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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 6</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als der demokratische US-Pr&#228;sidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und Devotionalienverk&#228;uferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als w&#252;rde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald m&#228;chtigste Mann der Welt.<span id="more-131"></span> Die Sehnsucht nach einem Richtungswechsel an der Spitze der letzten verbliebenen Supermacht ist gro&#223;, und das nicht nur im „Alten Europa“, sondern auch in den Vereinigten Staaten selbst. Was Wunder angesichts der zu Ende gehenden &#196;ra Bush II, die, gepr&#228;gt von einem nicht zu gewinnenden Krieg, der Verarmung breiter Teile der US-Gesellschaft und dem rapiden Niedergang der globalen kulturellen Strahlkraft des ehemaligen <em>Land of the Free</em>, „Change“ zum Gebot der Stunde macht. Es muss sich etwas &#228;ndern – das ist die Botschaft des Wahlkampfs in den USA, und der nachhaltige Hegemonieverlust des neokonservativen Projekts zwingt sogar den erz-neoliberalen Abtreibungsgegner John McCain, sich bei jeder Gelegenheit von der Bush- Adminstration zu distanzieren. Das Imperium ist heute so br&#252;chig wie selten zuvor, eine Tatsache, die von den nicht enden wollenden Kriegen in Afghanistan und Irak ebenso tragisch illustriert wird wie von der aktuellen Finanzkrise, die ganze National&#246;konomien in den Abgrund zu ziehen droht und deren l&#228;ngerfristige Konsequenzen noch immer nicht absehbar sind. Zugleich aber – und das Ph&#228;nomen Obama zeigt das ebenso deutlich – ist das Ende des globale Sonderstatus der USA noch lange nicht besiegelt. Dass allein die Vorwahlen der Republikanischen und Demokratischen Partei &#252;berall auf der Welt Millionen zu unm&#246;glichen Tagesund Nachtzeiten vor die Fernsehger&#228;te bannten und die Internet-<em>Blogosph&#228;re </em>die Kampagnen der Kandidaten in hitzige Debatten und Pl&#228;doyers &#252;bersetzt, verweist darauf, dass die Auswirkungen der Entscheidung von etwa 220 Millionen Wahlberechtigten wahrlich globale Dimensionen hat.</p>
<p>Der Schwerpunkt dieser Ausgabe von <em>Perspektiven </em>versucht, den Blick f&#252;r die Br&#252;che, Widerspr&#252;chlichkeiten und vor allem die K&#228;mpfe zu sch&#228;rfen, die die USA – und damit auch ihre Rolle in der Welt – pr&#228;gen. Den Beginn macht <em>Gary Younge</em>, Journalist und New York-Korrespondent des britischen <em>Guardian</em>, der das Ph&#228;nomen Obama im Zusammenhang mit der weiterhin rassistischen politischen Kultur in den USA untersucht. Seine Conclusio verwehrt sich gegen ein zynisches Abtun der ersten relevanten Schwarzen Pr&#228;sidentschaftskandidatur in der Geschichte der USA, auch wenn Obamas Politik keinen echten <em>Change </em>bringen wird. <em>Tobias ten Brink</em> analysiert die Rolle der USA aus geopolitischer Perspektive und zeigt, dass das Imperium nicht nur im Inneren fragil ist, sondern auch in der anhaltenden Konkurrenz mit anderen globalen imperialistischen Akteuren schwer zu bew&#228;ltigenden Herausforderungen gegen&#252;ber steht – mit oder ohne Obama. Seine Aktualisierung imperialismustheoretischerer Argumente er&#246;ff net dar&#252;ber hinaus weiterf&#252;hrende, theoretische Diskussionen; an dieser Stelle verweisen wir gerne auf ten Brinks soeben beim Verlag Westf&#228;lisches Dampfboot erschienenes Buch „Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz“, das wir Interessierten w&#228;rmstens empfehlen. Oft gestellte Fragen zur aktuellen, schweren Banken- und Finanzkrise beantwortet einer der profi liertesten Intellektuellen der globalisierungskritischen Bewegung, <em>Walden Bello</em> – ein Crashkurs zum Kurscrash, damit auch Kulturlinke und Polit-AktivistInnen erkl&#228;ren k&#246;nnen, was es mit <em>Credit Default Swaps</em> auf sich hat. Einen k&#228;mpferischen Blick „von unten“ auf die USA liefern zwei weitere Artikel im Schwerpunkt: <em>Philipp Probst</em> ruft die K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> vom Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung und zeigt, dass deren Anspruch, junge, migrantische und &#252;berwiegend weibliche ArbeiterInnen mit klassenk&#228;mpferischer Perspektive zu organisieren, nicht nut von historischem Interesse ist. <em>Maria Asenbaum</em> setzt mit ihrem Artikel zu Gewerkschaften und <em>Community Organizing</em> in den USA da an, wo sie gemeinsam mit <em>Karin H&#228;dicke</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 3 („Gewerkschaft bewegen“) aufgeh&#246;rt hatte. Im Mittelpunkt stehen hier die <em>Worker Centers</em>, die migrantische NiedriglohnarbeiterInnen organisieren. Schlie&#223;lich widmen sich <em>Katherina Kinzel</em> und <em>Katharina Hajek</em> den Forderungen und Positionen der „Black Feminists“, die seit den 1960ern die Zusammenh&#228;nge und &#220;berschneidungen von klassen- und geschlechtsspezifi scher sowie rassistischer Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung nicht nur analysieren, sondern auch nach M&#246;glichkeiten ihrer &#220;berwindung fragen. Dieser Anspruch, so ihre Th ese, kann auch f&#252;r gegenw&#228;rtige akademische Debatten um „Intersektionalit&#228;t“ fruchtbar gemacht werden.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts stellen wir unsere kurze Analyse der frustrierenden Ergebnisse der &#246;sterreichischen Nationalratswahl zur Diskussion. Und im dritten Teil unserer Serie „Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution“ zeichnen <em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> den Prozess der Degeneration und B&#252;rokratisierung des jungen Sowjet-Staates zwischen 1917 und 1928 mit besonderem Augenmerk auf die Transformation der Verh&#228;ltnisse in den Betrieben nach.</p>
<p>Im Rezensionsteil stellt <em>Daniel Fuchs</em> die Arbeit der Sozialwissenschaftlerin Pun Ngai aus Hong Kong vor, die sich mit der Situation und den Widerstandspotentialen der s&#252;dchinesischen Wanderarbeiterinnen befasst (vgl. auch den Artikel von Pun Ngai in <em>Perspektiven </em>Nr. 3). Dazu gibt es Besprechungen zu Konfl ikten um Migrationspolitik und Protestformen illegalisierter MigrantInnen an den Grenzen Europas, Gewerkschaftpolitik und die Umsetzung von USamerikanischen <em>Organizing</em>-Strategien in Europa, Theorien der 1968er und Kritische Psychologie.</p>
<p>Viel Spa&#223; und kontroverse Diskussionen w&#252;nscht<br />
<em>Eure Redaktion</em></p>
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		<title>Die neue Qual</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Weinend randalieren oder randalierend Weinen? Das war die Frage, die sich den MacherInnen dieses Magazins bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung zu den Nationalratswahlen am 28. September stellte. Mit einigen Tagen Abstand hat die <em>Gruppe Perspektiven</em> eine n&#252;chternere Analyse der Wahlen erarbeitet, die wir hier zur Diskussion stellen wollen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Weinend randalieren oder randalierend Weinen? Das war die Frage, die sich den MacherInnen dieses Magazins bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung zu den Nationalratswahlen am 28. September stellte. Mit einigen Tagen Abstand hat die <em>Gruppe Perspektiven</em> eine n&#252;chternere Analyse der Wahlen erarbeitet, die wir hier zur Diskussion stellen wollen.<br />
<span id="more-132"></span></p>
<p>Die Wahlen in &#214;sterreich sind geschlagen – und mit ihr die Linke im weitesten Sinne des Wortes. Das Wahlergebnis kann nicht anders denn als Desaster bezeichnet werden. Die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in diesem Land haben sich deutlich verschoben, knapp 30 Prozent f&#252;r die extreme Rechte sind eine auch im internationalen Vergleich beispiellose Situation. Auch f&#252;r eine Linke, die sich keinen Illusionen hingibt, was die Potentiale b&#252;rgerlicher Parlamente betrifft, ist das ein Tiefschlag.</p>
<h3>Post-Politik</h3>
<p>Wie konnte das passieren? Die Erkl&#228;rungen von JournalistInnen und selbsternannten PolitikexpertInnen, die seit dem 28. September in den allermeisten b&#252;rgerlichen Medien breitgetreten werden, sind so oberfl&#228;chlich wie unbefriedigend. Die Gro&#223;e Koalition habe zuviel gestritten und zu wenig gearbeitet, das Wahlvolk genug von dem 18 Monate w&#228;hrenden „Ehestreit“ zwischen SP&#214; und &#214;VP gehabt. Dass tats&#228;chlich sehr wohl „gearbeitet“ wurde, wird hier wohlweislich unterschlagen: Einf&#252;hrung der 60-Stunden-Woche, Abbau von ArbeiterInnenrechten oder die ASVG-Novelle, die Erwerbsarbeitslose nach Hartz-IV-Vorbild zu BittstellerInnen degradiert und zur Annahme jedes Schei&#223;-Jobs zwingt, waren im Wahlkampf kein Thema. „Genug gestritten“ war der Slogan, mit dem alle Parteien um W&#228;hlerInnen buhlten – und damit das reproduzierten, was wir als „Entpolitisierung der Politik“ bezeichnen k&#246;nnen. Die omnipr&#228;sente Forderung „Arbeitet endlich!“, von PolitikerInnen und Medien gleicherma&#223;en artikuliert, f&#252;gt sich nahtlos in diesen Diskurs der „Post-Politik“ (Zizek): Politik wird auf die technokratische L&#246;sung scheinbar „objektiver“, alle gleicherma&#223;en betreffender „Probleme“ reduziert; dass es so etwas wie gegens&#228;tzliche Interessen gibt, die es zu organisieren gilt, l&#228;sst sich in der post-politischen Konstellation kaum noch erahnen. Tats&#228;chlich m&#252;sste es hei&#223;en: „Streitet endlich!“ Was diesem Land fehlt, ist eine lebendige Streit- und Streikkultur um grunds&#228;tzliche politische Richtungsfragen – und soziale K&#228;mpfe, die auch tats&#228;chlich ausgefochten werden.</p>
<h3>Sozial und National</h3>
<p>Das Wahlergebnis zeigt schlie&#223;lich, dass soziale Themen – Schutz vor Teuerung der Lebensmittel, Absicherung der Pensionen, ein „Einkommen zum Auskommen“ – entscheidend waren. Die FP&#214; hat, im Unterschied zu den letzten Jahren, nicht nur einen „Ausl&#228;nderwahlkampf“ gef&#252;hrt, sondern sich auch als „soziale Heimatpartei“ pr&#228;sentiert. Das Bed&#252;rfnis der ArbeiterInnenklasse nach Absicherung wurde von ihr geschickt mit rassistischen Vorurteilen artikuliert, pr&#228;gnant zusammengefasst im Plakatslogan „Soziale Sicherheit f&#252;r unsere Leut’“. Auch die SP&#214; hat die „Offensive gegen die Teuerung“ in Form ihres viel diskutierten „F&#252;nf-Punkte-Programms“ vor dem totalen Absturz bewahrt, w&#228;hrend die &#214;VP mit ihrem Sparefroh-Wahlkampf nicht einmal die eigene Stammw&#228;hlerInnenschaft mobilisieren konnte. Der Ruf „Arbeitet endlich!“ war in diesem Zusammenhang nicht blo&#223; medial produzierte Ablenkung, sondern ideologischer Ausdruck realer Interessen und Bed&#252;rfnisse breiter Teile der Bev&#246;lkerung: Es muss etwas geschehen gegen die reale und im Alltag sp&#252;rbare Verschlechterung der Lebensbedingungen der Lohnabh&#228;ngigen. Die neoliberale Aufforderung zur Selbstdisziplinierung – nach dem Motto „wir alle m&#252;ssen den G&#252;rtel enger schnallen“ – geht heute ins Leere.<br />
Die gro&#223;e &#220;berraschung f&#252;r viele war das starke Abschneiden von J&#246;rg Haiders BZ&#214;. Pr&#228;sentiert als „moderate Rechte“ und mit Haider als elder statesman des Dritten Lagers konnten vor allem entt&#228;uschte &#214;VP-W&#228;hlerInnen im l&#228;ndlichen Bereich angezogen werden. Dies soll jedoch nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass das BZ&#214; eindeutig dem rechtsextremen Lager zuzuordnen ist, wie die Kandidaturen (und nunmehr Parlamentssitze) von Ernest „Unsere Ehre hei&#223;t Treue“ Windholz oder dem selbsternannten Freimaurerj&#228;ger Ewald Stadler zeigen. Der wesentliche Unterschied zur FP&#214; besteht in der unterschiedlichen sozialen Basis. Jene des BZ&#214; ist wesentlich labiler, entt&#228;uschte &#214;VP-Bauern/B&#228;uerinnen und Kleingewerbetreibende werden wohl bald wieder in den Scho&#223; der personell erneuerten katholischen Mutterpartei zur&#252;ckkehren. Und dann bleibt blo&#223; die, zugegebenerma&#223;en schwer erkl&#228;rbare, BZ&#214;-Hochburg K&#228;rnten. Die FP&#214; dagegen konnte sich, wie schon zu Haiders „besten“ Zeiten, als authentische ArbeiterInnen- und Jugendpartei (sie wurde &#246;sterreichweit st&#228;rkste Partei bei den unter 30j&#228;hrigen) etablieren.</p>
<h3>Mythos Drachent&#246;ter</h3>
<p>Ein weiteres Ergebnis der Wahl ist, dass der Mythos vom „Drachent&#246;ter“ Sch&#252;ssel endg&#252;ltig als solcher entlarvt wurde. Dieser besagt ja, dass Wolfgang Sch&#252;ssel, indem er im Jahr 2000 eine Koalition mit der Haider-FP&#214; eingegangen ist, das rechtsextreme Lager „domestiziert“ habe, das in Folge an seiner eigenen Regierungsunf&#228;higkeit zerbrochen sei. Blo&#223; acht Jahre sp&#228;ter ist eben dieses Lager wieder am Stimmenstand von 1999 angekommen und die Domestizierungsstrategie gescheitert. Ihr Ergebnis war nicht die Schw&#228;chung der extremen Rechten, sondern im Gegenteil eine nachhaltige Verschiebung des nationalen politischen Koordinatensystems nach rechts und die systematische Verharmlosung rassistischer Positionen. Insbesondere in der Migrations-, Asyl- und Sicherheitspolitik gibt die radikale Rechte seit langem die Marschrichtung vor – was quer durch die Parteienlandschaft bis hin zu den Gr&#252;nen sichtbar wird. Statt einen cordon sanitaire um die FP&#214; und ihre Trabanten zu ziehen, also einen partei&#252;bergreifenden Konsens zu organisieren, der extremen Rechten keine Regierungsbeteiligung auf welcher Ebene auch immer zu erm&#246;glichen, wurde so deren Politik „normalisiert“ (erinnert sich noch jemand an Andreas Khols „Verfassungsbogen“?). Die beiden Unterschiede zur Situation 1999/2000 sind, dass nun nicht einer, sondern zwei F&#252;hrer in den Startl&#246;chern f&#252;r eine Regierungsbeteiligung stehen, und dass die moralische Entr&#252;stung aus der „Mitte der Gesellschaft“ weitgehend ausbleibt. Mit wenigen Ausnahmen wie dem „profil“-Cover nach der Wahl („Sieg …“ in Frakturschrift) wird der Wiederaufstieg der extremen Rechten, nachdem diese bei der letzten Wahl bereits am Boden war, als „Protestwahl“ verharmlost.</p>
<h3>Linkes Vakuum</h3>
<p>Dass die SP&#214; weiterhin stimmenst&#228;rkste Partei ist, darf auch kein Grund zum Jubeln sein (wiewohl die zwischen Fassungslosigkeit und Selbstgei&#223;elung changierenden Reaktionen der &#214;VP-Granden am Wahlabend f&#252;r wohlige Schadenfreude sorgten, wenn es schon sonst nichts zu freuen gab). Alle Zeichen stehen auf Gro&#223;e Koalition, sie ist Werner Faymanns erkl&#228;rte Pr&#228;ferenz und mit der Inthronisierung des erkl&#228;rten Gro&#223;koalition&#228;rs Josef Pr&#246;ll scheint auch die &#214;VP die entsprechenden Weichen gestellt zu haben. Die Fortsetzung der Politik der letzten Jahre ist jedoch die beste Garantie daf&#252;r, dass Heinz-Christian Strache seinem erkl&#228;rten Ziel, Bundeskanzler oder Innenminister zu werden, bei den n&#228;chsten Wahlen einen weiteren Schritt n&#228;her kommen wird.<br />
Auf der Linken gibt es derweil nicht viel zu vermelden, eine w&#228;hlbare linke Alternative existiert in &#214;sterreich weiterhin nicht. Das Vakuum auf der Linken konnte nicht gef&#252;llt werden – nicht von der KP&#214;, die dank inhaltsleerem Wahlkampf wieder unter die Ein-Prozent-H&#252;rde gefallen ist; und auch nicht von „Die Linke“, die sich zu Beginn des Wahlkampfs noch einiger Aufmerksamkeit erfreuen konnte, letztlich jedoch aufgrund wahnwitziger Fehleinsch&#228;tzungen der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und ihrer eigenen Ausstrahlungskraft unterhalb der statistischen Wahrnehmungsgrenze blieb.<br />
Der Katzenjammer ist also gro&#223; und wird einmal mehr von Stimmen begleitet, die den Aufbau einer vereinten Wahlplattform links von SP&#214; und Gr&#252;nen fordern. So richtig diese Forderung ist, so gering m&#252;ssen die Chancen f&#252;r ein solches Projekt aktuell eingesch&#228;tzt werden. Denn was die gescheiterten Kandidaturen von KP&#214; und Die Linke einmal mehr gezeigt haben – und was im Kontrast mit der erfolgreichen Linkspartei in Deutschland noch klarer erscheint – ist, dass ein solches notwendiges Projekt den Bruch eines relevanten Teils in Gewerkschaften und Sozialdemokratie mit der neoliberalisierten – und nunmehr mit der extremen Rechten mauschelnden – SP&#214; zur Voraussetzung hat. Die technische Addierung von versprengten Kleingruppen der radikalen Linken kann und wird das Vakuum im linken politischen Spektrum nicht f&#252;llen. Ein solches Projekt muss sich um politische Forderungen und gemeinsame Kampagnen formieren und wird nur aus sozialen K&#228;mpfen entstehen. Das hei&#223;t im Lichte des Wahlergebnisses auch, jetzt konsequenten Antirassismus h&#246;rbar zu machen und die „soziale Frage“ nicht der extremen Rechten zu &#252;berlassen.</p>
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		<title>US-Wahlen: Is real change coming?</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Barack Obama ist vom idealistischen Au&#223;enseiter der Demokraten zum ersten schwarzen US-Pr&#228;sidentschaftskandidaten einer Gro&#223;partei geworden. <em>Gary Younge</em> untersucht die Bedeutung des Obama-Ph&#228;nomens sowie die Grenzen seiner politischen Agenda.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Barack Obama ist vom idealistischen Au&#223;enseiter der Demokraten zum ersten schwarzen US-Pr&#228;sidentschaftskandidaten einer Gro&#223;partei geworden. <em>Gary Younge</em> untersucht die Bedeutung des Obama-Ph&#228;nomens sowie die Grenzen seiner politischen Agenda.<br />
<span id="more-133"></span></p>
<p>Dieses Jahr war etwas anders an der Parade zum Martin Luther King Day in Charleston, South Carolina. Zu den Trommelschl&#228;gen der Marschkapellen schwarzer Schulen und den ruhigeren T&#246;nen ortsans&#228;ssiger schwarzer Pfarrer gesellten sich diesmal schwungvolle Ges&#228;nge von Vertretern lokaler schwarzer Kirchen und ein Pulk mehrheitlich wei&#223;er ehrenamtlicher WahlhelferInnen Barack Obamas: „Obama 08! We’re ready. Why wait?“ Unter ihnen war ein junger Mann, der nach Obamas Niederlage in den Vorwahlen in New Hampshire „so deprimiert“ war, dass er alles in Guatemala liegen und stehen gelassen hat, um zur&#252;ckzufliegen und mitzuhelfen. Da war auch eine &#228;ltere Dame aus Florida, die zwei Wochen zuvor sein Buch <em>Dreams From My Father</em> gelesen hatte und davon so inspiriert war, dass sie f&#252;hlte, sie m&#252;sse einfach etwas tun.<br />
Vom Gehsteig aus jubelten AfroamerikanerInnen Beifall. Ein paar Wochen zuvor hatte Obamas Sieg in Iowa (einem der wei&#223;esten Staaten der USA) bewiesen, dass die Pr&#228;sidentschaftskandidatur eines Schwarzen kein Wunschtraum mehr war. Nun war eine gr&#246;&#223;ere Zahl wei&#223;er WahlhelferInnen – die meisten von au&#223;erhalb der Stadt – zur Parade gekommen und forderte die SympathisantInnen auf, sich ihnen anzuschlie&#223;en. Hin und wieder gingen die WahlhelferInnen zum Gehsteig, teilten Flugbl&#228;tter aus, boten unbeholfen <em>High Fives</em> an oder umarmten gar einige Ortsans&#228;ssige.<br />
All das war nat&#252;rlich nicht der <em>Mississippi Freedom Summer</em>.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Aber es war immerhin etwas. Ein Moment. Ein politischer Moment, der hoffnungsvolles Engagement hervorrief. Innerhalb einer halben Stunde hatte er sich in Luft aufgel&#246;st. Die Parade war vorbei. Die wei&#223;en Ehrenamtlichen sprachen nun nicht mehr ohne Erlaubnis des Obama-Hauptquartiers mit mir, nicht einmal um ihre Begeisterung zu erkl&#228;ren. Als die Genehmigung eintraf, erz&#228;hlte der Mann aus Guatemala etwas &#252;ber das kommende „post-rassistische“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Amerika. W&#228;hrenddessen gingen die Schwarzen zur&#252;ck in ihre H&#228;user in den &#228;rmsten Teilen der Stadt und warteten auf Ver&#228;nderung.<br />
Es ist leicht, &#252;ber den historischen Charakter Obamas Pr&#228;sidentschaftskandidatur in Zynismus zu verfallen. In einer Nation, die sich ihrer gesellschaftlichen Leistungsorientierung und ihres unerbittlichen Fortschritts r&#252;hmt – auch wenn die soziale Mobilit&#228;t unter jener Gro&#223;britanniens liegt – k&#246;nnen symbolische Fortschritte leicht &#252;berbewertet werden. Das trifft insbesondere f&#252;r die politische Kultur Amerikas zu, in der die Wirklichkeit so stark von Image &#252;berlagert wird, dass George W. Bush gleichzeitig ein ehemalig alkohols&#252;chtiger Sohn reicher und m&#228;chtiger Eltern sein kann, und als Mann des Volkes wahrgenommen wird, mit dem die W&#228;hlerInnen am liebsten einen trinken gehen w&#252;rden.<br />
Dar&#252;ber hinaus war Obamas Sieg in den Vorwahlen weder so entscheidend, noch so eindeutig, wie oft dargestellt. Sicherlich, bis M&#228;rz hatte er sich eine fast unangreifbare F&#252;hrungsposition erarbeitet, die nur von den nicht gew&#228;hlten „Superdelegierten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gef&#228;hrdet werden h&#228;tte k&#246;nnen. Doch seine F&#252;hrung war so best&#228;ndig wie knapp, und Hillary Clinton war stets nahe dran. Letztlich gewann er mit nur 0,4 Prozent Vorsprung bei den Stimmen und 7 Prozent bei den Delegierten. Sogar als sein Sieg praktisch sicher war, gewann Clinton sechs der letzten zehn Staaten und Wahlkreise – nicht wirklich ein Vertrauensvotum der Demokratischen Basis.<br />
Indem er sieben „wei&#223;e“ und neun „schwarze“ Bundesstaaten gewann, brach er mit den bisherigen Vorstellungen davon, was ein schwarzer Politiker in der US-Politik auf nationaler Ebene erreichen kann. Doch das neue Bild ist nicht wirklich jenes einer &#196;ra „post-rassistischer“ Politik, wie so viele behaupten. In Gegenden, in denen gen&#252;gend Schwarze leben, dass race – und Rassismus – die lokale politische Kultur pr&#228;gen, aber nicht genug, um eine ins Gewicht fallende Anzahl an Stimmen darzustellen, schw&#228;chelte Obama. Clinton gewann acht der zehn Staaten, in denen der Anteil der schwarzen Bev&#246;lkerung knapp unter dem nationalen Durchschnitt liegt. Darunter waren auch die f&#252;r die Pr&#228;sidentschaftswahl strategisch wichtigen „Swing States“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Ohio, Pennsylvania, Missouri und Nevada.</p>
<h3>Armut</h3>
<p>Doch obwohl seine Kandidatur einen wahltechnischen Fortschritt f&#252;r Afro-AmerikanerInnen bedeutet, sagt sie ungef&#228;hr so viel &#252;ber die soziale und &#246;konomische Situation schwarzer AmerikanerInnen aus, wie die Wahl der verstorbenen Benazir Bhutto &#252;ber die Lage der Frauen in Pakistan. Tats&#228;chlich steht Obamas Kandidatur nicht im Einklang mit dem sozialen Aufstieg von AfroamerikanerInnen, sondern stellt einen Ausnahmefall dar. Einem Bericht des <em>Pew Research Centre</em> vom November letzten Jahres zufolge sind schwarze AmerikanerInnen mit ihrer Lebenssituation unzufriedener als jemals in den letzen zwanzig Jahren. Eine andere, zur selben Zeit von <em>Pew </em>ver&#246;ffentlichte Erhebung zeigt, dass ann&#228;hernd die H&#228;lfte (45 Prozent) der AfroamerikanerInnen, die nach der B&#252;rgerrechts-&#196;ra als Kinder von Eltern mit mittlerem Einkommen geboren wurden, als Erwachsene in Armut oder Armutsn&#228;he abstiegen.<br />
„[Obama] wird als Verk&#246;rperung der Farbenblindheit wahrgenommen“, meinte Angela Davis, Professorin f&#252;r Ideengeschichte an der University of California, Santa Cruz, letztes Jahr zu mir. „Es ist die Idee, dass wir den Rassismus hinter uns gelassen haben, indem wir race nicht mehr ber&#252;cksichtigen. Das ist es, was ihn als Pr&#228;sidentschaftskandidaten denkbar macht. Er ist zum Modell f&#252;r Diversit&#228;t in dieser Zeit geworden… ein Modell von Diversit&#228;t als ein Unterschied, der keinen Unterschied macht. Die Ver&#228;nderung, die keine Ver&#228;nderung bedeutet.“ Letzlich hat er keine <em>multi-racial</em> Koalition gebildet, sondern eine <em>bi-racial</em> Koalition. Clintons Basis wurde f&#228;lschlicherweise als aus der wei&#223;en ArbeiterInnenklasse und &#228;lteren wei&#223;en Frauen bestehend dargestellt. Doch in Kalifornien stimmten aus Lateinamerika und Asien stammende AmerikanerInnen st&#228;rker f&#252;r Clinton als Wei&#223;e und erm&#246;glichten so ihren Sieg. Das selbe war mit Latinos und Latinas in Texas der Fall. Tats&#228;chlich war der einzige Staat, in dem Obama die Latino/a-Stimmen gewonnen hat, sein Heimatstaat Illinois. Und selbst dort mit nur einem Prozent Vorsprung.<br />
Obamas Sieg war also knapp. Der Symbolgehalt seiner Kandidatur wurde ebenso &#252;bertrieben wie seine F&#228;higkeit, die rassifizierte und ethnische Kluft zu &#252;berwinden. Dennoch war es ein Sieg. Dennoch ist seine Kandidatur historisch und symbolisch wichtig. Und er bildete tats&#228;chlich ein B&#252;ndnis, das sich &#252;ber rassistische Linien hinweg setzte. Dies ist keine geringe Leistung, und sie nicht ernst zu nehmen w&#228;re kein geringerer Fehler, als sie zu &#252;bertreiben. Damit sie wirklich bedeutsam sein kann, muss sie etwas Substantielles symbolisieren, und gelegentlich kann dieses „etwas“ ziemlich entscheidend sein. In Obamas Fall wurde sein Aufstieg durch die B&#252;rgerrechtsbewegung und deren Erben erm&#246;glicht, auch wenn sein Programm diesen gegen&#252;ber einen Paradigmenwechsel darstellt.<br />
In der Vergangenheit kam schwarze politische F&#252;hrung in erster Linie aus religi&#246;sen Institutionen. W&#228;hrend der zweiten H&#228;lfte des letzten Jahrhunderts gingen schwarze F&#252;hrungspersonen haupts&#228;chlich aus religi&#246;sen Institutionen hervor, die seit der Sklaverei einen der wenigen autonomen Bereiche schwarzen Lebens bildeten. „Die zentrale soziale Institution in jeder schwarzen community war die Kirche“, schrieb der schwarze Wissenschafter und Aktivist Manning Marable. „Als politische F&#252;hrer waren die schwarzen Kleriker gew&#246;hnlich die Wortf&#252;hrer f&#252;r die gesamte schwarze Community, besonders in Krisenzeiten. Als das politische System demokratischer wurde und Schwarze an Wahlen teilnehmen konnten, war es nur ein kleiner Schritt vom F&#252;hren einer gro&#223;en Kirche zur Kandidatur f&#252;r ein &#246;ffentliches Amt“.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Wie problematisch die Rolle der Kirche auch war, sie war trotz allem organisch mit der schwarzen Community verbunden. Doch die Erfolge des Civil Rights Movement er&#246;ffnete andere M&#246;glichkeiten f&#252;r eine neue Generation schwarzer F&#252;hrungspersonen, von denen Obama nur die prominenteste Figur ist. Ihre politischen Ausrichtungen m&#246;gen unterschiedlich sein, aber ihr Werdegang ist &#228;hnlich. Sie alle haben – wie Obama, der die Universit&#228;ten Columbia und Harvard besuchte – Lebensl&#228;ufe, f&#252;r die man sterben w&#252;rde. Unter ihnen finden sich der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick (Harvard); der B&#252;rgermeister von Newark, Cory Brooker (Yale); der Vorsitzende des Democratic Leadership Council und ehemalige Krongressabgeordnete aus Tennessee, Harold Ford Jr. (University of Pennsylvania); und der Vizegouverneur von Maryland, Anthony Brow (Harvard). Solche Karrieren sind nicht die Regel, aber sie sind heute auch keine Ausnahmen mehr.<br />
In anderen Worten, die schwarzen F&#252;hrungspers&#246;nlichkeiten der Vergangenheit wurden aus den schwarzen Communities hervorgebracht. Heute ist es wahrscheinlicher, dass sie diesen pr&#228;sentiert werden. Das erkl&#228;rt die Ambivalenz, die schwarze W&#228;hlerInnen Obama gegen&#252;ber anf&#228;nglich an den Tag legten. Nach acht Jahren Colin Powell und Condoleezza Rice hatten sie keine Ahnung, wer er war und wollten wissen, woher er kam und wen er vorhatte zu vertreten. „Sind sie schwarz genug?“ war oft die Kurzfassung des allgemeinen Bedenkens der W&#228;hlerInnen: „Werden sie meine Interessen vertreten?“ Als Obamas WahlhelferInnen den Martin Luther King Day in Charleston beehrten, war diese Z&#246;gerlichkeit bereits verschwunden. Zu dem Zeitpunkt, als Bill Clinton damit aufgeh&#246;rt hatte, Obama in rassistisch kodierten Begriffen anzugreifen, hatte sich die Ambivalenz – &#252;ber eine Phase des schwarzen Selbstbewusstseins – in eine antirassistische Verteidigungshaltung verwandelt, die die schwarzen Stimmen f&#252;r die restlichen Vorwahlen sichern konnte.<br />
Doch diese Generation schwarzer Politiker hat auch Zugang zu einer weiteren Ressource, die ihnen noch vor 20 Jahren kaum zug&#228;nglich war – wei&#223;e Stimmen. 1958 gaben 53 Prozent der W&#228;hlerInnen an, sie w&#252;rden nicht f&#252;r einen schwarzen Kandidaten stimmen, 1984 waren es 16 Prozent, 2006 dann 6 Prozent. Vor 1958 dachten MeinungsforscherInnen nicht einmal daran, die Frage zu stellen. Dies ist eine der zentralen Tatsachen, welche die M&#246;glichkeiten f&#252;r schwarze PolitikerInnen heute neu gestalten – wei&#223;e AmerikanerInnen sind zu einem m&#246;glichen W&#228;hlerInnenkreis f&#252;r schwarze KandidatInnen geworden, was aus diesen wiederum ernstzunehmende MitbewerberInnen au&#223;erhalb der schwarzen Community macht.<br />
„Die Generation der B&#252;rgerrechtsbewegung sah die Politik als n&#228;chsten Schritt im Kampf um B&#252;rgerrechte“ erkl&#228;rt Salim Muwakkil, Herausgeber der Monatszeitschrift <em>In These Times</em>, „ihr Ziel war, dass ihr Programm aufgenommen w&#252;rde, wer auch immer gewinnen sollte. Doch die neue Generation versteht Politik nicht als den n&#228;chsten Schritt, sondern einfach als das, was sie ist – Politik. Ihr Ziel ist, zu gewinnen.“ Das ist eine echte Weiterentwicklung. Aber sie bringt echte Herausforderungen mit sich. Um erfolgreich zu sein, muss diese neue Generation auf eine andere Basis R&#252;cksicht nehmen und andere Interessenskoalitionen zusammenf&#252;hren, als es ihre Vorg&#228;ngerInnen taten. Das verlangt einen anderen rhetorischen Stil, andere Formen der Kampagne und macht eine Ver&#228;nderung der Strategie erforderlich. Darin liegt der zentrale Generationenkonflikt zwischen Obama und seinem ehemaligen Pfarrer, Reverend Jeremiah Wright. Wrights &#228;tzende Kommentare &#252;ber die US-Au&#223;enpolitik sind an afroamerikanischen Mittagstischen so &#252;blich wie scharfe Sauce, auch wenn sie manche Wei&#223;e schockierten. Doch in einer fr&#252;heren Generation h&#228;tte Wright keine Peinlichkeit f&#252;r den Kandidaten dargestellt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Er w&#228;re selbst der Kandidat gewesen. Und er h&#228;tte nicht auf die Sensibilit&#228;ten von Wei&#223;en achten m&#252;ssen.<br />
Obama wei&#223; das alles nur zu gut. In <em>The Audicy of Hope</em> erinnert er sich daran, wie er im Senat von Illinois mit einem wei&#223;en Abgeordneten sa&#223;, w&#228;hrend sie einem schwarzen Kollegen zuh&#246;rten, der eine Rede &#252;ber die rassistischen Implikationen der Abschaffung eines bestimmten Programms hielt. „Wei&#223;t du was das Problem mit ihm ist“,  bemerkte der wei&#223;e Senator, „immer wenn ich ihn sprechen h&#246;re, f&#252;hle ich mich noch wei&#223;er“. Obama dachte nach: „Um meinen schwarzen Kollegen zu verteidigen, wies ich darauf hin, dass es nicht immer einfach ist, den richtigen Ton zu treffen, wenn man die enormen Belastungen anspricht, von denen die eigene W&#228;hlerschaft  betroffen ist: zu w&#252;tend? Nicht w&#252;tend genug?<br />
Trotzdem war [sein] Kommentar instruktiv. Ob zu Recht oder zu Unrecht, ‚wei&#223;e Schuld‘ [<em>white guilt</em>] hat sich in Amerika gr&#246;&#223;tenteils ersch&#246;pft.“</p>
<h3>Geouted</h3>
<p>Ob „wei&#223;e Schuld“ jemals wirklicht ausge&#252;bt, ausgetrieben oder gar aufgebraucht wurde, und ob es jemals irgendjemandem Gutes tat, wenn dies passierte, sind hypothetische Fragen. Tatsache ist, dass ein schwarzer Politiker, der die Unterst&#252;tzung von Wei&#223;en will, zuerst den „richtigen Ton“ finden muss. F&#252;r Obama war es ein Teil dieser Strategie, zu insistieren, er habe die Frage der <em>race </em>&#252;berwunden. „Es gibt kein schwarzes Amerika oder ein wei&#223;es Amerika; es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika“ sagte er der Democratic National Convention in seiner Rede, die ihm 2004 erstmals zu gro&#223;er Aufmerksamkeit verhalf. In vieler Hinsicht war seine <em>race </em>sein am schlechtesten geh&#252;tetes Geheimnis. Eine seiner zentralen Aufgaben scheint es zu sein, Wei&#223;en keine Angst zu machen; also muss er einen Weg finden, Wei&#223;e dazu zu bringen, sich dabei wohl zu f&#252;hlen, wenn sie einen schwarzen Kandidaten w&#228;hlen, ohne wirklich dar&#252;ber zu sprechen.<br />
Ansonsten ist, abgesehen von ein paar Bezugnahmen auf die B&#252;rgerrechtsbewegung, <em>race</em> zwar von seiner Botschaft praktisch abwesend, aber gleichzeitig zentral f&#252;r seine Bedeutung. St&#228;ndig und sehr subtil evoziert er den historischen Charakter seiner Kandidatur. Doch in Momenten starker rassistischer Spannungen – etwa als Polizisten einen unbewaffneten schwarzen New Yorker mit f&#252;nfzig Kugeln niederstreckten, oder bei den ma&#223;losen und diskriminierenden Anklagen, die gegen sechs schwarze Jugendliche in Jena, Louisiana erhoben wurden, die angeblich in eine Schulhofpr&#252;gelei verwickelt waren – kamen seine Antworten sp&#228;t und halbherzig. K&#252;rzlich, bei einem Treffen in Detroit, hinderten WahlhelferInnen Obamas Kopftuch tragende Musliminnen daran, hinter diesem zu sitzen. Am vierzigsten Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King schafften es McCain und Clinton nach Memphis, Obama aber blieb fern. Solche strategischen Abwesenheiten ernteten ernste Kritik von vielen AfroamerikanerInnen.<br />
Aber hin und wieder wird er geouted. Die Jeremiah Wright-Kontroverse, in der ein gro&#223;er Teil des wei&#223;en Amerikas ersch&#252;ttert schien, als es entdeckte, dass sein neuer schwarzer Freund selbst einen schwarzen Freund hatte, war bis jetzt das eklatanteste Beispiel. In letzter Zeit wurden diese outings auf seine Frau Michelle abgelenkt. Als Demokraten die Republikaner aufforderten, ihre Attacken auf Michelle Obama einzustellen, titelte Rupert Mudochs <em>Fox News</em> mit der Zeile: „Schockierte Liberale: h&#246;rt auf, auf Obamas <em>baby mama </em>herumzuhacken“. In der Nacht, in der Obama die Nominierung gewann, ballte er die Faust mit Michelle – ein &#252;blicher, banaler Gru&#223; unter AfroamerikanerInnen und Jugendlichen. <em>Fox News</em> nannte es einen „terroristischen Gru&#223;“. Offensichtlich gibt es ein wei&#223;es und ein schwarzes Amerika. Beide leben in unterschiedlichen, wenn auch sich &#252;berschneidenden, kulturellen R&#228;umen. Die Segregation, die sie trennt, ist nicht nur physisch, sondern psychisch. Bevor Obama <em>race </em>&#252;berschreiten kann, wird er seinen Teil dazu beitragen m&#252;ssen, den Rassismus abzuschaffen, der das Konzept „Rasse“ &#252;berhaupt m&#246;glich macht.<br />
Doch der symbolische Charakter seiner Kandidatur geht &#252;ber Fragen der Hautfarbe hinaus. Indem er gegen Hilary Clinton und John McCain antrat, repr&#228;sentiert er einen Generationenbruch mit den allzu bekannten Namen, welche das amerikanische politische System in den letzten zwei Jahrzehnten dominierten – zu einem Zeitpunkt, da AmerikanerInnen inst&#228;ndig einen Kurswechsel w&#252;nschen.<br />
Nur 15 Prozent glauben, dass Amerika auf dem richtigen Weg ist – ein Drittel der Zahl nach der Wahl Bushs 2004. Mittlerweile glaubt beinahe die H&#228;lfte, dass die besten Tage des Landes vor&#252;ber sind. In den letzten 18 Monaten hat fast jede Umfrage, in der AmerikanerInnen &#252;ber die F&#252;hrung ihres Landes befragt wurden, Reaktionen zu Tage gef&#246;rdert, die zu den pessimistischsten aller Zeiten z&#228;hlen – die l&#228;ngste Periode, an die man sich seit Watergate erinnern kann. Und es ist nicht schwer zu erkennen, warum. Rund zwei Drittel sind mit Bushs Vorgehen im Irak nicht einverstanden, das KonsumentInnenvertrauen ist das niedrigste seit Jahrzehnten, und drei Viertel der Bev&#246;lkerung glauben, dass die wirtschaftliche Entwicklung noch schlimmer wird. L&#246;hne stagnieren, die Kosten f&#252;r Nahrung und Benzin schie&#223;en in die H&#246;he und die Preise f&#252;r Immobilien st&#252;rzen ab.<br />
Ver&#228;nderung (<em>change</em>) mag ein Obama-Slogan sein. Aber es ist auch das tiefe Verlangen einer &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der AmerikanerInnen, die in den letzten acht Jahren ZeugInnen eines rapiden Niedergangs sowohl der eigenen Lebensumst&#228;nde als auch des globalen Ansehens der USA wurden.<br />
Obamas Kandidatur bietet keine wirkliche L&#246;sung f&#252;r diese Probleme. Er ist kein Radikaler. Im Bezug auf Politikinhalte ist seine Agenda nicht progressiver als jene Clintons. Seine Antworten auf die dr&#228;ngenden Fragen, denen sich die USA im Inland wie auf internationaler Ebene stellen muss, sind inad&#228;quat und teilweise recht naiv. Am Tag nachdem er die Nominierung unter Dach und Fach hatte, deklarierte er sich vor der Pro-Israel Lobby als „wahrer Freund Israels“ und versprach: „Jerusalem wird die Hauptstadt Israels bleiben, und sie muss ungeteilt bleiben“. (Tats&#228;chlich wird Jerusalem nicht offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt. Nur Israel selbst behauptet das.)<br />
Seine Programme sowohl f&#252;r das Gesundheitswesen, als auch die Hypothekenkrise betreffend, waren von allen HauptkandidatInnen die am wenigsten umfangreichen. Sein BeraterInnenstab ist voll von Neoliberalen und Pro-Israelis. Er hat versprochen, den Gro&#223;teil der Truppen aus dem Irak abzuziehen, aber nur unter der Bedingung, dass die Situation vor Ort dies zul&#228;sst. Das kann alles bedeuten, oder auch nichts.<br />
Dass er eine deutliche Verbesserung gegen&#252;ber McCain darstellt, einem Abtreibungsgegner, der sagte, es sei ihm egal, ob die US-Truppen f&#252;r weitere tausend Jahre im Irak bleiben w&#252;rden, ist zweifellos wahr. Allgemein mag es keine gro&#223;en Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten geben, aber der kleine Unterschied, den es gibt, k&#246;nnte f&#252;r viele Leute einen gro&#223;en Unterschied machen. Acht Jahre Bush setzten die Latte beklagenswert niedrig.</p>
<h3>Warum die Begeisterung?</h3>
<p>Nun, die Wirkmacht von Momenten wie jenen in Charleston am <em>Martin Luther King Day</em> – so fl&#252;chtig und illusorisch sie scheinen m&#246;gen – wird weiterhin im ganzen Land, in je eigenen Formen wiederholt. Jedes Mal kommen seine mehrere Generationen umfassenden Scharen unterschiedlicher Hautfarbe zusammen; aus Illusionen scheinen sie eine neue Wirklichkeit zu kreieren.<br />
Das Potential liegt nicht so sehr in Obama selbst, als in denen, die ihn unterst&#252;tzen. Er hat es geschafft, W&#228;hlerInnenschaften zu aktivieren, die lange f&#252;r entweder indifferent oder inaktiv gehalten wurden, und eine politische Kultur anzuregen, die seit 2004 (und ungeachtet des Triumphs der Demokraten 2006) quasi tot war – besonders unter J&#252;ngeren und Schwarzen, die ihre Beteiligung bei den Vorwahlen der Demokraten verglichen mit 2004 um 25 Prozent erh&#246;hten.<br />
Was die Wahlen betrifft, k&#246;nnte er in Bereichen erfolgreich sein, in denen Demokraten seit Jahrzehenten nicht mehr konkurrenzf&#228;hig waren. Doch es ist noch fr&#252;h, ein Sieg McCains ist absolut m&#246;glich. Die Heftigkeit der republikanischen Angriffsmaschine ist wohlbekannt, die M&#228;chtigkeit von Rassismus und Xenophobie in den USA m&#252;ssen noch auf die Probe gestellt werden. Doch bis jetzt zeigen die Umfragen, dass Obama all jene Staaten verteidigt, in denen Kerry knapp gewonnen hatte, einige gewinnt, in denen Bush knapp gewonnen hatte, und viele von jenen herausfordert, von denen Republikaner niemals dachten, dass sie sie verteidigen m&#252;ssten, wie Virgina, North Carolina und sogar Mississippi. Jene Bev&#246;lkerungsteile, die er im Kampf mit Clinton nicht gewann, scheinen ihn nun zu untst&#252;tzen. Je nachdem, welche Umfrage man ansieht, f&#252;hrt er vor McCain bei den Frauen um 13 bis 19 Prozent. Kerry hatte bei Frauen um 3 Prozent gewonnen. Unter Latinos/as schl&#228;gt er McCain mit 62 zu 28 Prozent, Bush bekam 44 Prozent. Letzten Endes scheinen W&#228;hlerInnen Krieg, Arbeitslosigkeit, Anti-Abtreibungsgesetzgebung und Pf&#228;ndungen mehr zu hassen als Schwarze. Wer wei&#223;, wie viele feurige Priester, geballte F&#228;uste und „<em>baby mama</em>“- Sager das &#228;ndern k&#246;nnen.<br />
Aber zun&#228;chst mussten Wahlregistrierungsb&#252;ros in gr&#246;&#223;tenteils schwarzen Gegenden in Louisiana neues Personal anstellen und Zw&#246;lf-Stunden-Schichten einlegen, nachdem die Demokraten dort zur W&#228;hlerInnenrergistrierung aufgerufen hatten. Kurz vor den Vorwahlen in Oregon sprach er vor 75.000 Menschen. In South Carolina erhielt er allein mehr Wahlstimmen, als alle KandidatInnen der Demokraten im Vorjahr zusammen. Meiner Tante in Houston zu Folge verwandelte er meinen Cousin von einem <em>couch potato</em> in einen Wahlbezirksleiter.<br />
Ihm wurde nachgesagt eine Grassroots-Bewegung anzuf&#252;hren. Das ist nur die halbe Wahrheit. Sicherlich sind es Grassroots. Bei &#252;ber das Internet organisierten Treffen kommen die Leute unabh&#228;ngig von der Kampagne zusammen. Auf <em>Facebook</em> hat seine Kandidatur ein Eigenleben entwickelt. Ein Grund daf&#252;r, dass er die Vorwahlen f&#252;r sich entscheiden konnte, ist darin zu suchen, dass seine Unterst&#252;tzerInnen engagierter und auf lokaler Ebene besser organisiert sind als jene Clintons. Aber es ist keine Bewegung. Bis jetzt hat die Kampagne keinen Zweck und keine Bedeutung, die &#252;ber seine Wahl hinausgeht. Seine Kandidatur wurde durch die gro&#223;e Welle an Energie, die nach der Mutlosigkeit der Bush-Jahre freigesetzt wurde, erm&#246;glicht, sie fungierte auch als Bindemittel f&#252;r diese Energie, die nirgendwo anders hin flie&#223;en konnte. Die zentrale Frage ist, wie sich das symbiotische Verh&#228;ltnis zwischen seiner gro&#223;en und hoffnungsvollen Basis und seiner Kandidatur &#252;ber die n&#228;chsten Monate entwickeln wird – ob und wie eine echte politische Basis aus dem Moment des Wahlkampfs entstehen kann. Die F&#228;higkeit und auch das Verlangen seiner Unterst&#252;tzerInnen, eine von der Kampagne unabh&#228;ngige Rolle zu spielen, wird w&#228;hrend eines Wahljahres begrenzt sein, nicht zuletzt wenn nach zwei Amtszeiten republikanischer Missregierung die Aussicht auf einen Sieg McCains realistisch ist. Das &#228;ndert nichts daran, dass sie dies tun m&#252;ssen, wollen sie ihre Erwartungen erf&#252;llt sehen.</p>
<p>Die meisten linken Kritiken an Obamas Politik sind richtig und notwendig, verfehlen f&#252;r sich allein genommen aber das Wesentliche. Jene, die wollen, dass er eine progressivere Agenda &#252;bernimmt, m&#252;ssen zuallererst eine progressive Bewegung etablieren, an die er sich wenden kann. Es ist keineswegs gesichert, dass das geschieht. Aber es ist zumindest m&#246;glich. Und nach den letzten Jahren bedeutet alleine diese M&#246;glichkeit einen bedeutenden Fortschritt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Gary Younge</em> ist Kolumnist und New York-Korrespondent der britischen Tageszeitung <em>The Guardian</em>n.<br />
Erstmals erschienen in <a href="http://www.socialistreview.org.uk/issue.php?issue=327" target="_blank"><em>Socialist Review</em></a> Juli/August 2008.<br />
