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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 3</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial: Perspektiven Nr. 3 (Herbst 2007)</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/12/07/editorial/</link>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 15:00:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsicher, gestresst, auf st&#228;ndigen Ab- und Widerruf gestellt? Arschkarte gezogen! Pech? Nein, Prekarisierung! Um das Leben, Arbeiten, Schlafen, Duschen und vor allem K&#228;mpfen in prek&#228;ren Verh&#228;ltnissen geht es in dieser Ausgabe von <em>Perspektiven</em>. Denn dies ist mittlerweile kein Minderheitenprogramm mehr, sondern schwebt zumindest als st&#228;ndiges Bedrohungsszenario &#252;ber unser aller K&#246;pfe und H&#228;nde. Die vielf&#228;ltigen Dimensionen der Prekarit&#228;t, theoretisch wie praktisch, lokal und global, historisch wie aktuell und ihre Verbindungen mit Rassismus, Migration, Gewerkschaftsarbeit und Klassenk&#228;mpfen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Ausgabe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Unsicher, gestresst, auf st&#228;ndigen Ab- und Widerruf gestellt? Arschkarte gezogen! Pech? Nein, Prekarisierung! Um das Leben, Arbeiten, Schlafen, Duschen und vor allem K&#228;mpfen in prek&#228;ren Verh&#228;ltnissen geht es in dieser Ausgabe von <em>Perspektiven</em>. Denn dies ist mittlerweile kein Minderheitenprogramm mehr, sondern schwebt zumindest als st&#228;ndiges Bedrohungsszenario &#252;ber unser aller K&#246;pfe und H&#228;nde. Die vielf&#228;ltigen Dimensionen der Prekarit&#228;t, theoretisch wie praktisch, lokal und global, historisch wie aktuell und ihre Verbindungen mit Rassismus, Migration, Gewerkschaftsarbeit und Klassenk&#228;mpfen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Ausgabe.</p>
<p><span id="more-22"></span></p>
<p>Zun&#228;chst setzen sich <em>Mario Becksteiner</em> und <em>Florian Reiter</em> mit der Rolle der EU und insbesondere der europ&#228;ischen Kommission in der Durchsetzung praktischer und ideologischer Normalisierung prek&#228;rer Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse auseinander. Das theoretische Konzept der Multitude, entwickelt von den postoperaistischen Theoretikern Michael Hardt und Toni Negri, ist Gegenstand von <em>Benjamin Opratkos</em> Analyse und Kritik.<br />
<em>Maria Asenbaum</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> widmen sich kontroversen Debatten um die neuen Organisierungsstrategien der Gewerkschaften im prek&#228;ren Bereich. Welche Klassenbegriffe, welches Selbstverst&#228;ndnis stecken hinter <em>Organizing</em> und <em>Social Movement Unionism</em>?<br />
Die aktuellen Probleme und konkreten Auseinandersetzungen der Gewerkschaftsbewegung in den USA erfahren wir aus erster Hand vom Gewerkschaftsaktivisten und ehemaligen Herausgeber der <em>Labor Notes</em>, <em>Kim Moody</em>. Zur prek&#228;ren Situation und Organisierungsversuchen der Arbeiterinnen der „anderen Supermacht“ k&#246;nnen wir einen Artikel der chinesischen Sozialwissenschaftlerin <em>Pun Ngai</em> pr&#228;sentieren. Auf Basis eigener empirischer Untersuchungen und praktischer Erfahrung analysiert sie das Dormitory Labour Regime in den Exportindustriezonen S&#252;dchinas, wo vor allem binnenmigrantische Arbeiterinnen ein prek&#228;res Leben zwischen Fabrikshalle und angeschlossenem Schlafsaal f&#252;hren.<br />
&#220;ber Lebensbedingungen und Arbeitsk&#228;mpfe der LandarbeiterInnen in Almería (Andalusien) berichten <em>Lisa Bolyos</em> und <em>Dieter Behr</em> in einem Interview, die in der Solidarit&#228;tskampagne f&#252;r die LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Sindicato de Obrer@s del Campo) aktiv sind.<br />
Schlie&#223;lich zeigt <em>Stefan Probst</em>, dass Prekarisierung nichts Postmodernes ist. Sein kulturhistorischer Artikel entf&#252;hrt in die stinkenden Kloaken von London, Paris und Wien um die vorletzte Jahrhundertwende und rekonstruiert die Darstellungsformen urbanen Elends zwischen Ekel und Sensationslust.<br />
&#220;ber die politische Analyse des heutigen urbanen Elends von Mike Davis schreibt <em>Philipp Probst</em> in seinem Rezensionsfeature zu Planet der Slums.<br />
Die weiteren Rezensionen drehen sich um Rechtsextremismus und Neoliberalismus, elit&#228;re Hochschulpolitik, kontroverse Wettervorhersagen und den sechsmonatigen Streik bei Gate Gourmet.<br />
Die fotografische Gestaltung der Ausgabe hat wieder unser prek&#228;rer Kreativarbeiter <em>Reinhard Lang</em> &#252;bernommen, dessen Bilderserie die allt&#228;gliche Pr&#228;senz manueller Lohnarbeit vor Augen f&#252;hrt. Zuletzt noch ein Hinweis auf unsere neue Homepage: <em>www.perspektiven-online.at</em> wartet auf deinen Klick. Dort kannst du die bisherigen gesammelten Perspektiven-Werke ebenso finden wie ein Abonnement f&#252;r die zuk&#252;nftige Gesamtausgabe bestellen.</p>
<p>Viel Spa&#223; beim Lesen und Diskutieren w&#252;nscht<br />
<em>Eure Perspektiven-Redaktion</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Ernste Allgemeine Verunsicherung auf Europatournee</title>
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		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/12/07/ernste-allgemeine-verunsicherung-auf-europatournee/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 14:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse m&#252;ssen stets aufs Neue politisch durchgesetzt werden. Wie die EU-Kommission als Motor der Zwangsflexibilisierung und sozialen Verunsicherung wirkt, zeigen <em>Mario Becksteiner</em> und <em>Florian Reiter</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse m&#252;ssen stets aufs Neue politisch durchgesetzt werden. Wie die EU-Kommission als Motor der Zwangsflexibilisierung und sozialen Verunsicherung wirkt, zeigen <em>Mario Becksteiner</em> und <em>Florian Reiter</em>.</p>
<p><span id="more-11"></span></p>
<p>Laut nationalen Statistiken waren im Jahr 2004 16 Prozent der Bev&#246;lkerung in der Europ&#228;ischen Union von Armut bedroht. In Zahlen hei&#223;t das: 72 Millionen Menschen mussten von weniger als 60 Prozent des jeweiligen nationalen mittleren &#196;quivalenzeinkommens leben. Auch die Integration in den Arbeitsmarkt ist heute keine Garantie mehr, nicht von Armut bedroht zu sein: in der EU leben heute fast doppelt so viele arme Menschen, die einen Job haben (ca. 14 Millionen), als Arbeitslose, die laut Statistik arm sind (ca. 7 Millionen).<br />
Dieser Trend kehrte sich in den Jahren 2005 und 2006, trotz verbesserter Wirtschaftslage, nicht um.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sind diese Daten der Europ&#228;ischen Memorandum Gruppe f&#252;r sich schon alarmierend, so stellen sie sich noch drastischer dar, wenn man die Ursachen dieser Entwicklung betrachtet. Nicht etwa gro&#223;e wirtschaftliche Einbr&#252;che sind deren Ausl&#246;ser, sondern die permanente Umformung der Arbeitsverh&#228;ltnisse in der Europ&#228;ischen Union. Die so genannten „Reformen“ der Arbeitsm&#228;rkte und Strukturanpassungsprogramme, in den neuen Mitgliedsstaaten wie in den alten, haben zu einem massiven Trend in Richtung Ausweitung von Niedriglohnsegmenten, unfreiwilliger Teilzeitarbeit, geringf&#252;giger Besch&#228;ftigung und damit prek&#228;ren Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen gef&#252;hrt.<br />
Die Deregulierung der Arbeitsm&#228;rkte, umfassende Privatisierung vormals &#246;ffentlicher Sektoren und die permanente Zur&#252;cknahme von Sozialleistungen bei gleichzeitiger Versch&#228;rfung von Zumutbarkeitsbestimmungen dr&#228;ngen nicht nur Leute in Armut, die keinen Job haben, sondern produzieren auch immer mehr so genannte „Working Poor“. Dieser umfassende Trend wird seit einigen Jahren mit dem Begriff der Prekarisierung umschrieben. In unserem Artikel wollen wir uns damit besch&#228;ftigen, welche Rolle die Europ&#228;ische Union in diesem Prozess der Prekarisierung von Lebensumst&#228;nden gro&#223;er Teile der europ&#228;ischen Bev&#246;lkerung spielt.</p>
<h3>Zonen der Prekarisierung</h3>
<p>Zun&#228;chst einige Erl&#228;uterungen zum Begriff Prekarisierung. Wir verstehen darunter eine allgemeine Verunsicherung, die sich zwar zentral auf Arbeitsverh&#228;ltnisse bezieht, dar&#252;ber hinaus aber auch noch andere Dimensionen umfasst. Die Ausgestaltung von Arbeitsverh&#228;ltnissen ist in einer kapitalistischen Gesellschaft zwar zentraler Bezugspunkt gesellschaftlicher Integration, doch ist sie nicht der einzige. In einem integralen Verst&#228;ndnis m&#252;ssen ebenso Dimensionen wie Wohnsituation, soziale Netzwerke, Teilhabe am &#246;ffentlichen Leben und Zugang zu Wissen oder gesellschaftlichen „skills„ beachtet werden. Wenn der Zugang zu einer dieser Dimensionen verwehrt bleibt, besteht die Gefahr, in einem sich selbst verst&#228;rkenden Prozess der Ausgrenzung und Verunsicherung zu geraten. Generell kann festgestellt werden, dass sich das Ph&#228;nomen Prekarisierung heute &#252;ber breite Gesellschaftsschichten erstreckt, sich allerdings unterschiedlich auswirkt. Anschlie&#223;end an Klaus D&#246;rre k&#246;nnen drei „Zonen“ der Prekarisierung ausgemacht werden.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
1. „Zone der Integration“: Die gr&#246;&#223;te Anzahl der Besch&#228;ftigten in der EU lebt heute noch immer in festen Anstellungsverh&#228;ltnissen. Diese Bereiche zeichnen sich durch eine relative Arbeitsplatzsicherheit aus, obwohl stets ein Gef&#228;hrdungspotential auch f&#252;r diese Besch&#228;ftigten besteht – etwa durch Outsourcing oder den vermehrten Einsatz von Leiharbeit in gro&#223;en Industriebetrieben. In Zahlen gegossen bedeutet das: im Jahr 2005 hatten 14,2 Prozent der ArbeitnehmerInnen in der EU befristete Arbeitsvertr&#228;ge, 18 Prozent waren teilzeitbesch&#228;ftigt und 15,9 Prozent waren Selbstst&#228;ndige, die ebenfalls massiv von Prekarisierung betroffen sind. Dieses Drohpotential ist st&#228;ndig pr&#228;sent. Besonders betroffen sind dabei ArbeitnehmerInnen &#252;ber 45 Jahre, die bei einem Jobverlust nur in den seltensten F&#228;llen eine gleichwertige Anstellung finden. Diese permanente Gef&#228;hrdung f&#252;hrt zu einer Disziplinierung der ArbeitnehmerInnen und deren Vertretungen etwa im Bereich der Lohnabschl&#252;sse.<br />
2. „Zone der Prekarit&#228;t“: Unsichere Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und nur schwach ausgebildete soziale Absicherung sind die Kennzeichen dieser Lebensumst&#228;nde. Der Horizont der Lebensplanung verengt sich oft auf Wochen oder Tage, da st&#228;ndig Arbeitslosigkeit oder Einkommensverlust droht. Genaue Zahlen &#252;ber das Ausma&#223; dieser Zone gibt es kaum, da sich Prekarisierungstendenzen genauso in formal gesicherten Arbeitsverh&#228;ltnissen durchsetzen k&#246;nnen und Besch&#228;ftigungsstatistiken viele Menschen nicht erfassen, die zum Beispiel noch nie in einem Arbeitsverh&#228;ltnis waren, von Schwarzarbeit leben oder sich in prek&#228;ren Ausbildungsverh&#228;ltnissen befinden. Sch&#228;tzungen zu Folge ist bereits jede/r dritte ArbeitnehmerIn Teil dieser „Zone der Prekarit&#228;t“.<br />
3. „Zone der Entkopplung“: Das untere Ende stellt die Zone der vollkommen Entkoppelten dar. Sie fallen aus jeglicher Art der Lohnarbeit heraus und sind aus regierungspolitischer Sicht nur noch mit der Kategorie der Armutsbek&#228;mpfung zu fassen. Dabei nimmt diese Zone der Entkoppelten, im Sinne einer neoliberalen Gesellschaftsentwicklung, eine wichtige Funktion in der Disziplinierung der anderen beiden Zonen ein. Sie dient als negative Referenzfolie, die als Drohpotential aufrechterhalten wird und deren Inszenierung sich dabei nicht nur auf die Arbeitsverh&#228;ltnisse bezieht, sondern, in einem umfassenden Sinn, kulturell und gesellschaftlich wirkt und ein „Anderes“ inmitten unserer Gesellschaft konstruiert. Der damit aufgebaute Konformit&#228;tsdruck hilft auch, die kritische Hinterfragung gesellschaftlicher Umst&#228;nde zu verhindern und statt dessen die Unsicherheit und Unzufriedenheit auf stigmatisierte Bev&#246;lkerungsgruppen umzulenken. Nicht &#252;berraschend ist, dass sich in der „Zone der Entkopplung“ viele Menschen mit migrantischem Hintergrund befinden.</p>
<h3>Sozialpolitik im Dienste des Standortwettbewerbs</h3>
<p>Diese be&#228;ngstigenden Ver&#228;nderungen sind Ergebnis einer Politik, die sich nicht zuletzt durch die Deregulierungsstrategie der EU und im Besonderen der EU-Kommission in ganz Europa durchgesetzt hat. Sozialpolitik im engeren Sinn spielte auf Ebene der Europ&#228;ischen Union bis in die neunziger Jahre nur eine untergeordnete Rolle. Wenn, war sie Nebenprodukt der &#246;konomischen Integration, sozial- wie auch besch&#228;ftigungspolitische Kompetenzen waren in den Mitgliedsl&#228;ndern angesiedelt. Erstmals setzte der sozialdemokratische Kommissionspr&#228;sident Jacques Delors im Jahr 1993 das Thema Soziales auf die Agenda der EU. Die Besonderheit war, dass die EU auf diesem Gebiet eigentlich in keiner Weise gesetzgeberische Kompetenz besa&#223;. Warum es f&#252;r die Kommission trotzdem notwendig war, diese Fragen zu behandeln, hatte mehrere Gr&#252;nde. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit im EU-Raum mehrte die Stimmen, die grunds&#228;tzlich den eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Union in Frage stellten. Die Schieflage in Richtung neoliberaler Vorstellungen generierte zunehmend Unmut, nicht nur auf Seiten der nationalen Regierungen, sondern auch auf Seiten der Gewerkschaften. Um den Prozess der Integration nicht zu gef&#228;hrden, wurde nach Wegen gesucht, wieder breitere Zustimmung f&#252;r das Projekt Integration zu bekommen. Unter dem sozialdemokratischen Kommissionspr&#228;sidenten wurde deshalb ein Wei&#223;buch „Wachstum, Wettbewerbsf&#228;higkeit und Besch&#228;ftigung“ ausgearbeitet. Die darin versammelten Vorschl&#228;ge trugen bereits den Stempel einer Programmatik, die Sozialpolitik in die Dienste der Wettbewerbsf&#228;higkeit stellte. Karl Aiginger vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo vermutet, dass die zentralen Ideen aller sozialpolitischen Ma&#223;nahmen, die auf EU-Ebene vorgeschlagen werden, von einer Doktrin getragen werden, die sich innerhalb der OECD unter der Bezeichnung Pariser Konsens entwickelt hat. „Der Pariser Consensus enth&#228;lt vier Elemente: Handelsliberalisierung, Strukturreformen [&#252;bersetzt: Flexibilisierung und Privatisierung, M.B.], Fiskalische Disziplin und Inflationsbek&#228;mpfung (als zentrale Priorit&#228;t der Geldpolitik).“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Dieses strikte Korsett, das sich am deutlichsten in den rigiden Auflagen der Stabilit&#228;tskriterien auswirkt, erlegt bis heute der Sozialpolitik auf europ&#228;ischer Ebene Restriktionen auf. Innerhalb dieses Rahmens versucht die EU nun, die Sozialpolitiken der Mitgliedsl&#228;nder auf Wettbewerbsf&#228;higkeit zu trimmen.</p>
<h3>Lissabon und die Methode der Offenen Koordinierung</h3>
<p>Um im Sinne dieser Vorgaben einen koordinierten Umbau der Sozialsysteme in den Mitgliedsl&#228;ndern zu erreichen, musste die Union erst ein geeignetes Verfahren entwickeln, mit dem sie, trotz gegen null gehender gesetzgeberischer Kompetenz, Einfluss aus&#252;ben konnte. Im Zuge der Entwicklung einer „Europ&#228;ischen Besch&#228;ftigungsstrategie“ wurde daher das politische Werkzeug der „Methode der offenen Koordinierung“ (MOK) entwickelt. Diese kann als ein Set von politischen Praktiken charakterisiert werden, in dem die Kommission die Rolle einer Erzieherin im Sinne der Wettbewerbslogik &#252;bernimmt. Dabei werden unter Ber&#252;cksichtigung verschiedener Parameter nationale Besch&#228;ftigungs- und Sozialpolitiken beurteilt. Gute Praktiken werden von der Kommission gelobt, schlechte nationale Politiken getadelt. Dieses „naming and shaming“ f&#252;hrt zu einem Wettbewerb zwischen den Staaten, die besten Programme f&#252;r Flexibilisierung und Deregulierung zu entwickeln. Auf Basis der verglichenen nationalen Programme gibt es dann von der Kommission Empfehlungen an die Mitgliedsl&#228;nder, Politiken zu &#252;bernehmen oder nicht wettbewerbskonforme Strukturen zu beseitigen. Die MOK f&#252;hrt so zu einer Regimekonkurrenz, in der sich die Mitgliedsstaaten in ihrer Deregulierungswut gegenseitig zu &#252;berbieten suchen.</p>
<p>Ihr bisher breitestes Anwendungsgebiet fand die MOK in der Lissabon-Strategie. Diese wurde auf einem europ&#228;ischen Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs im Jahr 2000 beschlossen. Ziel war es, mit Hilfe einer umfassenden Agenda Europa bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Dieses programmatische Ziel wirkt heute auf vielen Ebenen der nationalstaatlichen Politik der Mitgliedsl&#228;nder. Allerdings muss betont werden, dass die Lissabon-Strategie tats&#228;chlich nur ein Set von Zielsetzungen darstellt und keine ausformulierte Strategie ist, die politische Programme im Wortlaut festlegt. Durch die Kopplung an die MOK wird sie „zu einem permanenten Sch&#246;nheitswettbewerb in Form von Ranglisten„<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dabei wird im Bereich der Arbeitsmarktpolitik verst&#228;rkt der Trend zu einer angebotsseitigen Politikgestaltung durchgesetzt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Viele Ziele, die in der Lissabon Strategie angek&#252;ndigt wurden, konnten bis heute in nur sehr beschr&#228;nktem Umfang umgesetzt werden. Zentrale Zielsetzungen im Bereich des Wachstums und der Besch&#228;ftigung wurden weit verfehlt. Anl&#228;sslich des drohenden Scheiterns der Lissabon-Strategie wurde der ehemalige niederl&#228;ndische Ministerpr&#228;sident Wim Kok damit beauftragt, Berichte vorzulegen, um die Probleme in der Umsetzung zu lokalisieren. Die Berichte bedauerten zwar die nicht erreichten Ziele, doch wurde als L&#246;sung eigentlich nur mehr von den alten Rezepten vorgeschlagen. Der Kok-Bericht wiederholte „in stereotyper Form die Appelle zur ‚Steigerung der Wettbewerbsf&#228;higkeit’ durch Kostensenkung„<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>.</p>
<h3>Flexicurity als Best Practice</h3>
<p>Auch in besch&#228;ftigungspolitischer Hinsicht kommt der Lissabon-Strategie gro&#223;e Bedeutung zu. In den integrierten Leitlinien f&#252;r Besch&#228;ftigung und Wachstum werden die Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, Flexibilit&#228;t und Besch&#228;ftigungssicherheit in ein ausgewogenes Verh&#228;ltnis zu bringen und die Segmentierung der Arbeitsm&#228;rkte zu verringern. Unter dem Schlagwort Flexicurity kommt so eine Best-Practice-Politik zur Anwendung, die weitreichende Folgen f&#252;r die Besch&#228;ftigten in Europa mit sich bringt und die Prekarisierung der europ&#228;ischen Lohnabh&#228;ngigen weiter vorantreibt. In Anlehnung an den Sozialwissenschafter Ton Wilthagen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> gibt die Kommmission folgende Definition von Flexicurity: „Flexicurity l&#228;sst sich definieren als integrierte Strategie zur gleichzeitigen St&#228;rkung von Flexibilit&#228;t und Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>8</sup></a> Zur Konzipierung und Umsetzung von Flexicurity-Ma&#223;nahmen schl&#228;gt die Kommission vier Komponenten vor, bei deren Ausarbeitung die <em>European Expert Group on Flexicurity</em><a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>9</sup></a> eine wichtige Rolle spielte:<br />
„1. Flexible und zuverl&#228;ssige vertragliche Vereinbarungen durch moderne Arbeitsgesetze, Kollektivvereinbarungen und Formen der Arbeitsorganisation<br />
2. Umfassende Strategien des lebenslangen Lernens, durch die sich die st&#228;ndige Anpassungsf&#228;higkeit und Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit der Arbeitnehmer gew&#228;hrleisten lassen, insbesondere der am meisten gef&#228;hrdeten<br />
3. Wirksame aktive arbeitsmarktpolitische Ma&#223;nahmen, die Menschen tats&#228;chlich dazu verhelfen, den raschen Wandel zu bew&#228;ltigen, die Zeiten der Arbeitslosigkeit verk&#252;rzen und &#220;berg&#228;nge zu neuen Arbeitsverh&#228;ltnissen erleichtern<br />
4. Moderne Systeme der sozialen Sicherheit, die eine angemessene Einkommenssicherung bieten, die Besch&#228;ftigung f&#246;rdern und die Arbeitsmarktmobilit&#228;t erleichtern. Dazu geh&#246;rt eine umfassende Abdeckung durch Sozialschutzleistungen (Leistungen bei Arbeitslosigkeit, Renten und Gesundheitsf&#252;rsorge), die den Menschen dazu verhelfen, einen Beruf mit privaten und famili&#228;ren Aufgaben zu verbinden, wie zum Beispiel der Kinderbetreuung.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Von Seiten der Kommission wird die angeblich entstehende <em>win-win Situation</em> zwischen ArbeiterInnen und UnternehmerInnen betont, die durch Flexicurity-Ma&#223;nahmen entstehen sollte. Es wird argumentiert, dass auch ArbeiterInnen, ein Flexibilit&#228;tsbed&#252;rfnis haben, n&#228;mlich um berufliche und private Verantwortlichkeiten vereinbaren zu k&#246;nnen. Die Erf&#252;llung dieser Verantwortungen soll nun also nicht durch soziale Sicherung gew&#228;hrleistet werden, sondern durch Flexibilit&#228;t. Flexibilit&#228;t, die ein reales Bed&#252;rfnis der Lohnabh&#228;ngigen darstellt, wird hier in den Dienst der Wettbewerbsf&#228;higkeit gestellt und somit den Kapitalinteressen untergeordnet. Sicherheit wird andererseits nicht (nur) als Schutz vor Arbeitsplatzverlust und dem Schutz vor dem Zwang zur Annahme von nicht existenzsichernd, sozialrechtlich nicht ausreichend abgesicherten Arbeitsverh&#228;ltnissen verstanden, sondern als Mittel, um die Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit (d.h. die Anpassung der ArbeiterInnen an die „Bed&#252;rfnisse“ des Marktes) der ArbeiterInnen herzustellen und auszubauen. An selber Stelle kommt zum Ausdruck, was die Kommission unter Sicherheit vor allem versteht: Sicherheit herstellen, dass Unternehmen ihre Marktpositionen halten bzw. ausbauen k&#246;nnen und die Loyalit&#228;t ihrer Arbeitskr&#228;fte intakt bleibt. Das Ziel dieser Politik ist, den Wunsch der ArbeitnehmerInnen nach flexibler Lebensgestaltung auf die Bed&#252;rfnisse des Wettbewerbs auszurichten. „Die neoliberale Ideologieproduktion ist dabei das organisierende Element des gesellschaftlichen Umbaus und kann sich eben auch auf aktive und passive Zustimmung st&#252;tzen, weil er die Interessen subordinierter Gruppen aufnimmt, ihre Ziele allerdings <em>ver-r&#252;ckt</em>.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Anhand der vier von der Kommission und der <em>European Expert Group on Flexicurity</em> ausgearbeiteten Grundkomponenten von Flexicurityma&#223;nahmen l&#228;sst sich zeigen, wie das zurzeit forcierte <em>Best-Practice</em>-Modell Flexicurity sich negativ auf die soziale Sicherheit der ArbeitnehmerInnen auswirkt und somit der Prozess der Prekarisierung weiter vorangetrieben wird.</p>
<p><em>„Flexible and secure contractual arrangements and work organisations“</em><br />
Angesichts der, bereits mehrfach erw&#228;hnten, steigenden Zahl von prek&#228;r besch&#228;ftigten Personen klingt die Forderung nach einer <em>weiteren Flexibilisierung von arbeitsvertraglichen Arrangements</em> wie blanker Hohn. Es ist genau diese Deregulierungspolitik, die f&#252;r die Entstehung und Ausweitung der, eingangs beschriebenen, Kernzone des Prekariats verantwortlich ist. Der arbeits- und sozialrechtliche Schutz der ArbeiterInnen wird den Flexibilisierungsbed&#252;rfnissen der Unternehmer im Konkurrenzkampf um Marktanteile geopfert. Die steigende Zahl prek&#228;r Besch&#228;ftigter wirkt f&#252;r die festangestellte Stammbelegschaft als st&#228;ndige Mahnung und Erinnerung an die Ersetzbarkeit ihrer Arbeitskraft. Auch wenn LeiharbeiterInnen und befristet Besch&#228;ftigte quantitativ nur eine kleine Minderheit im Betrieb darstellen, wirkt ihre Anwesenheit auch auf gro&#223;e, gewerkschaftlich gut organisierte Belegschaften disziplinierend. Die Anwesenheit von prek&#228;r Besch&#228;ftigten verdeutlicht den Menschen in „Normalarbeitsverh&#228;ltnissen“, dass ihre Arbeit bei gleicher Qualit&#228;t auch von Personal bew&#228;ltigt werden kann, das f&#252;r die Aus&#252;bung dieser T&#228;tigkeit Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, die in der Stammbelegschaft kaum akzeptiert w&#252;rden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a></p>
<p><em>„Effective active Labour Market Policies (ALMPs)“</em><br />
Wirksame aktive Arbeitsmarktpolitiken sollten in diesem Modell den Menschen dabei helfen, den raschen Wandel zu bew&#228;ltigen, die Zeiten der Arbeitslosigkeit verk&#252;rzen und &#220;berg&#228;nge zu neuen Arbeitsverh&#228;ltnissen erleichtern. Durch die Betonung der Rolle der aktiven Arbeitsmarktpolitik spiegelt sich auch hier der Fokus auf die Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit (<em>employability</em>) in der europ&#228;ischen Besch&#228;ftgungsstrategie wider. Die Verantwortung f&#252;r Arbeitslosigkeit wird von der Gesellschaft weg auf das Individuum hin &#252;bertragen. Die Folge sind arbeitsmarktpolitische Ma&#223;nahmen, die leicht den Blick f&#252;r die Ursachen von Arbeitslosigkeit verstellen k&#246;nnen, da diese zumeist nicht im individuellen Einflussbereich liegen und Individuen mit deren Bew&#228;ltigung &#252;berfordert sind.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Jede/r von uns sei selbst daf&#252;r verantwortlich, f&#252;r ein ausgeglichenes Portfolio an F&#228;higkeiten zu sorgen, um den Bed&#252;rfnissen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden.<br />
Bei dem angestrebten ausgeglichenen Mix von <em>Fordern und F&#246;rdern</em> der Erwerbsarbeitslosen ist in der konkreten Umsetzung eine deutliche Schieflage zugunsten der Instrumente des <em>Forderns</em> festzustellen. Dies f&#252;hrt in der Praxis zu einer Reproduktion ungleicher Arbeitsmarktchancen und -risiken. Insgesamt wirkt die aktivierende Arbeitsmarktpolitik auf eine Privatisierung der Verantwortung f&#252;r Arbeitsmarkterfolg und -versagen hin.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><br />
Mit dem Aspekt des F&#246;rderns, ergibt sich eine starke Verflechtung mit der n&#228;chsten Komponente der Flexicurity-Ma&#223;nahmen: dem verl&#228;sslichen Life-Long-Learning System:</p>
<p><em>„Reliable and responsive lifelong learning (LLL) systems“</em><br />
Allgemein erfahren bildungspolitische Konzepte in zunehmendem Ausma&#223; ihre Legitimation durch den m&#246;glichen Output, d.h. durch ihre vermeintlichen arbeitsmarktpolitischen Verwertungsm&#246;glichkeiten. Legitimation f&#252;r bildungspolitische Konzepte wird also durch ihren Beitrag zur Standortsicherung im globalen Wettbewerb erreicht. In der Konsequenz sind die Bildungsprozesse daher auf die „Wissensproduktion basierende &#214;konomie„ auszurichten. Das Konkurrenzprinzip des Wettbewerbs zwischen freien – sprich privatisierten – BildungsanbieterInnen soll diese marktkonforme Zurichtung der Bildung gew&#228;hrleisten.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Dabei wird aber au&#223;er Acht gelassen, dass dieses scheinbar „freie Spiel der Kr&#228;fte von Angebot und Nachfrage„ auf einem „Markt f&#252;r Qualifikationen“ klassenspezifisch ungleiche Zugangschancen verst&#228;rkt und neu fixiert.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Es ist zwar ein quantitativer Anstieg der Aus- und Weiterbildung festzustellen (z.B.: in Deutschland von 23% in 1979 auf 48% in 1997), aber es l&#228;sst sich zeigen, dass sich insbesondere bereits privilegierte Berufsgruppen mit hohem sozialen Status durch die Nutzung von Fortbildungsangeboten weitere Vorteile auf dem Erwerbsmarkt sichern.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> W&#228;hrend 96% der Hochqualifizierten und leitenden Angestellten an Fort- und Weiterbildungsprogrammen teilnehmen, sind dies nur 53% der FacharbeiterInnen und &#252;berhaupt nur 26% der ungelernten ArbeiterInnen. Man kann in diesem Zusammenhang von einer doppelten Selektivit&#228;t der Weiterbildung sprechen. Mit h&#246;herer Schulbildung, h&#246;herem Einkommen und regionaler Verortung (Zentrum/Peripherie) steigt die Wahrscheinlichkeit an Weiterbildungsprogrammen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Der Plan der Kommission, dass insbesondere die <em>am meisten gef&#228;hrdeten Arbeitsmarktgruppen</em> von Fort- und Weiterbildung profitieren sollten, klingt vor dem dargestellten Hintergrund eher wie der Wunsch ans Christkind. Doch selbst wenn ein sozial gerechter Zugang zu Weiterbildungsma&#223;nahmen gew&#228;hrleistet w&#228;re, br&#228;chte die LLL-Strategie trotzdem eine Ausweitung der Prekarisierung mit sich. Auch hier wird das Risiko der Erwerbsarbeitslosigkeit privatisiert und die M&#246;glichkeit, einen Arbeitsplatz zu finden, noch st&#228;rker in den Bereich der individuellen Verantwortung verschoben. Pers&#246;nliches Engagement sei f&#252;r den Erfolg am Arbeitsmarkt entscheidend, w&#228;hrend strukturelle Probleme und gesellschaftliche Verantwortung ausgeklammert werden.</p>
<p><em>„Modern social security systems“</em><br />
Die letzte der vier Komponenten behandelt die <em>Modernisierung der Systeme der sozialen Sicherung</em>. Diese Systeme sollen eine <em>angemessene Einkommenssicherung</em> bieten, <em>Besch&#228;ftigung f&#246;rdern</em> und die <em>Arbeitsmarktmobilit&#228;t</em> erh&#246;hen. Diese Sichtweise der Dinge f&#252;hrt dazu, dass die Systeme der sozialen Sicherung zu einem Vehikel der europ&#228;ischen Wettbewerbsf&#228;higkeit werden. Wenn die Systeme der sozialen Sicherung eine angemessene Einkommenssicherung im Falle von Krankheit, Erwerbsarbeitslosigkeit und Alter liefern sollen, wer bestimmt dann die „angemessene“ H&#246;he der Einkommenssicherung? Angesichts des immer &#246;fter nicht armutsfesten Niveaus von Sozialleistungen und dem auch empirisch best&#228;tigten Trend zum Absenken der Lohnersatzleistungen bei Erwerbsarbeitslosigkeit liegt die Vermutung nahe, dass die zweite in diesem Punkt enthaltene Forderung der Kommission das zentrale Motiv darstellt: mit Hilfe der Sozialsicherungssysteme soll Besch&#228;ftigung <em>gef&#246;rdert</em> und die <em>Arbeitsmarktmobilit&#228;t erh&#246;ht</em> werden. Das immer weitere Absenken der Zumutbarkeitskriterien f&#252;r die Annahme einer Arbeitsstelle und der damit verst&#228;rkte Arbeitszwang oder die nicht armutsfesten Lohnersatzleistungen der Arbeitslosenversicherung, speziell bei zuvor geringem Einkommen, entsprechen dann dieser Sichtweise in der konkreten Politikgestaltung der Mitgliedsstaaten.</p>
<h3>Flexicurity als Marketingkonzept</h3>
<p>Unter der <em>Modernisierung der Systeme der sozialen Sicherung</em> wird somit nicht mehr der Ausbau sozialer Rechte der Lohnabh&#228;ngigen verstanden, sondern die Ma&#223;nahmen stellen Investition dar. Diese Sichtweise von Sozialpolitik zielt also nicht mehr darauf ab, unsoziale Ergebnisse des Marktes zu korrigieren oder Marktlogiken gar aufzuheben, sondern Sozialpolitik wird so selbst ein Element des Marktes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Der sp&#228;tere Vorsitzende der European Expert Group on Flexicurity, Ton Wilthagen, warnte selbst, dass: „ die m&#246;glicherweise h&#246;chst ideologische Anwendung von Konzepten wie ‚flexicurity’ nicht ignoriert werden sollten. Es k&#246;nnte sein, dass der ‚(se)curity’-Teil von ‚flexicurity’ nur die Message weiterer Flexibilisierung und Deregulierung im Interesse gewisser sozio-politischer Interessensgruppen verkauft. Daher ist die Einsch&#228;tzung von Arbeitsmarkt- und Besch&#228;ftigungsstrategien und Politiken wie den ‚flexicurity’-Strategien am Ende des Tages eine empirische Frage und unterliegt deshalb einer empirischen (bevorzugt multidisziplin&#228;ren) Forschung.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Mit der Arbeit von Tangian liegen nun – vielleicht noch nicht ganz am Ende des Tages – empirische Befunde vor.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> Diese Ergebnisse zeigen ganz eindeutig, dass, entgegen politischer Versprechungen und theoretischer Betrachtungen, die Deregulierung der europ&#228;ischen Arbeitsm&#228;rkte absolut dominiert. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Flexicurity-Strategie zur gleichzeitigen St&#228;rkung von Flexibilit&#228;t und Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt mehr einem politischen Marketingkonzept entspricht, als einer wirklichen Verbesserung der Lebensbedingungen der europ&#228;ischen Bev&#246;lkerung.</p>
