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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 2</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial: Ali G. in tha Ballhaus</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/editorial-ali-g-in-tha-ballhaus/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 18:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.</p>
<p><span id="more-35"></span></p>
<p>Seither bewahrheitet sich Murphy’s Law jeden Tag auf’s Neue: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr schlimmer, kommt von irgendwo her eine sozialdemokratische Stimme: Arbeitszeitverl&#228;ngerung, Aufweichung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r Lehrlinge, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose, Beibehaltung rassistischer Asylgesetze, ein Frauenministerium ohne eigenes Budget und eine „Grundsicherung“, die mehr mit „Hartz IV“ als mit Armutsbek&#228;mpfung gemein hat. Die Regierung Gusenbauer hat sich damit im Wesentlichen als Fortf&#252;hrung schwarz-blau-oranger Politik entpuppt.<br />
Die Frage ist nun, wie sich die Linke in &#214;sterreich, die sich seit sieben Jahren mit der Regierung Sch&#252;ssel und einer sozialdemokratischen Opposition auseinander zu setzen hatte, in dieser Situation positionieren soll. Um es mit dem Titel einer j&#252;ngst stattgefundenen Diskussionsveranstaltung auf der Uni Wien zu formulieren: Wie sieht „Widerstand in gro&#223;koalition&#228;ren Zeiten“ aus? Die gro&#223;e Herausforderung wird sein, ein offenes und unsektiererisches Verh&#228;ltnis zur unzufriedenen Basis in Sozialdemokratie und Gewerkschaften zu schaffen, ohne dabei Illusionen in die Politik der SP&#214; aufzusitzen. Das bedeutet, Widerstand gegen neoliberale und rassistische Politik gemeinsam mit jenen zu tragen, denen die Sozialdemokratie (noch) eine – wenn auch unbequeme – politische Heimat ist. Voraussetzung daf&#252;r ist nat&#252;rlich, dass die au&#223;erparlamentarische Linke glaubw&#252;rdige Alternativen zur neoliberalisierten Sozialdemokratie aufzeigt und die St&#228;rke entwickelt, diese auch in politische Praxis umzusetzen. Vor dem Hintergrund fortschreitender Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnissen wird dabei dem Kampf f&#252;r soziale Rechte eine wichtige Rolle zukommen m&#252;ssen.</p>
<p>Die Frage nach der Rolle der Sozialdemokratie steht aus diesen Gr&#252;nden im Zentrum dieses Hefts. Dass die unsoziale Politik der gro&#223;en Koalition nicht einfach auf „Umfaller“ der SP&#214; oder dem individuellen Verrat der SP&#214;-F&#252;hrung an der Basis reduziert werden kann, zeigt der Artikel von Benjamin Opratko. Er zeichnet die Geschichte des „Dritten Wegs“ nach, der die europ&#228;ischen Sozialdemokratien unter Tony Blair und Gerhard Schr&#246;der dorthin gef&#252;hrt hat, wo Alfred Gusenbauer heute steht.</p>
<p>Widerstand gegen diesen Dritten Weg innerhalb von Sozialdemokratie und Gewerkschaften orientiert sich auch heute noch allzu oft an den scheinbar goldenen Zeiten des Keynesianismus, die in &#214;sterreich vor allem vom „Mythos Kreisky“ verk&#246;rpert werden. Stefan Probst argumentiert, dass es kein Zur&#252;ck zu „K.u.K.“-Zeiten geben kann und zeigt dabei, wie der lange Nachkriegsaufschwung aus marxistischer Perspektive erkl&#228;rt werden kann.<br />
Doch es gibt nicht nur „r&#252;cksichtslose Kritik alles Bestehenden“. Der Bankrott der neoliberalisierten Sozialdemokratie stellt einmal mehr die Frage nach politischen Alternativen. David Sagner f&#252;hrte deshalb ein Interview mit Klaus Henning, Mitglied der WASG und Organisator des Gr&#252;ndungskongresses des Linken Hochschulnetzwerks in Deutschland. Dort ist man im Projekt „Neue Linke“ schon ein gutes St&#252;ck weiter, die Erfahrungen mit der neuen Linkspartei zeigen sowohl M&#246;glichkeiten als auch Probleme und Herausforderungen im Neuformierungsprozess der antineoliberalen Linken. Die Debatten rund um den Hochschulkongress zeigen dar&#252;ber hinaus, welche Rolle eine universit&#228;re Linke bei der Schaffung einer „Alternative zur Alternativlosigkeit“ spielen kann.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts freuen wir uns, einen Beitrag des US-amerikanischen Umweltsoziologen John Bellamy Foster pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, der mit seiner innovativen Marx-Lesart eine radikale Kritik der politischen &#214;kologie pr&#228;sentiert. In seinem erstmals im US-amerikanischen Magazin „Monthly Review“ erschienenen Artikel „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ zeigt Foster, dass wir uns in der aktuellen Debatte um von Menschen geschaffene Erderw&#228;rmung nicht davor dr&#252;cken d&#252;rfen, auf den fundamentalen Zusammenhang zwischen einer profitgetriebenen &#214;konomie und &#246;kologischen (Klima-)Katastrophen hinzuweisen.</p>
<p>„Sex sells“ ist heute ein Gemeinplatz. Doch wo fr&#252;her die feministische Bewegung Sexismen in (Pop-)Kultur und Werbung als solche entlarvt hat, gilt heute die Zurschaustellung vorgeblich selbstbewusster weiblicher K&#246;rper oft als Beweis f&#252;r befreite Sexualit&#228;t. Wie sexy sich der neue Sexismus in Zeiten von „Sex and the City“ und „Pussycat Dolls“ pr&#228;sentiert und wie wenig er mit jener sexuellen Befreiung zu tun hat, die sich einst die feministische Bewegung auf die Fahnen geheftet hatte, zeigen Kristina Botka und Maria Asenbaum.</p>
<p>Die Serie „Was macht die Linke in&#8230;“ f&#252;hrt uns dieses Mal nach Mexiko, wo Proteste gegen Korruption und Neoliberalismus in ein Projekt der demokratischen Selbstverwaltung m&#252;ndeten: Ramin Taghian analysiert die Entstehung der „Kommune von Oaxaca“.</p>
<p>Zum Abschluss gibt es franz&#246;sische Staatstheorie, rhizomatische Multituden, feministische Trinkspiele und keynesianische Kaufkraft freigegeben in Abteilung 3 (Rezensionen) zur unproduktiven Konsumption. Freude am Lesen und Diskutieren – denn keinen Spa&#223; haben ist auch keine L&#246;sung – w&#252;nscht</p>
<p><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">Eure Redaktion</span></em></p>
<p>P.S. Besonderer Dank geht an Reinhard Lang, der den Schwerpunkt zu Sozialdemokratie und Neuer Linke fotografisch illustriert hat und auch f&#252;r unser Coverbild verantwortlich zeichnet.</p>
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		<title>Quo vadis, Sozialdemokratie?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/virjgtpeuthz/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 17:19:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mimi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p>Die Geschichte der neoliberalen Wendung der Sozialdemokratie ist untrennbar mit dem immer-noch britischen Premierminister Tony Blair verbunden. Als er 1997 die Wahlen gegen die Konservativen gewann, tat er das mit einem runderneuerten, „modernisierten“ Parteiprojekt – es war die Stunde des „Dritten Wegs“. Seither wurde Blairs „New Labour“ zur Blaupause f&#252;r fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, medienwirksam besiegelt mit dem 1999 vorgestellten „Schr&#246;der-Blair-Papier“. Damals legte der soeben gew&#228;hlte deutsche „Genosse der Bosse“ gemeinsam mit Blair ein Manifest vor, dessen Lekt&#252;re einiges davon wieder erkennen l&#228;sst, was aktuell oft nur als Dilletantismus oder pers&#246;nlicher Verrat der SP&#214;-Spitze erscheinen mag. Eine intellektuelle Schl&#252;sselfigur in der Entwicklung der „modernisierten“ Sozialdemokratie ist dabei der britische Soziologe Anthony Giddens. Er war und ist der wichtigste Stichwortgeber f&#252;r Tony Blair, und sein Buch „Der Dritte Weg“ wurde zu einer Bibel f&#252;r New Labour und die Schr&#246;der-Blair-Achse in Europa. In diesem Buch will Giddens die Politik Blairs und der &#252;brigen „neuen“ sozialdemokratischen Parteien „theoretisch unterf&#252;ttern“ 1. Er tritt an, um einen neuen Weg vorzuzeichnen, der die Sozialdemokratie in eine Zukunft jenseits von Neoliberalismus und der „alten Linken“ f&#252;hren sollte. Dieser Anspruch erscheint heute absurd, ist doch die Implementierung neoliberaler Politik durch die Parteien des „Dritten Wegs“ kaum noch zu leugnen. Doch gerade deshalb kann die Besch&#228;ftigung mit der Ideologie des Dritten Wegs helfen, zwei der aktuell wichtigsten politischen Fragen zu beantworten, n&#228;mlich: Wie l&#228;sst sich das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ begreifen? Und: kann die Einbindung der Parteibasis und weiter Teile der ArbeiterInnenklasse in dieses Projekt langfristig stabil bleiben?</p>