&#220;bersetzt von Katherina Kinzel und Benjamin Opratko.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Als Misssissippi Freedom Summer wird die 1964 vom Council of Federated Organisations (COFO) gestartete Kampagne bezeichnet, die m&#246;glichst viele Afro-AmerikanerInnen dazu motivieren sollte, sich f&#252;r die Wahlen, von denen Schwarze zuvor ausgeschlossen gewesen waren, registrieren zu lassen. Auch hier waren die ehrenamtlichen HelferInnen gr&#246;&#223;tenteils junge Wei&#223;e (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> „post-racial“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Superdelegierte“ ist der informelle Name f&#252;r die Partei-Elite der Demokraten: (ehemalige) Kongressabgeordnete, Senatoren, Gouverneure, Mitglieder der Parteif&#252;hrung etc., die Kraft ihres Amtes ein Stimmrecht auf dem Wahlparteitag haben, ohne an die Ergebnisse der Vorwahlen gebunden zu sein.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>„Swing States“ sind Bundesstaaten, in denen ein knappes Ergebnis zwischen Demokraten und Republikanern erwartet wird. Aufgrund des US-amerikanischen „winner takes all“-Systems, in dem der Sieger in einem Bundesstaat die Stimmen aller „Wahlm&#228;nner“ erh&#228;lt, sind diese Staaten f&#252;r den Wahlausgang besonders entscheidend.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Marable, Manning: Black Leadership, New York 1998<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Rev. Wright war der Pfarrer und langj&#228;hrige Vertraute von Barack Obama. Im M&#228;rz 2008 wurden „unpatriotische“ und „unamerikanische“ Aussagen in Wrights Predigten publik gemacht, in denen er den USA unter anderem die Vertreibung der indigenen nordamerikanischen Bev&#246;lkerung, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die Unterst&#252;tzung von Staatsterrorismus in S&#252;dafrika und Pal&#228;stina und nicht zuletzt die unmenschliche Behandlung schwarzer AmerikanerInnen vorwarf. Obama distanzierte sich darauf hin von seinem langj&#228;hrigen Mentor.</p>
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		<title>Globale Rivalit&#228;ten. Anspruch und Realit&#228;t des amerikanischen Imperiums</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:57 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.<br />
<span id="more-135"></span><br />
Die  weltweiten Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse nach dem Ende des Kalten Krieges wurden von den USA dominiert. Mitte der 1990er konnte sogar von einer unangefochtenen, hegemonialen Rolle gesprochen werden. Es ist aufgrund der einzigartigen Machtkapazit&#228;ten nicht allein als ideologisches Wunschdenken bzw. &#252;berh&#246;hter Ausdruck einer „Ausnahmestellung“ zu begreifen, wenn amerikanische Machteliten das Ziel eines &#252;bergreifenden „Imperiums“ formulieren.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Seit Jahrzehnten zielt die amerikanische Au&#223;enpolitik strategisch auf die Schaffung eines globalen „freien“ Marktes, der vom amerikanischen Staat reguliert wird. Dieser Anspruch scheint mit der Masse der Profite zu korrespondieren, die US-Unternehmen im Ausland realisieren: „Gem&#228;&#223; Zahlen des Jahres 2000 erscheint der Umfang von USDIA-Profiten [Profite, die von US-Unternehmen bzw. deren Tochterfirmen im Ausland erzielt wurden, Anm. TtB] &#252;berw&#228;ltigend. USDIA-Profite stellten 53 % der inl&#228;ndischen Profite“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Tats&#228;chlich kontrollieren die Vereinigten Staaten den internationalen Raum wie kein anderer Akteur. Aus dieser Vormachtstellung resultieren „Hegemonialrenten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> (u.a. aufgrund der Rolle des Dollar als Weltgeld), die die Kosten der Aufwendungen f&#252;r die Herstellung dieser Ordnung (Verteidigungsausgaben etc.) &#252;bertreffen k&#246;nnen. Auf absehbare Zeit wird der amerikanische Staat die Vorz&#252;ge einer einheitlichen Volkswirtschaft mit enormen Kapazit&#228;ten und eines &#252;bergreifenden &#246;konomischen Anziehungspunktes nutzen k&#246;nnen. Auf Grundlage ihrer gewaltigen milit&#228;rischen &#220;bermacht stellen sie ein, wenn auch prek&#228;res „Gewaltmonopol“ dar, das nicht nur die amerikanischen, sondern auch andere international operierende Unternehmen sowie Staaten f&#252;r ihre Reproduktion zu nutzen versuchen.<br />
Zu einem gewissen Grad fungiert damit die US-amerikanische Weltordnungspolitik auch als Dienstleister der global um stabile Verwertungsm&#246;glichkeiten und Wertsch&#246;pfungsketten bem&#252;hten Unternehmen sowie von Teilen der politischen Machteliten anderer Industriestaaten. Die in den Staaten des „Westens“ in Ans&#228;tzen geteilte kulturalistische Vorstellung eines neuen Konflikts zwischen der „zivilisierten Welt“ und der „barbarisierten Welt“ – der „Kampf der Kulturen“ – deutet auf diesen Sachverhalt hin, auch wenn unterschiedliche Taktiken debattiert werden, wie diesem Konflikt entgegenzutreten sei (was aber auch f&#252;r die Diskussionen in den USA selbst zutrifft).</p>
<h3>Grenzen der amerikanischen Macht</h3>
<p>Doch dies ist nur ein Teil des Gesamtbilds. Die <em>Umsetzung </em>der Ziele gelingt n&#228;mlich nur partiell – im „alten“ Europa schlechter als im „neuen“, in Japan besser als in China, in Indien besser als in Russland, in Lateinamerika schlechter als in S&#252;dostasien, im Nahen und Mittleren Osten schlechter als in Zentralasien. Der Versuch der Bildung eines weltumspannenden Imperiums, der mit der hegemonialen Kontrolle anderer „Vasallenstaaten“ einhergeht, sowie die Strategie offener M&#228;rkte, sto&#223;en auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t des „Imperialismus“, d.h. der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem und der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft, konterkariert. Das trifft abgeschw&#228;cht auch auf die enge „transatlantische Partnerschaft“ zu: Die Vereinigten Staaten definieren Anspr&#252;che an die „Alliierten“ – etwa den deutlichen Vorrang der NATO und deren Erweiterung auch gegen&#252;ber der europ&#228;ischen Sicherheitsorganisation, die Entwicklung einer europ&#228;ischen Verteidigungspolitik im Rahmen der NATO, die Angleichung der Bedrohungswahrnehmungen –, die allerdings nicht ohne weiteres umgesetzt werden. Die Best&#228;ndigkeit des transatlantischen B&#252;ndnisses in den 1990ern war keine zwangsl&#228;ufige, sondern eine unter gr&#246;&#223;eren Anstrengungen seitens der USA politisch erk&#228;mpfte Entwicklung, wie das amerikanische Engagement in den Balkankriegen, die NATO-Osterweiterung, die Einflussnahme auf die EU-Osterweiterung oder, zuvor, die Etablierung des marktliberalen „Washington Consensus“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> anzeigt.<br />
Auch die Entwicklung der Weltwirtschaft fordert den amerikanischen Staat heraus. Seit den 1970ern konnten die USA die weltwirtschaftlichen Turbulenzen bis zu einem gewissen Grad abfedern bzw. Kriseneffekte anderen Regionen aufb&#252;rden. Die hegemoniale Position der USA in der Weltwirtschaft war niemals ernsthaft gef&#228;hrdet. Gegenw&#228;rtig erscheint es allerdings zumindest als fragw&#252;rdig, ob die aktuelle &#246;konomische Krise und ihre noch schwer absehbaren Folgen in &#228;hnlicher Weise unter Kontrolle gehalten werden k&#246;nnen.  Die Tiefe der Krise – f&#252;r gew&#246;hnlich resultiert die Bankenkrise aus einer allgemeinen Krise, diesmal geht sie ihr voraus, d.h. das Bankensystem ist bereits geschw&#228;cht, bevor die Belastungen aus der allgemeinen Krise kommen – und der auch aufgrund des Aufstiegs Chinas und anderer neuer „Global Player“ relativ betrachtet reduzierte amerikanische Anteil an der Weltproduktion machen dieses Unterfangen zum schwer zu bew&#228;ltigenden Mammutprojekt. &#214;konomen diskutieren die M&#246;glichkeit eines ernsthaften Vertrauensverlustes in den Dollar und selbst in die amerikanische Zentralbank.<br />
Die Differenz zwischen den hegemonialen Zielen der amerikanischen Weltordnungspolitik und ihrer Umsetzung kann – etwas weniger spekulativ als in der Frage der Bew&#228;ltigung der aktuellen Finanzkrise – am Fall der <em>Kontrolle der Welt&#246;lressourcen </em>exemplifiziert werden. Auf der einen Seite steht hier der Anspruch, als hegemonialer Ordnungsgarant die &#214;lnachfrage zu regulieren, indem auch die Interessen anderer ber&#252;cksichtigt werden: „Mit ihrer milit&#228;rischen Macht gestalteten die Vereinigten Staaten eine geopolitische Ordnung, die das von ihnen bevorzugte Modell der Weltwirtschaft politisch st&#252;tzt: also eine immer offenere internationale liberale Ordnung. Die US-Politik zielte darauf ab, eine offene internationale &#214;lwirtschaft zu gestalten, wo von gro&#223;en multinationalen Firmen beherrschte M&#228;rkte Kapital und Waren zuteilen. Die Macht des US-Staates wird nicht einfach nur eingesetzt, um die Konsumbed&#252;rfnisse der Vereinigten Staaten und der US-Firmen zu sch&#252;tzen. Es geht f&#252;r die USA, in der zuversichtlichen Erwartung, als die f&#252;hrende Volkswirtschaft der Welt alle ihre Bed&#252;rfnisse durch Handel befriedigen zu k&#246;nnen, vielmehr darum, die allgemeinen Voraussetzungen f&#252;r einen Welt&#246;lmarkt zu schaffen“.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Zielsetzung trifft allerdings in der Realit&#228;t auf strategische Pr&#228;ferenzen anderer Akteure, die mitunter mit den US-amerikanischen kollidieren.<br />
Im Nahen und Mittleren Osten etwa interagieren mehrere starke Staaten und weitere inter-gesellschaftliche Akteure in einem Raum hoher geostrategischer Bedeutung. Auch die lokalen Staaten treten mit eigenen au&#223;enpolitischen Bestrebungen der Kontrolle von R&#228;umen in Erscheinung. Einige OPEC-Staaten haben seit den 1970ern vor dem Hintergrund der steigenden weltweiten Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber den Erd&#246;lressourcen an Relevanz gewonnen. Des Weiteren haben innerhalb der Region bis in die 1970er nationalistische, seitdem vor allem politisierte religi&#246;s-nationale Bewegungen Einfluss auf die Politik von Einzelstaaten gewonnen. Zwischen den Staaten bzw. den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, die sie repr&#228;sentieren, finden oft Auseinandersetzungen statt, die selten zugunsten aller beteiligten Interessen gel&#246;st werden k&#246;nnen. Zugleich spielen sich in dieser Region indirekte geopolitische Konflikte zwischen den gr&#246;&#223;ten Staaten der Welt ab: Die europ&#228;ischen und ostasiatischen M&#228;chte sind beispielsweise erheblich abh&#228;ngiger von den &#214;l- und Gasressourcen des Nahen und Mittleren Ostens als die Vereinigten Staaten. Weil die Regierungen der Vereinigten Staaten um die <em>strategische Bedeutung</em> der Ware &#214;l wissen, reagieren sie mit ihrem Ringen um den Nahen und Mittleren Osten nicht in erster Linie auf das Interesse einiger einheimischer &#214;lkonzerne (und damit zusammenh&#228;ngender Industriezweige), sondern m&#246;chten als vorherrschende Kraft die Bedingungen und Regeln der Aneignung der Energieressourcen bestimmen, auch wenn daf&#252;r wie im Fall des Irakkriegs 2003 und der daran anschlie&#223;enden Besatzung Aktionen n&#246;tig sind, die sich &#252;berhaupt nicht &#246;konomisch „rechnen“. Eine Vormacht in dieser Frage, so die (riskante) Annahme, bef&#246;rdere die Vorherrschaft in anderen Bereichen, etwa die Kontrolle der Weltleitw&#228;hrung.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
De facto stellen sich die ausgekl&#252;gelten au&#223;enpolitischen Strategien der USA als ein mehr oder minder effektives Krisenmanagement dar und nicht als eine hegemoniale F&#252;hrung.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Bereits diese Sachverhalte verweisen darauf, dass die USA weder eine hegemoniale F&#252;hrungsmacht noch ein Imperium, sondern lediglich der vorherrschende Akteur der Weltpolitik sind. „Imperien bestimmen die Spielregeln. Sie haben es nicht n&#246;tig, umst&#228;ndliche und nicht einleuchtende Ausnahmen f&#252;r sich einzufordern, die fast von der ganzen Welt abgelehnt werden. Ein Staat, der nicht in der Lage ist, die von ihm bevorzugten internationalen Normen durchzusetzen, ist kein Imperium. Ein Staat, der nicht wenigstens z&#228;hneknirschende Zustimmung seiner wichtigsten ‚Verb&#252;ndeten’ erhalten kann, &#252;bt nicht einmal eine Hegemonie aus“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Der „Krieg gegen den Terror“ wurde mit dem Ziel gef&#252;hrt, die globale Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zu festigen oder gar auszubauen. Faktisch wurde sie geschw&#228;cht. Im Vergleich zur Mitte der 1990er Jahre hat sich die USA vom Ziel der hegemonialen politischen F&#252;hrung entfernt, wiewohl ihre F&#252;hrungsf&#228;higkeit in verschiedenen Bereichen variiert.</p>
<h3>Eind&#228;mmung potentieller Konkurrenten</h3>
<p>Mit dem systematischen Ausstieg aus internationalen Vertr&#228;gen (z.B. Atomteststopvertrag, Vertrag &#252;ber biologische und toxische Waffen, ABM-Vertrag<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, Ratifizierung des Internationalen Strafgerichtshofs) gewinnt die USA zwar auf der einen Seite an Entscheidungsfreiheit, verliert aber zugleich an F&#228;higkeit, seine B&#252;ndnispartner im Konsens zu f&#252;hren. Vielmehr scheinen die Vereinigten Staaten mit ihren milit&#228;rischen Aktionen darauf zu setzen, ihre B&#252;ndnispartner einsch&#252;chtern zu wollen. Der gewagte Versuch, &#252;ber den Einsatz milit&#228;rischer Kapazit&#228;ten die eigene Vorherrschaft zu befestigen oder gar auszubauen, bringt jedoch nicht den erwarteten Erfolg. Der amerikanische Hegemonismus hat zu einer Reaktion gef&#252;hrt, die man als „Soft-Balancing“ bezeichnet: „Frankreich und Deutschland haben n&#228;mlich versucht, amerikanische Initiativen politisch zu blockieren, oder sie haben ihre Mitarbeit verweigert, als sie darum ersucht wurden. Desgleichen haben die asiatischen L&#228;nder sich aktiv darum bem&#252;ht, regionale multilaterale Organisationen zu bilden, da Washington bei ihnen den Eindruck erweckt, es interessiere sich nicht besonders f&#252;r ihre Bed&#252;rfnisse. Hugo Chavez in Venezuela hat die &#214;leink&#252;nfte des Landes daf&#252;r eingesetzt, L&#228;nder in den Anden und in der Karibik aus der amerikanischen Einflusssph&#228;re herauszul&#246;sen, w&#228;hrend Russland und China zusammenarbeiten, um die Vereinigten Staaten nach und nach aus Zentralasien hinauszudr&#228;ngen“.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Als m&#246;glicherweise folgenreichster Grund f&#252;r die Erosion der amerikanischen Vormachtstellung kann der Trend zu einer Rezentrierung der Weltwirtschaft in Ostasien gelten. Der asiatische Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt ist zwischen 1960 und heute von 13 % auf etwa 30 % gestiegen. Besonders die Entwicklungsstrategien Chinas stellen relativ stabile globale Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und abgesteckte Interessenssph&#228;ren „alter“ Gro&#223;m&#228;chte in Frage und bergen damit mittelfristig eine Reihe von Konkurrenz- und m&#246;glicherweise folgenreicher Konfliktverh&#228;ltnisse in sich. Einige AutorInnen sehen diesen Prozess als eine „hidden agenda“ hinter der hegemonialen Krise Washingtons.<br />
In diesem Zusammenhang wird plausibel, warum Teile der amerikanischen Machteliten im Rahmen ihrer Globalstrategien nicht nur die Einbindung, sondern auch die <em>Eind&#228;mmung </em>m&#246;glicher Konkurrenten um die globale Vorherrschaft diskutieren.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Dabei gelten besonders Russland und China als m&#246;gliche Wettbewerber um die Rolle der F&#252;hrungsmacht. Virulent werden die Konkurrenzen um Einfluss- und Interessenssph&#228;ren zwischen den USA sowie China und Russland im Hinblick auf den „Eurasian Continental Rim“. Dieser sich von Osteuropa &#252;ber den Kaukasus bis nach Zentralasien erstreckende Staateng&#252;rtel befindet sich seit der Aufl&#246;sung der Sowjetunion in einem Prozess der geopolitischen Restrukturierung. Bis 1991 waren 14 der heutigen Staaten Republiken der Sowjetunion. Um den Einfluss in diesem „Schwarzen Loch“ ringen seitdem die Gro&#223;m&#228;chte. Beim Krieg zwischen dem k&#252;nftigen Nato-Mitgliedstaat Georgien und Russland um S&#252;dossetien und Abchasien handelte es sich nicht nur um einen lokalen Konflikt – es ging auch um das internationale Kr&#228;fteverh&#228;ltnis.</p>
<h3>Renaissance der Imperialismusanalyse</h3>
<p>Das Zeitalter der „Globalisierung“ sollte eigentlich das Ende der Machtpolitik und zwischenstaatlicher Konflikte mit sich bringen. Heerscharen an JournalistInnen und WissenschafterInnen posaunten das in den 1990ern hinaus. Diese optimistische liberale Erkl&#228;rung geht langfristig von einem Versiegen der Quellen internationaler, mit Gewalt verbundener Konflikte aus. Geopolitik und Krieg r&#252;hren dem zufolge aus vormodernen Quellen. Je mehr sich marktwirtschaftliche Prinzipien global durchsetzen und die wirtschaftliche Interdependenz zunimmt, desto mehr werden zwischenstaatliche Konflikte an Bedeutung verlieren. Die Politik der Bush-Regierung wird auf ein nicht mehr zeitgem&#228;&#223;es, „irrationales“ Machtstreben reduziert.<br />
Im wissenschaftlichen „Mainstream“ wird diese These in der Regel nur von konservativen Argumentationen herausgefordert. Eine &#252;bergeschichtliche Konstante der ungleichen Machtverteilung begr&#252;ndet dem zufolge eine anhaltende Tendenz zur milit&#228;rischen Absicherung einzelstaatlicher Interessen. Jeder Staat, der auf Machtpolitik verzichtet, droht letztlich zum Opfer der Machtpolitik anderer Staaten zu werden, was zu einer Unterordnung staatlicher Handlungen unter das Interesse des Machterhalts f&#252;hrt. Nach der Devise „Das ist halt so“ werden die politischen Eliten dazu angeregt, sich den „Umst&#228;nden“ gem&#228;&#223; zu verhalten – und gegebenenfalls mit Gewaltmitteln f&#252;r die Sicherheit und die Interessen eines Landes zu sorgen.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Amerikas Rolle als „Weltpolizist“ wird folgerichtig akzeptiert.<br />
An den kritischen R&#228;ndern des Wissenschaftsbetriebs und in sozialen Bewegungen werden der „alte“ wie „neue“ Imperialismus und die amerikanische Au&#223;enpolitik im Zusammenhang mit dem globalen Kapitalismus und den mit ihm zusammenh&#228;ngenden Konkurrenzverh&#228;ltnissen, Machthierarchien und Unterdr&#252;ckungsmechanismen erforscht. Im Gegensatz zu konservativen TheoretikerInnen halten die linken TheoretikerInnen diese Struktur jedoch prinzipiell f&#252;r &#252;berwindbar.<br />
In den letzten Jahren ist es zu einer Wiederbelebung imperialismustheoretischer Debatten gekommen. Die daf&#252;r verwendeten theoretischen Ans&#228;tze unterscheiden sich freilich. Nachdem die so genannte <em>Empire</em>-These von Michael Hardt und Antonio Negri<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> in den letzten Jahren an Strahlkraft verloren hat – die Annahme einer Transformation des Kapitalismus und der fragmentierten Staatenwelt in einen „glatten Raum“ der Machtaus&#252;bung, einer Herrschaft des „Gesamtkapitals“ – haben zwei andere Ans&#228;tze an Bedeutung gewonnen: Die These eines amerikanischen <em>Superimperialismus</em> und die Annahme <em>neuer globaler Rivalit&#228;ten</em>.<br />
Die These des US-Superimperialismus wird von kritischen WissenschafterInnen wie Leo Panitch vertreten. F&#252;r ihn sind die Staaten, insbesondere der amerikanische Staat, Urheber der Globalisierung und nicht deren Opfer. Nach 1945 hat sich eine historisch neuartige Konstellation ergeben. Die USA konnten die anderen kapitalistischen M&#228;chte in ein funktionsf&#228;higes Netzwerk integrieren. Es ist zur „Verkn&#252;pfung“ des amerikanischen Staates mit den Exekutivapparaten Europas und Japans sowie mit deren Zentralbanken gekommen. Vertiefte wirtschaftliche Verflechtungen innerhalb der Triade, die internationalen politischen Institutionen, die die USA um sich herum schufen, vervollkommnet durch die Sicherheitsstrukturen der NATO, f&#252;hrten so zu einer „Ver&#228;nderung des Wesens des kapitalistischen Zentrums“ im Sinne einer Abnahme inner-imperialistischer Konflikte.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Spannungen und B&#252;ndnisse nationaler herrschender Klassen k&#246;nnen heute nicht mehr in rein „nationalen“ Begriffen verstanden werden. Unter Bezugnahme auf den Marxisten Nicos Poulantzas wird von „inneren“ Bourgeoisien in Europa gesprochen, die im Gegensatz zur alten „nationalen“ Machtelite gegen&#252;ber den USA ihre Unabh&#228;ngigkeit verloren haben. Die EU passt in den Rahmen der amerikanisch gef&#252;hrten Globalisierung, wiewohl es weiterhin zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann. Die Krise der 1970er Jahre und die darauf folgende Stagnation konnte der amerikanische Staat relativ erfolgreich &#252;berwinden, obwohl dieser Prozess die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen regionalen Wirtschaftsbl&#246;cken forcierte. Der amerikanische Staat sorgt weiterhin als „prototypischer Globalstaat“ f&#252;r eine globale Regulation. Andere potentielle Konkurrenten sind noch lange nicht dazu in der Lage, das amerikanische Imperium herauszufordern.<br />
Panitch kann f&#252;r sich reklamieren, den fortw&#228;hrenden Einfluss einzelstaatlicher Instanzen belegt zu haben. Auch der Akzent auf die Notwendigkeit der Historisierung imperialistischer Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse ist ein Fortschritt. Leider f&#252;hrt eine Fixierung auf die Politik Washingtons dazu, das Durchsetzungsverm&#246;gen der amerikanischen Weltordnungspolitik zu &#252;bersch&#228;tzen, weshalb auch die hieraus abgeleiteten theoretischen Verallgemeinerungen fragw&#252;rdig erscheinen. Die Annahme, der zufolge die &#220;bermacht der amerikanischen Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg die europ&#228;ischen Kapitalien „zersetzt“ und das Ende „koh&#228;renter Bourgeoisien“ eingeleitet habe, erscheint vorschnell. Sie untersch&#228;tzt die relative Unabh&#228;ngigkeit der europ&#228;ischen (und anderer) Machteliten genauso wie m&#246;gliche Quellen der Entstehung von zwischenstaatlichen Rivalit&#228;ten, auch wenn diese andere Formen als vor 1945 annehmen.</p>
<h3>Kapitalismus und Geopolitik</h3>
<p>Die Ereignisse der letzten Jahre scheinen denjenigen Autor-Innen Recht zu geben, die von einer fortw&#228;hrenden Relevanz zwischenstaatlicher Konflikte ausgehen. Sie verstehen unter kapitalistischer Geopolitik den Versuch der Kontrolle von und die Einflussnahme in R&#228;umen auch und gerade, wenn keine direkte territoriale Kontrolle &#252;ber diese vorliegt. Einige AutorInnen (u.a. David Harvey, Alex Callinicos oder Joachim Hirsch) versuchen im Rahmen einer Kapitalismusanalyse und der Annahme der relativen Autonomie geopolitischer Konkurrenzlogik imperialismustheoretische Konzepte weiterzuentwickeln.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Einem instrumentellen Staatsverst&#228;ndnis wird dadurch entgegenzutreten versucht, indem zwischen &#246;konomischen und geopolitischen Machtlogiken unterschieden wird. Sie m&#246;chten die Analyse von Staatenkonkurrenz in einem weltwirtschaftlichen Zusammenhang erm&#246;glichen, ohne dass erstere auf letzteren reduziert wird. Der amerikanische Imperialismus steht demzufolge in einem umk&#228;mpften Verh&#228;ltnis zu anderen Imperialismen.<br />
Um an diese Thesen ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen, muss mit einer Analyse des Kapitalismus in r&#228;umlicher wie auch in zeitlicher Hinsicht begonnen werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das globale System der „verallgemeinerten Warenproduktion“ ist grundlegend dadurch gekennzeichnet, dass es den sozialen Akteuren &#228;u&#223;erliche Handlungszw&#228;nge aufherrscht. Der Kapitalismus ist zwar ein von Menschen geschaffenes System, es produziert jedoch Verh&#228;ltnisse, die sich gegen&#252;ber dem bewussten Handeln und Wollen der Subjekte verselbst&#228;ndigen – und die, &#252;ber Kontinente und Kulturen hinweg, sowohl Wahrnehmungen als auch Handlungen der Akteure pr&#228;gen.<br />
Verschiedene Merkmale des Kapitalismus – genau genommen der „vielen“ Kapitalismen – tendieren in einer historischen Perspektive betrachtet, d.h. auch unter Ber&#252;cksichtigung erheblicher Modifikationen im Aufbau verschiedener Spielarten des Kapitalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts, dazu, geopolitische Konflikte und internationale Abh&#228;ngigkeiten zu bef&#246;rdern:<br />
1.	Geopolitik steht in einem Zusammenhang mit den Klassenverh&#228;ltnissen moderner Gesellschaften. Interne gesellschaftliche Konflikte und Legitimationsdefizite werden h&#228;ufig von Machteliten dadurch zu l&#246;sen versucht, dass ein externes, feindliches „Anderes“ konstruiert wird. Ein innenpolitischer Konsens soll &#252;ber eine Abgrenzung nach „au&#223;en“ hergestellt werden. Die jeweilige nationale Au&#223;enpolitik l&#228;sst sich daher nicht ohne eine Analyse der nationalen Gesellschaften und der Ph&#228;nomene moderner „Massenpolitik“ verstehen (z.B. gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, nationalistische Bewegungen, Auseinandersetzungen im herrschenden Machtblock). Hieraus ergibt sich wiederum eine Unterscheidung zwischen vielf&#228;ltigen <em>Varianten </em>des kapitalistischen Imperialismus.<br />
2.	Die Konflikthaftigkeit kapitalistischer Gesellschaften ersch&#246;pft sich nicht in den „vertikalen“ Klassenauseinandersetzungen. Diese werden von einer anderen Konfliktachse &#252;berlagert, den „horizontalen“ Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen den Unternehmen. Die systematische Notwendigkeit zur Akkumulation des Kapitals setzt sich vermittelt durch die Konkurrenz durch. Diese wirkt als sozialer Sanktions¬mechanismus, der jedem Einzelkapital den Zwang zur Akkumulation bei Strafe der Existenzgef&#228;hrdung unterwirft. Wettbewerbsverh&#228;ltnisse zwischen Unternehmen generieren eine permanente Unsicherheit und Krisenhaftigkeit. Kapitalistische M&#228;rkte existieren daher immer in einer anarchischen, dezentralen Weise. Die ma&#223;- und endlose Kapitalakkumulation sowie der Sanktionsmechanismus der Konkurrenz verweisen auf die Grenzen der Steuerung des Systems, auch und gerade auf internationaler Ebene.<br />
3.	In welcher Weise ist die &#246;konomische Konkurrenz und Krisenhaftigkeit mit der Politik von Staaten verbunden? Das Kapital dr&#252;ckt schlie&#223;lich in erster Linie ein soziales Verh&#228;ltnis aus, dessen „Motor“ nicht das „nationale Interesse“, sondern das „Eigeninteresse“ an einer m&#246;glichst hohen Profitrate ist. Zur Beantwortung dieser Frage m&#252;ssen die Ursachen f&#252;r die Existenz vieler konkurrierender kapitalistischer Einzelstaaten bzw. gegenw&#228;rtig auch makro-regionaler Zusammenschl&#252;sse beachtet werden. Erst einmal gilt es dabei festzuhalten, dass ohne eine „besonderte“, d.h. relativ autonome politische Instanz, die das Gewaltmonopol innehat, eine gelingende Kapitalakkumulation nicht vorstellbar ist. Der Staat schafft eine Reihe von sozialen, rechtlichen und infrastrukturellen Integrations- und Anpassungsleistungen, die die Aufrechterhaltung kapitalistischer Vergesellschaftung zu garantieren versuchen.<br />
Dass der „Bedarf“ des Kapitals nach einem Staat nicht in einem Weltstaat m&#252;ndet, sondern im Kapitalismus grunds&#228;tzlich viele Staaten koexistieren, hat wenigstens zwei zentrale Ursachen: <em>Erstens </em>macht die Notwendigkeit der Schaffung klassen&#252;bergreifender Koalitionen (gegenw&#228;rtig zwecks Sicherung des „Standortes“) zur Herstellung innergesellschaftlicher Stabilit&#228;t die Integrationsleistungen der Einzelstaaten erforderlich. Am ehesten sind hierzu staatliche Machtapparate in der Lage. Ohne die Existenz vieler Einzelstaaten w&#228;ren grundlegende Mechanismen der Ausbalancierung von Konflikten sowohl innerhalb als auch zwischen den Klassen nicht mehr gew&#228;hrleistet. Diese Form der Abgrenzung der einzelnen Staaten untereinander setzt andere Staaten gewisserma&#223;en voraus: Ein „Anderer“ kann nur konstruiert werden, wenn es diesen Anderen auch wirklich gibt. Wie Nationalismusforscher argumentieren, gilt die nationale Form als „der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
<em>Zweitens </em>f&#252;hrt die kombiniert-ungleiche, krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung nicht zu einer Homogenisierung auf Weltebene. Die Welt ist kein einheitlich-glatter, sondern ein gekerbter Raum. Es haben sich fest verankerte wirtschaftliche Zentren gebildet, die in einem engen Wechselverh&#228;ltnis zu den auf dem jeweiligen Territorium herrschenden Staatsapparaten stehen. Harvey spricht von relativ immobilen „raum-zeitlichen Fixierungen“ des Kapitals, insbesondere des Produktivkapitals, die hohe Anforderungen an staatliche Regulierungsapparate stellen. Um eine gewisse Berechenbarkeit und Sicherheit zu gew&#228;hrleisten, m&#252;ssen wirtschaftliche Ver¬flechtungsr&#228;ume ein Ma&#223; an Koh&#228;renz garantieren, die von politischen Hilfestellungen abh&#228;ngt. Komplexe Produktionsstrukturen erfordern eine administrativ-ordnungssetzende Infrastruktur (wie Rechtswesen, Verwaltung, Lizenzierungsverfahren), eine wirtschaftliche Infrastruktur (etwa bei der Regelsetzung f&#252;r &#246;konomische Transaktionen) sowie weitere Regulierungen (beispielsweise im Arbeitsrecht). Ferner verlangt die Kapitalintensivierung der Produktionsprozesse eine gewisse Risiko&#252;bernahme durch den Staat mittels Subventionen, Direktbeteili¬gungen etc. Zugleich waren und sind die Staaten angehalten, f&#252;r ein Mindestma&#223; an ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften und deren soziale Sicherheit zu sorgen. Die Globalisierung bringt also eine Gegentendenz hervor: Die globale Akkumulation ist im Zuge permanenter Ortswechsel und der Suche nach profitablen Anlagem&#246;glichkeiten gebunden an eine auch politisch produzierte „geographische“ Infrastruktur..<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
4.	Doch nicht nur die Unternehmen sind abh&#228;ngig von den jeweiligen staatlichen Instanzen, umgekehrt h&#228;ngt die Existenz des Staates von den erfolgreichen Aktivit&#228;ten der Wirtschaft ab. Sie befinden sich in einer strukturellen Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber einer gelingenden Akkumulation innerhalb <em>ihres </em>Territoriums, die sich etwa in einem Interesse am Erhalt der Besteuerungsgrundlagen ausdr&#252;ckt. Der moderne, kapitalistische Staat ist immer auch „Steuerstaat“: Um handlungsf&#228;hig zu bleiben, m&#252;ssen die politischen Eliten der Tatsache Rechnung tragen, dass ihre Eink&#252;nfte und damit die Mittel, staatliche Politik zu gestalten, letztlich von einer einigerma&#223;en reibungslosen Kapitalakkumulation abh&#228;ngen. Auch wenn Firmen mehr und mehr „global“ denken und agieren (und sich teilweise auf die infrastrukturellen Voraussetzungen mehrerer Staaten gleichzeitig beziehen), werden die Staaten k&#252;nftig von international wettbewerbsf&#228;higen „nationalen“ bzw. „einheimischen“ Unternehmen ausgehen m&#252;ssen und ein Interesse an dauerhaften Beziehungen zu ihnen haben.<br />
Parallel hierzu bildet der kapitalistische Einzelstaat in einer nicht unmittelbar &#246;konomisch ableitbaren, sondern auch auf seine Selbsterhaltung bezogenen Weise grundlegende Interessen an der Attraktivit&#228;t der von ihm gesicherten und angebotenen Standortvorteile aus.<br />
5.	Auf dieser Basis l&#228;sst sich ein weiteres Merkmal des Kapitalismus benennen, das internationale Konflikte bef&#246;rdert: die Geld- und W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse. Geld ist immer bezogen auf konkrete einzelstaatliche (im Falle des Euro, supranationale) <em>W&#228;hrungsr&#228;ume</em>. Die Geldpolitik grenzt mit dem G&#252;ltigkeitsbereich einer W&#228;hrung etwa Binnen- und Au&#223;enwirtschaft gegeneinander ab. Geld ist somit immer ein politisch reguliertes Medium, was insbesondere f&#252;r die Ausgabe des Geldes zutrifft. In den Geldverh&#228;ltnissen kommt &#228;hnlich wie in anderen Strukturmerkmalen des Kapitalismus die konstitutive Pr&#228;senz des Politischen zum Ausdruck. Mangels eines Weltstaates gibt es kein internationales Geld – eine Grundlage f&#252;r die W&#228;hrungskonkurrenz.</p>
<h3>&#214;konomische und geopolitische Konkurrenz</h3>
<p>Aus den vielgestaltigen Artikulationen von Kooperations- und Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen staatlichen Machtstrategien in einer instabilen Weltwirtschaft geht kein glatter, sondern ein durch viele Akteure konflikthaft strukturierter internationaler Raum hervor. Als ein anarchisches, quer zu anderen sozialr&#228;umlichen Dimensionen verlaufendes Geflecht bef&#246;rdert der Raum des Inter- und Transnationalen nicht intendierte bzw. nicht antizipierte Formen des gewaltf&#246;rmigen Handelns.<br />
Auf Weltebene k&#246;nnen zwei grundlegende, relativ unabh&#228;ngig voneinander existierende und nicht aufeinander zu reduzierende, jedoch sich zeitweise verschr&#228;nkende Muster der Konkurrenz beobachtet werden: die sozio-&#246;konomische sowie die geopolitische Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien bzw. Einzelstaaten.<br />
Kapitalbewegungen und kapitalistische Einzelstaaten orientieren sich an verschiedenartigen <em>Kriterien der Reproduktion</em> und bilden daher untereinander ein Spannungsverh&#228;ltnis aus, das regelm&#228;&#223;ig divergierende Handlungsstrategien zur Folge hat, so dass &#246;konomische Interessen sich nicht unvermittelt in Staatshandeln niederschlagen m&#252;ssen. Der Einzelkapitalist operiert „im Raum-Zeit-Kontinuum, w&#228;hrend der Politiker innerhalb der Grenzen seines Hoheitsgebiets operiert und, zumin¬dest in Demokratien, in einer vom Wahlzyklus diktierten Zeitlich¬keit. Andererseits kommen und gehen kapitalistische Firmen, sie ver¬schieben ihren Standort, fusionieren oder schlie&#223;en, wohingegen Staa¬ten langlebige Einheiten sind, nicht abwandern k&#246;nnen und, au&#223;er unter au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden geographischer Eroberung, auf Territorien mit festen Grenzen beschr&#228;nkt sind“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Das wesentliche &#246;konomische Kriterium der Reproduktion besteht in der Behauptung der relativen Kapitalst&#228;rke (und damit der Profitabilit&#228;t); sollten Einzelkapitalien dieses Ziel verfehlen, drohen der Bankrott oder die &#220;bernahme. Das wesentliche Kriterium der geopolitischen Reproduktion zielt dagegen darauf, die Herrschaft gegen&#252;ber der jeweiligen Bev&#246;lkerung und gegen&#252;ber anderen Staaten sowie „&#228;u&#223;eren“ sozialen Kr&#228;ften zu behaupten.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Die wechselseitige strukturelle Abh&#228;ngigkeit beider Akteursebenen f&#252;hrt aber immer wieder auch zu kongruenten Handlungsstrategien, die sich unter anderem in der geopolitischen Hilfestellung bei der globalen Restrukturierung der Kapitalverwertung (in der Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionssph&#228;re) und dem Versuch des Managements der internationalen &#246;ffentlichen Sph&#228;ren ausdr&#252;cken. Solche Dienste lassen sich zugleich nicht hinreichend aus einzelnen Profitinteressen erkl&#228;ren, sondern m&#252;ssen immer auch die Interessen einzelstaatlicher Instanzen in Betracht ziehen, die damit etwa auf die Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung ihrer Souver&#228;nit&#228;t und damit ihrer Machtbasis zielen.<br />
Wenn die Akkumulationsprozesse die Grenzen eines Gebietes &#252;berschreiten, ist die Frage, wie sich dies auf die Handlungen des urspr&#252;nglichen Standortes (des Staates) auswirkt. Ist es f&#252;r den Staat absehbar, dass dieser Prozess der Kapitalakkumulation seine Macht potentiell unterminieren k&#246;nnte, ringt er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darum, Investitionsstr&#246;me mit viel „M&#252;he und Besonnenheit“ zu seinem eigenen Vorteil zu lenken: „Und was den externen Bereich angeht, wird er typischerweise gro&#223;e Aufmerksamkeit auf die Asymmetrien legen, die immer aus dem Handel zwischen R&#228;umen entstehen, und versuchen, die Tr&#252;mpfe der monopolistischen Kontrolle so stark zu machen, wie er kann. Er wird sich, kurz gesagt, notwendig am geopolitischen Kampf beteiligen und wo er kann auf imperialistische Praktiken zur&#252;ckgreifen“.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Die gew&#246;hnlichen Formen der <em>Konkurrenz </em>w&#252;rden sich in letzterem Fall in einen <em>Konflikt</em> steigern. Letztere sind vielgestaltig und liegen in der Regel unterhalb der Schwelle der offenen Gewaltanwendung bzw. dem zwischenstaatlichen Krieg.<br />
Die jeweilige Struktur der internationalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse variiert. Die gegenw&#228;rtige Weltordnung unterscheidet sich erheblich von fr&#252;heren Weltordnungsphasen. Das Verh&#228;ltnis zwischen Kooperation und Konflikt im Kontext des amerikanischen Hegemonismus erscheint gegenw&#228;rtig, etwas vereinfacht ausgedr&#252;ckt, wie folgt: In relativer &#220;bereinstimmung wird auf den internationalen Wirtschafts- und Politikgipfeln versucht, die „Agenda“ zu setzen und marktliberale Handlungs- und Deutungsmuster zu festigen. Doch bereits bei den Sondierungsgespr&#228;chen &#252;ber Fragen der Wirtschafts-, Sicherheits- und Energiepolitik k&#246;nnen mitunter erhebliche Meinungsverschiedenheiten auftreten, die dann in den internationalen Organisationen wie der UN, der NATO oder der WTO m&#246;glicherweise bis zur Handlungsunf&#228;higkeit f&#252;hren. Die Machteliten sind sich mehr oder wenig einig darin, die Herstellung von weltweiter Ordnung und einer gelingenden Kapitalakkumulation (auch mittels Gewalt) gegen&#252;ber den Bev&#246;lkerungen herzustellen, streiten aber untereinander um die <em>Rangordnung </em>in der Herstellung dieser Ordnung.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Insofern steht die heutige Forschung vor der Herausforderung, die Bedingungskonstellationen potentieller &#246;konomischer und geopolitischer Konflikte zwischen den entwickelten Industriegesellschaften vor dem Hintergrund der nur relativen Zusammenfassung derselben unter amerikanischer Vorherrschaft zu untersuchen. Auch wenn verschiedene kapitalistische Staaten ein im Kern &#228;hnliches marktliberales „policy regime“ durchsetzen, bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass unter ihnen keine ernsthaften Interessengegens&#228;tze bestehen oder entstehen k&#246;nnen. Die „Triadezentren“ bleiben in eine „st&#228;ndige Auseinandersetzung um die Kontrolle von M&#228;rkten, Investitionsgebieten und Rohstoffquellen verwickelt. Interventionskriege wie auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak liegen einerseits im Interesse der kapitalistischen Metropolen an der Erhaltung der von ihnen bestimmten &#246;konomischen, milit&#228;rischen und politischen Weltordnung. Zugleich sind sie auch ein Mittel der Auseinandersetzung zwischen ihnen um Rohstoffvorkommen, Marktzug&#228;nge und Investitionsgebiete“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Unter der Regierung Bush ist diese Dynamik besonders deutlich geworden. Auf der obersten F&#252;hrungsebene der amerikanischen Politik hatte bereits in den 1990ern eine ideologische Verschiebung stattgefunden. In den letzten Jahren der Clinton-Regierung sowie in der nachfolgenden, „neokonservativen“ Bush-Administration wurde wieder verst&#228;rkt nach Ma&#223;gabe geopolitischer Strategien agiert, denen zufolge die <em>geo-&#246;konomische</em> Vorherrschaft eine <em>geopolitische </em>(Macht-)Grundlage zur Voraussetzung hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<h3>Hoffnung Obama?</h3>
<p>Insgesamt lassen diese Sachverhalte die Hoffnungen auf einen grunds&#228;tzlichen Wandel der Au&#223;enpolitik innerhalb global-kapitalistischer Sozialbeziehungen schwinden. Gegenw&#228;rtig steht Barack Obama weltweit f&#252;r die Hoffnung auf eine friedlichere Au&#223;enpolitik. Doch auch er w&#252;rde im Rahmen eines Weltsystems regieren m&#252;ssen, das von erheblichen Verwerfungen, zwischenstaatlichen Konflikten und Gewalt zusehends dominiert ist. Obama steht (bislang) f&#252;r eine Au&#223;enpolitik, die mehr als sein Vorg&#228;nger Bush auf die „multilaterale“ Absprache mit den „B&#252;ndnispartnern“ setzt. Daher wird etwa die NATO in den n&#228;chsten Jahren wom&#246;glich eine wichtigere Rolle im globalen Spiel um Macht und Einfluss erhalten. In einem Aufsatz f&#252;r die renommierte Zeitschrift <em>Foreign Affairs</em> informiert er dar&#252;ber, dass seine au&#223;enpolitischen Zielsetzungen lediglich taktische &#196;nderungen darstellen. „Ich werde nicht z&#246;gern, Gewalt einzusetzen, wenn notwendig auch unilateral, um das amerikanische Volk oder unsere grundlegenden Interessen zu sch&#252;tzen … Wir m&#252;ssen auch erw&#228;gen, milit&#228;rische Macht unter Umst&#228;nden einzusetzen, die &#252;ber die Selbstverteidigung hinausgehen, um f&#252;r die gemeinsame Sicherheit zu sorgen, die die globale Stabilit&#228;t untermauert.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>In einer Stellungnahme w&#228;hrend des Kaukasus-Kriegs im August 2008 sprach sich Obama f&#252;r eine beschleunigte Aufnahme Georgiens in die NATO aus – und goss damit &#214;l ins Feuer. Zwar votiert er f&#252;r einen allm&#228;hlichen Truppenabzug aus dem Irak (stellt dies allerdings unter den Vorbehalt der Expertise seiner Milit&#228;rs), fordert aber im n&#228;chsten Satz eine Verst&#228;rkung der Truppenpr&#228;senz in Afghanistan.<br />
Obamas st&#228;rker b&#252;ndnisorientierte Vorstellungen haben Tradition. Durch die beiden gro&#223;en Parteien des politischen Systems der USA hindurch wurde das gesamte 20. Jahrhundert &#252;ber die richtige au&#223;enpolitische Taktik gestritten. Auch unter den Liberalen Wilson, Roosevelt oder Clinton wurden imperiale Ziele angestrebt. Der immer wieder auf den „Multilateralismus“ Bezug nehmende amerikanische Liberalismus agierte immer als national orientierter „Internationalismus“, der nie, wie konservative Kr&#228;fte kritisieren, einfach nur einem idealistischen Politikansatz Rechnung trug, sondern immer auch geopolitische Ambitionen durchzusetzen suchte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Das Desaster im Irak und die aufgebrachte &#214;ffentlichkeit dr&#228;ngen derzeit dazu, das Ruder wieder in eine st&#228;rker multilaterale Richtung zu rei&#223;en. Bereits Bush hat in seiner zweiten Amtsperiode auf diesen Druck reagieren m&#252;ssen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die Vereinigten Staaten sind der einzige Staat, der in der Lage ist, ein weltweites hegemoniales Projekt zu verfechten. Doch dieser Versuch st&#246;&#223;t auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem, der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft und den Konkurrenzen im Bereich der W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse untergraben. Ob dies durch eine ver&#228;nderte Taktik r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden kann, erscheint fraglich. Ebenso die vage Hoffnung, der Multilateralismus k&#246;nne wenigstens das Ausma&#223; der Gewalt reduzieren.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Tobias ten Brink</em> ist Politikwissenschafter und arbeitet am Frankfurter <em>Institut f&#252;r Sozialforschung</em>.<br />
Zuletzt sind von ihm erschienen:<br />
<em>Staatenkonflikte</em>. Stuttgart: Lucius &amp; Lucius 2008<br />
und<br />
