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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 4</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/editorial-2/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:56:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Islamophobie]]></category>
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		<description><![CDATA[In diesem Heft geht es nicht um den Islam. Islamophobie ist das Thema, der gegenw&#228;rtig aus allen politischen Winkeln, von rechtsextrem bis linksliberal, von christlich-konservativ bis „kommunistisch“ t&#246;nende Rassismus gegen „die Moslems“, zuweilen gar im Dienste der „Aufkl&#228;rung“ und zum Zwecke der Befreiung derer, gegen die gehetzt wird.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In diesem Heft geht es nicht um den Islam. Islamophobie ist das Thema, der gegenw&#228;rtig aus allen politischen Winkeln, von rechtsextrem bis linksliberal, von christlich-konservativ bis „kommunistisch“ t&#246;nende Rassismus gegen „die Moslems“, zuweilen gar im Dienste der „Aufkl&#228;rung“ und zum Zwecke der Befreiung derer, gegen die gehetzt wird.</p>
<p><span id="more-58"></span><span lang="DE"> Aber nicht „der Islam“. Den gibt es n&#228;mlich nicht, und unsere Aufgabe als Linke sehen wir auch nicht darin, uns in die m&#228;&#223;ig interessanten theologischen Debatten um Koranauslegung oder Mohammeds Liebesbeziehungen einzubringen. Wer das tut, hat n&#228;mlich schon verloren. Statt also jenen auf den Leim zu gehen, die behaupten, „der Islam“ w&#228;re das Problem und uns auf das rutschige Terrain zu begeben, auf dem „guter Moslem – b&#246;ser Moslem“ gespielt wird, besch&#228;ftigen wir uns mit denen, die die Leimrute ausgelegt haben. </span><em>Maria Asenbaum</em><span lang="DE"> und </span><em>Felix Wiegand</em><span lang="DE"> zeichnen nach, was Neorassismus, KulturkriegerInnen und die sogenannte Islamkritik verbindet und wie Teile der Linken innerhalb weniger Jahre das ABC des Antirassismus verlernt zu haben scheinen. Davor und zum Einstieg gibt es ein Interview mit </span><em>Kamile Batur</em><span lang="DE"> und </span><em>Baruch Wolski</em><span lang="DE"> vom </span>Kulturverein Kanafani<span lang="DE">, die &#252;ber ihre Eindr&#252;cke vom Aufschwung der Islamophobie und ihre Arbeit dagegen erz&#228;hlen. </span><em>Neil Davidson</em><span lang="DE">, renommierter Historiker der b&#252;rgerlichen Revolutionen, hat uns dankenswerterweise seinen Beitrag zu „Aufkl&#228;rung und Antikapitalismus“ zur Verf&#252;gung gestellt, in dem er die Mythen, die von den selbst ernannten VerteidigerInnen der Aufkl&#228;rung in Stellung gebracht werden, vernichtet. Und ja, wir d&#252;rfen die Aufkl&#228;rung gut finden – wir sollen sogar!<o></o></span></p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts, aber nicht so weit vom Thema weg, ist <em>Ramin Taghians</em><span lang="DE"> Artikel zur ArbeiterInnenbewegung in &#196;gypten, die es nicht nur mit einem repressiven Staatsapparat, sondern auch mit einer oppositionellen, islamistischen Massenorganisation – der Muslimbruderschaft – zu tun hat.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Von diesen zwei Problemen hatte eine andere ArbeiterInnenbewegung nur das erste – und das vor nun &#252;ber 90 Jahren. Nachdem wir uns dem Jubil&#228;um der russischen Revolution 2007 dezent entzogen haben, startet </span><em>Stefan Probst</em><span lang="DE"> mit seinem Aufsatz eine Reihe zur Auseinandersetzung mit dem politischen Erbe der Oktoberrevolution. Er erz&#228;hlt dabei nicht nur eine kurze Geschichte von 1917, sondern beleuchtet die Herausforderungen einer „strategischen Geschichte“ f&#252;r die linke Historiographie.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ein Interview mit </span><em>Ulrich Brand</em><span lang="DE"> zu dem von ihm mitherausgegebenen „ABC der Alternativen“, Rezensionen zur Aktualit&#228;t Antonio Gramscis, Benno Teschkes „Mythos 1648“ und Unruhen in China sowie eine Besprechung des hoch gelobten Films „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ machen auch diese Ausgabe zu einer, wie wir finden, runden Sache.<o></o></span></p>
<p>Zum Abschluss Werbung: die Homepage <em>www.perspektiven-online.at</em><span lang="DE"> ist nun wirklich einen Besuch wert – nicht zuletzt, um den „Abo“-Button anzuklicken und Perspektiven zum Sonderpreis frei Haus geliefert zu bekommen. Wer will das nicht?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><em>Eure Redaktion</em></p>
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		<title>&#8220;Islam als Projektionsfl&#228;che&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:56:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
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		<description><![CDATA[Philipp Probst sprach mit Kamile Batur und Baruch Wolski vom Kulturverein Kanafani &#252;ber Islamophobie, Rassismus und die Konstruktion europ&#228;ischer Identit&#228;ten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Kamile Batur</em> und <em>Baruch Wolski</em> vom <em>Kulturverein Kanafani</em> &#252;ber Islamophobie, Rassismus und die Konstruktion europ&#228;ischer Identit&#228;ten.</span></p>
<p><span id="more-57"></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p><em>Was sind eure Erfahrungen mit Islamophobie? In welcher Form seid ihr Rassismus ausgesetzt, was gibt es f&#252;r Alltagserfahrungen?</em></p>
<p>Baruch Wolski: Es gibt ganz unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt AktivistInnen vom Kulturverein Kanafani, die kaum damit konfrontiert worden sind und dann gibt’s welche, die sehr stark damit konfrontiert worden sind, durch P&#246;beleien etc. Vor allem Frauen mit Kopftuch trifft das besonders, weil die einfach sichtbar sind.<br />
Kamile Batur: Es gibt auch F&#228;lle, die jedeN von uns betreffen. Aber wenn man Kopftuch tr&#228;gt, dann wird man schon zur Zielperson gemacht, &#252;berall, auf der Stra&#223;e, usw. Oft merkt man es vorher gar nicht. Leute, die aus der Mittelschicht kommen, die eigentlich ganz ordentlich ausschauen, machen irgendwas, und zwar so, dass die Anderen das nicht merken, nur du merkst das. Wenn du das dann schluckst, ist alles in Ordnung, weil sie ja auch erwarten, dass du als Frau mit Kopftuch immer sch&#252;chtern bist, dass du nicht reagieren kannst. Wenn du einmal reagierst, dann laufen sie schnell weg, dann k&#246;nnen sie nicht mehr weiter machen. (lacht) Ich bin nicht so oft betroffen, aber es gibt schon F&#228;lle, in denen es auch zu k&#246;rperlichen &#220;bergriffen gekommen ist.<br />
B.: Es gibt etwas, das man zum Teil nur schwer in einer Statistik, wie sie zum Beispiel Zara <a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> erstellt, fassen kann. Es gibt einfach Nuancen, Untert&#246;ne im Umgang miteinander. Ahmed beispielsweise, dessen Eltern Freunde von uns sind, ist f&#252;nf Jahre alt. Wir fahren mit ihm und unserem Kind in den Zoo. In dem U-Bahnwagon sitzt eine alte Frau und f&#228;ngt an mit den Kindern zu sprechen, ganz lieb eigentlich und sehr freundlich. Aber irgendetwas sp&#252;rt man da. Und dann sagt sie: „Ja aber der ist nicht euer Kind“, weil er dunkler ist. Und wir sagen: „Kind von Freunden“ und sie „Achso, jaja,… na, als Kinder sind sie schon sehr lieb alle“. Das kann man jetzt nicht gro&#223;artig als &#220;bergriff werten und manchmal ist es, wie es r&#252;berkommt, sogar noch diffiziler als in diesem Beispiel. Es sind diese unterschwellige Sachen, die an einem nagen und statistisch auch nicht so gut erfassbar sind.<br />
K.: F&#252;r mich ist nicht so sehr der Rassismus im Alltag das Problem. Ich kenne auch viele nette Leute, die fast schon &#252;bernett sind. Ich finde der institutionelle Rassismus ist viel schlimmer und hat gr&#246;&#223;eren Einfluss, gerade auch auf unser allt&#228;gliches Leben.<o></o></p>
<p><em>Wie wirkt sich dieser institutionelle Rassismus aus?</em></p>
<p>B.: Das bezieht sich ja nicht nur auf Islamophobie, jedeR hat Probleme mit Fremdenrecht usw.<br />
K.: Ich bin, zum Beispiel, seit &#252;ber f&#252;nf Jahren mit einem &#246;sterreichischen Staatsb&#252;rger verheiratet, trotzdem bekomme ich bis heute nur ein einj&#228;hriges Visum. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Auch auf der Uni. Oft sind die Menschen an den Inskriptionsstellen f&#252;r ausl&#228;ndische Studierende furchtbar, insbesondere auch zu den t&#252;rkischen Studierenden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Was auch zum institutionellen Rassismus, vielleicht nicht direkt, dazugeh&#246;rt, ist, was als mediales Bild vermittelt wird.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Das geh&#246;rt auch zum institutionellen Rassismus. Staatliche Stellen, Medien und auch zivile Stellen sind ein Teil davon.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Ihr habt das mediale Bild angesprochen. Islamophobie ist ja ein Ph&#228;nomen, das sich in den letzten Jahren immer mehr versch&#228;rft hat, j&#252;ngster H&#246;hepunkt waren die Aussagen im FP&#214;-Wahlkampf in Graz. Was glaubt ihr waren die Ereignisse, die das noch versch&#228;rft, noch einen zus&#228;tzlichen Aufschwung gegeben haben?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Solche Ereignisse find ich nicht so schlimm. Jeden Tag sehe ich irgendetwas in den Printmedien oder im Fernsehen, was nicht so klar rassistisch ist, aber diese Propaganda irgendwie versch&#228;rft. F&#228;lle wie in Graz machen den Rassismus nur sichtbar und wir k&#246;nnen dann offen &#252;ber Rassismus sprechen. Aber wie die Medien das machen, da darfst du nicht so offen &#252;ber Rassismus sprechen – da wirkt das viel versteckter.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B: Als Islamkritik, oder demokratischer Diskurs. Ich meine, alles was Susanne Winter gesagt hat, das ist ja nicht original von ihr. Das mit dem Tsunami, das hat Henryk Broder schon einmal gesagt und „Mohammed ist ein Perverser“ kam von Ayaan Hirsi Ali. Das hat niemals dieses Echo ausgel&#246;st, weil es damals einfach Teil des demokratischen Diskurses war und von „KritikerInnen“ gekommen ist. Wenn Susanne Winter das sagt, ist die ganze Republik entr&#252;stet. Wobei auch diese Entr&#252;stung wieder ein Problem ist. Wenn gesagt wird, „um Gottes willen, die bringt die &#214;sterreicher in eine gef&#228;hrliche Sicherheitslage“ ist das ja auch kein antirassistisches Statement, sondern eher eine Fortf&#252;hrung dieser Klischees und Panikmache.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Islamophobie wird oft mit einer Wertediskussion verbunden, in der es dann um „&#246;sterreichische Werte“ oder „europ&#228;ische Werte“ geht. Wie steht ihr dieser Wertediskussion gegen&#252;ber?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Ehrlich gesagt in anderen L&#228;ndern, in Holland, D&#228;nemark, England oder auch Deutschland ist das irgendwie noch schlimmer als in &#214;sterreich. Was sollen diese Werte sein? Was ist die Leitkultur von Wien? Das sind so abstrakte, in der Luft schwebende Begriffe. Bis jetzt haben Leute immer zusammen gelebt, es gibt keine „reine“ Kultur in Europa, sondern immer gemischte Kulturen in Europa und in &#214;sterreich. Die Immigration ist doch nichts Neues in &#214;sterreich und hat eine mehr als zweihundertj&#228;hrige Geschichte. Trotzdem wird immer noch davon gesprochen, als g&#228;be es eine homogene Kultur, ein homogenes Wertesystem, und nur die Muslime w&#228;ren das nicht „anpassungsf&#228;hige“ Element. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was diese reine, homogene Leitkultur von &#214;sterreich oder von Europa sein soll. <o></o></span></p>
<p>B.: Ich glaube, die sind sich auch nicht sicher. Deshalb nimmt man auch den Islam als Projektionsfl&#228;che, um das zu definieren. Es ist Ausdruck einer Identit&#228;tskrise und gleichzeitig auch der Versuch, eine europ&#228;ische Identit&#228;t zu schaffen, zu konstruieren. FreundInnen von KanakAttak<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> waren bei uns f&#252;r einen Workshop zu Besuch und haben gemeint, dass das einzig verbindende Element in allen europ&#228;ischen L&#228;ndern derzeit eigentlich die Islamophobie ist. Es gibt keine gemeinsame Sicherheitspolitik usw., man einigt sich eigentlich auf gar nichts, aber man versucht zumindest eine europ&#228;ische Identit&#228;t zu konstruieren. Das funktioniert eigentlich fabelhaft. Und es funktioniert auch deshalb, weil die Linke in einer Krise oder kaputt ist. Die neuen sozialen Bewegungen sind alle nicht mehr neu, sondern eher alt. Dann kannst du im Falter lesen, der ja auch so ein &#220;berbleibsel ist, wir d&#252;rften uns unsere christlichen Werte nicht von der FP&#214; verteidigen lassen, wie Armin Thurnherr schreibt. Was hat er mit christlichen Werten zu tun? (lacht). Ein anderes Beispiel: Wir waren bei einer halb-internen Wertediskussion bei den Gr&#252;nen eingeladen, bei der sie dann sagen: „Wir haben schon europ&#228;ische Werte, und die soll man auch m&#246;glichst unterschreiben. Das ist dann die europ&#228;ische Menschenrechtserkl&#228;rung“. Interessant, alles was von der Linken &#252;brig geblieben ist, ist die europ&#228;ische Menschenrechtserkl&#228;rung, die man ja auch durchaus von links kritisieren k&#246;nnte. Das ist das Bedr&#252;ckende, dass sich das &#252;berall durchzieht und nicht nur bei der Rechten bleibt. Dass man damit seine eigene Identit&#228;t konstruiert. Pl&#246;tzlich sind alle ganz frauenbewegt. Ich war bei einer Gemeinderatssitzung der FP&#214;, wo die Burschenschaftler sitzen und &#252;ber Frauenrechte reden, im Bezug auf den Islam. Es ist ein Ph&#228;nomen! (lacht)<o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Es ist wirklich interessant, dass alle so mitspielen. Auch FeministInnen, wenn auch nicht alle, und viele marginalisierte Gruppen. Das ist das gro&#223;e Problem mit der Islamophobie, dass es nicht nur ein Problem der Rechten, sondern auch der Linken ist. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p><em>Das Thema Integration spielt in diesem Zusammenhang ja eine gro&#223;e Rolle.</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Ja, pl&#246;tzlich werden nicht mehr „die Ausl&#228;nder“ sondern „die Muslime“ integriert. Besonders auff&#228;llig war das bei dem Integrationsbericht unter Liese Prokop, in dem es eigentlich um Muslime gegangen ist. Es wurden einfach die Kategorien ausgetauscht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Mit dem Begriff Integration haben wir nat&#252;rlich auch unsere Probleme.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Aber nicht nur wir, weil wir eine theoretische Kritik daran haben, sondern auch die MigrantInnen selbst.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Integration ist ja nicht einfach der Begriff zwischen Multikulturalismus und Assimilation. Es ist einfach eine Reformulierung von Assimilation. Wir haben uns viele Studien angesehen, und es wird nie genau definiert, was diese Werte sind, worin die Leute integriert werden sollen. Was immer klar wird ist, dass die Religion, in dem Fall der Islam, ein Hindernis f&#252;r Integration darstellt. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Das ist die Pr&#228;misse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Da sieht man schon warum diese Studien gemacht werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Das verstehen auch alle! Die Gastarbeiter aus Anatolien verstehen ganz genau, wie das gemeint ist. Wenn man „Integration“ sagt, wissen sie: das hei&#223;t eigentlich, wir sollen uns assimilieren, anpassen, unauff&#228;llig werden. Das wird durchaus so richtig verstanden. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p><em>Ihr habt vorher angesprochen, dass sich Islamophobie nicht nur auf rechte oder konservative Kreise beschr&#228;nkt, sondern sich auch in linke und liberale Kreise ausbreitet. Warum ist das so? Warum hat das so eine Massenwirkung?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Sie glauben alle an die europ&#228;ische Identit&#228;t.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Ich glaub es kommt von verschiedenen Richtungen. Zum Beispiel die 68er: in &#214;sterreich gab es zwar keine 68er, aber es gab da irrsinnig viele Leute aus dem B&#252;rgertum und Kleinb&#252;rgertum, die offen waren f&#252;r das, was damals passiert ist. Jetzt ist das alles irgendwie zusammengebrochen und fast nichts ist &#252;brig geblieben – gerade auch nach 1989. Und nun rennen die Leute wieder zu Mama und Papa, zu dem, was f&#252;r sie sicher ist, ins b&#252;rgerliche Elternhaus (lacht), wo dann gesagt wird „jaja, unsere christliche Werte“ und „wir Europ&#228;er“.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Es kommt immer aus zerbrochenen Geschichten. Wenn du dir die Antideutschen anschaust, die kommen aus einer radikalen Linken die zusammengebrochen ist, aus einer autonomen Bewegung, die sich zerstreut hatte. Die tragen das ganz stark, weil sie meinen, dass sie jetzt Teil eines Kulturkampfes zwischen Israel und dem Islam w&#228;ren, und da m&#252;sse man dann mit Begeisterung dabei sein. Die Islamophobie hat ganz verschiedene Gr&#252;nde. Aber es kommt immer aus einer eigenen Krise. Insofern kn&#252;pft das auch an einen alten Orientalismus an, wie ihn Edward Said beschrieben hat, und wie er in der Konstituierung Europas wichtig war. Das Andere erkl&#228;rt einen selbst. Die Linke ist in einer schweren Krise und das ist ein Ausdruck davon.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: In der Orientalismusdebatte gibt es immer einen Islam, der einheitlich ist, wie Europa mit seiner Leitkultur, ein einheitliches Bild „des Islams“. Aber auch die, die das kritisieren, die versuchen aus dem Kulturkampf auszubrechen, laufen meiner Meinung nach in einer Falle, weil sie sagen, dass es eigentlich gar keinen Islam gibt. Das sind zwei unterschiedliche Ecken und wir stehen in keiner der beiden. Es gibt unterschiedlich praktizierte Islambilder aber trotzdem kann man von einem gemeinsamen Kern im Islam reden. Es gibt schon ein islamisches Weltbild mit einem gemeinsamen Kern, aber es ist nicht einheitlich, nicht homogen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Vielleicht soll man einfach davon weggehen und dar&#252;ber reden, wie wir zusammenleben k&#246;nnen. Wir, also der Kulturverein Kanafani, sind vielleicht so ein Beispiel, wie man zusammen leben und arbeiten kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Wie sch&#228;tzt ihr die Reaktion der radikalen Linke zum Thema Islamophobie ein?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Ich glaube, in Wien hat der Israel/Pal&#228;stinakonflikt alles &#252;berschattet – obwohl das in den letzten Jahren etwas aufgebrochen ist. Aber trotzdem gibt es diese Angst. Du bist anti-religi&#246;s und willst nichts verteidigen. Bezeichnend war die Demo, unterst&#252;tzt von &#214;H, Uni-Linken, EKH usw., ausgel&#246;st durch die Demonstration der Faschos gegen die „Moschee“ im zwanzigsten Bezirk. Das war eigentlich das Thema. Sie haben es aber nicht geschafft „Islamophobie“ in den Aufruf zu schreiben. Sie haben dann die Formulierung, unter Sexismus, Rassismus, und alles was es so gibt, gefunden: „auch Menschen, die als Muslime wahrgenommen werden“. Wenn man b&#246;se ist, kann man da auch sagen, „bei echten Muslime is eh wurscht, oder was?“. Das ist ein Ausdruck davon, dass man nicht wei&#223;, wie man damit umgehen kann, dass es ein gro&#223;es Unbehagen gibt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zum Teil spiegeln sich auch Konflikte wider, die von ganz woanders kommen. Die meisten muslimischen Leute in &#214;sterreich sind t&#252;rkischer Herkunft. In der T&#252;rkei gibt es einen Kampf zwischen alter kemalistischer Elite und Leuten aus der Peripherie, die vielleicht AKP w&#228;hlen, und einer neuen Generation, die jetzt an die Uni str&#246;mt, oder schon da ist, und den alten Eliten die Posten streitig macht. Das selbe hast du im Mikrokosmos Wien auch. Die s&#228;kularen Linken aus der T&#252;rkei, die vor drei&#223;ig, vierzig Jahren mit guter Ausbildung gekommen sind und heute Verwaltungsbeamte im Wiener Rathaus oder Integrationsexperten sind,<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: … also schon integriert sind (lacht)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B: … die haben riesigen Stress, dass jetzt eine Generation von muslimischen Leuten kommt, die auch gut ausgebildet ist, deren Eltern und Gro&#223;eltern aber aus Anatolien kommen und Bauern waren, nicht aus der Stadt und aus Istanbul, und die jetzt auch ihre Stimme erhebt. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Pl&#246;tzlich sagt dann diese &#228;ltere Generation: „Wir sind die Bastion gegen den ‚Islamismus’ und die Linken, wir Linken m&#252;ssten doch den Islamismus bek&#228;mpfen.“ Da geht’s dann eigentlich um ganz banale Sachen, um einen Konflikt in der T&#252;rkei, der auch hier sichtbar wird. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Zu Symposien oder Veranstaltungen zum Thema Kopftuch, Islam, oder EU-Beitritt der T&#252;rkei werden zum Beispiel immer unbedingt Leute t&#252;rkische Herkunft eingeladen. Der Mann oder die Frau vertritt dann sehr oft eine eigenartige Sichtweise, und ich frag mich immer, warum, wenn es um die Kopftuchfrage geht, nie eine Frau mit Kopftuch gefunden wird, um dort zu sprechen. Gibt es die nicht? Das ist auch eine institutionalisierte Praxis von Rassismus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Dass immer die anderen &#252;ber einen, &#252;ber Muslime reden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Wie schaut eure anti-rassistische Arbeit konkret, als Kulturverein Kanafani, aus?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Wir sind eher im studentischen Umfeld aktiv und machen Veranstaltungen auf der Universit&#228;t. Islamfeindlichkeit ist nat&#252;rlich ein Schwerpunkt, auch auf Grund der Herkunft unserer AktivistInnen. Medienarbeit ist uns sehr wichtig. Wir bringen ein Magazin<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup> </a> heraus und versuchen, in den akademischen Diskurs zu intervenieren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Das Problem ist, dass MigrantInnen oft gar nicht in diesen Diskurs hineinkommen. Dabei spielen wir schon eine Rolle, dadurch, dass wir diesen Diskurs auch irgendwie lenken k&#246;nnen. „Islamophobie“ war zum Beispiel vor ein paar Jahren, als wir unsere Islamophobie-Reihe ver&#246;ffentlichten, noch gar kein Thema. Es wurde nie gesagt, dass es so ein Problem gibt. Es muss erst sichtbar gemacht werden, daf&#252;r muss viel gearbeitet werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Deshalb haben wir eine Vortragsreihe gemacht und Texte im „der.wisch“ ver&#246;ffentlicht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Als wir mit dem Thema Islamophobie angefangen haben, hat noch keiner davon gesprochen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Es wurde gesagt: „Was hat Islamfeindlichkeit mit Rassismus zu tun? Rassismus kommt doch von Rasse?“ <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Dazu kommt, dass in &#214;sterreich der antirassistische Diskurs extrem unterentwickelt ist, im Vergleich zum angels&#228;chsischen Raum oder selbst zu Deutschland. Zum Beispiel hei&#223;t das &#214;H-Ausl&#228;nderInnen Referat noch immer Ausl&#228;nderInnenreferat. Ich wei&#223; nicht, wie viele Diskussionen &#252;ber Begrifflichkeiten es gab. Auch, dass es eigentlich nur eine Serviceeinrichtung ist und keine antirassistische Arbeit macht, geh&#246;rt dazu. Es gibt kaum ein Bewusstsein daf&#252;r. Auch die meisten Studierenden haben gesagt: „Rassismus hat etwas mit Rasse zu tun. Wenn’s keine Rasse gibt, kann es auch keinen Rassismus geben.“ Das ist ein Niveau, unglaublich, da waren die Leute vor drei&#223;ig, vierzig Jahren weiter. Das ist nochmal eine &#246;sterreichische Spezialit&#228;t.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Damals als die doppelten Studiengeb&#252;hren f&#252;r ausl&#228;ndische Studierende gekommen sind, wollten wir einen Bettelzug machen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Da gab es auch Probleme. Die &#214;H war nicht wirklich solidarisch mit den ausl&#228;ndischen Studierenden. Das Problem f&#252;r die &#214;H war, dass Frauen mit Kopftuch so zahlreich auf der Demonstration erscheinen werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Es hie&#223; zuerst, sie unterst&#252;tzen die Demonstration ausl&#228;ndischer Studierender und derer, die haupts&#228;chlich davon betroffen sind, also t&#252;rkischer Studierender. Aber es sollen nicht viele Frauen mit Kopftuch kommen. Da haben wir gesagt, dass die aber die Betroffenen sind, worauf sie gesagt haben, dass das schlecht w&#228;re, weil sie die Demo dann nicht mehr unterst&#252;tzen k&#246;nnten. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Wie geht man damit um?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Man hat es dann ohne Unterst&#252;tzung der &#214;H gemacht, die Demo war halt kleiner. Sch&#246;n war in diesem Zusammenhang, dass sich die t&#252;rkischen linken Gruppen, auch die radikalen linken Gruppen solidarisiert haben. Da war das keine Frage, ob mit Kopftuch oder nicht. Das hat auch die Vorgeschichte, dass sie sich in der T&#252;rkei teilweise auch schon solidarisiert haben gegen das Kopfuchverbot. Von der &#214;H gab es halt keine Unterst&#252;tzung. Sie haben dann vorgeschlagen, es solle doch eine Arbeitsgruppe zum Thema doppelte Studiengeb&#252;hren geben (lacht).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Wie steht ihr zur „Kopftuchdebatte“?</em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Wir machen eigentlich nicht viel dazu. F&#252;r mich ist die Frage des Kopftuchs nicht nur eine Frage von Frauenrechten, sondern es ist auch ein Instrument f&#252;r die Islamfeindlichkeit. Deswegen muss man allgemein Islamfeindlichkeit, Islamophobie bek&#228;mpfen. Zwei Behauptungen werden ja aufgestellt. Die eine ist, dass Frauen im Islam unterdr&#252;ckt werden und das Kopftuch das Symbol daf&#252;r ist. Die andere ist, dass es ein Bild f&#252;r Islamismus ist, f&#252;r ein die europ&#228;ische Identit&#228;t gef&#228;hrdendes Element. Wir reden immer &#252;ber diese Konstrukte. Man muss Islamophobie allgemein bek&#228;mpfen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">B.: Wir haben das Kopftuch als Kopftuch nie thematisiert und es war auch vereinsintern nie ein Thema. Was sollen wir auch sagen? Wir sind nicht unterdr&#252;ckt?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">K.: Ich bin auch eine moderne Frau! (lacht) Um mit Islamophobie umzugehen, muss ich offen legen, was sie mit der ganzen europ&#228;ischen Identit&#228;t meinen. Es gibt Frauen in K&#246;ln, die legen Reinterpretationen des Islam aus theologischer Sicht vor, besch&#228;ftigen sich mit Koranversen etc. Die machen das auch gut, aber das ist kein politisches Instrument f&#252;r uns. Es geht uns nicht darum, ob die Lage der Frauen im Islam richtig ist. Es geht uns darum, wie die europ&#228;ische Identit&#228;t konstruiert wird und wie man damit umgeht. Das wird nie enden. Jetzt ist es gerade der Islam, dann wird es wieder etwas anderes sein.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit“: <a href="http://www.zara.or.at" target="_blank">www.zara.or.at</a><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> <a href="http://www.kanak-attak.de" target="_blank">www.kanak-attak.de</a><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Das Magazin hei&#223;t „der.wisch“: <a href="http://www.kanafani.at/index_derwisch.html" target="_blank">www.kanafani.at/index_derwisch.html</a><o></o></p>
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		<title>Islamophobie und die Kulturen des Rassismus</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:54:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Islamophobie]]></category>
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		<description><![CDATA[Islamophobe Argumente ziehen sich seit einigen Jahren durch das gesamte politische Spektrum. Wiewohl sich die unterschiedlichen ProtagonistInnen der Debatte aus unterschiedlichsten Positionen zu Wort melden, scheinen sie doch in dieselbe Kerbe zu schlagen. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Felix Wiegand</em> &#252;ber die Zusammenh&#228;nge von Neorassismus, „Kampf der Kulturen“ und „Islamkritik“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Islamophobe Argumente ziehen sich seit einigen Jahren durch das gesamte politische Spektrum. Wiewohl sich die unterschiedlichen ProtagonistInnen der Debatte aus unterschiedlichsten Positionen zu Wort melden, scheinen sie doch in dieselbe Kerbe zu schlagen. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Felix Wiegand</em> &#252;ber die Zusammenh&#228;nge von Neorassismus, „Kampf der Kulturen“ und „Islamkritik“.<br />
<span id="more-63"></span><br />
Mit den j&#252;ngsten Verbalattacken der Grazer FP&#214;-Kandidatin Susanne Winter hat die islamfeindliche Hetze in &#214;sterreich einen vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt erreicht. Die Reaktionen waren zwar gro&#223;teils ablehnend bis emp&#246;rt, doch stets mit einen „aber“ verbunden. Zusammengefasst: „Emp&#246;rend, aber der islamistische Terrorismus ist schon eine echte Bedrohung“, „Emp&#246;rend, aber die Integration von MuslimInnen ist tats&#228;chlich ein Problem“, „Emp&#246;rend, aber der Islam ist eben eine r&#252;ckschrittliche, gewaltverherrlichende Religion“. So „emp&#246;rt“ sich auch Standard-Gastkommentator Christian Zeitz – &#252;ber die Emp&#246;rung: „Es ist ein Akt intellektueller Redlichkeit, die Quellen, auf die sich die Muslime selbst berufen, zitieren und die Ausbreitungsgeschichte des Islam referieren zu d&#252;rfen. Und es ist ein Akt der Selbstbehauptung des mitteleurop&#228;ischen Erfolgsmodells, von den Vertretern der Muslime den Nachweis der Anpassung ihrer Lehre an die Wertebasis unserer Gemeinschaft einzufordern. Dies als ‚Ausgrenzung’ und ‚menschenverachtenden Rassismus’ zu definieren ist ein inakzeptables Totschlagsargument. Denn ‚die Wahrheit ist den Menschen zumutbar’ (Karl Popper).“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>Rassismus ohne Rassen</h3>
<p>Wenn wir hier demgegen&#252;ber auf der Notwendigkeit beharren, von „Ausgrenzung“ und „menschenverachtendem Rassimus“ zu sprechen, sollte zun&#228;chst klar sein, wor&#252;ber wir nicht sprechen: &#252;ber die Vorstellung, die menschliche Gattung best&#252;nde aus unterschiedlichen biologischen „Rassen“, denen von Natur aus ein unterschiedliches Ma&#223; an Zivilisiertheit, Intelligenz, Arbeitseifer usw. zuk&#228;me und die sich anhand &#228;u&#223;erer Merkmale wie Hautfarbe oder Sch&#228;delform erkennen lie&#223;en. Die Argumente eines solchen – wissenschaftlich unhaltbaren – <em>biologischen</em><span> Rassismus sind nach 1945, aber auch aufgrund der Dekolonialisierung sowie der Abschaffung der „Rassen“-Segregation in den USA und in S&#252;dafrika im &#246;ffentlichen Mainstream moralisch derart diskreditiert, dass insbesondere im deutschsprachigen Raum die Verwendung des Wortes „Rasse“ weitgehend tabu ist. Nicht umsonst wird zwischen einzelnen Bev&#246;lkerungsgruppen gegenw&#228;rtig – zumindest im offiziellen Sprachgebrauch – anhand ethnischer, kultureller oder religi&#246;ser Differenzen, nicht anhand von Hautfarbe oder Sch&#228;delform unterschieden. Doch ist Rassismus deshalb verschwunden? Nein, er hat lediglich seine Form ver&#228;ndert und funktioniert als „Rassismus ohne Rassen“, meinten in den 1980er Jahre vor allem franz&#246;sische und britische (Sozial-)WissenschafterInnen und PhilosophInnen und er&#246;ffneten damit einen neuartigen Blick auf einige der wirkungsm&#228;chtigsten ideologischen Prozesse gegenw&#228;rtiger Gesellschaften. Die zentrale Einsicht von TheoretikerInnen wie Pierre-André Taguieff, Ettiene Balibar, Robert Miles oder Stuart Hall besteht dabei – &#252;ber alle Unterschiede in einzelnen Positionen hinweg – in der Erkenntnis, dass eine bestimmte Form der Unterteilung der Menschheit in verschiedene Gruppen und der Identifikation dieser Gruppen mit bestimmten Charakteristika nicht notwendigerweise an die Idee einer Existenz biologischer „Rassen“ gebunden sein muss, um rassistisch zu sein. Stattdessen kann, so die These, rassistische Klassifikation auch auf der Annahme unver&#228;nderlicher kultureller Differenz beruhen. </p>
<h3>Diskurs der Differenz</h3>
<p>Doch was genau kennzeichnet ein solches kulturalistisches, d. h. das Kulturelle betonende Denken als „neorassistisch“, ab wann ist es also gerechtfertigt, von „kulturellem“ oder „differenzialistischem“ </span><em>Rassismus</em><span> zu sprechen? Einen ersten Anhaltspunkt bietet zun&#228;chst eine allgemeine Bestimmung von Rassismus: dieser beruht nach Robert Miles<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> auf einem ideologischen Prozess der Grenzziehung zwischen verschiedenen, als miteinander unvereinbar gedachten Gruppen, sowie auf der Vorstellung, die Zugeh&#246;rigkeit eines Menschen zu einer dieser Gruppen lie&#223;e sich anhand (zumeist) &#228;u&#223;erlicher und (vermeintlich) angeborener Merkmale erkennen und w&#228;re zwingend mit bestimmten (kulturellen und/oder biologischen) Eigenschaften verbunden. Die Zuordnung dieser Eigenschaften erfolgt im rassistischen „Diskurs der Differenz“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> in Form von einander entgegengesetzten Stereotypen und dient der Konstruktion von Identit&#228;t: so wie die der anderen Gruppe zugesprochenen (negativen) Eigenschaften ihr Spiegelbild in jenen (positiven) der eigenen Gruppe haben (irrational vs. rational, naturverhaftet vs. aufgekl&#228;rt, primitiv vs. kultiviert usw.), findet das „Andere“ als Objekt des Rassismus seinen Gegensatz im eigenen „Wir“. F&#252;r Stuart Hall ist „[d]ieses System der Spaltung der Welt in ihre bin&#228;ren Gegens&#228;tze (…) das fundamentale Charakteristikum des Rassismus, wo immer man ihn findet“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Im Zuge dieses „Diskurses der Differenz“ werden demnach sowohl das „Wir“ (<em>die</em></span><span> Wei&#223;en, </span><em>die</em><span> &#214;sterreicher, </span><em>der</em><span> Okzident) als auch das „Andere“ (</span><em>die</em><span> Schwarzen, </span><em>die</em><span> Ausl&#228;nder, </span><em>der</em><span> Orient) als geschlossen und v&#246;llig homogen – gleichsam als monolithischer Block – konstruiert. Die unz&#228;hligen Differenzen, die sich innerhalb dieser Gruppen und der einzelnen Individuen entlang von Kategorien wie Geschlecht, Klasse, sexuelle Orientierung, Alter usw. usf. auftun, m&#252;ssen daher notwendigerweise zugunsten einer vermeintlich allumfassenden gemeinsamen Identit&#228;t unter den Tisch fallen. Da diese Identit&#228;t wie auch die mit ihr verkn&#252;pften Eigenschaften dabei als unver&#228;nderlich und quasi-angeboren und nicht als Ergebnis eines historisch-sozialen Prozesses dargestellt werden, erscheinen beide letztlich auch dort als nat&#252;rliche Tatsache, wo grade nicht biologistisch, sondern kulturell argumentiert wird: „</span><em>Kultur [kann] durchaus als eine solche Natur fungieren</em><span>, insbesondere als eine Art, Individuen und Gruppen </span><em>a priori</em><span> in eine Ursprungsgeschichte, eine Genealogie einzuschlie&#223;en, in ein unver&#228;nderliches und unverr&#252;ckbares Bestimmt-Sein durch den Ursprung“.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dass der neorassistische Diskurs in seinem Effekt – der Festschreibung von Kultur als angeborener Tatsache – dem biologischen Rassismus hier sehr stark &#228;hnelt, ist ein Indiz daf&#252;r, dass beide Ph&#228;nomene realiter nicht unbedingt einen Gegensatz, sondern lediglich die „,zwei Logiken‘ des Rassismus“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> bilden: so wie in der Vergangenheit der vermeintliche Unterschied zwischen verschiedenen biologischen „Rassen“ seine Begr&#252;ndung zugleich immer auch in sozialen und kulturellen Differenzen fand, werden heute umgekehrt kulturell bestimmten Gruppen spezifische physische Merkmale und sexuelle Eigenheiten zugeschrieben oder es wird unterstellt, enge famili&#228;re Bindungen und Heiratsregeln dienten der biologischen und zugleich kulturellen Reproduktion solcher Gruppen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Die Analyse derartiger Verbindungen von Essentialismus, Naturalisierung und biologistischer Zuschreibung – d. h. die Frage, wie Rassismus ideologisch funktioniert – w&#228;re indes weniger dr&#228;ngend, ginge dieser bekannterma&#223;en nicht &#252;ber eine blo&#223;e Identit&#228;tskonstruktion weit hinaus. Insofern der rassistische Diskurs immer auf eine Form der (praktischen) Marginalisierung abzielt, erhalten die vermeintlich nat&#252;rlichen und daher unver&#228;nderlichen Unterschiede n&#228;mlich eine besondere Bedeutung: sie werden als Rechtfertigung daf&#252;r benutzt, der als „anders“ definierten Gruppe (und nur ihr) auch tats&#228;chlich gewisse Rechte (bis hin zum Recht auf Leben) oder den Zugang zu bestimmten Ressourcen zu verweigern.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Da Rassismus derartige „Ausschlie&#223;ungspraxen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> begr&#252;ndet, ist er demnach zwingend immer auch ein Herrschaftsprozess und als solcher an gesellschaftliche Macht- und Dominanzverh&#228;ltnisse gebunden. Offenkundig wird dies besonders dort, wo rassistisches Denken sich aus der Machtposition der Mehrheit heraus gegen Minderheiten richtet bzw. in Form von institutionellem Rassismus oder gar einer zur Staatsdoktrin erhobenen Ideologie wirkungsm&#228;chtig wird. </p>
<h3><span>Rassismus und b&#252;rgerliche Herrschaft</span></h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu diesem unmittelbar auf die Opfer gerichteten Effekt steht Rassismus jedoch auch noch anderweitig in engem Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung von Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen. Denn in dem Ma&#223;e, in dem er dazu beitr&#228;gt, untergeordnete Gruppen und Klassen zu spalten – z.B. in „wei&#223;e“ und „schwarze“ ArbeiterInnen oder „westliche“ und „islamische“ Frauen – und eine Solidarisierung oder angemessene Repr&#228;sentation gemeinsamer Interessen so zu verhindern<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, wirkt das durch den rassistischen Diskurs erzeugt Konstrukt einer einheitlichen und gemeinsamen Identit&#228;t (s.o.) umgekehrt als ideologischer Kitt im Inneren einer Gesellschaft: insofern es Identifikation erm&#246;glicht und auch gesamtgesellschaftlich nicht privilegierten Gruppen und Schichten Zugeh&#246;rigkeit und (materielle) Vorteile verspricht, ist es n&#228;mlich zugleich „Bestandteil der Gewinnung von Konsensus und der Konsolidierung einer sozialen Gruppe in Entgegensetzung zu einer anderen, ihr untergeordneten Gruppe“.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Falsch w&#228;re es freilich, Rassismus auf diese Funktion der Erhaltung b&#252;rgerlicher Herrschaft zu reduzieren und seine Wirkungsm&#228;chtigkeit – gerade in der ArbeiterInnenklasse – in weiterer Folge mit einer gezielten Vermittlung „falschen Bewusstseins“ durch die Herrschenden erkl&#228;ren zu wollen. Vielmehr gilt es zu verstehen, dass rassistische Ideologien in „praktisch ad&#228;quater“ Art und Weise an Elemente des Alltagsverstands ankn&#252;pfen und eine M&#246;glichkeit darstellen, wie Menschen ausgehend von ihren Erfahrungen die (kapitalistisch verfasste) Welt und ihr Verh&#228;ltnis zu dieser beobachten und verstehen k&#246;nnen.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Um in dieser Form als „Sinngebungsinstanz“ zu fungieren und den Menschen ein vermeintliches Wissen &#252;ber gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge zu vermitteln, bed&#252;rfen rassistische Ideologeme jedoch zuvor einer Art Rationalisierung, d. h. einer theoretischen Ausarbeitung auch und gerade durch Intellektuelle und den akademisch-wissenschaftlichen Betrieb.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Intellektualisierte Rechte</h3>