<h3>Giddens’ Welt</h3>
<p>Der Ausgangspunkt f&#252;r Giddens’ programmatisches Buch ist eine scheinbar radikale Zeitdiagnose: Alles ist neu (wie &#252;berhaupt alles am Dritten Weg), nichts ist mehr wie es war. Nat&#252;rlich ist nichts &#228;lter als die Feststellung, dass alles neu ist – doch Giddens pr&#228;sentiert seine programmatischen Vorschl&#228;ge als zwingende Konsequenzen dieser „neuen &#196;ra“. Tats&#228;chlich werden in „Der Dritte Weg“ real vorhandene Tendenzen im &#246;konomischen, politischen und kulturellen Bereich erfasst, jedoch gleichzeitig vereinfacht, &#252;berh&#246;ht, und auf eine einheitliche Bewegung hin zu einer neuen Epoche der globalisierten Welt reduziert. Die Widerspr&#252;chlichkeiten und Br&#252;che der tats&#228;chlichen Entwicklung werden ignoriert oder geleugnet, um die klaren Vorschl&#228;ge der Giddens’schen Politikberatung nicht in Gefahr zu bringen. Das beginnt bei der Diskussion um Globalisierung: Alex Callinicos weist darauf hin, dass f&#252;r jemanden, der in seiner fr&#252;heren Karriere als Sozialwissenschafter den angeblichen Klassenreduktionismus des Marxismus so scharf angegriffen hat, Giddens’ Erkl&#228;rungen der sozialen Welt erstaunlich monokausal sind, indem sie „s&#228;mtliche sozialen Ph&#228;nomene auf die Konsequenzen der Globalisierung reduzieren.“2 Trotz aller Beteuerungen, von Globalisierung d&#252;rfe nicht „wie von einem Naturereignis gesprochen“ werden, stellt Giddens sie als unaufhaltbare Kraft dar, die sich „Wege bahnt“, einen „Sog erzeugt“, die „Institutionen der Gesellschaft, in der wir leben, umformt“ etc. Globalisierung mag dementsprechend „durch eine Mischung aus politischen und &#246;konomischen Faktoren vorangetrieben“ werden – politischen Einfluss darauf zu nehmen steht bei Giddens jedoch nicht zur Debatte.3<br />
&#196;hnliches kann &#252;ber Giddens’ Beschreibung kultureller und politischer Ver&#228;nderungen gesagt werden. Auch hier werden<br />
vorhandene Ver&#228;nderungen der letzten drei&#223;ig bis vierzig Jahre verabsolutiert und in ein Schema gepresst, das notgedrungen auf Giddens’ vorweggenommene politische Conclusio, den Dritten Weg, hinausl&#228;uft. Und auch hier mischt Giddens eine holzschnittartige Analyse mit beschwichtigender Apologie: Es handle sich bei den Umw&#228;lzungen um einen „institutionellen Individualismus“, der „nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist“ und deshalb „auch keine so gro&#223;e Gefahr f&#252;r die gesellschaftliche Solidarit&#228;t“ darstellt4. Tats&#228;chlich w&#228;re der entscheidende Unterschied gegen&#252;ber fr&#252;heren Generationen eine „Verschiebung von sogenannten ‚Knappheitswerten’ zu ‚postmaterialistischen Werten’“.<br />
„Postmaterialistisch“ bedeutet hier, dass die „Werte des wirtschaftlichen Erfolgs und Wachstums mit zunehmendem Wohlstand an Bedeutung verlieren. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit treten an die Stelle der Einkommensmaximierung“5. Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich politische Pr&#228;ferenzen &#252;ber Generationen, sind Fragen zu Umweltschutz, Menschenrechten oder sexueller Selbstbestimmung zu wichtigen Themen der Gesellschaft geworden.<br />
Doch daraus abzuleiten, materielle Bed&#252;rfnisse – Lohnh&#246;he, soziale Infrastruktur, Altersvorsorge usw. – w&#228;ren zu Nebenschaupl&#228;tzen sozialer Auseinandersetzung degradiert worden, hei&#223;t eine Giddens’sche Traumwelt zu imaginieren. In dieser h&#246;ren dann auch, weil sich Wahlverhalten nicht (mehr) klassenspezifisch zuordnen l&#228;sst, Klassen &#252;berhaupt auf zu existieren. Dass eine Klassengesellschaft mehr mit Lohnarbeit und Kapitalverwertung zu tun hat als mit Entscheidungen in der Wahlkabine, wird tapfer ignoriert. Die viel beschworene, immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich – auf globaler Ebene wie innerhalb der „Wohlstandsgesellschaften“ des Nordens – l&#228;sst sich jedenfalls schwer mit Giddens’ „postmaterieller Welt“ in Einklang bringen.</p>
<h3>Jenseits von Jedem</h3>
<p>Die Konstruktion einer widerspruchsfreien Entwicklung hin zur „neuen“, globalisierten Gesellschaft ist die Voraussetzung f&#252;r den rhetorischen Taschenspielertrick, den Giddens im „Dritten Weg“ pr&#228;sentiert. Denn auf die Zeitdiagnose folgt der Vorschlag f&#252;r die Erneuerung der Sozialdemokratie wie selbstverst&#228;ndlich, als „objektiv notwendige“ Reaktion der Politik auf „objektiv vorhandene“ Tatsachen in &#214;konomie und Kultur. Der rhetorische Kniff, den Giddens schon im Titel des Buches anwendet und erbarmungslos auf 180 Seiten durchzieht, ist wohl so alt wie die menschliche Sprache: der Weg der goldenen Mitte. In jedem Politikfeld werden die (angeblichen) Vorschl&#228;ge sowohl des Neoliberalismus als<br />
auch der so genannten „alten Sozialdemokratie“ gegeneinander gestellt, um dann den „Dritten Weg“ als widerspruchsfreie Synthese jenseits des Alten zu pr&#228;sentieren, dem Durchbruch der Vernunft im sich selbst erkennenden Weltgeiste gleich. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gegenpole „alte Sozialdemokratie“ und „Neoliberalismus“ h&#246;chst unterschiedlich bewertet werden. An ersterer wird kaum ein gutes Haar gelassen: der Glaube an die &#220;berwindung oder blo&#223;e Z&#228;hmung des Kapitalismus habe Wachstum und Fortschritt gebremst, Verstaatlichungen in Kernindustrien die Innovativkraft der M&#228;rkte behindert. Vor allem aber war der Sozialstaat und die damit verbundene „Gleichheitsorientierung der alten Linken […] gut gemeint, hat aber […] mitunter genau gegenteilige Ergebnisse gezeitigt – deutlich sichtbar an einer gesellschaftlichen Planung mit ihren &#220;berbleibseln verfallende, kriminalit&#228;tsgeplagter Siedlungen im sozialen Wohnungsbau. Der Wohlfahrtsstaat, der allgemein als das Herzst&#252;ck sozialdemokratischer Politik angesehen wird, schafft heute mit seiner L&#246;sung der Probleme st&#228;ndig neue Probleme.“6<br />
W&#228;hrend die alte Sozialdemokratie als Auslaufmodell gebrandmarkt wird, das den Aufgaben einer globalisierten Welt nicht gewachsen ist, streift Giddens im Umgang mit dem Neoliberalismus die Samthandschuhe &#252;ber. Dem von Margaret Thatcher vertretenen Programm wird in groben Z&#252;gen zugestimmt: Der (Sozial-)Staat wird als Bedrohung f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung dargestellt, der Markt als &#252;berlegener Distributionsmechanismus von Ressourcen und Informationen gefeiert, dessen Befreiung letztlich allen zu Gute kommen w&#252;rde. Giddens’ Kritik beschr&#228;nkt sich auf den sozialen Konservativismus der Thatcher-&#196;ra. Die „Verteidigung traditioneller Institutionen wie Familie und Nation“, teilweise verbunden mit fremdenfeindlichen Untert&#246;nen, sowie das Festhalten an einer neorealistischen Doktrin in den internationalen Beziehungen, die die Weltgesellschaft als „nach wie vor eine Gesellschaft der Nationalstaaten“ betrachtet, w&#228;ren die anachronistischen Fehlleistungen des orthodoxen Neoliberalismus.7 So l&#228;uft es letztlich darauf hinaus, den Neoliberalismus von seinem sozialkonservativen Ballast zu befreien und ihn mit einem Diskurs der Modernit&#228;t auszustatten – jenem des „Dritten Wegs“. Das ist, kurz gesagt, das Programm der „Neuen Sozialdemokratie“, theoretisch erdacht von Giddens, praktisch umgesetzt von Blair und Schr&#246;der: Die Fortf&#252;hrung des Neoliberalismus mit anderen<br />