<em>Geopolitik</em>. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. Bacevich, Andrew J.: American Empire. The Realities and Consequences of U.S. Diplomacy, Cambridge/London 2002, 3, 79-116, 215 ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Duménil, Gérard/ Lévy, Dominique: The economics of US imperialism at the turn of the 21st century, in: Review of International Political Economy, Vol. 11, 4/2004, 662<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Hegemonialrenten” sind Gewinne, die die US-amerikanische Wirtschaft aufgrund der politischen und milit&#228;rischen Vormachtstellung der USA im Weltsystem absch&#246;pfen kann. Vgl. Massarat, Mohsen: Amerikas Hegemonialsystem und seine Grenzen. Europas Beitrag f&#252;r eine multilaterale Weltordnung, in: Sozialismus Supplement 3/2004, 1-33, online unter <a href="http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf" target="_blank">http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf</a> (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Als „Washington Consensus” wird die neoliberale wirtschaftspolitische Doktrin bezeichnet, die insbesondere von den in Washington ans&#228;ssigen Institutionen IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und Weltbank in aller Welt durchgesetzt wird (Anm. d. Red.)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Bromley, Simon: The United States and the Control of World Oil, in: Government and Opposition, Vol. 40, 2/2005, 254<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, M&#252;nster 2005, 163 ff.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Dies h&#228;ngt nicht zuletzt mit den innergesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen der Staaten der Region zusammen, weshalb beispielsweise auch freundschaftliche Beziehungen zu den Machteliten Saudi-Arabiens keine Garantie daf&#252;r darstellen, dass sich interne politische Machtverh&#228;ltnisse nicht zu Ungunsten Washingtons ver&#228;ndern k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich spielte in den letzten Jahren die Wahrnehmung ver&#228;nderter inter-gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse eine Rolle in der Geopolitik der Vereinigten Staaten: „Der Krieg ab 2003 ging um mehr als um &#214;l, so sehr &#214;l auch ein zentraler Punkt der Berechnungen war. Ebenso bedrohte eine Interessenkoalition im Mittleren Osten aus Irak, Saudi-Arabien und islamistischen Bewegungen die Hoffnung auf die Vision der US-zentrierten Globalisierung erheblich.“ Vgl. Smith, Neil: The Endgame of Globalization, London/New York 2005, 190<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Donnelly, Jack: Sovereign Inequalities and Hierarchy in Anarchy: American Power and International Society, in: European Journal of International Relations, Vol. 12, 2/2006, 160<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Der 1972 zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossene ABM-Vertrag begrenzt den Einsatz von Raketenabwehrsystemen („Anti-Ballistic Missiles“) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Fukuyama, Francis: Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg, Berlin 2006, 192<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl. Layne, Christopher: The Peace of Illusions: American Grand Strategy from 1940 to the Present, Ithaka/London 2006; Mearsheimer, John J.: The Tragedy of Great Power Politics, New York 2003; f&#252;r eine Diskussion aus der Perspektive der Partei der Demokraten: Brzezinski, Zbigniew: Second Chance: Three Presidents and the Crisis of American Superpower, New York 2007<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> In der Disziplin der Internationalen Beziehungen firmiert dieser Ansatz unter dem Namen Realismus bzw. Neo-Realismus. Einer der bekanntesten Realisten, John J. Mearsheimer (2003), erwartet erhebliche Konflikte zwischen den Gro&#223;m&#228;chten und h&#228;lt sogar Kriege zwischen ihnen f&#252;r m&#246;glich. Er sieht die st&#228;ndige Suche nach &#220;berlegenheit als einzige Garantie des &#220;berlebens von Staaten an. Ihre „Sicherheit“ werden Staaten nur erreichen, wenn sie verstehen, dass sie am ehesten dann &#252;berleben, wenn sie der m&#228;chtigste Staat sind. Eine zentrale Konfliktlinie bis hin zum Krieg sieht Mearsheimer im Verh&#228;ltnis zwischen den USA und China. Eine Konfrontation wird unvermeidlich werden, wenn das chinesische Wirtschaftswachstum anh&#228;lt und China eine schlagkr&#228;ftige Streitkraft aufbaut. Um dies abzuwenden, ist eine notfalls auch aggressive Eind&#228;mmung n&#246;tig. Auch in Europa erwartet er eine R&#252;ckkehr zur alten Gro&#223;m&#228;chterivalit&#228;t. Noch ist Deutschland abh&#228;ngig von den USA. Dies kann sich &#228;ndern – wenn die BRD beispielsweise ein eigenes Nukleararsenal errichtet und auf diese Weise noch mehr Kontrolle &#252;ber Mittel- und Osteuropa aus&#252;bt (was wiederum Russland auf den Plan rufen wird). Milit&#228;rische Konflikte sind dann nicht mehr auszuschlie&#223;en. Zur Begr&#252;ndung seiner Vorstellungen nimmt dieser Ansatz jedoch eine Vereinfachung der Wirklichkeit vor, weshalb er an dieser Stelle nicht weiter behandelt wird. Es wird i.d.R. mit nur einer Variablen, der Machtverteilung im internationalen Staatensystem, das Verhalten von Staaten bzw. Hegemonen erkl&#228;rt. Die Perspektive tendiert dazu, sozio-&#246;konomische Prozesse genauso wie die Rolle von sozialen Akteuren au&#223;erhalb des Staatsapparats zu vernachl&#228;ssigen. Der Blick wird lediglich auf die Staaten gerichtet, aber nicht in sie hinein. Vgl. f&#252;r den deutschen bzw. europ&#228;ischen Kontext: M&#252;nkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2003. In einem neuen Buch relativieren Hardt/Negri ihre Annahmen. Nachdem in Empire „Big Government is over“ erkl&#228;rt wurde, rekurrieren sie nun wieder mehr auf den starken Staat – „Big Government is back“. Die Krise nach dem 11.9.2001 verdeutlicht, wie sehr „Nationalstaaten f&#252;r die Weltordnung und die Sicherheit absolut unerl&#228;sslich“ sind. Das „Empire“ sei durch scharfe Widerspr&#252;che gekennzeichnet. Negri, Antonio / Hardt, Michael: Multitude – Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/New York 2004, 39, 200<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Panitch, Leo / Gindin, Sam: Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium, Hamburg 2004<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?, in: Arrighi, Giovanni u.a.: Kapitalismus Reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie, Hamburg 2007; Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Folgende Ausf&#252;hrungen bleiben aufgrund des Platzmangels fragmentarisch. Vgl. f&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung: ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, M&#252;nster 2008<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/New York 1996, 12 f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Neuere Tendenzen der Transnationalisierung &#246;konomischer Prozesse haben die Entstehung makro-regionaler Wirtschaftseinheiten mit partieller politischer Integration (EU) bef&#246;rdert.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O, 34<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Bestimmte weltweit ausgerichtete Unternehmensgruppen sind aus diesem Grund von den weniger mobilen politischen Eliten zu unterscheiden. Im Raum der EU sowie im transatlantischen Raum hat dies zu einem h&#246;heren Grad der Homogenisierung der Interessenlagen gef&#252;hrt als dies au&#223;erhalb dieser R&#228;ume der Fall ist.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O., 108. Gegenw&#228;rtig agiert die Mehrheit der Unternehmen immer noch vorwiegend in nationalen und/oder makro-regionalen R&#228;umen. Es ist voreilig, von den hohen Transnationalisierungsgraden der gr&#246;&#223;ten Konzerne auf die gesamte Struktur der Weltwirtschaft zu schlie&#223;en. Auf der einzelstaatlichen Ebene kann dies zur Entstehung nationaler &#246;konomischer Interessen f&#252;hren (und im makro-regionalen Raum dementsprechend zu „europ&#228;ischen“ Interessen), wie an den nationalen Leistungsbilanzen und dem Interesse an einer W&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t abzulesen ist. In dieser Weise werden „nationale Volkswirtschaften“ immer wieder rekonstruiert und reproduziert, was zugleich der &#220;berlagerung der inneren Sozialkonflikte dient (vgl. ten Brink, Geopolitik, a.a.O., S. 147-180).<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dabei gilt es zwischen der St&#228;rke der Einzelstaaten zu differenzieren. Innerhalb der Gruppe der starken Staaten lassen sich vier Typen unterscheiden: erstens der global vorherrschende amerikanische Staat; zweitens makro-regional f&#252;hrende Staaten mit globalem Wirkungsradius wie Deutschland und Frankreich (zunehmend im Rahmen der EU), Japan, mehr und mehr auch China; drittens weitere makro-regionale M&#228;chte mit weniger gro&#223;er Wirkungsmacht wie Russland, Brasilien oder Indien; viertens starke Staaten mit geringerem Aktionsradius wie S&#252;dkorea, T&#252;rkei, Israel, &#196;gypten oder S&#252;dafrika. Letztere Staaten k&#246;nnen, sofern sie sich imperialistischer Praktiken bedienen, als subimperialistische M&#228;chte bezeichnet werden.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hirsch, Materialistische Staatstheorie, a.a.O., 165<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Im Aufstieg des Neokonservativismus b&#252;ndelte sich schlie&#223;lich eine Kritik der liberalen Lesart der Moderne mit dem Versuch der Re-Moralisierung der Politik.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Obama, Barack: Renewing American Leadership, in: Foreign Affairs, 7/8-2007, hier: <a href="http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html" target="_blank">http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html</a><br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Smith, The Endgame of Globalization, a.a.O., 44-52<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> De facto basieren die Au&#223;enbeziehungen zwischen den st&#228;rksten Staaten jenseits der politisch-diplomatischen Konfrontation „Multilateralismus“ versus „Unilateralismus“ auf einem komplexen Ineinandergreifen uni- und multilateraler Politikformen. Auch die Clinton-Regierung &#252;berging die UNO und ergriff einseitig Ma&#223;nahmen, wenn sie es f&#252;r notwendig hielt. Ihre Betonung multilateraler Weltpolitik war in Wirklichkeit ein instrumenteller Multilateralismus, der nach der Ma&#223;gabe erfolgte, mit der Zustimmung und Unterst&#252;tzung anderer L&#228;nder zu handeln, wenn es als sinnvoll erachtet wurde – zugleich sich aber die M&#246;glichkeit vorzubehalten, alleine zu handeln, wenn dies als zweckm&#228;&#223;ig angesehen wurde. Uni- und Multilateralismus schlie&#223;en einander nicht aus.</p>
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		<title>Zusammenbruch der Wall Street: Frequently Asked Questions</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.<br />
<span id="more-134"></span><br />
Als ich letztens nach New York City flog, hatte ich das selbe Gef&#252;hl wie vor zwei Jahren, als ich w&#228;hrend des H&#246;hepunkts der israelischen Bombardements in Beirut ankam: ich betrat ein Kriegsgebiet. Der Einreisebeamte meinte zu mir, nachdem ich ihm erz&#228;hlt hatte, dass ich Professor f&#252;r Politische &#214;konomie bin: „Nun, ich nehme an, ihr Typen m&#252;sst nun eure Lehrb&#252;cher umschreiben?“ Der Busfahrer begr&#252;&#223;te uns mit den Worten „New York steht noch, Ladies and Gentlemen, aber die Wall Street ist verschwunden wie die Twin Towers.“ Selbst das notorisch fr&#246;hliche Fr&#252;hst&#252;cksfernsehen sah sich gen&#246;tigt, mit den schlechten Nachrichten zu beginnen, und ein Moderator machte f&#252;r die d&#252;steren Ereignisse die „fat cats of Wall Street who turned into pigs“ verantwortlich.</p>
<p>Diese Stadt steht unter Schock, und die meisten Menschen m&#252;ssen die Turbulenzen der letzten Wochen noch verdauen:<br />
•	Kapital im Wert von einer Billion Dollar l&#246;ste sich in Rauch auf, als die Wall Street am Zweiten Schwarzen Montag, dem 29. September, panisch auf die Ablehnung des 700 Milliarden Rettungspakets von George W. Bush durch das US-Repr&#228;sentantenhaus reagierte;<br />
•	Auf den Kollaps einer der prominentesten Investmentbanken der Wall Street, <em>Lehman Brothers</em>, folgte der gr&#246;&#223;te Bankencrash der US-Geschichte, als mit <em>Washington Mutual</em> die gr&#246;&#223;te Spar- und Kreditinstitution des Landes bankrott ging;<br />
•	Die de facto Verstaatlichung der Wall Street, mit der die Notenbank und das Finanzministerium alle wesentlichen strategischen Entscheidungen im Finanzsektor treffen, sowie die unglaubliche Tatsache, dass die US-Regierung durch die Rettung der <em>American International Group</em> (AIG) nun die weltgr&#246;&#223;te Versicherungsgesellschaft besitzt.<br />
Mehr als f&#252;nf Billionen Dollar an Marktwert wurden seit letztem Oktober vernichtet, mehr als eine Billion davon ist auf den Zusammenbruch der Wall Street-Gr&#246;&#223;en zur&#252;ck zu f&#252;hren. Die &#252;blichen Erkl&#228;rungen reichen hier nicht l&#228;nger aus. Au&#223;ergew&#246;hnliche Ereignisse verlangen nach au&#223;ergew&#246;hnlichen Erkl&#228;rungen.<br />
Doch zun&#228;chst…</p>
<p><strong>Ist das schlimmste vorbei?</strong><br />
Nein. Wenn irgendetwas nach den widerspr&#252;chlichen Aktionen der letzten Wochen klar ist, dann, dass keine Strategie vorhanden ist, um mit dieser Krise umzugehen: <em>Lehman Brothers</em> und <em>Washington Mutual</em> lie&#223; man zusammenbrechen, w&#228;hrend AIG &#252;bernommen wurde und die &#220;bernahme von <em>Merril Lynch</em> durch die <em>Bank of America</em> staatlich arrangiert wurde. Es gibt blo&#223; taktische Reaktionen, wie eine Feuerwehr, die auf einen Fl&#228;chenbrand reagiert.<br />
Auch das vorgeschlagene 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket, um den Banken ihre faulen Kredite abzukaufen, ist keine Strategie, sondern blo&#223; ein verzweifelter Versuch, wieder Vertrauen in das System zu schaffen und einen Ansturm auf die Banken zu verhindern, wie er von der Gro&#223;en Depression 1929 ausgel&#246;st worden war.</p>
<p><strong>Was hat den Kollaps des Nervensystems des globalen Kapitalismus verursacht? War es Gier?</strong><br />
Die gute alte Gier hat sicher eine Rolle gespielt. Das meinte zumindest Karl Schwab, Organisator des World Economic Forum (des j&#228;hrlichen Treffens der globalen Elite in den Schweizer Alpen), als er dieses Jahr zu seinen G&#228;sten in Davos sagte: „Wir m&#252;ssen f&#252;r die S&#252;nden der Vergangenheit zahlen.“</p>
<p><strong>Hat sich die Wall Street selbst ausgetrickst?</strong><br />
Definitiv. FinanzspekulatorInnen haben sich durch immer komplexere Finanzkonstruktionen selbst eine Falle gelegt, beipielsweise durch die Schaffung von Derivaten, durch die Geld aus allen Arten von Risiken gewonnen werden sollte – einschlie&#223;lich solch exotischer Instrumente wie „Credit Default Swaps“, die es InvestorInnen erm&#246;glichten, darauf zu setzen, dass die SchuldnerInnen der eigenen Bank ihre Schulden nicht zur&#252;ckzahlen k&#246;nnten. So sahen also die unregulierten Multi-Billionen-Dollar-Gesch&#228;fte aus, die die AIG ins Verderben gest&#252;rzt haben.<br />
Am 17. Dezember 2005, als die <em>International Financing Review</em> ihren Annual Award – einen der prestigetr&#228;chtigsten Preise der Branche – verlieh, hatte sie dagegen noch folgendes zu sagen: „[<em>Lehman Brothers</em>] hat nicht nur seine Marktposition verteidigt, sondern ist auch in neue Bereiche vorgesto&#223;en, indem … neue Produkte und ma&#223;geschneiderte Transaktionen entwickelt wurden, um den Bed&#252;rfnissen der KreditnehmerInnen zu entsprechen … Lehman Brothers ist in diesem Feld am innovativsten, sie tun einfach Dinge, die man sonst nirgendwo findet.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Kein Kommentar.</p>
<p><strong>War es zu wenig Regulierung?</strong><br />
Ja. Niemand bestreitet heute, dass die Wall Street in ihrer F&#228;higkeit, immer innovativere und kompliziertere Finanzinstrumente zu erfinden, den Regulierungsf&#228;higkeiten der Regierung weit voraus war; nicht weil die Regierung nicht mithalten konnte, sondern weil sie sich durch ihren eigenen neoliberalen Stil des Laissez-Faire selbst daran gehindert hat, effektive Regulationsmechanismen zu entwickeln. Der &#252;berbordende Handel mit Derivaten verursachte die Krise und der US-Kongress trug dazu bei, indem er im Jahr 2000 ein Gesetz beschloss, das Handel mit Derivaten von der Kontrolle durch die B&#246;rsenaufsichtsbeh&#246;rde ausnimmt.</p>
<p><strong>Aber passiert hier nicht noch mehr?</strong><br />
Nun, laut George Soros, der die Krise kommen sah, befinden wir uns in einer Krise des „gigantischen Zirkulationssystems“ eines „globalen kapitalistischen Systems, … das sich an allen Enden aufl&#246;st.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Um die Einsicht dieses Erz-Spekulanten zu vertiefen, k&#246;nnen wir sagen, dass wir eine Intensivierung eines der zentralen Widerspr&#252;che des globalen Kapitalismus beobachten, eine Krise der &#220;berproduktion, auch bekannt als &#220;berakkumulation oder &#220;berkapazit&#228;t. Das ist die Tendenz des Kapitalismus, gigantische Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen, die die Konsumkapazit&#228;ten &#252;bersteigen, da soziale Ungleichheiten die Kaufkraft begrenzen. Die Profitabilit&#228;t wird dadurch ausgeh&#246;hlt.</p>
<p><strong>Doch was hat die &#220;berproduktionskrise mit den aktuellen Ereignissen zu tun?</strong><br />
Sehr viel. Doch um die Zusammenh&#228;nge zu verstehen, m&#252;ssen wir in die Zeit des sogenannten Goldenen Zeitalters des Kapitalismus zur&#252;ckgehen, die Periode zwischen 1945 und 1975.<br />
Damals gab es sowohl in den L&#228;ndern des Zentrums, als auch in den unentwickelten &#214;konomien ein rasantes Wirtschaftswachstum, das einerseits durch die massive Restrukturierung Europas und Ost-Asiens nach den Zerst&#246;rungen des Zweiten Weltkriegs, andererseits durch neue sozio-&#246;konomische Arrangements im Rahmen des Keynesianismus gest&#252;tzt wurde. Letzere umfassten starke staatliche Kontrollen der Marktaktivit&#228;ten, den aggressiven Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik zur Minimierung der Inflation und Rezession, und ein Regime von relativ hohen L&#246;hnen zur Stimulierung und Aufrechterhaltung der Nachfrage.</p>
<p><strong>Was ist dann schiefgegangen?</strong><br />
Diese Periode des hohen Wachstums endete Mitte der 1970er, als die &#214;konomien des Zentrums von einer <em>Stagflation</em> erfasst wurden – einer Kombination von <em>Stagnation </em>des Wirtschaftswachstums und hoher <em>Inflation </em>–, was neoklassische &#214;konomInnen f&#252;r unm&#246;glich gehalten hatten. Die Stagflation war jedoch nur Symptom eines tiefer liegenden Mechanismus: Der Wiederaufbau von Deutschland und Japan sowie der rapide Aufstieg von sich industrialisierenden Nationen wie Brasilien, Taiwan und S&#252;dkorea sorgten in der Weltwirtschaft f&#252;r immense neue Produktionskapazit&#228;ten und versch&#228;rften so den globalen Wettbewerb. Gleichzeitig behinderten die sozialen Ungleichheiten innerhalb als auch zwischen den L&#228;ndern das Wachstum von Kaufkraft und Nachfrage und untergruben dadurch die Profitabilit&#228;t. Dies wurde durch den massiven Anstieg des &#214;lpreises in den 1970ern noch verst&#228;rkt.</p>
<p><strong>Wie hat der Kapitalismus versucht, diese Krise der &#220;berproduktion zu l&#246;sen?</strong></p>
<p>Das Kapital hat drei Auswege aus der &#220;berproduktion gesucht: neoliberale Restrukturierung, Globalisierung und Finanzialisierung.</p>
<p><strong>Worum ging es bei der neoliberalen Restrukturierung?</strong><br />
Neoliberale Restrukturierung nahm im Norden die Form von <em>Reaganism </em>und <em>Thatcherism</em>, im S&#252;den jene der Strukturanpassungsprogramme an. Ziel war, die Kapitalakkumulation anzutreiben. Dies wollte man (1.) durch den Abbau staatlicher Hemmnisse f&#252;r das Wachstum, den Einsatz und die Zirkulation von Kapital und (2.) durch die Umverteilung der Einkommen von den armen und Mittelklassen zu den Reichen erreichen, basierend auf der Theorie, dass die Reichen dadurch motiviert w&#228;ren, st&#228;rker zu investieren und so das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Das Problem bei dieser Formel ist, dass durch die Umverteilung des Einkommens zu den Reichen das Einkommen der armen und Mittelklassen und damit deren Kaufkraft vernichtet wurde, w&#228;hrend die Reichen nicht notwendigerweise st&#228;rker in die Produktion investierten. Stattdessen flossen gro&#223;e Teile des umverteilten Reichtums in die Spekulation. In Wahrheit konnte die neoliberale Restrukturierung, die sich w&#228;hrend der 1980er und 1990er Jahre im Norden und S&#252;den konsolidiert hatte, nie nachhaltig f&#252;r st&#228;rkeres Wirtschaftswachstum sorgen. Das globale Wachstum belief sich in den 1990ern auf 1,1 Prozent und in den 1980ern auf 1,4 Prozent, w&#228;hrend sie in den 1960ern und 1970ern, zu Zeiten staatsinterventionistischer Politik, 3,5 bzw. 2,4 Prozent betrug. Die neoliberale Restrukturierung konnte die Stagnation nicht besiegen.</p>
<p><strong>Inwiefern war Globalisierung eine Antwort auf die Krise?</strong><br />
Der zweite Fluchtplan des globalen Kapitals war die „extensive Akkumulation“ oder Globalisierung, also die rapide Integration semi-kapitalistischer, nicht-kapitalistischer oder pr&#228;-kapitalistischer Gebiete in die globale Marktwirtschaft. Rosa Luxemburg, die ber&#252;hmte revolution&#228;re &#214;konomin, erkannte dies schon vor langer Zeit als Notwendigkeit, um die Profitraten in den &#214;konomien der Metropolen aufrecht zu halten. Inwiefern? Durch die Schaffung des Zugangs zu billiger Arbeitskraft, neuen – wenn auch beschr&#228;nkten –  Absatzm&#228;rkten, ergiebigen Quellen f&#252;r billige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe, und neuen Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r Infrastrukturprojekte. Diese Integration wird durch die Liberalisierung des Welthandels erm&#246;glicht, der die Schranken f&#252;r die Mobilit&#228;t des globalen Kapitals und Auslandsdirektinvestitionen beseitigt.<br />
China ist nat&#252;rlich der prominenteste Fall eines nicht-kapitalistischen Gebiets, das in den letzten 25 Jahren in die globale kapitalistische &#214;konomie integriert wurde. Um ihren fallenden Profiten entgegen zu wirken, haben viele gro&#223;e Konzerne einen signifikanten Teil ihrer Unternehmungen nach China verlagert, um von den scheinbar unersch&#246;pflichen Reserven an billiger Arbeitskraft zu profitieren. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erzielten US-Unternehmen rund 40 bis 50 Prozent ihrer Profite aus Unternehmungen im Ausland, vor allem in China.</p>
<p><strong>Warum konnte die Globalisierung die Krise nicht &#252;berwinden?</strong><br />
Das Problem dieses Fluchtplans war, dass er die Probleme der &#220;berproduktion nur noch versch&#228;rfte, da er die Produktionskapazit&#228;t zus&#228;tzlich erh&#246;ht. In China wurde der Weltwirtschaft in den letzten 25 Jahren ein ungeheures Ausma&#223; an Produktionskapazit&#228;t hinzugef&#252;gt, und dies hatte einen dr&#252;ckenden Effekt auf Preise und Profite. Wenig &#252;berraschend h&#246;rten die Profite von US-Konzernen ab 1997 auf zu wachsen. Laut einer vom Wirtschaftswissenschafter Philip O’Hara erarbeiteten Statistik sank die Profitrate der <em>Fortune 500</em> (die 500 umsatzst&#228;rksten Unternehmen der Welt, Anm. d. &#220;.) von 7,15 Prozent im Zeitraum von 1960-69, auf 5,30 von 1980-90, auf 2,29 von 1990-99 und auf 1,32 von 2000-02.</p>
<p><strong>Was hat es mit der Finanzialisierung auf sich?</strong><br />
Aufgrund der begrenzten Erfolge von neoliberaler Restrukturierung und Globalisierung wurde die dritte Strategie f&#252;r die St&#228;rkung der Profitabilit&#228;t immer wichtiger: Finanzialisierung. In der perfekten Welt der neoklassischen &#214;konomInnen ist das Finanzsystem ein Mechanismus, durch den AkteurInnen, die &#252;ber &#252;bersch&#252;ssige Mittel verf&#252;gen, mit UnternehmerInnen zusammen gebracht werden, die diese Mittel wiederum ben&#246;tigen, um in Produktion zu investieren. In der realen Welt des Sp&#228;tkapitalismus jedoch, in der Investitionen in Industrie und Landwirtschaft aufgrund der &#220;berkapazit&#228;ten nur geringe Profite versprechen, werden gro&#223;e Teile der &#220;bersch&#252;sse in den Finanzsektor investiert und reinvestiert. Dieser Kreislauf hat zur Folge, dass der Finanzsektor auf sich selbst zur&#252;ckgeworfen wird. Das Resultat ist eine Teilung zwischen einer hyperaktiven Finanzwirtschaft und einer stagnierenden Real&#246;konomie. Ein B&#246;rsenmanager meint dazu: „In den letzten Jahren ist eine wachsende Entkoppelung von realer und Finanz&#246;konomie zu beobachten. Die Real&#246;konomie ist gewachsen, … aber das steht in keinem Verh&#228;ltnis zum Wachstum der Finanzwirtschaft – bis zu dem Zeitpunkt, als sie implodiert ist.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Was uns dieser Beobachter nicht sagt, ist, dass die Entkoppelung zwischen realer und Finanz&#246;konomie kein Zufall ist – dass die Finanz&#246;konomie genau deshalb geboomt ist, um die Stagnation aufgrund der &#220;berproduktion in der Real&#246;konomie auszugleichen.</p>
<p><strong>Was war das Problem mit der Finanzialisierung?</strong><br />
Das Problem mit den Investitionen in den Finanzsektor ist, dass es dem Versuch gleich kommt, Wert aus bereits geschaffenem Wert zu pressen. Es mag Profite schaffen, aber es schafft keinen neuen Wert – nur Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungen k&#246;nnen neuen Wert schaffen.<br />
Da die Profite nicht auf geschaffenem Wert basieren, werden die Investitionen unberechenbar und Preise f&#252;r Aktien und Wertpapiere k&#246;nnen sich extrem von ihren tats&#228;chlichen Werten entfernen – so wie die Aktien von Internet-Startups, die durch Spekulationen in die H&#246;he getrieben wurden, nur um dann zu crashen. In diesem Kontext sind Profite von kurzfristigen Preisspr&#252;ngen von Waren abh&#228;ngig, die verkauft werden, bevor eine „Korrektur“ stattfindet, sie also auf ihren realen Wert zur&#252;ck fallen. Die extremen Preisspr&#252;nge einer Anlage &#252;ber ihren eigentlichen Wert hinaus wird als „Bubble“ bezeichnet.</p>
<p><strong>Warum ist die Finanzialisierung so unsicher?</strong><br />
Da die Profite auf spekulative Coups angewiesen sind, ist es nicht &#252;berraschend, dass der Finanzsektor sich von einer Bubble zur n&#228;chsten bewegt. Weil er von Spekulation zu Spekulation hetzt, hat der finanzgetriebene Kapitalismus rund einhundert Krisen seit der Deregulierung der Kapitalm&#228;rkte in den 1980ern erlebt. Vor dem aktuellen Zusammenbruch der Wall Street waren die explosivsten Vorf&#228;lle die Finanzkrise in Mexiko 1994-95, die Finanzkrise in Asien 1997-98, die Finanzkrise in Russland 1996, der Kollaps der New Yorker B&#246;rse 2001 und die Krise in Argentinien 2002. Bill Clintons Finanzminister, der Wall Street Broker Robert Rubin, sagte schon vor f&#252;nf Jahren voraus, dass „zuk&#252;nftige Finanzkrisen fast sicher unabwendbar sind, und sie k&#246;nnten noch verheerender sein.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>Wie entstehen, wachsen und platzen Bubbles?</strong><br />
Nehmen wir die Asienkrise von 1997-98 als Beispiel.<br />
•	Zuerst kommt die Kapitalmarkt- und Finanzliberalisierung auf Dr&#228;ngen von IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und dem US-Finanzministerium.<br />
•	Dann treten ausl&#228;ndische AnlegerInnen auf der Suche nach schnellen und hohen Ertr&#228;gen auf den Plan, die sich auf Immobilien und B&#246;rse konzentrieren.<br />
•	&#220;berinvestitionen f&#252;hren zu einem Verfall von Aktienkursen und Immobilienpreisen sowie panischen Reaktionen. 1997 wurden innerhalb weniger Wochen rund 100 Milliarden Dollar aus den ostasiatischen &#214;konomien abgezogen.<br />
•	Die Schulden der SpekulantInnen werden vom IWF &#252;bernommen.<br />
•	Die Real&#246;konomie bricht zusammen – quer durch Ost-Asien kommt es 1998 zur Rezession.<br />
Trotz massiver Destabilisierungen wurden Bem&#252;hungen um nationale und globale Regulierungen des Finanzsystems aus ideologischen Gr&#252;nden abgelehnt.</p>
<p><strong>Wie ist die aktuelle Bubble entstanden?</strong><br />
Die aktuelle Bubble ist eine Folge der IT-Bubble in den sp&#228;ten 1990ern, als die Preise f&#252;r Aktien von Internet-Startups in den Himmel schossen und dann kollabierten. Dies vernichtete Anlagen im Wert von sieben Billionen Dollar und f&#252;hrte zur Rezession von 2001-02. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank unter Alan Greenspan hatte die IT-Bubble mitverursacht. Als die USA in eine Rezession fielen senkte Greenspan im Juni 2003 den Leitzinss auf ein Prozent – den niedrigsten Satz seit 45 Jahren – und hielt ihn ein Jahr auf diesem Niveau. Der Effekt war, dass eine neue Bubble im Immobilienbereich entstand. Schon 2002 hatten progressive &#214;konomen wie Dean Baker vom <em>Center for Economic Policy Research</em> vor der Immobilienbubble gewarnt. Doch noch im Jahr 2005 f&#252;hrte Ben Bernanke, damals Vorsitzender des <em>Council of Economic Advisers</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und heute Vorsitzender der US-Notenbank, den Aufschwung an Immobilienpreisen auf „starke &#246;konomischen Fundamente“ anstatt auf die Aktivit&#228;ten von SpekulantInnen zur&#252;ck.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ist es ein Wunder, dass er im Sommer 2007 von der Immobilienkrise v&#246;llig unvorbereitet getroffen wurde?</p>
<p><strong>Und wie ist sie gewachsen?</strong><br />
Einer der wichtigsten Protagonisten der internationalen Finanzm&#228;rkte, George Soros, dr&#252;ckt es so aus: „Die Finanzinstitutionen ermutigten HypothekenbesitzerInnen, ihre Hypotheken zu refinanzieren und das verf&#252;gbare Eigenkapital abzuziehen. Sie lockerten ihre Kreditkonditionen und f&#252;hrten neue Produkte ein, wie Hypotheken mit anpassbaren Ratenzahlungen (ARM – „Adjustable Rate Mortgage“), Nur-Zins-Hypotheken („Interest Only Mortgage) und verlockende Einstiegszinss&#228;tze („promotional teaser rates“). All das befl&#252;gelte die Spekulation auf Wohnh&#228;user. Die Immobilienpreise wuchsen im zweistelligen Prozentbereich. Das verst&#228;rkte wiederum die Spekulation und die HausbesitzerInnen f&#252;hlten sich ob der steigenden Preise reich; das Resultat war ein starker Anstieg des Konsums, der die Wirtschaft in den letzten Jahren unterf&#252;ttert hat.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Hypothekenkrise nicht darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, dass das Angebot die reale Nachfrage &#252;berstiegen h&#228;tte. Vielmehr wurde die „Nachfrage“ selbst gr&#246;&#223;tenteils durch die Spekulation von BauunternehmerInnen und Finanziers produziert, die aus ihrem Zugang zu ausl&#228;ndischem – vor allem asiatischem – Kapital, das die USA im letzten Jahrzehnt &#252;berflutet hat, Profit schlagen wollten. Millionen von Menschen wurden so Hypotheken und Kredite angeboten, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die niedrigen Einstiegszinss&#228;tze wurden in Folge „angepasst“, um die Zahlungen der neuen HausbesitzerInnen hinauf zu schrauben.</p>
<p><strong>Doch wie konnten faule Hypotheken zu einem so gro&#223;en Problem werden?</strong><br />
Weil diese Anlagen anschlie&#223;end von den HypothekengeberInnen zusammen mit anderen Werten als komplexe Derivatprodukte „verbrieft“ wurden – als sogenannte <em>Collateralized Debt Obligations</em> (CDOs). Die HypothekengeberInnen arbeiteten dabei &#252;ber Mittelsm&#228;nner, die die tats&#228;chlichen Risiken unterschlugen, um die CDOs so schnell wie m&#246;glich an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitute weiterzugeben. Diese Institute gaben ihrerseits wiederum die Wertpapiere an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitutionen weiter. Die Idee war, schnell zu verkaufen, gute Profite einzufahren, und dabei die Risiken den Schw&#228;chsten anzuh&#228;ngen.<br />
Als die Zinsraten auf <em>subprime</em>-Kredite, ARMs und andere Immobilienkredite angehoben wurden, war das Spiel vorbei. Heute sind &#252;ber sechs Millionen <em>subprime</em>-Hypotheken ausst&#228;ndig, von denen nach Soros’ Sch&#228;tzungen 40 Prozent in den n&#228;chsten zwei Jahren unwiederbringlich verloren gehen werden.<br />
Weitere f&#252;nf Millionen ARMs und andere „flexible Kredite“ werden in den n&#228;chsten paar Jahren ebenfalls nicht bezahlt werden k&#246;nnen. Die Derivate, deren Wert in die Billionen Dollar geht, wurden jedoch bereits wie ein Virus in das globale Finanzsystem eingespeist. Das gigantische Zirkulationssystem des globalen Kapitalismus ist t&#246;dlich infiziert.</p>
<p><strong>Aber wie konnten die Wall Street-Giganten wie ein Kartenhaus zusammenbrechen?</strong><br />
Im Fall von <em>Lehman Brothers</em>, <em>Merrill Lynch</em>,<em> Fannie Mae</em>, <em>Freddie Mac</em> und <em>Bear Stearns</em> &#252;berstiegen die nicht einl&#246;sbaren Derivate ganz einfach die eigenen Reserven und st&#252;rzten sie in den Abgrund. Weitere Banken werden ihnen wahrscheinlich folgen, da ihre Bilanzen korrigiert werden m&#252;ssen, um den tats&#228;chlichen Wert ihrer Anlagen zu ermitteln – im Moment scheinen viele davon nicht in den offiziellen Bilanzen auf.<br />
Auch andere werden ein &#228;hnliches Schicksal erleiden, wenn Bereiche wie Kreditkarten und Versicherungen nachziehen. Die AIG wurde durch ihre massive Involvierung in <em>Credit Default Swaps</em> (s.o., Anm. d. &#220;.) ins Verderben gest&#252;rzt. Solche Wetten stellen mittlerweile einen v&#246;llig unregulierten Markt von 45 Billionen Dollar. Das entspricht mehr als dem F&#252;nffachen des gesamten Markts US-amerikanischer Staatsanleihen. Die unglaubliche Gr&#246;&#223;enordnung dieser Anlagen ist der Grund, warum die US-Regierung ihre Meinung ge&#228;ndert und AIG aufgefangen hat, nachdem sie <em>Lehman Brothers</em> kollabieren lie&#223;.</p>
<p><strong>Was passiert jetzt?</strong><br />
Wir k&#246;nnen also mit Sicherheit voraus sagen, dass es mehr Bankrotte und staatliche &#220;bernahmen geben wird, und ausl&#228;ndische Banken und Finanzinstitutionen jenen in den USA folgen werden; dass der Zusammenbruch der Wall Street sich vertiefen und die US-Rezession sich verl&#228;ngern wird; und dass sich die US-Rezession in Asien und anderswo in eine Rezession oder Schlimmeres &#252;bersetzen wird.<br />
Der Grund daf&#252;r ist, dass die USA Chinas wichtigster Exportmarkt sind und China wiederum aus Japan, S&#252;dkorea und S&#252;dostasien Rohstoffe und Zwischenprodukte f&#252;r den Export in die USA bezieht. Die Globalisierung hat eine „Entkopplung“ unm&#246;glich gemacht. Die USA, China und Ostasien sind wie drei Gefangene aneinander gekettet.</p>
<p><strong>Zusammengefasst?</strong><br />
Der Zusammenbruch der Wall Street ist nicht allein auf Gier und das Fehlen staatlicher Regulation eines hyperaktiven Sektors zur&#252;ckzuf&#252;hren. Er resultiert letztlich aus einer Krise der &#220;berproduktion, die den globalen Kapitalismus seit Mitte der 1970er heimsucht.<br />
Die Finanzialisierung der Investionen war einer der Fluchtwege aus der Stagnation. Die anderen beiden waren neoliberale Restrukturierung und Globalisierung. Da diese beiden Prozesse die Krise kaum eind&#228;mmen konnten wurde die Finanzialisierung als Mechanismus zur Wiederherstellung der Profitabilit&#228;t attraktiver. Doch diese hat sich als gef&#228;hrlicher Weg herausgestellt, der zu spekulativen Bubbles gef&#252;hrt hat, deren Effekt zwar der kurzfristige Wohlstand einiger weniger war, letztlich jedoch zu einem Zusammenbruch der Konzerne und einer Rezession in der Realwirtschaft gef&#252;hrt hat.<br />
Die entscheidenden Fragen sind nun: Wie tief und wie lang wird diese Rezession sein? Braucht die US-Wirtschaft eine weitere spekulative Bubble, um sich aus der Rezession zu ziehen? Und wenn ja, wo wird diese Bubble entstehen? Manche meinen, es w&#228;re der milit&#228;risch-industrielle Komplex oder der „disaster capitalism complex“, von dem Naomi Klein schreibt<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> – aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Walden Bello</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der <em>University of the Philippines</em> und Direktor der NGO <em>Focus on the Global South</em>.<br />
Erstmals erschienen auf der Website <a href="http://www.inquirer.net" target="_blank"><em>Inquirer.net</em></a> am 1. Oktober 2008.<br />
&#220;bersetzt von <em>Benjamin Opratko</em>.<br />
Von Walden Bello ist zuletzt auf Deutsch erschienen:<br />
<em>De-Globalisierung: Widerstand gegen die neue Weltordnung</em>. Hamburg: VSA 2004.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> <a href="http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm" target="_blank">http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm</a><br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm" target="_blank">http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> González, Francisco: What banks can learn from this credit crisis, in: Financial Times, 4. 2. 2008; online: <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html" target="_blank">http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html</a><br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zit. n. The New York Times, 30. 11. 2003<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> „Rat der Wirtschaftsberater“, ein Beratungsorgan des Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten. Die Ratsmitglieder werden vom Pr&#228;sidenten mit Zustimmung des Senats ernannt.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zit. n. <a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm" target="_blank">http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm</a>l<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Soros, George: The Age of Fallibility. Consequences of the War on Terror, New York 2007, 24<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Klein, Naomi: The Shock Doctrine. The Rise of Disaster Capitalism, New York 2007, 12</p>
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		<title>Stars and Strikes</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.<br />
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<p>Amerika scheint ein Land ohne Klassenauseinandersetzungen und k&#228;mpfende Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein; das Klischee des amerikanischen Arbeiters als wei&#223;, m&#228;nnlich, patriotisch, zumindest ein bisschen christlich-fundamental und im Grunde reaktion&#228;r h&#228;lt sich hartn&#228;ckig. Die Proteste migrantischer ArbeiterInnen 2006, <em>worker centers</em>, die Organizing-Versuche neuer Gewerkschaftsbewegungen und „wilde“ Streiks zeichnen hingegen ein anderes Bild der amerikanischen ArbeiterInnenklasse.<br />
Dass viele dieser Entwicklungen nicht v&#246;llig neuartig sind, ist allerdings in der Geschichte der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung versch&#252;ttet worden. Bereits die revolution&#228;re Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> (IWW), eine der herausstechendsten Organisationen der K&#228;mpfe Anfang des 20. Jahrhunderts, versuchte, Kampf- und Organisationsformen ungelernter, &#252;berwiegend weiblicher und migrantischer ArbeiterInnen aufzugreifen. Von der Sensibilit&#228;t der „Wobblies“ f&#252;r Ver&#228;nderungen in der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und ihrer klassenk&#228;mpferischen Einstellung kann auch die heutige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaftsbewegung lernen.<br />
In der Phase der industriellen Umstrukturierung der amerikanischen Wirtschaft war die IWW die erste gewerkschaftliche Organisation, die die Auswirkungen des Taylorismus auf die ArbeiterInnenklasse erkannte. Ihr Anspruch, die Spaltungen zwischen den ArbeiterInnen zu &#252;berwinden und alle in einer gro&#223;en Gewerkschaft zu organisieren, war wegweisend f&#252;r die sp&#228;tere amerikanische Gewerkschaftsbewegung. Das Ziel der IWW war eine neue, bessere Gesellschaft und der Massenstreiks das entscheidende Mittel, diese zu erreichen.</p>
<h3>Die „Industrial Workers of the World”</h3>
<p>Am 27. Juni 1905 er&#246;ffnete „Big Bill“ Haywood in Chicago den Gr&#252;ndungskonvent der IWW unter gro&#223;em Beifall: „Dies ist der kontinentale Kongress der ArbeiterInnenklasse. Wir sind hier, um die ArbeiterInnen dieses Landes zu einer ArbeiterInnenbewegung zusammenzuschlie&#223;en, deren Ziel die Befreiung der ArbeiterInnenklasse von der kapitalistischen Sklaverei ist“.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der Saal war voll mit Delegierten aus dem ganzen Land: AnarchistInnen und SozialistInnen, der linke Fl&#252;gel der <em>Socialist Party</em>, Frauen und M&#228;nner, Schwarze und Wei&#223;e, die k&#228;mpferischen Bergleute der <em>Western Federation of Miners</em>, „Radikale, RebellInnen und Revolution&#228;rInnen, die ‚stiff-necked irreconcilables’ im Krieg mit der kapitalistischen Gesellschaft“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Sie sahen die Organisation als Mittel, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und durch „eine neue soziale Ordnung“ zu ersetzen, als eine Organisation, die „geformt, basiert und gegr&#252;ndet ist im Klassenkampf“ und kompromisslos gegen die von anderen Gewerkschaften betonte Klassenkooperation stand. „Die Idee des Klassenkonflikts war … die Ausgangsbasis der IWW“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und anstelle des „konservativen Mottos ‚Ein fairer Tageslohn f&#252;r einen fairen Arbeitstag‘“ stand die Forderung nach der Abschaffung des ganzen Lohnsystems.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Der Slogan „One Big Union“ brachte auf den Punkt, was die IWW sein wollte. Entgegen der ausgrenzenden Politik etablierter Gewerkschaften wie der <em>American Federation of Labor</em> (AFL), die nur wei&#223;e, gelernte Arbeiter aufnahmen, sollte die IWW nicht nur gelernte und ungelernte (<em>skilled and unskilled labor</em>) umfassen, sondern auch Frauen und die gro&#223;e Zahl migrantischer Arbeiter und Arbeiterinnen. „Was wir diesmal aufbauen wollen, ist eine ArbeiterInnenorganisation, die ihre T&#252;ren weit f&#252;r alle &#246;ffnen wird, die ihren Unterhalt entweder durch ihre Muskeln oder ihr Gehirn verdienen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a></p>
<h3>Vorgeschichte: Pullman 1894</h3>
<p>Der Streik der <em>American Railway Union</em> in Pullman unter F&#252;hrung des Sozialisten Eugene V. Debs war ein entscheidender Moment in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und die Gr&#252;nde f&#252;r dessen Niederlage pr&#228;gten die nachfolgenden Jahre und die Politik der IWW grundlegend.<br />
Ende des 19. Jahrhunderts war Amerika Schauplatz rasanter Industrialisierung und Mechanisierung der Produktionstechniken und heftiger Streikbewegungen. 1892 konnte in Homestead der Streik der damals st&#228;rksten Teilgewerkschaft, der <em>Amalgamated Association of Iron and Steel Workers</em>, gegen das Carnegie Unternehmen nur durch die Gewalt von Privatarmee und Regierungstruppen gebrochen werden. Der Arbeitskampf endete mit der Zerschlagung der <em>Amalgamated Association</em>. Die Zerschlagung „der m&#228;chtigsten Gewerkschaft der Vereinigten Staaten durch eine Privatarmee, die Staatsmiliz und die Carnegie-Gesellschaft zwang die Arbeiter zum Umdenken. Es galt, neue L&#246;sungen auf dem Boden einer weitreichenden Solidarit&#228;t der Lohnabh&#228;ngigen zu finden.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
