert, als zu ihrer eigenen Reproduktion n&#246;tig ist, tr&#228;gt sie indirekt zur Mehrwertproduktion bei. Gemeinsam mit der Arbeitskraft des m&#228;nnlichen Arbeiters kauft das Kapital also auch einen unsichtbaren Anteil der von der Hausfrau geleisteten Arbeit.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Dalla Costas Entwurf ist eher als politische Intervention, denn als konsistente Theorie der Hausarbeit konzipiert: Die Behauptung dass Hausarbeit &#252;ber die Produktion von Gebrauchswerten hinausgeht – was es allererst rechtfertigen w&#252;rde, davon zu sprechen, dass sie auch Mehrwert erzeugt – wird nicht eingehender begr&#252;ndet.<br />
Im englischsprachigen Raum wurde die Debatte st&#228;rker entlang<br />
der Begriffe, die Marx in der <em>Kritik der politischen &#214;konomie</em> entwickelt hatte, gef&#252;hrt. Wally Secombe stellt den Anspruch, eine rigorosere Einbettung der Hausarbeit in die Marxsche Theorie zu leisten. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nimmt im Kapitalismus die Form der Trennung von Haushalt und industrieller Produktion an: w&#228;hrend in der „industrial unit“ die kapitalistische Produktion stattfindet, wird in der „domestic unit“ die Reproduktion der Ware Arbeitskraft f&#252;r das Kapital organisiert.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Gegen Dalla Costa argumentiert Secombe, dass die Hausarbeit nicht in einem direkten (Tausch-)Verh&#228;ltnis zum Kapital steht, darum keinen Mehrwert produziert und nicht dem Wertgesetz unterliegt. Dennoch sei die Hausarbeit wertbildend, da sie den vom Lohn gekauften Waren durch deren Transformation in konsumierbare G&#252;ter Wert hinzuf&#252;ge. „Die Waren wandern nicht in den Haushalt und verwandeln sich von selbst in die Subsistenzgrundlage der Familie. (…) Zus&#228;tzliche Arbeit – n&#228;mlich Hausarbeit – ist n&#246;tig, um diese Waren in regenerierte Arbeitskraft zu verwandeln.”<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Secombe argumentiert folglich, dass die Hausarbeit eine Ware produziert: die Arbeitskraft. Die Trennung von Haushalt und Produktion und das Lohnverh&#228;ltnis verschleiern, dass der Lohn nicht f&#252;r die in der „industrial unit“ verrichtete Arbeit, sondern f&#252;r die Reproduktion der gesamten Familie – inklusive der f&#252;r diese notwendigen Hausarbeit – gezahlt wird.<br />
Ein erstes Problem dieser Analyse ergibt sich bereits auf Ebene der eingesetzten Begriffe: Secombe spricht vom Wert der Hausarbeit. Wie Marx im Kapital darlegt, ist Arbeit zwar wertbildend, hat jedoch keinen Wert. Nur der Arbeitskraft, die am Markt als Ware gegen Kapital getauscht wird, kommt ein Wert zu.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Margaret Coulson, Branka Magaš und Hilary Wainwright zeigen in ihrer Kritik an Secombe, dass dessen Analyse nicht nur begrifflich unscharf ist, sondern auch auf falschen Pr&#228;missen aufbaut: Erstens ist die Hausarbeit nicht wertbildend, da sie nicht f&#252;r den Markt bestimmte Waren, sondern Gebrauchswerte f&#252;r die unmittelbare Konsumtion in der Familie erzeugt. Zweitens verkauft die Hausfrau nicht ihre Arbeitskraft. Der Begriff des „Werts der Ware Arbeitskraft“ macht nur f&#252;r das Lohnarbeitsverh&#228;ltnis Sinn, nicht f&#252;r privatisierte und unbezahlte Hausarbeit, denn es ist nicht der Markt, sondern der Ehevertrag, der Reproduktionsarbeit und Produktion zueinander in Beziehung setzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Coulson, Magaš und Wainwright verlassen daher die Ebene der werttheoretischen Diskussion. Sie pl&#228;dieren daf&#252;r, mit der Analyse der Unterordnung von Frauen bei den historisch spezifischen Formen b&#252;rgerlicher Ehe- und Familienverh&#228;ltnisse anzusetzen.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Ihre Kritik an Secombe zeigt zugleich aber, dass es fraglich ist, ob die Kategorien der <em>Kritik der politischen &#214;konomie</em> &#252;berhaupt in dieser Form auf Hausarbeit &#252;bertragen werden k&#246;nnen.</p>
<p><strong>&#8230;oder eine nicht-kapitalistische h&#228;usliche Produktionsweise?</strong><br />
Andere Ans&#228;tze der Diskussion um Hausarbeit analysieren diese nicht als Teil der kapitalistischen Produktionsweise und anerkennen so ihre (relative) Autonomie. Hierzu z&#228;hlen unter anderem solche AutorInnen, welche die Hausarbeit als eine eigenst&#228;ndige Produktionsweise zu thematisieren versuchen.<br />
Christine Delphys Pamphlet <em>The main enemy</em> stellt einen radikalfeministischen<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Versuch dar, die Autonomie der „Frauenunterdr&#252;ckung“ von der kapitalistischen Ausbeutung aufzuzeigen. Sie stellt fest, dass sich unbezahlte Hausarbeit qualitativ nicht von bezahlten Formen der Reproduktionsarbeit unterscheidet. Hausarbeit kann prinzipiell kommodifiziert und getauscht werden, nicht aber, wenn sie auf Dienstleistungen innerhalb der Familie reduziert wird.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Dabei ist es der Ehevertrag, der die Grundlage der Ausbeutung von Hausfrauen durch ihre Ehem&#228;nner schafft. Mit den zwei distinkten Formen der Ausbeutung, der kapitalistischen Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital und der patriarchalen Ausbeutung von Frauen durch ihre Ehem&#228;nner, unterscheidet sie zwei voneinander autonome Produktionsweisen: die kapitalistische und h&#228;usliche.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Frauen treten damit auch als eigene „Klasse“ auf, welche sich unabh&#228;ngig von der Klassenposition des Ehemannes bestimmt, wobei der Klassenfeind der Frauen ihre Ehem&#228;nner sind. „Die gemeinsame Unterdr&#252;ckung aller Frauen besteht in der Aneignung und Ausbeutung ihrer Arbeit in der Ehe. Als Frauen dazu bestimmt, ‚die Ehefrau’ von jemandem zu werden, und also f&#252;r dieselben Produktionsverh&#228;ltnisse bestimmt, konstituieren Frauen nur eine Klasse.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Davon abgesehen, dass Delphy keinen Versuch unternimmt, die voneinander getrennten Produktionsweisen nachtr&#228;glich wieder zueinander in Beziehung zu setzen, bleiben ihre Analysen reduktionistisch und ahistorisch. Maxine Molyneux stellt heraus, dass Delphy die Unterordnung von Frauen auf den als universell angenommenen Ehevertrag und die in der Ehe verrichtete Arbeit reduziert. Der weitere Kontext und die historisch-kulturellen Ver&#228;nderungen der Familie/Haushalt-Beziehungen, sowie die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt gehen nicht in ihre Erkl&#228;rung der untergeordneten Stellung von Frauen ein.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Dies ist umso unerfreulicher, als Delphys Entwurf in explizit feministischer Sto&#223;richtung formuliert wurde. Die feministische Aneignung und Reformulierung Marxscher Kategorien, wie „Ausbeutung“, „Produktionsweise“, „Produktionsverh&#228;ltnisse“ etc., geschieht bei ihr jedoch in einer Weise, in der diese eher in einem alltagssprachlichen, denn in marxistischem Sinne verwendet werden.<br />
Auch innerhalb der „orthodoxeren“ marxistischen Diskussion gab es Versuche, die Hausarbeit als eigene, nicht-kapitalistische Produktionsweise zu fassen. Ausgehend von der These, dass eine historisch spezifische Gesellschaftsformation immer als Verbindung verschiedener Produktionsweisen besteht, erarbeitet John Harrisson das Konzept der „client modes of production.“ Diese „werden von der dominanten Produktionsweise entweder hervorgebracht oder kooptiert, um innerhalb des &#246;konomischen und sozialen Systems bestimmte Funktionen zu erf&#252;llen.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Hausarbeit konstituiert Harrisson zu Folge nun eine solche „client mode of production“. Die theoretische Aufgabe die sich ihm stellt, ist es, deren Funktonalit&#228;t f&#252;r und ihr Verh&#228;ltnis zur dominanten<br />
kapitalistischen Produktionsweise zu erkl&#228;ren. Auf Basis der Feststellung, dass die Hausfrau Gebrauchswerte f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft produziert und daf&#252;r nur ihre eigene Subsistenz zur&#252;ckerh&#228;lt, wiederholt Harrison unter anderen theoretischen Vorzeichen Dalla Costas Argument: Die Hausfrau verrichtet Mehrarbeit, die im Kapitalsektor als Mehrwert aufscheint. Dies geschieht, indem sie den Wert der Arbeitskraft reduziert: W&#228;ren die von der Hausfrau verrichteten T&#228;tigkeiten kommodifiziert und m&#252;ssten am Markt erworben werden, so stiegen die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft an.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Wieder trifft die bereits zuvor formulierte Kritik des unredlichen Umgangs mit dem marxschen Begriffsapparat: Harrison behandelt die konkrete Arbeit im Haushalt und die abstrakte Arbeit der Warenproduktion als &#228;quivalent.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Sofern Hausarbeit nicht kommodifiziert ist und demnach nicht dem Wertgesetz unterliegt, gibt es keine Basis f&#252;r die Kalkulation des Transfers von Mehrarbeit. Die Hausarbeit nimmt nicht die Wertform an, wie soll sie im Kapitalsektor als Mehrwert erscheinen?<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Molyneux zeigt, dass die Annahme, Hausarbeit konstituiere eine eigene Produktionsweise, nicht haltbar ist und diagnostiziert als folgenschweres Problem Harrisons Argumentation, dass dieser die Abstraktionsebenen „Produktionsweise“ und „Gesellschaftsformation“ nicht klar trennt:<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Es steht erstens in Zweifel, ob privatisierte Reproduktionsarbeit tats&#228;chlich immer die Arbeitskraft verbilligt<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>, zweitens und viel grunds&#228;tzlicher aber, ob es &#252;berhaupt m&#246;glich ist, das Verh&#228;ltnis von Hausarbeit und kapitalistischer Warenproduktion auf Ebene einer Analyse der Produktionsweise zu kl&#228;ren. „Die Literatur &#252;ber Hausarbeit nimmt an, dass der Wert der Arbeitskraft allgemein diskutiert werden kann, w&#228;hrend der Wert der Arbeitskraft in Wirklichkeit nur in Bezug auf spezifische Gesellschaften in spezifischen historischen Phasen bestimmt werden kann.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In seine Bestimmung gehen eine Reihe von Faktoren ein, unter denen die Hausarbeit eine eher geringe Rolle spielt<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>. Auch das Verh&#228;ltnis von Hausarbeit und dem Wert der Arbeitskraft selbst ist kulturellen und historischen Ver&#228;nderungen unterworfen. „Was einer weiteren Erkl&#228;rung bedarf sind die verschiedenen Formen dieses Verh&#228;ltnisses, die spezifischen politischen, historischen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse, die darin resultieren, dass ‘Familienl&#246;hne’ an Mitglieder bestimmter Klassen und Schichten ausgezahlt werden, und nicht an andere, an M&#228;nner und nicht an Frauen, von manchen Kapitalen und von anderen nicht.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Harrisons Argumente laufen letztlich auf eine funktionalistische Erkl&#228;rung des Verh&#228;ltnisses von kapitalistischer Produktionsweise und Geschlechterverh&#228;ltnissen hinaus. Es ist jedoch in Zweifel zu ziehen, ob das Kapital tats&#228;chlich an einer ganz bestimmten (geschlechtlich strukturierten) Organisationsform der Reproduktion der ArbeiterInnenklasse interessiert ist.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wie Michéle Barrett aufzeigt, sind funktionalistische Annahmen, welche „die geschlechterspezifische Arbeitsteilung mit den Bed&#252;rfnissen des Kapitals in unterschiedlichen Stadien der kapitalistischen Akkumulation“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> verschmelzen, au&#223;erdem nicht in der Lage zu erkl&#228;ren, warum Reproduktionsarbeit &#252;berhaupt Frauen zugewiesen wird.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die b&#252;rgerliche Kleinfamilie mit der ihr entsprechenden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung wird hier einfach als gegeben vorausgesetzt und nicht selbst zu einem erkl&#228;renswerten Faktum gemacht.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> „Dieses System als einen Effekt oder eine Existenzbedingung kapitalistischer Klassenverh&#228;ltnisse zu sehen, l&#228;sst untheoretisiert, warum gerade Frauen zuhause bleiben und scheitert daran, m&#228;nnliche Dominanz &#252;ber Frauen innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu thematisieren.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a></p>
<p><strong>Zwei Systeme: Kapitalismus und Patriarchat</strong><br />
Der Dual-System Ansatz versuchte die Probleme, die sich durch die reduktionistischen Annahmen der Hausarbeitsdebatte ergaben und dazu f&#252;hrten, dass feministische Fragestellungen oftmals gar nicht in ihrer Eigenst&#228;ndigkeit wahrgenommen wurden, zu umschiffen. Heidi Hartmann stellt fest, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und patriarchale Familienverh&#228;ltnisse bereits in vorkapitalistischen Gesellschaften existiert haben. Die geschlechtsneutralen Kategorien des Marxismus reichen ihr zufolge nicht aus, um Geschlechterverh&#228;ltnisse zu analysieren und m&#252;ssen durch eigenst&#228;ndige Untersuchungen deren historischer Entwicklung erg&#228;nzt werden.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hartmann nimmt in Folge zwei Herrschafts- und Unterdr&#252;ckungsmechanismen – Kapitalismus und Patriarchat – an, die in ein Interaktionsverh&#228;ltnis treten und sich gegenseitig perpetuieren.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die Anwendung des Patriarchats-Konzepts soll das Augenmerk darauf richten, dass M&#228;nner als M&#228;nner &#252;ber Privilegien verf&#252;gen und gegen&#252;ber Frauen in einer Machtposition sind – und dies auch innerhalb der ArbeiterInnenklasse. Die Betonung der Notwendigkeit, &#252;ber die geschlechtsneutralen marxistischen Kategorien hinauszugehen, scheint vor dem Hintergrund der Defizite der Hausarbeitsdebatte gerechtfertigt. Wie Michéle Barrett vermerkt, tendiert der Dual-System Ansatz aber umgekehrt dazu, „im Marxismus lediglich eine Methode zur Identifizierung der zentralen Bestandteile der kapitalistischen Klassenstruktur zu sehen, und ihm jegliche F&#228;higkeit, diese auf der konkreten Ebene zu erkl&#228;ren, abzusprechen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Dies wird offensichtlich, wenn Hartmann schreibt: „Die kapitalistische Entwicklung erzeugt die Positionen einer Hierarchie von ArbeiterInnen, aber traditionelle marxistische Kategorien k&#246;nnen uns nicht sagen, wer welche Pl&#228;tze einnimmt.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> Wie sich Klassen- und Geschlechterverh&#228;ltnisse zueinander verhalten, bleibt so letztlich im analytischen Dunkeln. Der Dual-System Ansatz bietet also keine wirkliche L&#246;sung des Problems, wie Geschlechterverh&#228;ltnisse und Klassenvergesellschaftung zueinander in Beziehung zu setzen sind, an – zumindest keine marxistisch-feministische – sondern l&#228;sst uns in einen empiristischen Pluralismus zur&#252;ckfallen.</p>
<p><strong>Koloniale Verh&#228;ltnisse: Der Bielefelder Subsistenzansatz</strong><br />
Im deutschsprachigen Raum ist es vor allem die von einer Gruppe feministischer ForscherInnen aus Bielefeld<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> entwickelte Subsistenzperspektive, welche die Debatte um das Verh&#228;ltnis von Produktion und Reproduktion nachhaltig beeinflusst/e. Die „BielefelderInnen“ gehen dabei nicht von werttheoretischen &#220;berlegungen aus, sondern setzen auf Ebene der Existenzbedingungen des kapitalistischen Systems in seiner Gesamtheit an. Dabei berufen sie sich auf Rosa Luxemburgs Imperialismustheorien, wonach Kapitalakkumulation nicht nur auf Warenproduktion und -handel, sondern immer auch auf der Ausbeutung von nicht- oder vor-kapitalisitschen Formationen, sogenannter „Naturalwirtschaft“ beruht<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>. Werlhof, Mies und Bennholdt-Thompson wenden diesen Ansatz auf die Sph&#228;re der Hausarbeit an. Die kapitalistische Akkumukation beruhe einerseits auf Waren- andererseits aber auf Subsistenzproduktion, wobei zweitere als „Lebensproduktion“ die „urspr&#252;nglichere“ Form darstellt. Ihrem Anspruch nach ist diese urspr&#252;ngliche Form der Produktion zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a><br />
Im Zusammenhang mit ihrer Auseinandersetzung mit globalen Nord-S&#252;dbeziehungen er&#246;ffnen sie eine Analogie zwischen kolonialen Ausbeutungsverh&#228;ltnissen und der Ausbeutung der h&#228;uslichen Sph&#228;re. Das Verh&#228;ltnis zwischen M&#228;nnern und Frauen l&#228;sst sich ihnen zufolge damnach als ein koloniales verstehen<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a>: „Die Frau“ und ihre Arbeit wird als gleichsam selbstverst&#228;ndlich verf&#252;gbare „nat&#252;rliche Ressource“ ausgebeutet. Diese Abdr&#228;ngung von Frauen in die Sph&#228;re der Natur und des Verf&#252;gbaren, beruht, wie Werlhof betont, auf &#246;konomischem Kalk&#252;l.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Werlhof zeigt zugleich, wie die Vergeschlechtlichung bestimmter Formen der Lohnarbeit mit einer Entwertung scheinbar geringe Qualifikationen erfordernder und mit geringem Aufwand verbundener, als „weiblich“ wahrgenommener Arbeiten einhergeht. Die Prozesse der Entwertung und Pr&#228;karisierung von vor allem im Dienstleistungssektor verrichteten Arbeiten beschreibt sie als „Hausfrauisierung.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Sie legt damit das Augenmerk darauf, dass diese Arbeiten nicht per se weniger wert sind, sondern sich die geringere Entlohnung erst auf Basis einer k&#252;nstlichen Herabsetzung ergibt. Die empirische Weiterf&#252;hrung der Hausfrauisierungsthese, in der behauptet wird, dass „hausfrauisierte“ Arbeit, sprich billige, prek&#228;re, entwertete- bzw. auch Subsistenzarbeit, die „freie Lohnarbeit“ zunehmend marginalisiere und ersetze, f&#252;hrt jedoch zu gr&#246;beren analytischen Problemen, da sie zwischen verschiedenen Organisationsformen von Lohnarbeit nicht hinreichend differenziert und damit auf der Pr&#228;misse aufbaut, Lohnarbeit m&#252;sse die Form von „Normalarbeitsverh&#228;ltnissen“ annehmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<p><strong>Das Problem mit den Abstraktionsebenen</strong><br />
Vor dem Hintergrund des bisher Dargestellten, lassen sich eine Reihe bedeutender Einw&#228;nde gegen die geteilten Hintergrundannahmen der Debatten um Hausarbeit erheben: Als erstes Problem l&#228;sst sich konstatieren, dass schon der Versuch, Hausarbeit auf Ebene der kapitalistischen Produktionsweise in der Marxschen Theorie unterzubringen, problematisch ist. Denn wenn Hausarbeit nicht (zu einem Gro&#223;teil) kommodifiziert und folglich nicht dem Wertgesetz unterworfen ist, kann sie nicht einfach mit jenen Begriffen, die zur Analyse des Lohnarbeitsverh&#228;ltnisses entwickelt wurden, gefasst werden. Paul Smith res&#252;miert, dass im Gro&#223;teil der Hausarbeitsdebatte Marxsche Kategorien falsch angewendet werden: „Hausarbeit ist nicht problematisch f&#252;r die Marxsche Werttheorie, weil sie nicht Teil ihres Gegenstandes, n&#228;mlich von Warenproduktion- und Tausch, ist.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Frage, ob Hausarbeit kapitalistischen oder nicht-kapitalistischen Charakters ist, scheint vor dem Hintergrund dieser Einw&#228;nde falsch gestellt. Sie ist, wenn sie nicht kommodifiziert ist auch nicht als Teil der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, doch wird sie in kapitalistischen Gesellschaften auf verschiedene Arten und Weisen organisiert. Die kapitalistische Produktionsweise, deren Strukturen und Tendenzen Marx im Kapital beschreibt, ist ein abstraktes theoretisches Objekt, das, einem Ausspruch Althussers nach, genau genommen nie existiert. Der Anspruch, auf dieser Abstraktionsebene bereits die vergeschlechtlichte Dimension kapitalistischer Gesellschaften erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, ist zumindest fragw&#252;rdig. Ein Wechsel auf Ebene historisch spezifischer Gesellschaftsformationen, scheint f&#252;r das Unterfangen, die<br />
Bedeutung von Geschlechterverh&#228;ltnissen f&#252;r die Organisation von Lohnarbeit, Warenproduktion und gesamtgesellschaftlicher Reproduktion (in ihren jeweils historisch spezifischen Konfigurationen) zu untersuchen, zielf&#252;hrender.<br />
<em>Zweitens</em> wird Reproduktionsarbeit von den meisten AutorInnen der Hausarbeitsdebatte als relativ statischer Faktor in die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise einbezogen.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Ein Wechsel auf Ebene der Gesellschaftsformation l&#228;sst demgegen&#252;ber die historischen Ver&#228;nderungen der Organisation von Hausarbeit in den Blick kommen. Es ist keineswegs ausgemacht, dass diese im Kapitalismus tats&#228;chlich immer privatisiert sein muss<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>. Coulson, Magaš und Wainwright gehen von einer grunds&#228;tzlichen Instabilit&#228;t des Haushalts und der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie aus. So hat der in bestimmten historischen Konjunkturen notwendige Einzug von Frauen in den Arbeitsmarkt f&#252;r diese widerspr&#252;chliche Auswirkungen: „Er erweitert die M&#246;glichkeit &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit, ohne dass diese g&#228;nzlich oder dauerhaft erreichbar wird, er vermindert die Zeit f&#252;r Hausarbeit, ohne eine alternative Basis daf&#252;r zur Verf&#252;gung zu stellen, er zerbricht die Isolation von Frauen, ohne die Last ihrer privaten Verpflichtungen zu mindern.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zugleich erm&#246;glicht die &#252;ber die Warenproduktion vermittelte Einf&#252;hrung neuer Technologien in den Haushalt eine Verminderung der Intensit&#228;t der Hausarbeit, womit f&#252;r Hausfrauen das Dr&#228;ngen nach einer unabh&#228;ngigen &#246;konomischen und sozialen Existenz zu einer verwirklichbaren Option wird. Ebenso k&#246;nnen kapitalistische Unternehmen oder der Staat Teile der traditionell den Hausfrauen &#252;berantworteten Aufgaben &#252;bernehmen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> „Weit davon entfernt eine autonome Entit&#228;t zu sein, werden der Arbeitsprozess und die sozialen Verh&#228;ltnisse der Hausarbeit von Ver&#228;nderungen der &#246;konomischen Organisation der dominanten Produktionsverh&#228;ltnisse beeinflusst.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
<em>Drittens</em> ist die der gesamten Hausarbeitsdebatte zu Grunde liegende Pr&#228;misse “Frau = Hausfrau” verk&#252;rzt, insofern das „Familienern&#228;hrermodel“ mit „Vollzeithausfrau“ keineswegs den Normalfall der Organisation von Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus darstellt. Um die besondere Situation von Frauen im Kapitalismus zu fassen, scheint es sinnvoller, von der widerspr&#252;chlichen Konstellation auszugehen, dass Frauen „zugleich Hausfrauen und LohnarbeiterInnen sind, dass diese beiden Aspekte ihres Lebens in keinster Weise harmonisch zusammengehen und dass diese doppelte und widerspr&#252;chliche Rolle die spezifische Dynamik ihrer Unterdr&#252;ckung generiert.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Die Bedeutung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung f&#252;r kapitalistische Vergesellschaftung ist demnach eher in dieser doppelten Beziehung von Frauen zur Klassenstruktur, als in der Hausarbeit selbst, zu suchen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
<em>Viertens</em> ist, selbst wenn gezeigt werden k&#246;nnte, dass Hausarbeit in einem eindeutig spezifizierbaren Verh&#228;ltnis zur kapitalistischen Warenproduktion steht, damit immer noch nicht &#252;ber die Gr&#252;nde asymmetrischer Geschlechterverh&#228;ltnisse Rechenschaft abgelegt. Auch wenn sich eine bestimmte Form geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als funktional f&#252;r das Kapital erweist, sind ihr Zustandekommen und die Mechanismen ihrer Aufrechterhaltung damit noch nicht erkl&#228;rt. Die Funktionen eines Prozesses stellen einfach keinen zul&#228;ssigen Erkl&#228;rungsgrund f&#252;r dessen Existenz dar. Obschon etwa Beechey die Funktionalit&#228;t verbilligter weiblicher Arbeit f&#252;r das Kapital darstellt, streicht sie heraus, dass sich diese erst auf Basis von Familienstrukturen und Ideologien, welche die &#246;konomische Abh&#228;ngigkeit der Frauen von ihren Ehem&#228;nnern sicherstellen, ergeben kann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Auch der Subsistenzansatz zeigt, dass sich die Bedeutung eines privatisierten Hausarbeitssektors f&#252;r die Fortsetzung der urspr&#252;nglichen Akkumulation erst unter Bedingung dessen nichtkommodifizierten Charakters ergibt. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist also ihrer Nutzbarmachung vom und f&#252;r das Kapital vorausgesetzt und kann nicht selbst aus dieser heraus erkl&#228;rt werden.<br />
<em>F&#252;nftens</em> waren auch die politischen Implikationen der Hausarbeitsdebatte fragw&#252;rdig. Die dominanten Argumentationsmuster zwangen dazu, sich zu entscheiden, ob M&#228;nner (Delphy) oder das Kapital (Secombe, Harrisson) die prim&#228;ren Nutznie&#223;er der von Frauen verrichteten Hausarbeit sind. W&#228;hrend erstere Position zu politischem Seperatismus f&#252;hrt<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a>, ist zweitere mit dem zweifelhaften Vorhaben verbunden, zu zeigen, dass Frauen qua Frausein vom Kapital ausgebeutet werden, wodurch die K&#228;mpfe von Frauen einfach unter die Anliegen der ArbeiterInnenbewegung subsumiert wurden. Mit der Reduktion von Geschlechterverh&#228;ltnissen auf ihre &#246;konomische Dimension wurde schlicht unterschlagen, dass sich Feminismen um eine Reihe unabh&#228;ngiger Konfliktfelder formieren und sich prim&#228;r gegen ein Herrschaftsverh&#228;ltnis richten, das eben nicht direkt aus dem Kapitalverh&#228;ltnis entspringt.<br />
Eine der direkten politischen Konsequenzen Dalla Costas These von der Produktivit&#228;t der Hausarbeit war die Forderung nach einem Lohn f&#252;r Hausarbeit. Diese Forderung ist jedoch eher dazu angetan, den Einschluss von Frauen ins Private zu verstetigen, als die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung abzuschaffen. Auch die Idealisierung der Gebrauchswertproduktion, die im Subsistenzansatz anzutreffen ist, der positive, romantisierende Bezug zu einem „nat&#252;rlichen“ Leben, indem sich die Frauen ihrer Geb&#228;rf&#228;higkeit erfreuen d&#252;rfen und gerade so viel produziert wie konsumiert wird, d&#252;rfte wohl kaum zu einer Entwicklung progressiver feministisch-marxistischer Politik beitragen.<br />
Trotz all dieser Einw&#228;nde war das Projekt, den Grundlagen geschlechtsspezifischer Ungleichheit durch eine Kl&#228;rung der Rolle geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung im Kapitalismus nachzugehen, ein Schritt in die richtige Richtung. Marxistisch-feministische Perspektiven auf asymmetrische Geschlechterverh&#228;ltnisse m&#252;ssen jedoch auf Ebene des kapitalistischen Gesamtprozesses und einer Analyse konkreter historisch spezifischer Gesellschaftsformationen ansetzen, um die reduktionistischen Kurzschl&#252;sse der Hausarbeitsdebatte zu vermeiden. Dies bedeutet zugleich, eine Problemverschiebung vorzunehmen und statt von abstrakt gefasster „Hausarbeit“, von Geschlechterverh&#228;ltnissen zu sprechen: es ist dann nicht mehr die Frage nach der Rolle der Reproduktionsarbeit, sondern die Frage nach den Mechanismen und der Bedeutung der <em>Zuweisung </em>von Reproduktionsarbeit <em>an Frauen</em>, welche ins Zentrum marxistisch-feministischer Theoriebildung tritt. Die Bearbeitung dieser Frage macht es erforderlich, dass die ideologischen und politischen Bedingungen und Effekte dieser Zuweisung, die Ausschlussmechanismen am Arbeitsmarkt, die historisch ver&#228;nderlichen Familienstrukturen und die Rolle des Staates bei deren Organisation mit einbezogen werden.</p>
<p><strong<Von der Hausarbeit zur Ideologie</strong><br />
Die Reflexion und Aneignung neomarxistischer Arbeiten durch marxistisch-feministische TheoretikerInnen in den 80er Jahren erm&#246;glichte es diesen, &#252;ber die Hausarbeitsdebatte hinauszugehen und eben diese Frage in nicht-reduktionistischen Begriffen zu stellen.<br />
Michèle Barretts wegweisende Arbeit <em>Das unterstellte Geschlecht. Umrisse eines materialistischen Feminismus</em><a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> stellt den Versuch dar, „Frauenunterdr&#252;ckung“ im Kapitalismus nicht alleine &#252;ber die Frage der Reproduktionsarbeit, sondern unter Einbeziehung politischer und historischer Auseinandersetzungen zu erkl&#228;ren, wobei sie in Anlehnung an Althussers Gesellschaftskonzeption<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> vor allem ideologische Aspekte stark macht.<br />
Barrett r&#228;umt zun&#228;chst mit einigen Begriffsproblemen, welche die Debatten um das Verh&#228;ltnis von Kapitalismus und Geschlecht bestimmt hatten, auf. Zun&#228;chst geht sie auf die analytischen Schwierigkeiten ein, die der Patriachtsbegriff mit sich bringt, wenn er im Sinne eines &#252;berhistorischen, allumfassenden Prinzips verwendet wird<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a>. Sowohl Ans&#228;tze, in denen Kapitalismus und Patriachat als sich gegen&#252;berstehende Systeme beschrieben werden, als auch solche, in denen der Kapitalismus <em>als</em> Patriachat charakterisiert wird, scheitern daran, geschlechtsspezifische Ungleichheit in Bezug auf spezifische Produktionsverh&#228;ltnisse zu analysieren<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a>. Barrett pl&#228;diert daf&#252;r, den monolithischen Patriarchatsbegriff durch eine Analyse spezifischer patriarchaler Ideologien und Strukturen zu ersetzen. Des Weiteren befasst sie sich mit den verschiedenen Verwendungen des Reproduktionsbegriffs, wobei f&#252;r sie das Verwischen der Ebenen von Reproduktion der Arbeitskraft, biologischer Reproduktion und Reproduktion gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse f&#252;r viele Missverst&#228;ndnisse in der Hausarbeitsdebatte mitverantwortlich ist<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a>. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Ideologiebegriff stellt Barrett einen Zusammenhang zwischen den Versuchen der Herausarbeitung eines marxistischen Feminismus und der so genannten „&#214;ffnung des Marxismus“ her: „Die Ablehnung des &#214;konomismus hat zu einer radikalen Priorit&#228;tenverschiebung des Ideologischen gef&#252;hrt, in dem die Frage der Geschlechtertrennung angesiedelt werden kann. Im neuen Marxismus wird es m&#246;glich, die Frauenunterdr&#252;ckung als relativ autonomes Element der Gesellschaftsformation zu analysieren.“<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Die Priorit&#228;tenverschiebung zu Gunsten des Ideologischen soll jedoch nicht zu einer rein diskurstheoretischen Bearbeitung der Frage nach Geschlechterverh&#228;ltnissen f&#252;hren. Die Bedeutung des Ideologischen muss Barrett zufolge in einer historisch-materialistischen Analyse der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung herausgearbeitet werden.</p>
<p><strong>Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Familialismus</strong><br />
Die zugrunde liegende Annahme der Hausarbeitsdebatte, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zun&#228;chst als Arbeitsteilung innerhalb der Familie analysiert werden muss, wird von Barrett auf Basis einer historischen Untersuchung des <em>Familien-Haushaltssystems</em> reformuliert. Die spezifische Form der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie wird damit selbst zu einem erkl&#228;renswerten Faktum.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Barrett geht von der Situation der meisten Frauen der ArbeiterInnenklasse in Europa und den USA aus, die sowohl Hausarbeit als auch Lohnarbeit verrichten, wobei sie im Lohnarbeitssektor &#252;berproportional in bestimmten Sparten arbeiten: B&#252;roarbeit, Verkauf, Reinigung, Textilarbeiter, Pflege und Schule. Diese Arbeiten sind nicht nur alle mit den T&#228;tigkeiten im Haushalt assoziiert, sie sind auch unterbezahlt und gehen h&#228;ufig mit prek&#228;ren oder Teilzeitarbeitsverh&#228;ltnissen einher.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Barrett verwehrt sich gegen Erkl&#228;rungsmodelle, die Frauen auf Grund ihrer biologischen Disposition (Geb&#228;rf&#228;higkeit) f&#252;r solche Aufgaben pr&#228;destinieren. Vom Kinderkriegen auf eine „nat&#252;rliche“ Kleinfamilie zu schlie&#223;en, sei wie von der Notwendigkeit zu Essen auf nat&#252;rlich gewachsene Restaurants und Superm&#228;rkte zu kommen<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a>.<br />
Sie f&#252;hrt zwei Argumente an, um die Zuweisung von Frauen zu Familie und reproduktiven Arbeiten zu erkl&#228;ren. Erstens ein historisches, das die Abdr&#228;ngung von Frauen vom Arbeitsmarkt mit den Klassenauseinandersetzungen im 19.Jahrhundert in Verbindung bringt. Die Entwicklungen, die zur Durchsetzung des b&#252;rgerlichen Familiensystems in der ArbeiterInnenklasse f&#252;hrten, sind nicht direkt auf die Entwicklung der Produktivkr&#228;fte r&#252;ckf&#252;hrbar, die Frauen ja zun&#228;chst in den Lohnarbeitsprozess hineingezogen hat, sondern eher auf politischer Ebene anzusiedeln. Es war unter anderem die Politik der Facharbeitergewerkschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Frauen nicht aufnahmen und sich f&#252;r den Familienlohn und „protective legislation“<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> einsetzten, welche zur Durchsetzung der „Familie“ als privatisierten Bereich der Reproduktionsarbeit beitrug.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a><br />
Zweitens argumentiert sie, dass die Durchsetzung des b&#252;rgerlichen Familien-Haushaltssystems im Proletariat auch den KapitalistInnen entgegenkommt und zwar nicht, wie in der Hausarbeitsdebatte angenommen, prim&#228;r im &#246;konomischen Sinn<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a>, sondern vielmehr in politischer Hinsicht, weil „[es] die ArbeiterInnenklassse spaltet und ihre Militanz einschr&#228;nkt.“<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Zugleich erf&#252;llt die Familie eine wesentliche Funktion bei der gesellschaftlichen Widerspruchsbearbeitung, da sie einen gesch&#252;tzten Ort der F&#252;rsorge und Intimit&#228;t darstellt, der als Gegenpol zu den durchkapitalisierten Beziehungen der „Au&#223;enwelt“ erscheint. &#196;hnlich hatte schon Dalla Costa argumentiert, dass die Hausfrau als ein „Sicherheitsventil f&#252;r die gesellschaftlichen Spannungen“<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> dient.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a><br />
Barrett scheint jedoch davon auszugehen, dass sich das von der Bourgeoisie vorgelebte Modell vom Familienern&#228;hrer und der gl&#252;cklichen Hausfrau und Mutter in den K&#246;pfen der Frauen der ArbeiterInnenklasse auf mysteri&#246;se Art und Weise festsetzt, und zwar obwohl dieses eigentlich nie zur proletarischen Lebensrealit&#228;t wurde.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a><br />
Erst in dem zwei Jahre sp&#228;ter erschienen Buch von McIntosh und Barrett <em>The Anti-Social Family</em><a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> besch&#228;ftigen diese sich auch mit der Frage, warum das Familien-Modell, das nicht nur Frauen benachteiligt, sondern auch die ArbeiterInnenklasse als Ganzes schw&#228;cht, sich so hartn&#228;ckig h&#228;lt und immernoch f&#252;r viele Frauen erstrebenswert erscheint. Dies kann f&#252;r sie nicht auf b&#252;rgerlicher Propaganda, im Sinne „falschen Bewusstseins“, begr&#252;ndet sein. „Wenn wir Familialismus als Ideologie verstehen, brauchen wir eine Ideologietheorie, welche die Menschen als aktiv Beteiligte und nicht nur als passive KonsumentInnen einbezieht.”<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> Die „Familie“ befriedigt Bed&#252;rfnisse, wie das nach emotionaler Sicherheit, die sonst im Kapitalismus nicht abgedeckt werden<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a>. Dar&#252;ber hinaus tr&#228;gt die scheinbare „Nat&#252;rlichkeit“ der Kleinfamilie zur Attraktivit&#228;t dieses Lebensmodells bei<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a>. Weiters sei das Familienideal schon soweit in die Konzeption des Staates in Form sozialstaatlicher Einrichtungen eingedrungen, dass dieser selbst als „familial“ zu bezeichnen sei<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a>. Obwohl Barrett den Anspruch stellt, Geschlechterverh&#228;ltnisse als Resultat historischer Auseinandersetzungen zu thematisieren, weisen ihre Argumente bedeutende Schwachstellen auf – im Bezug auf die historischen Analysen einerseits, ihr Ideologieverst&#228;ndnis andererseits. So kritisieren Joanna Brenner und Maria Ramas<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a>die Darstellung der m&#228;nnlichen Facharbeitergewerkschaft, welche ein homogenes Bild der Klassenk&#228;mpfe und der Gewerkschaftspolitik zeichnet. Sie zeigen demgegen&#252;ber, dass es auch innerhalb der Gewerkschaften verschiedene Fraktionen gab, die unterschiedliche Positionen einnahmen und sich demnach teils f&#252;r, teils gegen Frauen am Arbeitsplatz einsetzten<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a>. Insgesamt seien die Ausschlusspraxen der Facharbeitergewekschaft st&#228;rker durch die Konkurrenz von Facharbeiter- zu ungelernten Arbeiter-Organisationen bestimmt gewesen<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a>, als durch Ausschl&#252;sse entlang der Kategorie Geschlecht.<br />
Barretts Ausf&#252;hrungen sind dar&#252;ber hinaus auch von einer bestimmten Vorstellung von Ideologie gepr&#228;gt, welche diese weniger als (umk&#228;mpfte) Organisationform von Welterfahrung- und erkl&#228;rung bestimmt, denn als Konvolut vorherbestimmter Ideen, die quasi von Au&#223;en auf die gesellschaftlichen Akteure einwirken, oder „von oben“ implementiert werden. Dies zeigt sich erstens an ihrer Einsch&#228;tzung der „Schutzgesetze“, die Frauen ab der Mitte des 19. Jhd. aus den Fabriken dr&#228;ngten. Diese werden von ihr einfach als „Produkt einer Ideologie der Geschlechtertrennung“<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> angesehen. Dass die Schutzgesetze mitunter auch realen Interessen der ArbeiterInnen entsprachen, geht nicht in ihre Darstellung deren Durchsetzung mit ein<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a>. Zweitens bestimmt diese Vorstellung einer abstrakten und nicht mit den realen gesellschaftlichen Prozessen verbundenen Ideologie auch Barretts Thesen zum Sozialstaat, von dem angenommen wird, er verk&#246;rpere den Familialismus, ohne dass gezeigt wird, welche und wessen Interessen (der Herrschenden wie der Beherrschten) in staatlichen Ma&#223;nahmen ausgedr&#252;ckt werden und wie der Staat zugleich als Herrschaftsinstrument und Organisator von Kompromissen wirksam ist.<br />
So bleibt auch Barretts Vorstellung von Gender-Ideologie und vergeschlechtlichter Sozialisierung abstrakt und &#228;u&#223;erlich. Sie beschreibt z.B. die &#220;bernahme von Geschlechteridentit&#228;ten &#252;ber eine allgemeine „Ideologie des Familienlebens“ <a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> und nicht als in konkreten Familien erlernt. “Sie behandelt die &#220;bernahme von Gender-Ideologie als relativ passive Internalisierung einer bereits definierten Menge von Vorstellungen &#252;ber M&#228;nner und Frauen, die auf Ebene der ‚Kultur’ existiert.” <a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a><br />
Was Barrett also unsichtbar macht, ist, dass die Verallgemeinerung bestimmter Formen des Selbst- und Weltverst&#228;ndnisses nicht automatisch und reibungsfrei geschieht, sondern sich auf gelebte Erfahrungen beziehen und von den Menschen aktiv &#252;bernommen und angeeignet werden muss. Ideologie ist kein abstraktes Ideenb&#252;ndel, sondern ein Terrain gesellschaftlicher K&#228;mpfe um die Deutungs- und Erkl&#228;rungsmuster, welche die Interpretation realer Erfahrungen und die Organisation von Interessen anleiten. Auch die familiale Ideologie stellt demnach eine Form der Erkl&#228;rung von und Antwort auf reale Erfahrungen dar. Sie wird nicht vom B&#252;rgertum in die K&#246;pfe der Subalternen gesetzt, sondern entsteht in deren aktiver Auseinandersetzung mit ihren Lebensrealit&#228;ten. Erst ein solches Ideologie-Konzept, macht Barretts Analysen auch f&#252;r aktuelle Untersuchungen von Geschlechterregimen z.B. im Post-Fordismus anschlussf&#228;hig.<a title="anm_82" name="anm_82" href="#anm82"><sup>82</sup></a></p>
<p><strong>Ohne theoretische Letztversicherung: Zum Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus</strong><br />
Barretts Analysen zeigen die M&#246;glichkeit auf, dass ein marxistisches Begriffsinstrumentarium nicht alleine die Struktur kapitalistischer Gesellschaften explizieren, sondern auf Basis ideologietheoretischer Argumente auch dazu beitragen kann, die geschlechtsspezifische Zuweisung der Individuen auf die Positionen in dieser Struktur zu erkl&#228;ren und sich auf Ebene der Analyse konkreter Gesellschaftsformationen mit feministischen Fragestellungen nach der Konstitution geschlechtsspezifischer Identit&#228;t, nach Sexualit&#228;t und kultureller Repr&#228;sentation verbinden l&#228;sst. Es bleibt zu fragen, was daraus f&#252;r das Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus zu lernen ist?<br />
Barretts Analysen zeigen die M&#246;glichkeit auf, dass ein marxistisches Begriffsinstrumentarium nicht alleine die Struktur kapitalistischer Gesellschaften explizieren, sondern auf Basis ideologietheoretischer Argumente auch dazu beitragen kann, die geschlechtsspezifische Zuweisung der Individuen auf die Positionen in dieser Struktur zu erkl&#228;ren und sich auf Ebene der Analyse konkreter Gesellschaftsformationen mit feministischen Fragestellungen nach der Konstitution geschlechtsspezifischer Identit&#228;t, nach Sexualit&#228;t und kultureller Repr&#228;sentation verbinden l&#228;sst. Es bleibt zu fragen, was daraus f&#252;r das Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus zu lernen ist?<br />
Das Scheitern der Hausarbeitsdebatte f&#252;hrt klar vor Augen, dass Marxismus und Feminismus kein einheitliches Theoriegeb&#228;ude konstituieren, das eine reibungslose politische Zusammenf&#252;hrung, ein gleichsam nat&#252;rliches Hand-in-Hand marxistischer und feministischer Politiken garantieren k&#246;nnte. Dies scheint mit ein Grund daf&#252;r, dass die Suche nach einer theoretischen Begr&#252;ndung der Einheit von Marxismus und Feminismus Ende der 80er abgerissen ist. Zu Recht. Denn die Verbindung von Marxismus und Feminismus ist nichts, das sich theoretisch herleiten l&#228;sst, sondern muss politisch gewollt und bef&#246;rdert werden.<br />
Bedauerlicherweise ist diese politische Anstrengung in den letzten zwanzig Jahren ausgeblieben und so sind die Entwicklungen im Gro&#223;teil der feministischen und marxistischen Forschung fast g&#228;nzlich getrennt voneinander verlaufen<a title="anm_83" name="anm_83" href="#anm83"><sup>83</sup></a>, obwohl gerade die Weiterentwicklung ideologietheoretischer Argumente im Zuge diverser Rezeptionswellen Gramscis und Althussers Arbeiten der marxistischen Theoriebildung die T&#252;ren zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Geschlechterverh&#228;ltnissen ge&#246;ffnet h&#228;tte.<br />