<p>Angesichts der Notwendigkeit einer solchen theoretischen Ausarbeitung scheint im Bezug auf das Aufkommen und die Verbreitung kulturrassistischer Argumente zun&#228;chst ein Blick auf die Diskursman&#246;ver der so genannten „Neuen Rechten“ angebracht. Diese „intellektualisierte Rechte“, wie sie sich selbst bezeichnet, die sich besonders seit den 1980er Jahre in Frankreich und Deutschland ausbreitet<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, grenzt sich bewusst von r&#252;ckw&#228;rtsgewandten Ideen ab, verzichtet auf plumpe Rassismen und benutzt eine konsensf&#228;hige Diktion um rassistische Ideen zu transportieren. Chefideologe Alain De Benoist bezieht sich in diesem Zusammenhang auf den gramscianischen (aus der marxistischen Tradition stammenden) Begriff der kulturellen Hegemonie und Pierre Krebs macht es zum erkl&#228;rten Ziel, „den Kampf um Europa theoretisch vorzubereiten“.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Dementsprechend wird auf den Begriff der „Rasse“ verzichtet und der Begriff der „Kultur“ ins Zentrum gestellt. Die Mehrdeutigkeit dieses Begriffs ist dabei besonders vorteilhaft, Konnotationen bleiben unausgesprochen, f&#252;r Insider sei die Bedeutung ohnehin klar.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> So analysieren Fischer und Gestettner: „Sie sagen Kultur und meinen Rasse … Sie verwenden zur Bezeichnung von Althergebrachten und Ewiggestrigen eine neutralisierte Sprache …“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Vor allem in ihrer Kritik am Multikulturalismus und in dem von ihnen propagierten Gegenmodell des Ethnopluralismus wird die synonyme Verwendung des Kulturbegriffs mit dem der „Rasse“ deutlich. Aufgegriffen werden dabei vor allem jene Argumente aus der Multikulturalismusdebatte, die das Recht auf kulturelle Differenz<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> betonen. Hier ergeben sich scheinbare Kontinuit&#228;ten aus der Aufwertung des Kulturbegriffs auf Seiten linker Intellektueller der 70er und 80er Jahre. Dieser Retrosionseffekt<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> nimmt nicht nur der anti-rassistischen Kritik den Wind aus den Segeln, er hilft auch, „ethnische Konflikte“ in „nat&#252;rliche Abwehrreaktionen“ auf unnat&#252;rlich gesellschaftliche Experimente umzudeuten. Vorangestellt wird hier das „humanistische“ Argument, dass jede/m seine/ihre Kultur zugestanden werden m&#252;sse, eine multikulturelle Vermischung aber eine Gef&#228;hrdung der Kultur jedes/er Einzelnen darstelle. Angestrebt wird eine „heterogene Welt homogener V&#246;lker“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a></p>
<h3>Rechtspopulismus<o></o></h3>
<p>Wie das praktisch umgesetzt werden soll, bleibt zwar unausgesprochen, doch kann auf diesem Weg das alte Feindbild „Ausl&#228;nder“ nicht mehr nur f&#252;r Arbeitslosigkeit und soziale Verschlechterung, sondern auch f&#252;r die Bedrohung der kulturellen Identit&#228;t verantwortlich gemacht werden.<br />
So beschrieben z. B. im Parteiprogramm der NPD:„Die V&#246;lker sind die Tr&#228;ger der Kulturen. V&#246;lker unterscheiden sich durch Sprache, Herkunft, geschichtliche Erfahrung, Religion, Wertvorstellungen und ihr Bewusstsein. Ihrer kulturellen Eigenart werden sich die V&#246;lker besonders dann und dort bewusst, wenn diese gef&#228;hrdet ist. Die Erhaltung der V&#246;lker dient der Erhaltung der Kultur. Blo&#223;e Gesellschaften bilden keine Kultur, sondern h&#246;chstens eine Zivilisation, deren h&#246;chster Wert materiell ist. „Multikulturelle“ Gesellschaften sind in Wirklichkeit kulturlose Gesellschaften. Die Vielfalt der V&#246;lker muss erhalten bleiben.“<sup>21</sup> Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, kulturhomogene R&#228;ume zu schaffen (ergo Deutschland den Deutschen). Au&#223;erdem wird Kultur als etwas nat&#252;rlich Gewachsenes dargestellt. Die &#220;berschneidung von kultureller und genetischer Kategorisierung zeigt sich beispielsweise in den familienpolitischen Konzepten rechter Parteien. Um die <em>kulturelle</em></span><span> Identit&#228;t zu wahren, soll das „Kindergeld als <em>volks</em>politische Ma&#223;nahme“ nur an deutsche M&#252;tter ausbezahlt werden.<br />
In Verbindung mit einer „das Boot ist voll“-Angstmache war die populistische Umsetzung der strategischen &#220;berlegungen der Neuen Rechten vor allem in den 1990er Jahren in Europa &#252;beraus erfolgreich. Zum einen konnte der &#228;u&#223;ere Anschein der Unbedenklichkeit und Seriosit&#228;t rechter, kulturrassistischer Theoriebildung die Diskursfiguren von rechts au&#223;en weit in die Mitte der Gesellschaft r&#252;cken lassen. Zugleich schufen wirtschaftliche Umstrukturierung (Neoliberalismus, Prekarisierung) und der damit verbundene Vertrauensverlust in die Sozialdemokratische Parteien den Raum f&#252;r den Aufschwung rechtspopulistischer Parteien. Der Siegeszug von Parteien wie der FP&#214;, Front National, Lega Nord, Forza Italia usw. ging mit einen Rechtruck im gesamten politischen Spektrum einher, in dessen Folge sich auch die konservativen Parteien, die teilweise ihre Zusammenarbeit mit den RassistInnen zu rechtfertigen hatten, gen&#246;tigt f&#252;hlten, die „Ausl&#228;nderproblematik“ aufzugreifen und den Tonfall ihrer „Partner“ vom rechten Rand nachzuahmen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a></p>
<h3>Zivilisationsparadigma</h3>
<p>Wie sehr diese Verschiebung des politischen Klimas nach rechts kulturrassistische Stereotype auch im politischen Mainstream und im b&#252;rgerlich-liberalen Lager salonf&#228;hig werden lie&#223;, zeigt nicht zuletzt der bis heute anhaltende Erfolg jener publizistischen Zeitdiagnosen und Zukunftsszenarien, die in verschiedenen Zusammenh&#228;ngen eine Bedrohung „des Westens“ bzw. der westlichen „Wertegemeinschaft“ postulieren. Interessanterweise beruhen die meisten dieser Bedrohungsszenarien und Kriegsprognosen seit den 1990er Jahren trotz unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen doch auf einer Reihe gemeinsamer Annahmen, deren theoretisch-akademische Ausarbeitung als „Zivilisationsparadigma“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> sich zum gro&#223;en Teil im Werk Samuel Huntingtons findet<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a>. Dieser US-amerikanische Politikwissenschaftler und Pr&#228;sidentenberater entwarf in seinem 1993 in </span><em>Foreign Affairs</em> erschienen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> – entgegen dem Fragezeichen im Titel – das in den letzten 15 Jahren &#252;beraus einflussreiche Szenario eines „Kampfes der Kulturen“ (so auch der deutsche Titel des gleichnamigen Buches).<br />
Huntingtons Theorie nach w&#252;rden Konflikte im 21. Jahrhundert nicht mehr in erster Linie auf &#246;konomischen oder ideologischen Ursachen beruhen, sondern entst&#252;nden aufgrund des kulturell bedingten Aufeinanderprallens sozialer Gro&#223;r&#228;ume, so genannter Zivilisationen. Letztere lie&#223;en sich durch „objektive Eigenschaften“ wie Sprache, Geschichte, Br&#228;uche, Institutionen, Familienstrukturen, Bewusstsein oder auch Blutsbande als einander fremd gegen&#252;berstehende, im Inneren homogene und weitgehend unver&#228;nderliche „kulturelle Entit&#228;ten“ bestimmen und verf&#252;gten als „eine Art Mega-Lebewesen“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> &#252;ber eine je spezifische langfristige Entwicklungsdynamik von Aufstieg und Fall, von Entstehung, Wachstum und Untergang<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a>. Wenn bereits diese allgemeinen, zugleich kulturalistischen und biologistischen Annahmen „… auf die Aufhebung menschlicher Geschichte, auf ihren Ersatz durch Natur, und damit auf den Kulturrassismus als Basis der Argumentation [verweisen]“<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a>, so tr&#228;gt Huntingtons Beschreibung der einzelnen Zivilisationen und ihres Verh&#228;ltnisses zueinander erst recht offen rassistische Z&#252;ge.<br />
Denn w&#228;hrend er die „westliche“ Zivilisation in erster Linie durch angeblich gemeinsame „Werte und Ideen“ wie “individualism, liberalism, constitutionalism, human rights, equality, liberty, the rule of law, democracy, free markets (sic!), the seperation of church and state” definiert<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a>, spricht er diese den restlichen sechs bis sieben Zivilisationen, d. h. namentlich der Konfuzianischen, Japanischen, Islamischen, Hinduistischen, Slawisch-Orthodoxen, Lateinamerikanischen sowie, m&#246;glicherweise, der Afrikanischen (Huntington ist sich der Existenz einer solchen nicht sicher) ab. Stattdessen sieht er sie vor allem religi&#246;s bestimmt.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Aufgrund derartig gro&#223;er kulturell-religi&#246;ser Unterschiede m&#252;sse es, so Huntington weiter, notwendigerweise zu einem Konflikt “The West versus the Rest”<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> kommen, in dem sich als Bedrohung f&#252;r die westliche Vormachtstellung insbesondere die “Confucian-Islamic Connection” herausstellen w&#252;rde<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a>. Dieses (anhand gegenseitiger Waffenlieferungen vermeintlich nachgewiesene) Fantasiekonstrukt scheint bei genauerer Betrachtung indes lediglich aus der „Islamischen Zivilisation“ zu bestehen, unterstellt Huntington dieser doch, wie keine zweite zu Krieg und Gewalt zu neigen: “Islam has bloody borders”<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a>. Dass hier und bei der Mehrheit der EpigonInnen Huntingtons gerade „der Islam“ – der infolge der Identifizierung von Kultur und Religion die ganze „Zivilisation“ repr&#228;sentiert – als Feindbild herhalten muss, ist aus zweierlei Gr&#252;nden wenig &#252;berraschend. <o></o></p>
<h3>Feindbild Islam</h3>
<p>Zum einen greift Huntington mit seinen rassistischen Stereotypen auf eine Vielzahl jener Inhalte, Symbole und Bedeutungen zur&#252;ck, die nach Edward Said als Elemente des „Orientalismus-Diskurses“, d. h. eines Diskurses „des Westens“ &#252;ber „den Orient“, eine jahrhundertealte Geschichte haben<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a>. Den im Zusammenhang mit Huntington wichtigste Bestandteil bildet jene zumindest implizit rassistische Konstruktion und (Re-)Produktion des „Orients“, in der dieser essentialistisch als homogene und unver&#228;nderliche Einheit aufgefasst und mit bestimmten negativen Eigenschaften (irrational, r&#252;ckst&#228;ndig, unterentwickelt etc.) belegt wird. Diese Eigenschaften unterscheiden sich dabei negativ-spiegelbildlich von jenen des „Westens“ und lassen diesen daher als positives Gegenst&#252;ck oder Norm erscheinen<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a>. Angesichts der Argumentation Huntingtons liegt es auf der Hand, in seinen Thesen eine pseudo-wissenschaftliche Form dieses Diskurses zu sehen und seine publizistischen Erfolge in den 1990er Jahren demnach zumindest teilweise auf die gro&#223;en Verbreitung derartiger Ideologeme &#252;ber „den Orient“ respektive „den Islam“ zur&#252;ckzuf&#252;hren.<br />
Zum zweiten kommt dem „Feindbild Islam“ bei Huntington und anderen die spezifische Funktion zu, anstelle der UdSSR oder des Kommunismus im Inneren der „westlichen“ Gesellschaften als ideologischer Kitt zu wirken und „Legitimationsreserven“<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> f&#252;r eine aggressiv-imperialistische Au&#223;enpolitik bereitzustellen. Dies wird dort &#252;berdeutlich, wo Huntington – ganz Pr&#228;sidentenberater – vorschl&#228;gt, die angebliche Gefahr eines “decline of Western power” und, damit einhergehend, eines “retreat“ bzw. einer “erosion of Western culture”<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a> durch die R&#252;ckbesinnung auf die eigene zivilisatorisch-kulturelle Einheit sowie durch konkrete politische, strategische und milit&#228;rische Ma&#223;nahmen zu bek&#228;mpfen.<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Auch wenn derartige L&#246;sungsvorschl&#228;ge Huntingtons sicherlich nicht eins-zu-eins Eingang in konkrete europ&#228;ische oder US-amerikanische Politiken finden<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a>, so bilden seine Thesen doch „einen Vorrat von Erkl&#228;rungen legitimen staatlichen Handelns, die hervorgeholt werden k&#246;nnen – und dann, da bekannt, einleuchten –, wenn spezifische Konflikte erkl&#228;rt, gegebenenfalls ,friedensschaffende und friedenssichernde‘ Eins&#228;tze des Milit&#228;rs begr&#252;ndet werden sollen“<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a>. Gerade in seiner Fokussierung auf die “Confucian-Islamic Connection” stellt Huntington demnach das ideologische Repertoire zur Verf&#252;gung, das die seit Anfang der 1990er Jahre bestehende milit&#228;rstrategische Orientierung der US-Regierung und ihrer Verb&#252;ndeten auf den arabischen und zentral-asiatischen Raum als notwendig und gerechtfertigt erscheinen l&#228;sst.<br />
Der Wandel rassistischer Rhetorik und die Denkmuster zur Erkl&#228;rung der neuen Weltordnung erm&#246;glichten es, dass die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 die Welt keineswegs ins Chaos st&#252;rzten. Ganz im Gegenteil, alles schien pl&#246;tzlich klar. George W. Bush erkl&#228;rt den „Feinden der freien Welt“ den Krieg (womit zwischen den Zeilen immer der Islam gemeint ist) und fordert jede einzelne Nation auf sich zu entscheiden: „Either you are with us, or you are with the terrorists”. Mit dem Angriff auf Afghanistan stiegen die USA und ihre Koalition der Willigen milit&#228;risch in den Kampf der Kulturen ein, den es scheinbar schon immer gegeben hatte. B&#252;rgerliche Medien und konservative Politiker halten pl&#246;tzlich B&#252;rger- und Frauenrechte hoch und erkl&#228;ren die Notwendigkeit, diese mit Gewalt in den Nahen und Mittleren Osten zu bringen. Beim Angriff auf Afghanistan geht es um mehr als Rache: „Dieser Krieg ist Teil eines viel gr&#246;&#223;eren Spektrums eines viel weiteren Konflikts zwischen einem gesetzten, kreativen, produktiven Westen und einem r&#228;uberischen, zerst&#246;rerischen Orient“.<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a><br />
In der europ&#228;ischen Debatte werden diese Argumente nat&#252;rlich nicht eins zu eins &#252;bernommen. Zum Verst&#228;ndnis islamophober Hetze im europ&#228;ischen Raum gilt es hier eher an die oben beschriebenen Entwicklungen (Aufschwung der Rechten, Verschiebung auf kulturelle Stereotype) anzukn&#252;pfen und genauer zu untersuchen, mit welchen Motiven das politische Klima angereichert und versch&#228;rft wurde.</p>
<h3>Europ&#228;ischer Sicherheitsdiskurs</h3>
<p>Zun&#228;chst muss festgehalten werden, dass der „Krieg gegen den Terror“ in Europa andere Priorit&#228;ten hat. Die Achse des B&#246;sen, der West-against-the-rest-Konflikt bestimmen zwar das globale Setting, doch das Hauptproblem sind die hier lebenden Muslime, die „Schl&#228;fer“, die „Feinde in unserer Mitte“. Dieses Feindbild wird dabei nicht nur rhetorisch bedient, die rassistische Implikation neuer Anti-Terror und „Fremden“-Gesetzte – h&#228;ufig in einem Atemzug genannt – ist dabei unschwer zu erkennen. Unmittelbar nach dem 11. September 2001 setzte die EU neue Rahmenbedingungen f&#252;r die Terrorismusbek&#228;mpfung. Terroristische Taten werden hier als Vergehen definiert, die „mit der Absicht begangen werden, Personen einzusch&#252;chtern und die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen eines Landes in bedeutendem Ma&#223;e zu &#228;ndern oder zu zerst&#246;ren“, dabei wird deren „aktive und passive Unterst&#252;tzung“ geahndet.<a href="#anm42" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a> Diese Vorgabe der Europ&#228;ischen Kommission wurde von vielen Mitgliedsstaaten f&#252;r Asylrechtsversch&#228;rfungen und &#252;berwachungsstaatliche Ma&#223;nahmen von unglaublicher Tragweite genutzt. Auf die Ma&#223;nahmen kann hier nicht einzeln eingegangen werden, entscheidend ist der Effekt der produziert wird. So vergleicht die Kriminologin Janne Flyghed die &#246;ffentliche Meinung zum Terror der IRA oder der ETA, der eher als ein peripheres Ph&#228;nomen gedeutet wurde, mit der Allgegenwart, der unmittelbaren Bedrohung, die vom Terror durch den Islamismus ausgeht: „Wiederholte Bezugnahme auf gewisse spektakul&#228;re Ereignisse produzieren ein falsches Bewusstsein der bevorstehenden Gefahr“, damit verbunden ist „die Wahrnehmung einer unspezifischen, diffusen aber dennoch sehr ernsten Bedrohung. Was genau bedroht ist, ist auch schwer zu definieren, es umfasst Konzepte wie das der ‚nationalen Sicherheit’, der ‚Sicherheit des Landes’ oder der ‚&#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit’, Konzepte deren Inhalt und Anwendung je nach politischer Situation variieren.“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Zu dem Klima von Angst, Misstrauen und Vorurteilen tr&#228;gt auch die Erweiterung des Kompetenzbereichs von Polizei und Geheimdiensten bei. So wurden in D&#228;nemark und Norwegen ausl&#228;ndische Studierende als Risikogruppe definiert und ein Prozess des „religious profiling“ eingeleitet. Dabei sind Universit&#228;ten verpflichtet, mit den Geheimdiensten zu kooperieren<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a>. Regelm&#228;&#223;ige Razzien in Moscheen in Deutschland<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> oder die „Stop-and-Search“-Praxis in Gro&#223;britannien sind in diesem Kontext als Disziplinarma&#223;nahmen bzw. strukturell rassistische Praxen zu verstehen, da es so gut wie nie zum Nachweis terroristischer Aktivit&#228;ten kommt. So wurden in Gro&#223;britannien von den 71.000 durchsuchten Personen im Zeitraum von 2002-2003 nur 1,8% verhaftet und der Gro&#223;teil davon nicht im Zusammenhang mit Terrorverdacht.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a> Sp&#228;testens seit den Anschl&#228;gen in London und den Aufst&#228;nden in den franz&#246;sischen Banlieus gelten vor allem muslimische MigrantInnen der zweiten-, dritten Generation als tickende Zeitbomben. Die gr&#246;&#223;te Gefahr gehe demnach von der islamischen Subkultur, wie sie in unseren „Kellern und Garagen“ (Nicolas Sarkozy)<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> praktiziert wird, aus. Dabei werde nicht nur unser Leib und Leben bedroht, es geht um unsere Wertegemeinschaft, den europ&#228;ischen Lebensstil und die jeweils nationale Identit&#228;t.</p>
<h3>Wertedebatte und Leitkultur</h3>
<p>Nicht ganz umsonst verhallte unl&#228;ngst Michael K&#246;hlmeiers Appell im Club 2<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a>, doch einen „europ&#228;ische Traum“ als Gegenst&#252;ck zum amerikanischen zu formulieren, fast ungeh&#246;rt in seiner „Intellektuellenrunde“. Zu unterschiedlich sei die Geschichte der einzelnen Staaten und ihre jeweiligen Kulturen. Wenn &#252;berhaupt, seien es noch am ehesten die Ideale der Aufkl&#228;rung, die Europa zusammenhielten<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a>. Die Anstrengungen, eine gemeinsame Identit&#228;t zu schaffen, scheinen immer wieder zu scheitern – so beispielsweise in den Debatten um Hymne und Fahne im EU-Reformvertrag. Aber so schwierig es zu sein scheint, zu definieren was Europa ist, so klar liegt auf der Hand, was es nicht ist und wogegen es sich sch&#252;tzen muss: R&#252;ckst&#228;ndigkeit, Irrationalit&#228;t und all jene Dunkelheit, die aus dem Orient kommt. In Bezug auf die jeweiligen nationalen Identit&#228;ten scheint der Fall weniger kompliziert. Hier sind es eher gewisse Altlasten, die wenn schon nicht abgeworfen, dann wenigstens umgedeutet werden m&#252;ssen. Dies kann anhand der deutschen Leitkulturdebatte gezeigt werden werden. Der Autor Hartwig Pautz sieht die Wurzeln der Leitkulturdebatte in neo-rassistischen Argumenten sowohl formuliert durch die Neue Rechte als auch durch Samuel Huntington und seine Anh&#228;ngerInnen.<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a> Der Leitkulturbegriff als Ma&#223;stab f&#252;r die Integration von MigrantInnen an die deutsche Kultur wurde 1998 von Bassam Tibi gepr&#228;gt.<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> Friedrich Merz (CDU) brachte den Begriff dann auf die politische Agenda und verkn&#252;pft ihn mit dem Ideal der europ&#228;ischen Integration. Nachdem die CDU die Debatte vor allem im Feld der Einwanderungspolitik ansiedelte und nicht mit „Law and Order“ Assoziationen sparte, wurde der Begriff von linker Seite teilweise kritisiert. Allerdings sahen sich alle KritikerInnen gen&#246;tigt, trotzdem ihre Liebe zu Deutschland zu betonen (Gabi Zimmer, PDS) oder sich zumindest positiv auf den „Verfassungspatriotismus“ zu beziehen (Renate K&#252;nast, Die Gr&#252;nen). Der Begriff der Leitkultur verschwand zeitweise wieder aus den offiziellen CDU-Papieren. Was er impliziert, und zwar genau in dem Feld, in dem er urspr&#252;nglich angesiedelt war, ist aber nachhaltig gelungen: eine Umdeutung des Integrations- in einen Assimilationsbegriff, ohne dass dies ausgesprochen werden muss. Die praktischen Konsequenzen dieser Leitkultur-Metapher sind in erster Linie die in vielen L&#228;ndern eingef&#252;hrten Integrationsvertr&#228;ge, in Deutschland Einb&#252;rgerungstests. Von den ImmigrantInnen wird gefordert, nicht nur Sprache und Gesetzte zu beherrschen, sondern die Werte und Normen der Nation aktiv zu bef&#252;rworten und zu leben. Oder, wie es der CDU-Politiker J&#246;rg Sch&#246;nbohm etwas weniger politisch korrekt ausdr&#252;ckt: „Immigranten m&#252;ssen die Kultur anstreben, die sich seit Otto dem Gro&#223;en entwickelt hat, mit ganzem Herzen und nicht nur wegen der pers&#246;nlichen Vorteile der Immigration.“<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Auch in diesem Zusammenhang gab es in den letzten Jahren eine Verschiebung der Problemstellung vom allgemeinen „Ausl&#228;nderproblem“ zum Problem „der Muslime“. So ver&#246;ffentlichte das baden-w&#252;rtenbergische Innenministerium die Einsch&#228;tzung, man m&#252;sse „<em>Zweifeln, ob bei Muslimen generell davon auszugehen sei, dass ihr Bekenntnis bei der Einb&#252;rgerung auch ihrer tats&#228;chlichen inneren Einstellung entspreche</em><span>“.<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a> Damit werden Menschen muslimischer Religion pauschal als potentielle L&#252;gnerInnen abstraft.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a></p>
<h3>Abrechnung mit Multi-Kulti</h3>
<p>Mit Blick auf die mediale Resonanz dieser Werte- und Leitkultur-Debatte sowie auf das weitgehende Fehlen linker Interventionen l&#228;sst sich ein weiterer Faktor f&#252;r den Erfolg islamophober Diskursmuster im deutschsprachigen Raum ausmachen: die Verschiebung des politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zugunsten einer neuen Form des Konservativismus. So gelang es VertreterInnen religi&#246;ser, neo- oder rechtskonservativer und rechtsfeministischer Positionen in den letzten Jahren, eine gewisse ideologische Deutungshoheit zu erlangen und sich auch in jenen b&#252;rgerlichen Medien Geh&#246;r zu verschaffen, in denen noch in den 1990er Jahren vorwiegend linksliberale Positionen vertreten wurden. Der Wunsch, mit solchen Positionen und ihren ProtagonistInnen, d. h. vor allem „den 1968ern“ abzurechnen, ist neben einer christlich-religi&#246;s gepr&#228;gten Abwehrhaltung sicherlich einer der Hauptgr&#252;nde daf&#252;r, dass neokonservative Str&#246;mungen das Thema „Islam“ derart stark besetzen. Denn wenngleich diese Abrechnung – die im Kern auf eine grunds&#228;tzliche Delegitimierung emanzipatorischen Denkens und Handelns zielt – bereits seit Jahren im vollen Gange ist, so erh&#228;lt sie seit den Anschl&#228;gen von 9/11, dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh oder den „Gewaltexzessen ausl&#228;ndischer Gewaltt&#228;ter“ eine neue Sto&#223;richtung; sie wird zur Suche nach den gesellschaftlich Schuldigen f&#252;r die vermeintliche Misere: wer sonst als „die Linken“ und ihre „Multikulti-L&#252;ge“ (F</span><em>ocus</em><span>-Cover) kommen da in Frage, h&#228;tte deren „verhuschte Fremdenfreundlichkeit“ und „falsche Toleranz“<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> doch zu einer Gesellschaft gef&#252;hrt, die, wie </span><em>Spiegel</em><span>-Autor Henryk M. Broder mit seinem Bestseller „Hurra, wir kapitulieren“ warnt, einer angeblichen Unterwanderung durch islamistischen Str&#246;mungen v&#246;llig wehrlos gegen&#252;berst&#252;nde.<br />
Die strategische Ausrichtung einer solchen Argumentation, die zun&#228;chst Multikulturalismus vereinfachend mit Kulturrelativismus<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> gleichsetzt, um diesen dann f&#252;r eine „falsche Toleranz“ gegen&#252;ber der „Tsunami-Welle des islamischen Fundamentalismus“<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> verantwortlich zu machen, liegt auf der Hand: durch die gezielte Diskeditierung von AntirassistInnen als naive, weltfremde und letztlich gef&#228;hrliche „Gutmenschen“ wird versucht, Widerstand gegen rassistische (Einwanderungs- und Sicherheits-)Politik zu delegitimieren und so das Entstehen breiter (zivil-)gesellschaftlicher Allianzen zu verhindern (Lichterketten, Bewegung gegen Schwarz-Blau usw.). Gleichzeitig soll der Eindruck entstehen, dass umgekehrt f&#252;r eine „wirkliche Integration“<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a> der MuslimInnen deren Assimilation an eine „deutsche“, „&#246;sterreichische“ oder „europ&#228;isch-westliche“ „Leitkultur“ der einzig gangbare Weg w&#228;re. Dass im Zuge einer derartigen, auf vermeintliche Gefahrenabwehr fokussierten Argumentation die positive Bezugnahme auf Volk und Nation rund um den Begriff „Leitkultur“ wieder salonf&#228;hig wird, passt insofern ins Bild, als insbesondere in Deutschland zuletzt Geschichtsrevisionismus und die Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen auch fernab des rechten Randes fr&#246;hliche Urst&#228;nd’ feierten<a href="#anm60" title="anm_60" name="anm_60"><sup>60</sup></a>. Dass auch die Debatte um Islamismus davon nicht verschont bleibt, zeigen etwa Henryk Broder, der das gegenw&#228;rtige Verhalten Europas mit der Appeasement-Politik gegen&#252;ber Hitler vergleicht oder Alice Schwarzer, die islamistische „Mordbrigarden“ f&#252;r „gef&#228;hrlicher als die Nazis“<a href="#anm61" title="anm_61" name="anm_61"><sup>61</sup></a> h&#228;lt.</p>
<p>Das zentrale Ziel einer solchen Argumentation liegt indes wohl weniger in der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen als vielmehr im Versuch, durch die Konstruktion eines m&#246;glichst bedrohlichen Feindbildes in der Bev&#246;lkerung jene &#196;ngste zu sch&#252;ren, die f&#252;r die Durchsetzung der eigenen politischen Projekte notwendig sind. Neben bereits genannten innen- und sicherheitspolitischen Ma&#223;nahmen geht es im Zusammenhang mit dem Islam dabei – ganz im Sinne des Vordenkers Samuel Huntington – um die Legitimierung eines „Kampfs der Kulturen“ auf globaler Ebene und also um die Beteiligung am US-amerikanisch gef&#252;hrten „Krieg gegen den Terror“. Mit dessen VerfechterInnen in Think-Tanks in den USA verbindet VertreterInnen neo- und rechtskonservativer Positionen hierzulande ohnehin mehr als nur die Fokussierung auf den Iran als n&#228;chstem Angriffsziel: hier wie dort m&#252;ssen f&#252;r neoimperialistische Politik ausgerechnet jene „westlichen“, zugleich jedoch „universellen“ „Werte“ –</span><span>  </span>Freiheit, Demokratie und Menschenrechte – als Begr&#252;ndung herhalten, die in Folge des „Kriegs gegen den Terror“ weltweit mit F&#252;&#223;en getreten werden und gegen deren Verwirklichung in Europa und den USA selbst sich grade konservative Kreise seit Jahrhunderten (erfolgreich) verwehren. </p>
<h3>Frauenrechte und rechte Frauen</h3>
<p>Die Paradoxie einer solchen Argumentation wird dabei nirgendwo deutlicher als in der Debatte um Frauenrechte und weibliche Emanzipation. Denn wo einerseits Kirchenvertreter und konservative Parteien im Fahrwasser des „Eva-Prinzips“ publikumswirksam „f&#252;r eine neue Weiblichkeit“, mithin also f&#252;r die R&#252;ckkehr zu der von „der 68er-Bewegung“ vermeintlich abgeschafften Wertsch&#228;tzung f&#252;r Kinder, Familie und den gewaltt&#228;tigen Ehemann geworben wird, mutiert andererseits alles und jedeR – selbst noch die reaktion&#228;rsten VerfechterInnen von Heim-und-Herd – zu gl&#252;henden RadikalfeministInnen, wenn es um „den Islam“ geht. Diesem wird dabei unterstellt, im Hinblick auf Geschlechterverh&#228;ltnisse „kulturell“ r&#252;ckst&#228;ndig und vormodern zu sein und eine Form patriarchaler Unterdr&#252;ckung zu (re-)produzieren, &#252;ber die der fortschrittliche, durch die Emanzipation der Frauen gepr&#228;gte und daher &#252;berlegene „Westen“ l&#228;ngst hinaus w&#228;re. Derartig offenkundig kulturrassistisch wird indes nicht allein von jenen argumentiert, die – wie rechtskonservative Kreise – Frauenrechte und Sexismus <em>ausschlie&#223;lich</em><span> mit dem Ziel aufgreifen, versch&#228;rfte Repressionsma&#223;nahmen gegen MigrantInnen oder eine interventionistische Au&#223;enpolitik zu rechtfertigen. Vielmehr wird eine ganz &#228;hnliche Position auch von einem gegenw&#228;rtig &#252;beraus popul&#228;ren rechten Feminismus vertreten. Nicht zuf&#228;llig war es Alice Schwarzer und ihrer Zeitschrift </span><em>Emma</em><span> vorbehalten, in dieser Hinsicht eine fragw&#252;rdige VorreiterInnenrolle zu spielen: so prangerte </span><em>Emma</em><span> bereits 1993 in einem Dossier mit dem Titel „islamischer Fundamentalismus“ die Frauenunterdr&#252;ckung in so genannten islamischen L&#228;ndern auf eine Art und Weise an, die von verschiedener Seite als (kultur-)rassistisch ausgewiesen wurde.<a href="#anm62" title="anm_62" name="anm_62"><sup>62</sup></a> Dass es Schwarzer und KonsortInnen insbesondere in Folge von 9/11 und dem Mord an Theo van Gogh dennoch gelang, zu gefragten ExpertInnen in Sachen „islamischer Fundamentalismus und Frauen“ zu werden, sagt viel aus &#252;ber ein politisches Klima, in dem z. B. die Fokussierung auf das Kopftuch als Symbol f&#252;r die Unterdr&#252;ckung „der muslimischen Frau“ und also f&#252;r die Gewaltt&#228;tigkeit „des Islam“ l&#228;ngst zum ideologischen Allgemeingut geworden ist. Ohne an dieser Stelle auf die Einzelheiten der sogenannten Kopftuchdebatte(n) eingehen zu k&#246;nnen, sei auf eine inzwischen mehrheitsf&#228;hige Position verwiesen, die zun&#228;chst Sexismus als gesellschaftlichen Hauptwiderspruch setzt und Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse entlang anderer Kategorien (z. B. „Kultur“, Nationalit&#228;t) bewusst ignoriert, um dann ausschlie&#223;lich „den Islam“ in den Blick zu nehmen und das Ablegen des Kopftuches, d.h. die Abkehr vom Islam, zur Grundvoraussetzung von Emanzipation zu erkl&#228;ren.<a href="#anm63" title="anm_63" name="anm_63"><sup>63</sup></a> Im Zuge einer solchen Argumentation wird kopftuchtragenden Frauen nicht nur der Status als Subjekt ihrer eigenen Befreiung abgesprochen und die Komplexit&#228;t der Auseinandersetzungen und Differenzen innerhalb islamisch gepr&#228;gter Regionen und Communities zu Gunsten des Bildes eines homogenen „Islam“ ignoriert, sondern auch „der Westen“ als quasi-paradiesischer Ort der (weiblichen) Emanzipation konstruiert. Dies tr&#228;gt schlie&#223;lich auch dazu bei, die in europ&#228;ischen L&#228;ndern nach wie vor und angesichts des (neo-)konservativen Backlash mehr denn je existierenden patriarchalen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse zu &#252;berdecken.</p>
<h3>Islamophobie und die Linke</h3>
<p>Angesichts solcher Implikationen taucht freilich die Frage auf, warum auch Personen, die sich selbst als liberal oder links verstehen und in Bezug auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Fragestellungen progressive und emanzipatorische Positionen vertreten, der unkritischen Verabsolutierung eines wei&#223;en, mitteleurop&#228;ischen Frauenbildes in den Debatten um „den Islam“ nicht nur widerstandslos begegnen, sondern sie im Gegenteil selbst noch bef&#246;rdern. Als Paradebeispiel hierf&#252;r kann jener offene Brief gelten, in dem 2003 in Deutschland im Zuge der Kopftuchdebatte rund hundert FeministInnen und AntirassistInnen, unter ihnen Halina Bendkowski, Viola Roggenkamp, Seyran Ates und Frigga Haug, unverbl&#252;mt forderten, solche MigrantInnen, die aus „L&#228;ndern kommen, in denen M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen rechtlich privilegiert sind“, dann sofort auszuweisen, wenn sie das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes nicht explizit unterschreiben w&#252;rden. Auch wenn Frigga Haug diese Forderung, die letztlich auf eine rassistische Sondergesetzgebung hinauslaufen w&#252;rde, sp&#228;ter lediglich als „Provokation“ verstanden wissen wollte<a href="#anm64" title="anm_64" name="anm_64"><sup>64</sup></a>, so zeigt sich an diesem Fall die Gefahr, die von einem gegen&#252;ber dem eigenen (privilegierten) Standpunkt unkritischen, die bestehenden politischen und ideologischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse ignorierenden Universalismus gegenw&#228;rtig auch dann ausgeht, wenn an seinem emanzipatorischen Impetus kein Zweifel bestehen k&#246;nnte: nicht nur werden reaktion&#228;ren Kr&#228;ften aus politisch vermeintlich unbedenklicher Ecke Steilvorlagen f&#252;r die weitere Verbreitung islamophober Stereotype geliefert, es werden diese auch dort hoff&#228;hig gemacht, wo sich im Grunde antirassistischer Widerstand formulieren sollte. </p>
<h3>Kolonialer Gestus</h3>