&#196;hnliche Erfahrungen machten im gleichen Jahr die ArbeiterInnen von New Orleans, die einen Generalstreik ausgerufen hatten, in dem sich schwarze und wei&#223;e ArbeiterInnen solidarisierten. Kurzfristig wurde die rassistische Segregation unter den ArbeiterInnen &#252;berwunden und das Potential gemeinsamer K&#228;mpfe aufgezeigt. Aufgrund der Gefahr einer Solidarisierung schwarzer und wei&#223;er ArbeiterInnen versch&#228;rften Unternehmer und Regierung rassistische Segregationsstrategien sowie die Durchsetzung der<em> Jim Crow</em>-Gesetze.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die Streikwelle des Jahres 1894 – es streikten 750.000 ArbeiterInnen, mehr als jemals zuvor – gipfelte schlie&#223;lich in den Auseinandersetzungen in Pullman. George Pullman, Besitzer des Waggonherstellerunternehmens <em>Pullman Palace Car Company</em>, geh&#246;rte im Grunde die ganze Stadt: H&#228;user, Wohnungen und Stra&#223;en. Der Frust &#252;ber fallende L&#246;hne bei gleich bleibenden Mieten, die direkt vom Lohn abgezogen wurden, f&#252;hrte zum Streik. Ein Arbeiter fasste die Stimmung zusammen: „Wir bekommen zu wenig Geld zum Leben, warum sollten wir also arbeiten?“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> In diesen Auseinandersetzungen war die <em>American Railway Union </em>(ARU, eine Teilgewerkschaft der AFL), in der Eugene Debs eine f&#252;hrende Rolle innehatte, entscheidend. Der Streik in den Pullmanwerken weitete sich rasch aus. Solidarit&#228;tsstreiks und ein Boykott der Weichensteller f&#252;hrten dazu, dass bald alle Linien nach Chicago brach lagen.<br />
Die Solidarit&#228;tsstreiks wurden vor allem durch eine Strategie der ARU m&#246;glich, die im Gegensatz zur AFL-Dachgewerkschaft, die die Facharbeiter nach „Z&#252;nften“ oder „Handwerk“, d.h. einer Teilgewerkschaft f&#252;r Weichensteller, einer f&#252;r Drucker, etc.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> organisierte, darauf abzielte, m&#246;glichst allumfassend die ArbeiterInnen der Industrien zu organisieren.<br />
Die ARU nahm damit schon in Ans&#228;tzen vorweg, was die IWW sp&#228;ter unter <em>Industrial Unionism</em> verstand. Debs fasste zusammen: „Die Arbeiter m&#252;ssen sich vereinigen. Die Trennungslinien m&#252;ssen nach und nach &#252;berwunden werden und alle unter dem siegreichen Banner der Arbeit zusammenkommen, zusammen marschieren, zusammen w&#228;hlen und zusammen k&#228;mpfen. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, in der die Arbeiter die Fr&#252;chte ihrer Arbeit selbst besitzen und genie&#223;en werden.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Der Kampf gegen die Eisenbahnergesellschaften war erfolgreich. Diese standen trotz medialer Hetze gegen die Streikenden und Privatarmee mit dem R&#252;cken zur Wand und sahen die letzte M&#246;glichkeit darin, die Regierungstruppen einzuschalten, damit sich der Streik nicht &#252;ber das ganze Land ausbreitet. Der bis dahin bewusst friedliche Streik<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> eskalierte und es kam zu gewaltsamen Ausbr&#252;chen und b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden von Sacramento bis New Mexico. An der Spitze der Gegenwehr der ArbeiterInnen standen vor allem „Emigranten, Arbeitslose und unqualifizierte Arbeiter – also die am brutalsten ausgebeutete Klasse des Proletariats.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Debs wurde verhaftet und der Streik stand an der Kippe. Die Gewerkschaft der ZigarrendreherInnen forderte einen Generalstreik. Die AFL sprach sich jedoch gegen Solidarit&#228;tsstreiks aus und stellte sich grunds&#228;tzlich gegen das umfassende gewerkschaftliche Konzept der ARU. Sie beschloss eine symbolische 1000-Dollar Spende f&#252;r Debs’ Verteidigung, ordnete den lokalen AFL-Zweigen an, wieder zur Arbeit zur&#252;ckzukehren, und nahm damit dem Streik den Wind aus den Segeln. Die Eisenbahner zogen ihre Lehren aus dem Verlauf des Streiks: „Er hat gezeigt, dass die Arbeiter gemeinsam k&#228;mpfen m&#252;ssen, dass keine Einzelgewerkschaft Erfolg haben kann … Die gesamte Presse war gegen uns, die Richter, die &#246;ffentlichen Vertreter des Staates, der Staat selber – ja sogar die alten Arbeitervereine“.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Die alten Gewerkschaften hatten jedoch weder die Auswirkungen der Umstrukturierungen im Zuge der Industrialisierung auf die ArbeiterInnenklasse begriffen, noch waren sie gewillt, eine ernsthafte Konfrontation mit der kapitalistischen Klasse einzugehen. Laut Eugene Debs musste deshalb eine „revolution&#228;re ArbeiterInnenorganisation“ aufgebaut werden, die „den Klassenkampf ausdr&#252;cken muss. Sie muss die Klassenlinien sehen. Sie muss, selbstverst&#228;ndlich, klassenbewusst sein. Sie muss vollst&#228;ndig kompromisslos sein. Sie muss eine Organisation der ArbeiterInnen an der Basis selbst sein.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Der alte Gewerkschaftstyp der AFL habe „nicht nur seinen Nutzen verloren …, sondern ist reaktion&#228;r geworden, nichts als ein Hilfsmittel der kapitalistischen Klasse“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die Lehren der K&#228;mpfe des sp&#228;ten 19. Jahrhunderts wurden von der IWW aufgenommen. Diese machte es sich sowohl zur Aufgabe, die neue Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, wie auch die Umstrukturierung der kapitalistischen Wirtschaft im Zuge der Industrialisierung und der von Taylor eingef&#252;hrten ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ zu analysieren. Diese neue Klassenzusammensetzung, die sowohl Ergebnis der technischen Umstrukturierung wie auch des Widerstands dagegen war, stand im Zentrum der theoretischen und praktischen Aktivit&#228;ten der IWW.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<h3>Wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung</h3>
<p>Im Zuge der Industrialisierung des amerikanischen Kapitalismus verschwanden die alten Formen der Produktion, die Formen der individuellen Produktion durch gelernte Arbeiter. Neue Technologien und die Einf&#252;hrung der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ gaben den Unternehmern mehr Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess. Mit dieser technischen Umstrukturierung schwand auch die Macht der Fachgewerkschaft der AFL.<br />
Diese lag vor allem darin, dass sie das Produktionsausma&#223;, also die produzierte St&#252;ckzahl und das Arbeitstempo mitbestimmen konnte. Die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“ des Taylorismus zielte darauf ab, die Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess beim Management zu konzentrieren. Ziel war es die Zeit herauszufinden, die tats&#228;chlich f&#252;r die Produktion gebraucht wird und damit gegen das „systematische Bremsen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> vorzugehen.<br />
Ein Gewerkschaftsf&#252;hrer beschrieb 1887 die Auswirkungen: „Die Glocke, die den m&#252;den, unterbezahlten Arbeiter aus seiner bitter n&#246;tigen Ruhe rei&#223;t, verh&#246;hnt ihn mit jedem Schlag. Die Maschinerie, die seine F&#228;higkeiten und seine Zeit f&#252;r ihn selbst wertloser macht, wertvoller aber f&#252;r seinen Herrn, wird zum verhassten Folterinstrument; ihr monotones Ger&#228;usch summt im Takt mit seinem St&#246;hnen und Fluchen. Die Fabrik, das Bergwerk, die Gie&#223;erei und der Lokomotivschuppen stehen da wie Giganten, bereit, sein Innerstes zu verschlingen.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die erworbenen F&#228;higkeiten und das Wissen der Facharbeiter wurden in der mechanisierten Massenproduktion auf die Ebene des Managements verlagert. Arbeit wurde damit zur rein ausf&#252;hrenden T&#228;tigkeit ohne Einsicht in die Zusammenh&#228;nge des Arbeitsprozesses. Das Ergebnis war eine radikale Trennung von Denken und Tun, Hand- und Kopfarbeit, Kontrolle und Ausf&#252;hrung. Zus&#228;tzlich h&#246;hlte die Entwertung der Facharbeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gegen&#252;ber den Unternehmern weitgehend aus. Hatten diese bis dahin Ausbildungswege reguliert und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften monopolisiert, reduzierte die tayloristische Betriebsorganisation die Nachfrage nach Facharbeitern auf ein Mindestma&#223;. Das Projekt der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zielte damit auf drei Punkte ab: „die Brechung der Macht und faktischen Kontrolle der organisierten Facharbeiter &#252;ber den Produktionsprozess, die Enteignung ihrer Kenntnisse und deren Einverleibung in neue Planungs- und Kontrollinstanzen des Management, und schlie&#223;lich die Atomisierung der Arbeitsverrichtungen in kalkulierbare Segmente“, die die „Poren der Arbeitszeit“ eliminieren sollte.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
In Folge ihres Machtverlustes konzentrierte sich die AFL auf die Bedrohung des Lohn- und Leistungsniveaus und die Forderung eines gerechten Lohns f&#252;r eine gerechte Arbeit. Die Ursache der Lohnsenkungen wurde aber nicht in den Umstrukturierungen der Produktionsprozesse verortet, sondern im vermeintlichen Lohndruck durch eingewanderte billige Arbeitskr&#228;fte. Damit war der Weg geebnet f&#252;r eine rassistische Politik der AFL.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Tats&#228;chlich dienten ImmigrantInnen aus vielen Teilen der Welt den Unternehmen als ungelernte Arbeitskr&#228;fte<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>; das Vorhandensein eines „doppelten Arbeitsmarktes“ lie&#223; sie jedoch erst gar nicht in Konkurrenz zu gelernten Facharbeitern treten. Die Konzentration der AFL auf die Facharbeiter und der Versuch, deren privilegierte Position innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu sch&#252;tzen, verstellte ihnen nicht nur den Blick auf die Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, sondern f&#252;hrte auch dazu, dass die wachsende Gruppe ungelernter, migrantischer ArbeiterInnen als Bedrohung ihrer eigenen Stellung betrachtet wurde. Die Aussagen des AFL-F&#252;hrers Samuel Gompers &#252;ber die IWW als „Schimmelpilz auf der Arbeiterbewegung“ und die ungelernten und angelernten ArbeiterInnen als „P&#246;bel“ zeugten von der Verachtung f&#252;r diese neuen Schichten.</p>
<h3>Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse</h3>
<p>Die Politik des <em>Industrial Unionism</em> und der <em>One Big Union</em> waren Antwortversuche der IWW auf die Auswirkungen des Taylorismus. Die IWW sah ihre Aufgabe darin, aus der ver&#228;nderten Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und den neuen Bedingungen f&#252;r Widerstand Schl&#252;sse zu ziehen, sowohl die Art der Organisierung als auch der Kampfformen betreffend. Denn die ArbeiterInnenklasse bestand nicht nur aus wei&#223;en, gelernten Arbeitern, sondern auch aus ungelernten ArbeiterInnen, Frauen, WanderarbeiterInnen, Schwarzen, ImmigrantInnen aus Irland, Polen, Schweden und vielen weiteren L&#228;ndern Europas. Die Wobblies erkannten dies: „Das Industriesystem bezieht alle Faktoren ein: die Arbeiterin, der Ungelernte, der Wanderarbeiter, der Handlanger sind alle integraler Bestandteil der Industrie, in der sie jeweils besch&#228;ftigt sind. Sie sind keineswegs lumpenproletarische Wracks, sondern sie sind reale und notwendige Elemente in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Der steigende Anteil ungelernter Arbeitskr&#228;fte f&#252;hrte nicht nur zur Entwertung der Facharbeit, sondern erm&#246;glichte es den Unternehmern auch, Arbeitssuchende, die in Massen in die Industrien dr&#228;ngten, gegeneinander auszuspielen und Streikbrecher gegen streikende ArbeiterInnen einzusetzen. Durch unterschiedliche Lohnniveaus und interne Disziplinierung konnte die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen ausgenutzt werden, die zus&#228;tzlich entlang geschlechtsspezifischer Trennlinien als auch nach Hautfarbe oder Herkunft gespalten waren. Die Einbeziehung eines Teils der gelernten Facharbeiter als Vorarbeiter oder in Managementstrukturen spaltete diese wiederum untereinander.<br />
Demgegen&#252;ber strebten die Unternehmer eine koordinierte Politik gegen&#252;ber den ArbeiterInnen an. Seien es offene Konfrontation oder subtilere Methoden, ihr Erfolg hing „von der Blindheit und den inneren Zwistigkeiten der Arbeiterklasse“ ab.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Gerade wegen ihres Ziels der <em>One Big Union</em> war es f&#252;r die Wobblies essentiell, „das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit aus der Perspektive einer gespaltenen in sich selbst konkurrierenden und st&#228;ndig neu zusammengesetzten Arbeiterschaft zu sehen“ und die Kampf- und Organisationsformen der spezifischen Situation anzupassen. Es ging dabei nicht darum dem „Arbeiter [zu] sagen was richtig und was falsch [ist], sondern die aktuellen Bedingungen zu analysieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Der Streik in McKees Rock verdeutlicht die Strategie der IWW, nicht nur auf die Kernbelegschaft zu setzen, sondern, Frauen, Arbeitslose und ArbeiterInnen anderer Industriezweige in die Streiks mit einzubeziehen. &#220;ber den Massenstreik sollten die inneren Spaltungen &#252;berwunden werden. Zugleich zeigt das Beispiel, wie von Unternehmern versucht wurde, die Spaltungen auszunutzen, und die privilegierten Facharbeiter erfolgreich auf deren Seite gezogen werden konnten.</p>
<h3>McKees Rock</h3>
<p>Der Streik begann, als am 12. Juli 1909 ausl&#228;ndische ArbeiterInnen aus Protest gegen Lohnk&#252;rzungen im Konzern <em>Pressed Steel</em> die Arbeit niederlegten und daraufhin entlassen wurden.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Drei Tage sp&#228;ter hatten alle ausl&#228;ndischen ArbeiterInnen die Arbeit niedergelegt und sich einige der einheimischen ArbeiterInnen angeschlossen, sodass die gesamte Fabrik geschlossen werden musste. Ein Streikkomitee amerikanischer Facharbeiter, genannt die <em>Big Six</em>, setzte sich an die Spitze des Streiks, organisierte Spenden und Lebensmittel, setzte sich aber nicht aktiv f&#252;r den Streik ein. Von den Unternehmern wurden alle Mittel aufgeboten. Nach Polizei und Nationalgarde wurden die „Pennsylvania Cossacks“ geholt, eine ber&#252;chtigte Spezialtruppe, die die Aufgabe hatte, Streikbrecher (scabs) einzuschleusen und die Fabrikwohnungen zu r&#228;umen. Mit der Konfrontation wurde auch die Frage von gewaltsamen Gegenma&#223;nahmen akut. Sowohl der Widerstand gegen die Wohnungsr&#228;umungen, der haupts&#228;chlich von Frauen getragen wurde, als auch dringender Handlungsbedarf gegen scabs, machten schnelle und militante Entscheidungen notwenig. Die Big Six jedoch setzten auf Geduld. Sie sprachen sich strikt gegen alle Widerstandsma&#223;nahmen und f&#252;r freiwillige R&#228;umungen und Verhandlungen mit dem Management aus. Die Passivit&#228;t der Big Six veranlasste die Streikenden, sich neu zu organisieren, und Kontakt zu den IWW aufzunehmen. Unter der F&#252;hrung der IWW wurde ein neues Komitee gegr&#252;ndet und regelm&#228;&#223;ig Versammlungen organisiert, auf denen Forderungen formuliert, Streiktaktiken beschlossen und &#220;bersetzungen besorgt wurden. Die Gefahr durch scabs wurde durch Truppen von ArbeiterInnen, die Streikbrecher aufsp&#252;rten und aus den Fabriken warfen, abzuwehren versucht. Als viel wichtiger erwies sich aber die Solidarit&#228;tsarbeit und der Versuch der IWW, Frauen, Kinder und Arbeitslose in die Streikaktivit&#228;ten mit einzubeziehen. Die Solidarit&#228;tsarbeit zeigte bald Wirkung und Eisenbahner weigerten sich, Streikbrecher nach McKees Rock zu transportieren. W&#228;hrend sich 2.000 bis 3.000 Arbeitslose dem Streik anschlossen und damit den Druck der „industriellen Reservearmee“ minderten, verteidigten Frauen die Werkwohnungen.<br />
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Streikenden versuchten die Big Six und die Regierung, die Kontrolle wieder zu &#252;bernehmen. Ein Kompromiss wurde verhandelt, die Zugest&#228;ndnisse aber nie eingel&#246;st. Die militante Stimmung blieb aufrecht und am n&#228;chsten Tag streikten 2.500 ArbeiterInnen, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Mit dieser neuen Methode des sit in wurden substantielle Lohnerh&#246;hungen erk&#228;mpft. Ein weiterer Streikversuch von 4.500 ArbeiterInnen wurde jedoch durch die Facharbeitergewerkschaft, mit der das Unternehmen bereitwillig in Verhandlungen trat, verhindert, indem sie unter Polizeischutz mit tausend Streikbrechern in die Fabrik einzog.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die Unternehmen reagierten mit Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen erneute „Ausl&#228;nderaufst&#228;nde“. Eine „Amerikanisierungskampagne“ mit einem Abendschulprogramm f&#252;r Unterricht in englischer Sprache und in amerikanischer Staatsb&#252;rgerkunde wurde eingerichtet. „Was hier unterrichtet wurde, erf&#228;hrt man aus einem zeitgen&#246;ssischen Textbuch: ‚Ich h&#246;re die F&#252;nf-Minuten Sirene. Es ist Zeit, in die Fabrik zu gehen. Ich nehme am Eingang meine Stempelkarte und stecke sie in meiner Abteilung ein. Ich ziehe mich um und mache mich zum Arbeiten fertig. Die Startsirene bl&#228;st. Ich esse mein Mittagessen. Es ist verboten, vorher zu essen. Die Sirene bl&#228;st f&#252;nf Minuten vor Arbeitsbeginn. Ich mache mich f&#252;r die Arbeit fertig. Ich arbeite, bis die Sirene wieder bl&#228;st. Ich lasse meinen Arbeitsplatz sauber zur&#252;ck. Ich lege alle meine Sachen in mein Schlie&#223;fach. Ich gehe nach Hause.’“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Da die Strategie der Unternehmer auf die Integration von Facharbeitern in Managementstrukturen abzielte, war f&#252;r die IWW klar, dass es vergeblich war, auf eine selbstverst&#228;ndliche oder durch moralische Appelle bewirkte Klasseneinheit im Sinne einer <em>One Big Union</em> zu hoffen. Sie konzentrierte sich deshalb noch st&#228;rker auf die ungelernten ArbeiterInnen. Das bedeutete nicht, dass das Projekt der <em>One Big Union</em> aufgegeben wurde; durch die Organisierung der Masse der ungelernten ArbeiterInnen sollten die Facharbeiter in Massenbewegungen und Massenstreiks mitgerissen werden.</p>
<h3>K&#228;mpfende und singende ArbeiterInnen</h3>
<p>Trotz der Niederlage war der Streik bei McKees Rock der Startschuss f&#252;r eine Phase von K&#228;mpfen, die „zu den gewaltsamsten der nordamerikanischen Arbeitergeschichte geh&#246;rt.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Dem Streik von McKees Rock folgten Aufst&#228;nde in der Waffenfabrik <em>Bethlehem Steel</em> 1910, bei dem 7.000 haupts&#228;chlich ungarische und polnische ArbeiterInnen f&#252;r den acht-Stunden-Tag k&#228;mpften. Trotz des Versuchs der AFL die herbeigerufene IWW fernzuhalten, breitete sich der Streik auf die angrenzenden Kohleabbaugebiete aus. In Philadelphia kam es 1909 zu gewaltsamen Aktionen gegen Streikbrecher und 1910 zu einem Generalstreik von &#252;ber 146.000 ArbeiterInnen, ausgel&#246;st durch einen Streik von Textilarbeiterinnen. Inspiriert vom Internationalen Frauentag brachen 1909 zehntausende N&#228;herinnen in New York einen Aufstand los, der sich gegen „sweatshop“-Bedingungen und die regelm&#228;&#223;igen sexuellen Bel&#228;stigungen durch Vorarbeiter richtete. „Wo immer Arbeiter sich versammelten, wurde heftig &#252;ber den Generalstreik diskutiert“. Streiks slawischer Stahlarbeiter in Hammond, j&#252;discher und italienischer N&#228;herinnen in New York und slawischer Bergarbeiter in Avelia waren alle Teil der Streikwelle, getragen haupts&#228;chlich von unorganisierten und ungelernten, h&#228;ufig weiblichen ArbeiterInnen in und au&#223;erhalb der Fabrik. „[Ihre] Militanz, der unmittelbare Angriff auf die neue Organisation der Arbeit und die ‚direkte Aktion’ – Widerstands- und Organisationsformen ohne oder gegen die Gewerkschaften – wurden zu Charakteristika der K&#228;mpfe in den Jahren seit 1909 bis hin zu ihrem H&#246;hepunkt in der Nachkriegszeit.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Die etablierten AFL-Teilgewerkschaften konnten den Massen an ungelernten ArbeiterInnen keine Perspektive bieten. Ein alter AFL-Gewerkschafter schreibt &#252;ber die Ungelernten ver&#228;chtlich, dass sie „heute in die Gewerkschaft eintreten und morgen schon streiken wollen“.3<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Tats&#228;chlich entsprach die kompromisslerische Politik der AFL nicht der Lebensrealit&#228;t und den Interessen dieses Teils der ArbeiterInnenklasse. Durch den st&#228;ndigen Wechsel von Arbeitspl&#228;tzen war es f&#252;r die Ungelernten und WanderarbeiterInnen wenig verlockend, auf lange Verhandlungen zu setzen. In manchen Branchen bewegten sich MigrantInnen durch die Unternehmen „wie durch Dreht&#252;ren.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die Konzentration auf die Masse der un- oder angelernten ArbeiterInnen lie&#223; die IWW auch auf neue Widerstands- und Organisationsformen setzen. So entsprangen die<em> free speech fights</em> dem Protest der ArbeiterInnen gegen die Praxis des „Jobkaufs“, bei dem sie sich die Arbeitspl&#228;tze um ca. f&#252;nf Dollar kaufen mussten. Die free speech fights fingen dort an, wo sich die Massen versammelten: nicht am Arbeitsplatz, sondern in den St&#228;dten. Die IWW organisierten Stra&#223;enversammlungen, um die ArbeiterInnen aufzurufen das Betteln um Arbeit zu verweigern. „Don’t buy Jobs! Read the <em>Industrial Worker</em>!“ Die <em>soapboxer</em>, Menschen die sich auf Seifenkisten stellten um Reden zu halten, versuchten die WanderarbeiterInnen davon zu &#252;berzeugen, sich zu organisieren. Dabei hatten die Wobblies die Heilsarmee und andere religi&#246;se Sekten gegen sich, die den ArbeiterInnen Geduld und die Verhei&#223;ungen des Paradieses predigten, wenn sie nur brav w&#228;ren. Die Wobblies nutzten die Melodien der Heilsarmeekapellen und sangen ihre eigenen Texte dar&#252;ber. So hei&#223;t es in einem Lied des ber&#252;hmten Wobbly und S&#228;nger Joe Hill, dass sie den versprochenen „pie in the sky“ schon auf Erden haben wollen.<br />
Nachdem die Unternehmer 1909 ein Rede- und Versammlungsverbot durchgesetzt hatten, ging die Polizei hart gegen die <em>soapboxer </em>vor. Dem Verbot folgten Aufrufe in den Zeitungen der IWW, die tausende Menschen mobilisierten, bis die Beh&#246;rden gezwungen waren, das Verbot aufzuheben. Als Kommunikationsnetz zwischen den MigrantInnen wurden die<em> free speech fights</em> zu einem wichtigen Widerstandsmittel. So konnte die Rezession von 1910-12 zwar die erste Streikwelle d&#228;mpfen aber nicht die <em>free speech fights</em>, da diese zur Kampfform der Arbeitslosen, zum Widerstandsmittel der WanderarbeiterInnen und zum Mittel der Solidarisierung zwischen Arbeitslosen und ArbeiterInnen wurden. Die Slogans und Lieder der Wobblies waren weithin bekannt und Tausende nannten das rote IWW-Liederbuch ihr Eigen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Ein weiterer Versuch, die WanderabeiterInnen zu organisieren, waren die job delegates, mobile WanderarbeiterInnen-Wobblies, die MigrantInnen am Arbeitsplatz organisierten. Der Kern der m&#228;chtigen <em>Agricultural Workers Organizaion</em> der IWW entstand aus diesen Bem&#252;hungen.<br />
Die <em>free speech fights</em> zeigen besonders deutlich, wie die IWW ihre Organisierungsmethoden an die spezifische Situation unterschiedlicher Gruppen von ArbeiterInnen anzupassen vermochte. WanderarbeiterInnen, die ohne festen Wohnsitz und l&#228;ngeres Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis schwer organisierbar waren, wurden dort angesprochen, wo sie sich versammelten. Mit Hilfe der <em>job delegates</em> gelang es der IWW, die besonderen Probleme der WanderarbeiterInnen – etwa Polizeikontrollen, Diebe in den von ihnen ben&#252;tzten Z&#252;gen oder die Willk&#252;r der Arbeitgeber – nicht nur anzusprechen, sondern L&#246;sungen zu finden, wie die militante, kollektive Abwehr von Dieben und Polizei.<br />
Die Taktiken der IWW wurden immer vielf&#228;ltiger: Neben Generalstreiks wurde der quickie eingef&#252;hrt, bei dem direkt am Arbeitsplatz f&#252;r kurze Zeit gestreikt wurde. Ein Wobbly erkl&#228;rte: „Die Arbeit niederlegen und hungern ist verr&#252;ckt, wenn man am Arbeitsplatz streiken kann und essen.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Das Kampfmittel der Sabotage richtete sich gegen die Rationalisierungs- und Effizienzwelle im Zuge der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ und wurde ein immer wichtigerer Teil der IWW-Strategie. Dabei ging es um „den bewussten Entzug von Effizienz“, den Versuch, zumindest teilweise die Kontrolle &#252;ber das Arbeitstempo zur&#252;ckzugewinnen. So pries „Big Bill“ Haywood die Sabotage in Betrieben: „Ich kenne nichts was euch so viel Befriedigung bringen wird und dem Boss so viel &#196;rger wie ein bisschen Sabotage am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Findet heraus, was es bedeutet. Es wird euch nicht schaden, aber sehr wohl dem Boss.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die IWW zeigte, „dass die Wanderarbeiter, Frauen, Schwarzen und Ausl&#228;nder keineswegs unorganisierbar und unterw&#252;rfig, passiv oder zur&#252;ckgeblieben waren, was vielfach als Rechfertigung ihrer Diskriminierung innerhalb der offiziellen Arbeiterbewegung behauptet wurde, und dass im Gegenteil der Zusammenhalt und Massencharakter ihrer K&#228;mpfe die entscheidende Bedrohung f&#252;r das kapitalistische Projekt darstellte“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a></p>
<h3><em>Bread and Roses</em></h3>
<p>Die Solidarisierung zwischen ArbeiterInnen und Arbeitslosen war bedeutend f&#252;r einen erneuten Aufschwung von Arbeitsk&#228;mpfen, der 1912 begann. Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken in den USA waren derselben Umstrukturierung unterworfen, wie in anderen Industriezweigen. Die Arbeiterinnen mussten mehrere Webst&#252;hle – auch <em>devils</em> genannt – gleichzeitig bedienen, viele waren entlassen und die L&#246;hne gesenkt worden.<br />
Schon 1909 war es deshalb in New York zum „Aufstand der 20.000“ gekommen. Die Stimmung brachte eine junge Arbeiterin auf einer Versammlung auf den Punkt: „Ich bin eine Arbeiterin, eine von denen, die gegen unertr&#228;gliche Bedingungen streiken. Ich bin es m&#252;de, Sprechern zuzuh&#246;ren, die allgemeine Reden halten. Wir sind hier, um zu entscheiden, ob wir streiken sollen oder nicht. Ich beantrage, dass ein Generalstreik erkl&#228;rt wird – sofort.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Jahr 1912 kam es schlie&#223;lich in Lawrence zum Generalstreik. Die IWW hatte in den Monaten davor „Organizers“ in die Textilfabriken geschickt, um die Arbeiterinnen gegen die „speed ups“ und untragbaren Arbeitsbedingungen zu organisieren. Ein Organizer meinte: „Wir sprachen Marxismus, wie wir ihn verstanden – Klassenkampf, Ausbeutung der ArbeiterInnen, der Staat und die Streitkr&#228;fte der Regierung, die gegen die ArbeiterInnen waren.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> An einem Zahltag im J&#228;nner kam es dann zum Aufstand. Polnische Arbeiterinnen hatten nach Lohnk&#252;rzungen die Arbeit niedergelegt. Gruppen italienischer ArbeiterInnen verbreiteten die Aktion in anderen Abteilungen und Betrieben, und am n&#228;chsten Tag waren die wichtigsten Textilfabriken in der Stadt stillgelegt.<br />
Die Basisarbeit der IWW hatte ihnen das Vertrauen der Streikenden gesichert und OrganisatorInnen des McKees-Streiks wurden zus&#228;tzlich herbeigerufen. Man hatte aus dessen partieller Niederlage gelernt und so wurde von Beginn an ein eigenes Streikkomitee der Wobblies eingesetzt und die AFL herausgehalten. Am H&#246;hepunkt des Streiks hatten 250.000 ArbeiterInnen aus 24 unterschiedlichen Nationen die Arbeit niedergelegt. Frauen nahmen eine f&#252;hrende Rolle in den Streiks ein. Gurley Finn, Streikf&#252;hrerin und Wobbly, erkl&#228;rte, dass „der IWW vorgeworfen wird, dass sie Frauen an die Front schickt. Die Wahrheit ist, die IWW h&#228;lt die Frauen nicht zur&#252;ck, und sie kommen von selbst nach vorn.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Das getragene Banner „We want bread and roses too“ gab dem Streik seinen Namen. Der Slogan stand f&#252;r eine Radikalisierung der Forderungen, die sich nicht mehr nur auf ein Subsistenzminimum beschr&#228;nkten, sondern ein Leben in W&#252;rde beanspruchten. „Der Streik war ber&#252;hmt f&#252;r die Anwendung erprobter und neuer Taktiken: Streikpostenketten, massenhafte und mobile Streikposten, die den gesamten Wohnbezirk um die Fabrik erfassten.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Von der <em>United Textile Workers</em> Gewerkschaft, die der F&#252;hrung der AFL angeh&#246;rte, wurde der Streik als „anarchistisch“ und „revolution&#228;r“ bezeichnet, doch wie ein Reporter die Situation beschrieb, war es „der Geist der ArbeiterInnen, der gef&#228;hrlich war. Sie marschierten und sangen immer.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Es war kein gew&#246;hnlicher Streik, schrieb ein Zeitgenosse sieben Jahre sp&#228;ter, „sondern eine soziale Revolution im Kleinen.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Die Unternehmer gaben den meisten Forderungen der Streikenden nach und die „Lawrence Revolution“ war Ausgangspunkt einer gro&#223;en Streikwelle. Von der „1000 Meilen langen Streikkette“, die von der <em>Agricultural Workers Organization</em> (AWO) der IWW organisiert wurde, und den erfolgreichen Abwehrschlachten der AWO gegen Schl&#228;ger und Polizei, &#252;ber die Streiks 1915 in den Raffinerien Rockefellers und den Aufst&#228;nden schwarzer ArbeiterInnen im S&#252;den, bis zum gro&#223;en Streik der Holzf&#228;ller und S&#228;gewerkarbeiter, der die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags erzwang, war die IWW in einer f&#252;hrenden Rolle. Der Arbeitskr&#228;ftem&#228;ngel auf Grund des Wirtschaftsaufschwungs im Ersten Weltkrieg st&#228;rkte die Position der ArbeiterInnen gegen&#252;ber den Unternehmern zus&#228;tzlich. Das veranlasste Unternehmen und Regierung, ihre bis dahin gewerkschaftsfeindliche Politik zu &#228;ndern. Sie versuchten, <em>company unions</em> einzuf&#252;hren, oder mit Hilfe von kleinen Zugest&#228;ndnissen an die AFL und die Anerkennung von schon existierenden Teilgewerkschaften ArbeiterInnen von Streiks abzuhalten.</p>
<h3>Streikjahr 1919</h3>
<p>Die hohe Inflation und die seit 1914 massiv angestiegenen Lebenserhaltungskosten bei halbierten Reall&#246;hnen sorgten f&#252;r Unruhe unter den ArbeiterInnen, die bald in Wut und Militanz umschlug. In Seattle l&#246;ste ein Aufstand von Hafenarbeitern einen Generalstreik von 60.000 ArbeiterInnen aus, als &#252;ber 116 lokale Gewerkschaften in Solidarit&#228;tsstreiks traten. Ganz Seattle war in der Hand der ArbeiterInnen. Die IWW organisierte zusammen mit dem <em>Metal Trades Council</em> (Metallarbeiterverein, der formal der AFL angeschlossen war) nach dem Modell der russischen Revolution einen Soldaten-, Matrosen-, und ArbeiterInnenrat, der daf&#252;r verantwortlich sein sollte, dass unverzichtbare Dienstleistungen aufrecht erhalten werden. So organisierten die M&#252;llarbeiterInnen die Reinigung der Stadt, w&#228;hrend sich Brot- und MilchlieferantInnen um die Lebensmittelversorgung k&#252;mmerten. Polizei und Armee gingen gegen die Streikenden vor. Dabei konnten sie auf die R&#252;ckendeckung der nationalen AFL-F&#252;hrung z&#228;hlen, die Druck auf die lokalen Verb&#228;nde aus&#252;bte – gerade zu der Zeit, als die Dauer des Streiks und die Abgeschnittenheit der Stadt enorm auf den ArbeiterInnen lastete. Schlie&#223;lich musste der Streik abgebrochen werden. Trotzdem war die Stimmung im Land k&#228;mpferisch, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Ereignisse: <em>The Nation</em> schrieb im Oktober 1919, dass „[d]ie bedeutendste Tatsache der Gegenwart die beispiellose Revolte der Massen [ist]. Ihre Folgen sind unberechenbar und f&#252;r den Augenblick bedrohlich; doch gleichzeitig hat sie eine ungeheure Hoffnung in die Welt gesetzt. Es ist eine weltweite Bewegung, die durch den Krieg beschleunigt wurde. In Russland wurde der Zar entthront. Seit zwei Jahren steht Lenin an der Spitze des Volkes. Korea, Indien, &#196;gypten und Irland befinden sich in entschlossenem Widerstand gegen die politische Tyrannei. England erlebt einen Eisenbahnerstreik, der gegen den Widerstand der Gewerkschaftsf&#252;hrung durchgesetzt wurde. In Seattle und San Francisco weigern sich die Schauerleute [Hafenarbeiter], Waffen oder Nachschub zu bef&#246;rdern, die gegen die sowjetische Regierung eingesetzt werden sollen. Streikende Kumpels in Illinois haben in einer einstimmig verabschiedeten Resolution ihre Staatsregierung dazu aufgefordert, ‚zur H&#246;lle zu gehen‘“.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Der H&#246;hepunkt und gleichzeitige Wendepunkt war ein Streik der StahlarbeiterInnen im September 1919. Nachdem das Unternehmen US Steel die Anerkennung der Gewerkschaft verweigerte, legten 400.000 ArbeiterInnen in 50 St&#228;dten die Arbeit nieder und hielten drei Monate den Angriffen stand. Die Niederlage dieses Streiks war ein Schlag gegen die gesamte ArbeiterInnenbewegung. Die noch immer stattfindenden wilden Streiks wurden mit immer h&#228;rteren Mitteln bek&#228;mpft und die Repression richtete sich besonders gegen Radikale, wie IWW-Mitglieder. Im Kampf gegen die „rote Gefahr“ (red scare) wurden Revolution&#228;rInnen aller Gruppierungen verfolgt, in den Untergrund getrieben und hingerichtet. Die Repressionswelle war gekoppelt an die politische Integration etablierter Gewerkschaften. Der Wirtschaftsaufschwung in den 1920ern erm&#246;glichte im Zuge des <em>American Plan</em> Wohlfahrts- und Sozialprogramme, die mit patriotischer Propaganda einhergingen. So gelang es der Regierung, sich die Loyalit&#228;t der ArbeiterInnenklasse zu sichern. Die Einf&#252;hrung von <em>employee representation</em> (ArbeitnehmerInnenrepr&#228;sentation), welche die Form „gelber Gewerkschaften“ oder betriebsrats&#228;hnliche Formen annehmen konnte, sollte selbstst&#228;ndige Organisierung und Radikalit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenklasse verhindern.<br />
Sowohl die Niederlagen der gro&#223;en Streiks als auch die „Sozialstaatspolitik“ waren also daf&#252;r verantwortlich, dass nur mehr K&#228;mpfe von isolierten Gruppen von ArbeiterInnen stattfanden. „&#220;ber eine Dekade“, so Mike Davis, „mussten die Unternehmen keine militante Gewerkschaftsarbeit f&#252;rchten“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Die endg&#252;ltige Wende</h3>
<p>Erst in den drei&#223;iger Jahren kam es wieder zu einem Aufschwung der K&#228;mpfe. Der H&#246;hepunkt der IWW war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Der Verlust vieler AktivistInnen w&#228;hrend der Repressionswelle und eine Spaltung zwischen AnarchistInnen und KommunistInnen schw&#228;chte die Organisation zus&#228;tzlich. Ein gro&#223;er Teil der Wobblies ging zur Communist Party und bildete den Kern der ArbeiterInnenk&#228;mpfe der 1930er. Der neu gegr&#252;ndete <em>Congress of Industrial Organizations</em> (CIO) &#252;bernahm einige inhaltliche Forderungen der IWW. So propagierte der CIO das Programm des <em>Industrial Unionism</em> und war in seiner Gr&#252;ndungsphase an zahlreichen „wilden Sitzstreiks“ beteiligt. Doch im Gegensatz zur revolution&#228;ren IWW war die Politik des CIO von Beginn an auf Klassenkooperation ausgerichtet und von dem Widerspruch gekennzeichnet, einerseits unter Druck der streikwilligen ArbeiterInnen und militanten BasisgewerkschafterInnen Streiks zu initiieren, andererseits „wurden die ArbeiterInnen vieler m&#246;glicher Errungenschaften beraubt, weil die Regierung der Demokraten unter R&#252;ckendeckung der CIO-F&#252;hrung intervenierte.“ Die meisten Streiks endeten in der Anerkennung der Gewerkschaften, die meistens im Paket mit einer Streikverbotsklausel kam. So betonte ein CIO-Gewerkschaftsf&#252;hrer, dass zum Erreichen der gewerkschaftlichen Anerkennung Streiks n&#252;tzlich sind; sobald diese aber erreicht w&#228;re, sollte die Konzentration des CIO auf Verhandlungen liegen, um so das Beste f&#252;r den/die ArbeiterIn herauszuholen. „Ein Kontrakt mit der C.I.O.“ ist dann, laut CIO-Gr&#252;nder John L. Lewis, „ein ad&#228;quater Schutz vor Sitzstreiks oder jeder anderen Streikaktion.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die Niederlagen der Streikbewegung und die Integration der Gewerkschaftsb&#252;rokratie in Klassenkooperation m&#252;ssen als Wendepunkt in der US-amerikanischen Gewerkschaftsgeschichte gesehen werden. Obwohl „wilde“ Streiks noch einige Jahre lang &#252;blich waren, war das Projekt einer die K&#228;mpfe verbindenden Gewerkschaft langfristig gescheitert.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Niedergang<br />
Die Gr&#252;nde f&#252;r den Niedergang der IWW sind vielf&#228;ltig: Einerseits hatte die brutale Repression im Zuge der Kampagne gegen die „rote Gefahr“ und zus&#228;tzlich Spaltungen im Laufe ihrer Geschichte die Organisation geschw&#228;cht und die IWW viele ihrer wichtigsten AktivistInnen verloren. Doch es war nicht die Repression alleine. Der Versuch beides zu sein, Gewerkschaft f&#252;r alle ArbeiterInnen und revolution&#228;re Organisation, scheiterte am Widerspruch, als Gewerkschaft rein <em>&#246;konomische </em>Verbesserung f&#252;r alle ArbeiterInnen innerhalb des Systems zu erk&#228;mpfen und gleichzeitig als revolution&#228;re Organisation einen <em>politischen </em>Kampf um weitreichende gesellschaftliche Ver&#228;nderungen zu f&#252;hren.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Dies bedingte, dass es die IWW selten schaffte, l&#228;ngerfristige Strukturen aufzubauen und ihre Mitgliederzahl zu erh&#246;hen, obwohl sie so eine wichtige Rolle im Vorw&#228;rtstreiben vieler Streikaktionen und Bewegungen gespielt hatte.<br />
Die Integration der etablierten Gewerkschaften, die Bindung von ArbeiterInnen an Unternehmen durch bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Lebensmittelpreise, Erholungszentren, Urlaub etc., und die im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs m&#246;glichen Zugest&#228;ndnisse der Regierungsparteien, schafften es letztlich, die ArbeiterInnenklasse in das kapitalistische Projekt der Effizienzsteigerung und „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ einzubinden. Die Konzentration der IWW auf &#246;konomische K&#228;mpfe und ihre Ablehnung politischer K&#228;mpfe, der Auseinandersetzung mit politischen Ideologien oder Wahlen, hatten sie &#252;bersehen lassen, wie Teile der ArbeiterInnenklasse zumindest bis zur Krise der drei&#223;iger Jahre ins Boot geholt wurden.</p>
<h3>Inspiration</h3>
<p>Trotzdem, die Politik und Geschichte der IWW ist heute noch Inspiration f&#252;r militante AktivistInnen. Ihr Blick auf die Heterogenit&#228;t der ArbeiterInnenklasse, auf jene Teile der Klasse, die nicht Kernbelegschaft und Facharbeiter waren, hatte es ihr erm&#246;glicht, jene zu organisieren, die als unorganisierbar galten. Zentral war dabei immer, die besondere Situation und die Bedingungen, unter denen die ArbeiterInnen streikten oder Widerstand leisten mussten, zu analysieren und angemessene Kampf- und Organisationsformen daraus abzuleiten: &#252;ber die <em>free speech fights</em> und das <em>soapboxing</em>, bis zu neuen Streikmethoden, wie den sit ins und dem quickie. Durch die genaue Analyse der Klassenzusammensetzung, der inneren Spaltungen und unterschiedlichen Interessen, schafften sie es, Strategien zu entwickeln, die diese Spaltungen aufhoben. Heutige Entwicklungen, wie Prekarisierung und unsichere Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, machen es notwendig, an diesem Punkt an die Politik und Widerstandskultur der IWW anzuschlie&#223;en.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zitiert in Davis, Mike: Happy Birthday Bill, in Socialist Review 2006<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Cannon, James P.: The IWW, 1955. Online: <a href="http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Cannon, James P.: a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> , William: One Big Union. 1911 online: <a href="http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm</a><br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brecher, Jeremy: Streiks und Arbeiterrevolten. Amerikanische Arbeiterbewegung 1877-1970, Frankkfurt/M. 1975: 65.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Mit Jim Crow bezeichnet man in der Umgangssprache die Gesetze, auf denen zwischen 1876 und 1964 das System der „Rassentrennung“ in den USA beruhte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Die Teilgewerkschaften sollten in ihrer jeweiligen “Zunft” ein Arbeitsmonopol aufrechterhalten und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften niedrig halten. Dadurch konnten sie eine Verhandlungsmacht gegen&#252;ber den Unternehmern aufbauen. Mit Entstehung der Massenproduktion ging diese aber verloren (siehe sp&#228;ter)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Brecher, Jeremy: a.a.O: 83-93<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Debs hatte die Streikenden aufgefordert die Gesetze nicht zu brechen, um der Repression zu entgehen.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ebd.: 92.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Debs, Eugene: Revolutionary Unionism. Speech at Chicago, November 25, 1905 online: <a href="http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm</a><br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. Bock, Gisela: Die andere Arbeiterbewegung in den USA von 1909 – 1922. Die I.W.W. The Industrial Workers of the World, M&#252;nchen, 1976.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Taylor zitiert in Bock, Gisela, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 18.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Bock, Gisela: a.a.O.:18-23.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Es muss gesagt werden, dass sich die Politik der AFL nicht automatisch in eine konservative Richtung entwickelte. Innerhalb der AFL k&#228;mpften Teile f&#252;r radikalere Politik, wie die Forderung nach „collective ownership“ der Produktionsmittel. Die Heterogenit&#228;t innerhalb der AFL zeigte sich auch in einigen k&#228;mpferischen Teilgewerkschafte, wie zum Beispiel den United Mine Workers of Armerica, die sich gegen die rassistische Politik der AFL stellte und viele Tendenzen in Richtung „industrial unionism“ aufwiesen. Schlussendlich setzte sich aber der konservative Fl&#252;gel rund um Samuel Gompers durch.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Zwischen 1840 und 1924 kamen 35 Millionen ImmigrantInnen nach Amerika und ver&#228;nderten damit auch das Gesicht der ArbeiterInnenklasse in Amerika<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Die Mehrzahl der Arbeiter, deren Anlernzeit bei Pressed Steel im Durchschnitt unter einem Monat lag, musste nicht nur ihre Arbeitskraft gegen einen elenden Lohn von 8-12 Dollar pro Woche verkaufen, sondern der Arbeitsplatz selbst und das Recht ihn zu behalten, mussten st&#228;ndig durch Zahlungen an Vermittlungsagenten und Aufseher erkauft werden – eine Praxis, die in vielen Wirtschaftsbereichen der U.S.A &#252;blich war.“ Bock, Gisela, a.a.O.: 8.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bock, Gisela: 7- 17.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebd.: 13.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 7.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 13-14.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd.: 42<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Sharon: Subterranean Fire. A History of Working-Class Radicalism in the United States. Chicago, 2006.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ebd.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 53<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Cannon, James P.: a.a.O<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Bock, Gisela: a.a.O., 52<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.: 95<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Zit. in Trudell, Megan: The Hidden History of US radicalism. In International Socialist Journal 111, 2006<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Brecher, Jeremy: 183<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Es kann in diesem Artikel nicht genauer auf die Situation in den 1930ern eingegangen werden, aber siehe Sharon, Smith: a.a.O. und &#252;ber die Streikbewegungen bis in die 70er Jahre Brenner, Jeremy, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Smith, Sharon: a.a.O.</p>
