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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 5</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:59:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>

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		<description><![CDATA[1968 war ein gutes Jahr.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1968 war ein gutes Jahr.</p>
<p><span id="more-102"></span></p>
<p>Wer hat sie nicht schon mal gesehen, die Geburtstagskarten, die zumeist vor Trafiken (f&#252;r unsere deutschen LeserInnen: Tabakl&#228;den) ausgestellt sind und das immer gleiche von jeder m&#246;glichen Jahreszahl behaupten. Die Jubilarin oder der Jubilar darf sich dann freuen und im Inneren des Billets lesen, welche gro&#223;en Ereignisse neben ihrem oder seinem Erscheinen in der Welt dieser noch ihren Stempel aufgedr&#252;ckt haben. Das Jahr 1968 war da so gut wie jedes andere. Dass dem nicht so ist, zeigt die Tatsache, dass heuer das Jahr selbst Geburtstag feiern darf – welchem anderen ist das schon verg&#246;nnt – und die Gl&#252;ckwunschkarten liegen als Bild- und Sammelb&#228;nde, Monografien und Memoiren in Buchl&#228;den auf, Nostalgierunden in Funk und Fernsehen begleiten die Feierlichkeiten. Doch auch abgerechnet wird mit 1968, alles B&#246;se auf der Welt vom islamischen Terrorismus bis quengelnden Kleinkindern ist seine Schuld und die der Brut, die das Jahr hervorgebracht hat: die „68er“.</p>
<p>Die vorliegende Ausgabe von <em>Perspektiven</em> will mit all dem m&#246;glichst wenig zu tun haben. Nichts mit den nostalgischen Veteranentreffen (seltener kommen auch Veteraninnen zu Wort), in denen von 1968 gesprochen wird wie von aufregenden Jugendsp&#228;&#223;en im Sommercamp. Und auch sicher nichts mit den wehleidigen Abrechnungen mit der eigenen Vergangenheit, derer man sich angesichts der konformistischen Gegenwartsexistenz glaubt sch&#228;men zu m&#252;ssen. Stattdessen sollen Schlaglichter auf die Revolte geworfen werden, die ein Verst&#228;ndnis der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Rebellionen erm&#246;glichen und die unter dem Berg von Erinnerungsm&#252;ll versch&#252;ttete Vielfalt des gro&#223;en Aufbegehrens gegen den globalen Kapitalismus diskutierbar machen.</p>
<p>Dass es mehr als eine Studierendenrevolte war, betont das einleitende Interview mit <em>Chris Harman</em>; gest&#252;tzt und ausgef&#252;hrt wird diese These von <em>Marcel van der Linden</em>. <em>Veronika Duma </em>sprach mit dem Sozialhistoriker &#252;ber das <em>R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em>, dem simultanen Aufbruch in so vielen unterschiedlichen Weltregionen, von Berkeley bis Berlin, von Prag bis Mexiko-Stadt. In Deutschland tobt derweil die Debatte um den angeblich undemokratischen Charakter der Studierendenbewegung von 1968 und ihrer zentralen Organisationsstruktur, dem SDS. <em>Alex Demirovic </em>h&#228;lt dem entgegen, dass Selbstreflexivit&#228;t und demokratisches Potential nicht im Gegensatz zur Wiederentdeckung sozialistischer Traditionen standen und stehen, sondern sich im Gegenteil wechselseitig beding(t)en. Aus dem Berg von Neuerscheinungen zum Thema hat <em>Felix Wiegand </em>sich zwei der interessantesten Sammelb&#228;nde herausgegriffen und diskutiert „Weltwende 1968?“ und „1968 und die Arbeiter“, die das Scheinwerferlicht auf den weltumspannenden Zusammenhang sowie die proletarischen, klassenk&#228;mpferischen Aspekte der Revolten richten.<em> Philipp Probst</em> schlie&#223;lich erz&#228;hlt die Geschichte von MC5, der vielleicht aufregendsten Band der US-amerikanischen <em>counter culture </em>der 1960er Jahre, im Spannungsfeld von LSD, <em>black power</em> und Kulturrevolution.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts gibt es Teil zwei der Serie <em>zum politischen Erbe der russischen Revolution</em>: <em>Benjamin Opratko </em>nimmt sich „Zeit f&#252;r Lenin“ und fragt, was eine undogmatische Linke heute noch von diesem toten Hund der marxistischen Theorie lernen kann. Die globale Finanzkrise, ausgel&#246;st vom Platzen der Spekulationsblase<br />
rund um Immobilienhypotheken in den USA, wird vom US-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert Brenner analysiert.</p>
<p>Zu guter Letzt gibt es Rezensionen zur feministischen Intersektionalit&#228;tsforschung, transnationalen Arbeitskonflikten und David Harveys „kleiner Geschichte des Neoliberalismus“.</p>
<p>Viel Freude bei der Lekt&#252;re, und schafft zwei, drei viele 1968!</p>
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		<title>Mehr als eine Studierendenrevolte</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:57:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.</p>
<p><span id="more-103"></span><br />
<em>1968 war viel mehr als eine Studierendenrevolte – das ist eine zentrale These deines Buchs. Was meinst du damit?</em></p>
<p>1968 verdichteten sich verschiedene krisenhafte Entwicklungen im Weltkapitalismus – zum einen der Krieg der USA in Vietnam: Er startete als Polizeioperation um die amerikanische Hegemonie zu verteidigen. In den Vorjahren hatte es Dutzende solcher Eins&#228;tze gegeben – beispielsweise in der Dominikanischen Republik oder im Kongo. Diese Eins&#228;tze waren kurz und, im amerikanischen Sinne, erfolgreich. Nichts deutete drauf hin, das die Intervention in Vietnam anders sein w&#252;rde als die vorherigen Eins&#228;tze. Doch Vietnam war anders. Die b&#228;uerliche Guerilla war stark in der Bev&#246;lkerung verankert und durch ihre kommunistischen Kader straff organisiert.<br />
Die Tet-Offensive im Januar 68 machte auch der amerikanischen Bev&#246;lkerung deutlich, das dieser Krieg anders war – und nicht zu gewinnen. Er wurde immer brutaler, die Kosten explodierten und die US-Armee revoltierte. Das ersch&#252;tterte nat&#252;rlich die Ideologie vom „freien Westen“ und war einer der wesentlichen Triebfedern der Revolte.<br />
Ein zweiter Krisenfaktor war die widerspr&#252;chliche Entwicklung des s&#252;deurop&#228;ischen Kapitalismus. In Frankreich, Italien und Spanien hatte sich der Kapitalismus nach dem Krieg wieder stabilisiert. Das ma&#223;geblich von der katholischen Kirche gepr&#228;gte gesellschaftliche Klima war bedr&#252;ckend, die Regierungen autorit&#228;r: Die Pr&#228;sidialherrschaft de Gaulles in Frankreich, die Franco-Diktatur in Spanien und die Dauerregierung der konservativen Democrazia Christiana (DC) in Italien.<br />
Gleichzeitig ver&#228;nderte sich durch die Industrialisierung die Struktur der ArbeiterInnenklasse. Junge ArbeiterInnen vom Land kamen in die Fabriken, arbeiteten unter schlechtesten Bedingungen und radikalisierten sich. Diese neue Generation sah sich von den bestehenden politischen Parteien, sowohl den konservativen als auch den b&#252;rokratisierten kommunistischen, nicht repr&#228;sentiert – und bildeten den Kern eines Aufstands in den Betrieben, der sich in Italien sogar &#252;ber Jahre hinzog.<br />
Auch in Osteuropa endete die Friedhofsruhe. 1965 hatten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski eine marxistische Kritik an der polnischen Gesellschaft verfasst und waren zu drei Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt worden – unter dem Protest von Studenten der Universit&#228;t Warschau. Dieser wurde aber von der Polizei unterdr&#252;ckt. 1968 drangen dann die Nachrichten &#252;ber die politische &#214;ffnung in der Tschechoslowakei nach Polen durch und 4.000 Studierende demonstrierten und besetzen die polytechnische Universit&#228;t in Warschau. In den folgenden Wochen lieferten sich in den polnischen Universit&#228;tsst&#228;dten Studierende und junge ArbeiterInnen erbitterte Auseinandersetzungen mit der Polizei. Gleichzeitig gewann die Bewegung in der Tschechoslowakei so an Dynamik, dass die Sowjetf&#252;hrung die Panzer rollen lie&#223;. Zusammengenommen war dies die gr&#246;&#223;te politische Ersch&#252;tterung des Ostblocks seit Anfang der F&#252;nfziger Jahre.<br />
Das vierte Element der Krise von 1968 war der Aufstand der Schwarzen in den USA. Nach dem Amerikanischen B&#252;rgerkrieg endete zwar die Sklaverei, nicht aber die rassistische Unterdr&#252;ckung. Im S&#252;den wurde die Rassentrennung per Gesetz abgesichert, im Norden waren die Schwarzen formell frei, aber &#246;konomisch und sozial unterdr&#252;ckt. Diese Spannung entlud sich vor allem in den Ghettoaufst&#228;nden und der Formierung radikaler und auch revolution&#228;rer schwarzer Organisationen.<br />
All diese Elemente zusammen machen das explosive Gemisch von 68 aus – deshalb ist jede Reduzierung, etwa auf einen Generationenkonflikt, zu platt. Aber nat&#252;rlich war es so, dass die Widerspr&#252;che, wie bei jedem <span> </span>gesellschaftlichen Umbruch, von jungen Menschen am deutlichsten empfunden worden – weswegen sie auch das Bild der Demonstrationen und Streiks pr&#228;gten.</p>
<p><em>40 Jahre nach der Revolte ziehen viele Alt-68er Bilanz. Was w&#228;re deine?<o></o></em></p>
<p>Offensichtlich ist das erkl&#228;rte Ziel vieler damaliger Aktivisten – den Kapitalismus durch eine menschenw&#252;rdigere Gesellschaft zu ersetzen – nicht erreicht worden. Dennoch wurde die herrschende Ordnung ersch&#252;ttert. In L&#228;ndern wie Italien dauerte es &#252;ber zehn Jahre, bis sich das politische System wieder im Sinne der Herrschenden stabilisiert hatte. Dazu waren, gerade in L&#228;ndern des S&#252;dens, enorme Repressionen notwendig. Allein die Tatsache, dass in einem Land wie Chile zehntausende linke Aktivisten durch das Milit&#228;r umgebracht werden mussten, um den Status quo wieder herzustellen, spricht B&#228;nde &#252;ber das Ausma&#223; der Radikalisierung.<br />
Von der Bewegung wurden aber auch konkrete Erfolge errungen. Denn Repression war nicht die einzige Methode der Herrschenden, um die 68er wieder einzufangen – es wurden auch Reformen zugestanden. In Deutschland beispielsweise war die kurze „Reform&#228;ra“ unter Willy Brandt ein Resultat der Studierendenrevolte und des darauf folgenden Aufschwungs von ArbeiterInnenk&#228;mpfen. Auch der Abzug der US-Armee aus Vietnam ist das Ergebnis von drei miteinander kombinierten Bewegungen: der bewaffneten Widerstandsbewegung der VietnamesInnen, der Friedensbewegung – vor allem in den USA, aber auch im Rest der Welt – und dem Widerstand innerhalb der amerikanischen Streitkr&#228;fte. Direktes Resultat war, dass die US-Armee jahrelang nicht mehr in anderen L&#228;ndern interveniert hat</p>
<p><em>’68 und heute: Wo siehst du Parallelen, wo Unterschiede?</em></p>
<p>Genau wie 1968 gibt es auch heute wieder global agierende Bewegungen – zu nennen sind vor allem die Globalisierungskritische Bewegung und die von vielen ihrer AktivistInnen getragenen weltweiten Anti-Kriegs-Proteste.<br />
Die Bewegungen Anfang des 21. Jahrhunderts waren von den Zahlen her viel gr&#246;&#223;er als 1968. An der gro&#223;en Demonstration gegen den drohenden Angriff auf den Irak am 15. Februar 2003 nahmen weltweit elf Millionen Menschen teil, Hunderttausende demonstrierten in Seattle, Genua, Heiligendamm und vielen anderen Orten gegen die kapitalistische Globalisierung. Wenn wir noch die unz&#228;hligen Menschen hinzuz&#228;hlen, die auf den verschiedenen Weltund Europ&#228;ischen Sozialforen miteinander diskutiert haben, dann stellt die Breite des Aktivismus 1968 in den Schatten. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Frage der Strategie der Gesellschaftsver&#228;nderung. 1968 platzte der franz&#246;sische Generalstreik in die Debatten der antikapitalistischen Minderheit. Die ArbeiterInnenbewegung wurde so zum strategischen Fokus, allgemein anerkannt als zentrale Kraft um die Gesellschaft grundlegend zu ver&#228;ndern.<br />
Heute sind wir in einer Phase, in der die ArbeiterInnenbewegung erst anf&#228;ngt, sich von schweren Niederlagen und organisatorischen Krisen zu erholen. Oftmals werden Gewerkschaften, gerade wenn sie noch stark in sozialpartnerschaftlichen Traditionen verhaftet sind, als konservative Kraft wahrgenommen. Zwischen der potentiellen Macht der Klasse und ihrer realen Aus&#252;bung klafft eine gro&#223;e L&#252;cke.<br />
Deshalb gibt es keine klare Antwort auf die Frage: Wer hat die Macht, die Welt grundlegend zu ver&#228;ndern?<br />
Dabei geht es der Masse der lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigten nach 30 Jahren neoliberaler Angriffe viel schlechter als 1968. Das f&#252;hrt auf der einen Seite zu Demoralisierung und Zersplitterung der ArbeiterInnenbewegung. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass eine Revolte wie ’68 weiter ausgreifen k&#246;nnte, weil die Kritik am globalen Kapitalismus viel allgemeiner ist. Wir sind in einer Zwischenphase zwischen gro&#223;en Revolten – wie die n&#228;chste aussieht wird auch davon abh&#228;ngen, ob es die Linke schafft, die Br&#252;cke zwischen der konkreten Lebenssituation der ArbeiterInnenklasse und einer radikalen Kritik des Kapitalismus zu schlagen.</p>
<p>Das Interview ist zuerst erschienen in <em><a href="http://www.marx21.de" target="_blank">marx21. Magazin f&#252;r internationalen Sozialismus</a> </em>5 (2008).</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>marx21.</em></p>
<p>Chris Harman ist Herausgeber des in London erscheinenden <em><a href="http://www.isj.org.uk" target="_blank">International Socialism Journal</a>.</em></p>
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		<title>Die Gleichzeitigkeit der Revolte</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:56:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.<br />
<span id="more-104"></span><br />
<em>In dem Sammelband „Weltwende 1968“ beleuchtet ihr das Jahr 1968 aus globalgeschichtlicher Perspektive. Warum ist es gerechtfertigt – bei aller Vielfalt und Ungleichzeitigkeit der Ereignisse um 1968 – von einem globalgeschichtlichen Ansatz auszugehen bzw. gegen welche anderen Deutungen und Herangehensweisen richtet sich der globalgeschichtliche Ansatz?</em></p>
<p>Was auff&#228;llt ist, dass es um 1968 &#252;berall in der Welt zu einem Aufleben des Protestes von Studierenden und von ArbeiterInnen kam – wir sehen 1968 dabei als eine Chiffre, die ungef&#228;hr eine Periode zwischen 1965 und 1975 bezeichnet. Das kann Zufall sein, das ist m&#246;glich. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Zufall ist, sondern dass es urs&#228;chliche Zusammenh&#228;nge gibt, die untersucht werden m&#252;ssen, um diese Gleichzeitigkeit zu erkl&#228;ren. Die traditionelle  Geschichtsschreibung beschr&#228;nkt sich nur auf den nordatlantischen Raum. Es gibt viele  Zwei-L&#228;nder-Vergleiche, wobei sich diese haupts&#228;chlich mit L&#228;ndern wie den USA, England, Frankreich, Deutschland oder Italien besch&#228;ftigen. Sehr selten kommt vielleicht noch Japan  hinzu, aber Lateinamerika, Afrika oder gro&#223;e Teile Asiens kommen in der Analyse eigentlich nicht vor. Dann sieht man diese Gleichzeitigkeit, diese globalen Gegebenheiten gar nicht, und  folglich werden diese auch nicht zu einer Frage. Insofern kann man den Sammelband auch als Intervention verstehen, als Versuch zu zeigen, dass es dieselben Entwicklungen auch in  anderen Teilen der Welt gegeben hat. Dadurch kann eine neue Sicht auf diese Periode entstehen.</p>
<p><em>Wie schon angesprochen wird 1968 in diesem Buch als Chiffre gehandhabt, die f&#252;r einen l&#228;ngeren Zeitraum gesellschaftlicher Umbr&#252;che, Rebellionen und politischer Mobilisierung steht. Auf die Frage, wie weit dieser Zeitraum gefasst werden soll, gibt es unterschiedliche Antworten, die nicht zuletzt R&#252;ckschl&#252;sse auf die allgemeine Deutung von 1968 zulassen.  Welche Periodisierung w&#252;rden Sie vorschlagen, und warum?</em></p>
<p>Ich habe mich an der Frage orientiert, wann sich das Aufleben der Proteste denn eigentlich transkontinental artikuliert hat. Ich w&#252;rde sagen, dass dies in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre deutlich wird. Als eines der allerersten Anzeichen w&#228;re da vielleicht das „Mississippi  Summer Project“ in den USA 1964 zu nennen. Von diesem Zeitpunkt an nimmt die Intensit&#228;t der Proteste zu. Es gibt vergleichende Studien &#252;ber Streikverhalten, aus denen hervorgeht,  dass in dieser Periode in vielen Teilen der Welt ein Aufleben von ArbeiterInnenk&#228;mpfen sichtbar wird. Gleichzeitig gibt es sehr viele studentische Bewegungen, ebenfalls zuerst wieder in den USA und sp&#228;ter dann in anderen Teilen der Welt. In Mexiko z.B. werden 1968 mindestens  f&#252;nfzig StudentInnen von der Polizei ermordet; in Argentinien kommt es 1969 zu dem so genannten Cordobazo, bei dem die Stadt Córdoba von ArbeiterInnen in Zusammenarbeit mit  StudentInnen zu einem befreiten Gebiet erkl&#228;rt wurde. So zeichnet sich eine Welle ab, die  etwa 1974/75 abebbt – um 1976 ist es dann vorbei. In Europa sieht man das z.B. an dem  ver&#228;nderten Streikverhalten, aber auch an Niederlagen der sehr ma&#223;geblichen radikalen Linken, etwa in Italien mit den Wahlen von 1976. Die Periodisierung bleibt immer ein bisschen willk&#252;rlich, weil jeder Protest nat&#252;rlich seine Vorgeschichte hat. Es gibt eigentlich keine richtig guten Kriterien und Ma&#223;st&#228;be die man verwenden kann, um zu sagen: „genau da hat die Bewegung angefangen“. Aber weitgehend besteht Einigkeit dar&#252;ber, 1968 als Chiffre f&#252;r eine Periode von  etwa acht bis zehn Jahren zu verstehen.</p>
<p><em>Der Titel Ihres Beitrages lautet: „1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit“. Welche  Erkl&#228;rungsans&#228;tze schlagen Sie vor, um die Synchronit&#228;t, um 1968 im Weltma&#223;stab zu begreifen?</em></p>
<p>Erstmal m&#246;chte ich sagen, dass mein Aufsatz sehr tentativ ist und eine genauere Analyse erst noch vorgenommen werden m&#252;sste. Ich w&#252;rde drei Faktoren vorschlagen, die uns helfen k&#246;nnten, 1968 im Weltma&#223;stab zu verstehen. Erstmal gibt es eine weltweite Expansion des  Bildungssektors. Die L&#228;nder mit wenig wirtschaftlichem Wachstum erlebten ebenso eine Expansion des Bildungssektors wie die reichen, avancierten kapitalistischen L&#228;nder. Es gibt  verschiedene Ans&#228;tze zur Erkl&#228;rung, warum das so sein k&#246;nnte. Immer mehr Leute werden alphabetisiert, die Zahl der Sch&#252;lerInnen an den Gymnasien steigt und die Universit&#228;ten  expandieren. Die Expansion des Bildungssektors hat mehrere Auswirkungen: wenn die relative Zahl der Studierenden sehr stark zunimmt, dann nimmt nat&#252;rlich auch ihre gesellschaftliche Bedeutung zu. Das zweite ist, dass durch diese Expansion ganz neue Gesellschaftsschichten in  der Universit&#228;t vertreten sind. Als es noch die kleinen Eliteuniversit&#228;ten gab, waren die meisten Studierenden Kinder von Studierenden. Aber in den sp&#228;ten 50er und 60er Jahren sieht man  weltweit, dass immer mehr Kinder aus anderen Schichten auch auf die Unis kommen. Diese haben oft ein anderes Verh&#228;ltnis zum Studium als AkademikerInnen. Damit h&#228;ngt auch die Entwicklung eines gewissen gewerkschaftlichen Bewusstseins zusammen. In vielen L&#228;ndern kommt es zur Bildung von StudentInnengewerkschaften. Die &#228;lteste ist nat&#252;rlich die Unef in Frankreich. Auch in Holland, in vielen romanischen L&#228;ndern, in Lateinamerika oder in Teilen  S&#252;dostasiens hat es solche Gewerkschaften gegeben. Durch die Massifizierung der Universit&#228;ten wurden die Verh&#228;ltnisse immer mehr anonymisiert. In einer Eliteuniversit&#228;t war es  normal, dass ein Professor seine StudentInnen alle pers&#246;nlich kannte. Es gab auch immer nur ganz wenige Studierende um den Professor herum. Es gab vielleicht noch einen Assistenten,  aber noch keine Zwischenschicht, wie sie sp&#228;ter, mit dem Wachsen der Universit&#228;ten entstanden ist. Zwischen den Professoren und den Studierenden befindet sich eine Schicht  von DozentInnen, a.o. Professoren, wie sie in &#214;sterreich hei&#223;en, usw. Es kommt zudem zu Quantifizierungen, Formalisierung und zu einer Anonymisierung. Die Uni erh&#228;lt immer mehr einen betrieblichen Charakter. Dann wird auch ein gewerkschaftliches Verhalten naheliegender.<br />
Der zweite Faktor, den ich in Betracht ziehe, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer langen Welle wirtschaftlichen Wachstums. Das gilt sowohl f&#252;r die hoch entwickelten kapitalistischen L&#228;nder als auch f&#252;r die weniger entwickelten kapitalistischen L&#228;nder. Das gilt ebenso f&#252;r den so genannten realen Sozialismus. Das Wirtschaftswachstum hielt bis Anfang der 60er Jahre an, w&#252;rde ich sagen. Das war ein weltweites Ph&#228;nomen. Mit dem Anstieg des Wohlstands ging dann beispielsweise die Entwicklung einer neuen  Konsumorientierung einher. Es entstand auch zum ersten Mal in der Geschichte eine Jugendkultur. Auf einmal gab es spezielle Kleidung und Musik f&#252;r Jugendliche – vor 1960 war das alles nicht so. Die Jugendlichen entwickelten ihre eigenen Subkulturen. Ein anderer Aspekt ist, dass, wenn das Wirtschaftswachstum anh&#228;lt, die Erwartungen bez&#252;glich  Lohnerh&#246;hungen und wachsendem Wohlstand steigen. Wenn diese dann entt&#228;uscht werden, kann gro&#223;e Unzufriedenheit entstehen. Mitte der 1960er Jahre sehen wir die ersten Anzeichen  einer Krise im Akkumulationsprozess. Die Krise mag dazu beigetragen haben, dass es weltweit eine Intensivierung der Arbeitsk&#228;mpfe gegeben hat. Nat&#252;rlich spielen auch die  Arbeitsverh&#228;ltnisse im Fordismus, die von Anonymisierung und Formalisierung gekennzeichnet sind, eine Rolle.<br />
Der letzte Faktor, den ich nenne, ist die Dekolonisation und ihre Auswirkungen. Der Prozess der Dekolonisation ging mit der Entstehung von Studierendenbewegungen in Afrika, Asien usw. einher. Gleichzeitig wurden StudentInnen in den reicheren L&#228;ndern von den verschiedenen  Rebellionen inspiriert, von Che Guevara, den Befreiungsbewegungen in Mosambik, von der Kubanischen Revolution – David Mayer schreibt dar&#252;ber in diesem Sammelband. Vor allem in Lateinamerika spielte diese Revolution eine wichtige Rolle. Auch die chinesische Kulturrevolution hatte weltweite Auswirkungen. Von vielen Menschen im Westen wurde sie falsch interpretiert und als anti-b&#252;rokratischer Massenkampf verstanden. Schon Mitte der 1960er Jahre gab es in  vielen Teilen der Welt maoistische Gruppen, die sehr aktiv waren. Dazu z&#228;hlen etwa die Naxaliten in Indien. Die Gruppe hat sich 1967 in dem Dorf Naxalbari gegr&#252;ndet. Auch in Sri Lanka gab es Maoisten…<br />
Alle diese Entwicklungen und Ereignisse kulminierten im Jahre 1968: es gab den Pariser Mai, den Prager Fr&#252;hling, die Tet-Offensive in Vietnam, das Massaker in Mexiko usw.</p>
<p><em>In der allgemeinen Erinnerung wird das Jahr 1968 meist mit StudentInnenrebellionen in Verbindung gebracht. In Ihrem Artikel betonen Sie vor allem die proletarische Dimension von 1968. Wieso erhielten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe bisher so wenig Aufmerksamkeit und warum ist es wichtig, diesem Aspekt gr&#246;&#223;ere Beachtung zu schenken?</em></p>
<p>Also ich glaube, Intellektuelle schreiben gerne &#252;ber Intellektuelle. So wie JournalistInnen gerne &#252;ber JournalistInnen schreiben. Oft sind die Ereignisse um 1968 Teil ihrer eigenen Autobiographie. Ich meine, dass man nicht &#252;ber den Pariser Mai schreiben kann, wenn die ArbeiterInnenk&#228;mpfe im Mai, Juni 1968 nicht erw&#228;hnt werden. Das w&#228;re eine Verzerrung der Wirklichkeit. Das gleiche gilt nat&#252;rlich f&#252;r den hei&#223;en Herbst in Italien 1969 usw.</p>
<p><em>Sie betonen, dass es in manchen L&#228;ndern zu einem Zusammenschluss von ArbeiterInnen und StudentInnen kam und in anderen nicht. Was k&#246;nnten Gr&#252;nde daf&#252;r sein, dass unter  bestimmten Umst&#228;nden Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen m&#246;glich waren und unter anderen Umst&#228;nden nicht?</em></p>
<p>Es gibt viele Faktoren, die da eine Rolle spielen. Ein Aspekt betrifft die Kommunikation der Studierenden mit den ArbeiterInnen. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass StudentInnenbewegungen, bei denen ein gro&#223;er Anteil der Studierenden aus der Unterschicht  kommt, sich eher mit ArbeiterInnenk&#228;mpfen verbinden. Die Forderungen von Studierenden werden je nach ihrer gesellschaftlichen Lage unterschiedlich sein. Wenn StudentInnen aus  ArbeiterInnenmilieus oder Bauernmilieus kommen, werden sie im Allgemeinen auch umso eher praktische Interessen in den Vordergrund stellen, etwa die Organisation des Studiums, die Kosten, die Studiengeb&#252;hren usw., w&#228;hrend aus den h&#246;heren Milieus ganz andere, etwas freischwebende Kritik kommt. Auf der anderen Seite m&#252;ssen nat&#252;rlich auch die Gewerkschaften eine Zusammenarbeit erlauben. In Deutschland war es ja so, dass die Gewerkschaften stark  zentralisiert waren und deshalb die zentrale Gewerkschaftsb&#252;rokratie direkten Einfluss auf die Basis haben konnte. Oft wurde ein Dialog zwischen ArbeiterInnen und StudentInnen bewusst  unm&#246;glich gemacht. Ausnahmen gab es nur ab und zu, z.B. als die IG Metall 1967-68 die Kampagne gegen die Notstandsgesetze mitgetragen hat. Im Allgemeinen ist die Aussage  zutreffend, dass, je st&#228;rker und je zentralisierter eine Gewerkschaft ist, umso weniger wird sie eine Zusammenarbeit mit StudentInnen erm&#246;glichen. Wenn eine Gewerkschaft sehr dezentral  funktioniert, k&#246;nnen verschiedene Ortsgruppen ihre eigenen Sachen machen, was die M&#246;glichkeit von Zusammenarbeit f&#246;rdert. Je schw&#228;cher die Gewerkschaft ist, desto mehr  profitiert sie von der Unterst&#252;tzung anderer. Ich glaube, darin liegt zum Teil die Erkl&#228;rung, warum z.B. in Italien eine Koalition zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen &#246;fter  vorgekommen ist als etwa in Deutschland.</p>
<p><em>Welche L&#228;nder, vor allem au&#223;erhalb Europas, w&#228;ren ein gutes Beispiel f&#252;r so eine Koalition?</em></p>
<p>Argentinien 1969, Córdoba, ist, denke ich, ein sehr gutes Beispiel. Es gab auch in S&#252;dafrika, zwischen schwarzen StudentInnen und Gewerkschaften gute Zusammenarbeit. In vielen F&#228;llen haben auch entweder Studierende oder ArbeiterInnen im Alleingang rebelliert.</p>