<h3>Gewerkschaften als „Hans im Gl&#252;ck“</h3>
<p>Aus der Perspektive der Gewerkschaften und der ArbeitnehmerInnen kann die Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsbeziehungen kaum durch die „Verbesserung der Sozialsysteme“ kompensiert werden, vielmehr f&#252;hrt sie zur Aufgabe von Arbeitsrechten zu Gunsten von (ungewissen) „sozialen Vorteilen“. Trotzdem sind die Gewerkschaften bem&#252;ht, ihren Mitgliedern jede weitere Verschlechterung als mehr oder weniger gerechten Kompromiss zu verkaufen, der den UnternehmerInnen abgerungen werden konnte. Der „Erfolg„ dieser Aushandlungsprozesse ist an Argumente der Standortsicherung und der Wettbewerbsf&#228;higkeit gekoppelt und ist dar&#252;ber hinaus abh&#228;ngig vom „guten Gang der Gesch&#228;fte„. Die Sache kann sich so verhalten wie in dem M&#228;rchen „Hans im Gl&#252;ck“, der zuerst einen Goldklumpen von seinem Arbeitgeber erh&#228;lt, den er dann gegen ein Pferd tauscht, dieses gegen eine Kuh und so fort, bis er am Ende nur mehr einen Schleifstein hat, der ihm beim Wassertrinken in einen Brunnen f&#228;llt und er im Endeffekt mit leeren H&#228;nden nach Hause kommt.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Im Konzept der Flexicurity scheinen die Gewerkschaften ein Gut (Arbeitsrechte) gegen ein anderes (soziale Sicherheit) zu tauschen, und letztlich stehen ArbeiterInnen ohne beides da.</p>
<h3>Durchsetzung des Markts</h3>
<p>Tangian stellt in seiner empirischen Studie einen R&#252;ckgang der sozialen Sicherheit in Europa fest. Dieses Ergebnis korrespondiert mit den Betrachtungen zur Prekarisierung der europ&#228;ischen ArbeiterInnen. Die Erkl&#228;rung daf&#252;r sind l&#228;ngere Perioden von Arbeitslosigkeit und k&#252;rzere Phasen der Besch&#228;ftigung, welche ArbeiterInnen von hohen Sozialleistungen ausschlie&#223;en. Es handelt sich dabei um Folgen der Flexibilisierung der Arbeitsrechte und -beziehungen. Der Kern dieser Strategie ist die umfassende Umgestaltung der Wohlfahrtssysteme unter Einbeziehung der Arbeitsm&#228;rkte. Der Arbeitsmarkt, wie alle anderen M&#228;rkte, ist kein naturw&#252;chsiges Geflecht von Beziehungen, sondern bedarf der politischen Durchsetzung. Auf die Gestaltung dieses Marktes hat insbesondere die EU gro&#223;en Einfluss. Durch die Lissabon-Strategie und die Methode der offenen Koordinierung wird ein immer st&#228;rker Zug in Richtung Deregulierung erzeugt, ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften werden im besten Falle in die Rolle des Juniorpartners bei arbeitsmarktrelevanten Entscheidungen gedr&#228;ngt. Diese strukturelle Benachteiligung erlaubt es den m&#228;chtigen Kapitalinteressen immer besser, deregulierte Arbeitsm&#228;rkte und prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse als den einzigen Ausweg im globalen Wettbewerb darzustellen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Etxezarreta, Miren et al.: Euro Memo 2005, Hamburg 2006; dies.: Euro Memo 2006, Hamburg 2007<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  D&#246;rre, Klaus: Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft – Ursache einer rechtspopulistischen Unterstr&#246;mung?, in: Bathke, Peter/Susanne Spindler (Hg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenh&#228;nge – Widerspr&#252;che – Gegenstrategien, Berlin 2006, 153-165: 154<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Aiginger, Karl: Das europ&#228;ische Modell zwischen Stagnation, Pariser Konsens und proaktiver Reformpolitik, in: Leutner, Richard (Hg.) Grundlagen eines europ&#228;ischen Sozialmodells aus Arbeitnehmerperspektive, Wien 2007, 21-57:  39<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Chaloupek, G&#252;nther: Jenseits der Lissabon-Strategie. Alternativen und Handlungsspielr&#228;ume f&#252;r die Besch&#228;ftigungspolitik in Europa, in: Leutner: Grundlagen eines europ&#228;ischen Sozialmodells, a.a.O., 57-75: 64<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Nachfrageseitige Arbeitsmarktpolitik bedeutet, die Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften zum Beispiel &#252;ber &#246;ffentliche Investitionen zu steigern. Durch das enge Korsett der Europ&#228;ischen W&#228;hrungspolitik und die Konvergenzkriterien f&#252;r den Euro ist dieser Spielraum f&#252;r die Mitgliedsl&#228;nder aber enorm eingeschr&#228;nkt, au&#223;erdem wurde mit der Schaffung der EZB und ihrer marktradikalen Ausrichtung den Staaten jegliche M&#246;glichkeit genommen, &#252;ber die W&#228;hrungspolitik Einfluss auf die Besch&#228;ftigungslage auszu&#252;ben.<br />
Angebotsseitige Arbeitsmarktpolitik wiederum bedeutet, die TeilnehmerInnen am Arbeitsmarkt m&#252;ssen sich den Erfordernissen des Marktes anpassen. Der Markt an sich funktioniert, nur die ArbeitnehmerInnen, die auf den Markt dr&#228;ngen, sind vielleicht nicht flexibel genug oder falsch qualifiziert. Bei dieser Sichtweise wird nicht der aktive Eingriff der Politik in den Markt favorisiert, sondern die zum Markt dysfunktionalen Indivduen m&#252;ssen sich &#228;ndern.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Chaloupek, G&#252;nther: Jenseits der Lissabon-Strategie, a.a.O.: 65<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Wilthagen, Ton/Franz Tros: The concept of „flexicurity“: a new approach to regulating employment and labour markets, in: transfer, 2/2004, 166-186<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Europ&#228;ische Kommission: Gemeinsame Grunds&#228;tze f&#252;r den Flexicurity-Ansatz herausarbeiten: Mehr und bessere Arbeitspl&#228;tze durch Flexibilit&#228;t und Sicherheit, Br&#252;ssel 2007: 5<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Die Expert Group wurde im Juli 2006 vom Directorate-General for Employment, Social Affairs and Equal Opportunities (DG EMPL) gegr&#252;ndet und besteht aus ExpertInnen, die auf Basis ihrer akademischen Erfahrungen ausgew&#228;hlt wurden. Zwei weitere ExpertInnen dienten als Ratgeber und wurden aufgrund ihrer Verbindung zu den Sozialpartnern ausgew&#228;hlt. Die Hauptaufgabe der Expert Group war die Sichtung der relevanten wissenschaftlichen Literatur und Praktiken in den Mitgliedsstaaten, um die Kommission bez&#252;glich der unterschiedlichen Ausgangslagen und m&#246;glicher Flexicurity-Pfade zu beraten.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  Europ&#228;ische Kommission: Gemeinsame Grunds&#228;tze, a.a.O.: 6<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Candeias, Mario: Leben im Neoliberalismus. Zwischen erweiterter Autonomie, Selbstvermarktung und Unterwerfung, in: Arrighi Giovanni et al.: Kapitalismus Reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie, Hamburg 2007, 305-327: 314<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>  Brinkmann, Ulrich et al.: Prek&#228;re Arbeit. Ursachen, Ausma&#223;, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse. Wirtschafts- und sozialpolitischen Forschungs- und Beratungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Abteilung Arbeit und Sozialpolitik, Bonn 2006: 61f<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>  vgl. Klammer, Ute / Leiber, Simone: Aktivierung und Eigenverantwortung in europ&#228;isch-vergleichender Perspektive, WSI Mitteilungen 09/2004, D&#252;sseldorf 2004<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>  vgl. Marquardsen, Kai: Was ist „Aktivierung“ in der Arbeitsmarktpolitik? WSI Mitteilungen 05/2007, D&#252;sseldorf 2007<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>  vgl. Kessl, Fabian/ Richter, Martina: Lebenslanges Lernen oder ununterbrochene Bildung? Eine symptomale Lekt&#252;re aktueller Bildungsprogrammatiken. in: Neue Praxis, Jg. 36, Nr. 2, 8f<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>  vgl. Faulstich, Peter / Zeuner, Christine: Erwachsenenbildung: eine handlungsorientierte Einf&#252;hrung in Theorie, Didaktik und Adressaten. Weinheim 1999<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>  Bolder, Axel/Hendrich, Wolfgang: Fremde Bildungswelten: Alternative Strategien lebenslangen Lernens, Opladen, 2000: 59<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>  Kessl, Fabian/ Richter, Martina: Lebenslanges Lernen, a.a.O.: 9f<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>  Vgl. Hofbauer, Ines: Das „Europ&#228;ische Sozialmodell“ als transnationales Modernisierungs- und Legitimationskonzept. In: Kurswechsel Nr. 1/2007, 38-47<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>  Wilhagen/Tros: The concept of „flexicurity“, a.a.O.: 171<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>  Tangian, Andranik: European flexicurity: concepts (operational definitions), methodology (monitoring instruments), and policies (consistent implementations). WSI-Diskussionspapier Nr. 148 der Hans-B&#246;ckler-Stiftung, D&#252;sseldorf 2006<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>  ebd.: 26</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus!</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 13:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[(Post-)Operaismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber „Koffertr&#228;ger, T&#252;raufhalter, Unterschergen, Schwundverwalter, Stimmungshochalter, Subp&#228;chter, Unterschergen, Wachhundw&#228;chter, Liftboys, Schuhputzer, Untertanm&#228;dchen, Subunternutzer, Zugeherinnen, Wachhundhalter, Parkplatzw&#228;chter, Steig&#252;berb&#252;gelhalter“<a href="#anm0" title="anm_0" name="anm_0"><sup>*</sup></a>, Toni Negri und seine Multitude.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber „Koffertr&#228;ger, T&#252;raufhalter, Unterschergen, Schwundverwalter, Stimmungshochalter, Subp&#228;chter, Unterschergen, Wachhundw&#228;chter, Liftboys, Schuhputzer, Untertanm&#228;dchen, Subunternutzer, Zugeherinnen, Wachhundhalter, Parkplatzw&#228;chter, Steig&#252;berb&#252;gelhalter“<a href="#anm0" title="anm_0" name="anm_0"><sup>*</sup></a>, Toni Negri und seine Multitude.</p>
<p><span id="more-10"></span></p>
<p>In dem Ma&#223;e, in dem sich die Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse immer mehr Menschen zu einer konsequent unsicheren, widerruflichen, flexiblen st&#228;ndigen Gegenwart wandeln – d. h. prekarisiert werden – steigt das Bed&#252;rfnis, sich einen theoretischen Begriff davon zu machen, was uns hier widerf&#228;hrt. Eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t sollte dabei zweierlei leisten: eine Analyse der aktuellen Formen und Mechanismen von Ausbeutung anbieten und die damit verkn&#252;pften M&#246;glichkeiten f&#252;r eine &#220;berwindung dieser Verh&#228;ltnisse ausloten. Den wahrscheinlich meist zelebrierten Versuch, diesen Anspr&#252;chen gerecht zu werden, stellen die Thesen von Michael Hardt und Toni Negri dar, die mit ihrem 2000 erschienenen Buch „Empire“, dem 2004 als eine Art Fortsetzung und Pr&#228;zisierung „Multitude“ folgte, einer breiten &#214;ffentlichkeit vorgelegt wurden<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Dass „Empire“ ein au&#223;ergew&#246;hnliches Werk ist, kann schon aus den &#252;berschw&#228;nglichen Huldigungen geschlossen werden, die aus allen Ecken und Enden dieser Welt (geographisch wie weltanschaulich) ert&#246;nten. Als „Marx und Engels des Internet-Zeitalters“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> h&#228;tten Hardt und Negri nicht weniger als ein „‚Kommunistisches Manifest’ f&#252;r unsere Zeit“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> vorgelegt.</p>
<h3>Multitude als Befreiungshoffnung</h3>
<p>Die provokanten und originellen Thesen von Hardt und Negri wurden alsbald nicht nur in Feuilletons und Seminarr&#228;umen debattiert, sondern dienen als politische Munition besonders jenen Teilen der sozialen Bewegungen, die sich der Interessen und K&#228;mpfe der Prekarisierten annehmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten Hardt und Negris ist also keineswegs eine rein akademische Angelegenheit; so berufen sich etwa im deutschsprachigen Raum AktivistInnen des „Euromayday“ oder in Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen auf das Konzept der „Multitude“. In diesem wird, wie wir sehen werden, versucht, die zwei Anspr&#252;che an kritische Theorie – eine ad&#228;quate Analyse der ausbeuterischen Gegenwart und die Auslotung der M&#246;glichkeiten der Befreiung von ihr – auf originelle Weise zu vereinen. Darin liegt die besondere Attraktivit&#228;t des Begriffs: Als Gegenentwurf zum angestaubten „Proletariat“ und seiner Versinnbildlichung durch den wei&#223;en, m&#228;nnlichen Industriearbeiter komplett mit Helm und Blaumann, wird hier versucht, der neuen Un&#252;bersichtlichkeit der Arbeitswelt im Zeitalter der Prekarisierung die Befreiung von der flexiblen, netzwerkf&#246;rmig organisierten „Vielheit“ der Multitude und ihrer K&#228;mpfe entgegen zu stellen. Durch die Aufl&#246;sung scheinbar obsolet gewordener Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Positioniertheiten werden nun endlich (wir) alle zum Subjekt der Befreiung. So sympathisch dieser Ansatz – gerade im Gegensatz zu bornierten Varianten des Marxismus, die sich der Anerkennung realer Ver&#228;nderungen schlicht verweigern – scheinen mag, so unhaltbar ist er letzten Endes in der von Hardt und Negri vorgeschlagenen Variante. Eine zutiefst problematische Geschichtsphilosophie und fehlerhafte politische Analysen machen die Theorie der Multitude, wie im Folgenden zu zeigen ist, zu einer theoretischen wie praktischen Sackgasse.</p>
<h3>Immaterielle Arbeit und Biopolitik</h3>
<p>Mit dem Begriff Multitude versuchen Hardt und Negri zun&#228;chst, die neuen Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse auf einen Begriff zu bringen, die sich mit dem Niedergang der fordistischen, auf der industriellen Massenproduktion beruhenden Entwicklungsweise etabliert haben und eine wie sie meinen vollkommen neue Form der Herrschaft und der Gesellschaft produzieren. So schreiben sie: „In unserer Zeit wandelt sich das gesamte Szenario der Arbeit und der Produktion […] unter der Hegemonie der immateriellen Arbeit“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> „Hegemonie“ hat hier nichts mit dem von Antonio Gramsci entwickelten Begriff zu tun<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, sondern bezeichnet eine bestimmte Form der Arbeit, die als hegemoniale Figur<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> „wie ein Strudel [wirkt], der nach und nach dazu f&#252;hrt, dass die anderen [Formen der Arbeit, Anm. B.O.] sich ver&#228;ndern und die Hauptmerkmale der vorherrschenden Form annehmen“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Das bedeutet nicht, dass eine hegemoniale Figur auch die quantitativ st&#228;rkste sein muss. Zu Marxens Zeiten stellte das Industrieproletariat eine vergleichsweise kleine soziale Klasse dar; er erkannte jedoch, so Hardt und Negri, eine Dynamik, die immer mehr „alte“ Formen der Arbeit der Logik des Industriekapitalismus unterwarf: „Als die Landwirtschaft im Sinne der Industrie modernisiert wurde, verwandelte sich die Farm oder der b&#228;uerliche Hof oder das Landgut zunehmend in eine Fabrik mit allen Aspekten industrieller Produktion wie Fabrikdisziplin, Lohnverh&#228;ltnis und technologischem Apparat“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Diese hegemoniale Stellung nimmt am Ende des 20. Jahrhunderts also eine Form von Arbeit ein, die als „immaterielle Arbeit“ bezeichnet wird und die das Paradigma der industriellen Produktion abl&#246;st. Damit ist in einem Sinne die nicht sonderlich originelle Erkenntnis gemeint, dass sich (zumindest in den hochentwickelten kapitalistischen Staaten des Nordens) der Schwerpunkt der Produktion auf den so genannten terti&#228;ren, also Dienstleistungssektor konzentriert. Dar&#252;ber hinaus identifizieren Hardt und Negri jedoch Charakteristika dieser neuen „hegemonialen“ Form der Arbeit, die weit &#252;ber diese Feststellung hinausreichen und folgenschwere Konsequenzen haben. Denn immaterielle Arbeit ist vor allem jene, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>. Dabei k&#246;nnen in einem ersten Schritt zwei Arten immaterieller Arbeit unterschieden werden: Erstens, Formen von Arbeit die „vor allem intellektuell und sprachlich“ sind, „also etwa das L&#246;sen von Problemen, der Umgang mit Symbolen, analytische Aufgaben und solche, die das sprachliche Ausdrucksverm&#246;gen fordern“. Die zweite Form produziert in erster Linie „Affekte wie Behagen, Befriedigung, Erregung oder Leidenschaft“ und wird daher „affektive Arbeit“ genannt.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Dies betrifft in erster Linie Branchen der Dienstleistung, in denen „gute Manieren“, intelligente KundInnenbetreuung und „Service with a smile“ zentrale Job-anforderungen sind, aber auch Pflegeberufe, p&#228;dagogische T&#228;tigkeiten oder die Kunstproduktion. Innerhalb der ersten Kategorie wird eine weiter Unterscheidung vorgenommen zwischen st&#228;rker kreativen und „intelligenten“ T&#228;tigkeiten einer- und durch Routine (etwa bei der Dateneingabe) gepr&#228;gten andererseits.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Dar&#252;ber hinaus &#252;berformt immaterielle Arbeit als hegemoniale Figur T&#228;tigkeiten in anderen Sektoren, wodurch die Industrieproduktion zunehmend wie ein Dienstleistungsunternehmen gehandhabt wird und „heute alle Produktion, indem sie informatisiert wird, zur Produktion, die auf Dienstleistungen beruht“ tendiert.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Diese Transformation birgt ungeahnte Konsequenzen. Denn was immaterielle und affektive Arbeit – im Gegensatz zur Flie&#223;bandarbeit des Fordismus – ausmacht, ist der zentrale Stellenwert, den Kommunikation, zwischenmenschliche Kontakte und Kooperation in ihr einnehmen. Daraus leiten Hardt und Negri ab, dass das, was hier eigentlich produziert wird, das gesellschaftliche Leben selbst ist: Wissen, Information, soziale Netzwerke, Formen der Zusammenarbeit, kommunikative Beziehungen ebenso wie unsere Subjektivit&#228;ten, unser Wohlbefinden und selbst unsere K&#246;rper. Das ist gemeint, wenn Hardt und Negri den Begriff der Biopolitik<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> verwenden und vom biopolitischen Paradigma des Empire sprechen. Dieses „umfasst als seinen eigenen Gegenstand das Leben der Bev&#246;lkerungen, der Individuen und der Gruppen, also der Gesamtheit der Singularit&#228;ten, die die Multitude ausmachen, und zwar auf globaler Ebene. Das biopolitische Kommando hat die Weltbev&#246;lkerung zum Einsatz“.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Begriffe „Arbeit“ und „Produktion“ bekommen hiermit eine g&#228;nzlich neue Bedeutung, wodurch eine ganze Reihe von Unterscheidungen f&#252;r hinf&#228;llig erkl&#228;rt werden kann: Produktion und Reproduktion, produktive und nicht-produktive Arbeit, &#214;konomie, Politik und Kultur, instrumentelles Handeln und kommunikatives Handeln, ja Arbeit und Nicht-Arbeit fallen allesamt in Eins.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<h3>Das B&#246;se ist immer und &#252;berall</h3>
<p>Wenn Produktion zunehmend immateriell wird, ist sie auch nicht mehr derart an Raum und Zeit gebunden, wie es noch im Paradigma des Industriekapitalismus der Fall war. Das L&#246;sen von Problemen und analytischen Aufgaben findet nicht notgedrungen in einem B&#252;ro oder gar in einer Fabrik statt. „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“;<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> und die pers&#246;nlich-beruflichen Skills, die affektive Arbeit voraussetzt, werden nicht an einem Fabrikstor abgegeben, sondern sind Teil der lebenden K&#246;rper, wo sie sich auch wann befinden m&#246;gen. Das bedeutet, dass der <em>Ort</em> der Ausbeutung, den Marx am Arbeitsplatz identifiziert hat, nicht mehr greifbar wird; und auch die <em>Zeit</em> der Ausbeutung l&#228;sst sich nicht mehr in Wochenstunden bemessen: „Die spezifischen Eigenschaften der Arbeitskraft […] lassen sich nicht mehr festmachen, und in &#228;hnlicher Weise l&#228;sst sich die Ausbeutung nicht mehr lokalisieren und quantifizieren“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Ort der Ausbeutung ist &#252;berall und damit nirgendwo – er wird zum „Nicht-Ort“ – und auch die Arbeitszeit tendiert dazu, „sich &#252;ber die gesamte Lebenszeit auszudehnen“.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Aus dieser Vorstellung von immaterieller Arbeit als „gemeinsames Substrat“<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> des Kapitalismus in der Epoche des Empire ziehen Hardt und Negri zwei wichtige Konsequenzen. Wenn produktive Arbeit nicht mehr an Zeit und Ort gebunden ist, sich unendlich &#252;ber den Globus spannt und Ausbeutung selbst im Schlaf passiert, dann kann der Wert einer Ware auch nicht mehr im Marxschen Sinne an der gesellschaftlich zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit gemessen werden. „Die Einheit Arbeitszeit als Grundma&#223; des Werts“, hei&#223;t es dementsprechend, „macht heutzutage keinen Sinn mehr“.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Der Wert, der durch die Kooperation der zur Vielheit vereinten Singularit&#228;ten produziert wird, ist ebenso ma&#223;los wie die Multitude selbst, ist „Legion“.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> Mit der Preisgabe der Marxschen Werttheorie wird de facto die gesamte Erkl&#228;rung der Dynamik des Kapitalismus, wie sie Marx im „Kapital“ entwickelt hat, ad acta gelegt. Ausbeutung im Sinne der Absch&#246;pfung von Mehrwert durch die BesitzerInnen der Produktionsmittel findet bei Hardt und Negri nicht mehr statt, denn um die in den Mehrwert geflossene Mehrarbeit zu bestimmen, m&#252;ssten sie ja die Existenz einer durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit anerkennen. Stattdessen wird „Ausbeutung“ als rein politische, r&#228;uberische Aneignung umgedeutet. Hardt und Negri behaupten, dass Arbeit, die im Empire ja substanziell Kooperation ist, heute auf das Kapital gar nicht mehr angewiesen ist. Marx analysierte einen Kapitalismus, in dem die Klasse der Bourgeoisie die Produktionsmittel (die sie sich urspr&#252;nglich r&#228;uberisch angeeignet hat) zur Verf&#252;gung stellt, um den profitablen Kreislauf der Akkumulation anzuwerfen. Hardt und Negri analysieren einen Kapitalismus, in dem sich die Produktionsmittel tendenziell bereits in Besitz der Arbeitenden selbst befinden, insofern es sich dabei um Sprache, Ideen, Kooperation etc. handelt: „Die Hirne und K&#246;rper brauchen auch weiterhin die anderen, um Wert zu produzieren, doch die anderen, die sie brauchen, stellen nicht mehr notwendigerweise das Kapital und seine F&#228;higkeit, die Produktion zu orchestrieren“.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Das Kapital ist also nicht mehr Teil eines dialektisch gedachten Produktionsverh&#228;ltnisses, sondern sch&#246;pft blo&#223; Wert von der aus sich selbst heraus kraft „Selbstverwertung“ produktiven Arbeit ab. „Mit anderen Worten: Der Mehrwert hat seinen Ort im Gemeinsamen. Ausbeutung ist die private Aneignung eines Teils oder der Gesamtheit des Werts, der als Gemeinsames geschaffen wurde“.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Es ist also gar nicht mehr notwendig, die Produktionsverh&#228;ltnisse zu revolutionieren, sondern das Kapital muss als parasit&#228;rer, vampirischer „Beuteapparat“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> blo&#223; abgesch&#252;ttelt werden: „Im Zeitalter imperialer Souver&#228;nit&#228;t und biopolitischer Produktion hat sich das Gleichgewicht dahingehend verschoben, dass die Beherrschten weitgehend die ausschlie&#223;lichen Produzenten sozialer Organisation geworden sind“, was bedeutet, „dass die Herrschenden immer parasit&#228;rer werden und die Souver&#228;nit&#228;t zunehmend entbehrlich wird. Entsprechend werden die Beherrschten immer autonomer und k&#246;nnen die Gesellschaft immer st&#228;rker nach ihrem Vorbild gestalten“.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> In den Netzwerken der Multitude steht somit schon heute „das Potenzial f&#252;r eine Art des spontanen und elementaren Kommunismus bereit“.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a></p>
<h3>Sieg durch Niederlage</h3>
<p>Wie ist diese neue Form des Lebens und Arbeitens in die Welt getreten? F&#252;r Hardt und Negri ist der postfordistische Kapitalismus, die Durchsetzung immaterieller Arbeit und der Multitude das Ergebnis der K&#228;mpfe der ArbeiterInnen selbst. Die politischen, &#246;konomischen und kulturellen Revolten der 1960er und 1970er Jahre sind nur vordergr&#252;ndig gescheitert, tats&#228;chlich fanden die darin ausgedr&#252;ckten W&#252;nsche und Hoffnungen auf ein selbstbestimmtes, freies und autonomes Leben Eingang in das Herz der kapitalistischen Produktionsweise. Dieses Argument findet sich in den letzten Jahren vielerorts in unterschiedlichen Varianten – zuletzt haben etwa Luc Boltanski und Ève Chiapello<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> damit gro&#223;e Aufmerksamkeit erregt. Der Clou bei Hardt und Negri ist jedoch, dass sie die Transformation hin zum Postfordismus nicht im Sinne einer „passiven Revolution“, in der die Forderungen der sozialen Bewegungen geschluckt, halbverdaut und als neue b&#252;rgerliche Machttechniken wieder ausgespieen werden, begreifen, sondern in ihr tats&#228;chlich (wenn auch &#252;ber verworrene Wege) die Durchsetzung der Begehren zum Ausdruck gekommen sehen. So k&#246;nnen Hardt und Negri sich daran erfreuen, dass „die Sache, f&#252;r die sie [die ArbeiterInnen, B.O.] k&#228;mpften, sich trotz ihrer Niederlage durchsetzte“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Mit dieser These verbunden sind die grunds&#228;tzlichen Axiome der Theorie Hardts und Negris &#252;berhaupt. Negri stammt aus der italienischen Theorietradition des Operaismus, einer urspr&#252;nglich erfrischend undogmatischen marxistischen Str&#246;mung, die in den 1960er und 1970er Jahren eine radikal auf die K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse ausgerichtete Theorie und Praxis entwickelte.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise wurde von ihr als angetrieben von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnen begriffen; die andere Seite des Verh&#228;ltnisses, das Kapital, ist gleichsam eine nachgeordnete Instanz, deren Bewegungen letztlich als Reaktionen auf die Aktionen der lebendigen Arbeit erkl&#228;rbar sind. Diese Vorstellung wird in den Arbeiten Hardts und Negris auf die Spitze getrieben, wo sich eine lebendige, aktive Vielheit einer souver&#228;nen Macht gegen&#252;ber w&#228;hnt, die als „die absurden und abgewrackten Maschinerien eines bereits abgestorbenen Zusammenhangs“ analysiert wird.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a></p>
<h3>Die Gener&#228;le des Intellekts</h3>
<p>Diese Radikalisierung der operaistischen Ausgangsthese entstand aus einer eigenwilligen Lesart zweier bis in die 1950er Jahre weithin unbekannten Texte von Marx. Die „Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie“<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> und die „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> entwickeln zwei Begriffe, die zu Angelpunkten des Konzepts der Multitude wurden: „Formelle/Reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital“ und der „General Intellect“. Unter der <em>formellen Subsumption</em> verstand Marx, dass in der Fr&#252;hphase des Kapitalismus nicht- bzw. vorkapitalistische Produktionsweisen in die kapitalistische integriert werden, (etwa indem vormals leibeigene Bauern/B&#228;uerinnen zu LohnarbeiterInnen gemacht werden), jedoch: „Der <em>Arbeitsprozess</em>, <em>technologisch</em> betrachtet, geht grad vor sich wie fr&#252;her, nur jetzt als dem Kapital <em>untergeordneter</em> Arbeitsprozess“.<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a> In der Phase der <em>reellen Subsumption</em> beschr&#228;nkt sich die Rolle des Kapitals nun nicht mehr darauf, ein blo&#223;es Geldverh&#228;ltnis herzustellen, sondern organisiert den Arbeitsprozess selbst. „Das Kapital ist nun nicht mehr nur Dirigent, sondern Organisator der Arbeit, das Verh&#228;ltnis zwischen Kapitalisten und ProletarierInnen nicht allein durch das Geld, sondern durch die direkte Anordnung der Produktion in der Fabrik vermittelt“.<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a> W&#228;hrend Marx mit diesen Begriffen den historischen &#220;bergang zum Industriekapitalismus zu fassen versuchte, setzen Hardt und Negri den entscheidenden Bruch in den K&#228;mpfen der 1960er und 1970er Jahre an. Im daraus entstehenden postfordistischen, postmodernen Kapitalismus zeigt sich die reelle Subsumption nicht nur der Arbeit, sondern der Gesellschaft selbst unter das Kapital. Aus operaistischer Perspektive sind die organisatorischen und technischen Innovationen, die die „reelle Subsumption“ charakterisieren, tats&#228;chlich Reaktionen auf die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen gegen das Kapital.<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> Mit dieser These verkn&#252;pft ist der Begriff des General Intellect, von Marx im so genannten „Maschinenfragment“ der Grundrisse verwendet. Hier geht es darum, das gesellschaftliche Wissen (alle „M&#228;chte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs“<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a>) als wichtige Produktivkraft im kapitalistischen Akkumulationsprozess zu begreifen. Werkzeuge und Maschinen, Kommunikations- und Transportmittel sind „<em>von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns</em>; vergegenst&#228;ndlichte Wissenskraft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden ist, und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen, und ihm gem&#228;&#223; umgeschaffen sind“<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a>. Auch hier kommt der gleiche (post-)operaistische Kniff zur Anwendung: verortet Marx das allgemeine gesellschaftliche Wissen als Produktivkraft auf Seiten des Kapitals, stellen Hardt und Negri das Bild auf den Kopf und sehen nun den General Intellect als „Attribut der lebendigen Arbeit“, „formale und informale Kenntnisse, Einbildungskraft, ethische Haltungen, Mentalit&#228;ten, ‚Sprachspiele’“ umfassend.<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Durch die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses „[ersch&#246;pft sich die] Verkettung von Wissen und Technik […] nicht im fixen Kapital, sondern verweist auch &#252;ber die technische Maschine und das in ihr objektivierte Wissen hinaus auf soziale Kooperation und Kommunikation“.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Die oben beschriebene Transformation der Produktion hin zur immateriellen, auf Kommunikation, Kooperation und Netzwerken des Wissens beruhenden Arbeit, entspricht demnach dem Durchbruch des General Intellect zur „unmittelbaren Produktivkraft“; nicht als Teil des fixen Kapitals, sondern der K&#246;rper der Kooperierenden: „Der General Intellect braucht Fleisch und Blut, um ihn mit der Multitude verbinden zu k&#246;nnen“.<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a></p>
<h3>Die unabl&#228;ssige Gegenwart der Vielen</h3>