Der theoretische Ansatzpunkt einer solchen Auseinandersetzung – auch dies ist aus dem Scheitern der Hausarbeitsdebatte zu lernen – kann nicht in einer abstrakten, werttheoretischen Fragestellung bestehen, sondern muss in den je historisch spezifischen Regulations- und Reproduktionsformen kapitalistischer Vergesellschaftung gesucht werden: Es gibt keinen Kapitalismus in abstrakter Form. Marxistische Kapitalismuskritik ist immer auch Kritik der konkreten gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse und deren Regulierung in bestimmten Phasen und Entwicklungsweisen kapitalistischer Vergesellschaftung. Geschlechterverh&#228;ltnisse kommen auf Ebene der Konstitutionsbedingungen und Regulierungsformen dieser Entwicklungsweisen notgedrungen ins Spiel. Es bedarf jedoch der politischen Anstrengung, diese auch in explizit feministischer Absicht sichtbar und der Kritik zug&#228;nglich zu machen, statt sie in den Fu&#223;notenapparat abzuschieben, wo sie gegen das schlechte politische Gewissen helfen sollen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Barrett, Michéle: Das unterstellte Geschlecht. Umrisse eines materialistischen Feminismus. Hamburg: Argument 1983, S.11<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Beechey, Veronica: Some Notes on Female Wage Labour in Capitalist Production. In: Capital &#038; Class No.3, 1977. S.45-66, hier S.47<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> So argumentiert Margaret Benston, deren Artikel <em>Die politische &#214;konomie der Frauenbefreiung</em> den Auftakt zur Hausarbeitsdebatte im englischsprachigen Raum gab: „Die Wurzeln des sekund&#228;ren Status von Frauen sind in Wirklichkeit &#246;konomisch. (…) Frauen haben als Gruppe tats&#228;chlich ein bestimmtes Verh&#228;ltnis zu den Produktionsmitteln, und dieses ist anders als jenes von M&#228;nnern.“ Benston, Margaret: The Political Economy of Women’s Liberation. In: Monthly Review 21/4, 1969. S.13-27, hier S.13.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Der Begriff „Frauenunterdr&#252;ckung“ erscheint im Lichte neuerer feministischer Forschung problematisch, da er Frauen viktimisiert und die Situation von Frauen als eine der unmittelbaren Unterjochung beschreibt. Die Komplexit&#228;t der sozialen (politischen, &#246;konomischen und ideologischen) Verh&#228;ltnisse, welche geschlechtsspezifische Herrschafts- und Ungleichheitsverh&#228;ltnisse organisieren, sowie die Praxen und Ideologien, durch welche geschlechtliche Identit&#228;ten allererst hergestellt werden, werden so unterschlagen. Wir benutzen den Begriff „Frauenunterdr&#252;ckung“ im Folgenden mit Vorbehalten und ausschlie&#223;lich, wenn wir ihn von anderen AutorInnen &#252;bernehmen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. In: MEW Bd. 21, S.36- 84, hier S.68<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> so der Titel des 1978 erschienenen programmatischen Artikels von Claudia von Werlhof: Frauenarbeit: der blinde Fleck in der Kritik der politischen &#214;konomie, In: <em>Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis</em>, Heft 1, 1978.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Dalla Costa, Mariarosa/James, Selma: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Berlin: Merve 1978. S.39f<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Dalla Costa a.a.o. S. 40<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. Secombe, Wally: The Housewife and Her Labour Under Capitalism. In: New Left Review 1/83, 1974, S.3-24, hier S.6<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Secombe a.a.o. S.8f<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> „Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegen&#252;bertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. (…) Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Ma&#223; der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“ Marx, Karl: Das Kapital Bd.1. MEW Bd. 23, S.559<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. Coulson, Margaret/Magaš, Branka/Wainwright, Hilary: ‘The Housewife and her Labour under Capitalism’ &#8211; A Critique. In: New Left Review I/89, 1975. S.59-71, hier S.62f<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.65<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Radikalfeministische Ans&#228;tze strebten vor allem eine autonome Organisierung von Frauen rund um ihre gemeinsame Interessen an.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> vgl. Delphy, Christine: The Main Enemy. A Materialist Analysis of Women’s Oppression. Women’s Research and Resources Centre Publications, London: 1977, S.11 und S.15<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> vgl. Delphy a.a.o. S.13f<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Delphy a.a.o. S.16<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Molyneux, Maxine: Beyond The Domestic Labour Debate. In: New Left Review 1/116, 1979. S.3-27, hier S.7<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Harrisson, John: The Political Economy of Housework. In: Bulletin of the Conference of Socialist Economists 3/1, 1973. S.35-52, hier S.40<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. Harrisson a.a.o. S.43<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Auch die Arbeitsprozesse der Warenproduktion sind zun&#228;chst konkrete, spezifische Arbeiten. Erst vermittelt durch den Tauschprozess werden sie auf ihr gemeinsames, abstrakte menschliche Arbeit, reduziert und so vergleichbar gemacht. Insofern unbezahlte Hausarbeit keine Produkte f&#252;r den Markt erzeugt, wird sie jedoch nicht zu abstrakter Arbeit. Dies &#228;ndert sich jedoch, wenn Reproduktionsarbeit in hohem Ma&#223;e kommodifiziert und als Dienstleistung am Markt getauscht wird.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Molyneux a.a.o. S.9 und Smith, Paul: Domestic Labour and Marx’s Theory of Value. In: Kuhn, Anette/Wolpe, AnnMarie: Feminism and Materialism. London: Routledge S.198-219, hier S.210f<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Molyneux a.a.o. S.16f und S.20<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Andere AutorInnen argumentieren im Gegenteil, dass der Wert der Ware Arbeitskraft gerade durch den Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt herabgesetzt wird: “Der Wert der Arbeitskraft wird gesenkt, wenn alle Familienmitglieder in die Lohnarbeit einsteigen, da die Kosten f&#252;r die Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft auf die gesamte arbeitende Bev&#246;lkerung verteilt werden. Der Anteil des Arbeitstages, an dem der Arbeiter f&#252;r sich selbst arbeitet, wird verkleinert, und ein gr&#246;&#223;erer Mehrwert kann extrahiert werden.“ Beechey, Veronica a.a.o. S.52<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Molyneux a.a.o. S.10<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Molyneux nennt das Angebot an verf&#252;gbarer Arbeitskraft, das Niveau des Klassenkampfes, die Akkumulationsrate, die Profitrate, das Verh&#228;ltnis von Abteilung I und Abteilung II und den Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte als ausschlaggebende Faktoren, die in die Bestimmung des Werts der Ware Arbeitskraft eingehen, vgl. Molyneux a.a.o. S.10<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Molyneux a.a.o. S.13<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> So schreibt Marx im <em>Kapital</em>: „Die best&#228;ndige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt best&#228;ndige Bedingung f&#252;r die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erf&#252;llung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter &#252;berlassen. Er sorgt nur daf&#252;r, ihre individuelle Konsumtion m&#246;glichst auf das Notwendige einzuschr&#228;nken.“ Marx, Karl: Das Kapital. Bd.1. MEW Bd. 23, S. 597f. Dies sollte nicht dazu verleiten, die Frage der Reproduktion als blo&#223;e Privatsache oder Angelegenheit nat&#252;rlicher Bed&#252;rfnisse untheoretisiert zu lassen. Die Interessen des Kapitals sind jedoch nicht direkt auf eine vergeschlechtlichte Organisation der Reproduktion gerichtet und in verschiedenen historischen Konjunkturen demnach mit unterschiedlichen Regulierungsweisen der Reproduktion der ArbeiterInnenklasse kompatibel.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Barrett a.a.o. S.28<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Barrett a.a.o. S.29f und Molyneux a.a.o. S.12<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Barrett a.a.o. ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Brenner, Johanna/Ramas, Maria: Rethinking Women’s Opression. In:New Left Review 1/144, 1984. S.33-71, hier S.34<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Hartmann, Heidi: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism. In: McCann, Carole/Seung-Kyung, Kim: Feminist Theory Reader. Local and Global Perspectives. London: Routledge 2003. S.206-221, hier S.210f<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Hartmann a.a.o. S.213f<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Barrett a.a.o. S. 123<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Hartmann a.a.o. S.214<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen (Hg.) (1979): Subsistenzproduktion und Akkumulation. Saarbr&#252;cken: Breitenbach.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Rosa Luxemburg, (1923): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus. Frankfurt/M.: Neue Kritik.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Vgl. Andrea Baier: Subsistenzansatz. Von der Hausarbeit zur Bielefelder Subsistenzperspektive. In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate: Handbuch zur Frauen- und Geschlechterforschung. 2. erw. und aktualisierte Aufl. VS Verlag f&#252;r Soziallwissenschaften.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Werlhof, Claudia von / Mies, Maria / Bennholdt-Thomsen, Veronika (1983): Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek: Rowohlt.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Werlhof, Claudia von (1983): Zum Natur- und Gesellschaftsbegriff im Kapitalismus. In: Beitr&#228;ge zur feministischen Teorie und Praxis, S. 140-163.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Werlhof, Claudia: Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau. In Bennholdt-Thomsen et.al.: Frauen, die letzte Kolonie, Reinbek: Rowohlt 1983, S. 113-136.<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe eine Kritik zur Hausfrauisierungsthese: Martin Birkner, K&#228;the Knittler: Ehekrise &#8211; zur Geschichte feministischer Marxkritik. In Grundrisse 02/02.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Smith a.a.o. S.211<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> So schlie&#223;t beispielsweise Secombe daraus, dass die Hausarbeit nicht dem Wertgesetz und damit der Notwendigkeit der Produktivit&#228;tssteigerung unterliegt, dass die im Haushalt verrichtete Arbeit stagniert, vgl. Secombe a.a.o. S.17.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. Barrett a.a.o. S.156f und Gardiner, Jean: Women’s Domestic Labour. In: New Left Review 1/89, 1975. S.56f<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.67<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. Coulson,/Magaš/Wainwright a.a.o. S.62f<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Molyneux a.a.o. S.16<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.65<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> So argumentiert etwa Veronica Beechey, dass nicht die Hausarbeit, sondern die Verf&#252;gbarkeit von verbilligter und dequalifizierter weiblicher Arbeitskraft eine ausschlaggebende Rolle in den Strategien von Kapitalseite, den Wert der Arbeitskraft zu reduzieren, spielt. Die besondere Bedeutung weiblicher Lohnarbeit ergibt sich dabei gerade aufgrund der doppelten Situation von Frauen, einerseits der Familie zugewiesen und &#246;konomisch abh&#228;ngig, zugleich aber aufgrund dieser Zuweisung zur Familie als „billige“ Arbeitskr&#228;fte f&#252;r das Kapital verf&#252;gbar zu sein, vgl. Beechey a.a.o. S. 54ff<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Beechey a.a.o. S.58ff<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Radikalfeministische politische Forderungen und Strategien f&#252;hrten unter anderem gerade aufgrund ihres Separatismus zu wichtigen Errungenschaften und bef&#246;rderten die K&#228;mpfe der Frauenbewegung. Es geht mithin nicht darum, die radikalfeministischer Interventionen per se zu diskreditieren, sondern lediglich darum, dass diese nicht dazu angetan sind, zur Entwicklung einer marxistisch-feministischen Politik beizutragen.<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Im Original: Barrett, Michèle (1980). Women´s Oppression Today. Problems in Marxist-feminist Analysis. London: Verso.<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Althusser Louis (1971): Ideology and ideological state apparatuses. In: Althusser Louis (Hrsg.): Lenin and philosophy and other essays. 1.Aufl., New Left Books, London, S. 170-186.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Barrett, a.a.O., S.21<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Einige Beispiele in Kuhn, A./Wolpe, A. (Hrsg.). Feminism and Materialism. 1978. London: Routledge and Kegan Paul.<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Barett, a.a.O. S. 27 f<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd. S. 35<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Barrett beststeht auf die Bezeichnung „Familien-Haushaltssystem“ um den ideologischen (Familienideologie) und sozialen (Organisation des Haushalts und Verwandschaftsbeziehungen) Aspekt der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie auseinanderhalten zu k&#246;nnen. Barrett, a.a.O. S.176<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Barrett, a.a.O., S.140<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1982). The Anti-Social Familiy. London: Verso. S. 35<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Hier bezieht sich Barret auf die <em>Ten Hour Bill</em> von 1847, die die Arbeitszeit von Frauen auf 10 Stunden t&#228;glich reduzierte und den <em>Mines Regulation Act</em> von 1842, der Frauen untersagte in unterirdischen Minen zu arbeiten.<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1980). The `Family Wage`: Some Problems for Socialists and Feminists. In <em>Capital and Class</em>, 11, S.51-72.<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Vgl. Molyneux, a.a.O. S. 10f.<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Barrett, a.a.O., S.145<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Dalla Costa a.a.o. S.49<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Barrett, a.a.O., S.192<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Vgl. ebd. S. 179f<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Barrett, Michèle/McIntosh, Mary (1982). The Anti-Social Family. London: Verso.<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Ebd. S. 21<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Ebd S. 22f<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Ebd. S. 26<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Ebd. S. 29ff<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Brenner, Joanna/ Ramas, Maria (1984). Rethinkink Women´s Oppression. In New Left Review, 144, S. 33-71.<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Vgl.: Ward, John (1962). The Factory Movement 1830-1855. New York: MacMillan &#038; Co Ltd.<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Vgl: Probst, Philipp (2008). Stars and Strikes. In <em>Perspektiven </em>6, S.26-33<br />
<a title="anm78" name="anm78 href="#anm_78">78</a> Vgl Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1980). The `Family Wage`. A.a.O S. 56<br />
<a title="anm79" name="anm79 href="#anm_79">79</a> Brenner beruft sich hier mehrfach auf: Hutchins, Barbara/Harrison, Amy (1903). A History of Factory Legislation. New York: Lenox Hill Pub.<br />
<a title="anm80" name="anm80 href="#anm_80">80</a> Barrett, a.a.O. S. 180<br />
<a title="anm81" name="anm81 href="#anm_81">81</a> Ebd. S. 69<br />
<a title="anm82" name="anm82 href="#anm_82">82</a> Siehe den Artikel von Katharina Hajek und Benjamin Opratko in diesem Heft.<br />
<a title="anm83" name="anm83 href="#anm_83">83</a> Obschon es zu einer Aneignung zentraler Thesen und Begriffe von Autoren des „Westlichen Marxismus“ (vor allem Gramsci, Althusser und Adorno) durch feministische TheoretikerInnen gekommen ist, gab es innerhalb der marxistischen Forschung kaum nennenswerte Versuche, sich der als idealistisch und radikalkonstruktivistisch verrufenen feministischen Theoriebildung zu &#246;ffnen oder auch eigenst&#228;ndige marxistisch-feministische Bearbeitungen dieser Fragestellungen zu wagen. Eine Ausnahme im deutschsprachigen Raum bilden die Arbeiten Frigga Haugs, die daf&#252;r pl&#228;diert „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu analysieren.</p>
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		<title>XY ungel&#246;st</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:54:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Körpergeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Der K&#246;rper hat eine Geschichte, und damit auch seine Geschlechter. Die Vorstellung einer biologisch-nat&#252;rlichen Differenz zwischen „Mann“ und „Frau“ ist erstaunlich jung. Veronika Duma und Tobias Boos gehen in ihrem Artikel einen Schritt zur&#252;ck, wagen sich in die Untiefen der Botanik, der K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten und Anatomielehrb&#252;cher um schlie&#223;lich der Frage nachzugehen, wie Geschlechterdifferenz mit der Herausbildung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaften zusammen h&#228;ngt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der K&#246;rper hat eine Geschichte, und damit auch seine Geschlechter. Die Vorstellung einer biologisch-nat&#252;rlichen Differenz zwischen „Mann“ und „Frau“ ist erstaunlich jung. <em>Veronika Duma</em> und <em>Tobias Boos</em> gehen in ihrem Artikel einen Schritt zur&#252;ck, wagen sich in die Untiefen der Botanik, der K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten und Anatomielehrb&#252;cher um schlie&#223;lich der Frage nachzugehen, wie Geschlechterdifferenz mit der Herausbildung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaften zusammen h&#228;ngt.<br />
<span id="more-668"></span><br />
Die Kontroversen um die 800-Meter L&#228;uferin Caster Semenya bei der diesj&#228;hrigen Leichtathletik-WM zeigen vor allem eines: So sicher scheinen sich die so genannten „Geschlechterexperten“ mit der Einteilung in zwei Geschlechter dann doch nicht zu sein.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Statt aber die Geschehnisse zum Anlass zu nehmen um danach zu fragen, ob die Vorstellung einer biologischen Bipolarit&#228;t der Geschlechter ein ad&#228;quates Modell darstellt, werden diejenigen pathologisiert, die in keine der beiden Kategorien so recht passen wollen. Eine Vorgehensweise, die – wie zahlreiche Studien aus dem Feld der K&#246;rpergeschichte belegen – keineswegs neu ist.<br />
Insbesonders historische, soziologische oder auch anthropologische Arbeiten veranschaulichen, was gemeint ist, wenn von der „sozialen Konstruktion der Geschlechter“ in einem umfassenden Sinne die Rede ist und leisten so einen wichtigen Beitrag zu einer grundlegenden Kritik an den vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnissen. Es geht dabei nicht darum, jegliche K&#246;rperlichkeit zu negieren, sondern die Historizit&#228;t des (Geschlechts-)K&#246;rpers hervorzuheben. Was n&#228;mlich sp&#228;testens seit den fr&#252;hen 1980er Jahren<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> in den genannten Disziplinen hei&#223; debattiert wurde, ist heute l&#228;ngst anerkannt: der menschliche K&#246;rper hat selbst eine Geschichte. Er wurde in unterschiedlichen Epochen und an unterschiedlichen Orten nicht nur anders wahrgenommen, interpretiert und repr&#228;sentiert, sondern auch unterschiedlich erlitten, erfahren und gelebt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Dies gilt auch f&#252;r die Geschlechtlichkeit des K&#246;rpers. Die heute vorherrschende Vorstellung einer a-historischen, biologisch-nat&#252;rlichen und fundamentalen Geschlechterdifferenz, die medizinisch eindeutig bestimmt werden kann, ist verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig jung. Noch viel j&#252;nger allerdings ist die Kritik an diesem Modell. In den 1960/70er Jahren war in der feministischen Theorie die Trennung zwischen sex – dem biologischen Geschlecht – und gender – dem sozial konstruierten Geschlecht – gebr&#228;uchlich. Diese Kategorisierung sollte dem Diskurs &#252;ber die „nat&#252;rliche“ Bestimmtheit der Geschlechter entgegenwirken, dem zufolge sich Geschlechterrollen aus der unterschiedlichen k&#246;rperlichen Beschaffenheit von Mann und Frau ableiten lie&#223;en. Die Trennung von <em>sex </em>und <em>gender </em>er&#246;ffnete so zwar die M&#246;glichkeit einer Kritik an geschlechterspezifischen Zuschreibungen und Verhaltenserwartungen, doch blieb das grundlegende Argument einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit unangetastet, und die M&#246;glichkeit einer radikalen Kritik an den Geschlechterverh&#228;ltnissen daher verstellt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Viele ausf&#252;hrliche Debatten sp&#228;ter scheint dieses Problem zumindest im akademischen Feminismus nicht mehr gegeben. Gesellschaftlich ist jedoch die Vorstellung einer fundamentalen biologischen Differenz der Geschlechter nach wie vor vorherrschend. Wie in mehreren historischen Forschungen<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> – trotz unterschiedlicher Herangehensweisen – &#252;bereinstimmend aufgezeigt wird, ist dieses Bild Ergebnis jener Ver&#228;nderungen und Verdr&#228;ngungen fr&#252;herer Vorstellungen des geschlechtlichen Leibes, die im 18. Jahrhundert im Zuge der Durchsetzung b&#252;rgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung stattfanden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Geschichtlichkeit des Geschlechtsk&#246;rpers? Das „Ein-Geschlecht-Modell“</strong><br />
In dem weiten Feld der K&#246;rpergeschichte erlangten die Untersuchungen des Historikers Thomas Laqueur, der die historischen Ver&#228;nderungen hinsichtlich des Geschlechtsk&#246;rpers mit der These des &#220;bergangs vom „Ein-Geschlecht-Modell“ zum „Zwei-Geschlechter-Modell“ fasste, besondere Bekanntheit. Anhand von Handb&#252;chern zur Geburtshilfe, medizinisch-philosophischer Literatur, anatomischen Schriften und Zeichnungen zeigt Laqueur, dass „das Modell vom Einen Geschlecht“ im Denken &#252;ber sexuelle bzw. k&#246;rperliche Unterschiede von der Antike bis zum Ende des 17. Jahrhunderts vorherrschend war.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die hier postulierte Kontinuit&#228;t betrifft nicht die Geschlechterrollen bzw. -verh&#228;ltnisse, die sich nat&#252;rlich &#252;ber die Jahrhunderte hindurch ver&#228;nderten, sondern die Vorstellungen vom geschlechtlichen K&#246;rper – also von dem, was der sex-gender-Konzeption zufolge der Kategorie sex entspr&#228;che. Frauen und M&#228;nner wurden schon vor der b&#252;rgerlichen Moderne unterschieden. Dieser Unterschied wurde auch an k&#246;rperlichen Merkmalen festgemacht, doch stellte das, was heute als biologisches Geschlecht verhandelt wird, eine soziale Kategorie und keine Wesensbestimmung dar. Ein Mann oder eine Frau zu sein bedeutete vielmehr, einen sozialen Rang innezuhaben, Angeh&#246;rigeR eines bestimmten Standes zu sein und somit eine bestimmte kulturelle Rolle wahrzunehmen, und nicht, wie f&#252;r das „Zwei-Geschlechter-Modell“ konstitutiv, anatomisch und biologisch eindeutig identifizierbare Geschlechtsmerkmale zu besitzen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Das „Ein-Geschlecht-Modell“ zeichnete sich dadurch aus, dass geschlechtsspezifische Differenzen als graduelle Abweichungen und Abstufungen verhandelt wurden. Die Geschlechtsteile galten grunds&#228;tzlich als gleichf&#246;rmig beschaffen: Frauen und M&#228;nner verf&#252;gten dieser Vorstellung nach &#252;ber dieselben Genitalien, blo&#223; dass diese einmal nach innen und einmal nach au&#223;en gest&#252;lpt waren. Dabei wurde die Vagina als nach innen gekehrter Penis gesehen, und nicht umgekehrt – die Norm im Bezug auf die graduellen Unterschiede stellte der m&#228;nnliche K&#246;rper dar. „In dieser Welt stellte man sich die Vagina als inneren Penis, die Schamlippen als Vorhaut, den Uterus als Hodensack und die Eierst&#246;cke als Hoden vor“.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Wie die Geschlechtsorgane wurden auch die K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten als Spielart ein und desselben Stoffes erachtet und erwiesen sich somit als nicht klar geschlechtspezifisch zuordenbar: Blut, Milch, Fett, Sperma galten nicht als vollkommen unterschiedliche Substanzen, der &#220;bergang zwischen ihnen war flie&#223;end. Blut konnte sich demnach in Samen, Milch, Fett und andere Substanzen verwandeln. „Man meinte, die Ejakulation einer Fl&#252;ssigkeit werde das durch ein &#220;berma&#223; einer anderen unausgeglichene Gleichgewicht wieder herstellen, weil Samenergu&#223;, Blutung, Stuhlgang und Schwitzen allesamt Formen der Entlastung seien, die dazu dienen, das Freihandelssystem der Fl&#252;ssigkeiten auf dem richtigen Niveau zu halten“.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Verdauung und Reproduktion, Nahrung, Blut und Samen seien Teil eines umfassenden, von Hitze in Betrieb gehaltenen Fl&#252;ssigkeitssystems, wobei Frauen von dieser den K&#246;rper im Gange haltenden Hitze grunds&#228;tzlich weniger besitzen sollten als M&#228;nner. Auch die Menstruation war in diesem Modell nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. So wurde eine Art Ersatzmenstruation bei M&#228;nnern angenommen, z.B. in Form von Nasenbluten oder H&#228;morrhoidalblutungen. Entscheidend war der Fl&#252;ssigkeitshaushalt im K&#246;rper, der Blutverlust, nicht das Geschlecht des Subjekts oder die &#214;ffnung, durch die dieser erfolgt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Es geh&#246;rte zum Allgemeinwissen, dass Frauen beim Orgasmus Samen ejakulieren – der allerdings weniger vollkommen als der m&#228;nnliche sein sollte – und es kursierten Geschichten von M&#228;nnern, die Milch geben. In der Vorstellungswelt des „Ein-Geschlecht-Modells“ war es durchaus m&#246;glich, dass Frauen zu M&#228;nnern wurden, wenn sich etwa aufgrund eines Hitzeschube oder einer zu abrupten Bewegung urpl&#246;tzlich der innere Penis nach au&#223;en st&#252;lpt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Durch das Aufkommen der erstmals systematisch betriebenen Anatomie in der Renaissance wurde das „Ein-Geschlecht-Modell“ nicht etwa verworfen, sondern best&#228;tigt: anhand des ge&#246;ffneten K&#246;rpers bewiesen die Anatomen die „Tatsache“, dass die Vagina ein innerer Penis sei. Bezeichnend f&#252;r die Epoche, in der die Vorstellung vom „Einen Geschlecht“ dominierend war, ist au&#223;erdem das Fehlen einer pr&#228;zisen Nomenklatur f&#252;r die weiblichen Genitalien. &#196;quivalente f&#252;r moderne Begriffe wie Eileiter, Vulva, Uterus oder Vagina existierten vor der Zeit des „Zwei-Geschlechter-Modells“ kaum.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a></p>
<p><strong>Das „Zwei-Geschlechter-Modell“ und die „Wissenschaft vom Weib“</strong><br />
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts ist nun eine grundlegende Umw&#228;lzung im Verst&#228;ndnis des Geschlechtsk&#246;rpers festzustellen – das bis heute g&#252;ltige „Zwei-Geschlechter-Modell“ wird zur dominierenden Vorstellung im Denken &#252;ber Geschlecht/er. Der weibliche K&#246;rper stellt nicht mehr, wie im „Ein-Geschlecht-Modell“, eine Variation eines eigentlich m&#228;nnlichen Grundtypus dar, sondern im Gegenteil: die Auffassung einer in der Biologie begr&#252;ndeten Unvergleichbarkeit, einer fundamentalen Differenz der Geschlechter gewann an Dominanz. Die Geschlechtsorgane wurden zum zentralen Unterscheidungskriterium, die Vagina wurde nicht mehr als nach innen gest&#252;lpter Penis verstanden, sondern als ein diesem entgegen gesetztes, alleine der Frau zugeh&#246;riges Geschlechtsmerkmal. Zugleich wurden geschlechtsspezifische Unterschiede von nun an am gesamten K&#246;rper ausfindig gemacht, die Geschlechterdifferenz wurde auf jedes geringste k&#246;rperliche Detail bezogen. Ein besonders anschauliches Beispiel daf&#252;r bietet die „Entdeckung des weiblichen Skeletts“, welches zu dieser Zeit immer h&#228;ufiger anstelle eines einheitlichen Knochenger&#252;sts in (Anatomie-)Lehrb&#252;chern illustriert wurde.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Claudia Honegger betont in diesem Zusammenhang die Entstehung einer „weiblichen Sonderanthropologie“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>, die eine wesentliche Rolle in der im 18. Jahrhundert aufkommenden „Wissenschaft vom Menschen“ bzw. in all jenen Wissenschaften spielte, die den Menschen ins Zentrum ihres Interesses r&#252;ckten. W&#228;hrend der Mann zum Prototyp des Humanoiden generalisiert wurde, wurde die Frau zum Studienobjekt einer mit philosophischen, psychologischen und soziologischen Anspr&#252;chen auftretenden medizinischen Teildisziplin degradiert. Wesentlich bei der „Verwissenschaftlichung der Differenz“ war die Verschr&#228;nkung von Medizin, bzw. Anatomie und Philosophie, die Idee einer integrierten Betrachtung von K&#246;rper und Seele. „Von diesen ganzheitlichen Erkenntnisinteressen werden nicht nur der Kranke und der Irre, der Mohr, der Fremde und der Wilde auf neue Art erfa&#223;t und ins Zentrum der theoretischen Neugierde ger&#252;ckt, sondern insbesondere auch das Weib…“.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die vergleichende Anatomie nahm dabei die Rolle der Basiswissenschaft in der entstehenden „Wissenschaft vom Menschen“, und in diesem Rahmen auch der „Wissenschaft vom Weib“ ein. Sie lieferte die Grundlage zur Bestimmung der „menschlichen Natur“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Charaktereigenschaften wurden immer mehr in einen direkten Zusammenhang mit der Physis des menschlichen K&#246;rpers gesetzt, allerdings je nach Geschlecht auf verschiedene Art und Weise: Beim Mann konzentrierte sich die biologische Geschlechtszuschreibung auf den &#228;u&#223;erlich erkennbaren Penis, bei Frauen hingegen sollte das Geschlecht im Inneren mystisch verstreut sein und den gesamten K&#246;rper durchziehen. Das Interesse an dem K&#246;rperinnerem zeigte sich auch in den &#246;ffentlichen Seziervorf&#252;hrungen und den Organsammlungen, die zu dieser Zeit angelegt wurden und die vorwiegend aus weiblichen Geschlechtsorganen, oder K&#246;rpern von „Wilden“ bestanden. &#196;rzte der damaligen Zeit erkoren die Eierst&#246;cke zu <em>dem</em> Determinationsmerkmal der Frau. Dabei dienten diese nicht einfach als anatomisches Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern, sondern Frauen galten vollkommen „eierstockbestimmt“. <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Gem&#252;tslage, Charaktereigenschaften und Sexualit&#228;t wurden in direkte Verbindung mit dem weiblichen Geschlechtsorgan gesetzt, was im Falle von als abnormal deklarierten Verhaltensweisen einer Frau sogar zur operativen Entfernung der Eierst&#246;cke f&#252;hren konnte. Entscheidend ist, dass dieser „Organdeterminismus“ nur bei Frauen angenommen wurde.</p>
<p><strong>Wissenschaftlicher Fortschritt und die neue Autorit&#228;t der Wissenschaften</strong><br />
Jeder Versuch, diese Ver&#228;nderungen, also das Aufkommen des „Modells der Zwei Geschlechter“, alleine mit einem Verweis auf wissenschaftlichen Fortschritt erkl&#228;ren zu wollen, greift zu kurz. Wie Laqueur anhand von mehreren Beispielen demonstriert, stellte die Herausbildung der neuen Perspektive auf die menschliche Anatomie weder empirisch noch chronologisch eine logischen Folge der anatomischen Entdeckungen ihrer Zeit dar. Schon in jener Zeit, als das „Ein-Geschlechter-Modell“ dominant war, wurden Entdeckungen &#252;ber den menschlichen K&#246;rper gemacht, die auch heute – innerhalb des „Zwei-Geschlechter-Modells“ – noch anerkannt sind. Sie f&#252;hrten aber nicht zur Infragestellung der Vorstellung vom „einen“ Geschlechtsk&#246;rper, sondern wurden in dieses Modell integriert. Umgekehrt gibt es heute wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich im Hinblick auf das „Ein-Geschlecht-Modell“ interpretieren lie&#223;en. So verweisen etwa aktuelle Erkenntnisse in der Entwicklungsanatomie „auf den gemeinsame Ursprung beider Geschlechter in einem – morphologisch gesehen – androgynen Embryo und also nicht auf ihre wesentliche Unterschiedlichkeit“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Unterschiede und &#196;hnlichkeiten in Bezug auf k&#246;rperliche Beschaffenheiten wurden weder erst gestern entdeckt noch k&#246;nnen sie in ihrer Materialit&#228;t einfach wegdiskutiert werden. Welchen Merkmalen jedoch in einer bestimmten historischen Situation besondere Relevanz zukommt, dar&#252;ber wird jenseits der Grenzen empirischer Forschung entschieden. „Die Tatsache, da&#223; der herrschende Diskurs den m&#228;nnlichen und weiblichen K&#246;rper zu einer Zeit als hierarchisch … angeordnete Version eines einzigen Geschlechts auffa&#223;te und zu einer anderen als horizontal angeordnete Gegens&#228;tze, … muss mit etwas anderem zu tun haben als<br />
selbst einer gro&#223;rahmigen Konstellation tats&#228;chlicher oder vermeintlicher Entdeckungen“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Die Vorstellung zweier Geschlechter, die sich in ihrer k&#246;rperlichen Beschaffenheit unvereinbar gegen&#252;berstehen, pr&#228;gte und pr&#228;gt den Blick der Wissenschaften auf den K&#246;rper entscheidend, und umgekehrt „begr&#252;ndeten“ und fixierten die Wissenschaften diese Vorstellung. Wenn aber die wissenschaftlichen, speziell die anatomischen Entdeckungen in dieser Zeit f&#252;r sich selbst genommen nicht der Grund f&#252;r eine fundamental ver&#228;nderte Vorstellung von Geschlechtlichkeit sind, was sind dann die entscheidenden Faktoren, die zu dieser Wandlung f&#252;hrten?<br />
In verschiedenen akademischen Arbeiten rund um das Thema werden diese Ver&#228;nderungen, trotz z. T. unterschiedlicher Begrifflichkeit<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, zumeist in den Kontext der Etablierung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft gestellt. Dabei wird die Umw&#228;lzung der Wahrnehmung von Geschlechtlichkeit – je nach Forschungsschwerpunkt – mit wissenschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen in Verbindung gebracht, sowie deren Verstricktheit und Komplexit&#228;t betont.<br />
So lassen sich etwa durch den Blick auf die neu entstehenden Wissensgebiete bzw. wissenschaftlichen Disziplinen einige Parallelen bez&#252;glich bestimmter Grundannahmen ausmachen, die diese nicht nur mit anderen gesellschaftlichen Bereichen teilten, sondern die auch f&#252;r die Betrachtung von Geschlechtlichkeit relevant waren. Der Mensch r&#252;ckte in den Blickpunkt der verschiedensten Disziplinen, die Natur geriet als Erkl&#228;rungsinstanz f&#252;r das Soziale in den Fokus. Sie verlieh den sie erforschenden Wissenschaften eine neuartige Autorit&#228;t und diente zudem politischen Argumenten als Basis.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Erkl&#228;rungen f&#252;r die vorherrschenden gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse lagen nicht mehr in einer g&#246;ttlichen Ordnung begr&#252;ndet, sondern waren scheinbar direkt in der Natur zu finden, deren Ordnungssysteme es ausfindig zu machen galt.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Ein illustres Beispiel, wie Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung sich in die Wissenschaft einschreiben und von dort ausgehend wiederum legitimierend zur&#252;ckwirken, ist Linnés Klassifikationssystem von Pflanzen, welches er im Jahre 1753 erstmalig ver&#246;ffentlichte. Seine Einteilung der Pflanzen und ihrer Bestandteile nach deren Geschlecht ist zutiefst sexualisiert und liest sich wie eine Beschreibung der vorherrschenden Ideen &#252;ber Geschlechterrollen und –eigenschaften.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Auch die &#196;hnlichkeiten und der Zusammenhang mit der aufkommenden „Rassenlehre“ und Ethnologie sind unverkennbar: Der K&#246;rper r&#252;ckte, gemeinsam mit einer neuen Vorstellung vom Verh&#228;ltnis zwischen Natur und Kultur, in den Blickpunkt und somit auch diejenigen, die von der sich allm&#228;hlich herausbildenden Norm abwichen. Die Behauptung, dass manche Menschen n&#228;her am „Naturzustand“ seien, welcher dem Zustand des „zivilisierten Menschen“ entgegengestellt wurde, findet sich sowohl im Bezug auf nicht-wei&#223;enEurop&#228;erInnen als auch auf Frauen.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Die Naturalisierung sozialer Ordnungen spielte jedoch nicht nur in Bezug auf die Geschlechterhierarchie eine bedeutende Rolle. Ein anderes Beispiel stellt die ebenfalls zu dieser Zeit an Einfluss gewinnende Str&#246;mung des Liberalismus dar. Die Vorstellungen von einem schon immer bestehenden Markt mit nat&#252;rlichen Mechanismen, dem nutzenmaximierenden Individuum und der unsichtbaren Hand, die ganz von alleine f&#252;r die effektivste Allokation sorgt, passt ebenso in jenes Schema, nach dem Kausalit&#228;ten verdreht und gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse mit der Natur erkl&#228;rt werden.</p>
<p><strong>Der b&#252;rgerliche K&#246;rper</strong><br />
Der ideale K&#246;rper, der die stets im Hintergrund all dieser Diskurse stehende Norm darstellte, ist der K&#246;rper der sich etablierenden b&#252;rgerlichen Klasse. Als solcher ist dieser auch untrennbar mit der Selbststilisierung b&#252;rgerlicher M&#228;nnlichkeit verbunden.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Dieser K&#246;rper, sowie der neue Kult um selbigen, seine Kleidung, seine einge&#252;bten Gestiken, seine Ausdrucksformen, fungierten einerseits als „Instrument der sozialen Klassifikation“: Er symbolisierte eine Abgrenzung gegen&#252;ber dem „au&#223;engesteuerten“ Adel, dem „Schmutz“ der Bauernschaft wie auch den ProletarierInnen, und diente so zugleich zur Selbstaffimierung der b&#252;rgerlichen Klasse.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Andererseits wurde mit diesem neuen K&#246;rperverst&#228;ndnis der gesund zu haltende Leib als &#246;konomischer Faktor erkannt: Als wesentlich gilt die Disziplinierung der Arbeitskraft und der Erhalt der Arbeitsf&#228;higkeit. „Dies wird nicht nur als eine neue Aufgabe des Staates verstanden, sondern auch zur Pflicht des Einzelnen erhoben“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Als abweichend von dem Ideal des zur St&#228;rke und Rationalit&#228;t geschaffenen b&#252;rgerlich-m&#228;nnlichen K&#246;rpers erschienen – neben der weiblichen Physiologie – die K&#246;rper anderer „Menschenrassen“, „Irrer“ oder „Monster“, f&#252;r deren Wesen und Verhalten nach somatischen Entsprechungen gesucht wurde. Jener K&#246;rper und dessen „Natur“, der als allgemeiner Ma&#223;stab mit der Bestimmung des Menschseins an sich zusammenfiel, war ein m&#228;nnlicher, st&#228;dtischer, „nicht-deformierter“, wei&#223;er K&#246;rper.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Zahlreiche Beispiele belegen, dass Eigenschaften, die das Idealbild des b&#252;rgerlichen Mannes konstituierten, ins Gegenteil verkehrt all jenen Menschen zugeschrieben wurden, von dem dieser sich abzusetzen trachtete. Mit der Herausbildung des b&#252;rgerlichen K&#246;rpers ging aber auch die Stilisierung der b&#252;rgerlichen Frau einher, die zwar eine inferiore Rolle innehatte, sich aber sehr wohl von ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen zu unterscheiden suchte. So fungierte etwa gerade die im B&#252;rgertum entstehende Differenzierung zwischen M&#228;nnern und Frauen, Weiblichkeit und M&#228;nnlichkeit, als Distinktionszeichen gegen&#252;ber Frauen anderer Klassen. Die Klassenzugeh&#246;rigkeit hat durchaus Einfluss darauf, wie sehr und auf welche Art und Weise sich Geschlechteridentit&#228;ten bei Frauen und M&#228;nnern abbilden – und umgekehrt.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Ein anschauliches Beispiel daf&#252;r, wie sich die in der Gesellschaft real existierenden Ausschlie&#223;ungen entlang von geschlechtlichen Klassifizierungen, aber auch entlang von Klassengrenzen und rassistischen Kategorien in das Bild des „modernen K&#246;rpers“ einschreiben, stellt die von Philipp Sarasin durchgef&#252;hrte Analyse der f&#252;r die b&#252;rgerliche Klasse so identit&#228;tsstiftenden Hygienediskurse im 18. und 19. Jahrhundert dar. Gesundheit und Hygiene – und nicht wie zuvor allein die Verminderung des Leidens – werden zur Pr&#228;misse staatlicher wie individueller K&#246;rperpolitik.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Anleitungen zu psychischem Verhalten, M&#228;&#223;igung der Passionen, Sexualit&#228;t und zur richtigen Bewegung, sowie Fragen danach, was man isst, wie man schl&#228;ft oder ruht, wie man sich reinigt und kleidet, f&#252;llten Unmengen an Ratgeberliteratur, die von B&#252;rgern – haupts&#228;chlich &#196;rzten – f&#252;r das B&#252;rgertum verfasst wurde. Der Hygienediskurs bezog sich auf den K&#246;rper vom „gew&#246;hnlichen Kulturmenschen […], der nicht so hoch geboren ist, dass wir ihn zu den G&#246;ttern z&#228;hlen, und nicht so tief, dass wir ihn beim verkommensten Proletariat suchen m&#252;ssen, wo Politik, Moral und Di&#228;tetik aufh&#246;ren“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Innerhalb des Feldes des b&#252;rgerlichen K&#246;rpers wurde die Geschlechterdifferenz zu der wesentlichen Differenz stilisiert, w&#228;hrend dem proletarischen K&#246;rper, den K&#246;rpern andere „Rassen“ sowie „Monstergeburten“ und &#196;hnlichem die Rolle des gro&#223;en Fremden zukam. ArbeiterInnen galten als „Lumpensammler, die nie baden“ und von einer dicken Schicht an Rauch und Schwei&#223; &#252;berzogen, Arme stanken und vom K&#246;rpergeruch „fremder Rassen“ wurde angenommen, dass er, unabh&#228;ngig von ihren hygienischen Gepflogenheiten, an ihnen kleben bleibt.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Diese und &#228;hnliche heraufbeschworene Zuschreibungen standen im Zentrum des Hygienediskurses und waren f&#252;r diesen konstitutiv. Ein weiterer Hinweis darauf, dass der m&#228;nnliche b&#252;rgerliche K&#246;rper als Norm vorausgesetzt wurde, zeigt sich in der Tatsache, dass nicht nur Hygieniker sich f&#252;r „Rassen“ und Geschlechter interessierten. Auch Anatomen und Anthropologen (die im &#220;brigen, wie die Hygieniker auch, wei&#223;e, b&#252;rgerliche M&#228;nnern waren) richteten ihr Augenmerk auf rassistische und sexistische Klassifikationsversuche, und gerieten dabei in ein bezeichnendes Dilemma: wie n&#228;mlich schwarze M&#228;nner – als dominierendes Geschlecht einer „minderwertigen Rasse“ – im Verh&#228;ltnis zu wei&#223;en Frauen – inferiores Geschlecht der „dominanten Rasse“ – in der Ordnung der Natur einzustufen seien.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a></p>
<p><strong>Naturalisierung als Legitimation der Ungleichheit </strong><br />
K&#246;rperliche Bestimmungen, die immer untrennbar mit entsprechenden „nat&#252;rlichen“ Wesensbestimmungen verbunden waren, erwiesen sich als &#228;u&#223;erst zweckdienlich, wenn es darum ging, einerseits die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse zu legitimieren und zu naturalisieren, und andererseits Argumente gegen Emanzipationsforderungen zu formulieren. Die Versprechen der Aufkl&#228;rung sowie die Erkl&#228;rung der Menschen- und B&#252;rgerrechte, die gegen Standesprivilegien und die feudale Ordnung ins Feld gef&#252;hrt wurden, brachten nicht nur neue M&#246;glichkeiten, sondern auch eine neuartige „Begr&#252;ndungslast“ mit sich.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Sie galten n&#228;mlich, entgegen der Behauptung, dass <em>alle</em> Menschen die gleichen F&#228;higkeiten und damit Anspruch auf die gleichen Rechte haben, nur f&#252;r einen bestimmten Teil der Bev&#246;lkerung. Realiter standen das sich etablierende Modell der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, der Ausschluss von Frauen aus dem &#246;ffentlichen Bereich (z.B. von &#246;ffentlichen &#196;mtern, Universit&#228;t, (politischen) Vereinen uvm.), aber selbstverst&#228;ndlich zugleich auch Herrschafts- und Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse entlang von Klasse und rassistischen Einteilungen, im Widerspruch zu diesen Erkl&#228;rungen. Wenn universalistische Forderungen nach menschlicher Freiheit und Gleichheit nicht ad absurdum gef&#252;hrt und Ungleichheiten vor dem Hintergrund aufgekl&#228;rten Denkens gerechtfertigt werden sollten, musste die radikale (biologische) Verschiedenheit eines Teils der Menschheit nachgewiesen werden.<br />
Mit Verweis auf ihre Biologie wurden Frauen gerade jene F&#228;higkeiten und Eigenschaften – n&#228;mlich vernunftbegabte, zu autonomen Handeln f&#228;hige Gesch&#246;pfe zu sein<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> – abgesprochen, die den Menschen im Sinne der Menschen- und B&#252;rgerrechte als Menschen kennzeichnen und somit auch das Recht, vollwertige Mitglieder der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zu sein. Nur um ein Beispiel zu nennen: der franz&#246;sische Nationalkonvent zitierte regelm&#228;&#223;ig aus Anatomielehrb&#252;chern, um die Vorenthaltung von B&#252;rgerrechten f&#252;r  Frauen zu rechtfertigen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Die Natur und nicht die Menschen soll die Ungleichheit geschaffen haben.</p>
<p><strong>Pathologisierung moralischer Abweichung</strong><br />
Die Position, die Frauen in der neuen sozialen Ordnung nach den geistigen, &#246;konomischen und politischen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts – innerhalb einer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft – einnehmen sollten, war jedoch keines Falls von Anfang an klar. Die (Geschlechter-)Rolle der Frau in dem hier beschriebenen „Zwei-Geschlechter-Modell“ bildete sich erst allm&#228;hlich im Zuge etlicher Konfrontationen heraus.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Die physiologische Basis f&#252;r die Ungleichheit von Frauen wurde nicht zuletzt gerade zu jener Zeit „entdeckt“, als Frauenbewegungen die Versprechen der Aufkl&#228;rung und des Staatsb&#252;rgertums auch f&#252;r sich einforderten.<br />
Die Forderungen der „modernen Frau“ des Bildungsb&#252;rgertums nach Bildung, Beruf, politischen und ehelichen Rechten – die von Seiten sozialistischer FrauenrechtlerInnen immer mit der Frage nach der &#220;berwindung der kapitalistischen Produktionsweise verbunden wurden<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> – riefen eine wachsende Anzahl von Medizinern, Politikern, Lehrern, Pfarrern, (Rassen-)Hygienikern, v&#246;lkisch-nationalistischen Interessensverb&#228;nden und &#228;hnlichen Gestalten auf den Plan, die ihre Ansichten &#252;ber das weibliche Geschlecht zum Besten gaben. Das taten diese Herren – wie im &#220;brigen die zuvor erw&#228;hnten Philosophen, &#196;rzte und M&#246;chtegern-&#196;rzte auch – in der noch relativ jungen b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit, die einen konstitutiven Teil des sich herausbildenden b&#252;rgerlich-kapitalistischen Nationalstaates darstellte. In diesen Diskursen um die weibliche Natur standen nicht so sehr der sozialistische, sondern eher der b&#252;rgerliche Fl&#252;gel der Frauenbewegung im Mittelpunkt der Kritik, die oftmals ideologisch mit Antismemitismus, Nationalismus und Antisozialismus einherging.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Die Polemiken gegen die – in diesem Fall also b&#252;rgerliche – Frauenbewegung zielten auf die sexuelle Diffamierung der ProtagonistInnen und st&#252;tzten sich auf die Behauptung, dass das weibliche Geschlecht biologisch minderwertig und somit nicht daf&#252;r geschaffen sei, au&#223;erh&#228;usliche Aufgaben zu &#252;bernehmen. Politische T&#228;tigkeit von Frauen, im schlimmsten Fall in emanzipatorischer Absicht, wurde als vermeintliche Verfehlung des weiblichen Lebenszwecks verhandelt: Frauen, die in der Hausarbeit und Kindererziehung nicht ihre Bestimmung sahen, wurden f&#252;r „seelisch krank“ erkl&#228;rt. So war z.B. in Tageszeitungen zu lesen, die Frauenbewegung sei „die tosende Revolution derer, die nicht Frau sein k&#246;nnen und nicht Mutter sein wollen“ und bestehe aus einem Haufen „alter M&#228;dchen“, Witwen und „sterilen Frauen“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Die von den „Ultrademokraten“ (sic!),und „weiblichen Amazoninnen“ (sic!) geforderte Gleichstellung br&#228;chte unweigerlich den Umsturz der Gesellschaftsordnung mit sich und sei daher absolut abzulehnen.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> An der sexuellen Pathologisierung der Frauenbewegung wurde nicht zuletzt in medizinischen Zeitungen „gearbeitet“: FrauenrechtlerInnen wurden f&#252;r homosexuell erkl&#228;rt und die lesbische Liebe zugleich als eine in der Frauenbewegung grassierende „geistige Seuche“ diskreditiert. Gesellschaftliche Devianz, also das Verlassen des gesellschaftlichen Normbereichs, wurde mit Pathologisierung sanktioniert. Der wachsende Konsens im Diskurs der b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit, Abweichung als Krankheit und nicht (nur) als moralischen Fehltritt zu verstehen, verwies zugleich eine besondere Zust&#228;ndigkeit f&#252;r diese Fragen an die Mediziner. Sie waren die Experten wenn es darum ging, Verbindungen zwischen Verhalten, Seele und K&#246;rper wissenschaftlich zu belegen. Von selbigen wurde zugleich die jeweils entsprechende, normalisierende Behandlung angeboten.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a><br />