<p><em>In Ihrem Beitrag widmen Sie sich haupts&#228;chlich StudentInnenund ArbeiterInnenbewegungen. Wie ordnen Sie jene Bewegungen ein, die unter dem Begriff „neue soziale Bewegungen“ zusammengefasst werden (z.B. Frauen-,  B&#252;rgerInnenrechts- oder Friedensbewegung)? </em></p>
<p>Also erstmal grunds&#228;tzlich: neue soziale Bewegungen gibt es nicht. Ich bin der Meinung, dass der Begriff irref&#252;hrend ist. In dem Buch „Transnational Labour History“ erkl&#228;re ich diese Behauptung genauer. Wenn die verschiedenen Protestformen historisch studiert werden, dann  wird erkennbar, dass die so genannten neuen sozialen Bewegungen gar nicht so neu sind. Der Begriff sollte ja im Wesentlichen dazu dienen, alte soziale Bewegungen, wie etwa die  ArbeiterInnenbewegung, von den neuen Bewegungen abzugrenzen, um ihre vermeintliche Andersartigkeit, z.B. ihre Expressivit&#228;t, hervorzuheben. Der amerikanische Soziologe Craig  Calhoun hat einen Artikel mit dem Titel „New social movements in the early nineteenth century“ geschrieben. Er zeigt, dass die alten Bewegungen genauso auf Selbstexpressivit&#228;t  zielten wie die so genannten neuen sozialen Bewegungen jetzt. Es ist wahrscheinlich, dass, wenn es eine Welle von Massenprotesten gibt, am Anfang der expressive und k&#252;nstlerische  Aspekt ganz wichtig ist. Mit der Zeit durchl&#228;uft die Bewegung oft eine Routinisierung und expressive Aspekte werden geschw&#228;cht. Ich denke, genau das konnten wir in den 60er Jahren  beobachten. Es gab alte Bewegungen wie Gewerkschaften und die Sozialdemokratie, dann entstanden neue, expressivere Bewegungen. Aber die Themen und die Aktionsmittel dieser  Bewegungen sind nicht sehr weit von jenen &#228;lterer Bewegungen entfernt. Der amerikanische Soziologe Charles Tilly kommt zu der Folgerung, dass es eigentlich nur wenige Innovationen in  der Protestwelle von 1966 bis 1976 gegeben hat. Eine davon sei, dass die Eroberung des &#246;ffentlichen Raumes wichtiger geworden ist, d. h. es kam zu Platzbesetzungen,  Institutsbesetzungen etc. Aber zu den so genannten neuen sozialen Bewegungen: Die Frauenbewegung ist ja zum gr&#246;&#223;ten Teil eine Reaktion auf das Macho-Verhalten in der  StudentInnenbewegung und vielleicht auch in der ArbeiterInnenbewegung. Sie sprach auch M&#228;ngel in den fr&#252;heren Bewegungen um 1968 an. An dieser Stelle muss erw&#228;hnt werden, dass  es Frauenbewegungen ja auch schon fr&#252;her gab, n&#228;mlich in den 1920er Jahren und im 19. Jahrhundert. Mitte der 1960er Jahre entstanden wieder Ans&#228;tze einer Bewegung, aber die neue Frauenbewegung hat in den meisten L&#228;ndern eigentlich erst so um 1969 ihren Anfang genommen. Auch die Umweltbewegung bildete sich erst nach 1968. Es gab zwar schon davor ein paar Leute, die erkannt haben, dass das Umweltproblem wichtig werden w&#252;rde. Aber im Weltma&#223;stab ist die Umweltbewegung eigentlich erst Ende der 1970er und in den 1980er Jahren<br />
wichtig geworden. Diese Bewegungen stellen sehr wichtige Aspekte der Protestwellen dar.</p>
<p><em>Der Titel der Sammelbandes – „Weltwende 1968?“ – verweist auf die Frage, ob die Ereignisse um 1968 zu einer solchen Wende f&#252;hrten, ob diese globale Ver&#228;nderungen mit sich brachten. Kann 1968 Ihrer Meinung nach als Weltwende verstanden werden? Wenn ja, inwiefern und an welchen Auswirkungen im Weltma&#223;stab w&#252;rden Sie diese festmachen?</em></p>
<p>Hm, das ist die Gretchenfrage. Ich denke, die Bewegung ist als solche in einer Niederlage geendet. Emanzipation, Frauenbefreiung, ArbeiterInnenr&#228;te, da ist noch ein weiter Weg zu gehen. Wir sehen nat&#252;rlich auch, dass viele der M&#228;nner und Frauen, die damals aktiv waren,  ins andere Lager gewechselt sind. Joschka Fischer z.B., und wie sie alle hei&#223;en. Das ist schon schlimm. Gerade habe ich gelesen, dass der neue Chefredakteur vom Springerkonzern ein alter Autonomer ist, Thomas Schmid… Auf der anderen Seite denke ich, dass diese Bewegung vieles bewirkt hat. Man muss sehen, dass 1968 kulturelle Auswirkungen gehabt hat. So wurden etwa autorit&#228;re Verh&#228;ltnisse angekratzt, im Arbeitsverh&#228;ltnis, im Studium usw., auch wenn diese  Ver&#228;nderungen nicht so weit gegangen sind, wie es wahrscheinlich eigentlich gewollt war. Trotzdem sind wichtige &#196;nderungen passiert. Aber es gibt einen Haken daran. Mit der &#220;berwindung der alten autorit&#228;ren Verh&#228;ltnisse – obwohl das System nat&#252;rlich letztendlich autorit&#228;r bleibt – kam es gleichzeitig zu einem Modernisierungsschub des Kapitalismus. Das hat zu einer Pervertierung der Ideale der Bewegungen von damals gef&#252;hrt. Ein Beispiel ist das Ideal der Selbstentfaltung, das jetzt zu „jeder ist Unternehmer seiner selbst“ umformuliert wurde. Das macht die Auswirkungen von 1968 ambivalent. Ich glaube schon, dass es positive Einfl&#252;sse gegeben hat, aber gleichzeitig hat es auch – weil die Bewegungen im gro&#223;en Ma&#223;stab letztendlich in einer Niederlage geendet sind – dazu beigetragen, den Kapitalismus zu modernisieren.</p>
<p><em>In heutigen sozialen Bewegungen wird an das Jahr 1968 oftmals nur als einem fernen Erinnerungsort gedacht. Kann ein Bezug zu aktuellen K&#228;mpfen hergestellt werden? Was k&#246;nnen wir von den 68er Protesten lernen? Was kann die neue „neue Linke“ von der alten „neuen Linken“ lernen?</em></p>
<p>Ich w&#252;rde erst einmal feststellen, dass in dieser Protestwelle von etwa zehn Jahren in gro&#223;en Teilen der Welt zwei wesentliche Einfl&#252;sse auszumachen sind. Auf der einen Seite gab es direkt-demokratische Tendenzen. Das zeigt sich etwa an den zahlreichen Massenversammlungen, wo alle reden konnten, an den teach-ins sowie an den Versuchen, Arbeitsverh&#228;ltnisse zu demokratisieren und dergleichen mehr. Andererseits gab es die Tendenz zu Hierarchisierung und Zentralisierung, etwa in Form von Kaderparteien, ML-Gruppen usw. Beide Tendenzen traten gleichzeitig auf. Ich glaube wir k&#246;nnen – obwohl ich sp&#228;ter selber in der IV. Internationale war – mehr von den direkt-demokratischen Ans&#228;tzen als von den Parteiaufbau &#8211; Ans&#228;tzen lernen. Aber das h&#228;ngt auch damit zusammen, dass ich denke, dass jetzt nicht der richtige Moment ist, um eine Partei aufzubauen. Ich glaube, was die Linke jetzt tun kann, in Verh&#228;ltnissen wie z.B. in &#214;sterreich oder den Niederlanden, ist, vor allem Initiativen, wie etwa exemplarische  Aktionen, zu starten, die zum Nachdenken anregen oder enth&#252;llen. Parallel dazu m&#252;ssen die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse analysiert werden, um zu verstehen, was los ist. In einem  sp&#228;teren Stadium k&#246;nnen dann daraus vielleicht Ans&#228;tze f&#252;r eine breitere Organisation entwickelt werden. Bei der Theorieentwicklung k&#246;nnen wir, denke ich, einige Ans&#228;tze der 68er wieder aufgreifen, die vernachl&#228;ssigt worden sind. Insbesondere finde ich ein breites Interesse, nicht nur an politischer &#214;konomie usw., sondern auch an Psychologie, Kultur, Musik, wie es in den 68ern existiert hat, sehr wichtig. Man muss verstehen, dass im ganzen gesellschaftlichen Spektrum eine Alternative entwickelt werden muss, und dass man bei Protesten Fantasie haben muss.</p>
<p><em>1968 wird im Gedenkjahr hei&#223; diskutiert. Wie w&#252;rden Sie den Umgang mit dem Thema im Jubil&#228;umsjahr (in Medien, &#246;ffentlichen Debatten etc.) einsch&#228;tzen?</em></p>
<p>Vieles wird da ja noch kommen… Ich sehe verschiedene Tendenzen. Es gibt eine Tendenz, die behauptet, 1968 w&#228;re schrecklich gewesen, das Vorspiel vom Terrorismus sozusagen. Wolfgang Kraushaar behauptet z.B., dass Rudi Dutschke eigentlich schon ein Vorl&#228;ufer der RAF war. Ein weiteres Beispiel ist nat&#252;rlich G&#246;tz Aly mit seinem Buch „Unser Kampf“… der war aber eigentlich gar kein 68er, sonder ein 74er oder so, der auch eine Zeit bei den Maoisten war. Ich finde, das ist alles Unsinn. Das ist Quatsch. Es ist sehr bedauerlich, dass Menschen versuchen, etwas so in den Dreck zu zerren.<br />
Die andere Tendenz ist vielleicht genauso schlimm. Es handelt sich um die alten 68er, die jetzt in romantisierender und harmonisierender Weise auf 1968 blicken und die Geschehnisse und Ideen damit gleichzeitig ungef&#228;hrlich machen.<br />
Eine dritte Tendenz gibt es auch. Es ist die der seri&#246;sen Aufarbeitung, auch, um daraus zu lernen. Vieles war sehr gut an 1968. Wir m&#252;ssen aber auch verstehen, was falsch gelaufen ist, also die Fehler verstehen, die gemacht wurden, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszusch&#252;tten. Die guten Elemente sollten bewahren werden.</p>
<p><em>Zum Abschluss noch eine pers&#246;nliche Frage. Was tat Marcel van der Linden 1968?</em></p>
<p>Ich bin ja erst von 1952. 1968 war ich sechzehn Jahre alt. Aber ich kann erz&#228;hlen, dass auch bei mir etwas mirakul&#246;ses geschehen ist. Ich komme aus einem sehr konservativen Milieu, mein Vater war ein gro&#223;er Bewunderer der Nato. Er ging jedes Jahr zu einer Musikshow, die von der Nato veranstaltet wurde. Ich ging damals mit und war auch begeistert von der Nato. 1968 ist aber anscheinend was geschehen. Sehr gegen den Willen meines Vaters bin ich dann Mitglied bei der so genannten pazifistisch-sozialistischen Partei geworden. Die gibt es heute nicht mehr, aber damals hatte sie Sitze im Parlament – das war so das Radikalste, was wir hatten. Seitdem bin ich im Lager der radikalen Linken geblieben. Warum das nun genau so geschehen ist, wei&#223; ich nicht. Vielleicht handelt es sich dabei um eine breitere Frage: Kann man eigentlich bei sich selber rekonstruieren, warum man auf einmal einen anderen Standpunkt einnimmt als zuvor? Diese Frage m&#252;ssen sich die richtigen 68er nat&#252;rlich auch stellen. Was ist denn eigentlich mit mir geschehen damals, dass ich, als kleinb&#252;rgerlicher Konservativer oder so, pl&#246;tzlich radikal war und in einer Kommune leben wollte und all diese Dinge.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p>Marcel van der Linden ist Forschungsdirektor des Internationalen Instituts f&#252;r Sozialgeschichte in Amsterdam und zur Zeit Gastprofessor am Institut f&#252;r Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien.<br />
Zuletzt erschien von ihm <em>Transnational Labour History</em>. <em>Explorations</em>, Aldershot 2003, sowie <em>Western Marxism and the Soviet Union. A survey of critical theories and debates since 1917</em>, Leiden 2007.</p>
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		<title>1968 oder Der Konflikt um die Demokratie</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.<br />
<span id="more-105"></span><br />
Vierzig Jahre nach 1968 gibt es erneut einen Streit um die politische Bedeutung der Protestbewegung der sp&#228;ten 1960er Jahre. G&#246;tz Aly, selbst aus der damals sich wieder formierenden radikalen Linken kommend und mittlerweile ein angesehener Historiker des Nationalsozialismus, geht, wie andere vor ihm, auf Distanz zu seiner Geschichte, indem er in seinem j&#252;ngsten Buch, in Artikeln und Interviews nahegelegt, dass es zwischen der studentischen Protestbewegung und dem Nationalsozialismus eine intergenerationelle Gemeinsamkeit gegeben habe. Diese Gemeinsamkeit sieht er in der Kritik am System, in der politischen Form der Bewegung, im Antiamerikanismus, im Antisemitismus. Die Reaktion auf Alys Provokation f&#228;llt angemessen aus, der Mangel an Seriosit&#228;t dieser formalen Analogien wird zurecht zur&#252;ckgewiesen. Doch bedeutend an dem Vorgang ist, dass die „Ideen von 1968“, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, wieder einmal Gegenstand einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung geworden sind und dass es nicht gelingt, diese Jahre Vergangenheit sein zu lassen. Darin besteht tats&#228;chlich mehr als eine Analogie: wie der Nationalsozialismus verlangt auch „1968“, historisch und gesellschaftspolitisch Position zu beziehen &#8211; und dies ist der Fall, weil sie in einem inneren Zusammenhang stehen. „1968“ war der Gegensatz zum Nationalsozialismus. Dieses Schl&#252;sseljahr steht f&#252;r die gesellschaftspolitische Alternative: nachdem der Nationalsozialismus die sozialistische Linke in Deutschland vernichtet hatte, entstand sie „1968“ von innen und auf der H&#246;he der Zeit wieder neu. Das lie&#223; sie manchmal triumphalistisch und moralisierend-autorit&#228;r werden, so als k&#246;nne sie nachtr&#228;glich die tiefe Niederlage der deutschen und europ&#228;ischen Linken, so als k&#246;nne sie die Barbarei des millionenfachen Mordes durch den deutschen Staat die Protestbewegung aus der Geschichte streichen. Aber sie machte erfahrbar, dass die Normalit&#228;t des Kapitalismus, dass auch der Nationalsozialismus und seine Verbrechen politisch hergestellt war und es Entwicklungsperspektiven jenseits des Bestehenden gibt. Den Konflikt um „1968“ muss die Linke austragen, aber die Vorw&#252;rfe, die Aly erhebt, kann sie gelassen zur Kenntnis nehmen, denn kein einziger ist neu und wird durch Wiederholung nicht wahrer. Sie wurden innerhalb der Linken &#252;ber viele Jahre immer wieder diskutiert, die Zeitschrift „links“ des Sozialistischen B&#252;ros ver&#246;ffentlichte seit den 1970er Jahren viele Artikel zu diesem Problemkontext. Schon w&#228;hrend der Jahre der Protestbewegung gab es unter den akademischen Lehrern der Protestierenden diese Vorbehalte: Horkheimer sah in der Kritik am US-amerikanisch gef&#252;hrten Krieg in Vietnam Antiamerikanismus, der an die Stelle des offiziell verbotenen Antisemitismus getreten war, Habermas warf den Sprechern der Proteste angesichts ihres laxen Verh&#228;ltnisses zur Gewalt als Propagandamittel Linksfaschismus vor, Adorno beklagte sich, dass die Protestierer mit ihren Protestmethoden die Wissenschaftsfreiheit einschr&#228;nkten.</p>
<h3>Selbstaufkl&#228;rung und Selbsreflexivit&#228;t</h3>
<p>Man mu&#223; solche Kritiken ernst nehmen und die Geschichte und Gegenwart der Linken wieder und immer wieder auf autorit&#228;re Tendenzen pr&#252;fen. Das ist im Interesse der (sozialistischen) Linken selbst und ihres Projektes. Sie will die Gesellschaft emanzipieren und ver&#228;ndern; es geh&#246;rt zu ihrem Anspruch, f&#252;r ihre Ziele und ihr Handeln wissenschaftliche, also &#252;berpr&#252;fbare, allgemein einsehbare, kritische, verwerfbare Argumente zu haben. Doch was w&#228;re, wenn die, die f&#252;r Emanzipation eintreten, selbst autorit&#228;r sind? Es geh&#246;rt zu den bitteren Erfahrungen der Kritischen Theorie in den 1930er Jahren, da&#223; viele derjenigen, die aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft als Sozialisten oder Kommunisten gelten konnten, autorit&#228;r orientiert und Mitl&#228;ufer der Macht egal welcher Richtung waren. Der sich aus einem solchen Wissen ergebende, selbstaufkl&#228;rerische Impuls, diese reflexive Wendung auf die eigene politische und theoretische Praxis sollten nicht aufgegeben werden. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das die Protestbewegung der bundesdeutschen Linken erschlossen hat – diese sollte sich durch die Dummheit manipulatorischer Geschichtspolitiker die Praxis der Selbstaufkl&#228;rung nicht enteignen und dumm machen lassen. Selbstverst&#228;ndlich mu&#223; die Linke sich misstrauisch pr&#252;fen, ob in ihr autorit&#228;re Tendenzen enthalten sind. Das war 1968, in den proletarisch gewendeten Organisationen der Neuen Linken, den Gr&#252;nen der Fall: es gab Antisemitismus, es gab politischen Kadavergehorsam, es gab Wendeh&#228;lse – aber es gab auch reale Aufkl&#228;rungs- und Emanzipationsprozesse. Es gab die Befreiungsversuche hin zu einer radikalen Alltagskultur in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschlechtern, eine Zur&#252;ckweisung des Heterosexismus und der Homophobie, Kritik an der Zerst&#246;rung der Natur und der sinnlosen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft; Schule, Hochschule, Geschlechterverh&#228;ltnis sollten emanzipiert und demokratisiert werden. Wenn G&#246;tz Aly sagen will, da&#223; die Kr&#228;fte dieser Emanzipation noch zu sehr der Geschichte verhaftet blieben, noch zu wenig radikal waren, manches immer noch zu autorit&#228;r war, dann mu&#223; man sagen: recht hat er. Es hat nicht ausgereicht. Aber seine Kritik diskreditiert nicht das, was geleistet wurde, sondern die Kr&#228;fte und Verh&#228;ltnisse, die verhindert haben, dass nicht mehr erreicht wurde.</p>
<h3>Demokratisches Potential und sozialistische Traditionen</h3>
<p>Mit der parlamentarischen Demokratie arrangierten sich die Besiegten, die nur widerwillig Befreite sein wollten; auf vielen verantwortlichen Positionen der Politik, der Wirtschaft, der Justiz waren weiterhin fr&#252;here Nazi-Funktion&#228;re aktiv, die nun absurderweise in Anspruch nehmen durften zu definieren, was Demokratie sei. Das Verst&#228;ndnis von Demokratie blieb paternalistisch, formal, konventionell und autorit&#228;r. Die Protestbewegung machte mit der Demokratie Ernst. Unter den Studierenden hatten nach einer Studie, die J&#252;rgen Habermas und Ludwig von Friedeburg Ende der 1950er Jahre am Institut f&#252;r Sozialforschung durchgef&#252;hrt hatten, gerade einmal neun Prozent ein definitiv demokratisches Potential, 16 Prozent aber ein definitiv autorit&#228;res Potential, der Rest von 66 Prozent erwies sich als mehr oder weniger unprofiliert, war also empf&#228;nglich f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderungen in die eine oder andere Richtung. In einem solchen als Restauration erfahrenen Klima verbot 1961 die SPD ihren Parteimitgliedern, im SDS oder seiner F&#246;rderergesellschaft Mitglied zu sein. Mit der Einschr&#228;nkung der innerparteilichen Demokratie wollte man nach der Godesberger Wende der Partei den unbequemen Studentenverband und die sozialistischen und marxistisch orientierten Mitglieder der Partei loswerden. Gerade durch den Unvereinbarkeitsbeschlu&#223; jedoch wurde der SDS in den 1960er Jahren das Zentrum der gesellschaftlichen Opposition. Denn er bot einen politischen und Erkenntniszusammenhang, der es erm&#246;glichte, sich Marx, die Erfahrungen der sozialistischen Bewegung wieder anzueignen, also jene Tradition, die das deutsche B&#252;rgertum zu vernichten versucht hatte. Kritische Intellektuelle wie Georg Lukács, Leo Kofler, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno konnten hier auf &#252;berraschende Weise Resonanz f&#252;r ihre Probleme und Argumente finden. Von b&#252;rgerlicher Seite wurde der Verdacht ge&#228;u&#223;ert, dass der SDS eine Organisation sei, die dem &#246;stlichen Totalitarismus zuarbeiten w&#252;rde. Doch selbst der CDU zuneigende Wissenschafter wie Rudolf Wildenmann und Max Kaase mussten als Ergebnis einer 1968 durchgef&#252;hrten Befragung feststellen, dass keine Gruppe der westdeutschen Gesellschaft so genau die Prinzipien der Demokratie verstand und so entschieden f&#252;r sie eintrat wie die Mitglieder des SDS. Dieser hatte seine demokratische Haltung schon l&#228;ngst bewiesen mit seiner Kampagne gegen die Notstandsgesetze, die ihn mit der IG-Metall unter Otto Brenner und mit linken Liberalen in einem B&#252;ndnis zur Verteidigung der Demokratie gegen ihre angeblichen Repr&#228;sentanten zusammenbrachte. Ein erster H&#246;hepunkt war der in Frankfurt im Oktober 1966 durchgef&#252;hrte Kongress „Notstand der Demokratie”, der das Ziel hatte, den bef&#252;rchteten Anf&#228;ngen zu wehren. An der Abschlusskundgebung nahmen 25.000 Menschen teil. Die gro&#223;e Koalition unter dem fr&#252;heren Nazi-Funktion&#228;r Kissinger l&#246;ste als eine zweifelhafte Allianz, von der bef&#252;rchtet wurde, dass sie hinter der parlamentarischen Fassade die Demokratie abwickeln w&#252;rde, Proteste aus: „Notstandsgesetze: Kapitalismus f&#252;hrt zum Faschismus” war eine der Parolen. Demokratie, so hie&#223; es in einem Flugblatt gegen die verbreitete Hetze gegen die Protestbewegung, hei&#223;e nicht Friedhofsruhe. Am 11. Mai 1968, in der Hochphase der weltweiten Protestbewegung, kam es in Bonn anl&#228;sslich der bevorstehenden dritten parlamentarischen Lesung der Notstandsgesetze zu einem Sternmarsch, an dem sich 60.000 Demonstranten beteiligten. In den folgenden Tagen fanden bundesweit Proteste, Kundgebungen, Demonstrationen, teach-ins, Universit&#228;tsbesetzungen statt. Erkl&#228;rt wurde, dass ein Staat zu bek&#228;mpfen sei, der die Demokratie beseitigen wolle. Diese Demonstrationen, die Sensibilisierung f&#252;r Gef&#228;hrdung demokratischer Prozesse und Verfahren, die Entstehung gegenkultureller Zusammenh&#228;nge und Alltagsgewohnheiten – das alles hat dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen in den Parteien und Gewerkschaften organisierten und neue demokratische Beteiligungsformen etabliert wurden; die sozialen Bewegungen haben in den folgenden Jahrzehnten Millionen Menschen in den demokratischen Prozess hineingezogen.</p>
<h3>Wider die Denunziation</h3>
<p>Unter den Studierenden der 1990er Jahre war die Gruppe der Autorit&#228;ren nicht kleiner als Ende der 1950er Jahre, aber der Anteil der demokratisch Studierenden hatte deutlich auf ein Viertel zugenommen; und die am entschiedensten demokratisch Orientierten sahen sich auch am deutlichsten auf der linken Seite des politischen Spektrums. Dabei wird man sich nicht beruhigen k&#246;nnen, der Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen, die sich aus Prozessen der Gesellschaftsver&#228;nderung im Namen der Freiheit ergeben, kann autorit&#228;re Anwandlungen beg&#252;nstigen. Doch die Linke und die politische Form der Bewegung umstandslos als autorit&#228;r und nationalsozialistisch zu denunzieren – davon zu sprechen, der Nationalsozialismus sei eine Bewegung gewesen, sitzt selbst schon der Nazi-Propaganda auf –, schw&#228;cht nicht nur die Praxis demokratischer Ver&#228;nderung, sondern auch die darin enthaltenen M&#246;glichkeiten selbstkritischer &#220;berpr&#252;fung und Korrektur.</p>
<p>Alex Demirovic lehrt Politikwissenschaft an der TU Berlin. Zuletzt ist von ihm erschienen: <em>Demokratie in der Wirtschaft. Positionen &#8211; Probleme &#8211; Perspektiven</em>, M&#252;nster 2007 sowie <em>Nicos Poulantzas. Aktualit&#228;t und Probleme materialistischer Staatstheorie</em>, M&#252;nster 2007.</p>
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		<title>Dimensionen der Rebellionen</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:54:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.<br />
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Es ist angerichtet. Schon lange bevor sich der vermeintliche H&#246;hepunkt des Jahres 1968, der viel beschworene „Pariser Mai“, zum vierzigsten Mal j&#228;hrt, ist das Thema „1968“ in aller Munde; ZeitzeugInnen erinnern sich, HistorikerInnen rechnen ab, Talkshowg&#228;ste &#228;u&#223;ern sich und Zeitungen bringen Doppelseiten. Die in diesen Debatten offenkundig vorherrschende Wahrnehmung von „1968“ als einem von (west-)europ&#228;ischen und US-amerikanischen Studierenden ausgehenden, wenige Monate andauernden Ph&#228;nomen zu korrigieren und das Bild eines anderen „1968“ zu zeichnen, haben sich zwei in ihrem Ansatz durchaus verschiedenartige Sammelb&#228;nde zur Aufgabe gemacht: „Weltwende 1968. Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive” und „1968 und die Arbeiter. Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“, herausgegeben von Jens Kastner und David Mayer bzw. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn.</p>
<h3>Leerstellen und Bausteine</h3>
<p>Den differenziertesten &#220;berblick &#252;ber m&#246;gliche Deutungsmuster von „1968“ bietet dabei zun&#228;chst „Weltwende 1968“, machen die beiden in Wien lebenden Herausgeber in ihrer Einf&#252;hrung doch explizit die Verk&#252;rzungen und Leerstellen g&#228;ngiger Interpretationen zum Ausgangspunkt f&#252;r ihre eigenen &#220;berlegungen. Statt also, wie im vorherrschenden Diskurs &#252;blich, „1968“ auf „Studentenunruhen“ oder einen „Generationenkonflikt“ zu reduzieren und somit den Fokus allein auf ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu richten oder durch die Einschr&#228;nkung auf Nordamerika und Westeuropa andere Weltregionen und Zusammenh&#228;nge jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu &#252;bersehen, formulieren Kastner und Mayer das Vorhaben, insbesondere die Rolle der ArbeiterInnen in den Blick zu nehmen und dabei eine globalgeschichtliche Perspektive einzunehmen, die &#252;ber blo&#223;e „Fallstudien-Addition“ hinausgeht. Ebenfalls gegen verbreitete Deutungs- und Erinnerungsmuster richtet sich ihr Verst&#228;ndnis von „1968“ als „Chiffre“ f&#252;r „einen l&#228;ngeren Zeitraum verst&#228;rkter gesellschaftlicher Umbr&#252;che, sozialer und politischer Mobilisierungen und intellektueller wie k&#252;nstlerischer Erneuerung (…) – ein ‚transnational moment of change‘“ (10f.). Auch wenn &#252;ber die genauen Grenzen ihrer konkreten Datierung von „1968“ – vom Beginn der kubanischen Revolution 1959 bis zum „&#214;lschock“ und dem Putsch gegen Allende in Chile 1973 – sicherlich zu streiten w&#228;re, so erweist sich diese Periodisierung ob ihrer Breite schlussendlich ebenso als gewinnbringend wie der Wunsch, an die Stelle der mit den Worten „Erinnerung, Betroffenheit, Aufarbeitung und Abrechnung“ (8) treffend beschriebenen Form der gesellschaftlichen Debatte &#252;ber „1968“ eine neue „Historisierung“ treten zu lassen. Eine solche, der „Distanz im Blick“ verpflichtete Perspektive k&#246;nnte, so die Hoffnung von Kastner und Mayer, dazu beitragen, „1968“ f&#252;r linke und emanzipatorische Debatten anschlussf&#228;hig zu machen und dabei jene, dem gesellschaftlichen Status quo verpflichteten Deutungsmuster zu durchbrechen, die „1968“ entweder neokonservativ zum Ausgangspunkt allen &#220;bels erkl&#228;ren oder es als zwar notwendigen, in seiner Radikalit&#228;t jedoch &#252;bertriebenen Beginn einer im Jahr 1989 und dem Ende der Geschichte kulminierenden Liberalisierungs- und Modernisierungswelle westlicher Gesellschaften identifizieren.</p>
<h3>Bedingungen und Bewegungen</h3>