<p>Wer die Multitude als Subjekt des „postfordistischen“ Kapitalismus erkannt hat, wird sich leicht von Passagen verwirren lassen, in denen die Multitude pl&#246;tzlich im englischen B&#252;rgerkrieg des 17. Jahrhunderts auftaucht<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a>, in der Demokratietheorie Rousseaus<a href="#anm42" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a> oder in den Revolutionen in Russland und Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a>. Diese und andere Ausf&#252;hrungen weisen auf eine Dimension des Konzepts hin, die als „ontologische Multitude“ bezeichnet werden kann und die geschichtsphilosophische Grundlage der „postmodernen Multitude“ bildet.<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a> Dahinter steht die &#220;berzeugung, dass die Geschichte der Menschheit als Geschichte von K&#228;mpfen zwischen einer lebendigen, kreativen und „verm&#246;genden“ (im Sinne von: Potential besitzenden) Vielheit einerseits, und der „souver&#228;nen Macht“, die diese lebendige Kraft zu b&#228;ndigen, zu disziplinieren oder zu kontrollieren sucht, andrerseits, ist. In diesem Verh&#228;ltnis herrscht ein strukturelles Ungleichgewicht: die souver&#228;ne Macht bewegt sich in Grenzen und Hindernissen. „Im Gegensatz dazu steht das Verm&#246;gen der Multitude, also der arbeitenden, agierenden und vor allem widerst&#228;ndigen und sich nicht unterordnenden Singularit&#228;ten, das in der Lage w&#228;re, das Souver&#228;nit&#228;tsverh&#228;ltnis zu beseitigen“.<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> Geschichtliche Entwicklung und menschlicher Fortschritt werden so als Ergebnisse der K&#228;mpfe der produktiven Vielheit – der ontologischen Multitude – gefasst. Geschichte wird gemacht, und zwar in Ausbr&#252;chen der „potentia“, des Verm&#246;gens der Multitude gegen die Souver&#228;nit&#228;t, in Form von singul&#228;ren, schlagenden Ereignissen. Hardt und Negri w&#228;hlen daf&#252;r den griechischen Begriff „<em>Kairòs</em>“, im Gegensatz zur „lineare[n] Anh&#228;ufung des <em>Chronos</em>“.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a> Wir sehen nun, dass die Bedingungen f&#252;r das Entstehen und Entwickeln der Multitude &#252;ber die konkreten Formen des gegenw&#228;rtigen Kapitalismus hinaus- oder besser dahinter zur&#252;ckgeht. Die ontologische Multitude als aus sich selbst heraus sch&#246;pferische Kraft ist „schon latent und implizit in unserem sozialen Sein vorhanden“; w&#228;re sie das nicht, „k&#246;nnten wir sie uns gar nicht als politisches Projekt vorstellen; und zugleich k&#246;nnen wir nur deshalb hoffen, sie heute zu verwirklichen, weil sie bereits als reale M&#246;glichkeit existiert.“<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a></p>
<h3>Politik der Zwischenr&#228;ume</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir uns einer dritten Dimension des Begriffes Multitude n&#228;hern: jener des politischen Projekts. Die <em>ontologische</em> Dimension erkl&#228;rt die abstrakten Bedingungen der M&#246;glichkeit, die <em>postmoderne</em> die aktuellen Bedingungen einer Formierung der Multitude. Was Hardt und Negri dar&#252;ber hinaus versuchen, ist, die Multitude als Gegen-Subjektivit&#228;t, als Tr&#228;gerin einer neuen Revolution gegen das Empire zu konzipieren. Um es vorweg zu nehmen: Nicht zuf&#228;llig ist dieser Abschnitt der k&#252;rzeste. Zwar wird immer wieder betont, dass die Multitude „nicht spontan als politische Gestalt“ entsteht und „eines politischen Projekts“ bedarf.<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Die von ihnen selbst gestellte Frage, „welche Art von politischem Projekt die Multitude ins Leben rufen kann“, k&#246;nnen sie allerdings nicht beantworten. Entscheidend ist dabei, dass, wie oben dargelegt, f&#252;r Hardt und Negri die Arbeit selbst in gewisser Weise bereits „befreit“ ist. Die Produktion des „Gemeinsamen“ im Paradigma immaterieller Arbeit erm&#246;glicht die Schaffung und Ausweitung „befreiter Zwischenr&#228;ume“, und „[m]it der Zeit wird die Multitude, hat sie erst einmal ihre produktive, auf dem Gemeinsamen beruhende Gestalt entwickelt, in der Lage sein, durch das Empire hindurchzugehen und auf der anderen Seite herauszukommen, sich selbstst&#228;ndig auszudr&#252;cken und zu regieren“.<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a></p>
<h3>Reality Check</h3>
<p>Inwiefern hilft uns das Konzept der Multitude, eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t zu formulieren? Zweifellos lenken Hardt und Negri Aufmerksamkeiten auf die Wandlung hin zu prek&#228;ren Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen: die „Globalisierung der Verunsicherung“<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a>, die Integration neuer Technologien in den Arbeitsalltag, die Verschiebung gro&#223;er Sektoren der Produktion in den Bereich der Dienstleistungen und neue Formen der Organisation am Arbeitsplatz. Doch sie tun noch viel mehr als das, wie die vorangegangene Darstellung erahnen l&#228;sst. Die wichtigste These Hardts und Negris betrifft die theoretische und politische Neubestimmung der Arbeit und, daraus abgeleitet, die Definition der Multitude als neue revolution&#228;re Klassenformation. Sie argumentieren, dass eine Form der Arbeit „hegemonial“ geworden ist (oder im Begriff ist, es zu werden), deren bestimmende Eigenschaft die gemeinsame Produktion von immateriellen Produkten ist und der „<em>Kooperativit&#228;t […] vollkommen immanent</em>“ ist.<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> Schon hier ist ein erster Einwand n&#246;tig – ist es tats&#228;chlich so, dass eine allgemeine Tendenz hin zur Produktion immaterieller Produkte auf Kosten „materieller“ oder „industrieller“ Produktion existiert? Hardt und Negri halten sich in „Empire“ nicht weiter damit auf, ihre Behauptungen mit empirischen Daten zu unterf&#252;ttern, sondern ziehen sich auf die rhetorische Strategie des „wie allgemein bekannt…“ zur&#252;ck.<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Auch in „Multitude“ beschr&#228;nken die Autoren sich auf verstreute Verweise auf Zahlen des US-Statistikb&#252;ros, die den Aufstieg des Dienstleistungssektors beschreiben. „Nennt mich altmodisch“, meint dazu Steve Wright, Autor des wichtigsten Buches zur Geschichte des Operaismus, in einem kritischen Kommentar, „aber in einem 400-Seiten-Buch, das dem Verst&#228;ndnis ihrer Behauptungen zur j&#252;ngsten Manifestation des Proletariats als revolution&#228;res Subjekt gewidmet ist, ist schon etwas mehr notwendig“<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a>. Die unkritische &#220;bernahme von tausendmal ge&#228;u&#223;erten Gemeinpl&#228;tzen &#252;ber die „Dienstleistungsgesellschaft“ verstellt schlie&#223;lich den Blick auf Widerspr&#252;chlichkeiten und Ambivalenzen in der Entwicklung der Weltwirtschaft. Mag das Argument f&#252;r Europa, Nordamerika und Japan noch stimmen, f&#228;llt die Entwicklung gigantischer Industriezonen etwa in S&#252;d- und Ostasien dadurch komplett aus dem Bild; auch unsere I-Pods wollen zusammengeschraubt und affektiv aufgeladene Hippster-Mode gen&#228;ht werden. Auf Weltebene geht die Expansion von „High-Tech-Arbeit“ (wie stark verwissenschaftlichter „immaterieller“ Arbeit) oft nicht auf Kosten von, sondern im Gleichschritt mit „Low-Tech-Arbeit“<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a>. Doch selbst im globalen Nordwesten ist die Sache nicht so klar, wie es scheint. Der britische Marxist Chris Harman weist in einer Polemik gegen Hardt und Negri darauf hin, dass die Klasse der traditionellen IndustriearbeiterInnen keineswegs ausstirbt, sondern im Gegenteil zumindest in absoluten Zahlen anw&#228;chst. Selbst in den am weitesten entwickelten Regionen der Welt kann von „Deindustrialisierung“ kaum gesprochen werden: im Zeitraum von 1971 bis 1998 ist die Zahl der IndustriearbeiterInnen etwa in den USA und in Japan um 20 bzw. 13 Prozent gestiegen.<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Und schlie&#223;lich kehrt Hardt und Negris Darstellung auch unter den Teppich, „dass so manche Verschiebung vom industriellen zum Dienstleistungssektor lediglich eine neue Namensgebung f&#252;r im Wesentlichen &#228;hnliche T&#228;tigkeiten darstellt“.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a></p>
<h3>Intelligent und affektiv?</h3>
<p>Dem k&#246;nnte entgegengehalten werden, dass die entscheidende Neuerung nicht das quantitative Anwachsen immaterieller (Dienstleistungs-)Arbeit ist, sondern die qualitative Wandlung der gesamten „Szenerie der Arbeit und der Produktion (…) unter der Hegemonie der immateriellen Arbeit“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a>, gepr&#228;gt durch Kommunikation und Affekt. Doch auch hier wird eine Behauptung nicht wahrer, wenn sie nur oft genug wiederholt wird (und das wird sie zur Gen&#252;ge). Richtig ist, dass Kommunikation in sehr vielen Bereichen der Produktion in den letzten Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen hat (wiewohl auch hier ein eurozentristischer Blick nicht von der Hand zu weisen ist). Doch wird dadurch Arbeit auch, wie Hardt und Negri behaupten, „intelligent“<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a>? Statt der Durchsetzung des General Intellect als Attribut der ArbeiterInnen geht die Tendenz doch eher dahin, Formen des Wissens zu privatisieren (durch Patentrechte oder die Sicherung „intellektuellen Eigentums“<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a>) und Bildungssysteme st&#228;rker zu hierarchisieren. Hardt und Negri verallgemeinern hier eine vergleichsweise – und vor allem im globalen Ma&#223;stab – kleine, privilegierte soziale Fraktion etwa von JournalistInnen, IT-Fachleuten, K&#252;nstlerInnen oder WissenschafterInnen, deren gesellschaftliche Reproduktion einer relativ langen und kostspieligen Ausbildung bedarf. „Intelligente“ Arbeit bleibt eher einer schmalen Elite vorbehalten, als in breite Teile der Bev&#246;lkerung zu diffundieren<a href="#anm60" title="anm_60" name="anm_60"><sup>60</sup></a>.<br />
Wie ist es darum bestellt, dass Arbeit zunehmend „affektiv“, also zu „Arbeit am k&#246;rperlichen Befinden“<a href="#anm61" title="anm_61" name="anm_61"><sup>61</sup></a> wird? Richtig ist wohl, dass „soziale Kompetenzen“ etc. in einer Gesellschaft, in der der Kampf um Arbeitspl&#228;tze immer h&#228;rter wird, von ArbeitgeberInnenseite in den Rang von Schl&#252;sselqualifikationen gehoben werden. Auch ist wohl wahr, dass im Feld des Kulturellen aktuell besonders perfide Modi der Machtaus&#252;bung bedeutsam werden, die von Untergebenen fordern, ihre eigene Unterwerfung als Akt des freien Willens zu deklarieren.<a href="#anm62" title="anm_62" name="anm_62"><sup>62</sup></a> Doch erstens trifft auch dies nur auf einen relativ kleinen Teil der Arbeitsverh&#228;ltnisse zu; und zweitens geben Hardt und Negri ihrem Argument einen h&#246;chst problematischen Twist, wenn sie affektive Arbeit vor allem als kreativen Akt und „sch&#246;pferisches Verm&#246;gen“ darstellen, in dem die Multitude „ihre eigenen sch&#246;pferischen Energien ausdr&#252;ckt“<a href="#anm63" title="anm_63" name="anm_63"><sup>63</sup></a>. Viel eher bringt die Hamburger Band <em>Die Goldenen Zitronen</em> die Sache auf den Punkt, die zwar nicht die Theorie, aber zumindest den Soundtrack zur Prekarit&#228;t bietet. Sie singen &#252;ber „die, denen sie das L&#228;cheln auf harten Warteb&#228;nken in Serviceagenturen in Gesichtsz&#252;ge renken“ und entzaubern die Affekthascherei als „Training in Unterwerfungskompetenz“<a href="#anm64" title="anm_64" name="anm_64"><sup>64</sup></a>. Was von Hardt und Negri als affektive Arbeit idealisiert wird, ist die Unterwerfung unseres Daseins unter die Verwertungslogik des Kapitals, keine Passage zum postmodernen Kommunismus.</p>
<h3>Leben ist Arbeit?</h3>
<p>Blickt man hinter die „Schwammbegriffe“<a href="#anm65" title="anm_65" name="anm_65"><sup>65</sup></a> in „Empire“ und „Multitude“, entpuppt sich so manch gro&#223;er Wurf als Mixtur aus „nicht aufschlussreicher Beobachtung, dem ungenauen Aufbauschen realer Ver&#228;nderungen in der Welt bezahlter Arbeit und unerh&#246;rten Fehlinterpretationen“<a href="#anm66" title="anm_66" name="anm_66"><sup>66</sup></a>. Dies gilt auch f&#252;r die Behauptung, Arbeit w&#252;rde sich zeitlich und r&#228;umlich derart ausdehnen, dass sie in keiner Weise mehr messbar w&#228;re und die Unterscheidung von Arbeit und Nicht-Arbeit gegenstandslos mache. Die richtige Beobachtung ist, dass im Leben vieler Prekarisierter die Lohnarbeit nicht aufh&#246;rt, wenn die B&#252;rot&#252;r hinter ihnen geschlossen wird. Projekte und die damit verbundenen Probleme die es zu l&#246;sen und Deadlines die es einzuhalten gilt, bereiten nicht wenigen von uns schlaflose N&#228;chte. „Die Arbeit sickert in dein Leben“, wie es eine interviewte Kulturproduzentin im Rahmen einer Untersuchung von Prekarisierung formulierte.<a href="#anm67" title="anm_67" name="anm_67"><sup>67</sup></a> Das „ungenaue Aufbauschen“ dieser Tendenz findet statt, wenn diese Erfahrungen holzschnittartig auf alle Arbeitsverh&#228;ltnisse verallgemeinert und alle Widerspr&#252;chlichkeiten totgeschwiegen werden. Und schlie&#223;lich wird (fehl-) interpretiert, dass Arbeit und Leben letztlich gleichzusetzen sind – womit der Arbeitsbegriff als „biopolitische Arbeit“ so umfassend definiert wird, dass damit letztlich gar nichts mehr gesagt wird. Ein entscheidendes Problem der Multitude als theoretischer Begriff ist dementsprechend, dass er im Versuch, sich von „Volk“, „Masse“ oder auch „ArbeiterInnenklasse“ abzusetzen, ein „inkludierendes Konzept“ schafft, das „all jene, die unter der Herrschaft des Kapitals arbeiten und produzieren“<a href="#anm68" title="anm_68" name="anm_68"><sup>68</sup></a> umfasst – was im Rahmen einer Konzeption, die Unterschiede zwischen „arbeiten“, „produzieren“ und „leben“ f&#252;r illegitim erkl&#228;rt, eine tats&#228;chlich <em>sehr</em> umfassende Definition darstellt. Die realen Bem&#252;hungen des Kapitals, Arbeitszeiten (auf Kosten von Nicht-Arbeit) stetig zu verl&#228;ngern und den Zugriff auf Arbeitskr&#228;fte „just in time“ zu organisieren („Flexpoitation“), verschwinden hinter einer begrifflichen Nebelwand.</p>
<h3>Die Anti-Strategie</h3>
<p>Wie haben eingangs erw&#228;hnt, dass eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t nicht nur die &#214;dnis der Gegenwart ausmessen k&#246;nnen muss, sondern auch die M&#246;glichkeiten ihrer &#220;berwindung aufzeigen soll. Doch leidet die Multitude-These unter so vielen problematischen Vorannahmen, theoretischen Inkonsistenzen und dem Unwillen, sich auf empirische Untersuchungen einzulassen, dass auch Zweiteres nicht erf&#252;llt wird. Dabei ist der grunds&#228;tzliche Anspruch ebenso sympathisch wie richtig: Eine freie Gesellschaft muss von den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen her gedacht werden. Die enorme Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, die neuen Mittel der Kommunikation, Computerisierung und Informatisierung der Produktion haben den Kapitalismus ein Stadium erreichen lassen, das eine wahrhaft demokratische, effiziente und nachhaltige Gesellschaft auf einem Niveau m&#246;glich macht, wie es noch vor wenigen Jahrzehnten denkunm&#246;glich schien. Doch die mythische &#220;berh&#246;hung der Multitude bei Hardt und Negri macht den Weg dorthin zur „Nicht-Strategie, die die Ansammlung verschiedener autonomer Aktivit&#228;ten als ‚Multitude’ umtaufen m&#246;chte“<a href="#anm69" title="anm_69" name="anm_69"><sup>69</sup></a>. Das „Fleisch der Multitude“ ist demnach „reines Potenzial, eine noch ungeformte Lebenskraft“ und eine „elementare Kraft“, die sich gleich den Elementen Wind, Meer oder Erde „immer dem Zugriff entziehen“ kann. Indem neue Formen der Lohnarbeit, die dem Kapital im Zeitalter des Neoliberalismus eine Erh&#246;hung der Profitrate erm&#246;glichen, zum Ausdruck der Schaffenskraft der Multitude umgedeutet werden, bleibt v&#246;llig unklar, gegen was denn dann eigentlich noch rebelliert werden soll. Das Beharren auf dem operaistischen Dogma vom Kampf der ArbeiterInnen als alleinigen Motor der Geschichte macht es Hardt und Negri unm&#246;glich, die Entwicklungsprozesse auf Seiten des Kapitals als komplexes Zusammenspiel des Zwangs zur Ausbeutung der produktiven Arbeit sowie der Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalien zu begreifen. Alle &#220;berlegungen zur Marxschen Werttheorie, zum Verh&#228;ltnis von konstantem und variablem Kapital, von Kapitaleigentum und Kapitalfunktion, werden mit einer einzigen ausladenden Geste beiseite gewischt. Ausbeutung, die Abpressung von Mehrwert, findet nur noch als Zugriff von Au&#223;en, seitens des parasit&#228;ren Empires, statt und ist nicht mehr in die kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse eingeschrieben. Die Multitude kann sich, so Hardt und Negri, kraft ihrer F&#228;higkeit zur Kooperation selbst verwerten, was schlie&#223;lich zu folgender Behauptung f&#252;hrt: „Privateigentum an Produktionsmitteln ist heute, im Zeitalter der Hegemonie kooperativer und immaterieller Arbeit, nur noch eine l&#228;ngst verfaulte und tyrannische Sache von gestern“<a href="#anm70" title="anm_70" name="anm_70"><sup>70</sup></a>. Guenther Sandleben antwortet darauf, dass die Kooperation in geistiger wie k&#246;rperlicher Arbeit seit jeher Teil kapitalistischer Produktionsweise ist. „Kooperation und die Entstehung des modernen, privatrechtlichen Eigentums gingen damals [zur Zeit der Entstehung des Kapitalismus, B.O.] Hand in Hand. Weshalb sollte das ‚kooperative Verm&#246;gen der Arbeit’ das moderne Privateigentum nun pl&#246;tzlich wegzaubern?“<a href="#anm71" title="anm_71" name="anm_71"><sup>71</sup></a> Tats&#228;chlich k&#246;nnen Hardt und Negri keine angemessene Antwort auf diesen Einwand geben. Die „Verwandlung“ der Arbeit im Kapitalismus in eine kreative, sich selbst verwertende Macht wird so letztlich zu einem Hindernis f&#252;r linke Politik: Die Klassenherrschaft erh&#228;lt einen &#252;berirdischen Charakter; die herrschende Klasse entschwindet ins Metaphysische, ist unangreifbar gemacht f&#252;r diejenigen, die sich von ihr befreien wollen.<a href="#anm72" title="anm_72" name="anm_72"><sup>72</sup></a> Diese theoretischen Unzul&#228;nglichkeiten k&#246;nnen zu strategischer Ratlosigkeit f&#252;hren. In einem Interview antwortete Negri auf die Frage, was zu tun sei, um die Multitude als konstituierende Subjektivit&#228;t ins Leben rufen zu k&#246;nnen: „Abwarten und Geduld haben“, und Hardt meinte schlicht „Folgt eurem Begehren!“<a href="#anm73" title="anm_73" name="anm_73"><sup>73</sup></a>. Tats&#228;chlich sind die B&#252;cher „Empire“ und „Multitude“ gepr&#228;gt von einer eigenartigen Gleichzeitigkeit von Determinismus und Voluntarismus. Einerseits scheint es nur noch eine Frage der Zeit (oder des sich quasi-naturgesetzlich durchsetzenden General Intellect) zu sein, bis die Multitude sich der faulenden H&#252;lle des Kapitals entledigt. Die immer wieder kehrenden Verweise auf die K&#228;mpfe der lebendigen Arbeit als Ursache dieser Entwicklung reduzieren sich dabei oft auf Lippenbekenntnisse. Chantal Mouffe, selbst &#252;ber jeden Verdacht des revolution&#228;ren Marxismus erhaben, weist zu Recht darauf hin, dass der Glaube an die Multitude bei Hardt und Negri geradezu messianische Z&#252;ge annimmt.<a href="#anm74" title="anm_74" name="anm_74"><sup>74</sup></a> Gleichzeitig jedoch kann „Empire“ als „voluntaristisches Manifest“ gelesen werden: „F&#252;r radikale Metropolenlinke h&#246;rt es sich scheinbar verhei&#223;ungsvoll an: Jenseits von Widerspr&#252;chen, politischen Erfahrungs- und Organisierungsprozessen wird sie programmatisch ins Zentrum emanzipativer K&#228;mpfe gesp&#252;lt“.<a href="#anm75" title="anm_75" name="anm_75"><sup>75</sup></a></p>
<h3>Den Kommunismus einklatschen?</h3>
<p>Die hier formulierte Kritik an den Theorien Hardts und Negris soll nicht als Frontalangriff auf all jene missverstanden werden, die sich in ihrer politischen Arbeit mehr oder weniger stark auf den Begriff der Multitude berufen. So ist etwa im Rahmen des „Euromayday“ der Hinweis darauf, dass „Prekarisierung zugleich Subjektivierung und mehrfache Unterwerfung bedeutet“ und Prekarisierte nicht blo&#223; Opfer, sondern handelnde Subjekte sind, eine wichtige Intervention.<a href="#anm76" title="anm_76" name="anm_76"><sup>76</sup></a> Doch muss auf die Gefahr hingewiesen werden, dass &#252;ber dem falschen Abfeiern der eigenen „kreativen“ Existenz die weiterhin zentralen Fragen linker Politik vergessen oder f&#252;r hinterw&#228;ldlerisch erkl&#228;rt werden. In den Debatten zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird von mancher Seite etwa ein sanftes &#220;bergleiten in den Kommunismus per BGE herbeifantasiert, in dem die Frage des Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln zur Nebens&#228;chlichkeit wird (schlie&#223;lich sind diese ja eigentlich schon ins „unserer“ Hand). Einer richtigen und wichtigen Forderung wird so der argumentative Boden unter den F&#252;&#223;en weggezogen.<a href="#anm77" title="anm_77" name="anm_77"><sup>77</sup></a> Um Ausbeutung in prek&#228;ren Zeiten verstehen und ihr politische Positionen entgegensetzen zu k&#246;nnen, werden wir nicht darum herum kommen, uns auf die Vielfalt und Widerspr&#252;chlichkeit der aktuellen K&#228;mpfe, die M&#246;glichkeiten und Einschr&#228;nkungen der aktuellen Formen der Arbeit f&#252;r eine revolution&#228;re Perspektive einzulassen. Den unvermeidlichen Triumph der allumfassenden Multitude schon jetzt einzuklatschen, wird dabei jedoch keine gro&#223;e Hilfe sein.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>Vielen Dank an Felix Wiegand f&#252;r die Mitarbeit am Artikel!</p>
<p><a href="#anm_0" title="anm0" name="anm0">*</a>  Die Goldenen Zitronen: “Lied der Stimmungshochhalter”, erschienen am exzellenten Album „Lenin“ (Buback Tontr&#228;ger 2006)<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/Main, 2003 (2000); dies.: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/Main, 2004<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  La Nouvel Observateur, zit. nach Thompson, Paul: Foundation and Empire: A critique of Hardt and Negri, in: Capital &amp; Class, Nr. 86 (2006): 73-98: 73<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Slavoj Zizek, zit. nach Buckel, Sonja/Jens Wissel: Age of Empire?, <a href="http://www.links-netz.de/K_texte/K_wissel_empire.html">http://www.links-netz.de/K_texte/K_wissel_empire.html</a>, 2001<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 83<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Vgl. den Artikel „Herrschaft durch Konsens. Macht und Politik bei Antonio Gramsci“ in Perspektiven Nr. 0, 34-37<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Das Denken in idealtypischen „ArbeiterInnenfiguren“ ist ein &#220;berbleibsel der operaistischen Tradition, aus der Negri urspr&#252;nglich stammt. Demnach w&#228;re mit dem Aufstieg des Fordismus der „professionelle Arbeiter“ (operaio professionale)  durch den „Massenarbeiter“ (operaio massa) und dieser in den 1970ern durch den „gesellschaftlichen Arbeiter“ (operaio sociale) als hegemoniale Figur abgel&#246;st worden. Vgl. Birkner, Martin/Robert Foltin: (Post-) Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis, Stuttgart 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 125<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Hardt, Michael: Affektive Arbeit, in: Atzert, Thomas, Jost M&#252;ller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t. Analysen und Diskussionen zu Empire, M&#252;nster 2004, 175-188: 176<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 126<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  ebd.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>  Hardt, Michael: Affektive Arbeit, a.a.O.: 178; Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 297<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>  Der Begriff wird bei Michel Foucault entlehnt, wenn auch dessen Konzept von „Biomacht“ nur mehr wenig mit dem „biopolitischen Paradigma“ bei Hardt und Negri zu tun hat. Vgl. zu ihrem Verh&#228;ltnis zu Foucault Hardt, Michael: Affektive Arbeit, a.a.O.:184 ff, Negri, Antonio: Foucault between Past and Future, in: ephemera, Vol. 6, Nr. 1 (2006): 75-82, sowie kritisch Lemke, Thomas: Biopolitik im Empire. Die Immanenz des Kapitalismus bei Michael Hardt und Antonio Negri, PROKLA 129, 2002: 619-631<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>  Negri, Antonio: Empire und die konstituierende Macht der Multitude. Interview: Thomas Atzert und Jost M&#252;ller, in: Atzert, Thomas, Jost M&#252;ller (Hg.): Kritik der Weltordnung. Globalisierung, Imperialismus, Empire, Berlin 2003, 49-62: 50<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>  Demirovic, Alex: Vermittlung und Hegemonie, in: Atzert/M&#252;ller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t, a.a.O.: 245ff.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 130<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 221<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 130<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>  Hardt, Michael: Im Zwielicht der b&#228;uerlichen Welt. Zur Klassenanalyse im Empire, in: Atzert/M&#252;ller: Kritik der Weltordnung, a.a.O., ??-??: 83)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 166<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>  ebd.: 159<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 171<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 75; schon in einem 1994 erschienenen Buch, das wesentliche Argumente in „Empire“ und „Multitude“ vorweg nimmt, schreiben Hardt und Negri: „Mehr denn je scheinen die angemessenen Metaphern f&#252;r die Herrschaft des Kapitals aus dem Reich der Vampire zu kommen“, Negri, Antonio/Michael Hardt: Die Arbeit des Dionysos. Materialistische Staatskritik in der Postmoderne, Berlin 1997: 27<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 371<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>  Boltanski, Luc/Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2006<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 63f. Nicht von allen sich auf Hardt und Negri berufenden AutorInnen wird dieser Argumentation in ihrer Radikalit&#228;t gefolgt. Wenn Klaus Neundlinger und Gerald Raunig schreiben, „Das Streben nach ‚Freiheit’, nach ‚Autonomie’ und ‚Authentizit&#228;t’ wird von der kapitalistischen Produktion &#252;bercodiert und in die Arbeitsprozesse integriert“, klingt das schon wesentlich anders und nachvollziehbarer (wenn auch weniger „innovativ“) als der Triumphalismus, der von Hardt und Negri mancherorts verbreitet wird (Neundlinger, Klaus/Gerald Raunig: Einleitung oder: Die Sprachen der Revolution &#8211; &#214;ffentlichkeit, Intellekt und Arbeit als Lebensformen, in: Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect. Mit einer Einleitung von Klaus Neundlinger und Gerald Raunig, Wien 2005, 3-22: 13).<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a>  Vgl. zu Geschichte und Weiterentwicklung des Operaismus: Wright, Steve: Den Himmel st&#252;rmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005 sowie Birkner/Foltin: (Post-) Operaismus, a.a.O.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a>  Negri/Hardt: Die Arbeit des Dionysos, a.a.O.: 28<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a>  Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie, Berlin 1953 (= MEW 42)<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a>  Marx, Karl: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt/Main 1969<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a>  Marx: Resultate, a.a.O.: 50, Herv. i. O.<br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a>  Birkner/Foltin: (Post-) Operaismus, a.a.O.: 89<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a>  Bowring, Finn: From the mass worker to the multitude: A theoretical contextualization of Hardt und Negri’s Empire, in: Capital &amp; Class, Nr. 83 (2003), 101-132: 104<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a>  Marx: Grundrisse, a.a.O.: 602<br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a>  ebd.<br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a>  Virno, Paolo: Grammatik der Multitude, a.a.O.: 151<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a>  Raunig, Gerald: Einige Fragmente &#252;ber Maschinen, in: grundrisse, Nr 17 (2006), 41-49: 43<br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a>  Negri, Antonio: Politische Subjekte. Multitude und konstituierende Macht, in: Atzert/M&#252;ller: Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t, a.a.O. 14-28: 19<br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 266<br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a>  ebd.: 267<br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a>  ebd.: 279<br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a>  ebd.: 248<br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a>  Negri, Antonio: Eine ontologische Definiton der Multitude, in: Atzert/M&#252;ller: Kritik der Weltordnung, a.a.O.: 120<br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 393<br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a>  ebd.: 248<br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a>  ebd.: 238f.<br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a>  ebd.: 119<br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a>  Mahnkopf, Birgit: Unsicherheit f&#252;r alle? Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit als Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit, in: Kulturrisse 2/2005<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a>  Eine andere Strategie in den Debatten zu immaterieller Arbeit ist, auf die tendenzielle Natur des beschriebenen zu pochen. Wann immer KritikerInnen bem&#228;ngeln, dass zentrale Thesen in „Empire“ und „Multitude“ im Widerspruch zu realen Entwicklungen stehen, wird erwidert, dass wir uns eben erst auf dem Weg hin zum Empire und noch nicht im Empire selbst bef&#228;nden (vgl. Trott, Ben: Immaterial Labour and World Order: An Evaluation of a Thesis, in: ephemera, Vol. 7, Nr. 1 (2007), 203-232: 207). Theorie wird somit von Hardt, Negri und ihren Anh&#228;ngerInnen empirieabweisend impr&#228;gniert.<br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a>  Wright, Steve: Reality Check: Are We Living In An Immaterial World?, in: Mute Vol. 2, Nr. 1 (2006), online unter <a href="http://www.metamute.org/en/html2pdf/view/5594">http://www.metamute.org/en/html2pdf/view/5594</a><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a>  Henninger, Max: Doing the Math: Reflections on the Alleged Obsolescence of the Law of Value under Post-Fordism, in: ephemera, Vol. 7, Nr. 1 (2007), 158-177: 163<br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a>  Harman, Chris: Die ArbeiterInnenklasse im 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main, 2003: 5<br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a>  ebd.: 6. &#196;hnlich argumentieren etwa Ursula Huws (The Making of a Cybertariat: Virtual Work in a Real World, New York and Merlin: 130), David Camfield (The Multitude and the Kangaroo: A critique of Hardt and Negri’s theory of immaterial labour, in: Historical Materialism, Vol. 15 , Nr. 2 (2007), 21-52: 40f.) und auch ein ehemaliger Mitstreiter Negris, Sergio Bologna (vgl. Wright: Reality Check, a.a.O.: 3).<br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 83<br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a>  ebd.: 128<br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a>  Dieser Trend ist nat&#252;rlich keine Einbahnstra&#223;e; zu den K&#228;mpfen um Eigentum  an und Aneignung von intellektuellen Ressourcen siehe z.B. Brand, Ulrich: Gegen-Hegemonie. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien, Hamburg 2005: 80-89.<br />
<a href="#anm_60" title="anm60" name="anm60">60</a>  Diese Sichtweise kann sich auch auf empirische Untersuchungen st&#252;tzen; vgl. Camfield,: The Multitude and the Kangaroo, a.a.O.: 42f.<br />
<a href="#anm_61" title="anm61" name="anm61">61</a>  Hardt: Affektive Arbeit, a.a.O.: 182<br />
<a href="#anm_62" title="anm62" name="anm62">62</a>  Slavoj Zizek hat das in einer treffenden Anekdote zusammengefasst, in der ein altmodischer Vater sein Kind zwingt, die langweilige Gro&#223;mutter zu besuchen, w&#228;hrend der „postmoderne“ Vater sagt: „Geh nur hin, wenn du es wirklich willst!“ – und der Subtext ist: „Du musst nicht nur hingehen, du musst es auch noch m&#246;gen!“<br />
<a href="#anm_63" title="anm63" name="anm63">63</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_64" title="anm64" name="anm64">64</a>  Die Goldenen Zitronen: „Lied der Stimmungshochhalter“<br />
<a href="#anm_65" title="anm65" name="anm65">65</a>  Brand, Ulrich: Die Revolution der globalisierungsfreundlichen Multitude. „Empire“ als voluntaristisches Manifest, in: Das Argument, Nr. 245 (2002), 209-220<br />
<a href="#anm_66" title="anm66" name="anm66">66</a>  Camfield: The Multitude and the Kangaroo, a.a.O.: 43<br />
<a href="#anm_67" title="anm67" name="anm67">67</a>  kpD: Prekarisierung von KulturproduzentInnen und das ausbleibende „gute Leben“, in: Arranca!, Nr. 32 (2005): 23-25: 25<br />
<a href="#anm_68" title="anm68" name="anm68">68</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 125<br />
<a href="#anm_69" title="anm69" name="anm69">69</a>  Harman, Chris: Spontaneity, Strategy and Politics, in: International Socialism, Nr. 104 (2004), 3-48: 9<br />
<a href="#anm_70" title="anm70" name="anm70">70</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 417<br />