Die Anormalisierung betraf nicht nur FrauenrechtlerInnen, sondern alles, was nicht ins Wissenssystem des „Zwei-Geschlecht-Modells“ passte. Pathologisierungen von Transund Intersexuellen bis zur so benannten Sterilit&#228;t bildeten und bilden zum Teil immer noch die Flanken der strengen Geschlechterunterscheidung.</p>
<p><strong>Eine Arbeitsteilung, wie sie die Natur verlangt?</strong><br />
Vor allem aber wurden Frauenbewegungen und ihre Anh&#228;ngerInnen als eine Bedrohung f&#252;r den als Organismus gedachten Staat gesehen, als Bedrohung f&#252;r die Familie, den angeblichen Kern dieser gesellschaftlichen Ordnung. Die Familie sei die „Pflanzschule“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, ihre Zerst&#246;rung durch die Aufhebung der „nat&#252;rlichen“ geschlechtlichen Arbeitsteilung w&#252;rde unweigerlich zum Verfall des „freien, w&#252;rdigen Staatswesens“ f&#252;hren.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> In diesem Zusammenhang erweist sich der Diskurs &#252;ber die sozialen Rollen sowie &#252;ber die psychische und physische Beschaffenheit der zwei Geschlechter als ideologische Abst&#252;tzung der sich herausbildenden Form geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, in der (b&#252;rgerlichen) Frauen die Hausarbeit zugewiesen wurde, bzw. diese gar darauf reduziert wurden. Ohne die die realen Geschlechterverh&#228;ltnisse eins zu eins wieder zu spiegeln, entstehen Aussagen &#252;ber „das Wesen der Geschlechter“ doch immer im Erfahrungszusammenhang der sozio&#246;konomisch realen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse sowie der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Zwar gab es patriarchale Herrschaftsverh&#228;ltnisse schon vor der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, doch erhielten diese nun eine neue Qualit&#228;t. Faktoren wie der Ver&#228;nderung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und damit einhergehend von Familienstrukturen und der (r&#228;umlichen und qualitativen) Trennung von Lohn- und Hausarbeit kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu – wobei damit nat&#252;rlich noch lange nicht gekl&#228;rt ist, wieso ausgerechnet die Frau jenen speziellen Part in der Arbeitsteilung &#252;bernehmen sollte. Im Vergleich zu fr&#252;her wurde nun einzig die Frau und nicht mehr der Mann (Haushaltsvorstand) durch die Familie definiert.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a><br />
Die vermeintliche psychische und physische Konstitution der Frau wurde passend zu ihrem „Fortpflanzungs“- bzw. „Gattungszweck“ und der dazu als optimal erachteten patriarchalischen monogamen Ehe bestimmt. Den als Kontrastprogramm konzipierten Eigenschaften zufolge sei der Mann von Natur aus kr&#228;ftig, aktiv, rational usw., und somit f&#252;r den &#246;ffentlichen Raum, die Frau hingegen ihrem Wesen nach abh&#228;ngig, emotional, passiv usw., und von Natur her f&#252;r den h&#228;uslichen Bereich bestimmt.<br />
Es stellt sich jedoch die Frage, in welchen gesellschaftlichen Klassen und Schichten diese Art der Arbeitsteilung zusammen mit der dazugeh&#246;rigen Dichotomisierung der Geschlechtercharaktere &#252;berhaupt anzutreffen war. Weder in b&#228;uerlichen Familien, deren Lebens- und Wirtschaftsverh&#228;ltnisse im 18. Jahrhundert nicht mit denen einer b&#252;rgerlichen Familie vergleichbar waren, noch im Proletariat korrespondierte dieses Modell mit der gesellschaftlichen Realit&#228;t. In ArbeiterInnenfamilien reichte das Einkommen des Mannes nicht aus, um den Familienbedarf zu decken, es verstand sich daher von selbst, dass Frauen und Kinder auch lohnarbeiteten. Von einer ausschlie&#223;lichen Zust&#228;ndigkeit der Frau f&#252;r die Familie konnte vorerst keine Rede sein. Mit Ph&#228;nomenen der gesellschaftlichen Realit&#228;t korrespondierte dieses Modell zun&#228;chst einzig und alleine dort, wo es auch entstanden ist, n&#228;mlich im gebildeten B&#252;rgertum.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a></p>
<p><strong>Staatliche Regulierungen</strong><br />
Die Verallgemeinerung des b&#252;rgerliche K&#246;rpermodells, der dazu passenden Geschlechterrollen, des Familienmodells und der spezifischen, ideologisch untermauerten Arbeitsteilung fand erst nach und nach, im Laufe des 19. Jahrhunderts statt. Vermehrt wurden Bem&#252;hungen sowohl seitens des b&#252;rgerlich-kapitalistischen Nationalstaates als auch seitens der einen Teil dieses Staates verk&#246;rpernden b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit angestellt, auch bei Arbeiterinnen den richtigen „Familiensinn“ zu wecken und auf ihre „Bestimmung als Gattin, Hausfrau und Mutter“ hinzuweisen – ungeachtet der Tatsache, dass diese bereits zuvor sehr wohl auch f&#252;r die Reproduktionsarbeit zust&#228;ndig waren, freilich ohne ihren ganzen Arbeitstag Haushalt und Familie widmen zu k&#246;nnen. Die „Stabilisierung der Familienverh&#228;ltnisse“ galt als ein sicherer Weg zu L&#246;sung der „sozialen Frage“.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Mit der Etablierung des Nationalstaates erstreckte sich die Aufwertung der „Mutterschaftsleistung“ nicht mehr nur auf B&#252;rgerInnen, sondern auch auf den unter Aspekten der Bev&#246;lkerungspolitik betrachteten „Gattungsk&#246;rper“ der Arbeiterinnen und dessen Reproduktionsleistung. Im 19.Jahrhundert wurde vielfach &#252;ber die Fabrikarbeit von verheirateten Frauen debattiert, wobei dieser die Schuld an einer ganzen Reihe von sozialen Missst&#228;nden zugeschrieben wurde, von der Verwahrlosung des Haushalts &#252;ber Alkoholismus des Ehegatten bis zur Unterminierung des Nationalstaates.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Mutterschutzgesetze, Regelungen zur Nachtarbeit f&#252;r Frauen etc. wurden nach und nach eingef&#252;hrt, die Geschlechterordnung also mittels gesetzlichen Regulierungen von staatlicher Seite (mit-)geformt und fixiert. Besonders die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Bezug auf Erwerbs- und Hausarbeit wurde &#252;ber den Staat organisiert, durchgesetzt und institutionell abgest&#252;tzt. Frauen wurden als besonders schutzbed&#252;rftig konstruiert, als Wesen, die im Gegensatz zu m&#228;nnlichen Arbeitern staatlicher F&#252;rsprache bed&#252;rften.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Interventionen im Hinblick auf Familiengestaltung, Sexualit&#228;t und Gesundheit wurden zum staatlichen Programm.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Vor allem im Hinblick auf Staatsformierung und Kriege wurden dem m&#228;nnlichen Geschlechtscharakter neben Disziplin und Arbeitsf&#228;higkeit auch Wehrhaftigkeit und soldatische Tugenden zu- und eingeschrieben, &#252;berspitzt und bildhaft formuliert, der M&#228;nnerleib zum „Maschinenk&#246;rper“ stilisiert. Diesem stand auf weiblicher Seite der nach Kriterien von Mutterschaft und famili&#228;rer Reproduktion betrachtete „Gattungsk&#246;rper“ gegen&#252;ber. Der weibliche K&#246;rper sollte zwar auch Kraft, Ausdauer und Disziplin zeigen, jedoch ausgerichtet auf seine „Mutterschaftsleistung“.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die auf die Bev&#246;lkerung als zu erfassendes und regulierendes Objekt einerseits sowie die auf Disziplinierung des Individualk&#246;rpers andererseits zielende staatliche Politik, besa&#223; und besitzt auch heute noch eine geschlechtsspezifische Komponente.</p>
<p><strong>Schluss</strong><br />
Vor dem Hintergrund dieser Ausf&#252;hrungen l&#228;sst sich res&#252;mieren, dass „Geschlecht“ in einem umfassenden Sinne – also sowohl im Bezug auf Geschlechterrollen als auch verstanden als Geschlechtsk&#246;rper – das Resultat eines langwierigen, historischen Prozesses ist. Die Vorstellung eines a-historischen, nat&#252;rlichen Geschlechtsk&#246;rpers, sowie die darauf fu&#223;ende Annahme einer vermeintlichen, biologisch-anatomisch eindeutigen Geschlechterdifferenz, erweisen sich selbst als Produkt gesellschaftlicher Dynamiken, die im 18. Jahrhunderts anzusiedeln sind. Die Entstehung des Modells der Zweigeschlechtlichkeit muss im Kontext der Durchsetzung b&#252;rgerlich-kapitalistischer Verh&#228;ltnisse gesehen werden, ohne nat&#252;rlich den Fehler zu begehen, die Geschlechterordnung als blo&#223;en „Effekt des Kapitalismus“ darzustellen. Vielmehr ist diese, in ihrer Eigenst&#228;ndigkeit als gesellschaftliches Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnis, inh&#228;rent mit der Hegemonialwerdung der b&#252;rgerlichen Klasse verbunden. Die Dominanz des gegenw&#228;rtigen Geschlechterdiskurses kann als Resultat einer sukzessiven gesellschaftlichen Verallgemeinerung des zun&#228;chst b&#252;rgerlichen Geschlechtsdiskurses verstanden werden. Diese These besagt jedoch weder, dass die Geschlechterordnung „fr&#252;her“ besser oder schlechter war, noch, dass die Zweigeschlechtlichkeit konstitutiv f&#252;r den Kapitalismus ist und dieser somit ohne ihr nicht bestehen k&#246;nne. Vielmehr, und das ist ein wesentlicher Punkt, geht es darum zu zeigen, dass die Ordnung der Geschlechter, auch in k&#246;rperlicher Hinsicht, historisch variabel und damit auch ver&#228;nderbar ist. Ein Grund mehr, sich gegen die „Zumutung“ zu positionieren, sich entsprechend dem „Geschlecht des eigenen K&#246;rpers“ <a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> verhalten zu m&#252;ssen.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Nach ihrem Sieg und aufgrund ihrer Gr&#246;&#223;e und muskul&#246;sen K&#246;rperbaus kamen Zweifel auf, ob es sich bei der Sportlerin denn wirklich um eine Frau handle. Die Probleme, die die International Association of Athletics<br />
Federations (IAAF) mit der Einordnung von AthletInnenen in die Geschlechterdichotomie hat, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass seit dem Jahre 2000 zumindest bei den Olympischen Spielen alle Geschlechtstests wieder abgeschafft sind.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Pionierarbeit in Bezug auf K&#246;rpergeschichte wurde vor allem in den USA und in Australien geleistet. Im deutschsprachigem Raum fasste das Thema erst in den 90er Jahren richtig Fu&#223; (vgl. Lorenz, Maren: Leibhaftige Vergangenheit. T&#252;bingen 2000, S. 9).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Gallagher, Catherine (Hg): The Making of Modern Body. 1987, S.VII<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Hof, Renate: Einleitung: Geschlechterverh&#228;ltnis und Geschlechterforschung. In: Bu&#223;mann/Hof. Genus. Geschlechterforschung. Stuttgart 2005, S.16<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Z.B. von Claudia Honegger, Barbara Duden, Karin Hausen, Ute Frevert, uvm.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Fallbeispiele in den Forschungsarbeiten beziehen sich auf Gebiete des heutigen Europas. Wie weit die Ergebnisse auch f&#252;r andere Teile der Welt g&#252;ltig sind, kann im Rahmen dieses Artikels nicht beantwortet werden.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Vgl. Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Frankfurt/Main 1992, S. 36<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Kleidungs- und Verhaltenswechsel konnten folglich zu massiver Verwirrung f&#252;hren – es sei hier z.B. an die unglaublichen Konfusionen erinnert, die in den St&#252;cken Shakespears durch Geschlechtsrollentausch erzeugt werden k&#246;nnen (vgl. Maihofer, Andrea: Geschlecht als Existenzweise. Frankfurt/Main 1995, S. 30 und auch Laqueur a.a.O., S. 21)<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Laqueur, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Laqueur, a.a.O., S. 50<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Laqueur, a.a.O., S. 52<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Laqueur, a.a.O., S. 158. Die Historikerin Barbara Duden hat sich in ihren empirischen Studien anhand von Krankenberichten und &#228;rztlichen Protokollen aus dem fr&#252;hen 18. Jahrhundert der Frage nach dem K&#246;rper verst&#228;ndnis von Frauen gewidmet. Es zeigt sich, dass die Art und Weise, wie die eigenen K&#246;rper wahrgenommen wurden, der These des „Ein-Geschlecht-Modells“ durchaus entspricht (vgl. Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. 1987).<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Laqueur, a.a.O., S. 114<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> vgl. Schiebinger, Londa: Skeletons in the Closet: The First Illustration of the Female Skeleton in Eighteenth-Century Anatomy. In: Gallagher, Catherine (Hg): The Making of Modern Body. 1987, S. 42–82. Der Medizinhistoriker Michael Strolberg argumentiert dagegen, dass es bereits im 16. Jahrhundert zweigeschlechtliche Unterscheidungen von Skeletten gegeben habe (vgl. Strolberg, Michael: A woman down to her bones. in: Isis, Vol. 94, No.2. (Jun., 2003) S. 274-299<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Wissenschaft vom Menschen und das Weib 1750-1850. Frankfut 1991. S. 168f<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Honegger, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Honegger a.a.O., 191, 42; vgl.179f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Laqueur a.a.O., 172, 200ff.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Laqueur, a.a.O., S. 23<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Laqueur, a.a.O., S. 23<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Bei allen Parallelen – wie bereits erw&#228;hnt besteht weitgehend Einigkeit was die zeitliche Einordnung der Umw&#228;lzungen betrifft – gibt es doch auch Unterschiede in der analytischen Beschreibung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse. So wird nicht immer die Durchsetzung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in den Mittelpunkt ger&#252;ckt, sondern unter anderem vom &#220;bergang von der „traditionellen” zur “modernen Gesellschaft“ bzw. zur „Industriegesellschaft“ gesprochen.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vergleiche hierzu: “Engels, Ian (2009). Marx, Engels…und Darwin? In: Perspektiven nr. 9.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Honegger, a.a.O., S. 135, 191<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Schiebinger, Londa: Das private Leben der Pflanzen. Geschlechterpolitik bei Carl von Linné und Erasmus Darwin; in: Hagner, Michael (Hg.): Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt 2001, S. 107-133<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> S&#246;mmering hatte 1785 bereits „Ueber die k&#246;rperliche Verschiedenheit des Negers vom Europ&#228;er“ ver&#246;ffentlicht. Nicht nur der Titel, sondern auch die vergleichende Argumentation verweisen auf die &#228;hnliche Vorgehensweise in der Rassen- und Geschlechterkunde (vgl. Honegger, a.a.O., S. 111-117, 170ff.).<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 26, 36<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. 1987. S. 28<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Maihofer, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> vgl. Sarasin, Philipp: Reizbare Maschinen. Frankfurt/Main 2001, S. 25, 211<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Frevert, Ute. in: Eifert, Christiane (Hg.): Was sind Frauen? Was sind M&#228;nner? Frankfurt/Main 1996, 139ff.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> zit. nach Sarasin, a.a.O., S. 207. vgl. auch S. 189<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Duden, a.a.O., S. 29<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. Schiebinger, Londa: Anatomie der Differenz, in: Feministische Studien, 11.Jhg., Mai 1993, Nr. 11. S. 48-64, S. 49, 60<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 31<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd., S. 161<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Schiebinger a.a.O. 1993, S. 61<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> vgl. vgl. Schiebinger, Londa: Skeletons in the Closet: The First Illustration of the Female Skeleton in Eighteenth-Century Anatomy. In: Callagher, a.a.O., S. 67 und Laqueur, a.a.O., S. 220<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Gerhard, Ute: “Bis an die Wurzeln des &#220;bels”. Rechtsgeschichte und Rechtsk&#228;mpfe der Radikalen, in: Feministische Studien, Heft 1, 1984, S. 77-99, S. 81<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Aus diesem Grund bleibt „proletarischer Antifeminismus“, wie es ihn etwa seitens der Sozialdemokratie gegeben hat, in dieser Betrachtung au&#223;en vor.Vgl. Planert, Ute: Mannweiber, Uriniden, und sterile Jungfern. Die Frauenbewegung und ihre Gegner im Kaiserreich, in: Feministische Studien, Heft 1, 2000, S. 22-36, S. 22<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. Planert, Ute: Der dreifache K&#246;rper des Volkes. Sexualit&#228;t, Biopolitik und die Wissenschaft vom Leben, in: Geschichte und Gesellschaft, 26.Jhg., 2000, S. 539-407, S. 558<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> vgl. Frevert, Ute (Hg.): B&#252;rgerinnen und B&#252;rger. G&#246;ttingen 1988, S.13<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vg. Hirschauer, Strefan: Wie sind Frauen? Wie sind M&#228;nner? Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem, in: Eifert, Christiane: Was sind Frauen? Was sind M&#228;nner? Frankfurt/Main 1996, S. 240-256, S. 245<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Frevert a.a.O., S. 12f.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Hausen, Karin: Die Polarisierung der “Geschlechtscharaktere” – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Conze, Werner (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgard 1976, S. 263-394, S. 363<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. ebd., S. 375<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> vgl. ebd., S. 376ff., S. 383<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. ebd.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Planert 2000, S.552-555<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Schmitt, Sabine: Der Arbeiterinnenschutz im deutschen Kaiserreich. Zur Konstruktion der schutzbed&#252;rftigen Arbeiterin. Stuttgart 1995. S.16f.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Auch die m&#228;nnliche Sexualit&#228;t wurde thematisiert, etwa im Bezug auf Onanie, oder sp&#228;ter von Wahnsinnigen und Rassentheoretikern wie etwa Lanz von Liebenfels, der eine Art Anleitung f&#252;r M&#228;nner zur Erzeugung sch&#246;ner Kind verfasste. Allerdings war diese im Vergleich zu der weiblichen Sexualit&#228;t eher von zweitrangigem Interesse. (planert 2000: 567ff.)<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Planert 2000, S. 547-553<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> vgl. Maihofer a.a.O., S. 95</p>
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		<title>Welche Wirtschaft, wessen Krise?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
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		<description><![CDATA[Katharina Hajek und Benjamin Opratko fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?<br />
<span id="more-666"></span><br />
„Warum hat die Forschung nach den Ursachen [der] Finanz- bzw. Kreditkrise […] keine feministische ‚Stimme‘?“ fragt Brigitte Young zu Beginn ihres k&#252;rzlich erschienenen Artikels<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, um gleich darauf das Offensichtliche zu benennen: Frauen sind im Bereich der Finanzwelt nicht oft vorzufinden. Der Verweis auf die m&#228;nnerb&#252;ndische Verfasstheit der <em>high street</em> der Finanzwelt, die von offenen und subtilen Formen der Ausgrenzung, sowie Mechanismen homosozialer Selbstrekrutierung gekennzeichnet sind, l&#228;sst den gesch&#228;tzten Frauenanteil in diesen Netzwerken von unter 10 Prozent<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> nicht &#252;berraschend erscheinen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Hochhalten der neoklassischen Prinzipien des Wettbewerbs und der individuellen Nutzenmaximierung, sowie der Verweis auf die scheinbar objektiven, weil auf abstrakten Modellen und quantitativen Daten basierenden Verfahren der neoklassischen &#214;konomie durch Experten und Entscheidungstr&#228;ger (sic!) tut das ihre zur antidemokratischen Strukturiertheit der globalen Finanzwelt. Zugleich ist all dies – und auch das d&#252;rfte einem/er schwer entgangen sein – in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten. Die sich schier &#252;berschlagenden Meldungen von Pleiten, Konkursantr&#228;gen, Notverk&#228;ufen und eilig ins Leben gerufenen staatlichen „Rettungspaketen“ &#252;ber Summen, die jegliche Vorstellungskraft &#252;bersteigen, lesen sich – jede f&#252;r sich – als Totschlagargument gegen das Credo der Selbstregulierung und die Effizient der Finanzm&#228;rkte. Doch wenn selbst das Organ des internationalen Finanzkapitals verlautbaren l&#228;sst, dass „On September 15, 2008, the era of Ronald Reagan officially came to an end“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, dann verweist dies nicht zuletzt auf M&#246;glichkeiten der Intervention und Argumentation f&#252;r alternative, demokratischere Modelle und Rationalit&#228;ten, und damit auch f&#252;r die feministische Kritik.<br />
In diesem Kontext sind die wenigen, jedoch umso eindringlicheren Publikationen von FeministInnen zu lesen, die sich in den vergangenen Monaten zu Wort gemeldet haben. Dabei lassen sich – aus feministischer Sicht – vor allem drei Perspektiven auf die gegenw&#228;rtige Krise ausmachen. Die erste verweist auf die empirischen Auswirkungen der Krise und der (staatlichen) Krisenbearbeitungen, von der M&#228;nner und Frauen durchaus unterschiedlich betroffen sind. So wird in diesem Rahmen beispielsweise herausgestrichen, dass traditionelle Frauenarbeitspl&#228;tze – etwa im Gegensatz zur exportorientierten Branchen, wie der Automobilindustrie – weniger krisenexponiert sind, jedoch l&#228;ngerfristig und auch im Zuge der kommenden Budgetkonsolidierungen betroffen sein werden. Auch Konjunkturpolitik ist Geschlechterpolitik<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: Gef&#246;rdert werden hier vor allem „M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze“ (etwa im Bauwesen), die Bereiche Pflege, Bildung und Gesundheit wurden und werden – trotz dringenden Bedarfs – &#252;bergangen. Daneben werden Frauen die Krise auch dar&#252;ber zu sp&#252;ren bekommen, dass der R&#252;ckgang des Haushaltseinkommens &#252;ber mehr Eigenleistung im Bereich der privaten, unbezahlten Versorgungs- und Pflegearbeit auszugleichen sein wird, T&#228;tigkeiten die traditionell Frauen zugeschrieben wird.<br />
Eine zweite Herangehensweise konzentriert sich auf die diskursiven Bearbeitungsformen: wie wird &#252;ber die Krise gesprochen und geschrieben? Hier steht etwa die Kritik an essentialistischen Geschlechtervorstellungen im Zentrum, die in jenen Erkl&#228;rungsmodellen anzutreffen sind, in denen junge, risikofreudige und vor allem m&#228;nnliche Finanzmanager als die Schuldigen des globalen Schlamassels ausgemacht werden. Frauen, die von der Natur mit mehr R&#252;ck- und Weitsicht ausgestattet seien, w&#228;re das entsprechend nicht passiert – und sie sollten nun helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.<br />
Eine dritte Perspektive st&#252;tzt sich auf die Erkenntnisse feministischer Staatstheorie und Staatsforschung. Sie betont die Kontinuit&#228;t maskulinistischer Strukturen in den Staatsapparaten und zeigt, wie auch durch die aktuellen staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien patriarchale Verh&#228;ltnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen reproduziert werden.</p>
<p><strong>Historischer Block und Geschlecht</strong><br />
Die drei beschriebenen Analyseperspektiven erm&#246;glichen also – auch f&#252;r sich genommen – einen je spezifischen Blick auf das „Geschlecht“ der aktuellen globalen Wirtschaftskrise. So n&#252;tzlich diese analytischen Trennungen zur Anleitung empirischer Forschung und zur Durchf&#252;hrung von konkreten Policy-Analysen sind, als so notwendig erachten wir jedoch auch eine allgemeinere theoretische und politische Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs von Geschlechterverh&#228;ltnissen und der aktuellen globalen Krise. Dazu bedarf es der kritischer Begriffsarbeit; denn realiter existieren die angef&#252;hrten unterschiedlichen Dimensionen – der &#214;konomie, der Ideologie und der Politik – nicht separat voneinander, sondern sind Teil eines komplexen, ineinander verwobenen gesellschaftlichen Ganzen, das es letztlich in den Blick zu bekommen gilt. Dazu wollen wir zun&#228;chst einige Kategorien aus marxistischen und feministischen Diskussionen vorstellen, die wir f&#252;r hilfreich zur Analyse der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise halten. Aus diesen ergibt sich denn auch eine Pr&#228;zisierung unserer Ausgangsfrage, jener nach dem Verh&#228;ltnis von Wirtschaftskrise und Geschlechterverh&#228;ltnissen.<br />
Doch zun&#228;chst ein Schritt zur&#252;ck: wenn wir die Frage nach aktuellen Umbr&#252;chen stellen, haben wir bereits eine theoretische Vorentscheidung getroffen. Wir sprechen nicht von der Beziehung „des Kapitalismus“ zu „den (asymmetrischen) Geschlechterverh&#228;ltnissen“; auf dieser hohen Abstraktionsebene k&#246;nnen h&#246;chstens sehr allgemeine Aussagen generiert werden, und selbst die sind oft von zweifelhafter Stichhaltigkeit (siehe den Artikel von Maria Asenbaum und Katherina Kinzel in diesem Heft). Vielmehr gehen wir davon aus, dass kapitalistische Gesellschaftsformationen sich r&#228;umlichhistorisch ausdifferenzieren und dementsprechend unterschiedliche kapitalistische Entwicklungsmodelle identifiziert werden k&#246;nnen, die sich durch bestimmte &#246;konomische, politische und ideologische Konstellationen auszeichnen.<br />
Einer der ersten, der die Grundlagen einer solchen analytischen Einteilung entwickelt hat, war der italienische Marxist Antonio Gramsci. Er pr&#228;gte in seinen politischen Analysen den Begriff des „historischen Blocks“, der f&#252;r ihn zwei wesentliche Dimensionen umfasst. <em>Erstens </em>ist damit eine Kompromisskonstellation gemeint, in der eine gesellschaftliche Gruppe „f&#252;hrend und herrschend“ ist. Das hei&#223;t, dass sie nicht nur durch Zwang und Gewalt ihre politische Macht aufrechterh&#228;lt, sondern in erster Linie dadurch, dass sie die Zustimmung der Beherrschten zu den herrschenden Verh&#228;ltnissen organisiert. Diese Form der Herrschaft nennt Gramsci „Hegemonie“; sie wird auf Basis der Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel ausge&#252;bt, geht jedoch &#252;ber diese hinaus und verankert sich im allt&#228;glichen (Un-)Bewusstsein der Subalternen. Zweitens verweist der Begriff „historischer Block“ auf eine relative Koh&#228;renz zwischen der &#246;konomischen Struktur – also der Organisation des Produktionsprozesses, Formen der Arbeitsteilung, der Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel und dem Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte – und den „Superstrukturen“ – welche die Staatsform, staatliche Politiken, kulturelle und moralische Leitbilder, und auch den „Alltagsverstand“, also das allt&#228;gliche Selbst- und Weltverst&#228;ndnis breiter Teile der Bev&#246;lkerung umfassen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Hier wird deutlich, dass Ideologien (oder Weltauffassungen, wie Gramsci sie nennt), d.h. Normen, Werte, Vorstellungen &#252;ber Moral etc., die in den Institutionen der Zivilgesellschaft ausgearbeitet, organisiert und durchgesetzt werden, in den Alltagsverstand integriert und somit von den Individuen f&#252;r sinnvoll und richtig erachtet werden; sie <em>handeln danach</em>. Daher besitzen sie immer auch eine „materielle Gewalt“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Der Alltagsverstand kann somit als Schnittstelle von Herrschaftsaus&#252;bung und Subjektivierung verstanden werden, f&#252;r das „Gelingen“ einer bestimmten Entwicklungsweise sind also immer auch staatliche Interventionen f&#252;r eine bestimmte Subjektivit&#228;t vonn&#246;ten.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ein prominentes Beispiel f&#252;r diese Herangehensweise, dem wir uns unten genauer zuwenden, ist Gramscis Analyse des entstehenden Fordismus in den USA zu Beginn des 20.Jahrhunderts.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a></p>
<p><strong>Geschlechterregime</strong><br />
Der an Gramsci orientierte, hegemonietheoretische Ansatz gibt uns also erste theoretische Begriffe in die Hand, um unsere Fragestellung zu verfolgen. Was hier aber nur rudiment&#228;r angelegt ist, ist ein Verst&#228;ndnis der grundlegenden Bedeutung der Geschlechterverh&#228;ltnisse f&#252;r die Existenz eines historischen Blocks. Die Sache ist kompliziert: unterschiedliche Entwicklungsweisen sind immer mit bestimmten Organisationsformen der Geschlechterverh&#228;ltnisse verbunden. Diese weisen aber nicht blo&#223; „den Frauen“ und „den M&#228;nnern“ spezifische Pl&#228;tze in der Gesellschaft zu; vielmehr artikulieren sich die Geschlechterverh&#228;ltnisse auf grundlegende Weise mit Klassenverh&#228;ltnissen und rassistischen Zuschreibungen. So waren etwa im fr&#252;hen, „liberalen“ Kapitalismus die hegemonialen weiblichen und m&#228;nnlichen Rollenbilder durch und durch <em>b&#252;rgerliche </em>und <em>wei&#223;e </em>Leitbilder und als solche von der Lebensrealit&#228;t proletarischer, b&#228;uerlicher Familien weit entfernt, von nicht-europ&#228;ischen MigrantInnen ganz zu schweigen. Sie mussten erst m&#252;hsam in den subalternen Klassen durchgesetzt werden (siehe den Artikel von Tobias Boos und Veronika Duma in diesem Heft).<br />
Dazu kommt jedoch, dass &#252;ber die spezifischen Arrangements der historischen Bl&#246;cke hinaus patriarchale Geschlechterverh&#228;ltnisse sich durch eine besonders langfristige Persistenz auszeichnen. &#220;ber kapitalistische Entwicklungsphasen hinweg existiert eine Kontinuit&#228;t m&#228;nnlicher Dominanz. Wenn wir Geschlechterverh&#228;ltnisse theoretisieren wollen, brauchen wir also Konzepte unterschiedlicher Reichweite und Abstraktionsebenen. Dazu schlagen wir vor, zwei Begriffe von Robert Connell, einem Begr&#252;nder der kritischen M&#228;nnlichkeitsforschung, zu &#252;bernehmen: <em>Geschlechterregime </em>und <em>Geschlechterordnung</em>.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Als Geschlechterregime kann demnach eine spezifische Ordnung der Geschlechterverh&#228;ltnisse in einer bestimmten historischen Phase oder in Bezug auf ein bestimmtes politisches Projekt gesprochen werden – z.B. das Geschlechterregime des Fordismus. Eingebettet ist ein Geschlechterregime in die l&#228;ngerfristigen Strukturen der Geschlechterordnung, die besonders starke Kontinuit&#228;ten in den Geschlechterverh&#228;ltnissen umfasst – z.B. die Norm der Heterosexualit&#228;t, die geschlechtliche Zuordnung von &#246;ffentlicher und privater Sph&#228;re und &#228;hnliches.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Geschlechterregime interessieren uns nun insbesondere als Teil eines historischen Blocks, der sich zu einer relativ stabilen Entwicklungsweise f&#252;gt. Wir wollen das Konzept von Connell aufnehmen, erg&#228;nzen und ver&#228;ndern es jedoch an einigen Stellen und machen folgende wesentliche Elemente eines Geschlechterregimes aus: (1.) die Form der geschlechtlichen <em>Arbeitsteilung</em>; (2.) die maskulinistische Pr&#228;gung des <em>Staates</em>; (3.) die <em>Familienform </em>und (4.) die hegemonialen <em>Geschlechterleitbilder </em>sowie Formen vergeschlechtlichter „Anrufungen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> und <em>Subjektivierungen</em>.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Vor diesem Hintergrund wollen wir nun die Ausgangsfrage des Artikels pr&#228;zisieren. Uns erscheint f&#252;r eine Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs der globalen Wirtschaftskrise und der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor allem wichtig, zu kl&#228;ren, ob sich aktuell Verschiebungen oder gar Br&#252;che im Geschlechterregime ausmachen lassen. Dies vor dem Hintergrund der These, dass in den letzten Jahrzehnten ein spezifisch <em>neoliberales </em>Geschlechterregime etabliert wurde, das sich von dem vorangegangenen, <em>fordistischen </em>Regime in Bezug auf unsere vier Elemente unterscheiden l&#228;sst. Diese Frage ber&#252;hrt die aktuell in den unterschiedlichsten politischen Zusammenh&#228;ngen gef&#252;hrte Debatte, ob es sich bei der aktuellen Krise des Kapitalismus um eine tief greifende Krise oder gar das dr&#228;uende Ende des Neoliberalismus handelt, oder ob die spektakul&#228;ren Ereignisse des letzten Jahres eher &#252;ber die tats&#228;chliche effektive Kontinuit&#228;t des neoliberalen Entwicklungsmodells hinweg t&#228;uschen. Wenn ein historischer Block, wie oben argumentiert, immer und notwendigerweise auch ein bestimmtes Geschlechterregime umfasst, so verweist deren Analyse letztlich auch auf die Stabilit&#228;t oder Krisenhaftigkeit der aktuell bestehenden Ordnung.<br />
Um die Frage nach Kontinuit&#228;t oder Br&#252;chen im Geschlechterregime stellen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir zun&#228;chst kl&#228;ren, womit sich denn ein etwaiger Bruch vollziehen k&#246;nnte. Sprich: was macht denn nun das neoliberale Geschlechterregime in Bezug auf Arbeitsteilung, Staat, Familie, Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsformen aus?</p>
<p><strong>Fordistische Geschlechter</strong><br />
Hierf&#252;r bietet sich die Hegemonietheorie Antonio Gramscis an. Sie erm&#246;glicht es uns, die Ver&#228;nderungen der Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrer Verbindung mit Staatlichkeit und Familienform und der Art und Weise, wie Subjekte regiert werden analytisch zu fassen. Denn Hegemonie bedeutet auch die „F&#228;higkeit, die Zustimmung der Individuen zu dem gesamtgesellschaftlichen Projekt zu organisieren, sodass diese den &#246;konomischen Anforderungen sowie den politischen und ideologischen Anrufungen aktiv nachgehen“.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> F&#252;r eine feministische Herangehensweise ist es nun von zentraler Bedeutung, das Subjektivit&#228;ten immer vergeschlechtlicht sind– und somit auch die Formen der Anrufungen und in Konsequenz die hegemonialen Geschlechterleitbilder, die, wie bereits oben skizziert, einen wichtigen Teil eines Gschlechterregimes ausmachen. Die Existenz bzw. die Unterscheidung von M&#228;nnern und Frauen darf somit nicht essentialistisch als gegebenen und „nat&#252;rlich“ gefasst werden. Vielmehr muss danach gefragt werden, wie M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit in der Zivilgesellschaft entlang spezifischer Normen, Wertvorstellungen und Zuschreibungen organisiert und im allt&#228;glichen Handeln reproduziert werden.<br />
Diese Prozesse k&#246;nnen mit Gramscis Analyse des amerikanischen Fordismus´ nachgezeichnet werden, indem er darstellt, wie Anforderungen an die Individuen, staatliche/hegemoniale F&#252;hrung und Subjektkonstruktionen ineinander greifen. Ausgehend von den Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise – des Aufkommens tayloristischer Prinzipien der ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ – zeichnet er nach, wie diese die Genese eines neuen Menschtypus, genauer: eines spezifischen Typs des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters bedurften. „[D]as Leben in der Industrie erfordert eine allgemeine Ausbildung, einen Prozess der psycho-physischen Anpassung an bestimmte Bedingungen der Arbeit, der Ern&#228;hrung, der Wohnung der Gewohnheiten usw., was nichts Angeborenes, ‚Nat&#252;rliches’ ist, sondern erworben sein will.“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Anforderungen und Voraussetzungen f&#252;r ein Arbeiten am Flie&#223;band, das durch repetitive T&#228;tigkeit und Monotonie gekennzeichnet ist, w&#228;re allein durch milit&#228;rischen Drill, physischen Zwang und Disziplinierung nicht zu erreichen gewesen. Vielmehr wurden Lohnarbeitssubjekte ‚gebraucht’, die nicht nur bereit waren, diese T&#228;tigkeit jahrzehntelang auszuf&#252;hren, sondern auch mental und psychisch in der Lage waren, diese durchzuf&#252;hren. Wie auch Frigga Haug betont, ergibt sich „[d]ieser Typ [jedoch] nicht als Reflex auf neue Anforderungen, er wird vielmehr Produkt kultureller Anstrengungen, hier u. a. von Seiten der Unternehmer.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Diese Subjektivierungsprozesse d&#252;rfen somit nicht entlang eines &#246;konomischen Determinismus gedacht werden, sondern sind immer auch das Produkt von kulturellen und hegemonialen K&#228;mpfen. Gramsci zeigt etwa an Beispielen staatlicher Kampagnen gegen Alkoholismus, wie eine bestimmte Lebensf&#252;hrung als Norm propagiert und von den Individuen in ihren Alltagsverstand integriert wurde. Da die tayloristische Arbeitsweise und das fordistische Gesellschaftsmodell insgesamt auf Bedingungen der Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbauten, zielten die Subjektivierungsweisen auf eine geregelte und stabile Lebensweise ab. &#220;ber die Kontrolle der Moralit&#228;t und Lebensf&#252;hrung der Arbeiter wurde ein „psycho-physischer Zusammenhang“ geschaffen, um die erforderte nervlich-muskul&#228;re Leistungsf&#228;higkeit zu sichern. Gramsci nennt als Beispiel hier etwa die Tatsache, dass die Arbeiter in den Ford-Werken und deren Familien regelm&#228;&#223;ig zu Hause von einer Truppe betriebseigener Inspekteuren „besucht“ wurden, die ihre Haushaltsf&#252;hrung und ihrPrivatleben kontrollierten, um sicher zu stellen, dass diese keinem ausschweifenden, der Leistung der Arbeiter abtr&#228;glichen Leben nachgingen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Auch die „sexuelle Frage“ spielte dabei eine Rolle.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Da der „arbeitende Mensch“ es sich nicht leisten kann, jede Nacht aufs neue auf die Suche nach sexueller Befriedigung zu gehen, kommt hier der Monogamie und der stabilen Zweierbeziehung gro&#223;e Bedeutung zu, und damit der Ehefrau, „die zuverl&#228;ssig, unfehlbar da ist, die sich nicht ziert und nicht die Kom&#246;die der Verf&#252;hrung“ spielt.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Genau hier bringt Gramsci die <em>vergeschlechtlichen</em> Subjektivierungsprozesse ins Spiel. Die Herausbildung des neuen Menschentyps geschah nicht universell, sondern bedingte die Konstitution vergeschlechtlicher Subjekte. D.h. die Reproduktion der fordistischen Gesellschaftsformation bedurfte sowohl des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters, der seinen Lebenswandel anhand bestimmter Anforderungen ausrichtet, als auch der „&#252;berwachenden und f&#252;rsorglichen“ Haus- und Ehefrau, die unbezahlt der privaten Reproduktionsarbeit nachgeht. Somit h&#228;ngt die Produktion von Subjektivit&#228;t immer auch „mit der Ausgestaltung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit mit der Organisation der Reproduktion einer bestimmten Gesellschaftsformation insgesamt“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> zusammen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung wurde somit &#252;ber „die Zustimmung zu hegemonialen Vorstellungen, welche Zust&#228;ndigkeiten als geschlechtsspezifische gedacht und verteilt werden“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, organisiert. Der zentrale Ort der Organisation dieser Arbeitsteilung war die heterosexuelle Kleinfamilie. Obwohl Gramsci in seinen Fordismusanalysen den Staat im engeren Sinne nicht einbezogen hat<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>, hat jedoch die feministische Wohlfahrtsstaatenforschung gezeigt, dass diese m&#228;nnlichen und weiblichen Subjektivit&#228;ten sowie die damit zusammenh&#228;ngende geschlechtliche Arbeitsteilung durch einen inh&#228;rent maskulinistischen (Sozal-)Staat gest&#252;tzt wurden. Die westlichen Sozialstaaten haben sich so stets an der Norm des m&#228;nnlichen Normalarbeiters orientiert, diesbez&#252;gliche Anspr&#252;che im Fall von Alter, Krankheit, Erwerbsunf&#228;higkeit und Arbeitslosigkeit waren und sind an die Aus&#252;bung kontinuierlicher Vollzeitarbeit gebunden. Weibliche Lebenssituationen, Pflege- und F&#252;rsorgearbeit wurde Dethematisiert und Privatisiert. Dies hatte und hat zur Folge, dass m&#228;nnliche Subjekte Anspr&#252;che aufgrund von sozialen <em>Rechten</em>, weibliche hingegen vorwiegend aufgrund von <em>Bed&#252;rfnissen</em> geltend machen k&#246;nnen. Frauen wurden einzig als Ehefrauen, M&#252;tter, T&#246;chter oder Witwen in das wohlfahrtsstaatliche System integriert, was immer auch eine Ableitung ihrer Anspr&#252;che aus ihrem Verh&#228;ltnis zum Mann und somit eine Fortschreibung von patriarchalen Strukturen ist.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Flexibilisierung und Reprivatisierung</strong><br />
Der historische Block des Fordismus kann also als ein spezifisches Geschlechterregime analysiert werden, in dem Arbeitsteilung, staatliche Politiken, Familienform und Subjektivierung auf spezifische Weise verschr&#228;nkt waren. Mit dem Aufbrechen des fordistischen Entwicklungsmodells ab dem Ende der 1960er Jahre wurde auch diese Konstellation in Frage gestellt. Ergebnis war ein neoliberales Geschlechterregime, das auf neue hegemoniale Formen der F&#252;hrung aufsetzt und letztlich auch neue Normen und Zuschreibungen von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit vermittelt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Um diese Prozesse zu verdeutlichen, wenden wir uns in Folge den geschlechterpolitischen Leitlinien des Gender Mainstreamings der Europ&#228;ischen Kommission und dem Bericht der Hartz-Kommission zur Restrukturierung der Arbeitslosenpolitik in Deutschland zu. Diese beiden Felder k&#246;nnen – trotz aller nationalen und regionalen Spezifika – als exemplarische Beispiele f&#252;r neoliberale Reformen dienen, wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in ganz Europa &#228;hnlich durchgesetzt wurden. Auf dieser Grundlage wollen wir nachzeichnen, wie das neoliberale Geschlechterregime als solches von inh&#228;renten Widerspr&#252;chlichkeiten gekennzeichnet sind, die sich aus der verst&#228;rkten Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger De-Thematisierung und Reprivatisierung der Reproduktionsarbeit ergibt, die auch weiterhin dem Verantwortungsbereich von Frauen zugeschrieben wird.<br />
Gundula Ludwig schl&#228;gt vor, Gender Mainstreaming<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> [im Folgenden GM] als „als ein Feld von F&#252;hrungstechniken und Selbsttechnologien [zu] betracht[en], das ein bestimmtes Feld von vergeschlechtlichen Subjektkonstruktionen vermittelt“ und dabei auf bestimmte Vorstellungen &#252;ber geschlechtliche Zust&#228;ndigkeiten und Arbeitsteilung rekurriert.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Als zentrales Moment wird dabei die Erh&#246;hung der <em>employability </em>und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt angesehen. Dies f&#252;gt sich damit nahtlos in die Lissabon-Strategie der EU ein, die bis 2010 eine Frauenbesch&#228;ftigungsquote von 60 Prozent als Bedingung f&#252;r die Entwicklung Europas zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ anstrebt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Bericht der Hartz-Kommission<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup</sup></a> zu lesen. So betont Katharina P&#252;hl, dass diese nicht nur auf eine „effektivere“ Vermittlung von Arbeitslosen, sondern implizit auf gelebte Alltags- und Lebensverh&#228;ltnisse abzielt.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Im Gegensatz zu GM bezieht sich dieser jedoch nicht allein auf Frauen, sondern spricht „beide Geschlechter“ als „UnternehmerInnen“ an, die sich (nicht zuletzt als Ich-AGs oder via Mini-Jobs) eigenverantwortlich und flexibel in den Arbeitsmarkt integrieren sollen. Geschlecht als herrschaftsf&#246;rmiges gesellschaftliches Verh&#228;ltnis wird – wie sp&#228;ter noch zu zeigen sein wird – weitgehend dethematisiert, und ausschlie&#223;lich sowie selektiv als „Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ angesprochen. Der Hartz-Bericht kann somit in den Prozessen der neoliberalen Restrukturierung der Sozialpolitik kontextualisiert werden, die &#252;ber eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien hinaus auch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen (der im verst&#228;rkten Ma&#223;e vor allem Frauen und M&#228;dchen betrifft) und eine „Reformulierung“ sozialstaatlicher Aufgaben forciert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Kontrastiert man die zentralen Aussagen in diesen Dokumenten etwa mit den Analysen des fordistischen Geschlechterregimes, so f&#228;llt auf, dass hier traditionelle Zuschreibungen an Weiblichkeit aufgebrochen werden und mit neuen Zust&#228;ndigkeiten verbunden werden. „Je weniger sich die Grundpfeiler des Fordismus – Massenproduktion f&#252;r den nationalen Binnenmarkt und Sozialstaatlichkeit – als Garantie f&#252;r die erfolgreiche Reproduktion kapitalistischer Verh&#228;ltnisse erwiesen, umso mehr trat an deren Stelle eine Form des Kapitalismus, der auf flexible und anpassungsf&#228;hige High-Tech Produktion setzt und sich prim&#228;r an den Renditen des internationalen Finanzmarktes orientiert“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die bis in die 1970er vorherrschende Entwicklungsweise, die vornehmlich an der tayloristischen Flie&#223;bandarbeit orientiert war, wurde zunehmend durch eine ersetzt, die durch De-Industrialisierung und ein Anwachsen des Dienstleistungssektor gekennzeichnet ist. Mit diesen Ver&#228;nderungen musste in Konsequenz auch neue Formen politischer Arrangements und damit eine Neugestaltung der Subjektivierungsweisen organisiert werden. Dem Modell des fordistischen Massenarbeiters wurde dabei in den letzten Jahrzehnten nicht nur seine materielle Basis, in Form des Familienlohns und eines starken Wohlfahrtsstaates, entzogen. Auch eine Lebensweise, die auf Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbaut, entspricht nicht mehr den neoliberalen Anforderungen einer hochtechnologisierten und schnelllebigen Form des Kapitalismus. Eben diese Eigenschaften setzen auf Lohnarbeitssubjekte, die sich – sowohl zeitlich als auch r&#228;umlich – hochflexibel in diskontinuierliche Erwerbsverl&#228;ufe und die Erfordernisse des Marktes einpassen. Artikuliert werden diese Anforderungen vornehmlich in Form des Appells an die individuelle Eigenverantwortung, Nutzenmaximierung und Selbstkontrolle, um die eigene Arbeitskraft am Arbeitsmarkt „wettbewerbsf&#228;hig“ zu halten. Ein Effekt der neoliberalen Subjektivierung ist, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse oder &#246;konomische Konflikte als „Privatproblem“ individualisiert werden.</p>