<p>Gegen derlei Verk&#252;rzungen oder Kooptationsversuche – und leider nicht immer ganz im Einklang mit den hohen, von den Herausgebern formulierten Anspr&#252;chen – wird „1968“ im Anschluss auf ca. 170 Seiten von insgesamt zw&#246;lf AutorInnen entlang von sechs bisher vernachl&#228;ssigten Dimensionen als einem globalen und transnationalen Ph&#228;nomen nachgegangen. Den Anfang macht dabei Marcel van der Linden, der die „rebellische Periode“ (23) um 1968 &#252;berblicksartig aus einem eher <em>strukturorientierten</em>, auf soziale und &#246;konomische Ver&#228;nderungsprozesse fokussierenden <em>Erkl&#228;rungsansatz </em>heraus untersucht und dabei <em>Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em> insbesondere im Hinblick auf das Zusammentreffen von studentischem Protest und Formen des Arbeitskampfes zu l&#246;sen versucht. Demnach lassen sich auf struktureller Ebene drei Faktoren ausmachen, deren Zusammenwirken „1968“ erm&#246;glichte: das starke weltweite Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit und dessen langsames Erlahmen Ende der 1960er Jahre, die allgemeine Expansion des Bildungssektors sowie der sich nach 1945 rapide beschleunigende Prozess der Dekolonisierung. Die gro&#223;e H&#228;ufigkeit von Studierendenund ArbeiterInnenprotesten sowie ihr fast weltweites Auftreten in jener Zeit w&#228;ren, so die &#220;berlegung van der Lindens, aus der Verbindung dieser strukturellen Faktoren mit „externen“ Ereignissen wie der Kubanischen Revolution sowie mit wechselseitigen Lernprozessen der vielfach auch ideologisch transnational orientierten Bewegungen und Organisationen zu erkl&#228;ren. Im Gegensatz zu dieser schl&#252;ssigen These wirken van der Lindens knappe &#220;berlegungen zu den Umst&#228;nden, unter denen ein Zusammenkommen von Studierenden- und ArbeiterInnenprotesten „1968“ m&#246;glich bzw. wahrscheinlich war, indes etwas gar kurz geraten.<br />
Jedenfalls scheinen sie kaum in der Lage, die Situation in jenen beiden L&#228;ndern zu erkl&#228;ren, die in „Weltwende 1968“ exemplarisch f&#252;r die zweite, <em>proletarische Dimension von „1968“</em> stehen und in denen Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen tats&#228;chlich eine bedeutsame Rolle spielten: Spanien und Italien. So zeigt Reiner Tossdorff unter dem Titel <em>Proletarischer und studentischer Protest unter Franco. 1968 in Spanien</em>, wie sich Studierenden- und ArbeiterInnenbewegungen hier bereits seit Mitte der 1950er Jahre in parallel verlaufenden Wellenbewegungen entwickelten und 1968 schlie&#223;lich in gemeinsamen Aktionen m&#252;ndeten. Auch wenn die spezifischen Bedingungen der Francodiktatur dabei auf das Aufkommen, die Form sowie den Verlauf der K&#228;mpfe einen entscheidenden Einfluss hatten, so war umgekehrt weder die weite Verbreitung so genannter Arbeiterkommissionen noch der Umstand, dass im Hinblick auf deren Aktivit&#228;ten „das Jahr 1968 nur einen von mehreren H&#246;hepunkten in einer aufsteigenden Phase [bildete]“ (202), auf Spanien beschr&#228;nkt. Vielmehr treffen beide Charakteristika auch auf <em>Das lange italienische 1968</em> zu, das Dario Azzellini in seinem Beitrag zu analysieren sucht. St&#228;rker noch als in Spanien und anderswo gelang es hier in der Hochphase studentischen Protests 1967-69, diesen mit den v. a. in den Industriest&#228;dten Norditaliens auftretenden Fabrikk&#228;mpfen zu verkn&#252;pfen. Wie Azzellini nachzeichnet, waren es die in jener Zeit entstandenen autonomen ArbeiterInnenstrukturen, die ein Fortf&#252;hren der K&#228;mpfe in den von versch&#228;rfter Repression, terroristischen Anschl&#228;gen von Rechts und zunehmender Radikalisierung der ArbeiterInnen gepr&#228;gten 1970er Jahren erm&#246;glichten und zugleich zum zunehmend klandestinen Rekrutierungsfeld militanten Widerstandes wurden. Der im Zusammenhang mit autonomen Kampf- und Organisationsformen zentrale Einfluss des Operaismus oder auch die gro&#223;e Bedeutung sub- und jugendkultureller Praxen verweist – wenngleich von Azzellini in ihrem Verh&#228;ltnis zur „alten“, parteif&#246;rmig und gewerkschaftlich organisierten Linken nur unzureichend analysiert – bereits auf ein drittes transnationales Moment von „1968“: die <em>Neue Linke</em> und das Auftauchen der sogenannten <em>neuen sozialen Bewegungen</em>.</p>
<h3>Neue Linke</h3>
<p>Unter dem Stichwort <em>Wende im Geschlechterverh&#228;ltnis? Feminismus und Frauenbewegung</em> widmet sich zun&#228;chst Kristina Schulz dem Feminismus der 1970er Jahre und seiner ambivalenten Beziehung zur 68er Bewegung im engeren Sinn. Diese neue, zweite Frauenbewegung sei, so Schulz, mit Blick auf Inhalte oder organisatorische Ressourcen zwar durch „1968“ und die Neue Linke entscheidend mit auf den Weg gebracht worden, h&#228;tte jedoch mit ihrer lautstarken Kritik an der Reproduktion patriarchaler Strukturen bald den offenen Bruch mit den m&#228;nnlichen Bewegungsanh&#228;ngern gesucht. Dass diese Abgrenzung v. a. in der von der Neuen Linken gepr&#228;gten Form der Provokation stattfand, wertet Schulz umgekehrt wieder als Indiz daf&#252;r, „dass die Bedeutung von ‚1968‘ f&#252;r die Entstehung der neuen Frauenbewegung kaum &#252;bersch&#228;tzt werden kann“ (49). Unabh&#228;ngig davon, welche konkrete Jahreszahl schlussendlich als „Geburtsstunde“ der neuen Frauenbewegung fungiert, wird doch deutlich, dass „1968“ hier eher den Beginn als das Ende einer Entwicklung markiert. G&#228;nzlich anders verh&#228;lt es sich demgegen&#252;ber mit dem Gegenstand von Albert Scharenbergs Artikel <em>Die B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA. Nationale und internationale Aspekte ihrer Mobilisierung und Radikalisierung im Vorfeld von „1968“</em>. Denn wie Scharenberg ersichtlich macht, erreichte der organisierte, breite Widerstand gegen die gesetzliche „Rassentrennung“ im S&#252;den der USA ausgehend von dem sogenannten <em>Montgomery Bus Boycott</em> von 1955 ihren H&#246;hepunkt bereits Mitte der 1960er Jahre in der zumindest teilweise erfolgreichen B&#252;rgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Und auch wenn es 1968 in Folge der Ermordung von King in vielen St&#228;dten zu gewaltt&#228;tigen Aufst&#228;nden der schwarzen Community kam, muss dieses Jahr selbst in Hinblick auf die in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre erstarkende, radikalisierte <em>Black-Power-</em>Bewegung als das Ende des Protestzyklus interpretiert werden. Warum die B&#252;rgerrechtsbewegung trotz dieser nur bedingten Gleichzeitigkeit ein ganz zentraler Einflussfaktor von „1968“ wurde, illustriert Scharenberg an Malcolm X, der, indem er zwischen der Unterdr&#252;ckung sozialer Gruppen in den kapitalistischen Metropolen des globalen Nordens und den antikolonialen K&#228;mpfen im globalen S&#252;den eine Verbindung herstellte, etwas von dem vorwegnahm, was aus der Sicht der Herausgeber von „Weltwende 1968“ ganz entscheidend zum transnationalen, globalen Charakters von „1968“ beitrug: die gemeinsame positive Bezugnahme auf den <em>Antikolonialismus </em>in Verbindung mit den realen Prozessen der <em>Dekolonisierung</em>.</p>
<h3>Antikoloniale Aufst&#228;nde</h3>
<p>Diesen komplexen Zusammenhang ein St&#252;ck weit offen zu legen, macht sich David Mayer in seinem Beitrag <em>Vor den bleiernen Jahren der Diktatur. 1968 in und aus Lateinamerika</em> zur Aufgabe. Als Ausgangspunkt w&#228;hlt er dabei die Kubanische Revolution, deren weltweite Anziehungskraft er v. a. darauf zur&#252;ckf&#252;hrt, dass hier ein „prononciert internationalistisches Projekt mit universalen Anspr&#252;chen“ begr&#252;ndet wurde, das als „Befreiungsverhei&#223;ung f&#252;r die gesamte Dritte Welt“ (150) nicht nur in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens als Vorbild dienen konnte, sondern auch den Phantasien der Neuen Linken in den kapitalistischen Metropolen einen konkreten Ausdruck zu geben vermochte. Dass die kubanische Revolution jedoch nicht einmal in Lateinamerika selbst eine tats&#228;chliche F&#252;hrungsrolle &#252;bernehmen konnte, verweise, so der Autor, umgekehrt auf den Charakter einer „Weltwende“, die angesichts der „Vielstimmigkeit der Akteure“ (147) ohnehin nie den Charakter einer Revolution im engeren Sinne gehabt habe. Gleichzeitig w&#228;re es freilich falsch, „1968“ in Lateinamerika auf Kuba zu reduzieren. Denn wie Mayer abschlie&#223;end darstellt, entstanden insbesondere w&#228;hrend „1968 im engeren Sinne“, d. h. zwischen 1967 und 1969, auch in anderen L&#228;ndern des Kontinents eine Vielzahl von Protesten und Revolten, die etwa im argentinischen <em>cordobazo </em>oder in Mexiko durch die Verbindung von Studierenden- und ArbeiterInnnenprotesten &#252;beraus wirkungsm&#228;chtig wurden. Durchaus w&#252;nschenswert w&#228;re ein solcher &#220;berblick &#252;ber die Situation in verschiedenen L&#228;ndern indes auch im Hinblick auf die Entwicklungen in Afrika gewesen, hat Amadou Lamine Sarrs Beitrag <em>Mai 68 im Senegal. Fortsetzung des Unabh&#228;ngigkeitsprozesses in Afrika?</em> – anders als im Titel angek&#252;ndigt – doch weitgehend den Charakter einer einzelnen L&#228;nderstudie. Denn auch wenn der Autor in Senegal lediglich ein Fallbeispiel f&#252;r die Situation in jenen westafrikanischen Staaten zu sehen scheint, die in den 1960er Jahren trotz formaler Unabh&#228;ngigkeit mit strukturellen Abh&#228;ngigkeiten, neokolonialistischen Projekten europ&#228;ischer Regierungen und best&#228;ndigen gesellschaftlichen Krisen zu k&#228;mpfen hatten, so bleibt letztlich unklar, ob und wenn ja, wie und aus welchen spezifischen Problemkonstellationen heraus sich der Widerstand der lokalen Bev&#246;lkerungen im Rahmen eines „afrikanischen Mais 68“ (142) auch in anderen afrikanischen L&#228;ndern in derart massiver Art und Weise als de facto „Volksaufstand“ (141) artikulieren konnte wie im Senegal. Auch bleibt im Dunklen, wie und warum dort die zun&#228;chst v. a. von Studierenden getragene, sich in Folge einer Solidarisierungswelle unzufriedener Sch&#252;lerInnen und ArbeiterInnen aber mehr und mehr verbreiternde Protestbewegung letztlich zum Erliegen kam.</p>
<h3>Revolte im „Realsozialismus“</h3>
<p>Dass sich diese Revolte im Senegal v. a. aus dem Gef&#252;hl eines uneingel&#246;sten Versprechens (in diesem Fall das der Dekolonisierung) speiste, verbindet sie indes mit jenen Entwicklungen und Umbr&#252;chen, die „1968“ in <em>Ost- und S&#252;dosteuropa</em> stattfanden. Wie Boris Kanzleiter in seinem Text <em>Die affirmative Revolte. 1968 in der Sozialistischen F&#246;derativen Republik Jugoslawien (SFRJ)</em> betont, waren es hier die Versprechen des Kommunismus in seiner konkreten Ausformung des jugoslawischen „Modells“ selbst, die von der Protestbewegung – gepr&#228;gt durch die Neue Linke – in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre gegen die bestehenden autorit&#228;r-hierarchischen Machtverh&#228;ltnisse und die Privilegienwirtschaft der „roten Bourgeoisie“ eingefordert wurden. Obschon m&#246;gliche nichtstudentische Proteste und der tats&#228;chliche Verlauf der K&#228;mpfe unterbelichtet bleiben, wird die auf einer „Verschr&#228;nkung der partikularen jugoslawischen Erfahrungen mit politischen und intellektuellen Impulsen aus dem Westen und Osten“ beruhende „Originalit&#228;t“ (110) des jugoslawischen „1968“ in diesem Beitrag &#252;beraus anschaulich dargestellt. Dies mag auch daran liegen, dass Kanzleiter darauf verzichtet, „1968“<br />
als „Generalprobe“ f&#252;r den Systemwechsel von 1989“ (101) und damit den vermeintlich zwangsl&#228;ufigen Zerfall Jugoslawiens zu interpretieren; dieser sei, so die Position des Autors, durch den Aufbruch der kritischen Intelligenz „1968“ letztlich zwar erm&#246;glicht worden, w&#228;re aber nicht die Intention der vor der „zersetzenden Mobilisierung des Nationalismus&#8221; (102f.) ohnehin warnenden AktivistInnen gewesen. Einen etwas anderen, n&#228;her am vorherrschenden Liberalisierungsdiskurs orientierten Erkl&#228;rungsansatz verfolgt demgegen&#252;ber Dieter Segert, wenn er in seinem Beitrag &#252;ber <em>Prag 1968</em> die Entwicklungen jenes Jahres als die „Geburt der Zivilgesellschaft aus dem Inneren der Gesellschaft heraus“ (128) bezeichnet. Daher widmet er seine Aufmerksamkeit neben der Ebene der herrschenden Partei und des Staates, d. h. insbesondere dem von den Reformkommunisten um Dub&#196;ek vorangetriebenen sogenannten Aktionsprogramm, in erster Linie jener „lebendigen &#214;ffentlichkeit“, die sich im Rahmen des Prager Fr&#252;hlings ab M&#228;rz 1968 herausbilden konnte. Auch wenn Segert die mit diesem Prozess einhergehende Pluralisierung der gesellschaftlichen Akteure zurecht als Argument gegen die noch immer weit verbreitete These von der angeblich „totalit&#228;ren“ Machtaus&#252;bung im sogenannten Ostblock ins Felde f&#252;hrt, wird doch nicht so recht ersichtlich, wer diese Akteure genau waren und mit welchen inhaltlichen Forderungen sie die Formel vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts eigentlich f&#252;llten.</p>
<h3>Ideen der Befreiung</h3>
<p>Als sechstem und letztem Themenblock widmet sich „Weltwende 1968“ schlie&#223;lich der Rolle von Ideen, intellektuellen Praktiken und ihren AkteurInnen. Zun&#228;chst zeichnet Jens Kastner unter dem Titel <em>Kunstproposition und K&#252;nstlerfaust. Bildende Kunst um 1968</em> nach, wie es Ende der 1960er Jahre parallel zur Politisierung der Gesellschaft und der Entstehung sozialer Bewegungen zu einer Radikalisierung k&#252;nstlerischer Verfahren und Strategien kam und infolgedessen die vielfach herbeigesehnte „Vers&#246;hnung von politischer Avantgarde und Avantgardismus in Sachen Kunst und Lebenskunst“ (55) zum Greifen nahe schien. So gewannen nicht nur aus dem Feld der Kunst heraus aufgeworfene Fragen einen eminent politischen Charakter, sondern es entwickelten sich auch k&#252;nstlerische Initiativen und Projekte, die explizit auf politische Themen Bezug nahmen oder sich von Anfang an gesellschaftspolitisch verorteten. Zudem gelang auch durch manche Aktionsformen oder die gemeinsame, kollektive Organisierung zumindest teilweise die &#220;berwindung des strukturellen Gegensatzes zwischen dem Feld der Kunst und jenem der Politik. Eine solche Ann&#228;herung gesellschaftlich tendenziell getrennter Bereiche fand rund um „1968“ indes auch anderweitig statt: die <em>Theologie der Befreiung: Medellín 1968</em> steht stellvertretend f&#252;r jene Politisierung der Katholischen Kirche, die Martina Kaller-Dietrich mit Blick auf Lateinamerika verfolgt. Dabei zeigt die Autorin, wie die Theologie der Befreiung aus dem Zusammenspiel kircheninterner Entwicklungen, engagierter Theologen sowie dem Einfluss der ebenfalls aus Lateinamerika stammenden Denkschule der Dependenztheorie entstehen konnte und wie diese durch die &#220;bersetzung der „theologischen Kategorie der Erl&#246;sung (…) in die politische Kategorie der Befreiung“ eine z. T. revolution&#228;re und militaristische Wirkmacht zu entwickeln vermochte. Da sowohl die Theologie der Befreiung als auch die Dependenztheorie jedoch neben ihrer „systemtranszendierenden“ immer auch eine „systemimmanente“ Dimension beinhalteten, waren beide, so das Fazit der Autorin, nicht in der Lage, die US-amerikanische und europ&#228;ische Entwicklungspolitik <em>in toto</em> in Frage zu stellen und sich so der sp&#228;teren Vereinnahmung zu entziehen. Um die mit einer solchen Vereinnahmung einhergehende Verbreitung und Universalisierung, letztlich aber auch Entleerung zentraler Begriffe und Kategorien geht es schlie&#223;lich auch in Berthold Moldens Text <em>Genozid in Vietnam. 1968 als Schl&#252;sselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses</em>. Der Autor entwickelt darin die These, dass im Hinblick auf die Genese eines universellen Menschenrechts- und Holocaustdiskurses das Jahr 1968 als ein „Schl&#252;sseljahr“ (88) aufgefasst werden m&#252;sse. Wie Molden am Beispiel des von Jean-Paul Sartre geleiteten Russell-Tribunals illustriert, verband sich in den Jahren rund um „1968“ die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit nationalen Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfen und Prozessen der Entkolonialisierung sowie einer spezifischen Form marxistischer Kapitalismusanalyse auf derart spezifische Weise, dass in den Augen vieler linker Intellektueller das Herstellen einer Analogie zwischen dem Holocaust und dem US-Imperialismus in Vietnam legitim und notwendig erschien. Infolge der Verbreitung dieses relativistischen Vergleichs habe, so Molden in seinem Fazit, der Genozid-Begriff schlie&#223;lich jenem universalen Wertekanon zugearbeitet, mit dem heute Angriffskriege legitimiert werden.</p>
<h3>Globale Dynamiken</h3>
<p>Nach diesem Ritt durch die einzelnen Beitr&#228;ge von „Weltwende 1968“ stellt sich nat&#252;rlich die Frage, ob dieser Sammelband mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Um es kurz zu machen: er ist. Denn das Konzept der beiden Herausgeber geht insofern auf, als die zw&#246;lf Texte, indem sie bisher unterbelichtete Aspekte zutage f&#246;rdern, tats&#228;chlich „den Blick verschieben“ und „1968“ als komplexes und mehrdimensionales Ph&#228;nomen darstellen, das sich monokausalen Erkl&#228;rungsmustern und platten Beurteilungsma&#223;st&#228;ben von vorne herein entzieht. Zugleich liegt in der offen gelegten Komplexit&#228;t jedoch auch die Problematik der Herangehensweise des Sammelbandes: dort, wo das globalgeschichtliche Vorhaben seinen Ausdruck in der Hinwendung zu bis dato vernachl&#228;ssigten Weltregionen und geographischen Orten (Afrika, Ost- und S&#252;dosteuropa, Lateinamerika) findet, werden diese angesichts der K&#252;rze der Ausf&#252;hrungen notwendigerweise auf einzelne L&#228;nder reduziert, deren Repr&#228;sentativit&#228;t f&#252;r den jeweiligen Raum wiederum fragw&#252;rdig bleibt. Und dort, wo sich der Fokus bewusst auf globale Praxen und transnationale Akteure (Antikolonialismus, Neue soziale Bewegungen usw.), richtet, drohen diese die je spezifische, durch innergesellschaftliche K&#228;mpfe und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse oder bestimmte soziale Gruppen gepr&#228;gte Dynamik einzelner Situationen zu &#252;berdecken und eine Gleichzeitigkeit und Homogenit&#228;t von „1968“ zu suggerieren, die so nie existierte. Um dieser Falle – von der die Herausgeber freilich wissen, das beweist schon der gegen Wallersteins Begriff der „Weltrevolution“ gerichtete Titel ihres Buches –, zu entgehen, und in „1968“ dennoch mehr als „ein widerspr&#252;chliches Nebeneinander von ,Ungleichzeitigkeiten im Zusammenhang‘ und ,zusammenhangslosen Gleichzeitigkeiten‘“ (156) erkennen zu k&#246;nnen, wird es in Zukunft wohl verst&#228;rkt vonn&#246;ten sein, sowohl Akteurs-, L&#228;nder- oder Regionalstudien im Weltma&#223;stab zu vertiefen, als auch eine vergleichende, transnationale wie transsektorale Perspektive weiter voranzutreiben.</p>
<h3>Klassen und K&#228;mpfe</h3>
<p>Wenn „Weltwende 1968“ gerade f&#252;r die Verbindung beider Aspekte einen zwar nicht perfekten, aber doch sehr viel versprechenden Ausgangspunkt darstellt, so legt demgegen&#252;ber „1968 und die Arbeiter. Studien zum ,proletarischen Mai‘ in Europa“ seinen Schwerpunkt ganz eindeutig auf die Analyse einer einzelnen sozialen Gruppe innerhalb einer klar umrissenen Region. Wie die beiden Herausgeber Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn bereits in ihrer Einleitung unumwunden zugeben, krankt dieser Sammelband indes in mehrfacher Hinsicht an Verk&#252;rzungen und Auslassungen: so werden neben der soziologischen Untergliederung der ArbeiterInnenschaft oder der speziellen Rolle von MigrantInnen etwa geschlechterspezifische Fragen bestenfalls am Rande in die Untersuchungen miteinbezogen; diese Insensibilit&#228;t gegen&#252;ber dem Thema der Geschlechterverh&#228;ltnisse dr&#252;ckt sich nicht zuletzt in einem katastrophal niedrigen Anteil von Autorinnen aus. Gleiches muss im &#220;brigen f&#252;r „Weltwende 1968“ gesagt werden. Vor dem Hintergrund des globalgeschichtlichen Ansatzes von Kastner und Mayer besonders bedauerlich ist auch, dass transnationale Zusammenh&#228;nge und Interaktionen – wiewohl in ihrer Wichtigkeit von den Herausgebern eingangs betont – in den einzelnen Beitr&#228;gen von „1968 und die Arbeiter“ kaum eine Rolle spielen. Einzig der den insgesamt drei, jeweils durch mehrere Texte repr&#228;sentierten Themenbl&#246;cken Deutschland, Mittel- und Osteuropa sowie Westeuropa vorangestellte Text <em>Arbeiter und „1968“ in Europa: Ein &#220;berblick</em> von Gerd-Rainer Horn nimmt eine vergleichende Perspektive ein. Hier entwickelt der Mitherausgeber mit Blick v. a. auf Westeuropa zun&#228;chst den Begriff „proletarischer Mai“ als „Chiffre und Symbol f&#252;r die gesamte Welle von Mobilisierungen der Arbeiterschaft“ (31), die, wie Horn anhand quantitativer Daten und qualitativer Ver&#228;nderungen zeigt, 1962 ihren Ausgang nahm, sich ab 1968/69 zuspitzte und schlussendlich um das Jahr 1976 ein Ende fand. Wenngleich diese Mobilisierungswelle beinahe alle europ&#228;ischen L&#228;nder erfasste – &#252;ber m&#246;gliche, z.B. strukturelle Gr&#252;nde hierf&#252;r erf&#228;hrt der/die LeserIn leider nichts –, so d&#252;rfe von einem „proletarischen Mai“ im engeren Sinne jedoch nur in jenen L&#228;ndern gesprochen werden, „in denen die realexistierenden Arbeiterk&#228;mpfe ma&#223;geblich das nationale politische Klima (mit)bestimmten“ (40), d.h. in Belgien, Frankreich, Italien, Portugal und Spanien einerseits und der Tschechoslowakei und Polen andererseits. Da diese K&#228;mpfe in den Augen von Horn neben materiellen, die Arbeitszeit und den Reallohn betreffenden Verbesserungen insbesondere qualitative Ver&#228;nderungen anstie&#223;en und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen entschieden vergr&#246;&#223;erten, gelangt der Autor zum Fazit, „dass die psychologischen Erfahrungen der Befreiung die allerwichtigste Errungenschaft der Jahre um 1968 war“ (49). Auch wenn an dieser Stelle zumindest ein kurzer Hinweis auf die Endogenisierung dieser „Revolution in den K&#246;pfen“ (49) infolge der neoliberalen Restrukturierung des Kapitalismus ab Mitte der 1970er Jahre w&#252;nschenswert gewesen w&#228;re, so ist dieser These mit Blick auf die folgenden dreizehn Analysen des „proletarischen Mai“ in Westeuropa zun&#228;chst zweifelsohne zuzustimmen.</p>
<h3>Wilde Streiks in Deutschland</h3>
<p>Den Anfang machen dabei vier Texte, die sich der Situation in Deutschland annehmen und in ihren unterschiedlichen methodologischen Zug&#228;ngen, Zeithorizonten und sich z.T. widersprechenden Aussagen bereits als typisch f&#252;r den Facettenreichtum von „1968 und die Arbeiter“ gelten k&#246;nnen. Zun&#228;chst untersucht Peter Birke in seinem Beitrag<em> Der Eigen-Sinn der Arbeitsk&#228;mpfe. Wilde Streiks und Gewerkschaften in der Bundesrepublik vor und nach 1969</em>, wie es den ArbeiterInnen in Westdeutschland zwischen dem Ende der 1950er und der Mitte der 1970er Jahre mittels der Transformation ihrer Streikkultur gelang, sich der Disziplinierung durch Gewerkschaften und staatliche Repressionsorgane teilweise zu entziehen. Obwohl sich im Rahmen wilder Streiks die Vielfalt und Differenziertheit der ArbeiterInnenschaft artikulieren konnte und es gelang, den Anspruch auf die Demokratisierung der Arbeitsbeziehungen offensiv zu vertreten, f&#228;llt das &#252;berzeugende Fazit Birkes doch ambivalent aus; schlie&#223;lich waren die wilden Streiks z.T. durch Rassismus und nationalstaatliche Begrenztheit gekennzeichnet und brachten mit ihrem Angriff auf die „historische Fabrik“ (75) die Modernisierung kapitalistischer (Arbeits-)Verh&#228;ltnisse mit auf den Weg. Vor dem Hintergrund dieser gelungenen Analyse der wilden Streiks mutet es zun&#228;chst &#252;berraschend an, wenn Karl Lauschke in <em>Der Wandel in der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessensvertretung nach den westdeutschen Septemberstreiks</em> betont, dass die Gewerkschaften „1968“ infolge der gesellschaftlichen Politisierung nicht nur einen massiven Mitgliederzulauf erfuhren, sondern sich auch von innen heraus zu wandeln begannen. Anhand eines Beispiels aus der gewerkschaftlichen Praxis wird jedoch deutlich, wie die Hinwendung zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen und Forderungen entscheidend von einer neuen Generation von AktivistInnen und ArbeiterInnen in den Betrieben selbst ausging und nicht das Ergebnis einer erst von „oben“ oder von den protestierenden Studierenden von „au&#223;en“ angesto&#223;enen Dynamik war. Scheint im Hinblick auf die Bundesrepublik die These, „1968“ w&#228;re eine „Z&#228;sur in den industriellen Beziehungen“ (77) gewesen, weitgehend unumstritten zu sein, so zeigen die beiden folgenden Beitr&#228;ge, dass dies mit Blick auf die DDR offensichtlich keineswegs der Fall ist. Michael Hoffmann sieht, so macht er gleich zu Beginn seines Textes <em>„Solidarit&#228;t mit Prag“. Arbeiterproteste 1968 in der DDR</em> deutlich, das Jahr 1968 in der DDR „nicht als Beginn einer Umw&#228;lzung oder kulturellen Bewegung und &#214;ffnung“ (92). Vielmehr w&#228;ren, so die These des Autors, die von ArbeiterInnen getragenen Proteste gegen die Unterdr&#252;ckung des Prager Fr&#252;hlings „das letzte Aufflackern eines autonomen Arbeiterprotests“ (ebd.) gewesen, in deren Folge neben dem traditionellen Arbeitermilieu auch die gelegenheitsorientierten, unqualifizierten ArbeiterInnen keinen Widerstand gegen die DDR-F&#252;hrung mehr geleistet h&#228;tten. Dieser Deutung der ArbeiterInnenschaft als letztlich kulturell und &#246;konomisch inkorporierten und daher befriedeten Klasse widerspricht nun Bernd Gehrke in seinem Beitrag vehement. <em>1968 – das unscheinbare Schl&#252;sseljahr der DDR</em> sei demnach vielmehr als „Kreuzungs- und Umschlagpunkt zweier entgegenlaufender Entwicklungslinien des gesellschaftspolitischen Konfliktverhaltens der Arbeiterschaft“ (103) zu begreifen. Wenngleich der Autor mit Hoffmann noch insofern &#252;bereinstimmt, als auch er den Protest gegen den Einmarsch in der &#196;SSR als das „letzte, rudiment&#228;re Aufb&#228;umen eines traditionellen Arbeiterwiderstandes in der DDR“ (104) auffasst, so interpretiert er bereits diesen Protest im Unterschied zu Hoffmann als von einer „grunds&#228;tzlichen Distanz der Arbeiterschaft zum SED-Regime“ (106) gepr&#228;gt. Vollends offenbaren sich die gegens&#228;tzlichen Einsch&#228;tzungen der beiden Autoren, wenn Gehrke mit dem Ende des traditionellen Arbeiterwiderstandes neue, au&#223;erbetriebliche Formen des Kampfes und Protestes aufbl&#252;hen sieht. Insbesondere in den verschiedenen Jugendkulturen und deren regelm&#228;&#223;igen Konflikten mit der Staatsmacht erkennt er die „antifordistische Revolte“ (104) einer jungen, nach pers&#246;nlichen Freiheiten und besseren Arbeitsbedingungen strebenden Generation.</p>