<a href="#anm_71" title="anm71" name="anm71">71</a>  Sandleben, Guenter: Die befreite Herrschaft. Die Verwandlungen der Arbeit durch Michael Hardt und Antonio Negri, in: Bischoff, Joachim/Christoph Lieber/Guenther Sandleben: Klassenformation Multitude? Kritik zur Zeitdiagnose von Antonio Negri und Michael Hardt, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 12/2004, 1-17: 11<br />
<a href="#anm_72" title="anm72" name="anm72">72</a>  ebd.: 14<br />
<a href="#anm_73" title="anm73" name="anm73">73</a>  Zit. nach Mouffe, Chantal: Exodus und Stellungskrieg. Die Zukunft radikaler Politik. Mit einer Einleitung von Oliver Marchart, Wien 2005: 33<br />
<a href="#anm_74" title="anm74" name="anm74">74</a>  ebd.: 34<br />
<a href="#anm_75" title="anm75" name="anm75">75</a>  Brand: Die Revolution der globalisierungsfreundlichen Multitude, a.a.O..: 217<br />
<a href="#anm_76" title="anm76" name="anm76">76</a>  Raunig, Gerald: Monster Prekariat, in: grundrisse, Nr 21 (2007), 42-48: 43<br />
<a href="#anm_77" title="anm77" name="anm77">77</a>  Wie das BGE gefordert werden kann, ohne die Multitude bem&#252;hen zu m&#252;ssen, zeigt z.B. Probst, Stefan: Es geht auch anders!, in: Perspektiven, Nr. 1 (2006): 14-18</p>
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		<title>Gewerkschaft bewegen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 11:00:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Organizing]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Organizing-Prinzip, als Best-Practice-Modell zur Organisierung der so genannten „Unorganiserbaren“, steht auf der (Gewerkschafts-)Linken vor allem daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> argumentieren, dass f&#252;r eine Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung nicht nur organisatorischer Wiederaufbau, sondern auch eine strategisch-politische Umorientierung n&#246;tig ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Organizing-Prinzip, als Best-Practice-Modell zur Organisierung der so genannten „Unorganiserbaren“, steht auf der (Gewerkschafts-)Linken vor allem daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> argumentieren, dass f&#252;r eine Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung nicht nur organisatorischer Wiederaufbau, sondern auch eine strategisch-politische Umorientierung n&#246;tig ist.</p>
<p><span id="more-12"></span></p>
<p>Gewerkschaften im europ&#228;ischen und im nordamerikanischen Raum sehen sich in den letzten zehn bis f&#252;nfzehn Jahren zunehmend mit einer Verringerung ihrer organisatorischen St&#228;rke, ihrer Handlungsm&#246;glichkeiten und ihrer Glaubw&#252;rdigkeit konfrontiert. Dass die Gewerkschaften zusehends an gesellschaftlicher Relevanz verlieren, wird dabei h&#228;ufig den ver&#228;nderten &#246;konomischen Strukturen, zusammengefasst unter dem Schlagwort neoliberale Globalisierung, und der rasanten Prekarisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse zugeschrieben. Gerade in diesem Kontext ist aber eine durchsetzungsf&#228;hige Vertretung der Interessen lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigter unbedingt n&#246;tig. Die Schwierigkeiten, vor denen die Gewerkschaftsbewegung heute steht, haben jedoch nicht nur externen Charakter. F&#252;r die genauere Betrachtung von L&#246;sungsstrategien m&#252;ssen daher zun&#228;chst Problemfelder ausgemacht werden.</p>
<h3>Attraktivit&#228;tsverlust</h3>
<p>Ein Gro&#223;teil der Besch&#228;ftigten sieht die Gewerkschaften immer weniger als Vertreterinnen ihrer Interessen, insbesondere als <em>erfolgreiche</em> Vertreterinnen ihrer Interessen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein hat sich das Bild der Gewerkschaften gewandelt von einem verl&#228;sslichen Garanten f&#252;r weitgehende soziale Sicherheit zu einer tr&#228;gen, den Herausforderungen der Krise, der Globalisierung und damit einhergehenden Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt und dem Abbau sozialstaatlicher Einrichtungen nicht gewachsenen Organisation. Messbar ist diese Ver&#228;nderung an einem stetigen Mitgliederschwund in den Industriestaaten Europas und Nordamerikas. Dabei gibt es einen allgemeinen Trend, der jedoch von verschiedenen Faktoren &#252;berlagert und beeinflusst wird<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>.<br />
Eine offensichtliche Schw&#228;che der Gewerkschaften ist die halbherzige Reaktion auf die Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt, in der immer mehr Frauen in die Erwerbst&#228;tigkeit gehen und MigrantInnen vorwiegend f&#252;r niedrig bezahlte Jobs eingesetzt werden. Einzelne Gewerkschaften haben in den letzten Jahren Ma&#223;nahmen gegen die Benachteiligung von Minderheiten und Frauen in den Gewerkschaften ergriffen und f&#246;rdern eine st&#228;rkere Ber&#252;cksichtigung ihrer Interessen. Separate Strukturen und Netzwerke wurden eingerichtet, so dass zumindest spezielle Interessen und Bed&#252;rfnisse formuliert werden k&#246;nnen.<br />
Quotenregelungen in den Entscheidungsgremien wurden eingef&#252;hrt. Die daraus resultierenden Strukturver&#228;nderungen – Frauen und MigrantInnen in Gewerkschaftsvorst&#228;nden usw. – f&#252;hren allerdings nicht automatisch zu Ver&#228;nderungen in der Mitgliederzusammensetzung. Der Ausdruck der intensiven Auseinandersetzungen mit dem Thema Gleichstellung ist demnach vorwiegend formaler und organisatorischer Natur und st&#246;&#223;t schnell an Grenzen. Obwohl zum Beispiel in &#214;sterreich der Anteil der erwerbst&#228;tigen Frauen immer weiter anw&#228;chst<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, ist der Anteil von Frauen in der Gewerkschaft &#252;ber Jahrzehnte mit ca. 30% gleich geblieben.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
In Studien, die die Ursachen f&#252;r die sinkende Mitgliedschaft von Jugendlichen<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> in den Gewerkschaften untersuchen, taucht immer wieder ein Faktor auf: W&#228;hrend organisierte Protestaktionen, Streiks und Solidarit&#228;t als positiv wahrgenommen werden, empfinden Jugendliche gewerkschaftliche Strukturen als zu starr, zu undurchsichtig, zu undemokratisch. Das trifft ebenso f&#252;r immer mehr Besch&#228;ftigte zu, die direkt oder indirekt mit prek&#228;ren Arbeitssituationen konfrontiert sind und bisher nicht die Erfahrung haben, dass ihnen die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft Unterst&#252;tzung bieten k&#246;nnte.</p>
<h3>Wer ist hier prek&#228;r?</h3>
<p>Dass ein Kernst&#252;ck der neoliberalen Umstrukturierung der globalen &#214;konomie die so genannte Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen ausmacht, wurde im Schwerpunkt dieses Magazins bereits ausf&#252;hrlich diskutiert. Wie von gewerkschaftlicher Seite damit umgegangen wird, ist eng an das n&#228;here Verst&#228;ndnis dieses Konstrukts gekn&#252;pft, das hei&#223;t, wie breit wird der Begriff gefasst, sprich, wer ist eigentlich von Prekarisierung betroffen?<br />
Prekarisierung wird h&#228;ufig definiert als Zuwachs an unsicheren, flexiblen Arbeitsverh&#228;ltnissen, wie Leih- und Zeitarbeit, befristete Besch&#228;ftigung, erzwungene Teilzeit, Mini- und Midi-Jobs, Scheinselbstst&#228;ndige usw.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dass damit nur die Menschen, die in solchen Verh&#228;ltnissen besch&#228;ftigt sind, als „Betroffene“ angesehen werden, ist dabei aber zu kurz gegriffen. Prekarisierung bedeutet gesamtgesellschaftliche Verunsicherung, „die Wiederkehr sozialer Unsicherheit“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>. In einem „sicheren“ Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis zu stehen, wird immer mehr zum Privileg. Das Heer der Prekarisierten scheint stetig zu wachsen und der Diskurs zur neuen Unterschicht sch&#252;rt die &#196;ngste, noch weiter abzusteigen und irgendwann die Chance auf einen Platz in der Mitte der Gesellschaft endg&#252;ltig verloren zu haben<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. Das Wort Angst ist dabei keine &#220;bertreibung. In der in Deutschland durchgef&#252;hrten INFRATEST-Studie<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> geben 49 Prozent der Befragten an, dass sie bef&#252;rchten, „ihren Lebensstandard nicht halten zu k&#246;nnen“, 46 Prozent empfinden ihr „Leben als st&#228;ndigen Kampf“ und 63 Prozent machen „die gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen Angst“. Diese Angst, gepaart mit der uns t&#228;glich berieselnden Konkurrenzideologie, f&#252;hrt zu einer Art „neuen Gef&#252;gigkeit“, die es den herrschenden Eliten wiederum erleichtert, die gesamtgesellschaftliche Prekarisierung/Verunsicherung voranzutreiben.<br />
Um in einer solchen Situation als gewerkschaftliche Interessensvertretung ernst genommen zu werden, muss die Problematik in ihrem vollen Umfang verstanden werden. Das Problem „atypischer“ Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse zu separieren und als Randthema festzumachen, vertieft den Spalt zwischen Kernbelegschaft und „den Prek&#228;ren“. Hyman<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> fordert hier eine Redefinition der ArbeiterInneninteressen: „Dabei geht es um neue Definitionen und Repr&#228;sentationen der ArbeiterInnen-Interessen, diese muss einerseits sensitiv f&#252;r die tats&#228;chlichen und eventuell unterschiedlichen Interessen der (potentiellen) Mitglieder sein, andererseits eine Agenda aufstellen, die vereint anstatt zu spalten.“</p>
<h3>Wen wie vertreten?</h3>
<p>Im Hintergrund dieser Problemstellungen steht die Selbstdefinition der Gewerkschaft und ihrer gesellschaftlichen Rolle, sowie die Frage, wessen Interessen genau vertreten werden sollen, d. h. eigentlich die Frage des Klassenbegriffs. Warum ist es so &#252;berraschend, dass auch teilzeitbesch&#228;ftigte Frauen, MigrantInnen in inoffiziellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen oder <em>Working Poor</em> zur ArbeiterInnenklasse geh&#246;ren? Warum werden sie als „neues Klientel“ so sp&#228;t entdeckt? H&#228;ufig ist die Klassendefinition im gewerkschaftlichen Bereich sehr eng gefasst und mit dem Stereotyp des wei&#223;en, m&#228;nnlichen Industriearbeiters assoziiert. Tradierte Vorstellungen von ArbeiterInnen-Kultur und -Habitus verhindern einen weiter gefassten Begriff der Klasse. In diesem Zusammenhang erscheint es wesentlich, sich nicht durch traditionelle Denkfiguren den Blick auf die reale Vielfalt der ArbeiterInnenklasse verstellen zu lassen.<br />
Die n&#228;chste grundlegende Frage ist, wie k&#246;nnen „Interessen der Klasse“ durchgesetzt werden. In verschiedenen L&#228;ndern haben sich hier unterschiedliche strategische B&#252;ndnisse und unterschiedliche Gewerkschaftsidentit&#228;ten entwickelt, vom <em>Business Unionism</em> (z. B. USA), &#252;ber <em>Sozialpartnerschaft</em> (z. B. Deutschland, &#214;sterreich), bis <em>Antikapitalistische Opposition</em> (z. B. Italien).<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Diese unterschiedlichen Formen flie&#223;en aus dem Selbstverst&#228;ndnis und der Geschichte der jeweiligen Gewerkschaft<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a>, sie sind aber auch an die &#246;konomische Situation gebunden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> “Nachdem der Triumph der Sozialpartnerschaft bisher stark auf &#246;konomischer Basis beruht hat und diese Basis jetzt untergraben wird, m&#252;ssen Gewerkschaften nach neuen Instrumenten der Marktregulation suchen, die das Konsensuale &#252;berwindet. Und da das Aufeinanderprallen &#246;konomischer Interessen jetzt wieder im Mittelpunkt steht, erlangt die Klassenlogik neue Resonanz.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Die (sozial-)partnerschaftlichen Modelle sind unter den aktuellen &#246;konomischen Bedingungen nicht tragf&#228;hig. Beispielsweise in &#214;sterreich ist die Sozialpartnerschaft bereits einseitig aufgek&#252;ndigt und besteht letztlich als eine Scheinpartnerschaft, die nur zu einer einfacheren Umsetzung der Interessen des Kapitals dient. Die Gewerkschaft wird damit zur Handlangerin des neoliberalen Umbaus und verliert nicht wegen <em>verlorener</em>, sondern vor allem wegen <em>nicht gef&#252;hrter</em> K&#228;mpfe das Vertrauen der Mitglieder.</p>
<h3>Das Zauberwort <em>Organizing</em></h3>
<p>In fortschrittlichen Teilen einiger Gewerkschaften z. B. in Gro&#223;britannien oder Deutschland wird jetzt die Forderung laut, aus einer n&#246;tigen Problemanalyse nun auch Konsequenzen zu ziehen und zu handeln. Das Zauberwort „Organizing“ wird dabei gerne angef&#252;hrt und steht in erster Linie daf&#252;r, dass aktives Handeln gegen den Mitgliederschwund m&#246;glich ist. <em>Organizing</em> kann ein Weg sein, um wieder in die Offensive zu kommen. Nicht nur im neoliberalen Sachzwangdenken zu verharren, sondern eine starke Gewerkschaftsbewegung zu formieren, die wieder gewichtigere Forderungen stellen kann.<br />
Der Begriff <em>Organizing</em> ist dabei unscharf. Das zeigt z. B. der Definitionsversuch von Bremme<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>: „Organizing eignet sich nach der &#220;berfrachtung dieses Begriffs nur noch als &#220;berschrift f&#252;r ein strategisches, an den Themen der Besch&#228;ftigten ausgerichtetes Empowermentkonzept, das f&#252;r die Durchsetzung gewerkschaftlicher Ideen viele Elemente des Campaignings, des Communitiy Organizings wie des klassischen Projektmanagementwissens zur Durchsetzung gewerkschaftlicher Machtentfaltung immer wieder neu kombiniert.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Trotz bzw. auch wegen der Schwammigkeit des Begriffs <em>k&#246;nnen</em> damit relevante Debatten aufgeworfen werden. Ob die <em>Organizing</em>-Debatte um den hei&#223;en Brei herum gef&#252;hrt wird, oder ob Fragen der politischen Positionierung und der neuen Herausforderungen tats&#228;chlich gestellt werden, liegt vor allem an den AkteurInnen und f&#228;llt demnach in verschiedenen Gewerkschaften unterschiedlich aus. Dass damit ein nachhaltiger Revitalisierungsversuch der Gewerkschaftsbewegung steht und f&#228;llt wird hier vorausgeschickt, soll aber im Folgenden genauer diskutiert werden.</p>
<h3>Die Technik oder <em>plan to win</em></h3>
<p>In einem ersten Betrachtungsversuch wird an dieser Stelle die Organizing<em>technik</em> vorgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Art schematischen Handlungsablauf, der Gewerkschaften, die sich dem <em>Organizing</em>-Projekt anschlie&#223;en wollen, zur Verf&#252;gung gestellt wird. Es ist eine Art Aktions-Leitfaden, der sich an den erfolgreichen Kampagnen US-amerikanischer Gewerkschaften<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> orientiert, aber von vielen AktivistInnen/AutorInnen ins Zentrum der Debatte gestellt wird.<br />
<em> Organizing</em> hat zum Ziel, durch <em>comprehensive campaigns</em> Mitglieder zu aktivieren, Netzwerke zu schaffen, neue Mitglieder zu rekrutieren, indem professionelle <em>OrganizerInnen</em> eingesetzt werden und vor allem ein (Arbeits)kampf gewonnen wird. Die gesamte Kampagne wird zentral geplant, w&#228;hrend die MitarbeiterInnen im Betrieb erst sp&#228;ter einbezogen werden. Bei der Planung und Durchf&#252;hrung einer <em>comprehensive campaign</em> wird dabei meist folgenderma&#223;en vorgegangen:<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><br />
Am Anfang steht der <em>Plan to win</em>. Es wird ein strategisch bedeutsamer Betrieb gew&#228;hlt, bei dem es realistische Erfolgsaussichten gibt. In Vorbereitung auf die Kampagne wird  ausf&#252;hrlich &#252;ber das Unternehmen und seine gesch&#228;ftlichen Beziehungen recherchiert, m&#246;gliche Allianzen mit zivilgesellschaftlichen AkteurInnen z. B. Prominenten, NGOs, Community Organisationen, werden ausgelotet, die Medienarbeit wird vorbereitet und Informationen zur rechtliche Absicherung werden eingeholt. Dann startet das <em>Ground Campaining</em> vor Ort. Dazu werden professionell ausgebildete <em>OrganizerInnen</em> eingesetzt, die die Besch&#228;ftigten am Arbeitsplatz oder zuhause aufsuchen und mit ihnen ihre Anliegen und Probleme diskutieren. Dabei sollen nicht nur der Kontakt hergestellt und m&#246;gliche Konfliktthemen im Betrieb eruiert, sondern auch SprecherInnen und MultiplikatorInnen ausgemacht werden, die dann die St&#252;tzen der Basisnetzwerke werden sollen. In Bezug auf die gef&#252;hrten Gespr&#228;che wird dann zun&#228;chst ein Kampf um ein kleines erreichbares Ziel organisiert, um Selbstbewusstsein zu schaffen (<em>Empowerment</em>). Die Kampagne im engeren Sinn, deren Ziel bereits im <em>plan to win</em> zentral festgelegt wurde, wird dann mit den Besch&#228;ftigten gemeinsam in Betriebs-/Orts-/Branchen-weiten Treffen aufgebaut. Dabei wird eine Strategie der „<em>Eskalation mit kalkulierbarem Risiko</em>“ verfolgt, d.h. ein Mix aus kleineren Arbeitsk&#228;mpfen mit Medienaktionen, Kundgebungen, Einbindung der Zivilgesellschaft, Aktionen auf der KonsumentInnenseite, Aktionen, die die Kundenfirmen betreffen usw. Jetzt sollte der <em>plan to win</em> aufgehen und die Unternehmensleitung muss nachgeben. Darauf folgend wird eine „<em>Blitz</em>“-Rekrutierungsaktion unter Einsatz aller verf&#252;gbaren <em>OrganizerInnen</em> durchgef&#252;hrt, um m&#246;glichst schnell m&#246;glichst viele neue Mitglieder zu gewinnen.<br />
Diese Vorgehensweise ist der rechtlichen und politischen Situation der Gewerkschaften in den USA angepasst.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Schon allein deswegen erscheint eine &#220;bertragung eines <em>Organizing</em>-Modells in einige europ&#228;ische L&#228;nder auf der rein technischen Ebene fragw&#252;rdig. So begr&#252;&#223;enswert die Idee ist, aktiv auf potentielle Mitglieder zuzugehen und sich &#252;ber das F&#252;hren und Gewinnen von K&#228;mpfen und Kampagnen Geh&#246;r im &#246;ffentlichen Raum zu verschaffen, sowenig stellt OrKa<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> (<em>Organizing and Campaigning</em>) eine L&#246;sung f&#252;r oben angesprochene politische Probleme der Gewerkschaften dar.</p>
<h3>Gewerkschaft als Bewegung</h3>
<p>Das <em>Organizing</em>konzept, welches in der bisherigen Darstellung eher als Projektmanagementtechnik klassifiziert werden kann, hat seinen Ursprung allerdings in Auseinandersetzungen um unterschiedliche Versuche der Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung in den USA. In einer viel weiter gefassten <em>gesamt</em>-strategischen Debatte geht es dabei seit Ende der 1990er Jahre in den USA um eine Umorientierung der Gewerkschaft vom traditionellen <em>Business Unionism</em> (beschr&#228;nkt auf wirtschaftliche Forderungen auf der betrieblichen Ebene) zu einer neuen Art der Gewerkschaft, dem <em>Social Movement Unionism</em> (SMU). Dabei handelt es sich um mehr als einen Wiederbelebungsversuch der traditionellen ArbeiterInnen-Organisationen, die Gewerkschaft soll hier zur Sozialen Bewegung werden. Das Zusammenkommen von Gewerkschaft und sozialer Bewegung nimmt hier wiederum in verschiedenen Konzeptionen des SMU unterschiedliche Formen an.</p>
<h3>Raus aus der Klasse…</h3>
<p>Ansto&#223; der seit den 1980ern gef&#252;hrten Debatte &#252;ber alternative Organisationsmodelle waren zun&#228;chst Arbeitsk&#228;mpfe in Brasilien und S&#252;dafrika, sowie die Ans&#228;tze der Neuen Sozialen Bewegungen<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a>. Die ersten theoretischen &#220;berlegungen von Waterman, der sich selbst als Erfinder des SMU bezeichnet, waren weniger als Handlungsanleitung f&#252;r Gewerkschaften gedacht, sondern viel mehr eine Konzeptionierung und Theoretisierung des Zusammenkommens der Gewerkschafts- mit der sozialen Bewegung, dessen st&#228;rkster Ausdruck die Demonstration 1999 in Seattle gegen die WTO war. Watermans Intention kann dabei eher dahingehend gedeutet werden, die Gewerkschaftsbewegung in der breiteren Bewegung<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> aufzul&#246;sen. In seinen retrospektiven Texten<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> verwehrt er sich gegen jede Lesart, die versucht, „leninistisches“ Avantgarde-Denken in seine Konzepte zu packen. Jede strategische &#220;berlegung zu einer spezifischen Positioniertheit der ArbeiterInnenklasse ist f&#252;r ihn abzulehnen. Hier wird ein Bezug auf negrianische Denkfiguren deutlich<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a>, sowohl in seiner Anti-Klassentheorie und der damit verbundenen Anti-Strategie, als auch in einer gewissen Terminologie vom „Informationsarbeiter“ und der „Netzwerkgesellschaft“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a>. In seinen neueren Arbeiten versucht Waterman, sich gegen&#252;ber SMU-Theorien abzugrenzen, die von einem Klassenstandpunkt ausgehen und praxisorientierter sind, deshalb bezeichnet er seine Theorie jetzt als <em>New Social Unionism</em>.</p>
<h3>Rein in die Klasse</h3>
<p>Eine klassenorientierte Konzeption des SMU stammt beispielsweise vom amerikanischen Gewerkschaftsaktivisten Kim Moody. In Moodys SMU soll sich die Gewerkschaft nicht in der Bewegung aufl&#246;sen, sondern sich auf ihre St&#228;rke als ArbeiterInnenbewegung besinnen. „Die <em>Social-Movement-Unionism</em>-Bewegung ist zutiefst demokratisch, denn das ist die beste Art, die St&#228;rke der Vielen zu mobilisieren, um den gr&#246;&#223;tm&#246;glichen &#246;konomischen Druck aufzubauen. Sie ist k&#228;mpferisch in gemeinsamen Verhandlungen durch den Glauben, dass jeder R&#252;ckzug nur zu mehr R&#252;ckschl&#228;gen f&#252;hrt – der Schaden des/der Einzelnen ist der Schaden von allen. Sie versucht, Forderungen zu entwickeln, die mehr Arbeitspl&#228;tze schaffen und die gesamte Klasse unterst&#252;tzen. Sie k&#228;mpft um die Macht und die Organisation am Arbeitsplatz, weil dort der Hebel am meisten Wirkung hat, wenn er richtig angesetzt wird. Sie ist politisch, indem sie unabh&#228;ngig von den nachgiebigen liberalen oder sozialdemokratischen Parteien agiert, egal in welchem Verh&#228;ltnis die Gewerkschaft zu solchen Parteien steht. Sie vervielfacht ihre politische und soziale Macht, indem sie sich bem&#252;ht, andere Sektoren der Klasse zu erreichen, seien es andere Gewerkschaften, Nachbarschaftsorganisationen oder soziale Bewegungen.“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a></p>
<p>Ausgehend von dieser Definition k&#246;nnen drei Eckpfeiler einer klassenorientierten SMU-Strategie ausgemacht werden:<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
•    <em>Die R&#252;ckbesinnung auf den Klassencharakter der Gewerkschaften als Interessensorganisationen</em><br />
Hier geht es um eine aktive Abgrenzung von <em>Business Unionism</em> oder Sozialpartnerschaft und einer Identit&#228;t als au&#223;erparlamentarische Gegenmacht. Dies bedeutet ein militantes Auftreten mit Mitgliedermobilisierung und kollektiven Aktionen als zentralem Handlungsfokus. Dahinter steht eine Klassenideologie, die &#252;ber jeglichem Partnerschaftlichkeitsverst&#228;ndnis steht, wobei die „Klasse“ breit definiert wird und auch Gemeinde- oder KonsumentInneninteressen mit einbezogen werden.<br />
•    <em>Die Bem&#252;hungen, B&#252;ndnisse mit anderen gesellschaftlichen Initiativen, Gruppen und sozialen Bewegungen zu schlie&#223;en</em><br />
Im Sinne der Erweiterung des Handlungsfelds sind Gewerkschaften damit auch Tr&#228;gerinnen von sozialen Interessen (wie in den Bereichen Bildung, Infrastruktur, Wohnen, Kinderbetreuung und Umwelt). Hier kommen auch Ans&#228;tze des <em>Community-based Organizings</em> zum tragen. Als Kampagnenorganisatorin muss die Gewerkschaft B&#252;ndnisse mit den sozialen Bewegungen suchen. Ziel sind Synergie-Effekte, im Sinne von gr&#246;&#223;erer Reichweite, befruchtender Zusammenarbeit mit Nicht-GewerkschaftaktivistInnen und gesellschaftlichem Machtzuwachs.<br />
•    <em>Die Demokratisierung der eigenen Organisationsstrukturen und die Aktivierung der Organisationsbasis</em><br />
Neben der Organisation neuer Mitglieder soll eine breitere Partizipation und Mobilisierung der Mitglieder den Charakter der Gewerkschaft ausmachen. Statt b&#252;rokratischer und intransparenter Entscheidungsfindung sollen die Mitglieder selbst &#252;ber Ziele und Aktionsformen der Gewerkschaft direkt mitbestimmen. Auch dadurch gewinnt die Gewerkschaft an Schlagkraft. Die Debatte &#252;ber die beste formale Umsetzung, partizipative vs. repr&#228;sentative Demokratie, ist dabei noch nicht abgeschlossen und muss letztlich auch situationsabh&#228;ngig diskutiert werden. Ein Spannungsfeld zwischen gr&#246;&#223;tm&#246;glicher Partizipation und einheitlicher Aktion bleibt dabei aber erhalten.</p>
<p>Diese gegens&#228;tzlichen politischen Positionen im SMU, dargestellt anhand der Konzeptionen von Waterman und Moody, finden sich in der aktuellen <em>Organizing</em>-Debatte wieder, auch wenn sie gerne hinter technokratischen Diskussionen versteckt werden.</p>
<h3>Was bringt <em>Organizing</em></h3>
<p>Zun&#228;chst soll hier festgehalten werden, dass es verschiedenste internationale Beispiele gibt, die den <em>Organizing</em>-Ansatz als eine erfolgreiche Praxis zeigen. Am bekanntesten ist wohl die „<em>Justice for Janitors</em>“-Kampagne in den USA, aber auch in Gro&#223;britannien und Deutschland waren Kampagnen vor allem in Bereichen mit vorwiegend „prek&#228;r“ besch&#228;ftigten MitarbeiterInnen erfolgreich. Erfolg wird dabei meist an Mitgliederzuwachs gemessen, aber auch die Aktivierung der Mitglieder und das Erregen &#246;ffentlichen Interesses macht den Erfolg von Projekten wie der <em>Lidl</em>-Kampagne in Deutschland oder der <em>Canary Wharf</em>-Kampagne in London aus.<br />
Nat&#252;rlich wird diskutiert, inwiefern es m&#246;glich war, &#252;ber solche Kampagnen Mitglieder dauerhaft an die Gewerkschaft zu binden<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a>, bzw. ob die Rekrutierung der so genanten „Unorganisierbaren“ nicht ein schwaches Pendant zum stetigen Mitgliederschwund ist und damit als eine halbherzige Alibi-Aktion bezeichnet werden sollte.<br />
Viel wichtiger ist, dass die Debatte &#252;ber die Interessen (potentieller) Mitglieder &#252;berhaupt gef&#252;hrt wird. Bisher konnte in sozialpartnerschaftlichen Modellen der gesellschaftliche Einfluss der Gewerkschaften auch &#252;ber institutionellen Machtgewinn gest&#228;rkt werden. Im Gegensatz dazu ist eine ernsthaft gef&#252;hrte Debatte &#252;ber den Charakter einer Gewerkschaft, die neue Mitglieder anziehen soll und „alteingesessenen“ die Motivation gibt, wieder aktiv zu werden, ein progressiver L&#246;sungsansatz. Die Frage ist, wie tief die Debatte geht und ob die Kernfragen einer politischen Agenda davon ber&#252;hrt werden. Schlagworte wie „Organizing“ machen noch kein politisches Programm aus.<br />
So fordert Susanne Kim<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> als ersten wichtigen Punkt einer eventuellen &#220;bernahme von SMU-Strategien f&#252;r deutsche Gewerkschaften die &#220;berwindung der Sozialpartnerschaft und des Glaubens an die Soziale Marktwirtschaft: „Sie [die Gewerkschaften] m&#252;ssen sich entscheiden, entweder Ordnungsfaktor oder Gegenmacht zu sein, sich in konflikthafter Opposition oder partnerschaftlicher Verbindung zu bewegen und entweder auf einen Wiederaufbau der Sozialen Marktwirtschaft zu insistieren oder einzusehen, dass diese beiden Elemente unvereinbar sind.“ In einem Beitrag des von <em>Ver.di</em>-Funktion&#228;rInnen herausgegebenen <em>Organizing</em>-Buchs „Never work alone“<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> steht dagegen unter der &#220;berschrift <em>Organizing und Sozialpartnerschaft</em>: „Organizing setzt Konfliktbereitschaft voraus. Damit steht es vordergr&#252;ndig im Spannungsverh&#228;ltnis zu (sozial)partnerschaftlichen Strategien. Dennoch sollten einzelne Organizing-Techniken nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass Organizing im Grundsatz keine Festlegung einer bestimmten Grundhaltung im Verh&#228;ltnis von Gewerkschaften und Unternehmen beinhaltet.“<br />
„Organizing pur“ als Mutation eines technischen Details einer wichtigen und spannenden Grunddebatte verzichtet also auf eine politische Strategie und kann daher, wenn &#252;berhaupt, nur eine kurzfristige L&#246;sung zum Problem des Mitgliederschwunds darstellen. Eine starke Organisation der ArbeiterInnenklasse, wie sie in prekarisierten Zeiten dringend gebraucht wird, muss sich den grundlegenden Fragen nach Demokratie und Klassenkampf stellen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Aus verschiedenen Quellen ist ersichtlich, dass sich der Verlauf der Mitgliederzahlen je Land unterscheidet. In den skandinavischen L&#228;ndern etwa verringert sich die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder erst seit Mitte der 1990er. (Ebbinghaus, Bernhard/ Visser, Jelle: Trade Unions in Western Europe since 1945, London 2000) In Osteuropa ist der Mitgliederschwund seit Anfang der 1990er extrem hoch (EIRonline, Trade Union Membership 1993 -2003)<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Von 1971 bis 2001 erh&#246;hte sich die Zahl der besch&#228;ftigten Frauen um ein Drittel, seit 1991 um 9 Prozent. (Statistik Austria, Bev&#246;lkerung nach sozio&#246;konomischen Merkmalen)<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Mitgliederstatistik &#214;GB von 1945-1999, Mitgliederstatistik &#214;GB 2006<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  H&#228;lker, Juri/ Vellay, Claudius (Hg.): Union Renewal – Gewerkschaften in Ver&#228;nderung. Texte aus der internationalen Gewerkschaftsforschung, D&#252;sseldorf 2007. Hier sind Aufs&#228;tze Frankreich und Gro&#223;britannien betreffend rezensiert.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Vgl. z. B. Tálos, Emmerich: Atypische Besch&#228;ftigung in &#214;sterreich, in: ders. (Hg.): Atypische Besch&#228;ftigung. Internationale Trends und sozialstaatliche Regelungen, Wien 1999, S. 252-284<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  D&#246;rre, Klaus: Prekarit&#228;t – Selbstorganisation f&#246;rdern. www.perspektiven.verdi.de<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  D&#246;rre, Klaus: Prekarit&#228;t. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts und M&#246;glichkeiten zu ihrer Politisierung. in: Kulturrisse 4/2006, S. 8-13<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Vgl. M&#252;ller-Hilmer, Rita: Gesellschaft im Reformprozess. TNS Infratest, Juli 2006<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Hyman, Richard: An emerging agenda for trade unions? Discussion Paper Series des International Institute for Labour Studies 98/1999, Genf<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  Hyman, Richard: Understanding European Trade Unionism. Between market, class and society, London 2001, zit. n. Kim, Susanne: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung. Zur Konzeption des „Social Movement Unionism“, Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit, Universit&#228;t Hamburg 2004<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Vgl. &#214;GB – Gefangen in der Sozialpartnerschaft?, in: Perspektiven 1 (2006)<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>  Hyman: Understanding European Trade Unionism, a.a.O., zit. n. Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.aO.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>  „Yet the triumph of the social partnership model half a century depended strongly on economic foundation; as these foundations have been undermined, so unions have had to seek instruments of market regulation which transcended the consensual. And as the clash of economic interests has returned to centre stage, so the logic of class has acquired new resonance.”<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>  Bremme, Peter/ F&#252;rni&#223;, Ulrike/ Meinecke, Ulrich (Hg.): Never Work Alone. Organizing – Ein Zukunftsmodell f&#252;r Gewerkschaften, Hamburg 2007, S. 195<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>  Zit. n. Bachmann, Andreas: [Rezension zu „Never Work Alone“], in: Express – Zeitschrift f&#252;r sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 6/2007<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>  In erster Linien sind das die in den 1990er Jahren gef&#252;hrten Kampagnen der SEIU (<em>Service Employees International Union</em>).<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>  Nach Bremme et al.: Never Work Alone, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>  Insgesamt ist das Klima in den USA sehr gewerkschaftsfeindlich. Das Management vieler Betriebe stellt eigene <em>Union Buster</em> an, die die Gr&#252;ndung einer Gewerkschaft verhindern sollen. Im heute oft praktizierten <em>Closed Shop System</em> wird eine Gewerkschaft dann zugelassen, wenn mehr als 50 Prozent der Besch&#228;ftigten beitreten wollen, das ist der sogenannte <em>Card Check</em>.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>  Ver.di hat hier einen eigenen Arbeitskreis aufgebaut: „ORKA ist ein bundesweit aktiver Kreis von Kampagnenberatern, der gewerkschaftliche Kampagnen plant, organisiert und begleitet. Das Team b&#252;ndelt Erfahrungen aus der Durchf&#252;hrung von Kampagnen in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Neben betrieblichem, gewerkschaftlichem und sozialwissenschaftlichem know-how sind us-gewerkschaftliche Konzepte der Kampagnen- und Organisierungsarbeit wichtige Bezugspunkte f&#252;r die Arbeit.“ (www.verdi.de)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>  Waterman, Peter: The New Social Unionism: A New Union model for a New World Order, in: Munck, Ronaldo/ Wateman, Peter (Hg.): Labour Worldwide in the Era of Globalisation. Alternative Union Models in the New World Order, London 1999<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>  Nach Waterman kann diese Bewegung nicht definiert werden, es ist nur festzuhalten, dass sie keine sozialistische aber auch keine NGO-Bewegung ist.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>  Waterman, Peter: Adventures in emancipatory labour strategy as the new global movement challenges unionism. www.labournet.de/disskussion/gewerkschaft/smu/smuadvent.html (2003)<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>  Vgl. Birke, Peter: Tristesse und Suchbewegungen. Der Social Unionism und die Gewerkschaften in der Bundesrepublik. Beitrag zum buko, 20.-23. Mai 2004 in Kassel<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>  Waterman, Peter: Re-Conceptulising the World Working Class: A Matter of What and Who? Or Why and Wherefore?, Manuskript, Amsterdam  2003<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>  „Social Movement Unionism is one that is deeply democratic, as that is the best way to mobilize the strength of the numbers in order to apply the maximum economic leverage. It is militant in collective bargaining in the belief that retreat anywhere only leads to more retreats – an injury to one is an injury to all. It seeks to craft bargaining demands that create more jobs to aid the whole class. It fights for power and organization in the workplace or on the job that is there that the greatest leverage exists, when properly applied. It is politically by acting independently of the retreating parties of liberalism and social democracy, whatever the relations of the union with such parties. It multiplies its political and social powers by reaching out to other sectors of the class, be they other unions, neighbourhood-based organisation, or other social movements.“<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>  Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.a.O.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>  Vgl. das Interview mit Kim Moody in dieser Ausgabe.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a>  Kim: Gewerkschaften zwischen Organisation und Bewegung im Zeitalter der Globalisierung, a.a.O.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Bremme et al.: Never Work Alone, a.a.O.</p>