<p><strong>Neoliberale Paradoxien</strong><br />
Wie oben erw&#228;hnt, richten sich diese Anrufungen – und hier besteht ein entscheidender Unterschied zum Fordismus – explizit an M&#228;nner <em>und </em>Frauen, „[d]ie postfordistischen Lohnarbeitssubjekte sind nun m&#228;nnlich und weiblich“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Dazu werden mit der zunehmenden Betonung des Dienstleistungssektors und der affektiven Arbeit auch weiblich konnotierte F&#228;higkeiten, wie „Kommunikationsorientierung“, „Teamf&#228;higkeit“ und &#228;hnliche <em>soft skills</em> zunehmend nachgefragt, d.h. Frauen werden als deren vermeintliche Tr&#228;gerinnen dazu aufgerufen, ihre <em>employability als Frauen</em> zu Markte zu tragen und sich in die unternehmerische Logik einzugliedern. Hier stellt sich die Frage, wie im Neoliberalismus bestimmte Geschlechterkodierungen je nach Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt abgerufen werden und in Konsequenz nach der Funktionalisierung vergeschlechtlicher Formen von Handeln und F&#252;hlen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Des Weiteren dr&#228;ngt sich aus feministischer Sicht eine Beobachtung auf: Die hier forcierte Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit verhandelt den Arbeitsmarkt in klassisch androzentrischer Manier als geschlechtsneutral. Dabei wird &#252;bersehen, dass der Arbeitsmarkt (immer noch) sowohl hinsichtlich der verschiedenen T&#228;tigkeiten, d.h. der Aufgliederung in „Frauen- und M&#228;nnerberufe“, als auch hinsichtlich der Entlohnung f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten (Stichwort <em>gender pay gap</em>), differenziert ist. Zur Erl&#228;uterung wollen wir an dieser Stelle kurz einige aussagekr&#228;ftige Zahlen aus der letzten gro&#223;en diesbez&#252;glich durchgef&#252;hrten Studie in &#214;sterreich nennen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> So waren im Jahr 2006 81 Prozent der erwerbst&#228;tigen Frauen im meist durch unsicherere Arbeitsverh&#228;ltnisse gekennzeichneten Dienstleistungssektor t&#228;tig, jedoch nur 54 Prozent der M&#228;nner. Auch die diesbez&#252;gliche Analyse nach beruflicher Qualifikation (oder expliziter formuliert, die Stellung im Beruf ) liefert eindeutige Ergebnisse. So lag der Anteil der Arbeiterinnen 2006 (&#246;ffentlicher Dienst nicht mitgerechnet) bei insgesamt 31 Prozent. Der Anteil an den HilfsarbeiterInnen lag jedoch bei 60 Prozent, der an den VorarbeiterInnen hingegen nur bei 4 Prozent. Betrachtet man die Gruppe der Angestellten, so betrug der Anteil an Frauen darunter 56 Prozent. Wiederum arbeiteten jedoch 69 Prozent im Bereich der gelernten T&#228;tigkeiten, der Anteil an den Hochqualifizierten betrug hingegen nur 31 Prozent. Am aussagekr&#228;ftigsten ist jedoch der Bereich der Teilzeitarbeit: 84 Prozent aller Teilzeiterwerbst&#228;tigkeiten waren Frauen.<br />
Jedoch auch bez&#252;glich der gleichen T&#228;tigkeiten lassen sich gro&#223;e Unterschiede in der Bezahlung ausmachen, was den zweiten Aspekt des vergeschlechtlichen Arbeitsmarktes darstellt. Betrachtet man die unselbstst&#228;ndig Erwerbst&#228;tigen, so f&#228;llt auf, dass Frauen nur 60 Prozent des Bruttojahreseinkommens von M&#228;nnern verdienen. Gleichzeitig sind die Einkommen unter Frauen zus&#228;tzlich ungleicher verteilt als bei M&#228;nnern. Die gr&#246;&#223;ten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede finden sich dabei im Handel, im Bereich der Energie- und Wasserversorgung und des Kredit- und Versicherungswesens: hier verdienen Frauen jeweils nur ca. 55 Prozent der Einkommen von M&#228;nnern. Die geringsten Unterschiede gibt es im Beherbergungs- und Gastst&#228;ttenwesen, das zugleich jedoch auch die Branche mit den meisten weiblichen Besch&#228;ftigten ist.<br />
Genau diese geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes wird bei GM und dem Hartz-Programm ignoriert. „Der Bezugsma&#223;stab bei [diesen] Bestrebungen […] Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, bleibt die bestehende androzentrische Norm, was allerdings zugleich unsichtbar und damit entpolitisiert bleibt“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Somit bleiben die strukturellen Gr&#252;nde von Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht nur unreflektiert, sondern werden dazu noch privatisiert und als Ausdruck individuellen Versagens stilisiert.<br />
Parallel zur Anrufung an Frauen als Lohnarbeiterinnen steht jedoch – und hier ist die zentrale inh&#228;rente Widerspr&#252;chlichkeit neoliberaler weiblicher Subjektivierungsweisen auszumachen – ihre vorrangige Adressierung als <em>M&#252;tter</em>, wie sie in beiden Dokumenten durch die Betonung der <em>Vereinbarkeit von Familie und Beruf</em> artikuliert wird. Somit wird Reproduktionsarbeit nicht nur h&#246;chstens als „Markthindernis“ f&#252;r potenzielle weibliche Lohnarbeiterinnen gesehen (was sie zynisch formuliert ja tats&#228;chlich ist), sondern auch weiterhin als Aufgabe von Frauen festgeschrieben, die es privat zu organisieren gilt. Diese Tatsache erh&#228;lt zudem zus&#228;tzlich Gewicht, wenn der gleichzeitige Abbau sozialstaatlicher Leistungen mit einbezogen wird. Durch das Wegfallen etwa von staatlich organisierter Kinderbetreuung oder Altenpflege ergibt sich eine Reprivatisierung von Pflege- und Betreuungsarbeit und damit eine implizite Verlagerung und Festschreibung in den Verantwortungsbereich von Frauen. Somit entsteht das geschlechterpolitische Paradox, dass eben diese Arbeit, die <em>gesellschaftlich notwendig</em> ist und durch die nichts Geringeres als die Reproduktion der Arbeitskraft geleistet wird, zwar implizit vorausgesetzt, dabei jedoch dethematisiert und individualisiert wird. Diese Beobachtung steht dabei in keinem Gegensatz zu der Tatsache, dass die Definition von Familie bzw. ihrer &#246;konomischen und normativen Funktionen, zunehmend Gegenstand breiterer Debatten sind. Reproduktionsarbeit muss nicht mehr ausschlie&#223;lich im Rahmen der heterosexuellen Kleinfamilie geleistet werden, was die steigende Anzahl an Scheidungen und AlleinerzieherInnen bzw. die Diskussion rund um „Patchwork-Familien“ und eingetragene PartnerInnenschaft belegen – was die geschlechtliche Arbeitsteilung jedoch um nichts wirkungsloser macht.<br />
Somit kann festgehalten werden dass die oben dargestellten widerspr&#252;chlichen Anrufungen – als flexible und eigenverantwortliche Lohnarbeiterin einerseits, als „f&#252;rsorgliche Mutter/Tochter/Ehefrau/Lebensgef&#228;hrtin“ andererseits &#8211; als zentrales Merkmal weiblicher Subjektkonstitutionen im Neoliberalismus zu sehen sind, „in [der] die gesellschaftlichen Widerspr&#252;che eingehen, die sich aus der Form, wie die Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit [in kapitalistischen Gesellschaften] organisiert sind, ergeben“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Krise als Bruch?</strong><br />
Vor diesem Hintergrund k&#246;nnen wir uns nun daran machen, Kontinuit&#228;ten, Br&#252;che und Verschiebungen im Geschlechterregime zu suchen. Ver&#228;ndert die Krise das neoliberale Arrangement der Geschlechter? Dazu kehren wir zu unseren vier Dimensionen der Geschlechterregime zur&#252;ck. Vorauszuschicken ist, dass es sich bei den folgenden Thesen um vorl&#228;ufige &#220;berlegungen handelt, die wir zur Diskussion stellen wollen. Sie beruhen zum Teil auf bereits existierenden ersten Analysen der Krise und ihrer Bearbeitungen aus feministischer Perspektive und zum Teil auf eigenen Beobachtungen, aus denen wir Tendenzen zu extrapolieren suchen.<br />
In Bezug auf (1.) die vergeschlechtlichte <em>Arbeitsteilung</em> kann festgehalten werden, dass aktuell die bereits im neoliberalen Entwicklungsmodell angelegten Dynamiken verst&#228;rkt werden. Dies betrifft etwa die zunehmende Bedeutung von weiblich konnotierten Bereichen wie Pflege-, Bildungs- und Care-T&#228;tigkeiten, deren Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung sich umgekehrt proportional zu ihrer Wichtigkeit zu entwickeln scheint. Was sich allerdings andeutet, ist dass die Tendenz, Frauen in Lohnarbeit zu integrieren, einen Knick erf&#228;hrt. Denn diese Integration in den Arbeitsmarkt wurde besonders in den letzten Jahren in erster Linie &#252;ber prekarisierte, schlecht abgesicherte Jobs organisiert. Diese sind es jedoch, die im Zuge der Krise als erste abgebaut werden, um den &#246;konomischen Druck auf die Betriebe abzufedern. Arbeitslosigkeit betrifft zunehmend Frauen, auch wenn ihre mediale Darstellung sich stets am m&#228;nnlichen Industriearbeiter orientiert.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Diese Tendenz wird auch durch (2.) <em>staatliche Politiken</em> verst&#228;rkt. Denn die gro&#223;en Strategien gegen die Krise und staatliche Konjunkturprogramme zielen fast ausschlie&#223;lich auf den m&#228;nnlichen Vollzeitarbeiter. Gerettet wird die Autoindustrie, w&#228;hrend Investitionen in Care-Work oder Bildungseinrichtungen, in denen besonders viele Frauen arbeiten, bislang ausbleiben.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Staatlich organisiert und gest&#252;tzt wird mithin ein doppelt vergeschlechtlichter Arbeitsmarkt, in dem Frauen einerseits bestimmte schlecht bezahlte und mit geringem gesellschaftlichem Ansehen verbundene Arbeitspl&#228;tze zugewiesen werden, und sie andererseits f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten weniger Lohn erhalten. Eine offene Frage in Bezug auf die staatliche Dimension des gegenw&#228;rtigen Geschlechterregimes ist, wie die medial lautstark begleitete „R&#252;ckkehr des Staates“ einzusch&#228;tzen ist. Auf den ersten Blick scheint durch die massiven konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Eingriffe die &#196;ra des neoliberalen Privatisierungsmodells und des damit einhergehenden Bildes vom „schlanken Staat“ an ihr Ende zu gelangen. Wie Birgit Sauer hervorhebt, hatte das neoliberale Staatsmodell dabei stets einen „misogynen Subtext“, der nicht zuletzt „in der symbolisch diskursiven Abwertung des ‚feminisierten’ Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck kommt“.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Jedoch: der Staat, der nun „zur&#252;ckzukommen“ scheint, war nie wirklich weg; und blo&#223; weil er neben seinen „Aufgaben“ in den Bereichen der Repression und der Herstellung von Wettbewerbsf&#228;higkeit nun auch wieder verst&#228;rkt als „&#246;konomischer Staatsapparat“ <a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auftritt, ist das maskulinistische Modell neoliberaler Staatlichkeit noch nicht in der Krise.<br />
F&#252;r die (3.) <em>Familienform </em>gilt, dass die heterosexuelle Kleinfamilie, die im Fordismus noch der zentrale Reproduktionsort der Geschlechterverh&#228;ltnisse schlechthin war, im Zuge der Neoliberalisierung der Gesellschaft teilweise unterminiert wurde und oft „nicht mehr die dominante Lebensform darstellt“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Ein Modell flexibler Patchworkstrukturen, in denen langfristige Bindungen zu Gunsten von LebensabschnittspartnerInnen an Bedeutung verlieren, f&#252;gt sich auch besser in das Anforderungsprofil eines/r zeitlich flexiblen und r&#228;umlich mobilen „ArbeitskraftunternehmerIn“. Dies betrifft die gelebten Praxen von prek&#228;r Besch&#228;ftigten und wurde und wird auch kulturell durch neue „Familienleitbilder“ reproduziert. Die queer-Theoretikerin Antke Engel etwa hat herausgearbeitet, dass die Figur des hyperflexiblen lifestyleschwulen Mannes, wie er in Film und Fernsehen pr&#228;sentiert wird, als neoliberaler „Mustersch&#252;ler“ funktioniert, indem er die Verantwortung f&#252;r sein Wohlergehen unabh&#228;ngig von Familienzusammenh&#228;ngen &#252;bernimmt.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Jedoch l&#228;sst sich bereits in den letzten Jahren eine Gegentendenz ausmachen, die nun in der Krise an Bedeutung zu gewinnen scheint. Denn die existenzielle Unsicherheit, denen prekarisierte Subjekte ausgesetzt sind, hat zu einer kulturellen Bewegung gef&#252;hrt, in der Geborgenheit, Sicherheit und die wohlige W&#228;rme sozialer Nahverh&#228;ltnisse zum Ziel des guten Lebens erkl&#228;rt werden. Wenn die deutsche Teenie-Pop-Band Silbermond singt, man sehne sich blo&#223; nach einem „kleinen bisschen Sicherheit“ und im Video dazu vor einer bedrohlichen Masse demonstrierender Menschen fl&#252;chtet, kann das als Element dieses neokonservativistischen Diskurses verstanden werden.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> In diesen f&#252;gen sich auch die Myriaden von „Doku-Soaps“ im deutschsprachigen Fernsehen, in denen es um die Einrichtung, Renovierung oder Neugestaltung der eigenen vier W&#228;nde geht, oder die omnipr&#228;senten Kochsendungen. All diese Diskurselemente verweisen auf die Familie als Zufluchtsort vor den Wirren des Lebens da drau&#223;en. Am radikalsten verhandelt wird dies in Sendungen &#252;ber schwangere Teenager, in denen 14-j&#228;hrige M&#228;dchen davon &#252;berzeugt werden, dass Arbeitslosigkeit, alkoholkranke Eltern, 35 Quadratmeter Substandardwohnung, ein absenter 13-j&#228;hriger Kindsvater und ein mittelschweres Drogenproblem keine Gr&#252;nde darstellen, nicht doch „ja“ zum (Familien-) Leben zu sagen. Was diese Ideologie kennzeichnet, ist, dass sie die Familie als harmonischen Hort der Stabilit&#228;t pr&#228;sentiert, und nicht als das, was sie h&#228;ufig ist: der gewaltt&#228;tigste Ort au&#223;erhalb von Kriegsgebieten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die vielleicht augenscheinlichsten Ver&#228;nderungen gibt es im Bereich der (4.) <em>Geschlechterleitbilder und der Subjektivierungsweisen</em>. Denn wenn etwas wirklich in der Krise ist, dann jener Typus Mann, der noch vor kurzem als eine wichtige Figur hegemonialer M&#228;nnlichkeit gedient hat. Der mit Milliarden jonglierende, smarte und kein Risiko scheuende Finanzmanager wurde medial als Krisenverursacher identifiziert und hat seither einen beispiellosen Absturz in der Beliebtheitsskala erfahren. In Island hat die Regierung Frauen an die Spitze zweier kollabierter und dann verstaatlichter Banken berufen, mit dem ausdr&#252;cklichen Auftrag „to clean up the young men’s mess“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Neben den Frauen als „bessere Kapitalistinnen“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, scheint an seine Stelle als hegemoniale M&#228;nnlichkeit gerade der seri&#246;se Krisenmanager zu treten, der mit Anzug und Krawattennadel das Schiff durch die st&#252;rmischen Zeiten navigiert. Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister und „Baron der Herzen“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Freiherr von und zu Guttenberg ist mit Adelstitel und zehn Vornamen f&#252;r diese Rolle fast &#252;berqualifiziert. Jedoch sollen diese Verwerfungen nicht dar&#252;ber hinweg t&#228;uschen, dass die vergeschlechtlichten Subjektivierungen &#252;beraus stabil sind. Die widerspr&#252;chlichen neoliberalen Anrufungen, die Frauen zugleich als flexibel an sich selbst arbeitende Unternehmerin ihrer selbst und als Haushaltsmanagerin und Mutter fordern, werden durch die Krise sogar noch verst&#228;rkt. Denn ein absehbarer Effekt von Lohnarbeitsplatzverlusten ist, dass zuvor ausgelagerte Teile der Reproduktionsarbeit – ausw&#228;rts Essen, Putzkraft anstellen, W&#228;scherei nutzen – wieder in den Haushalt re-integriert werden. Und das bedeutet fast immer, dass der Frau, ob berufst&#228;tig oder nicht, ein h&#246;heres Ausma&#223; an unbezahlter Hausarbeit aufgeb&#252;rdet wird.</p>
<p><strong>Perspektiven in der Krise</strong><br />
Was k&#246;nnen wir nun aus diesen &#220;berlegungen folgern? Die Ausgangsfrage dieses Artikels war, ob die gegenw&#228;rtige Krise auch einen Bruch mit dem neoliberalen Geschlechterregime bedeutet, wie es sich in den letzten zwanzig bis drei&#223;ig Jahren entwickelt hat. Die Antwort darauf muss ein eingeschr&#228;nktes Nein sein. In der Gesamtschau wiegen jene Aspekte, die eine Kontinuit&#228;t oder sogar Vertiefung des neoliberalen Geschlechterregimes darstellen, schwerer. Eine erste politische Konsequenz unserer Analyse ist also, dass Kommentare zum „Ende des Neoliberalismus“ mit gro&#223;er Vorsicht zu genie&#223;en sind. Wer im Neoliberalismus einen „R&#252;ckzug des Staates“ zu erkennen glaubte und nun bass erstaunt dessen „R&#252;ckkehr“ in pseudo-keynesianischem Gewande beklatscht, sitzt einem Irrtum auf, der mit dem Blick auf Geschlechterregime &#252;berdeutlich wird. Wenn, wie wir argumentiert haben, die Organisation der Geschlechterverh&#228;ltnisse ein wesentlicher und konstitutiver Bestandteil eines historischen Blocks ist, dann verweisen die Kontinuit&#228;ten im Geschlechterregime auch auf die relative Stabilit&#228;t eines solchen. Das ist wichtig, weil die Linke, zumal die feministische, sich darauf einstellen muss, welchen Verh&#228;ltnissen sie auch zuk&#252;nftig entgegen treten muss.<br />
Zugleich lassen sich Verschiebungen in einzelnen Aspekten des neoliberalen Geschlechterregimes identifizieren; dies betrifft einerseits die geschlechtsspezifischen Auswirkungen einer kontraktierenden Welt&#246;konomie. Frauen, die &#252;berproportional h&#228;ufig in in- oder semiformellen, prekarisierten Jobs t&#228;tig sind, sind zuvorderst von Arbeitsplatzabbau betroffen. Die unbezahlte und dethematisierte Arbeit, die von Frauen im Haushalt verrichtet wird, dient in Zeiten der Krise noch st&#228;rker als bisher als &#246;konomischer Druckausgleich. Andererseits verst&#228;rken auch die staatlichen Krisenbearbeitungspolitiken Geschlechterungleichheit. Dies wird wohl noch virulenter, wenn die zig Milliarden an Steuergeldern, die im letzten Jahr f&#252;r Bankenrettungs- und Konjunkturpakete gesteckt wurden, in den kommenden Jahren wieder „eingespart“ werden m&#252;ssen. Es braucht keine prophetischen F&#228;higkeiten um vorauszusagen, dass unter den gegenw&#228;rtigen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen die Kosten der Budgetkonsolidierungen nach unten abgew&#228;lzt werden – und dass Frauen, ob als prekarisierte Lohn-, als unbezahlte Hausarbeiterinnen oder beides, die Hauptlast tragen werden. Dazu kommt, dass viele Arbeitspl&#228;tze im Bereich der &#246;ffentlichen Dienstleitungen zur Disposition gestellt werden, in denen zum &#252;berwiegenden Teil Frauen arbeiten. In den zuk&#252;nftigen politischen und betrieblichen Auseinandersetzungen, die sich im weitesten Sinne um die Frage „wer bezahlt f&#252;r die Krise?“ entz&#252;nden werden, muss diese Geschlechterdimension mit einbezogen werden. Das hei&#223;t auch, von links nicht vorbehaltlos jede Rettungsaktion f&#252;r Industriebetriebe abzufeiern, blo&#223; weil damit vorgeblich Arbeitspl&#228;tze gesichert werden. Neben der Frage, ob der Jobabbau damit nicht blo&#223; rausgez&#246;gert wird, muss eben darauf geachtet werden, bei welchen Branchen und T&#228;tigkeiten niemand rettend einspringt. Ein Beispiel w&#228;re der Einzelhandel, in dem besonders viele Frauen (meist prek&#228;r) besch&#228;ftigt, und der bereits massive Krisensymptome zeigt.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Aus linker feministischer Perspektive gilt es, auf diese vergeschlechtlichten Aspekte der Krise offensiv hinzuweisen und der systematischen Entnennung und Entwertung feminisierter Arbeit entgegen zu wirken. Zentraler Einsatzpunkt ist unter diesem Gesichtspunkt die geschlechtliche Arbeitsteilung, insbesondere Aspekte der Prekarisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und nach dem Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohn- und unbezahlter Hausarbeit. Welche T&#228;tigkeiten gelten gesellschaftlich &#252;berhaupt als Arbeit? Diese Frage steht im Zentrum etwa der Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), die wir aus diesem Grund auch f&#252;r besonders kompatibel mit linken feministischen Diskursen halten. Eine Intervention, die die Diskussion um das BGE um eine geschlechterpolitische Dimension erweitert, die Bedeutung von Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsweisen f&#252;r die herrschenden Verh&#228;ltnisse betont, Kritik an patriarchalen Staats- und Familienstrukturen &#252;bt und sich vom neokonservativen Sicherheitsdiskurs mit seiner regressiven Familienromantik abgrenzt – dies kann eine mittelfristige Perspektive f&#252;r einen Feminismus sein, der aus der Krise – auch der eigenen – gest&#228;rkt hervorgeht und zum Aufbau einer erneuerten, anti-neoliberalen Linken beitr&#228;gt.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Young, Brigitte: Globale Finanzkrise und Gender, in: femina politica 18:1 (2009), S. 99-102<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Schuberth, Helene: Ist die Krise m&#228;nnlich?, unter: http://www.beigewum.at/2009/09/ist-die-krise-mannlich<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Young, a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial Times, zit. n. Young, a.a.O., 99<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Michalitsch, Gabriele: Konjunkturpolitik: Geschlechter-Macht und Geschlechter-Wahrheit, in: Kurswechsel 2/2009, S. 93-98<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zu Gramscis Begriff des historischen Blocks vgl. u.a. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg 1996, S. 1322 sowie 1567f.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ludwig, Gundula: Gramscis Hegemonietheorie und die staatliche Produktion von vergeschlechtlichten Subjekten, in: Das Argument 270 (2007), 196-205, S. 198<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd., S. 43<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2063-2100<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Connell, Robert W.: The state, gender, and sexual politics. Theory and appraisal, in: Theory and Society, 19:5 (1990), S. 507-544<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Nowak, J&#246;rg: Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien, M&#252;nster 2009: 161<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Unter „Anrufung“ verstehen wir, im Anschluss an Louis Althusser, den sozialen Prozess, durch den Menschen zu „Subjekten“ gemacht werden, d.h. die mit einer einheitlichen, mit Namen versehenen, und einen bestimmten Platz innehabenden Identit&#228;t ausgestattet werden. Vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen f&#252;r eine Untersuchung), in: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufs&#228;tze zur marxistischen Theorie, Hamburg 1977, 108-168; Bosch, Herbert/Rehmann, Jan Christoph: Ideologische Staatsapparate und Subjekteffekt bei Althusser, in: Projekt Ideologie-Theorie (Hg.): Theorien &#252;ber Ideologie, Berlin 1979, 105-129<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> In diese Konzeptionalisierung flie&#223;en &#220;berlegungen mehrerer feministischer AutorInnen ein: Connell, a.a.O.; P&#252;hl, Katharina/W&#246;hl, Stefanie: Modell „Doris“: Zur Kritik neoliberaler Geschlechterpolitiken aus gouvernementalit&#228;tstheoretischer Sicht”, in: www.copyriot.com/gouvernementalitaet (Hg.): „f&#252;hre mich sanft“. Gouvernementalit&#228;t &#8211; Anschl&#252;sse an Michel Foucault, Frankfurt am Main 2003, S. 74-101; Henninger, Annette/Ostendorf, Helga: Einleitung: Ertr&#228;ge feministischer Institutionenanalyse, in: dies. (Hg.): Die politische Steuerung des Geschlechterregimes: Beitr&#228;ge zur Theorie politischer Institutionen, Wiesbaden 2005, S. 9-34; Ludwig, Gundula: Zwischen „Unternehmerin ihrer selbst“ und „f&#252;rsorgender Weiblichkeit“. Regierungstechniken und weibliche Subjektkonstruktionen im Neoliberalismus, in: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis 68 (2006), S. 49-59<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 50f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2072<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Haug, Frigga: Mit Gramsci die Geschlechterveh&#228;ltnisse begreifen, in: Merkens/Andreas, Rego Diaz/Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 43<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2087f<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2088f<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ludwig 2006, a.a.O. S. 52<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 199<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt am Main 1994; Sauer, Birgit: Die Asche des Souver&#228;ns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte, Frankfurt am Main 2001; Gottschall, Karin: Geschlechterverh&#228;ltnis und Arbeitsmarktsegregation, in: Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Das Geschlechterverh&#228;ltnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main/New York, 125-162; Genetti, Evi: Die GeschlechterGrenze des b&#252;rgerlichen Staates. Zur Kritik der Geschlechtergleichheit im Wohlfahrtsstaat, Wien 1998 (Diplomarbeit), Kulawik, Theresa: “Modern bis maternalistisch. Theorien des Wohlfahrtsstaates” in: Kulawik, Teresa/Sauer, Birgit (Hg.): Der halbierte Staat. Grundlagen feministischen Politikwissenschaft, Frankfurt am Main 1996, S. 47-75<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die Leitlinien von GM wurden erstmals im Vertrag von Amsterdam 1997 ausgearbeitet, in denen festgehalten wurde, dass die „Vorraussetzung f&#252;r die volle Verwirklichung der Demokratie ist, dass alle B&#252;rgerinnen und B&#252;rger gleichberechtigt am Wirtschaftsleben, an Entscheidungsprozessen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und an der Zivilgesellschaft beteiligt und in allen Bereichen gleich stark vertreten sind.“ (Europ&#228;ische Kommission, zit. nach Ludwig 2006, a.a.O., S. 54). GM soll als Instrument dienen, um eine Reorganisation und Evaluierung politischer Prozesse hinsichtlich ihrer geschlechterbezogenen Auswirkungen zu erm&#246;glichen.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ludwig 2006, a.a.O., S.53<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Europ&#228;ischer Rat, zit. n. ebd., S. 54<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Dieser Bericht diente als Vorlage f&#252;r die gemeinl&#228;ufig als Hartz I bis IV bezeichneten Gesetze zur Reform der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die von 2003 bis 2005 implementiert wurden. Durch den Fokus in diesem Artikel k&#246;nnen die umfangreichen Diskussionen rund um die Umsetzung bzw. neuere interessange Entwicklungen und Novellierungen, wie etwa im Rahmen des Arbeitslosengeld II nicht ber&#252;cksichtigt werden.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> P&#252;hl, Katharina: Neoliberale Paradoxien? Geschlechtsspezifische Ver&#228;nderungen durch sozialpolitische Reregulierungen als Herausforderungen feministischer Theorie, in: Zeitschrift f&#252;r Frauenforschung und  Geschlechterstudien 22:2+3 (2004), S. 40-50, hier: 45<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 41f.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> ebd., S. 55<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 44 und dies.: Geschlechtsspezifische Sozialisation: Arbeit, Geschlecht, Gouvernementalit&#228;t, in: Deck, Jan/Dellmann, Sarah/Loick, Daniel/M&#252;ller, Johanna (Hg.): Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. Texte zu Subjektkonstitution und Ideologieproduktion, Mainz 2001, S. 112-123<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Statistik Austria: Frauen und M&#228;nner in &#214;sterreich. Statistische Analysen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, Wien 2007, S. 17-52<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd., S. 56<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Da Frauen &#252;berproportional in Branchen vertreten sind, die erst mit Verz&#246;gerung von der Krise betroffen sind (z.B. Tourismus, &#246;ffentliche Dienstleistungen etc.), sind sie von Arbeitslosigkeit nicht weniger, aber oft sp&#228;ter als M&#228;nner betroffen. Vgl. Scheele, Alexandra: Hat die Wirtschaftskrise ein Geschlecht?, in: Bl&#228;tter f&#252;r deutsche und internationale Politik 3/2009, S. 26-28, sowie Wichterich, Christa: Frauen funktionieren als soziale Air Bags, in: diestandard.at, http://diestandard.at/fs/1252036990913/Frauen-funktionieren-als-soziale-Air-Bags<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Michalitsch, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Sauer, Birgit: &#214;ffentlichkeit und Privatheit revisited. Grenzneuziehungen im Neoliberalismus und die Konsequenzen f&#252;r Geschlechterpolitik, in: Kurswechsel 4/2001, S. 5-11, hier: S. 8<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 194ff.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Vgl. Sauer, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Engel, Antke: Gefeierte Vielfalt. Umstrittene Heterogenit&#228;t. Befriedete Provokation. Sexuelle Lebensformen in sp&#228;tmodernen Gesellschaften, in: Bartel, Rainer et al. (Hg.): Heteronormativit&#228;t und Homosexualit&#228;ten, Innsbruck 2008, S. 43-64<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Darauf haben die Goldenen Zitronen j&#252;ngst hingewiesen. Vgl. ihren Song „Aber der Silbermond“ auf ihrem neuen Album „Die Entstehung der Nacht“ (Buback Tontr&#228;ger 2009). Doris Achelwillm schreibt dazu: „Die Goldenen Zitronen finden ‚Silbermond’ interessant, weil die deutschen Chart-Breaker seit einem ihrer letzten Hits sowas wie die unwidersprochene Speerspitze des popkulturell verhandelten Sicherheits-Dispositivs sind.“ (Achelwillm, Doris: Mit den Goldenen Zitronen durch die Krise. Zehn Thesen zur „Entstehung der Nacht“, 2009, http://www.die-goldenenzitronen.de/aktuelles.php<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Nach Sch&#228;tzungen ist in &#214;sterreich jede f&#252;nfte Frau von Gewalt durch einen nahen m&#228;nnlichen Angeh&#246;rigen betroffen. 90 Prozent aller Gewalttaten an Frauen und Kinder passieren in der Familie und im sozialen Nahraum. Vgl. Thaler-Haag, Birgit: Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum. Ursachen, Formen und Muster von Gewalt in Beziehungen, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Eine von f&#252;nf. Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum“ am 20. Okt. 2008, online unter http://www.birgitsauer.org/WS%202008_09/VO%20Eine%20von%205/ThalerHaag.pdf<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Financial Times, zit. nach Young, Brigitte: Globale Finanzkrisen und Gender, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Wichterich, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> J&#246;rges, Hans-Ulrich: Guttenberg, der Baron der Herzen, Stern, 6. Juni 2009<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Scheele, a.a.O.</sup></sup></sup></p>
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		<title>„Sie schlafen nie“</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<description><![CDATA[Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und Felix Wiegand im Interview mit Petra Steiner von der Frauensolidarit&#228;t. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und <em>Felix Wiegand</em> im Interview mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t</em>. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.<br />
<span id="more-664"></span><br />
<em>Die Maquiladoras-Industrien sind sicherlich das bekannteste Beispiel f&#252;r freie Exportzonen. Was kann man sich darunter denn &#252;berhaupt vorstellen und in welchem Kontext ist die Entstehung solcher Industriezonen zu verorten?</em></p>
<p>Grunds&#228;tzlich kennen wir dieses Ph&#228;nomen weltweit, in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es werden dort vor allem Textilien, Schuhe, Spielzeug, Elektronikzulieferung, Batterien, und andere Konsumartikel hergestellt. Die Bestandteile werden zollfrei importiert und das fertige Produkt dann wieder exportiert. Dieses Ph&#228;nomen ist immer mit neoliberalen Globalisierungsbestrebungen und Freihandelsabkommen in Verbindung zu bringen. Die ersten Formen von sogenannten freien Exportzonen sind schon in den 1980er Jahren entstanden bzw. haben sie damals, zum Beispiel im Kontext der Schuldenkrise in den 1980ern in Lateinamerika begonnen, sich stark auszubreiten. Nach einer ersten Welle von Freihandelsabkommen und der Uruguay-Runde ist die WTO aber bald an ihre Grenzen gesto&#223;en, weil die negativen Auswirkungen der Freihandelsabkommen deutlich wurden. Bei der n&#228;chsten gr&#246;&#223;eren WTO Verhandlungsrunde, der sogenannten Doha Runde, zeigte sich das, die Verhandlungen stagnieren seit 2001. Deshalb geht der Trend jetzt von multilateralen Handelsabkommen weg und hin zu bilateralen. Das erleben wir auch gerade auf Ebene der europ&#228;ischen Kommission, mit der Entwicklung einer neuen EU-Au&#223;enhandelsstrategie, des so genannten „global europe“ seit 2006. Hier werden bilaterale Abkommen forciert.</p>
<p><em>Welche Interessen stehen denn hinter diesen Freihandelsabkommen?</em></p>
<p>In erster Linie sind es die Regierungen der L&#228;nder des Nordens in Verbindung mit transnationalen Konzernen, die dahinter stehen, bzw. deren Interessen da verfolgt werden. Sie wollen einen Abbau von tarif&#228;ren Barrieren, w&#228;hrend die L&#228;nder des S&#252;dens sich einen Abbau nicht-tarif&#228;rer Handelshemmnisse w&#252;nschen. Die Unternehmen profitieren nat&#252;rlich am meisten vom Abbau von Zollbeschr&#228;nkungen oder einer radikalen Senkung von Z&#246;llen. Das hat dann stark negative Auswirkungen auf die nationalen Wirtschaften des globalen S&#252;dens. Es gibt z.B. Zahlen zu Lateinamerika, wo eine Senkung der Z&#246;lle von 32% in den Jahren 1980-85 auf 14% in den Jahren 1991-95 stattfand, wodurch viele M&#246;glichkeiten f&#252;r staatliche Subventionen verloren gingen.</p>
<p>Kannst Du diese negativen Auswirkungen noch genauer ausf&#252;hren?</p>
<p>Dadurch, dass in diversen Brachen, in denen zuvor protektionistische Ma&#223;nahmen bestanden haben, eine &#214;ffnung f&#252;r ausl&#228;ndische Investitionen erzwungen wurde, wurden nationale, kleinere Produktionseinheiten vom Markt verdr&#228;ngt und es kam zu einem starken Verlust an formalen Arbeitspl&#228;tzen. Auch die Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t wurde untergraben: gerade der Bereich der Landwirtschaft ist hier ein ganz wesentlicher. Durch subventionierte Billigstimporte k&#246;nnen regionale Produkte nicht mehr abgesetzt werde.<br />
In Bezug auf die Arbeitspl&#228;tze sind die Auswirkungen jedoch zweischneidig: einerseits kommt es zu den erw&#228;hnten Verlusten an formellen Arbeitspl&#228;tzen, andererseits gibt es einen Trend zur Zunahme informeller Besch&#228;ftigungsformen. Die Prekarisierungswellen, die wir aus den OECD-L&#228;ndern kennen, sind ein globales Ph&#228;nomen. Vor allem in den exportorientierten Industrien, den freien Exportzonen oder auch in den Maquiladoras, in denen &#252;berwiegend Frauen t&#228;tig sind, nehmen informelle Besch&#228;ftigungsformen zu.<br />
Dass dabei das nationale Recht unterwandert wird – z. B. wird der vorgesehene Mindestlohn in den freien Exportzonen in Mexiko nicht eingehalten – h&#228;ngt auch mit &#246;konomischer Liberalisierung und der &#214;ffnung der M&#228;rkte zusammen. Diese werden von Seiten der Weltbank und des IWF durchgesetzt. F&#252;r die betreffenden L&#228;nder besteht die Notwendigkeit, Kredite zu bekommen. Die Kreditvergabe ist aber an Liberalisierungsbedingungen gekn&#252;pft. Gleichzeitig haben die betreffenden Staaten bzw. Regionen mitunter selbst ein Interesse an der Entwicklung von Maquiladores-Industrien, die ja immer wieder als eine gute Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeit angepriesen wurden – vor allem f&#252;r Frauen.</p>
<p><em>Hat sich diese Hoffnung auf mehr Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Frauen denn erf&#252;llt?</em></p>
<p>Es stimmt teilweise, dass die Frauenerwerbst&#228;tigkeit zugenommen hat, aber der pay-gap bei den Einkommen hat sich kein bisschen verringert, sondern ist im Gegenteil noch gr&#246;&#223;er geworden. Gleichzeitig muss man sich auch die Arbeitsbedingungen dieser Frauen ansehen. All diese Ph&#228;nomene, die wir in den freien Exportzonen beobachten k&#246;nnen, wie mangelnde Sicherheits- und Gesundheitsschutzbestimmungen und -Vorkehrungen, keinerlei soziale Absicherung, weder Mutterschutz noch Pensionsvorsorge noch Arbeitslosengelder, geringe oder ausbleibende Entlohnung kann man in den Kontext der „Feminisierung der Arbeit“ stellen. Hinzu kommen noch sexuelle &#220;bergriffe und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Man muss sehen, dass in einem Bereich, in dem bestimme Rechte und Mindeststandards nicht gegeben sind, diese ohnehin vorhandene strukturelle Gewalt sehr oft zu einer individuell erlebten Gewalt wird.</p>
<p><em>Warum sind grade im informellen Bereich Frauen &#252;berproportional vertreten?</em></p>
<p>Einerseits machen sexistische und diskriminierende Einstellungspraxen es f&#252;r Frauen grunds&#228;tzlich schwierig, in formelle Arbeitsverh&#228;ltnisse hinein zu kommen. Andererseits ist die Nachfrage nach Frauen gerade in diesen arbeitsintensiven Exportindustrien stark, weil Frauen sehr oft in einer schw&#228;cheren Verhandlungsposition sind. Das hat wieder mit Geschlechterstereotypen und der Aufgaben- und Rollenverteilung im gesellschaftlichen Leben und im Pflege- und F&#252;rsorgebereich zu tun. So gibt es z. B. in den Maquilas in Mexiko viele allein erziehende Frauen, die dann nat&#252;rlich eine sehr schwache Verhandlungsmacht innehaben.</p>
<p><em>Kann man den Frauenanteil in den Exportzonen denn &#252;berhaupt beziffern?</em></p>
<p>In den freien Exportzonen und den Zulieferbetrieben gibt es auch noch viele M&#228;nner. Aber es ist wichtig zu sehen, dass es eine starke Entwicklung in Richtung Informalisierung gibt. Wenn wir &#252;ber die informelle Wirtschaft sprechen, dann zeigen die Zahlen, dass dort 60% Frauen besch&#228;ftigt sind.<br />
Dieser hohe Anteil kommt deshalb zustande, weil bestimmte produzierende T&#228;tigkeiten von den Zulieferfirmen als Heimarbeit in die Haushalte ausgelagert werden. Dass diese T&#228;tigkeiten vor allem von Frauen ausgef&#252;hrt werden, liegt unter anderem daran, dass diese die Hauptverantwortung im Haushalt tragen. Es gibt dann keine klare Trennung von Lohnarbeit und anderen, vermeintlich privaten Pflichten und Verantwortungen. Es scheint dann einfach zu sein, das gleich zu Hause machen zu k&#246;nnen. Zugleich geht es auch um informelle T&#228;tigkeiten im &#246;ffentlichen Raum: Stra&#223;enverk&#228;uferinnen, Stra&#223;enk&#246;chinnen, M&#252;llsammlerinnen, Schuhputzerinnen usw. Ein weiterer Faktor sind Sexarbeit und domestic workers.</p>
<p><em>Wie sieht denn die arbeitsrechtliche Situation der Heimarbeiterinnen aus?</em></p>
<p>Wenn Betriebe produzierende T&#228;tigkeiten aus den Zulieferbetrieben in Privathaushalte auslagern, kann es z. B. der Fall sein, dass es zwar formal einen Vertrag und einen gesetzlichen Mindestlohn gibt, dieser dann aber nicht gezahlt wird. Oft haben die Unternehmen eine doppelte Buchhaltung, eine schwarze Buchhaltung und eine offizielle, die pr&#228;sentiert wird, wenn sich das Unternehmen f&#252;r <em>Corporate Social Responsibility</em> (CSR) interessiert.<br />
Dass so etwas &#252;berhaupt m&#246;glich ist, hat aber auch mit dem Arbeitsrecht auf internationaler Ebene zu tun. Auf dem Feld der internationalen Beziehungen wird von einer Norm ausgegangen, die eine m&#228;nnliche Norm ist, und die historisch gesehen eigentlich als etwas a-typisches betrachtet werden muss. Der wei&#223;e Familienern&#228;hrer, der in einem so genannten Normalarbeitsverh&#228;ltnis angestellt ist, ist ein Nachkriegsph&#228;nomen Mitteleuropas, das viel mit dem Wirtschaftswachstum zu tun hat und nur m&#246;glich war, weil so viel unbezahlte Arbeit geleistet wurde, und das &#252;berwiegend von Frauen.<br />
Die Problematik dieser Norm sehen wir darin, dass die Bed&#252;rfnisse und Interessen, die von den Frauen in informellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen artikuliert werden, in den Kernarbeitsnormen gar nicht vorkommen. Diese gehen n&#228;mlich von formellen, transparenteren Angestelltenverh&#228;ltnissen oder Fabriks- und Unternehmensformen aus, die in dieserForm der Situation vieler erwerbst&#228;tiger Frauen weltweit nicht entsprechen. Informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind oft durch Unsichtbarkeit, Isolation, Vereinzelung und die oben genannten strukturellen Formen von Diskriminierung bestimmt. Bei den Kernarbeitsnormen geht es um ein commitment, ein Bekenntnis, das Antidiskriminierung und Chancengleichheit beinhaltet. Was hier im Vordergrund steht, ist das Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit, das Recht, sich zu organisieren und Gewerkschaften zu gr&#252;nden, sowie das Recht auf Kollektivverhandlungen. Als Heimarbeiterin bin ich aber gar nicht in derart institutionalisierten und organisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen. Ich bin vielleicht in ein soziales Netzwerk eingegliedert, aber das hei&#223;t noch lange nicht, dass ich die M&#246;glichkeit h&#228;tte, Tarifverhandlungen zu f&#252;hren. F&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind daher ein existenzsichernder Mindestlohn und soziale Standards zentral. Das Einkommen reicht oft einfach nicht aus, um sich selbst zu versichern.<br />
Wenn die Frauen unmittelbar befragt werden, wo ihre Bed&#252;rfnisse liegen, dann geht es da immer ganz stark um Schutz vor Gewalt, darum, dass sie in ihrer W&#252;rde respektiert werden wollen, aber auch um Schutz vor gesundheitlichen Sch&#228;den, &#220;bergriffen und Diskriminierungen, z.B. die erzwungenen Harntests zur &#220;berpr&#252;fung m&#246;glicher Schwangerschaften. Das ist ein ganz zentraler Punkt, wenn es um Arbeitsrechtsnormen geht: was sagen die betroffenen Frauen selbst, was ben&#246;tigen sie. Diese Dimension fehlt auf der internationalen rechtlichen Ebene. Das ist so &#228;hnlich wie bei der Menschenrechtsdiskussion, die ja immer wieder als eurozentristisch und male-orientated kritisiert wurde, bzw. wo bei FeministInnen eine gewisse Zur&#252;ckhaltung vorherrscht. In beiden F&#228;llen ist es so, dass die zugrundeliegenden, Frauen diskriminierenden Strukturen gar nicht beachtet werden.<br />
Diese blinden Flecken h&#228;ngen vielleicht auch ein bisschen damit zusammen, dass die Kernarbeitsnormen ein Kompromiss waren, so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, in dem aber zentrale Aspekte fehlten.<br />
Seit den 1990er Jahren kann das Ph&#228;nomen von informeller Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden. Auf die Zunahme informeller Arbeitsverh&#228;ltnisse wurde deshalb reagiert. So wird st&#228;rker versucht, die Rechte, die auch f&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse gefordert werden, in Form von Konventionen durchzusetzen.<br />
Eine Weiterentwicklung der Kernarbeitsnormen ist der „decent-work“-Ansatz, der versucht, auf genau diese Probleme einzugehen und darum z.B. einen existenzsichernden Mindestlohn und soziale Sicherungssysteme beinhaltet. Nat&#252;rlich hat auch das seine Grenzen, aber es ist f&#252;r Frauen, die als Haus- oder Heimarbeiterinnen t&#228;tig sind, sehr wichtig, dass es solche Konventionen gibt. Es wurde auch eine Konvention f&#252;r die Rechte von Heimarbeiterinnen verabschiedet. Das ist ein erster Schritt hin zur Anerkennung dieser Arbeit als mit formellen Besch&#228;ftigungsformen ebenb&#252;rtig.</p>
<p><em>Bedeutet der hohe Anteil erwerbst&#228;tiger Frauen eine Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor Ort?</em></p>