<h3>Im Osten was Neues?</h3>
<p>Ob es diesen entlang der Generationen verlaufenden Bruch zwischen unterschiedlichen Protestformen auch in <em>Mittel und Osteuropa</em> gegeben hat, l&#228;sst sich anhand der je zwei Beitr&#228;ge zur Tschechoslowakei und Polen nicht generell ausmachen. Wie Peter Heumos in seiner Langzeitstudie <em>Betriebsr&#228;te, Betriebsaussch&#252;sse der Einheitsgewerkschaft und Werkt&#228;tigenr&#228;te. Zur Frage der Partizipation in der tschechoslowakischen Industrie vor und im Jahr 1968</em> nachzeichnet, agierten jungen ArbeiterInnen in der Tschechoslowakei 1968 im Rahmen einer langen, von Widerst&#228;ndigkeit gegen&#252;ber Partei- und Gewerkschaftsf&#252;hrung gepr&#228;gten Tradition betrieblicher Selbstorganisation. Da ihr kollektiver Gleichheitsanspruch dem Modernisierungsprogramm der Reformkommunisten entgegen stand, geht der Autor von einer gewissen, durch die „&#220;berintegration in das betriebliche soziale Milieu“ (159) verst&#228;rkten Distanz der ArbeiterInnenschaft zur Bewegung des Prager Fr&#252;hlings aus. Demnach w&#228;re auch die Begeisterung, die das im Aktionsprogramm angesto&#223;ene System der „Werkt&#228;tigenr&#228;te“ (153) auch bei ArbeiterInnen ausl&#246;ste, mehr auf dessen symbolische Bedeutung f&#252;r die Reform der Einheitsgewerkschaft und die nationale Souver&#228;nit&#228;t denn auf ein tats&#228;chlich organisches Verh&#228;ltnis von ArbeiterInnenschaft und kommunistischer Partei zur&#252;ckzuf&#252;hren. Demgegen&#252;ber nimmt der Beitrag von Lenka Kalinová, in dem sie <em>Das Verhalten der tschechischen Arbeiterschaft im Jahre 1968</em> zu ergr&#252;nden versucht, eine v. a. hinsichtlich der Reformkommunisten weit weniger kritische Perspektive ein. Nach einer &#252;berblicksartigen Darstellung der langfristigen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg, des Verh&#228;ltnisses der (tschechischen) ArbeiterInnenschaft zur KP sowie der wirtschaftlichen und sozialen Reformen der Jahre vor 1968 konzentriert sie sich im weiteren Verlauf des Textes auf den Prager Fr&#252;hling und den ihrer Meinung nach existierenden Konsens zwischen ArbeiterInnenschaft und Reformkommunisten. Leider wird an dieser Stelle das Verh&#228;ltnis der ArbeiterInnen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen (etwa den Studierenden) nur am Rande und in etwas gar pathetisch-affirmativen Worten thematisiert, so dass die abschlie&#223;enden Ausf&#252;hrungen zur Frage, „wie die Arbeiterschaft die ‚Erneuerung der alten Ordnung‘ zulassen konnte“ (181) an einer verengten Perspektive kranken. Einen demgegen&#252;ber weiteren Blick legt Andrea Genest an den Tag, die in ihrem Text <em>Zwischen Anteilnahme und Ablehnung – die Rollen der Arbeiter in den M&#228;rzereignissen 1968 in Polen</em> drei miteinander verflochtene Ebenen f&#252;r den konkreten Verlauf dieser M&#228;rzereignisse verantwortlich macht: demnach f&#252;hrte ein Machtkampf an der Spitze der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei dazu, dass auf studentische Proteste gegen Zensur und f&#252;r eine Demokratisierung des Systems vom Regime im M&#228;rz 1968 nicht nur mit harten Repressionsma&#223;nahmen, sondern auch durch das Lostreten einer beispiellosen antisemitischen Hetzkampagne reagiert wurde. Im Verlauf dieser studentischen Proteste nahmen die ArbeiterInnen eine, so Genest, &#252;beraus ambivalente Rolle ein, waren sie doch sowohl an der Unterst&#252;tzung als auch der Niederschlagung dieser Proteste beteiligt. Dass es trotz entsprechender Versuche der Studierenden nicht gelang, auf breiter Basis Koalitionen mit den ArbeiterInnen zu schmieden, f&#252;hrt die Autorin auf soziale Differenzen, die Zugeh&#246;rigkeit zu unterschiedlichen Generation sowie die besonders bei &#228;lteren ArbeiterInnen erfolgreiche antisemitische Kampagne der Regierung zur&#252;ck. Warum der politische Protest mit der Niederlage vom M&#228;rz 1968 jedoch keineswegs zu einem Ende kam und warum es gerechtfertigt scheint, auch in Polen von einem „proletarischen Mai“ zu sprechen, versucht demgegen&#252;ber Marcin Zaremba mit dem Konzept der „relativen Benachteiligung“ zu erkl&#228;ren. In <em>Am Rande der Rebellion. Polnische Arbeiter am Vorabend des Arbeiteraufstandes im Dezember 1970</em> weist er mit Blick auf die wirtschaftliche und demographische Lage zwischen 1956 und 1970 anhand der konkreten Aussagen von ArbeiterInnen nach, dass sich in dieser Periode insbesondere bei jungen ArbeiterInnen neue, ma&#223;geblich durch weltweite kulturelle Trends gepr&#228;gte Erwartungen und Anspr&#252;che an Arbeit und Leben herausbildeten, die angesichts der Realit&#228;t in Polen notwendigerweise entt&#228;uscht werden mussten. Die hieraus erwachsenden Frustrationserlebnisse w&#228;ren, so die These Zarembas, einer der zentralen Gr&#252;nde f&#252;r den Ausbruch der ArbeiterInnenunruhen an der Ostseek&#252;ste gewesen, die im Dezember 1970 infolge eines Milit&#228;reinsatzes 45 Menschen das Leben kosteten.</p>
<h3>K&#228;mpfende Koalitionen</h3>
<p>Eine derartige Eskalation war in Belgien – jenem Land, dem sich der erste von insgesamt f&#252;nf Beitr&#228;gen zu Westeuropa widmet – undenkbar. In <em>Mai ‘68 und die Welt der Arbeiter in Belgien</em> zeigt Rik Hemmerijckx, warum nationale Besonderheiten eine Ausdehnung des franz&#246;sischen Generalstreiks auf Belgien grade 1968 verhinderten und wie sich dennoch ab 1969 eine Welle von wilden Streiks entwickeln konnte, die nicht nur wie anderswo haupts&#228;chlich von jungen ArbeiterInnen und MigrantInnen getragen wurde, sondern teilweise auch in die Bildung selbstorganisierter ArbeiterInnenkomitees m&#252;ndete. Wenngleich diese wilden Streiks ebenso wie verschiedenste studentische Interventionen gesamtgesellschaftlich ein Randph&#228;nomen blieben, &#252;bte „1968“ in den Augen von Hemmerijckx zumindest auf die Gewerkschaften einen ma&#223;geblichen Einfluss aus, h&#228;tten diese in der Aufnahme von Forderungen aus der Protestbewegung doch ein erfolgreiches Mittel zur &#220;berwindung ihrer eigenen Krise gefunden. Ein &#228;hnliches Interesse an der systemerhaltenden Wirkung von Inkorporationsstrategien w&#228;re dem Beitrag von Frank Georgi sicherlich zugute gekommen. So aber bleibt <em>Selbstverwaltung: Aufstieg und Niedergang einer politischen Utopie in Frankreich von den 1968er bis zu den 80er Jahren</em> ein zwar ideengeschichtlich spannender, dar&#252;ber hinaus aber etwas unbefriedigender Blick auf die Karriere des Begriffs <em>autogestion</em>. Wie Georgi nachzeichnet, entwickelte dieser sich – ma&#223;geblich getragen von der Gewerkschaft CFDT – ab Mitte der 1960er Jahre zur universalistischen Formel f&#252;r die Idee einer „realistischen Utopie“ (258) und schlie&#223;lich zum „Kennwort“ (260) der Revolte vom Mai 1968. Obwohl es gleichzeitig kaum zu einer Konkretisierung der Idee im Sinne einer fl&#228;chendeckenden Selbstorganisation von ArbeiterInnen kam, nahm in den 1970er Jahren nicht nur die Popularit&#228;t des Begriffs weiter zu, sondern wurde auch der Geltungsbereich der Selbstverwaltung zunehmend auf alle Aspekte des sozialen Lebens ausgeweitet. Die Frage, warum die ihrer wirtschaftlichen und z.T. auch marxistischen Dimension nun zunehmend entkleidete Idee dann in den 1980er Jahren einen rapiden Niedergang erlebte, hinterl&#228;sst den Autor demgegen&#252;ber weitgehend ratlos; hier k&#246;nnte z.B. Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ zweifelsohne Antworten liefern. Einen im Vergleich zu Georgi eher historisch-konkreten Ansatz w&#228;hlt Reiner Tosstorff, dessen Text <em>Spanien: 1968 und die Arbeiter – eine andere Bewegung?</em> im Wesentlichen eine komplexe, mit Einzelheiten und Statistiken angereicherte Version seines Beitrags in „Weltwende 1968“ darstellt. Auch die Ausf&#252;hrungen von Marica Tolomelli und Vittorio Rieser zu Italien wiederholen manches, was so schon in Dario Azzellinis Text zum <em>langen italienischen 1968</em> zu lesen war. Dass es trotzdem lohnend ist, sich <em>Studenten und Arbeiter 1968 in Italien. M&#246;glichkeiten und Grenzen eines schwierigen Verh&#228;ltnisses sowie Studenten, Arbeiter und Gewerkschaften in Italien zwischen 1968 und den 1970 Jahren</em> zu Gem&#252;te zu f&#252;hren, liegt an der im Vergleich zu Azzellini ungleich feineren Analyse, der Tolomelli und Rieser die einzelnen Akteure und die gesamtgesellschaftlichen Voraussetzungen in Italien unterziehen. Insbesondere die detaillierte Darstellung der italienischen Arbeitswelt, der Gewerkschaften sowie der theoretischen Ausrichtung und aktivistischen Praxis der radikalen Linken wei&#223; hier zu &#252;berzeugen.</p>
<h3>Proletarische Potentiale</h3>
<p>Diese beiden abschlie&#223;enden Beitr&#228;ge zu Italien stehen dabei zugleich stellvertretend f&#252;r eine gro&#223;e St&#228;rke von „1968 und die Arbeiter“. Indem sie das Verh&#228;ltnis von Studierendenrevolte, ArbeiterInnenprotesten und gewerkschaftlicher Organisierung in seiner ganzen Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit abbilden, entziehen sie jenen Deutungen den Boden, die in „1968“ ausschlie&#223;lich den Aufbruch einer neuen, nicht gewerkschaftlich organisierten Linken sehen m&#246;chten und dabei die vielf&#228;ltigen Verbindungslinien und Kontinuit&#228;ten zwischen „alter“ und „neuer“ Linken ausblenden. Da die Analyse derart komplexer Zusammenh&#228;nge die genaue Kenntnis der je spezifischen, oftmals von nationalen Dynamiken gepr&#228;gten Situationen n&#246;tig macht, entfaltet der Sammelband hier – selbstredend v. a. im Hinblick auf die Rolle der ArbeiterInnen – sein st&#228;rkstes Potential. Dass es ihm zugleich an einer wirklich transnationalen und vergleichenden Perspektive mangelt und so manches Mal der Eindruck einer blo&#223;en Addition kleinteiliger L&#228;nderstudien aufkommt, wurde schon angesprochen und auch von den Herausgebern als Defizit erkannt. Doch auch wenn infolgedessen zentrale Fragen – etwa nach dem Grad der Vernetzung und Kommunikation zwischen den nationalen ArbeiterInnenprotesten oder nach dem Einfluss des von Kastner und Mayer betonten Internationalismus auf die ArbeiterInnenschaft – unbeantwortet bleiben, so tr&#228;gt „1968 und die Arbeiter“ ma&#223;geblich dazu bei, die Auseinandersetzung mit „1968“ im deutschsprachigen Raum um eine zentrale Perspektive zu erweitern. Dies ist kein geringer Verdienst, &#246;ffnet doch gerade der Fokus auf die Rolle der ArbeiterInnen, auf Betriebsbesetzungen, selbstorganisierte ArbeiterInnenkomitees oder Formen militanten Widerstandes den Blick auf die Radikalit&#228;t von „1968“. Erst so wird begreiflich, wie breit der M&#246;glichkeitshorizont war, der sich damals er&#246;ffnete, und wie weit wir heute davon entfernt sind.</p>
<p>Kastner, Jens/ Mayer, David (Hg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008</p>
<p>Gehrke, Bernd/ Horn, Gerd-Rainer (Hg.): 1968 und die Arbeiter. Studien zum „proletarischen Mai” in Europa, Hamburg 2007</p>
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		</item>
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		<title>Sex, Drugs and Klassenkampf</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:53:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.<br />
<span id="more-107"></span></p>
<p><em>Brothers and Sisters<br />
I wanna see a sea of hands out there…<br />
I want everybody to kick up some noise<br />
I wanna hear some revolution out there, brothers and sisters<br />
I wanna hear a little revolution<br />
Brothers and Sisters, the time has come<br />
For each and everyone of you to decide<br />
Whether you are gonna be the problem,<br />
Or whether you are gonna be the solution<br />
You must choose, brothers, you must choose<br />
It takes 5 seconds, 5 seconds of decision.<br />
5 seconds to realize that it’s time to move!<br />
It’s time to get down with it<br />
Brothers, it’s time to testify and I want to know,<br />
Are you ready to testify?<br />
I give you a testimonial…the MC 5</em></p>
<p>Mit diesen Worten er&#246;ffnete Brother J. C. Crawford am 30. Oktober 1968 das erste von zwei Konzerten der Detroiter Rock ‚n’ Roll Band MC 5, die sp&#228;ter als ihr legend&#228;res Album „Kick out the jams“ ver&#246;ffentlicht werden sollten. Die Gitarren setzten ein, die Band startete ihre energiegeladene Show und riss das Publikum mit. „,Kick out the jams’ ist ein Ruf zu den Waffen, ein Drahtseilakt am Rand des Chaos, die Entfesselung der ganzen Kraft und des Stolzes und der gef&#252;hlvollen Ausgelassenheit im Herzen des Rock ‘n’ Roll“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Zwischen Marihuanaschwaden, verschwitzten K&#246;rpern und verzerrten Gitarren, so ein Konzertbesucher, „lag Hoffnung in der Luft, die Hoffnung auf eine Revolution“<br />
MC 5 waren f&#252;nf Jugendliche aus den proletarischen Vorst&#228;dten Detroits, die als Garagenband gestartet waren. Der Name MC5 sollte wie eine Seriennummer klingen und dar&#252;ber hinaus einen Bezug zu ihrer Heimstadt, der Motor City Detroit, herstellen. Die Band war gepr&#228;gt von und Teil der Gegenkulturbewegung der Detroiter Jugend und den Hippies, rund um ihren Manager, den Poeten und Aktivisten John Sinclair. Der „Hohepriester der Detroiter Hippies“ gr&#252;ndete die Organisation Trans Love, als deren Sprachrohr MC 5 zahlreiche Jugendliche der Gegend anzog. Ziel war eine kulturelle Revolution, „a total assault on culture“, eine totale Attacke auf die Kultur. Alte Traditionen, Moralvorstellungen, Kernfamilie und Autorit&#228;tsh&#246;rigkeit wurden angegriffen, der Wunsch nach Freiheit, pers&#246;nlicher Freiheit, freiem Sex, freien Drogen wurde hochgehalten – die meisten Texte der Band handeln mehr oder weniger offen von Sex und Drogen. Doch im Gegensatz zur Musik vieler Gegenkulturbewegungen war jene von MC 5 nicht lieblich und friedvoll. Ihre Musik war dreckig und wild und spiegelte die Wut der Detroiter Jugend &#252;ber die katastrophale Situation in Detroits Stra&#223;en und Vorst&#228;dten und die starke Polizeirepression wider. Der Journalist Richard Goldstein schrieb: „Man konnte sich nicht vorstellen, dass sie vor 20.000 Hippies (love people) spielen – nicht mit soviel Feuer in ihrer Musik“.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> MC 5 verbanden die Kraft von rock ‘n’ roll mit der Politik der Konfrontation. Die Wurzeln von MC 5 lagen neben den politischen Einfl&#252;ssen der Gegenkulturbewegung und sp&#228;ter der Militanz der st&#228;rker werdenden Black Power Bewegung, vor allem in der Stadt Detroit selbst: der gro&#223;en Tradition der schwarzen Jazz- und Bluesszene, den gewaltt&#228;tigen Arbeitsk&#228;mpfen, Rassenunterdr&#252;ckung und Aufst&#228;nden.</p>
<h3>Detroit: Motor City</h3>
<p>In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete. In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die schwarzen Arbeiter hatten ein doppelt schweres Los, bei der die „normale“ Ausbeutung noch durch rassistische Diskriminierung verst&#228;rkt wurde. In Zeiten des Arbeitskr&#228;fte&#252;berangebots war es f&#252;r sie nahezu unm&#246;glich, einen Arbeitsplatz zu finden. W&#228;hrend des zweiten Weltkriegs wurden dann vermehrt schwarze Arbeiter als Hilfskr&#228;fte eingestellt und zum Teil gezielt gegen die wei&#223;e Belegschaft als Streikbrecher eingesetzt. Der sowohl in der st&#228;dtischen Poltik als auch in der Automobilindustrie institutionalisierte Rassismus sch&#252;rte den „Rassenkonflikt“ immer mehr. 1943 kam es zu den bis dahin gr&#246;&#223;ten „race riots“ der USA. Das fast ausschlie&#223;lich wei&#223;e Detroiter Police Department f&#252;hrte einen aufgehetzten wei&#223;en Mob durch die Stra&#223;en, t&#246;tete 43 Menschen und verletzte Hunderte.<br />
Die Detroiter Polizeieinheit war eine der repressivsten des ganzen Landes. In den 1930ern wurden zwei Sondereinheiten, das „Red Squad“ und das „Special Investigative Bureau“ gegr&#252;ndet, um „die Arbeit von Kommunisten und Bolschewiki“ zu &#252;berwachen. Bald entwickelten sich die beiden Einheiten zu einer &#220;berwachungsmaschinerie, die alle politischen Aktivit&#228;ten aufzeichnete. Unter dem Deckmantel, „Radikale“ zu beobachten, wurden Akten &#252;ber mehr als 1,5 Millionen EinwohnerInnen Detroits angelegt. Eine weitere Einheit hatte sich darauf spezialisiert, Unternehmen dazu zu bewegen, niemanden einzustellen, der/die in Verdacht stand, radikale Meinungen zu vertreten.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Der langj&#228;hrige Aktivist Ed Vaughn berichtet, dass „die Polizei wie eine Besatzungsarmee“ wirkte.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Menschen wurden geschlagen, sogar get&#246;tet. Bei einer Umfrage der Detroit Free Press gaben die schwarzen EinwohnerInnen Detroits die Polizeigewalt als ihr Hauptproblem im t&#228;glichen Leben an.<br />
Der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenklasse und armen DetroiterInnen, schwarz oder wei&#223;, war politisch und &#246;konomisch marginalisiert. Schwarze hatten mit einer bis zu 50 Prozent h&#246;heren Arbeitslosigkeit, und 70 Prozent niedrigeren L&#246;hnen<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, l&#228;ngeren Arbeitszeiten, und einer Beschleunigung der Flie&#223;bandarbeit, von schwarzen Arbeitern „niggermation“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> genannt, zu k&#228;mpfen. Von der offiziellen Gewerkschaft konnten sich die Schwarzen wenig Hilfe erhoffen. Die Initialen der UAW (Unified Auto Workers) standen laut schwarzen Aktivisten eigentlich f&#252;r „U ain’t white“.</p>
<h3>No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</h3>
<p>Trotz oder gerade wegen der schwierigen Umst&#228;nde hatte Detroit eine lebendige Jazz- und Untergrundszene. Mehr als in allen anderen St&#228;dten Amerikas waren Popkultur und politische Rebellion eng verwoben und dienten als Ausdruck des Protests gegen die widrige Situation. Auf die Aussage einer Detroiter Musikerin, jedeR, der/die in Detroit Musik macht, h&#228;tte schon einmal den Blues gespielt, antwortete der <em>Fifth Estate</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Journalist Pat Halley: „JedeR, der/die in Detroit lebt, hat schon einmal den Blues <em>gelebt</em>.“ Der Film „Finally got the news” von der und &#252;ber die „League of Revolutionary Black Workers“ beginnt mit einem „Urban blues song” und zeigt, wie in traditionellen Liedern die schwierigen Arbeitsverh&#228;ltnisse der DetroiterInnen wiedergegeben werden.</p>
<p><em>Please Mr. Foreman, slow down your assembly line<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’<br />
Workin’ twelve hours a day,<br />
Seven long days a week<br />
I lie down and try to rest, but, Lord knows, I’m too tired to<br />
sleep.<br />
(…)<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</em><br />
(Joe Carter, 1965, Flie&#223;bandarbeiter bei Ford)</p>
<p>Es war die Vermischung von politischem Protest und Musik, die auch MC 5 inspirierten. Sie waren stolz auf die Einfl&#252;sse der „w&#252;tenden schwarzen Soul- und Jazz-Musik“ in ihren Liedern. Diese traditionelle Musikszene zog auch den jungen K&#252;nstler John Sinclair in den fr&#252;hen 1960ern nach Detroit.</p>
<h3>John Sinclair und Trans Love Energies</h3>
<p>John Sinclair, als Sohn einer wei&#223;en Mittelklassefamilie in Flint, Michigan geboren, zog vor allem die Avantgarde-Jazzszene (John Coltrane) und Beatnik Poetry (Alan Ginsberg) nach Detroit, wo er auch in Kontakt mit Marihuana kam, das, wie Sinclair glaubte, seinen Verstand sch&#228;rfte und seine Kreativit&#228;t erweiterte. F&#252;r ihn stellte die schwarze community eine alternative Lebensweise, einen Gegenpol zur materialistischen und individualistischen Kultur Amerikas dar.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Beeindruckt von der kulturellen Szene Detroits gr&#252;ndeten er und seine sp&#228;tere Frau Leni Arndt mit FreundInnen und Mitstudierenden die K&#252;nstlergruppe „Artist’s Workshop“, die lokale DichterInnen, MusikerInnen und andere K&#252;nstlerInnen „in selbstbestimmter Weise“ zusammenbringen sollte. Der „Artist’s Workshop“ pflegte dabei eine Kultur der Abgrenzung und gewollten Isolation gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft. Sinclair erinnert sich: „Alles was wir taten, war Jazz. Wir sa&#223;en herum und rauchten <em>dope</em>… Du wolltest nicht zu viel raus gehen, weil, wei&#223;t du, die Menschen waren Spie&#223;er… Sie k&#246;nnten dich sehen (lacht). Du warst kein sch&#246;ner Anblick f&#252;r sie…“ Die Abneigung der &#228;u&#223;eren Welt f&#252;hrte dazu, dass die Gruppe nur Flugzettel an Menschen verteilte, die hip genug aussahen.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Trotz dieser elit&#228;ren Haltung begann der „Workshop“ schnell zu wachsen und zog die Aufmerksamkeit der Detroiter Polizei auf sich. Regelm&#228;&#223;ige Antidrogeneins&#228;tze und Unterwanderungen der Gruppe f&#252;hrten immer wieder zu Verhaftungen der Mitglieder wegen kleinerer Delikte.<br />
Sowohl die sich im ganzen Land verbreitende Antikriegsbewegung als auch die <em>flower power-</em>Bewegung brachte neuen Schwung und vor allem Optimismus in die bis dahin eher zynisch agierenden Gegenkulturgruppen. Sinclair selbst f&#252;hrte diesen neuen Optimismus auf die neue Droge LSD zur&#252;ck. „Als Beatniks begannen Acid zu nehmen, brachte es uns aus dem Keller (…), dem Rand der Gesellschaft.Weg von dem Zynismus und dem Gef&#252;hl sich f&#252;r immer von den Langweilern zu isolieren (…) waren wir pl&#246;tzlich von dem Gef&#252;hl der messianischen Liebe erf&#252;llt (&#8230;) wir erkannten, dass wir mit dem Rest der Menschheit verbunden waren.” Dieses neue Gef&#252;hl der Verbundheit veranlasste die Gruppe, neue politische Aktivit&#228;ten in Angriff zu nehmen. Durch den regen Austausch an Menschen und Ideen zwischen &#252;berall im Land neu entstehenden Gegenkulturgruppen kamen wichtige neue Impulse in die Detroiter Szene um John Sinclair. Im Zentrum stand die Arbeit in der Detroiter <em>community </em>und der Versuch, die zersplitterten MusikerInnen- und K&#252;nstlerInnenkollektive, lokale Jugendgruppen und Jugendzentren unter einer Organisation zu vereinigen – der „Trans Love Energies“ (TLE). Ziel war, neben der Organisation von k&#252;nstlerischen Events, der Aufbau einer alternativen, vom Mainstream abgekoppelten Wirtschaft. Alternative Organisationen und Mikro-Unternehmen entwickelten sich, die freie Unterkunft, Informationen &#252;ber Arbeitsm&#246;glichkeiten, Konzerte, Transport in und um Detroit erm&#246;glichen sollten. Auch wenn der Plan nur zum Teil aufging, war das Kernst&#252;ck, die „Trans Love Energies, Unlimited“ relativ erfolgreich. Als Sprachrohr f&#252;r die Politik der TLE dienten, neben der eigenen Zeitschrift „The Sun“, vor allem die lokale Musikgruppe MC 5. Von John Sinclair als Manager in die Gruppe geholt, wurde MC 5 zur Hausband der TLE und die Verbindung zwischen den beiden f&#252;hrte dazu, dass sich massenhaft Jugendliche der Organisation anschlossen.</p>
<h3>Love In und Beat down</h3>
<p>Eines der wichtigsten Events in den Aktivit&#228;ten der Trans Love Energies sollte ein <em>Love-In</em> im April 1967 werden, bei dem friedlich die neue Gegenkultur zelebriert und Liebe und Freiheit hochgehalten werden sollten. W&#228;hrend tags&#252;ber alles friedlich verlief, nutzte die Polizei die Provaktion und Pr&#252;geleien einer Motorradgang, um hart gegen die gesamte Veranstaltung vorzugehen. Sinclair war geschockt, dass die Polizei auf einen friedlichen kulturellen Protest mit Gewalt reagierte. R&#252;ckblickend schreibt er: „Wir hatten ein sehr simplifiziertes Bild von dem, was Revolution sein sollte (…) wir sagten uns, alles was wir tun m&#252;ssen, ist ‚tune in, turn on and drop out’, als ob das die Probleme der Menschen l&#246;sen w&#252;rde (…) und wir verstanden nicht, benebelt durch das ganze Acid, dass die Maschine alles daran setzte, die Dinge so zu lassen, wie sie waren. Zu dieser Zeit war schon eine gro&#223; angelegte Unterdr&#252;ckungskampagne im Gange.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Polizeirepression beim <em>Love-In</em> &#228;nderte und politisierte die Trans Love Energies Gruppe. Die Auftritte der MC 5 wurden immer h&#228;ufiger f&#252;r flammende Ansprachen gegen Polizeigewalt genutzt. Sinclair rief zum „total assault on culture“ auf. (Noch) weit davon entfernt, militant gegen die Polizei vorzugehen, zeigte sich der Protest haupts&#228;chlich in anti-autorit&#228;ren Symbolen und Verarschungen der Polizei. Sinclair meinte sp&#228;ter, dass die Repression der Polizei ihm zeigte, dass die Gegenkulturbewegung eine politische Bewegung sei und deshalb mit Repression rechnen m&#252;sste. Einen weiteren Radikalisierungsschub erhielt die Gruppe durch zwei Ereignisse: der <em>Great Rebellion</em> in Detroit und dem Protest gegen die „Democratic Convention“ in Chicago.</p>
<h3>Great Rebellion</h3>
<p>Im August 1967 schrieb das <em>Time Magazine</em> &#252;ber die Zust&#228;nde in Detroit: „Im gewaltt&#228;tigen Sommer 1967 wurde Detroit die B&#252;hne des blutigsten Aufstand des Jahrhunderts und des kostspieligsten in Bezug auf Besitzbesch&#228;digungen in der amerikanischen Geschichte. Am Ende der Woche waren 41 Menschen tot, 347 verletzt und 3.800 verhaftet. Rund 5000 Menschen waren heimatlos (…) Der gesch&#228;tzte Schaden liegt bei 500 Millionen Dollar.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Jahre vor der <em>Great Rebellion</em> waren Jahre der rassistischen Polizeigewalt, bei der immer wieder schwarze DetroiterInnen erschossen wurden. Die Sondereinheit <em>STRESS (Stopp robberies and enjoy safe streets)</em> war ber&#252;chtigt daf&#252;r, junge Schwarze niederzuschie&#223;en.<br />