<p>Die Seltenheit solidarischer Auseinandersetzung zum Thema Islamophobie sowie die damit einhergehende Unf&#228;higkeit, effektive antirassistische Positionen zu entwickeln, ist nicht zuletzt Ausdruck einer allgemeinen Krise der Linken. Der unkritische R&#252;ckgriff auf die „Werte der Aufkl&#228;rung“ als letzter Zufluchtsort einer desillusionierten Linken muss auch als Ergebnis zahlloser Niederlagen der letzten Jahrzehnte begriffen werden. So ist die Position, als R&#228;cherIn der Marginalisierten, der unterdr&#252;ckten Frauen und diskriminierten Homosexuellen aufzutreten, in ihrer kulturalisierten Umdeutung oft recht bequem, da sich dadurch eine Konfrontation mit den scheinbar &#252;berm&#228;chtigen Verh&#228;ltnissen, die tats&#228;chlich diese Ausschlussmechanismen produzieren, er&#252;brigt. Stattdessen wirft man sich in die Pose der RetterIn der Menschenrechte, um gemeinsam mit den Herrschenden religi&#246;s oder kulturell definierte Gruppen zum Hauptfeind zu erkl&#228;ren. Bei aller emanzipatorischer Motivation werden damit nicht nur die systematischen Effekte der Islamophobie erzeugt, sondern auch, durch die Subsumtion aller gesellschaftlichen Konflikte unter eine rassistische Dichotomisierung, reale Macht-, Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsverh&#228;ltnisse hegemonial stabilisiert. Der spezifisch „linken“ Auspr&#228;gung dieser islamophoben Praxis kommt dabei besondere Bedeutung zu. Diese hat einerseits die kritische Debatte zum Begriff der Kultur, wie sie in den 1980er und 1990er Jahren gef&#252;hrt wurde, rezipiert und wei&#223; scheinbar um deren nicht-angeborenen, nicht-statischen und hybriden Charakter Bescheid. Gleichzeitig fordert sie jedoch, etwa in der „Integrationsdebatte“, MuslimInnen ultimativ zur Konvertierung zu einer – letztlich doch gar nicht so hybriden – westlichen oder europ&#228;ischen „Wertegemeinschaft“ auf. Nicht so sehr die kulturrassistischen Positionen der „Neuen Rechten“, die der Trennung unvereinbarer Kulturkreise das Wort reden, stehen hier im Mittelpunkt, sondern der koloniale Gestus des aufgekl&#228;rten Europ&#228;ers: Alle Barbaren haben die Chance auf und Pflicht zu s&#228;kularer Erleuchtung. Ist das nicht das alte wie das neue an diesem Rassismus?</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> </span><em>Der Standard</em> vom 18. J&#228;nner 2008<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Miles, Robert: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, in: <em>Das Argument</em> 175 (1989), S. 353-367; Miles, Robert: Die Idee der „Rasse“ und Theorien &#252;ber Rassismus: &#220;berlegungen zur britischen Diskussion, in: Bielefeld, Ulrich (Hg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt? Neuausgabe. Hamburg 1998, S. 189-218<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Hall, Stuart: Rasse – Klasse – Ideologie, in: <em>Das Argument</em> 122 (1980), S. 507-511<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs, in: R&#228;thzel, Nora (Hg.): Theorien &#252;ber Rassismus, Hamburg 2000, S. 7-16, hier S. 14<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Balibar, Etienne: Gibt es einen ,neuen Rassismus‘?, in: <em>Das Argument</em> 175 (1989), S. 369-380, hier S. 374<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Hall, Stuart: „Die Frage des Multikulturalismus“, in: ders.: Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Ideologie, Identit&#228;t, Repr&#228;sentation, Hamburg 2004, S. 188-227, hier S. 205<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. ebd. S. 204f.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Vgl. Miles: Die Idee der „Rasse“ und Theorien &#252;ber Rassismus, a.a.O., S. 211f.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Vgl. Hall: Rasse – Klasse – Ideologie, a.a.O., S. 508f.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O., S. 14<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. Miles: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, a.a.O., S. 360f.; Hall: Rassismus als ideologischer Diskurs, a.a.O., S. 10f.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Vgl. Balibar: Gibt es einen ,neuen Rassismus‘?, a.a.O., S. 370<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Als Neue Rechte (vorher „Junge Rechte“) bezeichneten sich erstmals die j&#252;ngeren Rechtsradikalen in der 1964 gegr&#252;ndeten NPD, um sich von den erfolglosen „alten Rechten“ abzugrenzen.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> www.thule-seminar.org<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Flatz, Christian/G&#228;rtner, Reinhold: Kultur statt ‘Rasse’. Analyse einer Bedeutungsverschiebung, in: Flatz, Christian u.a. (Hg.): Rassismus im virtuellen Raum, Hamburg 1998, S. 219-239, hier S.219<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Fischer, Gero/Gstettner, Peter (Hg.): Am K&#228;rntner Wesen k&#246;nnte diese Republik genesen. An den rechten Rand Europas: J&#246;rg Haiders „Erneuerungspolitik“, Klagenfurt/Celovec 1990.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Vgl. Taguieff, Pierre-Andre: La Force du préjugé. Essai sur le racisme et ses doubles, Paris 1988. Deutsche Ausgabe: Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double, Hamburg 2000<o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm1">19</a> Ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm201">20</a> Vgl. Krebs, Pierre (Hg.): Mut zur Identit&#228;t – Alternativen zum Prinzip der Gleichheit, T&#252;bingen 1988<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> NPD-Parteiprogramm, 8. Aufl. 2004, Berlin. http://partei.npd.de/medien/pdf/Parteiprogramm.pdf<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Demirovic, Alex (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, M&#252;nster 2002<o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Çaglar, Gazi: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel Huntingtons ,Kampf der Kulturen‘. &#220;berarb. und erg. Auflage, M&#252;nster 2002, S. 10<o></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. ebd., S. 13ff.<o></o><br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Huntington, Samuel P.: “The Clash of Civilizations?”, in: <em>Foreign Affairs</em> 72:3 (1993), S. 22-49<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Çaglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen, a.a.O.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Vgl. Huntington: The Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 23<o></o><br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Geiger, Klaus F.: Vorsicht: Kultur. Stichworte zu kommunizierenden Debatten, in: <em>Das Argument</em> 224 (1998), S. 81-90<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Huntington: The Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 40<o></o><br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Ebd., S. 25, 40<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Ebd., S. 39<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Ebd., S. 45<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Ebd., S. 35<o></o><br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Said, Edward W.: Orientalism, New York 1978. Deutsche, allerdings ungenaue &#220;bersetzung: Orientalismus, Frankfurt a. M. 1981<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Vgl. ebd., S. 48-50<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> Geiger: Vorsicht: Kultur, a.a.O., S. 82<o></o><br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a> Huntington, Samuel P.: “If not Civilization, What? Paradigms of the Post-Cold War World”, in: <em> Foreign Affairs</em> 72:5 (1993), S. 186-194, hier S. 192f.<br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a> Vgl. Huntington: Clash of Civilizations?, a.a.O., S. 48f.<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a> Huntington war freilich Mitglied jener Kommission, die bereits 1987 dem damaligen US-Pr&#228;sidenten Ronald Reagan riet, sich vom Kommunismus als Hauptfeind zu l&#246;sen und sich st&#228;rker milit&#228;risch in regionalen und internen Konflikten auf anderen Kontinenten und den L&#228;ndern der „dritten Welt“ zu engagieren (vgl. Çaglar, a.a.O., S. 39, Anm. 70).<br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a> Geiger: Vorsicht: Kultur, a.a.O., S. 82<o></o><br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a> Keegan, John, <em>The Daily Telegraph</em>, 8. Oktober 2001<br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a> Fekete, Liz: Racism: the hidden cost of September 11, London, IRR, 2002<br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a> Flyghed, Janne: ‘Normalising the exceptional: the case of political violence’, in: <em>Policing and Society</em> 13:1 (2002)<o></o><br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a> <em>Copenhagen Post</em> (25. September 2003); <em>Aftenposten</em> (30. J&#228;nner 2004), nach Feteke, a.a.O.<br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a> <em>Junge Welt</em>, 4. J&#228;nner 2003<br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a> <em>Statewatch Bulletin</em> 13:6 (2003)<br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a> Zitiert im <em>Economist</em>, 25. Oktober 2003<br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a> Club 2 am 6. Februar 2008 „Hassliebe USA-Europa?“<o></o><br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a> Zur Debatte um die Aufkl&#228;rung vgl. den Artikel von Neil Davidson in dieser Ausgabe.<br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a> Pautz, Hartwig: Die deutsche Leitkultur. Eine Identit&#228;tsdebatte: Neue Rechte, Neorassismus und Normalisierungsbem&#252;hungen, Stuttgart 2005<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a> Tibi, Bassam: Europa ohne Identit&#228;t. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, M&#252;nchen 1998<o></o><br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a> <em>Junge Freiheit</em>, 19. M&#228;rz 1997<br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a> Aus der Pressemitteilung des baden-w&#252;rttembergischen Innenministeriums vom 14. Dezember 2005<o></o><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a> Al-Radwany, Marwa: Vortrag „Feindbild Islam – der neue Rassismus“ auf der „Marx is muss“-Konferenz in Berlin, November 2007<o></o><br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a> <em>Focus</em> 10.04.2006<br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a> Alice Schwarzer, zitiert nach Marx, Daniela: Vom ,feministischen Schreckgespenst‘ zur gefragten Expertin – Alice Schwarzers Islamismuskritik als Eintrittskarte in die Welt der Mainstream-Medien, in: J&#228;ger, Margarete/Link, J&#252;rgen (Hg.): Macht – Religion – Politik. Zur Renaissance religi&#246;ser Praktiken und Mentalit&#228;ten, M&#252;nster 2006, S. 209-230, hier S. 218<br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a> Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, dass Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden k&#246;nnen.<br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a> Broder, Henryk in: <em>Spiegel</em> 29. Dezember 2007; vgl. Aussagen von Susanne Winter zur FP&#214;-Neujahrskonferenz<br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a> Alice Schwarzer, zitiert nach Marx: Vom ,feministischen Schreckgespenst‘ zur gefragten Expertin, a.a.O.<br />
<a href="#anm_60" title="anm60" name="anm60">60</a> So wird heftig f&#252;r eine „neue Lust am Nationalstolz“ – so der Titel einer Diskussion bei Beckman – geworben, der Abschied von dem durch „Linke und politisch Korrekte“ aufgezwungen „Schuldkomplex“ gefordert und schlie&#223;lich die Einsicht vertreten, Hitler sei lediglich „ein Freak-Unfall der Deutschen“ (<em>Spiegel</em>-Kulturchef Matthias Mattusek) gewesen.<br />
<a href="#anm_61" title="anm61" name="anm61">61</a> Ebd., S. 213<br />
<a href="#anm_62" title="anm62" name="anm62">62</a> Vgl. Marx, Daniela: Krieg f&#252;r Frauen(rechte)? ,Pseudo-feministische‘ Kollateralsch&#228;den, in: Forum Wissenschaft 1 (2002), S. 34-37. Online: http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/441976.html<o></o><br />
<a href="#anm_63" title="anm63" name="anm63">63</a> Vgl. ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_64" title="anm64" name="anm64">64</a> Zur Debatte um diesen offenen Brief siehe u. a. http://www.iz3w.org/iz3w/Ausgaben/276/LP_s07.html, http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&amp;dig=2004/01/17/a0173<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
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		</item>
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		<title>Aufkl&#228;rung und Antikapitalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:53:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit den Werten der Aufkl&#228;rung werden heute imperialistische Kriege und rassistische Diskriminierung gerechtfertigt, w&#228;hrend ein postmoderner Irrationalismus mit ihnen auch gleich das Projekt der Emanzipation entsorgt. <em>Neil Davidson</em> &#252;ber das widerspr&#252;chliche Erbe der Aufkl&#228;rung.<br />
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Die Aufkl&#228;rung war eine intellektuelle und soziale Bewegung die, wie die Renaissance und die Reformation davor, eine spezifische historische Periode charakterisiert, in diesem Fall von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts. Doch sie befindet sich im Herzen heutiger Auseinandersetzungen, anders als etwa die Debatten der Reformation um die Vorherbestimmung des Menschen. Die Aufkl&#228;rung bleibt ein gegenw&#228;rtiges Thema, nicht blo&#223; ein historisches. Der Grund daf&#252;r ist, dass diese Bewegung eine Reihe von wissenschaftlichen Methoden, sozialen Theorien und pers&#246;nlichen Werten hervorgebracht hat, die viele Weltverst&#228;ndnisse umgeworfen hat. Sie wirkte auf praktisch alle Bereiche des Wissens, durch die Werke von Philosophen von Spinoza bis Hegel; Wissenschaftern wie Priestley und Black; Polemikern gegen Mystizismus und Obskurantismus wie Voltaire und Diderot; Gesellschaftstheoretikern wie Rousseau und Ferguson; Literaten wie Beaumarchais und Schiller; Musikern wie Mozart und Beethoven; Malern wie Goya und David; Reformern wie Condorcet, Historikern wie Gibbon und Hume; politischen &#214;konomen wie Quesnay und Smith. Und sie inspirierte viele der AktivistInnen der Amerikanischen und Franz&#246;sischen Revolutionen wie Paine, Jefferson oder Robespierre. Durch den Einfluss dieser und vieler anderer formt sie viele der Sichtweisen, die Menschen heute von der Welt haben. Daher r&#252;hrt die andauernde Debatte um ihr Verm&#228;chtnis – eine Debatte, in die SozialistInnen intervenieren m&#252;ssen. Denn das Erbe der Aufkl&#228;rung wird an zwei Fronten angegriffen. Auf der einen Seite ist sie mit einem teilweisen R&#252;ckfall in vor-aufkl&#228;rerische Ideen konfrontiert. Religi&#246;ser Glaube widersetzt sich allen Voraussagen &#252;ber sein Verschwinden und erlebt eine globale Wiederauferstehung, in christlicher und hinduistischer wie in islamischer Form. Auf der anderen Seite haben Teile der Linken Ideen &#252;bernommen, die behaupten die Aufkl&#228;rung mit einer Reihe von relativistischen und irrationalistischen Positionen zu &#252;berwinden, die &#252;blicherweise unter dem Namen „Postmodernismus“ zusammengefasst werden, einer akademischen Mode die rapide an Attraktivit&#228;t verliert, aber ein Verm&#228;chtnis der Verwirrung f&#252;r Generationen neuer AktivistInnen hinterlassen hat. Und wer verteidigt dann die Aufkl&#228;rung? Teile der liberalen Linken, die sich als Vork&#228;mpferInnen von kapitalistischer Globalisierung, westlichem Imperialismus und institutionellem Rassismus neu erfunden haben – verkleidet als VerteidigerInnen von Vernunft, Demokratie und Redefreiheit. Das obsz&#246;ne Spektakel, das hochbezahlte JournalistInnen abgeben, die den Glauben einer der am st&#228;rksten unterdr&#252;ckten Gruppen der britischen Gesellschaft angreifen, w&#228;hrend sie das Banner von Jefferson und Voltaire schwingen, kann Radikale – muslimische wie nicht-muslimische – nur mehr davon &#252;berzeugen, dass die Aufkl&#228;rung tats&#228;chlich eine eurozentrische Verschw&#246;rung zur Verteidigung der existierenden Ordnung ist.</p>
<h3>Die zentralen Ideen</h3>
<p>Im Zentrum des aufkl&#228;rerischen Anspruchs standen drei Behauptungen. Die erste war, dass die nat&#252;rlichen und sozialen Welten durch Vernunft, ohne Rekurs auf Religion oder andere mystischen Glaubensformen, erkl&#228;rt und ver&#228;ndert werden kann. Dies bedeutete einen radikalen Bruch mit dem Denken des 16. und 17. Jahrhunderts, das religi&#246;sen Interpretationen der Realit&#228;t einen privilegierten Platz zuwies. Baruch Spinoza, in vielerlei Hinsicht die radikalste Figur der fr&#252;hen Aufkl&#228;rung, attackierte 1670 die „Vorurteile“ der organisierten Religion, „die den vern&#252;nftigen Menschen zu einem Thiere machen, die verhindern, dass man sein Urtheil frei gebrauche und das Wahre von dem Falschen unterscheide … Wer die Vernunft g&#228;nzlich verachtet und den Verstand wegen seiner nat&#252;rlichen Verderbniss verwirft und verabscheut, der gilt, – und das ist das H&#228;rteste, – als der Inhaber des g&#246;ttlichen Lichts“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Spinoza und jene, die ihm im n&#228;chsten Jahrhundert folgten, griffen in erster Linie die dominante christliche Kirche in ihren eigenen Gesellschaften an, nicht den Islam, Buddhismus oder andere Religionen, die gro&#223;teils au&#223;erhalb von Europa praktiziert wurden; tats&#228;chlich hatte die Aufkl&#228;rung ein weitaus komplexeres Bild vom Islam als die meisten jener Menschen, die heute vorgeben in ihrer Tradition zu stehen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Redefreiheit wurde nicht gefordert, um die Schwachen und Machtlosen anzugreifen, sondern die m&#228;chtige Kombination von Kirche und Staat, die die Heilige Inquisition, Zensur, Gef&#228;ngnis, Verst&#252;mmelung und Tod mit sich brachte. Spinoza schrieb in den nach-revolution&#228;ren Vereinigten Niederlanden, wahrscheinlich die toleranteste Gesellschaft Europas, und wurde dennoch durchg&#228;ngig attackiert, w&#228;hrend James Aikenhead 1695 im kalvinistischen Edinburgh wegen Blasphemie geh&#228;ngt und Voltaire zwei Mal in die Bastille gesperrt wurde. Vernunft war jedoch nicht nur aufgrund der Kraft, die sie GegnerInnen der organisierten Religion bot, erstrebenswert. Sie wurde als Mittel gesehen, die Umst&#228;nde, in denen Menschen sich befanden, zu &#228;ndern, wie Immanuel Kant 1784 in einem der ersten selbstbewussten Versuche, das Projekt der Aufkl&#228;rung zu definieren, schrieb: „Wenn denn die Natur … den Hang und Beruf zum <em>freien Denken</em>, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allm&#228;hlich zur&#252;ck auf die Sinnesart des Volks, (wodurch dies der <em>Freiheit zu handeln</em> nach und nach f&#228;higer wird“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Die zweite Behauptung war, dass die menschliche Geschichte sich in eine bestimmte Richtung bewegte, charakterisiert durch Fortschritt und nicht, wie davor geglaubt wurde, durch Regression, Stagnation oder Wiederkehr. Die Aufkl&#228;rung sah Fortschritt als aufeinander folgende Entwicklungsphasen, charakterisiert durch „Subsistenzweisen“, wie franz&#246;sische und vor allem schottische DenkerInnen sie nannten. Wie Adam Smith seinen Studenten 1762 erkl&#228;rte, waren dies, erstens, die J&#228;ger- und Sammlergesellschaft, zweitens die Hirten- und Nomadengesellschaft, drittens die Agrargesellschaft und viertens die b&#252;rgerliche Kommerzgesellschaft.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Und, bemerkte Smiths Kollege, Lord Kames 1758: „diese schrittweisen Ver&#228;nderungen lassen sich in allen Gesellschaften entdecken”<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>. Auch wenn sich nicht alle Gesellschaften mit gleicher Geschwindigkeit entwickelten, k&#246;nnten also doch alle potentiell den selben Entwicklungsstand erreichen. Die dritte Behauptung war, dass Menschen universelle Rechte besa&#223;en, einfach aufgrund ihres Mensch-seins, nicht weil sie Mitglieder eines bestimmten gesellschaftlichen Standes oder einer religi&#246;sen Gemeinschaft waren. Das impliziert zumindest, dass die gegenw&#228;rtige Gesellschaft unzureichend vern&#252;nftig ist und Fortschritt nicht automatisch passiert. Wenn, wie Smith und Kames vorschlagen, alle Gesellschaften bestimmte Entwicklungsstufen durchlaufen m&#252;ssen, dann m&#252;ssen die Menschen, die diese Gesellschaften ausmachen, alle die selben F&#228;higkeiten besitzen, vor allem jene der Vernunft.</p>
<h3>Die Widerspr&#252;che</h3>
<p>Es gab zwei gro&#223;e Widerspr&#252;che in der aufkl&#228;rerischen Rede von „Universalit&#228;t“.<br />
Universalit&#228;t impliziert gleiche Rechte, aber die Rechte waren &#252;blicherweise entlang von Klassenlinien eingeschr&#228;nkt. Antonio Negri und Michael Hardt haben vorgeschlagen, zu Demokratiekonzepten der Aufkl&#228;rung zur&#252;ckzukehren, da in dieser Periode das Konzept noch unkorrumpiert gewesen w&#228;re: „Die Herrschaft einer Partei, die sich als Vorhut versteht, oder die Herrschaft gew&#228;hlter Beamter, die nur gelegentlich und in beschr&#228;nktem Ma&#223;e der Multitude gegen&#252;ber verantwortlich sind, hat man damals noch nicht als Demokratie bezeichnet“. Das ist wohl wahr, aber genauso wenig dachten die Revolution&#228;re des 18. Jahrhunderts oder deren Vorg&#228;nger, dass Demokratie „die Herrschaft aller durch alle erfordert”.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Hardt und Negris Superheld, Spinoza, kann hier als Beispiel dienen. In der Tat schrieb er mehrere Passagen, in denen er die Demokratie als effektivste Regierungsform preist. Er dachte aber nicht, dass JedeR zur Demokratie auch f&#228;hig w&#228;re: „Denn ich weiss … dass es gleich unm&#246;glich ist, der Menge den Aberglauben wie die Furcht zu benehmen … und dass sie sich nicht durch die Vernunft leiten“. Es gab daher keinen Grund, warum einfache Leute seine Werke lesen sollten – sie w&#252;rden sie ohnehin nicht verstehen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Voltaire schrieb 1768 in einem Brief, „Wir hatten nie die Absicht, Schuster und Diener aufzukl&#228;ren – das ist Sache der Aposteln“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Wie Paul Siegel scharfsinnig bemerkt, liegt Voltaires Einstellung zur Verbreitung der Ideen der Aufkl&#228;rung unter den Massen in einem seiner bekanntesten Spr&#252;che: „Existierte Gott nicht, w&#228;re es notwendig, ihn zu erfinden“.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Religion war „notwendig“ f&#252;r die einfachen Leute, die sonst Vernunft auf Bereiche anwenden k&#246;nnten, die den Stammg&#228;sten Pariser Cafés ebenso unangenehm w&#228;ren wie den BewohnerInnen von Versailles. Voltaire war ein brillanter und mutiger Mann, doch es gibt keinen Grund uns dar&#252;ber hinwegzut&#228;uschen, wie es die selbstgerechten Islamophoben tun, die seinen Namen st&#228;ndig im Munde f&#252;hren, dass er die Aufkl&#228;rung nicht weit &#252;ber seine eigenen Klassengrenzen hinaus verbreiten wollte – selbst wenn seine Haltung teilweise von der Furcht motiviert war, reaktion&#228;re Kr&#228;fte k&#246;nnten die Stimmung der Massen gegen religi&#246;se oder Agrarreformen mobilisieren.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Es gab &#228;hnliche Probleme damit, Universalit&#228;t auf unterschiedliche Gruppen von Menschen, oder „Rassen“, anzuwenden. Die DenkerInnen der Aufkl&#228;rung waren &#252;ber diese Frage tief gespalten. Eine Str&#246;mung, vertreten von Hume, Montesquieu und Kant, bezweifelte dass Menschen mit dunkler Hautfarbe &#252;berhaupt als Menschen begriffen werden k&#246;nnten – so etwa Montesquieu in seinem 1748 verfassten „Vom Geist der Gesetze“.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Hegel bemerkte in seinen Vorlesungen &#252;ber die Geschichte der Philosophie aus den fr&#252;hen 1830er Jahren, Afrika w&#228;re ein Land der „Unreife“, das den Historiker (sic!) vor tiefgreifende Probleme stelle: „Der eigent&#252;mlich afrikanische Charakter ist darum schwer zu fassen, weil wir dabei ganz auf das Verzicht leisten m&#252;ssen, was bei uns in jeder Vorstellung mitunter l&#228;uft, die Kategorie der Allgemeinheit“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Gleichzeitig forderte jedoch eine andere Tendenz, repr&#228;sentiert von Diderot, John Millar und Johann Gottfried von Herder, die rassistische Ideologie heraus, die zur Rechtfertigung der Eroberung der indigenen Bev&#246;lkerung Amerikas und der Versklavung von AfrikanerInnen entwickelt wurde. Herder lehnte Begriffe der europ&#228;ischen &#220;berlegenheit ab: „Am wenigsten kann also unsre europ&#228;ische Kultur das Ma&#223; allgemeiner Menscheng&#252;te und Menschenwertes sein; sie ist kein oder ein falscher Ma&#223;stab“.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Diese Str&#246;mung in der Aufkl&#228;rung inspirierte die <em>Amis des Noirs</em><span lang="DE">, deren Ideen dazu f&#252;hrten, dass Robespierre die Sklaverei 1793, am H&#246;hepunkt der Revolutionen in Frankreich und Haiti, abschaffte.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Komplexit&#228;t der Universalit&#228;tsdoktrin ist am besten in der Amerikanischen Unabh&#228;ngigkeitserkl&#228;rung ausgedr&#252;ckt. Diese ist, neben der franz&#246;sischen Erkl&#228;rung der Menschen- und B&#252;rgerrechte, einer der ber&#252;hmtesten politischen Ausdr&#252;cke des aufgekl&#228;rten Denkens. In den unsterblichen Worten des zweiten Paragraphen: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness”.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Wer immer die scheinbar tr&#252;gerischen Anspr&#252;che des aufkl&#228;rerischen Universalismus der L&#228;cherlichkeit preisgeben will, braucht blo&#223; diese einleitende Passage zitieren um dann auf all jene zu verweisen, die davon ausgeschlossen sind: alle Frauen, indigene AmerikanerInnen, SklavInnen usw. Daraus schlie&#223;en manche Menschen, dass die Unterdr&#252;ckung der Aufkl&#228;rung selbst inh&#228;rent ist. Michael Berube weist darauf hin: „Poststrukturalismus argumentiert oftmals, dass die emanzipatorischen Narrative der Aufkl&#228;rung tats&#228;chlich auf ihren historischen und sozialen Entstehungsbedingungen im Rassismus und Sexismus des 18. Jahrhunderts gr&#252;nden – und von ihnen blo&#223;gestellt werden“, und dass „die gesellschaftliche Gewalt der amerikanischen Gesellschaft der letzten beiden Jahrhunderte nichts ist, was durch eine R&#252;ckkehr zur aufkl&#228;rerischen Rhetorik der Rechte korrigierbar w&#228;re, sondern vielmehr Erf&#252;llung der symbolischen Gewalt, die f&#252;r die Aufkl&#228;rung selbst konstitutiv ist“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Ist es wahr, dass Universalit&#228;t auf solche Weise „verdorben“ ist? Tats&#228;chlich ist sie, wie Terry Eagleton bemerkt, „eine der gro&#223;artigsten emanzipatorischen Ideen der Weltgeschichte … nicht zuletzt weil die Mittelklassengesellschaft nun von jenen, die sie unterdr&#252;ckt, entlang ihrer eigenen Logik herausgefordert werden konnte, gefangen in einem performativen Widerspruch zwischen dem was sie sagte und dem was sie tat“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></p>
<h3>Aufkl&#228;rung und Kapitalismus</h3>
<p>Die Quelle dieser Spannungen innerhalb der Aufkl&#228;rung liegt in ihrem Verh&#228;ltnis zum Kapitalismus als historischem System. KritikerInnen der Aufkl&#228;rung haben keine Zweifel, dass es da eine Verbindung gibt, obwohl sie weniger sicher sind, welche es ist.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Tats&#228;chlich war die Aufkl&#228;rung sowohl ein Produkt kapitalistischer Entwicklung als auch ein Beitrag zu ihrer weiteren Expansion. Mikuláš Teich beschreibt sie als, nach Renaissance und Reformation, dritte einer Serie von „historisch demarkierten Sequenzen“, eingebettet in „den langen &#220;bergang von Feudalismus zu Kapitalismus“. Der &#220;bergang war gepr&#228;gt von deutlichen geographischen und zeitlichen Ungleichheiten zwischen Beginn und Abschluss, zwischen oder selbst innerhalb von Nationen; doch die kulturellen und ideologischen Sequenzen tendierten dazu, sich gleichzeitig, oder nach nur kurzen Verz&#246;gerungen, auf der internationalen Szenerie zu manifestieren. Als Resultat unterschieden sich deren Klasseninhalt und soziale Bedeutung je nachdem, ob die jeweilige Nation n&#228;her am Anfang oder am Ende dieses Prozesses war: „Die F&#246;rderer der Aufkl&#228;rung waren eine sozial heterogene Gruppe, und von diesem Standpunkt war die Aufkl&#228;rung eine gemischte „aristokratisch-b&#252;rgerliche“ Bewegung. Insoweit es m&#246;glich ist, ihr ein gemeinsames Programm zuzuschreiben, war sie reformistisch. Insoweit sie die herrschende feudale Ordnung unterminierte, war sie revolution&#228;r“.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Albert Hirschmann hat gezeigt, dass viele der Argumente, die von DenkerInnen der Aufkl&#228;rung in Schottland und Frankreich f&#252;r den Kapitalismus vorgebracht wurden, nicht auf einer Bewunderung f&#252;r den Kapitalismus selbst basieren, sondern auf den politischen und gesellschaftlichen Vorteilen, die &#246;konomische Entwicklung angeblich bringen w&#252;rde: „Seit dem Ende des Mittelalters, und besonders als Resultat der h&#228;ufiger werdenden Kriege und B&#252;rgerkriege im 17. und 18. Jahrhundert, wurde nach neuen Verhaltensregeln und Methoden gesucht, um Herrschern wie Beherrschten dringend ben&#246;tigte Disziplin und Einschr&#228;nkungen aufzuerlegen, und die Ausweitung von Handel und Produktion wurde in dieser Hinsicht f&#252;r vielversprechend gehalten.“ Doch die Auswirkungen des Kapitalismus waren alles andere als friedlich und der Ordnung zutr&#228;glich, und die damals hervorgebrachten Argumente wurden „nicht blo&#223; vergessen sondern aktiv verdr&#228;ngt“. F&#252;r Hirschmann war dies notwendig f&#252;r die Legitimit&#228;t der kapitalistischen Ordnung, da diese „in der festen &#220;berzeugung angenommen wurde, sie w&#252;rde bestimmte Probleme l&#246;sen, und sie daran eindeutig und abgrundtief scheitert“.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></p>
<h3>Zweischneidiges Erbe</h3>
<p>Das triumphierende System musste den Radikalismus der Aufkl&#228;rung unterdr&#252;cken, oder ihn zumindest von der sozialen Welt auf die Natur &#252;bertragen. Daniel Gordon schreibt, dass es bereits in „weiten Teilen des Aufkl&#228;rungs-Denkens“ eine Spannung gab und dass dieses „nicht blo&#223; darauf aus war, Menschen zu &#252;berzeugen, dass eine kommerzielle Gesellschaft das beste Regime sei, sondern auch die pers&#246;nlichen Qualit&#228;ten von Mut, Patriotismus und Finesse dramatisierte, die gegen eben dieses Regime kultiviert werden sollten“. In dieser „zweischneidigen Mentalit&#228;t … sollten wir die Dialektik als einen der Aufkl&#228;rung internen Prozess sehen – ein Prozess, in der ein bestimmtes Ma&#223; an historischem Optimismus sofort Zweifel an der Vollkommenheit der begehrten Gesellschaft produziert“.</a><a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> Aus diesen Zweifeln entstammte die radikalisierte Aufkl&#228;rung im Herzen des Marxismus.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Im Manifest der kommunistischen Partei (1848) fassen Marx und Engels die Rolle der Aufkl&#228;rung in der b&#252;rgerlichen Revolution zusammen: „Als die alte Welt im Untergehen begriffen war, wurden die alten Religionen von der christlichen Religion besiegt. Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert den Aufkl&#228;rungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft ihren Todeskampf mit der damals revolution&#228;ren Bourgeoisie.“ Kapitalismus musste die Kraft des vern&#252;nftigen Denkens entfesseln, doch Vernunft ist nicht das Eigentum einer einzelnen Klasse, und sobald offenbar wurde, dass Menschen die Macht hatten, die Welt entlang kapitalistischer Linien zu ver&#228;ndern, stellte sich unvermeidlich die Frage nach einer weiteren Ver&#228;nderung: „Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst“.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Als dies geschrieben wurde, war die Bourgeoisie damit besch&#228;ftigt, die Anwendung der Doktrinen der Aufkl&#228;rung zu begrenzen, insbesondere indem sie behauptete es w&#228;re schlicht ein Irrtum, eine gef&#228;hrliche Illusion, dass es irgendetwas jenseits des Kapitals geben k&#246;nnte. „Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital n&#252;tzlich oder sch&#228;dlich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht.“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die ArbeiterInnenklasse h&#228;tte demnach die Traditionen fortzuf&#252;hren, welche die Bourgeoisie verlassen hatte. Engels bezeichnete die „deutsche Arbeiterbewegung“ als „Erbin der deutschen klassischen Philosophie“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a>, Lenin den Marxismus als „rechtm&#228;&#223;ige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen [sic!] &#214;konomie und des franz&#246;sischen Sozialismus hervorgebracht hat“.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Kurz nach der Russischen Revolution fasste Trotzki die Ansicht dreier Generationen von MarxistInnen zusammen: „Das zusammenfassende Denken der bourgeoisen Demokratie erhebt sich in Gestalt ihrer k&#252;hnsten, ehrlichsten und weitblickendsten Vertreter – getrieben von den kapitalistischen Widerspr&#252;chen – bis zur genialen Selbstverleugnung, ausger&#252;stet mit dem ganzen Arsenal, das dank der Entwicklung der bourgeoisen Wissenschaft zur Verf&#252;gung stand. Das ist die Herkunft des Marxismus“.<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Es gibt immer noch Versuche von liberaler und sozialdemokratischer Seite, die verlorene Einheit der urspr&#252;nglichen Aufkl&#228;rung wieder herzustellen. Gareth Stedman Jones beispielsweise meint, „die heutige Sozialdemokratie sollte … sich auf ihren Geburtsort besinnen und die Ambitionen der sp&#228;ten, demokratischen Aufkl&#228;rung aufgreifen, und die Vorteile der individuellen Freiheit und der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit dem republikanischen Ideal von gr&#246;&#223;erer Gleichheit, einschlie&#223;enden B&#252;rgerrechten und &#246;ffentlichem Wohl verbinden“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Das ist buchst&#228;blich utopisch: wir k&#246;nnen nicht in die Welt von 1776 oder 1789 zur&#252;ckkehren. F&#252;r Marx war politische Emanzipation Fortschritt, „zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation &#252;berhaupt, aber … die letzte Form der menschlichen Emanzipation <em>innerhalb</em> der bisherigen Weltordnung“.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Doch zugleich war Fortschritt nicht dasselbe wie menschliche Emanzipation. „Wir wissen jetzt, da&#223; dies Reich der Vernunft weiter nichts war als das idealisierte Reich der Bourgeoisie“, schrieb Engels 1888. „So wenig wie alle ihre Vorg&#228;nger konnten die gro&#223;en Denker des 18. Jahrhunderts hinaus &#252;ber die Schranken, die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte“.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Teil ihrer Epoche zu sein war sowohl ihre Tragik wie Quell ihrer Gr&#246;&#223;e.</p>
<h3>Die zeitgen&#246;ssische Debatte</h3>
<p>Ich hatte geschrieben, dass das Thema der Vorherbestimmung nicht l&#228;nger im Zentrum aktueller Debatten steht, doch es gibt in der Tat Menschen in der angels&#228;chsischen Welt, die es dort wieder sehen wollen (und die gerade Bildungsinstitutionen in England und den USA finanzieren). Wie ernst sollten wir diese Gefahr nehmen?<br />
Nehmen wir die Einsch&#228;tzung von Lord May of Oxford als ein Beispiel. Er war Professor f&#252;r Zoologie am Imperial College, h&#246;chster Wissenschaftsberater der britischen Regierung, Vorsitzender des Office of Science and Technology und ist zurzeit Mitglied des britischen Oberhauses. Lord May ist, mit anderen Worten, nicht jemand, den man der Verschw&#246;rung zum Sturz der westlichen Zivilisation verd&#228;chtigen w&#252;rde. In einer Ansprache zum Ende seines Vorsitzes der Royal Society veranschaulichte May die Gefahr, die davon ausgehe, was er „die Dunkelheit der fundamentalistischen Irrationalit&#228;t“ nannte, indem er drei „globale“ Probleme hervorhob: „Klimawandel, Verlust der Biodiversit&#228;t, neue und wieder auftretende Krankheiten“. WissenschafterInnen strebten nach L&#246;sungen, so May, doch in jedem dieser F&#228;lle s&#228;hen sie sich mit Hindernissen konfrontiert: „Kampagnen, initiiert von Menschen, deren Wertesystem oder kommerziellen Interessen sie dazu treiben, die wissenschaftlichen Fakten zu leugnen oder zu entstellen“. So w&#252;rden Versuche, die Ausbreitung von HIV/AIDS in Afrika zu stoppen, von der katholischen Kirche einer- und der von einem fundamentalistischen Protestantismus unter Druck gesetzte US-amerikanischen Regierung andererseits untergraben, die auf der Abgabe von Kondomen basierende Strategien ablehnen. May zog den Schluss, dass „die zentralen Werte der Aufkl&#228;rung … die freie, offene, vorurteilslose, unbehinderte Forschung; individuelle Freiheit; Trennung von Kirche und Staat … von wiederauflebendem Fundamentalismus in West und Ost ernsthaft in Gefahr sind“.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a><br />
Im Westen hat diese Gefahr in den USA das bedrohlichste Ausma&#223; erreicht. Bei all der Aufmerksamkeit, die der angeblichen Irrationalit&#228;t des Islam zuteil wird, macht es Sinn zu betonen, wie sehr die USA Heimat von vor-aufkl&#228;rerischen Werten ist, mit Millionen von AmerikanerInnen die an genau der Art von Religiosit&#228;t festhalten, die durch die Aufkl&#228;rung herausgefordert wurde. Eine Umfrage ergab, dass 80 Prozent der AmerikanerInnen an eine Art Leben nach dem Tod glauben; 76 Prozent glauben an den Himmel (und 64%, dass sie dort hinkommen); 71 Prozent glauben an die H&#246;lle und, wenn auch nur sehr wenige glauben, dass sie selbst dort hinkommen, 32 Prozent, dass sie ein „tats&#228;chlicher Ort der Qualen und Folter“ ist. 18 Prozent glauben an Wiedergeburt, einschlie&#223;lich zehn Prozent der „Wiedergeborenen Christen“, was auf eine gewisse Unsicherheit mit dem eigenen Wertesystem nahe legt.<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> Pr&#228;sident George W. Bush selbst hat erkl&#228;rt, dass &#252;ber die Evolutionstheorie noch kein endg&#252;ltiges Urteil gef&#228;llt wurde.<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a> John Gray dr&#252;ckt es so aus: „Nirgendwo sonst gibt es Bewegungen, die den Darwinismus aus &#214;ffentlichen Schulen verbannen wollen. In Wahrheit ist die USA ein weniger s&#228;kulares Regime als die T&#252;rkei“.<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a><br />
Eine Erkl&#228;rung daf&#252;r k&#246;nnte darin liegen, dass die USA immer die hemmungsloseste Form des Kapitalismus hatten und AmerikanerInnen am wenigstens durch kollektive Sicherungssysteme gesch&#252;tzt waren. Die verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig kurze Periode des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus (etwa zwischen den 1930er und 1970er Jahren) wurde abgel&#246;st von einer kompletten Umkehr, hin zu einer Situation in der Familien und Gemeinden dem freien Markt ausgesetzt und dadurch auseinander gerissen wurden. Die psychischen Wunden, die Individuen durch solche sozialen Verw&#252;stungen zugef&#252;gt werden, laden dazu ein, nach Heilung im Glauben zu suchen. Wie Barbara Ehrenreich bez&#252;glich der von ihr untersuchten arbeitslosen Mittelklasse schreibt, heilen bestimmte Arten von Religion nicht nur entfremdete Seelen, sondern erg&#228;nzen auch die individualistische Philosophie, die ihnen diese Wunden urspr&#252;nglich zugef&#252;gt hatte. „Wenn du alles durch deine eigenen geistigen Anstrengungen schaffen kannst – wenn du nur ausreichend betest oder dich stark genug konzentrierst – gibt es keine Notwendigkeit, die sozialen oder &#246;konomischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zu konfrontieren, die dein Leben bestimmen“.<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> Theodor W. Adorno formulierte diesen Punkt in theoretischeren Begriffen, Bezug nehmend auf den Glauben an Astrologie: „So sind selbst Menschen von angeblich ‚normalem’ Geiste bereit, Systeme der T&#228;uschung zu akzeptieren, aus dem einfachen Grund, dass es tats&#228;chlich zu schwierig ist, solche Systeme von jenen ebenso unerbittlichen und undurchsichtigen zu unterscheiden, unter denen sie tats&#228;chlich ihre Leben zu f&#252;hren haben.“<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Der neoliberale Angriff, den AmerikanerInnen erlebt haben, ist die Form des Kapitalismus, die jetzt &#252;berall hin exportiert wird. Eine j&#252;ngste Studie zum Aufstieg des religi&#246;sen Fundamentalismus bemerkte, dass die Moderne, „die Kraft, von der einst erwartet wurde, dass sie Religion &#252;berfl&#252;ssig machen w&#252;rde, in Wirklichkeit dazu gef&#252;hrt hat, dass sie mutiert und neue St&#228;rke gewinnt“. Die Universit&#228;t von Helsinki sch&#228;tzt, dass zwei Millionen ChinesInnen jedes Jahr zum evangelikalen Christentum konvertieren und die Zahl neuer Konvertiten 300 Millionen erreichen k&#246;nnte – ein F&#252;nftel der gegenw&#228;rtigen Bev&#246;lkerung.<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a> Es ist aber nicht „die Moderne“, die diesen Effekt erzeugt hat, sondern die spezifische Form, die die kapitalistische Moderne in ihrer gegenw&#228;rtigen multinationalen Verk&#246;rperung angenommen hat. „Die Kombination von … zwei Dimensionen – sozio&#246;konomischer Anomie, zusammen mit politischer und ideologischer Anomie – hat unweigerlich dazu gef&#252;hrt, dass Menschen auf andere Mittel der gesellschaftlichen Solidarit&#228;t zur&#252;ckgreifen, wie Religion, Familie und Vaterland“.<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Doch das Problem bleibt, wie mit diesem irrationalen Glauben umzugehen ist. Eine typische Antwort ist jene von Richard Dawkins, der in einer neuen britischen Fernsehserie alle Religionen angreift, unter anderem f&#252;r ihre Irrationalit&#228;t, ihre Ablehnung wissenschaftlicher Beweise, ihre Intoleranz und den von ihm so genannten „Kindesmissbrauch“, indem sie absichtlich junge, leicht zu verf&#252;hrende Menschen mit &#220;berzeugungen konfrontieren, die ihre Weltanschauung verdunkeln.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Doch Dawkins’ Anklagen zeigen keinerlei Verst&#228;ndnis davon oder Interesse daran, weshalb Menschen empf&#228;nglich sind, bestimmte Dinge zu glauben. Die Argumente der Aufkl&#228;rung zu organisierter Religion, die Dawkins im Wesentlichen reproduziert, gehen davon aus, dass diese bestehen bleibt, weil die Mehrheit der Menschen unf&#228;hig sind, der Indoktrination durch ihre Priester, &#196;ltesten, Rabbiner oder Imame zu widerstehen. Doch keine Anh&#228;ngerInnen irgendeiner Religion werden positiv auf eine Kritik reagieren, die Zweifel an ihrer Intelligenz erhebt und ihren Glauben l&#228;cherlich macht. Post-Aufkl&#228;rungs-Denker, vornehmlich Marx und Freud, die sich selbst als auf den Errungenschaften der Aufkl&#228;rung aufbauend betrachteten, versuchten die gesellschaftlichen und psychologischen Bed&#252;rfnisse zu erkl&#228;ren die dazu f&#252;hren, dass Menschen Religion ben&#246;tigen, und schlagen Alternativen dazu vor, statt Gl&#228;ubige einfach f&#252;r ihr Irrationalit&#228;t an den Pranger zu stellen. So schrieb Marx den ber&#252;hmten Satz: „Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist“.<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a> Was das bedeutete, stellte Freud unabh&#228;ngig von ihm fest: „Es ist gewi&#223; ein unsinniges Beginnen, die Religion gewaltsam und mit einem Schlage aufheben zu wollen. Vor allem darum, weil es aussichtslos ist. Der Gl&#228;ubige l&#228;&#223;t sich seinen Glauben nicht entrei&#223;en, nicht durch Argumente und nicht durch Verbote. Gel&#228;nge es aber bei einigen, so w&#228;re es eine Grausamkeit. Wer durch Dezennien Schlafmittel genommen hat, kann nat&#252;rlich nicht schlafen, wenn man ihm das Mittel entzieht.“<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a> Dawkins selbst liefert unbeabsichtigt ein Beispiel f&#252;r den Ansatz, den Freud kritisiert: Michael Shermer, Herausgeber der Zeitschrift „Sceptic“, erz&#228;hlte davon, wie er &#246;ffentlich einen ber&#252;hmten Fernseh-„Magier“ entlarvte. Der Mann machte gew&#246;hnliche Zaubertricks und spielte den Leuten vor, er k&#246;nne mit Geistern kommunizieren. Doch statt sich feindselig gegen den enttarnten Scharlatan zu wenden, griff sich das Publikum den Aufkl&#228;rer und unterst&#252;tzte eine Frau, die ihn wegen „unangebrachtem“ Verhalten beschuldigte – er habe die Illusionen der Leute zerst&#246;rt. „Man sollte denken, dass sie dankbar daf&#252;r w&#228;re, dass ihr den Schleier von den Augen genommen wurde“, beschwert sich Dawkins, f&#252;r den die Menschheit immer schon eine gewisse Entt&#228;uschung gewesen ist, „aber anscheinend hatte sie ihn gerne“.<a href="#anm42" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a> Dawkins’ Ansatz ist schlicht unf&#228;hig, jemanden zu &#252;berzeugen, der oder die nicht bereits seiner Meinung ist. Doch was kann religi&#246;se oder „irrationale“ Ansichten tats&#228;chlich ver&#228;ndern? Der chilenische Autor Ariel Dorfman gibt uns ein Beispiel. Als junger Student versuchte er in den sp&#228;ten sechziger Jahren den armen und migrantischen ArbeiterInnen zu helfen, und war Teil eines „Kreuzzugs gegen die Produkte der Kulturindustrie“ wie „Comics, Seifenopern, Westernfilme, Radio- und Fernsehserien, Liebeslieder, gewaltt&#228;tige Filme“. Eine Frau, die gerne Liebesromane las, n&#228;hert sich ihm, w&#228;hrend er in einer Wellblechsiedlung arbeitete und fragte, „ob es stimmt, dass ich glaube, dass Leute keine Fotoromane lesen sollten“. Er antwortete: „Ich denke, dass Fotoromane eine Gefahr f&#252;r ihre Gesundheit und ihre Zukunft sind.“ Sie entgegnete in zartem, fast vertrautem Ton: „Tu’ uns das nicht an, junger Compañero! Nimm mir nicht meine Tr&#228;ume!“ Einige Jahre sp&#228;ter traf Dorfman die gleiche Frau wieder, zur Zeit der politischen Radikalisierung w&#228;hrend der Regierung Salvador Allendes: „Sie kam einfach zu mir r&#252;ber, und verk&#252;ndete, dass ich Recht hatte, dass sie keinen ‚Schund’ mehr lese. Dann f&#252;gte sie einen Satz hinzu der mich immer noch besch&#228;ftigt: ‚Jetzt, Compañero, tr&#228;umen wir die Wirklichkeit!’… Sie hatte ihr altes Ich &#220;berwunden und wurde nicht mehr durch diese Bilder unterhalten, die einst ihre wahre Liebe waren.“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Diese Hoffnungen auf Befreiung kamen im „ersten 9/11“, dem chilenischen Coup, zu einem j&#228;hen Ende. Aber die Lektion bleibt wichtig f&#252;r all jene, die meinen dass der Weg, andere davon zu &#252;berzeugen „die Realit&#228;t zu tr&#228;umen“, ist sie aus einer Position vermeintlicher &#220;berlegenheit zu beleidigen, tyrannisieren und einzusch&#252;chtern.</p>