Mitteln.</p>
<h3>Die Gleichheit, die sie meinen</h3>
<p>Neoliberale Wirtschaftsdoktrin als Politik der sozialen Gerechtigkeit zu tarnen ist das Herzst&#252;ck des Dritten Wegs. Dazu bedurfte es eines enormen Aufwands vor allem am Feld der Begriffe und Bedeutungen: eine „sch&#246;ne neue Begriffswelt“ musste ersonnen werden.8 Bei Giddens, schreibt Frigga Haug, „wird Arbeitslosigkeit umgedeutet in ‚Zeit f&#252;r Qualifikation’, Risiko in ‚Lebenselixier’, Familie in einen Hort demokratischer Erziehung, Rente als Ausschluss f&#228;higer Mitglieder aus der Gesellschaft (&#8230;). &#220;ber alledem steht die Parole, ‚n&#252;tzlich zu sein’.“9 „Rechte“ existieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als B&#252;rgerInnen- oder gar Menschenrechte. Ein Leben in W&#252;rde und auf ausreichender materieller Grundlage wird nur noch jenen zugestanden, die sich den Spielregeln des neoliberalen Marktes unterordnen: „Keine Rechte ohne Verpflichtungen“ lautet „das zentrale Motto der neuen Politik“ bei Giddens – und um keine Missverst&#228;ndnisse aufkommen zu lassen, f&#252;gt er gleich ein Beispiel an: „Die Arbeitslosenunterst&#252;tzung sollte beispielsweise an die Verpflichtung zu aktiver Arbeitssuche gekoppelt sein; Aufgabe des Staates ist es, drauf zu achten, dass die Sozialsysteme die Motivation f&#252;r eine solche nicht d&#228;mpfen.“10<br />
Die bedeutendste Begriffsarbeit wurde dabei an der Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs geleistet – schlie&#223;lich m&#252;sse, so Giddens, das „Hauptanliegen der Politik des dritten Weges […] nach wie vor die soziale Gerechtigkeit sein“.11 Doch was ist die Gerechtigkeit, die sie meinen? Nat&#252;rlich hat das Streben nach echter sozialer Gleichheit – die &#220;berwindung einer Gesellschaft, die auf der strukturellen Ungleichheit zwischen BesitzerInnen von Produktionsmitteln und Verk&#228;uferInnen von Arbeitskraft beruht – schon lange keinen Platz mehr in der Sozialdemokratie. Doch galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“12. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzt sich die Politik des Dritten Wegs nun vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung des von einer Gesellschaft erwirtschafteten Wohlstands soll erreicht werden, sondern in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst ersch&#246;pft sich bereits das neue Ideal der Gleichheit: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“13<br />
Ziel der Gerechtigkeitspolitik des Dritten Wegs soll dementsprechend sein, m&#246;glichst viele Menschen in den Produktionsprozess einzugliedern. Mit dieser Umformung des Gleichheitsbegriffs l&#228;sst sich etwa die K&#252;rzung von Sozialleistungen als Steigerung der „sozialen Gerechtigkeit“ pr&#228;sentieren. Schlie&#223;lich sei Arbeitslosigkeit eine Form der Exklusion und als solche zu bek&#228;mpfen, und „hohe Arbeitslosigkeit h&#228;ngt mit gro&#223;z&#252;gigen und zeitlich unbegrenzten Sozialleistungen und mit einem schlechten Ausbildungsstand am unteren Ende des Arbeitsmarktes […] zusammen.“14 Daher m&#252;sse das leitende Prinzip der neuen Sozialpolitik lauten: „Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen. An die Stelle des Sozialstaats sollten wir den Sozialinvestitionsstaat setzen […]“.15 Investiert wird dabei vor allem in Ausbildung – etwa in Form von Weiterbildungskursen, wie sie in &#214;sterreich vom Arbeitsmarktservice verpflichtend „angeboten“ werden. Mit &#228;hnlicher Argumentation kann Giddens auch die Abschaffung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters als „soziale Forderung“ stellen – ist doch der Ruhestand eine Form der Exklusion und damit der „Ungleichheit“ im neuen Sinne. Praktisch alle Argumente des Neoliberalismus werden so in vollem Umfang &#252;bernommen und mit kaum zu &#252;berbietender Chuzpe als sozial gerechte Politik verkauft. „Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch“, hei&#223;t es dann, „denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten.“ Wie demokratisch die Auslieferung der arbeitenden Bev&#246;lkerung an (privatisierte) Unternehmen – und damit die Logik des Profits – ist, steht nicht zur Diskussion.</p>
<h3>Blair-Schr&#246;der-Project</h3>
<p>Die „modernisierten“ Sozialdemokratien Europas sind der Forderung Giddens’, eine „Umverteilung der Chancen“ an Stelle der Umverteilung des Wohlstands zu setzen, nachgekommen und haben erfolgreich auch die letzten Reste sozialer Politik aus ihren Programmen getilgt. Paradigmatisch lie&#223; sich dies in der Programmdiskussion der SPD nachvollziehen. Hier wurde ab Ende der 1990er Jahre von ma&#223;geblichen Parteigranden ein „umfassender Gerechtigkeitsbegriff“ eingefordert – entsprechend der Giddens’schen Rede von der „Chancengleichheit“, die die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit von jeder progressiven Bedeutung befreit. So meldete sich der damalige Landesparteivorsitzende der nordrheinwestf&#228;lischen SPD mit dem Beitrag zu Wort: „Umverteilung ist leistungsfremd, und das kann keine Partei ernsthaft verfolgen“16. Dabei konnte er auf die Unterst&#252;tzung seines damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers Gerhard Schr&#246;der z&#228;hlen. Dessen gemeinsam mit Tony Blair 1999 ver&#246;ffentlichte Papier „Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten“ gilt als politische Geburtsurkunde der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie.17 Hier finden sich alle wesentlichen Motive des Giddens’schen Projekts wieder: der sozialdemokratischen Vergangenheit wird abgeschworen und einer „Modernisierung“ das Wort geredet, um „sich an objektiv ver&#228;nderte Bedingungen anzupassen“. Auch hier ist die Umformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs Ankerpunkt derTransformation der Sozialdemokratie: „In der Vergangenheit wurde die F&#246;rderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt“ – nunmehr sollten die B&#252;rgerInnen in die Pflicht genommen werden, die sich an den Werten „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“ zu orientieren h&#228;tten. Um die „notwendigen K&#252;rzungen der staatlichen Ausgaben“ durchzuf&#252;hren, w&#252;rde man „nicht z&#246;gern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuf&#252;hren“. Ebenfalls kein Z&#246;gern gab es bei der &#246;ffentlichen Ank&#252;ndigung, Kapital steuerlich zu entlasten, wie es bisher nur konservative Kr&#228;fte gefordert hatten: K&#246;rperschaftssteuer und Unternehmensbesteuerung sollten reduziert werden, um damit „Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen“ zu st&#228;rken.18 So weit, so bekannt. Doch Schr&#246;der und Blair „verdarben das von Giddens empfohlene Konzept ein wenig“19, als sie es in die politische Praxis &#252;bersetzten. Das betrifft in erster Linie die Rolle des Wirtschaftswachstums. Giddens betont immer wieder die Bedeutung &#246;kologischer Fragen f&#252;r die „neue Politik“ und &#228;u&#223;ert sich skeptisch zu Politikvorstellungen, die auf ein unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft abzielen. Schr&#246;der und Blair jedoch setzten auf die unbegrenzte „Stimulierung von Produktivit&#228;t und Wachstum“, vor allem indem der europ&#228;ische Wirtschaftsraum „wettbewerbsf&#228;hig“ gemacht wird – das hei&#223;t attraktiv f&#252;r weltweit operierende Konzerne. Diese ideologische Verschiebung hat wesentliche Bedeutung auch f&#252;r den „neuen Gerechtigkeitsbegriff“. Die alte neoliberale These, dass Wachstumssteigerung per se sozial ist und daher Umverteilung ersetzen soll, wird damit zum sozialdemokratischen Programm. Gesellschaftliche Ungleichheit wird dabei als Motor f&#252;r &#246;konomische Produktivit&#228;tssteigerung begriffen: „Begrenzte Ungleichheit“ wird in den Worten von Wolfgang Clement, damaliger Ministerpr&#228;sident von Nordrhein-Westfalen und sp&#228;terer SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister, „ein Katalysator (…) f&#252;r individuelle (und) (…) auch f&#252;r gesellschaftliche Entfaltungsm&#246;glichkeiten“.20 Der „Dritte Weg“ f&#252;hrt damit in letzter Konsequenz zu einer an Absurdit&#228;t nicht mehr zu &#252;berbietenden Logik: Sozial gerecht ist, was Wachstum schafft. Soziale Ungleichheit schafft Wachstum, ergo ist soziale Ungleichheit sozial gerecht.</p>