Gleichzeitig wurden im Zuge eines „st&#228;dtischen Erneuerungsprogramms“ ganze Bezirke schwarzer und armer EinwohnerInnen niedergewalzt.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Schulen waren &#252;berf&#252;llt und der Lebensstandard niedrig. Nach dem gro&#223;en Aufstand in Watts, einem Gesch&#228;ftsviertel in Los Angeles, 1965 erlebten die amerikanischen Gro&#223;st&#228;dte allein 1966 dreizehn gro&#223;e Unruhen der schwarzen Bev&#246;lkerung. Die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung und die <em>Black Power</em> Bewegung hatten der schwarzen Bev&#246;lkerung mehr Selbstvertrauen zum Handeln gegeben. F&#252;nf Tage nach den Stra&#223;enschlachten in Newark, New Jersey, brach in Detroit die <em>Great Rebellion</em> aus. Im Gegensatz zu fr&#252;heren Aufst&#228;nden war diese nicht ausschlie&#223;lich durch „Rassenkonflikte“ gepr&#228;gt. „Es gab zwar Spannungen zwischen Wei&#223;en und Schwarzen, aber der Aufstand war nicht Schwarz gegen Wei&#223;. Es war ein Aufstand der Besitzenden gegen die Nichtbesitzenden.“ Wei&#223;e und Studierende schlossen sich dem mehrheitlich schwarzen Aufstand an und beteiligten sich am „shopping for free“. Besitz von Unternehmen „die schlecht zur Community waren, egal ob wei&#223;e oder schwarze“ wurden gepl&#252;ndert oder zerst&#246;rt.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Vor allem Organisationen der <em>Black Power</em> Bewegung wirkten im Aufstand als wichtige Kraft.<br />
MC 5 singen in ihrem Lied „Motor City Burning“ &#252;ber die gro&#223;e Rebellion:</p>
<p><em>Ya know, the Motor City is burning babe,<br />
There ain’t a thing in the world that they can do<br />
Ya know, the Motor City is burning people,<br />
There ain’t a thing that white society can do.</em></p>
<p><em>Ma home town burning down to the ground<br />
Worser than Vietnam<br />
…<br />
It started on 12th &amp; Clairmont that morning<br />
It made the pig cops all jump &amp; shout<br />
</em></p>
<p>Das Lied stammte eigentlich vom Detroiter Bluess&#228;nger und Gitarristen John Lee Hooker und wurde nur leicht abgewandelt. Die hinzugef&#252;gten Textzeilen zeigen, dass sich auch die<br />
wei&#223;e Jugend mit diesem Aufstand identifizierte und Teil der Rebellion sein wollte:</p>
<p><em>I like to strike a match for freedom myself,<br />
I may be a white boy, but I can be bad too<br />
Yes, it’s true now, it’s true now</em><br />
(MC 5 – Motor City Burning)</p>
<p>Die Reaktion der Polizei war gewaltig. Die Nationalgarde und das Milit&#228;r wurde gerufen, um den Aufstand niederzuschlagen. Der spontane Aufstand „verwandelte die f&#252;nftgr&#246;&#223;te Stadt des Landes in ein ‚theatre of war’. Ganze Stra&#223;en lagen gepl&#252;ndert, H&#228;userbl&#246;cke brannten. Die Truppen besetzten die amerikanischen Stra&#223;en. Panzer mit feuernden Maschinengewehren und Helikopter patrouillierten in der Stadt der verkohlten Schornsteine, die zwischen ausgebrannten Kellern hervorragten.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Nachdem die Aufst&#228;nde niedergeschlagen waren, r&#252;ckte die Polizei noch weiter nach rechts und die Repression wurde nochmal versch&#228;rft. Sinclair beschrieb die Situation: „Es gab nichts au&#223;er Polizei…Wenn du in der Nacht auf der Stra&#223;e warst, nahmen sie dich mit und sperrten dich ein (…) wenn du daheim bliebst, traten sie dir die T&#252;r ein und zerst&#246;rten alles. Es war eine Polizeistadt, Baby! Das konntest du f&#252;r keine Minute vergessen.“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die Band tourte und versuchte ihre Botschaft des „total assault on culture“ zu verbreiten. Sinclair rief die Jugendlichen dazu auf, pers&#246;nliche Freiheit gegen&#252;ber der herrschenden Kultur anzustreben und die Ansprachen von S&#228;nger Rob Tyner &#252;ber Polizeigewalt f&#252;hrten regelm&#228;&#223;ig zu Tumulten bei ihren Konzerten. Immer &#246;fter wurden Konzerte der MC5 durch die Polizei aufgel&#246;st, mit dem Argument, dass „obsz&#246;ne W&#246;rter“ verwendet wurden. MC 5 versuchte sich diesem „Gegenschlag des konservativen Establishments“ (Sinclair) zu widersetzen, indem es sich einfach weigerte, Konzerte abzubrechen. Sinclair schrieb in einem Artikel f&#252;r <em>Fifth Estate</em>: „Wir setzten unsere Magie gegen die Taktiken der (Bullen)schweine<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> ein und es hat funktioniert (…) Jeder Respekt, den die Menschen m&#246;glicherweise noch f&#252;r ‚law and order’ gehabt hatten, ist einfach verschwunden und ihre Tricks sind ans Tageslicht gebracht worden. Der ganze Mist war v&#246;llig unn&#246;tig (…) wir wollten nur unser Ding machen und dass die Menschen ihr Ding mit uns machen, aber die Polizei wollte nicht, dass das passiert ohne uns niederzutreten (…). Menschen werden aufmerksam gegen&#252;ber den L&#252;gen und Perversionen der alten Menschen, und sie stehen nicht l&#228;nger daf&#252;r. Wir stehen auf keinen Fall l&#228;nger daf&#252;r.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><br />
Die Ermordung Martin Luther Kings veranlasste die Polizei, aus Angst vor weiteren Aufst&#228;nden, eine Ausgangssperre ab acht Uhr abends zu verh&#228;ngen. Konzerte der MC 5 wurden immer schwieriger und die Trans Love Energies damit ihrer wichtigsten Einkommensquelle beraubt, auf die sich ihre Alternativ-&#214;konomie st&#252;tzte. Die schlechter werdenden Bedingungen veranlassten die Gruppe schlie&#223;lich, aus Detroit nach Ann Arbor umzusiedeln.</p>
<h3>Trans Love goes Militant</h3>
<p>Das zweite wichtige Ereignis war ein Konzert anl&#228;sslich des Protests gegen die <em>Democratic Convention</em> in Chicago. Die Proteste gegen den Parteitag der Demokratischen Partei sollten ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg werden, doch statt der erwarteten 100.000 Menschen kamen nur 10.000. Die Gr&#252;nde waren vielf&#228;ltig. Nach den massenhaften Protesten der Antikriegsbewegung hatte Pr&#228;sident Johnson erkl&#228;rt, dass er nicht zur Wiederwahl zu Verf&#252;gung st&#252;nde. Die Rhetorik des demokratischen Pr&#228;sidentschaftskandidaten McCarthy hatte dem liberalen Fl&#252;gel der Antikriegsbewegung wieder neue Hoffnungen in die Demokratische Partei gegeben und blieb deshalb Demonstrationen fern – viele meinten, der Krieg w&#228;re bald vorbei.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Gleichzeitig hatte Chicagos B&#252;rgermeister im Vorfeld klargestellt, dass er und seine Polizeikr&#228;fte mit Gewalt gegen jeden Protest vorgehen w&#252;rden und schon die Anreise vieler DemonstantInnen verhindert. Die Proteste wurden haupts&#228;chlich von Yippies und den radikalen Teilen des SDS<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> getragen. Trotz der geringen Zahl gingen die Polizeikr&#228;fte mit voller H&#228;rte vor. „Die Polizei griff mit Tr&#228;nengas an, mit MACE [chemischer Keule] und mit Kn&#252;ppeln (…), Reihen von zwanzig, drei&#223;ig Polizisten trieben einen Keil in die Menge, ihre Kn&#252;ppel sausten nieder, Demonstranten flohen (…) Sie jagten Leute in den Park, rannten sie nieder, schlugen sie zusammen (…)“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> In einem der Protestcamps sollte ein ganzt&#228;giges Konzert stattfinden. MC 5 war die einzige Band, die es wagte aufzutreten. Als die Polizei das Camp st&#252;rmte hagelte es Tr&#228;nengasgranaten, Kn&#252;ppel wurden geschwungen und die Protestierenden und MC 5 mussten fliehen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Die Aktionen der Polizei gingen letzlich nach hinten los. „Viele junge Menschen kamen als Pazifisten nach Chicago und verlie&#223;en es als Revolution&#228;re.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Sinclair zog mehrere Lehren aus den Chicagoer Ereignissen. Die Polizei reagiert auf politische Bewegungen, egal ob New Left, Gegenkultur, Yippies, friedliebend oder nicht, unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig heftig. Es brauche deshalb eine politische Organisation zur Selbstverteidigung. Trans Love hatte im Gegensatz zu anderen Organisationen die M&#246;glichkeit &#252;ber ihr Sprachrohr, MC5, tausende Jugendliche zu politisieren. Gro&#223;en Einfluss auf Sinclair hatten die zu dieser Zeit st&#228;rker werdende <em>Black Power</em> Bewegung und die <em>Black Panther Party</em>. Die Forderungen der <em>Black Panthers</em>, einer offen revolution&#228;r agierenden Gruppe mit diffusen sozialistischen Wurzeln, und besonders ihr Eintreten f&#252;r das Recht auf Selbstverteidigung stie&#223; bei der von Polizeirepression gezeichneten und vom Weg des gewaltlosen Widerstands desillusionierten Trans Love Community auf fruchtbaren Boden.<br />
Inspiriert von der Aussage des <em>Black Panthers</em> Huey P. Newton, wei&#223;e Radikale sollen sich in Solidarit&#228;t mit den <em>Panthers </em>und dem <em>„black struggle“</em> in eigenen revolution&#228;ren Kadern organisieren, gr&#252;ndete John Sinclair und sein Freund „Pun“ Plamondon, der im Gef&#228;ngnis mit Schriften der Panthers in Ber&#252;hrung gekommen war, im November 1968 die <em>White Panther Party</em> als politischen Fl&#252;gel der Trans Love Energies. Punkt eins des Parteiprogramms war die volle Unterst&#252;tzung des 10 Punkte Programms der <em>Black Panther Party</em>. Die weiteren Punkte zeugten noch st&#228;rker von den Ans&#228;tzen der Gegenkultur. „A total assault on culture, by any means necessary, including rock ‚n’ roll, dope, and fucking in the streets“, freies Essen, Kleidung, H&#228;user, Drogen, Musik, etc.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die Einfl&#252;sse der <em>Panthers </em>und der allgemeinen Militanz der Zeit spiegelten sich in den Ansprachen und Zeitungsartikel der <em>White Panther Party</em> wider. Plamondon rief dazu auf sich zu bewaffnen und Sinclair verglich die Jugendkultur mit einer Kolonie innerhalb der „pig power structure“ Amerikas und die Gegenkulturbewegung mit der anti-imperialistischen Bewegung in Vietnam. Plamondon schrieb 1970, es sei „notwendig, die Menschen dar&#252;ber zu informieren, dass wir uns in der Tat im Krieg befinden, und es ist ein revolution&#228;rer Krieg.“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a><br />
Obwohl die Rhetorik radikaler wurde, spielte sich der „total assault on culture“ haupts&#228;chlich in der musikalischen Welt und &#252;ber MC 5 ab. „Unser Programm hei&#223;t kulturelle Revolution durch einen totalen Angriff auf die Kultur. Das bedeutet, wir ben&#252;tzen jedes Werkzeug, jede verf&#252;gbare Energie und alle Medien, die wir in unsere H&#228;nde bekommen. Wir nehmen unser Programm mit, wohin wir auch gehen und nutzten alle notwenigen Mittel um die Menschen zu erreichen.“ MC 5 schloss einen Plattenvertrag mit Elektra, einem Major Label, ab. Sinclair und die Band erhofften sich, dadurch subversiv die kapitalistische Maschinerie f&#252;r die Verbreitung ihrer Botschaft nutzen zu k&#246;nnen. Die Band sollte getarnt als „einfache wirtschaftliche Kraft“ parasit&#228;r innerhalb der kapitalistischen Plattenindustrie wirken.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Sinclair bewirkte, dass seine <em>Liner Notes</em>, in denen er das Programm zusammenfasste, den verkauften Platten beilagen und auch sonst keine Zugest&#228;ndnisse gemacht wurden. Doch bald schlug die kapitalistische Maschinerie zur&#252;ck. Zuerst wurden kurz nach dem Erscheinen des Albums Sinclairs <em>Liner Note</em>s entfernt, dann eine zensierte Version von „Kick out the Jams“ ver&#246;ffentlicht. Viele Plattenh&#228;ndlerInnen weigerten sich, die Platte wegen Obsz&#246;nit&#228;t zu verkaufen, woraufhin<br />
die Band Fans dazu aufforderte, die T&#252;ren jener Plattenl&#228;den einzutreten – Elektra lie&#223; die Band daraufhin fallen. Wachsende Spannungen zwischen Sinclair und der Band &#252;ber den weiteren Weg, sowohl den musikalischen als auch den politischen, f&#252;hrten schlie&#223;lich zur Trennung. W&#228;hrend die Band mit zwei weiteren Major-Alben kommerziell scheiterte, wurde John Sinclair wegen Besitz von zwei Joints zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Verurteilung rief eine Solidarit&#228;tskampagne hervor, mit Konzerten im ganzen Land. John Lennon widmete diesem Vorfall sein Lied „John Sinclair“:</p>
<p><em>If he had been a soldier man<br />
Shooting gooks in Vietnam<br />
If he was CIA<br />
Selling dope and making hay<br />
He’d be free, they let him be<br />
Breathing air like you and me</em><br />
(John Lennon – John Sinclair)<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a></p>
<p>Die Verhaftung John Sinclairs f&#252;hrte, trotz Solidarit&#228;tskampagne, zum langsamen Verfall der <em>White Panthers</em>. Diskussionen innerhalb der <em>White Panther Party</em> &#252;ber eine weitere Radikalisierung brachen aus. Manche wollten es den Weathermen<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> nachmachen und setzten auf direkte Aktionen gegen die Staatsgewalt, w&#228;hrend andere gewaltlosen Widerstand forderten. Zu dieser Zeit war die Gruppe schon vom FBI auf die „Ten Most Wanted“ Liste gesetzt und im Zuge des COINTELPRO<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> unterwandert. Vorm Hintergrund der Anschl&#228;ge der Weathermen zog die neue Nixon-Administration eine versch&#228;rfte Linie durch, um so viele radikale Gruppen wie m&#246;glich zu beseitigen. Verhaftungen mehrerer Mitglieder, die im – nie best&#228;tigten – Verdacht standen, Bombenanschl&#228;ge durchgef&#252;hrt zu haben, und der nachlassende Einfluss auf die Detroiter Jugend mit dem Ausstieg der MC 5, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Zerfall der Gruppe.</p>
<h3>Counter-Culture und ArbeiterInnen</h3>
<p>Obwohl die Gegenkulturbewegung weite Kreise der Jugendlichen anzog, schaffte sie es weder, der Repression und dem Gegenschlag des Establishments, noch der letztendlichen kapitalistischen Integration und Vermarktung ihrer Gegenkultur etwas entgegen zu setzen. Dan Georgakas und Marvin Surkin beschreiben in ihrem Buch „Detroit: I do mind dying“ die Probleme der Gegenkulturbewegung so: „Die Untergrundpresse und Gegenkultur der 1960er versuchte die materialistische unbefriedigende Welt Amerikas durch eine friedliche und sch&#246;ne Revolution, ohne schmutzige Dinge wie Politik und Ideologien zu erreichen. Zuerst sollte die amerikanische Jugend gewonnen werden, dann kulturelle und soziale Institutionen umgewandelt werden. Die diesen Weg einschlugen wurden bald von kapitalistischen Realit&#228;ten erschlagen. Ihre Musik, ihre Haare, ihr gesundes Essen, Drogen, ihr Mystizismus und ihre bunte Kleidung wurden vermarktet.“<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a><br />
Die neuen linken Bewegungen waren zwar begeistert vom Geist und der Dynamik der Gegenkulturbewegung, die ausschweifende und selbstzerst&#246;rerische Natur, der exzessive Drogenkonsum und die Gewaltlosigkeit vieler Gegenkulturbewegungen schreckte aber politische AktivistInnen ab. Besonders, weil Drogen wie Heroin und Kokain in Ghettos zunehmend zum Problem wurden und zu Stra&#223;engewalt und schlussendlich zur L&#228;hmung der sozialen Bewegungen f&#252;hrten, wurde der positive Bezug auf Drogen kritisch betrachtet. Die Gegenkulturbewegung, die <em>flower power</em>-Bewegung im <em>summer of love</em> kratzte zwar an den konservativen Verh&#228;ltnissen, konnte aber in keinster Weise die amerikanischen Herrschenden herausfordern.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a><br />
Die Gruppe um John Sinclair ging, auch wegen der speziellen Situation in Detroit, weiter als viele anderen Gruppen der <em>counter-culture</em><a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a>. Durch ihre Erfahrungen mit Polizeigewalt waren sie &#252;berzeugt, dass es notwendig sei, der Repression von Staat und Polizei etwas entgegenzusetzen, wenn n&#246;tig auch mit Gewalt, und wussten, dass alle Bewegungen, Studierende, Hippies, ArbeiterInnen mit der selben Repression zu k&#228;mpfen hatten. Nach den Protesten gegen den demokratischen Parteitag meinte Sinclair: „Ich dachte, wir w&#228;ren eine Alternative zu den Streikketten, aber es machte wenig Unterschied f&#252;r die Obrigkeit. Die dachten, beide m&#252;ssten zerst&#246;rt werden – und das wurden wir.“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a><br />
Trotzdem gingen die Gruppe nie &#252;ber einen elit&#228;ren Ansatz hinaus. Die <em>White Panther Party</em> als „Avantgarde“ sollte die Jugend durch auffallende Symbole und Aktionen belehren und mit subversiven Taktiken von einer Gegenkultur &#252;berzeugen, die die bestehenden Strukturen herausfordern sollten – mit den Mitteln der Musik die Revolution anzetteln. Sowohl die Vergangenheit als elit&#228;re K&#252;nstlergruppe, als auch der Einfluss der <em>Black Panther Party</em><a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a> spiegelt sich hier wider. Wichtige Entwicklungen innerhalb Detroits und besonders das Entstehen von revolution&#228;ren Organistationen der Detrioter ArbeiterInnen, wie der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>, wurden deshalb nicht beachtet.</p>
<h3>Our thing is DRUM</h3>
<p>Die Urspr&#252;nge der <em>League of Revolutionary Black Workers</em> liegen im Mai 1968. Der Kern der Organisation war eine kleine Gruppe mit marxistischen und <em>black nationalist</em> Einfl&#252;ssen. Im Zuge eines der gr&#246;&#223;ten wilden Streiks von 3000 ArbeiterInnen in Chryslers gro&#223;em Dodgewerk gr&#252;ndete die Gruppe gemeinsam mit Dodgearbeitern das „Dodge Revolutionary Union Movement“ (DRUM), dem es gelang einen weiteren Streik durchzuf&#252;hren, an dem 70 Prozent der schwarzen ArbeiterInnen teilnahmen. Der Erfolg des DRUM f&#252;hrte zu weiteren Organisationen in Detroiter Fabriken und die <em>League </em>wurde als Dachverband gegr&#252;ndet. Durch ihre Basis in den Fabriken und die weite Zirkulation ihrer Zeitschrift <em>Inner City Voice</em> gewannen sie schnell Einfluss bei jungen schwarzen ArbeiterInnen, deren Probleme sie ansprach: korrupte UAW-B&#252;rokraten, Diskriminierung bei Jobvergaben und Ausschluss von Schwarzen von h&#246;heren Jobs, unsichere Arbeitsbedingungen, Verz&#246;gerungen bei der Auszahlung von Geh&#228;ltern etc. Die Politik der <em>League </em>war direkt auf die ArbeiterInnen gerichtet. Im Gegensatz zur Gegenkulturbewegung setzte sie nicht auf aufsehenerregende symbolische Aktionen, sondern war sich bewusst, dass es „f&#252;r die Weiterentwicklung und Erhaltung einer kulturellen Revolution notwendig (ist) die Revolution mit den t&#228;glichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen der Menschen zu verbinden.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> F&#252;r die <em>League </em>konnte eine erfolgreiche kulturelle Revolution nur von unten, im Kontext einer allgemeinen sozialen, &#246;konomischen und politischen Revolution kommen.<br />
Wie weit die Kluft zwischen Gegenkultur und den revolution&#228;ren ArbeiterInnen Detroits war, zeigt sich am Verh&#228;ltnis zwischen John Sinclair und der <em>League</em>. In seinem Buch <em>Guitar Army</em> vermeidet Sinclair jede Erw&#228;hnung der Aktivit&#228;ten und politischen Ansichten der <em>League </em>oder anderer ArbeiterInnenorganisationen wie der <em>Motor City League</em> und das, obwohl Sinclairs Anwalt selbst aus diesem Umfeld kam.<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Durch die Isolierung von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnenklasse in Detroit nahm sich die Gegenkulturbewegung nicht nur eine m&#246;gliche Verb&#252;ndete, sondern auch den Hebel, die „kaptitalistische Maschinerie und Kultur des Todes“ (Sinclair) zu zerschlagen.<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></p>
<h3>Das Erbe von MC 5</h3>
<p>Trotz des schlussendlichen Scheiterns der Gegenkulturbewegung und dem sp&#228;ter ausgebliebenen Erfolg von MC 5 bleibt das erste MC 5 Album „Kick out the jams“ eine Inspiration f&#252;r politische Bands und Musikbewegungen. MC 5 stellten einen Bruch nicht nur mit den Werten und Idealen des konservativen Amerikas der 1950er und 1960er, sondern auch mit friedvoller Hippiemusik, gewaltfreien Protesten und gem&#252;tlichem Dagegensein dar. Gitarrist Wayne Kramer meinte in einem Interview: „MC 5 sprach nicht nur &#252;ber Revolution. Wir glaubten daran.“ Es war dieser kulturelle Bruch auf den sich sp&#228;tere politische Bands st&#252;tzten. Die „Pioniere des Punks“ legten, noch vor den <em>Sex Pistols</em>, den Grundstein f&#252;r die sp&#228;tere <em>hardcore punk</em> Szene rund um Bands wie <em>Bad Brains</em> und <em>Black Flag</em>, waren ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung von <em>Iggy Pop</em> verantwortlich, und werden heute noch von politischen Bands wie <em>Rage against the Machine</em> gecovert. Schlie&#223;lich ist es auch heute noch an der Zeit <em>to kick out the jams, motherfucker!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Thomas, Davis: MC 5 &#8211; A true testimonial. http://www.furious.com/PERFECT/MC5/MC5film.html<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Goldstein, Richard: MC5 Kick out the jams. http://makemyday.free.fr/zentareport.htm<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Socialist Worker, 3.August 2007: Rebellion in Detroit. http://www.socialistworker.org/2007-2/639/639_10_Detroit.shtml<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers’ “Total Assault on Culture” http://makemyday.free.fr/whitepanthers.htm<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Solidarity: Detroit remembers the 1967 Rebellion. http://www.solidarity-us.org/node/824<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Harman, Chris: Eine Welt in Aufruhr, Frankfurt am Main, 2008<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Georgakas, Dan; Surkin, Marvin: Detroit: I do mind dying. A study in urban revolution, London,1998<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Wichtige politische und antiautorit&#228;re Zeitschrift in der viele Aktivisten dieser Zeit schrieben. Auch John Sinclair und die League of Revolutionary Black Workers ver&#246;ffentlichten Artikel in „Fifth Estate“<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> ebd.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Sinclair, John: Guitar Army. Rock and Revolution with MC5 and the White Panther Party<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Solidarity: Detroit remembers a.a.O.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Schweine „pigs“ war das Codewort f&#252;r die Polizei. So konnte &#252;ber sie geschimpft werden, ohne in Gefahr zu kommen, verhaftet zu werden<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Neale, Johnathan: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975, K&#246;ln, 2004.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Students for a Democratic Society<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Derogates, Jim: MC5 classic still has plenty of kick to it. http://www.jimdero.com/News2001/GreatAug4MC5.htm<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Sinclair, John: White Panther Statement. http://www.luminist.org/archives/wpp.htm<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> ebd.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Das Lied „Revolution“ von den Beatles in dem John Lennon sich gegen Gewalt in der Widerstandsbewegung ausspricht, soll eine Diskussion mit John Sinclair wiedergeben, ob nun die Gedanken (Lennon) oder die Institutionen befreit werden m&#252;ssen. John Sinclairs Antwort’ „Warum nicht beides?“<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Die Weatherman waren eine Absplatung von der „Students for a Democratic Society“ (SDS). Sie erkl&#228;rten, unzufrieden mit der Politik des SDS, dass jetzt die Zeit sei, um den Kriegszustand gegen die Regierung auszurufen und f&#252;hrten eine Serie an Bombenanschl&#228;gen auf Regierungsgeb&#228;ude durch.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Das Counter Intelligence Program war eine Reihe geheimer Projekte des FBI, um radikale Gruppierungen auszuforschen und zu unterwandern.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Andere Gegenkulturbewegungen, wie die Yippies und manche Beatnikzirkel, gingen ebenfalls radikalere Wege.<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Revolution 1968: politics and culture united. http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=14370<br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Die Politik der Black Panthers ist widerspr&#252;chlich. Einerseits war das Avantgarddenken sehr stark von maoistischer Auffasung von Revolution gepr&#228;gt, andererseits versuchten die Panthers immer wieder Anschluss an<br />
andere Kreise zu finden.<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> ebd.<br />
<a href="#anm_37" title="anm35" name="anm35">37</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.</p>
<h3>Buchtipp</h3>
<p>John Sinclair <em>Guitar Army. Rock &amp; Revolution with MC5 and the White Panther Party</em> Los Angeles 2007</p>
<p>Georgakas, Dan/ Surkin, Marvin <em>Detroit: I Do Mind Dying A Study in Urban Revolution</em> Cambridge 1998</p>
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		<title>Zeit f&#252;r Lenin</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:44:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.<br />
<span id="more-112"></span><br />