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		<title>An der Werkbank der Supermacht</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 10:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Kim Moody</em> ist Autor eines neuen Buches &#252;ber die amerikanische ArbeiterInnenklasse: <em>US Labor in Trouble and Transition</em>. Er hat mit <em>Chris Harman</em> und <em>Martin Smith</em> &#252;ber seine Forschung gesprochen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Kim Moody</em> ist Autor eines neuen Buches &#252;ber die amerikanische ArbeiterInnenklasse: <em>US Labor in Trouble and Transition</em>. Er hat mit <em>Chris Harman</em> und <em>Martin Smith</em> &#252;ber seine Forschung gesprochen.</p>
<p><span id="more-13"></span></p>
<p><em>Martin Smith: Kannst du uns einen &#220;berblick &#252;ber den Zustand der amerikanischen ArbeiterInnenklasse geben, ihre organisatorische St&#228;rke, die Stimmung und so weiter?</em></p>
<p>Die Situation f&#252;r die organisierten ArbeiterInnen in den USA war ein Vierteljahrhundert lang von Niedergang und R&#252;ckzug gepr&#228;gt. Der Organisationsgrad heute betr&#228;gt nur noch 13 Prozent, acht Prozent in der Privatwirtschaft. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber der R&#252;ckzug findet nicht ohne Widerstand statt – an jedem Punkt wurden Anstrengungen unternommen, sich zu wehren. In den letzten Jahren gab es nicht viele inoffizielle Streiks, anders als in den 1960ern und 1970ern. Die meisten Streiks werden der Gewerkschaft aufgezwungen oder manchmal nur formal von ihnen angef&#252;hrt. Insgesamt steigt die H&#228;ufigkeit von Streikaktionen nicht wirklich, obwohl es in den letzten paar Jahren schon ein bisschen mehr gibt.<br />
Manche Streiks stechen dabei mehr heraus als andere. Der UPS Streik 1997 war besonders wichtig. Die <em>Teamsters</em> (<em>Transport-Gewerkschaft, Anm. d. Red.</em>) waren sehr gut vorbereitet, sowohl auf der F&#252;hrungs- als auch auf der Basisebene und der Streik war erfolgreich.<br />
In den 1990ern gab es ungef&#228;hr zwanzig Streiks bei verschiedenen Niederlassungen von <em>General Motors</em>. Das zeigte die St&#228;rke der AktivistInnen vor Ort. Sie machten die Erfahrung, dass wegen der „just-in time“-Produktionsmethoden das ganze System von Kanada bis Mexiko zum Stillstand kommt, wenn man einen Betrieb lahm legt. Fast alle dieser Streiks konnten ihre Forderungen nach mehr Arbeitspl&#228;tzen durchsetzen. Aber die nationale Gewerkschaft hat diese Bewegungen nie zusammengef&#252;hrt. Sie haben ihre St&#228;rke nicht genutzt.<br />
Die ersten Bem&#252;hungen an der Spitze der Gewerkschaftsbewegung, etwas zu unternehmen, waren die Versuche in den 1990ern, die Ausrichtung der <em>AFL-CIO</em> (<em>American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations, Amerikanischer Gewerkschaftsbund, Anm. d. Red.</em>) in Bezug auf die Aktivit&#228;ten an der Basis zu &#228;ndern. Als Resultat wurde John Sweeney 1995 zum Pr&#228;sidenten der <em>AFL-CIO</em> gew&#228;hlt, der diesen Sieg die folgenden Jahre aber verschleudert hat und sich als unf&#228;hig erwies, irgendetwas in Richtung einer neuen Strategie vorzustellen. Die Rhetorik war, die „Unorganisierbaren zu organisieren“.  Dass das nicht gelungen ist, liegt dabei nicht nur an seinem eigenen politischen Versagen, sondern auch am Widerstand vieler Gewerkschaften, die das nicht so sehen.<br />
Wenn jemand neue Mitglieder organisieren konnte, dann waren das die BasisaktivistInnen der ArbeiterInnenbewegung. Es kann nicht von einer Armee von professionellen OrganizerInnen erledigt werden, wie das bei der <em>SEIU</em> (<em>Service Employees International Union, Dienstleistungs-Gewerkschaft, Anm. d. Red.</em>) und anderen versucht wurde.<br />
Sweeneys Versagen f&#252;hrte letztendlich zur Spaltung der <em>AFL-CIO</em> 2005 und der Formierung der rivalisierenden <em>Change to win Coalition</em>. Seither hat sich nicht viel ver&#228;ndert. Die <em>SEIU</em>, die st&#228;rkste Kraft in der <em>Change to win Coalition</em>, rekrutiert offensiver als jede andere Gewerkschaft, wie auch die <em>Teamsters</em>, die auch in <em>Change to win</em> sind. Aber die <em>Communication Workers</em>, die immer noch in der <em>AFL-CIO</em> sind, rekrutieren ebenfalls. Also waren weder Politik, noch Prinzipien, noch „Visionen“ der eigentliche Grund f&#252;r die Spaltung. Es ist schwer zu sagen, worum es wirklich ging. Ich habe in der Zeit in New York unterrichtet und hatte Kontakt zu Mitgliedern der Gewerkschaften, die in die Spaltung involviert waren. Sie hatten keine Ahnung was da los war. Alles spielte sich an der Spitze ab. F&#252;r die Basis schien es bei der Spaltung um Macht und Geld f&#252;r die Gewerkschaftsf&#252;hrung zu gehen. Einige Gewerkschaften dachten, es w&#228;re Geldverschwendung weiter Abgaben an die <em>AFL-CIO</em> zu zahlen, was ja nicht ganz falsch war. Die neue <em>Change to win Coalition</em> steht auf wackligen Beinen. Das Problem mit dem Ansatz einiger Gewerkschaften in <em>Change to win</em> ist, dass sie die Rekrutierungs-Offensive mit zwei anderen Praktiken verbinden. Zuerst haben sie Ortsgruppen zusammengelegt. Jetzt gibt es Gruppen, die sieben oder acht Staaten einschlie&#223;en, mit Mitgliedern hunderte von Meilen voneinander entfernt. Es ist unm&#246;glich Treffen abzuhalten. Eigentlich sind es eher administrative Einheiten, die von viel Personal verwaltet werden. Es sind &#252;berhaupt keine demokratischen ArbeiterInnenorganisationen. Seit Jahrzehnten reden wir &#252;ber Gewerkschaftsb&#252;rokratie, aber das geht ja noch viel weiter, als wir uns das je vorgestellt haben. Viele Leute sind bereit, das zu vergeben, weil die <em>SEIU</em> neue Mitglieder gewinnt. Aber auch hier geht die Rate zur&#252;ck. Und ein Grund daf&#252;r ist die Art und Weise, wie sie das machen. Sie planen die Rekrutierungsoffensiven Jahre im Voraus und weichen nicht von diesem Plan ab. Sogar wenn eine andere Gruppe mitmachen will, sagen sie, nein, sorry. Ich &#252;bertreibe nicht.<br />
Das zweite Problem, das die <em>Change to win</em> Sache und vor allem die <em>SEIU</em> ausmacht, ist das ganze „Partnerschafts“-Konzept. Andy Stern, der <em>SEIU</em>-Vorsitzende, sagt Sachen wie, „Es darf keinen Klassenkonflikt mehr geben. Wir m&#252;ssen mit den Unternehmen zusammenarbeiten und ihnen helfen, erfolgreich zu sein.“ Das versprechen sie in den Rekrutierungsoffensiven – in gewisser Hinsicht scheinen sie zu versuchen, die UnternehmerInnen eher als die ArbeiterInnen zu organisieren. In der <em>Health Maintenance Organisation</em> an der Westk&#252;ste sagen sie sogar explizit, dass sie ihre Mitglieder zur&#252;ckhalten w&#252;rden, wenn das dem Gesch&#228;ft hilft. Das war immer ein Aspekt des <em>business unionism</em>, aber jetzt wird es zu einer expliziten Ideologie.<br />
Eine der Sachen, f&#252;r die die <em>SEIU</em> ber&#252;hmt sind, ist die <em>Justice for Janitors</em> Kampagne 1990. In der Recherche f&#252;r mein Buch habe ich mir die Lohnvereinbahrungen angesehen, die da getroffen wurden und die sind f&#252;rchterlich. In 15 Jahren haben sie noch nicht einmal den Reallohnverlust ausgeglichen.<br />
Man kann nicht sagen, dass alle <em>Change to win</em> Gewerkschaften f&#252;r das „Partnerschaftsmodell“ sind und alle <em>AFL-CIO</em> dagegen. Ungl&#252;cklicherweise verbreiten viele Gewerkschaftsvorsitzende diese Idee, die ein bisschen anders ist als die Gewerkschafts-Unternehmens-Kooperationen der 80ern und 90ern. Vielleicht versuchen sie das europ&#228;ische Sozialpartnerschafts-Modell zu kopieren.</p>
<p><em>MS: Aber viele AktivistInnen in Gro&#223;britannien sind sehr begeistert von den Rekrutierungsoffensiven der SEIU. In New York und Seattle sieht man die SEIU-Mitglieder &#252;berall mit ihren violetten Baseball-Kappen.</em></p>
<p>Sie mobilisieren ihre Mitglieder f&#252;r Demonstrationen wenn sie sie brauchen und demobilisieren sie, wenn sie sie nicht mehr brauchen. Die Kappen und T-Shirts sind &#252;berall, aber das ist mehr so ein amerikanisches Ding. Die <em>SEIU</em> hat ein Wort daf&#252;r, die „<em>Purple Army</em>“. Sie k&#252;mmern sich sehr um ihr Image, und das ist ein Teil davon.<br />
Trotzdem f&#252;hren sie einige interessante K&#228;mpfe. Sie organisieren ArbeiterInnen, die dringend Organisation brauchen. Sie rekrutieren in Industrien, die nicht der internationalen Konkurrenz ausgesetzt sind, wie Krankenhauspersonal oder Geb&#228;udereinigung, die nicht ins Ausland verlegt werden k&#246;nnen. Den gr&#246;&#223;ten Mitgliederzuwachs erreichen sie gerade beim Sicherheitspersonal. Viele der neuen Mitglieder kommen aus L&#228;ndern wie Mexiko und El Salvador und bringen ihre radikalen politischen Ideen und Traditionen mit. Das gibt der Gewerkschaft eine gewisse Lebendigkeit. Das war besonders bei <em>Justice for Janitors</em> der Fall. Die ersten Leute, die sie rekrutieren und die dann Basis-OrganizerInnen werden, sind politische Leute.<br />
Es gibt zw&#246;lf Millionen migrantische ArbeiterInnen in den USA. Der Gro&#223;teil kommt aus Lateinamerika. Die Gewerkschaften haben lange gebraucht, um darin einen Kreis potentieller Mitglieder zu sehen. Die MigrantInnen-Demonstrationen und die Streiks am 1. Mai 2006 waren spektakul&#228;r. Diese Streiks haben ganze Industrien lahm gelegt. Dadurch konnten wir sehen, wo diese ArbeiterInnen Druck aus&#252;ben k&#246;nnen. Nicht nur in der Landschaftsg&#228;rtnerei oder Geb&#228;udereinigung: sie haben die halbe Lebensmittelverarbeitung, die H&#228;fen an der Westk&#252;ste und die Bauarbeiten in Kalifornien lahm gelegt.<br />
Seit den May-Day-Streiks wird massive Repression ausge&#252;bt. Auch die katholische Kirche, die 2006 eine gro&#223;e Rolle gespielt hat, f&#252;rchtet sich mittlerweile vor dem, was sie da losgetreten hat. Dieses Jahr gab es keine landesweite Mobilisierung, also ist es auch nicht zu etwas Vergleichbarem gekommen. Aber in Chicago haben 150.000 Menschen demonstriert – und das an einem Arbeitstag – und in Los Angeles 35.000! Es gibt hunderte lokale Organisationen und vielleicht ein halbes Dutzend landesweiter Kooperationen, von konservativ bis radikal, die sich damit befassen, und einige rekrutieren selbstst&#228;ndig f&#252;r die Gewerkschaft. Es gibt Geschichten dar&#252;ber. Als die <em>Laborers’ Union</em> OrganizerInnen in einen Fleischverarbeitungsbetrieb im S&#252;den geschickt hat, stellten die OrganizerInnen fest: „Als wir dort ankamen sahen wir, dass die Gewerkschaft schon vor der Gewerkschaft da war. Sie hatten sich selbst organisiert. Wir mussten nur noch die Mitgliedskarten verteilen.“<br />
Die Gewerkschaft muss jetzt den Durchbruch im S&#252;den schaffen. In den letzten drei&#223;ig Jahren gab es dort so viel an &#246;konomischer Aktivit&#228;t, nicht nur in der Lebensmittelverarbeitung, die enorm ist, sondern auch in der Automobilindustrie. Es gibt jetzt zwei Automobilindustrien in den Vereinigten Staaten. Die alte, <em>General Motors</em>, <em>Ford</em>, <em>Chrysler</em> und so weiter, die in der Krise stecken und die neue im S&#252;den, dazu geh&#246;ren <em>Mercedes</em>, <em>Nissan</em>, <em>Toyota</em> etc., die gerade sehr erfolgreich sind. In den Betrieben im S&#252;den gibt es keine massiven Entlassungswellen. Diese Betriebe m&#252;ssen das Hauptziel der Organisierungsoffensiven werden, wenn die Gewerkschaft sich durchsetzen will. Die Betriebe im S&#252;den sind zu 95% unorganisiert.</p>
<p><em>MS: Wird es wieder so etwas wie „Operation Dixie“ in den sp&#228;ten 40ern und fr&#252;hen 50er Jahren geben? </em></p>
<p>Das war eine Katastrophe. Die <em>CIO</em>-Gewerkschaft ging runter in den S&#252;den mit der Idee (a) die KommunistInnen zu schlagen, weil die die Einzigen waren, die im S&#252;den gek&#228;mpft haben um Gewerkschaften aufzubauen und (b) die Wei&#223;en zu organisieren, damit sie nicht mit der „Rassen-Frage“ konfrontiert werden. Nat&#252;rlich haben sie in der „Rassen-Frage“ versagt und sind in einen enormen Fraktionsstreit mit den Kommunisten in der Stahl-Industrie geraten – am Schluss hatten sie gar nichts.<br />
Ich glaube nicht, dass sie heute so dumm sind. Es gibt ohnehin keine KommunistInnen im S&#252;den. Au&#223;erdem heuern die Gewerkschaften jetzt alle Linken an, die sie kriegen k&#246;nnen. Sweeney war der erste, der damit in den 1980ern begonnen hat. Er hat die Frage gestellt: „Wie holen wir wieder Kampfgeist in die Organisation? Wir werden die ganzen 68er-Veteranen anheuern.“ Die Frage ist, k&#246;nnen sie mit der Ethnizit&#228;ts-Thematik umgehen? Im S&#252;den ist das noch schwieriger als fr&#252;her, weil es jetzt nicht mehr nur Schwarze und Wei&#223;e gibt, es gibt Schwarze, Wei&#223;e, Latinos und einige AsiatInnen. Der S&#252;den hat sich ge&#228;ndert. Er ist jetzt viel industrialisierter, obwohl immer noch sehr r&#252;ckst&#228;ndig.<br />
Abseits der Rhetorik ist die <em>SEIU</em> gar nicht interessiert, im S&#252;den zu rekrutieren. Sie m&#252;ssen immer noch abertausende DienstleistungsarbeiterInnen im Rest des Landes organisieren. Also wird es die Aufgabe der ehemaligen Industrie-Gewerkschaften sein, die der Auto- und der KommunikationsarbeiterInnen, im S&#252;den Fu&#223; zu fassen. Die <em>United Auto Workers</em> haben k&#252;rzlich in zwei kleinen Autoteil-Fabriken im S&#252;den die Abstimmungen (zur gewerkschaftlichen Organisierung des Betriebs, Anm. d. Red.) gewonnen. Das ist gut, aber nicht gut genug.<br />
Die Gewerkschaften m&#252;ssen gemeinsam funktionieren und jene, die strategische Macht haben, sie auch einsetzen. Das war das richtige an <em>Operation Dixie</em>: Sie wussten, sie m&#252;ssen es gemeinsam als Verband machen. Jetzt gibt es zwei Verb&#228;nde und wir brauchen Gewerkschaften aus beiden, damit das Ding funktioniert. Hoffentlich schaffen sie es, trotz dieser eher unn&#246;tigen Spaltung, zusammen zu arbeiten. Das muss auch die <em>Teamsters</em> inkludieren, weil der LKW-Transport die Basis der ganzen s&#252;dlichen Industrie ist. Wenn der s&#252;dliche LKW-Transport kontrolliert werden kann, kann man so gut wie alles lahm legen.</p>
<p><em>MS:  K&#246;nnen sie uns ein paar positive Beispiele der Organisierung der ArbeiterInnen geben – wir haben nicht viel davon geh&#246;rt.</em></p>
<p>Fleischverarbeitung zum Beispiel. W&#228;hrend des Streiks am 1. Mai 2006 haben die Leute, die den Smithfield-Betrieb organisieren, zu einer Demonstration der migrantischen ArbeiterInnen aufgerufen und es sind nicht nur die aus der Smithfield-Fabrik gekommen, sondern noch aus vier oder mehr anderen Betrieben. Sie haben alle wichtigen Fabriken des Staates zum Stillstand gebracht. K&#252;rzlich gab es auch Organisierungs-Erfolge in Fleischverarbeitungs-Betrieben in Omaha, Nebraska. Das ist zwar nicht der S&#252;den, aber es ist eine wichtige Lebensmittelindustrie-Gegend.<br />
Ein Schl&#252;sselelement dieser beiden K&#228;mpfe war die Zusammenarbeit mit den <em>Workers’ Centers</em>. Diese Organisationen haben sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt. Meistens befinden sie sich in migrantischen Gemeinden und werden <em>Workers’ Center</em> genannt, weil sie sich im Gegensatz zu den &#228;lteren <em>Community</em>-Organisationen auf den Arbeitsplatz konzentrieren. Es sind aber keine Gewerkschaften. Es gibt ungef&#228;hr 130 davon im ganzen Land, die meisten davon im S&#252;den. Sie haben in Smithfield und in ganz North Carolina eine wichtige Rolle gespielt.<br />
Manchmal werden sie von den Gewerkschaften finanziell unterst&#252;tzt, aber es gibt auch Spannungen zwischen den beiden. Die Gewerkschaftsf&#252;hrung stolpert &#252;ber etwas, was sie nicht kontrollieren kann und wei&#223; nicht recht, was sie damit anfangen soll, migrantische ArbeiterInnen organisieren sich selbst auf einer <em>Community</em>-Basis und meistens auch auf der Basis von Nationalit&#228;t und Ethnie. Aber die Gewerkschaftsf&#252;hrung hat in den letzten Jahren dazugelernt und jetzt sagt die <em>AFL-CIO</em>, sie wollen, dass die <em>Workers’ Center</em> sich mit ihnen zusammenschlie&#223;en. Die <em>Laborers’ Union</em> hat sogar selbst ein <em>Workers’ Center</em> gegr&#252;ndet.<br />
Die <em>Workers’ Center</em> haben eine wichtige Rolle in den Organisierungs-Offensiven gespielt. Eines der historischen Probleme in den Vereinigten Staaten ist, dass vor drei&#223;ig oder vierzig Jahren die ArbeiterInnen in Gemeinden in der N&#228;he der Betriebe lebten und zu Fu&#223; zur Arbeit gegangen sind. Das ist in den USA schon lange zusammengebrochen. Heute fahren die Leute normalerweise &#252;ber hundert Meilen zu einem guten Arbeitsplatz, wenn sie den bekommen.<br />
Indem MigrantInnen urbane oder semi-urbane Communities aufbauen, gibt es jetzt wieder Gemeinden in der N&#228;he der Arbeitspl&#228;tze. Dadurch entsteht eine neue Verbindung zwischen proletarischen Communities und der Belegschaft. Das vereinfacht vieles. So gab es z. B. Erfolge, in New York TaxifahrerInnen zu organisieren, die fast alle aus dem indischen Subkontinent kommen. Sie haben sich selbst organisiert und sind dann der <em>AFL-CIO</em> beigetreten. Die <em>Workers’ Center</em> arbeiten jetzt oft beim Organisieren mit den Gewerkschaften zusammen. Sie sind langfristige Hoffnungstr&#228;ger.<br />
Ich sage bestimmt nicht vorher, dass wir kurz vor einem Aufschwung stehen. Die Kr&#228;fte m&#252;ssen akkumuliert werden. Das Wachsen der Organisation dr&#252;ckt sich noch nicht in Zahlen aus. Die Gewerkschaften verlieren immer noch mehr Mitglieder, als sie dazu gewinnen. Die offiziellen Statistiken von 2006 zeigen, dass die Gewerkschaften weitere 300.000 Mitglieder verloren hat, inklusive vieler bei <em>General Motors</em> und so weiter. Das <em>Organizing</em> ist also noch nicht mal an dem Punkt, wo es mit den Verlusten mithalten kann.<br />
Ich sehe die Ursache darin, dass die Gewerkschaft keinen strategischen Fokus hat. Wie bereits erw&#228;hnt, die <em>Teamsters</em> k&#246;nnten der Schl&#252;ssel sein, um den S&#252;den zu organisieren. Sie machen viele verschiedene Sachen und sind &#252;berall, aber es gibt keinen geographischen oder industriespezifischen Fokus. Dasselbe gilt f&#252;r die <em>Auto Workers</em>. Die haben die letzten zwanzig Jahre damit verbracht, Universit&#228;tsabg&#228;ngerInnen und TeilzeitlektorInnen zu organisieren. Das ist ja sehr nett, aber die k&#246;nnen keine Verschiebung der Klassen-Machtverh&#228;ltnisse des Landes bringen.</p>
<p><em>MS: Sie haben uns einiges &#252;ber ArbeiterInnen aus Lateinamerika berichtet. Was ist mit der schwarzen ArbeiterInnenklasse? Sie war das R&#252;ckgrat der K&#228;mpfe in den 60er und 70er Jahren. Und was ist mit der wei&#223;en ArbeiterInnenklasse?<br />
</em></p>
<p>Die schwarze ArbeiterInnenklasse hat es extrem hart getroffen, h&#228;rter als jede andere Gruppe. Sie waren in den 1960er und 1970er Jahren besonders wichtig, nachdem sie sich endlich substantielle Pr&#228;senz in der Industrie erarbeitet hatten. Hier gab es einen schweren R&#252;ckschlag, St&#228;dte wie Detroit und Cleveland sind verw&#252;stet. Cleveland war vor zwanzig Jahren eine Industriehauptstadt. Jetzt ist sie die &#228;rmste Stadt der Vereinigten Staaten. Die schwarzen ArbeiterInnen, die weiterhin besch&#228;ftigt werden, sind jetzt vor allem im &#246;ffentlichen Dienst und im Dienstleistungssektor konzentriert. Sie sind immer noch entscheidend in einigen Industriezweigen, vor allem im S&#252;den und in der Automobilindustrie in Norden und S&#252;den.<br />
Ein Teil des Problems ist ein politisches. Obwohl die schwarze ArbeiterInnenklasse nicht generell konservativer ist als die wei&#223;e, waren sie abh&#228;ngiger von der Demokratischen Partei. Die Demokraten sind wiederum von ihnen abh&#228;ngig, aber tun nichts f&#252;r sie. Deshalb gab es eine lange Periode politischer Frustration und es hat sich keine radikale Richtung daraus entwickelt.<br />
Jetzt gibt es auch eine gro&#223;e, schwarze Mittelklasse. Ein Ergebnis der B&#252;rgerInnenrechtsbewegung war, dass mehr schwarze Menschen Stellen im &#246;ffentlichen Dienst bekommen haben, B&#252;rojobs, trotzdem muss man die Fragilit&#228;t der schwarzen Mittelklasse verstehen, sie st&#252;tzt sich sehr auf den &#246;ffentlichen Dienst.<br />
Wei&#223;e ArbeiterInnen sind immer noch die Mehrheit, trotz der Ver&#228;nderungen. Sie machen immer noch 75 Prozent der ArbeiterInnenschaft aus. Es gibt einen Unterschied zwischen ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Dienst, wo es immer noch eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit gibt und die meistens, zumindest in den Gro&#223;st&#228;dten, gewerkschaftlich organisiert sind, und der industriellen ArbeiterInnenklasse, die total verw&#252;stet wurde. Ganze St&#228;dte, die ehemals Gewerkschaftsbastionen waren, sind jetzt nur noch W&#252;sten. Aber die Industrie ist nicht ganz verschwunden, nicht mal im Norden. Also k&#246;nnen die wei&#223;en IndustriearbeiterInnen immer noch eine Rolle spielen.<br />
Ihr Bewusstsein war immer schon vollkommen widerspr&#252;chlich. Sie waren die Basis der militantesten Gewerkschaften in den 1930er und 1940er bis in die 1950er Jahre. Es gab keine sozialistische Pr&#228;senz in diesen Gewerkschaften, aber sie w&#228;hlten die Demokraten im Interesse der Klasse, auch wenn wir das nicht so sehen w&#252;rden. Trotzdem war der Rassismus tief verankert in der wei&#223;en ArbeiterInnenklasse. Zwischenzeitlich, in der Hitze des Gefechts, wurde der Rassismus dann wieder auf Eis gelegt. Also war es lange Zeit so, dass niemand eine rein wei&#223;e KandidatInnenliste aufstellen w&#252;rde, wenn ein Betriebrat bei den <em>Auto Workers</em> oder den <em>Teamsters</em> oder irgendwo in der Stahlindustrie gew&#228;hlt wurde. Also gibt es zwar eine Menge Rassismus, aber auch das praktische Verst&#228;ndnis, dass wir hier alle gemeinsam drinh&#228;ngen.<br />
Was sich auch noch ver&#228;ndert hat, ist eine Art <em>backlash</em> gegen&#252;ber den Gewerkschaften. Die Leute arbeiten nicht mehr im selben Betrieb, sind arbeitslos, machen irgendeinen lausigen Job oder gehen auf die Berufsschule und hoffen noch was zu lernen. Sie sind nicht mehr im selben Kampf. Und die, die einen guten Job in einem gewerkschaftlich organisierten Betrieb hatten und den verlieren, geben daf&#252;r nicht nur der Firmenleitung sondern auch der Gewerkschaft die Schuld. Sie sagen, „Wo war die Gewerkschaft? Sie haben dar&#252;ber Bescheid gewusst und uns im Stich gelassen.“<br />
Eine Anekdote dazu. Es gab eine Rekrutierungsoffensive im Norden Pennsylvanias, nicht weit von Pittsburgh. Das ist ein Teil des Landes mit sehr hohem Organisationsgrad, nicht nur in der Stahlindustrie sondern &#252;berall. Die <em>SEIU</em> versuchte Pflegepersonal zu organisieren und ist es nicht gew&#246;hnt, die Annerkennungsabstimmung zu verlieren. Aber sie haben haushoch verloren. Jemand hat die ArbeiterInnen f&#252;r eine Studie interviewt, und sie haben gesagt: „Wir k&#246;nnen kein Vertrauen in euch haben. Schaut, was die Gewerkschaften in den Stahl-Betrieben gemacht haben. Sie haben sich f&#252;r niemanden stark gemacht.“<br />
Also haben sich viele der Menschen, die fr&#252;her gute Gewerkschaftsmitglieder waren, jetzt der neoliberalen Ideologie oder dem evangelikalen Christentum zugewandt. Abtreibung wird pl&#246;tzlich auf eine Art und Weise wichtig, wie es fr&#252;her nie der Fall war. Man war zwar Katholik und ein guter Katholik und man war gegen Abtreibung, aber irgendwie war das kein Thema. Die Themen waren Geld und der Kampf mit den Bossen. Jetzt werden Abtreibung und Homo-Ehe an Orten wie Ohio zum wichtigsten Wahlkampfthema 2004 – das ist unglaublich. Und die Gewerkschaften k&#246;nnen so was nicht anfechten.</p>
<p><em>Chris Harman: Es gibt diese weit verbreitete Idee, sogar auf der Linken, dass die Industrie aus den wirtschaftlich entwickelten L&#228;ndern verschwunden ist. In deinem Buch erscheint es aber, als h&#228;tten wir es mehr mit einer Verschiebung aus dem Nordosten der USA in den S&#252;den und den Westen zu tun. Die Statistiken, die du pr&#228;sentierst, sind durchaus interessant. Der Reinverlust betr&#228;gt demnach nur zwei oder drei Millionen der zwanzig bis drei&#223;ig Millionen Arbeitspl&#228;tze.</em></p>
<p>Der Verlust an Arbeitspl&#228;tzen in der verarbeitenden Industrie ist in vier Sektoren konzentriert. Bei Textil und Bekleidung ist fast alles ins Ausland abgewandert. Die Metallindustrie ist noch nicht ganz weg. Eisen oder Bergbau und alles was damit zusammenh&#228;ngt ist ganz weit unten. Was in den 1990ern noch runter gegangen ist, ist die Chemie-Branche, ehemals ein Industriezweig mit hohem Organisationsgrad. Aber viele andere Industrien sind noch da – sie haben sich nur innerhalb der USA bewegt. Es werden noch mehr Arbeitspl&#228;tze in der verarbeitenden Industrie verloren gehen, daran besteht kein Zweifel. Noch einiges wird nach China, Mexiko oder Brasilien abwandern. Aber bei einigen Dingen ist es einfach un&#246;konomisch, sie weit weg zu produzieren. Diese Dinge werden weiterhin f&#252;r den lokalen und nationalen Markt produziert.<br />
Die Idee, dass die Gesellschaft nicht l&#228;nger aus materiellen Dingen zusammengesetzt ist, ist nat&#252;rlich Bl&#246;dsinn. Da muss man sich nur umschauen. Diese Dinge m&#252;ssen von irgendwo kommen, mache kommen aus China oder Indien, aber sie sind bestimmt nicht all die Dinge losgeworden, die in den USA produziert wurden. Die Ironie ist, dass wegen der Restrukturierung einige der traditionellen manuellen Arbeiten noch wichtiger geworden sind, wie LKW-Fahren oder Bahntransport. Was jetzt als „Logistik“ bezeichnet wird, ist der eigentliche Schl&#252;ssel der neuen Struktur der Industrie. Sie k&#246;nnen den Panama-Kanal nicht mehr ben&#252;tzen, weil er zu klein f&#252;r ihre Schiffe ist, also bringen sie das Zeug an die Ost- oder an die Westk&#252;ste und transportieren es per LKW oder per Bahn durchs ganze Land. Deshalb haben Gewerkschaften in diesen Industrien potentiell viel Macht und Einfluss. Das muss allerdings noch demonstriert werden. Unter der derzeitigen Leitung der <em>Teamsters</em> ist es aber unwahrscheinlich, dass viel getan wird, um das zu zeigen.</p>
<p><em>MS: In der Zeit der gro&#223;en antikapitalistischen Proteste in Seattle 1999 hat man &#252;ber das Zusammenkommen von Teamsters und Turtles (junge AktivistInnen der Umweltschutzbewegung) gesprochen. Welche Auswirkungen hatte das? Gab es eine antikapitalistische Stimmung in den Gewerkschaften? Das andere Ereignis, das bestimmt einen Einfluss hatte, war der 11. September.</em></p>
<p>Der 11. September hat mehr oder weniger einen Gro&#223;teil der Auswirkungen der Seattle-Proteste untergraben. In den USA gab es seitdem keine Demonstration mehr mit diesem Charakter. Es gab Anti-Kriegs-Demonstrationen, die gr&#246;&#223;er waren, aber sie hatten nicht den gleichen Effekt.<br />
Aber Seattle hatte sehr wohl Auswirkungen. Es war nicht nur interessant, dass die <em>AFL-CIO</em> ihre Leute hingebracht hat – sie haben 30.000 Leute hingebracht. Sie wollten sie davon abhalten, mit den jungen Leuten gemeinsam auf die Stra&#223;e zu gehen, waren darin aber nicht durchwegs erfolgreich. Die Leute, die aus dem Block ausgebrochen sind, um mit den AktivistInnen zusammenzukommen, waren streikende MetallerInnen aus Oregon, die eine Allianz mit den UmweltschutzaktivistInnen in ihrem Teil des Landes aufgebaut hatten und die HafenarbeiterInnen von der Westk&#252;ste, die in einer traditionell linken Gewerkschaft organisiert sind. In ihrem Vertrag steht, dass sie ein Mal im Monat die Arbeit f&#252;r ein „Treffen“ niederlegen k&#246;nnen, sie haben sich diesen Tag daf&#252;r ausgesucht. Und es waren die <em>Teamsters</em> aus der <em>Reform-Bewegung</em> – Seattle ist daf&#252;r ein wichtiges Zentrum. Es waren vor allem wei&#223;e ArbeiterInnen aus progressiven lokalen Gewerkschaften, die radikalisiert wurden und die in ihrem Bewusstsein bereits weiter gekommen waren, als jene ArbeiterInnen, die den Importen die Schuld geben, dass ihnen „die Arbeitspl&#228;tze weggenommen werden.“ Diese progressiveren Gruppen von ArbeiterInnen wurden von Leuten wie den „Labor Notes“ ausgebildet, die hatten mit ihnen viele Jahre gearbeitet und Netzwerke zum Thema des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens in Kanada, den USA und Mexiko aufgebaut. Also gab es eine kleine Schicht von ArbeiterInnen, die nach Seattle kamen und die Konfrontation, die sie gesehen haben, gut fanden. Es war spannend Leute zu sehen, die von Seattle zur&#252;ckkamen und gesagt haben „Wenn wir das n&#228;chste mal streiken, sollen diese Anarchisten zu uns kommen.“<br />
Nach Seattle haben die Gewerkschaften ihre Meinung in vielen Fragen ge&#228;ndert. Nicht total. Die MetallarbeiterInnen sind immer noch sehr protektionistisch orientiert. Aber gleichzeitig machen sie auch mehr internationale Arbeit in Lateinamerika.</p>
<p><em>CH: Kannst du uns ein bisschen was &#252;ber Labor Notes erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Ich war einer der Mitbegr&#252;nderInnen von <em>Labor Notes</em> 1979. Es ist ein unabh&#228;ngiges, landesweites Magazin, das monatlich erscheint und sich an GewerkschaftsaktivistInnen richtet. Ich habe f&#252;r <em>Labor Notes</em> gearbeitet, bis ich 2001 nach New York gezogen bin. In New York war ich immer noch Mitherausgeber. Jetzt stehe ich in keiner offiziellen Verbindung mehr, aber wir stehen in Kontakt.<br />