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		<title>Community Union Unity?</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Zuge der <em>Union Renewal</em>-Debatte in den USA werden auch alternative, <em>community</em>-bezogene Organisierungsans&#228;tze diskutiert. <em>Maria Asenbaum</em> fragt, ob die so genannten <em>Worker Centers</em> migrantischer ArbeiterInnen einen Beitrag zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung leisten k&#246;nnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Zuge der <em>Union Renewal</em>-Debatte in den USA werden auch alternative, <em>community</em>-bezogene Organisierungsans&#228;tze diskutiert. <em>Maria Asenbaum</em> fragt, ob die so genannten <em>Worker Centers</em> migrantischer ArbeiterInnen einen Beitrag zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung leisten k&#246;nnen.<br />
<span id="more-137"></span></p>
<p>Die Gewerkschaften in den USA stehen unter immensen, durch Mitgliederschwund und Machtverlust indizierten, Druck. Derzeit sind nur 12,1% der Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen und 7,5% im privaten Sektor gewerkschaftlich organisiert.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die Verluste wurden vor allem seit den 1980er Jahren gr&#246;&#223;er<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> und f&#252;hrten schlie&#223;lich 2005 zu einer Spaltung des nationalen Dachverbandes der Gewerkschaften in <em>AFL-CIO</em> und <em>Change to Win</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Dieser Spalt er&#246;ffnete den Raum und die Notwendigkeit f&#252;r Diskussionen &#252;ber neue Gewerkschaftsmodelle, bekannt unter „Union Renewal Debatte“, sowohl auf gewerkschaftlicher als auch akademischer Seite. <em>Perspektiven</em> hat sich bereits in Ausgabe Nr. 3 mit Aspekten dieser Debatte in Bezug auf die <em>Organizing</em>-Strategie auseinandergesetzt und dabei ein klassenbewusstes <em>Social Movement Unionism</em> (SMU) Konzept ins Zentrum gestellt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<h3>Gewerkschaft bewegen – aber wie?</h3>
<p>Ausgangspunkt sind drei Problemfelder, denen wir, neben der objektiven Situation, den zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Relevanz traditioneller Gewerkschaften zuschreiben: (1) starre, undemokratische Strukturen, (2) unscharfer strategischer Fokus bzw. zu wenig Konfliktbereitschaft und (3) geringe Einbindung von weiblichen und migrantischen ArbeitnehmerInnen, was auf tradierte Machtstrukturen und einen zu eng gefassten Klassenbegriff zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann.<br />
Einen Rahmen, innerhalb dessen L&#246;sungsans&#228;tze f&#252;r die oben beschlagworteten Probleme sinnvoll diskutiert werden k&#246;nnen, bieten die Ans&#228;tze des <em>Social Movement Unionism</em>. Dieser entwickelte sich urspr&#252;nglich im Zuge der Arbeitsk&#228;mpfe in Brasilien und S&#252;dafrika in den 1980ern und wurde dann von amerikanischen AutorInnen im Rahmen der antikapitalistischen Bewegung Ende der 1990er Jahre als Theoretisierung des Zusammenkommens von Sozialer Bewegung und Gewerkschaft mit unterschiedlicher Akzentuierung ausgebaut.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Das hei&#223;t, dass auch SMU kein vollst&#228;ndig ausdiskutiertes Konzept darstellt. Wir beziehen uns im Folgenden auf eine Interpretation, wie sie z.B. von Kim Moody (US-amerikanischer Gewerkschaftsaktivist und ehemaliger Herausgeber der <em>Labor Notes</em><a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>) vertreten wird, der betont, dass SMU darauf abzielt, dass Gewerkschaften zur Sozialen Bewegung werden sollen, ohne sich darin aufzul&#246;sen. Dies resultiert aus einem klassentheoretischen Verst&#228;ndnis der Transformationsm&#246;glichkeiten der Gesellschaft. Die Eckpfeiler eines solchen SMU k&#246;nnen folgenderma&#223;en zusammengefasst werden:<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> <em>(1) Die R&#252;ckbesinnung auf den Klassencharakter der Gewerkschaften als Interessensorganisationen, (2) Die Bem&#252;hungen, B&#252;ndnisse mit anderen gesellschaftlichen Initiativen, Gruppen und sozialen Bewegungen zu schlie&#223;en, und (3) Die Demokratisierung der eigenen Organisationsstrukturen und die Aktivierung der Organisationsbasis</em>. Vor allem der zweite Punkt wird mit diesem Artikel n&#228;her untersucht. Dabei wird besonders die Verbindung von klassenbasierter und <em>Community</em>-basierter Organisationen in Form der <em>Worker Centers</em> fokussiert.</p>
<h3><em>Community Organizing</em> in den USA</h3>
<p>Interessensorganisationen auf Basis so genannter <em>Communities</em> blicken in den USA auf eine lange Tradition zur&#252;ck.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Unter <em>Community</em> ist dabei nicht unbedingt die Gesamtheit der BewohnerInnen eines Ortes zu verstehen, genauso kann es sich beispielsweise um die <em>black</em>- oder die <em>gay-community</em> einer Region handeln. Der Organisierungsansatz setzt allerdings eine geographische N&#228;he voraus, da es meist um Verbesserungen der Bedingungen im unmittelbaren Lebensraum geht und Face-to-Face-Meetings der Betroffenen ein Kernelement des Aufbaus bilden. Abgesehen davon handelt es sich bei <em>Community Organizing</em> (CO) um einen sehr heterogenen Begriff.<br />
Als Bezugs- und Absto&#223;punkt der CO-Debatte im engeren Sinn ist die Alinsky-Schule zu nennen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Saul Alinsky (1909-1972) war kritischer Soziologe und begann Ende der 1930er Jahre, AfroamerikanerInnen in den <em>Back Yard Quarters</em> (Fleischverarbeitungsviertel) Chicagos zu organisieren. Alinsky arbeitete mit dem zeitgleich neugegr&#252;ndeten Gewerkschaftsbund CIO<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> zusammen. In seinen Organisierungsaktivit&#228;ten war Alinsky bestrebt, B&#252;ndnisse von zivilgesellschaftlichen (auch religi&#246;sen) und gewerkschaftlichen Organisationen zu schmieden, um die Lebensbedingungen in den „Slums“ zu verbessern. Politisch wird er retrospektiv oft als Radikaler bezeichnet. Er betonte die Notwendigkeit der Selbstorganisation und Misstrauen in den Staat und dessen Institutionen; langfristig ging es ihm um eine radikale Ver&#228;nderung der Machtverh&#228;ltnisse in der Gesellschaft.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Alinskys Ideen fanden dann vor allem Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre neue Resonanz. Die Nachbarschaftsorganisationen wurden als „revolution in a nutshell“ betrachtet und stellten vor allem w&#228;hrend des Ausklingens der 68er Bewegung eine willkommene Alternative zu den gro&#223;en K&#228;mpfen dar. Nicht zuletzt die &#246;konomischen und politischen Spielr&#228;ume dieser Zeit (<em>Social Policy Offensive</em>, <em>War on Poverty</em>) lie&#223;en zu, sich Illusionen einer postkapitalistischen Gesellschaft im Kleinen hinzugeben.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
In den 1980ern &#228;nderte sich mit der neoliberalen Wende, eingeleitet durch die Reagan-&#196;ra, der Community-Diskurs. Nicht mehr soziale Verbesserungen sondern das Wirtschaftwachstum in den Gemeinden stand im Vordergrund. <em>Community-Development-Organisations</em> wurden eingef&#252;hrt „[um] das Versagen des Marktes zu korrigieren, Arbeitspl&#228;tze und Sozialleistungen bereitzustellen.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> <em>Community</em>-Strukturen sollen also ausgleichen, was sozialstaatlich gestrichen wurde. Im in den 1980ern popul&#228;ren <em>Asset-Based-Development</em>-CO-Ansatz wird propagiert, dass Alinsky bez&#252;glich der Selbstorganisation recht behalten habe, nur ginge es jetzt nicht mehr um einen Kampf um die Macht in der Gesellschaft, sondern darum, sich auf die vorhandenen Ressourcen zu konzentrieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> So wurden Kinderbetreuungszirkel und Nachbarschaftswachen unter dem Label <em>Communitiy Organizing</em> aufgebaut, was mit der Ursprungsidee nur mehr wenig zu tun hat.</p>
<h3><em>Worker Centers</em></h3>
<p>Ein starkes <em>Community</em>-System mit den dazugeh&#246;rigen Organisationen (nach Religion, Ethnie, lokal oder Branchenbezogen) ist, anders als in Europa, schon sehr lange ein wichtiger Teil der US-amerikanischen Gesellschaft; eine bestimmte politisch-strategische Ausrichtung ist damit jedoch noch nicht notwendig verbunden.<br />
Eine spezielle Form der <em>Community</em>-Organisation macht derzeit in gewerkschaftlichen und anderen, linken Zusammenh&#228;ngen von sich reden, die so genannten <em>Worker Centers</em>. Diese sind „community-basierte Institutionen, die  Niedriglohn-ArbeiterInnen unterst&#252;tzen und sie organisieren.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die ersten <em>Worker Centers</em> entstanden in den 1970er Jahren im Zuge der abklingenden 68er Bewegung. Die zweite und dritte Welle neu gegr&#252;ndeter <em>Worker Centers</em> standen in Zusammenhang mit den gro&#223;en Einwanderungsbewegungen in die USA Anfang der 1990er und nach 2000.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Vorerst dienten sie als Anlaufstelle f&#252;r neue MigrantInnen vor allem in arbeitsrechtlichen Fragen. Heute gibt es etwa 130 bis 160 <em>Worker Centers</em>, die meisten sind in New York, Los Angeles und Chicago konzentriert, aber in den letzten Jahren wurden auch immer mehr in den l&#228;ndlichen Gegenden des S&#252;dens gegr&#252;ndet, wo MigrantInnen in der Agrar- und Lebensmittelverarbeitungsindustrie t&#228;tig sind.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Dabei sind Ideologie und Praxen vielf&#228;ltig, meist geht es um Information, Service und Organisierung f&#252;r von klassischen Gewerkschaften h&#228;ufig vernachl&#228;ssigte ArbeiterInnen-Communities. Diese relativ neue Organisationsform unter migrantischen ArbeiterInnen hat auch im gewerkschaftstheoretischen Feld vermehrt Aufmerksamkeit erregt. Janice Fine, die von 2003 bis 2005 eine nationale Studie zu migrantischen <em>Worker Centers</em> leitete, hat folgende gemeinsame Merkmale herausgearbeitet: (1) die meisten <em>Worker Centers</em> sind auf migrantische oder afroamerikanische Communities eines bestimmten Ortes (Stadtteil, Nachbarschaft) ausgerichtet; (2) Ethnizit&#228;t spielt eine ebenso gro&#223;e Rolle wie Branche oder Arbeitsplatz, Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung wird h&#228;ufig auf die „Migrationsproblematik“ zur&#252;ckgef&#252;hrt; (3) innerorganisatorische Demokratie und die Entwicklung von <em>Leadership</em>-Kompetenz sind zentrale Strategiemerkmale; (4) Bildung wird als integrativer Bestandteil von Aufbau und Organisierung gesehen; (5) Bewusstsein f&#252;r internationale Zusammenh&#228;nge und Solidarit&#228;t mit ArbeiterInnen aus den Herkunftsl&#228;ndern ist meist vorhanden; (6) Beratung dreht sich nicht nur um Probleme am Arbeitsplatz, sondern um Fragen der Migration (rechtlicher Status etc.); (7) B&#252;ndnisse mit anderen <em>Community</em> Organisationen werden gesucht; (8) meist gibt es wenige, aber daf&#252;r sehr aktive Mitglieder, intensive Mitgliederwerbung wird nicht betrieben. Die meisten Kampagnen der <em>Worker Centers</em> zielen eher darauf ab, &#252;ber das Rechtssystem oder &#246;ffentlichen Druck Konzernleitungen Zugest&#228;ndnisse abzuringen, als &#252;ber eine Massenbasis etwas an den allgemeinen Machtverh&#228;ltnissen zu &#228;ndern.</p>
<h3><em>Garment Worker Center Los Angeles</em></h3>
<p>Da diese allgemeinen Beschreibungen der <em>Worker Centers</em> nur h&#246;chst vage bleiben k&#246;nnen, soll hier im Detail auf eines der bekanntesten und erfolgreichsten von ihnen eingegangen werden. Das <em>Garment Worker Center</em> in Los Angeles (GWC) besteht bereits seit sieben Jahren und unterst&#252;tzt Textilarbeiterinnen vor allem aus S&#252;d- und Mittelamerika sowie aus Asien, bei ihrem Kampf um die Ausbezahlung von L&#246;hnen und f&#252;r humane Arbeitsbedingungen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Forderungen erscheinen auf den ersten Blick moderat, m&#252;ssen aber in den Kontext der herrschenden Bedingungen in der US-Bekleidungsindustrie gesetzt werden. Die Textilbranche ist einer der st&#228;rksten Industriezweige der USA mit einem gesch&#228;tzten Jahresumsatz von 24 Milliarden Dollar allein in Kalifornien. Etwa ein Viertel aller Produktionsst&#228;tten befindet sich in Los Angeles und Umgebung und besch&#228;ftigt gro&#223;teils ostasiatische und mittelamerikanische Arbeiterinnen. Durch die vermehrten Standortverlagerungen der letzten Jahre steht die US-Produktion unter starkem Konkurrenzdruck, der auf dem R&#252;cken der Besch&#228;ftigten ausgetragen wird.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nach einer Studie des <em>US Department of Labor</em> zahlen 67 Prozent der Textilfabriken in Kalifornien weniger als den Mindestlohn, 98 Prozent &#252;berschreiten die Maximalarbeitszeit und 80 Mio US-Dollar an Lohn werden j&#228;hrlich nicht ausbezahlt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Die Studie rechnet allerdings die nicht registrierten Fabriken, in denen echte <em>Sweatshop</em>-Bedingungen herrschen, noch gar nicht mit ein. Die Arbeitstage dauern hier meist zehn bis zw&#246;lf Stunden in hei&#223;er, schmutziger Umgebung, den ArbeiterInnen ist das Sprechen mit Kolleginnen verboten, regelm&#228;&#223;ige Toilettenpausen gibt es nicht. Versprochen wird Bezahlung pro fertig gestelltem St&#252;ck, doch oft gibt es monatelang gar nichts, die Schecks sind nicht gedeckt oder die Fabriken werden ohne Vorwarnung geschlossen. Das sind die Hauptprobleme der Klientel des GWC. Dazu kommen Angst vor Abschiebung nach der Versch&#228;rfung der Einwanderungsgesetze nach 9/11 und Schwierigkeiten bei der Verst&#228;ndigung.<br />
Das <em>Garment Worker Center</em> wurde 2001 mit der Unterst&#252;tzung mehrerer NGOs (namentlich <em>Sweatshop Watch</em>, <em>Asian Pacific American Legal Center</em>, <em>Coalition for Humane Immigrant Rights of Los Angeles</em> und <em>Korean Immigrant Workers Advocates</em>) gegr&#252;ndet. Eigentlich ist es eine Nachfolgeorganisation des von den Textilgewerkschaften UNITE gegr&#252;ndeten <em>Garment Workers Justice Center</em>, das geschlossen wurde, nachdem die Gewerkschaften ihre Organisierungsbem&#252;hungen aus Mangel an Erfolgsaussichten in der Gegend aufgegeben hatten. Das GWC steht heute nur in loser Verbindung zu der Gewerkschaft, und zwar eher in ideeller als in materieller Hinsicht. Die Mitbegr&#252;nderin und derzeitige Leiterin des GWC, Kimi Lee, die selbst aus einer EinwandererInnenfamilie kommt und die Bedingungen in den Textilfabriken von Kindheit an kennt, beschreibt die Ziele der Organisation folgenderma&#223;en: „TextilarbeiterInnen im Gro&#223;raum Los Angeles zu erm&#228;chtigen, mit anderen MigrantInnen im Niedriglohnsektor und den entrechteten <em>Communities</em> im Kampf f&#252;r soziale, &#246;konomische und &#246;kologische Gerechtigkeit solidarisch zusammenzuarbeiten.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Das GWC hat ein explizites Organisierungsmodell, wobei der <em>Organizing</em>-Aspekt nicht <em>neben</em> Service und Bildung steht, sondern als eine Art &#220;berthema die einzelnen Aktivit&#228;ten beeinflusst. Die vier Aktivit&#228;tskomponenten sind dabei: <em>Advocacy</em>, <em>Education</em>, <em>Campaigns</em> und <em>Coalitions</em>. <em>Advocacy</em>, also die rechtliche Vertretung der Forderungen der ArbeiterInnen in individuellen F&#228;llen, ist eine der wichtigsten Aktivit&#228;ten des GWC. Meistens geht es dabei darum, nicht ausbezahlte L&#246;hne einzufordern, in selteneren F&#228;llen auch um das illegale Verhalten von ArbeitgeberInnen, wenn diese gesetzliche Mindestl&#246;hne und Maximalarbeitszeiten vollkommen ignorieren. Im Durchschnitt verdienen Menschen, die sich an das GWC wenden 3,28 US-Dollar pro Stunde und arbeiten w&#246;chentlich 52 Stunden. H&#228;ufig ist der Wunsch nach rechtlichem Beistand der prim&#228;re Grund f&#252;r den ersten Kontakt. In der Bildungsstrategie geht es dem GWC um n&#252;tzliches Wissen und politisches Bewusstsein, es gibt Workshops zu Arbeitsrecht, Sprachkurse, Frauengruppen und Berichte von anderen Arbeitsk&#228;mpfen. Aber es geht um mehr als praktische Hinweise, erkl&#228;rt Kimi Lee in einem Interview: „Wenn die ArbeiterInnen etwas &#252;ber den Krieg [im Irak] lernen, hilft ihnen das zwar nicht ihren Gehaltsscheck zu bekommen, aber es hilft ihnen… rauszugehen und andere Dinge zu tun, andere Orte zu sehen und neue Leute kennenzulernen… Es sind solche kleinen Sachen, die helfen Zusammenhalt aufzubauen.”<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dieser Bildungsaspekt soll auch das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen st&#228;rken und damit zur Demokratisierung und Selbstorganisation des <em>Centers</em> selbst beitragen. Die Kampagnenarbeit ist meist auf ausgew&#228;hlte Gesch&#228;ftsketten konzentriert. Da in den Betrieben selbst wenig zu holen ist, wird Druck direkt auf die Verkaufsst&#228;tten ausge&#252;bt, die einen Imageschaden viel mehr f&#252;rchten. Beispiele hierf&#252;r sind erfolgreiche Kampagnen gegen <em>Bebe</em> oder <em>Forever 21</em>. Eine Mischung aus Boykott-Aktionen, Medienarbeit und kleinen <em>Pickets</em> direkt vor den Gesch&#228;ften konnten Druck auf die Firmen aus&#252;ben. In dieser Strategie spielt auch das <em>Coalitionbuilding</em> mit anderen <em>Community</em>-Organisationen, Gewerkschaften und einzelnen Prominenten eine wichtige Rolle. In welcher Form der Druck aber an die HerstellerInnen weitergegeben wird und wie diese darauf reagieren ist jedoch schwer zu beeinflussen.<br />
Die Wirkmacht von Organisationen wie dem <em>Garment Worker Center</em> in Los Angeles soll weiter unten genauer analysiert werden. Festzuhalten ist, dass es sich hierbei um einen Ort f&#252;r migrantische ArbeiterInnen handelt, an dem sie nicht von oben herab behandelt werden, sondern sich selbst organisieren k&#246;nnen, wo sie voneinander lernen und politisch diskutieren und, vor allem, wo sie sich entlang ihrer Stellung im Produktionsprozess organisieren. <em>Worker Centers</em> sind nicht blo&#223; MigrantInnennetzwerke, sondern k&#246;nnen als eine spezifische, mit anderen Dimensionen verquickte, Form des Klassenkampfs begriffen werden.</p>
<h3><em>Union Renewal</em> und <em>Worker Centers</em></h3>
<p>Bei der Frage nach dem Beitrag von <em>Worker Centers</em> zu einer Revitalisierung der ArbeiterInnenbewegung in den USA muss auch auf das Verh&#228;ltnis der <em>Centers</em> zu den Gewerkschaften eingegangen werden. So berechtigt der Einwand einiger AutorInnen ist, den gewerkschaftlichen Organisationsgrad nicht mit der St&#228;rke der ArbeiterInnenbewegung gleichzusetzen (<em>Density-Bias</em>)<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a>, so wichtig sind dennoch die Ankn&#252;pfungspunkte in Theorie und Praxis. Eine Vereinigung von <em>Worker Centers</em> und den fortschrittlicheren Gewerkschaftsteilen von <em>Change to Win</em> w&#252;rde in vielerlei Hinsicht naheliegen. Einerseits ist in diesen Teilen der Gewerkschaft zumindest theoretisch die Einsicht durchgesickert, dass die ArbeiterInnenklasse ihr Gesicht ver&#228;ndert hat und dass die Organisierung migrantischer ArbeitnehmerInnen des Niedriglohnsektors ein lange vernachl&#228;ssigter Bereich ist. Vor allem nach den gro&#223;en Demonstrationen und Streiks migrantischer ArbeiterInnen am 1. Mai 2006 k&#246;nnen die quantitativen und qualitativen St&#228;rken dieser Bewegung nicht mehr von der Hand gewiesen werden.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Aber auch f&#252;r die <em>Worker Centers</em> selbst w&#228;re eine organisatorische Anbindung an k&#228;mpferische Teile der Gewerkschaftsbewegung vorteilhaft, sto&#223;en doch die meisten von ihnen mit ihrer Strategie der Konfliktaustragung vor Gericht auf Grenzen, da das Kapital fast immer am l&#228;ngeren Hebel sitzt. So wurde z.B. in vom GWC angestrengten Prozessen Kl&#228;gerInnen insgesamt eine Million Dollar an unbezahltem Lohn zugesprochen, w&#228;hrend jedoch insgesamt 80 Millionen j&#228;hrlich nicht bezahlt werden. Selbst von dem offiziell gewonnenen Geld wird nur ein Bruchteil ausbezahlt, da sich die Firmen durch Konkurse, Umbenennung, Standortwechsel etc. h&#228;ufig aus der Aff&#228;re ziehen k&#246;nnen. Und ohne die Gewerkschaft im R&#252;cken ist auch der Aufbau von Kampagnen eine sehr fordernde Aufgabe und das <em>Fundraising</em> vereinnahmt oft viel zu viele der ohnehin schmalen Kr&#228;fte. Auch die gr&#246;&#223;eren <em>Worker Centers</em> haben fast immer weniger als zehn bezahlte MitarbeiterInnen.<br />
Dementsprechend wurden in der gewerkschaftstheoretischen Debatte auch schon verschiedene Modelle der <em>Union-Community-Coalition</em> angedacht.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In der Praxis allerdings meinen zwar zwei Drittel der Gewerkschaften, mit <em>Community</em>-Organisationen zusammenzuarbeiten, auf Seiten der <em>Worker Centers</em> geben aber nur etwa 14 Prozent an, in engem Kontakt mit Gewerkschaften zu stehen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Janice Fine macht hier drei Ebenen aus, die die Probleme in der Zusammenarbeit erkl&#228;ren: Struktur, Kultur und Ideologie.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Strukturen der Gewerkschaft sind rigide und formalisiert, w&#228;hrend sie bei den <em>Worker Centers</em> flexibel sind und die Mitgliedschaft nicht auf finanziellen, sondern aktivistischen Beitr&#228;gen beruht. Innerhalb der Gewerkschaften herrscht eine Kultur festgefahrener Rituale mit einem Fokus auf wei&#223;e, m&#228;nnliche Arbeiter, welche potentielle Mitglieder mit Migrationshintergrund abschreckt. Und schlie&#223;lich ist die unterschiedliche ideologische Ausrichtung das gr&#246;&#223;te Hindernis: Fine sieht hier die Gewerkschaften st&#228;rker im Staat- und Marktsystem eingebunden, w&#228;hrend sie <em>Worker Centers</em> eher zu den <em>Community</em>- bzw. <em>Social Movement</em>-Organisationen z&#228;hlt.<br />
Dass dieser Spalt aber nicht un&#252;berbr&#252;ckbar ist, zeigen zwei j&#252;ngere Entwicklungen: Ende 2006 trat die <em>New York City Taxi Workers Alliance</em> als erstes <em>Worker Center</em> offiziell der Gewerkschaft bei und im selben Jahr macht die AFL-CIO dem <em>National Day Laborer Organizing Network</em> ein Kooperationsangebot. Dies zeigt „eine neue Richtung, wie zumindest ein Teil der organisierten ArbeiterInnenbewegung in den USA sich selbst sieht.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
F&#252;r die <em>Social Movement Unionism</em>-Debatte wird deutlich, dass man bei den drei h&#228;ufig genannten Eckpfeilern, Demokratie, Klassenstandpunkt und &#214;ffnung zu anderen Organisationen, nicht einfach an einer Ecke anfangen und hoffen  kann, dass der Rest von selbst passiert. Eine so genannte &#214;ffnung erfordert nicht nur eine theoretische Redefinition des Klassenbegriffs, sondern muss sich auch in Strategien und Praxen der Gewerkschaften niederschlagen. Der unter dem Schlagwort ‚Kultur‘ angesprochene Aspekt eines gewissen Habitus und einer Fokussierung des wei&#223;en, m&#228;nnlichen Teils der ArbeiterInnenklasse kann nur bearbeitet werden, wenn auch Forderungen zu MigrantInnenrechten auf die Agenda der Gewerkschaften gesetzt werden und die Zusammenarbeit auf allen Ebenen forciert wird. Gerade wenn progressive Gewerkschaften B&#252;ndnisse mit Organisationen sozialer Bewegungen anstreben, oder wie im SMU-Konzept formuliert selbst zur Sozialen Bewegung werden wollen, d&#252;rfen sie sich nicht nur mit der Verbesserung der &#246;konomischen Situation ihrer Mitglieder auseinandersetzen, sondern m&#252;ssen <em>politische</em> Forderungen, gerade vor dem Hintergrund der Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, aufnehmen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Stand 2007, Quelle „Bureau of Labor Statistics“ <a href="http://www.bls.gov/news.release/union2.nr0.htm">http://www.bls.gov/news.release/union2.nr0.htm</a><br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kim Moody, Autor und ehemaliger Herausgeber der <em>Labor Notes</em>, meint den <em>turning point</em> 1980-81 mit dem verlorenen Fluglotsen-Streik (PATCO) auszumachen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> AFL-CIO = <em>American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations</em> und CTW = <em>Change to Win Federation</em>.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Asenbaum, Maria/ H&#228;dicke Karin: <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/gewerkschaft-bewegen/">Gewerkschaft bewegen</a>. Perspektiven Nr. 3 (2007).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. z. B. Waterman, Peter: The New Social Unionism: A New Union model for a New World Order, in: Munck, Ronaldo/ Wateman, Peter (Hg.): Labour Worldwide in the Era of Globalisation. Alternative Union Models in the New World Order, London 1999.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> <a href="http://www.labornotes.org">www.labornotes.org</a><br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Nach Kim, Susanne: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung. Zur Konzeption des „Social Movement Unionism“. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit, Universit&#228;t Hamburg 2004.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Fisher, Robert: Let the People Decide: Neighborhood Organizing in America, New York 1994<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Honey, Cheryll: Community Organizing past present an future. Commorg Papers 2006.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Zur Gr&#252;ndung der CIO siehe auch <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/stars-and-strikes/">Philipp Probsts Artikel</a> in dieser Ausgabe.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Alinsky, Saul: Reveille for Radicals. Vintage Books 1991. (Erstausgabe 1946)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Fisher, Robert: Community Organizing – the importance of the historical context. In: Dennis Keating, Norman Krumholz, Phil Star (eds.): Revitalizing urban neighbourhoods. University Press of Kansas 1996.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> “[to] correct the market’s failure to provide jobs and services to the community”. Marquez, Benjamin: Mexican American Community Development Corporations and the Limits of Directed Capitalism. Economic Development Quaterly 7, 3 (1996). Nach Fisher, a.a.O.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Honey, a.a.O.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Fine, Janice: Worker Center – Organizing communities on the edge of a dream. Ithaca, NY and Washington, DC (2006).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wildcat, 78, Winter 2006/07<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Die Zahlen variieren hier betr&#228;chtlich; nicht alle der als „Worker Centres“ untersuchten Einrichtungen bezeichnen sich selbst als solche. Vgl. Fine, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Lee, Kimi: Six Years of Workers Organizing in the Fight for Social &amp; Economic Justice. Bericht zum 6-j&#228;hrigen Bestehen des GWC. December 6, 2007.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Sullivan, Richard: Organizing Immigrants in America‘s Sweatshops: The Los Angeles Garment Worker Center. Paper Presented at American Sociological Association Annual Meeting August 14, 2007.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> ebd.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> “to empower garment workers in the greater Los Angeles area and to work in solidarity with other low-wage immigrant workers and disenfranchised communities in the struggle for social, economic and environmental justice”<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> “I mean, you saw last night we had these workers who were learning about the war and [while] it’s not helping them get a paycheck, it’s helping them…go to other things and see other places and meet new people….So there [are] some little things like that that just help to build a relationship”. Sullivan, a.a.O., S. 20<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> US-weit demonstrierten am 1. Mai 2006 &#252;ber eine Millionen Menschen gegen den die strikten Einwanderungsgesetzte, im ganzen Land wurden Betriebe und Gesch&#228;fte bestreikt.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Tattersall, Amanda: From union-community coalitions to community unionism? A look at the pattern of recent union relationships with community organisations. In: NSW Community and Unions 2004. Trades Hall, Victoria 2004.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Fine, Janice: A Marriage Made in Heaven? Mismatches and Misunderstandings between Worker Centres and Unions. British Journal of Industrial Relations 45 (2007), 337-364.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> ebd.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Moody, a.a.O.</p>
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		<title>Das Geschlecht kommt selten allein</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:18:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Black Feminism]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlech]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Katharina Hajek</em> und <em>Katherina Kinzel</em> setzen sich mit Positionen und Politiken Schwarzer Frauen seit den 1970er Jahren auseinander. Von den Forderungen und Themen des <em>Black Feminism</em> zum Begriff der Intersektionalit&#228;t und zur&#252;ck.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katharina Hajek</em> und <em>Katherina Kinzel</em> setzen sich mit Positionen und Politiken Schwarzer Frauen seit den 1970er Jahren auseinander. Von den Forderungen und Themen des <em>Black Feminism</em> zum Begriff der Intersektionalit&#228;t und zur&#252;ck.<br />
<span id="more-149"></span></p>
<p><em>“We can’t so easily separate our experiences by categories of gender, or race, or class, i.e.,<br />
‘I remember it well: on Saturday, June 3, I was experiencing class oppression, but by Tuesday, June 6, I was caught up in race oppression, then all day Friday, June 9, I was in the middle of gender oppression. What a week!’”</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Was hei&#223;t eigentlich <em>Feminismus</em>? Folgt man Judith Butler, so ist diese Frage zun&#228;chst mit einem kurzen Satz zu beantworten: „Frauen im Namen des Feminismus sichtbar zu machen und sie als kollektiv historische und handlungsf&#228;hige Subjekte zu artikulieren“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Gut. Und was bedeutet dann <em>Black Feminism</em>? Diese Frage ist schon wesentlich schwieriger zu beantworten, wirft sie doch eine Reihe weiterer Fragen bez&#252;glich des Subjektes und der Strategien von Feminismus auf. Es kommt nicht von ungef&#228;hr, dass viele politische Aktivistinnen und Theoretikerinnen, die heute unter dem Schlagwort <em>Black Feminism</em> gehandelt werden, lange Zeit nur unter Vorbehalten das F-Wort in den Mund nahmen. Ruft man sich die Titel einiger zentraler Werke des <em>Black Feminism</em> ins Ged&#228;chtnis – <em>Women Race Class</em>, <em>All the Women Are White, All the Blacks Are male, but Some of Us Are Brave</em>, oder <em>Ain’t I a Woman?</em> – so f&#228;llt bereits auf, dass Schwarze Feministinnen<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> die Situation sowie die K&#228;mpfe Schwarzer Frauen<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> nicht nur unter dem Gesichtspunkt geschlechtsspezifischer Herrschaft thematisierten. Die Kategorien Race<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, Klasse und/oder sexuelle Orientierung gingen ebenso in ihre Analysen und ihr Verst&#228;ndnis von Emanzipation ein. Schlie&#223;lich, h&#228;lt man sich an Butler, stellt sich die Frage nach der Sichtbarkeit Schwarzer Frauen. Bleibt doch entgegen dem Mainstream der US-amerikanischen Geschichtsschreibung festzuhalten, dass „der Widerstand Schwarzer Frauen gegen geschlechtliche Unterdr&#252;ckung seit der Ankunft versklavter AfrikanerInnen auf dem Nordamerikanischen Kontinent einen konstanten Faktor darstellte, auch wenn er nicht von Beginn an als feministisch bezeichnet wurde.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<h3>„Ain‘t I a Woman?“</h3>
<p>Ein Gro&#223;teil der Literatur des <em>Black Feminism</em> setzte sich intensiv mit der Rolle Schwarzer Frauen w&#228;hrend der Sklaverei auseinander, unter anderem um mit dem weit verbreiteten Mythos von der umsorgenden, gutm&#252;tigen <em>black mammy</em>, die ein zufriedenes Dasein als Kinderm&#228;dchen im Haus ihres Wei&#223;en Arbeitgebers f&#252;hrte, aufzur&#228;umen. Die Mehrzahl der Sklavinnen im US-Amerika der Zeit vor dem B&#252;rgerkrieg arbeitete unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Feld und unterlag ebenso der Repression und physischen Gewalt seitens der Aufseher, wie ihre m&#228;nnlichen Kollegen. Somit kamen Schwarze Frauen nicht in den zweifelhaften Genuss als <em>zu sch&#252;tzendes Subjekt</em> und <em>sorgende Mutter</em> zu gelten. Die Rede der freigelassenen Sklavin Sojourner Truth, die sie 1851 bei der <em>Ohio Womens Rights Convention</em> hielt, wurde zentraler Referenzpunkt des <em>Black Feminism</em>: Truth konfrontierte hier b&#252;rgerliche Weiblichkeitsstereotype mit ihren eigenen Erfahrungen als versklavte Frau und entbl&#246;&#223;te damit nicht nur das damalige hegemoniale Frauenbild als ideologisch, sondern stellte auch die implizit rassistischen Annahmen Wei&#223;er Feministinnen in Frage: „Seht mich an und seht meine Arme. Ich habe gepfl&#252;ckt, gepflanzt und die Ernte eingefahren. Und kein Mann konnte mich &#252;bertreffen. Und bin ich etwa keine Frau? Ich konnte genau so viel arbeiten und so viel essen wie ein Mann – wenn ich &#252;berhaupt etwas bekommen habe – und ich konnte die Peitsche ertragen. Und bin ich etwa keine Frau?“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Waren Schwarze Frauen in diesem Sinne auf pervertierte Weise <em>gleichberechtigt</em> mit m&#228;nnlichen Sklaven, so nahm die Repression doch geschlechtsspezifische Formen an. „Es ist wichtig, sich zu vergegenw&#228;rtigen, dass die Strafen, die Frauen auferlegt wurden, die Strafen, unter denen ihre M&#228;nner leiden mussten, in ihrer Intensit&#228;t weit &#252;bertrafen; denn Frauen wurden nicht nur ausgepeitscht und misshandelt, sie wurden auch <em>vergewaltigt</em>.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Vergewaltigung von Schwarzen Frauen stellte bis ins 20. Jahrhundert eines der effektivsten Mittel zur Kontrolle und Beherrschung der <em>black community</em> in den USA dar. Dass Schwarze Frauen sich aber nicht passiv ihrem Schicksal f&#252;gten, sondern eine zentrale Rolle im organisierten Widerstand gegen die Sklaverei, etwa bei <em>Marronage</em><a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> spielten, wurde vom Gro&#223;teil der Geschichtsschreibung zur Sklaverei unterschlagen und erst von Autorinnen des Schwarzen Feminismus wieder hervorgekehrt.<br />
Neben dem aktiven Widerstand der SklavInnen selbst, begann sich ab den 1830er und 1840er Jahren eine b&#252;rgerlich-liberale Anti-Sklavereibewegung herauszubilden, die von Beginn an stark von Wei&#223;en Frauen mitgetragen wurde: die <em>Abolitionists</em>. Bez&#252;glich des &#246;ffentlichen Redens und ihres politischen Engagements stie&#223;en diese Frauen jedoch sehr bald auf Widerstand seitens ihrer m&#228;nnlichen Mitstreiter, passte die Figur der &#246;ffentlich debattierenden Frau doch so gar nicht zum vorherrschenden Rollenklischee der h&#228;uslichen Mutter. „Indem sie sich in der Bewegung der Abolitionists engagierten, lernten Wei&#223;e Frauen viel &#252;ber die Unterdr&#252;ckung des Menschen durch den Menschen – in diesem Prozess lernten sie aber auch viel &#252;ber ihre eigene Unterordnung. Indem sie ihr Recht, der Sklaverei entgegenzutreten, durchsetzten, protestierten sie auch – manchmal offen, manchmal implizit – gegen ihren Ausschluss aus der politischen &#214;ffentlichkeit.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der Kampf f&#252;r die Abschaffung der Sklaverei war somit von Anfang an inh&#228;rent mit dem Kampf von Frauen um Teilhabe am &#246;ffentlichen und politischen Leben verbunden. Angela Davis geht in ihrer Analyse soweit, die <em>World Anti-Slavery Convention</em> von 1840 als Geburtsstunde der US-amerikanischen Frauenbewegung anzusetzen.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Nach dem B&#252;rgerkrieg 1865 &#228;nderte sich nicht viel an der Situation der Schwarzen Bev&#246;lkerung in den USA. War die Sklaverei <em>de jure</em> abgeschafft, bestand sie in Form einer <em>de facto</em> Leibeigenschaft und nahezu unver&#228;nderten Arbeitsbedingungen fort.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Anfang des 19. Jahrhundert fand mit der Urbanisierung schlie&#223;lich eine Verschiebung der vornehmlichen T&#228;tigkeitsfelder Schwarzer Frauen hin zu <em>domestic work</em> statt: diese arbeiteten nun vermehrt als Angestellte in Wei&#223;en Haushalten, was mit extensiven Arbeitszeiten (72 Stunden-Woche), Hausarrest und Isolation, sowie h&#228;ufigen Vorf&#228;llen von sexueller Bel&#228;stigung seitens der Arbeitgeber verbunden war: Schwarze Hausangestellte blieben den degradierenden Praxen ihrer ArbeitgeberInnen also unmittelbar ausgesetzt.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Diese Muster gesellschaftlicher Segregation, rassistischer und sexistischer Ausbeutungsverh&#228;ltnisse waren kennzeichnend f&#252;r die Situation von Schwarzen Frauen in den USA bis kurz vor dem 2. Weltkrieg. „Sogar noch in den 1940er Jahren gab es in New York und anderen gro&#223;en St&#228;dten Stra&#223;enm&#228;rkte – moderne Versionen von Sklavenm&#228;rkten – an denen Wei&#223;e Frauen aus den Massen der Arbeit suchenden Schwarzen Frauen ausw&#228;hlen konnten.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<h3>„Kick ass and take names!“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a></h3>
<p>Schon die Analyse der Situation Schwarzer Frauen unter der Sklaverei zeigt, dass diese stets durch multiple Herrschafts-, Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsverh&#228;ltnisse gekennzeichnet war. Das Zusammenwirken von &#246;konomischer Ausbeutung, sexistischer Unterdr&#252;ckung und ‚Rassensegregation’ bestimmte nicht nur deren Lebensverh&#228;ltnisse sondern auch die Formen, die Schwarzer, weiblicher Widerstand und emanzipativer Kampf annahmen.<br />
Eine Konjunktur erlebten die K&#228;mpfe Schwarzer Frauen im Zuge der sozio-politischen Ver&#228;nderungen in den 1960er Jahren als sich neue politische Handlungsr&#228;ume auftaten, die ein Erstarken sozialer Bewegungen erm&#246;glichten. Im Zeitraum von 1968 bis zum konservativen <em>backlash</em> der Reagan &#196;ra waren zahlreiche politische Gruppierungen, die sich rund um die Interessen und Identit&#228;ten Schwarzer Frauen formierten, aktiv: Es wurden Organisationen gegr&#252;ndet – etwa die <em>Third World Womens Alliance</em> (TWWA), das <em>Combahee River Collective</em>, die <em>Black Women Organized for Action</em> (BWOA) oder die <em>National Black Feminist Organization</em> (NBFO) –, die erstmals unter dem Banner <em>Black Feminism</em> agierten. Diese standen in einem engen politischen aber auch personellen Verh&#228;ltnis zum <em>Civil Rights Movement</em> und dem <em>Black Nationalist Movement</em>, rekrutierten sich doch die Aktivistinnen des <em>Black Feminism</em> haupts&#228;chlich aus diesen und hatten sich dort Organisationsf&#228;higkeiten und Mobilisierungsstrategien angeeignet. Was ihre politische Positionierung, ihre Forderungen und strategischen Konzepte betraf, variierten die <em>Black Feminist Organizations</em> jedoch erheblich. Zwischen den explizit marxistischen Inhalten des <em>Combahee River Collective</em> und den liberalen Konzepten des BWOA gab es eine breite Spannweite politischer Positionen. Die Frage, was die „Befreiung“ von Schwarzen Frauen &#252;berhaupt bedeutete und welche Strategien sie erforderlich machte, unterlag – auch innerhalb der einzelnen Organisationen – einem st&#228;ndigen Aushandlungsprozess.<br />
Gemein war den Organisationen des <em>Black Feminism</em> jedoch, dass sie mit ihren Forderungen an die Tradition Schwarzen weiblichen Widerstands ankn&#252;pften und das intellektuelle Erbe Schwarzer US-amerikanischer Frauen aufgriffen: Erstmals nahmen sie die Kategorie Geschlecht explizit als integralen Bestandteil ihrer Identit&#228;t sowie von politischen Strategien in Anspruch.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Dass die Positionierung als <em>Feministinnen</em> keine Selbstverst&#228;ndlichkeit darstellte, sondern Ergebnis heftiger politischer Auseinandersetzungen war und einen m&#252;hsamen Prozess von Identit&#228;tskonstruktion und Interessensartikulation voraussetze, zeigt das widerspr&#252;chliche Verh&#228;ltnis Schwarzer Frauen zur wei&#223;en Frauenbewegung in den USA. Dieses war schon alleine aufgrund der gr&#246;&#223;tenteils impliziten, zum Teil auch explizit rassistischen Positionen vieler Organisationen und Protagonistinnen der b&#252;rgerlich-feministischen Bewegung spannungsgeladen. Umgekehrt waren auch Schwarze Frauen skeptisch gegen&#252;ber (Wei&#223;en) feministischen Bewegungen und Forderungen. So wurden diese angesichts der h&#246;chst prek&#228;ren Lebensrealit&#228;t der Schwarzen Bev&#246;lkerung in den USA vielfach als ‚&#252;berfl&#252;ssig’ oder als ‚luxuri&#246;ses Hobby reicher Hausfrauen’ angesehen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Zugespitzt formuliert hatten Schwarze [Frauen] oftmals schlicht akutere Probleme: grassierende Armut, Arbeitslosigkeit, rassistische &#220;bergriffe und massive Repression durch die staatlichen Gewaltapparate. Schlie&#223;lich gab es auch Vorbehalte vieler Aktivisten und Aktivistinnen des <em>Civil Rights</em> und <em>Black Nationalist Movement</em>, die bef&#252;rchteten, dass die ‚Abwanderung’ von Mitgliedern in deklariert feministische Gruppen die Bewegung schw&#228;chen und die Ziele derselben ‚verraten’ w&#252;rde. In diesem Kontext stellte die affirmative Aneignung des Begriffs <em>Feminismus</em> von Schwarzen Frauen eine Herausforderung f&#252;r alle politischen Bewegungen der Zeit dar.<br />