Wie n&#228;hert man sich Lenin, dieser &#252;bergro&#223;en Figur? Vielleicht ja &#252;ber kleine Anekdoten, zun&#228;chst. Da w&#228;re jene von einem Bekannten, den ich kurz nach dem Symposium zu Antonio Gramsci<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, an dessen Vorbereitung ich beteiligt war, in Wien traf. Der Bekannte, junger Trotzkist &#228;lterer Schule, freute sich mit mir ob des tollen Erfolgs, &#252;ber 300 Interessierte waren gekommen, hatten gelernt, gelehrt, diskutiert, und dann meinte er: Naja, schon sch&#246;n, aber zu einem Lenin-Symposium w&#228;r’ keiner von denen gekommen. &#196;rger stieg in mir auf: wie konnte man nur so borniert sein, wie die eigenen Polithelden so abstrakt zum Ma&#223;stab der politischen Relevanz erkl&#228;ren? Dennoch blieb der Satz im Ohr, er war ja richtig. Zu einem Lenin-Symposium w&#252;rde wohl tats&#228;chlich keineR kommen. Und dass Antonio Gramsci etwas mit Lenin zu tun haben k&#246;nnte, Gramsci sich selbst in dessen Tradition verortet hatte, scheint meist versch&#228;mt beschwiegen zu werden.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Auf der deutschen Wikipedia-Seite lernen wir, dass die „Denker, die Gramsci beeinflussten“ Bergson, Croce, Marx, Machiavelli, Labriola, Pareto und Sorel hei&#223;en… „Wie zum Spott auf die Idee, des Hirns beraubt, in Schneewittchenhaft gehalten, liegt da die geschrumpfte H&#252;lle eines Giganten“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – was die Goldenen Zitronen &#252;ber Lenins einbalsamierten K&#246;rper im Petersburger Glassarg singen, trifft auch auf die politischen Debatten der Linken zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu. Nun ist das nat&#252;rlich kein Zufall. Mit gutem Grund h&#228;lt man heute Abstand zu „Lenin“, der als Chiffre f&#252;r alles zu stehen scheint, was es an linker Tradition zu &#252;berwinden gilt – elit&#228;re Organisationsformen, Dogmengl&#228;ubigkeit, Alleinvertretungsanspr&#252;che, brutale Skrupellosigkeit und Engstirnigkeit. Jahrzehntelange Erfahrungen mit politischen Kr&#228;ften, die ihren „Leninismus“ stolz pr&#228;sentierten und „Lenins Parteikonzept“ f&#252;r die „unentbehrliche und stets aktuelle ideologische Grundlage jeder marxistisch-leninistischen Partei“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> hielten, haben Lernprozesse nach sich gezogen. Was k&#246;nnte auch undemokratischer sein als ein Programm, das die ArbeiterInnen f&#252;r unf&#228;hig erkl&#228;rt, sich selbst zu befreien und einer straff organisierten Clique von Intellektuellen und Berufsrevolution&#228;ren die Aufgabe &#252;bertr&#228;gt, das „revolution&#228;re Bewusstsein“ in die tumben proletarischen Massen zu injizieren? Die Brosch&#252;re „Was tun?“, 1902 von Lenin geschrieben und nach dessen Tod zum Gr&#252;ndungsdokument des „Leninismus“ (selbst eine stalinistische Erfindung) erkl&#228;rt, dient stets als Beleg f&#252;r diese Zuschreibung. Hat Lenin nicht dort das Konzept der „Avantgardepartei“ entwickelt? Hat er nicht dort festgestellt, dass der Arbeiterklasse sozialistisches Bewusstsein nur „von au&#223;en“ gebracht werden k&#246;nnte?</p>
<h3>Mythos „Was tun?“</h3>
<p>Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was mit der Entsorgung Lenins durch die Linke ebendieser verloren geht. Welche Einsichten, welche theoretischen und politischen Positionen werden voreilig f&#252;r obsolet erkl&#228;rt, wenn als Antwort auf die mechanische „&#220;bertragung“ Lenins auf heutige Verh&#228;ltnisse durch verschiedene DogmatikerInnen der Verzicht auf irgendeine Art der Auseinandersetzung mit Lenins Denken und Handeln gilt? Meine These ist, dass eine kritische Neu-Aneignung Lenins in (zumindest) dreierlei Hinsicht essentiell f&#252;r jede antikapitalistische Linke ist: (1.) In der Frage der „Autonomie der Politik“ bzw. der Politik als Strategie; (2.) f&#252;r &#220;berlegungen zur Organisation bzw. der revolution&#228;ren Wissensapparate; und (3.) f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der gebrochenen Zeit der Politik. Daf&#252;r ist jedoch zun&#228;chst etwas Ausgrabungsarbeit vonn&#246;ten. Denn der Mythos des „Lenin’schen Parteikonzepts“, das in „Was tun?“ ausgearbeitet und in den folgenden Jahrzehnten von den Bolschewiki umgesetzt worden sei, ist weiterhin wirkm&#228;chtig, obwohl in der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung l&#228;ngst enttarnt. Insbesondere seit Erscheinen des Buches „Lenin Rediscovered“ von Lars T. Lih im Jahr 2006 kann diese textbook interpretation nicht l&#228;nger aufrechterhalten werden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Lih hat f&#252;r dieses monumentale Werk s&#228;mtliche publizierten Debatten der russischen und deutschen sozialistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet, „Was tun?“ fast komplett neu vom Russischen ins Englische &#252;bersetzt und die Mitte der 1950er Jahre dominant werdende „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine mehr oder weniger ungebrochene Linie von Lenin 1902 zur stalinistischen Terrorherrschaft zieht, re- un dekonstruiert. Sein Ergebnis: Kontr&#228;r zum weit verbreiteten Irrglauben war „Was tun?“ keine Blaupause der Diktatur, sondern gepr&#228;gt von Lenins Enthusiasmus ob der spontanen K&#228;mpfe der jungen ArbeiterInnenklasse in Russland. Nicht die Bevormundung der ArbeiterInnenbewegung durch ParteikaderInnen war das Thema, sondern eine Polemik gegen jene Teile der russischen Sozialdemokratie, die argumentierten, die ArbeiterInnen sollten sich auf den Kampf in den Betrieben beschr&#228;nken und Forderungen nach politischer Freiheit, Demokratie und einem Ende der Zarenherrschaft dem B&#252;rgertum oder aufgekl&#228;rten Intellektuellen &#252;berlassen. Die „Kritik des &#214;konomismus“, die im Zentrum von „Was tun?“ steht, ist ein leidenschaftliches Pl&#228;doyer f&#252;r die Politisierung der K&#228;mpfe, f&#252;r eine Politik von unten, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst.</p>
<h3>Politik als Strategie</h3>
<p>Dies f&#252;hrt uns zum ersten m&#246;glichen Ankn&#252;pfungspunkt f&#252;r eine aktuelle Lenin-Lekt&#252;re. Wie ein roter Faden zieht sich durch die kritischen Debatten politischer Theorie in den letzten Jahren und Jahrzehnten das immer wieder kehrende Thema der Politik oder „des Politischen“. Die Vorz&#252;ge des „Westlichen Marxismus“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> wurden zu Recht in dessen Insistieren auf die eigenst&#228;ndigen Logik, die „relative Autonomie“ der Politik gesucht. Antonio Gramsci, mit seinem Begriff der Hegemonie als Modus politischer Machtaus&#252;bung, verdankt seine aktuelle Popularit&#228;t vor allem dieser Erkenntnis. Die mechanistische Metapher von der &#246;konomischen Basis, &#252;ber die sich Politik, Recht und Ideologie als &#220;berbauten erheben, wurde von ihm durchbrochen und damit der Weg freigesprengt f&#252;r eine marxistische Theorie des Politischen, die diese nicht als Reflex der Bewegungen in der &#214;konomie begreift. Es mutet fast etwas grotesk an, dass als Antagonist Gramscis immer wieder Lenin herangezogen wird, der als Strohmann f&#252;r eine dogmatischen Basis-&#220;berbau-Theorie herhalten muss. Zwar entbehrt diese Darstellung nicht jeglicher Grundlage – Lenins ber&#252;chtigtes „Widerspiegelungs-Theorem“ in „Materialismus und Empiriokritizismus“ („ein Werk, in dem man gelegentlich feststellt, dass der Autor ein wenig &#252;berfordert ist“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>) muss hier erw&#228;hnt werden – sie widerspricht jedoch v&#246;llig der Sto&#223;richtung der Lenin’schen Theorie und Praxis. Der US-amerikanische Kulturtheoretiker Frederic Jameson nennt als „Gef&#252;hl, das wir alle haben (…) dass Lenin immer politisch denkt. Es gibt nicht ein Wort das Lenin schreibt, nicht eine Rede, die er h&#228;lt, nicht einen Aufsatz oder Bericht den er verfasst, der nicht in dieser Form politisch ist – mehr noch, der nicht von der selben Art des politischen Impulses geleitet ist.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Dieser Impuls ist ein wesentlich strategischer. Eben weil f&#252;r Lenin Politik nicht von irgendwelchen „&#246;konomischen“ Verh&#228;ltnissen eindeutig determiniert ist, muss er stets darauf beharren, dass die bewusste, strategische Intervention sowohl m&#246;glich als auch n&#246;tig ist. Im Gegensatz zur deterministischen Auffassung, die sich zu jener Zeit in der von der deutschen Sozialdemokratie getragenen Zweiten Internationalen durchsetzt, wonach die inneren Bewegungsgesetze des Kapitalismus, der Widerspruch von Produktivkr&#228;ften und Produktionsverh&#228;ltnissen, das Ende des Kapitalismus notwendig verursachen, wirkt Lenin wie getrieben von der Vorstellung, die revolution&#228;re Bewegung k&#246;nnte die richtigen Gelegenheiten, die M&#246;glichkeitsfenster, die sich durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse auftun, verpassen.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Die Perspektive Lenins einzunehmen w&#252;rde also bedeuten, die Eigenst&#228;ndigkeit und relative Autonomie der Politik „von unten“ anzuerkennen. Denn w&#228;hrend in neueren staatstheoretischen Ans&#228;tzen, die etwa an Nicos Poulantzas ankn&#252;pfen, der Begriff der „relativen Autonomie“ als unverzichtbares Analyseinstrument der b&#252;rgerlichen Staats-Herrschaft auftaucht, ist die Sprecherposition Lenins jene des politischen Strategen, der die „brennenden Fragen“ beantworten m&#246;chte. In „Was tun?“ argumentiert er: „Die Landeshauptleute und die Pr&#252;gelstrafe f&#252;r Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des ‚gemeinen Volks’ in den St&#228;dten durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden und das Kesseltreiben gegen das Streben des Volkes nach Licht und Wissen, die Zwangseintreibung der Abgaben und die Verfolgung der Sektenanh&#228;nger, das Drillen der Soldaten und die Kasernenhofmethoden bei der Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen – warum sollten alle diese und tausend andere &#228;hnliche Erscheinungen der Unterdr&#252;ckung, die nicht unmittelbar mit dem ‚&#246;konomischen Kampf’ verbunden sind, weniger ‚weit anwendbare’ Mittel und Anl&#228;sse der politischen Agitation, der Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf darstellen?“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><sup>11</sup> Die radikale Orientierung an einer hegemonialen Politik von unten, Politik als Strategie f&#252;r und durch jene, die von der Staatspolitik der herrschenden Klasse ausgeschlossen und abgeschnitten sind<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>, ist was uns eine aufgeschlossene Lenin-Lekt&#252;re heute abverlangt.</p>
<h3>Revolution&#228;re Wissensapparate</h3>
<p>Wie verh&#228;lt es sich nun mit den ber&#252;chtigten Stellen in „Was tun?“, die oft als Beweise f&#252;r den elit&#228;ren und undemokratischen Charakter Lenins Avantgarde-Konzepts zitiert werden? Lenin schreibt schlie&#223;lich, „da&#223; die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewu&#223;tsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von au&#223;en gebracht werden. Die Geschichte aller L&#228;nder zeugt davon, da&#223; die Arbeiterklasse ausschlie&#223;lich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewu&#223;tsein hervorzubringen vermag (…) Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und &#246;konomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Und an anderer Stelle abermals: „Das politische Klassenbewu&#223;tsein kann dem Arbeiter nur von au&#223;en gebracht werden, das hei&#223;t aus einem Bereich au&#223;erhalb des &#246;konomischen Kampfes, au&#223;erhalb der Sph&#228;re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Nun kann dem Vorwurf, hier handle es sich um den antidemokratischen Angelpunkt von Lenins Parteikonzept, leicht etwas entgegengesetzt werden. Seit langem ist bekannt, dass Lenin diese Passagen bei Karl Kautsky, dem F&#252;hrer der deutschen Sozialdemokratie und damals unbestrittenen „Papst des Marxismus“, abgeschrieben hat.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Besonders „leninistisch“ ist an diesen Formulierungen also nichts. Auch k&#246;nnte entgegnet werden, dass Lenin nach der Revolution von 1905, in der ArbeiterInnen ohne Zutun irgendeiner Partei Organisationsformen entwickelten (ArbeiterInnenr&#228;te), die von Lenin und den Bolschewiki erst sp&#228;t als demokratische Grundlage einer zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft erkannt wurden, seine Position &#228;nderte und die ArbeiterInnenklasse als „instinktiv, spontan sozialdemokratisch“ bezeichnete.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Doch all das hilft uns zwar, die historischen Linien und Kontexte des Arguments zu verstehen, aber nicht bei der Frage, was an Lenins Denken heute lebendig bleibt und wert ist, aufgehoben zu werden. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat dazu eine interessante Position gefunden, die in diesen Passagen mehr sieht als blo&#223;e kautskyanische &#220;berreste. Er verweist auf die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen der Formulierung Kautskys (die von Lenin zun&#228;chst ausf&#252;hrlich und zustimmend zitiert wird) und Lenins Paraphrase davon: „W&#228;hrend Kautsky davon spricht, da&#223; die nicht der Arbeiterschicht angeh&#246;renden Intellektuellen, die au&#223;erhalb des Klassenkampfes stehen, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft vertraut machen, ihnen objektives Wissen der Geschichte vermitteln sollen, spricht Lenin vom Bewu&#223;tsein, das von au&#223;en durch die Intellektuellen vermittelt werden soll, die sich au&#223;erhalb des wirtschaftlichen Kampfes, nicht au&#223;erhalb des Klassenkampfes befinden.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Unterschied ist betr&#228;chtlich. F&#252;r Kautsky wird der „wissenschaftliche Sozialismus“ von freischwebenden Intellektuellen erarbeitet, die wie NaturwissenschafterInnen die Gesetze der Geschichte studieren, um diese dann der ArbeiterInnenklasse als Waffen f&#252;r ihren Kampf darzubieten. Der Ort dieser Wissensarbeit ist die Partei, die die ArbeiterInnenbewegung als ganzes, d. h. inklusive der ihr zuarbeitenden Intellektuellen, repr&#228;sentiert. Im Gegensatz zu dieser positivistischen Vorstellung steht Lenins Verst&#228;ndnis von Wissensproduktion als Klassenkampf. Weil sich f&#252;r ihn, wie in seiner Auseinandersetzung mit dem „&#214;konomismus“ immer wieder deutlich wird, der Klassenkampf nicht auf den Kampf auf Betriebsebene reduzieren l&#228;sst, hat er auch ein Verst&#228;ndnis f&#252;r „den un&#252;bertrefflichen Konflikt der Ideologien (d. h.des ideologischen Klassenkampfes)“.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Auch hier ist der Ort der Wissensarbeit die Partei, aber nicht als Repr&#228;sentationsorgan der ArbeiterInnenbewegung als solche, sondern als Kampfbund von um ein politisches Programm organisierten ArbeiterInnen und der organisch mit ihnen vebundenen Intellektuellen auf allen Terrains der Auseinandersetzung –&#246;konomischen, ideologischen, politischen und kulturellen. Die Rede vom Bewusstsein, das nur „von au&#223;en“, also au&#223;erhalb der K&#228;mpfe im Betrieb, kommen kann, l&#228;sst sich so interpretieren als die Notwendigkeit, eigenst&#228;ndig solche Orte zu schaffen, revolution&#228;re Wissensapparate, ohne die jede soziale Bewegung dem Schicksal Sisyphos’ geweiht ist. Abermals ist es Antonio Gramsci, der dies aufgreift und weiterdenkt. Er beschreibt die Apparate der b&#252;rgerlichen Hegemonie als „Komplex von Sch&#252;tzengr&#228;ben und Befestigungen der herrschenden Klasse“ –von der Presse &#252;ber die Kirche bis hin zu architektonischen Anordnungen oder Stra&#223;ennamen – und fragt, was sich „von seiten einer erneuernden Klasse“ diesem entgegensetzen l&#228;sst. Seine Antwort ist „ein Geist der Abspaltung, der bestrebt sein muss sich von der protagonistischen Klasse auf die potentiellen verb&#252;ndeten Klassen auszuweiten“. Dies verlange „komplexe ideologische Arbeit“, um das Feld der b&#252;rgerlichen Herrschaft zu begreifen und zu transformieren.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Diese Erkenntnis sagt noch nichts &#252;ber die konkrete Form der zu schaffenden revolution&#228;ren Wissensapparate aus – dies kann auch gar nicht theoretisch beantwortet werden, sondern muss den spezifischen r&#228;umlichen und zeitlichen Gegebenheiten, den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen entsprechend stets auf Neue verhandelt werden. Die zu erf&#252;llende Bedingung ist jedoch, dass „die Autorit&#228;t der Partei [oder eines anderen revolution&#228;ren Wissensapparats, B.O.] (…) nicht die eines ein f&#252;r alle Mal feststehenden positiven Wissens (ist), sondern die der Form des Wissens, eines neuen Typus von Wissen, der mit einem kollektiven politischen Subjekt verkn&#252;pft ist.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Eine solche Lesart erlaubt es auch, das Konzept der „Avantgarde“ in Begriffe der „organischen Intellektuellen“ zu &#252;bersetzen und damit abermals die Br&#252;cke zu Gramsci zu schlagen. Stefan Probst hat im ersten Teil dieser Artikelserie gezeigt, wie die Revolution 1917 weder Ausdruck spontaner Revolten, noch Ergebnis eines Putschplanes der Bolschewiki war; vielmehr wurde die Politisierung der ArbeiterInnenr&#228;te durch die geduldige, systematische Organisations- und &#220;berzeugungsarbeit zehntausender „organischer Intellektueller“, gr&#246;&#223;tenteils selbst ArbeiterInnen und als soche „Avantgarde“, erm&#246;glicht. „Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> „Intellekt“ nicht als „Status oder Herkunftsmerkmal“ zu begreifen, sondern als gesellschaftliche Funktion, organisierend in die eigenen Lebensverh&#228;ltnisse einzugreifen, l&#228;sst sich von Gramsci lernen. Der „vulg&#228;re Antileninismus“ dagegen, der behauptet, „es sei ipso facto autoritativ, jemandem zu sagen, was er tun soll, oder elit&#228;r, im Besitz einer Gewissheit zu sein, von der zur Zeit andere nichts wissen“ f&#228;llt auf einen banalen liberalen Humanismus zur&#252;ck und „betrachtet Wissen vor allem als pers&#246;nliche Ausstattung oder Hierarchie und nicht unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der Klassenverh&#228;ltnisse, der Spezialisierung, der gesellschaftlichen Verortung usw.“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a></p>
<h3>Die gebrochene Zeit der Politik</h3>
<p>Die dritte, mit den ersten beiden untrennbar verbundene, Dimension einer kritischen Neuaneignung Lenins betrifft, was der franz&#246;sische Philosoph Daniel Bensaïd als „gebrochene Zeit der Politik“ bezeichnet hat. F&#252;r ihn hat Marx im „Kapital“ und in den „Grundrissen“ eine neue Form der Zeitlichkeit entdeckt und damit eine andere, neue Geschichtsschreibung begr&#252;ndet. Marx unterzieht jede Form der „sakralen Geschichte“, jede Teleologie, die die Menschheit unausweichlich einem Ziel zusteuern sieht, jeden Determinismus, der unumst&#246;&#223;liche historische Gesetze aufstellt, einer vernichtenden Kritik. Er versteht Zeit nicht als lineares Kontinuum, sondern als gesellschaftliches Verh&#228;ltnis: Zeit ist nicht nur Ma&#223;einheit, sondern muss auch selbst gemessen werden; die Kriterien daf&#252;r sind historische, Ergebnis von gesellschaftlichen K&#228;mpfen und der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte. Mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse entstand daher auch ein bestimmtes Zeitregime, in dem konkrete Arbeit auf abstrakte Arbeit reduziert wird, der Wert einer Ware also in der im Durchschnitt daf&#252;r aufzuwendenden Arbeitszeit bemessen wird. Die im Verh&#228;ltnis von Lohnarbeit und Kapital angelegte Ausbeutung ist schlie&#223;lich nichts anderes als gestohlene Zeit – die Lohnarbeiterin arbeitet l&#228;nger, als es zu ihrer eigenen Reproduktion n&#246;tig w&#228;re, und der Wert, der in der zus&#228;tzlichen Arbeitszeit geschaffen wird, flie&#223;t als Mehrwert dem Kapital zu. Die variable Grenze zwischen notweniger Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit ist Grundlage f&#252;r den Klassenkampf, einem Kampf in der linearen Zeit der Produktion (k&#252;rzere oder l&#228;ngere Arbeitszeit f&#252;r mehr oder weniger Lohn). Gleichzeitig schl&#228;gt aber auch die Zirkulationszeit der einmal produzierten Waren der Gesellschaft ihren Takt. Sie ist nicht lineare Zeit, sondern zyklischer Rhythmus, der sich in unterschiedliche Segmente teilt, je nachdem, welche Form das Kapital in seiner ewigen Metamorphose gerade annimmt: Ware, Geld, Dienstleistung, Kredit, sie alle haben unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen des Umschlags. Schlie&#223;lich geht diese Vielzahl der Zeitmomente in der Einheit des Gesamtprozesses auf, der organischen Zeit der Reproduktion. Aus diesem un&#252;berschaubaren Zusammenspiel entwickelt Marx einen Begriff der Zeitlichkeit, „in dem Zeit nicht mehr l&#228;nger der einheitliche Referent der Physik ist, auch nicht die heilige Zeit der Theologie. Historischen und &#246;konomischen Rhythmen unterworfen, in Zyklen und Wellen, Perioden und Krisen organisiert, verkn&#252;pft die profane Zeit des Kapitals die gegens&#228;tzlichen Temporalit&#228;ten von Produktion und Zirkulation, die antagonistischen Bed&#252;rfnisse von Arbeit und Kapital, die kontrastierenden Formen von Geld und Ware. Indem sie Ma&#223; und Substanz kombiniert, ist sie ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis in Bewegung.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Dieses Verh&#228;ltnis ist jedoch keineswegs ein rein „&#246;konomisches“. Was sich hinter uns als Geschichte erstreckt, ist ein Netz unterschiedlicher Zeitlichkeiten; und „&#246;konomische Zeit bleibt verschieden von der mechanischen Zeit mit ihren Uhren, psychologischer Zeit mit ihrer Dauerhaftigkeit, und der politischen Zeit mit ihren Revolutionen und Restaurationen“.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Diese politische Zeit ist es, die Lenin wie keinE andereR vor ihm verstanden hat, und die es ihm erlaubt hat, Politik als strategisches Eingreifen zu konzipieren. Denn die Zeitlichkeit der Politik ist „eine gebrochene Zeit, verknotet, und schwanger mit Ereignissen“.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Dies dr&#252;ckt sich am deutlichsten in Lenins Begriff der revolution&#228;ren Krise aus, in praktische Strategie gegossen in den Aprilthesen von 1917. Doch bereits in „Was tun?“ hei&#223;t es: „Auch die eigentliche Revolution darf man sich keineswegs in der Form eines einmaligen Aktes vorstellen (…), sondern in der Form eines rasch aufeinanderfolgenden Wechsels von mehr oder weniger starken Ausbr&#252;chen und mehr oder weniger vollst&#228;ndiger Stille.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Darin ist das Verst&#228;ndnis verarbeitet, dass „unter bestimmten au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden das Kr&#228;ftegleichgewicht einen kritischen Punkt erreicht. Jede Unterbrechung des Rhythmus produziert konflikthafte Effekte. Sie ersch&#252;ttert und verst&#246;rt. Sie kann einen Spalt in der Zeit schaffen, der mit einer Erfindung, mit einer Sch&#246;pfung gef&#252;llt werden kann.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Zeit ist keine lineare Abfolge von Ereignissen; und wenn eine Vielzahl von Widerspr&#252;chen, Antagonismen, Tendenzen sich verdichtet, so verdichtet auch sie sich und er&#246;ffnet den ProtagonistInnen der Geschichte M&#246;glichkeiten, die zuvor und m&#246;glicherweise f&#252;r lange Zeit danach au&#223;erhalb des Denkbaren liegen.</p>
<h3>Strukturen und Strategien</h3>
<p>Wie k&#246;nnen wir aber dieses Insistieren auf die scheinbar so wundersamen und unvorhersehbaren Br&#252;che und Verdichtungen der Geschichte zusammenbringen mit der Betonung der Notwendigkeit kollektiver Wissensapparate? Ist nicht, wenn die Ereignisse sich &#252;ber unseren K&#246;pfen und hinter unseren R&#252;cke zusammenbrauen, jede Entscheidung, jeder strategische Vorschlag ein Sprung ins Leere? Und wird nicht, indem Lenin der Politik mit ihrer eigenst&#228;ndigen Sprache, Grammatik und Syntax, das Primat &#252;ber alle anderen Bereiche des Lebens einr&#228;umt, der willk&#252;rlichen Entscheidung das Wort geredet und jedes Wissen &#252;ber die Welt auf die Frage reduziert, ob sie dieser oder jener Klasse in dieser oder jener Situation n&#252;tzt? Diese Fallstricke, denen Lenin selbst keineswegs immer aus dem Weg gegangen ist (ganz zu schweigen von jenen, die seither in seinem Namen zu handeln glaubten), sind es denen eine aktuelle, kritische Lenin-Rezeption sich bewusst sein muss. Es muss also einerseits klar sein, dass die menschliche Geschichte sich nicht vorhersagen l&#228;sst, gleichzeitig aber betont werden, dass dies nicht die Analyse der Strukturen und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, in denen die sozialen Kr&#228;fte verortet sind, obsolet macht. Denn diese erm&#246;glichen erst die vielf&#228;ltigen Potentiale der AkteurInnen, statten manche mit der Macht aus, zu herrschen und auszubeuten und andere mit der Macht, eben diese Verh&#228;ltnisse zu &#252;berwinden. Daf&#252;r werden die Wissensapparate der sozialen Bewegungen gebraucht: die konkrete Analyse der konkreten Verh&#228;ltnisse, die Lenin stets einfordert, soll die M&#246;glichkeiten und Grenzen des politischen Handelns in diesem bestimmten zeitlichen Moment ausloten – und sich gleichzeitig bewusst sein, dass die Kapriolen der Geschichte und die gebrochene Zeit der Politik diese M&#246;glichkeiten und Grenzen buchst&#228;blich von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellen k&#246;nnen. Die Einsicht in die prinzipielle Offenheit und Richtungslosigkeit der Geschichte f&#252;hrt somit bei Lenin nicht in politische Wurstigkeit, sondern wird zum schlagenden Argument f&#252;r das bestimmte, strategische Eingreifen der eigenen Politik: „Die politische Situation hat eine bestimmte Struktur, die durch Analyse entdeckt werden kann; gleichzeitig , und im Gegensatz zu fatalistischen Interpretationen des Marxismus, gibt es mehr als ein m&#246;gliches Ergebnis der Situation; und welches Ergebnis sich schlie&#223;lich durchsetzt, h&#228;ngt unter anderem von den Handlungen der revolution&#228;ren Kr&#228;fte ab“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Mit einer solchen Interpretation entgehen wir auch den relativistischen Abgleitfl&#228;chen, die in vielen Texten Lenins und auch in Slavoj Žižeks zuvor pr&#228;sentierten Vorschlag zu „Was tun?“ angelegt sind, und die uns auf die problematische Position schlittern lassen, dass das Kriterium f&#252;r jedes Wissen blo&#223; eine Frage des Standpunkts sei. Wissen um Strukturen und Tendenzen, in die man eingelassen ist, ist schlie&#223;lich stets Wissen &#252;ber Strukturen und Tendenzen, die auch weiter existieren und reale Auswirkungen auf das Handeln der Menschen haben, wenn kein oder falsches Wissen &#252;ber sie produziert wird. Es gilt also eine prek&#228;re Balance zu halten, sich einerseits wie Marx „auf den Standpunkt des Proletariats“ zu stellen und gleichzeitig, wie Lenin polemisch wie immer bemerkt, „stets im Auge zu behalten, da&#223; der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, wie eine Wissenschaft betrieben, d. h. studiert werden will“.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Eine parteiische Wissenschaft ohne Erkenntnisgarantie, aber mit dem Selbstbewusstsein, mehr als nur Ideologie zu produzieren, sollte das Ideal der revolution&#228;ren Wissensapparate sein.</p>
<h3>Was nun?</h3>