Die Organisation wurde w&#228;hrend der Nachwirkungen des Streiks der MinenarbeiterInnen 1978 in den USA aufgebaut. Was wir damals bemerkten und was wir insgesamt bez&#252;glich der Periode der 1960er und 1970er empfanden, war das Problem, dass es zwar riesige Bewegungen an der Gewerkschaftsbasis gab – die MinenarbeiterInnen waren die einzigen, die auf nationaler Ebene erfolgreich waren – aber dann brach alles wieder zusammen. W&#228;hrend des Streiks gingen die MinenarbeiterInnen in andere Betriebe in den Norden zu den Auto- und Stahlfabriken, um dort Geld zu sammeln, und es wurden Karawanen aus den n&#246;rdlichen St&#228;dten organisiert um den MinenarbeiterInnen Sachen zu bringen. Wir erkannten, dass ein Problem dieser &#196;ra war, dass eine Institution, eine politische Kraft oder Publikation fehlte, die all das zusammenbrachte und eine Art Klassensichtweise, einen analytischen Kontext schaffen kann.<br />
Wir hatten nicht den Plan, eine Organisation aufzubauen. Die meisten von uns haben damals bei den <em>International Socialists</em> angefangen, aber die Idee war, nicht von der Organisation kontrolliert zu sein, unabh&#228;ngig zu bleiben und so war es dann auch im Gro&#223;en und Ganzen, obwohl die meisten von uns SozialistInnen sind. Wir waren von unserem eigenen Erfolg &#252;berrascht. Wir haben eine Auflage von 8000 oder 9000 St&#252;ck. Dann begannen wir damit, Kongresse zu organisieren, um Leute aus den verschiedenen Teilen der ArbeiterInnenklasse zusammenzubringen. Die waren auch sehr erfolgreich, ungef&#228;hr tausend Personen nehmen jedes Jahr daran teil. Das Problem ist, dass es das einzige Projekt dieser Art ist. Wir haben nicht die Ressourcen um den Einfluss zu gewinnen, den wir gerne h&#228;tten, obwohl wir durchaus welchen haben. <em>Labor Notes</em> ist eine wichtige Institution innerhalb der Gewerkschaftsbewegung geworden. Die Gewerkschaftsspitze war demgegen&#252;ber zwar manchmal feindselig, aber sie k&#246;nnen nichts dagegen unternehmen.<br />
Die Schicht der Militanten in den Vereinigten Staaten ist nicht anders als sonst wo, au&#223;er in dem wichtigen Sinne, dass Sozialismus als politische Idee f&#252;r ein halbes Jahrhundert kein wichtiger Teil der ArbeiterInnenbewegung gewesen ist. Das soll nicht hei&#223;en, dass es nicht viele SozialistInnen gibt. Man kann auf viele Demos gehen, z. B. von ArbeiterInnen aus der Autoindustrie und jemanden ansprechen, der nicht in einer Gruppe ist und von dem man nicht denken w&#252;rde das er Sozialist ist, aber wenn man mit ihm redet, findet man heraus, dass er’s ist. Und dann gibt es noch dieses andere Ph&#228;nomen, das mir st&#228;ndig begegnet. Es ist so eine Art kleines Identifikationspapier, wenn man die <em>Industrial Workers of the World</em> (<em>IWW</em>)-Karte hat. Das kann man auch bei ganz normalen Gewerkschaftsmitgliedern finden, dass sie sich von der Idee einer radikalen, revolution&#228;ren Gewerkschaftsbewegung angezogen f&#252;hlen. So wie die <em>IWW</em> heute existiert, ist es nur eine politische Sekte. Aber die Idee dahinter, die Geschichte davon, gef&#228;llt einigen der Militanten. Ich bin immer wieder &#252;berrascht, wenn mich jemand zur Seite zieht und sagt „Ich hab eine rote Karte.“</p>
<p>Im englischen Original erschienen in: <em>International Socialism</em> 115 (2007).<br />
&#220;bersetzung: Maria Asenbaum<br />
Mit freundlicher Genehmigung von <em>International Socialism</em></p>
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		<title>Schlafsaalkapitalismus in Shenzhen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 09:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.</p>
<p><span id="more-14"></span></p>
<p>Die Reformen der sp&#228;ten 1970er Jahre haben eine bisher beispiellose Fluchtbewegung aus den l&#228;ndlichen in die st&#228;dtischen Gebiete Chinas bewirkt. Der anhaltende Migrationsstrom wurde von der Ankunft transnationaler Konzerne (TNK) aus allen L&#228;ndern, vor allem aus Hong Kong, Taiwan, Japan, USA und Westeuropa begleitet. Eine neue Generation von Binnenfl&#252;chtlingen oder WanderarbeiterInnen hat begonnen f&#252;r diese TNKs zu arbeiten, entweder direkt bei Joint-Ventures gro&#223;er amerikanischer oder europ&#228;ischer Unternehmen oder bei chinesischen Unternehmen und deren Unterh&#228;ndlern in den St&#228;dten der Exportproduktionszone des Landes.<br />
Die Zahl dieser WanderarbeiterInnen wurde im Jahr 2000 von der F&#252;nften Volksz&#228;hlung in China auf 120 Millionen gesch&#228;tzt. Diese fl&#252;chteten aus den inneren Provinzen, wie Hunan, Hubei, Guizhou, Sichuan, Jianxi und Anhui in die s&#252;dlichen K&#252;stenprovinzen, wo Special Economic Zones (SEZ) errichtet wurden. Diese BinnenmigrantInnen zogen f&#252;r eine kurze oder l&#228;ngere Zeit von ihrem registrierten Wohnort weg, ohne einen dementsprechenden Wechsel des eingetragenen st&#228;ndigen Wohnsitzes, auch <em>hukou</em> genannt. Das bewirkte, dass sie, anders als registrierte BewohnerInnen der St&#228;dte, von subventionierter Unterst&#252;tzung f&#252;r Wohnung, Bildung, Ausbildung, Gesundheitssystem und Sozialhilfe in den St&#228;dten ausgeschlossen wurden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> WanderarbeiterInnen, vor allem Frauen, arbeiten haupts&#228;chlich in der arbeitsintensiven verarbeitenden Leichtindustrie, wie der Kleidungs-, Elektronik-, Schuh- und Spielzeugindustrie und im unteren Dienstleistungssektor.<br />
Der Aufstieg Chinas zur „Weltfabrik“ kennzeichnet au&#223;erdem ein neues Jahrhundert, in dem Mehrarbeit aus den l&#228;ndlichen Gebieten Chinas die globale Wirtschaft anheizt.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Nicht nur im chinesischen K&#252;stengebiet, sondern viel mehr im ganzen Land haben st&#228;dtische Industriezentren zu boomen begonnen. Der Beitritt Chinas zur WTO setzte das Einflie&#223;en von Kapitalien aus der Produktionsindustrie, den High-Tech-Sektoren und den Finanzm&#228;rkten fort, begleitet von der Kritik des Westens, dass die chinesischen ArbeiterInnen den ArbeiterInnen im Westen die Arbeitspl&#228;tze mehr und mehr wegnehmen w&#252;rden. In Wahrheit jedoch leiden beide ArbeiterInnenklassen – die westliche wie die &#246;stliche – am globalen Preiskampf, dem Unterbieten von Umweltschutzbedingungen und der Verschlechterung der Arbeits- und Wohnstandards. Trotz vermehrter Reformen des Arbeitsrechts seitens der Zentralregierung und der Einf&#252;hrung von Verhaltenskodizes f&#252;r Unternehmen in den letzten Jahren, hindern die Globalisierung und die Einf&#252;hrung von Just-in-Time-Produktion internationaler Konzerne die Verbesserung der Arbeitsverh&#228;ltnisse in China. Stattdessen setzen Dormitory-Labour-St&#228;tten ihren Siegeszug fort und schaffen hiermit hochgradig ausbeuterische Verh&#228;ltnisse, vor allem f&#252;r chinesische Arbeiterinnen, w&#228;hrend sie gleichzeitig eine neue gesellschaftliche Kraft hervorbringen, die stillschweigend den neuen Kapital-Arbeits-Beziehungen Widerstand leistet. Wir werden zuerst diese neue <em>Dagong</em>-Klasse [<em>dagong</em> bedeutet „f&#252;r den Boss arbeiten“ und steht im Gegensatz zu <em>gangren</em> (ArbeiterIn); Anm. d. &#220;.] der WanderarbeiterInnen und das Aufkommen eines speziellen Dormitory-Labour-Regimes f&#252;r diese neuen, vor allem weiblichen, ArbeiterInnen in S&#252;dchina analysieren.</p>
<h3>Die neue <em>Dagong</em>-Klasse</h3>
<p>Chinas Reformen der letzten zwei Jahrzehnte setzten ein globales Produktionssystem in Kraft, das die sozialistischen Arbeitsbeziehungen ver&#228;ndert und zur Schaffung einer neuen chinesischen ArbeiterInnenklasse beigetragen hat. Gleichzeitig mit der Privatisierung oder dem Bankrott des Staates und der kollektiven Wirtschaft Mitte der 1990er Jahre gruppieren sich private, ausl&#228;ndische und Joint-Venture-Unternehmen nicht nur um die K&#252;stenregion, sondern auch in fast allen Industriest&#228;dten Chinas im Inland zusammen. Eine neue ArbeiterInnenklasse von l&#228;ndlichen WanderarbeiterInnen, die <em>Dagong</em>-Klasse,<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> im Gegensatz zur Maoistischen ArbeiterInnenklasse, ist im heutigen China entstanden. Seit den sp&#228;ten 1970er Jahren hat die Dekollektivierung einen massiven &#220;berfluss an l&#228;ndlichen Arbeitskr&#228;ften produziert. Zur gleichen Zeit, hat die Zentralregierung die Migration vom Land in die Stadt durch die Lockerung des <em>hukou</em>-Systems<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> erleichtert. Die meisten transnationalen Konzerne und ihre chinesischen Unterh&#228;ndler rekrutierten Millionen von BauernmigrantInnen f&#252;r die Export-orientierte Industrie. Bis in die fr&#252;hen 1990er lag die akzeptierte Zahl der WanderarbeiterInnen bei 70 Millionen f&#252;r ganz China. W&#228;hrend den fr&#252;hen Jahren nach dem Jahrtausendwechsel schnellte die offizielle Zahl auf 120 Millionen WanderarbeiterInnen hoch, wobei Sch&#228;tzungen von bis zu 200 Millionen ausgehen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Frauen sind f&#252;r die Formierung dieser in privaten oder ausl&#228;ndischen Unternehmen ausgebeuteten neuen ArbeiterInnenklasse zentral, speziell in der Exportproduktionszone. Die Entwicklung dieser SEZs &#252;ber ganz China basierte, &#228;hnlich der Entwicklung dementsprechender Einrichtungen in den meisten anderen sich entwickelnden Wirtschaften, auf einer massiven Nutzbarmachung junger ArbeiterInnen, vor allem unverheirateter und j&#252;ngst verheirateter Frauen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Im Jahr 2000 machten Arbeiterinnen ungef&#228;hr 47,5 Prozent aller chinesischen WanderarbeiterInnen Chinas aus.  In der K&#252;stenregion Chinas sind sogar 65,6 Prozent aller WanderarbeiterInnen Frauen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Diese neugeformte ArbeiterInnenklasse oder <em>Dagong</em>-Klasse wird daran gehindert, sich in den St&#228;dten niederzulassen, also an den Orten, an denen sie Arbeitspl&#228;tze zugeordnet bekamen. Schlimmer noch, das <em>hukou</em>-System, gemeinsam mit Arbeitskontrollen, ist entscheidend f&#252;r die Produktion einer verschwommenen, unklaren Identit&#228;t l&#228;ndlicher WanderarbeiterInnen, indem sie gleichzeitig die Ausbeutung dieses gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung versch&#228;rft und verbirgt. WanderarbeiterInnen gelten nicht als vollwertige B&#252;rgerInnen vor dem Gesetz; mehr noch, den Familienangeh&#246;rigen der WanderarbeiterInnen ist es nicht erlaubt, in der jeweiligen Industriestadt zu leben, wenn sie dort nicht ebenfalls einen Arbeitsplatz finden und damit den Status eines Zeitarbeiters/einer Zeitarbeiterin erwerben. W&#228;hrend Lokalregierungen und ausl&#228;ndische Unternehmen von der Arbeit der WanderarbeiterInnen profitieren, k&#246;nnen sie gleichzeitig wohlfahrtsstaatliche Ausgaben vermeiden, die ArbeiterInnen rechtlich zustehen w&#252;rden.</p>
<h3>Arbeitskontrolle unter dem „Dormitory-Labour“-Regime</h3>
<p>Weil offizielle und inoffizielle Strukturen verhindern, dass diese neue <em>Dagong</em>-Klasse ihre eigenen Communities in den St&#228;dten aufbauen kann, liegt die Verantwortung kontinuierlich die ben&#246;tigte Arbeitskraft sicherzustellen, und damit die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft, alleine bei der Industrie. Diese Verschiebung der Verantwortung vom Staat hin zum privaten Sektor schafft das, was wir „Dormitory Labour Regimes“ nennen, was zur Entstehung eines besonders ausbeuterischen Systems im Kontext der internationalen Arbeitsteilung beitr&#228;gt. W&#228;hrend Millionen von WanderarbeiterInnen in die Industriest&#228;dte str&#246;men, bleibt die Bereitstellung von Schlafr&#228;umen (engl. Dormitory) eine chinesische Besonderheit globaler Produktionsprozesse. Unabh&#228;ngig von der Industriebranche, vom Ort oder der Herkunft des Kapitals werden chinesische WanderarbeiterInnen – weiblich oder m&#228;nnlich, verheiratet oder nicht –  in Schlafs&#228;len untergebracht, die sich in der N&#228;he oder auf dem Fabrikgel&#228;nde selbst befinden. Wir bezeichnen dieses Ph&#228;nomen als „Dormitory Labour Regime“, um die R&#252;ckkehr einer Verbindung von Schlafs&#228;len und Fabriken als hybridem Auswuchs des globalen Kapitalismus einerseits und des Erbes des Staatssozialismus zu fassen.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Wir hoffen dieses Dormitory Labour Regime nicht nur als Form des Arbeitsmanagement, sondern auch als Ort f&#252;r ArbeiterInnensolidarit&#228;t und Arbeitsk&#228;mpfe betrachten zu k&#246;nnen. W&#228;hrend diese Art der Verwendung von „dormitory labour“ spezifisch f&#252;r das heutige China ist, ist ihre Auswirkung auf die globale Produktion, besonders im Hinblick auf Arbeitskontrolle und Widerstand, weitreichend.<br />
Bemerkenswert ist die systematische Bereitstellung von Schlafs&#228;len durch Unternehmern f&#252;r ihre ArbeiterInnenschaft, die mit der &#214;ffnung Chinas f&#252;r die globalen Produktionsprozesse, beginnend mit der Shenzhen SEZ 1981, einhergeht. Das wurde zur Norm und wurde auf die Mehrheit der ProduktionsarbeiterInnen ausgedehnt. Diese Schlafs&#228;le in China passen weder zum westlichen Vorurteil einer angeblich paternalistischen Form, noch zum „Managerfamiliarismus“ Japans, noch zum Betrieb als „ganzheitlicher Organisation“ der vor-reformierten chinesischen Staatswirtschaft.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Der Grund liegt darin, dass die gegenw&#228;rtigen Schlafs&#228;le nicht als langfristige Einrichtungen, sondern haupts&#228;chlich als kurzfristige Unterkunft f&#252;r WanderarbeiterInnen dienen. Diese Schlafs&#228;le schlie&#223;en ein l&#228;ngeres Verh&#228;ltnis zwischen der einzelnen Firma und dem/der einzelnen ArbeiterIn aus. Dieses Schlafsaal-System wird in den verschiedensten Betrieben angewandt, unabh&#228;ngig von unterschiedlichen Produktionscharakteristika, Saison oder Standort.<br />
Wichtig ist, dass in China nicht die Unternehmen Unterk&#252;nfte f&#252;r ArbeiterInnen bereitstellen, um die Loyalit&#228;t des/der ArbeiterIn oder knappe F&#228;higkeiten [Skills; d.&#220;.] zu sichern, sondern um die kurzfristige Verf&#252;gbarkeit der WanderarbeiterInnen zu gew&#228;hrleisten und den Gebrauch dieser Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages zu maximieren. Die so gesicherte Beute repr&#228;sentiert eine neue Produktionsart, die sowohl dem &#220;berfluss an l&#228;ndlichen ArbeiterInnen als auch der &#246;konomischen Integration Chinas in das globale Flie&#223;band Rechnung tr&#228;gt.<br />
Die offensichtliche R&#252;ckkehr dieser alten Form der Arbeitskraftverwendung ist das hybride Ergebnis des globalen Kapitalismus und des Staatssozialismus, neu belebt von den transnationalen Konzernen und den Lokalwirtschaften im Kontext der Globalisierung. Praktisch alle ausl&#228;ndischen Unternehmen nutzen Schlafs&#228;le, die sie entweder von lokalen Beh&#246;rden mieten oder selber zu Verf&#252;gung stellen. Jeder dieser Konzerne strebt die Sicherung jugendlicher WanderarbeiterInnen, speziell Arbeiterinnen, f&#252;r kurze Arbeitsdauer im Betrieb an. So verfestigt sich eine Infrastruktur, die die unsicheren chinesischen Arbeitsverh&#228;ltnisse aufrechterh&#228;lt.<br />
Die Schlafs&#228;le f&#252;r FabriksarbeiterInnen geh&#246;ren zum oder grenzen an das Fabrikgel&#228;nde. Sie sind kommunale Hochh&#228;user, die einige hundert ArbeiterInnen beherbergen, mit in der Regel acht bis zwanzig ArbeiterInnen pro Raum. Wasch- und Toiletteinrichtungen sind gemeinschaftlich und zwischen den R&#228;umen, Etagen oder ganzen Einheiten gelegen. Dies macht den Lebensraum extrem kollektiv, ohne M&#246;glichkeit auf Privatsph&#228;re, au&#223;er hinter den geschlossenen Vorh&#228;ngen einer Schlafkoje. Diese materiellen Umst&#228;nde erkl&#228;ren jedoch nicht die Rolle der Schlafs&#228;le als Form der Unterbringung – als Leben-bei-der-Arbeitsst&#228;tte. Zentral f&#252;r diese Schlafsaalform ist eine politische &#214;konomie, die das Zusammenkommen typischerweise junger weiblicher Arbeiterinnen regelt. Getrennt von ihren Familien, ihrer Heimat und ihrer normalen Routine, leben diese Menschen konzentriert am Arbeitsplatz und den herrschenden Gesetzen unterworfen, die ihre Pers&#246;nlichkeiten vollst&#228;ndig unterjochen und sie zu Instrumenten der Produktion degradieren. Weil das vertragliche Arbeitsverh&#228;ltnis &#228;u&#223;erst kurz gehalten ist, &#252;bersteigt die Entfremdung der Individuen den Mangel an Besitz von Produktionmitteln oder die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess. ArbeiterInnen in Schlafs&#228;len leben in einem System, das sie von ihrer Vergangenheit entfremdet und das allt&#228;gliche Umfeld durch die Fabrik, dominiert von ungew&#246;hnlicher Sprache, Essen, Produktionsmethoden und Produkten ersetzt.<br />
Die doppelte Entfremdung, die von diesen WanderarbeiterInnen erlebt wird, wird durch die Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenschaft durch Dormitory Labour Regimes illustriert. Das f&#252;hrt zu einer absoluten Verl&#228;ngerung des Arbeitstages und zur R&#252;ckkehr zu einer absoluten Mehrwertproduktion. Auf Grund dieses leichten Zugangs zur Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages ist ein Just-in-Time-Arbeitssystem f&#252;r die Just-in-Time-Produktion m&#246;glich geworden. Die Dormitory Labour Regimes bedeuten ebenso Kontrolle &#252;ber die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft innerhalb der Fabrik. Unterkunft, Essen, Reisen, Soziales und Freizeit – alles geschieht innerhalb einer Produktionseinheit. Wir k&#246;nnen deshalb eine Verdichtung des „Arbeitslebens“ durch &#252;berlange Arbeitszeiten und den produktionsbasierten Gebrauch junger Arbeitskr&#228;fte erwarten.</p>
<h3>Arbeitsschutz und Verhaltenskodizes der Konzerne</h3>
<p>Die Arbeitsbedingungen von ArbeiterInnen in der Textilindustrie sind ein gutes Beispiel. Die Guangdongprovinz in S&#252;dchina ist das gr&#246;&#223;te Produktionsgebiet chinesischer Textilexporte. Wir f&#252;hrten 2003-2004 eine Untersuchung in zehn kleinen bis mittelgro&#223;en Bekleidungsfabriken in Shenzen durch. Die Ergebnisse bez&#252;glich Bezahlung von Arbeiterinnen, Arbeitszeiten und Gesundheit zeigten Arbeitsbedingungen, die disziplinierend und ausbeuterisch sind. Von den 50 bis 200 ArbeiterInnen einer jeden Fabrik sind &#252;ber 70 Prozent Frauen, verantwortlich f&#252;rs N&#228;hen – junge M&#228;dchen und Frauen mittleren Alters. Die kleineren Fabriken geh&#246;ren haupts&#228;chlich kleinen Subunternehmern. Die gr&#246;&#223;eren Betriebe, die internationale Marken beliefern, sind von Investoren aus Hong Kong und Taiwan finanziert.<br />
Das chinesischen Arbeitsrecht, welches seit 1. J&#228;nner 1995 in Kraft ist, legt f&#252;r die Arbeitszeit fest, dass eine F&#252;nf-Tage-Woche nicht mehr als 40 Arbeitsstunden umfasst und dass &#220;berstunden im Monat auf 36 Stunden begrenzt sind. Trotzdem ignorieren nahezu alle Unternehmen diese Gesetze und der durchschnittliche Arbeitstag betr&#228;gt oft 12 oder 13 Stunden – sechs bis sieben Tage die Woche. R&#252;ckt die Deadline f&#252;r eine Produktion n&#228;her, k&#252;rzt das Management oft die Essens- und die Zwischenpausen auf nur 30 Minuten. Um mit der immer h&#228;ufiger werdenden Just-in-Time-Produktion fertig zu werden, fordert das Management oft das Durcharbeiten bis in die fr&#252;hen Morgenstunden. In den extremsten F&#228;llen werden ArbeiterInnen gezwungen, 48 Stunden durchzuarbeiten. Die totale Arbeitszeit pro Woche erh&#246;ht sich so oft auf 90 bis 110 Stunden.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich spielen bei solchen Arbeitsbedingungen betriebsinterne Schlafr&#228;ume eine essentielle Rolle, um eine Verf&#252;gbarkeit von ArbeiterInnen rund um die Uhr zu gew&#228;hrleisten.<br />
Unter solchen Druck gestellt leiden Arbeiterinnen an einer ganze Reihe beruflich bedingter Krankheiten, wie Menstruationsst&#246;rungen, R&#252;cken- und Kopfschmerzen, verschlechterter Sehkraft, M&#252;digkeit und Atembeschwerden. Die Situation wird durch die schlechte Bel&#252;ftung des Arbeitsplatzes noch verschlimmert. Schw&#228;chere Arbeiterinnen fallen am Arbeitsplatz, vor allem w&#228;hrend der hei&#223;en Sommermonate, manchmal in Ohnmacht. Bei den meisten Unternehmen gibt es keinen bezahlten Krankenstand. Bezahlte Karenz, ebenfalls durch ein Gesetz „gesichert“, wird teilweise ignoriert, obwohl dies als Grundrecht gilt.<br />
Das gr&#246;&#223;te Problem aller interviewten ArbeiterInnen der Textilindustrie war die illegale (Unter-)Bezahlung unter dem Subsistenzniveau. Zwischen dem 1. Mai 2004 und 2005 betrug der Mindestlohn in Shenzhen SEZ 610 Yuan (d. s. ca. 58 Euro). Der Stundenlohn betr&#228;gt so 3,51 Yuan (33 Cent). &#220;berstunden sollten mit 5,30 Yuan (50 Cent) wochentags und 7,01 Yuan (66 Cent) am Wochenende bezahlt werden. Durchschnittliche ArbeiterInnen in Shenzhen, die 13 Stunden am Tag arbeiten m&#252;ssen, m&#252;ssten f&#252;r 400 Stunden pro Monat 1.916 Yuan (180 Euro) verdienen. Selten verdienen die ArbeiterInnen aber mehr als 500-800 Yuan (47-75 Euro) pro Monat. Es gibt zwei Hauptgr&#252;nde daf&#252;r: Erstens sind die anstelle eines Monatslohns erhaltenen St&#252;ckl&#246;hne extrem niedrig, zweitens wird der St&#252;cklohn f&#252;r ArbeiterInnen niemals transparent gemacht. Am Lohnzettel scheint nur ein Pauschalbetrag auf, ohne auf einzelne Komponenten einzugehen, w&#228;hrend Geldstrafen und Abz&#252;ge wie f&#252;r Essen und Unterkunft klar aufgelistet werden und 150-200 Yuan (14-18 Euro) pro Monat betragen k&#246;nnen. ArbeiterInnen k&#246;nnen sich kaum das Leben in Gro&#223;st&#228;dten wie Shenzhen leisten.<br />
Die Mehrheit der befragten TextilarbeiterInnen in den kleineren privat gef&#252;hrten Unternehmen, haben noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag – ein klarer Versto&#223; gegen das chinesische Arbeitsrecht. Ohne legales Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis haben die ArbeiterInnen auch keinen Anspruch auf staatlich geregelte Versicherungen. Leiden ArbeiterInnen unter arbeitsbedingten  Krankheiten oder Verletzungen haben sie gro&#223;e Schwierigkeiten, medizinische Hilfe zu erhalten.<br />
Auf die lokalen Regierungen kann offensichtlich nicht gez&#228;hlt werden, wenn es darum geht, Arbeitsrechte durchzusetzen. Um &#246;konomisches Wachstum zu forcieren und um f&#252;r ausl&#228;ndisches Kapital attraktiv zu werden, gehen lokale Regierungen mit Absicht sehr locker mit dem Arbeitsrecht um und bekommen so im Gegenzug gro&#223;e Steuereinnahmen von den Unternehmensgewinnen, und Boni von prosperierenden Konzernen. Oft sind lokale Beamte gleichzeitig selbst Investoren in gr&#246;&#223;ere Unternehmen und nehmen manchmal Bestechungsgelder von kleineren Fabriken an, um Zertifikate f&#252;r Sicherheitsbestimmungen auszustellen.<br />
Andrerseits beklagen FabriksbesitzerInnen und ManagerInnen den Druck von transnationalen Konzernen. Ein Manager einer gro&#223;en Textilfabrik in Dongguan in der Provinz Guangdong beschreibt in der <em>Financial Times</em> diesen Druck: „Wir stehen unter gro&#223;em Stress, Kunden bestellen oft sehr kurzfristig, &#228;ndern ihre Bestellung, w&#228;hrend die Produktion schon l&#228;uft und zahlen ihre Rechnungen sp&#228;t. Zur gleichen Zeit verlangen sie eine bessere Ausbildung unseres Personals, bessere Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen. Wir k&#246;nnen nicht alles gleichzeitig erf&#252;llen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
F&#252;r TNKs, wie beispielsweise Levi Strauss, Nike, Reebok, The Gap und andere sind Konzernkodizes zum Trend geworden. Die Einf&#252;hrung solcher Kodizes wurde Teil deren Unternehmensstrategie, um den Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen am globalen Markt sicher zu stellen. Interne &#220;berpr&#252;fungen von Subunternehmen oder Zulieferern durch Konzernvertreter sind normalerweise der Fall, obwohl manchmal unabh&#228;ngige Pr&#252;ferInnen, wie zum Beispiel AkademikerInnen, AutorInnen und/oder NGOs eingeladen werden, um die Glaubw&#252;rdigkeit zu erh&#246;hen.<br />
Konzerneigene Kodizes m&#252;ssen in den gr&#246;&#223;eren &#246;konomischen Zonen der Deltas des Pearl- und des Yangtze-Flusses im S&#252;den Chinas erst vollst&#228;ndig implementiert werden. Korruption, Falschaussagen und Verschleierungen sind an der Tagesordnung. Der chinesische Manager einer gro&#223;en Zuliefererfabrik f&#252;r die Textilindustrie im Pearl-Fluss-Delta in Guangdong berichtete in der <em>Financial Times</em>, dass die Zeitkarten der ArbeiterInnen und die Verkaufszahlen gef&#228;lscht waren, um die Anforderungen der Kodizes zu erf&#252;llen. Ein Team von sechs Angestellten wurde beauftragt die Dokumente vorzubereiten, so dass sie perfekt in die W&#252;nsche ausl&#228;ndischer Investoren passen w&#252;rden. Das ist nur ein Beispiel unter Tausenden. Wichtiger jedoch ist, dass das die Beschr&#228;nkungen konzerninterner Pr&#252;fung klar zeigt. ArbeiterInnen wurde unter schwerer Strafe verboten, nicht vorgegebene Antworten zu geben und wurden f&#252;r „richtige“ Antworten belohnt. Zum Beispiel, wenn InspektorInnen nach den Arbeitszeiten fragen, m&#252;ssen die ArbeiterInnen antworten, dass sie einen Standard-Arbeitstag von acht Stunden haben, mit h&#246;chstens drei &#220;berstunden pro Tag.</p>
<h3>Versuche der Organisierung</h3>
<p>Die Abwesenheit oder Ineffizienz der staatlichen Rolle, als auch der Unternehmenskodizes, im Schutz der ArbeiterInnen-Rechte, schaffen ein Bed&#252;rfnis nach alternativen zivilen Organisationen. Wir erleben einen Boom an ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta der sp&#228;ten 1990er und 2000er Jahre, die um ihr Dasein k&#228;mpfen, w&#228;hrend eine Zivilgesellschaft noch nicht entstanden ist. Durch den geringen politischen, legalen und organisatorischen Raum, den solche ArbeiterInnen-NGOs haben, haben sie keine andere Wahl als eine Taktik anzunehmen, die diese als „NGOs of Chinese characteristics“ formen. Einige von ihnen unterhielten eine enge Verbindung mit sozialen Organisationen oder Stiftungen in Hong Kong, wie beispielsweise das „Chinese Working Women Network“ (CWWN) oder „Workers’ Empowerment“. Andere wurden von chinesischen Anw&#228;ltInnen und JournalistInnen gegr&#252;ndet, wie das „Institute of Contemporary Observations“ (ICO). Viele wurden von WanderarbeiterInnen gegr&#252;ndet, wie beispielsweise die „Migrant Workers’ Association“. Ohne Zivilgesellschaft, ohne &#246;ffentliche Teilnahme mussten sich diese Organisationen gro&#223;en Herausforderungen stellen, um langfristig Raum f&#252;r die Organisierung von ArbeiterInnen oder deren St&#228;rkung zu schaffen. W&#228;hrend einige von ihnen einen „bevormundenden“ Partner, wie beispielsweise die lokale ACFTU (All Chinese Federation of Trade Unions), die „Youth League“ oder das Gesundheitsminsterium finden, um einen legalen Status zu erlangen, sind einige auch einfach als Wirtschaftseinheiten gegr&#252;ndet worden, wie bspw. das ICO. Der Rest dieser NGOs operiert einfach ohne Registrierung.<br />
Nehmen wir das CWWN als Beispiel, um die Organisierung und Arbeit von ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta zu illustrieren. Als NGO aus Hong Kong wurde sie bereits 1996 in der Industriezone S&#252;dchinas ins Leben gerufen und organisiert seither Fabriksarbeiterinnen in Shenzhen, der ersten SEZ Chinas. Sie k&#228;mpft f&#252;r die Anerkennung und die Aufrechterhaltung von Arbeits- und Genderrechten und unterst&#252;tzt Grassroots-Netzwerke und soziale Gerechtigkeit in China. Wegen der gro&#223;en Schwierigkeiten, WanderarbeiterInnen direkt am Arbeitsplatz zu organisieren, ist das CWWN in den WanderarbeiterInnen-Communities verwurzelt und f&#246;rdert verschiedene Projekte, um ArbeiterInnen au&#223;erhalb der traditionellen Gewerkschaften zu st&#228;rken. Um eine Basis in China zu sichern, organisiert das CWWN nicht nur ArbeiterInnen, sondern arbeitet auch mit lokalen Staatsbeamten zusammen, die ebenfalls die missliche Lage von Wanderarbeiterinnen kritisieren und bereit sind gangbare Projekte zu unterst&#252;tzen. So war es dem CWWN seit mehr als zehn Jahren m&#246;glich, verschiedene Grassrootnetwork Projekte im Zentrum der Guangdong-Provinz aufzubauen, die sich mit Arbeitsrechten, Gesundheits- und Sicherheitsthemen, Gendergleichheit und nachhaltiger Entwicklung besch&#228;ftigen. Das CWWN startete auch Initiativen zur Organisierung in den Fabriksschlafst&#228;tten, gr&#252;ndete Kooperativen f&#252;r Arbeiterinnen und veranstaltete Trainingsworkshops zu Arbeits- und Genderrechten, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern und chinesische Arbeiterinnen Empowerment-Programme anzubieten. Es organisiert ebenso kulturelle und bildungstechnische Aktivit&#228;ten, um das soziale Leben von Arbeiterinnen zu bereichern und ermutigt zu Solidarit&#228;t. Zus&#228;tzlich zu diesen Projekten organisiert das CWWN Arbeitsplatz-Trainings, Informations- und Erfahrungsaustausch unter den verschiedenen Gruppen.<br />
Ein einzigartiges Programm des CWWN war das Mobile-Van-Projekt, wo ein „Women Health Express (WHE)“ die verschiedenen Dormitory-Industriezentren anf&#228;hrt, um Wanderarbeiterinnen zu erreichen, die in Teilen Chinas leben, wo das Netzwerk keine feste Basis hat. Ein adaptierter Minibus beinhaltet medizinische Ausr&#252;stung, B&#252;cher, TV und VCDs sowie Lausprecher f&#252;r Bildungsveramstaltungen im Freien. Dieser Van funktioniert als ein mobiles Service-Center f&#252;r die Verbreitung von Information zu Gesundheits- und Sicherheitsthemen, genauso wie zur Information und Schulung grundlegender Arbeitsrechte. Der WHE begann seine Arbeit am 8. M&#228;rz 2000 im Industriegebiet des Pearl-Fluss-Deltas und beendete sie im M&#228;rz 2002. Dieses Projekt erreichte &#252;ber 80.000 Arbeiterinnen. Trotz dieses Erfolges konnte das Projekt aufgrund seiner mobilen Konzeption keine dauerhaft organisierten Gruppen von ArbeiterInnen aufbauen und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum aufrecht erhalten.<br />
Das CWWN hat versucht die Integration von lokalen Arbeiterinnen in ihre Programme zu beschleunigen, damit sie eine gr&#246;&#223;ere Rolle in der Planung und Organisierung von Projekten einnehmen k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich zur Arbeit mit Wanderarbeiterinnen S&#252;dchinas unterh&#228;lt das CWWN ein Arbeiterinnen-Zentrum, eine Gruppe f&#252;r verletzte Arbeiterinnen und ein Gemeindezentrum f&#252;r eine professionelle Gesundheitsausbildung. Auf dem WHE basierend bildete das CWWN ein Team von lokalen OrganizerInnen in China aus, um die selbstst&#228;ndige Organisierung verletzter Arbeiterinnen zu unterst&#252;tzen und ein &#246;ffentliches Bewusstsein zu erzeugen, das berufsbedingte Krankheiten nicht ignoriert.<br />
In aller K&#252;rze betreffen die Hauptprobleme der Arbeiterinnen im Pearl-Fluss-Delta vor allem drei Bereiche: Arbeitsrechte, Berufskrankheiten und Sicherheit am Arbeitsplatz, und Frauenrechte bez&#252;glich &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit. Diese Hauptthemen werden von der Arbeit des CWWN abgedeckt.</p>
<h3>Training am Arbeitsplatz</h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu den Trainings in den Communities versuchen die ArbeiterInnen-NGOs ebenfalls, ArbeiterInnen am Arbeitsplatz zu organisieren. 2004 schuf das CWWN, gemeinsam mit zwei Partner-Organisationen, ArbeiterInnen-Komitees in zwei Betrieben, um die Demokratie am Arbeitsplatz durch ein von den ArbeiterInnen ausgehendes Monitoring-Systems zu f&#246;rdern. Die Gr&#246;&#223;e der Komitees variiert mit der Anzahl der ArbeiterInnen in der Fabrik, ist jedoch zwischen 12 und 14 Personen gro&#223;, eine Relation von einem Mitglied des Komitees zu 30 ArbeiterInnen. Der Bennungs- und Wahlprozess ist offen und demokratisch, wo jedeR ArbeiterIn einen geheimen Stimmzettel w&#228;hrend der Arbeitszeit abgibt.<br />
Die ArbeiterInnen wissen &#252;ber ihre Rechte Bescheid und, wie die Umsetzung des Verhaltenskodex am Arbeitsplatz &#252;berwacht werden kann. Die ArbeiterInnen f&#252;hren fabriksweite Wahlen durch und bestimmen so ihre eigenen Repr&#228;sentantInnen im Komitee. Diese Komitees untersuchen, ob die Arbeitsbedingungen dem Gesetz entsprechen oder dem Verhaltenskodex. Sie verstehen sich als Alternative zum top-down organisierten offiziellen Gewerkschaftsbund ACFTU.<br />