<h3>Made in Austria</h3>
<p>Am neoliberalen Umbau der europ&#228;ischen Sozialdemokratienwaren die &#246;sterreichischen Parteigranden mittendrin statt nur dabei. Der „Spin-Doctor“ des damaligen Bundeskanzlers und heutigen VW-S&#252;damerika-Chefs Viktor Klima, Andreas Rudas, hatte selbst an den Beratungen, die zum Schr&#246;der-Blair-Papier f&#252;hrten, teilgenommen21. Der einzige Grund, warum Klimas Unterschrift fehlte, war laut Rudas, weil Schr&#246;der und Blair „es als eindeutiges, klares deutschbritisches Projekt haben wollten“.22 Tats&#228;chlich finden sich schon im 1998 – also ein Jahr vor dem Schr&#246;der-Blair-Papier – verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm die wichtigsten Begrifflichkeiten des Dritten Wegs wieder. „Gleichheit“ wird<br />
auch hier zu „Chancengleichheit“, Gerechtigkeit zur „gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft“, und ganz im Stile von Giddens wird ein vorgeblicher „Mittelweg“ gesucht, der in der Formulierung der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ gipfelt.23 Dabei konnte sich die F&#252;hrung der „modernisierten“ SP&#214; auf praktische Vorarbeit st&#252;tzen: Bereits seit den 1980er Jahren sahen sich die Regierungen Sinowatz und Vranitzky „gezwungen, ‚im Interesse der Wettbewerbsf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Wirtschaft’ eine neoliberale Reform nach der anderen umzusetzen“24 – mit dem Ergebnis, dass die Lohnquote seit 1981 kontinuierlich sinkt.25 Doch erst unter Klima wurde das Neusprech des Dritten Wegs auch zum Vokabular der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. Nach dessen unr&#252;hmlichem Abgang schien es manchen BeobachterInnen zun&#228;chst, als w&#252;rde mit Alfred Gusenbauer eine Abkehr vom Schr&#246;der-Blair Modell einsetzen – so werden in einer &#214;GB/AK-Brosch&#252;re von 2002 „Anzeichen einer Distanzierung vom Konzept des ‚dritten Weges’“ ausgemacht.26 Diese Hoffnungen – zuletzt gen&#228;hrt von einer tendenziell „altlinkeren“ Rhetorik im j&#252;ngsten SP&#214;-Wahlkampf – wurden jedoch mit dem Koalitionsabkommen mit der &#214;VP vollends zunichte gemacht. Die Offenheit, mit der hier die Fortf&#252;hrung neoliberaler Politik angek&#252;ndigt wird, steht jener der „Gr&#252;nderv&#228;ter“ des Dritten Wegs in Nichts nach. Als Paradebeispiel kann daf&#252;r die so genannte „Grundsicherung“ gelten. In bester Tradition des Dritten Wegs als Ma&#223;nahme der sozialen Gerechtigkeit propagiert, l&#228;uft sie auf jene sinnentleerte „Teilhabe“ hinaus, die schon bei Giddens gefordert wird. Tats&#228;chlich handelt es sich dabei um ein Instrument zur Zwangsintegrierung von Erwerbslosen in unterbezahlte Lohnarbeit. Wie von der Wirtschaftskammer seit Jahren gefordert, werden die Zumutbarkeitsbestimmungen massiv versch&#228;rft (im Neusprech des Dritten Wegs: „gerechter und praxisn&#228;her gestaltet“27), Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe zusammengelegt und damit daf&#252;r gesorgt, dass wer sich weigert, einen unterbezahlten Job irgendwo im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anzunehmen, jedes Anrecht auf Unterst&#252;tzung verliert. Keine Rechte ohne Verpflichtungen hei&#223;t eben auch kein Recht auf Essen ohne Verpflichtung zur Lohnarbeit – zu (fast) jeder Bedingung. Indem der Anspruch auf Grundsicherung anhand des<br />
Haushaltseinkommens berechnet wird, werden damit dar&#252;ber hinaus insbesondere Frauen in die Abh&#228;ngigkeit des „Hauptverdieners“ getrieben – „Hausfrauenarbeit“ bleibt weiterhin unbezahlt.28 Dass der sozialpolitische Kahlschlag mit einer Fortf&#252;hrung der rigiden Politik der „inneren Sicherheit“ einhergeht, ist dabei kein Zufall: „Ein zum ‚workfare’ degenerierter Wohlfahrtsstaat bedarf der Absicherung durch ‚law and order’ – zumal in jenen innerst&#228;dtischen Zonen, in denen die ‚&#252;berfl&#252;ssige Restbev&#246;lkerung’ lebt“.29 Die im Regierungsabkommen angek&#252;ndigte Ausweitung<br />
der elektronischen &#220;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume (auch durch Private!) geh&#246;rt dazu ebenso wie restriktive Zuwanderungspolitik und disziplinierende Ma&#223;nahmen des AMS zur Herstellung von „Arbeitswilligkeit“.</p>
<h3>Das sozialdemokratische Paradoxon</h3>
<p>Die Konsequenz, mit der die Politik des Dritten Wegs in den letzten zehn Jahren durchgezogen wurde, legt den Schluss nahe, dass die Sozialdemokratien Europas sich bereits v&#246;llig in „normale“ neoliberale Parteien transformiert h&#228;tten. Tats&#228;chlich ist die vergebliche Suche nach der „sozialdemokratischen Handschrift“ etwa im aktuellen &#246;sterreichischen Koalitionsabkommen nicht in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Wolfgang Sch&#252;ssels oder dem „Verrat“ Gusenbauers zuzuschreiben, sondern Ausdruck der weitgehenden Deckungsgleichheit von sozialdemokratischen und neoliberalen Positionen. Dennoch ist die SP&#214; keine neoliberale Partei wie jede andere. Das spezifische an der Politik des Dritten Wegs ist, dass sie die neoliberale Transformation als fortschrittliches Projekt formuliert, als Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen und sozial Schwache. Dieser Versuch der Quadratur des Kreises ist nur mit Blick auf die Klassenbasis der Sozialdemokratien erkl&#228;rbar. Der entscheidende Unterschied zwischen SP&#214; und anderen neoliberalen Parteien liegt in der weiterhin tiefen Verwurzelung in der (vor allem traditionellen Industrie-)ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften. Zwar hat die Abzweigung zum Dritten Weg auch eine Orientierung hin zu einer jungen,<br />
urban gepr&#228;gten, gebildeten, aufstrebenden „neuen Mitte“ bedeutet; um als Massenpartei (mit entsprechendem W&#228;hlerInnenzuspruch) bestehen zu bleiben, reicht diese quantitativ relativ schmale Schicht, die dazu auch von klassisch liberalen und gr&#252;nen Parteien umworben wird, jedoch nicht aus. Die Einbindung der Gewerkschaften – verbunden mit deren Umbau zu reinen Lobbying-Agenturen mit Kalmierungsfunktion f&#252;r aufbegehrende Ausgebeutete – und eines gro&#223;en Teils der ArbeitnehmerInnen ist daher weiterhin notwendig f&#252;r eine „erfolgreiche“ Sozialdemokratie. Genau hier liegt auch die besondere Gefahr der Politik des Dritten Wegs f&#252;r die anti-neoliberale Linke. Die entscheidende Frage ist schlie&#223;lich, ob neoliberale Politik, Denk- und Handlungspraxen in Europa stabil hegemonial werden, also sich als unhinterfragte und unhinterfragbare Logiken im „Alltagsverstand“ der Menschen absetzen k&#246;nnen. Dabei spielt die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle als „Relaisstation“ neoliberaler Ideologie, schlie&#223;lich „macht es einen Unterschied, ob die gr&#246;&#223;er gewordenen sozialen Ungleichheiten von jener Partei gerechtfertigt werden, die einmal die der ‘kleinen Leute’ war oder von Vertretern konservativer und liberaler Parteien“.30 Gleichzeitig aber bietet die Sozialdemokratie – teils aus Tradition, teils wegen ihrer quasi-Monopolstellung in vielen Bereichen der ArbeitnehmerInnenvertretung, teils auf Grund von progressiver Rhetorik – auch tats&#228;chlichen GegnerInnen des neoliberalen Programms eine (wenn auch nicht sehr gem&#252;tliche) politische Heimat. Das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ l&#228;uft letztlich auf die Frage hinaus, ob und wie sich der Bruch zwischen sozialdemokratischen Parteien und deren sozialer Basis politisch ausdr&#252;cken wird.</p>