Aber die Selbstpositionierung von Organisationen des <em>Black Feminism</em> als <em>deklariert feministisch</em> stellte auch eine Antwort auf die sexistischen Positionen und patriarchalen Organisationsstrukturen des <em>Civil Rights Movement</em> dar. So sprachen sich einige der Wortf&#252;hrer dieser Bewegung offen f&#252;r die Etablierung des m&#228;nnlichen Familienern&#228;hrermodells in der <em>black community</em> aus, obschon viele Schwarze Frauen bereits wichtige Positionen innerhalb derselben einnahmen. „Die Literatur der Black Nationalists setzt das Gro&#223;ziehen von Kindern und ‚nation building’ als Aufgabe der ‚wahrlich revolution&#228;ren Schwarzen Frau’ an.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
In diesem Kontext sahen sich viele Schwarze Frauen vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Positionierung, die durch multiple Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse gekennzeichnet war (und ist), zunehmend vor die unm&#246;gliche Wahl gestellt, entweder als ‚Frau’ oder als ‚Schwarze’ zu k&#228;mpfen. Margret Sloan von der NBFO beschreibt diese Situation zugespitzt als „… eine Frechheit. Es ist unmenschlich und grausam von einer Women of Colour zu erwarten, dass sie sich zergliedert und in der Mitte teilt. Es ist als w&#252;rde man sagen: Teil’ dich und k&#252;mmer’ dich separat um jedes Thema.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Aus dieser politischen Konstellation ergab sich f&#252;r <em>Schwarze Feministinnen</em> die Notwenigkeit, ein eigenst&#228;ndiges Projekt zu formulieren, das &#252;ber die Reflexion auf die spezifische soziale, politische und &#246;konomische Situation Schwarzer Frauen eine Kontextualisierung und Politisierung der eigenen Erfahrung bef&#246;rdern sollte.</p>
<h3>Emanzipatorisch f&#252;r wen?</h3>
<p>Die Arbeit am eigenen Selbstverst&#228;ndnis machte es f&#252;r Schwarze Feministinnen notwendig, sich nicht nur von den Organisationsstrukturen, sondern auch von den politischen Zielvorstellungen der Wei&#223;en Frauenbewegungen und den m&#228;nnlich dominierten Schwarzen Befreiungsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre abzugrenzen. Denn Schwarze Frauen, ihre Erfahrungen und Interessen wurden in diesen Bewegungen nicht nur marginalisiert, auch schienen deren Konzepte zur Charakterisierung von rassistischer bzw. geschlechtsspezifischer Unterdr&#252;ckung, wie auch ihre Befreiungsnarrative, f&#252;r emanzipatorische Bestrebungen, die auf eine substantielle Ver&#228;nderung der Lebenssituation Schwarzer Frauen abstellten, unbrauchbar.<br />
So l&#228;sst sich etwa zeigen, dass der <em>b&#252;rgerlich-liberale Feminismus</em> auf einer Verallgemeinerung der Lebenserfahrungen einer spezifischen Gesellschaftsgruppe – Wei&#223;en, relativ gebildeten Frauen der „Mittelschicht“ – basiert und sich dessen Konzepte als klassenspezifisch und inh&#228;rent „Wei&#223;“ dechiffrieren lassen. Die „Befreiung der Frau“ reduzierte er tendenziell auf Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und verbesserte Karrierem&#246;glichkeiten. Doch das (klein)b&#252;rgerliche Familienern&#228;hrermodell, gegen welches diese Form des <em>Feminismus</em> anarbeitet, hat nie der Lebensrealit&#228;t der Schwarzen Bev&#246;lkerung in den USA entsprochen. „Es ist eitle Tr&#228;umerei sich Schwarze Frauen einfach als Hausfrauen vorzustellen, die sich um die Kinder und den Haushalt k&#252;mmern, wie im Wei&#223;en Mittelschichts-Modell. Die meisten Schwarzen Frauen m&#252;ssen arbeiten gehen, um Wohnung, Essen und Kleidung f&#252;r ihre Familien sicherzustellen. Schwarze Frauen machen einen betr&#228;chtlichen Prozentsatz der Schwarzen Arbeitskraft aus, sowohl in den &#228;rmsten Familien, als auch in der so genannten ‚Mittelschichts“-Familie.”<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Daher m&#252;ssen auch die Grundannahmen des liberalen Feminismus hinsichtlich der Trennung von bezahlter Lohnarbeit und unbezahlter Haus- bzw. Reproduktionsarbeit, sowie dem Auseinandertreten von &#214;ffentlichkeit und Privatsph&#228;re, kritisch befragt werden. Dass Arbeitsverh&#228;ltnisse und Klassenstrukturen in den USA &#252;ber die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hinausgehend stets rassistisch pr&#228;formiert waren,<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> bedeutet, dass feministische Forderungen, die den Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt reklamieren, f&#252;r Schwarze Frauen eher anti-emanzipatorische Effekte haben, wenn sie deren spezifische sozio-&#246;konomische Situation ignorieren. So f&#252;hren etwa Bestrebungen, die auf eine F&#246;rderung der Erwerbst&#228;tigkeit Wei&#223;er Frauen abzielen, wenn sie nicht zugleich breitere gesellschaftliche Transformationsprozesse anstreben, tendenziell dazu, dass Reproduktionsarbeit als niedrig bezahlte Lohnarbeit an Schwarze Frauen (und Migrantinnen) abgetreten wird. So proklamierte Audre Lorde 1979 auf einer internationalen Konferenz zum 30-j&#228;hrigen Jubil&#228;um von Simone de Beauvoirs <em>Das Andere Geschlecht</em>: „Da sich wei&#223;e feministische Theoretikerinnen nicht mit den Differenzen zwischen Frauen befassen, k&#252;mmern sie sich auch nicht um die Tatsache, dass die Frauen, die ihre H&#228;user putzen und ihre Kinder h&#252;ten, w&#228;hrend sie selbst Konferenzen &#252;ber feministische Theorie besuchen, gr&#246;&#223;tenteils arme und farbige Frauen sind. Was ist die Theorie hinter rassistischem Feminismus?“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Das <em>Combahee River Collective</em> betont die Notwendigkeit, ein Verst&#228;ndnis von Klassenverh&#228;ltnissen zu entwickeln, das die spezifische Klassenposition Schwarzer Frauen zu fassen vermag: „Wir m&#252;ssen die reale Klassensituation von Menschen herausstreichen, die nicht einfach race-lose und geschlechtslose ArbeiterInnen sind, sondern f&#252;r welche rassistische und geschlechtliche Unterdr&#252;ckung ausschlaggebende Faktoren in ihrem Arbeitsleben darstellen.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Auch die – sicherlich wichtige – Forderung nach dem vermehrten Auftreten von Frauen im &#246;ffentlichen Leben greift zu kurz, wenn es um eine Bestimmung jener politischen R&#228;ume geht, in denen es f&#252;r Schwarze Frauen m&#246;glich war und ist, ein emanzipatorisches Selbstverst&#228;ndnis zu entwickeln. Patricia Hill Collins argumentiert, dass die Unterdr&#252;ckung des Wissens Schwarzer Frauen diese dazu n&#246;tigte, alternative und autonome Formen der Tradierung und Beurteilung von Wissen herauszubilden. Die ‚Privatsph&#228;re’, gesch&#252;tzte Bereiche, in denen Schwarze Frauen frei sprechen konnten, haben die Vermittlung widerst&#228;ndigen oder schlicht das &#220;berleben gew&#228;hrleistenden Wissens erm&#246;glicht<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>, was auch bedeutet, dass diesen eine andere politische Bedeutung beizumessen ist, als im <em>liberalen Feminismus</em> &#252;blich: „Die zentrale Stellung, die Schwarze Frauen in Familie, Kirche und anderen <em>community organisations</em> einnehmen, erlauben es uns, mit j&#252;ngeren, weniger erfahrenen Schwestern unser Wissen dar&#252;ber zu teilen, was es braucht um eine selbstbestimmte Frau zu sein.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Wenn bestimmte <em>b&#252;rgerlich-feministische</em> Positionen sich als eindimensional erweisen, ist deren Anspruch, ‚alle‘ Frauen zu repr&#228;sentieren, grunds&#228;tzlich in Frage gestellt. bell hooks<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> zeigt, dass die Hypostasierung eines universalen, gemeinsamen Leids ‚aller’ Frauen implizit auch die westliche, patriarchale Vorstellung reproduziert, die Lebensrealit&#228;t von Frauen werde alleinig durch deren Geschlecht bestimmt. Damit wird es unm&#246;glich, zu thematisieren, wie bestimmte Faktoren – Race, Klassenzugeh&#246;rigkeit und sexuelle Orientierung – auch die Art und Weise ver&#228;ndern, in der Sexismus das Leben der Betroffenen bestimmt. Die Auswirkungen geschlechtsspezifischer Herrschaft sind schon alleine aufgrund von Differenzen in den materiellen Lebensverh&#228;ltnissen von Frauen keineswegs homogen. Dar&#252;ber hinaus aber f&#252;hrten die Familienstrukturen und das Arrangement der Geschlechterverh&#228;ltnisse in den <em>black communities</em> in ihrer Nichtentsprechung zu hegemonialen Geschlechternormen zu einer <em>ideologischen</em> ‚Entfeminisierung’ Schwarzer Frauen. Was schon Sojourner Truth in ihrer Rede enth&#252;llte, n&#228;mlich, dass Schwarzen Frauen aufgrund ihrer sozialen und &#246;konomischen Position die Erf&#252;llung klassischer Weiblichkeitsvorstellungen verwehrt blieb, wurde diesen als deviante Natur angelastet: „Eine enge Definition von ‚Frausein’ hat nie die Lebensrealit&#228;t Schwarzer Frauen, Frauen ethnischer Minderheiten, oder Frauen der ArbeiterInnenklasse in den USA widergespiegelt. Stattdessen wurden diese Frauen, die ‚angemessenen‘ Geschlechterrollen oft nicht entsprechen konnten, als inad&#228;quat dargestellt und sie f&#252;hlten sich auch so.”<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Frances Beal argumentiert, dass umgekehrt rassistische Unterdr&#252;ckung von Schwarzen M&#228;nnern oftmals als symbolische Entmannung erlebt wurde, was diese dazu motivierte ihre ‚M&#228;nnlichkeit‘ &#252;ber sexistische Diskriminierung ‚wiederherzustellen‘.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Obwohl Beals psychologistische Argumentationsweise problematisch ist, spricht sie damit etwas an, das von vielen Schwarzen Feministinnen thematisiert wurde: Das Ethos der Schwarzen Befreiungsbewegungen, „das Schwarze Befreiung zu oft mit einer falsch definierten M&#228;nnlichkeit gleichsetzte“,<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> blieb in seinen Vorstellungen von Geschlechterrollen einem hierarchischen Modell verpflichtet. In einer Rhetorik ‚rassischer Authentizit&#228;t‘, wurde ‚Schwarzsein‘ als ideologische Position mit frauenfeindlichen und homophoben Einstellungen enggef&#252;hrt, sodass etwa Feministinnen und Homosexuelle als ‚nicht-Schwarz‘ kodiert wurden.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Cheryl Clarke analysiert die sexistischen und homophoben Aussagen wichtiger Wortf&#252;hrer der Schwarzen Befreiungsbewegungen und weist auf eine Paradoxie in deren politischer Agenda hin: Diese h&#228;tten zwar eine Abkehr von ‚Wei&#223;en Werten‘ propagiert, zugleich aber an der Wei&#223;en, puritanischen und offen heterosexistischen Vorstellung, dass Sexualit&#228;t alleinig der Fortpflanzung diene, festgehalten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Unterordnung ‚der Frau‘ und das Modell der Kleinfamilie mit ihrem m&#228;nnlichen ‚Ern&#228;hrer‘ wurden so naturalisiert.<br />
Im Bezug auf die Einsch&#228;tzung von Herrschaftsverh&#228;ltnissen hatten die Schwarzen Befreiungsbewegungen und der Wei&#223;e, liberale Feminismus also komplement&#228;re ‚blinde Flecken‘: Erstere affirmierten in ihrem antirassistischen Kampf stereotype Geschlechternormen. Zweiterer verabs&#228;umte es, auf die rassisierte Dimension des Kampfes gegen eben diese Geschlechternormen zu reflektieren. hooks stellt heraus, dass beide Bewegungen Emanzipation und Befreiung als ‚Gleichheit‘ mit privilegierten Gesellschaftsgruppen konzipierten und damit das Ziel der Abschaffung von Herrschaftsverh&#228;ltnissen und der Herstellung wirklicher Gerechtigkeit notwendig verfehlten: „So lange diese beiden Gruppen Befreiung als Erreichen von sozialer Gleichstellung mit Wei&#223;en M&#228;nnern der herrschenden Klassen definieren, haben sie ein pers&#246;nliches Interesse daran, dass andere weiterhin ausgebeutet und unterdr&#252;ckt werden.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Die Reflexion auf die eigenen Lebensverh&#228;ltnisse brachte f&#252;r <em>Schwarze Feministinnen</em> die Einsicht, dass die immer bestehende Gefahr, dass sich emanzipatorische Bestrebungen in reaktion&#228;re Kr&#228;fte verwandeln, nur gebannt werden kann, wenn die Tatsache der &#220;berschneidung und &#220;berlagerung von Herrschaftsverh&#228;ltnissen in der politischen Praxis verarbeitet wird.</p>
<h3>Strategischer Essentialismus</h3>
<p>Dass <em>Schwarze Feministinnen</em> mit der Herausforderung konfrontiert waren, an mehren Fronten gleichzeitig k&#228;mpfen zu m&#252;ssen, der <em>Black Feminism</em> zugleich aber keineswegs eine homogene, politisch geeinte Bewegung darstellte, bedingte eine gewisse Ambivalenz ihrer Strategie: Die Suchbewegung nach einer positiven, selbstdefinierten Identit&#228;t und einem gemeinsamen politischen Standpunkt ging zugleich mit einer dekonstruktivistischen, bestimmte Identit&#228;tsvorstellungen in Frage stellenden Argumentationsweise einher. <em>Schwarzen Feministinnen</em> musste es zun&#228;chst darum gehen, hegemoniale Bilder Schwarzer Weiblichkeit in Frage zu stellen. Stereotypen, wie jenes der gutm&#252;tigen, sich in ihre subalterne Rolle einf&#252;genden <em>black mammy</em>, das der &#252;berm&#228;chtigen Matriarchin<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> oder auch der Mythos vom unstillbaren sexuellen Appetit Schwarzer Frauen, welcher seine makabere Entsprechung in Vergewaltigungsraten findet, wurden als Herrschaft legitimierende „Kontrollierende Bilder“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> erkannt und kritisiert. Im Kontext des Schwarzen Befreiungskampfes sahen sie sich dar&#252;ber hinaus in die schwierige Lage versetzt, mit dem Projekt Schwarzer Emanzipation solidarisch zu sein und im selben Atemzug gegen sexistische und homophobe Positionen innerhalb desselben ank&#228;mpfen zu m&#252;ssen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Frage, was es bedeuten k&#246;nnte, Schwarze Frau und Feministin zu sein, war also keineswegs entschieden.<br />
Daher ging es den Vertreterinnen des <em>Black Feminism</em> stets auch darum, eine selbstbestimmte Identit&#228;t und ein politisches Selbstverst&#228;ndnis als Basis f&#252;r die gemeinsamen emanzipatorischen K&#228;mpfe <em>Schwarzer Feministinnen</em> herauszubilden. Radikale Politik m&#252;sse aus der eigenen Identit&#228;t folgen, so das <em>Combahee River Collective</em>: „Uns wird bewusst, dass die einzigen Menschen, die sich genug f&#252;r uns interessieren, um sich kompromisslos f&#252;r unsere Befreiung einzusetzen, wir selbst sind. Unsere Strategien entspringen einer gesunden Liebe f&#252;r uns selbst, unsere Schwestern und unsere Gemeinschaft, die uns hilft, unseren Kampf und unsere Arbeit fortzuf&#252;hren. Die Konzentration auf unsere Unterdr&#252;ckung ist im Konzept der Identit&#228;tspolitik verk&#246;rpert.”<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Die Standpunkttheorie Patricia Hill Collins stellt einen Versuch dar, die Grundlagen des Selbstverst&#228;ndnisses <em>Schwarzer Feministinnen</em> theoretisch zu fassen: Gegen Konzepte, die dieses an ‚Schwarzsein‘ oder ‚Weiblichkeit‘ als biologische Kategorien binden,<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> argumentiert sie, dass die gemeinsame Basis f&#252;r die Herausbildung eines Schwarzen, feministischen (Selbst-)Bewusstseins in den Lebenserfahrungen Schwarzer Frauen zu suchen sei: Die soziale Position Afroamerikanischer Frauen in den USA setze diese bestimmten geteilten Erfahrungsmustern aus: „Die geteilten Erfahrungen von Schwarzen Frauen im Bereich der Lohnarbeit und des Privatlebens, sowie unsere Teilnahme an vielen Formen der Afrikanisch-Amerikanischen Kultur, hat zur Folge, dass Schwarze Frauen in den USA in einer anderen Welt leben, als Menschen, die nicht Schwarz und weiblich sind.”<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Die spezifischen Erfahrungen, die aus den Lebensverh&#228;ltnissen Schwarzer Frauen als einer unterdr&#252;ckten Gesellschaftsgruppe erwachsen, seien dazu angetan, die Entwicklung eines distinkten Selbst- und Weltverst&#228;ndnisses zu stimulieren. Ein solcher Schwarzer, feministischer Standpunkt kristallisiere sich um zentrale Themen, welche die gemeinsame Vergangenheit und das allt&#228;gliche Leben Schwarzer Frauen betreffen – Collins nennt Vergewaltigung, Sklaverei, Familie, Mutterschaft und Arbeitsverh&#228;ltnisse als ‚Kernthemen’ des inhomogenen Wissensk&#246;rpers des <em>Black Feminist Thought</em>.<br />
Damit ist auch die Kontinuit&#228;t von allt&#228;glichem (&#220;berlebens-)Kampf und politischem Kampf, welche f&#252;r viele Schwarze Feministinnen programmatisch war, angesprochen. „Wir sehen unsere Wurzeln in der historischen Realit&#228;t des allt&#228;glichen Kampfes Afroamerikanischer Frauen um Leben und Tod, um &#220;berleben und Befreiung”,<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> schreibt etwa das <em>Combahee River Collective</em>.<br />
Eine solche Form Schwarzer, feministischer Identit&#228;tspolitik l&#228;sst sich mit dem von  Gayatri Chakravorty Spivak gepr&#228;gten Begriff des ‚strategischen Essentialismus‘ fassen: Gegen&#252;ber klassisch essentialistischen Positionen wird Identit&#228;t dabei nicht &#252;ber den Rekurs auf ein gemeinsames, unver&#228;nderliches, etwa durch Race- oder Geschlechterzugeh&#246;rigkeit verb&#252;rgtes Wesen hergestellt und dadurch naturalisiert. Vielmehr stellt Identit&#228;t hier eine Art k&#252;nstlichen Selbstbewusstseins dar, das von subalternen Gesellschaftsgruppen in explizit politischem Interesse ausgebildet wird. In seiner strategischen Ausrichtung zielt dieses Bewusstsein auf eine Ver&#228;nderung eben jener Umst&#228;nde ab, welche die Formierung der betreffenden Gesellschaftsgruppe &#252;berhaupt bedingen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In diesem Zusammenhang kann die Identit&#228;tspolitik des <em>Black Feminism</em> als strategische Orientierung um gemeinsame Lebenserfahrungen gelesen werden, die darauf aus ist, eben jene Realit&#228;t, welche diese Erfahrungen hervorbringt, zu ver&#228;ndern.<br />
Collins selbst hebt die strategische Dimension des Rekurses auf gemeinsame Erfahrungen im Rahmen einer Problematisierung von Repr&#228;sentationsverh&#228;ltnissen hervor. Sie stellt fest, dass sich ein gemeinsamer Standpunkt nicht automatisch, gleichsam als Reflexion der gelebten Wirklichkeit herstellt, &#228;hnliche Lebenserfahrungen also kein homogenes (politisches) Subjekt konstituieren. Nicht nur, da Erfahrungen bis zu einem gewissen Grad verschieden sind, auch da die Verarbeitungsformen, Einsch&#228;tzungen und Reaktionen auf die gemeinsamen Erfahrungen verschieden ausfallen, sei die Arbeit Schwarzer, weiblicher Intellektueller f&#252;r die Etablierung eines emanzipatorischen Standpunkts unerl&#228;sslich.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Collins betont, dass die gelingende Formulierung eines solchen Standpunkts durch Schwarze feministische Intellektuelle davon abh&#228;ngt, dass diese in einem dialogischen Verh&#228;ltnis zur <em>community</em> Afro-Amerikanischer Frauen stehen. Dabei operiert sie mit einem gramscianischen<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Intellektuellen-Begriff, der auch Blues-S&#228;ngerinnen, Literatinnen, politische Aktivistinnen etc. umfasst, welche zur Herausbildung eines kritischen, widerst&#228;ndigen Selbstbewusstseins Schwarzer Frauen beitragen. Historisch waren diese in soziale Netzwerke, welche die Tradierung von oppositionellem Wissen erm&#246;glichten, eingebunden. Dass eine organische Verbindung bestehen bleibe, h&#228;nge von der F&#228;higkeit von Intellektuellen ab, auf ihre eigene soziale Position zu reflektieren und eine Kontinuit&#228;t zwischen dem Alltagsbewusstsein eines Gro&#223;teils der US-amerikanischen Schwarzen Frauen und den eigenen spezialisierten Wissensformen herzustellen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Intersektionalit&#228;t</h3>
<p>Ob diese Verbindung heute noch gegeben ist, scheint allerdings fraglich. Als ausschlaggebend f&#252;r die Transformation der Projekte des <em>Black Feminism</em> beziehungsweise das Abflauen des <em>Black Feminist Movement</em> lassen sich verschiedene, externe und interne Faktoren anf&#252;hren. Als offensichtlichstes Beispiel f&#252;r erstere z&#228;hlt ohne Zweifel die massive Repression durch staatliche Gewaltapparate, insbesondere des FBI, welches im Rahmen des <em>Counter Intelligence Program</em> (COINTELPRO) in Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei bis 1971 nicht nur die Arbeit des <em>Civil Rights Movement</em> – und in seinem ‚Windschatten‘ auch jene von Organisationen des <em>Black Feminism</em> – erheblich erschwerte sondern auch zahlreiche Mitglieder ermordete.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Als weiterer Faktor, wenngleich qualitativ nicht mit ersterem vergleichbar, kann die Tatsache gelten, dass einige zentrale Forderungen der <em>Black Feminists</em>, wie auch des <em>Civil Rights Movement</em> schlichtweg erf&#252;llt wurden: Mit der Abschaffung der rassisierten Gesetzgebung und der Durchsetzung des <em>Civil Rights Act</em> kam es – auch – zu einer staatlichen Einhegung und partiellen Befriedung der Bewegungen. Obwohl die einschl&#228;gigen Positionen de facto auf einen radikalen gesellschaftspolitischen Wandel abzielten, fokussierten „die vordergr&#252;ndigen K&#228;mpfe auf eine Transformation der Gesetzgebung. Zu dieser Zeit war es sehr wichtig, die legalen Barrieren niederzurei&#223;en, die Gesetze zu &#228;ndern und den [prek&#228;ren] juristischen Status der People of Color anzufechten.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Zu den externen Faktoren trat der Mangel an personellen und finanziellen Ressourcen sowie einer hohen Rate an &#220;berlastung und <em>burnout</em> unter den Aktivistinnen hinzu – mussten doch die meisten von ihnen – im Gegensatz zu vielen privilegierten Wei&#223;en Frauen – <em>nebenbei</em> noch einer Lohnarbeit nachgehen, um sich das Studium zu finanzieren oder das Familieneinkommen zu sichern. Das Abflauen der politischen Bewegungen bedeutete jedoch nicht, dass ihren analytischen Einsichten keine Aufmerksamkeit mehr zukommen sollte. Die von <em>Schwarzen Feministinnen</em> unternommene Anstrengung, die spezifische sozio&#246;konomische Situation von Schwarzen Frauen in den USA zu fassen und ihre Feststellung, dass diese nicht durch eindimensionale Erkl&#228;rungsans&#228;tze bestimmt werden kann, trat im akademischen Bereich eine Diskussion &#252;ber multiple Formen von Unterdr&#252;ckung und Herrschaft los. Da die intellektuelle Arbeit sich nun aber nicht auf konkrete K&#228;mpfe und Strategien beziehen konnte, verschob sich die Debatte auf eine andere terminologische und auch politische Ebene.<br />
Der Begriff der <em>matrix of domination</em>, von Patricia Hill Collins erstmals verwendet, wurde als Gegenentwurf zu einem additiven Modell von Herrschaftsverh&#228;ltnissen ins Spiel gebracht: Denn dieses vermag die konkreten Lebensrealit&#228;ten vieler Bev&#246;lkerungsgruppen, unter anderem Schwarzer Frauen, nur unter dem Gesichtspunkt von separaten, scheinbar exklusiven ‚Achsen der Unterdr&#252;ckung’ zu fassen. Damit werden Herrschaftsverh&#228;ltnisse, die entlang der Kategorien Race, Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung arbeiten, als einander &#228;u&#223;erliche, isolierte Faktoren vorausgesetzt, die erst nachtr&#228;glich zueinander hinzutreten. „In solchen Analyseschemata kann man nur entweder Wei&#223; oder Schwarz sein – Menschen mit uneindeutigen Identit&#228;ten m&#252;ssen sich so also die Frage gefallen lassen: ‚was bist du eigentlich’? Diese Betonung auf Quantifizierbarkeit und Dichotomien hat auch die Vorstellung zur Folge, ‚Entweder/Oder’-Kategorien in eine Hierarchie bringen zu m&#252;ssen. So eine Analyse geht davon aus, dass die eine Seite automatisch privilegiert ist, w&#228;hrend die andere unterdr&#252;ckt ist.“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Demgegen&#252;ber sollte das Ineinandergreifen und die Wechselwirkung von Machtstrukturen thematisierbar werden. Was <em>Schwarze Feministinnen</em> durch den Fokus auf ihre eigene Unterdr&#252;ckung herauskehrten wurde damit erstmals zum Entwurf f&#252;r sozialwissenschaftliche Theoriebildung: Die &#220;berschneidung, &#220;berlappung sowie die gegenseitige Aufhebung/Verst&#228;rkung von Herrschaftsverh&#228;ltnissen erzeugt eine spezifische Qualit&#228;t, der man mit eindimensionalen Schemata, die isolierte Faktoren im Sinne eines ‚Entweder-Oder’ unterstellen, nicht gerecht werden kann. Vielmehr erfordert dies integrative Analysemethoden. Mit dem Begriff der ‚Intersektionalit&#228;t’, den die US-amerikanische Juristin und Feministin Kimberlé Crenshaw in den 1980er Jahren pr&#228;gte, fand diese Thematik auch in internationale akademische Debatten Eingang. Ausgehend von einer kritischen Untersuchung der Antidiskriminierungsgesetzgebung der USA vertritt sie die These, dass die Analyse der spezifischen gesellschaftlichen Positionen und Unterdr&#252;ckungserfahrungen von Schwarzen Frauen durch die exklusiven Begriffe von Sexismus <em>oder</em> Rassismus nicht zu fassen ist. Sie zeigt, dass die Konzepte von Diskriminierung im rechtlichen Bereich, aber auch in den politischen Programmen der meisten sozialen Bewegungen auf Basis von juristischen und politischen ‚Reinformen‘ bestimmt werden. Dadurch werden implizit die ‚reinen‘ Diskriminierungserfahrungen von <em>entweder</em> Wei&#223;en Frauen <em>oder</em> Schwarzen M&#228;nnern als paradigmatische F&#228;lle von Diskriminierung angesetzt. Dies hat zur Folge, dass die Situation Schwarzer Frauen entweder &#252;berhaupt nicht als qualitativ eigenst&#228;ndig erkannt wird, sodass Schwarze Frauen nur dann als ‚sch&#252;tzenswert‘ angesehen werden und damit verbundene Rechtsanspr&#252;che geltend machen k&#246;nnen, wenn sich ihre Erfahrungen mit denjenigen Wei&#223;er Frauen oder Schwarzer M&#228;nner decken. Dar&#252;ber hinausgehende, aus der Besonderheit ihrer sozialen Position resultierende Erfahrungen, fallen unter den Tisch. Oder aber sie werden als eine Gruppe mit so spezifischen Interessen wahrgenommen, dass sich ihre Erfahrungen nicht mehr mit den Konzepten rassistischer oder sexistischer Diskriminierung erfassen lassen. Da Schwarzen Frauen damit abgesprochen wird, ‚als Frauen‘ oder ‚als Schwarze‘ (politisch) agieren zu k&#246;nnen, wirkt dies isolierend und entpolitisierend auf sie zur&#252;ck.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a><br />
Dass Crenshaw ihre &#220;berlegungen auf den rechtlichen Bereich zuschneidet, erkl&#228;rt sich unter anderem daraus, dass dem Kampf um rechtliche Gleichstellung in anti-rassistischen Bestrebungen stets eine wichtige Rolle zukam. Dar&#252;ber hinaus wird in der US-amerikanischen Rechtsfindung <em>case law</em> angewandt, was bedeutet, dass zumeist nicht auf kodifiziertes Recht sondern auf Pr&#228;zedenzf&#228;lle zur&#252;ckgegriffen wird. Zu Gunsten der Interessen Schwarzer Frauen entschiedene F&#228;lle k&#246;nnen also Antidiskriminierungsstrategien beeinflussen. Problematisch wird es jedoch, wenn sich K&#228;mpfe auf diesen Bereich beschr&#228;nken. So verweist etwa Angela Davis auf die widerspr&#252;chlichen Konsequenzen, welche die – obschon nicht zu gering zu sch&#228;tzenden – Errungenschaften des <em>Civil Rights Movement</em> und der <em>Black Feminists</em> im Bereich des US-amerikanischen Rechtssprechung nach sich zogen: „Haben wir so hart gearbeitet, um den Einzug eines Schwarzen Konservativen in den Obersten Gerichtshof<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> zu erm&#246;glichen, der gegen <em>affirmative action</em> und die Rechte von Frauen eintritt? … Ich denke, das dringendste Thema heutzutage ist, … dar&#252;ber nachzudenken, inwieweit sich anti-rassistische und feministische Bewegungen noch darauf beschr&#228;nken k&#246;nnen, blo&#223; auf die Abschaffung von rassistischer [und sexistischer] Gesetzgebung hinzuarbeiten. Eine andere Auffassung von ‚Politik‘ und politischen Strategien w&#228;re n&#246;tig.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Denn der juristische Begriff der <em>Diskriminierung</em> verweist lediglich auf – scheinbar – individuelle Eigenschaften, und so kann im besten Fall <em>Gleichberechtigung</em> erreicht werden. Strukturelle, gesamtgesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse hingegen lassen sich weder in einer auf Diskriminierung zugeschnittenen Terminologie fassen, noch durch verbesserte Antidiskriminierungsgesetze aus der Welt schaffen. Analog dazu laufen auch politische Strategien und K&#228;mpfe, die auf blo&#223;e <em>Chancengleichheit</em> abzielen, Gefahr, „die Rede von ‚Unterdr&#252;ckung‘ zunehmend [zu &#252;berlagern] oder gar … durch die pluralisierende Rede von ‚Differenzen‘ [zu ersetzen].“<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a>. Somit haben sie keine M&#246;glichkeit mehr, soziale Machtstrukturen grunds&#228;tzlich in Frage zu stellen, geschweige denn, ihnen entgegenzutreten. Als eindr&#252;ckliches Beispiel hierf&#252;r mag der Begriff des ‚Diversity Management‘ genannt werden, der zum einschl&#228;gigen Vokabular neoliberaler Managementkonzepte avancierte und die ‚Heterogenit&#228;t‘ der MitarbeiterInnen als ‚Humanressource‘ der Verwertungslogik unterwirft.<br />
Eine der zentralsten Einsichten des <em>Black Feminism</em> bleibt jedoch, dass <em>Befreiung</em> nicht im Zuge von <em>Gleichberechtigung</em> mit Wei&#223;en M&#228;nnern zu erreichen ist, womit der Fokus auf individuelle Rechte gelegt w&#252;rde, sondern inh&#228;rent mit der Erreichung sozialer Gerechtigkeit und der &#220;berwindung gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen verbunden ist.<br />
Die Intersektionalit&#228;tsdebatte hat sich mittlerweile weiter bewegt und ist &#252;ber ihre urspr&#252;ngliche Formulierung durch Crenshaw weit hinausgegangen. Eine R&#252;ckbindung der Frage nach der &#220;berschneidung von Herrschaftsverh&#228;ltnissen an die Konzepte, &#220;berlegungen und auch Forderungen des <em>Black Feminism</em> ist jedoch f&#252;r eine Re-Politisierung des Konzeptes ‚Intersektionalit&#228;t‘ unerl&#228;sslich. Das w&#252;rde es auch m&#246;glich machen, die akademische Debatte um Herrschaft wieder in einen engeren Zusammenhang zu gegenw&#228;rtigen anti-rassistischen, insbesondere migrantischen K&#228;mpfen zu stellen. Dies setzt jedoch voraus, dass die Lebensverh&#228;ltnisse und Erfahrungen beherrschter Gesellschaftsgruppen nicht lediglich das Objekt sozialwissenschaftlicher Analysen abgeben, sondern dass sich – wie es im <em>Black Feminism</em> der Fall war – theoretische Arbeit an den durch die allt&#228;glichen und politischen K&#228;mpfe dieser Gruppen vorgegebenen Fragen orientiert, um diese so als historisch handlungsf&#228;hige Subjekte sichtbar zu machen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Langston, Donna (1988): Tired of Playing Monopoly? In: Andersen, Margaret/Collins, Patricia Hill (Hg.): Race, Class and Gender. An Anthology. 2. Ausgabe. Belmont et al: Wadsworth 2006, S. 118-127 , hier S.119<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> zitiert nach St&#246;tzer, Sabine (2004): InDifferenzen. Feministische Theorien in der antirassistischen Kritik. Hamburg: Argument, S.18<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Auch M&#228;nner wie W.E.B. Du Bois und Frederick Douglass setzten sich aktiv f&#252;r die Rechte schwarzer Frauen ein, vgl. Davis, Angela Y. (1983): Women, Race &amp; Class. New York: Vintage, S.87ff. Dass wir in diesem Artikel ‚Schwarze Feministinnen’ dennoch mit kleinem ‚i’ schreiben, erkl&#228;rt sich daraus, dass wir uns ausschlie&#223;lich auf Autorinnen beziehen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die Begriffe ‚Schwarz’ und ‚Wei&#223;’ werden in diesem Artikel in einem politischen Sinn gebraucht, also stets mit Formen rassistischer Unterdr&#252;ckung und Diskriminierung in Zusammenhang gebracht. Sie beziehen sich nur insofern auf ph&#228;notypische Merkmale, als die Konstruktion von gesellschaftlichen Gruppen im Rahmen rassistischer Herrschaftsverh&#228;ltnisse auf diesen aufbaut. Die Begriffe werden im Folgenden von uns gro&#223; geschrieben, um ihre politische Bedeutung zu betonen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Wir behalten den englischen Terminus ‚Race’ bei, da dieser aufgrund historischer Entwicklung im englischen eine andere Bedeutung hat, als das im Deutschen nur in spezifischen Kontexten angemessene Wort ‚Rasse’. Es ist uns dabei wichtig, hervorzuheben, dass Race nichts gegebenes, sondern ein Produkt von Rassismen ist. Ebenso ziehen wir den englischen Begriff ‚Women/People of Colour’ der &#220;bersetzung ‚Farbige’ vor.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Springer, Kimberly (2005): Living For The Revolution. Black Feminist Organizations 1968-1980. Durham et al: Duke University Press, S.19.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> zitiert nach Davis, Angela Y.(1983): Women Race &amp; Class a.a.o. S.61<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Davis, Angela Y.(1983): Women Race &amp; Class a.a.o. S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Marronage ist die organisierte kollektive Flucht schwarzer SklavInnen von den Plantagen.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Davis, Angela Y.(1983): Women Race &amp; Class a.a.o. S.39<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Davis, Angela Y.(1983): Women Race &amp; Class a.a.o. S.46<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> In der US-amerikanischen Volksz&#228;hlung von 1890 wurde erhoben, dass 69,5 % der Schwarzen Bev&#246;lkerung im Alter von &#252;ber 10 Jahren im Bereich agrarischer Produktion oder als Haushaltskr&#228;fte besch&#228;ftigt waren, also T&#228;tigkeiten verrichteten, die mit den – damals – inhumansten Arbeitsbedingungen und dem geringsten gesellschaftlichen Ansehen einhergingen. vgl. Women Race &amp; Class a.a.o. S. 87f<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Collins, Patricia Hill (2000): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness And The Politics of Empowerment. 2. &#252;berarb. Auflage. New York: Routledge, S.59.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Davis, Angela Y.(1983): Women Race &amp; Class a.a.o. S.95<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> “Kick ass and take names!” war ein von Florynce Kennedy, einem der Gr&#252;ndungsmitglieder der National Black Feminist Organisations (NBFO) ausgegebenes Motto, das viele Schwarze wie Wei&#223;e Feministinnen inspirierte, vgl. Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o S.33f<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o S.2ff<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> So spricht etwa bell hooks davon, dass der wei&#223;e Feminismus lediglich auf die Probleme von „leisure-class white housewives“ zugeschnitten sei, vgl. hooks, bell: (2000): Black Women: Shaping Feminist Theory. In: James, Joy/Sharpley-Whiting, Tracey Denean: The Black Feminist Reader. Malden: Blackwell. S.131-145, hier S.132. Eine wichtige Relativierung dieser Vorbehalte stellt jedoch eine oft zitierte Studie aus den 1970ern im Auftrag eines gro&#223;en Tabakkonzerns dar, die ergab, dass sich &#252;berdurchschnittlich mehr Schwarze Frauen im Vergleich zu Wei&#223;en mit den grunds&#228;tzlichen Zielen der feministischen Bewegung solidarisch erkl&#228;rten.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o S.26<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> zitiert nach Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o S. 31.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Beal, Frances M. (1969): Double Jeopardy: To Be Black And Female. In: Morgan, Robin (Hg.): Sisterhood is Powerful. An Anthology of Writings from The Women’s Liberation Movement. New York: Vintage Books 1970. S. 382-396, hier S.384. Siehe auch: <a href="http://www.hartford-hwp.com/archives/45a/196.html">http://www.hartford-hwp.com/archives/45a/196.html</a><br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> vgl. hooks, bell (2000): Black Women: Shaping Feminist Theory. a.a.o. S.133,<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> zitiert nach: Alice Ludvig (2001): Kritik des Black Feminism an feministischer Theoriebildung. In: SWS-Rundschau 1, S.38-52, hier S. 40.<br />
bell hooks argumentiert &#228;hnlich, wenn sie &#252;ber Betty Friedan, eine amerikanische Feministin, die in ihrem 1963 erschienenen Bestseller The Feminine Mystique die Beschr&#228;nkung von Frauen auf ein unerf&#252;llendes Hausfrauendasein anprangert, schreibt: “Sie hat nicht die Frage behandelt, wer sich um die Kinder und den Haushalt k&#252;mmern w&#252;rde, wenn mehr Frauen wie sie selbst von ihrer Hausarbeit befreit w&#252;rden und gleichen Zugang zu den Berufen wei&#223;er M&#228;nner bekommen w&#252;rden. (…) Sie hat den LeserInnen nicht erkl&#228;rt, ob es erf&#252;llender ist, statt einer Hausfrau ein Dienstm&#228;dchen, eine Babysitterin, eine Fabriksarbeiterin, eine B&#252;roangestellte oder eine Prostituierte zu sein.” hooks: Black Women Shaping Feminist Theory a.a.o. S.132<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> The Combahee River Collective (1977): “A Black Feminist Statement.” In:  Hull, Gloria T./Scott, Patricia Bell/ Smith, Barabara (Hg.): All The Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are brave. Old Westbury/New York: The Feminist Press 1982. S.13-22, hier S.17. Siehe auch: <a href="http://circuitous.org/scraps/combahee.html">http://circuitous.org/scraps/combahee.html</a><br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Collins gelten informelle, private Beziehungen zwischen Schwarzen Frauen, insbesondere die Mutter-Tochter Beziehung, aber auch Schwarze Kirchen und andere community organisations als solche gesch&#252;tzten R&#228;ume, vgl. Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.100ff<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.260<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> bell hooks besteht darauf, dass ihr Namen klein geschrieben wird, da sie ihr Werk in den Vordergrund stellen will, nicht ihre Autorschaft.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Higginbotham, Elisabeth (1982): “Two Representative Issues in Contemporary Sociological Work on Black Women.” In:  Hull, Gloria T./Scott, Patricia Bell/ Smith, Barabara (Hg.): All The Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are brave. Old Westbury/New York: The Feminist Press. S.93-97, hier S.95<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Beal: Double Jeopardy a.a.o. S.386ff<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.7<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Smith, Valerie (1998): Not Just Race, Not Just Gender. Black Feminist Readings. London/ New York: Routledge. S.69ff<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Clarke, Cheryl (1983): “The Failure to Transform: Homophobia in The Black Community.” In: Smith, Barbara: Home Girls. A Black Feminist Anthology. 2. Auflage. New Brunswick/New Jersey: Rutgers University Press 2000. S.190-201, hier S.192<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> hooks, bell: Black Women Shaping Feminist Theory a.a.o. S.144<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Als Beispiel daf&#252;r, wie solche Bilder auch in den akademischen Diskurs Eingang gefunden haben, lie&#223;e sich etwa die vom United States Department of Labor in Auftrag gegebene, 1965 ver&#246;ffentlichte Studie des U.S. amerikanischen Soziologen Moynihan The Negro Family: A case for national action  anf&#252;hren. Moynihan behauptete, dass der Grund f&#252;r die „Pathologie“ der Schwarzen Bev&#246;lkerung in deren Familienverh&#228;ltnissen zu suchen sei, genauer darin, dass diese martriarchal strukturiert seien. vgl.: The Moynihan Report (1965), <a href="http://www.blackpast.org/?q=primary/moynihan-report-1965#chapter4">http://www.blackpast.org/?q=primary/moynihan-report-1965#chapter4</a><br />
Auch Aktivisten des Civil Rights Movement schienen gegen&#252;ber dem Stereotyp der Schwarzen Matriarchin nicht immun gewesen zu sein. So verlautbarte etwa Andrew Young, seines Zeichens Pr&#228;sident der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) und damit einer der wichtigsten Organisationen im Civil Rights Movment sowie enger Vertrauter von Martin Luther King, dass M&#228;nner „eine harte Aufgabe mit der Beherrschung Schwarzer Frauen in der SCLC hatten … Das ist ein Allgemeinplatz, aber ein Unterdr&#252;ckungssystem tendiert dazu, schwache M&#228;nner und starke Frauen zu produzieren.“ zitiert nach Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o. S. 23<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.69ff<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> So stellt Combahee River Collective fest, dass Black Feminism keine seperatistische Bewegung sein kann: „Unsere gesellschaftliche Positionierung als Schwarze Frauen macht es notwendig, dass wir auch mit Schwarzen M&#228;nnern solidarisch sind, w&#228;hrend Wei&#223;e Frauen mit Wei&#223;en M&#228;nnern nicht solidarisch sein m&#252;ssen, au&#223;er sie sind es als rassistische Unterdr&#252;ckerInnen. Wir dagegen k&#228;mpfen gemeinsam mit Schwarzen M&#228;nnern gegen Rassismus, gleichzeitig jedoch k&#228;mpfen wir auch gegen sie &#252;ber Sexismus.” The Combahee River Collective: A Black Feminist Statement a.a.o. S.16<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> The Combahee River Collective: A Black Feminist Statement a.a.o. S.16<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Collins, Patricia Hill (1990): “Defining Black Feminist Thought.” In: Dies.: Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness And The Politics of Empowerment. 1.Auflage. New York: Routledge. S.19-40, hier S.20ff. Siehe auch: <a href="http://www.feministezine.com/feminist/modern/Defining-Black-Feminist-Thought.html">http://www.feministezine.com/feminist/modern/Defining-Black-Feminist-Thought.html</a><br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.23<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> The Combahee River Collective: A Black Feminist Statement a.a.o. S.13f<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Spivak, Gayatri Chakravorty (1985): “Subaltern Studies. Deconstructing Historiography.” In: Landry, Donna/MacLean, Gerald (Hg.): The Spivak Reader. New York: Routledge 1996. S.204-235, hier S.214f.<br />