<p>Was kann nun linke Politik heute von dieser kritisch-kreativen Lekt&#252;re Lenins gewinnen? Entlang der hier vorgelegten Skizze vor allem drei Erkenntnisse. Erstens, den Fokus auf Politik als „Strategie von unten“. Die Thesen Antonio Gramscis sind hier unverzichtbarer Ausgangspunkt, die Auseinandersetzung um den „Alltagsverstand“, um Selbst- und Weltauffassungen, der „Kampf um Hegemonie“ ist der entscheidende Einsatzpunkt. Die R&#252;ckkoppelung Gramscis an Lenin hilft dabei, den Fokus auf die Subalternen nicht zu verlieren und die Verbindung der notwendigen Analyse der Hegemonie der Herrschenden und der strategischen Ausrichtung der sozialen Bewegungen nicht zu kappen. Zweitens bedeutet das, dass es Orte der kollektiven Wissensproduktion bedarf, in denen eben diese Verbindung produziert wird. Diese revolution&#228;ren Wissensapparate sind dabei selbst Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, m&#252;ssen aber die M&#246;glichkeit bieten, relativ autonom, nach eigener Logik und in spezifischen Rhythmen Wissensarbeit zu betreiben. Dass zu Lenins Zeiten eine spezifische Form der Partei sich als effektivste und angemessene Ausarbeitung dieser Apparate herausgestellt hat, bedeutet hierf&#252;r nicht viel. Welche Form der Organisierung sich in historischen Umst&#228;nden, die nicht von einer sich gerade teilindustrialsierenden Agrargesellschaft und der allgegenw&#228;rtigen Geheimpolizei des Zaren gepr&#228;gt sind, bew&#228;hren kann, sollte Gegenstand der aktuellen politischen Debatte sein. Jedenfalls aber bedarf es einer gewissen Strukturiertheit, denn das Zelebrieren der Pluralit&#228;t ohne organisierenden Knotenpunkt macht die Ausbildung „organischer Intellektueller“ – sowohl im Sinne praktischer OrganisatorInnen als auch im engeren Sinne von spezialisierten Wissen(schaft)sproduzentInnen – sowie das gezielte und bewusste strategische Eingreifen in politische Konjunkturen unm&#246;glich. Drittens schlie&#223;lich wird die Aufmerksamkeit auf die „Politik der Zeit“ gerichtet. Dieser Punkt soll noch kurz ausgef&#252;hrt werden. Die bisher vorgestellten &#220;berlegungen zu Marx und Lenin bieten dazu einen plausiblen Ausgangspunkt, m&#252;ssen jedoch weiter konkretisiert werden. Denn die allgemeinen Feststellungen, dass die kapitalistische Zeitlichkeit durch eine sich komplex &#252;berlagernde Arhythmik sozialer Verh&#228;ltnisse und die Zeit der Politik von Br&#252;chen und Verdichtungen gekennzeichnet ist, ersetzt nicht Analysen der jeweils aktuellen „Zeitregime“. Denn die-se unterscheiden sich je nach historischer und r&#228;umlicher Entwicklungsweise des Kapitalismus betr&#228;chtlich. Die Proletarisierung der russischen Bauern und B&#228;uerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht zuletzt eine Unterwerfung unter eine neue Anordnung der Zeit, in der nicht mehr der Lauf der Sonne und die Jahreszeiten das Leben organisierten, sondern die „Disziplin der Stechuhr“.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Der marxistische Staatstheoretiker Nicos Poulantzas beschrieb 1978 die „kapitalistische Zeitmatrix“ als eine „segmentierte, in gleiche Momente unterteilte, kumulative und irreversible, da auf das Produkt orientierte Zeit“ und hatte dabei „Maschinerie, gro&#223;e Industrie und Flie&#223;bandarbeit“ vor Augen – also eine „fordistische“ Zeit.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Doch was hei&#223;t es f&#252;r die Politik der Zeit, wenn zumindest in den kapitalistischen Zentren Normen prek&#228;r und das Prek&#228;re selbst zur Norm wird, d.h. regelm&#228;&#223;ige, klar abgegrenzte Arbeitszeiten und segmentierte Zeiteinheiten von „flexibilisierten“ Arbeitsverh&#228;ltnissen abgel&#246;st werden? Wenn an die Stelle der verhassten Stechuhr f&#252;r wesentliche Teile der ArbeiterInnenklasse die gef&#252;rchtete Deadline r&#252;ckt und die Arbeitszeit sich als jederzeit abrufbare Just-In-Time-Labor &#252;ber das schiebt, was man im Nachkriegskapitalismus noch recht eindeutig als Freizeit identifizieren konnte? Poulantzas f&#252;hrt uns auf eine richtige F&#228;hrte, wenn er betont, dass die Zeitmatrix nicht einfach aus der &#214;konomie ausstrahlt, sondern im Staat und seinen Apparaten, aber auch in der Formierung der Subjekte selbst materialisiert ist. Wenn wir also mit Lenin im 21. Jahrhundert die Frage nach Formen der Organisierung stellen, m&#252;ssen wir ber&#252;cksichtigen, dass die gebrochene Zeit der Politik, in die eingegriffen werden soll und muss, heute auf eine ver&#228;nderte politische &#214;konomie der Zeit aufsetzt. Dabei ist die Herausforderung nicht gering: Wie nimmt man R&#252;cksicht auf die Alltagsrhythmen und -arrythmien der Prekarisierten und integriert diese in die politische Organisierung, ohne Stress, Hektik, Versagensangst, Zwangsbegl&#252;ckung, Perspektivlosigkeit und was sonst noch alles zum Leben in der Prekarit&#228;t geh&#246;rt zu reproduzieren? Die Antwort darauf kann nur in der Praxis der Organisierung selbst gefunden werden, im Jonglieren der Zeiten: der Zeit des Kapitals, die als Herrschaftsverh&#228;ltnis das Leben strukturiert; der Zeit der Subjekte, die k&#228;mpfen, sich wehren und ver&#228;ndern k&#246;nnen; der Zeit der Politik, in die es einzugreifen gilt. Von Lenin lernen hei&#223;t somit nicht unbedingt siegen lernen, aber zu lernen, was f&#252;r eine siegreiche Revolte unabdingbar ist, n&#228;mlich die Verschr&#228;nkung von hegemonialer Alltagspolitik, die sich aller Bereiche der Gesellschaft annimmt und in sie eingreift, mit strategischen Interventionen, die in die Br&#252;che der Geschichte eingreifen k&#246;nnen.<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> Diese Erkenntnisse heute wieder zu diskutieren, um Lenin aus dem stalinistischen Glassarg wie von antileninistischen Karikaturen zu beifreien, braucht wohl abermals Zeit. Zeit f&#252;r Lenin eben, die lohnt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Das Symposium hatte den Titel „Vom Alltagsverstand zum Widerstand und fand am 14. und 15. Dezember 2007 in Wien statt. Pr&#228;sentationen und Texte vom Symposium finden sich unter www.gramsci.at.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r Gramsci war Lenin nicht weniger als „der gr&#246;&#223;te moderne Theoretiker der Philosophie der Praxis“ (Gramsci, Antonio; Gef&#228;ngnishefte, Bd.6, Hamburg 1994: 1249). Eine Ausnahme zur Schweigepraxis stellt der j&#252;ngst erschienene Aufsatz von Mikiya Heise und Daniel von Fromberg dar. Darin wird zwar auf die Bedeutung des „glorreichen Halunken“ Lenin f&#252;r Gramsci hingewiesen, dieser bleibt jedoch ein „,feldwebelhafter’ Avantgardist“, der als dunkler Gegenpol zu Gramscis Konzept des „best&#228;ndig lernenden Analytiker(s) der politischen Situation“ herhalten muss. Heise, Mikiya/von Fromberg, Daniel: ‚Die Machtfrage stellen‘. Zur politischen Theorie Antonio Gramscis, in: Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg, 2007: 110-125, hier: 123, 119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Die Goldenen Zitronen: Lenin. Vom Album „Lenin“, erschienen 2006 bei Buback Tontr&#228;ger.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> So der Klappentext von Lenins „Was tun?“ in der Ausgabe des Dietz Verlags (Lenin: Was tun? Berlin, 1988).<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Lih, Lars T.: Lenin Rediscovered. ‚What is to be Done?’ in Context. Leiden, 2006. Auf das fast 900 Seiten starke Buch kann hier nicht genauer eingegangen werden. Zu kleineren Kritikpunkten an Lihs Thesen vgl. die wohlwollenden Rezensionen von Paul Le Blanc, Paul Blackledge und John Molineux: Le Blanc, Paul: Lenin’s Return, in: WorkingUSA Vol. 10, 2007, 273-285; Blackledge, Paul: What was done, in: International Socialism 111, 2006; Molineux, John: Lih’s Lenin – a review of Lars T. Lih’s ‚Lenin Rediscovered’, http://johnmolyneux.blogspot.com/2006/11/lihs-lenin-reviewof-lars-t-lih-lenin.html. Bereits 1964 hatte der US-amerikanische Marxist Hal Draper im Wesentlichen &#228;hnlich wie Lih argumentiert, jedoch ohne die detaillierte Aufarbeitung und umfangreiche Belegarbeit: Draper, Hal: The Myth of Lenin’s ‚Concept Of The Party’: Or What They Did To What Is To Be Done?, in: Historical Materialism 4, 1999: 187-213.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Anderson, Perry: Considerations on Western Marxism, London, 1976<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, in: Sozialistische Hefte 15, 2007: 22-28, hier: 25.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Jameson, Frederic: Lenin and Revisionism, in: Budgen, Sebastian/Kouvelakis, Stathis/ Žižek, Slavoj (Hg.): Lenin Reloaded. Towards a Politics of Truth, Durham und London, 2007: 59-73, hier: 62.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Blackledge, Paul: What was done, a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Lenin: Was tun, a.a.O.: 86.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg, 1996: 1560f.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Bensaïd, Daniel: Leaps! Leaps! Leaps!, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.: 148-163, hier: 149.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 53.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Ebd.: 110.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Lars T. Lih geht sogar so weit zu argumentieren, dass Lenin in „Was tun?“ im Prinzip nichts anderes versuchte, als das Modell der SPD auf russische Verh&#228;ltnisse umzulegen. Lenin w&#228;re demnach, nach dem damals g&#252;ltigen<br />
Parteiprogramm der SPD, als „Erfurtianer“ zu bezeichnen.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Lenin: Die Reorganisation der Partei, in: Gesammelte Werke, Bd. 10: 16.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche &#252;ber Lenin, Frankfurt/M., 2002: 34.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Ebd.: 35.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 2, a.a.O.: 374.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor, a.a.O.: 36.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, in: Perspektiven 4, 2008: 34-43, hier: 42.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, a.a.O.: 23.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Bensaïd, Daniel: Marx For Our Times. Adventures and Misadventures of a Critique, London und New York, 2003: 72-80.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd.: 73.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Bensaïd, Daniel: Leaps!, a.a.O.: 151.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Lenin: Was tun?.a.a.O.: 226.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Ebd.: 158.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Callinicos, Alex: Leninism in the Twenty-first Century?, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.:18-41, hier: 27.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 49.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, a.a.O.:<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Anschaulich beschrieben wurde dieser Prozess f&#252;r die Entstehung der<br />
englischen ArbeiterInnenklasse von E.P. Thompson, in: Holloway, John/Thompson, E.P.: Blauer Montag. &#220;ber Zeit und Arbeitsdisziplin, Hamburg, 2007<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg, 2002: 142. Markus Wissen weist darauf hin, dass Poulantzas hier ganz offensichtlich „Gefahr (l&#228;uft), die in einer bestimmten kapitalistischen Entwicklungsphase vorherrschenden Raum- und Zeitformen zu verallgemeinern“. Wissen, Markus: Territorium und Historizit&#228;t. Raum und Zeit in der Staatstheorie von Nicos Poulantzas, in: Bretthauer, Lars/Gallas, Alexander/Kannankulam, John/St&#252;tzle, Ingo (Hg.): Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie, Hamburg, 2006: 206-222, hier: 216.</p>
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		<title>Spekulationsblase als Abbruchbirne</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:40:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.<br />
<span id="more-108"></span><br />
Die aktuelle Krise k&#246;nnte sich als die verheerendste seit der Gro&#223;en Depression herausstellen. In ihr manifestieren sich sowohl schwerwiegende ungel&#246;ste Probleme der Realwirtschaft, die &#252;ber Jahrzehnte von der Verschuldung &#252;berdeckt wurden, als auch ein eher kurzfristiger Liquidit&#228;tsengpass von seit dem Zweiten Weltkrieg ungekanntem Ausma&#223;. Die Kombination der Schw&#228;che der grundlegenden Kapitalakkumulationmit dem Zusammenbruch des Bankensystems macht diese Talfahrt f&#252;r PolitikerInnen schwer steuerbar und ihr katastrophales Potential so ernst. In Detroit und anderen St&#228;dten des Mittleren Westen breiten sich Zwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken rasant aus und in die leerstehenden H&#228;user wird oft eingebrochen und alles inklusive der Verkabelung ausger&#228;umt. Die menschliche Katastrophe, die das f&#252;r hunderttausende Familien und ihre Communities darstellt, k&#246;nnte ein Vorgeschmack darauf sein, was eine solche kapitalistische Krise bedeutet. Die historischen Haussen in den Finanzm&#228;rkten in den 1980ern, 1990ern und um 2000 – mit ihren epochalen Umverteilungen von Einkommen und Verm&#246;gen zu dem reichsten Prozent der Bev&#246;lkerung – haben von der eigentlichen Langzeitschw&#228;chung der entwickelten kapitalistischen Wirtschaft abgelenkt. Die Wirtschaftleistung in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Japan hat sich, gemessen an praktisch jedem Standardindikator – Wachstum, Investitionen, Besch&#228;ftigung und L&#246;hnen – seit 1973 st&#228;ndig verschlechtert, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Konjunkturzyklus um Konjunkturzyklus. Die Jahre seit dem Beginn des aktuellen Zyklus, der seinen Ursprung im Jahr 2001 hat, waren dabei die schlechtesten &#252;berhaupt. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts der USA war das langsamste im Vergleich zu jeder Periode seit den 40er Jahren, w&#228;hrend der Zuwachs an neuen Betriebsst&#228;tten und Produktionsmittel ein Drittel und die Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze zwei Drittel unter dem Nachkriegsdurchschnitt lag. Die Reall&#246;hne in der Produktion und bei den nicht-leitenden Angestellten, also bei etwa 80% der Arbeitskr&#228;fte, sind kaum angestiegen und d&#252;mpeln etwa auf dem Niveau von 1979 dahin.<br />
Auch in Westeuropa oder Japan war das Wirtschaftswachstum nicht deutlich st&#228;rker. Die verringerte &#246;konomische Dynamik in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt hat ihre Wurzeln in einem starken Abfall der Profitabilit&#228;t, verursacht in erster Linie durch die dauerhafte Tendenz zu &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionssektor seit den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren. Mit der reduzierten Profitabilit&#228;t hatten die Firmen weniger Profite, die in Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investiert werden konnten und damit auch weniger Anreiz zu expandieren. Das Anhalten der verringerten Profitabilit&#228;t f&#252;hrte in den f&#252;hrenden kapitalistischen Volkswirtschaften zu einer stetigen Abnahme an Investitionen im Verh&#228;ltnis zum BIP, sowie zu einer schrittweisen Reduktion des Wirtschaftswachstums, des Wachstums an Produktionsmittel und der Besch&#228;ftigung.<br />
Die langanhaltende Verlangsamung der Kapitalakkumulation, sowie der Druck auf die L&#246;hne durch die Konzerne, begleitet von den K&#252;rzungen im Sozialsystem, um die Profite der KapitalistInnen zu st&#252;tzen, resultierten in einem R&#252;ckgang an Investitionen und privater wie staatlicher Nachfrage. Um dieser anhaltenden Schw&#228;che der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu begegnen, hatten die Regierungen, angef&#252;hrt von den Vereinigten Staaten, kaum ein andere Wahl als &#252;ber verschiedene, verwinkelte Wege immer gr&#246;&#223;eren Staatsverschuldungen zuzustimmen, um die Wirtschaft in Bewegung zu halten. Anfangs, in den 1970ern und 1980ern, waren die Staaten gezwungen immer gr&#246;&#223;ere Haushaltsdefizite auf sich zu nehmen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Aber w&#228;hrend die Wirtschaft relativ stabil gehalten wurde, f&#252;hrten die Defizite auch zunehmend zur Stagnation: Im Jargon dieser Zeit: „the governments were getting progressively less bang for their buck“, die Regierungen bekamen weniger Wachstum des BIP, wieviel mehr Schulden sie auch immer aufnahmen.</p>
<h3>Von Budget-K&#252;rzungen zur „Bubble-Economy“</h3>
<p>In den fr&#252;hen 90er Jahren versuchten deshalb rechtsgerichtete und neoliberale Regierungen, angef&#252;hrt von Bill Clinton, Robert Rubin und Alan Greenspan, sowohl in den USA als auch in Europa, die Stagnation zu &#252;berwinden, indem sie ausgeglichene Staatshaushalte anstrebten. Diese radikale Verschiebung der Priorit&#228;ten war es, die letztlich ordentlich nach hinten losging. Weil sich die Profitabilit&#228;t noch nicht erholt hatte, resultiert die Defizitreduktion, herbeigef&#252;hrt durch den Haushaltsausgleich, in einem gewaltigen Schlag gegen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, mit dem Ergebnis, dass w&#228;hrend der ersten H&#228;lfte der 1990er sowohl Europa als auch Japan von verheerenden Rezessionen betroffen waren, den schlimmsten seit 1945, w&#228;hrend in den USA die sogenannte „jobless recovery“, d. h. steigendes Wirtschaftswachstum ohne Besch&#228;ftigungswachstum, stattfand. Seit Mitte der 1990er sind die Vereinigten Staaten gezwungen sich in wirkungsvollere und riskantere Formen der Wirtschaftsstimulation zu fl&#252;chten, um der Stagnation zu begegnen. Vor allem ersetzten sie das &#246;ffentliche Defizit des traditionellen Keynsianismus durch private Verschuldung und die Inflation des Anlagekapitals, also einer Art Anlagekapitalkeynesianismus, oder einfacher: „Bubblenomics“.<br />
In dem gro&#223;en Ansturm auf die B&#246;rsen w&#228;hrend der 1990er Jahren sahen die Konzerne und wohlhabenden Haushalte, wie sich ihr Verm&#246;gen auf dem Papier massiv vermehrte. So wurde ihnen erm&#246;glicht in den rekordverd&#228;chtigen Anstieg der Darlehensaufnahme einzusteigen und auf dieser Basis eine m&#228;chtige Expansion von Investition und Konsum aufrechtzuerhalten. Der sogenannte New Economy-Boom war ein direkter Ausdruck dieser Spekulationsblase der Jahre 1995 bis 2000. Aber nachdem die Aktienkurse im Widerspruch zu den fallenden Profitraten gestiegen sind und die neuen Investitionen die &#220;berkapazit&#228;ten der Industrie noch verschlimmerten, folgte darauf schnell der B&#246;rsencrash und die Rezession 2000-2001, die die Profitabilit&#228;t im Nicht-Finanzsektor auf das niedrigste Niveau seit 1980 dr&#252;ckten. Unerschrocken bek&#228;mpften Greenspan und die US-Notenbank, unterst&#252;tzt von den anderen wichtigen Zentralbanken, den zyklischen Abschwung mit einer weiteren Inflation der Anlagewerte, und das hat uns letztlich dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Durch die kurzfristige Senkung der Realzinss&#228;tze auf Null f&#252;r drei Jahre wurde eine historisch einmalige Explosion der privaten Darlehensaufnahme erm&#246;glicht, was wiederum zu den in die H&#246;he schie&#223;enden Immobilienpreisen und Haushaltsverm&#246;gen f&#252;hrte. Laut Economist ist die zwischen 2000 und 2005 entstandene Immobilien-Blase die gr&#246;&#223;te Spekulationsblase aller Zeiten und schl&#228;gt sogar jene von 1929. Sie erm&#246;glichte einen stetigen Anstieg der Konsumausgaben und der Investitionen in Eigenheime, die gemeinsam die Expansion antreiben. Im laufenden Konjunkturzyklus machen pers&#246;nliche Konsumption plus Wohnungsbau 90 bis 100 Prozent des BIP-Wachstums in den USA aus. Im selben Intervall war laut Moody’s Economy.com der Immobiliensektor allein daf&#252;r verantwortlich, dass das Wachstum des BIP 2,3% statt 1,6% betrug – eine Steigerung um fast 50 Prozent. Zusammen mit George W. Bushs Reagan-esken Budgetdefiziten ist es so gelungen, zu verschleiern, wie schwach der dahinterstehende Wirtschaftsaufschwung in Wirklichkeit war. Der Anstieg der schuldengest&#252;tzten Konsumnachfrage, sowie die extrem billigen Kredite im allgemeinen, hat nicht nur die amerikanische Wirtschaft belebt, sondern vor allem durch den Importanstieg und das gestiegene Handelsbilanzdefizit einen scheinbar beeindruckenden globalen Wirtschaftsaufschwung angesto&#223;en.</p>
<h3>Offensive der Konzerne</h3>
<p>Doch w&#228;hrend die KonsumentInnen ihren Teil beigetragen haben, kann man das gleiche nicht &#252;ber die Privatunternehmen sagen, trotz der wirtschaftlichen Rekordanreize. Greenspan und die Zentralbank hatten die Immobilienblase aufgeblasen, um den Konzernen Zeit zu verschaffen ihre Kapitalr&#252;cklagen aufzuarbeiten und wieder zu investieren. Aber stattdessen konzentrierten sich die Konzerne auf die Wiederherstellung ihrer Profitrate und starteten einen brutalen Angriff auf die ArbeitnehmerInnen. Sie erh&#246;hten das Produktivit&#228;tswachstum, weniger indem sie in hoch entwickelte Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investierten, sondern eher durch radikale K&#252;rzungen der Arbeitspl&#228;tze und der Aufforderung an die verbleibenden Arbeitskr&#228;fte, den G&#252;rtel enger zu schnallen. Die L&#246;hne wurden unten gehalten, der Output pro Person erh&#246;ht und die UnternehmerInnen eigneten sich einen in dieser H&#246;he historisch einmaligen Anteil am Wirtschaftswachstum des Nicht-Finanzsektors an.<br />
Die Konzerne au&#223;erhalb des Finanzsektors erh&#246;hten ihre Profitraten zwar signifikant, erreichten aber nicht mehr das – ohnehin schon reduzierte – Level der 1990er Jahre.Au&#223;erdem gab es Bedenken, angesichts der Tatsache, dass das Ansteigen der Profitrate schlicht durch eine Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate erreicht wurde, – ArbeiterInnen m&#252;ssen mehr arbeiten und bekommen weniger Lohn – wie lange das noch so weiter gehen k&#246;nne. Vor allem aber zog sich die US-Wirtschaft, da sie die Profitabilit&#228;t steigerte, indem sie Besch&#228;ftigung, Investitionen und L&#246;hne niedrig hielt, den Boden unter den eigenen F&#252;&#223;en weg.<br />
Gleichzeitig haben Firmen, statt mehr zu investieren und damit Produktivit&#228;t und Besch&#228;ftigung zu st&#228;rken, versucht die extrem niedrigen Zinss&#228;tze auszunutzen und ihre eigene und die Position ihrer TeilhaberInnen durch Finanzmanipulationen zu verbessern – Schulden bezahlen, Dividenden auszahlen, eigene Aktien kaufen, um den Wert in die H&#246;he zu treiben, vor allem in Form einer enormen Welle von &#220;bernahmen und Fusionen. In den USA haben in den letzten vier, f&#252;nf Jahren Dividenden und Aktienr&#252;ckk&#228;ufe als Teil der Gewinnr&#252;cklagen ihr h&#246;chstes Level der Nachkriegszeit erreicht. Dieselbe Art von Vorg&#228;ngen gab es in der gesamten Weltwirtschaft – in Europa, Japan und Korea.</p>
<h3>Die Blasen platzen</h3>
<p>Letzten Endes beobachten wir in den USA und &#252;berall in den entwickelten kapitalistischen Staaten seit 2000 das langsamste Wirtschaftswachstum in der Realwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg und die gr&#246;&#223;te Expansion der Finanz&#246;konomie der amerikanischen Geschichte. Man braucht keineN MarxistIn, um zu erkl&#228;ren, dass das so nicht weiter gehen kann. Nat&#252;rlich platzte die Immobilienblase, genau wie die Spekulationsblase am Aktienmarkt der 1990er. Als Konsequenz l&#228;uft der Film &#252;ber den immobiliengetriebenen Aufschwung r&#252;ckw&#228;rts ab. Heute sind die Immobilienpreise im Vergleich zu 2005 bereits um f&#252;nf Prozent gefallen, doch das ist erst der Anfang. Moody’s sch&#228;tzt, dass Anfang 2009, wenn die Immobilienkrise vollkommen abgeklungen ist, der Nominalwert der Immobilienpreise um zwanzig Prozent gesunken sein wird – und mehr noch in Realwerten. Das ist bei weitem der gr&#246;&#223;te R&#252;ckgang der amerikanischen Nachkriegsgeschichte. Genau wie der positive Verm&#246;genseffekt der Immobilienblase die Wirtschaft vorangetrieben hat, treibt der negative Effekt des Immobilien-Crashs sie zur&#252;ck. Nachdem der Wert ihrer Eigenheime f&#228;llt, k&#246;nnen Familien ihre H&#228;user nicht mehr als Bankomaten verwenden, die private Kreditaufnahme bricht zusammen und diese Familien sind gezwungen, weniger zu konsumieren. Die Gefahr dahinter ist, dass die Menschen nicht mehr durch den steigenden Wert ihrer Eigenheime „sparen“ k&#246;nnen, daher richtig sparen m&#252;ssen und die private Sparquote, die derzeit auf dem niedrigsten Niveau der Geschichte liegt, damit hochgetrieben und der Konsum verringert wird. Nachdem die Firmen den Effekt der Immobilienkrise auf das Kaufverhalten verstehen, stellen sie weniger Personal ein, mit dem Ergebnis, dass die Besch&#228;ftigungsrate seit Anfang 2007 signifikant gesunken ist. Dank der bereits im zweiten Viertel des Jahres 2007 aufziehenden Immobilienkrise und dem R&#252;ckgang der Besch&#228;ftigung, sind die realen Gesamteinkommen der Haushalte, die in den Jahren 2005 und 2006 um etwa 4,4 Prozent gestiegen sind, auf nahezu Nullwachstum gefallen. In anderen Worten, z&#228;hlt man das verf&#252;gbare Einkommen eines Haushalts, plus die Home-Equity-Abz&#252;ge (Differenz vom Marktwert des Eigenheims und der ausst&#228;ndigen Hypothek, Anm. d. &#220;.), plus die Konsumkreditraten, plus die realisierten Ertr&#228;ge aus Kapitalanlagen zusammen, stellt sich heraus, dass das Geld, das Haushalten zum Ausgaben zur Verf&#252;gung steht, nicht mehr w&#228;chst. Schon bevor die Finanzkrise letzten Sommer zugeschlagen hat, ist das Wachstum auf sehr wackligen Beinen gestanden.<br />
Bei weitem komplizierter und gef&#228;hrlicher wird dieser Abschwung durch die Subprime-Krise (Bankenkrise, verursacht durch die Hypothekenvergabe an Personen mit niedriger Kreditw&#252;rdigkeit), die als direkte Erweiterung der Immobilienkrise zu verstehen ist. Die Mechanismen die die skrupellose Hypothekenvergabe in gigantischem Ausma&#223;, die Massenzwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken, den Zusammenbruch des Subprime-Markts und die Krise der gro&#223;en Banken, die eben diese Subprime-Werte als Sicherheiten in gro&#223;en Mengen besitzen, verbinden, ben&#246;tigen eine eigene Analyse.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass, weil die Verluste der Banken so real und riesig sind und wahrscheinlich noch gr&#246;&#223;er werden, w&#228;hrend sich der Abschwung verschlimmert, die Wirtschaft mit Aussichten konfrontiert ist, die es in der Nachkriegszeit so nie gegeben hat: dass die Kreditvergabe just in jenem Moment eingefroren wird, in dem die Wirtschaft in die Rezession rutscht – und die Regierungen dieser Dynamik nur sehr schwer etwas entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen Versuch, diesen Zusammenhang zu analysieren, unternimmt der &#214;konom Costas Lapavistas: Lapavitsas, Costas: The credit crunch, in: International Socialism Journal 117, 2007, http://www.isj.org.uk/index.php4?id=395&amp;issue=117 (Anm. d. &#220;.).</p>