<h3>Gute Aussichten?</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir auch zur zweiten zuvor gestellten Frage zur&#252;ckkehren: Kann das Projekt des Dritten Wegs langfristig erfolgreich sein? Mit „erfolgreich“ ist dabei nicht gemeint, ob der von Giddens und seinen J&#252;ngern formulierte Anspruch einer Politik „jenseits“ des Neoliberalismus eingel&#246;st wird – diese Frage kann eindeutig negativ beantwortet werden – sondern ob die hegemoniale Einbindung von ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften in das neoliberale Projekt stabil funktionieren kann. Einiges spricht daf&#252;r: So kann nicht geleugnet werden, dass viele Motive neoliberaler Ideologie – Eigenverantwortung, Flexibilisierung, etc. – bereits Eingang in den Alltagsverstand auch vieler Menschen gefunden hat, die materiell unter neoliberaler Politik leiden. Damit zusammenh&#228;ngend muss auch die (teilweise resignierende) Akzeptanz vormals bek&#228;mpfter neoliberaler Transformationsprojekte durch weite Teile der sozialdemokratischen Basis erw&#228;hnt werden. Studiengeb&#252;hren k&#246;nnen hier als drastisches Beispiel dienen: Protestierten bei deren Einf&#252;hrung noch mehrere zehntausende Studierende auf den Stra&#223;en, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen deren Beibehaltung unter einer SP&#214;-gef&#252;hrten Regierung nur noch einige Tausend. Und schlie&#223;lich gibt es aktuelle und historische Beispiele, die zumindest f&#252;r die M&#246;glichkeit der erfolgreichen langfristigen Bindung einer ArbeiterInnenbasis an eine neoliberale Partei sprechen. So zeigen die Erfahrungen der US-amerikanischen Linken mit der Demokratischen Partei – bei allen wichtigen Unterschieden zur europ&#228;ischen politischen Landschaft – dass, wenn keine glaubw&#252;rdige alternative Kraft existiert, neoliberale Politik &#252;ber sehr lange Zeitr&#228;ume hinweg mit der Unterst&#252;tzung der ArbeitnehmerInnen-Basis und der Gewerkschaftsb&#252;rokratien praktiziert werden kann.31 Andererseits weist vor allem in j&#252;ngster Zeit viel darauf hin, dass das Projekt des Dritten Wegs m&#246;glicherweise doch zum Scheitern verurteilt ist. So verlieren seit einigen Jahren „modernisierte“ sozialdemokratische Parteien an der Macht massiv an Unterst&#252;tzung – was sich in Massenaustritten ebenso manifestiert wie in ausbleibenden Wahlerfolgen.32 Den politisch bedeutsamsten Hinweis auf die Krise der Sozialdemokratie des Dritten Wegs k&#246;nnen wir in &#214;sterreich jedoch (noch?) nicht ausmachen: Die Entstehung neuer politischer Kr&#228;fte, die mit dezidiert linker Programmatik jene ansprechen, die traditionell sozialdemokratisch orientiert sind, sich von der neoliberalen Politik „ihrer“ Partei jedoch angewidert abwenden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die aus der Fusion von WASG und PDS entstandene Linkspartei in Deutschland (siehe Interview mit Klaus Henning in diesem Heft), aber auch in Gro&#223;britannien („Respect“), Portugal („Linksblock“), D&#228;nemark („Rot-Gr&#252;ne Allianz“) oder Holland („Sozialistische Partei“) gibt es &#228;hnliche Projekte. Gr&#246;&#223;e und Erfolg dieser Parteien und B&#252;ndnisse der „neuen Linken“ unterscheiden sich stark – was sie eint ist die konsequente Ablehnung des Neoliberalismus, auch und besonders in seiner sozialdemokratischen Reinkarnation sowie eine unsektiererische, offene Haltung gegen&#252;ber der traditionellen Basis der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Ob die neoliberale Sozialdemokratie politisch scheitert, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob glaubw&#252;rdige Alternativen auf der Linken entstehen, die sich den praktischen und ideologischen Herausforderungen des Dritten Wegs stellen. Das bedeutet etwa, der Logik des „Keine Rechte ohne Pflichten“ Konzepte entgegen zu stellen, die das Recht aller Menschen auf ein w&#252;rdevolles Leben unabh&#228;ngig von ihrem „Nutzen“ f&#252;r den kapitalistischen Verwertungsprozess einfordern. Gelingt dies nicht, kann eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden: die Lehre aus der Abl&#246;se Sch&#252;ssels durch Gusenbauer wird ihre G&#252;ltigkeit behalten – es kommt nichts Besseres nach.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,<br />
Frankfurt 1998, S. 12.<br />
2 Callinicos, Alex: Against the Third Way. An Anti-Capitalist Critique,<br />
Cambridge 2001, S. 17.<br />
3 Giddens: a.a.O., S. 44-46.<br />
4 Ebd., S. 49.<br />
5 Ebd., S. 32f.<br />
6 Ebd., S. 28.<br />
7 Ebd.: S. 23-25.<br />
8 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Luc: Sch&#246;ne neue Begriffswelt, in: Le Monde diplomatique, Mai 2000, S. 7.<br />
9 Haug, Frigga: Krise der Sozialdemokratie?, in: Das Argument 256 (2004), S. 459.<br />
10 Giddens: a.a.O., S. 81.<br />
11 Ebd.<br />
12 Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen<br />
Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525.<br />
13 Giddens: a.a.O., S. 120.<br />
14 Ebd., S. 142f., Hervorhebungen im Original.<br />
15 Ebd., S. 137, Hervorhebungen im Original.<br />
16 Zit. nach Draheim, Susanne/ Reitz, Tilman: Work Hard and Play by the Rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programdiskussion, in: Das Argument 256 (2004), S. 470.<br />
17 Ber&#252;chtigt geworden als „Schr&#246;der/Blair-Papier“: Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair (1999), http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
18 Ebd.<br />
19 Haug: a.a.O., S. 459.<br />
20 Zit. nach Mahnkopf: a.a.O.<br />
21 Selbstverst&#228;ndlich haben nicht Blair und Schr&#246;der selbst das Papier verfasst. Ma&#223;gebliche Autoren waren die jeweiligen „grauen Eminenzen“, Peter Mandelson und Bodo Hombach.<br />
22 Zit. nach Der Standard, 30. Juni 1999.<br />
23 SP&#214;: Das Grundsatzprogramm, 1998, S. 5, 6, 10, online: http://www.spoe.at/bilder/d251/spoe_partei_programm.pdf. „Teilhabe“ ist die seit der<br />
SPD-Programmdebatte gel&#228;ufige deutsche &#220;bersetzung von „Inklusion“. „Teilhabegerechtigkeit“ wird dabei als Gegenentwurf zur Verteilungsgerechtigkeit“ ins Spiel gebracht – vgl. Draheim/Reitz: a.a.O., S. 473.<br />
24 So formuliert in einer von &#214;GB und Arbeiterkammer herausgegebenen Brosch&#252;re: Eberhard, Erik: Austromarxismus und Sozialdemokratie. Politische Str&#246;mungen der Arbeiterbewegung II, Politik und Zeitgeschehen 2, 2006, S. 39.<br />
25 Zwischen 1980 und 1990 sank die Lohnquote von 78,7 auf 72,4 Prozent, bis 2000 auf 69,8 Prozent. Guger, Alois/ Marterbauer, Markus: Die<br />
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in &#214;sterreich. Wien: Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung 2004, online: http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf.<br />
26 Sandner, G&#252;nther: Der ‚Dritte Weg’ der Sozialdemokratie, Politik und Zeitgeschehen 10, 2002, S. 19.<br />