Spivak erarbeitet diese Problematik unter Bezug auf die Arbeiten der Subaltern Studies, einer Gruppe von HistorikerInnen, welche die Geschichte Indiens unter der Kolonialherrschaft revidierten und als ‚Geschichte von unten’ zu rekonstruieren suchten. Deren Versuch, die Bewusstseinsformen der Subalternen zu dokumentieren, liest sie als „strategischen Gebrauch eines positivistischen Essentialismus in einem offensichtlichen politischen Interesse“ (ebd. S.214) und stellt diese Strategie in Analogie zu Marx Reflexionen &#252;ber die politische Funktion des Klassenbewusstseins. Sp&#228;ter distanziert sie sich vom Begriff des ‚strategischen Essentialismus’, da dieser meist als Rechtfertigung f&#252;r Identit&#228;tsdenken und essentialistische Positionen herangezogen werde, wobei das strategische Element verloren ginge. vgl. Milevska, Suzana (2003): “Resistance That Cannot be Recognised as Such. Interview with Gayatri Chakravorty Spivak.” In: Identities. Journal for Politics, Gender and Culture Vol. II No. 2. Winter 2003. S.27-45, insbesondere S.30f<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.33<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Antonio Gramsci bestimmt die Kategorie der Intellektuellen nicht in erster Linie &#252;ber die Verrichtung von Kopfarbeit, sondern &#252;ber ihre Funktion als Organisatoren gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse. Er stellt fest, dass Intellektuelle eine politisch-moralische F&#252;hrungsfunktion &#252;bernehmen, insofern sie an der Ausarbeitung des Selbst- und Weltverst&#228;ndnis bestimmter Gesellschaftsgruppen beteiligt sind. vgl. Gramsci, Antonio (1932ff): Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Bd. 7. Hg. von Bochmann, Klaus/Haug, Wolfgang Fritz/Jehle, Peter. Hamburg/Berlin: Argument-Verlag 1999. S.1497-1505/S.1559-1562.<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Collins: Black Feminist Thought a.a.o. S.33ff<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Springer, Kimberly: Living For The Revolution a.a.o S.27 und Davis, Angela (2006): Reflections on Race, Class, and Gender in the USA. In: Joy James (Hg.): The Angela Y. Davis Reader. Oxford (u.a.): Blackwell, S. 309<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Davis: Reflections on Race, Class, and Gender a.a.o. S.310<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. Collins, Patricia Hiss (1990): Black Feminist Thought in the Matrix of Domination In: Dies. (1990): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. Boston: Unwin Hyman, S. 221-238. &#252;ber: <a href="http://www.hartford-hwp.com/archives/45a/252.html">http://www.hartford-hwp.com/archives/45a/252.html</a><br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> vgl. Crenshaw, Kimberlé: Demarginalizing The Intersection of Race And Sex. A Black Feminist Critque of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: James, Joy/Sharpley-Whiting, Tracey Denean: The Black Feminist Reader a.a.o (S.208-238)<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Hiermit spricht Davis die 1991 erfolgte Berufung des rechts-konservativen Clarance Thomas an den Obersten Gerichtshof der USA an. Diese war Gegenstand heftiger Debatten, vor allem in feministischen Kontexten, da der Berufung schwere Vorw&#252;rfe der sexuellen Bel&#228;stigung seitens seiner ehemaligen Mitarbeiterin Anita Hill voraus gingen.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Davis: Reflections on Race, Class, and Gender a.a.o. S.307f<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Knapp, Gudrun-Axeli (1995): „Intersectionality“ – ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von „Race, Class, Gender“. In: Feministische Studien, Jg. 23, H. 1, S.69</p>
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		<title>Sowjetmacht vs. Parteidiktatur</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.<br />
<span id="more-151"></span></p>
<p>Die Oktoberrevolution 1917 war ein popularer Massenaufstand, der nicht nur die &#246;konomischen und politischen Verh&#228;ltnisse grundlegend transformierte, sondern ebenso „ethnische Identit&#228;ten, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Moralvorstellungen, intellektuelle Kultur und letztlich das Weltsystem“ umzugestalten versuchte.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der am zweiten Sowjetkongress im Oktober gebildete <em>Rat der Volkskommissare</em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> erlie&#223; bis J&#228;nner 1918 nicht weniger als 116 Dekrete: neben den wichtigsten &#252;ber Grund und Boden, einen sofortigen und bedingungslosen Frieden und &#252;ber die ArbeiterInnenkontrolle der Fabriken gab es Erl&#228;sse zur Abschaffung der Todesstrafe, zum Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten, zum Scheidungsrecht oder zur Entkriminalisierung der Homosexualit&#228;t. Ende der 1920er Jahre war von diesen gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen nicht mehr viel zu merken. In entscheidenden Fragen repr&#228;sentierte der Stalinismus der 1930er das genaue Gegenteil der Ambitionen von 1917. Im Laufe der 1920er hatte sich eine Schicht der Staats- und Parteib&#252;rokratie vom zentralen Ziel der Revolution entfernt: die Gesellschaft von unten neu aufzubauen. Die Macht dieser Schicht war in den 1920ern bei weitem noch nicht absolut. Sie wurde vom Widerstand der ArbeiterInnen genauso wie von innerparteilicher Opposition herausgefordert. Je mehr sich der Spalt zwischen Staat/Partei und Klasse entwickelte, desto st&#228;rker traten aber auch die materiellen Interessen dieser Schicht gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft hervor. Ende der 1920er schlie&#223;lich konnte sich ein neues Regime auf Basis erzwungener Akkumulation durchsetzen. Aus einer abgehobenen Schicht war eine neue, selbstbewusste herrschende Klasse geworden.<br />
Wie konnte es dazu kommen, dass die wohl rebellischste ArbeiterInnenschaft jener Zeit sich etwas mehr als zehn Jahre nach der Revolution in einer solchen Lage befand? In der vom Kalten Krieg gepr&#228;gten Geschichtsschreibung wurde diese Frage entweder mit der starken Repression seitens des Staates oder mit einer vermeintlich breiten Zustimmung der Bev&#246;lkerung zum Stalinismus beantwortet.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Beide Ans&#228;tze, so diametral entgegengesetzt sie auch sein m&#246;gen, bef&#246;rdern die Vorstellung, dass der Stalinismus das „nat&#252;rliche“ und unvermeidbare Resultat von 1917 gewesen w&#228;re, ebenso wie die Bev&#246;lkerung in beiden Versionen als eine passive und leicht manipulierbare „Masse“ dargestellt wird. Tats&#228;chlich stellte sich der Degenerationsprozess, wie vor allem neuere Forschungen zeigen konnten, weit komplexer dar.</p>
<h3>B&#252;rgerkrieg</h3>
<p>Gemeinhin werden die Urspr&#252;nge des Stalinismus bereits in den ersten Jahren unmittelbar nach der Revolution, der Zeit des B&#252;rgerkriegs zwischen 1917 und 1920, ausgemacht. Unumstritten ist, dass das stalinistische Regime der 1930er Jahre auf Ma&#223;nahmen aufbauen konnte, die w&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs eingef&#252;hrt worden waren. Dennoch gilt es, auch f&#252;r die Zeit des sogenannten „Kriegskommunismus“, die strukturierenden Handlungskontexte in den Blick zu nehmen, die in nicht geringem Ausma&#223; den m&#246;glichen Politiken enge Grenzen zogen. Somit sind f&#252;r diese erste Phase der Degeneration und B&#252;rokratisierung der Revolution weniger ideologische Impulse des Bolschewismus als die Zw&#228;nge einer (international isolierten) Kriegswirtschaft in Anschlag zu bringen.<br />
Russland war zwischen 1914 und 1920 ein Land im Krieg. Der erste Weltkrieg, der f&#252;r Russland mit den Separatfrieden von Brest-Litowsk im M&#228;rz 1918 endete, glitt bruchlos in die Auseinandersetzungen des B&#252;rgerkriegs &#252;ber, dessen Beginn bereits mit dem Putschversuch Lavr Kornilovs im August 1917 angesetzt werden muss.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Nach einem gescheiterten Aufstand der Kadetten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> wenige Tage nach der Macht&#252;bernahme der Sowjets in Petrograd, und dem Putschversuch des sp&#228;teren Nazi-Kollaborateurs Petr Krasnov, sammelten sich um die Gener&#228;le Denikin, Kaledin, Kornilov und Alekseev die Kr&#228;fte der Reaktion. Was in der antikommunistischen Historiographie des Kalten Kriegs meist unterbelichtet blieb ist jedoch die Tatsache, dass trotz der anf&#228;nglichen Unorganisiertheit der „Roten Armee“ der B&#252;rgerkrieg schon im Fr&#252;hjahr 1918 im Wesentlichen entschieden schien. Optimistisch verk&#252;ndete Lenin im April 1918: „Man kann zuversichtlich sagen, da&#223; der B&#252;rgerkrieg in der Hauptsache beendet ist. … es kann nicht daran gezweifelt werden, da&#223; die Reaktion an der inneren Front … unwiderruflich vernichtet worden ist.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Die entscheidende Trendwende brachte erst die milit&#228;rische, finanzielle und logistische Unterst&#252;tzung der „Wei&#223;en Armee“ durch 14 alliierte Staaten: „h&#228;tte es keine Intervention gegeben, h&#228;tte die alliierte Hilfe f&#252;r die Wei&#223;en nach Ende des Weltkriegs gestoppt, w&#228;re der russische B&#252;rgerkrieg weitaus schneller mit einem eindeutigen Sieg der Sowjets beendet worden.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> In den Jahren zwischen 1918 und 1920 wurde Russland zum „ersten Versuchsfeld mittlerweile g&#228;ngiger konterrevolution&#228;rer Taktiken des Westens, die vielfach auf direkter milit&#228;rischer Intervention basieren, in jedem Fall aber auf finanzieller Unterst&#252;tzung der Contras und &#246;konomischer Kriegsf&#252;hrung ‚niedriger Intensit&#228;t‘.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Versch&#228;rft wurde die Situation durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und zentraler politischer Koordinations- und Autorit&#228;tsstrukturen sowie dem alliierten Wirtschaftsembargo. Die industrielle Produktion ging bis 1920 auf 31 Prozent des Vorkriegsniveaus zur&#252;ck, der Gesamtoutput auf 38 Prozent.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Mit der deutschen Annexion der Ukraine wurde zus&#228;tzlich eine Region abgeschnitten, die als ehemalige Kornkammer des Landes 35 Prozent des Getreides produziert hatte. Insgesamt gingen mit den besetzten Gebieten 80 Prozent der Eisenproduktion, 90 Prozent der Kohleproduktion und ungef&#228;hr die H&#228;lfte aller russischen Industrieanlagen verloren. Zugleich bedeuteten die Zerst&#246;rungen im Schienensystem und Engp&#228;sse bei der Treibstoffversorgung, dass ein Gutteil des Getreides verschwand oder verrottete, bevor es in die urbanen Zentren gelangte, und die Aufl&#246;sung der Gro&#223;grundherrschaften bef&#246;rderte in den ruralen Gebieten die Beschr&#228;nkung auf Subsistenzwirtschaft gegen&#252;ber der Produktion zum Verkauf.<br />
Besonders in den St&#228;dten wurden die katastrophalen Auswirkungen des &#246;konomischen Zusammenbruchs sp&#252;rbar. In Moskau und Petrograd etwa deckten die Nahrungsmittelrationen im Fr&#252;hjahr 1918 gerade einmal zehn Prozent des N&#246;tigen. Das Fehlen von Treibstoff und Rohstoffen erzwang Fabriksschlie&#223;ungen, sodass die Arbeitslosigkeit in den St&#228;dten in die H&#246;he schoss – auf bis zu 80 Prozent in Petrograd.<br />
Die Bolschewiki konnten sich den politischen Konsequenzen dieser Situation nicht entziehen. Die in den ersten Dekreten der Sowjetregierung formulierten Anspr&#252;che standen in unaufhebbarer Spannung zu den &#246;konomischen und sozialen Realit&#228;ten. Gegen utopistische Unterstellungen, die Bolschewiki h&#228;tten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit als „Sprung in den Kommunismus“ legitimiert, waren die wichtigsten Protagonisten der neuen Sowjetregierung sehr wohl von deren tempor&#228;rem Charakter &#252;berzeugt.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Letztlich orientierte die Strategie auf die berechtigte Hoffnung der Internationalisierung der Revolution in industriell entwickelten L&#228;ndern Europas, insbesondere Deutschlands.<br />
Bis dahin diktierte der B&#252;rgerkrieg die unausweichliche Alternative: Kapitulation oder Verteidigung. Das bedeutete auch, dass eine Armee von Grund auf neu aufgebaut werden musste, mit allen Problemen, die einer solchen Organisation notwendig anhaften. Niemand sollte sich idealisierenden Illusionen der Roten Armee hingeben. Als sich das anf&#228;ngliche R&#228;teprinzip in der Armee als unzureichend f&#252;r gr&#246;&#223;ere und schnell koordinierte Aktionen erwies, wurden milit&#228;rische Disziplin und Autorit&#228;t wieder durchgesetzt; nachdem sich bis Ende Mai 1918 nur 360.000 Menschen freiwillig f&#252;r die Rote Armee gemeldet hatten, setzte Trotzki die Wehrpflicht wieder ein.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Zugleich wurde jedoch „eine konstante politische Kampagne aufrechterhalten, um Greueltaten zu vermeiden und das moralische und politische Bewusstsein zu heben. Es gelang nicht immer, aber das Ziel war, die Rote Armee zu einer Armee der Befreiung, nicht der Eroberung, zu machen, und Disziplinarstrafen sollten Soldaten von Vergewaltigung, Mord und Pl&#252;nderung abhalten.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Der Krieg und die &#246;konomische wie soziale Katastrophe ver&#228;nderten auch politische Priorit&#228;ten und die Form der Regierung. Oberste Priorit&#228;t erhielt die Lebensmittelversorgung der Armee sowie der st&#228;dtischen ArbeiterInnen. „In den ersten Monaten hoffte die Regierung verzweifelt, dass durch Ankurbelung der Produktion von G&#252;tern wie Textilien, Salz, Zucker oder Kerosin die Bauern zum Verkauf des Getreides bewegt werden k&#246;nnten. Aber der andauernde Engpass an Konsumg&#252;tern und die Inflationsspirale machten diese Politik zunichte.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Im Mai 1918 sah die Regierung daher keine Alternative als den R&#252;ckgriff auf eine „Versorgungsdiktatur“, die alle Getreide&#252;bersch&#252;sse &#252;ber einer fixierten Konsumnorm – wenn notwendig mit Gewalt – konfiszierte. Das war nun kein Spezifikum <em>bolschewistischer</em> Politik. Vielmehr war nicht nur die Kriegswirtschaft des Zarismus und der Provisorischen Regierung 1917 genauso verfahren, sondern auch die kriegswirtschaftliche Struktur Deutschlands beruhte auf einem staatlichen Getreidemonopol, so wie auch die Wei&#223;e Armee Getreide requirierte.<br />
Schon im Herbst 1918 wurde diese Politik jedoch zugunsten des Systems der razverstka wieder zur&#252;ckgenommen, das &#228;hnlich einer direkten Besteuerung der B&#228;uerInnen funktionieren sollte. F&#252;r jede Region und jedes Dorf wurden Getreidequota auf Basis gesch&#228;tzter Ernte&#252;bersch&#252;sse festgelegt. Im Gegenzug sollten die B&#228;uerInnen Anspruch auf eine bestimmte Menge G&#252;ter haben, und zwar unabh&#228;ngig von den abgelieferten Getreidemengen; der Warentausch sollte dabei als Sanktionsmechanismus f&#252;r nicht erf&#252;llte Quota fungieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Freilich blieb auch hier das grundlegende Dilemma bestehen: „Ohne Wiederbelebung der Industrie war auch die Landwirtschaft verloren – und ohne dr&#252;ckende und unkompensierte Getreideabgaben konnte sich die Industrie nicht erholen. … Sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki hatten mit dem Erbe des [&#246;konomischen] Zusammenbruchs zu k&#228;mpfen, der zuerst zu fehlenden Anreizen zur Vermarktung des Getreides und sp&#228;ter zum Schrumpfen b&#228;uerlicher Produktionskapazit&#228;ten f&#252;hrte.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Letztlich, urteilt der Historiker Steve Smith, hatten die Bolschewiki in dieser Situation „keine andere Wahl als ‚von den Hungrigen zu nehmen und den noch Hungrigeren zu geben‘, da die Armen in den St&#228;dten und den Getreidedefizit-Regionen es sich ganz einfach nicht leisten konnten, bei Markt-Preisen Lebensmittel zu kaufen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Der Wiederaufbau der Industrie musste schon allein aus diesem Grund weit oben auf der Priorit&#228;tenliste der Regierung rangieren, und es ist diese Dimension der bolschewistischen Politik der B&#252;rgerkriegszeit, die am nachhaltigsten die Transformation des Regimes pr&#228;gen sollte.<br />
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution war ein Gutteil der Betriebe von ArbeiterInnen selbst in „wilden“ Kollektivierungen angeeignet worden, bevor im Juni 1918 die gesamt Industrie nationalisiert wurde. Im Kontext staatlicher Desintegration und politischer Fragmentierung drohte die Wirtschaft nun allerdings in ein unkoordiniertes System autonomer Fabriken zu zersplittern. Verst&#228;rkt durch den Druck des B&#252;rgerkriegs wurden deshalb Formen der Zentralisierung der Industrie erforderlich. Ansonsten w&#228;re weder eine koordinierte Antwort auf die Bed&#252;rfnisse der Armee m&#246;glich, noch an die „Geschwindigkeit des Kriegs“ angepasste, schnelle Entscheidungen sicherzustellen gewesen. Die ersten postrevolution&#228;ren Monate k&#246;nnen daher als Versuch der „Disziplinierung“ der „spontanen“ und „planlosen“ Zerschlagung der alten Ordnung interpretiert werden. In diesem Kontext ist die Etablierung des <em>Obersten Volkswirtschaftsrats</em> im Dezember 1917 zur zentralen Wirtschaftsplanung und die am ersten Gewerkschaftskongress im J&#228;nner 1918 beschlossene Eingliederung der Fabrikskomitees als lokale Organe der Gewerkschaften (Produktionsverb&#228;nde) zu verstehen. Auch hier waren die Ma&#223;nahmen weniger ideologisch motiviert als durch „praktische Notwendigkeiten“ vorgezeichnet.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Freilich existierte zwischen Zentralismus und ArbeiterInnendemokratie eine offensichtliche Spannung. Schon im Fr&#252;hjahr 1918 kritisierte deshalb der linke Bolschewik Ossinski, dass „die Verstaatlichung an sich, d.h. der &#220;bergang eines Betriebs in Staatseigentum, noch keinen Sozialismus“ bedeute. Das Wichtigste sei, „in der inneren Organisation der Produktion … die Kommandogewalt des Proletariats … aufrechtzuerhalten“: „Die Organisierung der Arbeit mu&#223; der Entwicklung der Klassenselbst&#228;ndigkeit und der Aktivit&#228;t Raum gew&#228;hren.“ Ansonsten drohe „die Entstehung des Staatskapitalismus in Ru&#223;land“.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Im Licht der sp&#228;teren Entwicklungen daraus <em>ex post</em> eine Theorie der zwangsl&#228;ufigen autorit&#228;ren Verkrustung der Revolution zu basteln ist dennoch unzul&#228;ssig. In jedem Fall gestalteten sich die betrieblichen Realit&#228;ten weit chaotischer und komplexer, als es jene Lesarten nahelegen, die nur auf die politischen Entscheidungen der Sowjetregierung fokussieren. Das etatistische, produktivit&#228;tsorientierte Modell der Produktionsorganisation deckte sich kaum mit der tats&#228;chlichen Situation in den Fabriken.<br />
W&#228;hrend etwa <em>de iure</em> die kollegiale Leitung der Betriebe durch die Ein-Mann-Leitung eingesetzter Manager (die sich entweder aus der Belegschaft selbst oder aus „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ rekrutierten) abgel&#246;st wurde<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>, &#252;berschnitten sich <em>de facto</em> die Aufgabenbereiche von Management, lokaler Parteiorganisation und Fabrikskomitee weitgehend und bis Mitte der 1920er Jahre fungierten letztere als haupts&#228;chliche betriebliche Verwaltungsorgane.<br />
Wie die Historikerin Diane Koenker betont widersprachen die „chaotischen lokalen Realit&#228;ten … dem Ideal einer rationalen zentralisierten Ordnung“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Vielmehr bef&#246;rderte gerade die Krise der B&#252;rgerkriegszeit (autonome) betriebszentrierte Loyalit&#228;ten und Solidarit&#228;ten, die im Kampf um knappe Ressourcen Abteilung gegen Abteilung, Fabrik gegen Fabrik, Stadt gegen Stadt stellte. Je mehr die Ausnahmesituation des Kriegs die Kollektivit&#228;t der Revolutionszeit unterh&#246;hlte und einer „Politik des pers&#246;nlichen &#220;berlebens“ (Murphy) wich, desto st&#228;rker wurde die Fabrik zum prim&#228;ren Ort der Identifikation und der Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Koenker hat daher f&#252;r die B&#252;rgerkriegszeit von „entgegengesetzten Tendenzen zentraler Autorit&#228;t und autonomer lokaler Kontrolle“ gesprochen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
&#220;berhaupt waren die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse im Fluss. Auf die Betriebe selbst bezogen drehten sich die Debatten um Fragen privaten und/oder gesellschaftlichen Eigentums; um Fragen lokal unabh&#228;ngiger Verwaltungsautonomie oder zentraler wirtschaftlicher Direktion; um das Ausma&#223; der Involvierung der Belegschaften in Management- und Entscheidungsstrukturen. In der wirtschaftspolitischen Debatte diskutierten Regierung und Gewerkschaften, ob monet&#228;re Anreize zur Produktivit&#228;tssteigerung moralische Appelle erg&#228;nzen sollten. Ebenso umstritten war, wie betriebliche Konflikte gel&#246;st werden sollten. Streiks wurden vielfach als unangemessen betrachtet und zentrale staatliche und gewerkschaftliche Apparate bevorzugten Formen der Vermittlung und Streitschlichtung durch (innerbetriebliche) Kommissionen.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Ebenso war die Rolle der Gewerkschaften zu definieren, sowohl im Verh&#228;ltnis zum Staat als auch in ihrem Verh&#228;ltnis zu den ArbeiterInnen in den Betrieben. Die L&#246;sungsans&#228;tze waren auch innerhalb der bolschewistischen Partei umk&#228;mpft. In der „Gewerkschaftsdebatte“ 1920/21 kristallisierten sich drei Positionen heraus: w&#228;hrend Trotzki die Eingliederung der Gewerkschaften in den staatlichen Wirtschaftsapparat favorisierte und deren Aufgabe in erster Linie in der Hebung der Produktivit&#228;t sah, verteidigte die „Arbeiteropposition“ um Shliapnikov und Kollontai vehement die Autonomie der Gewerkschaften und forcierte deren Rolle als &#252;bergeordnete proletarische Leitungsorgane der &#214;konomie, da die Volkswirtschaftsr&#228;te bereits b&#252;rokratisiert seien und die Regierung die widerspr&#252;chlichen Interessen von ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ ausbalancieren m&#252;sse. Durchgesetzt hat sich letztlich die dritte Position Lenins, Zinovievs, Kamenevs, Stalins und prominenter Gewerkschaftsf&#252;hrungen. Die Gewerkschaften sollten als „Schule des Kommunismus“ fungieren, als (teilautonome) Klassenorganisationen des Proletariats „die Hauptarbeit zur Organisation der Produktion &#252;bernehmen“ und „im Laufe der sozialistischen Revolution zu Organen der sozialistischen Macht werden, die als solche anderen Organisationen [lies: dem <em>Obersten Volkswirtschaftsrat</em>] bei der Verwirklichung neuer Organisationsprinzipien des Wirtschaftslebens beigeordnet sind.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Was das praktisch bedeutete blieb jedoch ebenso unklar, wie die Formulierung offenlie&#223;, was passieren sollte, wenn die Interessen von Staat und ArbeiterInnen kollidierten.<br />
Letztlich wurden die verschiedenen Konfliktachsen der B&#252;rgerkriegszeit (zwischen Land und Stadt, B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen, Staat, Gewerkschaft und Betrieb etc.) dennoch von der grundlegenden Auseinandersetzung mit der Konterrevolution &#252;berspannt. Die Feindseligkeit der B&#228;uerInnen „wurde im Endeffekt durch das Wissen in Schach gehalten, dass, wenn die Kommunisten das Getreide nahmen, die Wei&#223;en drohten, nicht nur das Getreide sondern auch das Land zu nehmen.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Und auch unter den st&#228;dtischen ArbeiterInnen behielt die Sowjetregierung, bei aller Kritik, Massenunterst&#252;tzung. Kevin Murphy konnte in seiner Studie des gr&#246;&#223;ten Moskauer Metallbetriebs, der „Hammer und Sichel“-Werke, zeigen, dass die ArbeiterInnen trotz der schwierigen materiellen Bedingungen nicht die Revolution oder die kommunistische Partei f&#252;r ihre Probleme verantwortlich machten. In den Treffen des Fabrikskomitees und den betriebsweiten Versammlungen &#252;berwog die Diskussion praktischer Ma&#223;nahmen zur Lebensmittel- und Treibstoffversorgung und „Streiks“ waren meist nicht von politischen Forderungen begleitet. Der haupts&#228;chliche Grund, warum die Bolschewiki den B&#252;rgerkrieg gewinnen konnten war demnach nicht die Repression.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> So hei&#223;t es auch in einem Memorandum an das britische Kriegsministerium im Juli 1919: „Die Stabilit&#228;t der bolschewistischen Regierung kann nicht allein durch Terror erkl&#228;rt werden. … Wir m&#252;ssen also zugeben, dass die derzeitige russische Regierung von der &#252;berwiegenden Mehrheit der russischen Bev&#246;lkerung anerkannt wird.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die politischen Transformationen an der Spitze des Regimes w&#228;hrend der B&#252;rgerkriegszeit sollten sich dennoch als grundlegend f&#252;r die sp&#228;tere Entwicklung erweisen. Das Erbe des „Kriegskommunismus“ schrieb sich in den „ArbeiterInnenstaat“ ein: die militarisierte, zentralistische und maskulinistische politische Kultur der B&#252;rgerkriegszeit „zog neue Hierarchien in das egalit&#228;re sozialistische Projekt ein, die Bewaffnete gegen&#252;ber Unbewaffneten, Anf&#252;hrer gegen&#252;ber Mitl&#228;ufern, ArbeiterInnen gegen&#252;ber B&#228;uerInnen, M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen privilegierten.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Rote Armee war mit Ende des B&#252;rgerkriegs zur gr&#246;&#223;ten Institution des Staates geworden und genoss oberste Priorit&#228;t in der Allokation der Ressourcen; zugleich wurde sie zur „Brutst&#228;tte der Kader des Staats- und Parteiapparats der 1920er Jahre.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Ebenso ver&#228;nderte sich die soziale und politische Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse grundlegend. Die Bev&#246;lkerung Petrograds etwa war durch Krieg, Seuchen und Stadtflucht von 2,4 Millionen 1917 auf 574.000 1920 gefallen. Von urspr&#252;nglich 400.000 FabriksarbeiterInnen waren 1921 gerade einmal noch 50.000 in der Petrograder Industrie besch&#228;ftigt. Zudem waren die wichtigsten lokalen AktivistInnen der Revolutionszeit nun entweder an der Front oder in die Institutionen des Staats eingezogen. Der kollektive Egalitarismus und die Institutionen der ArbeiterInnenselbstverwaltung waren zusehends ausgeh&#246;hlt worden und die &#246;konomische Katastrophe f&#246;rderte individualisierte Strategien zur Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Die Regelm&#228;&#223;igkeit der Fabrikskomitee-Treffen und der betriebsweiten Vollversammlungen ging drastisch zur&#252;ck und die &#246;konomische Krise der B&#252;rgerkriegszeit atomisierte die Klassensolidarit&#228;t in den Fabriken.<br />
Gleichzeitig zerfiel mit Ende des B&#252;rgerkriegs das B&#252;ndnis mit den B&#228;uerInnen. Die Oktoberrevolution war, wie Tony Cliff argumentiert, „die Fusion zweier Revolutionen“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> gewesen: einer proletarischen gegen den Kapitalismus, und einer antifeudalen Revolution, die auf kleinkapitalistisches Privateigentum des Landes orientierte. Sobald mit der Wei&#223;en Armee der unmittelbare Gegner besiegt war, brachen daher drastische Konflikte zwischen Sowjetregierung und Bauernschaft auf.<br />
Das alles konnte auch an der bolschewistischen Partei selbst nicht spurlos vor&#252;bergehen. Die Dezimierung und Rekomposition der ArbeiterInnenklasse im Zuge des B&#252;rgerkriegs schnitt die Organisation zunehmend von ihrer organischen Verwurzelung in den Betrieben ab.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> W&#228;hrend 1917 ArbeiterInnen 60 Prozent der Partei ausmachten, war diese Zahl 1921 auf 41 Prozent gefallen – und der Gro&#223;teil arbeitete f&#252;r den Staat oder die Armee und nicht in der Industrie. Zugleich wurde die kommunistische Partei zum Attraktionspol f&#252;r Karrieristen aller Art: zwischen M&#228;rz 1919 und Dezember 1920 wuchs die Mitgliedschaft von 313.000 auf 730.000.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die massiven Probleme der Versorgung und des Transportwesens, die „Tr&#228;gheit“ lokaler Institutionen, die Notwendigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, verst&#228;rkten auch den Druck zur Konzentration der Entscheidungsprozesse an der Spitze von Staat und Partei, die zunehmend wie eine Armee operierte. Bis 1919 war das Zentralkomitee zur einflussreichsten politischen Struktur geworden, in der alle wichtigen Ma&#223;nahmen beschlossen wurden, noch bevor sie an den Rat der Volkskommissare und das Zentralexekutivkomitee des Sowjetkongresses zur Implementierung weitergeleitet wurden. In der Partei selbst betrachtete die F&#252;hrung interne Debatte und Kritik immer mehr als hemmenden Ballast.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Obrigkeitsdenken und Funktion&#228;rskult setzten sich ebenso durch wie die b&#252;rokratische Praxis der Ernennungen.<br />
Die Tendenz zu „substitionistischer“ Politik – d.h. einer Politik, die (tempor&#228;r) die Herrschaft der ArbeiterInnen durch die Herrschaft der Partei <em>f&#252;r</em> und <em>anstatt</em> der ArbeiterInnen ersetzte, und dies mit Verweis auf die „Passivit&#228;t“ und „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ der Basis rechtfertigte – war in diesem Kontext der Fragmentierung kollektiver Militanz in den Betrieben und der Entdemokratisierung der Partei &#252;berdeutlich. Eines der fr&#252;hen krassen Beispiele ist sicherlich Trotzkis Versuch der „Militarisierung der Arbeit“, der auf die Errichtung eines Regimes staatlicher Zwangsarbeit hinauslief, „in der jeder Arbeiter sich als Soldat der Arbeit versteht, der nicht frei &#252;ber sich verf&#252;gen kann; wenn der Befehl kommt, da&#223; er versetzt werden soll, so mu&#223; er ihn ausf&#252;hren“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Zurecht bemerkte daher die Arbeiteropposition im Fr&#252;hjahr 1921, dass die Macht der proletarischen Assoziationen in der B&#252;rgerkriegszeit durch die Herrschaft der Partei- und Staatsapparate ersetzt worden sei und die ArbeiterInnenklasse „eine immer geringere Rolle in der Sowjetrepublik spielt, da&#223; sie den Ma&#223;nahmen ihrer eigenen Regierung immer weniger ihren eigenen Stempel aufdr&#252;ckt, da&#223; sie in immer geringerem Ma&#223;e die Politik bestimmt und auf die Arbeit und die Denkweise der zentralen Machtorgane immer weniger Einflu&#223; hat.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Letztlich h&#228;tte nur die Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse selbst die Gefahr des Substitutionismus und die Verwandlung der Partei in eine konservative Kraft verhindern k&#246;nnen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Selbst diejenigen Bolschewiki, die sich, wie Lenin, der B&#252;rokratisierung der Revolution durchaus bewusst waren, lehnten eine solche Perspektive allerdings mit dem Argument der „Deklassierung“ der ArbeiterInnenklasse ab.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> In Lenins bekannter Formulierung konnte der Staat gegen Ende des B&#252;rgerkriegs nicht mehr aufgrund seiner sozialen Basis, sondern nur mehr aufgrund der Ziele der Partei(f&#252;hrung) als ArbeiterInnenstaat bezeichnet werden.<br />
Es sei dahingestellt, ob diese Einsch&#228;tzung f&#252;r 1920 zutrifft. In jedem Fall muss die auf dieser These aufbauende linke Historiographie relativiert werden, die deshalb in der Niederlage der „alten Garde“ der Partei gegen Stalin den Hauptgrund der Degeneration der Revolution ausmacht. Insbesondere neuere Forschungen haben ab 1921 einen Aufschwung kollektiver Militanz und im Selbstvertrauen der ArbeiterInnen, der Gewerkschaften und Fabrikskomitees nachweisen k&#246;nnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Zwar legten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit die Grundlage f&#252;r die Eliminierung proletarischer Autonomie und Initiative,<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> aber unabh&#228;ngige politische Strukturen der ArbeiterInnen waren in der ersten H&#228;lfte der 1920er Jahre immer noch lebendig. Von einer politischen Desintegration der ArbeiterInnenklasse kann vielleicht in der B&#252;rgerkriegszeit gesprochen werden; die Argumentation, die diesen Prozess in die erste H&#228;lfte der 1920er projiziert, und daraus ein Argument zu stricken versucht, das bestimmte b&#252;rokratische Entscheidungen, und die Aush&#246;hlung der Institutionen proletarischer Demokratie, mit den „objektiven Umst&#228;nden“ erkl&#228;rt, ist nicht l&#228;nger haltbar.</p>
<h3>Neue &#214;konomische Politik</h3>
<p>Die 1921 beschlossene „Neue &#214;konomische Politik“ (NEP) war als tempor&#228;rer Kompromiss konzipiert, der privaten Handel f&#246;rdern sollte, insbesondere um die Tauschverh&#228;ltnisse zwischen Stadt und Land wieder zu beleben. Nur ein Ausgleich mit der Bauernschaft k&#246;nne, so das Kalk&#252;l, die Revolution bis zur Internationalisierung des Prozesses, retten. Begleitet waren diese Ma&#223;nahmen von einer partiellen R&#252;cknahme hochzentralisierter staatlicher Kontrolle der Wirtschaft der B&#252;rgerkriegszeit.<br />
Vom Standpunkt des Proletariats aus erschien die NEP allerdings als grunds&#228;tzlich widerspr&#252;chlich. Einerseits sollten die Unternehmen verlustfrei arbeiten und die L&#246;hne sollten sich an der Produktivit&#228;t orientieren; die Vorgaben f&#252;r das Fabriksmanagement bedeuteten somit, dass die staatlichen Betriebe nicht un&#228;hnlich zu privatkapitalistischen zu f&#252;hren waren. Gleichzeitig war jedoch seit 1922 gesetzlich festgeschrieben, dass L&#246;hne durch kollektive Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinbart und von der Belegschaft ratifiziert werden mussten; die t&#228;gliche Arbeitszeit war auf acht Stunden beschr&#228;nkt, &#220;berstunden wurden mit 150 Prozent abgegolten, und M&#252;tter hatten Anspruch auf eine 16-w&#246;chige Karenzzeit. Konflikte wurden in Kommissionen in w&#246;chentlichen Sitzungen ausgehandelt, die parit&#228;tisch aus Management und ArbeiterInnen zusammengesetzt waren. Alleine 1924 und 1925 wurden in den Moskauer „Hammer und Sichel“-Werken 13.000 Beschwerden eingereicht, die in zwei Drittel der F&#228;lle zum Vorteil der ArbeiterInnen gel&#246;st wurden.<br />
Die sich aus dieser Situation ergebende grundlegende Spannung zwischen der Steigerung der &#246;konomischen Effizienz und der Verteidigung der Rechte und Interessen der ArbeiterInnen sollte im Laufe der 1920er Jahre besonders deutlich werden und auch heftige Konflikte nach sich ziehen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dass diese Konflikte – sei es im Arbeitskampf oder am Verhandlungstisch – auch ausgetragen wurden, zeigt aber gleichzeitig, dass die &#228;ltere These, nach der das NEP-Regime seine Ziele und Politiken repressiv durchsetzte,<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> nicht mehr haltbar ist. In k&#252;rzlich ver&#246;ffentlichten Berichten der Staatspolizei GPU wurden zwischen 1922 und 1928 bei mehr als 3.000 Streiks nur sechs F&#228;lle angef&#252;hrt, bei denen streikende ArbeiterInnen verhaftet wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Trotz der widerspr&#252;chlichen Situation der fr&#252;hen NEP-Zeit kontrollierten die ArbeiterInnen &#252;ber weite Strecken den Produktionsprozess. Diane Koenker hat in ihrer Studie &#252;ber die Moskauer Druckindustrie erl&#228;utert, dass die ArbeiterInnen Mitte der 1920er Jahre noch die Kontrolle in vier Schl&#252;sselbereichen aus&#252;bten: „gegen&#252;ber dem Management, in Fragen der Disziplin, Methoden der Entlohnung und der Organisation des Arbeitsprozesses.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der Arbeitsprozess war hier also der kapitalistischen Verwertungslogik noch nicht untergeordnet. Auch Kevin Murphy konnte zeigen, dass „das politische Leben in den Fabriken in der NEP-Zeit immer noch sehr dynamisch, lautstark und durchsetzungsf&#228;hig war. … Trotz der vielen Schw&#228;chen war die Revolution noch lebendig und das System in den Fabriken unterschied sich grundlegend vom kapitalistischen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse</h3>
<p>Etwa Mitte der 20er Jahre l&#228;sst sich eine Verschiebung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zuungunsten der ArbeiterInnen feststellen, als sich Partei- und Gewerkschaftsstrukturen zunehmend in Institutionen zur Durchsetzung produktivit&#228;tsorientierter Politik und zur Disziplinierung der ArbeiterInnen transformierten. Damit einher ging die Implementierung einer h&#228;rteren Linie des Managements in den Fabriken gegen&#252;ber der ArbeiterInnenschaft. Ein bezeichnendes Beispiel f&#252;r diese Verschiebung ist die abnehmende Intensit&#228;t der ArbeiterInnenk&#228;mpfe – waren militante Streiks zu Beginn der genannten Epoche charakteristisch f&#252;r die Artikulation von Interessen sowie f&#252;r die Austragung von Konflikten, z&#228;hlten sie in der sp&#228;ten NEP Zeit zumeist nur noch zu Ereignissen der Vergangenheit.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Am Beispiel der Belegschaft der „Hammer und Sichel“-Werke zeigt Murphy, dass die Militanz der ArbeiterInnen bis Fr&#252;hjahr 1924 deutlich anstieg. Danach sind jedoch keine weiteren Berichte &#252;ber Streikaktivit&#228;ten f&#252;r dieses Jahr und nur einer f&#252;r 1925 bekannt. Weitgehend in die Defensive ger&#252;ckt, verstummten im Laufe der zweiten H&#228;lfte der 20er Jahre offensive Forderungen der ArbeiterInnen, etwa nach Lohnerh&#246;hungen. Stattdessen wurde in den Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz versucht, gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen anzuk&#228;mpfen.<br />
Wie ist diese Verschiebung zu erkl&#228;ren, wenn es keine Anzeichen verst&#228;rkter staatlicher Repression gab? Kevin Murphy hat &#252;berzeugend ausgef&#252;hrt, dass die Gewerkschaften eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung gespielt haben. Sie wurden h&#228;ufig bei Konflikten herangezogen und von staatlicher Seite erfolgreich zur Befriedung von Streiks eingesetzt.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Als sich ab 1925 die &#246;konomische Situation versch&#228;rfte, konnte der Staat seine Position gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse st&#228;rken. Dieser Prozess, die damit verbundene zunehmende B&#252;rokratisierung sowie der Aufstieg des stalinistischen Fl&#252;gels sind an eine Reihe von Faktoren, soziale Prozesse und K&#228;mpfe gekn&#252;pft. Das Ausbleiben der von den Bolschewiki erhofften internationalen Revolution, die damit einhergehende Frage nach milit&#228;rischer Verteidigung, die Isolierung Sowjetrusslands sowie der globale Wettbewerb spielten ebenso eine Rolle wie interne Widerspr&#252;che und Konflikte.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Schon im B&#252;rgerkrieg bildete sich in der Sowjetunion eine gesellschaftliche Schicht heraus, die sich in ihrer Einstellung und polischen Sto&#223;richtung von den Idealen des Jahres 1917 entfernte. Zu Beginn der 1920er Jahre befand sich dieser Prozess der Entstehung einer neuen herrschenden Klasse noch in seinem Anfangsstadium. Im Laufe der NEP-Zeit traten jedoch die widerspr&#252;chlichen Beziehungen zu den ArbeiterInnen immer st&#228;rker zu Tage. In den ersten Jahren der Neuen &#214;konomischen Politik sicherten sich jene Gruppen, die sp&#228;ter der herrschenden Klasse angeh&#246;ren sollten, ihre Positionen in Staat und Gesellschaft. Im Zentrum dieses Prozesses standen Teile der Parteielite, die sich vor allem durch ihre politische Macht und durch die Kontrolle &#252;ber den Staatsapparat auszeichnete. Doch die zuk&#252;nftige herrschende Klasse setzte sich noch aus weiteren Fragmenten zusammen: „technische Spezialisten“, „kommunistische Manager“ oder Parteibeamte, die w&#228;hrend der NEP oft auch in &#228;u&#223;erst konflikthaften Beziehungen zueinander standen, reklamierten materielle Privilegien f&#252;r sich und bem&#252;hten sich darum, ihre Vorrechte zu legitimieren.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zu diesen Privilegien z&#228;hlten z.B. h&#246;here L&#246;hne, Wohnm&#246;glichkeiten, medizinische Versorgung oder Kinderbetreuung. Auch wenn diese Vorrechte im ersten Moment bescheiden anmuten, so bedeutete ihre Existenz dennoch einen wesentlichen Bruch mit den Zielen der Revolution. Die Tatsache, dass h&#246;here L&#246;hne und sonstige Beg&#252;nstigungen auf einmal an einen bestimmten Posten gebunden waren, signalisierte eine Unterlaufung der Prinzipien des Egalitarismus.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Eine weitere Ver&#228;nderung, die den Abgrenzungsprozess der sich formierenden Gruppe verst&#228;rkte, war die Etablierung einer strengeren Kontrolle &#252;ber die Verteilung von Informationen, die die politische und &#246;konomische Situation betrafen, sowie die den Mitgliedern zugesprochene Immunit&#228;t.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Parteimitglieder die versuchten, die Privilegienstruktur der Elite mit Hilfe des Klassenbegriffs zu analysieren, wurden in den Untergrund getrieben.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Trotz all dem war diese Schicht w&#228;hrend der NEP weit davon entfernt, eine einheitliche Fraktion mit klar definierten Zielen zu sein.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Die Verschiebungen der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der zweiten H&#228;lfte der NEP zeigen sich auch darin, dass das Gebot der Produktivit&#228;t st&#228;rker an Gewicht gewann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die ArbeiterInnenschaft bekam die Auswirkungen der intensivierten Produktivit&#228;t deutlich zu sp&#252;ren – sie war es, die unter schlechten Lebensverh&#228;ltnissen und zu niedrigen L&#246;hnen entscheidend zur raschen Industrialisierung beitrug. Zudem nahm in der zweiten H&#228;lfte der NEP-Zeit die Arbeitslosigkeit zu. Die drohende Arbeitslosigkeit wiederum verst&#228;rkte das Aufbrechen der Solidarit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenschaft. Br&#252;che zwischen m&#228;nnlichen und weiblichen, jungen und alten ArbeiterInnen sowie zwischen neu in der Stadt angesiedelten B&#228;uerInnen, die in den St&#228;dten Arbeit suchten, und der urbanen ArbeiterInnenschaft entwickelten und versch&#228;rften sich,<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> aber auch antisemitische Stereotype gewannen an Boden.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> Fabrikmanager versuchten mittels einer „Teile-und-herrsche-Politik“ ihre eigene Position zu st&#228;rken, indem bewusst darauf abgezielt wurde, Spaltungen innerhalb der ArbeiterInnenschaft voranzutreiben: mittels Disziplinierung der ArbeiterInnen durch Lohnpolitik, durch die Androhung von Arbeitslosigkeit oder durch Bestrafung einzelner ArbeiterInnen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Die Konflikte reflektieren deutlich die Entwicklung der staatlichen Politik unter dem Banner der Produktivit&#228;t und den damit einhergehenden Untergang egalitaristischer Tendenzen. Die Intensivierung des Arbeitsprozesses, die Senkung der Reall&#246;hne sowie die sich verschlechternden Lebensverh&#228;ltnisse wurden zu einem integralen Bestandteil des Industrialisierungsplans.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Der Widerspruch der NEP-Zeit zwischen Effizienzprinzipien und ArbeiterInnendemokratie spiegelt sich auch im wankelm&#252;tigen Verhalten der Gewerkschaften. Die gro&#223;e Mehrheit der ArbeiterInnen war gewerkschaftlich organisiert. Der Beitritt zu einer Gewerkschaft war freiwillig und mit einer Reihe an (Sozial-)Leistungen verbunden.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Obwohl die Gewerkschaften in der sp&#228;ten NEP-Zeit immer st&#228;rker von den ArbeiterInnen f&#252;r ihre Politik kritisiert wurden, und sich letztere der mittlerweile h&#246;chstens nur noch defensiven Haltung ihrer gew&#228;hlten Vertretung durchaus bewusst waren, wandten sich die ArbeiterInnen mit ihren Forderungen dennoch weiterhin an die Gewerkschaften. Im Allgemeinen &#252;berwog in der ArbeiterInnenschaft die Hoffnung auf Reformen innerhalb der bestehenden Institutionen – eine Tatsache, der f&#252;r den weiteren Transformationsprozess eine wesentliche Bedeutung zukommt: dem Staat gelang es, „den Unmut der ArbeiterInnen durch offizielle Gewerkschaftsstrukturen erfolgreich zu kanalisieren.“<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Erwartungshaltung der ArbeiterInnen und die damit verbundenen wiederholten Versuche, sich mit Forderungen und Beschwerden an bestehende Einrichtungen zu wenden, erkl&#228;rt auch, warum keine unabh&#228;ngigen Organisationsstrukturen entstanden, die der arbeiterInnenfeindlichen Politik etwas entgegenzusetzen hatten. Dieses Verhalten kn&#252;pfte jedoch an durchaus positive Erfahrungen der ArbeiterInnen in den Betrieben an: lange Zeit hatten ihre Interessen Gewicht gehabt und ihre Forderungen waren umgesetzt worden.</p>