<h3>Die falschen FreundInnen der Aufkl&#228;rung</h3>
<p>Ein sich stetig nach Rechts bewegender Teil der liberalen Linken, &#252;blicherweise eher in den Medien als an Universit&#228;ten verankert, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Banner der Aufkl&#228;rung weiter zu tragen. Diese Kampagne wird selbstverst&#228;ndlich nicht blo&#223; von einer Handvoll ZeitungskolumnistInnen getragen. Das gesetzliche Verbot des Tragens des Hijab an franz&#246;sischen Schulen und Universit&#228;ten wurde etwa von vielen franz&#246;sischen LehrerInnen, gro&#223;en Teilen der Linken und selbst der trotzkistischen Organisation Lutte Ouvriere unterst&#252;tzt. Nichtsdestotrotz finden sich Argumente f&#252;r die Notwendigkeit der Verteidigung s&#228;kularer Werte der Aufkl&#228;rung vor allem unter KommentatorInnen in den Medien. Das frappierende an diesen Argumenten ist ihre Einseitigkeit. Das Hauptziel ihrer Angriffe ist nicht etwa die Kampagne zur Einf&#252;hrung des Kreationismus in US-amerikanische Schulpl&#228;ne, oder die Weigerung der US-Regierung, die globale Erderw&#228;rmung ernst zu nehmen, sondern die angebliche Gefahr, die der islamische Fundamentalismus f&#252;r die westliche Zivilisation darstellt. Besonders seit dem 11. September wurde der Slogan von der „Verteidigung der Aufkl&#228;rung“ hochgehalten, um Unterst&#252;tzung f&#252;r den „great war for civilisation“, wie Robert Fisk ihn genannt hat, und die Unterdr&#252;ckung der muslimischen Bev&#246;lkerung im eigenen Land zu erheischen.<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a> Christopher Hitchens, ein besonders lautstarker medialer Unterst&#252;tzer des „Kriegs gegen den Terror“ erkl&#228;rte in einer Reihe von Interviews, weshalb jemand, der lange der Linken angeh&#246;rt hatte, sich nun so entschieden auf die Seite der neokonservativen Agenda f&#252;r den Nahen Osten schlug. Hitchens meinte, dass er sich seit dem 11. September einer Mission verschieben habe, „die Aufkl&#228;rung zu verteidigen, die Vorz&#252;ge des Rationalismus zu verteidigen und auszuweiten, mit allen n&#246;tigen Mitteln“.<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> Bereits unmittelbar nach den Angriffen auf die USA behauptete er: „Die Bomber von Manhattan repr&#228;sentieren einen Faschismus mit islamischem Antlitz, und es gibt hier keinen Raum f&#252;r irgend einen Euphemismus. Was sie am ‚Westen’ verabscheuen … ist nicht das, was westliche Liberale an ihrem eigenen System nicht m&#246;gen und nicht verteidigen, sondern was sie m&#246;gen und was sie verteidigen m&#252;ssen: emanzipierte Frauen, wissenschaftliche Methode, die Trennung von Staat und Religion.“<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a> Der Irak war nat&#252;rlich nicht in die Anschl&#228;ge vom 11. September involviert. Noch war das Ba’athistische Regime, von einigen opportunistischen Verbeugungen Richtung Mekka abgesehen, jemals etwas anderes als eins s&#228;kulare Modernisierungsdiktatur. Doch das tat nichts zur Sache – auch dem Irak war die Abscheu der Aufkl&#228;rung sicher und konnte so unter der allgemeinen &#220;berschrift „Faschismus“ eingeordnet werden, einem Begriff, der in diesem Kontext keinerlei wissenschaftlichen Wert hat, aber extrem n&#252;tzlich ist, um die liberale Linke hinter den imperialen Kriegsanstrengungen zu vereinen.<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> F&#252;r ehemals linke Unterst&#252;tzerInnen des Kriegs gegen den Terror droht der Aufkl&#228;rung nicht nur Gefahr von islamischem oder arabischem „Faschismus“, sondern auch von einer Linken, die gegen&#252;ber diesem angeblich kapituliert h&#228;tte. Nach Nick Cohen, einem der britischen B52-Liberale „sind Teile der Linken zum ersten Mal seit dem Hitler-Stalin-Pakt dem Faschismus gegen&#252;ber nachgiebig geworden“.<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Warum hat die Linke das getan? Weil sie, „konfrontiert mit einer aktuellen imperialistischen Bewegung – der Islamismus will ein Imperium von den Philippinen bis Gibraltar –, die durch und durch tyrannisch, homophob, frauenfeindlich, rassistisch und m&#246;rderisch ist, meint, dass diese legitim ist, weil sie sich gegen die westliche Kultur richtet.“<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a> Nun wird tats&#228;chlich versucht, ein Imperium von den Philippinen bis Gibraltar zu errichten, doch nicht von MuslimInnen, sondern von eben jenem amerikanischen Staat, dessen milit&#228;rischen Apparat Cohen st&#228;ndig auffordert, in noch mehr L&#228;nder einzumarschieren. Warum sind so viele ehemalige MarxistInnen in diese h&#246;chst einseitige und selektive Version der Aufkl&#228;rung zur&#252;ckgefallen? Martin Kettle<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a>, f&#252;r den „das Scheitern des Sozialismus“ die gro&#223;e Lehre des 20. Jahrhunderts ist, behauptet: „Zu viele Feinde des Kapitalismus und der USA packen immer noch alles in den falschen und selbsttr&#252;gerischen Rahmen der behauptet, der Feind meines Feindes w&#228;re mein Freund, selbst wenn er meine Familie in der U-Bahn in die Luft sprengt, meine KollegInnen im Bus ermordet oder droht mich zu enthaupten, weil ich eine Zeichnung ver&#246;ffentliche, denn schlie&#223;lich ist er immer noch im Krieg mit Bush, Blair uns Berlusconi“.<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> Das sind krude Unterstellungen. Kennt Kettle tats&#228;chlich jemanden, der oder die diese Position einnimmt? Dies ist ein klassisches Beispiel f&#252;r stalinistische Taktiken, angewandt von reuigen StalinistInnen. Dahinter offenbart sich der schwere Geruch von Niederlagen, durchkreuzter Hoffnungen und das Herunterschrauben der politischen Ambitionen auf bescheidenere Gr&#246;&#223;enordnungen, in der die Welt nicht ver&#228;ndert, aber zumindest f&#252;r Guardian-KolumnistInnen sicher gemacht werden soll. Dass die Aufkl&#228;rung mit ihrem gro&#223;en, Prometeus’schen Beharren darauf, dass Menschen ihre Welt transformieren k&#246;nnen, f&#252;r diesen R&#252;ckzug in Anschlag gebracht wird, ist bedauerlich, und in manchen F&#228;llen tragisch. Die Rede ist von Rationalit&#228;t, doch dahinter steht die Vorstellung, dass der Mensch zum B&#246;sen dr&#228;ngt und daher kontrolliert werden muss.<o></o></p>
<h3>Die Linke und das Erbe</h3>
<p>Es gibt jedoch einen Aspekt der liberalen Argumente der „Neuen Aufkl&#228;rung“, der gewisse Plausibilit&#228;t besitzt, n&#228;mlich ihre Attacken auf die Absurdit&#228;ten des Postmodernismus. Fred Halliday, einer der B52-Liberalen<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a>, landet einige sch&#246;ne Treffer gegen die postmodernistische Linke: „Wenn du in den Gef&#228;ngnissen der islamischen Garden im Iran dahinsiechst, gezwungen wirst, mittelalterliche Kleidung auf den Stra&#223;en Teherans zu tragen, f&#252;r deine Verteidigung des S&#228;kularismus in &#196;gypten erschossen oder in Bombay aus deinem Hem vertrieben und m&#246;glicherweise get&#246;tet wirst oder dir dein Land von Leuten gestohlen wird, die behaupten, Gott h&#228;tte es ihnen gegeben, wird es wenig helfen wenn du, im Namen universeller Werte protestierend, als ethnozentrisch oder nicht postmodern-spielerisch genug entlarvt wirst oder dir gesagt wird, dass wir leider nicht ganz sicher sein k&#246;nnen, ob die Rechte, die du einforderst, auch angemessen begr&#252;ndet werden k&#246;nnen.“<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a> Es wird nur wenige auf der Linken geben, die dem widersprechen. Dennoch gibt es gelegentliches Z&#246;gern, das Erbe der Aufkl&#228;rung zu verteidigen. Anschlie&#223;end an die Aufkl&#228;rung war das mehr als hundert Jahre lang kein Thema. Wenn die ArbeiterInnenklasse und die Unterdr&#252;ckten ein materielles Interesse von der Bourgeoisie geerbt hatten, die Welt zu transformieren, so hatten sie ebenso die Macht der Vernunft als Mittel zur Erreichung dieser Transformation geerbt. In Robert Burns’ „A Man’s A Man For a’ That“ (1795) ist es “the man o’ independent mind”, der &#252;ber die Anma&#223;ungen der Aristokratie lacht.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a> William Wordsworth schrieb in seinem Gedicht „For Toussaint L’Ouverture“ (1802) &#252;ber den Anf&#252;hrer der SklavInnenrevolution in Santo Dominge, dieser h&#228;tte unter seinen gr&#246;&#223;ten Verb&#252;ndeten „man’s unconquerable mind“.<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Diese Ansichten wurden in die eigentliche ArbeiterInnenbewegung &#252;bertragen. Die „Internationale“, 1870 verfasst vom franz&#246;sischen Sozialisten Eugene Pottier, beruft sich auf „Vernunft, die in ihrem Krater donnert“ und ruft die unterw&#252;rfigen Massen auf, sich ihres Aberglaubens zu entledigen.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> Diese Traditionen sind durchaus lebendig. Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich hat k&#252;rzlich auf diese Weise an ihre Eltern erinnert: „Meine Familie waren urspr&#252;nglich arme ArbeiterInnnen, aber ganz stark der Rationalit&#228;t verpflichtet, auf eine sehr positivistische – ich w&#252;rde heute sagen: limitierte – Art. Doch sie waren sehr streitbar in diesen Dingen. Und ich respektiere diese Rationalit&#228;t als etwas, das ihnen etwas W&#252;rde gegen&#252;ber ihren Bossen verliehen hat … Ich habe Rationalit&#228;t immer als etwas gesehen, das nicht der Unterdr&#252;cker besitzt und meine Leute nicht, sondern als etwas, das ich eher unter den Unterdr&#252;ckten finde als unter jenen, die besch&#228;ftig versuchen, ihre Position in der Gesellschaft zu rechtfertigen, ohne R&#252;cksicht auf Wahrheit.“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> Es gab stets jene auf der Linken, von William Blake bis George Sorel, die Vernunft – oder bestimmte Formen der Vernunft – als Fallstrick der b&#252;rgerlichen Gesellschaft sahen und ablehnten. Doch angesichts der Feinde, die das Erbe der Aufkl&#228;rung in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts gegen sich aufgebracht hatte, war das eine Minderheitenposition. „Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen“, erkl&#228;rte Joseph Goebbels, der neu ernannte nationalsozialistische Minister f&#252;r Volksaufkl&#228;rung und Propaganda, in einer Radioansprache vom 1. April 1933.<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> Mit „1789“ meinte er nicht nur die Franz&#246;sische Revolution, sondern die gesamte Tradition der Aufkl&#228;rung, die zu ihr beigetragen hatte. Vor diesem Hintergrund hielt Trotzki, wie schon Marx und Engels, die Tradition der Aufkl&#228;rung hoch. In der „Geschichte der Russischen Revolution (geschrieben 1930) hei&#223;t es: „Den historischen Aufstieg der Menschheit kann man, im ganzen genommen, res&#252;mieren al seine Kette von Siegen des Bewu&#223;tseins &#252;ber die blinden Kr&#228;fte – in Natur, Gesellschaft und im Menschen selbst.“<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a> Der hierin ausgedr&#252;ckte Optimismus – unter au&#223;erordentlich schwierigen Umst&#228;nden – entspringt der &#220;berzeugung, die der Marxismus von der Aufkl&#228;rung geerbt hatte, dass Menschen die F&#228;higkeiten haben, die Welt neu zu gestalten. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts untergrub solchen Optimismus. Mit dem Holocaust entstand die erste ernsthafte linke Kritik der Aufkl&#228;rung: Theodor W. Adorno und Max Horkheimer stellten fest, dass der Aufkl&#228;rung alles, was nicht der Berechnung und Nutzbarmachung unterworfen werden konnte, suspekt war. Oder, einfacher ausgedr&#252;ckt: „Aufkl&#228;rung ist totalit&#228;r wie nur irgendein System“.<a href="#anm60" title="anm_60" name="anm_60"><sup>60</sup></a> Schlie&#223;lich entwickelte sich in den 1950ern, mit dem Kalten Krieg, der Wasserstoffbombe und der anhaltenden Entfremdung selbst im „Wohlstandskapitalismus“ der USA, die Beat-Subkultur, die Fantasie und Vorstellungskraft der Vernunft entgegensetzte – eine Stimmung, die in den 1960ern eine breites Publikum fand und sich etwa in den Texten Bob Dylans („she knows too much to argue or to judge“<a href="#anm61" title="anm_61" name="anm_61"><sup>61</sup></a>) oder dem Mystizismus des Hippie-Flower-Power-Booms von 1967 ausdr&#252;ckte. Die Niederlage der Befreiungsbewegungen, die wir mit 1968 verbinden, brachte den in der „Gegenkultur“ angelegten Irrationalismus an die Oberfl&#228;che. „Was k&#246;nnte f&#252;r eine Generation, die durch das politische Auf und Ab der letzten zwei Jahrzehnte erst zum Marxismus hin und dann von ihm weg gezogen wurde“, schreibt Alex Callinicos“, „beruhigender sein, als – im Stile der vorgeblichen Tiefgr&#252;ndigkeit und tats&#228;chlichen Obskurit&#228;t der vom „68er-Denken“ kultivierten submodernistischen Rhetorik – erkl&#228;rt zu bekommen, dass sie nichts tun k&#246;nnen, um die Welt zu &#228;ndern?“<a href="#anm62" title="anm_62" name="anm_62"><sup>62</sup></a> Mehrere Generationen von Radikalen und M&#246;chtegern-Radikalen wurden bisher in den frommen Lehren des Postmodernismus geschult. Viele von ihnen sehen die Aufkl&#228;rung mit starkem Misstrauen, als Instrument der Unterdr&#252;ckung und der Beherrschung der Natur, und sonst kaum etwas. Entsprechend sind die nicht willens oder f&#228;hig, sie zu Verteidigen. Roger Burbach, ein aktiver Unterst&#252;tzer der globalisierungskritischen Bewegung, kritisiert praktisch alle Parteien, inklusive jene der Linken als „Erben des Projekts der Aufkl&#228;rung“.<a href="#anm63" title="anm_63" name="anm_63"><sup>63</sup></a> &#196;hnliche Themen finden sich in der Einleitung zu einem viel gelesenen Sammelband zur Bewegung: „Denn die Zeit der einzelnen Ideologien und gro&#223;en Erz&#228;hlungen war vor&#252;ber. Die Menschen hatten es satt, sich f&#252;r gro&#223;e Pl&#228;ne zu opfern die ihre individuellen Bed&#252;rfnisse, ihre Menschlichkeit, ihre Kultur, ihre Kreativit&#228;t nicht ber&#252;cksichtigten.“<a href="#anm64" title="anm_64" name="anm_64"><sup>64</sup></a> Jedoch, betont etwa Larry Laudan, „so sehr die neue Linke sich starken Formen des Relativismus verschreibt – und das tut sie in bemerkenswertem Ausma&#223; –, so sehr hat sie jede theoretische Grundlage f&#252;r ihr Handeln verloren“.<a href="#anm65" title="anm_65" name="anm_65"><sup>65</sup></a> Denn, so schreibt Elizabeth Wilson, nachdem „wir keine Gr&#252;nde angeboten bekommen, warum wir eine Sache eher glauben sollen als eine andere, k&#246;nnen wir genauso gut ein Erhardt-Seminar-Traning wie radikale Politik praktizieren; Buddhismus ist so gut wie Bolschewismus (oder besser); Therapie statt kollektiver Aktion; Astrologie ist ‚the name of the game’“.<a href="#anm66" title="anm_66" name="anm_66"><sup>66</sup></a></p>
<h3>Schlussfolgerungen</h3>
<p>Welche Haltung sollten SozialistInnen also, angesichts dieser ehrlichen Feinde und falschen Freunde, zum Erbe der Aufkl&#228;rung einnehmen? Kehren wir noch einmal zur&#252;ck zu den drei Bereichen, die ich zuvor als zentrale Ideen der Aufkl&#228;rung definiert habe: Universalismus, Fortschritt und Vernunft. Nehmen wir zun&#228;chst Universalismus. W&#228;hrend PostmodernistInnen endlos &#252;ber die Wunder der Differenz und Partikularit&#228;t diskutieren, sind sich faschistische und rechtsextreme PolitikerInnen sehr klar dar&#252;ber, wie n&#252;tzlich Anti-Universalismus f&#252;r ihre Ziele ist. Richard Wolin berichtete &#252;ber die Entwicklungen im Frankreich der 1990er Jahre: „Repr&#228;sentanten der neuen europ&#228;ischen Rechten wie Alain de Benoist begannen, diskriminierende Gesetze und kulturellen Separatismus durch „differentiellen Rassismus“ zu rechtfertigen – was sich etwa in Le Pens zynischem Sager ausdr&#252;ckte, ‚Ich liebe Nordafrikaner, aber ihr Platz ist im Maghreb“. An diesem Punkt wurde die Inhaltslosigkeit von „Differenz“ als ethischem Paradigma auf schmerzliche Weise offensichtlich“.<a href="#anm67" title="anm_67" name="anm_67"><sup>67</sup></a> Manchmal nimmt der Rassismus aber auch sehr traditionelle Formen an. Nehmen wir als Beispiel einen Bericht der US-amerikanischen Friedensaktivistin Cindy Sheehan an ihre Anh&#228;ngerInnen, der auf mehreren Webseiten ver&#246;ffentlicht wurde. Darin beschreibt sie folgende Episode: „Ich bekam einmal ein Hass-Mail von einem ‚patriotischen Amerikaner’ der meinte, dass wenn wir irakische M&#252;tter und V&#228;ter sehen, die um ihre get&#246;teten Kinder weinen, diese ‚nur f&#252;r die Kameras posieren. Sie sind Tiere, die sich nicht um ihre Kinder k&#252;mmern weil sie wissen, dass sie neue produzieren k&#246;nnen’“ Sheehan meint dazu: „Diese verr&#252;ckte Rhetorik … entmenschlicht uns alle“.<a href="#anm68" title="anm_68" name="anm_68"><sup>68</sup></a> Und das scheint mir die richtige Antwort zu sein, die aufgekl&#228;rte Antwort, sozusagen. Ein Grund (unter vielen andere), weshalb wir unsere Regierungen daran hindern sollten, irakische Kinder zu t&#246;ten und ihre Eltern dem Leid dieses Verlusts auszusetzen ist genau dass „sie“ so sind wie „wir“, mit den selben Verh&#228;ltnissen und den selben Emotionen. Angesichts eines Rassismus wie jenem des Absenders des E-Mails an Sheehan, ist die Berufung auf die „Irreduzibilit&#228;t der Differenz“ oder andere Parolen des Kulturrelativismus tats&#228;chlich noch schlimmer als nutzlos, denn sie treffen sich auf halbem Wege mit dem rassistischen Argument. Wenn Irakis, ChinesInnen, !Kung San oder sonst jemand alle grunds&#228;tzlich verschieden sind, dann ist es, so man dieser Logik folgen will, auch zul&#228;ssig, sie unterschiedlich zu behandeln. W&#228;hrend SozialistInnen dem Begriff der Universalit&#228;t neue Geltung verschaffen sollten, m&#252;ssen sie die zweite zentrale Idee, jene des Fortschritts, hinterfragen. Definieren wir Fortschritt zun&#228;chst schlicht als die wachsende F&#228;higkeit der Gesellschaft, die Weltbev&#246;lkerung am Leben zur erhalten und ein erf&#252;lltes menschliches Leben zu erm&#246;glichen. Der Kapitalismus gab uns, vor mehr als hundert Jahren, die Technologien, F&#228;higkeiten, Methoden und Produktivit&#228;tsniveaus, mit denen der Sozialismus h&#228;tte erreicht werden k&#246;nnen. Nachdem dies nicht geschah, entwickelten sich diese weiter, ungeachtet der f&#252;rchterlichen Krisen, durch die das System regelm&#228;&#223;ig ersch&#252;ttert wird. Millionen haben unn&#246;tig gelitten und sind gestorben; doch gleichzeitig k&#246;nnen wir, falls wir eine sozialistische Gesellschaft erreichen, diese auf der Basis von Entwicklungen schaffen, von denen fr&#252;here Generationen von MarxistInnen blo&#223; tr&#228;umen konnten. Technologische Verbesserungen sind nicht an sich fortschrittlich: „Die einfache Identifizierung von technologischer Entwicklung mit Fortschritt &#252;bergeht Fragen der sozialen Form und der Produktionsverh&#228;ltnisse.“ Das Problem ist jedoch nicht der technologische Aspekt der Produktivkr&#228;fte selbst, so Esther Leslie in ihrer herausragenden Studie &#252;ber Walter Benjamin, sondern die Produktionsverh&#228;ltnisse, unter denen sie auftreten. Obwohl beide sich entwickeln, gibt es eine Tendenz der Produktionsverh&#228;ltnisse, die Produktivkr&#228;fte zu hemmen. „Jeder Zentimeter des Fortschritts auf technologischer Ebene l&#228;sst, unter diesen Produktionsverh&#228;ltnissen, die Unterdr&#252;ckten auf gesellschaftlicher Ebene unter R&#252;ckschritten leiden: so wie Marx die Maschinerie als potentielle Befreierin begriff, die in diesem Moment, unter dieser Organisation der Produktionsverh&#228;ltnisse nur unsere Ausbeutung, und oft unser Leid, intensiviert“.<a href="#anm69" title="anm_69" name="anm_69"><sup>69</sup></a> Jede Diskussion &#252;ber Fortschritt muss daher mit der Frage beginnen: Fortschritt f&#252;r wen? Dies f&#252;hrt uns zur letzten Idee, jener der Vernunft selbst. Hier m&#252;ssen wir, wie im Fall des Fortschritts, fragen: Vern&#252;nftig f&#252;r wen? Dieses entscheidende Problem wurde einst von Max Horkheimer identifiziert: „Die Schwierigkeiten rationalistischer Philosophie entspringen der Tatsache, dass die Universalit&#228;t der Vernunft nichts anderes sein kann als die &#220;bereinkunft der Interessen aller Gruppen, w&#228;hrend in Wirklichkeit die Gesellschaft in Gruppen mit widerstreitenden Interessen geteilt ist“.<a href="#anm70" title="anm_70" name="anm_70"><sup>70</sup></a> KapitalistInnen m&#252;ssen Handlungen setzen, die, so rational sie f&#252;r einzelne Mitglieder ihrer Klasse sein m&#246;gen, f&#252;r alle anderen furchterregend unvern&#252;nftig sein k&#246;nnen. Die Tabakunternehmen, die gerade riesige neue M&#228;rkte f&#252;r ihre Drogen in S&#252;dost-Asien erschlie&#223;en, werden in einiger Zeit f&#252;r eine Krebsepidemie verantwortlich sein, die wiederum untragbaren Druck auf die fragilen Gesundheitssysteme dieser L&#228;nder erzeugen wird, deren Kosten die ArbeiterInnenklasse und Bauern und B&#228;uerinnen tragen werden, was zu weiterer innerer Instabilit&#228;t und schlie&#223;lich zu Kriegsgefahr f&#252;hrt. Doch nichts davon findet Eingang in die Kalkulationen der legalen Drogenbarone. Eine &#228;hnliche Logik findet sich bei den Kernenergie- und Erd&#246;lkonzernen, die George W. Bushs Weigerung, auch nur beschr&#228;nkte Versuche zur Reduktion der Treibhausgase in Erw&#228;gung zu ziehen, unterst&#252;tzen. Das Wasser steigt in Bangladesh und Mozambique, doch dies wird nicht in deren Kalkulationen einflie&#223;en, solange US-K&#252;sten nicht vom Pazifik bedeckt werden – und, wie die Erfahrung von New Orleans zeigt, vielleicht nicht einmal dann. Sobald Akkumulation eingesetzt hat gibt es keine Wahl mehr, ob rational oder nicht, denn es gibt keine Alternativen: es gibt blo&#223; die Unterordnung unter einen grausamen, erbarmungslosen und unausweichlichen Zwang. Wir k&#246;nnen daher nicht einfach die Aufkl&#228;rung ablehnen, ohne uns einiger der wichtigsten intellektuellen Waffen f&#252;r die Emanzipation des Menschen zu berauben. Doch genauso wenig k&#246;nnen wir vorgeben, sie habe keine Beschr&#228;nkungen, oder dass es keine positiven intellektuellen Entwicklungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts g&#228;be. Die Aufgabe ist, jene Elemente der Aufkl&#228;rung zu identifizieren, die den kapitalistischen &#246;konomischen und sozialen Bedingungen, aus denen sie urspr&#252;nglich hervorgegangen war, eigen sind, und jene, die genuin universell sind und daher f&#252;r andere Zwecke genutzt werden k&#246;nnen. Seit der &#196;ra der Aufkl&#228;rung haben jene, die sich als ihre Erben gerieren, gegenl&#228;ufige Positionen in Bezug auf ihre gesellschaftlichen Ziele eingenommen. Eine Position ist, dass sich die Aufkl&#228;rung – so weit als m&#246;glich – in den Kernl&#228;ndern des Kapitalismus durchgesetzt hat und nun auf jene Teile der Welt ausgeweitet werden muss, die noch immer in der „Pr&#228;moderne“ dahint&#252;mpeln. Die Zeit hat diese Behauptungen gerichtet: Krieg, Naturkatastrophen, Armut – dies sind die Fr&#252;chte von kapitalistischer Vernunft, kapitalistischem Fortschritt und der Ablehnung der Universalit&#228;t. Die andere ist schlicht diese: Die gesellschaftlichen Ziele der Aufkl&#228;rung werden in kapitalistischen Gesellschaften immer nur teilweise erreicht werden, und selbst diese beschr&#228;nkten Erfolge sind st&#228;ndig in Gefahr. Unter diesen Umst&#228;nden ist nur eine sozialistische Position f&#228;hig die „Aufkl&#228;rung zu verteidigen“, aber auch, und vor allem, sie zu vervollst&#228;ndigen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>&#220;bersetzt von Benjamin Opratko und Michael Botka.<br />
Erstmals erschienen in </span><em>International Socialism</em> 110 (2006), 85-112.</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von Neil Davidson und <em>International Socialism</em>.<br />
Die ungek&#252;rzte Version ist unter www.perspektiven-online.at abrufbar.</p>
<p>Von Neil Davidson ist zuletzt erschienen: Discovering the Scottish Revolution 1692-1746, London, 2003.<o></o></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Spinoza, Baruch de: Theologisch-politische Abhandlung, Berlin, 1870: 6<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Davidson, Neil: Islam and Enlightenment, in: Socialist Review, M&#228;rz 2006, http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=9680<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl&#228;rung, in: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784: 493-494, http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Smith, Adam: Lectures on Jurisprudence, Oxford, 1978: 14, 16<o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">5 Lord Kames: Historical Law Tracts, Glasgow, 1758: 56<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">6 Hardt, Michael/Negri, Antonio: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/Main, 2004: 339; ausf&#252;hrlicher 338-345<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">7 Spinoza, Baruch de: Theologisch-politische Abhandlung, Berlin, 1870: 10-11; weiter hei&#223;t es da: „Ich lade deshalb den grossen Haufen und Alle, welche die gleichen Leidenschaften mit ihm hegen, zum Lesen dieser Schrift nicht ein, vielmehr ist es mir lieber, sie legen sie ganz bei Seite, als dass sie sie wie Alles verkehrt auslegen und damit l&#228;stig fallen“ (Anm. d. &#220;.).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">8 Voltaire an D’Alembert, 2. September 1768, in: ders.: Oeuvres Completes, Bd. 46, Paris, 1880: 112<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">9 Siegel Paul N.: The Meek and the Militant: Religion and Power across the World, London, 1986: 22 (deutsch: Die Dem&#252;tigen und die Militanten, http://www.marxists.de/religion/siegel/index.htm)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">10 Outram, Dorinda: The Enlightenment, Cambridge, 1995: 122-123; Beales, Derek: Enlightenment and Reform in 18th-Century Europe, London und New York, 2005: 9-10.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">11 Charles de Secondat, Baron de Montesquieu: The Spirit of Laws, edited by D. W. Carrithers, Berkeley, Los Angeles und London, 1977: p262<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">12 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen &#252;ber die Philosophie der Geschichte, Leipzig, 1979: 155<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">13 Herder, Johann Gottfried: Briefe zur Bef&#246;rderung der Humanit&#228;t, Bd. 2, Berlin und Weimar, 1971: 263<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">14 James, C.L.R.: The Black Jacobins: Toussaint L’Ouverture and the San Domingo Revolution, revised edition, London, 1980: 69-75 (deutsch: Die Schwarzen Jakobiner. Toussaint l’Ouverture und die Unabh&#228;ngigkeitsrevolution in Haiti, K&#246;ln, 1984); Blackburn, Robin: The Overthrow of Colonial Slavery, 1776-1848, London und New York, 1988: 145, 169-176<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">15 In der ersten deutschen &#220;bersetzung vom 5. Juli 1776: „Wir halten diese Wahrheiten f&#252;r ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Sch&#246;pfer mit gewissen unver&#228;u&#223;erlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Gl&#252;ckseligkeit sind.“ </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">(Anm. d. &#220;.)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">16 Berube, Michael: Public Access: Literary Theory and American Cultural Politics, London und New York, 1994: 205<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">17 Eagleton, Terry: The Illusions of Postmodernism, Oxford und Cambridge/Mass., 1994: 113<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">18 Vgl. Foucault, Michel: Wahrheit und Macht. Interview mit A. Fontana und P. Pasquino, in: ders.: Dispositive der Macht. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">&#220;ber Sexualit&#228;t, Wissen und Wahrheit, Berlin, 1978:54; Chatterjee, Partha:, ‘Nationalist Thought and the Colonial World’, in: ders.: The Partha Chatterjee Omnibus, New Delhi, 1999: 168; Wood, Ellen Meiksins: The Origin of Capitalism: A Longer View, London und New York, 2002: 190<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">19 Teich, Mikuláš: ‘Afterword’, in: Porter, Roy/ Teich, Mikuláš (Hg.): The Enlightenment in National Context, Cambridge, 1981: 216-217. Vgl. Auch: Venturi, Franco: Utopia and Reform in the Enlightenment, Cambridge, 1971: 11<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">20 Hirschman, Albert O.: The Passions and the Interests, Twentieth Anniversary Edition, Princeton, 1997: 66, 128-135<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">21 Gordon, Daniel: On the Supposed Obsolescence of the French Enlightenment, in: ders. (Hg.): Postmodernism and the Enlightenment, New York und London, 2001: 204<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">22 Callinicos, Alex: Social Theory. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">A Historical Introduction, Cambridge, 1999: 56<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">23 Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4: 480, 468<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">24 Marx, Karl: Nachwort zur Zweiten Auflage, Das Kapital Bd. 1, MEW 23: 21<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">25 Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21: 307<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">26 Lenin, Wladimir I.: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Lenin Werke 19: 3<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">27 Trotzki, Leo D.: Literatur und Revolution, Essen, 1994: 198<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">28 Jones, Gareth Stedman: An End to Poverty? </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">A Historical Debate, London, 2004: 235<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">29 Marx, Karl: Zur Judenfrage, MEW 1: 356<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">30 Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW 19: 190<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">31 May, Robert: Threats to Tomorrow’s World, anniversary address delivered by the President of the Royal Society, 30. November 2005, London, 2005:4, 16-17, 23<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">32 The Barna Update: Americans Describe Their Views About Life After Death, 23. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">Oktober 2003, http:// www.barna.org/FlexPage.aspx?Page=BarnaUpdate&amp;BarnaUpdateID=150<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">33 In seinen Worten: „The jury is still out on evolution“, zit. nach Harris, Paul: Would You Adam ’n’ Eve it…Dinosaurs in Eden, The Observer, 22. Mai 2005<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">34 Gray, John: Al Qaeda and What It Means to be Modern, London, 2003: 23.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">35 Ehrenreich, Barbara: Bait and Switch. The Futile Pursuit of the Corporate Dream, London, 2006: 221. Vgl. Kap 5, „Networking with the Lord”<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">36 Adorno, Theodor W.: The Stars Down to Earth, in: ders.: Gesammelte Schriften, Band 9.2, Frankfurt/Main, 1975: 110. Eigene &#220;bersetzung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">37 McKenzie, Debora: End of the Enlightenment, in: New Scientist, 8. Oktober 2005: 41, 43<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">38 Achcar, Gilbert: The Clash of Barbarisms. September 11 and the Making of the New World Disorder, New York, 2002: 89<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">39 The Root of All Evil?’ gesendet am 9. und 16. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">Januar 2006, Channel 4<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">40 Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1: 379<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">41 Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion, in: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 14, Frankfurt/Main, 1999: 372<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">42 R Dawkins, ‘Preface’, in Unweaving the Rainbow: Science, Delusion and the Appetite for Wonder (London, 1988), pxi.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">43 Dorfman, Ariel: The Empire’s Old Clothes: What the Lone Ranger, Babar and Other Innocent Heroes do to Our Minds, London, 1983: 3-5<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">44 Fisk fand diese Worte auf dem R&#252;cken einer Erinnerungsmedaille, die sein Gro&#223;vater f&#252;r seine Dienste im Ersten Weltkrieg erhalten hatte. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">Vgl. Fisk, Robert: The Great War for Civilization: the Conquest of the Middle East, London, 2005: ix<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">45 Massie, Alex: The Trial of Christopher Hitchens, in: Scotland on Sunday, 18. Juli 2003, http://scotlandonsunday.scotsman.com/ViewArticle.aspx?articleid=2441597<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">46 Hitchens, Christopher: Against Rationalization, in: ders.: Love, Poverty and War: Journeys and Essays London 2005: 413<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">47 Hitchens, Christopher: Regime Change, Harmondsworth, 2003: 56<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">48 Cohen, Nick: By the Left…about Turn, in: The Observer, 14. Dezember 2003<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">49 Cohen, Nick: I Still Fight Oppression, in: The Observer, 7. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">August 2005<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">50 Englischer Journalist, der in den 1980ern der „eurokommunistische“ ausgerichteten Zeitschrift „Marxism Today“ nahe stand und sp&#228;ter zu Tony Blairs „New Labour“ konvertierte (Anm. d. &#220;.).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">51 Kettle, Martin: When it was no Longer Sweet or Noble to Kill for the Cause, in: The Guardian, 11. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">Februar 2006, <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">52 „B52 liberals“ werden, nach den gleichnamigen Bombern, kriegsbef&#252;rwortende (Links-)Liberale genannt (Anm. d. &#220;.).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">53 Halliday, Fred: Fundamentalism and Political Power, in: ders.: Two Hours that Shook the World: September 11, 2001. Causes and Consequences, London, 2002: 67<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">54 Burns, Robert: A Man’s a Man for a’ That, in: ders.: The Canongate Burns, Edinburgh, 2001: 512. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">Robert Burns war schottischer Schriftsteller, Dichter und politischer Kommentator. “A Man’s a Man For That”, inspiriert von der Franz&#246;sischen Revolution, gilt als Hymne f&#252;r ein freies und sozialistisches Schottland (Anm. d. &#220;.).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">55 Wordsworth, William: To Toussaint L’Ouverture, in Paulin, Tom (Hg.): The Faber Book of Political Verse, London, 1986: 229<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">56 In der deutschen Version der Internationale, 1910 von Emil Luckhardt verfasst, fehlt der Hinweis auf Vernunft – dort ist es „das Recht“, das „wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt“; Der „Aberglaube“ („away with all your superstitions“) wiederum findet sich nur in der englischen Version – im franz&#246;sischen Original gilt es, „mit der Vergangenheit reinen Tisch“ zu machen („du passé faisons table rase“), in der deutschen Fassung „mit den Bedr&#228;ngern“ (Anm. d. &#220;.).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">57 Ehrenreich, Barbara: For the Rationality Debate, http://www.zmag.org/zmag/articles/ehrenrationpiece.htm<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">58 Zit. nach Bracher, Karl Dietrich: The German Dictatorship, Harmondsworth, 1970: 10.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">59 Trotzki, Leo: Geschichte der russischen Revolution, Bd. 3, Frankfurt/M, 1973: 982<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="DE">60 Adorno, Theodor W./ Horkheimer, Max: Dialektik der Aufkl&#228;rung. </span><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">Philosophische Fragmente, Frankfurt/M., 1971: 25<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">61 Dylan, Bob: Love minus Zero/No Limit, in: ders.: Lyrics: 1962-1985, London, 1985: 260<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">62 Callinicos, Alex: Against Postmodernism. A Marxist Critique, Houndmills, 1989: 168, 170<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">63 Burbach, Roger: Globalisation and Postmodern Politics. From Zapatistas to High-Tech Robber Barons, London und Kingston, Jamaica, 2001: 10-11<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">64 Notes from Nowhere: Emergence, in: dies.: (Hg.): We are Everywhere. The Irresistible Rise of Global Anticapitalism, London und New York, 2003: 23<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">65 Laudan, Larry: Science and Relativism: Some Key Controversies in the Philosophy of Science, Chicago, 1990: 163<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">66 Wilson, Elizabeth: Rewinding the Video, in: dies.: Hallucinations: Life in the Post-Modern City, London, 1988: 208-9<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">67 Wolin, Richard: The Seductions of Unreason. The Intellectual Romance with Fascism from Nietzsche to Postmodernism, Princeton und Oxford, 2004: 160<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">68 Sheehan, Cindy: A New World is Possible, http://www.worldsocialforumlive.org/?p=27#more-27 ver&#246;ffentlicht am 26. Januar 2006<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">69 Leslie, Esther: Walter Benjamin. Overpowering Conformism, London und Sterling, VI, 2000: 178, 231<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span style="font-size: 8pt; line-height: 120%" lang="EN-GB">70 Horkheimer, Max: The End of Reason, in: Arato, Andrew/ Gebhardt, Eike (Hg.): The Essential Frankfurt School Reader, New York, 1978: 30<o></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o> </o></span></p>