<p>Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich die Rollenmuster, aber das sehe ich sehr ambivalent. Im Grunde bedeutet das f&#252;r Frauen eine Erweiterung der Hauptverantwortlichkeit f&#252;r Vieles im gesellschaftlichen und famili&#228;ren Leben auf den Bereich der Erwerbst&#228;tigkeit. Das kennen wir auch im Zusammenhang mit den Mikrokreditsystemen, wo die Frau die Rolle der Ern&#228;hrerin einnimmt – was sie zuvor ohnehin in den meisten F&#228;llen schon getan hat, allerdings eher im Bereich der Landwirtschaft und jetzt in gewerblicher Hinsicht. Das kann den Frauen auch mehr Respekt einbringen, aber im Grunde ist es eher mit erh&#246;hten Belastungen verbunden. Die Mikrokreditsysteme sind ja nur gem&#228;&#223; einer Marktlogik gedacht, weshalb sich ein hoher Druck auf die Frauen entwickelt, diese Kredite und die teilweise ganz sch&#246;n hohen Zinsen zur&#252;ckzuzahlen. Zwar versuchen die Frauen, Kooperativen zu bilden, um sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen, aber de facto ist dieser Druck auf die Frauen da. Wenn dann gleichzeitig nichts getan wird, um Geschlechterrollen zu ver&#228;ndern und einen Bewusstseinswandel anzusto&#223;en, der auch die M&#228;nner einbindet, dann bleibt am Ende wieder alles auf den Frauen lasten. Ein Schritt hin zur Befreiung oder auch &#246;konomischen Entlastung von Frauen ist das also nur bedingt. Dar&#252;ber hinaus f&#252;hlen sich viele M&#228;nner in ihrer Rolle in Frage gestellt, und das f&#252;hrt auch zu einer Zunahme von Gewalt, nicht nur in Mexiko, sondern auch in Afrika.<br />
Zugleich denke ich aber, dass das Agieren in der Erwerbst&#228;tigkeit vielen Frauen auch viel Kraft f&#252;r den Arbeitskampf gibt. Ich frage mich dann, woher die Frauen eigentlich ihre Kraft noch hernehmen. Obwohl sie sowohl f&#252;r das Einkommen als auch f&#252;r die Versorgung der Familie verantwortlich sind, schaffen sie es noch, sich zusammenzutun, sich zu mobilisieren und einen politischen Kampf zu f&#252;hren. In erster Linie geht es dabei um das Self-empowerment der Frauen, darum, sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen und eine st&#228;rkere Position zu gewinnen. Da gibt es weltweit unglaublich viele Beispiele.</p>
<p><em>Kannst Du uns einige solcher Beispiele nennen?</em></p>
<p>Gerade l&#228;uft in S&#252;dafrika eine von <em>StreetNet</em> organisierte Kampagne im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft. Das ist eine Kampagne, die lokal vor Ort agiert, aber auch versucht, international Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich dabei auch an die OrganisatorInnen der WM wendet. Dort wird n&#228;mlich versucht, in Bereiche zu intervenieren, die f&#252;r viele Menschen &#252;berlebensnotwendig sind, z. B. sollen die Stra&#223;enh&#228;ndlerInnenzonen geschlossen und den H&#228;ndlerInnen der Zugang zu den &#246;ffentlichen Pl&#228;tzen, an denen dann die WM stattfindet, verweigert werden. Statt die lokale Bev&#246;lkerung einzubinden, werden die Bauauftr&#228;ge und das Gastronomieangebot international ausgeschrieben. Dagegen findet ganz viel Mobilisierung statt.<br />
In Indien ist eine der ber&#252;hmtesten Frauengewerkschaften t&#228;tig, die <em>SEWA </em>(self employed women association), die es seit vierzig Jahren gibt und in der Tausende von Frauen Mitglied sind. Es ist eine Mischform aus Kooperative und Gewerkschaft, die Ma&#223;nahmen zur Fortbildung f&#252;r Frauen in der Selbstst&#228;ndigkeit anbietet, aber auch kollektive Unterst&#252;tzungsformen bei Fragen von Versicherung, Altersversorgung und Kinderbetreuung organisiert. Au&#223;erdem wird durch Aufkl&#228;rung und Rechtsschulungen versucht, ein Bewusstsein f&#252;r die eigenen Rechte zu schaffen und so die Verhandlungssituation der Frauen zu st&#228;rken.<br />
Auch China ist momentan ein spannendes Feld, weil sich zivilgesellschaftlich im Grunde alles auf Hong Kong konzentriert und sonst im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Kampagnen wenig m&#246;glich ist. Trotzdem gibt es auch da viele K&#228;mpfe, unter anderem von Wanderarbeiterinnen.<br />
Die K&#228;mpfe in den Maquiladoras-Industrien in Mexiko sind hier nat&#252;rlich auch zu nennen. Es gibt dazu einen interessanten Film, den wir im Mai diesen Jahres im Rahmen unseres <em>Female Labor Moves</em> Filmfestivals gezeigt haben und der auch im Dezember wieder im Schickaneder l&#228;uft: „Maquilapolis“. Das besondere an dem Film ist, dass die Maquialdoras-Arbeiterinnen vorab in der Handhabung von Technik und Equipment geschult wurden und dann selbst die Kamera in die Hand nahmen. Der Film begleitet die Frauen bei zwei erfolgreichen K&#228;mpfen: erstens geht es um eine Firma in der Elektronikbranche, die &#252;ber Nacht ihre Fabriken abgerissen und ein paar Orte weiter wiederaufgebaut hat, um so um die ausstehenden L&#246;hne und Abfindungen herumzukommen. Zusammen mit einem Anwalt hat eine Gruppe von Frauen die Firma verklagt, vor Gericht gewonnen und im Nachhinein ihre Abfertigungen ausgezahlt bekommen. Der andere Kampf richtete sich gegen die verbreitete Praxis internationaler Konzerne, ihre Industrieabf&#228;lle direkt in den Fluss zu kippen. Zus&#228;tzlich zu den gesundheitssch&#228;digenden Produktionsbedingungen in den Maquiladoras haben die Frauen so auch noch unter der Verschmutzung ihres n&#228;chsten Umfelds zu leiden. Auch hier waren die Frauen erfolgreich. Das sind dann auch die Frauen, bei denen ich den Eindruck hatte, sie schlafen nie.</p>
<p><em>In was f&#252;r einem Verh&#228;ltnis stehen diese Formen der (Selbst-)Organisation von Frauen zu den bestehenden Gewerkschaften?</em></p>
<p>Das Ideal w&#228;re nat&#252;rlich, dass Frauenorganisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Aber es ist f&#252;r viele Frauen schwer, in die bestehenden Gewerkschaften hinein zu kommen, sich mit ihren Anliegen Geh&#246;r zu verschaffen. Gewerkschaften sind da teilweise sehr immobil oder langsam in ihren Ver&#228;nderungsprozessen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen daf&#252;r, selbst eine Organisation zu gr&#252;nden, damit gesichert ist, dass ihre Anliegen im Mittelpunkt stehen. Die Gr&#252;ndung von eigenen Frauengewerkschaften ist wahrscheinlich ein internationales Ph&#228;nomen.</p>
<p><em>Was tut sich denn auf Ebene der offiziellen internationalen Politik?</em></p>
<p>Insgesamt sind die Ans&#228;tze zur Verbesserung der Situation informell besch&#228;ftigter Frauen sehr unterschiedlich. Auf Seiten der europ&#228;ischen Kommission gibt es Bestrebungen, einen so genannten „social clause“ in Handelsabkommen aufzunehmen. Die so genannten Schwellen- und Entwicklungsl&#228;nder sind aber zu einem Gro&#223;teil dagegen. Sie argumentieren, dies sei nur eine neue Form von &#246;konomischem Protektionismus, um ihnen den Zugang zu M&#228;rkten zu verwehren. F&#252;r sie sollten soziale Rechte nicht Teil eines Handelsvertrages sein, sondern auf einer anderen Ebene verhandelt werden.<br />
Dar&#252;ber hinaus muss man feststellen, dass Konventionen nat&#252;rlich nur bedingt verbindlich sind. Die unterzeichnenden L&#228;nder sind zwar angehalten, die Bestimmungen in nationales Recht aufzunehmen und entsprechend umzusetzen, aber das passiert sehr oft nicht.<br />
Auf einer anderen Ebene setzt CSR an, das sich an die Privatunternehmen direkt wendet. CSR ist eine Selbstverpflichtung von Unternehmen, die dann oft in Marketingabteilungen angesiedelt ist.<br />
Was bei alledem fehlt, ist die Verbindlichkeit sowie marktkontrollierende Ma&#223;nahmen. Deshalb bef&#252;rworten viele soziale Klauseln im Handelsabkommen, weil diese die M&#246;glichkeit bieten, Sanktionen zu erlassen. Aber auch Sanktionen greifen nicht immer: Wir haben ein Kapital, das sich st&#228;ndig bewegt und im Fall von Sanktionen k&#246;nnen die Unternehmen einfach ganz schnell abwandern. Auf EU-Ebene lie&#223;e sich da schon mehr machen.</p>
<p><em>Beinhalten Konventionen, Abkommen oder z. B. die „decent work“-Agenda auch explizit geschlechtsspezifische Fragen, wie sexuelle Diskriminierung oder sexuelle &#220;bergriffe?</em></p>
<p>Nein, das ist ein ziemliches Manko. Plattformen wie z.B. <em>WIDE</em> (women in developement europe), die teilweise auch an Verhandlungen teilnehmen, versuchen diese Leerstellen aufzuzeigen. Dass diese geschlechtsspezifischen Probleme ausgeblendet werden, h&#228;ngt auch stark damit zusammen, dass internationale Gewerkschaften sowie die Agencies der UN auf der F&#252;hrungsebene male-dominated sind, wodurch gender-sensible Wahrnehmungen untergehen.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt Du „Corporate Social Responsibility“ als Strategie zur Verbesserung der Situation der Frauen ein?</em></p>
<p>Einerseits ist der Wunsch von Seiten der KonsumentInnen, m&#246;glichst „saubere“ Kleidung, „decent“ produzierte Schuhe zu tragen, absolut verst&#228;ndlich. In einem gewissen Ma&#223; gibt es auch „consumers power“. Die codes of conduct sind f&#252;r Konsumentinnen im Moment aber ziemlich schwer zu durchschauen, weil es so viele verschiedene codes gibt. Sehr viele Unternehmen erstellen sich ihre Codes auch selbst. Es gibt zwar die Fair Wear Foundation, die versucht das ein bisschen zu kontrollieren, aber das ist eine kleine Organisation, die gar nicht die notwendigen Ressourcen hat, um alle notwendigen Kontrollen vorzunehmen. Und dann kontrollieren sich die Unternehmen auch noch selbst.<br />
Man kann sich au&#223;erdem nur bei ganz wenigen Produkten sicher sein, dass wirklich die gesamte Produktionskette umfasst wird. Bei vielen Textilien geht es darum, wie die Baumwolle hergestellt wurde, aber die Verarbeitung und der damit verbundene Produktionsprozess ist nicht inkludiert.<br />
Auch dort, wo CSR ernst gemeint ist, bleibt dieser Ansatz zweischneidig. Um das ernsthaft umzusetzen, m&#252;sste man in Wirklichkeit die Produktion grundlegend umstellen. Es m&#252;sste langsamer produzieren werden. Das geht nat&#252;rlich nicht, wenn der ganze Produktionsprozess „just in time“ abl&#228;uft und im Internet der billigste Zuliefererbetrieb den Auftrag erh&#228;lt.</p>
<p><em>Wie sieht eure konkrete Arbeit bei der Frauensolidarit&#228;t aus?</em></p>
<p>F&#252;r mich pers&#246;nlich ist es zun&#228;chst einmal wichtig, sichtbar zu machen, was f&#252;r K&#228;mpfe und Forderungen von Frauen &#252;berhaupt gef&#252;hrt und gestellt werden. Frauen leben und arbeiten in sehr unterschiedlichen Verh&#228;ltnissen weltweit und sie stellen keine homogene Gruppe dar. Das wichtigste ist, diesen verschiedenen Gruppen von Frauen eine Stimme zu verleihen. Prim&#228;r sieht die Frauensolidarit&#228;t ihre Aufgabe in Bewussteins- und Informationsarbeit. Die Aktivistinnen sollen dabei m&#246;glichst selbst unmittelbar eingebunden werden. Wenn wir z. B. Veranstaltung organisieren, dann laden wir Aktivistinnen ein, die selbst &#252;ber ihre T&#228;tigkeiten berichten k&#246;nnen. Jetzt gerade arbeiten wir an einem Projekt das die „decent-work“-Agenda zum Inhalt hat und in dem es um die informelle Arbeit von Frauen geht. Wir haben einen Kalender produziert, den wir im Oktober (s. Ank&#252;ndigung) vorstellen werden. Damit wollen wir bekannt machen, welche Frauenorganisationen es gibt und ihnen die M&#246;glichkeit geben, sich selbst zu pr&#228;sentieren. Wir haben auch die M&#246;glichkeit, deren Positionen und Anliegen in unseren Netzwerken oder da, wo politisches Lobbying m&#246;glich ist, zu bef&#246;rdern. Und dann ist es nat&#252;rlich auch wichtig, pr&#228;sent zu sein, wenn hier etwas auf der Stra&#223;e passiert.</p>
<p><em>Prekarisierung und Informalisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen sind globale Ph&#228;nomene, die nicht nur Frauen im globalen S&#252;den betreffen – auch wenn sie hier nat&#252;rlich unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden. Siehst Du darin neue M&#246;glichkeiten der Solidarisierung?</em></p>
<p>Ich denke schon. Ich glaube, dass fr&#252;here Zentrum-Peripherie-Ans&#228;tze, wenn sie &#252;berhaupt je G&#252;ltigkeit gehabt haben, schon lange unangemessen sind. Die sozialen Kl&#252;fte und Auseinandersetzungen, Armut und mangelnde Chancengleichheit gibt es hier wie dort. Dieser Umstand hat etwas verbindendes, Solidarit&#228;t wird mitunter einfacher. Wir sind auch hier wieder an einem Punkt, wo wir wieder anfangen m&#252;ssen zu k&#228;mpfen. Die Frage ist wohin und wof&#252;r.<br />
Manche Frauen sehen ihr Ziel auch gar nicht im Erreichen einer formellen T&#228;tigkeit. Wir m&#252;ssen erkennen, dass die weltweite Entwicklung hin zu informellen Besch&#228;ftigungsformen weiter voranschreitet und dass fr&#252;here L&#246;sungen einfach nicht mehr funktionieren. Wir m&#252;ssen eher f&#252;r diese neuen Besch&#228;ftigungsformen genauso rechtliche Absicherung fordern wie f&#252;r das, was ehemals als normal betrachtet wurde.</p>
<p><em>Petra Steiner</em> ist Bildungsreferentin des Vereins <em>Frauensolidarit&#228;t </em>und war u.a. an der Organisation des Filmfestivals<em> Female Labour Moves </em>beteiligt.</p>
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		<title>Revolutionen aus dem Off</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:09:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. Nikolaus Perneczky zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. <em>Nikolaus Perneczky</em> zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.<br />
<span id="more-661"></span><br />
In den langen 60er Jahren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> des 20. Jahrhunderts unterlag das Verh&#228;ltnis des euroamerikanischen Raums zur damaligen Dritten Welt einem fundamentalen Wandel. Die Emanzipation der ehemaligen Kolonien machte sich in geopolitischen Umw&#228;lzungen ungekannten Ausma&#223;es bemerkbar. Anstatt sich mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit abspeisen zu lassen, dr&#228;ngten die dabei entstandenen neuen Nationalstaaten auch auf wirtschaftliche und kulturelle Autonomie. Vor diesem Hintergrund fiel es den europ&#228;ischen Gesellschaften mit einem Mal schwer, sich weiterhin als Ausgangs- und Mittelpunkt des Weltgef&#252;ges zu begreifen. In einer radikalen Wendung beschreibt Jean-Paul Sartre diese Entwicklung als regelrechte Umkehrung der herrschenden Verh&#228;ltnisse. In seinem Vorwort zur franz&#246;sischen Erstausgabe von Frantz Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> von 1961 schreibt er, &#252;brigens ohne jede Wehleidigkeit: „Das ist das Ende: Europa ist an allen Ecken leck. Was ist denn geschehen? Ganz einfach dies: bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie sich in dieser Bemerkung Sartres schon andeutet, stie&#223; die Krise des eurozentrischen Weltbilds nicht nur jenen &#252;bel auf, deren Funktion oder Profit am Fortbestehen kolonialistischer Regime hing. Auch die europ&#228;ische und US-amerikanische Linke musste sich in der neuen Situation erst zurechtfinden. Schon vorher hatten sich Zweifel geregt, ob das zu bescheidenem Wohlstand gelangte westliche Proletariat nicht l&#228;ngst der Konsumgesellschaft assimiliert worden w&#228;re. Herbert Marcuse, Vordenker und Einfl&#252;sterer der sp&#228;ter so genannten „Neuen Linken“, vertrat gar die Ansicht, der Antagonismus zwischen B&#252;rgertum und Arbeiterklasse habe – wenigstens in Europa – seine Dringlichkeit und mithin die Funktion eines geschichtlichen Movens eingeb&#252;&#223;t: „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart ver&#228;ndert, da&#223; sie nicht mehr die Tr&#228;ger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nicht nur Sartre und Marcuse folgerten aus dieser Diagnose, dass Widerstand nur noch von den Ausgeschlossenen und Marginalisierten zu erwarten w&#228;re. Weite Teile der Linken schlossen sich dieser Einsch&#228;tzung an und investierten fortan hoch fliegende Hoffnungen in die Revolten und Revolutionen der Dritten Welt, aber auch in die radikalisierten Minderheiten in den Metropolen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Unabh&#228;ngigkeit der neuen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch- Westafrika (1958), die kubanische Revolution (1959), der Befreiungskampf der AlgerierInnen (1954-1962), die chinesische „Gro&#223;e Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1969), die Tet-Offensive des Vietcong (1968) – gleichg&#252;ltig, wie diese Ereignisse heute bewertet werden m&#246;gen, f&#252;hrten sie der zeitgen&#246;ssischen metropolitanen Linken mit Nachdruck vor Augen, dass die M&#246;glichkeit der Revolution sich vom Zentrum an die Peripherie verlagert hatte. Dies warf die Frage auf, ob die dabei erprobten Strategien auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse umgelegt, die M&#246;glichkeit der Revolution importiert werden k&#246;nnte.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ernesto „Che“ Guevaras Theorien der Guerilla und des „foco“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> (Fokus) boten sich als Legitimation voluntaristischer Vorst&#246;&#223;e gegen das staatliche Gewaltmonopol an.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Aber auch diejenigen, welche die Frage nach der &#220;bertragbarkeit revolution&#228;rer Praxis negativ beschieden, blieben von den Entwicklungen in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht unbeeindruckt. So war der Befreiungskrieg in Algerien ein entscheidendes Ereignis in der politischen Sozialisation zahlreicher sp&#228;terer AktivistInnen des Pariser Mai 1968<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, und insbesondere Vietnam wurde als Symbol f&#252;r die Br&#252;chigkeit westlicher Herrschaftsanspr&#252;che zur zentralen Bezugsgr&#246;&#223;e der europ&#228;ischen Linken.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Dass der Ort dieser sehr verschiedenen Befreiungsk&#228;mpfe oft als „Dritte Welt“ angegeben und derart vereinheitlicht wurde, ist nur teilweise der europ&#228;ischen Blindheit f&#252;r lokale Besonderheiten anzulasten. Als „Trikont“ bezeichneten ihn die ProponentInnen dieser Bewegungen n&#228;mlich immer wieder selbst, in der Absicht, ihre oft weit gestreuten politischen Anliegen zu b&#252;ndeln und den Kampf daf&#252;r zu internationalisieren. Schlie&#223;lich war ihrem Gegner – der als neokolonialistisch verurteilten Politik der so genannten entwickelten L&#228;nder, vormalige Kolonien in wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit zu halten – auf lokaler Ebene schwierig beizukommen.<br />
Der Aufstieg des Trikont und die Dezentrierung des Westens im Gefolge der einsetzenden Dekolonisation in den langen 1960er Jahren gilt unter HistorikerInnen, zumal in der neueren globalgeschichtlichen Forschung<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, als geschichtlicher Wendepunkt mit weit reichenden politischen, sozialen und kulturellen Folgen. Dass die beschriebene Zeitenwende auch in der Geschichte des Films ihre Spuren hinterlassen hat, ist der kanonischen Filmgeschichtsschreibung dagegen meist nur eine Randnotiz wert und deshalb au&#223;erhalb filmwissenschaftlicher Seminare und cinephiler Monatsschriften wenig bekannt. Diesem Missstand soll im Folgenden abgeholfen werden. Das Aufbegehren der damaligen Dritten Welt wurde von einer kinematografischen Revolution begleitet und mitgestaltet. Ihr Name: „El tercer cine“, das Dritte Kino.</p>
<p><strong>F&#252;r ein Drittes Kino</strong><br />
1969 unternahmen die argentinischen Filmemacher Fernando E. Solanas und Octavio Getino den Versuch, das Medium des Films f&#252;r den antikolonialen Kampf in Dienst zu nehmen und forderten ein eigenst&#228;ndiges Kino der Dritten Welt. Jenseits von Hollywood sollte es verortet sein, aber auch jenseits des mit der europ&#228;ischen Linken assoziierten „Autorenfilms“, selbst wenn sie strategischen Allianzen mit den politisch radikalsten unter dessen Vertretern nicht grunds&#228;tzlich abgeneigt waren. Das Manifest, worin diese Forderungen laut wurden, tr&#228;gt den Titel Hacia un tercer cine<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, f&#252;r ein Drittes Kino. F&#252;r ein Kino, das in enger Verschr&#228;nkung mit den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gegen die Herrschaft des Neokolonialismus und f&#252;r eine Internationale der Peripherie – die „Trikontinentale“, wie sie auf der legend&#228;ren antiimperialistischen Konferenz von Havanna im Jahr 1966 getauft wurde – k&#228;mpfen sollte. Solanas und Getinos Manifest er&#246;ffnet mit einer Anklage der westlichen Filmindustrien, unter deren Einfluss die Bezeichnung „Film“ zu einem Synonym f&#252;r Spektakel und Unterhaltung verkommen sei. Im schlimmsten Fall stehe das Kino der Vereinigten Staaten und Europas, als kaum verhohlene Interessensvertretung der Studiomagnaten, f&#252;r eine ahistorische Mystifizierung der herrschenden Zust&#228;nde, im besten Fall gebe es ein mut- und auswegloses Zeugnis von sozialer Ungerechtigkeit und der Zersetzung b&#252;rgerlicher Werte. Vieles von dem, was Solanas und Getino den westlichen Kinematografien ankreiden, klingt wie eine Popularisierung von Guy Debords Thesen zur „Gesellschaft des Spektakels“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> in seinem gleichnamigen Buch, das zwei Jahre vor ihrem Manifest ver&#246;ffentlicht worden war: Als fetischisiertes Spektakel, das sich verselbstst&#228;ndigt und an die Stelle lebendiger Erfahrung gesetzt h&#228;tte, behinderten das Hollywoodkino und seine Nachahmer die Bewusstwerdung der verblendeten Massen. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wird die Aufgabe, die sich f&#252;r trikontinentale FilmemacherInnen stellt, als zweischneidige beschrieben. Neben der Erfindung emanzipatorischer Bildpraxen steht die Zerst&#246;rung jener Bilder auf der Agenda, die sich die kapitalistischen Unterhaltungsfabriken von der Dritten Welt gemacht haben und immer noch machen.<br />
Die Kritik der Autoren richtet sich aber auch gegen all jene, die der M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Kinos wenig Chancen einr&#228;umen, bevor nicht s&#228;mtliche Produktionsmittel, auch jene zur Herstellung von Filmen, im Gefolge eines revolution&#228;ren Umsturzes enteignet und vergesellschaftet worden sind. Obwohl dieser Einwand auf solidem marxistischem Boden stand, verwerfen ihn Solanas und Getino mit der Begr&#252;ndung, er erkl&#228;re die eingeschliffenen Produktions-, Distributions- und Vorf&#252;hrbedingungen Hollywoods zum Vorbild. Diese seien, genauso wie die Filme selbst, zur G&#228;nze auf die Interessen der US-amerikanischen Bourgeoisie abgestellt, weswegen f&#252;r alle diese Bereiche neue Formen gefunden werden m&#252;ssten.<br />
Wie ist das zu verstehen? Die Vorstellung, dass Filme aus Hollywood inhaltlich oder ihrer Form nach einer bestimmten Ideologie zuarbeiten, ist recht gel&#228;ufig. Solanas und Getino scheinen jedoch etwas anderes, oder genauer: <em>mehr als das</em> im Sinn zu haben: „Die Machtergreifung einer mechanistischen Vorstellung von Kino, wonach abgeschlossene Strukturen, die auf der Leinwand geboren werden und sterben, bei standardisierter L&#228;nge in einem gro&#223;en Lichtspieltheater abgespult werden, f&#252;hrte zur Absorption von Formen des b&#252;rgerlichen Weltbilds, die in der Tradition der Kunst des 19. Jahrhunderts wurzeln: Der Mensch gilt ausschlie&#223;lich als passives und konsumierendes Objekt. Anstatt Geschichte zu erkennen und zu verstehen, kann er sie nur auffassen, kontemplieren, durchlaufen, erdulden.“ Um gegen die der Film- <em>und </em>Kinotechnik innewohnenden b&#252;rgerlichen Anschauungsformen etwas auszurichten, m&#252;ssten folglich nicht nur andere Filme entworfen werden, sondern auch eine andere, st&#228;rker involvierende und aktivierende Einrahmung ihrer Pr&#228;sentation.<br />
&#196;hnliches gelte f&#252;r den angrenzenden Bereich der Distribution. Die Versuche europ&#228;ischer AutorenfilmerInnen, am Rand der kommerziellen Filmindustrien ein Auskommen zu finden und sich zumindest teilweise auf deren Verleihstrukturen einzulassen, w&#228;ren in eine Sackgasse gem&#252;ndet. Von diesem Modell m&#252;ssten sich die VertreterInnen eines Dritten Kinos daher emanzipieren, um in enger Zusammenarbeit mit ihrem Publikum eigenst&#228;ndige, noch im Falle staatlicher Repression tragf&#228;hige Netzwerke aufzubauen. Dies kam oft dem Weg in den Untergrund gleich.</p>
<p><strong>Die Guerilla als Arbeitsweise</strong><br />
Erm&#246;glicht wurde die Emanzipation von den bestehenden, vertikal integrierten<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Filmindustrien von einem Innovationssprung in der Filmkamera- und Projektortechnik. Der technologische Fortschritt hatte immer kleinere, einfacher handhabbare und zudem g&#252;nstigere Bild- und Tonaufnahmeger&#228;te hervorgebracht, wodurch der Umgang mit Film eine ungekannte Demokratisierung – oder, wie es im zeitgen&#246;ssischen Jargon hie&#223;: „Entmystifizierung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> – erfuhr.<br />
Solanas und Getino versprechen sich von dieser Umw&#228;lzung der Produktionsmittel zudem eine neue Arbeitsweise, deren Sto&#223;richtung sich in der Empfehlung andeutet, die „Kamera als Gewehr“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> einzusetzen. Anhand dieser Metapher wollen sie die Praxis des Dritten Kinos an die Kampfstrategie der Guerilla anschlie&#223;en: „Die Kamera ist der unersch&#246;pfliche Enteigner von Bild-Waffen, der Projektor ein Gesch&#252;tz, das 24 Bilder in der Sekunde feuert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Mit dieser kruden Analogie ist im Wesentlichen eine bestimmte Arbeitsweise im Kollektiv angesprochen, worin jedes Mitglied mit der Gesamtheit des verwendeten Equipments und allen Funktionen hinreichend vertraut und mithin austauschbar ist; worin planerische Detailversessenheit, Disziplin und ein rasches Arbeitstempo vorherrschen; worin alle Beteiligten sich bereit erkl&#228;ren, auf Komfort, alte Gewohnheiten und „dieses ganze Klima der Normalit&#228;t, wohinter sich der allt&#228;gliche Kriegszustand verbirgt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, Verzicht zu leisten.<br />
Das Projekt des Dritten Kinos ist also von Anbeginn als ein ganzheitliches angelegt: Nicht nur die Filme selbst, sondern auch die angrenzenden Bereiche der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung sollten revolutioniert werden.</p>
<p><strong>Die Dekolonisation der Kultur</strong><br />
Trotz des recht martialischen Gleichnisses von Film und Gewehr lassen Solanas und Getino darin, wie sie das Verh&#228;ltnis von (Film-)Kunst zu Politik bestimmen, einigen Freiraum. Die Polarit&#228;t der beiden sei von der herrschenden Klasse als universell gesetzt und m&#252;sse, zugunsten der Einheit von Politik und Kunst, in Richtung einer „&#220;berblendung des &#196;sthetischen mit dem Leben der Gesellschaft“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> &#220;berwunden werden. Eine wahre Kunst des Volkes ersch&#246;pfe sich nie im &#228;sthetischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, sondern sei immer auch eine Kunst f&#252;r das Volk, in seinem politischen Interesse. Gleichzeitig warnen die Autoren des Manifests vor einer allzu pragmatischen Kunstauffassung. Direkte Agitation und Intervention in politische Auseinandersetzungen h&#228;tten ebenso ihren Platz wie solche Ans&#228;tze, die, ungleich weniger handlungsorientiert, auf die Bildung politischen Bewusstseins zielen. Im Anschluss an Fanons Analyse des Verh&#228;ltnisses von Kolonisatoren und Kolonisierten, die von Marx’ Fr&#252;hschriften und Freuds Psychoanalyse informiert ist, brechen Solanas und Getino die Zielsetzung des Dritten Kinos immer wieder auf die Ebene des Individuums herunter. Hier geht es um die Erlangung einer befreiten, unentfremdeten Pers&#246;nlichkeit, die zugleich an der kollektiven Subjektivit&#228;t des Volkes Anteil hat. Wer so denkt, wird geneigt sein, der „Dekolonisation der Kultur“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> einen ebenso hohen Stellenwert einzur&#228;umen wie etwa dem Streben nach politischer oder wirtschaftlicher Unabh&#228;ngigkeit.<br />
F&#252;r den Kampf gegen das wirtschaftsliberale, vom Milit&#228;r eingesetzte Regime in ihrem Heimatland Argentinien, das sich bis zu den Unruhen in Cordoba 1969 im Amt halten konnte, konstatieren die Autoren sogar eine Vorrangstellung des Kulturellen, insofern die Abh&#228;ngigkeit vom neokolonialen Hegemon USA in diesem Fall nicht prim&#228;r mit Hilfe polizeilicher und/oder milit&#228;rischer Gewalt aufrecht erhalten werde, sondern zur Konsolidierung des Status quo auf die tatkr&#228;ftige Unterst&#252;tzung der einheimischen Intelligenzija – in Schulen, Universit&#228;ten und Redaktionsr&#228;umen – baue. Dem Kino als derjenigen Kunstform, die im Weltma&#223;stab die gr&#246;&#223;ten Zuschauermassen auf sich zu konzentrieren vermochte, musste bei dieser strategischen Schwerpunktsetzung eine herausragende Rolle zufallen.</p>
<p><strong>&#196;sthetische Offenheit</strong><br />
Was die Grundlegung eines Formenkanons und also die textuelle Ebene der Filme selbst betrifft, h&#228;lt sich Solanas und Getinos Manifest auff&#228;llig bedeckt – solange die Filme nur das unklare Kriterium der „Militanz“ erf&#252;llen: „Filmische Pamphlete, didaktische Filme, Reportagen, Essayfilme, Filme, die Zeugnis ablegen – alle militanten Formen des Ausdrucks sind zul&#228;ssig, und es w&#228;re absurd, ihnen gemeinsame &#228;sthetische Arbeitsnormen zugrunde legen zu wollen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> An einer Stelle gehen die Autoren so weit, sogar bestimmte Auspr&#228;gungen des Experimentalfilms in ihre Definition aufzunehmen. Nur soviel lassen sie durchblicken: Wer sich in der Hoffnung, beim einfachen Volk auf gr&#246;&#223;eres Verst&#228;ndnis zu sto&#223;en, auf narrative oder formale Vereinfachung einl&#228;sst, gilt ihnen als Populist. Worauf es vielmehr ankomme, sei die Sache, in deren Dienst sich ein Film stellt. Wenn diese nur an die Erfahrung und Lebenswelt der ZuschauerInnen ankn&#252;pft, m&#252;sse sich niemand sorgen, unverstanden zu bleiben.<br />
Ein weiterer Ansto&#223; f&#252;r den Widerwillen der Autoren, sich in formal&#228;sthetischer Hinsicht festzulegen, sind die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Regionen des Trikont: „Die Differenzen zwischen den Befreiungsk&#228;mpfen verunm&#246;glichen die Festschreibung universeller Normen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
In einem deutlichen Spannungsverh&#228;ltnis zu diesem Bekenntnis zu lokaler Spezifik steht Solanas und Getinos Hoffnung, das Dritte Kino m&#246;ge zur Internationalisierung der trikontinentalen Unabh&#228;ngigkeitsbewegungen beitragen: Als technisch reproduzierbares Medium, das ob seiner Visualit&#228;t, die Bildungsh&#252;rde der Schrift und sprachliche Barrieren im Allgemeinen zu &#252;berwinden vermag, sollte dem Film die Aufgabe zukommen, der von westlicher Seite vorangetriebenen „Balkanisierung“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> ein f&#252;r allemal abzuhelfen.<br />
Das Problematische am Begriff des Dritten Kinos liegt in diesem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen lokaler Spezifik und Internationalisierung. So vereint das Dritte Kino eine Vielzahl heterogener Praktiken unter seinem konzeptuellen Deckmantel. Solanas und Getino sind sich der Problematik durchaus bewusst. Ihre Antwort: Das „Dritte Kino“ ist ein Kampfbegriff, den es n&#246;tigenfalls der schlechten Wirklichkeit entgegenzustellen gilt: „Unsere Zeit ist eine Zeit [...] der prozessualen Werke – unfertige, unordentliche, gewaltt&#228;tige Werke, angefertigt mit der Kamera in der einen Hand und mit einem Stein in der anderen. Solche Werke lassen sich nicht am Ma&#223; der tradierten theoretischen und kritischen Kanons messen. Die Idee unserer Filmtheorie und unserer Filmkritik wird durch die enthemmende Praxis des Experiments zum Leben erweckt werden.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Schauen, Sprechen, Handeln</strong><br />
Wurde die Bezeichnung des Dritten Kinos zun&#228;chst vornehmlich als Etikett f&#252;r den Aufbruch diverser lateinamerikanischer Nationalkinematografien gebraucht, hat sie sich in den 60 Jahren seit der Ver&#246;ffentlichung des Manifests <em>Hacia un tercer cine</em> zum ausfransenden Sammelbegriff r&#228;umlich und zeitlich weit auseinander liegender Film- und Kinokulturen gemausert. Dennoch l&#228;sst sich ihr gemeinsamer Nenner zumindest n&#228;herungsweise angeben: Gemeint sind politische Kinematografien aus Lateinamerika, Afrika und Asien w&#228;hrend der langen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei „politisch“ nicht mehr aber auch nicht weniger hei&#223;t, als dass die angesprochenen Filme und ihre AutorInnen bzw. AutorInnenkollektive in einem engen, irgendwo zwischen Dialog und Gleichmarsch angesiedelten Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen in den L&#228;ndern der Dritten Welt standen. Soweit jedenfalls die hier vorgeschlagene Minimaldefinition, die unter TheoretikerInnen des Dritten Kinos jedoch keineswegs unwidersprochen bleibt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Nachdem das Dritte Kino versuchsweise definiert und die ihm anhaftenden Probleme zur Sprache gebracht worden sind, ist es nun an der Zeit f&#252;r einen Streifzug durchs Dickicht seiner mannigfaltigen Auspr&#228;gungen – ausgehend von jenen Filmen, die sich in der Zwischenzeit zu einer Art Kanon verdichtet haben, zu den R&#228;nder dieses Kanons und dar&#252;ber hinaus, in die Gegenwart des Weltkinos, das sich zwar in den seltensten F&#228;llen ausdr&#252;cklich auf das Dritte Kino beruft, aber dennoch &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungslinien mit ihm in Beziehung steht.<br />
Im Eingang steht ein Film, der den Forderungen von Solanas und Getino eigentlich auf ganzer Linie entsprechen sollte, haben sie doch selbst Regie gef&#252;hrt. Ihr episch angelegter Dokumentarfilm <em>La hora de los hornos</em><em> (Die Stunde der Hoch&#246;fen</em>, 1968) gilt als klassischer Ort eines agitatorischen Kinos, das sein Publikum direkt anspricht und zu politischer Aktion dr&#228;ngt. In Pesaro uraufgef&#252;hrt, in Argentinien dagegen bis zur Abdankung des vom Milit&#228;r eingesetzten Pr&#228;sidenten Alejandro Lanusse nur im Untergrund gezeigt, entwirft das in fast dreij&#228;hriger Arbeit entstandene Erstlingswerk der Gruppe <em>Cine liberación</em> eine politische Geschichte Argentiniens seit der Unabh&#228;ngigkeit. Der erste Teil skizziert eine Anatomie des Neokolonialismus und seiner gewaltsamen Ausdrucksformen im lateinamerikanischen Alltag, der zweite rekonstruiert anhand einer Montage aus vorgefundenem Material und eigens gedrehten Interviews mit VertreterInnen der Gewerkschaft, ArbeiterInnen und StudentInnen das Fortwirken kolonialer Strukturen bis zum Sturz Pérons 1955. Zuletzt findet der Film eine klare Antwort, wie der zunehmenden politischen Eskalation zu begegnen sei: Mit bewaffnetem Widerstand und Solidarit&#228;t unter den V&#246;lkern der Dritten Welt. &#220;berraschender als die Botschaft ist die Art ihrer &#220;bermittlung. Diese kann, ganz ohne &#220;bertreibung, als regelrechte Selbstaufhebung des Films beschrieben werden: Zwischen den einzelnen Segmenten werden als Diskussionsansto&#223; Passagen aus Fanon, Guevara, Amílcar Cabral u.a. eingeblendet. Jedes Kapitel endet mit einem Fragenkatalog, in der Pause zwischen zwei Kapiteln soll der Projektor heruntergefahren und das Saallicht eingeschaltet werden, um das Publikum aus dem Modus der Betrachtung in jenen der angeregten Debatte zu &#252;berf&#252;hren. Doch damit nicht genug. Bevor sich der Vorhang zum letzten Mal senkt, tritt eine unumwundene Aufforderung an die Stelle der zur Reflexion anhaltenden Zitattafeln: Schaut nicht l&#228;nger zu, verlasst sofort den Saal und werdet endlich zu Sprechenden, zu Handelnden!<br />
Es liegt nahe, <em>La hora de los hornos</em> als idealtypische Verwirklichung von Solanas und Getinos Projekt eines Dritten Kinos aufzufassen. Was diese intuitive Lesart aber &#252;bersieht, ist die ausdr&#252;ckliche Offenheit des Manifests: Der agitatorische Ansatz mochte den argentinischen Verh&#228;ltnissen angemessen sein, Anspr&#252;che auf universelle G&#252;ltigkeit hatten seine Macher jedoch nicht im Sinn. So findet sich im Einzugsgebiet des Dritten Kinos eine F&#252;lle von Filmen, die ihren politischen Anspruch nicht am Revers tragen; in denen sich das Politische nicht direkt, sondern &#252;ber Umwege vermittelt. Die Spannbreite des Dritten Kinos reicht von Agitprop zu zur&#252;ckhaltender Beobachtung und reflexiver Selbstkritik, von dokumentarischen Formen zu generischen Spielfilmen, von &#196;sthetiken der Kargheit und des Mangels zu &#252;berschw&#228;nglicher Experimentierfreude, vom Streben nach kultureller Eigenst&#228;ndigkeit zur ironischen Anverwandlung westlicher Einfl&#252;sse.<br />
Im Lateinamerika der langen 1960er Jahre finden sich jene Filme, die dem Ansatz von Solanas und Getino am n&#228;chsten stehen. Aus Platzgr&#252;nden, und weil das Dritte Kino aus Argentinien, Brasilien, Kuba u.a. wesentlich &#246;fter Gegenstand gelehrter Betrachtung und der Vermittlungsarbeit an europ&#228;ischen Kinematheken ist als jenes aus Afrika und Asien, sei an dieser Stelle nur ein weiterer lateinamerikanischer Regisseur erw&#228;hnt: Der Bolivianer Jorge Sanjinés, der gemeinsam mit dem von ihm begr&#252;ndeten Ukamau-Filmkollektiv an einem Kino „junto al pueblo“, mit dem Volk<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> arbeitete. Alle Arbeitsschritte – von der Abfassung des Drehbuchs bis zur Vorf&#252;hrung in Wanderkinos – erfolgten in enger Kooperation mit der indigenen Landbev&#246;lkerung im bolivianisch-peruanischen Grenzland, als deren Werkzeug Sanjinés sich und seine MitstreiterInnen sah. Das Resultat ihrer Bem&#252;hungen sind einige der am konsequentesten antiindividualistischen Filme seit Sergej Eisenstein, darunter <em>El enemigo principal (Der Hauptfeind)</em> von 1973. Darin setzt sich eine indigene Dorfgemeinschaft gegen ihren brutalen Grundherren zur Wehr, der sie in einem der Leibeigenschaft &#228;hnlichen Zustand h&#228;lt. Erst die Ankunft einer Gruppe von Guerilleros, die den LandarbeiterInnen erkl&#228;ren, was es mit dem antiimperialistischen Kampf auf sich hat, schafft die n&#246;tigen Organisationsstrukturen f&#252;r den bewaffneten Widerstand und die Verurteilung des Gro&#223;grundbesitzers durch ein Guerillatribunal am Ende des Films.<br />
Die Dorfgemeinschaft tritt fast immer als Kollektiv ins Bild und handelt auch als solches. Sobald sich Einzelne aus der Gruppe l&#246;sen, schw&#228;cht das die Sto&#223;kraft ihrer Aktion, etwa zu Beginn des Films, als sie ihren Ausbeuter der Justiz &#252;berantworten will. Der korrupte Dorfrichter, der mit dem Gro&#223;grundbesitzer unter einer Decke steckt, weist die Indios an, VertreterInnen aus ihrer Mitte zu ernennen, um in einem Gerichtsverfahren f&#252;r ihre Br&#252;der und Schwestern zu sprechen. Zun&#228;chst verweigert sich die Dorfgemeinschaft dieser Stellvertretungslogik. Die erste Begegnung mit dem Richter wird zur Veranschaulichung des prinzipiellen Unvernehmens zwischen b&#252;rgerlichem Individuum und quasi-proletarischem Kollektiv: W&#228;hrend die Menge auf akustischer Ebene in ein Durcheinander unverst&#228;ndlicher Stimmen zerf&#228;llt, verbinden sich die Stimmen im Bild der vereint gestikulierenden Indios zum organischen Ausdruck der Vielen.</p>
<p><strong>Filme aus Zigarettenstummeln</strong><br />
Auch im postkolonialen Afrika finden sich Filme und FilmemacherInnen, die mit der Utopie des Dritten Kinos in Verbindung stehen. Zum Beispiel der senegalesische Film Borom Sarret von 1962, der Ousmane Sembènes Ruf als Vater des afrikanischen Kinos begr&#252;ndete und seither oft als Ma&#223;stab herbeizitiert wird, an dem sich andere afrikanische Filme der 1960er und 70er Jahre zu messen h&#228;tten. Daf&#252;r gibt es gute Gr&#252;nde: <em>Borom Sarret</em> ist, da sind sich die ChronistInnen einig<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, in einem bestimmten Sinn der erste afrikanische Film aller Zeiten. Soll hei&#223;en: Der erste von einem schwarzen afrikanischen Regisseur auf afrikanischem Boden realisierte Film in der Geschichte des Mediums.<br />
Sembènes unangefochtener Status als Gr&#252;ndervater r&#252;hrt nicht nur daher, dass es sich bei <em>Borom Sarret</em> um eine Pionierleistung handelte, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass sein erster Film eine Erz&#228;hlweise vorgab, die f&#252;r viele afrikanische FilmemacherInnen in seiner Nachfolge verbindlich werden sollte: Sozialer Realismus, gepaart mit dem dramaturgischen Muster des Stationendramas, worin es einen (meist m&#228;nnlichen) Protagonisten von einer episodischen Begegnung zur n&#228;chsten verschl&#228;gt. Die Personen, die er auf dieser Reise trifft, erscheinen zwar zun&#228;chst oft „wie aus dem Leben gegriffen“, geben sich in Momenten forcierter Zeichenhaftigkeit jedoch zugleich als allegorische Kippfiguren der postkolonialen Gesellschaft zu erkennen. Im Fall von <em>Borom Sarret</em> ist der Held ein etwas grantiger, aber im Grunde sympathischer Kutscher, der auf seinen Fuhren durch Dakar den unterschiedlichen Gesichtern der Stadt begegnet. Als er sich dem Verbot widersetzt, mit dem Karren die Grenze zum Verwaltungsdistrikt zu &#252;berqueren, wird er von einem Polizisten angehalten und sein Gef&#228;hrt konfisziert. Der Auftritt und das Gebaren des Polizisten ergeben sich l&#252;ckenlos aus der realistisch grundierten Handlungslogik. Bis zu dem Punkt, da er als Individuum in den Hintergrund tritt, w&#228;hrend sein extrem untersichtig gefilmter Stiefel zu einem &#252;berdeutlichen Symbol f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Gewalt – von der kolonialen in die postkoloniale &#196;ra – anw&#228;chst.<br />
Sembène konnte bereits einigen Erfolg als Romancier verbuchen, bevor er sich dem Film als neuem Ausdrucksmedium zuwandte. Er selbst erkl&#228;rte diesen folgenreichen Schritt mit dem weit verbreiteten Analphabetismus seiner Landsleute: „Ich denke, dass das Kino kulturell bedeutsamer ist, und f&#252;r uns Afrikaner von absoluter Notwendigkeit. Denn es gibt <em>eine </em>Sache, die man den afrikanischen Massen nicht wegnehmen kann, und das ist, etwas gesehen zu haben.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dass Sehen f&#252;r Sembène eine andere Form von Evidenz schafft als Lesen, macht ein Ausspruch deutlich, den er dem Kutscher von <em>Borom Sarret</em> in den Mund legt. Dieser sagt, mit Blick auf die nationale Bourgeoisie des postkolonialen Senegal: „Ils savent lire, et ils savent mentir“, sie k&#246;nnen lesen und sie k&#246;nnen l&#252;gen.<br />
Was l&#228;ngst nicht bedeutet, dass Bilder nicht auch l&#252;gen k&#246;nnten. Im Gegenteil begegnete Sembène auch dem Kino stets mit gro&#223;er Skepsis. Hatte es sich nicht in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zum Komplizen kolonialer Herrschaft gemacht und – was f&#252;r ihn noch schwerer wog – die m&#252;ndlichen Erz&#228;hlkulturen seiner Vorfahren &#252;berdeckt und so den Zugang zur eigenen Geschichte versperrt? So k&#228;mpfte Sembène Zeit seines Lebens gegen die Beherrschung des afrikanischen Filmverleihs durch US-amerikanische und europ&#228;ische Distributoren, die den Markt mit B-Filmen &#252;berschwemmten. Auch sein Pl&#228;doyer f&#252;r die <em>mégotage</em>, eine Produktionsweise, die aus Knappheit die Tugend kultureller Eigenst&#228;ndigkeit macht, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; <em>mégotage</em>, weil die meisten afrikanischen FilmemacherInnen darauf angewiesen waren, mit den &#252;brig gebliebenen <em>mégots</em>, den Zigarettenstummeln ausl&#228;ndischer Produktionen, zu arbeiten.<br />
Djibril Diop Mambétys<em> Badou Boy</em> von 1970 kn&#252;pft augenscheinlich an die von Sembène begr&#252;ndete Traditionslinie eines allegorisch zugespitzten und wom&#246;glich didaktischen, sozialen Realismus an. Aber er verpasst dieser Steilvorlage<br />
eine entscheidende Wendung ins Anarchische: Aus dem Kutscher wird ein kleiner Junge, aus der Kutsche ein Bus, aus dem zielvollen Ernst des Brotberufs der Spa&#223; einer wilden, ungerichteten Verfolgungsjagd. Wie in <em>Borom Sarret</em> tritt auch hier ein Polizist als Repr&#228;sentant der Obrigkeit auf, die dem Helden aus einfachen Verh&#228;ltnissen das Leben schwer macht; mit dem entscheidenden Unterschied, dass der gewitzte Badou Boy seinem Verfolger immer um eine Nasenl&#228;nge voraus ist.<br />
Auf der Folie der &#252;berlieferten Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die sich an der Leitfigur Sembène orientiert, erscheint <em>Badou Boy</em> zwar als ein Ausrei&#223;er, jedoch als einer, der immerhin am Figurenrepertoire und am dramaturgischen Strickmuster des kanonischen Korpus teilhat. Eine ganze Reihe von Kleinoden des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die erst k&#252;rzlich wieder in Archiven aufgetaucht sind<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, versperren sich noch st&#228;rker gegen die herk&#246;mmlichen Zuordnungen und r&#252;cken auch <em>Badou Boy</em> in ein anderes Licht.<br />
Zum Beispiel Safi Fayes <em>Kaddu Beykatt</em> (<em>Lettre Paysanne</em>, 1975). Absto&#223;ungspunkt ist der viel kritisierte ethnografische Film europ&#228;ischer Machart, mit seinem sezierenden, Stereotypen festschreibenden „Insektenforscherblick“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aber die Regisseurin Safi Faye verwirft diese filmische Gattung nicht einfach, sondern versucht sich an einer behutsamen Umkehrung des ethnografischen Paradigmas, die darauf abhebt, die Dargestellten an ihrer Darstellung zu beteiligen.<br />
Safi Faye nahm Anfang der 1970er Jahre das Studium der Ethnologie an der Pariser Sorbonne auf, um 1975 mit einer Kamera und einem Team von drei Assistenten in ihr Heimatdorf Fad’jal im S&#252;den Senegals zur&#252;ckzukehren. Wie viele afrikanische Produktionen jener Zeit erhielt das Filmprojekt finanzielle Unterst&#252;tzung vom franz&#246;sischen Ministère de la Coopération, das aus dem fr&#252;heren Kolonialministerium hervorgegangen war.<br />