<h3>Konterrevolution von oben</h3>
<p>Die Jahre 1927-28 bedeuteten einen eindeutigen Bruch in der Geschichte der Sowjetunion. Gegen Ende der NEP-Zeit verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage ma&#223;geblich. Maschinenanlagen, die nicht erneuert werden konnten, verursachten immer h&#228;ufiger Betriebsausf&#228;lle in der Industrie. Nach mehreren aufeinanderfolgenden schwachen Ernten kam es zu Hungersn&#246;ten und Revolten auf dem Land. Die Krise hallte in den St&#228;dten wider, da die Nahrungsmittelengp&#228;sse Auswirkungen auf die Versorgung der StadtbewohnerInnen hatten.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Das Regime griff erneut auf das Mittel der Getreiderequirierungen zur&#252;ck. Zu den obersten Zielvorgaben der staatlichen Wirtschaftspolitik geh&#246;rte die Steigerung der Produktion, der Vorsatz, die Sowjetunion von einem Agrar- in einen Industriestaat zu verwandeln sowie wirtschaftliche Unabh&#228;ngigkeit vom kapitalistischen Ausland sicherzustellen. Verwirklicht werden sollte dieses Programm mit Hilfe eines f&#252;nfj&#228;hrigen Entwicklungsplans. Die Umsetzung dieses F&#252;nfjahresplans brachte jedoch Umstrukturierungen und substantielle gesellschaftliche Ver&#228;nderungen mit sich. Jene &#220;berreste an demokratischen Strukturen und ArbeiterInnenkontrolle, die von der Revolution noch &#252;brig geblieben waren, fanden ein j&#228;hes Ende.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Formelle sowie informelle Organisationsstrukturen am Arbeitsplatz wie au&#223;erhalb, die 1917 eine wesentlich Rolle gespielt hatten, waren entweder zerst&#246;rt oder transformiert.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan setzte die stalinistische F&#252;hrung ihr Programm der forcierten Industrialisierung durch, dessen Realisierung auf Kosten der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung ging.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Der Aufbau der Schwerindustrie wurde auf Kosten der Konsumg&#252;terindustrie vorangetrieben.<br />
Die vorrangige polit&#246;konomische Funktion dieser „stalinistischen Konterrevolution“ lag in der Produktion der Bedingungen f&#252;r die Akkumulation von Kapital. Tony Cliff argumentiert in <em>Staatskapitalismus in Russland</em>, dass zu Beginn des F&#252;nfjahresplans die wesentlichen Elemente eines kapitalistischen Systems pr&#228;sent gewesen w&#228;ren: verst&#228;rkte Kapitalakkumulation, eine die Produktionsmittel kontrollierende, herrschende Klasse und die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, deren Mehrarbeit die Industrialisierung erm&#246;glichte.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Die mit dem F&#252;nfjahresplan einhergehenden Ver&#228;nderungen in den Fabriken waren mindestens ebenso grundlegend wie jene im Jahr 1917. Die von staatlicher Seite angestrebten Umstrukturierungen zielten gerade auf jene Institutionen der Revolution ab, die um 1917 und w&#228;hrend der NEP-Zeit die Rechte der ArbeiterInnen verteidigten.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Wie Murphy am Beispiel der Moskauer „Hammer und Sichel“-Werke zeigt, markiert der Zeitpunkt der Durchsetzung der forcierten Industrialisierung eine elementare Transformation proletarischer Organisationsstrukturen, wie etwa des Fabrikkomitees. Urspr&#252;nglich zur Vertretung der Interessen der ArbeiterInnen gegr&#252;ndet, war das Komitee Ende der 20er Jahre in sein Gegenteil verkehrt worden: in ein Werkzeug/Ausf&#252;hrungsorgan des Managements, um die Produktivit&#228;t zu steigern, die Arbeitszeit zu verl&#228;ngern und die Kosten zu senken.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a><br />
Auch die Gewerkschaften waren von den Umstrukturierungen nicht ausgeschlossen. Obwohl sie in den letzten Jahren der NEP-Zeit nicht in jedem Fall im Interesse der ArbeiterInnen gehandelt hatten, regte sich in den Reihen der Gewerkschaftsf&#252;hrungen Unzufriedenheit &#252;ber das neue Industrialisierungsprogramm, das einer „Bestrafung der ArbeiterInnenklasse“ gleichk&#228;me.<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Von Seiten des stalinistischen Fl&#252;gels wurde in der Folge eine Kampagne gegen die Gewerkschaften gestartet, die diesen vorhielt, der „Produktivit&#228;t im Wege zu stehen“.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Paradoxerweise wurde zudem ausgerechnet den Gewerkschaften „gewerkschaftliches Verhalten“ vorgeworfen. S&#228;mtliche Opponenten innerhalb der Gewerkschaft, die nicht mit den Zielsetzungen der Regierung &#252;bereinstimmten, wurden aus ihren Positionen gedr&#228;ngt. Die Aufgabe der Gewerkschaften beschr&#228;nkte sich, &#228;hnlich wie die der Fabrikkomitees, anschlie&#223;end nur mehr darauf, unter staatlicher Aufsicht die Ausbeutungsrate zu erh&#246;hen und den Arbeitsprozess zu kontrollieren. Geheimpolizei und Gef&#228;ngnislager unterst&#252;tzten diesen Prozess der „Revolution von oben“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Die Herausbildung des neuen Regimes war – im Unterschied zu den Entwicklungen der 20er Jahre – mit starker staatlicher Repression verbunden.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> &#214;ffentliche Kritik verstummte und politischer Protest wanderte in den Untergrund, Streiks waren nicht l&#228;nger Teil des Klassenkonflikts und politische Verhaftungen h&#228;uften sich. Trotzdem regte sich Widerstand – am st&#228;rksten an jenen Orten, an denen gewerkschaftliche Strukturen entweder nicht vorhanden oder sehr schwach waren (und sich in der NEP-Zeit unabh&#228;ngige Oppositionsnetzwerke entwickelt hatten).<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Nicht zuletzt weisen die zahlreichen, immer h&#228;ufiger durchgef&#252;hrten Verhaftungen darauf hin, dass die stalinistische Konterrevolution nicht g&#228;nzlich ohne Auflehnung und Protest vonstatten gegangen ist.</p>
<h3>Schw&#228;chen der Opposition</h3>
<p>Zweifelsohne beg&#252;nstigten die „objektiven“ gesellschaftlichen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse in der Sowjetunion den Aufstieg der B&#252;rokratie. Doch, so betont John Eric Marot, trugen auch die politischen und theoretischen Fehler der Linksopposition um Trotzki, der st&#228;rksten Oppositionsstr&#246;mung in den 1920ern,<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> nicht unwesentlich zur Niederlage der Revolution bei.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a><br />
Nach dem B&#252;rgerkrieg gab es Bestrebungen, die volle innerparteiliche Demokratie in der bolschewistischen Partei wieder auszubauen. Tats&#228;chlich brach mit der NEP-Zeit auch eine &#196;ra hei&#223;er politischer Debatten und Kontroversen an. Doch der zuvor beschriebene Degenerationsprozess und die Entdemokratisierung auf Fabriksebene fanden ihre Entsprechung in einem eng damit verkn&#252;pften B&#252;rokratisierungsprozess innerhalb der Partei, der sich nach dem Tod Lenins weiter versch&#228;rfte.<br />
Zwischen den m&#228;chtigsten Pers&#246;nlichkeiten und potentiellen Nachfolgern Lenins traten Spannungen auf, die zu heftigen Fl&#252;gelk&#228;mpfen f&#252;hrten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand vor allem die Frage nach der optimalen Strategie der Industrialisierung des Landes, dessen &#214;konomie nach wie vor angeschlagen und das international isoliert war. 1924 wurde Trotzki von der so genannten Troika, bestehend aus Kamenev, Zinoviev und Stalin aus seiner Position in der Regierung gedr&#228;ngt. Zuvor hatte er die B&#252;rokratisierung der Partei scharf kritisiert und war f&#252;r eine beschleunigte Industrialisierung, die das Proletariat st&#228;rken sollte, eingetreten. Im Jahr darauf wandten sich Zinoviev und Kamenev gegen Bucharin, ein heftiger Verteidiger der NEP, mit dem Vorwurf, Bucharin w&#252;rde eine „&#252;berm&#228;&#223;ig-bauernfreunliche Politik“<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> betreiben. Doch Stalin, der zu dieser Zeit voll hinter Bucharin stand, verdr&#228;ngte beide aus ihren Positionen und bildete mit Bucharin und dem Gewerkschaftsf&#252;hrer Tomski vor&#252;bergehend die Parteispitze. Gemeinsam trat die neue Troika f&#252;r die Weiterf&#252;hrung der NEP und f&#252;r die Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ ein. Schlie&#223;lich, 1926, bildete Trotzki gemeinsam mit Zinoviev und Kamenev die Vereinigte Opposition. Daraufhin wurden Vertreter dieser Opposition zuerst aus dem Politb&#252;ro und anschlie&#223;end aus der Partei ausgeschlossen. Als sich die Krise der Getreideversorgung versch&#228;rfte, machte die stalinistische Politik noch einen entscheidenden Schwenk und rief 1928 zu einer offensiveren Agrarpolitik und dem „entscheidenden Kampf“ gegen „rechten Opportunismus“ auf. Die „rechte Opposition“, an deren Spitze Bucharin stehen sollte und die kaum als organisierte Kraft bezeichnet werden konnte, wurde ebenfalls zerschlagen und Bucharin aus dem Politb&#252;ro vertrieben. Mit diesem „Rundumschlag“ sowie dem konsequenten Vorgehen gegen die Vereinigte Opposition wurden die letzten Reste innerparteilicher Demokratie endg&#252;ltig ausgel&#246;scht.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a><br />
Die Rolle Trotzkis und der Opposition in diesen Auseinandersetzungen kann veranschaulicht werden, wenn ein Blick auf Trotzkis Analyse der politischen Situation in den 20er Jahren geworfen wird. Seiner Auffassung zufolge w&#252;rden die objektiven Interessen der ArbeiterInnen von jener Fraktion der Partei vertreten, die nach der Entwicklung der Industrie und der Kollektivierung der Landwirtschaft strebt. Diese Fraktion stelle den „Linken Fl&#252;gel“ der Partei dar – zu dem Trotzki sich selbst z&#228;hlte. Der „Rechte Fl&#252;gel“ bezeichne jene Str&#246;mung, die f&#252;r die volle Entfaltung der Marktmechanismen der NEP eintrete und an deren Spitze Bucharin st&#252;nde. Das stalinistische „Zentrum“ schlie&#223;lich w&#252;rde zwischen diesen beiden Positionen schwanken. Doch genau jenes Programm, das von Trotzki dem „Linken Fl&#252;gel“ zugeordnet wurde, das Programm der forcierten Industrialisierung und der Kollektivierung der Landwirtschaft, wurde Ende der 20er Jahre vom stalinistischen Fl&#252;gel umgesetzt.<br />
Trotzki und die Linke Opposition hatten dementsprechend keine programmatische Basis mehr, die der stalinistischen Str&#246;mung entgegenzuhalten gewesen w&#228;re. Die Opposition stellte sich nicht gegen die Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, sondern war im Gegenteil der Meinung, die stalinistische Politik der Kollektivierung und Industrialisierung sei sozialistische Politik, zu der es keine Alternative gebe. Folglich fanden die Proteste und der Widerstand der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen gegen diese Politik keine Unterst&#252;tzung durch die Vereinigte Opposition.<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Marot r&#252;ckt an dieser Stelle die Kritik an Trotzkis Substitutionismus in den Mittelpunkt. Trotzki h&#228;tte die historischen Interessen der ArbeiterInnenklasse, die seiner Ansicht nach von der Partei verk&#246;rpert w&#252;rden, der tats&#228;chlich existierenden ArbeiterInnenklasse mit ihren allt&#228;glichen Bed&#252;rfnissen und materiellen Interessen gegen&#252;ber gestellt.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Da er die russische kommunistische Partei weiterhin f&#252;r die Vertreterin der Interessen der ArbeiterInnenklasse hielt, trat Trotzki f&#252;r einen Einparteienstaat ein und stimmte 1921 auch dem (vor&#252;bergehenden) Fraktionsverbot zu.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Marot verweist auf die schweren Konsequenzen von Trotzkis Vers&#228;umnis, ArbeiterInnendemokratie bedingungslos zu einem integralen Bestandteil seiner Konzeption des &#220;bergangs zum Sozialismus gemacht zu haben.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen w&#228;ren der Politik der Kollektivierung und Industrialisierung – w&#228;ren sie gefragt worden – wohl eher kritisch gegen&#252;ber gestanden. F&#252;r sie bedeutete &#246;konomische Entwicklung in erster Linie intensivierte Ausbeutung. Zudem h&#228;tte Trotzki, so Marot, die Sowjetunion problematischer Weise nach wie vor als einen Arbeiterstaat betrachtet – wenn auch als einen degenerierten. Er h&#228;tte hingegen nicht erkannt, dass die B&#252;rokratie eine „Klasse im Werden“ darstellte, die mit eigenen Interessen ausgestattet war – welche wiederum in einem grunds&#228;tzlichen Gegensatz zu jenen der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung stehen w&#252;rden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Da die B&#252;rokratie nicht als eine eigene soziale Kraft verstanden wurde, die bereits eine Eigendynamik entwickelt hatte, wurde auch &#252;bersehen, dass die Partei, bzw. die immer dominanter werdende stalinistische Fraktion selbst zur Repr&#228;sentantin dieser B&#252;rokratie mutierte. Trotzki bewertete die Proteste der ArbeiterInnen gegen die B&#252;rokratie nicht als Manifestation eines Interessenkonflikts, sondern als ein Zeichen politischer Unreife und „Kulturlosigkeit“.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> Die Opposition um Trotzki unterst&#252;tzte zwar durchaus &#246;konomische Forderungen der ArbeiterInnen in den Fabriken, aber keine politische Kritik an Stalin.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Die Linke Opposition lehnte die Bildung einer eigenen Partei kategorisch ab. Wie Murphy zeigt, existierte w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans weitgehend Unzufriedenheit unter den ArbeiterInnen. Die Opposition versuchte allerdings nicht, als organisierte Kraft an diese Proteste anzukn&#252;pfen. Als Trotzki um 1933 seine Ansichten &#228;nderte und f&#252;r eine politische Revolution gegen die stalinistische B&#252;rokratie aufrief, was es bereits zu sp&#228;t: der Stalinismus und mit ihm die neue herrschende Klasse war bereits vollst&#228;ndig konsolidiert.</p>
<h3>Zusammenfassung</h3>
<p>Die von den subalternen Klassen in der Oktoberrevolution erk&#228;mpften demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen deuteten f&#252;r kurze Zeit die M&#246;glichkeit einer postkapitalistischen Vergesellschaftungsform an. Der soziale, politische und &#246;konomische Zusammenbruch der B&#252;rgerkriegszeit jedoch, zusammen mit der Isolation der Revolution, schuf nicht nur einen Bruch zwischen ArbeiterInnen und Staat, sondern formte auch die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich der Stalinismus entwickeln konnte.<br />
In der fr&#252;hen NEP-Zeit konnten die Br&#252;che – trotz der vielen Entbehrungen – tendenziell wieder gekittet werden. ArbeiterInnen wandten sich an ihre VertreterInnen in den Fabrikskomitees und die gewerkschaftlichen Institutionen; sie beteiligten sich an den Massenversammlungen; sie streikten und erwarteten dabei (realistischerweise) die Unterst&#252;tzung von Partei und Staat. Mitte der 1920er konnte ein Kompromisszustand durchgesetzt werden, in dem in (gewerkschaftlichen) Vermittlungsinstanzen die Anliegen der ArbeiterInnen ausverhandelt wurden. Der „Waffenstillstand“ zwischen Staat und Klasse konnte die Militanz der ArbeiterInnen abschw&#228;chen und die Beteiligung an und das Vertrauen in die Sowjet-Institutionen verlieh dem Fabriksregime einen entscheidenden Grad an Legitimit&#228;t.<br />
Dieser ausgehandelte Kompromiss wurde in der sp&#228;ten NEP-Zeit durch das Projekt nationaler &#246;konomischer Entwicklung – kombiniert mit der tiefen sozialen Krise – ausgeh&#246;hlt. Durch die Angst vor Arbeitslosigkeit und das schwindende Vertrauen in kollektive Aktion gerieten die ArbeiterInnen in die Defensive. Spaltungen innerhalb der Klasse nahmen zu und die Gewerkschaftsf&#252;hrer traten den „organisierten R&#252;ckzug“ an. Zunehmend wurden die betrieblichen Strukturen von Partei und Gewerkschaft in Instrumente der produktivistischen Industrialisierungsstrategie &#252;berf&#252;hrt. Dennoch blieben die meisten ArbeiterInnen gegen&#252;ber „ihren“ Organisationen loyal. Es war diese Loyalit&#228;t und das Vertrauen in die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht, und nicht staatliche Repression, die zum Abklingen der Militanz der ArbeiterInnen f&#252;hrte. Die widerspr&#252;chliche Rolle der Gewerkschaften – einerseits als Institutionen zur Verteidigung der ArbeiterInneninteressen, andererseits als staatlich gef&#252;hrte Institutionen – brach mit der Offensive des Regimes gegen die ArbeiterInnenklasse gegen Ende der NEP voll auf. Die Rhetorik des Regimes konnte keine aktive Zustimmung mehr organisieren; der Staat verlie&#223; sich mehr und mehr auf den sozialen Druck loyaler Parteikader zur Einsch&#252;chterung ihrer KollegInnen, den gezielten Einsatz der staatlichen Kontrolle &#252;ber die Lebensmittel als Disziplinierungswaffe, und die Repression gegen Oppositionsstr&#246;mungen.<br />
Im Zuge des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans schlie&#223;lich wurden die letzten Reste von ArbeiterInnenkontrolle beseitigt. Der Sieg des Stalinismus war deshalb weder logische Folge noch Kulminationspunkt von 1917, sondern Endpunkt einer Konterrevolution, in der sich die kapitalistische Akkumulationsdynamik gegen eine Form gesellschaftlicher Organisierung basierend auf den Bed&#252;rfnissen der Menschen durchsetzte.<br />
Dieser Degenerationsprozess kann nicht allein auf „objektive“ Umst&#228;nde zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Die g&#228;ngige Argumentation der sozialistischen Linken im Gefolge Trotzkis und Lenins, die behauptet, die Desintegration der ArbeiterInnenklasse im B&#252;rgerkrieg habe zur paradoxen Situation gef&#252;hrt, in der die bolschewistische Partei einen ArbeiterInnenstaat kontrollierte, dem seine soziale Basis abhanden gekommen war, ist nicht l&#228;nger haltbar. Viel eher ginge es darum, die politischen Fehler der Oppositionsstr&#246;mungen der 1920er zu benennen und sich nicht auf linke Glaubensbekenntnisse zur&#252;ckzuziehen, die mehr der eigenen Identit&#228;tsstiftung als der historischen Aufarbeitung dienen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Koenker, Diane P.: Republic of Labor. Russian Printers and Soviet Socialism, 1918-1930, Ithaca/London 2005, 2<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zur Regierungsbildung vgl. detailliert Rabinowitch, Alexander: The Bolsheviks in Power. The First Year of Soviet Rule in Petrograd, Bloomington/Indianapolis 2007, Kap. 1<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York/Oxford 2005, 82<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Smith, Steve: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, 48<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Kadetten, Abk&#252;rzung f&#252;r „Konstitutionelle Demokraten“; b&#252;rgerlich-liberale Str&#246;mung.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Lenin, Wladimir I.: Rede im Moskauer Sowjet der Arbeiter-, Bauern- und Rotarmistendeputierten (23. 4. 1918), in: Werke Bd. 27, Berlin 1974, 219-224, hier 220f<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Chamberlin, W. H.: The Russian Revolution, Princeton 1987, Bd. 2, 171; vgl. Lincoln, Bruce W.: Red Victory. A History of the Russian Civil War 1918-1921, New York 1999; Foglesong, David S.: America’s Secret War against Bolshevism. US Intervention in the Russian Civil War, 1917-1920, Chapel Hill 1995.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Read, Christopher: From Tsar to Soviets. The Russian people and their revolution, 1917-21, London 1996, 292<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Haynes, Mike: Russia. Class and Power, 1917-2000, London 2002, 50<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Lenin urteilte im R&#252;ckblick: „Der ‘Kriegskommunismus’ war durch Krieg und Ruin erzwungen. Es war keine Politik, die den wirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats entsprach, und konnte es auch nicht sein. Er war eine zeitweilige Ma&#223;nahme.“ (&#220;ber die Naturalsteuer. Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen, in: Werke Bd. 32, Berlin 1972, 341-380, hier 355)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Smith, a.a.O., 49<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Haynes, a.a.O., 49<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Smith, a.a.O., 76f<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Lars Lih sieht darin mehr Kontinuit&#228;t als Bruch im Vergleich zur sp&#228;teren Neuen &#214;konomischen Politik und hinterfragt daher auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Kriegskommunismus“. (Bread and Authority in Russia, 1914-1921, Berkeley 1990)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Lih, a.a.O., 260<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Smith, a.a.O., 80<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Koenker, a.a.O., 33<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Osinskij, N.: &#220;ber den Aufbau des Sozialismus (1918), in: Kool, Frits/ Oberl&#228;nder, Erwin (Hg.): Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur, Freiburg i. Br. 1967, 92-126, hier 101, 103, 106, 107<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. dazu die Debatte am 9. Parteitag 1920, insbesondere die Beitr&#228;ge der Linkskommunisten gegen „b&#252;rgerliche Spezialisten“, und die Kritik der Arbeiteropposition an der Aush&#246;hlung der ArbeiterInnendemokratie.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Koenker, a.a.O., 30<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ebd., 29<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ebd., 35<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Diese Formulierungen sind w&#246;rtlich &#252;bernommen aus den Beschl&#252;ssen des ersten Allrussischen Gewerkschaftskongresses vom J&#228;nner 1918. Die Aufgabe der Gewerkschaften sollte sich nach Lenin und Co. nicht auf die Leitung der Wirtschaft konzentrieren sondern auf die p&#228;dagogische Aufgabe der (moralischen, politischen) „Erziehung“ der Massen beschr&#228;nken (allerdings nicht im Sinn der Opposition durch praktische Erfahrungen in der Schaffung neuer Wirtschafts- und Produktionsformen).<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Haynes, a.a.O., 51<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Neben der Verwurzelung in der Bev&#246;lkerung waren noch zwei weitere Faktoren wichtig: das Bekenntnis zum „Selbstbestimmungsrecht der V&#246;lker“ und die Meutereien in der kriegsm&#252;den alliierten Armee.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Zit. n. Pipes, Richard: The Russian Revolution, London 1992-93, 97.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Koenker, a.a.O., 18<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Smith, a.a.O., 54<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cliff, Tony:  Revolution und revolution&#228;re Organisation. Das Verh&#228;ltnis von Partei und Klasse bei Trotzki (1960/1974), <a href="http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html">http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html</a><br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Rabinowitch, a.a.O., 60<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Smith, a.a.O., 69<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., 67<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Kollontaj, Alexandra: Die Arbeiteropposition (1921), in: Kool/Oberl&#228;nder, a.a.O., 182-240, hier 184<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> „Wir f&#252;rchten die Eigeninitiative der Massen, wir f&#252;rchten, der sch&#246;pferischen T&#228;tigkeit der Klasse Spielraum zu geben, wir f&#252;rchten die Kritik, wir haben aufgeh&#246;rt, den Massen zu vertrauen – von da her kommt unser ganzer B&#252;rokratismus.“ (Kollontaj, a.a.O., 229f)<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Murphy, a.a.O.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Koenker, a.a.O., am Beispiel der MetallarbeiterInnengewerkschaft und der Moskauer Druckindustrie.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Murphy, a.a.O., 83<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Koenker, Diane: Labor relations in Socialist Russia. Class values and production values in the Printers’ Union, 1917-1921, in: Siegelbaum, Lewis H. et al. (Hg.): Making Workers Soviet. Power, Class, and Identity, Ithaca 1994, 159-193, hier 192<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Murphy, Kevin: Can we write the history of the Russian Revolution?, in: Historical Materialism 15:2 (2007), 3-19, hier 15. Im Kontrast dazu wurden in den USA unter Pr&#228;sident Wilson allein w&#228;hrend der acht Wochen dauernden antikommunistischen Razzien 1919-1920 mehr als 5.000 ArbeiterInnen arretiert – mehr als in Russland w&#228;hrend den acht Jahren der NEP-Zeit.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Koenker, Republic of Labor, a.a.O., 141<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Murphy, Kevin: The light that hasn’t failed. An interview with Kevin Murphy, in: International Socialism 110 (2006), 153-166, hier 157f<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Murphy, Revolution and Counterrevolution, a.a.O., 82<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Haynes, a.a.O., 60ff<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Pirani, Simon: The Party Elite, the Industrial Managers and the Cells. Early Stages in the Formation of the Soviet Ruling Class in Moscow, 1922-23, in: Revolutionary Russia 19:2 (2006), 197-228, hier 199, 214<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Ebd., 202<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Ebd., 200<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Ebd., 203<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Murphy, a.a.O., 114<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., 87<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., 226<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., 133<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., 102f<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., 104<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., 95<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd., 106<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., 227, 193; Haynes, a.a.O., 88<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Haynes, a.a.O., 73<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Murphy, a.a.O., 187<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Cliff, Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse, Frankfurt 1975<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Murphy, a.a.O., 186<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., 194<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Haynes, a.a.O., 88f<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Ebd., 109<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Vgl. Rossman, Jeffrey J.: Worker Resistance Under Stalin. Class and Revolution on the Shop Floor, Cambridge 2005<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Es existierten mehrere kleine oppositionelle Gruppierungen – diese waren jedoch meist kurzlebig oder gingen, gar nicht selten, in der Linken Opposition auf.<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Marot, John Eric: Trotsky, the Left Opposition, and the Rise of Stalinism, in: Historical Materialism 14:3 (2006), 175-206<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Smith, a.a.O., 111<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Marot, a.a.O., 179<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Ebd., 175<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., 181. Wenn Trotzki in Bausch und Bogen behauptete, „da&#223; jeder ernsthafte Fraktionskampf in einer Partei letztlich immer eine Widerspiegelung des Klassenkampfes ist“, so grenzt das an vulg&#228;r-materialistische Interpretationen, die politische Positionen als geradliniges Produkt der jeweiligen materiellen Bedingungen verstehen. (Cliff, a.a.O.)<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> Marot, a.a.O., 178<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> Ebd., 181<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> Ebd., 195</p>
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		<title>Geschichten des Widerstands</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €<br />
<span id="more-130"></span><br />
Der Transformationsprozess der Volksrepublik China ist gekennzeichnet von in ihrem Ausma&#223; beispiellosen Wanderungsbewegungen der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung in die K&#252;stenregionen und Sonderwirtschaftszonen des Landes. Mit der Dekollektivierung der chinesischen Landwirtschaft in den sp&#228;ten 1970er Jahren und beg&#252;nstigt durch die schrittweise Aufweichung vormals rigider Migrationskontrollen seit Mitte der 1980er Jahre, wurde es transnationalen Konzernen m&#246;glich, ihre Mehrwertsch&#246;pfung an die Ausbeutung der Arbeitskraft eines Heeres chinesischer WanderarbeiterInnen zu koppeln. Aktuell wird die Zahl der ArbeitsmigrantInnen auf insgesamt 150 bis 200 Millionen gesch&#228;tzt, wobei es in den Fabrikshallen der Export-orientierten Industrie seit Anfang der 1990er Jahre vor allem junge Frauen – im Chinesischen als <em>dagongmei</em> bezeichnet – sind, deren Mehrarbeit vom Produktionsapparat abgepresst wird. Gleichzeitig stehen diese jedoch auch im Zentrum des zunehmenden Widerstands der WanderarbeiterInnen gegen deren Ausbeutung.<br />
Um die gro&#223;teils 18- bis 25-j&#228;hrigen Frauen in ihren Auseinandersetzungen zu unterst&#252;tzen, gr&#252;ndete Pun Ngai, Professorin am <em>Social Work Research Center</em> der <em>Peking University</em> und an der <em>Hong Kong Polytechnic University</em>, 1996 in der im s&#252;dchinesischen Perflussdelta gelegenen Stadt Shenzhen das <em>Chinese Working Women Network</em> (CWWN). Gemeinsam mit Li Wanwei, Mitarbeiterin der Hongkonger NGO <em>Industrial Relations Institute</em>, ver&#246;ffentlichte sie im Jahr 2006 die Ergebnisse eines vom Arbeiterinnen-Netzwerk in Shenzhen durchgef&#252;hrten Interviewprojektes mit Fabrikarbeiterinnen. Unter dem Titel <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> liegen diese Aufzeichnungen nun auch in deutscher Sprache vor.<br />
Im Vorwort des Buches wird der/die Leser/in an eine der zentralen Thesen in den Arbeiten Pun Ngais herangef&#252;hrt. F&#252;r sie deutet die Bezeichnung <em>dagongmei </em>auf die Entstehung neuer proletarischer Subjekte in China, die in einem deutlichen Gegensatz zu den <em>gongren </em>(„ArbeiterInnen“) der Mao-&#196;ra stehen. W&#228;hrend letztere von der einstigen Propaganda gefeiert und in den staatlichen Arbeitseinheiten mit lebenslangen, materiellen Privilegien versehen wurden, verweist der im chinesischen Sprachgebrauch seit etwa 20 Jahren g&#228;ngige Begriff dagong („f&#252;r den Boss arbeiten“) auf die Ausdehnung kapitalistischer Arbeitsbeziehungen. Der Zusatz <em>mei </em>(„kleine Schwester“) kennzeichnet &#252;berdies den geschlechtspezifischen Charakter des Proletarisierungsprozesses. Das auf den <em>dagongmei </em>lastende Ausbeutungsverh&#228;ltnis sieht Pun Ngai in einer „dreifachen Unterdr&#252;ckung“ (12) durch das globale Kapital, den chinesischen Staat und patriarchaler Gesellschaftsstrukturen charakterisiert. Despotische Arbeits- und Wohnbedingungen, die Verhinderung eines l&#228;ngerfristigen Verbleibens in den St&#228;dten und einer unabh&#228;ngigen, gewerkschaftlichen Organisierung sowie der Zwang zur Unterordnung unter ein traditionelles Frauenbild sind dabei miteinander verschr&#228;nkt.<br />
Das Ziel der Ver&#246;ffentlichung von zw&#246;lf biographischen Geschichten in <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> ist es, so erfahren wir ebenfalls im Vorwort, einen „subjektiven Blick der Arbeiterinnen“ (16) auf die in diesem spezifischen Kontext zu verortenden Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse zu bieten. Pun Ngai begreift die Erz&#228;hlungen &#252;berdies als ein „Sub-Genre des Widerstands“ (13); die zitierten Erz&#228;hlungen, die anhand vier thematischer Schwerpunkte gegliedert und von Erl&#228;uterungen der Interviewerinnen begleitet werden, sollen insbesondere auch die unterschiedlichen Widerstandspraktiken der <em>dagongmei </em>dokumentieren, die im hegemonialen Diskurs der „Modernisierung“ Chinas ausgeblendet bleiben.<br />
Der Fokus der ersten drei Erz&#228;hlungen liegt auf den Motiven der <em>dagongmei</em>, ihre l&#228;ndliche Heimat meist sofort nach dem Schulabschluss zu verlassen. Durch die pers&#246;nlichen Geschichten wird deutlich, dass die Entscheidungen f&#252;r ein vor&#252;bergehendes Leben als Fabrikarbeiterin auf mehr als blo&#223; &#246;konomischen Zw&#228;ngen beruhen. Das Ausbrechen aus einer von der Gewaltt&#228;tigkeit des Vaters &#252;berschatteten Familiensituation tritt in den Ausf&#252;hrungen der jungen Frauen bspw. ebenso in den Vordergrund, wie die Suche nach neuen Herausforderungen und beruflichen Aufstiegsm&#246;glichkeiten abseits der als anstrengend und eint&#246;nig empfundenen Arbeit in der Landwirtschaft. Die Stadt wird dabei zur Projektionsfl&#228;che von W&#252;nschen nach einem „modernen Leben“ und Konsum. Obwohl die jungen Frauen durch Berichte von ins Dorf zur&#252;ck kommenden <em>dagongmei </em>&#252;ber die st&#228;dtischen Arbeitsbedingungen informiert sind, werden diese W&#252;nsche durch den Anblick der geschminkten und neu eingekleideten Heimkehrerinnen gleichwohl verst&#228;rkt. Die Erz&#228;hlungen vermitteln dar&#252;ber hinaus einen Einblick in die Gef&#252;hlslage der <em>dagongmei</em>, zwischen zwei unterschiedlichen Welten hin und her gerissen zu sein. Die Ausbeutung in den Fabriken und h&#228;ufiges Heimweh f&#252;hren dazu, dass sie in Zeiten v&#246;lliger Ersch&#246;pfung in die l&#228;ndliche Heimat zur&#252;ckkehren. Da sie ihre Zukunftsperspektiven jedoch weiterhin an eine Arbeit in der Stadt gebunden sehen, dauert es oft nicht lange, bis sie den Entschluss fassen, erneut in die Industriezonen zu wandern.<br />
Die biographischen Geschichten im zweiten Kapitel lenken den Blick auf die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen in den l&#228;ndlichen Regionen Chinas. Die interviewten <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen dabei u.a. von erzwungenen Schulabbr&#252;chen, der elterlichen Entscheidungsgewalt &#252;ber den Zeitpunkt der Heirat sowie dem Druck, sich einer traditionellen Rolle als Ehefrau unterzuordnen, welche ihr weiteres Leben auf das Geb&#228;ren und Erziehen der Kinder, die Arbeit im Haushalt und landwirtschaftliche T&#228;tigkeiten beschr&#228;nkt sieht. Die Erz&#228;hlungen des zweiten Kapitels zeigen jedoch auch den gegen diese Formen der Unterdr&#252;ckung gerichteten Widerstand der Frauen auf. Das Verlassen des Dorfes und die Lohnarbeit in den st&#228;dtischen Fabriken stellen f&#252;r sie hart errungene Versuche dar, ihre W&#252;nsche nach finanzieller Unabh&#228;ngigkeit und einem selbst bestimmten Leben zu verwirklichen. Obwohl es neben dem staatlichen Haushaltsregistrierungssystem insbesondere erzwungene Heiraten sind, welche die durchschnittliche Dauer des Aufenthalts von <em>dagongmei </em>in den St&#228;dten auf etwa 4-5 Jahre beschr&#228;nken, verdeutlicht bspw. die Geschichte der 50-j&#228;hrigen Cuiyi, dass sich die Frauen Wege erk&#228;mpfen, aus diesem vorgezeichneten Leben auszubrechen. Durch die Arbeit in der Fabrik fand Cuiyi nicht nur zu einem gest&#228;rkten Selbstbewusstsein, sondern widersetzte sich auch erfolgreich der traditionellen Rollenverteilung in der Familie. Nach einigen Jahren der Lohnarbeit zeigt sie sich stolz dar&#252;ber, nun selbst f&#252;r das famili&#228;re Einkommen sorgen zu k&#246;nnen und ob ihrer Hartn&#228;ckigkeit von den Frauen im Heimatdorf bewundert zu werden.<br />
Im Zentrum der im dritten Kapitel unter dem Titel <em>Bittere Wanderarbeit</em> gesammelten Erz&#228;hlungen stehen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken. Neben wiederholten F&#228;llen ausstehender L&#246;hne und der regelm&#228;&#223;igen Ausdehnung der Arbeitszeiten ohne R&#252;cksicht auf gesetzlich festgelegte Standards berichten die Arbeiterinnen vor allem von ihren pers&#246;nlichen Erfahrungen mit Berufskrankheiten und Arbeitsunf&#228;llen. Die Gefahr von Verletzungen in den Fabriken ist durch veraltete Produktionsmaschinen und fehlende Informationen &#252;ber notwendige Sicherheitsvorkehrungen gro&#223;. Wie die Geschichte der knapp 40-j&#228;hrigen A’lan, die sich bei der Arbeit in einer Schuhfabrik mit hoch konzentriertem Klebstoff vergiftete und zwei Jahre im Krankenhaus verbringen musste, zeigt, bleiben an die Firmenleitung gestellte Forderungen der <em>dagongmei </em>nach gesundheitlichen Schutzma&#223;nahmen h&#228;ufig ohne Reaktionen. Dar&#252;ber hinaus ist es f&#252;r die Arbeiterinnen im Falle von Krankheiten und Verletzungen schwer, entsprechende Entsch&#228;digungen ausbezahlt zu kommen. Die gesetzlich verankerte Sozialversicherung f&#252;r WanderarbeiterInnen erm&#246;glicht bisher wenig R&#252;ckhalt, da die Firmen nur selten Sozialversicherungsbeitr&#228;ge abf&#252;hren. Deutlich wird durch die Erz&#228;hlungen auch, dass die Einschaltung der lokalen Arbeitsbeh&#246;rde ohne gleichzeitigen medialen Druck nur begrenzt Unterst&#252;tzung bietet bzw. deren geringe Entsch&#228;digungszahlungen an Stelle der Firmen akzeptiert werden m&#252;ssen. Denn im Wissen &#252;ber die Schwierigkeit der <em>dagongmei</em>, auf sich alleine gestellt Gerichtsprozesse zu f&#252;hren, bleiben die Beh&#246;rden in erster Linie daran interessiert, direkte Konfrontationen mit den Unternehmen zu vermeiden.<br />
Der Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen, welcher im Mittelpunkt des vierten und abschlie&#223;enden Teils der biographischen Geschichten steht, nimmt nichtsdestotrotz stetig zu. Die Erz&#228;hlungen dokumentieren, wie sich die Arbeiterinnen u.a. gegen zu niedrige L&#246;hne, regelm&#228;&#223;ige &#220;berstunden, Verlegungen der Fabrikstandorte und miserable Wohnverh&#228;ltnisse zur Wehr setzen. Die systematische Unterbringung von Arbeitsmigrantinnen in Wohnheimen direkt auf dem Fabrikgel&#228;nde oder in dessen unmittelbarer N&#228;he, die Pun Ngai als f&#252;r die Industriezonen Chinas charakteristisch betrachtet und mit dem Begriff „Wohnheim-Arbeitsregime“ (11; siehe auch Pun Ngais Artikel in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/schlafsaalkapitalismus-in-shenzhen/"><em>Perspektiven </em>Nr. 3</a>) fasst, offenbart dabei ihren doppelten Charakter. Einerseits erm&#246;glicht sie den Unternehmen, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft niedrig zu halten, die Arbeiterinnen Tag und Nacht zu kontrollieren sowie deren st&#228;ndige Abrufbarkeit sicherzustellen. Andererseits werden die Wohnheime und Schlafs&#228;le zu Orten, an denen sich die Arbeiterinnen &#252;ber ihre Erfahrungen austauschen und f&#252;r gemeinsame K&#228;mpfe vernetzen k&#246;nnen. Die <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen von ihren Erfolgen, gemeinsam an Firmenleitung und Arbeitsbeh&#246;rde gerichtete Beschwerdebriefe zu verfassen, sowie in den Wohnheimen f&#252;r Unterschriften und Streiks zu mobilisieren. Doch auch Unstimmigkeiten &#252;ber die Ziele der Auseinandersetzungen und Gegenma&#223;nahmen des Managements werden beschrieben. Neben der Abschreckung durch Entlassungen oder Beurlaubungen von R&#228;delsf&#252;hrerinnen bestehen die dargestellten Strategien der Gesch&#228;ftsleitung u.a. darin, mit Teilzugest&#228;ndnissen eine Spaltung unter den Arbeiterinnen herbeizuf&#252;hren. Schlie&#223;lich verweisen die Erz&#228;hlungen in diesem Kapitel ebenso darauf, dass die <em>dagongmei </em>&#252;ber ihre Erfahrungen in K&#228;mpfen sowohl die wichtige Rolle der Kenntnis von Arbeitsgesetzen und des kollektiven Widerstands erkennen, als auch ein zunehmend starkes Klassenbewusstsein entwickeln.<br />
Im Anschluss an die Geschichten der <em>dagongmei </em>finden sich in der deutschen Ausgabe des Buches zwei Texte, die gegen&#252;ber dem chinesischen Original erg&#228;nzt wurden. In den <em>Nachbetrachtungen von Li Wanwei</em> reflektiert diese &#252;ber die Beweggr&#252;nde f&#252;r die Beteiligung am Interviewprojekt sowie &#252;ber die Bedeutung der Interviews f&#252;r die Beziehung zwischen ihr und den Fabrikarbeiterinnen. Daf&#252;r beschreibt sie ihre Politisierung in Hong Kong und das daraus erwachsende Interesse an der Unterst&#252;tzung der neuen ArbeiterInnenklasse in den Industriezonen des angrenzenden Perflussdeltas. Die Zusammenarbeit mit den <em>dagongmei </em>charakterisiert Li als „gemeinsamen Lernprozess“ (196), wobei sie den gegenseitigen Erfahrungsaustausch unter den Arbeiterinnen als einen zentralen Aspekt im Verlauf der Interviews hervorhebt. Die sich hinsichtlich der Ver&#246;ffentlichung der Interviewaufzeichnungen stellende Frage nach dem Verh&#228;ltnis zwischen (kommentierenden/ &#252;berleitenden) Interviewerinnen und (zitierten) Fabrikarbeiterinnen wird von ihr jedoch nicht thematisiert. Den Abschluss der Publikation bildet das &#252;bersetzte Kapitel <em>Sozialer K&#246;rper, Kunst der Disziplin und Widerstand</em> aus dem im Jahr 2005 erschienen Buch <em>Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace </em>von Pun Ngai, f&#252;r dessen Erstellung sie selbst acht Monate in einer Elektronikfabrik in Shenzhen arbeitete. Pun Ngai setzt ihre ethnographischen Aufzeichnungen in Bezug zum foucaultschen Konzept der Disziplinarmacht und pr&#228;sentiert eine ebenso detaillierte wie aufschlussreiche Analyse der auf die weiblichen K&#246;rper gerichteten Disziplinartechniken des Produktionsregimes. Dar&#252;ber hinaus dokumentiert sie den allt&#228;glichen Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die tayloristischen Arbeitsbedingungen und zeigt dessen M&#246;glichkeiten und Grenzen innerhalb der Machtbeziehungen an konkreten Beispielen auf.<br />
Hinsichtlich bisheriger Publikationen zur Lage chinesischer WanderarbeiterInnen stellt der auf die biographischen Geschichten fokussierte Ansatz des vorliegenden Buchs eine Ausnahme dar. Die Besonderheit dieser Herangehensweise ist dabei insgesamt betrachtet gleichsam dessen gro&#223;e St&#228;rke. Mittels der subjektiven Erz&#228;hlungen gelingt es zum einen, die spezifische Situation der <em>dagongmei </em>aus deren eigenem Blickwinkel begreifbar zu machen, ohne gleichzeitig die Heterogenit&#228;t der Arbeiterinnen in Frage zu stellen. Zum anderen k&#246;nnen die biographischen Geschichten die den <em>dagongmei </em>im hegemonialen Diskurs zugeschriebene Passivit&#228;t widerlegen und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf emanzipatorische Ver&#228;nderungen aufzeigen. Des Weiteren ist positiv festzuhalten, dass die Lekt&#252;re keinerlei Vorkenntnisse voraussetzt, was neben den Ausf&#252;hrungen im Vorwort vor allem auch einem umfangreichen Glossar mit grundlegenden Begriffskl&#228;rungen zu verdanken ist. Das Buch ist somit ein sehr wichtiger Beitrag f&#252;r eine kritische, an Vorstellungen und Erfahrungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pfende Auseinandersetzung der deutschsprachigen Linken mit den sozialen Umw&#228;lzungsprozessen in China.</p>
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