27 Regierungsprogramm f&#252;r die XXIII. Gesetzesgebungsperiode, 2007, S.110, online: www.bmf.gv.at/Service/Regierungsprogramm.pdf<br />
28 FrauenLesben gegen Zwangsarbeit: Wie entsteht ein gesamt&#246;sterreichisches Arbeitshaus?, in: grundrisse 21 (2007), S. 20-22.<br />
29 Mahnkopf: a.a.O.<br />
30 Ebd.<br />
31 Nat&#252;rlich hinkt dieser Vergleich: Zwei-Parteien-System, geringer gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und extrem niedrige Wahlbeteiligung<br />
vor allem der unteren Klassen machen das Ziehen von Parallelen schwierig.<br />
32 Der Wahlsieg der SP&#214; ist hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme – schlie&#223;lich war der Wahlkampf gerade keiner des „Dritten Wegs“.</p>
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		<title>Zur&#252;ck zu K.u.K.?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 16:36:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Keynesianismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.<br />
<span id="more-31"></span></p>
<p>Angesichts der stagnativen Entwicklung der Weltwirtschaft sowie dem fortschreitenden Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme erlebt die keynesianische Krisenpolitik als Antwort und Alternative zum Neoliberalismus eine Renaissance in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken. Ein erneuerter, linker Keynesianismus verspricht Sozialreformen, Verteilungsgerechtigkeit, Vollbesch&#228;ftigung und einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Stagnation, in erster Linie durch die „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“, also an der Produktivit&#228;tsentwicklung orientierten Lohnniveaus. Solche Konzeptionen finden sich sowohl bei Oskar Lafontaine in Deutschland, bei Álvaro García Linera in Bolivien, als auch in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken hierzulande.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Als zentraler Referenzpunkt linker Reformpolitik und erfolgreichen Krisenmanagements in &#214;sterreich gilt nat&#252;rlich die Regierung Kreisky in den 1970er Jahren („Austrokeynesianismus“).<br />
Dieser Artikel diskutiert M&#246;glichkeiten und Grenzen einer revitalisierten keynesianischen Krisenpolitik vorm Hintergrund der Performanz dieser Politikkonzepte in den 1970ern, und den aktuellen Problemlagen der Weltwirtschaft.</p>
<h3>Goldene Zeiten</h3>
<p>Die Kreiskysche Reformpolitik der ersten H&#228;lfte der 70er wurde durch eine &#228;u&#223;erst g&#252;nstige weltweite &#246;konomische Situation erm&#246;glicht, die weniger keynesianischer Krisenpolitik als einer in der Geschichte des Kapitalismus au&#223;ergew&#246;hnlichen &#246;konomischen und geopolitischen Konstellation geschuldet war. Der Keynesianismus mag also die bis in die 70er vorherrschende wirtschaftswissenschaftliche Ideologie gewesen sein, hatte jedoch lange Zeit nur wenig mit der wirtschaftspolitischen Praxis zu tun.<br />
Wie eng die wirtschafts- und sozialpolitischen Handlungsspielr&#228;ume mit der &#246;konomischen Konjunktur am Weltmarkt verzahnt waren, wurde dann auch deutlich, als die keynesianische Krisenfeuerwehr ab 1975 die Krisentendenzen immer weniger in den Griff bekommen konnte. F&#252;r eine Beurteilung von Erfolg und Scheitern der Kreiskyschen Politik ist deshalb eine Erkl&#228;rung der Grundlagen des langen Nachkriegsbooms und der Widerspr&#252;che, die Mitte der 1970er zur R&#252;ckkehr der Krise f&#252;hrten, unerl&#228;sslich.</p>
<h3>Permanente R&#252;stungswirtschaft</h3>
<p>G&#228;ngige Theorien der langen stabilen Boomphase zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1970er Jahre lokalisieren die Ursache des Aufschwungs wahlweise in neuen Formen der Arbeitsorganisation, dem Aufbau des Wohlfahrtsstaats, institutionalisierten Konsumnormen, und/oder technologischen Innovationsprozessen. Auch wenn diese Faktoren sicher eine Rolle gespielt haben, so sind diese Ans&#228;tze doch weder empirisch haltbar noch theoretisch zufrieden stellend.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die m. E. &#252;berzeugendste Erkl&#228;rung der Nachkriegsentwicklung liefert die Theorie der Permanenten R&#252;stungswirtschaft, die von der Marxschen These ausgeht, dass mit wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> die Profitrate tendenziell f&#228;llt.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Diesem Mechanismus wirkten in den 50er und 60er Jahren die enorm hohen R&#252;stungsausgaben entgegen. Allein 1962 – also noch lange bevor der Vietnamkrieg die amerikanischen (und sowjetischen) R&#252;stungsausgaben in die H&#246;he schnellen lie&#223; – wurden laut einer Untersuchung der UN j&#228;hrlich etwa 120 Mrd. Dollar f&#252;r milit&#228;rische Zwecke ausgegeben. Das entsprach zu dieser Zeit etwa acht bis zehn Prozent des Weltproduktionsvolumens, ungef&#228;hr hundert Prozent des j&#228;hrlichen Werts des Weltwarenexports oder der H&#228;lfte der Bruttokapitalbildung der ganzen Welt.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Warum wirkte dieses Level der R&#252;stungsausgaben stabilisierend auf die Weltwirtschaft?<br />
1. R&#252;stungsproduktion ist Verschwendungsproduktion. Investitionen in milit&#228;risches Equipment fallen in den Sektor der Wirtschaft, den Marx Abteilung III (unproduktive Konsumtion) genannt hat, und die er von Investitionen im Produktionsmittelsektor und jenen im Konsumg&#252;tersektor unterschieden hat. Die beiden letzteren bleiben im Akkumulationskreislauf: entweder als Maschinen usw., oder als reproduzierte Arbeitskraft. Im Unterschied dazu wird in der Abteilung III Mehrwert unproduktiv verbraucht, der ansonsten in produktivit&#228;tssteigernde Technologien investiert werden h&#228;tte k&#246;nnen. Das wirkt dem Ansteigen der Zusammensetzung des Kapitals und damit dem tendenziellen Fall der Profitrate in den Abteilungen I und II entgegen.<br />
2. Dagegen k&#246;nnte eingewendet werden, dass eine hohe Wertzusammensetzung des Kapitals im kapitalintensiven R&#252;stungssektor (und folglich niedrige Profitraten) dennoch die allgemeine Durchschnittsprofitrate herabdr&#252;ckt. Das ist jedoch nicht der Fall, wie zuerst T. N. Vance und Mike Kidron zeigen konnten.<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> „Abteilung III kann einen Markt f&#252;r die Produkte der beiden anderen Abteilungen bereitstellen, ohne die allgemeine Profitabilit&#228;t des Kapitals zu unterlaufen.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Der Effekt der Permanenten R&#252;stungswirtschaft war demnach eine Verlangsamung aber langfristige Stabilisierung des Wachstums. Freilich bedeutete der enorme R&#252;stungssektor eine massive Ressourcenverschwendung. Lange Zeit schien das jedoch aufgrund der stark nationalstaatlich integrierten Staatskapitalismen im Nachkriegsaufschwung kein Problem zu sein.<br />
Genau hier liegen aber auch die Widerspr&#252;che, die letztlich zur R&#252;ckkehr der krisenhaften Entwicklung in den 70ern f&#252;hrten. Das enorme Wachstum der Produktion und damit der Kapitalien versch&#228;rfte den Druck auf die Unternehmen, die Grenzen nationalstaatlich integrierter Wirtschaften zu durchbrechen. Die Internationalisierung der Produktion bedeutete, dass sich die Staaten nun auf multinational operierendes Kapital st&#252;tzen, und den transnationalen Konzernen somit auch Verwertungsbedingungen mit ad&#228;quaten Profitraten garantieren mussten. Das alte staatskapitalistische Entwicklungsmodell, in dem Investitionen ohne R&#252;cksicht auf Rentabilit&#228;tserw&#228;gungen maximiert wurden, erwies sich dabei zunehmend als ungangbar.<br />