Die gr&#246;&#223;te Herausforderung f&#252;r dieses Projekt liegt in der langfristigen Unterst&#252;tzung der Komitees. ArbeiterInnen-NGOs bemerken, dass ArbeiterInnen noch nicht an wichtigen Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, wie Arbeitszeit und &#220;berstundenbezahlung, beteiligt sind. Die Verhandlungsposition gegen&#252;ber dem Management in t&#228;glichen Entscheidungen muss gest&#228;rkt werden. Der Versuch, die Demokratie am Arbeitsplatz zu f&#246;rdern, scheint noch immer im Anfangsstadium und es wird definitiv noch ein langer Weg zu bestreiten sein.</p>
<h3>Schlussfolgerung</h3>
<p>China ist eine „Weltwerkstatt“ geworden, die im Zusammenhang mit Dormitory-Labour-Regime organisiert ist. Ein gro&#223;er Pool an billigen WanderarbeiterInnen wurde geschaffen, um den Bed&#252;rfnissen globaler Produktionsprozesse in der internationalen Arbeitsteilung zu gen&#252;gen. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltfabrik ist auch eine neue soziale Kraft – der <em>Dagong</em>-Klasse – entstanden. Die ArbeiterInnen-NGOs streben danach einen gesellschaftlichen Raum von unten f&#252;r Millionen von WanderarbeiterInnen zu schaffen, die das R&#252;ckgrat der boomenden Exportwirtschaft Chinas darstellen, indem sie ArbeiterInnen und lokale OrganizerInnen ausbilden und Solidarit&#228;t aufzubauen. In einem „Brief an die FreundInnen der WanderarbeiterInnen“, ruft die „Migrant Workers’ Association“ ArbeiterInnen  zur Unterst&#252;tzung auf:<br />
„Nur wenn wir organisiert sind und uns gegenseitig solidarisch unterst&#252;tzen, wird diese neue Klasse an WanderarbeiterInnen, diese gro&#223;e benachteiligte Gruppe, sich nicht „wie Sand zerstreuen“ und kein Opfer willk&#252;rlicher Tyranneien werden. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir die Aufmerksamkeit der Regierung erreichen und k&#246;nnen wir effektive Wege finden, die unsere Probleme zu reflektieren. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir WanderarbeiterInnen eine h&#246;rbare Stimme haben, und kommunikative Mechanismen f&#252;r einen st&#228;ndigen und effektiven Austausch mit Regierung und Gesellschaft aufbauen, um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen arbeitsrechtliche Bestimmungen und unser institutioneller Schutz gesichert werden.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Solinger, Dorothy J.: Contesting Citizenship in Urban China. Berkeley 1999<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Chan, Anita: China’s Workers Under Assault. The Exploitation of Labor in a Globalizing Economy, New York 2001; Lee, Ching Kwan: Gender and the South China Miracle. Two Worlds of Factory Women, Berkeley 1998; Pun, Ngai: Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace, Durham/ Hong Kong 2005<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Pun: Made in China, a.a.O.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Das <em>Hokou</em>-System („eingetragener st&#228;ndiger Wohnsitz“ oder „Anzahl der Haushalte und der Gesamtbev&#246;lkerung“), das den Aufenthaltsort an einen zugewiesenen Ort band. Der Aufenthalt am zugeordneten Wohnort war Voraussetzung f&#252;r jede Art von Besch&#228;ftigung und die Vergabe von Essen und anderen wichtigen Konsumg&#252;tern.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Lavely, William: First Impressions of the 2000 Census of China, in: Population and Development Review 27(4), 2001, S. 755-69, hier S. 3; Liang, Zai/ Ma Zhongdong: China’s Floating Population. New Evidence from the 2000 Census, in: Population and Development Review 30(3), 2004, S. 467-88; Gaetano, Arianne M./ Jacka, Tamara (Hg.): On the Move: Women in Rural-to-Urban Migration in Contemporary China. New York 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Pun, Ngai: Becoming Dagongmei: The Politics of Identity and Difference in Reform China, in: The China Journal 42, 1999, S. 1-19, Gaetano/Jacka: On the Move, a.a.O.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Liang/ Ma: China’s Floating Population, a.a.O.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Pun, Ngai/ Smith, Chris: Putting Transnational Labour Process in its Place: Dormitory Labour Regime in Post-Socialist China, in: Work, Employment and Society 21(1), 2007, S. 27-45<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Ebd.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  SACOM: Looking for Mickey Mouse’s Conscience: A survey on working conditions of Disney supplier factories in China, online: <a href="http://www.sacom.org.hk">http://www.sacom.org.hk</a> (10. 11. 2005)<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Code of Conduct Implementation in China: Laying a False Trail, The Financial Times, 21. April 2005</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von Pun Ngai<br />
&#220;bersetzung: Michael Doblmair und Philipp Probst<br />
„Made in China“ von Pun Ngai ist 2005 bei Duke University Press erschienen</p>
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		<title>K&#228;mpfe im Plastikmeer</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/12/07/kaempfe-im-plastikmeer/</link>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 08:30:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Spanien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Zust&#228;nde im „Plastikmeer von Almería“, wo ein gro&#223;er Anteil an Treibhausgem&#252;se f&#252;r den europ&#228;ischen Verbrauch – vor allem im Winter – produziert wird, sind mittlerweile weithin bekannt. Almería ist gleichsam zum Symbol f&#252;r die Ausbeutung in der industriellen Landwirtschaft geworden. <em>Benjamin Opratko</em> sprach mit <em>Lisa Bolyos</em> und <em>Dieter Behr</em>, die in der Solidarit&#228;tskampagne mit der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC aktiv sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Zust&#228;nde im „Plastikmeer von Almería“, wo ein gro&#223;er Anteil an Treibhausgem&#252;se f&#252;r den europ&#228;ischen Verbrauch – vor allem im Winter – produziert wird, sind mittlerweile weithin bekannt. Almería ist gleichsam zum Symbol f&#252;r die Ausbeutung in der industriellen Landwirtschaft geworden. <em>Benjamin Opratko</em> sprach mit <em>Lisa Bolyos</em> und <em>Dieter Behr</em>, die in der Solidarit&#228;tskampagne mit der andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC aktiv sind.</p>
<p><span id="more-15"></span></p>
<p>Nach den brutalen rassistischen Ausschreitungen in der Kleinstadt El Ejido im Februar 2000 wurde das Europ&#228;ische B&#252;rgerInnenforum (EBF)/Longo Maï auf die Zusammenh&#228;nge aufmerksam, die zwischen industrialisierter Agrarproduktion, (Arbeits-)Migration und rassistischen Politiken bestehen. Langj&#228;hrige Kontakte zur andalusischen LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Sindicato de Obrer@s del Campo) haben sich seither in einer gemeinsamen Solidarit&#228;tskampagne verfestigt. Die SOC wurde im Februar 2000 in der Region Almería aktiv, es bildete sich eine erste migrantische Gewerkschaftsgruppe. Gemeinsam mit den Feministinnen der Mujeres Progresistas, deren Arbeit jedoch nur kurze Zeit sp&#228;ter durch rassistisches und sexistisches Mobbing in der Stadt verunm&#246;glicht wurde, bildete die SOC Almería eine aktivistische Front gegen den institutionalisierten rassistischen Konsens. Das Ziel der SOC Almería ist die Organisation der ArbeiterInnen in den Treibh&#228;usern im Kampf gegen Ausbeutung und Illegalisierung. Zus&#228;tzlich will die Solidarit&#228;tskampagne eine breite &#214;ffentlichkeit informieren und dar&#252;ber hinaus motivieren, aktiv zu werden.<br />
Seit dem Jahr 2004 ist der Aufbau sozialer Zentren ein Arbeitsschwerpunkt der SOC Almería und so auch der internationalen Kampagne. Diese Lokale sollen den MigrantInnen Infrastruktur, Beratungsstelle, Treffpunkte und Versammlungsorte sein. Angesichts der rund einhunderttausend ArbeiterInnen im „mar del plastico“, einer Gesamtfl&#228;che von etwa 35.000 ha, in der 16.000 Betriebe wirtschaften, eine gewaltige Herausforderung, die Schritt f&#252;r Schritt in Angriff genommen wird. Im Jahr 2005 wurde ein erstes Zentrum in El Ejido er&#246;ffnet. Das Lokal wurde durch die Solidarit&#228;tskampagne des EBF mit Hilfe zahlreicher Organisationen und privaten Spenden finanziert und tr&#228;gt sich mittlerweile durch die Gewerkschaftsbeitr&#228;ge weitgehend selbst. Im Fr&#252;hjahr 2007 wurde nun das zweite soziale Zentrum in San Isidro im Campo de Níjar er&#246;ffnet. Zu diesem Anlass fand eine mehrt&#228;gige Konferenz statt, die Ausbeutung der ArbeiterInnen und Umweltzerst&#246;rung durch die industrielle Landwirtschaft und m&#246;gliche Alternativen dazu zum Thema hatte.</p>
<h3>Interview</h3>
<p><em>Ihr seid aktiv in der Solidarit&#228;tsbewegung mit LandarbeiterInnen in S&#252;dspanien. Wie sehen deren Arbeitsbedingungen dort aus?</em></p>
<p>Die materiellen Arbeitsbedingungen sind gro&#223;teils furchtbar schlecht, in den Treibh&#228;usern hat es Temperaturen bis zu 60°C, die ArbeiterInnen bekommen keine oder keine ad&#228;quate Schutzkleidung zu Verf&#252;gung gestellt, es gibt keine geregelten Arbeitszeiten sondern Arbeit nach Bedarf der landwirtschaftlichen Produktion, immer wieder kommt es zu Lohnraub, Arbeiterinnen berichten von sexuellen &#220;bergriffen. Einen Unterschied macht es dar&#252;ber hinaus, ob der oder die ArbeiterIn illegalisiert ist oder Papiere hat. Denn selbstredend ist es, wenn auch nicht einfach, dann doch einfacher, mit Papieren Lohnforderungen zu stellen, nach Arbeitsunf&#228;llen &#228;rztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich gerichtlich gegen rassistische und sexistische Angriffe zur Wehr zusetzen, ohne von Abschiebung bedroht zu sein.</p>
<p><em>Der Begriff Prekarit&#228;t/Prekarisierung als Verunsicherung der Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse wird in letzter Zeit hei&#223; diskutiert. Denkt ihr, dass dieser Begriff auch in diesem Bereich Verwendung finden kann? Wenn ja, inwiefern?</em></p>
<p>Prekarisierung findet zu allererst als Illegalisierung statt. Auf einem unsicheren oder illegalisierten Aufenthaltsstatus basiert dann ja die ganze Palette unsicherer Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse, inklusive der Bedrohung des eigenen Lebens. Prekarit&#228;t als Begriff der Selbstbehauptung kommt sicherlich ins Spiel, wenn die Selbstorganisation beginnt. Die kann, muss aber nicht in den gewerkschaftlichen Strukturen der SOC stattfinden, wie die Geschichte der Region und ihrer Widerstandsformen zeigt.</p>
<p><em>Welche Versuche gab es bisher, LandarbeiterInnen gewerkschaftlich zu organisieren? Mit welchen Problemen ist man dort konfrontiert und welches Verh&#228;ltnis gibt es zu den etablierten spanischen Gewerkschaften?</em></p>
<p>Die SOC, sindicato de obrer@s del campo (Gewerkschaft der LandarbeiterInnen), ist seit den 70er Jahren in Andalusien aktiv. Erst noch im Widerstand gegen die Diktatur, ging die SOC 1973 mit direkten Aktionen an die &#214;ffentlichkeit, das hei&#223;t in erster Linie: LandarbeiterInnenstreiks und Landbesetzungen. Diese Strategien waren vor allem in Westandalusien, in den Provinzen Sevilla und Malaga, wo der Gro&#223;grundbesitz in Form sogenannter latifundias vorherrschte, sehr erfolgreich. Im Osten, vor allem in der Provinz Almería, wo es aufgrund der schlechten landwirtschaftlichen Voraussetzungen keinen Gro&#223;grundbesitz gab, war die SOC bis vor kurzem nicht aktiv. Nach den rassistischen Pogromen in der Region Almería im Jahr 2000 hat sich auch dort eine Gruppe der SOC gebildet, die von Migranten gegr&#252;ndet wurde und nunmehr MigrantInnen in der Region organisiert.<br />
Die so genannten etablierten Gewerkschaften UGT und CCOO sind, soweit wir das von au&#223;en beurteilen k&#246;nnen, nicht ausgesprochen solidarisch mit der SOC, die sind auch in ganz anderen Strukturen verankert, d.h. sie bekommen staatliche F&#246;rderungen und fahren ein sehr traditionalistisches Gewerkschaftsprogramm, das sich auf Mitgliederwerbung konzentriert und dementsprechend kein Interesse an der Organisation von migrantischen LandarbeiterInnen hat, die, so zumindest die Vorstellung, nicht f&#252;r eine langfristige Mitgliedschaft zu gewinnen sind.<br />
Punktuell gibt es zwar Zusammenarbeit mit den gro&#223;en Gewerkschaften, allerdings war die Positionierung von CCOO und UGT im Jahr 2000 eindeutig nicht antirassistisch, insofern ist die Ausgangsbasis schwierig.</p>
<p><em>Fast alle LandarbeiterInnen in der Region haben migrantischen Hintergrund. Welche Auswirkungen hat das auf die gewerkschaftliche und politische Arbeit vor Ort?</em></p>
<p>In erster Linie bedeutet es, mit Rassismus und rassistisch verst&#228;rktem Sexismus konfrontiert zu sein. Diese Gewalt ist im Jahr 2000 in Pogromen ausgeartet, die auch medial pr&#228;sent waren, ist aber seither keineswegs verschwunden. Im M&#228;rz 2005 wurde ein Gewerkschaftsmitglied ermordet, immer wieder berichten die ArbeiterInnen von rassistisch motivierten &#220;berf&#228;llen, und ganz aktuell gibt es einen Prozess gegen  eine Gruppe von M&#228;nnern wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt, nachdem die Guardia Civil mehrere gewaltt&#228;tige &#220;berf&#228;lle auf Wohnst&#228;tten der ArbeiterInnen ver&#252;bt hat.<br />
Die andere Frage ist die der m&#246;glichen Organisation. Das hat weniger mit migrantischem Hintergrund als mit der Art der Arbeitsmigration zu tun. Ist sie tempor&#228;r im Sinne von Saisonarbeit, dann ist traditionelle gewerkschaftliche Organisation kaum von Interesse. Das hei&#223;t nicht, dass etwa Formen der direkten Aktion nicht auch f&#252;r SaisonarbeiterInnen die M&#246;glichkeit bieten w&#252;rden, sich gegen prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zu wehren, oder mehr noch dass SaisonarbeiterInnen nicht von Prekarisierung betroffen w&#228;ren. Vielmehr bedeutet es, dass sich die Gewerkschaftsarbeit den aktuellen Formen der Lohnarbeit anpassen muss und nicht von den ArbeiterInnen erwartet werden kann, sich umgekehrt den Vorstellungen der Gewerkschaft anzupassen. Ist die Arbeitsmigration tempor&#228;r, weil Almería ein Durchzugsgebiet ist (eine These allerdings, die meist dem Wunsch der ankommenden MigrantInnen entspricht, jedoch in vielen F&#228;llen nicht den tats&#228;chlichen M&#246;glichkeiten), dann ist jede Form der politischen Organisation mit der Problematik der Kurzfristigkeit konfrontiert, was sie aber noch lange nicht unm&#246;glich macht. Es gibt ja Aktionsformen wie Streik, die oftmals, schon lange bevor die SOC in der Region zu arbeiten begann, erfolgreich erprobt wurden, und zwar sowohl von Leuten, die immer noch im almerischen Gem&#252;sebau arbeiten, als auch von solchen, die aus dem S&#252;den weggezogen sind. Nicht zuletzt bleibt als Beispiel nat&#252;rlich die SOC-Gruppe in Almería, in der vier von f&#252;nf hauptamtlichen GewerkschafterInnen im Erwachsenenalter nach Spanien migriert sind, und die zur Frage der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit erg&#228;nzen l&#228;sst, dass ein Um- oder Weiterdenken innerhalb traditionalistischer Strukturen durch die Selbstorganisation von MigrantInnen ein St&#252;ck weit auch forciert werden kann.</p>
<p><em>Was hat es mit den Versuchen der spanischen Regierung auf sich, illegalisierte MigrantInnen zu Legalisieren?</em></p>
<p>Es gab bisher eine Reihe von Legalisierungskampagnen von der spanischen Regierung, bei denen mehrere hunderttausend Leute Aufenthaltspapiere bekommen haben, die letzte davon von Februar bis Mai 2005. Nat&#252;rlich ist die Intention der Regierung keine antirassistische; den praktischen Nutzen f&#252;r die Leute, die legalisiert werden, zu &#252;bersehen, w&#228;re dennoch zynisch. (Viele ArbeiterInnen aus Almería berichten, dass sie den neuen Status n&#252;tzen, um sofort aus der Region und den dortigen Arbeits- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen wegzugehen.)<br />
Die Legalisierungen verlaufen aber ja nicht bedingungslos, sondern sind im Gegenteil an sehr strenge und oftmals gerade mit illegalisierten Status schwer oder unm&#246;glich zu erf&#252;llende Kriterien gebunden. Es m&#252;ssen Arbeitsvertrag, Meldezettel und diverse Versicherungspapiere nachgewiesen werden, also absurde Forderungen an Menschen, denen eben diese Unterlagen aufgrund ihres Status verwehrt werden. Vor den Einreichterminen zur Legalisierung kommt es zu einem regelrechten Handel mit Papieren, bei dem beispielsweise ArbeitgeberInnen f&#252;r einige tausend Euro r&#252;ckwirkend einen Arbeitsvertrag ausstellen.<br />
Ob es weiterhin die sogenannten „Massenlegalisierungen“ geben wird, ist unklar. Die konservative Opposition in Spanien versucht bei Barroso ein EU-weites Verbot zu erwirken, aber das ist noch lange nicht gegessen.</p>
<p><em>Wie sieht eure Solidarit&#228;tsarbeit konkret aus?</em></p>
<p>Die Soliarbeit baut auf den direkten Kontakt mit GewerkschafterInnen und vermehrt auch ArbeiterInnen auf. Das ist insofern wichtig, als es ein Abheben in Diskussionen und Aktionen, die mit der Situation vor Ort nicht r&#252;ckgekoppelt und deshalb realit&#228;tsfern sind, ein ganzes St&#252;ck weit verhindert. Neben der &#252;blichen Aufkl&#228;rungs- und Bildungsarbeit versuchen wir permanent die Vernetzung mit anderen Gruppen und Kontexten, die mit Landwirtschaft und Migration zusammenh&#228;ngen – was sehr viele sind. Wir zielen darauf ab, Zusammenh&#228;nge auf den verschiedenen Ebenen dieses doch sehr komplexen Themas aufzuzeigen und gemeinsam mit anderen aus linken Zusammenh&#228;ngen dort anzugreifen, wo es konkrete Anhaltspunkte gibt – nicht nur in Spanien, sondern, eingebettet in ein europ&#228;isches Netzwerk, auch in Italien, Frankreich, der Schweiz, Holland, Deutschland und auch &#214;sterreich. Im Jahr 2004 haben wir dazu ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Bittere Ernte – die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas“. Gerade dieses Jahr ist es weiters gut gelungen, Migration und Landwirtschaft als zwei Schwerpunktthemen im Zuge der G8-Proteste in Heiligendamm zu verkn&#252;pfen. Dar&#252;ber hinaus gab es in Heiligendamm ein erstes Zusammentreffen der SOC- mit der Lidl-Kampagne, also der Themen Prim&#228;rproduktion und Discounter und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen. An diesem Thema wollen wir auch in der n&#228;chsten Zeit verst&#228;rkt arbeiten.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Weiterf&#252;hrende Internetseiten</h3>
<p><a href="http://www.forum-civique.org">http://www.forum-civique.org</a><br />
<a href="http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/plastikmeer_almeria.html"> http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/plastikmeer_almeria.html</a><br />
<a href="http://www.soc-almeria.org"> http://www.soc-almeria.org</a><br />
<a href="http://www.g8-landwirtschaft.net"> http://www.g8-landwirtschaft.net</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Faszination Elend</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/12/07/faszination-elend/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/12/07/faszination-elend/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 08:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Slums]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Stefan Probst</em> &#252;ber b&#252;rgerliche und sozialdemokratische Imaginationen gro&#223;st&#228;dtischer Armut um 1900 zwischen S&#228;uberung, Sozialreform und Solidarit&#228;t.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Stefan Probst</em> &#252;ber b&#252;rgerliche und sozialdemokratische Imaginationen gro&#223;st&#228;dtischer Armut um 1900 zwischen S&#228;uberung, Sozialreform und Solidarit&#228;t.</p>
<p><span id="more-16"></span></p>
<p>Im November 1831 erl&#228;utert die Sanit&#228;r-Kommission des Pariser <em>Jardin des Plantes</em> in den <em>Annales d’hygiène publique et de médecine légale</em> die gesundheitspolitische Situation in einigen Vierteln der franz&#246;sischen Hauptstadt. Dort w&#252;rden sich, hei&#223;t es im Bericht, Personen herumtreiben, die „in Lumpen geh&#252;llt, ohne Hemd, ohne Str&#252;mpfe, ja oft sogar ohne Schuhe bei jedem Wetter durch die Stra&#223;en ziehen und h&#228;ufig v&#246;llig durchn&#228;&#223;t nach Hause zur&#252;ckkehren …, beladen mit allerhand Produkten, die sie in den Gossen der Hauptstadt gefunden haben und deren Gestank mit ihrer Person so eins ist, dass sie selbst wandelnden Misthaufen gleichen.“ Als Schlafst&#228;tte diene ihnen ein schmutziger, stinkender Strohsack, umgeben von widerw&#228;rtigen Abf&#228;llen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><br />
Auff&#228;llig an diesem Bericht der Sanit&#228;r-Kommission ist nicht allein das Interesse f&#252;r die Lage der Pariser Obdachlosen, sondern die Tatsache, dass die soziale Frage hier in erster Linie als hygienisches, gesundheitspolitisches Problem gestellt wird. Explizit wird die Verbindung zwischen sozialem Elend und dem Gestank der Armen herausgestrichen, der ein Risiko f&#252;r die &#246;ffentliche Gesundheit darstellen w&#252;rde.<br />
In der zeitgen&#246;ssischen medizinischen Diskussion galt der &#252;ble Geruch der Elenden als potentielle Bedrohung, da die im Gestank nistenden Miasmen als Tr&#228;ger gef&#228;hrlicher Krankheiten begriffen wurden. Besonders seit den 1830er Jahren, der Zeit der gro&#223;en Choleraepidemien in den europ&#228;ischen Gro&#223;st&#228;dten, strukturierte die Angst der Bourgeoisie vor Ansteckung durch aus dem „sozialen Sumpf“ aufsteigende Miasmen den b&#252;rgerlichen Blick auf das Elend der Gro&#223;stadt und verfestigte so Stereotypen der Armen als mit Schmutz und Krankheit assoziierter Subjekte.</p>
<h3>Sekretionen des Elends</h3>
<p>Der Vorstellung eines Zusammenhangs von Gestank und Krankheit begegnen wir bereits im 18. Jahrhundert. Der in jener Zeit forcierte Ausbau des Kanalisationssystems, die Anlage breiter Stra&#223;en usw. k&#246;nnen als architektonische und stadtplanerische Taktiken gelesen werden, die – eingebettet in eine umfassende hygienepolitische Strategie – auf Durchl&#252;ftung, Desinfektion und Desodorisierung der Gro&#223;stadt zielten.<br />
Ab der Wende zum 19. Jahrhundert trat jedoch zunehmend der Schrecken eines bedrohlichen Menschensumpfs an die Stelle der Angst vor Aas und Jauche, in denen es von t&#246;dlichen Keimen wimmelte. In der Hierarchie der Bef&#252;rchtungen und &#196;ngste vollzog sich eine Verschiebung vom Lebenden zum Sozialen – zum Gestank der Armut, zu den „Sekretionen des Elends“.<br />
Zun&#228;chst konzentrierte sich dieser Diskurs haupts&#228;chlich auf den &#246;ffentlichen Raum, auf die Hospit&#228;ler, Gef&#228;ngnisse und andere Orte, „wo Menschen unterschiedslos zusammengepfercht, wo die undifferenzierten Ausd&#252;nstungen der fauligen Masse zu vernehmen sind.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Die Choleraepidemien der 1830er lenkten die Aufmerksamkeit aber zunehmend auch auf die elenden Behausungen der Armen, auf ihre Latrinen, die b&#228;uerlichen Misthaufen und den fettgetr&#228;nkten, stinkenden Schwei&#223;, den die Haut des Arbeiters absondere.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Im Zuge der Seuchen hatten &#196;rzte und Soziologen entdeckt, dass „eine bestimmte Sorte Bev&#246;lkerung dem Ausbruch von Epidemien Vorschub leistet“, n&#228;mlich „all diejenigen, die im Gestank ihres eigenen Drecks verkommen.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Choleraepidemien schoben „die in den Jahrzehnten davor rasant angewachsenen Elendszonen der Gro&#223;st&#228;dte blitzartig in den Blickwinkel einer – freilich sozial limitierten – &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Die zeitgen&#246;ssischen Mediziner legten den Schwerpunkt ihrer Untersuchungen nun „mehr denn je auf die unheilvollen Wirkungen des menschlichen Gedr&#228;nges und der von Exkrementen verseuchten Umgebung; vor allem aber wiesen sie den ‚Sekretionen des Elends’ von nun an eine entscheidende Bedeutung zu.“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a><br />
Die Angst des B&#252;rgertums vor einem &#220;bergreifen der Seuche aus den Elendsvierteln auf die eigenen Wohnviertel erzwang dabei auch eine taktische Verlagerung der gesundheitspolitischen Ma&#223;nahmen vom &#246;ffentlichen zum privaten Raum. In den Wohnr&#228;umen der Armen selbst m&#252;sse &#252;ber die Gesundheit gewacht werden; die Mietsh&#228;user der Elenden wurden „zum Ziel der Jagd auf Krankheitskeime“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Seit den 1830ern erschien in Folge eine Flut von Er&#246;rterungen &#252;ber die Unterk&#252;nfte des gemeinen Volkes und die dort herrschende Atmosph&#228;re. Die zwanghafte Angst vor den mit der Luft verbundenen Gefahren konzentrierte sich seither auf das Elendsquartier: nicht mehr allein die Kloaken des &#246;ffentlichen Raums, sondern der „Luftsumpf des Hauses“ besch&#228;ftigte die b&#252;rgerlichen Gelehrten. Es ging nicht mehr nur um die Desodorisierung des &#246;ffentlichen Raums, sondern um die „Entst&#228;nkerung“ der Elenden selbst. Denunziert wurde nicht mehr der Gestank &#252;berhaupt, sondern derjenige einiger besonders anr&#252;chiger, mit dem Schmutz infizierter Kategorien – dem Proletariat.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Wie sehr diese Typisierung der Armen in den folgenden Jahrzehnten wirksam blieb, zeigt ein Bericht eines franz&#246;sischen Arztes, der noch 1884 erkl&#228;rte, dass die armen Einwohner von Lille „geringer sind als die reichen, und dies nicht wegen der Arbeit, die sie verrichten, sondern wegen ihres engen und schmutzigen Obdachs …, wegen der Unsauberkeit, die sie umgibt und sie <em>durchdringt</em>, wegen ihres dauernden Kontakts zu allerhand Unrat, den zu entfernen sie weder die Zeit noch die Mittel haben, ja den zu f&#252;rchten ihre Erziehung sie nicht einmal gelehrt hat.“ Haut und Kleidung der Armen w&#252;rden den Gestank aufsaugen – und somit eine potentiell t&#246;dliche Bedrohung darstellen, die es einzud&#228;mmen und zu bek&#228;mpfen galt.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Ziel der politischen Strategien waren die Keime und deren Tr&#228;gerInnen zugleich: durch metaphorische &#220;bertragung wurden die Armen selbst zur „sozialen Infektion“.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<h3>Disziplinierung und &#220;berwachung</h3>
<p>Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen die Versuche, Inspektionen in volkst&#252;mlichen Wohnungen vorzunehmen, rasant zu. Stadtteilkommissionen in franz&#246;sischen und englischen St&#228;dten sollten s&#228;mtliche H&#228;user in Augenschein nehmen, nach gesundheitsgef&#228;hrdenden Missst&#228;nden forschen und den Besitzern Auflagen im Sinne der Gesundheitspolizeivorschriften machen. Es galt, das „unbekannte Land“ der (proletarischen) Armenviertel zu erkunden und zu kartieren.<br />
Die hygienepolitischen Ma&#223;nahmen waren dabei eng mit moralisierenden Absichten, sicherheitspolitischen Zielen und Bestrebungen zur Disziplinierung der ArbeiterInnenschaft verzahnt: Bel&#252;ftung und &#220;berwachung, Sauberkeit und Ordnung waren untrennbar miteinander verkn&#252;pft. Die Strategien der Hygienepolitik zeichneten sich, wie Alain Corbin schreibt, durch eine symbolische Gleichsetzung von Desinfektion und Unterwerfung aus: es ging um die Beseitigung der „dumpfige[n] Luft der sozialen Katastrophen“ (Victor Hugo), womit Epidemien gleicherma&#223;en wie sozialer Aufruhr gemeint waren. Durch die „Desodorisierung“ des Proletariers sollte dieser auch „zu Disziplin und Arbeit“ gezwungen werden.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Schon 1821 erl&#228;uterte der Berichterstatter des Pariser Gesundheitsrats, Moléon, dass die Hygiene ein un&#252;bertreffliches Mittel „gegen die Laster der Seele [sei] …; ein auf Sauberkeit bedachtes Volk ist bald ein Freund der Ordnung und Disziplin“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Zwanzig Jahre sp&#228;ter erkl&#228;rten Monfalcon und Polinière, dass der Arbeiter dadurch, dass er „in ausreichender Menge gesunde Luft atmet und &#252;ber viel Wasser f&#252;r seine t&#228;glichen Bed&#252;rfnisse verf&#252;gt“, auch „mehr Achtung f&#252;r Sauberkeit und die Gesetze“ hat und „mehr auf die Erf&#252;llung seiner Pflichten“ h&#228;lt.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Zudem verhindere der in den Elendsquartieren herrschende Luftmangel auch eine Entfaltung der Arbeitskraft. Was oft als Faulheit gesehen w&#252;rde, sei in Wirklichkeit fast immer eine Schw&#228;chung durch die verdorbene Atmosph&#228;re ungesunder Wohnungen. Ventilation und Desodorisierung seien deshalb nicht allein gesundheitspolitische sondern auch &#246;konomische Notwendigkeiten.</p>
<h3>Phobie, Ekel und Faszination</h3>
<p>Obwohl die Elendsquartiere der Gro&#223;st&#228;dte von der Bourgeoisie in erster Linie als Bedrohung wahrgenommen wurden, so &#252;bte die Unterseite der prosperierenden Metropolen doch auch eine faszinierende Anziehungskraft auf die b&#252;rgerliche &#214;ffentlichkeit aus. Als Erz&#228;hlstoff gingen die missbilligenden Beschreibungen &#252;belriechender Unterk&#252;nfte in den Sozialenquetes in die volkst&#252;mlichen Romane ein, deren Autoren sich h&#228;ufig von den Berichten der Sozialforscher inspirieren lie&#223;en.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Spannung zwischen Faszination und Ekel bestimmte sowohl die Haltung der Hygieniker und Sozialforscher als auch der Literaten und Journalisten sowie der breiteren b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit. Die Elendsquartiere stellten ein enormes „Reservoir von Geschichten, Bildern und moralischen Impulsen“ bereit, „das in den bislang dem Blick abgewandten Zonen der Gro&#223;st&#228;dte entdeckt wurde“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und in der realistischen Literatur, in Kolportage- und Fortsetzungsromanen, in Lichtbildvortr&#228;gen, in der Fotografie und schlie&#223;lich auch im Film verarbeitet wurde.<br />
Um die stinkenden Unterk&#252;nfte der Armen zu erreichen, musste man sich auf eine quasi unterirdische Forschungsreise in den „menschlichen Abgrund“ begeben. Ein symbolischer Graben mu&#223;te &#252;berwunden werden, um in die r&#228;umlich segregierten Armenviertel vorzudringen – der „unbekannte Kontinent“ eines „Afrika <em>at home</em>“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> als Faszinosum und Projektionsraum b&#252;rgerlicher Fantasien und &#196;ngste. Als „soziale Entdeckungsreisende“ drangen seit den 1830er-Jahren Literaten, Journalisten, Maler, Zeichner und sp&#228;ter Fotografen „in ein gro&#223;st&#228;dtisches Leben vor, das sie voller unbekannter Ph&#228;nomene, starker Kontraste und schockierender Erfahrungen vorfanden. Sie bedienten das Publikum der neuen (gro&#223;st&#228;dtischen) Medien mit Sensationen, ermittelten Fakten, deckten Missst&#228;nde auf, klagten an oder bek&#228;mpften direkt die herrschende Ordnung.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Faszination des „Anderen“ der Gro&#223;stadt – die Kehrseite der „Wunder der Civilisation“ (Engels) – finden wir in Charles Dickens’, urspr&#252;nglich als Fortsetzungsroman ver&#246;ffentlichtem, <em>Oliver Twist</em> ebenso wie bei Jack London, aber auch bei den Pionieren der Stadtforschung wie Henry Mayhew und Charles Booth oder den sozialdokumentarischen Berichten des Polizeireporters der <em>New York Tribune</em> Jacob A. Riis. Parallel zu den Reiseberichten der kolonialen Expeditionen, die die Imagination des Exotischen im b&#252;rgerlichen Europa bedienten, erfreuten sich Geschichten &#252;ber die „Wilden“, die „in unserer Mitte leben“, rei&#223;enden Absatzes. Das ethnographische Interesse galt ebenso dem „Fremden im Eigenen“ wie den milit&#228;rischen Abenteuern und wissenschaftlichen Entdeckungen in &#220;bersee.<br />