<p>&#220;bersetzt von Maria Asenbaum.<br />
Erstmals erschienen in <em>Against The Current</em> 132, 2008. Mit frreundlicher Genehmigung von Robert Brenner und <em>Against the Current</em>.</p>
<p>Robert Brenner ist Professor f&#252;r Geschichte an der University of California, Los Angeles. Von ihm ist zuletzt erschienen: <em>Boom und Bubble</em>. <em>Die USA in der Weltwirtschaft</em>, Hamburg 2005.</p>
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		<title>Feminismus weiterdenken</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:39:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ungleichheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Klinger, Cornelia/ Knapp, Gudrun-Axeli/ Sauer, Birgit (Hg.): Achsen der Ungleichheit. Zum  Verh&#228;ltnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizit&#228;t, Frankfurt/ New York: Campus Verlag, 30,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Klinger, Cornelia/ Knapp, Gudrun-Axeli/ Sauer, Birgit (Hg.): Achsen der Ungleichheit. Zum  Verh&#228;ltnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizit&#228;t, Frankfurt/ New York: Campus Verlag, 30,80 €<br />
<span id="more-109"></span><br />
Intersektionalit&#228;t ist ein politisches Produkt des Feminismus, ein notwendiges und zugleich logisches. Seinen Lauf nahm alles mit der Kritik der anderen Frauen, die sich in den USA der sp&#228;ten 1970er und fr&#252;hen 1980er Jahre lautstark zu Wort meldeten. Es war dies die Kritik der <em>women of color</em> und der lesbischen Feministinnen, die aufzeigten, dass der etablierte Feminismus zuallererst ein Feminismus von und f&#252;r wei&#223;e, heterosexuelle und b&#252;rgerliche Frauen war. Es war dies somit auch die Kritik von Frauen, die beispielsweise nicht erst gegen die gesellschaftliche Positionierung von Frauen in der Sph&#228;re der h&#228;uslichen Reproduktionsarbeit k&#228;mpfen mussten, da sie schon immer gezwungen waren, einem Lohnarbeitsverh&#228;ltnis nachzugehen um das Familieneinkommen zu unterst&#252;tzen.<br />
Der Fokus richtete sich in Konsequenz auf Differenzen unter Frauen und f&#252;hrte einerseits dazu, dass das einheitliche Subjekt Frau, auf das sich der Feminismus bis dahin vorbehaltlos st&#252;tzen konnte, verloren war. Andererseits jedoch hatte dies auch eine wichtige Einsicht zur folge: Unterdr&#252;ckung und Marginalisierung verl&#228;uft nicht nur entlang von Geschlecht, sondern entlang mehrerer Kategorien. Genau diesem ‚Umstand’ gab Kimberlé Crenshaw 1988 den Namen ‚Intersektionalit&#228;t’.<br />
Die im Anschluss daran entstandene Forschung hat es sich zum Ziel gesetzt, der Gleichzeitigkeit und dem Zusammenwirken aber auch den Interferenzen und &#220;berschneidungen verschiedener Machtverh&#228;ltnisse nachzugehen, ohne dabei die je spezifische Verfasstheit der einzelnen Kategorien aus dem Blick zu verlieren. Obwohl sich Intersektionalit&#228;t als Paradigma feministischer Forschung und Gesellschaftsanalyse in den USA bereits etablieren konnte, kann hiervon im deutschsprachigen Raum nicht die Rede sein.<br />
Diesem Umstand m&#246;chten Cornelia Klinger, Gudrun-Axeli Knapp, und Birgit Sauer mit dem Band Achsen der Ungleichheit. Zum Verh&#228;ltnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizit&#228;t entgegen kommen. Er ging aus einem Workshop hervor, zu dem die Herausgeberinnen 2005 geladen hatten.<br />
Als Referenzpunkt f&#252;r die Beitr&#228;ge dient der erste Text von Cornelia Klinger und Gudrun-Axeli Knapp. In ihm skizzieren die Autorinnen ihr Vorhaben, eine integrierte und gesellschaftstheoretisch fundierte Analyse zentraler Ungleichheitskategorien zu schaffen, die sowohl die Zusammenh&#228;nge als auch die je eigene Qualit&#228;t von ‚Geschlecht, Ethnizit&#228;t und Klasse’ aufzeigt und diese dezidiert als Strukturgeber moderner Gesellschaften auffasst. Zentral erscheint ihnen dabei einerseits eine umfassende ‚Rehabilitierung’ der Kategorie ‚Klasse’ als gesellschaftliche Strukturkategorie und damit auch eine Abkehr von Ans&#228;tzen, die von einer ‚Pluralisierung von Lebenslagen’ ausgehen und damit Gefahr laufen, Klasse, Geschlecht oder Ethnizit&#228;t als ‚blo&#223;e’ Identit&#228;tskategorien zu fassen. Andererseits streichen sie heraus, dass die gesellschaftstheoretische Einbettung der Intersektionalit&#228;tsforschung im Sinne der Kritischen Theorie explizit normativ als auch selbstreflexiv passieren soll. Brigitte Aulenbacher beleuchtet in ihrem Beitrag, wie die benannten Strukturkategorien in die gesellschaftlichen Transformierungsprozesse der letzten Jahrzehnte eingelassen sind. Angesichts rassistischer Realit&#228;ten muss man zwar mit ihrer Diagnose der „historisch &#252;berkommenen Zuweisungen nach Ethnie“ nicht &#252;bereinstimmen. Dennoch kann Aulenbacher &#252;berzeugend die blinden Flecken aktueller Gesellschaftsanalysen herausarbeiten, die den Fokus zu sehr auf die Erosion des Normalarbeitsverh&#228;ltnisses legen, das auch immer implizit auf den m&#228;nnlichen Lebenszusammenhang abgestimmt war.<br />
In eine &#228;hnliche Richtung geht auch der Beitrag von Hans-J&#252;rgen Bieling, der mit einem neo-gramscianisch erweiterten Regulationsansatz zun&#228;chst die zunehmende, jedoch auch ungleichf&#246;rmige Versch&#228;rfung sozialer Disparit&#228;ten im Zuge der gesellschaftlichen Umbr&#252;che der letzten Jahrzehnte skizziert. Klasse, Geschlecht und Ethnie konzeptualisiert er dabei als „analytische Relationalit&#228;tskategorien“, die sich auf zentrale Strukturdeterminanten sozialer Kollektive beziehen. Durch diese akteursbezogene Perspektive gelingt zwar eine treffende historische Kontextualisierung von sozialen K&#228;mpfen, l&#228;uft jedoch im Hinblick auf eine intersektionelle Analyse Gefahr, zu identit&#228;tspolitisch zu argumentieren, wie beispielsweise die verk&#252;rzte Konzeptualisierung von Ethnie als „Referenzpunkt f&#252;r eine imaginierte Gemeinschaft“ (S. 108) zeigt, die die strukturellen Ausgrenzungsmechanismen entlang von Ethnizit&#228;t ausblendet.<br />
Auch Lars Kohlmorgen n&#228;hert sich dem Vorhaben einer integrierten Analyse des Klassen- und Geschlechterverh&#228;ltnisses &#252;ber die Regulationstheorie, die er um das Habitus-Konzept von Bourdieu erweitert. Dabei geht er davon aus, dass das Akkumulationsregime und die entsprechende Regulationsweise ein „Kapital-Lohnarbeits-Hausarbeitsverh&#228;ltnis“ bewirken, welches wiederum einen „Klassen-Geschlechts-Habitus“ erzeugt und dadurch auf ersteres zur&#252;ckwirkt. Das hier skizzierte makrotheoretische Konzept l&#228;sst jedoch, so auch der Autor, einige Punkte bez&#252;glich der Herausbildung von Subjektivit&#228;t, bzw. der Integration weiterer Kategorien nur angedeutet.<br />
Im Gegensatz zu den meisten anderen Beitr&#228;gen unterscheidet Regina Becker-Schmidt in ihrer Herangehensweise neben Geschlecht und Klasse auch noch explizit zwischen ‚Ethnizit&#228;t’ und ‚Rasse’, wobei ersteres auf Ausschie&#223;ungspraxen im nationalstaatlichen Rahmen abzielt und letzteres direkt auf biologistisch-rassistische Diskurse in der Tradition des Kolonialismus rekurriert. Nimmt man die Vorgaben der Intersektionalit&#228;tsforschung ernst, so sind dabei zwei Punkte von zentraler Bedeutung: zum ersten muss der sozialhistorische Kontext der Entstehung und Entwicklung der jeweiligen Ungleichheitslagen beachtet werden; zum zweiten erfordert dies eine integrierte Analyse sowohl der Ebene der sozialen Interaktion, als auch der Ebene der sozialen Positionierung von gesellschaftlichen Gruppen. Aufgrund dieses Umfanges l&#228;sst sich – so die Autorin – Intersektionalit&#228;tsforschung nur arbeitsteilig bew&#228;ltigen.<br />
Mechthild Bereswill z&#228;umt dagegen das Pferd von hinten auf, indem sie sich der Fragen nach den Interferenzen sozialer Strukturkategorien im Kontext der M&#228;nnlichkeitsforschung, genauer &#252;ber das Konzept der „hegemonialen M&#228;nnlichkeit“, n&#228;hert. Anstatt von einem dichotomen Geschlechterverh&#228;ltnis auszugehen, wird hier anhand einer Studie &#252;ber junge, „randst&#228;ndige“, inhaftierte M&#228;nner nachgezeichnet, wie verschiedene Konzepte von M&#228;nnlichkeit gerade durch die &#220;berlagerung von rassistischen und sozialen Machtverh&#228;ltnissen entweder hegemonial oder marginalisiert werden.<br />
&#196;hnlich, f&#252;r diesen Bereich jedoch fast exotisch, geht auch Wolfgang Gabbert vor, wenn er in seinem Beitrag aus einer sozialanthropologisch-komparativen Perspektive nachzeichnet, dass Kategorien wie Ethnizit&#228;t, Klasse, Geschlecht oder aber auch Generation ihre strukturierende Bedeutung erst in bestimmten historischen und kulturellen Kontexten erlangen. Am Beispiel der Endogamie, d.h. der Norm, nach der Eheschlie&#223;ungen nur innerhalb der eigenen sozialen Gruppe zul&#228;ssig sind, stellt er dar, wie diese Kategorien bis in das letzte Jahrhundert noch synonym verwendet wurden und sich die heute gel&#228;ufigen Konzeptionen erst parallel mit den modernen Nationalstaaten herausbildeten.<br />
Ein weiteres Beispiel f&#252;r einen historischen Zugang zum Thema der Intersektionalit&#228;t bietet der Beitrag von Sybille K&#252;ster. Anhand der Kategorien von Ethnizit&#228;t, Nationalit&#228;t und „Rasse“ zeichnet sie die Herausbildung und Kodifizierung der Staatsangeh&#246;rigkeit in Deutschland im Kontext der Entstehung moderner Staatlichkeit und der „Ethnisierung von Fremdheit“ nach. Christoph G&#246;rg argumentiert anhand des Beispiels des Millenium Ecosystem Assessments, dass soziale Ungleichheiten nicht getrennt von gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnissen betrachtet werden k&#246;nnen, sondern aufs engste miteinander verwoben sind. Somit reproduzieren sich soziale Konflikte auch in der Definition von (Umwelt-) Problemen und (internationalen) Verhandlungs- und Entscheidungsstrukturen. Klasse, Gender oder Ethnizit&#228;t spielen also auch hierbei eine zentrale Rolle, bekommen jedoch im Kontext der Naturverh&#228;ltnisse eine neue Ausrichtung.<br />
Auf einen h&#246;chst umstrittenen Begriff, n&#228;mlich den Begriff der „&#220;berfl&#252;ssigen“, der in letzter Zeit vor allem im Zusammenhang mit den Unruhen in den franz&#246;sischen Banlieus Furore gemacht hat, besch&#228;ftigen sich gleich zwei Beitr&#228;ge in diesem Band. Markus Schroer verwendet ihn in seinem Konzept, um die Existenz von Gruppen zu beschreiben, die nicht mehr ‚nur’ materiell benachteiligt sind, sondern aufgrund mehrdimensionaler Faktoren &#252;berhaupt fast vollst&#228;ndig von jeglicher Form gesellschaftlicher Partizipation ausgeschlossen sind. Damit in Verbindung setzt er das Konzept von „Aufmerksamkeit“, das in der ‚globalen Mediengesellschaft’ zunehmend zur knappen und damit umk&#228;mpften Ressource wird. Die Annahme, dass sich soziale K&#228;mpfe alleinig um Aufmerksamkeit als Selbstzweck drehen, erscheint jedoch im Hinblick auf die Lebensrealit&#228;ten von Subalternen etwas zynisch. Auch Sabine Hark kritisiert diesen Begriff auf heftigste, wenn sie ihn als eine Form symbolischer Delegitimierung bezeichnet, die der Festschreibung und Passivierung dieser Gruppen noch zus&#228;tzlich Vorschub leistet. Dem gegen&#252;ber sei es die Aufgabe der Soziologie (und man m&#246;chte hinzuf&#252;gen: der Sozialwissenschaften generell), gerade die Prozesse und Strukturen, und damit die Machtverh&#228;ltnisse, die diesescheinbare Exklusion zur Folge haben, zu beleuchten.<br />
Shalini Randeria vergleicht in ihrem Beitrag die Bev&#246;lkerungspolitiken in China und Indien und stellt damit eine angenehme Ausnahme zu den sonst eher auf Europa fixierten Beitr&#228;gen in diesem Band dar. Auch wenn sie damit auf den ersten Blick die Intentionen<br />
der Herausgeberinnen etwas verfehlt, bietet sie nicht nur einen interessanten und h&#246;chst informativen Einblick in diese Thematik, sondern kann auch – wenn auch nur implizit – aufzeigen, wie sich staatliche Ma&#223;nahmen bezogen auf die Geburtenkontrolle mit den<br />
Kategorien von Geschlecht und sozialer Klassenlage &#252;berschneiden und f&#252;r die Betroffenen h&#246;chst unterschiedlich auswirken.<br />
Einer der &#252;berzeugendsten und kreativsten Beitr&#228;ge in diesem Band kommt von Helma Lutz, die sich in ihrer Forschung auf migrantische Arbeit in Haushalten konzentriert. Auf<br />
Basis einer kurzen Einf&#252;hrung in das Thema, die mit ersch&#252;tternden Daten und Fakten die enormen Dimensionen darlegt, die dieses Ph&#228;nomen in den letzten Jahrzehnten erreicht hat, skizziert sie, wie auf diesem Feld eine intersektionelle Analyse aussehen k&#246;nnte.</p>
<p>Dabei ber&#252;cksichtigt sie sowohl die Akteursebene in der Interaktion von ‚Doing Gender’ und ‚Doing Ethnicity’, als auch den hierbei relevanten institutionellen Rahmen der Interferenz von Wohlfahts-, Geschlechter- und Migrationsregimen. Aus der Perspektive der Lebenslaufforschung n&#228;hert sich wiederum Helga Kr&#252;ger der Interferenz von Geschlecht und Klasse. Dabei legt sie dar, wie das geschlechterbezogene und soziale Ungleichheitsverh&#228;ltnis in den deutschsprachigen L&#228;ndern in Form des Ern&#228;hrermodells<br />
institutionalisiert ist, d.h. im Ensemble wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, die explizit auf die Kleinfamilie mit m&#228;nnlichem, vollerwerbst&#228;tigem Ern&#228;hrer abgestimmt sind.<br />
So treffend die Argumentation der Autorin hier ist, umso entt&#228;uschender wirkt jedoch ihr Fazit, dass diese Konstellationen aufgrund neuer Lebensstile zunehmend „dysfunktional“ erscheinen und „der Staat [...] neue Formen der Moderierung“ von Erwerbsarbeit<br />
und Familienbelangen (S. 189) &#252;bernehmen wird m&#252;ssen; richtet sich hier doch die Frage nicht nach der Dysfunkscheinbare Exklusion zur Folge haben, zu beleuchten. Shalini Randeria vergleicht in ihrem Beitrag die Bev&#246;lkerungspolitiken in China und Indien und stellt damit eine angenehme Ausnahme zu den sonst eher auf Europa fixierten Beitr&#228;gen in diesem Band dar. Auch wenn sie damit auf den ersten Blick die Intentionen der Herausgeberinnen etwas verfehlt, bietet sie nicht nur einen interessanten und h&#246;chst informativen Einblick in diese Thematik, sondern kann auch – wenn auch nur implizit – aufzeigen, wie sich staatliche Ma&#223;nahmen bezogen auf die Geburtenkontrolle mit den Kategorien von Geschlecht und sozialer Klassenlage &#252;berschneiden und f&#252;r die Betroffenen h&#246;chst unterschiedlich auswirken.<br />
Einer der &#252;berzeugendsten und kreativsten Beitr&#228;ge in diesem Band kommt von Helma Lutz, die sich in ihrer Forschung auf migrantische Arbeit in Haushalten konzentriert. Auf Basis einer kurzen Einf&#252;hrung in das Thema, die mit ersch&#252;tternden Daten und Fakten die enormen Dimensionen darlegt, die dieses Ph&#228;nomen in den letzten Jahrzehnten erreicht hat, skizziert sie, wie auf diesem Feld eine intersektionelle Analyse aussehen k&#246;nnte. Dabei ber&#252;cksichtigt sie sowohl die Akteursebene in der Interaktion von ‚Doing Gender’ und ‚Doing Ethnicity’, als auch den hierbei relevanten institutionellen Rahmen der Interferenz von Wohlfahts-, Geschlechter- und Migrationsregimen.<br />
Aus der Perspektive der Lebenslaufforschung n&#228;hert sich wiederum Helga Kr&#252;ger der Interferenz von Geschlecht und Klasse. Dabei legt sie dar, wie das geschlechterbezogene und soziale Ungleichheitsverh&#228;ltnis in den deutschsprachigen L&#228;ndern in Form des Ern&#228;hrermodells institutionalisiert ist, d.h. im Ensemble wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, die explizit auf die Kleinfamilie mit m&#228;nnlichem, vollerwerbst&#228;tigem Ern&#228;hrer abgestimmt sind. So treffend die Argumentation der Autorin hier ist, umso entt&#228;uschender wirkt jedoch ihr Fazit, dass diese Konstellationen aufgrund neuer Lebensstile zunehmend „dysfunktional“ erscheinen und „der Staat [...] neue Formen der Moderierung“ von Erwerbsarbeit und Familienbelangen (S. 189) &#252;bernehmen wird m&#252;ssen; richtet sich hier doch die Frage nicht nach der Dysfunktionalit&#228;t, sondern im Gegenteil gerade nach der Funktionalit&#228;t von geschlechterbasierter Ungleichheit in modernen Gesellschaften.<br />
Thomas Schwinn geht dagegen in seinem Text davon aus, dass Differenzen bez&#252;glich Klasse, Ethnie und Geschlecht nicht per se die Ursache von Diskriminierung sind, sondern sich erst aus den unterschiedlichen Zugangsm&#246;glichkeiten zu institutionellen Ressourcen (hier: Familie, Bildung und Arbeit) ergeben. Diese resultieren wiederum aus der individuellen Sozialisation in der Familie, in der sowohl materielle als auch kulturelle Ressourcen ‚vererbt’ werden. Um die Wechselwirkungen zwischen den sozialen Ungleichheitsformen n&#228;her zu beleuchten, schl&#228;gt er das Bourdieusche Kapitalmodell vor. Mit diesem k&#246;nnten sodann empirisch fassbare Beispiele einer „kompensierenden Strukturierung“ (inl&#228;ndischer Obdachloser f&#252;hlt sich ausl&#228;ndischem Spender &#252;berlegen) und einer „kumulativen Strukturierung“ („ethisch-kulturelle Abgrenzungsreaktionen“ durch „extreme Klassenunterprivilegierung“) theoretisiert werden. Abgesehen davon, dass diese Herangehensweise zu einer essentialistischen Konzeptualisierung von Ungleichheitskategorien neigt, bleibt jedoch die Frage, ob man der Thematik der Intersektionalit&#228;t mit sozialpsychologischen Erkl&#228;rungsmodellen gerecht wird.<br />
Res&#252;mierend kann hier festgehalten werden, dass dieser Band keine fertigen Antworten auf die Frage gibt, wie eine intersektionelle Analyse von Macht und Herrschaftsverh&#228;ltnissen aussehen k&#246;nnte. Dies mag zum einen Teil an den divergierenden und z. T. widerspr&#252;chlichen theoretischen Herangehensweisen an die zentralen Begriffe der Intersektionalit&#228;tsforschung liegen. Zum anderen ist dies sicher auch der, sich durch einige Beitr&#228;ge ziehenden, Untertheoretisierung des Klassenbegriffes zuzurechnen, die jedoch nur als logische Konsequenz der Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Disziplinen der letzten Jahrzehnte zu sehen ist. Einen guten &#220;berblick &#252;ber die analytische Konzeptualisierung von sozialer Ungleichheit aus der Perspektive diverser sozial- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen bietet dieser Band jedoch allemal.</p>
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		<title>Arbeiten am Hegemoniebegriff</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:38:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €<br />
<span id="more-110"></span><br />
Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem Jens Winter seine Arbeit entwickelt, sind die globalen Ver&#228;nderungen der Arbeitsverh&#228;ltnisse und die mannigfachen Fragen die sich daraus ergeben. Nicht nur f&#252;r die Wissenschaft, sondern auch f&#252;r politische AkteurInnen, die sich Angriffen ausgesetzt sehen, welche &#252;ber Jahrhunderte erworbene Rechte im Bereich der Arbeitsbeziehungen zunichte machen oder zumindest aush&#246;hlen, sind die Fragen heute von zentraler Bedeutung. Entlang der Ver&#228;nderungen in einer globalen Welt, die sich auszeichnen durch eine vermehrte Transnationalisierung von Herrschafts- und Ausbeutungsverh&#228;ltnissen, rekonstruiert der Autor mehrere theoretische Ans&#228;tze, die diese Dynamik zu begreifen versuchen. Generell unterteilt er hier in „problem solving“-Theorien und in kritische Theorien, wobei er sich selbst in einer wissenschaftlichen Tradition verortet, die sich aus den kritischen Arbeiten des neogramscianschen Ansatzes, der Regulationsschule und der staatstheoretischen Debatte rund um Joachim Hirsch und Bob Jessop speist.<br />
&#220;berblicksm&#228;&#223;ig l&#228;sst sich festhalten, dass er mit Bezug auf die „problem solving“-Theorien, unter die er neoinstitutionalistische und regimetheoretische Ans&#228;tze einordnet, zwei zentrale Schwachstellen erkennt. Sie schaffen es nicht, die Genese und das umfassende gesellschaftstheoretische Transformationspotential aktueller Entwicklungen, unter Ber&#252;cksichtigung sich neu konstituierender transnationaler Herrschaftsverh&#228;ltnisse, zu erfassen. Mit Bezug auf Staatlichkeit sind es auch genau diese Herrschaftsverh&#228;ltnisse, die aus dem Blickfeld geraten und deshalb zu einem verk&#252;rzten Staatsverst&#228;ndnis f&#252;hren. Trotzdem spricht er diesen Ans&#228;tzen nicht ab, auf analytischer Ebene ein sensibles methodisches Instrumentarium entwickelt zu haben, um die politischen Prozesse innerhalb analytisch fixierter Rahmenbedingungen zu erfassen. Mit Bezug auf die neogramscianisch inspirierte Forschung macht Jens Winter zwei zentrale Problembereiche aus: a) ein zu hoher Abstraktionsgrad der Analyse, der es erschwert, spezifische soziale Dynamiken und Institutionalisierungsprozesse zu erfassen und b) ein stark auf die KapitalistInnenklasse konzentriertes Erkenntnisinteresse, was zu einer Unterbelichtung der Rolle staatlicher AkteurInnen, inter- bzw. transnationalen Regimen und Subalternen f&#252;hrt. Entlang dieser Einsch&#228;tzung neogramscianischer Problemfelder spezifiziert er sein Anliegen. Dabei steht das permanente Spannungsfeld dynamischer und statischer Elemente in hegemonietheoretischen Analysen im Zentrum. Da Hegemonie immer sowohl das Umk&#228;mpfte als auch das Medium des Kampfes ist, schl&#228;gt Winter vor, die dynamische Perspektive zu favorisieren und fasst dies in einer terminologischen Erneuerung. Nicht ein pr&#228;fixierter historischer Block sollte Untersuchungsgegenstand sein, sondern der Prozess der Herausbildung einer hegemonialen Konstellation. Mit dieser prozessorientierten Konzeption von Hegemonie betont er die konstitutive Komponente sozialen Handelns, umgeht die pr&#228;judizierte Setzung wichtiger AkteurInnen in hegemonialen Auseinandersetzungen und kann die in hegemonialen Auseinandersetzungen sich neu bildenden AkteurInnen auf unterschiedlichen r&#228;umlichen Ebenen erfassen, was ein besseres r&#228;umlichfunktionales Begreifen politischer Prozesse erm&#246;glicht.<br />
Sein eigenes Vorgehen bezeichnet Jens Winter als akteursorientierten kritischhegemonietheoretischen Ansatz. „Es geht darum, verschiedene methodische Wege zu nutzen und v.a. die Ergebnisse mit der Absicht zu interpretieren, neue Erkenntnispfade innerhalb des kritisch-hegemonietheoretischen Paradigmas zu beschreiten“, deren Ergebnisse<br />
nicht schon im Vorhinein, aufgrund festgezurrter Annahmen relativ fixiert sind. (74)<br />
Als sein Untersuchungsfeld w&#228;hlt Jens Winter die hegemoniale Konstellation des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA und spezifischer das North American Agreement on Labor and Cooperation (NAALC), also einen „spezifischen transnationalen Governance Prozess im Widerspruchs und Konfliktfeld der Arbeitsregulierung“ (75).<br />
In seinem ersten empirischen Teil analysiert Winter die allgemeine hegemoniale Konstellation der NAFTA, um sich dann einem speziellen Teilbereich dieser Konstellation zuzuwenden. Die Analyse des NAALC versucht empirisch reich untermauert die Dynamiken und Resultate unterschiedlicher Auseinandersetzungen in den verschiedenen Arenen als Handlungsspielr&#228;ume verschiedenster Akteure zu interpretieren. Sein akteurszentrierter Ansatz kann zeigen, dass die Entwicklung einer hegemonialen Konstellation der NAFTA keineswegs als ein reines Elitenprojekt zu begreifen ist, sondern widerst&#228;ndige Praktiken sich insbesondere in den Nebenabkommen wie dem NAALC niederschlugen, diese dadurch aber Teil einer hegemonialen Kompromissformel wurden. Das hei&#223;t, die oft elitenfixierte Herangehensweise neogramscianischer Ans&#228;tze kann kein umfassendes Bild hegemonialer Konstellationen und deren Realit&#228;t zeichnen, wenn nicht die Rolle subalterner Akteure als Teil der Konstitutionsbedingung hegemonialer Konstellationen gefasst wird. Methodisch l&#228;sst sich sagen, dass der Versuch, unterschiedliche Formen der Untersuchung f&#252;r das Feld NAFTA und NAALC zu verbinden, gelungen ist. Trotzdem bleiben einige Fragen offen, wie der Autor zum Teil selbst anmerkt. Theoretisch f&#252;hrt uns die Arbeit zu einer zentralen Fragestellung, die nicht beantwortet wird, n&#228;mlich dem Verh&#228;ltnis zwischen Struktur und Handlung innerhalb der Analyse hegemonialer Konstellationen. Jens Winter benennt diesen Problembereich zwar, beantwortet ihn aber nicht. Dar&#252;ber hinaus stellt der Begriff des Transnationalen zwar eine zentrale theoretische Kategorie dar, bleibt allerdings unterbestimmt. Wie in dem Buch zu erkennen ist, wird transnationaler Raum analytisch nicht beschr&#228;nkt auf die Summe von Akteuren oder Prozessen, sondern erh&#228;lt einen eigenst&#228;ndigen theoretischen Status, doch bleibt dieser Status implizit im Text verschl&#252;sselt. Empirisch werden die transnationalen Prozesse zwar akribisch herausgearbeitet, doch fehlt eine theoretische Darstellung des transnationalen Raumes in seinen eigenen Logiken als Arena hegemonialer Auseinandersetzungen. Besonders f&#252;r das Erfassen transnationaler, subalterner Subjektivierung w&#228;re diese Darstellung hilfreich. Abschlie&#223;end soll festgehalten werden, dass das Buch, sowohl in methodischen Belangen als auch in seinen theoretischen Erweiterungen, als wichtige Intervention in die Debatten um neogramscianische Forschungsperspektiven zu sehen ist. Besonders die gelungene &#220;berwindung der Dichotomie zwischen theoretischen Arbeiten und empirischer Forschung ist ein Vorzeigebeispiel daf&#252;r, wie theoriegeleitete Forschung aussehen kann. Kritische Forschung kann sich entlang solcher Herangehensweisen wieder als wichtige Stichwortgeberin gesellschaftlicher K&#228;mpfe etablieren und so das gramscianische Paradigma einer „Philosophie der Praxis“ mit neuem Leben erf&#252;llen.</p>
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