Schon die Dreharbeiten zu<em> Kaddu Beykat</em> waren von Fayes zentralem Anliegen bestimmt, den ethnografischen Zugriff auf den afrikanischen Kontinent einer Revision zu unterziehen. So stand am Anfang zwar das Rudiment einer Geschichte – der junge Landarbeiter Ngor kann wegen der schlechten Ernte den Brautpreis f&#252;r seine Angebetete Columba nicht entrichten und versucht sein Gl&#252;ck in Dakar –, oft gab Faye aber wenig mehr als ein vages Thema vor und &#252;berlie&#223; den Ablauf der Szene den DarstellerInnen. In der resultierenden Zur&#252;ckhaltung vertr&#228;gt sich <em>Kaddu Beykatt</em> so gar nicht mit jener Vorstellung des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, das in Ousmane Sembène ihren zentralen Bezugspunkt findet. Der Sch&#228;rfe der Kritik tut diese Zur&#252;ckhaltung indes keinen Abbruch: Als Ursache f&#252;r die l&#228;ndliche Notlage identifiziert der Film die Fortsetzung kolonialer Politik nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit unter Pr&#228;sident Léopold Sédar Senghor; eine Politik, die den Bauern anstelle nachhaltiger Selbstversorgung den monokulturellen Anbau von Cash Crops nahe legte.</p>
<p><strong>Afrikanische Cowboys</strong><br />
Der Filmhistoriker Manthia Diawara hat einmal gesch&#228;tzt, dass 80 Prozent der afrikanischen Filmproduktion aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien stammten.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Das ist heute, im Zeitalter einer boomenden nigerianischen Videofilmindustrie mit Ausl&#228;ufern in anderen westafrikanischen Staaten sicher nicht mehr zutreffend. F&#252;r die 1960er und 70er Jahre aber m&#252;sste man die zahlenm&#228;&#223;ige &#220;berlegenheit des frankophonen Filmschaffens wahrscheinlich noch h&#246;her ansetzen. Das hat mehrere Gr&#252;nde, der wichtigste Faktor war aber wahrscheinlich das weit bis in die postkoloniale &#196;ra hinein reichende Bestreben des offiziellen Frankreich, seine Kolonien nicht nur &#246;konomisch, sondern auch kulturell an sich zu binden. Das nahm seinen Ausgang auf der Schulbank – in den Schulb&#252;chern war die Rede von „Nos ancêtres les gauloises“, von <em>unseren </em>gallischen Vorfahren – und setzte sich bis in die Kinos&#228;le fort. Noch zur Stummfilmzeit machten sich die franz&#246;sischen Kolonisatoren Gedanken, wie Filme f&#252;r ein afrikanisches Publikum auszusehen h&#228;tten, begr&#252;ndeten staatlich gelenkte Produktionsfirmen und f&#246;rderten den Distributionssektor.<br />
Auf diese Weise war es Frankreich nicht nur m&#246;glich, die Filmproduktion seiner afrikanischen Kolonien inhaltlich auf Linie zu bringen, sondern auch den Aufstieg von AfrikanerInnen in verantwortliche Positionen systematisch zu behindern. Auf der legalen Grundlage des 1934 verabschiedeten Décret Laval, wonach jedeR, der/die auf dem Territorium des damaligen Franz&#246;sisch-Westafrika ein kinematografisches Bild oder eine Tonaufnahme herstellen wollte, eine schriftliche Anfrage an den Generalgouverneur der jeweiligen Kolonie richten musste, war es ein Leichtes, diese Vorhaben durchzusetzen. Ein prominentes Opfer des Décret Laval war der Filmemacher Paulin Vieyra aus Benin. W&#228;re ihm 1955 nicht die Drehgenehmigung in Senegal verwehrt worden, dann g&#228;lte heute er und nicht Ousmane Sembène als Gr&#252;ndervater des afrikanischen Kinos. Stattdessen verlegte Vieyra seine Arbeit nach Paris und drehte einen Film &#252;ber die afrikanische Diaspora an der Seine. <em>Afrique-sur-Seine</em> ist ein Dokument &#252;ber das Afrika der Ausgewanderten und Ausgesto&#223;enen, das trotz widriger Produktionsbedingungen ein weitaus optimistischeres Bild zeichnet als &#252;ber zehn Jahre – und etliche Migrationswellen – sp&#228;ter Med Hondos verzweifelnder <em>Soleil Ô</em> (1969).<br />
Der in Mauretanien geborene Hondo gelangte &#252;ber den Umweg des Theaters zum Film. &#196;hnlich Sembène dachte er dem reproduzierbaren Medium das Potenzial zu, sein Publikum und mithin die gesellschaftliche Relevanz seines k&#252;nstlerischen Schaffens zu vervielf&#228;ltigen. Als afrikanischer Migrant im Paris der 1960er Jahre machte Hondo jene Erfahrungen, die in seinem ersten Langfilm <em>Soleil Ô</em> zu einem schmerzvollen, aber befreienden Ausdruck dr&#228;ngen: Der Rassismus im Kleinen wie im (strukturellen) Gro&#223;en, der den Alltag der afrikanischen Diaspora im Herzen der „Grande Nation“ bestimmte – bedingt und begleitet von &#246;konomischer und kultureller Marginalisierung –, wird am Fallbeispiel eines jungen Afrikaners veranschaulicht. Sein Leidensweg f&#252;hrt ihn durch ein Paris, wie es selten zu sehen ist. W&#228;hrend zeitgen&#246;ssische franz&#246;sische Kommentatoren den Film ob seiner &#252;bersch&#228;umenden Experimentierfreudigkeit in die N&#228;he des Avantgardefilms r&#252;ckten, verortet ihn Hondo selbst in der afrikanischen Tradition abschweifenden, mehrschichtigen Erz&#228;hlens. In der Bezugnahme auf eine als genuin afrikanisch verstandene Tradition spricht sich Hondos erkl&#228;rtes Ziel aus, mit seinen Filmen ein Gegenwicht zu dem, wie er es selbst nennt, „euroamerikanischen Kino“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu schaffen. Nur wenn AfrikanerInnen aller L&#228;nder die Produktionsmittel zur Gestaltung filmischer Bilder selbst in die Hand bek&#228;men, war der Leser von Karl Marx, Frantz Fanon und Aimé Césaire &#252;berzeugt, kann die Befreiung auch vom ideellen Erbe des Kolonialismus gelingen.<br />
Mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit der franz&#246;sischen Kolonien wurden der Décret Laval und die kolonialistische<br />
Kulturpolitik, f&#252;r die er einstand, zwar obsolet. Ihre Nachwirkungen waren trotzdem zu sp&#252;ren. Weil AfrikanerInnen der Zugang zu hoch qualifizierten T&#228;tigkeiten wie Kameraf&#252;hrung, Tonaufnahme oder Schnitt versperrt gewesen war, herrschte nun ein eklatanter Mangel an Fachkr&#228;ften.<br />
Einige wenige gab es aber doch, und dieser Umstand verdankt sich unter anderem der pers&#246;nlichen Initiative des franz&#246;sischen Ethnografen Jean Rouch. Der hatte – entgegen den Gepflogenheiten – mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden gebrochen und einige seiner DarstellerInnen im Gebrauch einer tragbaren 16mm-Kamera angewiesen. Egal, was man von Rouch als Regisseur ethnografischer Filme halten mag<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>, kommt ihm allemal das Verdienst zu, etlichen Pionieren des afrikanischen Kinos den Weg geebnet zu haben.<br />
Unter seinen Sch&#252;lerInnen befand sich auch der nigerianische Filmemacher Moustapha Alassane, dessen Erstlingswerk <em>Le retour d’un aventurier</em> (1966) sich fast allen Ordnungsschemata widersetzt, die der kanonischen Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu Gebote stehen. Der Film handelt, wie so viele westafrikanische Filme dieser Zeit, von einem, der auszieht, das Gl&#252;ck zu suchen; als Boy in den Metropolen Afrikas, als Stra&#223;enfeger in Paris oder als Soldat im Indochinakrieg. Meist kehren diese jungen M&#228;nner, selten auch Frauen, mit leeren H&#228;nden in ihre Heimatd&#246;rfer zur&#252;ck. Nicht so in <em>Le retour d’un aventurier</em>. Der R&#252;ckkehrer hat von seiner Reise in die Vereinigten Staaten einen Koffer voller Stetson-H&#252;te, kniehoher Lederstiefel und anderer Western-Versatzst&#252;cke mitgebracht und verteilt sie unter seinen Freunden, die sich mit gro&#223;er Spielfreude Namen wie Jimmy und John und den dazu geh&#246;rigen Habitus aneignen. Bald schon geraten die frisch gebackenen Cowboys mit ihren losen Sitten aber in Konflikt mit der gewachsenen Dorfgemeinschaft. W&#228;hrend die Grenzen zwischen Rollenspiel und Ernst verschwimmen, werden die Widerspr&#252;che zwischen nigerischer Tradition und westlichen Einfl&#252;ssen immer handgreiflicher, ihr Ausdruck immer gewaltt&#228;tiger. Die wirtschaftliche &#214;ffnung und Modernisierung nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit bereitete dem Einzug des USamerikanischen Genrekinos den Boden, das gemeinsam mit indischen Produktionen &#252;ber Jahrzehnte die sporadischen Kinolandschaften Westafrikas dominieren sollte. Da liegt es nur nahe, dass Alassane den Konflikt zwischen nigerischer Tradition und westlicher Moderne auf der Folie des Western entwickelt. Obwohl die jugendlichen Cowboys nur Unheil anrichten, ist der Film weit davon entfernt, antimoderner Reflex zu sein. Allerorten macht sich eine tiefe Ambivalenz gegen&#252;ber der Modernisierung bemerkbar, und w&#228;hrend die Handlung gegen Ende einen moralisierenden Tonfall anstimmt, widerspricht ihr die Tonspur ganz entschieden, indem sie nigerische und US-amerikanische Musiktraditionen (Country) aufs Vers&#246;hnlichste harmonisiert.<br />
Vor dem Hintergrund der Filme von Faye, Hondo und Alassane ergeben sich ganz neue M&#246;glichkeiten der filmgeschichtlichen Kontextualisierung. Mambéty <em>Badou Boy</em>, der vorhin noch als eigenwillige Variation auf Sèmbenes <em>Borom Sarret</em> vorgestellt wurde, wird nun als Repr&#228;sentant einer versch&#252;tteten, noch zu entdeckenden Tradition des afrikanischen Kinos beschreibbar; einer Tradition, die das Streben nach kultureller Autonomie durch eine – wenngleich vorsichtige und oft reibungsvolle – Aneignung westlicher Einfl&#252;sse ersetzt.</p>
<p><strong>Internationalismus vs. Globalisierung</strong><br />
Mit dem explizit revolution&#228;ren und internationalistischen Gestus ihres Manifests rannten Solanas und Getino in Lateinamerika offene T&#252;ren ein. In den neuen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch-Westafrika stie&#223;en manche ihrer Forderungen – nach der Freilegung eigener kultureller Formen oder nach der Etablierung eines subsistenten Distributionssektors – auf fruchtbaren Boden. Andere dagegen verhallten ungeh&#246;rt: Weitaus zaghafter als sein lateinamerikanisches Gegenst&#252;ck unternahm das fr&#252;he afrikanische Kino den Versuch, die Probleme der nachkolonialen &#196;ra in einen L&#228;ndergrenzen oder sogar Kontinente &#252;bergreifenden Bezugsrahmen zu setzen. Auch in Asien entpuppte sich die Utopie des Dritten Kinos als nur bedingt anschlussf&#228;hig. Zwei kontr&#228;re Positionen aus den Philippinen der 1970er Jahren sollen dies veranschaulichen.<br />
Nachdem Ferdinand Marcos seine urspr&#252;nglich demokratisch legitimierte Pr&#228;sidentschaft 1972 in eine Milit&#228;rdiktatur umgewandelt hatte, war an ein im engeren Sinne radikales Filmschaffen – f&#252;r das ohnehin keine Infrastruktur zur Verf&#252;gung gestanden h&#228;tte – nicht zu denken. Diejenigen Regisseure, die dennoch den Versuch unternahmen, politische Filme zu drehen, mussten sich auf dem Gebiet des popul&#228;ren Kinos und seiner von Solanas und Getino kritisierten, an Holly- und Bollywood orientierten melodramatischen Form bewegen. Lino Brocka, der vielleicht bedeutendste philippinische Regisseur, betrachtete es als die Aufgabe jedes K&#252;nstlers, Stellung zu aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu beziehen. So beteiligte er sich in den 1980er Jahren mit der von ihm gegr&#252;ndeten Organisation Concerned Artists of the Philippines (CAP) an den b&#252;rgerlichen Protesten gegen den Diktator Ferdinand Marcos. Brockas Filme sind gepr&#228;gt von der Spannung zwischen diesem intervenierenden Gestus einerseits und den Zw&#228;ngen des Genrekinos, in welchem er Zeit seiner Karriere arbeitete, andererseits.<br />
Kein anderer Film Brockas macht diese Spannung so produktiv wie <em>Insiang </em>(1976), ein Melodram, angesiedelt in den &#252;berbev&#246;lkerten Slums von Manila. Hier, wo das Zusammenleben auf Zwang beruht, erstickt jeder Versuch, die soziale Zerrissenheit zu &#252;berwinden, im Keim, verl&#228;uft jede noch so minimale Geste der Solidarit&#228;t ins Nichts. Der Passionsweg der jungen Insiang f&#252;hrt sie von einer Erniedrigung zur n&#228;chsten, die sich, nach Art des klassischen Melodrams, s&#228;mtlich auf ihrem ebenm&#228;&#223;ig sch&#246;nen Gesicht abzeichnen. Am Ende des Films steht eine emanzipatorische Abweichung von der generischen Gussform: Wenn die leidende Oberfl&#228;che ihres Gesichts sich verh&#228;rtet und mit der Welt abgeschlossen hat, wird sich ihr grausamer Zorn nach au&#223;en wenden und gegen ihre Peiniger richten.<br />
Noch weiter von der herk&#246;mmlichen Auffassung des Dritten Kinos entfernt sich Kidlat Tahimiks <em>Mababangong bangungot</em><em> (Der parf&#252;mierte Albtraum)</em>. Schon 1977 bearbeitet er eine geopolitische Konstellation, die sich in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in ihrer Keimform befand, inzwischen aber aus politischen und auch sonstigen Gegenwartsdiagnosen nicht mehr wegzudenken ist: die Globalisierung. Der Regisseur Kidlat Tahimik hei&#223;t mit b&#252;rgerlichem Name Eric de Guia und arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler in den Vereinigten Staaten und Frankreich,bevor er es sich anders &#252;berlegte und mit <em>Mababangong bangungot</em> gleichsam im Alleingang das unabh&#228;ngige philippinische Kino begr&#252;ndete. Tahimik spielt oder parodiert sich selbst, als Bewohner eines kleinen Dorfes, der mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsglauben verfallen ist. Er ist der Vorsitzende des lokalen Wernher-von-Braun-Fanclubs, lauscht begeistert den Selbstbeweihr&#228;ucherungen der Vereinigten Staaten auf ihrem Auslandssender „Voice of America“ und ist besessen vom Br&#252;ckenbauen, das ihm als Metapher f&#252;r die zunehmende Verbundenheit seines Dorfes mit dem Rest des Globus gilt. Bis Kidlat sich eines Tages auf eine Bildungsreise durch Europa begibt, und dort zu seiner Ern&#252;chterung feststellen muss, dass der technologische Fortschritt wo er hinblickt menschliche Verlierer hervorgebracht hat.<br />
Tahimiks hybride Montage rauschhafter Bilder und T&#246;ne, die mit minimalem Budget auf 8mm gedreht wurde, bricht mit allem, wof&#252;r die philippinische Filmindustrie bis heute steht. Deren standardisierten Melodramen setzt Tahimik seinen eigenen Entwurf von Kino als einem gleichzeitig pers&#246;nlichen und hoch politischen Medium entgegen. Auf den ersten Blick steht der Film damit dem Kanon des Dritten Kinos wieder sehr nahe. Freilich scheint sich in Tahimiks &#196;sthetik, in der das Lokale ohne (vor allem nationalstaatliche) Vermittlungsinstanzen mit dem Globalen konfrontiert wird, ein grunds&#228;tzlich anderer Politikbegriff zu verbergen als in den &#252;brigen Filmen des Dritten Kinos, die selten ganz ohne Kategorien wie „Nation“ oder „Volk“ auskommen. <em>Mababangong bangungot</em> partizipiert dabei weniger an der postkolonialen Internationalisierungsrhetorik, als dass er seinen eigenen problematischen Adressierungsmodus reflektiert: Ein Film wie dieser kann nicht mehr in mobilisierender Absicht zu einer auch nur halbwegs koh&#228;rent gedachten &#214;ffentlichkeit sprechen. Stattdessen richtet er sich an jeden und niemand und im Zweifelsfall vor allem an westliche Filmfestivals.</p>
<p><strong>Das Erbe des Dritten Kinos?</strong><br />
Wer die hier vorgestellten Filme, von Solanas und Getinos <em>La hora de los hornos</em> bis zu Tahimiks <em>Mababangong </em>bangungot, ungeachtet ihrer gro&#223;en Unterschiede unter ein und demselben Banner versammelt, nimmt sich zwar die M&#246;glichkeit, den Begriff des Dritten Kinos zur pr&#228;zisen Bestimmung einer politischen &#196;sthetik zu gebrauchen, kann ihn daf&#252;r aber als reichen Fundus an Formen und Ideen zu einer politischen Bildpraxis im umfassenden Wortsinn auffassen. Nicht nur die Form der Bilder selbst steht dann auf dem Spiel, sondern auch wie sie gemacht, verteilt und gezeigt werden.<br />
Aus diesem Fundus sch&#246;pfen auch die heutigen Kinematografien aus den L&#228;ndern der ehemaligen Dritten Welt, auch wenn sie in den allerwenigsten F&#228;llen ausdr&#252;cklich beanspruchen, das Projekt des Dritten Kinos zu beerben oder weiterzuf&#252;hren.<br />
Auch wenn der ins Okkulte gewendete Antikapitalismus nigerianischer Videofilme nur noch wenig mit der aufgekl&#228;rten Gesellschaftskritik bei Ousmane Sembène und anderen VertreterInnen des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu tun hat, machte der Aufstieg „Nollywoods“ zumindest Sembènes Traum von einem wirtschaftlich autonomen Filmschaffen <em>von </em>AfrikanerInnen <em>f&#252;r </em>AfrikanerInnen wahr. Mit einer Einschr&#228;nkung jedoch: Die Kehrseite dieser &#246;konomischen Unabh&#228;ngigkeit ist nicht anderes als die Abh&#228;ngigkeit von der &#214;konomie: Der erste veritable Blockbuster aus diesem Produktionszusammenhang ist Chris Obi Rapus<em> Living in Bondage</em> (Nigeria, 1992). Nur wenige Wochen nach ihrer Ver&#246;ffentlichung „straight to video“ hatte sich die moralische Erz&#228;hlung um einen jungen Igbo, der seine Frau opfert, um an Wohlstand und einen Nissan Pathfinder zu gelangen, &#252;ber 500 000 mal verkauft. Von diesem Erfolg angespornt, investierten findige Gesch&#228;ftleute in &#228;hnlich geartete Filmprojekte und legten so den &#246;konomischen wie generischen Grundstein zur nigerianischen Videofilmindustrie, die seither zum zweitgr&#246;&#223;ten Arbeitgeber des Landes avancierte.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Ein anderes Beispiel, das in mehrerlei Hinsicht auf das Dritte Kino bezogen werden kann, ist das von der Volksrepublik China sowie der Europ&#228;ischen Union bezuschusste und vom Dokumentarfilmregisseur Wu Wenguang koordinierte Mammutprojekt <em>Chinese Villagers Documentary Project</em>, das in den letzten Jahren auf kleinen Festivals und im Internet<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Furore gemacht hat. Zehn DorfbewohnerInnen aus allen Teilen Chinas, &#252;ber deren Auswahl eine offene Ausschreibung entschied, wurden mit digitalen Videokameras ausgestattet. Bestand ihre Zielsetzung urspr&#252;nglich darin, die basisdemokratische Direktwahl der Dorfverwaltung zu dokumentieren, hat sich das Projekt inzwischen zu einem umfassenden Selbstportr&#228;t im Format der Langzeitbeobachtung ausgewachsen: Die nebenberuflichen FilmemacherInnen, die alle auch einem oft landwirtschaftlichen Brotberuf nachgehen, wollten einfach nicht mehr davon lassen, die Bedingungen ihres Lebens mit Hilfe der digitalen Aufzeichnung zu verdoppeln und so zu thematisieren.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Wenn das Dritte Kino nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft haben sollte, so wird sich diese wahrscheinlich nicht mehr auf Celluloid, sondern im entgrenzten Reich des digitalen Laufbilds abspielen.</p>
<p><em>Mit Dank an Lukas Foerster</em></p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> ist einer der KuratorInnen der Filmreihe <em>Revolutionen aus dem Off. Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch</em>, die vom 18. April bis zum 27. Mai 2009 im <em>Zeughauskino Berlin</em> gezeigt wurde.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zur geopolitischen Periodisierung der 1960er Jahre vgl. Kastner, Jens und David Mayer: Zur Einf&#252;hrung; In: Kastner, Jens und David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 11.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Sartre, Jean-Paul: Vorwort [1961]; In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1981, S. 24.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1989 [1964] (= Ders.: Schriften, Bd. 7), S. 15.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Tats&#228;chlich wurde das Aufbegehren etwa der konservativen Nation of Islam oder der linksradikalen Black Panther Party for  Self-Defense immer wieder zu den Befreiungsk&#228;mpfen auf dem afrikanischen Kontinent in<br />
Beziehung gesetzt, und im Umkehrschluss die rassistische Unterdr&#252;ckung in den USA als quasi kolonialistische gebrandmarkt. Vgl. dazu Scharenberg, Albert: „Die  B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA“; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 159-171, und als Zeitzeugnis Pasolini, Pier Paolo: B&#252;rgerkrieg [1966]; In: Ders.: Ketzererfahrungen, M&#252;nchen/Wien 1979, S. 179-186.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. van der Linden, Marcel: 1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Der Fokustheorie zufolge ist es die Aufgabe einer bewaffneten Gruppe entschlossener Revolution&#228;rInnen, die Revolution in die Landbev&#246;lkerung „hineinzutragen“.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008, S. 55f.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kalter, Christoph: ’Le monde va de l’avant. Et vous êtes en marge’. Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der ‚Dritten Welt’ in der radikalen Linken in Frankreich in den 1960er Jahren; In: Archiv f&#252;r Sozialgeschichte, Bd. 48, Bonn, 2008, S. 99-132.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hecken, a.a.O., S. 52.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> z.B. Kastner/Mayer, a.a.O.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Solanas, Fernando E. und Octavio Getino: Towards a Third Cinema [1969]; In: Nichols, Bill (Hg.): Movies and Methods. An Anthology, Berkeley/Los Angeles/London, 1976, S. 44-64.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin, 1996 [1967].<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Als vertikal integriert wird jene Unternehmensstruktur bezeichnet, bei der ein Filmstudio die Sektoren der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung unter seinem Dach vereint.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Solanas/Getino, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Ibid., S. 58.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ibid.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ibid., S. 50; Kursivsetzung im Original.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ibid., S. 47.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ibid., S. 55f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ibid., S. 56.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ibid., S. 55.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Pines, Jim und Paul Willemen (Hg.): Questions of Third Cinema, London, 1989; darin finden sich Versuche zu einer Ausweitung des Begriffs ebenso wie solche, denen an der Grundlegung eines &#228;sthetischen Kanons gelegen ist; vgl. auch Guneratne, Anthony und Wimal Dissanayake (Hg.): Rethinking Third Cinema, New York, 2003.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Sanjinés, Jorge und die Ukamau Gruppe (Hg.): Theory and Practice of a Cinema with the People, New York, 1989 [1979].<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Gutberlet, Marie-Hélène: Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankfurt am Main/Basel, 2004, S. 106; vgl. auch Ukadike, Nwachukwu Frank: Black African Cinema. Berkeley, 1994; sowie Murphy, David und Patrick<br />
Williams: Postcolonial African cinema. Ten directors, Manchester/New York, 2007, S. 50.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. http://revolutionenausdemoff.de/, unter dem Men&#252;punkt „Material“ findet sich jenes Interview mit Sembène, aus dem das Zitat entnommen ist.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Bisschoff, Lizelle und David Murphy: Africa’s Lost Classics. Introduction; In: Screen 48:4, Oxford, 2007.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Diese Metapher pr&#228;gte Ousmane Sembène als Vorwurf an den franz&#246;sichen Ethnografen Jean Roch, in deutscher &#220;bersetzung wiederabgerduckt als Rouch, Jean und Ousmane Sembène: „Du schaust uns an, als w&#228;ren wir Insekten.“ Eine historische Gegen&#252;berstellung zwischen Jean Rouch und<br />
Ousmane Sembène im Jahr 1965; In: Gutberlet, Marie-Hélène und Hans-Peter Metzler (Hg.): Afrikanisches Kino, Bad Honeff, 1997, S. 29-32.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Diawara, Manthia: African Cinema. Politics and Culture, Bloomington, 1992.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Murphy/Williams, a.a.O., S.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Fu&#223;note 30<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. http://www.guardian.co.uk/film/2007/jul/31/observerfilmmagazine.observerfilmmagazine5.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Auf der Website des China Independent Documentary Archive (http://www.cidfa.com) sind s&#228;mtliche Filme des Village Documentary Project verf&#252;gbar.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Foerster, Lukas: Village Voice; In: Cargo, Nr. 3, Berlin, Herbst<br />
2009, S. 49-52.</p>
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		<title>Risse in der islamischen Republik</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 18:49:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.<br />
<span id="more-658"></span><br />
Im Iran finden derzeit die gr&#246;&#223;ten Massenproteste seit der Iranischen Revolution von 1979 statt. Gegen den mutma&#223;lichen Wahlbetrug bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Juni 2009 str&#246;mten allein in Teheran &#252;ber eine Million DemonstrantInnen auf die Stra&#223;en, um sich gegen die „Ernennung“ Mahmud Ahmadinejads zur Wehr zu setzen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die protestierenden Massen bewiesen hierbei nicht zum ersten Mal in der Geschichte Irans eine ungeheure Ausdauer und Widerstandsf&#228;higkeit. Nach der Wahl vom 12. Juni gab es zwei Wochen lang t&#228;gliche Demonstrationen und Proteste. Erst nach harten repressiven Ma&#223;nahmen durch Polizei und regierungsnahe Milizen mit dutzenden Toten und tausenden Festgenommenen ebbten die Proteste langsam ab. Trotzdem hat sich die Lage alles andere als beruhigt, beweist die Bewegung ihre Hartn&#228;ckigkeit doch bis zum heutigen Tag durch regelm&#228;&#223;ige Massenmobilisierungen.<br />
Als Galionsfigur der nun als „Gr&#252;ne Bewegung“ bekannt gewordenen Opposition gilt Ahmadinejads wichtigster Herausforderer bei der Wahl, der Reformpolitiker Mir Hossein Mussawi, der in den 1980er Jahren selbst Premierminister des Iran war. Der Umstand, dass ein „Mann des Regimes“, tief verwurzelt in der Geschichte und dem Herrschaftssystem der Islamischen Republik (IR), diese pl&#246;tzlich herausfordert, erscheint auf den ersten Blick &#252;berraschend. Schlie&#223;lich wurde und wird die IR von linken wie konservativen KommentatorInnen oft als ein monolithisches Regime betrachtet, in der einige fanatisch-religi&#246;s und r&#252;ckw&#228;rtsgewandte Mullahs die Herrschaft an sich gerissen h&#228;tten. Widerspr&#252;che haben in diesem Narrativ kaum Platz.<br />
Im Folgenden werden demgegen&#252;ber die politischen und sozialen Konflikte und Widerspr&#252;che diskutiert, welche die IR seit der iranischen Revolution von 1979 gepr&#228;gt haben und auch Form und Inhalt der aktuellen Proteste ma&#223;geblich beeinflussen.</p>
<p><strong>Die Entwicklungen im Sommer 2009</strong><br />
Die Wahl im Sommer war zwar der Anlass, nicht jedoch der einzige Grund f&#252;r die massiven Proteste im Anschluss. Das Vertrauen in Wahlen ist im Iran nicht besonders gro&#223;, vor allem da KandidatInnen im voraus vom W&#228;chterrat, einem Kontrollorgan der IR, auf ihre „Integrit&#228;t“ bzw. Loyalit&#228;t bewertet und entsprechend selektiert werden. Im Zuge dieses Vorgangs wird der Gro&#223;teil der BewerberInnen ausgeschlossen. Schon dieser Umstand spricht daf&#252;r, dass auch ReformkandidatInnen zu Irans politischer Elite geh&#246;ren m&#252;ssen, um &#252;berhaupt zu den Wahlen zugelassen zu werden.<br />
Nachdem die Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren stetig gesunken war, hatte die Regierung dieses Mal gro&#223;es Interesse an einer regen Beteiligung: sowohl f&#252;r die anstehenden internationalen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm als auch im Sinne Ahmadinejads populistischen Images war zumindest der Anschein breiter gesellschaftlicher Zustimmung von gro&#223;er Bedeutung. So wurden die Zensur und politische Repression gelockert und &#246;ffentliche Debatten zugelassen. Erstmals wurden Fernsehduelle zwischen den Kandidaten ausgestrahlt, bei denen insbesondere das Duell zwischen den zwei Spitzenkandidaten Ahmadinejad und Moussawi f&#252;r Aufsehen sorgte. Die hitzig gef&#252;hrte Debatte f&#252;hrte der Bev&#246;lkerung den schwelenden Konflikt innerhalb des Systems vor Augen und verlieh der Wahlentscheidung eine besondere Bedeutung. Nicht intendiert und noch weniger vorausgesehen war jedoch, dass die Menschen den kleinen Freiraum nutzten, um aktiv an den Debatten teilzunehmen und bereits w&#228;hrend des Wahlkampfs ihren Protest gegen die sozialen und politischen Missst&#228;nde zu artikulieren. Hunderttausende wurden im Wahlkampf aktiv und beteiligten sich an den Kampagnen der vier Kandidaten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ein sichtbares Zeichen der gesellschaftlichen Dynamik war die starke Beteiligung vieler junger Frauen insbesondere in der Kampagne Moussawis. Die aktive Unterst&#252;tzung seiner Frau Zahra Rahnavard, welche gemeinsam mit Moussawi auftrat und sich vor allem f&#252;r Frauenrechte aussprach, hatte diesbez&#252;glich symbolische Bedeutung. Moussawi pl&#228;dierte ebenfalls f&#252;r eine Ausweitung von Frauenrechten sowie f&#252;r die Abschaffung der ungeliebten Institution der Sittenw&#228;chter.<br />
Ahmadinejad und das konservative F&#252;hrungslager sah sich durch offene Kritik immer weiter in die Enge gedr&#228;ngt, und das in einem Wahlkampf, der eigentlich ein leichtes Spiel h&#228;tte werden sollen. Zwar hatte Ahmadinejad sein Ziel einer hohen Wahlbeteiligung erreicht – 80% der Wahlberechtigten gingen zu den Urnen –, doch ob das Ergebnis tats&#228;chlich zu seinen Gunsten ausfiel, blieb insbesondere f&#252;r die gesellschaftlich aktiv gewordenen Teile der Bev&#246;lkerung unklar.<br />
Im Hinblick auf die Massenproteste, die sich als Reaktion auf das Wahlergebnis entwickelten, ist es freilich falsch, von <em>einer </em>Bewegung oder <em>der </em>Gr&#252;nen Bewegung zu sprechen. Die Proteste waren und sind mehr als alles andere durch ihre Heterogenit&#228;t gekennzeichnet, beteiligten sich doch Menschen unterschiedlichster sozialer und politischer Herkunft: ReformerInnen, die loyal zur IR stehen, Anh&#228;ngerInnen Moussawis und Karroubis, S&#228;kulare, NationalistInnen usw. Verdeutlicht wird die Vielfalt der Bewegung durch ihre diversen Protestmethoden, Slogans und Forderungen. Viele der spontan auf die Stra&#223;en str&#246;menden Menschen verwendeten die Farbe Gr&#252;n als Zeichen ihrer Zugeh&#246;rigkeit zu Moussawi und gruppierten sich um die Losung „Wo ist meine Stimme?“. Andere forderten ein „Nieder mit der Diktatur“, ein in Irans Geschichte grunds&#228;tzlich beliebter und von oppositionellen Bewegungen traditionell h&#228;ufig verwendeter Slogan. Immer lauter wurden Stimmen gegen die „Coup d‘état-Regierung“ sowie die Forderung nach deren R&#252;cktritt. Vielleicht am besten charakterisiert der Spruch „F&#252;rchtet euch nicht, wir sind alle zusammen“ die Stimmung dieser Bewegung, welche sich zunehmend auch direkt gegen die Staatsmacht richtete. Eine weitere Protestform, welche aus dem Erfahrungsschatz der Iranischen Revolution selbst entnommen wurde, waren n&#228;chtliche <em>Allahu Akbar</em>-Rufe („Gott ist Gro&#223;“) von den D&#228;chern.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Entgegen Ahmadinejads Darstellung war die breite Bewegung jedoch relativ unabh&#228;ngig von der Reformerf&#252;hrung entstanden. Sie folgte keinem Plan Moussavis oder Karroubis, nach der Wahl in jedem Fall zu demonstrieren.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Vielmehr ist es eines der zentralen Charakteristika und zugleich eine Schw&#228;che der Bewegung, dass sie &#252;ber keine klaren Organisationsstrukturen verf&#252;gt. Die Mobilisierungen basieren meist auf dezentralen Netzwerken in Nachbarschaften, unter Freundinnen und Freunden, und auf neuen Kommunikationsmitteln wie Internet und Twitter. Die Bedeutung dieser Medien sollte zwar nicht &#252;berbewertet werden, l&#228;sst jedoch auch gewisse R&#252;ckschl&#252;sse auf die soziale Zusammensetzung der Proteste zu. Obwohl diese durch die Pr&#228;senz unterschiedlichster sozialer Schichten und Klassen charakterisiert waren, stellten junge Angeh&#246;rige der Mittelschichten die zentralen AkteurInnen dar.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Nicht umsonst entfalteten die Proteste in den mittelst&#228;ndisch gepr&#228;gten Vierteln, im Norden sowie im Zentrum Teherans eine besondere St&#228;rke.<br />
Anstatt auf Teile der Opposition zuzugehen, versuchte das Regime diese zu &#252;bergehen. So erkannte Revolutionsf&#252;hrer Khamenei nach nur einer Woche die Wahl an und stellte sich so klar auf Ahmadinejads Seite. Daf&#252;r geriet er selbst zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Ebenso und de facto zum ersten Mal seit der Revolution wurden auch die politische Repression und die Menschenrechtsverletzungen, mit denen das Regime versuchte, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, von einer breiten Bewegung angesprochen und verurteilt. So ist „Freiheit f&#252;r die politischen Gefangenen“ bei den Protesten mittlerweile ein h&#228;ufig skandierter Spruch und die Bilder ermordeter DemonstrantInnen sind zu Symbolen des Widerstandes und des „M&#228;rtyrertums“ f&#252;r die Freiheit geworden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Da im Zusammenhang mit den Protesten auch bisher loyale VertreterInnen der IR in Schauprozessen als Verr&#228;terInnen und „ausl&#228;ndische AgentInnen“ diffamiert wurden, regte sich selbst im konservativen Lager Kritik an Ahmadinejad sowie am Umgang mit der oppositionellen Bewegung. Diese Verwerfungen innerhalb des Regimes der IR sind insofern charakteristisch f&#252;r die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, als Risse im Herrschaftsgef&#252;ge und im Verh&#228;ltnis des Regimes zur Bev&#246;lkerung eine der wichtigsten Ursachen daf&#252;r sind, dass es &#252;berhaupt zu einer derart breiten und dynamischen Bewegung kommen konnte. So ist die starke Reaktion auf der Stra&#223;e nicht allein mit der relativen politischen &#214;ffnung w&#228;hrend des Wahlkampfes zu erkl&#228;ren, sondern muss vor dem Hintergrund einer grunds&#228;tzlichen Frustration breiter Bev&#246;lkerungsschichten &#252;ber die Politik der vergangen Jahre und eines sich immer autorit&#228;rer geb&#228;rdenden Regimes gesehen werden. In diesem Sinne repr&#228;sentieren die Proteste der letzten Monate den Widerspruch zwischen dem herrschenden System der IR und dem gesellschaftlichen Bed&#252;rfnis nach Demokratisierung, politischer Liberalisierung sowie einer L&#246;sung der &#246;konomischen und sozialen Probleme des Landes. Zugleich deuten die Entwicklungen auch auf einen tiefen und st&#228;rker werdenden Riss innerhalb des Gef&#252;ges der IR sowie zwischen den einzelnen Fraktionen an der Macht hin. Diese Konflikte und Widerspr&#252;che sind indes keineswegs neu, sondern bereits seit der iranischen Revolution vorhanden und tief in die Struktur des Staates eingeschrieben.</p>
<p><strong>Zwei grundlegende Widerspr&#252;che</strong><br />
Die iranische Revolution von 1979 war eine der gr&#246;&#223;ten Massenaufst&#228;nde des 20. Jahrhunderts und entsprechend breit war das Spektrum der involvierten sozialen Akteure, Klassen und politischen Positionen. Obwohl linke und nationalistische Gruppen vom – keineswegs einheitlichen – islamischen Lager fr&#252;h ausgeschaltet wurden, pr&#228;gten diese Gruppen, ihre Visionen und Diskurse den Charakter der IR nichtsdestotrotz entscheidend mit. Im Ergebnis lassen sich mindestens zwei grundlegende Widerspr&#252;che ausmachen, die f&#252;r die IR seit ihrer Entstehung charakteristisch sind: Erstens das Verh&#228;ltnis zwischen Autoritarismus und Republikanismus bzw. zwischen republikanisch-demokratischen und autorit&#228;r-theokratischen Strukturen. Zweitens das widerspr&#252;chliche wirtschaftliche und soziale Erbe der Iranischen Revolution, d. h. das Verh&#228;ltnis zwischen sozialen Versprechungen einerseits und kapitalistischen Verwertungsinteressen andererseits.</p>
<p><strong>Autoritarismus und Republikanismus</strong><br />
Die IR wird in den Medien und vielen Analysen als „Gottesstaat“ bezeichnet. Meist wird damit auf die autorit&#228;re und theokratische Struktur verwiesen, und tats&#228;chlich sind diese Elemente in der Verfassung, den institutionellen Strukturen sowie den konkreten Politiken des Staates zur Gen&#252;ge vorhanden. Doch abgesehen davon, dass der Begriff „Gottesstaat“ kaum analytische Sch&#228;rfe bietet und prim&#228;r polemischer Natur ist, beschreibt er den Charakter der IR nur unzureichend. Die Rede vom „Gottesstaat“ ignoriert vor allem die post-revolution&#228;ren Dynamiken nach 1979 sowie die Widerspr&#252;chlichkeiten, die insbesondere die politisch-institutionelle Struktur der IR pr&#228;gen. Historisch kann vereinfachend zwischen st&#228;rker auf das Leitbild eines republikanischen Staates fokussierten Kr&#228;ften und solchen unterschieden werden, welche sich am urspr&#252;nglichen Konzept Khomeinis orientierten und einen theokratischen Islamischen Staat mit einem Revolutionsf&#252;hrer (oder klerikalen F&#252;hrungsgremium) an der Spitze favorisierten. Im Endeffekt bildete sich eine Hybridform beider Aspekte heraus, welcher g&#228;ngige Kategorisierungen von traditionell-modern oder demokratisch-despotisch nicht gerecht werden. Exemplarisch hierf&#252;r ist die 1979 entstandene Verfassung des Irans, welche, wie schon der Name „Islamische Republik“ nahelegt, zugleich republikanisch-demokratische und autorit&#228;rtheokratische Elemente beinhaltet.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die autorit&#228;ren Elemente werden durch die Position des Revolutionsf&#252;hrers<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, der h&#246;chsten Instanz der IR mit umfassenden Befugnissen wie der Oberhoheit &#252;ber das Milit&#228;r, sowie den W&#228;chterrat repr&#228;sentiert, welcher &#252;ber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit dem Islam bestimmt. Gleichzeitig legt die Verfassung auch demokratische Rechte und Strukturen fest. Dazu z&#228;hlt ein alle vier Jahre gew&#228;hltes Parlament sowie das Pr&#228;sidentschaftsamt, die nach dem Revolutionsf&#252;hrer zweith&#246;chste offizielle Autorit&#228;t im Staat. Neben demokratischen Strukturen auf kommunaler und regionaler Ebene beinhaltet die Verfassung dar&#252;ber hinaus Menschen- und Grundrechte. Diese Institutionen und demokratischen Rechte m&#252;ssen aus dem Kontext der Revolution verstanden werden<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Neben dem Islam als Leitbanner waren schlie&#223;lich auch die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit starke Motive der Massenbewegung gewesen. Und, wahrscheinlich am wichtigsten, die Revolution war auf der Grundlage massenhafter Partizipation, aktiver Auseinandersetzungen und der Bildung von kommunalen und betrieblichen Strukturen von unten zu Stande gekommen. Dieser Geist musste auf die eine oder andere Weise seinen Effekt auf den neuen Staat und dessen Strukturen haben. Trotz der formalen Garantie all dieser Rechte durch die Verfassung durften diese nicht mit „dem Islam“ in Konflikt geraten. Zu definieren, was „der Islam“ war, oblag jedoch mehr und mehr Revolutionsf&#252;hrer und W&#228;chterrat. Zwar wurden so die autorit&#228;ren zum Nachteil der republikanischen Elemente nach und nach gest&#228;rkt, ganz verschwunden sind letztere jedoch nie. Vor allem seit dem Aufkommen der Reformbewegung bilden sie einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r Forderungen nach mehr Demokratisierung und politischem Pluralismus. Der Aufruf einer R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Idealen der Revolution, wie es Moussawi mehrfach formuliert hatte, kann auch in diesem Zusammenhang verstanden werden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>.</p>
<p><strong>Wirtschaftliche und soziale Widerspr&#252;che</strong><br />
Neben diesen im engeren Sinne politischen Ambiguit&#228;ten hinterlie&#223; die Iranische Revolution auch auf sozial- und wirtschaftspolitischer Ebene ein widerspr&#252;chliches Erbe. Teil dieses Erbes ist zum einen der auf Verwandtschaftsverh&#228;ltnissen und Gesch&#228;ftsverbindungen fu&#223;ende Bazaar-Klerus-Komplex. Die <em>bazaaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute) k&#246;nnen als traditionelle kapitalistische Klasse des Irans bezeichnet werden. In der Revolution und danach galt ihr Interesse dem Schutz von Privateigentum und freiem Markt. Im Verbund mit dem konservativen Klerus waren sie die gr&#246;&#223;ten Profiteure der neuen Herrschaftsverh&#228;ltnissen nach der Revolution.<br />
Die Revolution war jedoch zugleich Ausdruck der Hoffnung der sozial niederen Klassen und der radikalisierten StudentInnen auf tiefgreifende soziale Transformationen. So wurden in der Revolution sozialistische Ideen auf verschiedenste Weise aufgegriffen und selbst gro&#223;e Teile der IslamistInnen waren stark durch solche Ideen beeinflusst.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Auch die Rhetorik Khomeinis griff auf radikal-egalit&#228;re Interpretationen des Islam zur&#252;ck und mobilisierte die „Unterdr&#252;ckten“ (<em>mostazafin</em>; st&#228;dtische Arme) f&#252;r die Vision einer (fast) klassenlosen islamischen Gemeinschaft – nicht zuletzt auch, um die Gefahr abzuwehren, welche durch die sozialistische Linke f&#252;r seine eigene Vision entstanden war. Einige der popul&#228;ren Slogans der Revolution verdeutlichen diese sozialrevolution&#228;re Um-Interpretation des Islam: „Islam geh&#246;rt den Unterdr&#252;ckten, nicht den Unterdr&#252;ckern!“, „Islam ist f&#252;r Gleichheit und soziale Gerechtigkeit!“ oder auch „Islam repr&#228;sentiert die Slumbewohner, nicht die Palastbewohner!“. Diese Sto&#223;richtung findet sich auch in der Verfassung der IR wieder. So garantiert diese formal Pensionen f&#252;r ihre B&#252;rgerInnen, Arbeitslosunterst&#252;tzung, Invalidengeld, medizinische Versorgung und freie schulische Bildung. Dar&#252;berhinaus wurden sogar Hausbesitz, die Eliminierung von Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Abschaffung privater Wirtschaftsmonopole versprochen und das Ziel industrieller und landwirtschaftlicher Autarkie ausgerufen. Die nationale Wirtschaft wurde in einen &#246;ffentlichen und einen privaten Sektor geteilt, wobei vor allem die zentralen Schl&#252;sselindustrien fest in staatlicher Hand blieben. Neben dem staatlichen und privaten Sektor entwickelte sich auch ein halb-staatlicher Wirtschaftssektor, der vor allem durch die religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) gepr&#228;gt war. Diese sollten urspr&#252;nglich karitativen Zwecken dienen. Heute kontrollieren sie als halb-staatliche Megakonzerne gro&#223;e Teile der Wirtschaft und werden oft als m&#228;chtiger Staat im Staat bzw. als Spielwiese einiger weniger mit dem Staat eng verwobener klerikaler-Million&#228;re bezeichnet.<br />
Wenngleich in der Iranischen Revolution also eine gewisse Umverteilung propagiert und zumindest in der ersten Phase auch umgesetzt wurde, ist es wichtig zu betonen, dass dies nicht auf eine Abschaffung von Klassenverh&#228;ltnissen oder gar kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse abzielte. So wurde das Privateigentum in der Verfassung explizit gesch&#252;tzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sozialen Strukturen sollten im Gro&#223;en und Ganzen erhalten bleiben. Die Vehemenz, mit der ArbeiterInnenr&#228;te, Hausbesetzungen und „anarchische Zust&#228;nde“ in der Produktion von der eben entstandenen IR bek&#228;mpft wurden, zeugt davon, wie wenig die neue politische Elite an einem tats&#228;chlichen sozialen Wandel interessiert war.<br />
Um trotzdem die Unterst&#252;tzung insbesondere der st&#228;dtischen Armen, als dem wichtigsten Adressaten der Versprechen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zu bewahren, erhielten vielen von diesen wichtige Funktionen in der IR: gemeinsam mit ihren l&#228;ndlichen „Cousins“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> stellten sie einen gro&#223;en Teil der in den <em>sepah-e pasdaran</em> (Revolutionsgarden) und dem weitl&#228;ufigen Netzwerk der <em>basidji</em>-Milizen organisierten neuen Sicherheitsapparate. Diese gingen als Fu&#223;soldatInnen der islamischen Revolution gegen die interne Opposition (MonarchistInnen, KommunistInnen, NationalistInnen) vor und bildeten w&#228;hrend des Krieges mit dem Irak den ideologisch hoch motivierten Kern der „Revolutionsarmee“. Durch diese Institutionen wurden soziale Hilfsleistungen und Verg&#252;nstigungen, wie z. B. ein privilegierter Zugang zu Universit&#228;ten, vermittelt. Aufgrund der so etablierten klientelistischen Verbindungen entwickelten die <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>ein vitales Interesse am Erhalt der politischen Herrschaft der IR. Dass sie zu einer wichtigen St&#252;tze des neuen Systems wurden und beinahe ein Gewaltmonopol besa&#223;en, &#252;bersetzte sich in ein gewisses Gewicht der Klasse der st&#228;dtischen Armen im Staatsapparat. Dies musste notwendigerweise zu einer strukturellen Spannung mit den Kapitalfraktionen der IR, vor allem den Bazaaris, f&#252;hren, sahen diese doch in den sozialen Zugest&#228;ndnissen eher ein &#220;bergangsprogramm w&#228;hrend der Revolution denn eine langfristige Strategie.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p><strong>Nach dem Tod Khomeinis</strong><br />
Diese Widerspr&#252;che konnten unter der Herrschaft Ayatollah Khomeinis zu gro&#223;en Teilen &#252;berdeckt werden. So war die Periode von 1979 bis 1988 (dem Ende des Iran-Irak Krieges) von der Dominanz der radikal-islamischen Kr&#228;fte der Revolution und einer Schw&#228;chung marktwirtschaftlicher Elemente gepr&#228;gt. Der Staat agierte als zentraler Wirtschaftsakteur und etablierte ein relativ autarkes System, das insbesondere durch die vom Krieg auferlegten Zw&#228;nge und internationale Sanktionen erkl&#228;rt werden kann. Zugleich war dieser relativ stabile Entwicklungsweg aber auch das Resultat der Mobilisierung der radikalisierten modernen Mittelklasse, der ArbeiterInnen und <em>mostazafin</em>, die f&#252;r ihr Engagement in Revolution und Krieg gewisse Zugest&#228;ndnisse im sozialen Bereich erhielten.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Der Tod Khomeinis, die &#220;bernahme der Position des Revolutionsf&#252;hrers durch Khamenei sowie das Ende des Krieges mit dem Irak machten Ende der 1980er Jahre Ver&#228;nderungen in der Ausrichtung der IR und ihrer Strukturen notwendig. In diesen Prozessen kamen massive Fl&#252;gelk&#228;mpfe im herrschenden Lager zum Ausdruck. Khamenei besa&#223; weder das Charisma Khomeinis, noch dessen F&#252;hrungs- und Vermittlungsf&#228;higkeit. Auch verf&#252;gte er nicht &#252;ber die eigentlich n&#246;tigen religi&#246;sen Referenzen f&#252;r diese Position.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Anders als Khomeini wurde er nicht als &#252;berfraktionell wahrgenommen, sondern dem Konservativen Lager zugerechnet.<br />