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		<title>Prolet und Prophet</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:52:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.<br />
<span id="more-55"></span>
</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Offizielle Stellungnahmen der &#228;gyptischen Regierungsbeh&#246;rden zur eskalierenden Bewegung versuchten die Verantwortung der Muslimbruderschaft und vom Ausland finanzierten </span><em>agents provocateurs</em><span lang="DE"> in die Schuhe zu schieben. Dies passt hervorragend in die bisherige Vorgehensweise der &#228;gyptischen herrschenden Klasse in der Auseinandersetzung mit jeglicher Art von Opposition. Wenn nur das Wort „Muslimbruderschaft“ f&#228;llt, gilt das seit jeher als Legitimation, um mit &#228;u&#223;erster H&#228;rte gegen Kritik am Regime vorzugehen. Tats&#228;chlich ist die Muslimbruderschaft die gr&#246;&#223;te politische Oppositionskraft in &#196;gypten. Doch ihre Rolle im „ArbeiterInnenaufstand“ des vergangenen Jahres war relativ marginal gemessen an ihrer Gr&#246;&#223;e und ihrer oppositionspolitischen St&#228;rke. Auch andere politische Gruppierungen, insbesondere der Linken, hatten bisher nur wenige Kontakte zur ArbeiterInnenbewegung etablieren k&#246;nnen. Was waren die Beweggr&#252;nde und Motive f&#252;r den Ausbruch der Streikbewegung und in welchem Verh&#228;ltnis steht sie zur politischen Opposition?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">&#214;konomische Restrukturierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die &#228;gyptische Wirtschaft befindet sich seit den fr&#252;hen 1990er Jahren in einer Umbruchsphase. Infolge der Verstaatlichungspolitik unter Gamal Abdel Nasser in den 1960er Jahren war ein gro&#223;er Teil der Wirtschaft, besonders die Gro&#223;industrie, in staatlicher Hand und ArbeiterInnen genossen durch klientelistische Politik immerhin gewisse soziale Sicherheiten. In einem Interview meinten zwei der Streikf&#252;hrer der Mahalla Textilfabrik, Muhammad ‘Attar und Sayyid Habib, dass sie die niedrigen L&#246;hne bisher nur deswegen akzeptiert hatten<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, weil sie als ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Sektor zumindest eine Jobgarantie f&#252;rs Leben haben und Rente bekommen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Doch selbst diese minimalen Sicherheiten sind nun in Gefahr.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Mubarak-Regime vollf&#252;hrte seit 1991 eine scharfe Trendwende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, nachdem ein „Economic Reform and Structural Adjustment Program“ mit IWF und Weltbank unterzeichnet wurde.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Trotz einer Reihe von Streiks wurden hunderte Betriebe privatisiert oder geschlossen, tausende ArbeiterInnen arbeitslos gemacht und L&#246;hne seither nicht mehr angehoben oder an die Inflation angeglichen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Kontrolle des Privatkapitals &#252;ber die Baumwollindustrie stieg zum Beispiel von 1992 bis 2000 von 8 auf 58 Prozent.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gleichzeitig fand eine Verschiebung der &#246;ffentlichen Investitionen statt. Der Staat investierte nicht mehr in die Landwirtschaft, Industrie und (Aus-)Bildung, sondern nun profitierten Finanziers und besonders ImmobilienspekulantInnen von der staatlichen Wirtschaftspolitik.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Durch Korruption und die Verschmelzung von politischer und &#246;konomischer Macht profitiert &#196;gyptens „politische Klasse“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> vom Ausverkauf. Eine kleine Minderheit wird reicher, alle anderen &#228;rmer. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ma&#223;nahmen, die die &#228;gyptische Exportwirtschaft beleben und ausl&#228;ndisches Kapital nach &#196;gypten locken sollten, konnten jedoch die &#246;konomische Krise Ende der 90er Jahre nicht verhindern. Die Antwort der Regierung war eine noch radikalere neoliberale Offensive. Eines der wichtigsten Ziele dieser Offensive liegt in der Privatisierung des traditionell wichtigen und gr&#246;&#223;ten industriellen Sektors, der Textilindustrie. In einer Serie von Arbeitsk&#228;mpfen haben sich TextilarbeiterInnen seit 2004 gegen die Zerschlagung des staatlichen Sektors gewehrt. Diese K&#228;mpfe kamen im vergangenen Jahr zu ihrem H&#246;hepunkt, als sich die Bewegung auf andere Sektoren auszubreiten begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">Year of discontent</span></em><span lang="DE"><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ausgangspunkt des &#228;gyptischen </span><em>winter of discontent</em><span lang="DE"> waren die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen der Textilindustrie im Nildelta, genauer gesagt in &#196;gyptens gr&#246;&#223;tem staatlichen Betrieb, der </span><em>Misr Spinning and Weaving Company</em><span lang="DE"> in Mahalla al-Kubra s&#252;dlich von Alexandria, der 27.000 ArbeiterInnen besch&#228;ftigt.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Nachdem die j&#228;hrlichen Zusch&#252;sse viel geringer ausfielen als versprochen, weigerten sich die ArbeiterInnen ihr Gehalt anzunehmen, traten am 7. Dezember in den Streik und besetzten die Fabrik.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Staatsmacht traute sich aufgrund der gro&#223;en &#220;berzahl von ArbeiterInnen nicht mit Gewalt gegen die Streikenden vorzugehen. Nach nur vier Tagen gaben die Beh&#246;rden den Forderungen der ArbeiterInnen nach. Motiviert durch diesen Sieg folgten immer mehr Belegschaften in anderen Fabriken dem Beispiel der Mahalla-ArbeiterInnen. Betroffen waren vor allem die gesamte Textilbranche, das Baugewerbe, die verarbeitende Industrie, sowie auch der Personennahverkehr in der Hauptstadt Kairo. Die Radikalit&#228;t und Streikbereitschaft nahm solche Ausma&#223;e an, dass selbst die SteuereintreiberInnen in einen mehr-w&#246;chigen landesweiten Streik traten, deren Forderungen Anfang dieses Jahres vollends erf&#252;llt wurden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Rolle der Arbeiter</span><em>innen</em><span lang="DE"> in der Initiierung, sowie im gesamten Verlauf der Streikbewegung ist besonders zu betonen. Erst als 3.000 N&#228;herinnen von Mahalla al-Kubra am Beginn der Streikbewegung ihre Arbeit niederlegten, durch die Fabrik marschierten und riefen: „Wo sind die M&#228;nner? Hier sind die Frauen!“, wurde die Produktion komplett gestoppt. Muhammad Attar, einer der Streikf&#252;hrer von Mahalla al-Kubra meinte in Bezug auf die Militanz der Frauen: „Die Frauen nahmen fast jeden auseinander, der vom Management kam, um zu verhandeln.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Arbeiterinnen spielten auch in den K&#228;mpfen des letzten Jahres in anderen Betrieben eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist der Kampf von Hagga Aisha, der Streikf&#252;hrerin der Hennawi Tabak-Fabrik. Als Mitglied des Gewerkschaftsausschusses der Fabrik musste sie sich gegen den Ausverkauf der ArbeiterInneninteressen seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung wehren und f&#252;hrte einen erfolgreichen Streik, sowie eine Kampagne zur Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrung an. Zwar wurde Hagga Aisha wegen ihrer Rolle im Arbeitskampf sowohl vom Fabriksmanagement als auch von der nationalen Gewerkschaft schikaniert und von ihrem Gewerkschaftsposten entlassen, f&#252;r ihr Engagement und ihre Standhaftigkeit erntete sie aber von der weiblichen wie auch der m&#228;nnlichen Belegschaft den h&#246;chsten Respekt und die Belegschaft best&#228;tigte, dass im Laufe des Streiks viele Barrieren zwischen M&#228;nnern und Frauen gefallen waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Strategie des Staats<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Umfang der Arbeitsk&#228;mpfe hat seit dem „winter of discontent“ ein enormes Ausma&#223; angenommen. Joel Beinin, Direktor des Instituts f&#252;r Middle East Studies an der Amerikanischen Universit&#228;t von Kairo, meinte, dass dies die gr&#246;&#223;te und l&#228;ngste Streikbewegung seit dem Herbst 1951 sei. Mit 386 Arbeitsk&#228;mpfen zwischen J&#228;nner und Juli 2007 im privaten und staatlichen Sektor wurden die Zahlen der letzten Jahre bei weitem &#252;bertroffen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bemerkenswert an der Streikbewegung ist nicht nur die Dynamik und die Breite der Beteiligung, sondern auch die Reaktion der herrschenden Klasse &#196;gyptens. Politische Demonstrationen und Auseinandersetzungen werden in &#196;gypten in der Regel bereits im Keim erstickt. Die Repression ist das wichtigste Mittel zur Verhinderung einer Machtverschiebung und zur Sicherung der politischen und &#246;konomischen Interessen der Eliten. Die Reaktion auf die j&#252;ngsten ArbeiterInnenk&#228;mpfe ist jedoch tendenziell anders. Besonders bei gro&#223;en Betrieben halten sich die Sicherheitskr&#228;fte &#252;berraschend im Hintergrund und viele der Forderungen wurden nach nur wenigen Tagen erf&#252;llt. Diese Nachgiebigkeit von seiten des Regimes reflektiert die Angst vor weiteren Unruhen. Ein Mitarbeiter des Hisham Mubarak Law Center, eine &#228;gyptische NGO zur Verteidigung von Opfern von Menschenrechtsverletztungen, meinte: „Es ist eine Sache, eine Demonstration mit 50 Intellektuellen im Stadtzentrum Kairos aufzul&#246;sen&#8230; es ist eine andere Sache, tausende ArbeiterInnen einer gro&#223;en Fabrik mitten in einer dicht besiedelten Wohngegend niederzukn&#252;ppeln. Das k&#246;nnte Probleme f&#252;r die Regierung bedeuten.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Strategie des Staates beschr&#228;nkte sich demnach darauf ArbeiterInnen in ihren Betrieben zu isolieren und nicht heraus zu lassen. So wurden zum Beispiel ArbeiterInnendelegationen daran gehindert Demonstrationen vor den B&#252;ros des staatlichen Gewerkschaftsbunds in Kairo zu veranstalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Gewerkschaftsb&#252;rokratie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die aktuellen K&#228;mpfe wirken noch beeindruckender, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass beinahe alle Streiks in &#196;gypten illegal gef&#252;hrt werden. Grund daf&#252;r ist, dass zwar Streiks an sich erlaubt sind, aber vom dominierenden allgemeinen Gewerkschaftsbund („Egyptian Trade Union Federation“ – ETUF) genehmigt werden m&#252;ssen. Dieser muss jedoch faktisch als Teil des Staatsapparats bezeichnet werden, weshalb es auch keine legalen Streiks in &#196;gypten gibt. Die Funktion der ETUF liegt prim&#228;r in der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen und der politischen Mobilisierung f&#252;r die regierende NDP<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>. Unn&#246;tig zu sagen, dass die Gewerkschaft h&#246;chst undemokratisch und b&#252;rokratisch organisiert ist, sowie deren Spitze ein effektives Werkzeug in den H&#228;nden der regierenden NDP und verb&#252;ndeten Gesch&#228;ftsleuten zur Legitimierung der Privatisierungspolitik ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ETUF zeichnete sich w&#228;hrend der Streikbewegung durch eine enge Kollaboration mit den lokalen Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen gegen die streikenden ArbeiterInnen aus und argumentierte systematisch gegen die Forderungen der durch ArbeiterInnen gegr&#252;ndeten Fabrikskomitees. Durch dieses Vorgehen verlor sie die Unterst&#252;tzung selbst der eher gem&#228;&#223;igten und dem Mubarak-Regime treuen ArbeiterInnen. Die Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrungen und die Wahl neuer und von unten kontrollierter Gewerkschaften wurde zentraler Bestandteil der Forderungen vieler Fabriksbelegschaften, die den Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen berechtigerweise Korruption und Wahlf&#228;lschungen vorwarfen. Besonders radikale ArbeiterInnen wie jene der Mahalla Textilfabrik drohten mit Massenaustritten und der Gr&#252;ndung neuer „echter“ Gewerkschaften.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Muhammad al-Attar, welcher neben seiner Funktion als Streikf&#252;hrer auch Mitglied des linken „Center for Trade Union &amp; Workers Services“ (CTUWS) ist, sagte in einem Interview nach seiner Freilassung am 27. September: “Wir wollen eine &#196;nderung in der Struktur und Hierarchie des Gewerkschaftssystems in diesem Land… So wie Gewerkschaften von oben nach unten organisiert sind, ist grundlegend falsch. Es wird so dargestellt, als ob wir unsere Repr&#228;sentantInnen selbst gew&#228;hlt h&#228;tten, obwohl sie in Wirklichkeit von der Regierung ernannt wurden.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dieser Umstand k&#246;nnte nicht nur f&#252;r die Gewerkschaft, sondern f&#252;r das gesamte Regime fatale Konsequenzen haben, welches eine Beteiligung der ArbeiterInnen an der politischen Opposition kaum verkraften k&#246;nnte. Aus diesem Grund fanden seit dem Ausbruch der Streikbewegung zwar weniger repressive Ma&#223;nahmen gegen die Belegschaften selbst, daf&#252;r aber Repression gegen Organisationen, die sich f&#252;r ArbeiterInnenrechte und eine radikale ArbeiterInnenbewegung einsetzten, statt. Seit M&#228;rz wurden B&#252;ros der CTUWS in Kairo und Mahalla geschlossen und mehrere Mitglieder verhaftet. Das CTUWS wurde beschuldigt (nat&#252;rlich neben der Muslimbruderschaft) f&#252;r die Streiks verantwortlich zu sein. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Nichtsdestotrotz gibt es auch gro&#223;e Hindernisse f&#252;r die Etablierung einer unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung. Der Kampf muss &#252;ber den &#246;konomischen Rahmen hinausgetragen werden und sich mit der politischen Oppositionsbewegung vereinen, um die Herrschenden auf mehreren Ebenen herausfordern zu k&#246;nnen. W&#228;hrend die Repression ein Zeichen der Schw&#228;che des Regimes ist, zeigt sich die Schw&#228;che der politischen Opposition in der bisherigen Unf&#228;higkeit, effektive Verbindungen zum Kampf der ArbeiterInnen aufzubauen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">ArbeiterInnenbewegung und politische Opposition<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ArbeiterInnenbewegung des vergangenen Jahres hatte unmittelbar &#246;konomische und soziale Ursachen. Dennoch begannen sich Teile der ArbeiterInnenschaft w&#228;hrend der Streikbewegung zu politisieren und das Regime selbst f&#252;r ihre missliche Lage verantwortlich zu machen. Besonders in Mahalla al-Kubra, definitv einer der radikalsten Betriebe &#196;gyptens, mischten sich immer wieder Anti-Regime-Slogans in die Sprechch&#246;re der ArbeiterInnen. Ihr popul&#228;rster Streikf&#252;hrer, Muhammad al-Attar, sagte auf einer Versammlung w&#228;hrend der zweiten gro&#223;en Streikaktion des Betriebes in einem Jahr: „Ich m&#246;chte die ganze Regierung abtreten sehen… Ich m&#246;chte das Mubarak-Regime zu einem Ende kommen sehen. Politik und ArbeiterInnenrechte sind untrennbar. Arbeit ist selbst schon Politik. Was wir hier [im Streik] gerade erleben ist so demokratisch, wie es nur sein kann.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Obwohl bei der aktuellen ArbeiterInnenbewegung noch nicht von einer politischen Oppositionsbewegung gesprochen werden kann, stellt sie dennoch eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen f&#252;r das Regime dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist: Wie verh&#228;lt sich nun die politische Opposition und insbesonders die &#228;gyptische Linke und die Muslimbruderschaft zu dieser Bewegung?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Muslimbruderschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Muslimbruderschaft gilt als die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft &#196;gyptens (innerhalb des Paralaments mit 80 Abgeordneten als auch au&#223;erhalb) mit einem weitverzweigten Mitgliederstamm.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ihr Aufstieg gestaltete sich jedoch beileibe nicht als lineare Erfolgsstory, sondern verlief &#252;ber Br&#252;che, Niederlagen und R&#252;ckschl&#228;ge. Unter Nasser wurde sie in den 50er Jahren aufgrund ihrer politischen St&#228;rke und ihrer Opposition zum Nasserismus in die Illegalit&#228;t getrieben und verlor in Folge fast komplett an Bedeutung. Erst in den 1970er Jahren gelang es ihr wieder an Einfluss zu gewinnen. Aufgrund ihrer Konzentration auf moralische Predigt, ihrer Ablehnung einer Konfrontationspolitik gegen den Staat, und der leisen Duldung des Sadat-Regimes konnte sie sich neu gruppieren. Dar&#252;berhinaus half die Muslimbruderschaft dem Staat gegen die linke und nasseristische Opposition, welche zu dieser Zeit am lautesten gegen die wirtschaftsliberale Wende und die pro-israelische Haltung Sadats demonstrierte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit den 70er Jahren charakterisiert die Muslimbruderschaft ihre Kompromisshaltung gegen&#252;ber dem Staat und die Akzeptanz der vom Staat gesetzten Grenzen. Der Aufbau einer „islamischen Wirtschaft“ (islamische Banken, Firmen…), eines islamischen Sozialnetzwerkes f&#252;r die Armen und religi&#246;ser Einrichtungen verhalf der Muslimbruderschaft zu einer Massenverankerung in der &#228;gyptischen Gesellschaft. Dazu kommt, dass sie seit den fr&#252;hen 1990er Jahren erfolgreich in der Rekrutierung mittelst&#228;ndischer Berufsgruppen wie &#196;rzten, Juristen, Journalisten, usw. war. Dementsprechend konnte sie einen hohen Einfluss in den Vertretungen dieser Berufsgruppen aufbauen. Auch auf den Universit&#228;ten stellt sie heute die dominante Kraft in den Studierendenorganisationen dar. Eine andere Frage ist jedoch, in welchem Verh&#228;ltnis sie zur ArbeiterInnenklasse steht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bruderschaft hatte in ihrer Vergangenheit immer wieder Verbindungen zur &#228;gyptischen ArbeiterInnenklasse aufgenommen. Tats&#228;chlich wurde sie sogar 1928 von Hasan al-Banna in der Stadt Isma’iliyya zusammen mit Arbeitern der Suez-Kanal-Gesellschaft gegr&#252;ndet. In den 1940er Jahren weitete sie ihre Aktivit&#228;ten in den Betrieben aus. Anti-Kommunismus und die Konfrontation mit KommunistInnen, wo immer sie Einfluss hatten, war hier ein ausschlaggebender Faktor. Sie lehnten die Unabh&#228;ngigkeit der Gewerkschaften und ArbeiterInnenmilitanz ab. Klassenkampf wurde dementsprechend kritisiert, da dadurch Konflikt und sozialer Unfriede zwischen MuslimInnen geschaffen w&#252;rde.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Nach wie vor h&#228;lt sie den sozialen Frieden und die „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Klassen hoch. Eine islamische „moralische Wirtschaft“ (moral economy) regelt das Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und schreibt ihnen Rechte sowie Pflichten zu.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das „Klassenparadox“ der MB wird heute im widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zur ArbeiterInnenbewegung deutlich. W&#228;hrend einige AktivistInnen die ArbeiterInnenk&#228;mpfe des letzten Jahres begr&#252;&#223;t und verbal unterst&#252;tzt haben, scheint es, als ob es zwischen den wohlhabenden Gesch&#228;ftsleuten, welche den Gro&#223;teil der F&#252;hrung bilden, und den BasisaktivisInnen aus der niederen Mittel- und Unterschicht grobe Unterschiede gibt. Dies konnte in der Debatte &#252;ber die Gr&#252;ndung eines neuen Gewerkschaftsverbandes beobachtet werden. Saber Abul Fattouh, Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft und ihr Koordinator f&#252;r die Gewerkschaftswahlen 2006, drohte, dass im Falle manipulierter Wahlen die Muslimbruderschaft einen unabh&#228;ngigen Verband nach dem Vorbild der vereinten unabh&#228;ngigen Studierendenkomitees gr&#252;nden w&#252;rde. Nachdem jedoch deutlich wurde, dass die Wahlen tats&#228;chlich manipuliert waren, ruderte die Muslimbruderschaft wieder zur&#252;ck und meinte vorsichtig, dass solch ein Schritt gut vorbereitet sein wolle.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Selbst wenn die Initiative von Fattouh ernst gemeint war, sie w&#228;re an der Weigerung der oppositionellen Nasseristen und der „mitte-links“ </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> Partei gescheitert, welche eine Allianz mit der Muslimbruderschaft ablehnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Die Linke im Abseits?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dies kennzeichnet die Problematik des Verh&#228;ltnisses zwischen der Linken und der MB. Die Positionierung von Linken gegen&#252;ber der Bruderschaft war und ist Ursache zahlreicher Debatten und ist ausschlaggebend f&#252;r die St&#228;rke und den Erfolg linker Strategien in &#196;gypten. Einer der gr&#246;&#223;ten Fehler von gro&#223;en Teilen der Linken w&#228;hrend der 90er Jahre war der Schulterschluss mit dem Regime von Mubarak gegen die Bruderschaft. Diese Orientierung produzierte zahlreiche negative Entwicklungen: Mubaraks diktatorisches Regime erhielt einen Persilschein f&#252;r seine repressiven und neoliberalen Ma&#223;nahmen und musste einen gro&#223;en Teil der Linken nicht mehr als Opposition f&#252;rchten. Die gro&#223;e Debatte &#252;ber das Schreckgespenst „Islamismus“ lenkte die Linke von den massiven &#246;konomischen Ver&#228;nderungen in &#196;gypten und deren katastrophalen Folgen f&#252;r den Gro&#223;teil der arbeitenden und unteren Klassen ab. Ebenso &#252;bersah sie dadurch, dass der Aufstieg des militanten Islam in &#196;gypten eng mit der prek&#228;ren und in die Informalit&#228;t abgedrengten Lebensrealit&#228;t der &#228;gyptischen Unterklassen und der Unzufriedenheit der Studierenden zusammenhing. In den schwer zu &#252;berwachenden, schnell gewachsenen informellen Siedlungen von Kairo hatten militante Gruppen wie Jamaat al Islamiya ein sicheres Versteck vor Polizeirepression finden k&#246;nnen. Das Fehlen jeglicher politischer Antworten auf die harsche &#246;konomische und soziale Situation etablierte diese Gruppen, welche Teil der Gemeinden geworden waren, als ernstzunehmende Vertreterinnen der Unterprivilegierten und Armen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Partei </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> („National Progressive Democratic Union Party“) ist ein Beispiel f&#252;r das Paradox linker Politik in den 90er Jahren. Sie unterst&#252;tzte in den 80er Jahren eine Reihe von Streiks materiell und produzierte Zeitungen zur Unterst&#252;tzung von k&#228;mpfenden ArbeiterInnen. W&#228;hrend der 90er Jahre verlor </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> jedoch alle Verbindungen zur ArbeiterInnenbewegung. Der Grund lag im generellen R&#252;ckzug von aktiver linker Politik und der strategischen Wende hin zur Unterst&#252;tzung des Staatsapparates in der Unterdr&#252;ckung der islamistischen Aufst&#228;nde im S&#252;den &#196;gyptens, sowie in den gro&#223;en Slums von Kairo und Alexandria.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die illegale Kommunistische Partei, deren &#220;berreste in </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> aktiv blieben, spielte hierbei eine &#228;hnlich tragische Rolle und verlor zunehmends an Bedeutung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">GenossInnen und Br&#252;der<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit einigen Jahren hat sich jedoch das traditionell angespannte und feindlich gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis zwischen Teilen der Linken und der Muslimbruderschaft zu entspannen begonnen. Zwei Faktoren sind hierbei hervorzustreichen. Auf der einen Seite die Entstehung einer neuen Linken seit der Mitte der 1990er Jahre, die</span><span>  </span>prim&#228;r durch die „Revolutionary Socialist Tendency“ und einer wachsenden links-orientierten Menschenrechtsgemeinde gekennzeichnet ist. Der zweite Faktor war ein Generationswechsel in den unteren R&#228;ngen der Muslimbruderschaft sowie der Linken in Zusammenhang mit der R&#252;ckkehr von Stra&#223;enprotesten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Antikriegsbewegung gegen den Angriff auf Irak. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Leitspruch der neuen Linken war „manchmal mit den Islamisten, immer gegen den Staat!“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Angewendet wurde diese Richtlinie vor allem auf den Universit&#228;ten. Anstatt StudentInnen der Muslimbruderschaft einfach als „Faschisten“ zu diffamieren, wie es die stalinistische Linke sowie die Muslimbruderschaft von der Linken f&#252;r Jahrzehnte gewohnt war, k&#228;mpften sie nun zusammen mit AktivistInnen der Muslimbruderschaft in Fragen von Demokratie und gegen staatliche Repression, zum Beispiel, wenn Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen oder von der Uni ausgeschlossen wurden. Dies erm&#246;glichte einen politischen Dialog der AktivistInnen beider Lager. Kamal Khalil, ein wohlbekannter politischer Aktivist und Direktor des „Centre for Socialist Studies“, sagte, dass IslamistInnen, welche noch in den 70er Jahren oft mit der Regierung zusammen gegen die Linke insbesondere auf den Universit&#228;ten vorgingen, beeindruckt waren von dem Engagement von SozialistInnen f&#252;r islamistische politische Gefangene.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Tats&#228;chlich fand &#252;ber die gemeinsam erfahrene Repression durch die Staatsgewalt ebenfalls eine Ann&#228;herung zwischen AktivistInnen der Linken und der Muslimbruderschaft statt. Der linke unabh&#228;ngige Aktivist Ala Sayf beschrieb in seinem Blog seine Erfahrungen, als Dutzende Muslimbr&#252;der und Linke zusammen festgenommen wurden, nachdem sie sich 2006 mit den Richtern solidarisiert hatten, welche den Wahlbetrug von 2005 anprangerten. In den gemeinsamen Zellen wurden aus Muslimbr&#252;dern pl&#246;tzlich Genossen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gleichzeitig verteidigte die Linke die Rechte von religi&#246;sen Minderheiten und Frauen, wenn Teile der Muslimbruderschaft reaktion&#228;re Kommentare von sich gaben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">W&#228;hrend die Linke in den 90er Jahren zu marginal war, um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, &#228;nderte sich das mit dem Ausbruch der zweiten Intifada. Die radikale Linke konnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten das politische Feld durch die Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina dominieren, zu einer Zeit wo die Muslimbruderschaft durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Das Resultat war ein Anwachsen der radikalen Linken und ein wachsender Druck der Basis der Muslimbruderschaft auf ihre F&#252;hrung, die Zur&#252;ckhaltung in Bezug auf die Proteste aufzugeben. Mitglieder der Muslimbruderschaft begannen regelm&#228;&#223;ig auf Treffen der linken Solidarit&#228;tskomitees zu erscheinen und auch f&#252;hrende Muslimbr&#252;der sprachen auf Veranstaltungen. Der Ausbruch der Antikriegsbewegung 2003 vertiefte diesen Trend weiter. Dazu kam, dass seit 2004 die Stimmung gegen Imperialismus zusehends gegen das Mubarak Regime selbst gerichtet wurde. Direktes Resultat war die Kifaya („Genug!“) Bewegung in Opposition zum Regime und f&#252;r einen politischen Wandel. Dessen H&#246;hepunkt war 2005, als die Muslimbruderschaft in eine Anti-Mubarak Allianz einstimmte. Staatliche Repression, besonders gegen die Muslimbruderschaft, lie&#223; die Bewegung seither kaum auf der Bildfl&#228;che erscheinen, die Effekte sind jedoch noch immer sp&#252;rbar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im November 2005 gr&#252;ndeten die </span><em>Revolutionary Socialist Tendency</em><span lang="DE">, die Muslimbruderschaft und unorganisierten AktivistInnen auf einigen &#228;gyptischen Universit&#228;ten die </span><em>Free Student Union</em><span lang="DE"> (FSU). Ihr Ziel ist es, als Gegengewicht und Parallelorganisation zu den staatlich-dominierten Studierendengewerkschaften zu funktionieren. Dieser neue politische Rahmen erlaubt eine weitere Ann&#228;herung, basierend auf politischer Praxis zwischen den beiden Fl&#252;geln und stellt somit eine Chance sowie Herausforderung f&#252;r die Linke dar. Diese Ann&#228;herung kann gleichzeitig einen Raum f&#252;r politische Debatten er&#246;ffnen, wodurch neben dem gemeinsamen Kampf gegen Mubarak auch Fragen wie Frauenbefreiung, Umgang mit religi&#246;sen Minderheiten, Neoliberalismus und Klassenkampf thematisiert werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">The battle goes on<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Auswirkungen der ArbeiterInnenbewegung des letzten Jahres auf die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens sind noch schwer abzusch&#228;tzen. Eine zentrale Frage bleibt, inwieweit die Vernetzung der zu gro&#223;en Teilen parallel ablaufenden politischen und &#246;konomischen K&#228;mpfe zustande gebracht wird, und welche zuk&#252;nftige Rolle die Linke darin spielen kann. Die &#246;konomischen K&#228;mpfe sind eine Chance f&#252;r die Linke, in einem Bereich Einfluss zu gewinnen, der weit weniger als die politische Oppositionsbewegung von der Bruderschaft monopolisiert ist. Die relative Schw&#228;che der &#228;gyptischen Linken in den 1990er Jahren k&#246;nnte dadurch endg&#252;ltig gebrochen werden. Die Verkn&#252;pfung von politischen und „Brot und Butter“-K&#228;mpfen ist aber bei weitem keine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Derzeit fordern beide Bewegungen das Regime relativ unabh&#228;ngig voneinander heraus. Eine Zusammenf&#252;hrung h&#228;tte explosive Auswirkungen f&#252;r &#196;gypten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Im Durchschnitt erh&#228;lt einE ArbeiterIn mit Familie um die 30 Dollar im Monat. Allein die staatlichen Zusch&#252;sse heben das monatliche Einkommen auf ca. 60-70 Dollar an.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order”, in: MERIP, 25. M&#228;rz 2007, <a href="http://www.merip.org/mero/mero032507.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero032507.html</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Bereits der 1981 ermordete &#228;gyptische Pr&#228;sident Anwar al-Sadat propagierte eine &#214;ffnung des Marktes und ein Ende der Subventionen f&#252;r Grundnahrungsmittel. Diese unpopul&#228;ren Ma&#223;nahmen konnten jedoch aufgrund massiver Aufst&#228;nde („bread riots“ von 1977) nicht g&#228;nzlich durchgesetzt werden.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Zwischen 1990-91 und 1995-96 fielen die Reall&#246;hne in der staatlichen Industrie um 8 Prozent. Andere L&#246;hne im &#246;ffentlichen Sektor blieben gleich, aber nur deshalb, weil sie ohnehin unter dem Existenzminimum liegen. Die &#228;gyptischen L&#246;hne liegen deswegen weit unter den regionalen Standards (die an sich schon niedrig sind). Die L&#246;hne von ArbeiterInnen in der Textilindustrie betragen 85 Prozent der L&#246;hne von ArbeiterInnen in Pakistan und 60 Prozent von ArbeiterInnen in Indien. Vgl. Timothy Mitchell: “Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, in: MERIP 210 (Fr&#252;hling 1999), <a href="http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> <a href="http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html" target="_blank">http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht nur Betriebe werden privatisiert, sondern in einem noch gr&#246;&#223;eren Ausma&#223; einst &#246;ffentliches Land sehr billig verkauft. Das verursachte in den letzten Jahren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und enteigneten Bauern und B&#228;uerinnen. Vgl. Timothy Mitchell: „Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, a.a.O.; Ray Bush: “Politics, power and poverty: twenty years of agricultural”, in: <em>Third World Quarterly</em> 28:8 (2007), S. 1599-1615</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vor allem Mitglieder der herrschenden NDP (Nationaldemokratische Partei), aber auch andere staatliche und halbstaatliche Beh&#246;rden und Institutionen wie die Gewerkschaftsf&#252;hrer in Absprache mit dem Kapital.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die FabriksarbeiterInnen k&#246;nnen dabei auf eine lange und stolze Tradition des radikalen Kampfes und Widerstandes zur&#252;ckblicken. Genaueres &#252;ber die Tradition der Arbeitsk&#228;mpfe in Mahalla al-Kubra in: Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy: „Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order“, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Anne Alexander/Farah Koubaissy: „Women were braver than a hundred men“, in: <em>Socialist Review</em> (J&#228;nner 2008), <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227" target="_blank">http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> <a href="http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-industrial-actions-in-6-months/" target="_blank">http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-<br />
industrial-actions-in-6-months/</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Daniel Williams: “Mubarak Plan to Shed State-Run Factories Threatened by Strikes”, 21. Mai 2007, <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home" target="_blank">http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Von 23 Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze sind 22 NDP-Mitglieder, der &#252;brige Mitglied einer verb&#252;ndeten Partei.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Siehe dazu den Bericht &#252;ber eine ArbeiterInnendelegation der Mahalla Textilfabrik mit der Forderung zur Absetzung ihrer Fabriksgewerkschaft in:Liam Stack: “Mahalla textile workers demand union dissolved and greater independence”, in: <em>Daily News Egypt </em>(29. J&#228;nner 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Liam Stack/Maram Mazen: „Striking Mahalla workers demand govt. fulfill broken promises“, in: <em>Daily News Egypt </em>(27. September 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zitiert in Joel Beinin: „The Militancy of Mahalla al-Kubra“, in: MERIP (29. September 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero092907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero092907.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Joel Beinin/Zachary Lockman: Workers on the Nile. Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954, Cairo 1998, S. 365</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Ebd., S. 376</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Joel Beinin/Hossam al-Hamalwy. „Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity“, in: MERIP (9. Mai 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero050907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero050907.html</a><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Anders als die Muslimbruderschaft, welche sich traditionell prim&#228;r auf die Mittelklasse bezieht, waren die militanten islamistischen Gruppen in den 1990ern erfolgreich in der Rekrutierung bei den unteren Klassen. Siehe dazu Salwa Ismail: “The Popular Movement Dimensions of Contemporary Militant Islamism: Socio-Spatial Determinants in the Cairo Urban Setting”, in: <em>Comparative Studies in Society and History </em>42:2 (2000), S. 363-393</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Die Repression traf militante wie dezidiert friedliche Islamisten wie die Muslimbr&#252;der. Siehe dazu Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity”, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Ein gro&#223;er Teil dieses Abschnittes basiert auf dem Artikel von Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, in: MERIP 242 (Fr&#252;hling 2007), <a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Chris Harman: „The Prophet and the Proletariat“, <a href="http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm" target="_blank">http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Manal el-Jesri: „Kamal Abu Eita &amp; Kamal Khalil“, in: <em>Egypt Today. </em><em>The Magazine of Egypt </em>(Mai 2004), <a href="http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553" target="_blank">http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553</a><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, a.a.O.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Seit dem harten Durchgreifen gegen die Muslimbruderschaft im Zuge der staatlichen Kampagne gegen die Islamisten, insbesondere gegen ihre Basis, verfolgte sie eine Politik der Nicht-Konfrontation.</p>
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		<title>„Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:51:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[<span lang="DE">In Teil eins der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution diskutiert <em>Stefan Probst</em> die sozialen Dynamiken und politisch-strategischen Optionen zwischen Februar und Oktober 1917.</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span lang="DE">In Teil eins der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution diskutiert <em>Stefan Probst</em> die sozialen Dynamiken und politisch-strategischen Optionen zwischen Februar und Oktober 1917.</span><br />