Vor allem bei AutorInnen aus dem Umfeld philanthropischer und karitativer Vereinigungen verband sich dieser kolonial-ethnographische Blick meist mit der Absicht, soziale Missst&#228;nde aufzudecken und zu korrigieren, als Teil einer „breit angelegten Therapie, die dem Pathologischen in der Gesellschaft entgegenwirken“ sollte.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> In der (religi&#246;sen) Erbauungsliteratur wurde in p&#228;dagogischer Absicht der unmoralische Lebenswandel der Elenden angeprangert, der f&#252;r deren Situation zumindest mitverantwortlich sei. Bildern verwahrloster Stra&#223;enkinder wurden Fotografien gegen&#252;bergestellt, die den zivilisierenden – und disziplinierenden – Effekt der Einrichtungen der Armenf&#252;rsorge (Armenschule, Kinderheime, Arbeitsh&#228;user usw.) verdeutlichen sollten. „Vorher/Nachher“-Aufnahmen sollten die verwandelnde Wirkung der Mildt&#228;tigkeit der Philanthropen (Anst&#228;ndigkeit, Eignung als Arbeitskraft, „Z&#228;hmung“ des „Wilden“) veranschaulichen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die enge Verbindung zwischen Stadtforschung mit Programmen der zivilisatorischen „Hebung“ der unteren Klassen wird auch hier als „Wechselspiel zwischen Erkundungst&#228;tigkeit und Kolonisierungsarbeit deutlich.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a></p>
<h3>Sozialreformerische Strategien der Sichtbarmachung</h3>
<p>Zu den aufsehenerregendsten Bildern des „Spektakels der Armut“ zur Wende zum 20. Jahrhundert geh&#246;rt sicherlich der sozialdokumentarische Lichtbildervortrag des Wiener Amateurfotografen Hermann Drawe, der gemeinsam mit dem Journalisten Emil Kl&#228;ger als einer der Ersten das gro&#223;st&#228;dtische Elend in Wien dokumentierte. Drawe und Kl&#228;ger inszenierten ihre Arbeit als Expedition in die unterirdischen „Quartiere des Elends und des Verbrechens“ des Wiener Kanalisationssystems, in das sie, gekleidet ins „Kost&#252;m“ des Obdachlosen, vordrangen und das „unglaubliche“, „grauenhafte“ Dasein der Elenden festhielten. Schon der Titel des Vortrages (die Assoziation von Elend und Verbrechen) verdeutlicht freilich, dass es Drawe und Kl&#228;ger – unter dem Deckmantel der Sozialdokumentation – viel eher darum ging, dem b&#252;rgerlichen Publikum „die Lebensbedingungen der Obdachlosen als ein schauriges Schauspiel“ vorzuf&#252;hren, das genau deren klischeegeladene Vorstellungswelt bediente, zugleich aber mit dem Verweis auf die scheinbare Objektivit&#228;t der Fotografien authentifiziert wurde. Verst&#228;rkt wurde die Schockwirkung der Bilder noch durch die r&#228;umliche N&#228;he zwischen dem verborgenen, unterirdischen Wien und dem „normalen“ Wien der Oberfl&#228;che, die die Bilder nahe legten: eine bedrohliche Parallelwelt, eine „Unterwelt“, nagte am Fundament der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. „Tats&#228;chlich d&#252;rfte nicht zuletzt durch die r&#228;umliche Metaphorik das Entsetzen der B&#252;rger nicht darauf beruht haben, die Notlage des Proletariats vor Augen gef&#252;hrt zu bekommen“, sondern es als Zeichen f&#252;r die „Br&#252;chigkeit der eigenen Existenz zu nehmen.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Es &#252;berrascht daher nicht, dass die sozialdemokratische <em>Arbeiter-Zeitung</em> gegen den Einsatz der Bilder und Geschichten bei Drawe/Kl&#228;ger, aber auch in der zeitgen&#246;ssischen illustrierten Massenpresse, polemisierte. Die Kritik lautete, dass die Bilder der b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit Gelegenheit gaben, das „allt&#228;gliche“ Elend der ArbeiterInnen zu verschleiern oder sie in die N&#228;he der – ohnehin bereits verlorenen – „Jammerexistenzen“ zu r&#252;cken, und damit in die N&#228;he von Verruchtheit und Verbrechen. Zugleich hatte die Sozialdemokratie auch ein grundlegendes Problem mit isolierten Bildern, die sich einem analytischen Zugriff verweigerten. In der Tradition der „antivisuellen Rhetorik“ der Aufkl&#228;rung waren „nackte Bilder“ in der ArbeiterInnenbewegung verp&#246;nt, da sie weder die Schuldigen benannten, noch L&#246;sungen aufzeigten. Dar&#252;ber reflektierte z.B. der marxistische Fotograf Bruno Frei, der das Elend der j&#252;dischen Fl&#252;chtlinge des Ersten Weltkriegs in Wien dokumentierte. Nach Frei k&#246;nnten die Bilder zwar die erschreckenden Ausma&#223;e und Formen des Elends aufzeigen, nicht aber dessen Grund, den Kapitalismus, benennen. Erst mit den – vom fr&#252;hen Sowjetkino der 1920er inspirierten – Montagetechniken konnte „das Bild als Teil einer eindeutig an Text und Theorie orientierten Komposition zum Bestandteil sozialistischer Aufkl&#228;rung und Propaganda“ werden.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
Diese Kritik verschleiert dennoch, dass sich auch die sozialdemokratische Massenpresse durch Boulevardmedien, Fotografie und neue Darstellungstechniken herausgefordert sah – und auch darauf reagierte. Am deutlichsten wird das in den Sozialreportagen des Redakteurs der <em>Arbeiter-Zeitung</em> (seit 1902) und Armenpfleger im <em>Verein gegen Verarmung und Bettelei in Wien</em> Max Winter, der seine Unternehmungen genauso im Vokabular des Entdecker- und Abenteurertums beschrieb. „Seine Figuren entstiegen ebenfalls einer Unterwelt, aber anders als bei Drawe und Kl&#228;ger nicht einer, aus der sich die b&#252;rgerlichen Bedrohungsbilder speisten, sondern vielmehr direkt aus der Tradition der Wiener Volksschauspiele und Typen, jener also, die ihrer misslichen Lage zum Trotz dennoch Lebensklugheit, Witz und Widerst&#228;ndigkeit bewahren.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Winter inszenierte seine Reportagen als „Entdeckungsreise in eine von der Moderne verdr&#228;ngte und bald zum Verschwinden gebrachte Kultur und Tradition“ – ein „romantisch-ethnographischer Zugang“ auf der Suche nach den letzten „echten Wienern“.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gezielt streute er Begrifflichkeiten der „Gaunersprache“ in seine Texte ein, was seinen „Reiseberichten“ nicht nur h&#246;here Authentizit&#228;t verleihen sollte, sondern auch „die Assoziation von Elendsmilieu und Verbrechen“ bediente, „die den Texten eine moralische Ambivalenz zwischen sozialem Appell und Exotismus“ verlieh.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Der Effekt der Spektakularisierung und &#196;sthetisierung der Armut bei Max Winter war somit deren gleichzeitige Dramatisierung und Romantisierung, weniger in seinen immer noch lesenswerten Industriereportagen, sehr wohl aber in den „Expeditionsberichten“ aus dem Wiener Kanal.</p>
<h3>Objektivierung und Passivierung</h3>
<p>Gemein war den Repr&#228;sentationen gro&#223;st&#228;dtischen Elends jedenfalls eine meist objektivierende und passivierende Darstellungsform. Nicht allein Ursachen und L&#246;sungen des sozialen Elends blieben unbenannt; auch f&#252;r konkretere sozialpolitische Ma&#223;nahmen ist kaum belegt, ob die Elendsbilder jemals dabei halfen, soziale Missst&#228;nde zu mindern. „In jedem Fall aber wirkten sie regelm&#228;&#223;ig auf jene zur&#252;ck, die entdeckt oder deren Lebensbedingungen aufgedeckt wurden, indem sie zu Objekten von Mitleid, Anklage oder politischem Kalk&#252;l wurden.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
Als k&#228;mpfende, handlungsf&#228;hige Subjekte werden die Armen der Gro&#223;stadt nicht wahrgenommen. Sie kommen nicht selbst (oder allenfalls als Typen) zu Wort, man spricht &#252;ber sie und mobilisiert sie f&#252;r die jeweils eigenen Ziele. Und auch f&#252;r Max Winter sind die „krankhaft veranlagten unter ihnen“ ohnehin bereits „rettungslos verloren“.<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a><br />
Die f&#252;r die Politik der Armenf&#252;rsorge charakteristischen Hierarchien zwischen barmherzigen GeberInnen und dem&#252;tigen Empf&#228;ngerInnenn, zwischen „Entdeckern“ und „Entdeckten“ – in der b&#252;rgerlichen Philanthropie und Charity ebenso wie in der christlichen Caritas –, schrieben sich somit auch in die Narrative der sozialdemokratischen Sozialreportage ein. Das Subproletariat der Gro&#223;stadt wird zur Projektionsfl&#228;che; die sozialkritische Dimension der Sozialreportage tritt in den Hintergrund.<br />
Je mehr seit der Jahrhundertwende die staatlichen Versicherungssysteme gegen Unf&#228;lle, Krankheit, Arbeitslosigkeit usw. durchgesetzt werden konnten – „im Tausch gegen ein berechenbares Verhalten“ des Proletariats<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> –, desto st&#228;rker gewannen die „verlorenen Seelen“ der sozial Marginalisierten, der von der sozialstaatlichen Risikogemeinschaft Ausgeschlossenen an Faszination: als Objekte von Ekel und Neugier, Mitleid und Barmherzigkeit, jedenfalls aber nicht als k&#228;mpfende Subjekte politischer Ver&#228;nderung.<br />
Dies ist umso tragischer, als sich gerade der zentrale Kampfbegriff der ArbeiterInnenbewegung, die Solidarit&#228;t, in expliziter Abgrenzung zu hierarchisierenden Vorstellungen der Armenf&#252;rsorge entwickelt hat: als „Herstellung einer Kampfgemeinschaft im Wissen um die gleichartige Betroffenheit durch die soziale Konfiguration des Industriekapitalismus.“<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Selbstgestellte Aufgabe der ArbeiterInnenbewegung ist demnach die Formierung von dem, was Antonio Gramsci als „historischen Block“ bezeichnet hat, d.h. von politischen Kollektiven, die – unter F&#252;hrung des Proletariats – auch die anderen Fraktionen der Subalternen im Kampf miteinbeziehen. Dabei steht nicht so sehr im Vordergrund, welches Gewicht die Marginalisierten und Deklassierten, in der marxistischen Diskussion oft absch&#228;tzig als „Lumpenproletariat“ Bezeichneten, in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen k&#246;nnen, sondern sie als potentielle MitstreiterInnen ernstzunehmen und auf deren spezifische Interessenslagen einzugehen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Corbin, Alain: Pesthauch und Bl&#252;tenduft. Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 2005, S. 194f.<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">2</a>  Ebd., S. 189<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">3</a>  Ebd., S. 300<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">4</a>  Ebd., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">5</a>  Schwarz, Werner M./ Szeless, Margarethe/ W&#246;genstein, Lisa: Bilder des Elends in der Gro&#223;stadt (1830-1930), in: dies. (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends, Wien 2007, S. 9-17, hier S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">6</a>  Corbin: a.a.O., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">7</a>  Ebd., S. 189<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">8</a>  Ebd., S. 196<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">9</a>  Ebd., S. 197f<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">10</a>  Vgl. zur politischen Metaphorik der entstehenden Bakteriologie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts z.B. Sarasin, Philip: „Anthrax“. Bioterror als Phantasma, Frankfurt/M. 2004, S. 137ff.<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">11</a>  Ebd., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">12</a>  Ebd., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">13</a>  Ebd., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">14</a>  Ebd., S. 201<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">15</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">16</a>  Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 19-25, hier S. 20<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">17</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">18</a>  Corbin: a.a.O., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">19</a>  Koven, Seth: Gustave Doré und Dr. Barnardo. Zur Darstellung der Armut im viktorianischen London, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 35-39, hier S. 38<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">20</a>  Lindner: a.a.O., S. 21<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">21</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">22</a>  Ebd., S. 16<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">23</a>  Ebd., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">24</a>  Ebd., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">25</a>  Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 111-117, hier S. 113<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">26</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 17<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">27</a>  Zit. n. Mattl: a.a.O., S. 114<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">28</a>  Ebd., S. 116<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">29</a>  Tenfelde, Klaus: Arbeiterschaft, Solidarit&#228;t und Arbeiterbewegung, in: Bayertz, Kurt (Hg.): Solidarit&#228;t. Begriff und Problem, Frankfurt/M. 1998, S. 195-201, hier S. 197</p>
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		<title>In den Dreck gezogen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 07:30:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Mike Davis: Planet der Slums. Berlin: Assoziation a 2007. 20,60 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Mike Davis: Planet der Slums. Berlin: Assoziation a 2007. 20,60 €</p>
<p><span id="more-17"></span></p>
<p>Fr&#252;he Urbanisten stellten sich die St&#228;dte der Zukunft als „hoch zum Himmel strebende Lichterst&#228;dte“ aus „Glas- und Stahlkonstruktionen“ vor, getrieben durch die Verbindung aus „Kunst und Technologie“ – Zentren f&#252;r Kultur, Wissenschaft und Wohlstand. Die Realit&#228;t, beschreibt Mike Davis, sieht am Anfang des 21. Jahrhunderts anders aus. Statt Glas und Stahlgebilden lebt die Mehrzahl der st&#228;dtischen Bev&#246;lkerung in Geb&#228;uden aus „grobem Backstein, Stroh, recyceltem Plastik, Zementb&#246;den und Abfallholz“ „inmitten von Umweltverschmutzung, Exkrementen und Abfall“.<br />
Als <em>Planet der Slums</em> 2006 erschien, war die Welt an einem Wendepunkt angelangt. Erstmals in der Geschichte der Menschheit lebten mehr Menschen in St&#228;dten als in l&#228;ndlichen Gebieten. F&#252;r Mike Davis ist diese grundlegende Ver&#228;nderung vergleichbar mit dem neolithischen &#220;bergang oder der industriellen Revolution. „Es leben [heute] mehr Menschen in den St&#228;dten – 3,2 Milliarden – als 1960, in dem Jahr als John F. Kennedy Pr&#228;sident wurde, auf der Welt gelebt haben.“ Der Gro&#223;teil der in die St&#228;dte gezogenen Massen endete in Slums, sei es an der Peripherie oder inmitten von Metropolen. Mike Davis, Soziologe und marxistischer Politaktivist, st&#252;tzt sich in seiner Beschreibung der St&#228;dte und Slums vor allem auf den Bericht <em>The Challenge of Slums</em>, der 2003 von U.N. HABITAT ver&#246;ffentlicht wurde. Ein Bericht, den er als „so bahnbrechend, wie die gro&#223;en Forschungen, die Engels, Mayhew, Charles Booth oder – in den USA – Jacob Riis im 19. Jahrhundert zu st&#228;dtischer Armut gemacht haben“, beschreibt. Zwei Fragen stehen dabei f&#252;r Mike Davis im Vordergrund. Wie ist diese enorme Urbanisierung abgelaufen und wie kam es dazu, dass mehr und mehr Menschen in die St&#228;dte str&#246;mten und in Slums endeten?<br />
Im Vergleich zur Urbanisierung des viktorianischen Europas des 19. Jahrhunderts im Zuge der industriellen Revolution schreitet diese Entwicklung heute mit ungekannter Geschwindigkeit voran. W&#228;hrend es „1950 weltweit 86 St&#228;dte mit einer Bev&#246;lkerung von &#252;ber einer Million [gab]“, ist diese Zahl heute auf 400 angewachsen und bis 2015 werden es mindestens 550 sein. „Seit 1950 haben die St&#228;dte fast zwei Drittel der weltweiten Bev&#246;lkerungsexplosion absorbiert und wachsen gegenw&#228;rtig jede Woche um eine Million Neugeborene und Zuwanderer.“ Dieser Zuwachs an st&#228;dtischer Bev&#246;lkerung f&#252;hrte zur Entstehung von Megast&#228;dten mit mehr als acht Millionen EinwohnerInnen, also ca. der aktuellen Bev&#246;lkerungszahl &#214;sterreichs. In extremen F&#228;llen entwickelten sich sogar Hyperst&#228;dte, die mit mehr als 20 Millionen ungef&#228;hr die Weltbev&#246;lkerung zur Zeit der franz&#246;sischen Revolution beherbergen. Mumbai wird sogar ein Bev&#246;lkerungsanstieg auf 33 Millionen Menschen in den n&#228;chsten Jahrzehnten prognostiziert, wobei niemand vorhersagen kann, ob eine solche Stadt &#252;berhaupt &#246;kologisch lebensf&#228;hig w&#228;re. Die st&#228;ndig wachsenden urbanen Gebiete der Entwicklungsl&#228;nder umfassen dabei oft nicht nur eine gro&#223;e Metropole, sondern schlie&#223;en viele mittelgro&#223;e bis kleinere St&#228;dte mit ein, deren Grenzen mit der Zeit verschwimmen und die „v&#246;llig neue urbane Netzwerke, Korridore und Hierarchien [bilden]“, so genannte peri-urbanen R&#228;ume.<br />
Mit seiner bildreichen Sprache beschreibt Mike Davis, wie „die riesige Am&#246;be Mexiko-Stadt, die sich schon die Stadt Toluca einverleibt hat, ihre Pseudopodien ausstreckt, um sich letztendlich fast ganz Zentralmexiko mit den St&#228;dten Cuernavaca, Puebla, Cuautla, Pachuca und Querétaro einzuverleiben – zu einer einzigen Megalopolis, die bis in die Mitte des 21. Jhdt ungef&#228;hr 50 Millionen Menschen z&#228;hlen wird – nahezu 40 Prozent der mexikanischen Gesamtbev&#246;lkerung.“ Diese Einverleibung bleibt nicht ohne Folgen f&#252;r die umliegende Bev&#246;lkerung. Der Journalist Jermey Seabrock beschreibt die Situation malaysischer Fischer aus Penang, die „von der Urbanisierung verschlungen wurden, ohne dass sie migriert w&#228;ren, und deren Leben v&#246;llig umgekrempelt wurde, obwohl sie an dem Ort blieben, an dem sie geboren wurden.“ „Nachdem ihnen der Zugang zum Meer durch die Schnellstra&#223;e abgeschnitten, ihre Fischgr&#252;nde durch st&#228;dtischen M&#252;ll vergiftet und die benachbarten Bergh&#228;nge f&#252;r den Bau neuer Wohnungen abgeholzt worden waren“, blieb den Fischern, ihrer Existenzgrundlage beraubt, nichts anderes &#252;brig, als Arbeit in Niedriglohnfabriken oder in Teilzeitjobs zu suchen.<br />
Das st&#228;dtische Wachstum findet dabei weltweit, mit den wenigen Ausnahmen China, Korea und Taiwan, ohne industrielle Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum statt. Die Hoffnungen und Versprechen, die fr&#252;her (zumindest f&#252;r einen Teil der in die Stadt Gezogenen) an st&#228;dtisches Wachstum gekn&#252;pft waren, Arbeitspl&#228;tze, Kultur, Chancen f&#252;r pers&#246;nliche und soziale Entwicklung, sind nicht mehr existent. Das Besondere am Ph&#228;nomen der „&#220;berurbanisierung“, schreibt Mike Davis, ist, dass die treibende Kraft der Land-Stadt-Migration nicht die Aussicht auf Jobs ist, sondern eher die Reproduktion von Armut. Wie die Afrikanistin Deborah Bryceson schreibt: „Des R&#228;tsels L&#246;sung liegt zum Teil an den durch IWF und Weltbank aufgezwungenen Ma&#223;nahmen zur landwirtschaftlichen Deregulierung und Sparpolitik, die den Exodus &#252;bersch&#252;ssiger landwirtschaftlicher Arbeitskr&#228;fte in die urbanen Slums selbst dann noch vorantrieben, als die St&#228;dte l&#228;ngst aufgeh&#246;rt hatten als Jobmaschinen zu wirken.“ Die durch diese „Push-Faktoren“ in die Stadt Gedr&#228;ngten landen meist in den Slums der Metropolen. In Kenia zum Beispiel wurden zwischen 1989 und 1999 85 Prozent des Bev&#246;lkerungswachstums „von den &#252;bel riechenden, dicht bev&#246;lkerten Slums Nairobis und Mombasas aufgesogen“. Mit einer Bev&#246;lkerungszahl zwischen 10 und 12 Millionen ist Mumbai die „globale Hauptstadt der Slums“ und es wird erwartet, dass die weltweite Zahl der SlumbewohnerInnen 2030 oder 2040 zwei Milliarden Menschen erreichen wird. Sie leben in &#252;berf&#252;llten, &#228;rmlichen bzw. informellen Unterk&#252;nften, meist ohne angemessenen Trinkwasseranschluss oder sanit&#228;re Anlagen und mit einer „ungesicherten Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Grund und Boden“. Weil sie an einer „Schnittstelle zwischen Unterentwicklung und Industrialisierung“ leben, leiden sie an f&#252;r beide Seiten typischen Krankheitsbildern. Sowohl an durch Verschmutzung hervorgerufene Infektionen, als auch an chronischen und sozial bedingten Krankheiten.<br />
Eine Ursache f&#252;r die &#220;berurbanisierung und die schlechte Situation der SlumbewohnerInnen ist der Verrat des Staates. So schreibt Davis, dass „die Idee eines interventionistischen Staates, der sich dem sozialen Wohnungsbau ernsthaft verpflichtet f&#252;hlt … entweder eine Wahnvorstellung oder ein schlechter Scherz [ist].“ Der Staat hat l&#228;ngst aufgegeben grunds&#228;tzliche Verbesserungen, wie Wasserversorgung, Kanalisation, Stra&#223;en, oder gar Schulen und Krankenh&#228;user, f&#252;r die marginalisierte Masse in den Slums einzuf&#252;hren. Ganz im Gegenteil: der Staat schien immer schon schneller in der Beseitigung von Slums als im Bereitstellen von Grundversorgung.<br />
Die Schl&#252;sselrolle f&#228;llt aber der Politik des IWF und der Weltbank zu. „Die minimalistische Rolle, die nationale Regierungen beim Wohnungsbau spielen, wurde und wird durch die von IWF und Weltbank bestimmte neoliberale Wirtschaftsdoktrin noch weiter reduziert.“<br />
F&#252;r Davis sind die so genannten „Strukturanpassungsprogramme“ (SAPs) des IWF hauptverantwortlich, sowohl f&#252;r den Exodus der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung in die St&#228;dte als auch den extremen Anstieg an st&#228;dtischer Armut. Er zitiert den nigerianischen Autor Fildelis Balogun, der „die Ankunft des vom IWF angeordneten SAP“ in seiner Heimat in den 80ern beschreibt: „Die verquere Logik dieses Wirtschaftsprogramms schien darin zu liegen, der sterbenden Wirtschaft neues Leben einzuhauchen, indem aus der unterprivilegierten Mehrheit der B&#252;rger zun&#228;chst aller Lebenssaft ausgepresst wurde. Die Mittelklasse verschwand schnell und die Abfallhaufen der reicher werdenden Minderheit wurden die Tafel der immer gr&#246;&#223;er werdenden Menge der hoffnungslos Verarmten. Der Braindrain in die reichen arabischen &#214;lstaaten und die westliche Welt schwoll gewaltig an.“<br />
Die vom IWF geforderten Ausgabenk&#252;rzungen im Gesundheits- und Sozialbereich, die Privatisierungen &#246;ffentlicher G&#252;ter, Streichung von Agrarunterst&#252;tzungen und eine generelle &#214;ffnung und Liberalisierung des Marktes, f&#252;hrten laut Davis zur gleichen Zeit zur Zerst&#246;rung l&#228;ndlicher &#214;konomie und zur Verringerung der Aufnahmef&#228;higkeit der St&#228;dte. Wie zynisch diese Privatisierungen ablaufen, zeigt die Umwandlung von &#246;ffentlichen Toiletten in geb&#252;hrenpflichtige. W&#228;hrend die SlumbewohnerInnen „in der Schei&#223;e leben“, muss eine Familie in Kumsai f&#252;r eine Stuhlentleerung etwa zehn Prozent ihres Grundlohns ausgeben.<br />
Zus&#228;tzlich f&#252;hrten die SAPs zu einem enormen Anstieg informeller Besch&#228;ftigung und einer „generellen Umstrukturierung von formeller Arbeit in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse“. So auch die Schlussfolgerung von <em>The Challenge of Slums</em>: „Statt sich zu einem Zentrum f&#252;r Wachstum und Wohlstand zu entwickeln, sind die St&#228;dte zum M&#252;llabladeplatz f&#252;r eine &#252;bersch&#252;ssige Bev&#246;lkerung ungelernter, unterbezahlter und entgarantierter Arbeitskr&#228;fte … geworden … Der Aufschwung [dieses] informellen Sektors ist eine direkte Folge der Liberalisierung.“<br />
Ein besonderes Augenmerk legt Davis auf die „L&#246;sungsstrategien“ des neoliberalen Theoretikers Hernando de Soto. De Soto spricht von den Slums nicht als Problem, sondern als L&#246;sung der st&#228;dtischen Armut: die St&#228;dte der Dritten Welt leiden nicht so sehr unter fehlenden Investitionen und Arbeitspl&#228;tzen, sondern an einer k&#252;nstlichen Verknappung von Besitzrechten. Die Armen sind seiner Argumentation nach eigentlich reich, sie haben nur keinen Zugang zu ihrem Reichtum (Immobilien im informellen Sektor) oder k&#246;nnen ihn nicht in fl&#252;ssiges Kapital verwandeln, weil sie keine Grundbucheintragungen oder Besitztitel vorweisen k&#246;nnen. Besitztitel w&#252;rden sofort sehr viel Eigenkapital schaffen und das zu geringen oder gar keinen Kosten f&#252;r die Regierung. Doch sind es gerade die Mechanismen des Immobilienmarktes und der Immobilienspekulation, die eine gro&#223;e Mehrheit noch weiter in die Armut f&#252;hren. Zus&#228;tzlich f&#252;hrt die Aufteilung der SlumbewohnerInnen in Grundst&#252;cksbesitzerInnen und MieterInnen dazu, dass jegliche Solidarit&#228;t zwischen den SlumbewohnerInnen abhanden geht. Individualisiert, jede/r, ein/e einzelne/r MikrounternehmerIn, (obwohl die meisten „Selbstst&#228;ndigen“ als DienstbotInnen oder Verk&#228;uferInnen eher als Angestellte betrachtet werden m&#252;ssten), k&#228;mpft f&#252;r sich, wobei niemand wirklich aus dem Sumpf des Slums emporsteigen kann. Im st&#228;rker werdenden Konkurrenzkampf wird nur die Armut anders verteilt. „Im Gegensatz zu den Mietshausbewohnern des 20. Jahrhunderts in Berlin oder New York, die zusammenhielten und sich gegen ihre Hausbesitzer, die Slumlords, solidarisierten, fehlt den heutigen Mietern in Slums bezeichnenderweise die Macht, Mieterorganisationen aufzubauen oder Mietstreiks zu organisieren.“<br />
<em>Planet der Slums</em> ist ein d&#252;steres Buch, das kaum M&#246;glichkeiten f&#252;r L&#246;sungen aufzeigt. Davis gelingt es sehr gut, die Verkn&#252;pfung der Situation in und dem st&#228;ndigen Anwachsen der Slums mit der internationalen und lokalen Politik im Zuge des Neoliberalismus darzustellen. Die Frage, wie diese „vereinzelte Masse“ sich gegen diese Zust&#228;nde auflehnen kann, bleibt offen. Davis gibt nur selten Hinweise auf Hungerstreiks oder „Widerstand durch Verweigerung“. Auch w&#228;re es interessant, mehr &#252;ber die innere Struktur und Politik der Slums selber zu erfahren. Mike Davis selbst hat in einem Interview 2006 angemerkt, dass er eigentlich ein viel l&#228;ngeres Buch schreiben wollte, in dem er auch auf diese Punkte eingegangen w&#228;re. Das soll jetzt in Kollaboration mit Forrest Hylton, Aktivist in Kolumbien und Bolivien, folgen. Hoffentlich wird es ein ebenso aufschlussreiches und interessantes Buch wie <em>Planet der Slums</em>.<br />
(Philipp Probst)</p>
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		<title>Wollt ihr den totalen Markt?</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 07:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Peter Bathke, Susanne Spindler (Hg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenh&#228;nge – Widerspr&#252;che – Gegenstrategien. Berlin: Dietz 2006. 15,40 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Peter Bathke, Susanne Spindler (Hg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenh&#228;nge – Widerspr&#252;che – Gegenstrategien. Berlin: Dietz 2006. 15,40 €</p>
<p><span id="more-18"></span>In den 1980er und fr&#252;hen 1990er Jahren haben sich rechtsextreme Kr&#228;fte formiert, die Versatzst&#252;cke des Neoliberalismus aufgegriffen und in ihr politisches Programm integriert haben. Dieser neue Rechtsextremismus wird von den AutorInnen des vorliegenden Sammelbands als „modernisierter“ Rechtsextremismus beschrieben, der vom traditionellen v&#246;lkischen Rechtsextremismus unterschieden werden m&#252;sse. W&#228;hrend ersterer prim&#228;r Globalisierungs- und ModernisierungsgewinnerInnen mobilisiert, fokussiert letzterer in erster Linie auf die VerliererInnen der &#246;konomischen Umstrukturierung. Die Zusammenh&#228;nge zwischen Neoliberalismus und einer modernisierten Variante des Rechtsextremismus werden im ersten Teil des Bandes diskutiert.<br />
Butterwegge und Camus sehen die zentralen Kennzeichen des modernisierten Rechtsextremismus in der Kombination von Marktradikalismus und Standortnationalismus, wobei Konstruktionen des Nationalen und die Ethnisierung und „Kulturalisierung“ sozialer Problemlagen als ideologische Bindemittel dienen, „um soziale Frustration in autorit&#228;re, obrigkeitsstaatliche Orientierungen zu &#252;berf&#252;hren.“ Die Eliminierung der MigrantInnen w&#252;rde den Markt in Ordnung bringen, sodass er, in einer Gesellschaft ohne Ausl&#228;nderInnen, seine „nat&#252;rliche“ Logik wieder f&#228;nde. Wir haben es demnach nicht mit einer anti-neoliberalen Protestbewegung zu tun, sondern mit einem Programm, das die herrschenden Normen (Beurteilung einer Person nach &#246;konomischer Verwertbarkeit, Angepasstheit usw.) bis in die letzte Konsequenz umzusetzen sucht, und somit durchaus an die liberal-konservative Mitte anschlussf&#228;hig ist.<br />
Deutlicher noch stellt der Beitrag von Schui die ideologischen Schnittmengen des modernisierten Rechtsextremismus mit neoliberalen Vordenkern wie Hayek heraus. Ausgrenzung und Mobilisierung gegen Ausgeschlossene, Aussiebung, Auslese und Unterwerfung werde sowohl in der neoliberalen als auch in der rechtsextremen Ideologie vertreten. Zugleich betont Schui die integrative Kraft des Rechtsextremismus. Der Neoliberalismus w&#252;rde sich – besonders in Krisenzeiten – des Rechtsextremismus als politischer „Klebmasse“ bedienen.<br />
Demgegen&#252;ber stellt Kaindl in ihrem Beitrag die Frage, ob die Konjunktur eines modernisierten Rechtsextremismus nicht schon vorbei sei. Am Beispiel der NPD in Deutschland illustriert sie, dass die aktuell erfolgreichen rechtsextremistischen Parteien eher traditionalistisch auftreten (und auch bei der FP&#214; habe sich der Spagat zwischen traditionalistischen und modernisierenden Elementen zunehmend als Spaltpilz erwiesen). Der v&#246;lkische Nationalismus der traditionellen extremen Rechten profitiere von einer „Krise der Repr&#228;sentation“ im neoliberalisierten politischen Parteienspektrum und versuche, sich als Oppositionsbewegung zu positionieren. Nicht als „Dammbrecher“ f&#252;r den Neoliberalismus, sondern gerade als Kraft, die die Kritik an der neoliberalen Globalisierung – rassistisch verpackt – artikuliert, konnte sich die extreme Rechte seit der zweiten H&#228;lfte der 1990er profilieren. Damit stellt Kaindl auch die &#220;berbetonung der ideologischen Konvergenz zwischen Neoliberalismus und den aktuellen Erscheinungsformen rechtsextremer Organisationen (wie etwa bei Schui) in Frage, genauso wie die apodiktische Behauptung Camus’, der Neofaschismus sei bereits „so gut wie tot“.<br />
Auch die L&#228;nderanalyse zu Deutschland, die den zweiten Teil des Bandes er&#246;ffnet, folgt den Argumenten Kaindls. Wiegel zeigt hier, dass der im ersten Teil beschriebene moderne Rechtsextremismus in Deutschland gerade nicht als Erfolgsmodell ausgemacht werden kann. Im Aufschwung befinde sich vielmehr die NPD, deren Programm nicht neoliberale Erneuerung, sondern „die verbale Wendung gegen einen liberalisierten, globalen Kapitalismus …, verbunden mit v&#246;lkischen Parolen und einem manifesten Rassismus“ sei.<br />
Wiegels Aufsatz folgen L&#228;nderstudien zu &#214;sterreich (Dworczak), Belgien (Scheltiens), Niederlande (Van der Valk), und der von Frankreich ausgehende, verallgemeinernde Beitrag von Wacquant, der allerdings – wie bereits einige Beitr&#228;ge des ersten Teils – streckenweise an begrifflicher Unsch&#228;rfe leidet. Undeutlich bleibt hier, was (modernisierten) Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und autorit&#228;ren Neoliberalismus (ein Begriff der im Band nicht verwendet wird) miteinander verbindet, aber auch voneinander unterscheidet.<br />
&#196;u&#223;erst lesenswert sind hingegen die im dritten Abschnitt gruppierten Aufs&#228;tze, die sich mit empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang von Prekarisierung und den politischen Haltungen der Lohnabh&#228;ngigen auseinandersetzen. Die Beitr&#228;ge von Hentges/Flecker und Balazs stellen das EU-Forschungsprojekt SIREN vor, das den Zusammenhang zwischen sozio&#246;konomischen Ver&#228;nderungen und der Anziehungskraft der extremen Rechten untersucht hat – einer Frage, der auch der Aufsatz von D&#246;rre auf Basis eigener empirischer Studien nachgeht. Der Beitrag von Fichter/St&#246;ss/Zeuner schlie&#223;lich stellt die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Gewerkschaften und Rechtsextremismus“ vor.<br />
Der abschlie&#223;ende vierte Teil des Bandes diskutiert Widerstandsstrategien gegen Rechtsextremismus. Die hier versammelten Vorschl&#228;ge reichen von der Ausweitung der Erforschung des historischen Nazismus sowie der Erweiterung demokratischer Kultur (Dre&#223;en), der St&#228;rkung alternativer Jugendkulturen (Frykman/Schell), dem Aufruf, antifaschistische Arbeit und den Kampf gegen Rechtsextremismus auch auf parlamentarischer Ebene (gemeint ist Die Linke.) ernst zu nehmen (Burczyk), bis zur Forderung, eine Gegenmacht gegen Neoliberalismus und Rechtsextremismus aufzubauen (Dworczak). Der Schl&#252;ssel dazu liege, wie Scheltiens betont, in der sozialen Mobilisierung und darin, „alternative Bearbeitungsformen und Vergesellschaftungsm&#246;glichkeiten“ als Antwort auf die gesellschaftlichen Umbruchprozesse, die von der extremen Rechten bearbeitet werden, bereitzustellen (Kaindl).<br />
(Stefan Probst)</p>
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