Versch&#228;rft wurde dieser Prozess durch den Aufstieg „nichtmilit&#228;rischer Staatskapitalismen“ (Harman). W&#228;hrend vor allem die Superm&#228;chte die Last der R&#252;stungsausgaben trugen beteiligten sich L&#228;nder wie Japan und Westdeutschland kaum am R&#252;stungswettlauf und konnten deshalb ihre gesamten Ressourcen f&#252;r den Aufbau effizienter Exportindustrien aufwenden und in die M&#228;rkte ihrer Konkurrenten (v.a. die USA) eindringen. Das f&#252;hrte zwar zu wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals in diesen L&#228;ndern, dr&#252;ckte sich allerdings nicht unmittelbar in fallenden Profitraten aus, solange die Exporte erh&#246;ht werden konnten. Die kapitalintensiven Investitionsformen in Westdeutschland und Japan dr&#252;ckten die weltweiten Durchschnittsprofitraten, erh&#246;hten aber gleichzeitig den nationalen Anteil dieser L&#228;nder an den weltweiten Profiten.<br />
Die h&#246;here Konkurrenzf&#228;higkeit westdeutscher und japanischer Industrien am Weltmarkt verst&#228;rkte allerdings den Druck auf jene L&#228;nder mit hohen R&#252;stungsausgaben, Ressourcen weg vom R&#252;stungssektor in produktive Investitionen zu lenken. Infolge „f&#252;hrte in den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren die Intensivierung der internationalen Konkurrenz … zu &#220;berkapazit&#228;t und &#220;berproduktion sowie sinkenden Profitraten in der Industrie.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Auf diesem Weg wurden die Stabilisierungsfaktoren der Nachkriegsentwicklung sukzessive ausgeh&#246;hlt.</p>
<h3>Kreiskys Modernisierungspolitik</h3>
<p>Die skizzierte weltwirtschaftliche Entwicklung ist der Kontext, in den die Politik der Regierung Kreisky eingebettet werden muss.<br />
Die &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik setzte seit den fr&#252;hen 50ern auf eine Politik der Export- und Investitionsf&#246;rderung und forcierter &#246;ffentlicher Infrastrukturinvestitionen („Kamitz-Kurs“). Die Abwertung des Schillings 1953 um 18% st&#228;rkte zus&#228;tzlich die Exportwirtschaft. Trotzdem plagte die &#246;sterreichische Wirtschaft ihre strukturelle R&#252;ckst&#228;ndigkeit. Die 1970 gew&#228;hlte Regierung Kreisky versuchte deshalb, die &#246;konomische Situation zur strukturellen Modernisierung der &#246;sterreichischen (Export)Industrie zu nutzen – was die &#214;VP-Regierungen Raab und Klaus aufgrund ihrer sozialen Verwurzelung im Klein- und Mittelgewerbe nur schwer durchsetzen konnten.<br />
Die Kreiskysche Modernisierungspolitik kombinierte dabei staatliche Exportgarantien und Finanzierungshilfen f&#252;r das Privatkapital mit einer Hartw&#228;hrungspolitik, die als „Strukturpeitsche“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> die Industrie zu Modernisierungsinvestitionen zwingen sollte.<br />
Erm&#246;glicht wurden diese Ma&#223;nahmen durch die gute internationale Konjunktur, von der besonders die &#246;sterreichische Exportwirtschaft profitierte. Hinzu kam, dass die Rezession in Europa 1971/72 – die bereits die Grenzen des Nachkriegsbooms ank&#252;ndigte – nicht auf &#214;sterreich durchschlug. Das war weniger die Folge keynesianischer Krisenpolitik; vielmehr wirkte die verst&#228;rkte &#214;ffnung der EG-Staaten zur EFTA seit den sp&#228;ten 60ern, das Nicht-Mitziehen der Regierung Klaus bei der 9,3-prozentigen DM-Aufwertung 1969, sowie das immer noch niedrige Lohnniveau in &#214;sterreich positiv auf die nationale Konjunktur.<br />
In diese Modernisierungsphase der ersten H&#228;lfte der 70er fallen nun auch alle sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Sozialreformen, die bis heute mit dem Namen Kreisky verbunden sind: etwa die Starthilfe f&#252;r junge Ehepaare, der Ausbau der Familienbeihilfen, die Einigung &#252;ber das Arbeitsverfassungsgesetz, die Einf&#252;hrung der Sch&#252;lerInnenfreifahrt, kostenlose Schulb&#252;cher und die Abschaffung der Studiengeb&#252;hren.</p>
<h3>Erfolg und Scheitern des „Austrokeynesianismus“</h3>
<p>Mit dem Durchschlagen der Weltwirtschaftskrise auf &#214;sterreich 1974/75 &#228;nderten sich die &#246;konomischen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend. Die zweite H&#228;lfte der 70er legte nun eine antizyklische Politik keynesianischen Krisenmanagements (deficit spending) nahe, die den eigentlichen wirtschaftspolitischen Kurswechsel der sozialistischen Alleinregierung markierte.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Der Kreiskysche „Austrokeynesianismus“ kombinierte dabei genuin keynesianische Elemente staatlichen Nachfragemanagements mit einer Reihe angebotsseitiger Ma&#223;nahmen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Keynes hatte &#246;konomische Krisen als Situationen zu geringer „effektiver Nachfrage“ als Ergebnis unzureichender Profitabilit&#228;t privater Investitionsm&#246;glichkeiten („Grenzleistungsf&#228;higkeit des Kapitals“) erkl&#228;rt. Der Staat sollte deshalb den Ausfall der Investitionen durch schuldenfinanzierte staatliche Investitionsprogramme kompensieren („Sozialisierung der Investitionen“).<br />
Dieser Theorie folgte das Anheben des Anteils der Staatsinvestitionen an den gesamten Investitionen in &#214;sterreich von 1974: 8,7% auf 1975: 12,6%.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Budgetdefizit stieg von einem &#220;berschuss 1970 auf 1,9% 1974 und schnellte schlie&#223;lich auf 4,5% 1975.<br />
Tats&#228;chlich konnte die keynesianische Politik des deficit spending der Regierung Kreisky die Krisentendenzen Mitte der 70er Jahre deutlich abschw&#228;chen. So sank das BIP 1975 nur um 0,4% und die Industrieproduktion nur um 6,8%. Zus&#228;tzlich gelang es, die Exporte in die Staaten des Ostblock und in die OPEC-L&#228;nder &#252;ber gezielte Exportf&#246;rderungen stark zu steigern.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Arbeitslosigkeit blieb im europ&#228;ischen Vergleich durch den gezielten Abbau migrantischer Arbeitskr&#228;fte („Gastarbeiter“), die Verk&#252;rzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und durch die Verstaatlichte Industrie, die relativ unrentabel wirtschaften konnte, und auch in Krisenzeiten kaum Arbeitspl&#228;tze abbaute, auf geringem Niveau.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><br />
Abgesichert wurde die autrokeynesianische Krisenpolitik durch die Hartw&#228;hrungspolitik der Nationalbank, die hohe Inflationsraten verhindern half und billige Rohstoffimporte garantierte, sowie der „einkommenspolitischen Zur&#252;ckhaltung“ der Gewerkschaften.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Franz Vranitzky schrieb im R&#252;ckblick: „Das gro&#223;e Verdienst der Gewerkschaft bei der erfolgreichen Umsetzung des Hartw&#228;hrungskurses liegt wohl darin, erkannt zu haben, dass die g&#252;nstigen Auswirkungen der niedrigen Inflationsraten in Kombination mit gem&#228;&#223;igten Lohnabschl&#252;ssen auf die internationale Konkurrenzf&#228;higkeit die Nachteile der wechselkursbedingten Exporterschwernisse mehr als wettmachen. … [D]ie Hartw&#228;hrungspolitik [w&#228;re] ohne die einkommenspolitische Selbstbeschr&#228;nkung der Gewerkschaften undenkbar gewesen“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Jedoch: die Hoffnung, dass ein &#252;ber Neuverschuldung herbeigef&#252;hrter kurzfristiger Anschub der Staatsnachfrage und damit der Konjunktur sich selbst tragen w&#252;rde, erwies sich angesichts der internationalen Wachstumsschw&#228;che als tr&#252;gerisch.<br />
Dar&#252;ber hinaus schr&#228;nkte die explodierende Staatsverschuldung – haupts&#228;chlich als Ergebnis der Exportf&#246;rderungen, die die Exportnachteile der inflationsd&#228;mpfenden Hartw&#228;hrungspolitik ausgleichen mussten – die konjunkturpolitischen Handlungsr&#228;ume zunehmend ein.<br />