<span id="more-54"></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die jeweils vorherrschende Interpretation der Russischen Revolution ist seit dem fr&#252;hen 20. Jahrhundert immer von gesellschaftlichen und politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig gewesen. „Oktober 1917“ war und ist umk&#228;mpftes Terrain, Arena politischer Auseinandersetzung. Selten spiegeln die Konjunkturen der Historiographie so deutlich Ver&#228;nderungen des gesamtgesellschaftlichen politischen Klimas wie im Fall der Oktoberrevolution. Etwas schematisch k&#246;nnen dreieinhalb Phasen interpretativer Paradigmen unterschieden werden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Konjunkturen der Historiographie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bis in die 1960er Jahre dominierten im Westen wie im Ostblock spiegelbildliche Versionen der „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine bruchlose Linie von 1917 zum Stalinismus zogen. Die Oktoberrevolution erscheint hier als </span><em>coup d’etat</em><span lang="DE"> einer konspirativen Minderheit ohne organische Unterst&#252;tzung in breiteren Gesellschaftsschichten, als Ergebnis manipulativer Propagandakniffe der Bolschewiki in der Cold-War-Historiographie im Westen bzw. dem Heroismus Lenins in der sowjetischen Geschichtsschreibung im Osten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Diese Ansichten sind in den 1970ern grundlegend herausgefordert worden, als eine j&#252;ngere Generation linker HistorikerInnen im Windschatten der neuen sozialen Bewegungen eine sozialgeschichtliche Neubewertung der Revolution einforderte. W&#228;hrend bislang die ArbeiterInnen h&#246;chstens als amorphe „Massen“, meist „dunkel“ und „bedrohlich“, jedenfalls passiv in der Geschichte der Revolution thematisiert wurden, kritisierten die SozialhistorikerInnen eben diese Cold-War-Interpretation als Geschichte „nicht nur von oben, sondern die Perspektive von unten komplett ausblendend.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> „Im Endeffekt wurde die ArbeiterInnenbewegung als undifferenzierte, unf&#246;rmige Schafherde betrachtet, die unf&#228;hig sei, unabh&#228;ngig von f&#252;hrenden Intellektuellen zu handeln.“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Dem setzte die „revisionistische“ Historiographie eine minuti&#246;se Analyse der sozialen Dynamiken des Jahres 1917 entgegen, die besonders die spontanen K&#228;mpfe in den Fabriken fokussierte und die Revolution als Massenaufstand entschl&#252;sselte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im Klima des politischen </span><em>backlash</em><span lang="DE"> nach 1989 feierten jedoch die traditionellen Figuren der Cold-War-Historiographie erneut fr&#246;hliche Urst&#228;nd. Alte Argumente wurden, sprachlich neu verpackt, wieder aufgelegt.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Im Pathos des liberal-kapitalistischen Triumphalismus mutierte die Oktoberrevolution zum gewaltsamen jakobinischen Staatsstreich, eine tragische Verirrung der Geschichte, die nun endg&#252;ltig erledigt sei. Der Fokus auf Eliten und die Konstruktion einer unvermittelten Determination der Ereignisse durch politische Ideologien lie&#223; wenig Raum f&#252;r die aktive Rolle, die ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen 1917 gespielt hatten. Zugleich trat ein Gro&#223;teil der SozialhistorikerInnen den organisierten R&#252;ckzug an und versuchte, sich in den Nischen entpolitisierter Kulturgeschichtsschreibung einzurichten.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Erst seit Mitte der 1990er, wieder im Zusammenhang mit einem Aufleben sozialer Auseinandersetzungen, wird die Oktoberrevolution erneut als historisches Ereignis rezipiert, das, wenn schon nicht Antworten gibt, dann zumindest wichtige Fragen aufwirft, die auch f&#252;r die neuen sozialen Bewegungen relevant sind. In diesem Kontext soll die Geschichte der Revolution im Sinn einer „strategischen Geschichte“ (Daniel Bensaïd) erz&#228;hlt werden, die die Dynamiken, Kontingenzen, Konflikte, politischen Lernprozesse, Br&#252;che, Entscheidungen betont.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleiche und kombinierte Entwicklung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Revolution 1917 repr&#228;sentiert zwar einen tiefen Einschnitt in der russischen Geschichte, war aber kein mystisches Ereignis „aus dem Nichts“ (Alain Badiou). Seit den 1860er Jahren hatten rapide Industrialisierung, Binnenmigration und rasantes Bev&#246;lkerungswachstum die Klassenstruktur des zaristischen Russland grundlegend transformiert und die Fundamente des autokratischen Staates zusehends erodiert. Aufgrund staatlicher Modernisierungsprogramme war die lohnabh&#228;ngige Bev&#246;lkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des ersten Weltkriegs um das Sechsfache angewachsen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und in den Gro&#223;betrieben der wenigen Industrieregionen um die urbanen Zentren konzentriert worden: Mehr als die H&#228;lfte der ArbeiterInnen war 1910 in Betrieben mit mehr als 500 Angestellten besch&#228;ftigt, ein Anteil, der selbst im globalen Vergleich &#252;berrascht<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> und der ArbeiterInnenklasse eine &#246;konomische und politische Bedeutung verlieh, die in keinem Verh&#228;ltnis zu ihrer quantitativen St&#228;rke stand.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich &#228;u&#223;erte sich die rasche Industrialisierung nicht nur als regional ungleichm&#228;&#223;iger Konzentrationsprozess, sondern erzeugte auch innerhalb der ArbeiterInnenklasse ein betr&#228;chtliches Ma&#223; an Unebenheiten und Friktionen. Der Proletarisierungsprozess betraf insbesondere die frisch in die St&#228;dte migrierten b&#228;uerlichen Arbeitskr&#228;fte, f&#252;r die das Leben bislang wesentlich durch die Jahreszeiten gepr&#228;gt gewesen war und – „vom Holzpflug losgerissen und unmittelbar an den Fabrikkessel geworfen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – die Disziplin der Stechuhr eine neue Erfahrung darstellte. Gleichzeitig transformierte die Fabrik auch die Arbeits- und Lebenswelt derer, die zwar schon l&#228;nger in Kleinbetrieben in den urbanen Zentren gearbeitet hatten, sich nun aber mit den unpers&#246;nlichen, b&#252;rokratischen Verh&#228;ltnissen des Fabriksmanagements konfrontiert sahen. Demgegen&#252;ber stand ein kleiner gut ausgebildeter, besser organisierter und politisch erfahrener Kern meist m&#228;nnlicher ArbeiterInnen, vor allem in der Metallindustrie. „Je urbanisierter, alphabetisierter und besser ausgebildet die ArbeiterInnen, desto gr&#246;&#223;er war die Kluft zwischen ihnen und den neu angekommenen B&#228;uerInnen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialen Umw&#228;lzungen im Zuge der forcierten Entwicklung moderner Industrie inmitten einer &#252;berwiegend agrarischen Gesellschaft – was Trotzki als Prozess der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ des Kapitalismus beschrieben hat<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> – erzeugten Spannungen, die sich in gro&#223;en sozialen Konflikten entluden. Die Textilregion um Moskau, die Metallindustrie in Petrograd und Riga, Metall- und Lebensmittelindustrie in der Ukraine, die Kohleindustrie im Donez-Becken, die Petroleumindustrie in Baku und der industrielle Bergbau im Ural waren Zentren sozialer K&#228;mpfe und Unruhen. Aber auch au&#223;erhalb der Gro&#223;st&#228;dte wurden jene ruralen Gebiete zu Schaupl&#228;tzen heftiger Auseinandersetzungen, in denen das staatliche Modernisierungprogramm die Ansiedlung von Industriebetrieben gef&#246;rdert hatte – immerhin lebten 1902 nur 41 Prozent der 1,9 Millionen russischen FabriksarbeiterInnen in St&#228;dten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Hybridit&#228;t der wirtschaftlichen Struktur Russlands entsprach jene des politischen Systems. Zwar war die Autorit&#228;t der zaristischen Monarchie durch die Entwicklung einer einheimischen Bourgeoisie untergraben worden, zugleich &#252;bersetzte sich aber die Abh&#228;ngigkeit der russischen Kapitalisten von staatlicher Protektion und ihre Angst vor der k&#228;mpferischen, hochkonzentrierten ArbeiterInnenklasse in ein fragiles B&#252;ndnis mit dem Zarismus.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung d&#228;mpften die politischen Antagonismen zwischen Autokratie und Bourgeoisie, ein Prozess, der auch an den zunehmend konservativeren Positionen des russischen Liberalismus deutlich wird. Besonders seit 1905, als die K&#228;mpfe in der weltweit ersten von Massenstreiks getragenen Revolution kulminierten, war klar, dass politische Demokratisierung weitergehendere Fragen sozialer Reformen er&#246;ffnen w&#252;rden.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Insofern stellten die Klassenk&#228;mpfe der Jahre 1905-1907 und 1912-1914 eine Art Generalprobe f&#252;r jene Ereignisse dar, die im Fr&#252;hjahr 1917, nach zweieinhalb Jahren Weltkrieg, den Beginn der Revolution markierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Februarrevolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als am 23. Februar<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, dem Internationalen Frauentag, tausende streikende Textilarbeiterinnen in Petrograd gegen den bereits zweieinhalb Jahre dauernden Krieg, die Lebensmittelknappheit in der Hauptstadt und die zaristische Autokratie demonstrierten, wusste noch niemand, dass damit eine revolution&#228;re Dynamik in Gang gesetzt w&#252;rde, die die russische Gesellschaft in ihren Grundfesten ersch&#252;ttern sollte. Im Gegenteil bef&#252;rchteten die sozialistischen Organisationen, dass der Streik verfr&#252;ht sei und dem Regime einen Vorwand f&#252;r noch sch&#228;rfere Repression liefern k&#246;nnte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch weitete sich die Bewegung in den folgenden Tagen aus. Ein Arbeiter bei Nobel im Bezirk Vyborg erinnert sich:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Wir konnten die Stimmen der Frauen auf den Stra&#223;en vor unserem Arbeitsplatz h&#246;ren. ‘Nieder mit den hohen Preisen!’ ‘Nieder mit dem Hunger!’ ‘Brot f&#252;r die ArbeiterInnen!’ Ich elite mit einigen GenossInnen ans Fenster. … Die Tore der Bol’shaia Sampsonievskaia Fabrik standen weit offen. Massen von militanten Arbeiterinnen bev&#246;lkerten die Stra&#223;e. Die, die uns sahen, winkten und riefen: ‘Kommt heraus!’ ‘Legt die Arbeit nieder!’ Schneeb&#228;lle flogen durch die Fenster. Wir beschlossen, uns der Demonstration anzuschlie&#223;en.”<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zwei Tage sp&#228;ter streikten bereits 305.000 der 400.000 Petrograder FabriksarbeiterInnen. Als am 27. Februar SoldatInnen der Petrograder Garnison befohlen wurde, auf die DemonstrantInnen zu schie&#223;en verweigerten ganze Regimenter den Befehl und liefen zu den Aufst&#228;ndischen &#252;ber.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Aus den Reihen des vormals machtlosen Parlaments, der Duma, die kurz zuvor noch ihre eigene Aufl&#246;sung durch den Zar widerstandslos akzeptiert hatte, formierte sich in der Nacht auf den 2. M&#228;rz eine Provisorische Regierung, die zun&#228;chst von Kadetten, urspr&#252;nglich radikale Liberale, die sich aber immer st&#228;rker einem konservativen Nationalismus ann&#228;herten, und von Oktobristen, konstitutionellen Monarchisten, gepr&#228;gt war. Als sich die Nachrichten der Petrograder Ereignisse in anderen St&#228;dten Russlands verbreiteten und auch dort die Polizei entwaffnet und neue tempor&#228;re Regierungsorgane gebildet wurden, dankte der Zar am 3. M&#228;rz ab. „1905 hat die Autokratie der revolution&#228;ren Bewegung 12 Monate lang standgehalten; im Februar 1917, ohne Unterst&#252;tzung der Armee, &#252;berlebte sie weniger als 12 Tage.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution war eine spontane Aktion tausender hungriger, w&#252;tender, kriegsm&#252;der ArbeiterInnen und SoldatInnen gewesen, Ausdruck der weitverbreiteten politischen Unzufriedenheit mit dem zaristischen Regime, zugleich Produkt eines tiefverwurzelten sozialen Antagonismus zwischen Teilen der ArbeiterInnenklasse und den besitzenden Klassen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Praktisch &#252;ber Nacht war der Ort der Politik von den Parlamenten und Pal&#228;sten in die Stra&#223;en und Wohnungen, die Betrieben und Kasernen ger&#252;ckt. Der amerikanische Journalist John Reed beschreibt die Situation: „Monatelang war jede Stra&#223;enecke in Petrograd, und in ganz Russland, eine &#246;ffentliche Trib&#252;ne. In den Z&#252;gen, Stra&#223;enbahnen, &#252;berall spontane Diskussion.”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der gesamtgesellschaftliche Linksruck wurde auch symbolisch deutlich. Die Schiffe der zaristischen Flotte wurden umbenannt und erhielten Namen wie „Demokratie“, „B&#252;rger“ und „Republik“. Menschen, die „Romanov“ oder „Rasputin“<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> hie&#223;en, stellten Antr&#228;ge auf Namens&#228;nderung, weil diese „monarchistisch“ und „widerlich“ seien.<a href="#anm1" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Sogar die reaktion&#228;re Presse sah sich gen&#246;tigt, Zugest&#228;ndnisse an die Stimmung zu machen: die Wirtschaftszeitungen h&#252;llten sich ins Banner eines „realistischen Sozialismus“ und selbst die Boulevardbl&#228;tter erfanden sich als „parteilos-sozialistisch“ neu. Selbst auf den Banken, den Monumenten der Stabilit&#228;t des Systems, wehten rote Fahnen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Demokratisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die russische Bourgeoisie und der politische Liberalismus, die nun die Regierung bildeten, hatten im Sturz des Zarismus eigentlich keine Rolle gespielt. Zwar war die Forderung eines liberal-konstitutionellen Regimes in der Vergangenheit immer wieder diskutiert worden, einig war man sich jedoch darin, dass eine soziale Revolution um jeden Preis verhindert werden m&#252;sse. Legitim sei der Sturz des Zaren nur als Akt nationaler Selbstverteidigung, insofern damit die Voraussetzungen geschaffen w&#252;rden, den Krieg zu gewinnen. Es geh&#246;rt deshalb zur Ironie der Februarrevolution, dass die Massenbewegung f&#252;r kurze Zeit die politische Glaubw&#252;rdigkeit gerade jener Kr&#228;fte wiederherstellte, die selbst panische Angst vor genau diesen „Massen“ hatten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Widerspr&#252;che wurden jedoch zun&#228;chst in der politischen Sprache der Februarrevolution verdeckt. „Demokratie“ war das zentrale Schlagwort der Zeit: „Demokratisierung wurde als universelle L&#246;sung f&#252;r jedes Problem gesehen. Nach Februar demokratisierten die Menschen die Theater, die Kirchen, die Schulen“ und selbst die Armee.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> “B&#252;rger”, “Freiheit”, </span><em>narod</em></p>
<p><span lang="DE"> (das Volk) waren Begriffe, die im gesamten politischen Spektrum mobilisiert wurden, von den Bolschewiki bis zum F&#252;rsten Lvov, Premierminister der ersten Provisorischen Regierung. Was „Demokratie“ jeweils bedeutete – und bedeuten sollte – wurde von den politischen Akteuren indes sehr unterschiedlich definiert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die zentralen Organe der Demokratisierung im politischen Bewusstsein der ArbeiterInnenbewegung waren die Fabrikskomitees<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a>, die vor allem in den gr&#246;&#223;eren Betrieben aus den </span><em>ad hoc</em></p>
<p><span lang="DE">-Streikstrukturen der Februarrevolution hervorgegangen waren. Sie sollten die alte „autokratische“ Verfassung des Arbeitsregimes zerschlagen und die Anliegen und Interessen der Besch&#228;ftigten gegen&#252;ber dem Management verteidigen und durchsetzen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Jede eigene Abteilung w&#228;hlte solche Komitees, die wiederum einen Ausschuss f&#252;r die gesamte Fabrik delegierten. Daneben organisierten bewaffnete Betriebsgruppen (ArbeiterInnenmilizen, „Rote Garden“) die Verteidigung der Fabriken und der proletarischen Bezirke.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In der Armee gr&#252;ndeten SoldatInnen &#228;hnliche Komitees, die Entscheidungen unabh&#228;ngig, und gegen, die Heeresleitung f&#228;llten. Deutsche Offiziere etwa berichteten, dass russische SoldatInnen mitten in einem Angriff vor jedem einzelnen Man&#246;ver abstimmten. So unglaublich das klingt, aber die unz&#228;hligen Anekdoten &#252;ber „demokratisierte Schlachten“ sind symptomatisch.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wichtigsten Formen proletarischer Selbstorganisierung waren jedoch die nach dem Vorbild der Revolution von 1905 gebildeten Sowjets (R&#228;te), jene politischen Institutionen einer „revolution&#228;ren Demokratie“, die gew&#228;hlte, direkt verantwortliche und jederzeit abw&#228;hlbare Delegierte aus den Betrieben, Bezirken und Komitees, der ArbeiterInnen, SoldatInnen und B&#228;uerInnen, manchmal auch ethnischer und religi&#246;ser Minderheiten, zusammenfassten.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Die Herausbildung eines Netzwerks von Sowjetstrukturen zeigt, dass die Bewegung nicht nur den alten Staat zerschlagen hat. „Ungeordnet und chaotisch ist von unten etwas Neues entstanden, das die alten politischen Strukturen ersetzen konnte.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Im Kern war der Sowjet die Organisationsform proletarischer Macht, Einheit von &#246;konomischer und politischer Demokratie.<o></o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Doppelherrschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution hatte also zu einer Situation der „Doppelherrschaft“ gef&#252;hrt. Der Provisorischen Regierung, deren politische Legitimit&#228;t von Beginn an zweifelhaft war, da ihre Mitglieder niemals gew&#228;hlt worden waren, standen die Sowjets als politische Organe der ArbeiterInnenbewegung gegen&#252;ber.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich waren die Sowjets im Februar die einzige Institution, die wirklich handlungsf&#228;hig war: sie organisierten die Lebensmittelversorgung, kontrollierten Transport und Kommunikation usw. Alexander Guchkov, der erste Kriegsminister der Provisorischen Regierung, erkl&#228;rte sp&#228;ter ganz offen: „Man kann unverbl&#252;mt sagen, dass die Provisorische Regierung nur so lange existiert, wie der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten es erlaubt.“<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch war das Nebeneinander von Provisorischer Regierung und Sowjets Ausdruck der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Fr&#252;hjahr. ArbeiterInnen und SoldatInnen hatten zwar das zaristische Regime gest&#252;rzt, abgesehen von den militantesten ArbeiterInnen, jenen der Metallindustrie im Petrograder Bezirk Vyborg, bef&#252;rwortete jedoch kaum jemand die Machtergreifung der Sowjets. Die Mehrheit pl&#228;dierte im Februar f&#252;r die bedingte Unterst&#252;tzung der Provisorischen Regierung. In einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Dinamo Werke hei&#223;t es etwa:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Die ArbeiterInnen und SoldatInnen sind nicht auf die Stra&#223;e gegangen, um eine Regierung durch eine andere zu ersetzen, sondern, um unsere Forderungen durchzusetzen. Diese Forderungen sind: ‚Freiheit’, ‚Gleichheit’, ‚Land’ und ‚Ein Ende des blutigen Kriegs’.”<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Eine Resolution der ArbeiterInnen der Izhora Werke verdeutlicht die allgemeine Stimmung:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Alle Ma&#223;nahmen der Provisorischen Regierung, die die &#220;berreste der Autokratie zerst&#246;ren und die Freiheit des Volkes st&#228;rken, m&#252;ssen von unserer Demokratie vollst&#228;ndig unterst&#252;tzt werden. Allen Ma&#223;nahmen, die auf eine Vers&#246;hnung mit dem alten Regime abzielen und gegen das Volk gerichtet sind, muss mit entschiedenem Protest und Gegenma&#223;nahmen begegnet werden.”<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den Betrieben selbst stellte das Konzept der „ArbeiterInnenkontrolle“ (<em>kontrol</em>) das strategische Pendant zu dieser Politik gegen&#252;ber der Regierung dar. „Kontrolle“ bedeutete hier nicht die direkte Organisation der Produktion durch die Fabrikskomitees sondern beschr&#228;nkte sich zun&#228;chst auf die &#220;berwachung des Managements durch VertreterInnen der Besch&#228;ftigten – ganz im Sinn einer „konstitutionellen Fabrik“, </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE"> als „Doppelherrschaft im Betrieb“<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dem entsprach, dass im Fr&#252;hjahr mehrheitlich Mitglieder der moderaten sozialistischen Parteien, der Menschewiki und der Sozialrevolution&#228;re, in die Sowjets gew&#228;hlt wurden. Ihr Standpunkt war, dass der Kapitalismus in Russland noch eine historische Funktion zu erf&#252;llen habe. Das bedeutete praktisch, auf alles zu verzichten, was die liberale Bourgeoisie (wie 1905) verschrecken k&#246;nnte. Die Revolution k&#246;nne nur erfolgreich sein, „so lange sie innerhalb der Grenzen bleibt, die von den objektiven Notwendigkeiten vorgegeben sind (dem Stand der Produktivkr&#228;fte, dem dazu passenden Bewusstseinsniveau der Volksmassen usw.). Man k&#246;nnte der Reaktion keinen besseren Dienst erweisen, als diese Grenzen zu missachten und sie umgehen zu wollen“, schrieb die menschewistische Zeitung </span><em>Rabochaia gazeta</em></p>
<p><span lang="DE">.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Die Rolle der Sowjets sollte sich deshalb auf die „Kontrolle“ der Regierung beschr&#228;nken.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch die radikalste Organisation der sozialistischen Linken, die Bolschewiki, war in der Frage der Position gegen&#252;ber der Provisorischen Regierung gespalten. Erst auf der Parteikonferenz im April wurde, nach intensiven Debatten, ein Thesenpapier Lenins („Aprilthesen“) mit knapper Mehrheit angenommen, das die Eckpunkte der strategischen Orientierung f&#252;r die kommenden Monate umriss: keine Unterst&#252;tzung f&#252;r die Provisorische Regierung, Ende des imperialistischen Kriegs, alle Macht den R&#228;ten. Die Programmatik dieser Slogans war indes nicht allein Produkt der theoretischen Analyse der politischen Situation, sondern mindestens ebensosehr einem offenen Ohr f&#252;r die Forderungen der ArbeiterInnenbewegung geschuldet: „sie entsprachen den tiefsten Hoffnungen der radikalsten Teile des Petrograder Proletariats – der gelernten Metallarbeiter der Bezirke Vyborg und in geringerem Ausma&#223; auch der Insel Vasilevskii.“ So hei&#223;t es z.B. in einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Puzyrev und Ekval Fabriken im April:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Regierung kann und will die Anliegen des gesamten arbeitenden Volkes nicht vertreten, deshalb fordern wir ihre sofortige Aufl&#246;sung und die Gefangennahme ihrer Mitglieder, um ihrem Angriff auf die Freiheit zu entgegnen. Wir sind der Meinung, dass die Macht allein dem Volk geh&#246;ren darf, d.h. dem Sowjet der ArbeiterInnen und SoldatInnendeputierten als einziger Institution, die das Vertrauen der Menschen genie&#223;t.”<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im April waren solche Auffassungen freilich noch eine Minderheitenposition. Aufgabe der fortschrittlichsten Kr&#228;fte der Bewegung sei demnach, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren und zu &#252;berzeugen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Ich schreibe, lese vor, erkl&#228;re des langen und breiten: ‚Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind die </span><em>einzig m&#246;gliche </em></p>
<p><span lang="DE">Form der revolution&#228;ren Regierung, und daher kann unsere Aufgabe nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bed&#252;rfnissen der Massen angepa&#223;ter </span><em>Aufkl&#228;rung</em></p>
<p><span lang="DE"> &#252;ber die Fehler ihrer Taktik bestehen…’“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Aprilkrise<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den wenigen Monaten ihrer Arbeit zeigte sich, dass die Provisorische Regierung ihre Autorit&#228;t, die sie im Februar und M&#228;rz genoss, nicht zu stabilisieren vermochte. Sie versprach, den Krieg zu beenden, brach aber nicht mit den Alliierten. Sie versprach den Bauern Land, war aber entscheidungsunf&#228;hig. Sie versprach die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, fixierte aber nie einen Termin, aus Angst, deren Zusammensetzung k&#246;nnte zu radikal ausfallen. „Sie konnte bei den ArbeiterInnen genausowenig Vertrauen aufbauen, wie sie ihnen Lebensmittel und Respekt verschaffen oder die Betriebe demokratisieren konnte. … Folge war, dass die aufkommende Parole ‚Brot, Frieden, Land’ stellvertretend f&#252;r all das stand, was die Provisorische Regierung nicht liefern konnte.“<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die erste Provisorische Regierung hielt sich dann auch nicht l&#228;nger als bis April. Unmittelbarer Ausl&#246;ser ihres Sturzes war ein geheimes Memorandum von Au&#223;enminister Miliukov an Russlands Kriegsverb&#252;ndete, das diesen versicherte, die neue Regierung w&#252;rde die Kriegsziele des Zarismus vollinhaltlich &#252;bernehmen. Als dieses am 20. April &#246;ffentlich wurde, erzwangen Massenproteste den R&#252;cktritt von Miliukov und Guchkov. An der Front abgehaltene SoldatInnenkongresse sprachen sich f&#252;r einen „demokratischen Frieden ohne Annexionen“ aus und forderten die st&#228;rkere Kontrolle der Regierung durch die Sowjets. Die Zusammensetzung eines neuen Kabinetts reflektierte diese Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse: die Regierung inkludierte nun neben zehn „kapitalistischen Ministern“ sechs aus den Reihen der Menschewiki und Sozialrevolution&#228;re.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Klasse:<em> Making of<o></o></em></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich markierte die Aprilkrise den Einbruch der &#246;konomischen Situation. Akute Produktionsengp&#228;sse, die prek&#228;re Situation der Lebensmittelversorgung und dramatisch fallende Reall&#246;hne wurden noch versch&#228;rft durch die L&#228;hmung des Transportsystems. Hinzu kam die erneute Kriegsoffensive der Koalitionsregierung ab Juni.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im M&#228;rz und Arpil schien es f&#252;r die Unternehmer noch m&#246;glich, „geordnete“ Verh&#228;ltnisse in den Betrieben durch Anerkennung von Gewerkschaften und materielle Zugest&#228;ndnisse wieder herstellen zu k&#246;nnen. Tats&#228;chlich konnten Fabrikskomitees und Sowjets in den ersten drei Monaten der Revolution Lohnerh&#246;hungen um durchschnittlich f&#252;nfzig Prozent, einen Mindestlohn sowie die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags durchsetzen. All das waren Forderungen, die in der Vorkriegszeit bitter umk&#228;mpft gewesen waren, nun aber wurden sie „mit erstaunlicher Leichtigkeit erreicht, und die vers&#246;hnliche Haltung der Industriellen … schien weitere Zugest&#228;ndnisse zu erm&#246;glichen.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Sp&#228;testens seit Mai unterlief nun die wirtschaftliche Krise zunehmend die Kompromissstrategie der Unternehmer und die Bourgeoisie schwenkte auf Konfrontationskurs. Der erwartete disziplinierende Effekt von Fabriksschlie&#223;ungen und steigender Arbeitslosigkeit blieb dennoch aus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Vielmehr waren ArbeiterInnen mehr und mehr davon &#252;berzeugt, dass die Unternehmer die Krise bewusst versch&#228;rften, um das Proletariat „zur Vernunft“ zu bringen. „Zum Beispiel, wenn das Management die Schlie&#223;ung einer Fabrik ank&#252;ndigte, weil es nicht gen&#252;gend Treibstoff gab, zog eine ArbeiterInnendelegation los und fand in den Lagerh&#228;user noch ausreichende Reserven.”<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Es waren solche spezifischen Erfahrungen, die tausenden allt&#228;glichen K&#228;mpfe, die den Prozess der Politisierung bef&#246;rderten. „Diese Muster der Mobilisierung … trugen zur Formierung einer geschlossenen ArbeiterInnenklasse in Russland bei, die sich ihrer kollektiven Position in der gesellschaftlichen Ordnung bewusst war. Jeder Streik, ob selbst erlebt, oder durch die Presse erfahren, trug zu diesem Gef&#252;hl des Zusammenhalts bei.”<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Im Sommer wurde der Diskurs der Demokratie, der durch die Februarrevolution angesto&#223;en wurde, durch einen Diskurs der Klasse ersetzt, eine Verschiebung, die durch die vermehrte Verwendung des Wortes ‚Genosse’ statt ‚B&#252;rger’ als beliebter Anrede symbolisiert wurde.“<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Durch unz&#228;hlige Flugbl&#228;tter, Zeitungen, Ansprachen, Streiks, Demonstrationen, lokale ParteikaderInnen verbreitet wurde „Klasse“ zum wichtigsten organisierenden Prinzip der Selbst- und Weltwahrnehmung der ArbeiterInnen und &#252;berformte zunehmend regionale, ethnische, genderspezifische, auf Berufsgruppe oder Fabrik bezogene Identit&#228;ten. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleichzeitigkeiten der Radikalisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wirtschaftliche Situation erforderte auch eine Redefinition von </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE">. Je prek&#228;rer die Lage, je deutlicher die Sabotagestrategie der Unternehmer erfahren wurde, desto st&#228;rker &#252;bersetzte sich das Misstrauen der ArbeiterInnen gegen&#252;ber dem Fabriksmanagement in K&#228;mpfe um die Ausweitung proletarischer Kontrolle in den Betrieben. W&#228;hrend bislang die allermeisten Streiks Lohnk&#228;mpfe gewesen waren h&#228;uften sich nun Streiks um ArbeiterInnenkontrolle. Diese Verschiebung ist von entscheidender Bedeutung: Streiks um Lohn u.&#228;. k&#246;nnen als Teil eines normalen Verhandlungsprozesses zwischen Kapital und Arbeit verstanden werden; Konflikte &#252;ber die Kontrolle der Bedingungen des Produktionsprozesses ber&#252;hren grundlegendere Fragen der Macht. Die Abnahme von Streiks im Herbst kann demnach als Ausdruck davon gelesen werden, dass signifikante Teile der ArbeiterInnenklasse verstanden hatten, dass dieser Kampf nicht in den einzelnen Betrieben gewonnen werden konnte, sondern allein in der politischen Arena.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Die Macht&#252;bernahme der Sowjets erschien als notwendige Voraussetzung, um dauerhaft Formen proletarischer Selbstverwaltung in den Betrieben sichern zu k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In diesem Sinn ist es bezeichnend, dass gerade jene Betriebe, die am fr&#252;hesten f&#252;r die Macht&#252;bernehme der Sowjets stimmten, auch jene waren, in denen die Ausweitung der Formen der ArbeiterInnenkontrolle am konsequentesten vorangetrieben wurde. Die ungleichm&#228;&#223;ige Entwicklung des Proletariats findet hier ihren Ausdruck in den Ungleichzeitigkeiten der politischen Radikalisierung. Die ersten, die sich f&#252;r eine Macht&#252;bernahme der Sowjets aussprachen waren meist die ArbeiterInnen der Metallindustrie, etwa im Petrograder Bezirk Vyborg, der schon seit langem eine bolschewistische Bastion gewesen war. Allgemein waren jene Abteilungen die politisch radikalsten, in denen gut ausgebildete, stark organisierte und bereits vor 1917 politisch aktive ArbeiterInnen besch&#228;ftigt waren, w&#228;hrend jene Abteilungen mit &#252;berwiegend frisch zugezogenen b&#228;uerlichen ArbeiterInnen radikaler in &#246;konomischen Forderungen auftraten<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a>, in politischen Fragen jedoch meist moderater waren.<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a> Selbiges gilt auch f&#252;r die ungelernten Arbeiterinnen der Textilindustrie, die etwa in der Moskauer Region dominierten.</span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ungleichzeitigkeiten der politischen Entwicklung k&#246;nnen auch an der Zusammensetzung der Sowjets abgelesen werden. W&#228;hrend sich etwa die erste Konferenz der Petrograder Fabrikskomitees Ende Mai und der Petrograder Sowjet bereits im Juni f&#252;r die proletarische Macht&#252;bernahme aussprachen, stellten beim ersten Gesamtrussischen Kongress der Sowjets im selben Monat die moderaten sozialistischen Parteien, die an der Koalitionsregierung festhielten, 71,5 Prozent der Delegierten, die Bolschewiki nur 13 Prozent. Die ArbeiterInnenversammlung der Petrograder Maschinenfabrik Optico hatte bereits Ende April eine Resolution verabschiedet, die festhielt:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Provisorische Regierung vertritt nicht die Bev&#246;lkerung Russlands. Als Repr&#228;sentanten eines Haufens Kapitalisten und Grundbesitzer …, die die durch das Volk gewonnene Macht an sich gerissen haben, haben Miliukov und Co. sich selbst entlarvt. Wir erkl&#228;ren, dass wir kein Blut f&#252;r Miliukov und Co. vergie&#223;en wollen. … Deshalb halten wir fest, dass Miliukov, Gutchkov und Co. nicht ihrem Auftrag entsprechen und erkennen die Sowjets als einzige Macht im Land an, die wir mit unseren Leben verteidigen werden.”<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich beschloss eine Versammlung der Leont’ev Textilfabrik:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Wir unterst&#252;tzen vollinhaltlich die Taktik der Sowjets, die die Einheit der Revolution bewahren m&#246;chte und sich jedem Versuch, die revolution&#228;ren Kr&#228;fte zu spalten, widersetzt. Die Versammlung lehnt die anarchistischen Aufrufe Lenins, die Staatsmacht zu &#252;bernehmen, die nur zum B&#252;rgerkrieg f&#252;hren k&#246;nnen, ab.”<a href="#anm1" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Paradox der Julitage<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Explosivit&#228;t der sozialen und politischen Polarisierung in Petrograd entlud sich erstmals in den Sommermonaten. Nachdem bereits am 18. Juni mehrere hunderttausend DemonstrantInnen den R&#252;cktritt der „zehn kapitalistischen Minister“ aus der Provisorischen Regierung gefordert hatten, probten Anfang Juli ArbeiterInnen und SoldatInnen den bewaffneten Aufstand, der die Macht&#252;bernahme der Sowjets erzwingen sollte. Alexander Rabinowitch schildert jene vielzitierte Szene der Julitage, als Matrosen Landwirtschaftsminister Chernov (Sozialrevolution&#228;r) umzingelten und aufforderten: „Nimm die Macht, du Hundesohn, wenn man sie dir gibt!“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Dieser freilich dachte nicht im Entferntesten daran.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die politische Ambivalenz, die hier zum Ausdruck kommt, wird besonders deutlich in einer Rede von vier ArbeiterInnen, die als Delegierte von 54 Fabriken beim Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee der Sowjets vorsprachen:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Es ist eigenartig, im Aufruf des Zentralen Exekutivkomitees zu lessen: ArbeiterInnen und SoldatInnen werden Konterrevlution&#228;rInnen genannt. Unsere Forderung – die allgemeine Forderung der ArbeiterInnen – ist ‚Alle Macht den Sowjets der ArbeiterInnen- und SoldatInnendeputierten’. … Wir fordern den R&#252;cktritt der zehn kapitalistischen Minister. </span><em>Wir vertrauen dem Sowjet, aber nicht jenen, den der Sowjet vertraut.</em></p>
<p><span lang="DE"> Unsere Genossen, die sozialistischen Minister, sind eine Vereinbarung mit den Kapitalisten eingegangen, doch diese Kapitalisten sind unsere Todfeinde. … Das Land muss sofort den Bauern gegeben werden! Die Kontrolle der Produktion muss sofort eingesetzt werden! Wir fordern einen Kampf gegen die Hungersnot, die uns bedroht!”<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der kursivierte Satz fasst jenen Widerspruch zusammen, den David Mandel das „Paradox der Julitage“ genannt hat: die demonstrierenden ArbeiterInnen glaubten, das Exekutivkomitee k&#246;nne von der Macht&#252;bernahme &#252;berzeugt werden, aber die moderaten sozialistischen Parteien, die das Exekutivkomitee dominierten, waren eher bereit, populare Unterst&#252;tzung zu verlieren, als die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie in der Provisorischen Regierung aufzugeben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Polarisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Julikrise endete nicht mit der Macht&#252;bernahme der Sowjets, sondern mit der milit&#228;rischen Niederschlagung der Bewegung und einem scharfen Rechtsruck der Regierung. Die Instabilit&#228;t der Doppelherrschaft war jedoch f&#252;r alle nur allzu deutlich geworden. Die politischen Optionen schienen sich mehr und mehr auf die Alternative proletarischer Umsturz oder rechter Milit&#228;rputsch einzuengen. Die Kadetten hatten unterdessen l&#228;ngst komplett auf B&#252;rgerkriegsmentalit&#228;t geschaltet:<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> „Lenin oder Kornilov“, formulierte Miliukov.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Kornilov war jener General, der von der Provisorischen Regierung zum Oberkommandanten der Armee ernannt worden war, und Hoffnung der B&#252;rgerlichen, die „Ordnung“ in Armee und Fabriken wiederherzustellen. Als sein Versuch, Ende August gewaltsam eine Entscheidung herbeizuf&#252;hren nicht nur an der schlechten Vorbereitung des </span><em>coups</em></p>
<p><span lang="DE">, sondern auch am bewaffneten Widerstand der ArbeiterInnen und SoldatInnen scheiterte, verlor die Regierung endg&#252;ltig den letzten Rest politischer Glaubw&#252;rdigkeit. Dennoch hatte der Kornilov-Putsch allen vor Augen gef&#252;hrt, welches Szenario drohte, wenn nicht bald gehandelt w&#252;rde: ein erfolgreicher Milit&#228;rputsch der Rechten h&#228;tte mit Sicherheit auch alle Fortschritte der Februarrevolution zunichte gemacht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Kunst revolution&#228;rer Politik besteht darin, den kritischen Moment zu erkennen, in dem sich Widerspr&#252;che verdichten und strategische M&#246;glichkeiten er&#246;ffnen. Der Herbst 1917 bezeichnet eine solche &#214;ffnung. “Die Geschichte wird uns nicht vergeben, wenn wir jetzt nicht die Macht ergreifen“, wiederholte Lenin.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Am 31. August verabschiedete der Petrograder Sowjet die von den bolschewistischen Delegierten eingebrachte Resolution „zur Machtfrage“, die Moskauer Sowjets folgten am 5. September, und bis Mitte des Monats hatten achtzig weitere Sowjets in gr&#246;&#223;eren St&#228;dten den Aufruf unterst&#252;tzt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Revolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Oktoberrevolution selbst verlief dann eigentlich relativ unspektakul&#228;r. Am 6. Oktober k&#252;ndigte die Regierung an, die halbe Petrograder Garnison aus der Hauptstadt abzuziehen. Der Sowjet interpretierte das zurecht als Versuch, eine der radikalsten Kr&#228;fte aus der Stadt zu entfernen und gr&#252;ndete am 9. Oktober ein Milit&#228;risches Revolutionskomitee (MRK), das diesen Transfer verhindern sollte. Gleichzeitig hatte das am ersten Gesamtrussischen Sowjetkongress gew&#228;hlte, mehrheitlich aus Menschewiki und Sozialrevolution&#228;ren zusammengesetzte Exekutivkomitee den f&#252;r 20. Oktober angesetzten zweiten Kongress auf 25. Oktober verschoben, „offensichtlich um Kerenskii [dem Regierungschef] Zeit zu geben, einen Pr&#228;ventivschlag gegen die Bolschewiki vorzubereiten.“<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> Als die Regierung am 20. Oktober die Truppenverlegung durchzusetzen versuchte, ordnete das MRK an, sich dem Befehl zu widersetzen. Kerenskiis Versuch, in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober die bolschewistische Druckerei zu schlie&#223;en war schlie&#223;lich der Z&#252;ndfunke f&#252;r den Aufstand. SoldatInnen und Rotgardisten besetzten die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt, milit&#228;rischen Widerstand gab es nur vereinzelt. Der allergr&#246;&#223;te Teil der Truppen stand auf der richtigen Seite der Barrikaden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die entscheidende Rolle im Aufstand hatten die betrieblichen ArbeiterInnenmilizen gespielt, die bereits im August bei der Verteidigung Petrograds gegen Kornilov wichtig gewesen waren. Auch wenn die Tatsache schlecht ins vorherrschende Bild der Oktoberrevolution passt, die die proletarische Macht&#252;bernahme gemeinhin als sorgf&#228;ltig geplantes Man&#246;ver des MRK pr&#228;sentiert, muss auch f&#252;r den Umsturz selbst die spontane Dimension st&#228;rker als bisher hervorgehoben werden. „die Mobilisierung der Roten Garden und ihr Anteil am verworrenen Kampf um die Kontrolle der Schl&#252;sselstellen der Stadt am 24.-25. Oktober schien gr&#246;&#223;tenteils direkt aus lokaler Initiative zu kommen, von einzelnen Einheiten in den Fabriken oder Bezirken, die auf die neuesten Nachrichten und Ereignisse reagierten. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass das Milit&#228;rische Revolutionskomitee oder der Generalstab der Roten Garden eine signifikante Rolle in der Mobilisierung oder F&#252;hrung der Aktionen der Roten Garden spielte, obwohl diese eine zentrale, vielleicht entscheidende Rolle im Kampf um Sowjetmacht und den Erfolg dessen, was heute als ‚Oktoberrevolution’ bekannt ist, innehatten.“<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Die „Befreiung der ArbeiterInnenklasse“ war tats&#228;chlich, wie Marx gefordert hatte, das „Werk der ArbeiterInnenklasse selbst“ gewesen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Zukunft lag nun in den H&#228;nden der Sowjets der ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Genossen! Werkt&#228;tige! Denkt daran, dass </span><em>ihr selber</em></p>