Die Ernennung Khameneis sowie die Pr&#228;sidentschaft Ali Akbar Haschemi Rafsanjanis brachte nicht nur konstitutionelle Modifikationen mit sich, sondern steht vor allem f&#252;r die &#220;berhandnahme der wirtschaftsliberal und kapitalistisch ausgerichteten Fraktion in der IR. Die Folge war eine viel st&#228;rker marktorientierte Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Ansari merkt diesbez&#252;glich an: „In der Abwesenheit von Khomeinis Charisma musste eine neue Regelung gefunden werden, welche die unterschiedlichen Gruppen in ein enges Netzwerk kommerzieller Eigeninteressen zusammenband. Die Konsequenz war eine Allianz der Interessen der merkantilen Bourgeoisie, konzentriert aber nicht reduziert auf den Bazaar, und der Pr&#228;sidentschaft Rafsanjanis, der mit dem Aufbau einer stark am eigenen Image orientierten loyalen B&#252;rokratie fort fuhr. Rafsanjani w&#252;rde mit den Interessen der Handels- und Kaufmannsklasse im Kopf regieren ,was sich mit seinem eigenen kommerziellen Hintergrund deckte, w&#228;hrend der Bazaar half, seine Pr&#228;sidentschaft zu finanzieren.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
In diesem Prozess wurden jene Fraktionen der IR, welche die <em>mostazafin </em>repr&#228;sentierten, politisch marginalisiert. Aber auch Teile der Staatsstruktur gewordenen milit&#228;rischen Gruppen und Milizen der <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>wurden relativ an den Rand gedr&#228;ngt. Schlie&#223;lich war der Krieg vorbei und man wollte zu wirtschaftlicher Prosperit&#228;t zur&#252;ckkehren und einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise des Landes finden. Ein militarisierter Staat und eine allein an radikalen ideologischen Agenden orientierte Politik war f&#252;r dieses Projekt eher ung&#252;nstig.<br />
Auch wenn die IR ihre Herrschaft in den 1990er Jahren festigen konnte und die Kapital-orientierten und konservativen Fraktionen zun&#228;chst die Oberhand behielten, war dies keineswegs ein stabiler Zustand. Vielmehr hatten die Ende der 1980er Jahre einsetzenden strukturellen Verschiebungen in der IR die z. T. bereits zuvor bestehende Fraktionierung innerhalb des politischen Spektrums weiter an Bedeutung zugenommen und die Wahrscheinlichkeit von Rissen innerhalb des Herrschaftsverbandes erh&#246;ht. Verk&#252;rzt und etwas zugespitzt k&#246;nnen die seit den sp&#228;ten 1980ern formierten Fraktionen wie folgt dargestellt werden.</p>
<p><strong>Politische Fraktionen in den 1990ern</strong><br />
Im rechten Spektrum bildeten sich zwei wichtige Fl&#252;gel, aus denen sich die wirtschaftliche und politische Machtelite zusammensetzt. Einerseits das Lager um Rafsanjani, das f&#252;r eine moderatere gesellschaftspolitische Position und eine industriell-kapitalistische Wirtschaftsausrichtung stand. Diese Gruppe wird oft als „Moderne Rechte“ bezeichnet. Rafsanjani und seine Gruppe repr&#228;sentieren vor allem die reich gewordene Schicht der mit dem Staat verbundenen „Mullah Million&#228;re“, die den Iran heute wirtschaftlich dominiert. Wie kein anderer verk&#246;rpert Rafsanjani, dessen eigenes Verm&#246;gen betr&#228;chtlich ist, die in den letzten 30 Jahren zustande gekommene Fusion von Bazaar und Klerikern, deren religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) von der Privatisierungspolitik der 1990er am meisten profitieren konnten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> In den verarmten und von Inflation, Arbeitslosigkeit und niedrigen L&#246;hnen geplagten Teilen der Bev&#246;lkerung ist diese Fraktion der iranischen Herrschenden wegen ihres Reichtums, ihrer Vetternwirtschaft sowie der von ihr propagierten Politik der &#246;konomischen Liberalisierung und Privatisierung besonders verhasst.<br />
Eine zweite Fraktion kann als traditionelle Rechte bezeichnet werden. Diese Gruppe, die in engen Verbindungen zum Revolutionsf&#252;hrer Khamenei steht, zeichnet sich durch eine gesellschaftspolitisch konservativere Politik aus, unterst&#252;tzt aber ebenfalls eine Bazaar-orientierte, freie Marktwirtschaft.</p>
<p>Die Linken Islamisten der 1980er Jahre sind als solche nicht mehr existent bzw. haben sie ihre Ausrichtung ver&#228;ndert. Gro&#223;e Teile von ihnen geh&#246;ren heute dem Reformlager an. Folglich spielten sie vor allem in der Regierung des Reformers Khatami (1997-2005) eine wichtige Rolle. Sie sind im gesellschaftspolitischen Bereich die fortschrittlichste Gruppe. So zeichnet sie sich durch die Forderung nach einer politischen &#214;ffnung, Pressefreiheit, einer Beschr&#228;nkung der autorit&#228;ren Elemente der IR und einem Ende der harschen Moralgesetzgebung aus. Im wirtschafts- und sozialpolitischen Bereich haben sie jedoch ein schwaches Profil und tendieren diesbez&#252;glich teilweise zur liberalen Position der Modernen Rechten. Haupts&#228;chlich werden sie unterst&#252;tzt von Angeh&#246;rigen der modernen Mittelklasse, Studierenden und Frauen. Weil auch die ArbeiterInnen ein elementares Interesse an mehr demokratischen Rechten haben, finden sich auch unter diesen noch immer Anh&#228;ngerInnen der Reformer. Allerdings verhinderte deren wirtschaftspolitische Ausrichtung, ihre Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik, eine aktive Unterst&#252;tzung durch breite Teile der ArbeiterInnenklasse und der <em>mostazafin</em>.</p>
<p><strong>Die Pr&#228;sidentschaft Ahmadinejads</strong><br />
Eine neu entstandene Fraktion kann als Neo-Islamisten bezeichnet werden und wird durch Ahmadinejad repr&#228;sentiert. Diese dominierten in den letzten vier Jahren die politische Szenerie. Der Machtantritt Ahmadinejads 2005 repr&#228;sentiert den (Wieder-)Aufstieg eines seit den 1990er Jahren marginalisierten Fl&#252;gels der IR, n&#228;mlich dem der Pasdaran und Basijis. In ihrer eigenen Wahrnehmung hatten diese im Kampf gegen die interne Opposition und im Krieg mit dem Irak ihr Blut f&#252;r „Islam“, „Vaterland“ und „Revolution“ vergossen, blieben danach aber vom Zugang zu den Machtpositionen im Staat ausgeschlossen. Mehr noch: sie mussten mit ansehen, wie hohe Kleriker ihr Verm&#246;gen vermehren, sich an den Schalthebeln der Macht festsetzten konnten, und die puritan-islamische Vorstellung von Moral der fr&#252;hen Jahre nicht gen&#252;gend beachtet wurde und so die Ideale der Revolution verraten wurden. Durch die Wahl Ahmadinejads konnten sie demgegen&#252;ber endlich „einen der ihren“ an die Macht bringen. Dieser revanchierte sich, indem er seine alten Kampfgenossen aus den Pasdaran in zentrale Machtpositionen hievte und diese auch wirtschaftlich bedachte. So wurden z.B. staatliche Auftr&#228;ge im Infrastrukturbereich vermehrt an die Pasdaran oder ihnen nahestehenden Personen vergeben und neue Ressourcen f&#252;r Streitkr&#228;fte bereitgestellt. Ahmadinejads Strategie zur Macht&#252;bernahme und deren Konsolidierung setzte da an, wo die Reformer gescheitert waren: Er pr&#228;sentierte sich als Vertreter der „kleinen Leute“, der <em>mostazafin</em>, und trat mit dem Versprechen an, „das &#214;lgeld zur&#252;ck auf die Tische der Armen“ zu bringen. Damit kn&#252;pfte er an die populistischen und sozial-egalit&#228;ren Diskurse der Iranischen Revolution an, w&#228;hrend er gleichzeitig eine gesellschaftspolitisch konservative Position einnahm. Das von ihm heraufbeschworene Feindbild war die von der Bev&#246;lkerung verhasste Elite, die „Tausend reichsten Familien“ <a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>.<br />
Realiter &#228;nderte Ahmadinejad nur wenig an der wirtschaftlichen und sozialen Krise des Landes. So hatten Programme wie das gro&#223; angek&#252;ndigte „Justice Shares“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> aufgrund der galoppierenden Inflation wenn &#252;berhaupt nur negative Effekte auf die Lebensverh&#228;ltnisse der meisten IranerInnen. Es ist relativ offensichtlich, dass die Regierung versuchte, &#252;ber politisch gepr&#228;gte Distributionsinstitutionen klientelistische Verbindungen zu bedienen und so einen stabilen Wahlblock f&#252;r sich zu schaffen. Dass Ahmadinejad entgegen seinen Beteuerungen nicht wirklich auf Seiten der mostazafin stand, dr&#252;ckte sich auch in den Repressionsma&#223;nahmen gegen&#252;ber ArbeiteraktivistInnen, z.B. streikenden BusfahrerInnen, w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft aus.</p>
<p><strong>Iran von au&#223;en</strong><br />
Diese innenpolitischen Widerspr&#252;chlichkeiten werden in den internationalen Debatten indes kaum wahrgenommen. Hier ist Ahmadinejads Konfrontationskurs in der Frage der Atomwaffen sowie sein offener Antisemitismus das alles bestimmende Thema. Kaum einmal werden seine au&#223;enpolitischen Man&#246;ver im Kontext politischer Krisen und Auseinandersetzungen im Iran selbst diskutiert. Dabei ist die Strategie, innenpolitische Konflikte durch das Sch&#252;ren au&#223;enpolitischer Krisen zu neutralisieren, kein neues oder spezifisch iranisches Ph&#228;nomen. Bereits die ber&#252;hmte US-Botschaftsbesetzung 1979 in Teheran fand vor dem Hintergrund sich zuspitzender innenpolitischer Konflikte zwischen den unterschiedlichen revolution&#228;ren Gruppen statt. Die Kanalisierung der Debatten in Richtung „Antiimperialismus“ gegen den „gro&#223;en Satan USA“ erm&#246;glichte es Khomeini, die neue Verfassung des Irans rasch in einem Referendum verabschieden zu lassen. &#196;hnliches versuchte Ahamdinejad in den letzten vier Jahren. Seine j&#252;ngsten den Holocaust leugnenden Bemerkungen machte er nicht zuf&#228;llig am 18. September, als Tausende DemonstrantInnen den offiziellen staatlichen Feiertag am Al-Quds-Tag nutzten, um wieder gegen die Regierung auf die Stra&#223;e zu gehen. So versucht Ahamdinejad immer wieder, von der innenpolitischen Krise abzulenken. Und das mit Erfolg: die internationalen Medien konzentrierten sich erneut fast ausschlie&#223;lich auf seine &#196;u&#223;erungen und die gleichzeitig stattfindenden Proteste r&#252;ckten aus dem Blickfeld. Umgekehrt &#252;bt auch die Haltung der Weltm&#228;chte gegen&#252;ber dem Iran einen nicht zu untersch&#228;tzenden Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung aus. So ist es kein Zufall, dass die iranische Opposition und Reformbewegung in der Bush-&#196;ra ein marginales und schwaches Dasein fristete. In der aufgeheizten Stimmung eines nahenden Krieges konnte Ahmadinejad zumindest auf die passive Solidarit&#228;t der IranerInnen gegen ausl&#228;ndische Interventionen vertrauen. Oppositionelle Stimmen wurden schnell als Agenten des Westens und des Imperialismus zum Schweigen gebracht. Auch wenn ein solches Vorgehen nach wie vor angewandt wird, st&#246;&#223;t es in der Bev&#246;lkerung nun – in einem durch die Neuausrichtung der US-Administration ver&#228;nderten (geo-)politischen Klima – auf weniger Zustimmung.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Insgesamt ist die Protestbewegung vor dem Hintergrund jener Widerspr&#252;che zu betrachten, welche die Geschichte des Iran in den letzten 30 Jahre pr&#228;gen: diese verlaufen nicht nur zwischen revolution&#228;ren Idealen und kapitalistischer Entwicklung, sondern vor allem zwischen verschiedenen Interessensgruppen und Machtzirkeln innerhalb der IR. Im Zuge der daraus entstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und K&#228;mpfe werden immer wieder Fraktionen marginalisiert und von den bereits in sich ambivalent strukturierten Machtzentren ausgeschlossen bzw. in ihrem Zugang zu Ressourcen benachteiligt. Diese Entwicklung fand mit dem „Wahlputsch“, der damit signalisierten Exklusion der Reformer aus dem relativen politischen Eliten-Pluralismus der IR, und den daran anschlie&#223;enden Entwicklungen ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt. Dies signalisiert das Ende der IR wie wir sie bisher kannten, denn zu diesem Zeitpunkt scheint eine Ann&#228;herung der unvers&#246;hnlichen Fraktionen kaum mehr m&#246;glich.<br />
Die Betroffenen dieser Machtk&#228;mpfe sind dabei nicht selten die von diesen Fraktionen angeblich repr&#228;sentierten Bev&#246;lkerungsschichten. Diese fordern dann entweder in – mehr oder minder – demokratischen parlamentarischen Wahlen ihr St&#252;ck vom Kuchen oder versuchen sich &#252;ber Proteste auf der Stra&#223;e Geh&#246;r zu verschaffen. Das Besondere an der aktuellen Bewegung ist die massenhafte Aktivierung und Partizipation breiter Teile der Bev&#246;lkerung, die aufs Neue das Schicksal der IR nicht den scheinbar unantastbaren Eliten &#252;berlassen wollen – Anleihen an die Ereignisse von 1979 scheinen in dieser Hinsicht durchaus gerechtfertigt. Gleichzeitig werden in dieser „gr&#252;nen“ Bewegung, trotz ihrer Heterogenit&#228;t, die Kontinuit&#228;ten der Reformbewegung der 1990er Jahre augenscheinlich: dass die Vehemenz der sozialen Forderungen weit hinter den gesellschaftspolitischen zur&#252;ckbleibt, ist hier wie dort charakteristisch. Diese politische Schwachstelle verhindert bisher, dass ArbeiterInnen und <em>mostazafin </em>ihren eigenen Interessen <em>innerhalb </em>einer breiten Bewegung f&#252;r Demokratie und Freiheit organisiert Ausdruck verleihen k&#246;nnen. Dass die bisher von der Reformbewegung getrennt verlaufenden, militanten Arbeitsk&#228;mpfe und Ans&#228;tze zur Organisierung unabh&#228;ngiger Arbeitskooperationen der letzten Jahre Eingang in die Bewegung finden, wird wohl ma&#223;geblich &#252;ber Erfolg sowohl der Arbeitsk&#228;mpfe als auch der Oppositionsbewegung selbst entscheiden.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ob ein Wahlbetrug stattgefunden hat oder nicht, ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Zweifelsohne sprechen jedoch viele Anzeichen daf&#252;r. F&#252;r eine Analyse der Wahl siehe: Ali Ansari, Daniel Berman, Thomas Rintoul. Preliminary Analysis of the Voting Figures in Iran‘s 2009 Presidential Election. Ver&#246;ffentlicht durch Chatham House und Institute for Iranian Studies, University of St. Andrews, 21 Juni 2009. http://www.chathamhouse.org.uk/publications/papers/view/-/id/755/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Kandidaten waren: einerseits Mohsen Rezai, ehemaliger General der Revolutionsgarden und Mitglied des Schlichtungsrates und Mahmud Ahmadinejad, amtierender Pr&#228;sident des Irans, die dem konservativen Lager zugerechnet wurden, andererseits Mehdi Karroubi, langj&#228;hriger Pr&#228;sident des Parlaments, sowie Mir Hossein Moussawi, die als Kandidaten der Reformer galten. Hunderte andere Kandidaten wurden vom W&#228;chterrat von der Wahl ausgeschlossen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Liste kreativer Aktions- und Protestformen k&#246;nnte hier lange weiter gef&#252;hrt werden. Interessant waren zum Beispiel auch die Proteste am 18. September in ganz Iran, als wieder Zehntausende auf die Stra&#223;en gingen um zu demonstrieren. Der Al-Quds Tag („Jerusalem Tag“), welcher ein nationaler Feiertag ist und immer am letzten Freitag von Ramadan stattfindet, war von Ayatollah Khomeini ausgerufen worden um die Solidarit&#228;t mit den Pal&#228;stinensern zu demonstrieren. Dieser Tag ist normalerweise eine Gelegenheit f&#252;r das Regime, um seine St&#228;rke zu demonstrieren und staatliche Demonstrationen zu organisieren. An diesem Tag jedoch unterwanderte die Opposition die staatlichen Demonstrationen und nutzte die M&#246;glichkeit, um gegen Ahmadinejad zu protestieren. Ein Spruch, der zum Beispiel versuchte, staatliche Dogmen zu dekonstruieren war „Ob in Gaza oder Iran, stoppt das t&#246;ten der Menschen!“. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=sqyq9p9wDkM&#038;feature=player_embedded.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wobei schon viele mit dem Wahlbetrug gerechnet hatten und sich wahrscheinlich vorbereiteten auf die Stra&#223;en zu gehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Wobei an dem Begriff selbst auch einiges auszusetzen ist, vor allem wenn man beachtet, dass ein gro&#223;er Teil der Uniabsolventen kaum Berufsperspektiven erwarten k&#246;nnen und oft in der Arbeitslosigkeit oder im Billiglohnsektor landen. Der Umstand der Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor f&#252;r die Unzufriedenheit unter Jugendlichen und Studierenden.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die ermordeten Jugendlichen Neda Agha-Soltan und Sohrab Arabi gelten hier als Symbole, deren Bilder als zentrale Motive auf keiner Demonstration fehlen.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Siehe zu einer interessanten Auseinandersetzung mit der Verfassung der Islamischen Republik sowie Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>velayat-e faqih</em>) in: Vanessa Martin. Creating an Islamic State: Khomeini and the Making of a New Iran. London: I. B. Tauris, 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Von 1979 bis zu seinem Tod 1989 behielt Ayatollah Khomeini diesen Posten selbst. Nach seinem Tod &#252;bernahm Ayatollah Khamenei dessen Position.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Republikanismus und der Bezug auf Demokratie ist jedoch keineswegs erst ein Produkt der Revolution gewesen. Diese haben in der politischen Debatte eine lange Tradition welche mindestens auf die Verfassungsrevolution von 1906-1911 zur&#252;ckreicht. Diese „erste“ Revolution im Iran war und ist noch immer wichtiger Bezugspunkt f&#252;r demokratische Bewegungen.Siehe: Janet Afary. The Iranian Constitutional Revolution 1906-1911: Grassroots Democracy, Social Democracy,  and the Origins of Feminism. New York: Columbia University Press, 1996.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Siehe dazu &#252;bersetzte Statements von Moussawi auf www.khordaad88.com.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Einen wichtigen Beitrag leistete hierbei Ali Shari‘ati, ein von Frantz Fanons und anderen Theoretikern der so genannten „Dritten Welt“ beeinflusster iranischer Intellektueller, welcher eine radikale Interpretation des schiitischen Islam als Waffe gegen Imperialismus und Unterdr&#252;ckung zu verwenden versuchte. Seine Theorie eines „revolution&#228;ren Islam“ beeinflusste weite Kreise von vor allem Studierenden und Sch&#252;lern, welche in den 70er Jahren islamisch-revolution&#228;re Gruppen aufbauten. Viele Mitglieder der IR waren stark von ihm inspiriert und selbst Ayatollah Khomeini bediente sich Aspekte seiner Theorie (abgesehen von seiner Ablehnung des schiitischen Klerus als Institution). Siehe: Mansoor Moaddel. Class, Politics, and Ideology in the Iranian Revolution. New York: Columbia University Press (1992), 151f; Sami Zubaida. Islam, the People and the State: Political Ideas and Movements in the Middle East. London: I.B. Tauris (1993), 20-32.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ervand Abrahamian. A History of Modern Iran. Cambridge: Cambridge University Press (2008), 167.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ein gro&#223;er Teil der st&#228;dtischen Armen war erst seit kurzem vom Land in die St&#228;dte gezogen und hatten noch enge Verbindungen dorthin. Dieser Umstand pr&#228;gte unter anderem auch die sozio-kulturelle Zusammensetzung dieser Gruppe.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Andreas Malm und Shora Esmailian. Iran on the Brink: Rising Workers &#038; Threats of War. London: Pluto Press (2007), 35.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Peyman Jafari. After Spring comes Winter: The political economy of liberalisation and de-liberalisation in Iran, 49.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Khamenei war vom religi&#246;sen Rang her nur Hojatoleslam und nicht wie eigentlich vorgesehen Ayatollah. Um ihm zumindest den Schein der religi&#246;sen Legitimit&#228;t zu verleihen wurde er mit Unterst&#252;tzung Rafsanjanis und anderer konservativer Kleriker zum Ayatollah „ernannt“. Dieser Vorgang war unter anderen schiitischen Geistlichen, vor allem den Gro&#223;ayatollahs sehr umstritten und ist auch heute noch Ursache daf&#252;r, dass ihn viele hohe Geistliche aufgrund seiner fehlenden theologischen Qualifikation nicht anerkennen oder zumindest absch&#228;tzig betrachten. Siehe Wilfried Buchta. Who rules Iran? The structure of power in the Islamic Republic. Washington Institute for Near East Policy and Konrad Adenauer Stiftung, 2000, 86-88.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ansari. Modern Iran, 243f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Privatisierung ist dementsprechend eine fast unzureichende Beschreibung, da die Vergabe aufgrund von Netzwerken und Verbindungen stattfindet. Korruption und Vetternwirtschaft stellen hier zwei zentrale Aspekte dar und kennzeichnet das Verh&#228;ltnis von politischer und wirtschaftlicher Macht.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ein Begriff der fr&#252;her auf die Elite der Pahlavi Dynastie angewandt wurde.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Dies bedeutete, dass ca. 40% der f&#252;r die Privatisierung gedachten &#246;ffentlichen Anleihen an die &#196;rmsten und vom Staat abh&#228;ngigen Familien verteilt werden sollten.</p>
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		<title>Marx, Engels… und Darwin?</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 12:22:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Darwin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>

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		<description><![CDATA[Darwins Bedeutung f&#252;r die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften steht au&#223;er Frage. Aufgrund der sozialdarwinistischen Interpretation seiner Werke wird er jedoch in linken Zusammenh&#228;ngen oft kritisch be&#228;ugt. <em>Ian Angus</em> wagt anl&#228;sslich des diesj&#228;hrigen Darwin-Jubil&#228;ums eine Wiederann&#228;herung an seine materialistische Naturgeschichte und widmet sich den (politischen) Auseinandersetzungen in den Wissenschaften seiner Zeit.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Darwins Bedeutung f&#252;r die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften steht au&#223;er Frage. Aufgrund der sozialdarwinistischen Interpretation seiner Werke wird er jedoch in linken Zusammenh&#228;ngen oft kritisch be&#228;ugt. <em>Ian Angus</em> wagt anl&#228;sslich des diesj&#228;hrigen Darwin-Jubil&#228;ums eine Wiederann&#228;herung an seine materialistische Naturgeschichte und widmet sich den (politischen) Auseinandersetzungen in den Wissenschaften seiner Zeit.<br />
<span id="more-656"></span><br />
2009 ist in zweifacher Hinsicht ein Jubil&#228;um f&#252;r Charles Darwin: Am 12. Februar w&#252;rde er seinen zweihundertster Geburtstag feiern und am 24. November j&#228;hrt sich die Ver&#246;ffentlichung seines Hauptwerks, eines Buchs, das bis zum heutigen Tag kontrovers diskutiert wird. Obwohl Darwins politische Ansichten wenig radikal waren, bef&#246;rderten seine Erkenntnisse die Durchsetzung materialistischer Wissenschaften, die als Grundlage eines sozialistischen Weltverst&#228;ndnisses begriffen werden k&#246;nnen und trugen damit zur Entwicklung marxistischer Theorien bei.</p>
<p><strong>„Die Grundlage f&#252;r unsere Ansicht“</strong><br />
Die erste Auflage von <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> (<em>On the Origin of Species</em>) bestand aus nur 1.250 Exemplaren und war bereits am ersten Tag ausverkauft. Eines dieser Exemplare erwarb Friedrich Engels, der damals in Manchester lebte. Drei Tage sp&#228;ter schrieb er in einem Brief an Karl Marx: „&#220;brigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehn. Dazu ist bisher noch nie ein so gro&#223;artiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen, und am wenigsten mit solchem Gl&#252;ck.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Marx las <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> ein Jahr sp&#228;ter und war genauso enthusiastisch. Er nannte es, „das Buch, das die naturhistorische Grundlage f&#252;r unsere Ansicht enth&#228;lt.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> In einem Brief an den deutschen Sozialisten Ferdinand Lassalle schrieb er: „Sehr bedeutend ist Darwins Schrift und passt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes…Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der ‚Teleologie‘ in der Naturwissenschaft nicht nur der Todessto&#223; gegeben, sondern der rationelle Sinn derselben empirisch auseinandergelegt.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Marx legte 1862 gro&#223;en Wert darauf, einen &#246;ffentlichen Vortrag &#252;ber Evolution von Thomas Huxley, einem engen Mitarbeiter Darwins, zu besuchen und forderte seine politischen Mitstreiter auf, ihn zu begleiten. Wilhelm Liebknecht, ein Freund und Genosse, der Marx’ Familie oft in London besuchte, erinnerte sich sp&#228;ter: „[A]ls Darwin die Konsequenzen seiner Forschung zog und sie der &#214;ffentlichkeit vorlegte, da war bei uns monatelang von nichts anderem die Rede als von Darwin und der umw&#228;lzenden Gewalt seiner wissenschaftlichen Eroberungen”.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Obwohl Marx und Engels verschiedene Aspekte seiner „plumpen englischen Methode“ (MEW 29, 524) kritisierten, zeigten sie lebenslang h&#246;chsten Respekt f&#252;r Darwins wissenschaftliche Arbeit.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Im <em>Kapital</em> beschrieb Marx <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> als „epochemachendes Werk“.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> 1872 sandte Marx Darwin eine Kapital-Ausgabe, unterschrieben „von einem aufrichtigen Verehrer, Karl Marx“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Schlie&#223;lich verglich Engels die Werke in Marx‘ Grabrede 1883: „Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a></p>
<p><strong>Im Lichte Darwins sonnen</strong><br />
Einst als gef&#228;hrlicher Atheist verdammt, ist Charles Darwin heute nicht nur Gegenstand gro&#223;er Verehrung, sondern auch Gegenstand einer akademischen und kommerziellen „Darwin-Industrie“ mit unz&#228;hligen neuen B&#252;chern und Artikeln &#252;ber jeden m&#246;glichen Aspekt seines Lebens und Werks.<br />
Nachdem sich Marx und Engels nicht dieser Popularit&#228;t erfreuen, ist es nicht verwunderlich, dass einige ProtagonistInnen der Darwin-Industrie vehement gegen eine Verbindung zwischen Darwinismus und Marxismus argumentieren. Marx und Engels, so das Argument, versuchten sich ungerechtfertigterweise im Lichte Darwins zu sonnen. So etwa:<br />
Allan Megill argumentiert, dass „Marx und Engels sich zu Propagandazwecken auf Darwin beriefen“. Aber jeder Eindruck, dass Darwinsche Evolution und Marxismus &#228;hnlich seien, sei „vollkommen falsch.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Naomi Beck behauptet, dass „Darwin’s Theorie“ f&#252;r Marx und Engels „nur als Vorwand fungierte und in Wirklichkeit nicht mit ihren Ansichten verbunden war.“ Engels Vergleich zwischen Marx und Darwin war ein opportunistischer Versuch, „Marx’ unabh&#228;ngigen wissenschaftlichen Status als ebenb&#252;rtig zu Darwin zu etablieren.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
D.A. Stack sieht Engels Bemerkungen an Marx’ Grab als Teil einer „provinziellen, propagandistischen Kampagne […] sich im Lichte Darwins zu sonnen[…]Der Begriff darwinistisch wurde als Ehrentitel gebraucht, nichts weiter.“ Engels versuchte eifrig, „Marxismus im Schein des Darwinismus gl&#228;nzen zu lassen.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Hier ist schwer festzustellen, was schlimmer ist: der Zynismus, Engels zu unterstellen, er h&#228;tte das Begr&#228;bnis seines lebenslangen Freundes als Anlass genommen, einen l&#228;ppischen politischen Vorteil herauszuschlagen, oder die Ignoranz, die diese AutorInnen den revolution&#228;ren Implikationen des Darwinismus und der Bedeutung der Naturwissenschaften f&#252;r marxistische Theorie gegen&#252;ber an den Tag legen.<br />
JedeR, der/die sich ernsthaft mit den Arbeiten von Marx, Engels und Darwin auseinandersetzt, kann erkennen, dass auch wenn er/sie letzerem nicht vorbehaltlos zustimmt, Marx aus dessen Theorien wichtige Einsichten gewinnt und in ehrlicher Bewunderung &#252;ber sein Hauptwerk schrieb, sie enthalte „die naturhistorische Grundlage f&#252;r unsere Ansicht“. Um den diesbez&#252;glichen Marx´schen Ansatz zu verstehen, ist eine kontextualisierte Besch&#228;ftigung mit Darwins Schriften n&#246;tig, die den radikalen Bruch mit den dominanten Ideen seiner Zeit verdeutlicht.</p>
<p><strong>Ein unwahrscheinlicher Revolution&#228;r</strong><br />
Dass Charles Robert Darwin als Revoltion&#228;r in die Geschichte eingehen sollte, war gelinde gesagt unwahrscheinlich. Sein Vater war ein bekannter Physiker und reicher Investor; sein Gro&#223;vater war Josiah Wedgwood, Gr&#252;nder einer der gr&#246;&#223;ten Manufakturen Europas. Er hatte also keine finanziellen Sorgen in seinem Leben zu erwarten. 1825 schickte ihn sein Vater zum Medizinstudium an die Universit&#228;t Edinburgh, aber Darwin war mehr daran interessiert die Natur zu studieren, ein Fach, das an keiner englischen Universit&#228;t gelehrt wurde. Nach zwei Jahren verlie&#223; er die Universit&#228;t Edinburgh und wechselte nach Cambridge, um anglikanischer Priester zu werden – ein respektabler Beruf, der ausreichend Freizeit lie&#223; um K&#228;fer zu sammeln, V&#246;gel auszustopfen oder nach Fossilien zu suchen. (Das klingt ungew&#246;hnlicher, als es damals war. Die meisten Naturforscher der damaligen Zeit, die an Oxford oder Cambridge lehrten, waren anglikanische Priester. Der Klerus studierte die Natur nicht als Selbstzweck sondern als Beitrag zur „Naturtheologie“ – dem Verst&#228;ndnis Gottes durch das Studium seines Werkes.)<br />
Darwin scheint ein kompetenter Theologiestudent gewesen zu sein, aber besonders beeindruckte er die Lehrenden der Wissenschaften. Nach seinem Abschluss 1831 nahm ihn ein Professor auf eine dreiw&#246;chige geologische Expedition in den Norden von Wales mit. Sp&#228;ter empfahl ihn sein Botanikprofessor Robert Fitzroy, einem Kapit&#228;n der Royal Navy, der auf der Suche nach einem ehrenwerten Wissenschaftler, <em>a gentleman naturalist</em>, als unbezahlte Begleitung f&#252;r eine Erkundungsreise nach S&#252;damerika und den S&#252;dpazifik war.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
So fing alles an. Am 27.Dezember 1831 bestieg Charles Darwin das britische Erkundungsschiff <em>HMS Beagle</em>. Er reiste viel komfortabler als die Besatzung: a&#223; mit dem Kapit&#228;n, wurde von einem Diener begleitet und hatte ausreichend Geldmittel (von seinem Vater), um an Land komfortabel zu wohnen. Trotzdem war es keine Erholungsreise; er f&#252;hrte aufwendige und detaillierte geologische Studien durch, schrieb tausende Seiten wissenschaftlicher Beobachtungen und sammelte fossile und lebende Exemplare von mehr als 1.500 Arten.</p>
<p><strong>Ketzerei</strong><br />
Als er England verlie&#223; scheint Darwin ein konventioneller Christ gewesen zu sein, einer Meinung mit der „gro&#223;en Mehrzahl der Naturforscher,[die] glaubten, die Arten seien unver&#228;nderlich und jede einzelne sei f&#252;r sich erschaffen worden.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Deisten und fundamental Bibeltreue waren sich einig, dass die Arten durch das g&#246;ttliche Gesetz bestimmt waren. Hunde m&#246;gen sich in ihrer Erscheinung unterscheiden, aber Hunde verwandeln sich nicht in Schweine oder geb&#228;ren Katzen.<br />
Nach f&#252;nf Jahren wissenschaftlicher Forschung auf der <em>Beagle</em> und zwei weiteren Studienjahren daheim kam Darwin zu der ketzerischen Schlussfolgerung: Die Arten sind nicht unver&#228;nderlich. Alle Tiere stammen von gemeinsamen Vorfahren ab und unterschiedliche Arten sind Ergebnis von graduellen Ver&#228;nderungen &#252;ber Millionen von Jahren. Gott hatte damit nichts zu tun.<br />
Es ist heute schwer nachvollziehbar, wie erschreckend diese Idee f&#252;r die Mittel- und Oberklasse zu Darwins Zeiten gewesen sein muss. Religion war nicht nur das „Opium des Volkes“ – es gab den Reichen auch eine moralische Rechtfertigung f&#252;r ihr privilegiertes Leben in einer Welt des fortw&#228;hrenden Wandels und der grassierender Ungleichheit.<br />
Eine der beliebtesten Hymnen des viktorianischen Zeitalters dr&#252;ckt die Verbindung zwischen Gott dem Erschaffer allen Lebens und Gott, dem Bewahrer von gesellschaftlicher Ordnung und Stabilit&#228;t klar aus:<br />
<em>All things bright and beautiful,<br />
All creatures great and small,<br />
All things wise and wonderful,<br />
The Lord God made them all.<br />
Each little flower that opens,<br />
Each little bird that sings,<br />
He made their glowing colors,<br />
He made their tiny wings.<br />
The rich man in his castle,<br />
The poor man at his gate,<br />
God made them, high or lowly,<br />
And order’d their estate.</em></p>
<p><em>All things bright and beautiful</em> wurde 1848 ver&#246;ffentlicht, kurz nachdem eine Hungersnot mehr als eine Million Menschen in Irland hingerafft hatte und w&#228;hrend eine Welle revolution&#228;rer Aufst&#228;nde Europa erfasste. Angesichts solcher sozialen Krisen lehrten Hymnen wie diese und dazugeh&#246;rige Gebete den Reichen wie den Armen, dass der Status Quo vorherbestimmt ist. JedeR, der/die Gottes Wort anzweifelte, bedrohte daher die zerbrechliche gesellschaftliche Ordnung.</p>
<p><strong>Das „Geheimnis aller Geheimnisse“</strong><br />
Nichtsdestotrotz wussten die meisten gebildete Menschen, so auch Darwin, bereits in den 1830er Jahren, dass die Sch&#246;pfungsgeschichte nicht wortw&#246;rtlich stimmte. Die Expansion des Kapitalismus im 18. Jahrhundert hatte zur Ausweitung von Bergbauund Kanalbauten gef&#252;hrt; diese Arbeiten legten geologische Schichten und alte Fossilien frei, die bewiesen, dass die Erde mehrere Millionen Jahre alt war – nicht die sechstausend Jahre, die ihr die Bibel zugestand. Dar&#252;ber hinaus zeigten fossilen Funde, dass heute unbekannte Tiere fr&#252;her verbreitet waren, w&#228;hrend heute lebende Tiere erst relativ sp&#228;t auftauchten. Dies widersprach der Behauptung der gleichzeitigen g&#246;ttlichen Erschaffung aller Arten. Gleichzeitig bef&#246;rderte der Imperialismus weltweite Expeditionen und die Entdeckung einer Pflanzen- und Tierwelt, vielf&#228;ltiger als sie sich irgendeinE Europ&#228;erIn je vorgestellt h&#228;tte – viel mehr als in Eden gelebt oder auf Noahs Arche Platz finden h&#228;tten k&#246;nnen. In den 1830ern stimmten Wissenschaftler &#252;berein, dass es nur zwei m&#246;gliche Erkl&#228;rungen f&#252;r die gesammelten Funde g&#228;be. Der einflussreiche Cambridge Professor William Whewell fasst die M&#246;glichkeiten zusammen:<br />
Entweder m&#252;ssen wir die Doktrin der Umwandlung der Arten akzeptieren und annehmen, dass die Arten einer geologischen Epoche in die einer anderen Epoche durch die lange, kontinuierliche Wirkung nat&#252;rlicher Ursachen umgewandelt wurden; oder wir glauben an sukzessive Sch&#246;pfungs- und Extinktionshandlungen, au&#223;erhalb des gew&#246;hnlichen Gangs der Natur; Handlungen, die wir daher richtigerweise als Wunder bezeichnen k&#246;nnen.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Whewell, wie jeder andere respektierte Wissenschaftler dieser Zeit, zweifelte nicht an der Antwort: Tiere wie Pflanzen m&#246;gen in Reaktion auf externe Umst&#228;nde variieren, aber „die &#228;u&#223;erste Grenze der Variation ist meist in kurzer Zeit erreicht: D.h., Arten haben eine reale Existenz in der Natur, und eine Ver&#228;nderung von einer in die andere existiert nicht.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Wenn die Arten sich nicht mit der Zeit ver&#228;ndern k&#246;nnen, k&#246;nnen die Fossilberichte nur durch Wunder erkl&#228;rt werden. Aber wie hat Gott das gemacht? Wie sieht der Prozess der g&#246;ttlichen Sch&#246;pfung auf Erden eigentlich aus? „Der Austausch ausgestorbener zu anderen Arten“ war, so schrieb der Astronom John Herschell, „das Geheimnis aller Geheimnisse.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
W&#228;hrend einige Wissenschaftler und Theologen darauf bestanden, dass Gott pers&#246;nlich jedes Mal, wenn eine neu Spezies ben&#246;tigt wurde, eingreifen muss, waren andere &#252;berzeugt, dass der Sch&#246;pfer das Universum so konzipiert hat, dass neue Arten durch „sekund&#228;re Ursachen“, wie z.B. nat&#252;rliche Umst&#228;nde, erschaffen werden, wann immer sie gebraucht w&#252;rden.<br />
Besonders bemerkenswert ist heute die Tatsache, dass „von Gott geschaffen“ nicht nur eine akzeptable Antwort auf schwierige Fragen darstellte, sondern dass dieser Ansatz als Standard wissenschaftlicher Methode angesehen war. Selbst Wissenschaftler, die glaubten die Natur k&#246;nne vollst&#228;ndig durch nat&#252;rliche Gesetze erkl&#228;rt werden, glaubten daran, dass Gott diese Gesetze einsetzte, um den Fortlauf der Sch&#246;pfung nach seinem Willen sicherzustellen.</p>
<p><strong>Evolution vor Darwin</strong><br />
Dass es das wissenschaftliche Establishment f&#252;r notwendig befand, die „Umwandlung von Arten“ heftig zu bestreiten, zeigt dass nicht alle damit &#252;bereinstimmten, dass sich Arten nicht ver&#228;ndern k&#246;nnen.<br />
Ein nennenswertes Beispiel ist Charles Darwins Gro&#223;vater Erasmus Darwin. Er beschrieb sowohl in seinem Buch „Zo&#246;nomia“ 1794 als auch 1803 in dem buchlangen Gedicht ‚The Temple of Nature‘ etwas &#196;hnliches wie Evolution. Seine Vorstellung von Evolutions scheinen keinen Einfluss auf irgendjemand gehabt zu haben – Charles Darwin f&#252;hrt dies sp&#228;ter auf „[ein] &#220;berma&#223; an Spekulation im Verh&#228;ltnis zu den gegebenen Fakten“ zur&#252;ck.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Andere stellten &#228;hnliche Spekulationen an, doch vor Darwin schlugen nur zwei Autoren ausgearbeitete Theorien zum Artenwandel &#252;ber die Zeit vor: Jean-Baptiste Lamarck und Robert Chambers.<br />
Lamarck wurde in den 1790ern zum Vorstand des Instituts f&#252;r Wirbellosenforschung des <em>Muséum National d’Histoire Naturelle</em> in Paris ernannt, als Frankreichs revolution&#228;re Regierung die wissenschaftlichen Institutionen des Landes umorganisierte. Im fr&#252;hen 19.Jahrhundert argumentierte er, dass heute lebende Tiere Nachfahren von weniger komplexen Vorfahren seien.<br />
Anders als Darwin ging Lamarck nicht von gemeinsamen Vorfahren aus. Er entwickelte ein komplexes Modell, in dem jeder Organismustyp einen eigenen evolution&#228;ren Prozess durchmachte. Die Natur erschaffe andauernd und spontan neue evolution&#228;re Linien, angefangen mit einzelligen Tieren, die einen inh&#228;renten Trieb besitzen, &#252;ber die Zeit komplexer oder perfekter zu werden. Schlussendlich erreichen sie, wenn der Aufstieg nicht unterbrochen wird, die Spitze der Perfektion als menschliche Wesen.<br />
Aber der Aufstieg wird oft von Umweltver&#228;nderung en unterbrochen, auf welche die Spezies reagieren m&#252;ssen. Giraffen entwickeln lange H&#228;lse, um hohe Bl&#228;tter zu erreichen, w&#228;hrend Fische, die in H&#246;hlen leben, blind werden, weil sie ihre Augen nicht benutzen. Diese Ver&#228;nderungen werden an die Nachfahren weitergegeben. Laut Lamarck stellt dies einen sekund&#228;ren Prozess dar, aber der Begriff „Lamarckismus“ wurde seitdem mit „Vererbung erworbener Eigenschaften“ gleichgesetzt.<br />
Die Ansicht Lamarcks erhielt in Frankreich wenig Unterst&#252;tzung von anderen WissenschaftlerInnen. In England entstand eine kleine aber bedeutende lamarckistische Untergrund-Str&#246;mung, getragen von radikalen DemokratInnen, SozialistInnen und S&#228;kularen zwischen 1820 und 1850. Viele nutzten lamarckistische Argumente, um den undemokratischen englischen Staat und die anglikanische Kirche zu kritisieren.<br />
Versatzst&#252;cke von Lamarcks Evolutionstheorie – die ein Modell eines r&#252;cksichtslosen, „von unten“ angetriebenen Aufstiegs lieferten – tauchten in der Presse auf. Lamarcks Ansicht, dass sich Tiere aus eigener Anstrengung in etwas H&#246;heres verwandeln und diese Errungenschaften weitergeben k&#246;nnen – alles ohne g&#246;ttliche Hilfe – gefiel den aufst&#228;ndischen ArbeiterInnenklassen. Seine Ideen wurden in illegalen Boulevardbl&#228;ttern verbreitet, wo sie mit Forderungen nach Demokratie und Angriffen auf den Klerus vermischt wurden.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Viel einflussreicher auf die breite &#246;ffentliche Meinung in England war das Erscheinen des Buchs <em>Vestiges of the Natural History of Creation, das 1844 von Robert Chambers, einem Zeitschriftenherausgeber und Amateurgeologen aus Edinburgh</em>, anonym ver&#246;ffentlicht wurde. Er f&#252;hrte die gesamte Geschichte des Universums auf ein von Gott bestimmtes „Gesetz der Entwicklung“ zur&#252;ck, das Sterne, Planeten und schlie&#223;lich das Leben hervorbrachte. Nachdem das erste Leben auf Erden spontan auftauchte, stiegen Tiere und Pflanzen die Lebensleiter hinauf. „Es gefiel der Vorsehung, es so zu arrangieren, dass eine Art eine andere gebar, bis die zweith&#246;chste den Mensch gebar, der die allerh&#246;chste ist“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Chambers meinte „geb&#228;ren“ w&#246;rtlich. Aufbauend auf der Theorie, dass Embryos Stadien durchlaufen, die &#228;hnlich den adulten Stadien primitiverer Tiere sind, schloss er, dass, sobald es Zeit f&#252;r eine neue Art war, weibliche Tiere ihre Schwangerschaftszeit verl&#228;ngern konnten. Dadurch k&#228;me der Nachwuchs als neue Spezies auf einer h&#246;heren Stufe zur Welt.<br />
Im Allgemeinen vom wissenschaftlichen Establishment verurteilt und heute fast vergessen, war <em>Vestiges</em> dennoch ein sensationeller Bestseller. Vor <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> war Vestiges das einzige Buch zur Evolution, das wohl die meisten BritInnen gelesen hatten.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p><strong>Essentialismus und Teleologie</strong><br />
Wie gezeigt werden konnte, provozierten die wissenschaftlichen Entdeckungen des sp&#228;ten achtzehnten und fr&#252;hen neunzehnten Jahrhunderts weitl&#228;ufige Spekulationen &#252;ber Herschells „Geheimnis aller Geheimnisse.“ Viele WissenschaftlerInnen und Laien pr&#228;sentierten ihre Ansichten dar&#252;ber, wie das augenscheinliche Aussterben und Auftauchen neuer Arten erkl&#228;rt oder wegerkl&#228;rt werden konnte. W&#228;hrend sich die Erkl&#228;rungsmodelle unterschieden, fu&#223;ten sie doch alle auf einer gemeinsamen Ideologie: das Zwillingskonzept von Essentialismus und Teleologie.<br />
<em>Essentialismus</em> basiert auf dem ersten Gesetz der formalen Logik (Identit&#228;tssatz): ein Ding ist immer gleich seiner selbst, A ist immer A. Das ist eine n&#252;tzliche, ja oftmals notwendige Annahme, aber sie vernachl&#228;ssigt die tats&#228;chliche Ver&#228;nderung – dass &#252;ber die Zeit alle Dinge verfallen, sich umformen oder zusammenfallen, so dass A sich in etwas ver&#228;ndert, das nicht mehr A ist. In der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts nahmen EssentialistInnen an, dass die Definition oder Idee einer Spezies wichtiger, sogar realer ist, als der spezifische Organismus, den wir tats&#228;chlich untersuchen k&#246;nnen. Eine Spezies ist ein konstanter, unver&#228;nderlicher Typ – die in der Natur beobachteten Variationen sind zuf&#228;llig und verg&#228;nglich.<br />
Wie erw&#228;hnt glaubte William Whewell fest daran, dass „Spezies eine wahre Existenz in der Natur besitzen, und ein &#220;bergang von einer in die andere nicht existiert.“ Charles Lyell, ein f&#252;hrende Geologe seiner Zeit, widmete einige Kapitel seines wichtigsten Buchs <em>Principles of Geology</em> einer Kritik an Lamarcks Ideen des Artenwandels. Wie Stephan Jay Gould zeigt, basiert Lyells Argument nicht auf einer tats&#228;chlichen<br />
Untersuchung der Natur, sondern auf seiner essentialistischen Philosophie: „Lyells Gegenargument zu einem Modell der Evolution als unmerklichem &#220;bergang zwischen Arten basiert auf der Betrachtungsweise von Spezies als Entit&#228;ten, nicht Tendenzen; Dingen, nicht beliebigen Elementen eines flie&#223;enden &#220;bergangs. Arten tauchen zu bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen auf. Sie sind, wenn man so will, Elemente mit einem spezifischen Ursprung, haben w&#228;hrend der gesamten Dauer ihrer Existenz einen unver&#228;nderlichen Charakter und schlie&#223;lich einen definierten Moment ihrer Ausl&#246;schung.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Es ist offensichtlich, dass diejenigen, die Evolution ablehnten, essentialistische Ansichten hatten. Aber auch Modelle wie das von Chambers, in dem ein Organismus einer Art eine andere Art auf die Welt bringt, waren ebenso essentialistisch. In ihrer Sicht von Evolution ver&#228;nderten sich Arten nicht, sondern eine nat&#252;rliche Art wurde vollst&#228;ndig durch eine neue ersetzt.<br />
<em>Teleologie</em> ist der Glaube, dass alle Dinge f&#252;r ein bestimmtes Endergebnis gestaltet oder inh&#228;rent darauf ausgerichtet sind. V&#246;geln wurden Fl&#252;gel gegeben, damit sie fliegen k&#246;nnen, Giraffen hatten lange H&#228;lse, um hohe Bl&#228;tter erreichen zu k&#246;nnen und die Erde wurde als Ort erschaffen, an dem Menschen leben k&#246;nnen. Die Idee, dass die Erde und alle Lebewesen von Gott geplant wurden, um seine g&#246;ttlichen Ziele zu erreichen, war allgemein von den f&#252;hrenden Philosophen und Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts akzeptiert. Anerkannte Denker behaupteten, dass Kohlevorkommen in England niedergelegt wurden, um sp&#228;ter von der Industrie verwendet werden zu k&#246;nnen oder dass die Tatsache, dass der Lebenszyklus der meisten Pflanzen der Dauer einer Sonnenumkreisung gleicht, ganz offensichtlich auf einen g&#246;ttlichen Plan hinweist. Selbst Lamarck, der Gott nicht in seine Theorien integrierte, behauptete, dass es eine geheimnisvolle Kraft gab, die alle Organismen zu h&#246;herer Perfektion trieb, bis sie die Perfektion des Menschen erreichten.</p>