<p><span lang="DE"> jetzt den Staat verwaltet. Niemand wird euch helfen, wenn ihr euch nicht selber vereinigt und nicht </span><em>alle Angelegenheiten</em></p>
<p><span lang="DE"> des Staates in </span><em>eure</em></p>
<p><span lang="DE"> H&#228;nde nehmt. </span><em>Eure</em></p>
<p><span lang="DE"> Sowjets sind von nun an die Organe der Staatsgewalt, bevollm&#228;chtigte, beschlie&#223;ende Organe.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Schlie&#223;t euch um eure Sowjets zusammen. St&#228;rkt sie. Ohne auf jemand zu warten, geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Soziale und politische Determinanten<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als zentrale Problemstellung einer „strategischen Geschichte“ der Russischen Revolution bleibt die Frage, wie das Verh&#228;ltnis von sozialer Dynamik und organisierter politischer Intervention zwischen Februar und Oktober 1917 gedacht werden kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialgeschichtliche Interpretation der 1970er und 1980er hatte die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen in den Betrieben ins Zentrum ger&#252;ckt. Die „Logik“ der K&#228;mpfe um materielle Bed&#252;rfnisse und praktische Interessen habe, im Kontext der &#246;konomischen Krise, einen Prozess politischer Organisierung und Radikalisierung bef&#246;rdert, der in der Ann&#228;herung der Mehrheit an bolschewistische Positionen kulminierte. Diese Interpretation hat die davor vertretene politik- und ideengeschichtliche Ansicht (die neu verpackt auch von aktuellen diskursgeschichtlichen Ans&#228;tzen vertreten wird) vom Thron gesto&#223;en, die behauptete, dass den ArbeiterInnen Organisationsformen und revolution&#228;re Ideen nur von au&#223;en, durch autonom organisierte Parteiintellektuelle, zugeflossen w&#228;ren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Hauptverdienst der sozialgeschichtlichen Interpretation liegt darin, aufgezeigt zu haben, dass die „&#246;konomischen“ betrieblichen K&#228;mpfe selbst weitreichendere politische Fragen aufgeworfen haben und politisierend wirkten. Problematisch wird diese Erz&#228;hlung jedoch, wenn behauptet wird, dass sich die spontane Dynamik der Arbeitsk&#228;mpfe 1917 automatisch in angemessene politische Antworten &#252;bersetzt h&#228;tte.<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a> Indem die sozialgeschichtliche Interpretation das Politische auf eine den betrieblichen K&#228;mpfen inh&#228;rente Dynamik reduziert, wird die relative Autonomie organisierter politischer Konkurrenz um angemessene Antworten auf die in den K&#228;mpfen aufgeworfenen Probleme eingeebnet, geraten politische </span><em>Alternativen</em></p>
<p><span lang="DE"> aus dem Blick. Die politisch-ideologische Heterogenit&#228;t l&#246;st sich durch die „Logik der K&#228;mpfe“ selbst in einer Quasi-Teleologie eines „Bolschewismus von unten“ auf. Wenn die Erfahrungen des Klassenkampfs aus sich heraus schon selbstevidente politische L&#246;sungen nahelegten, so verschwindet die Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit des politischen Radikalisierungsprozesses hinter der angeblichen Unilinearit&#228;t kumulativer Entwicklung. Politische Parteien und Programme, die „hohe Politik“, erscheinen hier als Sph&#228;re, die den unmittelbaren materiellen Anliegen der ArbeiterInnenbewegung rein &#228;u&#223;erlich gegen&#252;bersteht, sodass sich die Ann&#228;herung der Mehrheit der ArbeiterInnen an die bolschewistische Forderung der Machtergreifung der Sowjets auf ein zuf&#228;lliges Produkt einer tempor&#228;ren Interessenskonvergenz reduziert. Der paradoxe Effekt dieser Methode ist, wie John Eric Marot bemerkt, “eine Ann&#228;herung an die politikgeschichtliche Tradition, die sie eigentlich &#252;berwinden wollten.”<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> W&#228;hrend die alte Politikgeschichte das politische Moment der K&#228;mpfe </span><em>au&#223;erhalb</em><span lang="DE"> der ArbeiterInnenbewegung verortete (die „Intelligenz“), hebt die Sozialgeschichtsschreibung die </span><em>relative Autonomie</em><span lang="DE"> des Politischen in den betrieblichen K&#228;mpfen selbst auf, wird die mediatisierende Funktion organisierter politischer Intervention im Klassenkampf ignoriert. Die Zeit des Klassenkampfs erscheint so als lineare Zeit, bereinigt von Br&#252;chen, Kontingenzen, Entscheidungen und Alternativen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich entwickelten sich die K&#228;mpfe in den Fabriken zun&#228;chst relativ unabh&#228;ngig von Parteien und innerhalb der bestehenden Eigentumsverh&#228;ltnisse. Die Frage ist, wie der Prozess interpretiert wird, in dem sich die ArbeiterInnenbewegung &#252;ber diese begrenzten Perspektiven hinausbewegte. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">ArbeiterInnen wurden sich ihrer unmittelbaren Interessen und ihrer Klassenidentit&#228;t in den unz&#228;hligen spontanen K&#228;mpfen in den Betrieben bewusst. Es waren die den Klassenverh&#228;ltnissen am Arbeitsplatz inh&#228;renten K&#228;mpfe um Lohn, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, die Klassensolidarit&#228;t bef&#246;rderten, nicht parteipolitische Slogans und Programme. Dennoch: „Die Signifikanz weitreichenderer und komplexerer politischer Ideen … kann nicht auf diesem Abstraktionsniveau verstanden werden.“<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Die Tatsache, dass sich die Fabrikskomitees nicht zu Institutionen eines korporatistischen Arbeitsregimes entwickelten, kann nicht allein auf die Zuspitzung der &#246;konomischen Situation reduziert werden kann. Die unmittelbaren Erfahrungen der K&#228;mpfe waren nicht die </span><em>alleinige</em><span lang="DE"> Quelle eines politischen Lernprozesses, denn „Erfahrung“ ist nicht selbst-transparent und selbst-evident – schon Gramsci betonte die spontane Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands.<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Spezifizierung unterschiedlicher L&#246;sungsstrategien verweist jedoch auf die Arena ideologischer Auseinandersetzung, die von konkurrierenden Parteiprogrammen gepr&#228;gt war. Wenn Politik, in Lenins Formulierung, als „konzentrierte &#214;konomie“ begriffen wird, so bedeutet diese Konzentration eine qualitative Ver&#228;nderung, in der politische Optionen nicht einfach aus der &#214;konomie abgeleitet werden k&#246;nnen. Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Beide Parteien waren sich darin einig, dass die ArbeiterInnen ihre Probleme nicht allein durch betriebliche K&#228;mpfe l&#246;sen k&#246;nnten, was durch das Versagen enger, betrieblicher, „syndikalistischer“ Taktiken deutlich geworden war. Dar&#252;ber hinaus gab es aber keine strategischen Ber&#252;hrungspunkte, weder in der Erkl&#228;rung der Ursachen, noch in der Formulierung politischer Ziele.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Menschewiki reagierten auf die Probleme der Streikbewegung mit dem Appell, weitere Streikaktionen ein- und „unverantwortliche, unrealistische“ Forderungen zur&#252;ckzustellen. In wichtigen Bereichen sollten die Fabrikskomitees auf Einflussnahme verzichten, um die Investitionsbereitschaft der Unternehmer wiederherzustellen.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bolschewiki hingegen argumentierten, dass die Forderungen der ArbeiterInnen sehr wohl berechtigt waren. „Das Versagen des Managements, die Anspr&#252;che der ArbeiterInnen in entscheidenden Punkten zu erf&#252;llen, war f&#252;r sie Grund genug, dass die ArbeiterInnen selbst ihre Interessen durch eine Macht&#252;bernahme der Sowjets als legitime Methode zur Verhinderung des wirtschaftlichen Zusammenbruches, realisieren sollten.“<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Da die meisten ArbeiterInnen die Forderung nach Sowjetmacht zun&#228;chst nicht mit ihren (materiellen) Bed&#252;rfnissen und Interessen verkn&#252;pften konzentrierten sich die bolschewistischen ArbeiterInnen darauf, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren: in den Streiks, Fabriksversammlungen, Fabrikskomitees, Gewerkschaften, Sowjets.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der politische Diskussionsprozess war den betrieblichen Auseinandersetzungen demnach nicht &#228;u&#223;erlich, sondern organisch in den K&#228;mpfen verwurzelt. Dementsprechend war auch die bolschewistische Partei keine Organisation autonomer Intellektueller, die den ArbeiterInnen „von au&#223;en“ „Bewusstsein“ einfl&#246;&#223;ten (Lukács), sondern ein Netzwerk „organischer Intellektueller“ (Gramsci), die als organisierte politische Str&#246;mung in diese Debatten intervenierten. Der Mythos der bolschewistischen Partei als Organisation der von der Klasse getrennten </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> ist l&#228;ngst auch durch quantitative Studien widerlegt.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> William Chase und Arch Getty haben in ihrer prosopographischen Studie der Mitglieder der Moskauer Bolschewiki festgetellt, dass die Partei, auch wenn sie bis 1905 &#252;berwiegend von der </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> dominiert war, „ihre soziale Zusammensetzung [nach 1905] so radikal ver&#228;nderte, dass die Bolschewiki 1917 ehrlicherweise behaupten konnten, einen Gro&#223;teil der arbeitenden Bev&#246;lkerung zu repr&#228;sentieren.“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> Das rasante Wachstum der Organisation<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> bedingte nat&#252;rlich auch innerhalb der bolschewistischen Partei intensive strategische Debatten. Aber weil die Bolschewiki organisch in der Bewegung verankert waren und eine Tradition scharfer innerer Auseinandersetzung hatten, konnten sie im Herbst klare Positionen formulieren.<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Degeneration<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Freilich markiert der Umsturz in Petrograd am 25. Oktober erst den Beginn und nicht das Ende der Revolution. Die Durchsetzung der revolution&#228;ren Transformation in anderen russischen St&#228;dten zog sich teilweise noch bis ins Fr&#252;hjahr 1918 und glitt nahtlos in den B&#252;rgerkrieg &#252;ber, der eigentlich bereits mit dem Kornilov-Putsch im August er&#246;ffnet war. Der Prozess der B&#252;rokratisierung im Laufe der 1920er Jahre, der schlie&#223;lich in der Etablierung einer staatskapitalistischen Diktatur im ersten F&#252;nf-Jahres-Plans kulminierte, kann hier nicht weiter diskutiert werden. Diese Geschichte bleibt einem Aufsatz in einer der n&#228;chsten Ausgaben von </span><em>Perspektiven</em></p>
<p><span lang="DE"> vorbehalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. Edward Acton: The Revolution and its Historians, in: ders. u.a. (Hg.): Critical companion to the Russian Revolution 1914-1921, Bloomington 1997, S. 3-17</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ronald Grigor Suny: Revising the old story. The 1917 revolution in light of new sources, in: Daniel H. Kaiser (Hg.): The Workers’ Revolution in Russia, 1917. The View from Below, Cambridge 1987, S. 1-19, hier S. 3</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Diane P. Koenker: Moscow in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 81-97, hier S. 86</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Richard Pipes, nicht zuf&#228;llig ehemaliges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat der US-Regierung, oder Martin Malia.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Am deutlichsten bei Orlando Figes oder Robert Service. Der R&#252;ckzug vieler SozialhistorikerInnen hat auch mit der Inkonsequenz ihrer Ablehnung der Kontinuit&#228;tsthese zu tun, da sie die stalinisierte UdSSR immer noch als, wenn auch b&#252;rokratisierte, Erbin der Revolution von 1917 begriffen. (vgl. Mike Haynes: Social history and the Russian Revolution, in: John Rees (Hg.): Essays on Historical Materialism, London 1998, S. 57-80)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Mike Haynes (Russia. Class and Power 1917-2000, London 2002, S. 22) sch&#228;tzt die ArbeiterInnenklasse im weitesten Sinn 1914 auf 15-20 Prozent der Bev&#246;lkerung.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> In den USA ca. ein Drittel, in Europa noch weniger. 1914 waren in den Putilov-Werken, dem gr&#246;&#223;ten Metallbetrieb Petrograds, 13.000, 1917 sogar 30.000 Menschen besch&#228;ftigt. Die starke Konzentration der ArbeiterInnenklasse mag mit den niedrigen L&#246;hnen russischer ArbeiterInnen erkl&#228;rt werden, die die arbeitsintensive Substitution teurer Maschinen beg&#252;nstigte, ebenso wie mit der Knappheit von gut ausgebildetem technischen und Verwaltungspersonal.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. Bd. 1. Februarrevolution, Frankfurt am Main 1973, S. 390</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> James H. Bater: St. Petersburg and Moscow on the eve of revolution, in: Kaiser, a.a.O., S. 20-57</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Trotzkis Konzept geht davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Ru&#223;land nicht als autonomer Prozess verstanden werden kann, sondern sich im Kontext der Integration der russischen Wirtschaft in die globale kapitalistische &#214;konomie vollzog. Daraus erkl&#228;ren sich die charakteristischen Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung, sowohl geographisch, sektoral als auch sozial: unterschiedliche Regionen des Landes, Wirtschaftsbereiche und Klassen(fraktionen) entwickelten sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zugleich interagierten moderne und traditionale, dynamische und statische Entwicklungsformen und kombinierten sich, in Trotzkis Worten, zu einem „Amalgam archaischer und neuzeitlicher Formen“ (Trotzki, a.a.O, S. 19). Beispiel: der geringe Kapitalisierungsgrad der russischen Landwirtschaft beschr&#228;nkte die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Maschinen und chemischen D&#252;ngemitteln. Vorm Hintergrund der Konkurrenz ausl&#228;ndischen Kapitals forcierten die russischen Industriellen in diesen Sektoren eine Politik der Schutzz&#246;lle und monopolistischen Praktiken, die Preise hoch hielt und so die R&#252;ckst&#228;ndigkeit der Landwirtschaft noch verst&#228;rkte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Leopold H. Haimson: “The Problem of Political and Social Stability in Urban Russia on the Eve of War and Revolution” Revisited, in: <em>Slavic Review</em> 59 (2000), S. 848-875</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Zum russischen Liberalismus vgl. Mike Haynes: Was there a parliamentary alternative in Russia in 1917?, in: <em>International Socialism</em> 76 (1997), S. 3-66; Mike Haynes: Liberals, Jacobins and Grey Masses in 1917, in: ders./Jim Wolfreys (Hg.): History and Revolution. Refuting Revisionism, London, New York 2007, S. 93-117. Zur Revolution 1905 vgl. z.B. die Beitr&#228;ge in <em>Revolutionary History</em> 9:1 (2005)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem westlichen gregorianischen Kalender lag und bis Anfang 1918 in Russland galt.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Steve A. Smith: Petrograd in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 59-79, hier S. 61</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 16</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Steve A. Smith: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, S. 6</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Reed, John: Ten Days that Shook the World, S. 40</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Romanov war der Name der Zaren-Dynastie, Rasputin ein einflussreicher Prediger, „Wunderheiler“ und Berater am Hof des Zaren.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Boris Ivanovich Kolonitskii: “Democracy” in the Political Consciousness of the February Revolution, in: <em>Slavic Review</em> 57 (1998), S. 95-106, hier S. 96. Ein verwundeter russischer Soldat stellte etwa den Antrag, seinen Namen von „Romanov“ in „Demokratov“ zu &#228;ndern.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Haynes: Alternative, a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Insgesamt entstanden 1917 in ganz Russland 2.151 Fabrikskomitees, 687 davon in Betrieben mit mehr als 200 ArbeiterInnen. (Haynes: Russia, a.a.O., S. 24)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Dar&#252;ber hinaus organisierten die Fabrikskomitees auch die Lebensmittelversorgung in den Bezirken, Bildungs- und Kulturaktivit&#228;ten, Kampagnen gegen Alkoholmissbrauch usw.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95 Anm. 2</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Insgesamt gab es im April ca. 700, im Oktober 1.429 Sowjets (455 davon B&#228;uerInnensowjets). (Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 17) Der Petrograder Sowjet alleine umfasste 3.000 Delegierte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 25</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Zit. n. ebd., S. 27. Auf der anderen Seite schrieb Steklov, Redakteur der Zeitung des Petrograder Sowjets und Mitglied in der „Kontaktkommission“, die zwischen Sowjet und Regierung vermittelte: „Denkt daran, dass ihr, wenn wir es wollen, schlagartig nicht mehr existiert, da ihr keine unabh&#228;ngige Bedeutung und Autorit&#228;t besitzt.“ (zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 14) Au&#223;erhalb Petrograds war die Situation noch deutlicher: die lokalen Regierungsorgane, die „Komitees f&#252;r &#246;ffentliche Sicherheit“, waren von Beginn an von den Sowjets kontrolliert, teilweise sogar von diesen ins Leben gerufen worden. Ronald Suny kommt daher in seiner Studie &#252;ber die Revolution in Tiflis und Baku zum Schluss: „soviet power existed except in name“. (zit. n. Donald J. Raleigh: Political power in the Russian revolution. A case study of Saratov, in: Edith Rogovin Frankel u.a. (Hg.): Revolution in Russia. Reassessments of 1917, Cambridge 1992, S. 34-53, hier S. 43) In vielen Provinzst&#228;dten betrafen die eigentlichen Fragen politischer Macht daher weniger die Macht&#252;bernahme der Sowjets als die Debatten zwischen den politischen Kr&#228;ften innerhalb der Sowjets um deren Funktion und Aufgaben: als Kontrollorgane der b&#252;rgerlichen Regierung oder als institutionelle Form proletarischer Macht. (Ebd., S. 40)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Zit. n. Smith: Petrograd, S. 62<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Zit. n. ebd.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Zit. n. Haynes: Russia, a.a.O., S. 28. Nach 1989 haben einige Linke diese Argumentation, die im Wesentlichen schon von Kautsky und Plechanow formuliert worden waren, wieder aufgegriffen. (z.B. Eric Hobsbawm) Zur Kritik vgl. schon Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven (1906)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 66</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Wladimir I. Lenin: &#220;ber die Aufgaben des Proletariats in der gegenw&#228;rtigen Revolution, in: Werke. Bd. 24, Berlin <sup>4</sup>1974, S. 1-8, hier S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 29<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Suny: Revising, a.a.O., S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 91</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a> Diane P. Koenker/William G. Rosenberg: Strikes and Revolution in Russia, 1917, Princeton 1989, S. 328</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a> Smith: Revolution, a.a.O., S. 31<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 94</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a> Das mag auch damit zu tun haben, dass diese ArbeiterInnen von der ersten Runde der Lohnerh&#246;hungen im M&#228;rz und April nicht oder nur wenig profitiert hatten. Als sie nun im Sommer ihre Forderungen aufstellten waren die Fronten bereits verh&#228;rteter und der Widerstand der Industriellen sch&#228;rfer.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a> Steve A. Smith: Craft Consciousness, Class Consciousness: Petrograd 1917, in: <em>History Workshop Journal</em> 11 (1981), S. 33-58</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a> Zit. nach Derek Howl: The Russian Revolution, in: <em>International Socialism</em> 62 (1994), S. 129-146</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a> Zit. n. Alexander Rabinowitch: Prelude to Revolution. The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising, Bloomington 1991, S. 188</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 69; m. Hv.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a> William G. Rosenberg: Liberals in the Russian Revolution. The Constitutional Democratic Party, 1917-1921, Princeton 1974, S. 250</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a> Zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 30</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a> Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 35f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a> Rex A. Wade: The Red Guards. Spontaneity and the October Revolution, in: Frankel, a.a.O., S. 54-75, hier S. 66f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a> Wladimir I. Lenin: An die Bev&#246;lkerung, in: Werke. Bd. 26, Berlin 1961, S. 293-295, hier S. 294</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a> Zum Folgenden vgl. John Eric Marot: Class Conflict, Political Competition and Social Transformation. Critical Perspectives on the Social History of the Russian Revolution, in: <em>Revolutionary Russia</em> 7 (1994), S. 111-163. Vgl. auch die Repliken von Smith und Rosenberg auf Marots Aufsatz in <em>Revolutionary Russia</em> 8:1 (1995) und 9:1 (1996).<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a> Ebd., S. 113<br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a> Ebd., S. 117</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a> Vgl. den Artikel zu Gramsci in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a> Deutlich formuliert etwa in den Rundbriefen des menschewistischen Arbeitsministers Skobelev.<br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a> Marot, a.a.O., S. 120</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a> Alexander Rabinowitch hat in The Bolsheviks Come to Power, The Revolution of 1917 in Petrograd (London 2004 [1976]) auch &#252;berzeugend herausgearbeitet, dass die bolschewistische Partei 1917 eine lose strukturierte Organisation gewesen ist, in der das Zentralkomitee erstaunlich wenig Einfluss auf die Parteiorganisationen in der Provinz und in anderen St&#228;dten hatte. Dar&#252;berhinaus sei auch die vielbeschworene Parteidisziplin ein Mythos: in jeder entscheidenden Frage gab es scharfe Widerspr&#252;che und Auseinandersetzungen. „Die Partei war 1917 durch lebhafte Debatten, interne Demokratie und erhebliche Flexibilit&#228;t in ihrem Verh&#228;ltnis zu den Massen charakterisiert.” (Smith: Petrograd, a.a.O., S. 78)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a> William J. Chase/J. Arch Getty: The Moscow Bolshevik Cadres of 1917. A Prosopographic Analysis, in: <em>Russian History</em> 5 (1978), S. 84-105, hier 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a> Die Petrograder Parteiorganisation z&#228;hlte im Februar 2.000 Mitglieder, im April 16.000 und 32.000 Ende Juni: insgesamt waren in der bolschewistischen Partei in ganz Ru&#223;land im M&#228;rz 10.000 ArbeiterInnen organisiert, 400.000 im Oktober.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a> Der Kontrast zu den Menschewiki ist in diesem Zusammenhang instruktiv. Die moderaten sozialistischen Parteien erwiesen sich als unf&#228;hig, eigenst&#228;ndige theoretische und strategische Position zu formulieren, die die Dynamik der Ereignisse und den Charakter der Krise reflektierten. „Stattdessen blieben sie in einer Argumentation stecken, die sich nicht &#252;ber die Vorkriegszeit hinausbewegte.“ (Haynes: Alternative, a.a.O., S. 40) Die substitutionistische Konzeption, die b&#252;rgerlich-demokratische Revolution <em>anstatt</em> der Bourgeoisie vollenden zu m&#252;ssen, erwies sich sp&#228;testens in der polarisierten Situation im August als ungangbar und erzeugte enorme Spannungen innerhalb der Partei.</p>
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		<title>Welt&#246;ffnende Begriffe</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:50:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><span lang="DE">Benjamin Opratko</span></em><span lang="DE"> sprach mit <em>Ulrich Brand</em> &#252;ber dessen <em>ABC der Alternativen</em>.</span><span id="more-53"></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Ihr habt im ABC der Alternativen 126 Begriffe von 133 Autor-Innen versammelt – was war die Idee dahinter, so ein Buch zu machen, was ist der politische Einsatz dieses „ABC“s?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der erste Punkt ist, dass die Leute, die in dem Band schreiben, in sozialen Bewegungen als kritische Intellektuelle aktiv sind und wir in der Debatte um Kritik der Globalisierung bzw. Kritik der aktuellen Entwicklungen auf die Frage eingeben wollten: gibt es auch Alternativen? Ja, es werden aktiv Alternativen diskutiert, das wollten wir zeigen. Wir sind dann schnell drauf gekommen, dass das viel zu viel ist und haben uns darauf beschr&#228;nkt, perspektivierende Begriffe zu nehmen, die bestimmte Weltsichten &#246;ffnen. Wir haben also keine realen Bewegungen beschrieben wie die Zapatistas oder Attac, sondern gefragt: was sind alternative Weltsichten? Und das interessante daran ist, dass es uneindeutig ist, dass es ganz wenige eindeutige Begriffe gibt. Und je umfassender die Begriffe sind, umso uneindeutiger sind sie. Das ist Teil der K&#228;mpfe um Alternativen: Was hei&#223;t Kommunismus? Was hei&#223;t Sozialismus? Was hei&#223;t Marxismus? Was hei&#223;t Solidarit&#228;t? Was hei&#223;t Wirtschaftsdemokratie?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ein zweiter interessanter Punkt ist, dass das Denken von Alternativen durch eine Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse durch muss. Es gibt keine Blaupause, es wird nicht irgendwo etwas entwickelt, sondern es gibt immer – in den Stichworten nat&#252;rlich in aller gebotenen K&#252;rze – den deutlichen Bezug darauf, dass die herrschenden Verh&#228;ltnisse kritisiert werden. Das ist nicht eindeutig – eine Kritik etwa im Stichwort „Keynesianismus“ f&#228;llt anders aus als in „Kritik der politischen &#214;konomie“, aber das ist ein wichtiger Punkt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Drittens wird in vielen Stichworten deutlich, dass die Entwicklung von Alternativen durch Geschichte, durch linke Geschichte, durch Erfahrungen, durch Niederlagen hindurch gehen muss. Das scheint auf, auch wenn die Stichworte daf&#252;r zu kurz sind – aber das ist ein wichtiger Punkt. Wir argumentieren nicht ahistorisch, sondern zeigen bei Begriffen wie Trotzkismus oder Marxismus, wie sie historisch verwendet wurden und wie sie auch Teil von politischen, mitunter folgenschweren Irrt&#252;mern und Niederlagen sind – das m&#252;ssen wir uns ja eingestehen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Und als letzten Punkt: deutlich werden die Vielf&#228;ltigkeit und Relevanz von Theorie, das hei&#223;t die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven. Beispielsweise wird klar, wenn man John Holloway, Margit Mayer, Joachim Hirsch, Christa Wichterich, Karl Heinz Roth, J&#246;rg Huffschmid nebeneinander legt, um nur ein paar zu nennen, dass es da gro&#223;e Unterschiede gibt, eben unterschiedliche politische Vorstellungen: Was hei&#223;t Ver&#228;nderung, etwa in Bezug auf Staat und die herrschenden Verh&#228;ltnisse?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Die zweite Frage hast du damit fast vorweg genommen, n&#228;mlich jene nach den Auswahlkriterien f&#252;r Begriffe und Autor-Innen. Schlie&#223;lich besteht bei einem solchen Projekt die Gefahr, Begriffe, die wie du sagst einem geschichtlichen Wandel unterliegen, festzuschreiben durch Personen, die nat&#252;rlich auch ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Positionen einbringen. Es gibt im ABC Begriffe, die eher affirmativ beschrieben werden, von AktivistInnen, die ihre Position vertreten und andere, eher kritische Begriffe.<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Absolut – da hatten wir kein klares Kriterium. Neben den zuvor genannten inhaltlichen Kriterien ging es nat&#252;rlich auch darum: wen kennen wir, wen wollen wir dabei haben? Es ist kein Lexikon, das das bestehende Wissen sammelt – das w&#228;re absurd, auf 250 Seiten. Sondern es ist Ansto&#223; zur Diskussion. Es ist Bildungsmaterial f&#252;r eine breitere &#214;ffentlichkeit, das zeigen auch die bereits nach drei Monaten enormen Verkaufszahlen, und es ist ein Ansto&#223; innerhalb einer Linken, die sehr plural ist, f&#252;r Diskussionen um Begriffe. Aber, wie gesagt, nicht als Begriffshuberei, sondern als Perspektiven f&#252;r das Verst&#228;ndnis und die emanzipatorische Ver&#228;nderung herrschaftsf&#246;rmiger sozialer Verh&#228;ltnisse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Was unter anderem auff&#228;llt ist, dass es recht viele Begriffe gibt, die sich &#246;kologischer Fragen annehmen. Es gibt „Bioethik-Kritik“, „Energiepolitik“, „Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t“, „Klimagerechtigkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Naturverh&#228;ltnisse“, „&#246;kologische Gerechtigkeit“ und auch in anderen Stichworten wird diese Dimension mit einbezogen. Nun arbeitest du selbst seit vielen Jahren zu Naturverh&#228;ltnissen – inwieweit war das eine bewusste Intervention in die Debatten der sozialen Bewegungen?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das ist tats&#228;chlich eine Intervention. Wir als Herausgeber-Innen wollten das st&#228;rken, weil es eine Schw&#228;che in den aktuellen Bewegungen ist. Oft wird dichotomisiert: hier gibt’s die Umweltgeschichten, da gibt’s die globalisierungskritischen oder radikalen Geschichten. Gerade als wir begonnen hatten, das Buch zu planen, gab es den McPlanet Kongress im Mai 2007 in Berlin zu Umweltfragen mit 2.000 Leuten. Und es gab ein paar Wochen sp&#228;ter die Anti-G8-Proteste in Heiligendamm. Beim McPlanet Kongress war so etwas wie Kapitalismusanalyse abwesend, das einzige war ein Workshop, den ich mit Elmar Altvater gemacht habe, der rappelvoll war und wo auch viele gesagt haben: endlich gibt’s mal so etwas. Aber auf den gro&#223;en Podien war es absent. In Heiligendamm dagegen war die &#214;kologiefrage anwesend – globale Landwirtschaft war ein prominentes Thema – und wir wollten diese Konstellation nutzen, um das voranzutreiben. Seit Herbst 2007 ist das Umwelt- und vor allem das Klimathema in den Post-G8-Bewegungen sehr pr&#228;sent, einige neigen aber zur Instrumentalisierung. „Wenn die herrschende Agenda nun Klima ist, dann m&#252;ssen wir dem etwas entgegen setzen.“ Oft wird die Problematik der Naturverh&#228;ltnisse aber auf die „Umweltfrage“ reduziert und damit den herrschenden Sichtweisen auf den Leim gegangen. Ich hoffe, dass wir mit dem ABC zu einer Kl&#228;rung beitragen k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">&#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit den vielen feministischen Themen im Buch. Auch das ist oft ein blinder Fleck in den Bewegungen, wenn gemeint wird, es gehe jetzt um das „Kerngesch&#228;ft“ des Kapitalismus, d.h. Finanzm&#228;rkte, Arbeitsverh&#228;ltnisse im sehr engen Sinne. Dem wollen wir entgegen arbeiten. Um eine kleinen Vergleich zu machen: Das </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC zum Neoliberalismus</span></em><span lang="DE">, das zweite Buch in der ABC-Reihe, ist sehr gewerkschaftsorientiert. Ich finde es absolut gelungen, aber da sind viele Themen nicht dabei: sozial&#246;kologische Themen sind kaum vertreten, feministische Themen sind nicht dabei, und nur sieben der 67 AutorInnen sind Frauen. Neben der Ber&#252;cksichtigung der Geschlechterverh&#228;ltnisse waren uns zwei weitere Aspekte wichtig: Bei der Auswahl der AutorInnen intergenerationell zu sein, also alle politischen Generationen vertreten zu haben, sowie eine gro&#223;e politische Pluralit&#228;t, vom linksliberalen bis linksradikalen Spektrum.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Das Ansto&#223;en der Debatte rund um solche Begriffe passiert auch von eurer Seite konkret durch Veranstaltungen – es gab eine gut besuchte Buchvorstellung in Wien, um im April wird eine gr&#246;&#223;ere Veranstaltung zum ABC in Graz stattfinden. Was gibt es dort zu erwarten?<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Wir selbst organisieren diese Veranstaltung gar nicht, sondern wurden eingeladen von Leuten in Graz, die das Buch gelesen haben und so begeistert sind, dass sie diese Tagung auf die Beine stellen, um drei Tage Themen des Buchs zu diskutieren. So soll ein Buch am besten wirken, dass auch Leute selbst etwas organisieren. Sie haben jetzt mit Joachim Hirsch, Manuela Bojadzijev, den </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">grundrisse</span></em><span lang="DE">-Leuten aus Wien und vielen anderen ein wie ich denke sehr gutes Programm zusammengestellt. Das Buch muss Resonanzen entwickeln, es ist nicht etwas f&#252;rs B&#252;cherregal, also ist es umso besser wenn es Arbeitskreise gibt, oder wenn LehrerInnen Stichworte verwenden – auch schon vom </span><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">ABC der Globalisierung</span></em><span lang="DE">, das 2005 rauskam. Das ist ein enormer Wert, weil es in vielen Kontexten keine kritischen Wissensbest&#228;nde mehr gibt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic" lang="DE">Danke f&#252;r das Interview!</span></em></p>
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		<title>Die Aktualit&#228;t Gramscis</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:48:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €<br />
<span id="more-52"></span><br />