<p><strong>Nat&#252;rliche Selektion</strong><br />
In <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> argumentierte Darwin, dass drei Faktoren bei der Entstehung neuer Arten zusammenwirken: Populationsdruck, Variation und Vererbung, und nat&#252;rliche Selektion.</p>
<p>Populationsdruck: Alle Organismen tendieren dazu, mehr Nachkommen zu zeugen als in der lokalen Umwelt &#252;berleben k&#246;nnen. Viele Individuen sind nicht in der Lage, zu &#252;berleben oder sich fortzupflanzen.<br />
Variation und Vererbung: Es gibt viele Variationen zwischen den Mitgliedern einer bestimmten Population: keine zwei Individuen sind exakt gleich. Die meisten dieser Variationen sind vererblich – d.h. sie werden an die Nachkommen der jeweiligen Individuen weitergegeben. W&#228;hrend viele dieser Variationen nicht entscheidend sind (z.B. Augenfarbe), werden manche die &#220;berlebens- und Reproduktionschancen eines Individuums erh&#246;hen oder vermindern.<br />
Nat&#252;rliche Selektion: Individuen mit vorteilhaften Merkmalsvariationen tendieren dazu, mehr Nachkommen als der Durchschnitt zu haben; diejenigen mit unvorteilhaften Variationen tendieren zu weniger Nachkommen. Im Ergebnis werden unvorteilhafte Variationen &#252;ber lange Zeitperioden dazu tendieren, sich zu verringern, w&#228;hrend vorteilhafte Variationen h&#228;ufiger werden.<br />
Diese Thesen implizieren eine vollkommen andere Erkl&#228;rung der langen Giraffenh&#228;lse. Im Gegensatz zu Lamarck ging Darwin davon aus, dass die Vorfahren von Giraffen unterschiedlich lange H&#228;lse hatten. Diejenigen mit l&#228;ngeren<br />
H&#228;lsen konnten mehr Bl&#228;tter erreichen als diejenigen mit k&#252;rzeren. Besser gen&#228;hrt wurden sie st&#228;rker, tendierten dazu, l&#228;nger zu leben und hatten mehr Nachkommen – &#252;ber die Zeit nahm die durchschnittliche Halsl&#228;nge in der gesamten Population zu. Anders als Lamarck und Chambers spekulierte Darwin nicht einfach. Seine „Theorie einer Abstammung mit Modifikationen durch Ab&#228;nderung und nat&#252;rliche Zuchtwahl“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> wurde in Jahren sorgf&#228;ltiger Studien und  Experimente entwickelt und verfeinert. In seinem Haus iml&#228;ndlichen Kent s&#252;dlich von London untersuchte er unterschiedlichste Arten von Tieren, z&#252;chtete Tauben und experimentierte mit Pflanzenkeimen und Samenverbreitung. Dar&#252;ber hinaus diskutierte er mit und lernte von Menschen mit Praxiswissen – Wildh&#252;tern, Taubenbesitzern, Schaf- und Viehz&#252;chtern, G&#228;rtnern und Zoow&#228;rtern.<br />
Diese materialistischen Methoden brachten ihn zu einer durchwegs materialistischen Theorie – zu einer Zeit, als Materialismus in respektablen Kreisen nicht einfach unbeliebt war, sondern als subversiv und politisch gef&#228;hrlich betrachtet wurde. Als er zwischen 1838 und 1848 erstmals seine Ideen ausarbeitete, wurde England von einer ungekannten Welle von Massenaktionen, politischen Protesten und Streiks erfasste. Radikale Ideen – <em>materialistische, atheistische Ideen</em> – wurden von vielen innerhalb der ArbeiterInnenklasse diskutiert und das Bevorstehen eines revolution&#228;ren Wandels wurde erwartet (oder gef&#252;rchtet). Darwin war selbst nie aktiv in Politik involviert. Er war aber aus der privilegierten, reichen Mittelklasse und diese Klasse war unter Beschuss. Wie John Bellamy Foster schreibt: „Darwin glaubte fest an die b&#252;rgerliche Ordnung. Seine Wissenschaft war revolution&#228;r, aber Darwin als Mensch war es nicht.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Darwin wollte nicht mit den Radikalen identifiziert und m&#246;glicherweise von seinen wissenschaftlichen Kollegen ge&#228;chtet werden; deshalb schrieb er 1844 eine 270-seitige Darstellung seiner Theorie, f&#252;gte einen Brief hinzu in dem er seine Frau bat, sie zu ver&#246;ffentlichen, falls er sterben sollte, und erz&#228;hlte ansonsten niemandem davon. Zwischen 1844 und 1854 verfasste er statttdessen Reiseberichte, wissenschaftliche B&#252;cher &#252;ber Korallenriffs und Vulkaninseln und einen ausf&#252;hrlichen vierb&#228;ndigen Bericht &#252;ber Rankenfu&#223;krebse. Erst Mitte der 1850er, als seine wissenschaftliche Reputation gesichert war und die gesellschaftlichen Unruhen der 1840er vorbei zu sein schienen, widmete er sich wieder dem Thema, f&#252;r das er heute bekannt ist.<br />
Selbst zu diesem Zeitpunkt h&#228;tte er die Ver&#246;ffentlichung wahrscheinlich noch weiter verschoben, h&#228;tte ihm nicht ein junger Naturalist namens Alfred Russel Wallace ein Essay mit &#228;hnlichen Ideen wie den seinen geschickt. Auf Druck von Freunden legte Darwin das „gro&#223;e Buch &#252;ber die Arten“ zur Seite, an dem er arbeitete, und bereitete vor, was er ein Abstract nannte. <em>&#220;ber die Entstehung der Arten durch nat&#252;rliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der beg&#252;nstigten Rassen im Kampfe ums Dasein</em> erschien im November 1859.</p>
<p><strong>Gegen die Wissenschaften seiner Zeit</strong><br />
Darwin w&#228;lzte die fundamentalen Konzepte der Wissenschaften des 19.Jahrhunderts um. Er verwarf den Essentialismus: „Ich [halte] die Bezeichnung ‚Art’ f&#252;r willk&#252;rlich, gewisserma&#223;en aus Bequemlichkeit auf eine Reihe von Individualit&#228;ten angewendet, die einander sehr &#228;hnlich sind.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Eine Art ist kein Ding und Ver&#228;nderung bedeutet nicht die Umwandlung oder den Austausch dieses Dings. Eine Art ist eine Population realer, konkreter Individuen. Variationen sind keine Ausnahmen oder Abweichungen von der Essenz einer Art – Variation ist die konkrete Realit&#228;t der Natur. „Die Wahrheit ist immer konkret“, w&#252;rde einE MarxistIn sagen. Arten sind nicht fixe, unver&#228;nderliche Dinge: sie haben eine reale Geschichte und k&#246;nnen nur richtig verstanden werden, wenn untersucht wird wie sie sich in der Zeit ver&#228;ndern.<br />
Und er &#252;berwand die Teleologie: „Weit davon entfernt zu glauben, dass Katzen existieren, um gut M&#228;use zu fangen,“ schreibt Darwin seinem Kollegen Thomas Huxley, „nimmt Darwinismus an, dass Katzen existieren, weil sie M&#228;use gut fangen k&#246;nnen – M&#228;usefangen ist nicht das Ziel, sondern die Bedingung ihrer Existenz.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Lebendige Organismen haben sich ver&#228;ndert und ver&#228;ndern sich weiter als Ergebnis nat&#252;rlicher Prozesse, die kein Ziel und keinen Grund haben. Eine Giraffe ist in keinem Sinn „weiter entwickelt“ oder „perfekter“ als ihre kleineren Vorfahren – sie ist einfach besser an ihre Umgebung angepasst. Als Darwin 1882 starb, galt Evolution von den meisten WissenschaftlerInnen als akzeptiert – aber es dauert um vieles l&#228;nger bis der materialistischer Kern Darwins Arbeit anerkannt war: dass Variation und nat&#252;rliche Selektion die Prozesse sind, die Artenwandel antreiben. Selbst unter Darwins engsten Mitstreitern und Unterst&#252;tzern gab es viele, die sich an die essentialistische Idee klammerten, dass Arten durch pl&#246;tzliches Ersetzen entstehen, oder an die teleologische Idee, dass evolution&#228;re Prozesse geleitet oder vorherbestimmt sind durch Gott.</p>
<p><strong>Evolution und Marxismus</strong><br />
Darwin tat f&#252;r das Verst&#228;ndnis von Natur, was Marx und Engels f&#252;r menschliche Gesellschaften taten – er &#252;berwand Teleologie und Essentialismus und etablierte eine materialistische Grundlage f&#252;r ein Verst&#228;ndnis davon, wie Organismen sich &#252;ber die Zeit ver&#228;ndern. Genau das war gemeint, als Marx <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> als „die Grundlage“ bezeichnete.<br />
Marx war 1844, w&#228;hrend Darwin im Geheimen seine erste vollst&#228;ndige Darstellung der nat&#252;rlichen Selektion schrieb, in Paris und entwickelte seine Kritik am zeitgen&#246;ssischen politischen und philosophischen Denken. Ein Jahr sp&#228;ter schrieben Marx und Engels <em>Die deutsche Ideologie</em>, den ersten ausgereiften Teil dessen was sp&#228;ter als historischer Materialismus bekannt wurde. Urspr&#252;nglich beinhaltete es folgende Passage:<br />
<em>Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen aufgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a></em><br />
Sie entschieden sich den Absatz aus der endg&#252;ltigen Version zu streichen, um kein Thema anzuschneiden, das sie aus Zeitgr&#252;nden weder sorgf&#228;ltig untersuchen noch ordentlich diskutieren konnten. Diese Passagen zeigen aber, warum Marx und Engels so begeistert von Darwins Arbeit waren. F&#252;nfzehn Jahre vor dem Erscheinen von <em>&#220;ber die Entstehung der Arten</em> waren sie zuversichtlich, dass Natur mit denselben nicht-teleologischen und nicht-essentialistischen, d. h. historischen, materialistischen Prinzipien erkl&#228;rt werden k&#246;nne, die ihrer eigenen Analyse menschlicher Gesellschaft zugrunde liegen. Indem es eine sorgf&#228;ltig recherchierte und aussagekr&#228;ftige Best&#228;tigung dieser Annahme lieferte, erg&#228;nzte Darwins Buch den historischen Materialismus. Dies war die materialistische Erkl&#228;rung des historischen Charakters der Natur, von deren Notwendigkeit sie &#252;berzeugt waren. Engels schreibt in Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, dass es: „in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht,… sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Sto&#223; versetzt hat durch seinen Nachweis, da&#223; die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Natur und Gesellschaft</strong><br />
Ein Schl&#252;sselelement von D.A. Stacks Behauptung, Engels versuche sich „im Lichte Darwins zu sonnen“, ohne sich dabei wirklich dem Darwinismus verpflichtet zu f&#252;hlen, war die Aussage, dass Engels keinen „sinnvollen oder erfolgreichen Versuch unternommen hatte, marxistische Politik und darwinistische Wissenschaft zu vereinen“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Wenn wir, wie Stack dies zu tun scheint, eine sehr enge Definition von Politik akzeptieren, dann ist diese Anschuldigung vollkommen richtig. Engels hat es nicht einfach nur nicht geschafft, ein marxistisches Programm auf der Grundlage Darwins Wissenschaft vorzuschlagen – er hat so ein Programm sogar ausdr&#252;cklich abgelehnt.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Eine solche Konzeption wurde z. B. vom englischen libert&#228;ren Philosophen Herbert Spencer vorgeschlagen. Er ging von der Idee aus, dass die Theorie der nat&#252;rlichen Selektion eine angemessene Grundlage f&#252;r das Verst&#228;ndnis und zur Regulierung menschlicher Gesellschaften sei und pr&#228;gte die Phrase „survival of the fittest“. Er argumentierte, dass nat&#252;rliche Selektion schlussendlich zu einer perfekten Gesellschaft f&#252;hren w&#252;rde, aber nur wenn sie frei walten und die „unfitten“ Individuen eliminieren k&#246;nne. Deshalb war er gegen &#246;ffentliche Bildung, verpflichtende Impfprogramme, &#246;ffentliche Bibliotheken, Gesetze zu Sicherheit am Arbeitsplatz und selbst gegen Spenden f&#252;r die „unw&#252;rdigen Armen.“<br />
Solche Ansichten, die sp&#228;ter „Sozialdarwinismus“ genannt wurden, wurden freudig von den VerteidigerInnen des reinen Kapitalismus aufgenommen. So formulierte John D. Rockefeller in einer Sonntagsschule in New York City: „Das Wachstum von gro&#223;en Unternehmen entspricht nur dem &#220;berleben des St&#228;rkeren… Die ‚American Beauty Rose’ kann ihre ganze Pracht und den Duft, der ihre Betrachter erfreut, nur dann hervorbringen, wenn die fr&#252;hen Knospen um sie herum geopfert werden. Das ist keine b&#246;se Absicht der Unternehmen. Das ist das Gesetz der Natur und das Gesetz Gottes.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Engels Kritik an Versuchen, biologische Gesetze auf Gesellschaften anzuwenden war vernichtend. In einem Brief an den Sozialisten Pyotr Lavrov von 1875,zeigte er, dass „b&#252;rgerliche Darwinisten“ – eine politische Str&#246;mung in Deutschland, die behaupteten Darwins Ansichten anzuwenden – zuerst das politische Konzept des „&#220;berleben des St&#228;rkeren“ auf die Natur anwandten und dann den Prozess einfach umdrehten: „Die ganze Darwinsche Lehre vom Kampf ums &#220;berleben ist einfach die &#220;bertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes und der b&#252;rgerlich-&#246;konomischen Theorie der Konkurrenz, nebst der Malthusschen Bev&#246;lkerungstheorie in die belebte Natur. Hat man dieses Kunstst&#252;ck fertiggebracht…so r&#252;ck&#252;bertr&#228;gt man dieselbe Theorie aus der organischen Natur wieder in die Geschichte und behauptet nun, man habe ihre G&#252;ltigkeit nachgewiesen. Die Dummheit dieser Vorgehensweise ist offensichtlich und es brauchen keine Worte daf&#252;r verschwendet werden.“<br />
Diese politischen Darwinisten sind nach Engels erstens schlechte &#214;konomen und zweitens schlechte Naturwissenschafter und Philosophen.<br />
Marx und Engels hatten 1845 in der <em>Deutschen Ideologie</em> argumentiert, dass die F&#228;higkeit, die notwendigen Lebensmittel zu produzieren, Menschen von Tieren unterscheidet: „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre k&#246;rperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Engels wiederholte und erweiterte dieses Argument in den sp&#228;ten 1870ern in seinem nicht vollendeten Werk <em>Dialektik der Natur</em>: „Akzeptieren wir die Phrase: Kampf ums Dasein, f&#252;r einen Moment, for argument’s sake |zwecks Analyse des Beweises|. Das Tier bringt’s h&#246;chstens zum Sammeln, der Mensch produziert, er stellt Lebensmittel im weitesten Sinn des Worts dar, die die Natur ohne ihn nicht produziert h&#228;tte. Damit jede &#220;bertragung von Lebensgesetzen der tierischen Gesellschaften so ohne weiteres auf menschliche unm&#246;glich gemacht.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Engels best&#228;rkte ein grundlegendes Element der marxistischen Sicht der Natur – dass unterschiedliche Formen und Komplexit&#228;ten von Materie unterschiedlichen wissenschaftlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterliegen. Die Gesetze, die die Bewegung von Atomen und Molek&#252;len steuern, sind nicht dieselben Gesetze, die die Bewegung von Billardkugeln leiten. Und die Bewegungen von Galaxien, wenn man neuesten Entdeckungen in Astrophysik Glauben schenkt (z.B. die hypothetische Existenz von schwarzer Materie und schwarzer Energie) folgen wiederum ganz anderen Gesetzen.<br />
Die Gesetze, denen anorganische Materie folgt, bestimmen auch lebende Materie – aber sie sind verst&#228;rkt und in vielerlei Hinsicht ersetzt durch biologische Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die nicht auf Newtonsche Physik reduziert oder davon deduziert werden k&#246;nnen. Menschen sind ebenso physische und biologische Objekte, Gegenstand derselben physikalischen und biologischen Gesetze wie andere Tiere, aber wir sind zugleich soziale Wesen, die ihre eigenen Existenzmittel produzieren. Unsere Leben und unsere Geschichte kann also nicht hinreichend durch Physik und Biologie erkl&#228;rt werden.<br />
Wie Engels schrieb: „Schon die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassenk&#228;mpfen [ist] viel inhaltsvoller und tiefer als die blo&#223;e Reduktion auf schwach verschiedne Phasen ums Dasein.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Darwins Errungenschaften</strong><br />
Die Durchsetzung des Materialismus in den Wissenschaften ist eine der gr&#246;&#223;ten Errungenschaften der Menschheit. Allein aus diesem Grund – seinem Z&#246;gern, seinen Aufsch&#252;ben und seinen bourgeoisen Vorurteilen zum Trotz – verdient es Charles Darwin von jedem/jeder, der/die das Ende von Aberglaube und Ignoranz in allen Aspekten des Lebens bef&#252;rwortet, in Erinnerung zu bleiben und geachtet zu werden. Darwin war kein politischer Radikaler: abgesehen von seiner lebenslangen Ablehnung der Sklaverei und seinem Engagement in den politischen Angelegenheiten seiner kleinen Heimatstadt, scheint er wenig Interesse an politischer Aktivit&#228;t oder Theorie gehabt zu haben. Trotzdem hat er, wie der Evolutionsbiologe Ernst Mayr schrieb, „in seinen wissenschaftlichen Arbeiten St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck die grundlegenden philosophischen Konzepte seiner Zeit zerst&#246;rt und durch revolution&#228;r neue Konzepte ersetzt.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Dadurch hat Darwin unbeabsichtigt zur Entwicklung der revolution&#228;rsten sozialen Theorien beigetragen und sie gest&#228;rkt: die Ideen, die heute als Marxismus bekannt sind. Es ist offensichtlich m&#246;glich, wie Paul Heyer bemerkt, ein Darwinist in der Biologie zu sein und den Marxismus abzulehnen. Es ist aber umgekehrt nicht m&#246;glich ein konsistenter Marxist zu sein und Darwins Theorie abzulehnen. Der Grund ist klar. Zentral f&#252;r Marx’ Ansichten war die Annahme, dass Natur und Geschichte zusammen eine Totalit&#228;t bilden. Da der Mensch Teil der Natur und weiterhin auf sie angewiesen ist und sie umwandelt, ist Geschichte als Wissenschaft unvollst&#228;ndig, bis diese Grundlage vollst&#228;ndig verstanden ist. Niemand hat so viel zu diesem Verst&#228;ndnis beigetragen wie Darwin.<br />
Die Idee, dass die Natur eine Geschichte besitzt, dass Arten auf Grund nat&#252;rlicher Prozesse auftauchen, sich ver&#228;ndern und wieder verschwinden ist genauso revolution&#228;r und wichtig f&#252;r sozialistisches Denken, wie die Ansicht, dass Kapitalismus nicht in alle Ewigkeit besteht, sondern zu einer bestimmten Zeit auftauchte und eines Tages wieder verschwinden wird.</p>
<p><em>Ian Angus</em> ist Betreiber des Internet-Blogs <em>Climate and Capitalism</em> und Gr&#252;ndungsmitglied des <em>Ecosocialist International Network</em>. Teile dieses Artikels wurden zuvor in <em>Socialist Voice</em> und <em>Socialist Resistance</em> ver&#246;ffentlicht. Der ganze Artikel ist im englischen Original in <em>International Socialist Review</em> 65, May-June 2009 erschienen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> MEW 29, S. 524<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> MEW 30, S. 131<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> MEW 30, S. 578.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Liebknecht, Wilhelm: Reminiscences of Marx, in: Marx and Engels through the eyes of their contemporaries, Moskau 1978, S.106<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Mit einer Ausnahme: 1866 schrieb Marx an Engels, dass ein Buch von Pierre Tremaux &#252;ber Evolution einen „entscheidenden Vorteil gegen&#252;ber Darwin“ besitze. Engels, der wissenschaftliche Entwicklungen genauer verfolgte, antwortete, dass Tremauxs Buch „absolut wertlos“ sei und Schlussfolgerungen zog, die „vollkommen falsch oder unglaublich einseitig und &#252;bertrieben waren.“ Marx lie&#223; das Thema fallen.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> MEW 23, S. 361<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Foster, John Bellamy: Marx’s ecology, New York 2000, S. 207. Darwin antwortete mit einer h&#246;flichen Dankeskarte, las das Buch aber nicht.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> MEW 19, S. 335<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Megill, Allan: Karl Marx: The Burden of Reason. Lanham MD 2002, S. 54<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Beck, Naomi: The Origin and Political Thought; in: Ruse, Michael und Richards, Robert J. (Hg.): The Cambridge Companion to the Origin of Species. Cambridge 2000, S. 313, 310<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Stack, D. A.: The First Darwinian Left: Radical and Socialist Responses to Darwin, 1859–1914, In: History of Political Thought 21:4 (2000), S. 683–4. Stack wiederholt die meisten seiner Kommentare Wort f&#252;r Wort in: ders.: The First Darwinian Left: Socialism and Darwinism, 1859–1914. Cheltenham 2003, S. 4<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die starren Klassenhierarchien auf Marineschiffen bedeutete, dass der Kapit&#228;n nicht mit anderen Offizieren oder der Crew verkehren konnte. Die Marine erlaubte es aber angemessene Passagiere auf eigene Kosten mitzunehmen. Vgl. Gould, Stephan J.: Ever since Darwin, New York 1992, S. 28-33<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Darwin, Charles: Geschichtlicher &#220;berblick &#252;ber die Entwicklung der Ansichten von der Entstehung der Arten, in: Die Entstehung der Arten durch nat&#252;rliche Zuchtwahl, Hamburg 2004, S. 11<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Whewell, William: History of the Inductive Sciences, Vol. 2, London 1837, S. 563–65<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ebd.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Herschells Brief an Charles Lyell wurde 1837 ver&#246;ffentlicht in: Babbage, Charles: The Ninth Bridgewater Treatise, London 1838, S. 225–36. Darwin zitiert ihn im ersten Abschnitt von On the Origin of Species.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Darwin, Charles: Autobiography. http://www.stephenjaygould.org/library/darwin_autobiography.html.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Desmond, Adrian: The Politics of Evolution: Morphology, Medicine and Reform in Radical London, Chicago 1989, S. 4<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Chambers, Robert: Vestiges of the Natural History of Creation and Other Evolutionary Writings, Chicago 1994 [1844], S. 234<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Secord, James A.: Victorian Sensation: The Extraordinary Publication, Reception, and Secret Authorship of Vestiges of the Natural History of Creation,<br />
Chicago 2000, S. 526.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Gould, Stephen Jay: Time’s Arrow, Time’s Cycle: Myth and Metaphor in the Discovery of Geological Time, Cambridge 1987, S. 146–47<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Darwin, a.a.O. S. 638. Darwin verwendete das Wort „Evolution“ an keiner Stelle in Die Entstehung. Zu diesem Zeitpunkt implizierte das Wort die Entwicklung von Eigenschaften, die bereits im Organismus pr&#228;sent waren – die Evolution eines Embryos zum Beispiel. Das Konzept war Darwins Theorie fremd.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Foster, a.a.O, S. 179<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Darwin, a.a.O., S. 89<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Huxley, Thomas: Criticisms of On the Origin Of Species (1864), in: ders.: Lay Sermons, Addresses and Reviews, London 1888, S. 303<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> MEW 3, S. 18<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> MEW 19, S. 205<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Stack, a.a.O., S. 684<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Stack diskutiert das in seinem Essay. Eine Tatsache, die seine zynischen Bemerkungen bez&#252;glich Engels Worten am Grab von Marx schwer verst&#228;ndlich<br />
machen.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Zit. in: Hofstadter, Richard: Social Darwinism in American Thought, Boston 1993 (1944), S. 45.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> MEW 3, S. 21<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> MEW 20, 565<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Ebd., S. 566<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Mayr, Ernst: One Long Argument: Charles Darwin and the Genesis of Modern Evolutionary Thought, Cambridge, MA 1991, S. 50</p>
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		<title>Feminismus mal multikulturell?</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 17:10:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Sauer, Birgit/Strasser, Sabine (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalit&#228;t und Feminismus, Wien: Promedia Verlag 2008, 260 Seiten, € 24,50]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sauer, Birgit/Strasser, Sabine (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalit&#228;t und Feminismus, Wien: Promedia Verlag 2008, 260 Seiten, € 24,50<br />
<span id="more-654"></span><br />
„Is multiculturalism bad for women?“ – mit diesem Titel ihres programmatischen Aufsatzes l&#246;ste Susan Moller Okin 1997 eine bis heute anhaltende, h&#246;chst emotional und kontrovers gef&#252;hrte Debatte aus. Gruppenrechte, die im Rahmen des Multikulturalismus „kulturellen Minderheiten“ zugestanden werden, so ihre These, k&#246;nnen sich wiederum negativ auf „Minderheiten innerhalb dieser Minderheiten“, wie z.B. Frauen und Jugendliche, auswirken. Die sich daraus ergebende Pattsituation scheint ausweglos, die Lager gespalten. Auf der einen Seite wird die Forderung nach Anerkennung kultureller Normen und Traditionen von Minderheiten in den Fokus ger&#252;ckt, um dem Recht auf selbstbestimmte Lebensf&#252;hrung, politischer Partizipation und dem Schutz vor Diskriminierung nachkommen zu k&#246;nnen. Auf der anderen Seite wird betont, dass ebendiese Normen und Traditionen das Recht von Frauen auf k&#246;rperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung konterkarieren k&#246;nnen. Die politischen Kampfbegriffe, wie „Genitalverst&#252;mmelung“, „Kopftuchzwang“ und „Ehrenmord“, die im Rahmen dieser Kontroverse ins Feld gef&#252;hrt werden, klingen wohlbekannt und tragen ebenso wenig zu einer n&#252;chternen und fruchtbaren Auseinandersetzung mit dieser Problematik bei, wie ein politisches Umfeld, in dem der Multikulturalismus als politisches Programm – im Gegensatz zu den 1990er Jahren und damit auch der Zeit, in der Okin ihren Artikel verfasst hat – von rechten und konservativen Stimmen zunehmend als „gescheitert“ abgeurteilt wird.<br />
Dass es sich dabei jedoch nicht um einen unvereinbaren Gegensatz von Feminismus und Multikulturalismus, ja bei genauerer Analyse nicht einmal um ein „Spannungsverh&#228;ltnis“ (wie jedoch &#252;berraschenderweise im Klappentext des Bandes behauptet) handelt, darauf wollen die Beitr&#228;ge in „Zwangfreiheiten“ verweisen, die Birgit Sauer, Professorin f&#252;r Politikwissenschaft an der Universit&#228;t Wien, und Sabine Strasser, Associate Professor an der Middle East Technical University in Ankara, zusammengetragen haben.<br />
Anstatt alle Beitr&#228;ge ausf&#252;hrlich zu referieren, m&#246;chte ich mich im Folgenden vor allem auf ausgesuchte Texte konzentrieren, um den Fokus auf die theoretisch-analytischen Implikationen der Problematik zu legen. Dies werde ich anhand von f&#252;nf Themengebieten leisten, denen die Beitr&#228;ge zugeordnet werden k&#246;nnen.<br />
Einer der Schl&#252;sselbeitr&#228;ge dieses Bandes im Hinblick auf die Debatte um den <em>Multikulturalismus</em> kommt von <em>Anne Phillips</em>. In der Gegen&#252;berstellung von juristischen und deliberativen Argumentationsweisen, denen sie den Gro&#223;teil der dazu publizierten Abhandlungen zuordnet, streicht sie heraus, dass beide den Fehler begehen, von den konkreten – meist nationalen – politischen und rechtlichen Kontexten zu abstrahieren. Eben dieser Umstand f&#252;hrt jedoch nicht nur zu simplifizierenden Schlussfolgerungen, sondern entkontextualisiert auch die Forderungen und Praxen politischer AktivistInnen. So argumentiert sie, nachdem sie die konkreten Auswirkungen multikultureller Programme – staatliche Zuwendung f&#252;r Minderheiten, gesetzliche Ausnahmeregelungen und Autonomiebestimmungen – nachzeichnet, dass die daraus resultierenden ‚Problematiken‘ selten antagonistischen Wertvorstellungen geschuldet sind, sondern h&#228;ufig vielmehr Macht- und Ressourcenkonflikte betreffen. Stehen folglich Forderungen nach Gleichberechtigung und Partizipation im Vordergrund, k&#246;nnen ‚Kultur’ und ‚Geschlecht’ nicht als zwei voneinander getrennte Systeme, sondern m&#252;ssen immer in Bezug zu einander behandelt werden. Eine „entgeschlechtliche“ Konzeption von Kultur suggeriert, so Phillips, nicht nur die Existenz von vermeintlich ‚kulturell neutralen‘ Werten von Geschlechtergleichheit, sondern verdeckt auch Widerspr&#252;chlichkeiten und Entwicklungen im Umgang mit kulturellen Werten und somit nicht zuletzt auch feministische K&#228;mpfe und Forderungen ‚innerhalb’ von Minderheiten. In Folge skizziert sie ihre Thesen anhand von drei empirischen Beispielen, in denen sie die M&#246;glichkeiten aber auch Fallstricke nachzeichnet, Geschlechtergleichheit abseits von kulturellen Stereotypen, Rassismen und Migrationskontrolle zu thematisieren und zu fordern.<br />
Auch <em>Sabine Strasser</em> n&#228;hert sich dem Themenkomplex ‚Kultur’, jedoch mittels einer v&#246;llig anderen, n&#228;mlich sozialanthropologisch informierten Herangehensweise. Nachdem sie die Bedeutung und Instrumentalisierung von ‚Kultur’ und ‚Ehre‘ in den unterschiedlichen, auch konservativen und rechten Argumentationsweisen um Menschenrechte und Multikulturalismus nachgezeichnet hat, pl&#228;diert sie dem gegen&#252;ber f&#252;r einen <em>konventionellen Relativismus</em> im Bezug auf Diskurse um „Ehre“ und „Scham“ in den migrantischen Communities selbst. Anhand von Interviews mit jungen Frauen t&#252;rkischen Migrationshintergrunds in &#214;sterreich zeigt sie auf, dass ‚Ehre‘ entgegen weitl&#228;ufiger Vorstellungen nicht blo&#223; als Legitimationsgrundlage f&#252;r m&#228;nnliche Gewalt dient, sondern vielmehr einen Verhaltenskodex darstellt, der in der sozialen Praxis jedoch best&#228;ndig in Frage gestellt wird. Bezogen auf eine feministische Praxis und Theoriebildung ginge es hierbei darum, die Widerspr&#252;chlichkeit, Prozesshaftigkeit und Transformationsm&#246;glichkeiten dieser Diskurse herauszustreichen, das hei&#223;t, an den in den Aushandlungsprozessen implizierten, alternativen Deutungsm&#246;glichkeiten anzukn&#252;pfen, anstatt dominante maskulinistische und durch die Mehrheitsgesellschaft oft unterst&#252;tzte Deutungen als Vorwand f&#252;r restriktives Eingreifen heranzuziehen.<br />
Als einer von zwei Betr&#228;gen ist <em>Sawitri Saharsos</em> Text der Thematik <em>FGM (female genital mutilation, dt. Genitalbeschneidung)</em> gewidmet. Anhand der niederl&#228;ndischen Debatte legt sie dar, wie Geschlechterbeziehungen sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch in den Minderheiten selbst als zentrale Marker von Gruppendifferenzen fungieren. Als Beispiel nennt sie etwa die Beobachtung, dass muslimische Minderheiten w&#228;hrend der Salman-Rushdie-Krise oder nach den Anschl&#228;gen auf das World Trade Center als Reaktion auf ein restriktives und rassistisches politisches Umfeld ihrerseits dazu tendierten, Gruppengrenzen und -identit&#228;ten st&#228;rker zu betonen, was oftmals zu strengeren Vorschriften (etwa bez&#252;glich der Kleidung) f&#252;r Frauen aus diesen Minderheiten gef&#252;hrt hat. Auch die Debatten um FGC m&#252;ssen – um Pattsituationen scheinbar antagonistischer Ideale von Geschlechtergerechtigkeit zu umgehen – auf diese Weise kontextualisiert werden. Dazu schl&#228;gt sie ein <em>prozessuales Autonomiekonzept</em> als Ma&#223;stab feministischer Politiken vor, bei dem – im Gegensatz zu einem substantiellen Autonomiebegriff – nicht die Handlung selbst (i.e. die Beschneidung weiblicher Genitalien) zum Kern der Auseinandersetzungen wird, sondern auf Art und Weise sowie den Grad der Autonomie bei der Entscheidungsfindung der betroffenen Frauen fokussiert wird. Anhand postkolonialer Argumentationsweisen und in der Gegen&#252;berstellung mit in Europa zunehmend popul&#228;ren Brustvergr&#246;&#223;erungen, die nicht zuletzt auch eine Abrichtung des weiblichen K&#246;rpers anhand androzentrischer Kriterien darstellt, streicht die Autorin jedoch die Schwierigkeiten heraus, „freie“ von „erzwungenen“ Entscheidungen zu unterscheiden, m&#252;ssen diese doch immer im Kontext kultureller Normen betrachtet werden. Res&#252;mierend h&#228;lt sie fest, dass nur ein ‚kultur&#252;bergreifender’ Vergleich, die Einbeziehung von gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnissen sowie der jeweiligen Positioniertheit der ForscherIn/FeministIn selbst paternalistische und eurozentristische Haltungen vermeiden und feministische Solidarit&#228;t m&#246;glich machen.<br />
Ein Themenbereich, dem sich gleich f&#252;nf Betr&#228;ge dieses Bandes widmen, stellen die <em>multiplen Gewaltformen</em> dar, mit der sich MigrantInnen aufgrund androzentrischer Machtverh&#228;ltnisse aber auch aufgrund institutioneller und kultureller Rassismen konfrontiert sehen. So pl&#228;diert <em>Birgit Sauer</em> daf&#252;r, die spezifischen Gewaltformen, denen sich Migrantinnen ausgesetzt sehen, im Rahmen der strukturellen Gewaltf&#246;rmigkeit der Mehrheitsgesellschaft zu kontexualisieren, um problematischen Zuschreibungen und Viktimisierungen im Rahmen des Diskurses um „traditionsbedingte Gewalt“ zu entgehen. Ankn&#252;pfend an einen weiten, feministischen Gewaltbegriff, der sowohl direkte physische und psychische, strukturelle wie auch – im Sinne von hegemonialen Normen und Symbolsystemen entlang hierarchischer Zweigeschlechtlichkeit – kulturelle Gewaltformen umfasst, skizziert sie die Grundz&#252;ge eines intersektionellen Gewaltbegriffes: geschlechterspezifische Ungleichheitsstrukturen d&#252;rfen und k&#246;nnen demnach nicht losgel&#246;st von anderen Ungleichheits- und Gewaltstrukturen entlang der Kategorien von Ethnizit&#228;t und Klasse analysiert werden. Mit Iris Marion Youngs Begriff der „politics of positional difference“ argumentiert sie daf&#252;r, die Debatte um Gewalt gegen Migrantinnen vom Kulturdiskurs zu entflechten und diese stattdessen unter Einbeziehung der ungleichen sozialen Positioniertheit gegen&#252;ber der Mehrheitsgesellschaft zu akzentuieren. Im Rahmen eines multikulturellen Feminismus m&#252;ssen somit in Konsequenz vor allem zwei Aspekte beachtet werden. Zum einen bedarf es der Ber&#252;cksichtigung von restriktiven Asyl- und Migrationspolitiken und deren Rolle in der Reproduktion patriarchaler Strukturen, etwa bei Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen infolge des Familiennachzugs. Zum anderen verweist der intersektionelle Gewaltbegriff darauf, dass der Diskurs um traditionsbedingte Gewalt <em>selbst </em>als diskursive und kulturelle Gewalt gefasst werden muss, da er nicht nur eine rassistische Praxis der hierarchischen Trennung des unmarkierten „Eigenem“ vom „kulturell Anderem“ darstellt, sondern Migrantinnen dar&#252;ber hinaus zu passiven Opfern „ihrer Kultur“ stilisiert.<br />
Daran kn&#252;pft implizit auch der Beitrag von <em>Gamze Ongan</em> an, der sich dieser Thematik jedoch aus einer anderen, n&#228;mlich aktivistischen Perspektive n&#228;hert. Als Leiterin des Vereins <em>Peregrina</em> – ein Bildungs- und Beratungszentrum f&#252;r migrantische Frauen und M&#228;dchen – schildert sie ihre Arbeitsweisen und Probleme. Dazu z&#228;hlt sie nicht zuletzt den kontraproduktiven Sensationsdiskurs rund um Zwangsverheiratungen. Dieser, so Ongan, steht nicht nur in keinem Verh&#228;ltnis zur tats&#228;chlichen Anzahl der F&#228;lle, sondern bef&#246;rdert vor allem rassistische Stereotype und lenkt von Problemen wie Armut und Diskriminierungserfahrungen ab, die f&#252;r den Alltag von migrantischen M&#228;dchen und Frauen weitaus pr&#228;gender seien.<br />
Dem Thema <em>Frauenhandel</em> widmen sich ebenfalls zwei Beitr&#228;ge in diesem<br />
Band. Der Text von <em>Cristina Boidi</em> und <em>Faika Anna El-Nagashi</em> legt dabei, basierend auf den Erfahrungen der Autorinnen in der Frauen- und Migrantinnenorganisation LEF&#214;, dar, welche Implikationen die problematische und gegenw&#228;rtig vorherrschende diskursive Verschr&#228;nkung von Frauenhandel und Prostitution mit sich bringt. Diese bewirke nicht nur eine De-Legitimierung (auch im juristischen Sinne) von Sexarbeit und Instrumentalisierung im Rahmen staatlicher Migrationskontrolle, sondern bef&#246;rdere dazu eine Passivierung und Viktimisierung betroffener Frauen. Dem gegen&#252;ber gelte es, ‚tats&#228;chlichen’ Frauenhandel als strafrechtlichen Tatbestand zu markieren und zu verfolgen, gleichzeitig jedoch das Recht auf Migration zu verteidigen bzw. die Rechte von betroffenen Frauen zu st&#228;rken, die zunehmend nicht nur im Bereich der Sexarbeit, sondern auch in der Haushaltsarbeit Fu&#223; fassen.<br />
Dem vielleicht prominentesten Thema, dem <em>Kopftuch</em>, widmen sich schlie&#223;lich zwei Beitr&#228;ge aus sehr unterschiedlichen Positionen. Neben einem Beitrag zu den Argumentationen muslimischer Feministinnen vergleichen <em>Nora Gresch</em> und <em>Leila Hadj-Abdou</em> in ihrem Text die Debatten um das Kopftuch in &#214;sterreich und Deutschland und kommen zu dem Ergebnis, dass sich der &#252;berwiegende Teil der Argumentationen in der Tradition des liberalen Feminismus verorten l&#228;sst, und damit vor allem die Momente der juristischen Gleichberechtigung und -behandlung betonen. Mulikulturelle oder postkoloniale Feminismen geraten dagegen ins Hintertreffen. Die von ihnen dabei diagnostizierte problematische Hierarchisierung von Gleichheitsimperativen entlang Geschlecht und Kultur, die Kulturalisierung von Geschlechterungleichheit, sowie die Tatsache, dass sich Gruppenrechte f&#252;r Minderheiten nur schwer mit liberalen Positionen vereinbaren lassen, f&#252;hren sie – wie auch schon andere Betr&#228;ge – zu der Forderung, dieses Thema immer im Kontext der Konstruktions- und Hierarchisierungsprozessen der Minorit&#228;ts- und Majorit&#228;tsgesellschaft zu analysieren.<br />
Wie durch die Skizzierung der einzelnen Beitr&#228;ge schon klar geworden sein sollte, l&#228;sst sich aus der Zusammenstellung der Texte eine klare politische Haltung der Herausgeberinnen ablesen. Diese besteht einerseits in der erfrischenden Weigerung, g&#228;ngige Muster der meisten Publikationen zu diesem Thema zu vermeiden, in denen nur allzu oft wiederum ‚wei&#223;e’ AkademikerInnen <em>&#252;ber </em>und damit nicht zuletzt auch <em>f&#252;r</em> Angeh&#246;rige von Minderheiten sprechen und debattieren. So stammt fast ein Drittel der Betr&#228;ge selbst von Migrantinnen und auch das Einbeziehen von Aktivistinnen sorgt daf&#252;r, dass viele Fragen mit direktem Rekurs auf die politische Praxis und in Auseinandersetzung mit dieser diskutiert werden. Dies stellt nicht zuletzt auch ein ‚Faktenwissen’ bereit, mit dem die gro&#223;teils sehr polemisch gef&#252;hrten Debatten rund um Feminismus und (kulturelle oder religi&#246;se) Gruppenrechte entemotionalisiert und auf konkrete Problemstellungen (oder deren ‚L&#246;sung’) herunter gebrochen werden k&#246;nnen. Eng damit verbunden ist andererseits das Argument, dass eine feministische Position im Diskurs um Multikulturalismus nicht umhin kommt, die St&#228;rkung der Rechte und Sprecherinnenpositionen der betroffenen Frauen selbst zu fordern, strebt man die gr&#246;&#223;tm&#246;gliche Durchsetzung selbstbestimmter Lebensentw&#252;rfe an.</p>
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		<title>Wachstum, Nachhaltigkeit und das gute Leben</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 16:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Hinterberger, Friedrich/Hutterer, Harald/Omann, Ines/Freytag, Elisabeth (Hg.): Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium, Mandelbaum-Verlag: Wien 2009, 224 Seiten, € 17,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hinterberger, Friedrich/Hutterer, Harald/Omann, Ines/Freytag, Elisabeth (Hg.): Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium, Mandelbaum-Verlag: Wien 2009, 224 Seiten, € 17,80<br />
<span id="more-652"></span><br />
Die Diskussion um m&#246;gliche Grenzen des Wirtschaftswachstums und die grunds&#228;tzliche Sinnhaftigkeit des Wachstumsparadigmas ist seit den 1970er Jahren und insbesondere dem Erscheinen des vom Club of Rome 1973 herausgegebenen Buchs „Grenzen des Wachstums“ nie abgerissen. Im Zuge der aktuellen Debatte um soziale und &#246;kologische Nachhaltigkeit hat diese Diskussion wieder an Fahrt gewonnen. So haben &#246;kologische Zerst&#246;rungen, steigende Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit Zweifel an der Rolle von Wirtschaftswachstum als „Probleml&#246;ser“ aufkommen lassen. Und angesichts der gegenw&#228;rtigen Wirtschaftskrise ist es fraglicher denn je, ob ein unendliches Wachstum &#252;berhaupt m&#246;glich ist.<br />
Das Sustainable Europe Research Institute (SERI) widmete sich im Auftrag des Lebensministeriums gemeinsam mit Harald Hutterer von „Karuna Consult“ in einer Studie der Frage nach dem Verh&#228;ltnis von Wachstum und nachhaltiger Entwicklung. Ergebnis ist ein Argumentarium, das den Kern des Buches „Welches Wachstums ist nachhaltig?“ bildet. Erg&#228;nzt wird dieses durch 14 Beitr&#228;ge von ExpertInnen aus natur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen.<br />
Nach einem Einleitungsbeitrag von Rita Trattnigg &#252;ber den historischen und institutionellen Hintergrund der Debatte stehen im zweiten Teil des Argumentariums zwei Fragen im Zentrum: L&#246;&#223;t das derzeitige Wachstumsparadigma unsere Probleme – wie Arbeitslosigkeit, steigende Armut, Umweltverbrauch und -verschmutzung – oder verursacht es diese erst? Und welche M&#246;glichkeiten gibt es f&#252;r ein anderes, qualitatives Wachstum?<br />
Mit Blick auf die erste Frage l&#228;sst sich konstatieren, dass die mit Wachstum verbundenen Versprechen selten eingel&#246;st werden k&#246;nnen. So zeigt etwa das Ph&#228;nomen des Jobless Growth, dass Wachstum nicht automatisch zu mehr Besch&#228;ftigung oder einer geringeren Arbeitslosigkeit f&#252;hrt. Gleichzeitig heben Wachstumsprozesse die durch technologische Neuerungen und Effizienzsteigerung erzielten Einsparungen im Material- und Energieverbrauch wieder auf (der so genannte Rebound Effekt, vgl. der Beitrag von Ina Meyer). Auch hat technologischer Fortschritt als eine der Triebkr&#228;fte hinter Wirtschaftswachstum viele der aktuellen Umweltprobleme erst verursacht. Weil Wachstum in der gegenw&#228;rtigen Form also mit Problemen behaftet ist, argumentieren die AutorInnen des SERI f&#252;r eine Neu-Definition und Neuausrichtung des Wachstumsbegriffs.<br />
Kern ihres Arguments ist, dass Wachstum nur als Mittel betrachtet werden sollte, um die Lebensqualit&#228;t und das Wohlbefinden der Menschen zu steigern. Erh&#246;hte Lebensqualit&#228;t sollte demnach als wichtigster Ma&#223;stab f&#252;r Fortschritt und Entwicklung gelten und qualitatives, nachhaltiges Wachstum als Zuwachs an Lebensqualit&#228;t verstanden werden. Entscheidend ist demnach nicht, ob Wirtschaftswachstum stattfindet oder nicht, sondern ob Lebensqualit&#228;t von Umweltverbrauch und -sch&#228;den entkoppelt werden kann – ob also die Lebensqualit&#228;t steigen kann, w&#228;hrend Umweltsch&#228;den absolut sinken.<br />
Die F&#252;lle an Informationen und Perspektiven, die in diesem Buch versammelt sind, bieten einen Einblick in die verschiedenen Aspekte, die mit Wachstum in Zusammenhang stehen. Zwar bleiben einige der Gastbeitr&#228;ge oberfl&#228;chlich und bieten zumindest denjenigen, die sich mit der Debatte schon besch&#228;ftigt haben, wenig Neues, doch finden sich in anderen Beitr&#228;gen durchaus interessante und kontroversielle Diskussionspunkte. Zum Beispiel argumentiert Judith P&#252;hringer in ihrem Beitrag f&#252;r die Ausweitung des Arbeitsbegriffs und das Konzept der Mischarbeit, das neben Erwerbsarbeit auch andere Formen der Arbeit umfassen solle. In diesem Zusammenhang diskutiert sie M&#246;glichkeiten von Grundeinkommen, Mindestsicherung und einer Miteinbeziehung von Arbeit in die Konzeption eines „guten Lebens“. Ob die Verringerung der Arbeitszeit einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann, wird im Argumentarium diskutiert. K&#252;rzere Arbeitszeit w&#252;rde demnach zum einen weniger Produktion und Konsum bedeuten und zum anderen in Form von mehr freier Zeit eine „neue Form von Wohlstand“mit sich bringen.<br />
Die Hauptthese des Buches, Lebensqualit&#228;t zum Ausgangspunkt f&#252;r die Diskussion um Wirtschaftwachstum zu machen, ist vielversprechend. Die Bed&#252;rfnisse und das Wohlergehen der Menschen an erste Stelle zu setzen und nachhaltiges Wachstum im Spannungsfeld zwischen einer Erh&#246;hung der Lebensqualit&#228;t und der Erhaltung der (&#246;kologischen) Lebensgrundlagen zu diskutieren, er&#246;ffnet eine neue Sichtweise auf die Debatte um gesellschaftliche Ziele und Nachhaltigkeit.<br />
Allerdings offenbart sich sich hier eine zentrale Schw&#228;che des Buches. Triebfedern des Wachstums und strukturelle Wachstumszw&#228;nge – wie Wettbewerb, technologische Neuerungen, Geldpolitik etc. – werden zwar u.a. im Argumentarium und dem Beitrag von H.C. Binswanger als der freien Marktwirtschaft inh&#228;rent analysiert, doch beschr&#228;nken sich die L&#246;sungsvorschl&#228;ge auf &#196;nderungen in den von diesen Zw&#228;ngen betroffenen Institutionen. Schlagworte wie Lebensqualit&#228;t, gutes Leben, Zeitwohlstand usw. m&#246;gen gut klingen, werden aber wohl kaum einfach durch einen Appell an und die Hoffnung in politische Entscheidungstr&#228;ger und Corporate Social Responsibility realisiert. Die Frage nach den Strategien zur tats&#228;chlichen Durchsetzung einer „neuen Art von Wohlstand“ bleibt offen. In diesem Sinn sollte die Aussage von Hazel Henderson „it’s a crime to waste a crisis“ (zitiert im Beitrag von Trattnigg) auch f&#252;r diese aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise gelten: diese k&#246;nnte genutzt werden, um solche Strategien zu suchen.<br />
Nichtsdestotrotz ist „Welches Wachstum ist nachhaltig?“ aufgrund der Reichhaltigkeit an Information und Themenfeldern eine gute Einf&#252;hrung in die Debatte um Nachhaltigkeit und Wachstum.</p>
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