Antonio Gramsci, italienischer Marxist, engagiert in der Turiner R&#228;tebewegung, Herausgeber der Zeitschrift <em>L’Ordine Nuovo</em><span lang="DE"> und Mitbegr&#252;nder der Kommunistischen Partei Italiens, verfasste w&#228;hrend seiner Haftzeit unter Mussolini 32 Hefte mit fragmentarischen Notizen zu Philosophie, Geschichte, Kultur und Politik. Mit Abschluss der kritischen Gesamtausgabe der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> in deutscher Sprache 2002, hat sich die Ausgangslage der Auseinandersetzung mit Gramsci im deutschsprachigen Raum betr&#228;chtlich ver&#228;ndert. Nicht mehr vorselektierte Ausz&#252;ge, sondern der „ganze Gramsci“ steht nun zur kritischen Relekt&#252;re zur Verf&#252;gung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">F&#228;llt die Rede auf Antonio Gramscis Werk, werden dessen RezipientInnen nicht m&#252;de zu betonen, dass der fragmentarische Charakter dieser im Gef&#228;ngnis unter widrigen Umst&#228;nden entstandenen Schriften ihre systematische Aufarbeitung ungeheuer erschwert. Nicht zu unrecht, konfrontieren einen die </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> doch mit der Aufgabe, die in den von Begriffsverschiebungen, Anspielungen und Undeutlichkeiten gekennzeichneten Notizen entwickelten theoretischen Konzepte nachzuzeichnen und in koh&#228;renten Zusammenhang zueinander zu stellen, ohne zugleich die dabei auftauchenden Widerspr&#252;chlichkeiten einzuebnen. Die Herausgeber des im Argumentverlag erschienenen Sammelbandes </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erkennen, dass es nicht alleine der fragmentarischen Form der Texte, sondern vielmehr Gramscis Arbeitsweise geschuldet ist, dass eine Anordnung der Begriffe zum vollst&#228;ndigen Theoriensystem unm&#246;glich ist – womit zugleich reduktionistischen Schlie&#223;ungen aller Art der Riegel vorgeschoben wird. So erarbeitet Gramsci seine theoretischen Konzeptionen stets im Kontext einer Analyse spezifischen historischen Materials, sowie in permanenter Auseinandersetzung mit der Frage nach m&#246;glichen Strategien revolution&#228;ren Kampfes unter Bedingungen einer weitgehend konsolidierten b&#252;rgerlichen Klassenherrschaft. W&#228;hrend wir manche Konzepte auf hohem theoretischen Niveau ausgearbeitet vorfinden, begegnen uns andere nur implizit, gleichsam zwischen den Zeilen. Dass diese somit ihren vollen Sinn erst durch ihre Kontextualisierung und Anwendung erhalten, mag Anlass f&#252;r einige Lekt&#252;reschwierigkeiten sein, begr&#252;ndet zugleich aber die Anschlussf&#228;higkeit Gramscis Konzepte an vielf&#228;ltige Theoriestr&#228;nge &#8211; wovon die Rede vom „Steinbruch Gramsci“ zeugt &#8211; sowie an die Versuche einer Analyse gegenw&#228;rtiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erhebt nicht den Anspruch, den „sekund&#228;ranalytischen Zugang zu Gramsci“ um eine weitere Aufsatzsammlung zu bereichern. Vielmehr steht die Frage nach der analytisch-begrifflichen sowie der poltisch-praktischen Aneignung Gramscis im Vordergrund. Damit ist zugleich das Problem der notwendigen &#220;bersetzungsarbeit angesprochen, die zu leisten ist, soll das theoretische Instrumentarium Gramscis f&#252;r eine Untersuchung und Bestimmung aktueller gesellschaftlicher Ph&#228;nomene fruchtbar gemacht werden. 13 Autoren und eine Autorin (die Frauenquote von 7% ist &#252;beraus bedauerlich) pr&#228;sentieren ihre Herangehensweise bei der kritischen Lekt&#252;re und Aufnahme Gramscis Analysen und die zentralen Fragestellungen ihres Arbeitens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ersten Beitr&#228;ge kreisen um den Begriff der „passiven Revolution“ und zeigen, welche Formen Versuche einer &#220;bertragung desselben auf die gegenw&#228;rtig zu beobachtende krisenhafte Transformation von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen annehmen k&#246;nnen. Ausgehend von einer erkl&#228;renden Darstellung der Fordismusanalysen Gramscis arbeitet Mario Candeias in </span><em>Gramscianische Konstellationen</em><span lang="DE"> Momente der Zustimmung der Subalternen bei der Durchsetzung einer neuen Produktionsweise unter neoliberaler Hegemonie heraus. Er argumentiert, dass der durch die Umstrukturierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen virulent gewordene Zwang zu Selbstvermarktung und Selbstausbeutung auch als &#220;bernahme von Eigenverantwortung, als Befreiung von gleichf&#246;rmiger Arbeit und paternalistischen Eingriffen des Wohlfahrtsstaates erlebt wird. Als Ansatzpunkt f&#252;r emanzipatorische Perspektiven identifiziert er bestehende Br&#252;che in der hegemonialen Apparatur des Neoliberalismus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch Frigga Haug setzt f&#252;r ihr Vorhaben </span><em>Mit Gramsci die Geschlechterverh&#228;ltnisse begreifen</em><span lang="DE"> bei dessen &#220;berlegungen zu Fordismus und Amerikanismus an. Die Frage nach den Geschlechterverh&#228;ltnissen findet sie in die Analyse der sexuellen Verh&#228;ltnisse verschoben, welche ihren theoretischen Ort innerhalb einer Untersuchung der Entstehung der fordistischen Produktionsweise findet. Indem sie Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse auffasst, ist es ihr m&#246;glich die K&#228;mpfe der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre als gegen fordistische Formen der Arbeitsteilung gerichtete zu verstehen. Pr&#228;zise zeichnet sie die Ver&#228;nderungen des Arbeitsbegriffs und der Familienstrukturen im Kapitalismus neoliberaler Pr&#228;gung nach. Mit ihrem Vorschlag, die Analyse von Transformationsprozessen kapitalistischer Vergesellschaftung am Zusammenhang zwischen der Regelung der Produktion und der Organisation von Geschlechterverh&#228;ltnissen auszurichten, liefert sie einen wesentlichen Beitrag zur feministisch-marxistischen Theoriebildung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bernd R&#246;ttger nimmt die gegenw&#228;rtigen Ver&#228;nderungen der Handlungsbedingungen von Gewerkschaften in den Blick. Anstatt die angesichts der Krise gewerkschaftlicher Repr&#228;sentationsformen und der Unterh&#246;hlung des Tarifvertragssystems oft erstellte Diagnose vom Untergang der Gewerkschaften schlicht zu unterschreiben, leuchtet er die Widerspr&#252;che aus, innerhalb derer sich diese nunmehr zu bewegen haben. In seinem Beitrag </span><em>Passive Revolutionen und Gewerkschaften</em><span lang="DE"> zeichnet er die historische Entwicklung korporativistischer Politikformen nach und fragt nach M&#246;glichkeiten der Erneuerung gewerkschaftlicher Betriebspolitik. &#220;berzeugend legt er dar, dass sich diese nur als &#220;berwindung fordistischer StellvertreterInnenpolitik gestalten und &#252;ber eine Verbindung von betrieblichen und gesellschaftlichen K&#228;mpfen vollziehen kann. Anhand eines konkreten Beispiels zeigt er, wie die Etablierung politisierender Beteiligungsstrategien und ver&#228;nderter Formen von Aktions- und B&#252;ndnispolitik das Neuentstehen einer sichtbaren lokalen ArbeiterInnenbewegung erwirken kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die darauf folgenden Beitr&#228;ge suchen der Bedeutung hegemonialer Auseinandersetzungen auf dem Terrain des Alltagsverstandes aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beizukommen. Christoph Scherrer pl&#228;diert f&#252;r eine sch&#228;rfere Begriffsbestimmung sowie die empirische Operationalisierung von Hegemoniekonzepten. </span><em>Hegemonie: empirisch fassbar?</em><span lang="DE"> regt an, zur Bestimmung des Ausma&#223;es an aktivem bzw. passivem Konsens demoskopische Untersuchungen zu Hilfe zu nehmen. Ingo Lauggas stellt in </span><em>Empfindungsstrukturen und Alltagsverstand</em><span lang="DE"> die Parallelen zwischen dem marxistischen Kulturwissenschafter Raymond Williams und Gramscis Versuchen, einen materialistischen Kulturbegriff zu entwickeln, heraus. Formen der Regelung alltagskultureller Praxen im Bereich der Sozialpolitik geht Uwe Hirschfeld nach. Er will </span><em>Mit Gramsci die Politik sozialer Arbeit verstehen</em><span lang="DE"> und sucht diese als in gesellschaftlichen Konfliktfeldern situiert zu begreifen. Dabei arbeitet er die widerspr&#252;chliche Situation heraus, in der sich Sozialarbeit befindet, da sie zugleich auf eine Anpassung der KlientInnen an bestehende ideologische Verh&#228;ltnisse wie auf deren punktuelle Selbsterm&#228;chtigung abzielt. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die n&#228;chsten beiden Texte setzen den Schwerpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Gramsci auf eine kritische Aktualisierung dessen machtpolitischer Erw&#228;gungen. Mikiya Heise und Daniel von Fromberg legen die ambivalenten Erfahrungen, die sie selbst im Zuge ihres Studiums der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> machten, dar. Unter dem Schlagwort </span><em>Die Machtfrage stellen</em><span lang="DE"> bekr&#228;ftigen sie, dass in einer kritischen Auseinandersetzung nicht nur mit dem „guten Gramsci“ gearbeitet werden darf, sondern stets auch mit jenem Gramsci gerechnet werden m&#252;sse, dessen machtpolitische Orientierung an Macchiavelli, dem Jakobinismus und leninistischer Parteipolitik mitunter verst&#246;rend autorit&#228;re Z&#252;ge trage. Indem sie Gramscis &#220;berlegungen als historischen Versuch einer Antwort auf die Machtfrage lesen, fordern sie zu einer Repolitisierung der eigenen theoretischen Perspektive auf. So muss sich die gegenw&#228;rtige Linke nicht nur mit der Machtfrage konfrontieren, vor dem Hintergrund der ver&#228;nderten Ausgangslage gesellschaftlicher K&#228;mpfe hat sich ihre Politikf&#228;higkeit daran zu messen, ob sie die gegebenen strategischen Optionen zu fassen und zugleich im Bezug auf die eigenen ethisch-politischen Anspr&#252;che zu reflektieren vermag. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Mit Blick auf die Diagnose, dass die gegenw&#228;rtigen westlichen Parteien ziellos geworden sind, legt Michael J&#228;ger in </span><em>Die Partei, die ein Ziel hat</em><span lang="DE"> die Grundz&#252;ge Gramscis Parteitheorie dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dass Gramsci die Frage der politischen F&#252;hrung stets auch in ihrer p&#228;dagogischen Dimension thematisiert, nehmen die n&#228;chsten beiden Artikel zum Anlass, Gramscis &#220;berlegungen zu Erziehung und politischer Bildung hegemoniestrategisch zuzuspitzen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Armin Bernhard fragt in </span><em>P&#228;dagogische Grundverh&#228;ltnisse</em><span lang="DE"> wie Bildung als Selbstpotenzierung im Sinne gegenhegemonialer Bestrebungen wirksam werden kann. Andreas Merkens arbeitet die Implikationen der Bestimmung von</span><em> Hegemonie als p&#228;dagogischem Verh&#228;ltnis</em><span lang="DE"> heraus. Auch ihm geht es um die M&#246;glichkeit gegenhegemonialer Strategien, welche er unter der Formel </span><em>Die Regierten von den Regierenden intellektuell unabh&#228;ngig machen</em><span lang="DE"> verhandelt. Ausgehend von der Feststellung, dass emanzipative gesellschaftliche Transformation auf einen kollektiven Prozess der kritischen Bewusstseinsbildung angewiesen ist, betont er, dass sich Gegenhegemonie keinesfalls in einem Austausch der im Alltagsverstand vorherrschenden Inhalte ersch&#246;pfen darf, sodass das bestehende b&#252;rgerliche Wissensregime durch ein sozialistisches ersetzt w&#252;rde. Vielmehr muss das Verh&#228;ltnis von F&#252;hrenden und Gef&#252;hrten selbst bearbeitet werden, weshalb jede emanzipatorische Bewegung dazu angehalten ist, jene Erfahrungen, die sie in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen macht, mit Bildungsprozessen zu verkn&#252;pfen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Hierauf folgen zwei Versuche der Aktualisierung gramscianischer Denkbewegungen mit dem Ziel der Erneuerung und/oder Fortschreibung marxistischer Theoriebildung. Oliver Marcharts Beitrag </span><em>Gramsci und die diskursanalytische Hegemonietheorie</em><span lang="DE"> legt anhand der Erl&#228;uterung einiger zentraler Begrifflichkeiten der poststrukturalistischen Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe dar, wie Gramscis Thesen diskurstheoretisch weitergedacht werden k&#246;nnten. Wolfgang Fritz Haug fragt: </span><em>Marxistisch Philosophieren – aber wie? </em><span lang="DE">Jeder Mensch ist Philosoph, insofern er in seinem Streben nach intellektueller Koh&#228;renz Andere in sein Denken miteinbezieht und danach trachtet, Subalternit&#228;t zu &#252;berwinden. Diese Feststellung Gramscis wird zum Ausgangspunkt einer Rekonstruktion des axiomatischen Feldes Marxschen Denkens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ohne den Anspruch zu stellen, ein vollst&#228;ndiges Bild der gegenw&#228;rtigen Debatte zu pr&#228;sentieren – so findet sich etwa kein neogramscianisch orientier-ter Text, der sich an der &#220;bertragung Gramscis Begrifflichkeiten auf das Feld der internationalen Beziehungen versucht, und auch die staatstheoretische Diskussion wird nur gestreift – legt der Sammelband doch von der Vielfalt der Aneignungsweisen Gramscis Schriften Rechenschaft ab. Wer auf eine kanonisierende Lesart der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> Wert legt, wird entt&#228;uscht werden, wer jedoch Anst&#246;&#223;e zur theoretischen und politischen Aktualisierung der von Gramsci entwickelten Konzepte sucht, findet in </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> anregende Beitr&#228;ge.<o></o></span></p>
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		<title>nao steht f&#252;r Unruhe</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:47:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span>Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span id="more-64"></span><span><o></o>Der Blick auf China l&#228;sst staunen. Zu vielf&#228;ltig und widerspr&#252;chlich sind die medial vermittelten Bilder, die wir Europ&#228;erInnen &#252;blicherweise geboten bekommen: Billiglohnland f&#252;r Spielzeug und Kleidung, Austragungsort der olympischen Spiele, neue Weltmacht (meist mit Fragezeichen), Lokomotive der Weltkonjunktur, Turbokapitalismus mit sozialistischem Antlitz, Megainvestor in Afrika und Lateinamerika („bald auch bei uns?“, fragt dann die hiesige Wirtschaftspresse nerv&#246;s), B&#246;rsenjongleur und Dollaraufk&#228;ufer, Atmosph&#228;renverschmutzer, verdammt viele sind sie – und was passiert erst, wenn die alle Auto fahren wollen? Es ist den HerausgeberInnen und AutorInnen dieses Hefts hoch anzurechnen, dass sie sich auf den 80 A4-Seiten nicht in diesen und noch viel mehr Fragen verheddert haben, sondern einen beeindruckend informierten und hoch interessanten Einblick in die Auseinandersetzungen liefern, die in China selbst die Entwicklung bestimmen. Nicht zuf&#228;llig prangt das </span><em>nao</em><span> am Cover, das Zeichen f&#252;r Unruhe, L&#228;rm und Tumult, wie wir auf der R&#252;ckseite erfahren. Es geht vor allem um die K&#228;mpfe der drei „gef&#228;hrlichen Klassen“, von deren Ausbeutung und Ruhigstellung das chinesische Regime abh&#228;ngt, deren Unzufriedenheit aber zugleich dessen gr&#246;&#223;te Bedrohung darstellt. Da w&#228;ren zun&#228;chst die Bauern und B&#228;uerinnen, die mit rund 700 Millionen noch immer den gr&#246;&#223;ten Bev&#246;lkerungsanteil stellen (zum Vergleich: die EU hat rund 500 Millionen EinwohnerInnen) und die von massiver Enteignung durch den Staat betroffen sind. Die boomende Wirtschaft braucht Platz und den bekommt sie – f&#252;r Industrieprojekte und rasant wachsende St&#228;dte – h&#228;ufig, indem der Staat schlicht Landraub begeht. Viele tausende Proteste, von friedlichen Petitionen bis zu gewaltsamen Aufst&#228;nden, sind Ausdruck des Widerstands dieser ihrer Subsistenzgrundlage beraubten Bauern und B&#228;uerinnen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dann gibt es die „alte“ industrielle ArbeiterInnenklasse, </span><em>gongren</em><span>, die im maoistischen China als St&#252;tze des Staates galt und in kollektiven Arbeitseinheiten, </span><em>danwei</em><span>, besch&#228;ftigt war. Mit lebenslanger sozialer Absicherung – der so genannten „eisernen Reissch&#252;ssel“ – ausgestattet, hatten sie gewisse Privilegien genossen, die sie jedoch mit rigider politischer &#220;berwachung und Kontrolle bezahlen mussten. Doch sp&#228;testens seit den Reformen der 1990er Jahre wurden die </span><em>gongren</em><span> zu einem weiteren Unruheherd. Die meisten </span><em>danwei</em><span> wurden umstrukturiert, viele geschlossen oder privatisiert, w&#228;hrend den ArbeiterInnen die „eiserne Reissch&#252;ssel“ entzogen wurde und (meist befristete) Arbeitsvertr&#228;ge die lebenslange Zugeh&#246;rigkeit zu einer Arbeitseinheit abl&#246;sten. Der darauf folgende soziale Abstieg eines gro&#223;en Teils der gongren lie&#223; auch hier die Unzufriedenheit steigen und das traditionelle Band zwischen der st&#228;dtischen ArbeiterInnenklasse und der herrschenden KP locker werden. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Und schlie&#223;lich sind die WanderarbeiterInnen, als dynamischste gesellschaftliche Kraft Chinas, die vielleicht „gef&#228;hrlichste aller Klassen“. Sie, die </span><em>mingong</em><span> – „Bauern-die-Arbeiter-wurden“ – arbeiten in den Sonderwirtschaftszonen, produzieren die chinesischen Exportschlager der Spielzeug- und Textilindustrie, bauen die Fabriken und Wohnsilos oder bieten einfache Dienstleistungen in den wachsenden Megast&#228;dten an. Sie sind jung, &#252;berwiegend weiblich und wehren sich gegen niedrige L&#246;hne, Lohnbetrug, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende soziale Absicherung oder miserable Wohnverh&#228;ltnisse (vgl. den Artikel von Pun Ngai in Perspektiven Nr. 3) . <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Den AutorInnen gelingt es, diese groben Linien der gegenw&#228;rtigen Klassenlandschaft in China nahe zu bringen, ohne holzschnittartig zu werden. &#220;ber Widerspr&#252;che innerhalb und zwischen den einzelnen Klassen wird nicht hinweggegangen, die spezifischen Situationen etwa von Frauen, sowohl von Wanderarbeiterinnen als auch von „traditionellen“ </span><em>gongren</em><span> und B&#228;uerinnen, werden behandelt. So wird in einem Beitrag gezeigt, dass die „ungl&#252;ckliche Generation“, die die Jahrg&#228;nge von ca. 1945 bis 1960 umfasst, nicht nur insgesamt von Hungersn&#246;ten, den Gewaltexzessen der „Kulturrevolution“ und den neoliberalen Umstrukturierungen der 1980er und 90er Jahre gepr&#228;gt ist, sondern spezifische Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsformen Frauen in allen historischen Phasen zu doppelt Benachteiligten machten. Ob in den kollektivierten Landwirtschaftsbetrieben, den „Roten Garden“ der Kulturrevolution oder dem Kontrollregime des </span><em>danwei</em><span>, traditionelle, patriarchale Strukturen schrieben sich stets in den neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation fort. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Der Blick aufs Konkrete, die Lebensverh&#228;ltnisse und Auseinandersetzungen der neuen chinesischen ProletarierInnen, macht die Qualit&#228;t des Hefts aus. Vor allem aber zeigt er, was die Probleme und Grenzen der aktuellen K&#228;mpfe sind. Denn diese bleiben in aller Regel sehr begrenzt, richten sich gegen den Boss oder korrupte lokale Verwaltungen. Die Verbindung der K&#228;mpfe bleibt zumeist aus und der Zentralstaat organisiert sich derma&#223;en geschickt, dass er, indem er Kompetenzen an die lokalen Staatseinheiten abgibt, den Zorn von sich ablenken und als neutraler Vermittler oder oberste Instanz f&#252;r Protestierende auftreten kann. Doch dass dies so weiter geht, ist keineswegs ausgemacht, und die Sprengkraft, die die Verkn&#252;pfung der K&#228;mpfe verschiedener ArbeiterInnenklassen erzeugen k&#246;nnte, l&#228;sst sich in den Beitr&#228;gen des Hefts erahnen. Leider verschwindet hinter der lebendigen Beschreibung der vielf&#228;ltigen &#246;konomischen Kampfformen etwas die Frage, welche Form einer politischen, &#252;ber die konkreten Interessen der protestierenden ArbeiterInnen hinaus reichenden Organisierung unter den besonderen Bedingungen der chinesischen Entwicklungsdiktatur &#252;berhaupt denkbar ist. Auch die teilweise etwas unscharfen Begrifflichkeiten m&#246;gen manche(n) LeserIn etwas stutzen lassen – in der theoretischen Einsch&#228;tzung und historischen Einordnung des maoistischen China sind sich die AutorInnen offensichtlich nicht so sicher. So wird an manchen Stellen von der „Kommodifizierung“ der Arbeitskraft durch die Privatisierung ehemals staatlicher Industrien in den 1990ern gesprochen (36), was nahe legt, dass diese davor keine Ware gewesen w&#228;re. Anderswo leisten Frauen jedoch schon w&#228;hrend der 1950er Jahre, zur Zeit des „Gro&#223;en Sprungs nach vorne“, „Lohnarbeit“ etwa in der Textilindustrie (43). Und vollends verwirrend wird es, wenn die </span><em>danwei</em><span> als Orte der „sozialistischen Akkumulation von Kapital“ tituliert werden (35). Dass die notwendige Debatte um ad&#228;quate theoretisch Begriffe (die selbst eine eminent politische ist) hier nicht gef&#252;hrt wird, soll den Beitrag des Hefts jedoch nicht schm&#228;lern. Der Blick auf das breite Spektrum der lebendigen K&#228;mpfe, auf randalierende WanderarbeiterInnen, streikende Proletarier im „Rostg&#252;rtel“ des Nordostens, Bauernaufst&#228;nde, aber auch k&#252;nstlerische Protestformen, die sich etwa in einem Boom „unbequemer Filme“ ausdr&#252;cken, ist umso wertvoller. Die deutschsprachige Linke wird, so sie die Entwicklungen in der dynamischsten Wirtschafsmacht der Welt nicht verschlafen will, an dieser Publikation nicht vorbei kommen.<o></o></span></p>
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		<title>Braucht der Kapitalismus ein Staatensystem?</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:46:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €<br />
<span id="more-65"></span><br />
Die Geburtsstunde des modernen internationalen Staatensystems wird gemeinhin mit dem Ende des Drei&#223;igj&#228;hrigen Kriegs im Westf&#228;lischen Frieden 1648 datiert. Hier sei, so die Ansicht nicht nur des Mainstreams der wissenschaftlichen Disziplin der „Internationalen Beziehungen“, die internationale Staatenordnung auf der Grundlage v&#246;lkerrechtlicher Vertr&#228;ge zwischen souver&#228;nen Territorialstaaten etabliert worden. Wenn heute &#252;ber Global Governance, die Internationalisierung des Staates etc. diskutiert wird, so erscheint jene geopolitische Ordnung als negative Referenzfolie, deren Prinzipien seit dreieinhalb Jahrhunderten die internationalen Beziehungen strukturiert h&#228;tten und erst in den letzten ein, zwei Jahrzehnten unterh&#246;hlt worden seien. Unabh&#228;ngig von den spezifischen theoretischen Positionen in den aktuellen Auseinandersetzungen dient 1648 daher als „Gr&#252;ndungsmythos“ eines ganzen Forschungsfelds.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Zentrales Anliegen von Teschkes Studie ist es, diesen Mythos als eben solchen zu entlarven – eine Ansicht, die sich zwar in der historischen Forschung l&#228;ngst durchgesetzt hat (z.B. Heinz Duchhardt, Ronald Asch), in den Politikwissenschaften bislang aber noch kaum reflektiert worden ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschkes Intervention setzt sicherlich eine zumindest grobe Kenntnis der Theorien der Internationalen Beziehungen voraus. In dreifacher Frontstellung sowohl gegen die Ahistorizit&#228;t neorealistischer Theorien, die neoweberianische Historische Soziologie sowie den orthodoxen Marxismus, der bei Teschke im Wesentlichen auf jene Positionen reduziert wird, die Robert Brenner als „smithianischen“ und „neomalthusianischen“ Marxismus bezeichnet hat, zeigt Teschke, dass die internationale Staatenordnung im 17. Jahrhundert weiterhin von der vormodernen Dynamik dynastischer Konflikte gepr&#228;gt blieb. Staatliche Politiken waren immer noch in h&#246;chstem Ma&#223; von personalisierten Verh&#228;ltnissen bestimmt. Sinnvollerweise k&#246;nne erst mit der f&#252;r die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen Trennung von Politik und &#214;konomie von einer modernen geopolitischen Ordnung gesprochen werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die begrifflichen Probleme f&#252;r die Konstitutionsbedingungen moderner Staatlichkeit und des modernen Staatensystems, die sich aus dieser Kritik ergeben, entwickelt Teschke in einem ambitionierten Gro&#223;entwurf, der nicht weniger sein m&#246;chte als eine „theoriegeleitete Rekonstruktion der Genese und Entwicklung des europ&#228;ischen Staatensystems vom Karolingerreich bis zur Fr&#252;hneuzeit, verstanden als Untersuchung der Konstitution und des Strukturwandels internationaler Ordnungen.“ (12)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Explizit st&#252;tzt sich Teschke in diesem Unternehmen auf den „politischen Marxismus“ der „Brenner-Schule“, der die gesellschaftlichen Eigentumsverh&#228;ltnisse (</span><em>social property relations</em><span>) und die mit ihnen verbundenen Klassenk&#228;mpfe ins Zentrum der theoretischen Erkl&#228;rung r&#252;ckt. Die Varianz, die ungleichzeitige Entwicklung und die Dynamik der Transformation geopolitischer Formationen und Beziehungen wurzeln, so Teschke, letztlich in Klassenverh&#228;ltnissen, die „dem Internationalen“ einen bestimmten sozialen Gehalt aufpr&#228;gen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschke entfaltet sein Argument, das &#252;ber weite Strecken Brenner folgt, in drei Schritten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Zun&#228;chst wird der Charakter der mittelalterlichen geopolitischen Ordnung aus den spezifischen feudalen Eigentumsverh&#228;ltnissen entwickelt. Die feudale Produktionsweise sei grundlegend durch die politische und milit&#228;rische („au&#223;er&#246;konomische“) Gewalt in der Aneignung des b&#228;uerlichen Mehrprodukts durch die Grundherren charakterisiert. Die damit verbundenen widerspr&#252;chlichen Reproduktionsstrategien der Klassen bedingten strukturelle Grenzen f&#252;r die Produktivkraftentwicklung, da weder abh&#228;ngige Bauern noch Grundherren Mittel und Interesse an einer intensiven Entwicklung der Arbeitsproduktivit&#228;t aufwiesen. Vielmehr &#252;bersetzten sich die Klassengegens&#228;tze der Feudalgesellschaften in einen systematischen Drang zur Konzentration der Zwangsmittel und territorialer Expansion, einen Prozess, den Teschke im Anschluss an Brenner als „politische und geopolitische Akkumulation“ bezeichnet. Da die Kontrolle &#252;ber die Gewaltmittel unter den fragmentierten grundherrschaftlichen Adel diffundiert war, manifestierte sich die extensive Dynamik als permanente milit&#228;rische Konkurrenz zwischen den Herren, die in der Institution der Fehde als „legitime Gewalt“ rechtlich sanktioniert war. Demnach kann in diesem geopolitischen System der Rivalit&#228;t parzellierter Souver&#228;nit&#228;ten keine sinnvolle Unterscheidung zwischen innerer und „internationaler“ Sph&#228;re gezogen werden, genauso wenig wie die Form gewaltf&#246;rmiger Mehrproduktaneignung eine Trennung zwischen Politik und &#214;konomie zul&#228;sst.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Die zersplitterten Grundherrschaften, die den „klassischen“ Feudalismus, so wie er sich seit dem „Umbruch im Jahr 1000“ (Guy Bois) pr&#228;sentierte, kennzeichneten, wurden seit dem 12. Jahrhundert, als Ergebnis der Tendenz zur (geo)politischen Akkumulation, in politischen Gemeinwesen zusammengefasst. Diese feudalen Staaten seien jedoch nicht als zentralisierte Monarchien zu verstehen, sondern als „Ensembles von Herrschaften“, zusammengehalten durch personale Bindungen (Lehenstreue), ihnen fehlte jede „abstrakte institutionelle Existenz jenseits der Lebenszeit individueller Herrscher“. (71) <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Seit dem Sp&#228;tmittelalters etablierte sich aus dieser Dynamik ein „politisches Pluriversum“ dynastischer K&#246;nigreiche als konstitutives Merkmal der europ&#228;ischen Geopolitik, in denen die Anf&#228;nge einer Differenzierung zwischen „dem Inneren“ und „dem Internationalen“ begr&#252;ndet sind. Die Logik der politischen und geopolitischen Akkumulation formierte so den politischen Raum Europas zu einem vormodernen Staatensystem. (144)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>3. Anders als die Orthodoxien der Theorie der Internationalen Beziehungen begreift Teschke die Rekonfiguration politischer Herrschaft infolge der „Krise des 14. Jahrhunderts“ nicht als Beginn eines Prozesses der Herausbildung moderner Staatlichkeit, eines strukturellen Bruchs zur Moderne, sondern differenziert zwei Entwicklungspfade, die er am Beispiel Frankreichs und Englands erl&#228;utert: Frankreich steht hier f&#252;r den &#220;bergang vom Feudalismus zum Absolutismus, der einer vormodernen Dynamik verhaftet blieb, und auch nicht als widerspr&#252;chliches „&#220;bergangsph&#228;nomen“ in der Entwicklung des Kapitalismus behandelt werden d&#252;rfe, w&#228;hrend sich in England, und nur dort, als Ergebnis der au&#223;ergew&#246;hnlichen Form zentralisierter feudaler Staatlichkeit seit 1066 und der unintendierten Folgen der sp&#228;tmittelalterlichen Klassenk&#228;mpfe kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse in der Landwirtschaft und ein moderner Staat entwickeln konnten (die klassische Brenner-These).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aufgrund der stark fragmentierten Formen lokaler Herrengewalt in Frankreich gelang es den Bauern, sich im Zuge der sozialen Auseinandersetzungen der sp&#228;tmittelalterlichen Krise des Feudalismus weitgehend aus grundherrlichen Abh&#228;ngigkeiten zu befreien. Dennoch bedeutete die Aufl&#246;sung der Leibeigenschaft nicht die &#220;berwindung, sondern nur die Neustrukturierung „feudaler“ Verh&#228;ltnisse: einerseits die Zentralisierung parzellierter politisch-milit&#228;rischer Aneignungsgewalt im absolutistischen Staat, zugleich die Reorganisierung der Ausbeutung auf Grundlage des Steuersystems. Der absolutistische Staat blieb demnach dynastischer Patrimonialstaat, eine Form personalisierter politischer Herrschaft, wovon etwa auch die Praxis des &#196;mterkaufs zeugt, die gerade f&#252;r die Integration des aufstrebenden Manufaktur- und Handelskapitals eine entscheidende Rolle spielte. Folglich m&#252;sssen auch der fr&#252;hneuzeitliche Aufbau maritimer Imperien und die Internationalisierung der &#214;konomie im Merkantilismus weiterhin als nicht-kapitalistische Ph&#228;nomene gelten, die in die typisch vormoderne Logik (geo-)politischer Akkumulation eingebunden waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Demgegen&#252;ber gelang es dem Feudaladel in England, Eigentumsrechte &#252;ber einen Gro&#223;teil des durch die demographische Krise des 14. Jahrhunderts vakant gewordenen Bodens ohne st&#228;rkere staatliche Zentralisation durchzusetzen, auch wenn die Bauern nicht wieder in die Leibeigenschaft gezwungen werden konnten. Diese Konstellation, in der die Klassenk&#228;mpfe weder eindeutig zugunsten der Grundherren, noch zugunsten der Bauern entschieden wurden, beg&#252;nstigte die Herausbildung neuer, genuin kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse, die durch die Trias Grundherr – kapitalistischer Pachtbauer – freier Lohnarbeiter gekennzeichnet waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die Kapitalismuskonzeption, auf die sich Teschke hier st&#252;tzt, setzt sich explizit von jenen Ans&#228;tzen ab, die diesen auf die Zirkulationssph&#228;re reduzieren, d.h. auf die Ausbreitung von Handel und M&#228;rkten, was ja nicht allein f&#252;r die englische Landwirtschaft charakteristisch gewesen w&#228;re. Kapitalismus nach Teschke bezeichnet vielmehr spezifische Verh&#228;ltnisse zwischen den von den Subsistenzmitteln getrennten und daher den Imperativen des Marktes unterworfenen unmittelbaren ProduzentInnen (freie LohnarbeiterInnen) und den Eigent&#252;merInnen der Produktionsmittel. Mit dieser Konzeption des Kapitalismus sei auch eine bestimmte Theorie des modernen Staates impliziert. Denn wenn das kapitalistische Eigentumsregime im Unterschied zum feudalen gerade durch die Abwesenheit politischer Aneignungsgewalt charakterisiert ist, so liegt genau darin die Differenzierung von Politik und &#214;konomie begr&#252;ndet. Der entpersonalisierte Staat greift nicht mehr direkt in den Produktionsprozess ein sondern beschr&#228;nkt sich darauf, das Eigentumsregime durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Die staatliche Institutionalisierung des privaten Eigentumsregimes in Form einer Reihe privater Rechte erscheint somit als notwendige Bedingung der „Entbettung des Marktes“ (Polanyi). Genau jene Rekonfiguration von Staatlichkeit k&#246;nne nun f&#252;r England seit dem sp&#228;ten 17. Jahrhundert (im Wesentlichen seit der Glorious Revolution 1688) konstatiert werden, womit auch die Dynamik der internationalen Beziehungen Englands grundlegend transformiert wurde, die sich aus der vormodernen Logik geopolitischer Akkumulation zu l&#246;sen begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Damit ist aber die Frage nach dem Verh&#228;ltnis des Kapitalismus, nicht zum modernen Staat, sondern zum internationalen System von Staaten (im Plural) noch nicht gekl&#228;rt. Wenn der moderne Staat dem Kapitalverh&#228;ltnis inh&#228;rent ist, kann selbiges auch f&#252;r die Pluralit&#228;t des Staatensystems behauptet werden? Teschke verneint das: das politische „Staatenpluriversum“ sei vielmehr kontingentes historisches Erbe der Vormoderne und k&#246;nne nicht aus dem Kapitalverh&#228;ltnis abgeleitet werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>In einem bis ins fr&#252;he 20. Jahrhundert andauernden, vom England des sp&#228;ten 17. Jahrhunderts ausgehenden Prozess wurden moderne Staatlichkeit und kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse im vormodernen europ&#228;ischen Staatensystem in Form „gesellschaftlich uneinheitlicher aber geopolitisch kombinierter Entwicklung“ universalisiert. Endogen seien kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse und moderner Staat einzig und allein im fr&#252;hneuzeitlichen England entstanden, deren geopolitisch vermittelte Ausbreitung die Funktionsweise und Akkumulationslogik des bestehenden dynastisch-absolutistischen Systems langsam durchsetzten und in eine moderne internationale Ordnung transformierten. Der Kapitalismus trat somit „innerhalb eines vorgeformten Staatensystems in Erscheinung“ (241), das selbst keine Funktion des Kapitalismus war, jedoch mit diesem Staatensystem zu einer widerspr&#252;chlichen Einheit verwuchs. Die spezifische Art und Weise, wie Staaten auf die geopolitische Expansion des Kapitalismus reagierten, war dabei selbst Ausdruck bestimmter Klassenkonstellationen im Inneren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit der Herausbildung eines globalen Weltmarkts stehen wir nun an jenem historischen Punkt, an dem sich die modernen internationalen Beziehungen tats&#228;chlich im Weltma&#223;stab durchgesetzt haben. Dadurch w&#252;rde zwar das System territorial zersplitterter Staaten nicht aufgehoben, die Eliminierung der vormodernen Logik politischer Akkumulation durch Krieg k&#246;nnte aber zumindest die M&#246;glichkeit einer internationalen Ordnung er&#246;ffnen, die sich auf „das multilaterale politische Management des Krisenpotentials des globalen Kapitals und die Regulierung der Weltwirtschaft durch die f&#252;hrenden kapitalistischen Staaten“ beschr&#228;nkt. (244) Ein vers&#246;hnlicher Gedanke zum Schluss!<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit </span><em>Mythos 1648</em><span> hat Teschke eine empirisch detaillierte und theoretisch stringente Studie vorgelegt, die die Debatte der kritischen Internationalen Beziehungen und Internationalen Politischen &#214;konomie noch lange besch&#228;ftigen wird. Freilich ist vieles schon bei Brenner nachzulesen und bleibt in der historischen Darstellung oft schematisch und undifferenziert. In aller K&#252;rze sollen hier aber nur zwei Punkte angedeutet werden, denen sich eine kritische Auseinandersetzung zu stellen hat:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Mit dem starken Bezug auf Brenners Beitrag in der Debatte zum „&#220;bergang“ vom Feudalismus zum Kapitalismus importiert Teschke auch alle Probleme, die mit Brenners Thesen verbunden sind. Am schwersten wiegt dabei Brenners Hypostasierung des Kapitalismusbegriffs.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Gerade vorm Hintergrund, dass Teschke gro&#223;en Wert auf die Unebenheiten und Ungleichzeitigkeiten historischer Prozesse legt, erscheint Brenners Theorie nur bedingt hilfreich. Nach Brenner h&#228;tten sich genuin kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse nur in England, und dort nur in der Landwirtschaft entwickelt. Ausgeblendet bleiben dabei regionale Kristallisationspunkte kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in anderen L&#228;ndern ebenso wie „&#220;bergangsformen“ wie Handelskapital und Protoindustrie, die in widerspr&#252;chlicher Einheit mit einem System personaler Herrschaft existierten. Zwar kann hier tats&#228;chlich nicht von kapitalistischen Formen </span><em>sui generis</em><span> gesprochen werden. Teschke verbaut sich aber den Weg zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit solchen &#220;bergangsformen weil sein Kapitalismusbegriff auf der abstrakten Ebene der Produktionsweise verharrt und sich f&#252;r historisch-konkrete Kapitalismen eigentlich nicht interessiert. Das f&#252;hrt zu Schwarzwei&#223;malerei und Formalismus: entweder ganz kapitalistisch oder gar nicht. Eine historische Analyse, die das Konzept ungleicher und kombinierter Entwicklung ernst nimmt, m&#252;sste aber gerade danach fragen, inwieweit protokapitalistische &#220;bergangsformen die Matrix gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse durchsetzen und durch die Akkumulation &#246;konomischer und politischer Macht die alte Ordnung sukzessive untergraben konnten. Der Effekt w&#228;re sowohl die Bindung vieler Protokapitalisten an das bestehende politische Regime, zugleich aber auch die Transformation des Charakters dieses Regimes, sodass alte Formen neue, b&#252;rgerliche Verh&#228;ltnisse verdecken. Schlie&#223;lich w&#252;rde ein Punkt erreicht, der eine Ver&#228;nderung der Staatsform erfordert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Unabh&#228;ngig vom Problem personalisierter Herrschaft m&#252;sste deshalb gefragt werden, ob absolutistische Politiken Formen der politischen Aneignungsgewalt konservierten oder kapitalistische Entwicklung bef&#246;rderten. Und es m&#252;sste die Frage gestellt werden, ob jene Ereignisse, die gemeinhin als b&#252;rgerliche Revolutionen bezeichnet werden, nicht gerade Rekonfigurationen in der Form der Staatlichkeit bedingten, die solche Entwicklungen forcierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Bei Teschke erscheinen Feudalismus/Absolutismus aber als System, das nicht aus seinen inneren Widerspr&#252;chen heraus unterminiert werden kann. Die M&#246;glichkeit endogener kapitalistischer Entwicklung wird somit zum &#228;u&#223;erst unwahrscheinlichen Produkt konjunktureller Zuf&#228;lle. Die Impulse zu kapitalistischer Transformation und politischer Rekonfiguration werden, mit Ausnahme Englands, exogenisiert, und auf die internationale Ebene geopolitischen Modernisierungsdrucks verlagert. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dieselbe Kritik trifft auch Teschkes Diskussion des vormodernen Charakters des Kolonialismus. Weil der strukturale Nexus zwischen Politik und &#214;konomie nicht zerst&#246;rt war sei dieser vor-kapitalistisch gewesen. Wieder die Hypostasierung </span><em>des</em><span> Kapitalismus, die den Einbruch des Politischen in die &#214;konomie nur als nicht-kapitalistisch verstehen kann, statt konkreter Analyse historischer kapitalistischer Formationen in ihrer Variabilit&#228;t. Die Trennung Politik-&#214;konomie im Kapitalismus ist aber eine st&#228;ndige neu verhandelte Tendenz, kein Strukturprinzip. In diesem Sinn k&#246;nnte dann behauptet werden, dass der merkantile Kolonialismus sowohl feudale als auch kapitalistische Imperative verfolgte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Sobald wir Ans&#228;tze kapitalistischer Entwicklung nicht auf England einengen und die absolutistischen Staaten als widerspr&#252;chliche Formationen begreifen, die nicht so einfach in das formalistische Korsett vormoderner Staatlichkeit gezw&#228;ngt werden k&#246;nnen, erscheint die Frage nach dem Charakter des neuzeitlichen Staatensystems als weit komplexeres Problem, als in Teschkes Darstellung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aber selbst dann, wenn Teschkes These als historisches Argument akzeptiert wird, ist damit noch nicht gezeigt, dass Staatensystem und Kapitalismus nicht logisch zusammenh&#228;ngen k&#246;nnen. Eine solche Behauptung verwechselt historische Genese mit begrifflicher Struktur.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Das entscheidende Problem scheint mir Teschkes, von Ellen Wood &#252;bernommene, </span><em>strikte</em><span> Trennung von Politik und &#214;konomie in der Charakterisierung moderner Staatlichkeit, deren Funktion sich auf die Sicherung der Bedingungen einer prinzipiell universalen &#246;konomischen Akkumulationslogik reduziert. Die Durchsetzung des Kapitalismus w&#228;re demnach von der </span><em>Trennung</em><span> von Geopolitik und &#246;konomischer Akkumulation, vom R&#252;ckzug politischen Zwangs aus der Sph&#228;re des Internationalen begleitet gewesen. Dabei wird aber ausgeblendet, dass die kapitalistische Akkumulation selbst nicht glatt verl&#228;uft, sondern ihre eigenen geographischen Konzentrationen und Unebenheiten – raum-zeitliche Fixierungen (Harvey) – erzeugt, und die Trennung von Politik und &#214;konomie im Kapitalismus nie so absolut war, wie Teschkes Modell fordert. Im Ergebnis war daher die geopolitische Machtlogik immer schon Element der modernen kapitalistischen Staatenordnung, wenn auch &#252;berformt und in widerspr&#252;chlicher Verschr&#228;nkung mit der Logik &#246;konomischer Akkumulation. Genau diesen Prozess versucht die marxistische Imperialismustheorie zu fassen, und genau in diesem Punkt werden auch die politischen Konsequenzen von Teschkes Studie deutlich: wenn geopolitische Konflikte nur historisches Erbe, &#220;berreste der vormodern Staatenordnung sind, dann landen wir bei jenem Zukunftsszenario Teschkes, das nicht zuf&#228;llig an Kautskys Ultraimperialismustheorie erinnert: Kriege haben mit dem Kapitalismus eigentlich nichts zu tun, ein befriedeter Kapitalismus, in dem sich staatliche Politik auf das harmonische Management der Bedingungen der &#246;konomischen Akkumulation beschr&#228;nkt, ist zumindest denkbar. Letztlich kann Teschkes Dichotomisierung von absolutistischer, vormoderner und moderner, kapitalistischer Staatenordnung nicht &#252;berzeugen, weder theoretisch noch politisch.<o></o></span></p>
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