Schon in der Weltwirtschaftskrise 1979/80 und dann 1981/82 funktionierte die „Flucht in den Export“ nicht mehr. Die Exportsubventionen konnten die Auswirkungen der Hartw&#228;hrungspolitik nur mehr ungen&#252;gend abfangen, was sich in wachsenden au&#223;enwirtschaftlichen Ungleichgewichten ausdr&#252;ckte. Mitte der 80er versch&#228;rfte sich die Situation zus&#228;tzlich durch die Krise der Verstaatlichten (besonders der Stahlindustrie), die lange Zeit mithilfe staatlicher Subventionen mit massiven &#220;berkapazit&#228;ten operieren konnte.<br />
Die 1980er markierten dann auch das Aufgeben der nachfrageorientierten Aspekte sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik. Die wohlfahrtsstaatlichen Ma&#223;nahmen gerieten zusehends in Widerspruch zur Konkurrenzf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Exportwirtschaft. Wirtschaftspolitische Ma&#223;nahmen wurden nun ausschlie&#223;lich angebotsseitig gesetzt: weitere Erh&#246;hung der staatlichen Wirtschaftsf&#246;rderungen an das Privatkapital, geringere Ausgaben im Bereich soziale Wohlfahrt und Gesundheit, Erh&#246;hung der Massensteuern und gleichzeitig Reallohnverluste.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Gleichzeitig sollte eine restriktive Budgetpolitik (seit 1977) die inflation&#228;ren Wirkungen der Staatsverschuldung in den Griff bekommen. Hans Seidel, 1981-83 Staatssekret&#228;r im Finanzministerium und Erfinder des Begriffs „Austrokeynesianismus“, schrieb im R&#252;ckblick, dass die keynesianische Politik „erfolgreich gewesen [w&#228;re], wenn die Weltwirtschaft nach einer mehrj&#228;hrigen Anpassungsperiode wieder auf ihren urspr&#252;nglichen Wachstumspfad zur&#252;ckgekehrt w&#228;re.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Damit hat Seidel – wahrscheinlich ungewollt – das Kernproblem keynesianischer Wirtschaftspolitik treffend umschrieben: letztlich ist das Scheitern des Keynesianismus untrennbar mit der inh&#228;renten Krisenlogik des Kapitalismus verkn&#252;pft.</p>
<h3>Neokeynesianismus</h3>
<p>In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass auch der wirtschaftspolitische Schwenk zu neoliberalen Rezepten die Stagnationskrise nicht in den Griff bekommen konnte. Tats&#228;chlich haben die westlichen Regierungen – ohne es zuzugeben – l&#228;ngst keynesianische Nachfrageelemente wieder in ihre Politik aufgenommen. Reagan st&#252;tzte sich in den 80ern auf einen „R&#252;stungskeynesianismus“, den Bush jun. Heute zu wiederholen versucht.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> In den Euro-L&#228;ndern wird der Stabilit&#228;tspakt schrittweise aufgeweicht. Und die japanische Regierung betreibt seit mehr als einem Jahrzehnt eine Politik des deficit spending.<br />
Genau an diesem Scheitern neoliberaler Wirtschaftspolitik setzt heute die Kritik eines neuen, linken Keynesianismus an. Der Ausweg aus der Krise sei eine revitalisierte keynesianische Nachfragepolitik.<br />
Die Idee der NeokeynesianerInnen<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> lautet, dass eine „produktivit&#228;tsorientierte Lohnpolitik“ und die damit verbundene „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die Wirtschaft aus der Krise ziehen k&#246;nne.<br />
W&#228;hrend sich die Exportwirtschaft pr&#228;chtig entwickle w&#252;rde die Binnennachfrage „wegen der stagnierenden Reall&#246;hne und diverser Sparpakete“ zur&#252;ckbleiben und „damit das wirkliche Problemfeld“ darstellen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
„Das Aufgehen der Schere in der Einkommensverteilung … d&#228;mpft die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Produktivit&#228;t der Volkswirtschaft“ und bilde daher „einen wesentlichen Grund f&#252;r das schwache Wirtschaftswachstum und die gro&#223;en Probleme auf dem Arbeitsmarkt.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> „Das zentrale wirtschaftliche Problem der letzten Jahre“ sei, „dass die hohen Gewinne, die im Export und bei den internationalen Investitionen erzielt werden, nicht auf die heimische Konsumnachfrage &#252;bertragen werden“ und folglich die „hohe Sparneigung der Konsumenten“ zur „wichtigsten Beschr&#228;nkungen f&#252;r die Wirtschaftsentwicklung“ werde.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Die Ursachen der Krise selbst werden so – in spiegelbildlicher Verkehrung der neoliberalen Argumente – am Lohnniveau festgemacht und mithilfe einer „Unterkonsumtionstheorie“ erkl&#228;rt.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Anders als Keynes, der in zu niedrigen Profitraten eine wichtige Rolle f&#252;r das Aufkommen des Nachfragedefizits und der Krise sah, argumentieren die LinkskeynesianerInnen, dass zu hohe Profite zu Krisen f&#252;hren. Die Reall&#246;hne hinken der Steigerung der Arbeitsproduktivit&#228;t hinterher. Die Folge sei, dass die Konsumnachfrage nicht mehr proportional dem Wachstum der Produktionskapazit&#228;t zunehme, und so &#220;berkapazit&#228;ten und Arbeitslosigkeit entstehen.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
Die Anhebung der Massenkaufkraft sei deshalb notwendig, damit das Angebot von Waren auf eine entsprechende Nachfrage trifft. H&#246;here L&#246;hne seien somit nicht nur im Interesse der Lohnabh&#228;ngigen, sondern im klassen&#252;bergreifenden „Interesse der Volkswirtschaft“.<br />
Nun hat dieses Unterkonsumtionsargument tats&#228;chlich einen „rationalen Kern“. Schon Engels betonte, „dass die gro&#223;e Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschr&#228;nkt und sich damit den eignen innern Markt untergr&#228;bt.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Lohnk&#252;rzungen k&#246;nnen demnach Krisen verschlimmern. Umgekehrt gilt jedoch nicht, dass h&#246;here L&#246;hne Krisen verhindern k&#246;nnen. Die Nachfrage nach Investitionsg&#252;tern h&#228;ngt z.B. von der Profitrate ab – und h&#246;here Reall&#246;hne schneiden in die Profite.<br />
Der Fehler der linkskeynesianischen Theorie liegt darin, dass Krisen auf ein Distributionsproblem der Zirkulationssph&#228;re reduziert, und nicht in den Widerspr&#252;chen des Akkumulationsprozesses insgesamt verwurzelt werden, womit die prinzipielle M&#246;glichkeit der politischen Regulation kapitalistischer Krisentendenzen impliziert ist.<br />
Wenn die UnterkonsumtionstheoretikerInnen aber glauben, das Kapital „im Interesse der Volkswirtschaft“ zu ihrem Gl&#252;ck zwingen zu k&#246;nnen, so unterschlagen sie die Konkurrenzsituation zwischen den Einzelkapitalien im Kapitalismus: Was volkswirtschaftlich vern&#252;nftig klingt, wird von der betriebswirtschaftlichen Logik der einzelnen UnternehmerInnen ausgehebelt. Marx schreibt: „Das im Kapitalverh&#228;ltnis gesetzte widerspr&#252;chliche Interesse jedes Einzelkapitalisten an gr&#246;&#223;ter Konsumtionskraft aller Arbeiter mit Ausnahme der von ihm angewendeten und an m&#246;glichst niedrigen L&#246;hnen seiner eigenen Arbeiter, kann auch der Staat nicht &#252;berspringen“ – und schon gar nicht im globalisierten Kapitalismus.<br />
Tats&#228;chlich waren weder in den 70ern zu niedrige L&#246;hne die Krisenursache, noch sind sie es heute. Robert Brenner<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> konnte zeigen, dass das Problem der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren die massive &#220;berakkumulation von Kapital und damit zusammenh&#228;ngend niedrige Profitraten, v.a. in der verarbeitenden Industrie, sind. Auch das enorme Anschwellen der Finanzm&#228;rkte ist letztlich Ausdruck der Tatsache, dass sich f&#252;r Verm&#246;gen im produktiven Sektor immer schwieriger profitable Investitionsm&#246;glichkeiten finden. Zwar wurde insbesondere in den USA in den 90er Jahren die Ausbeutungsrate erheblich erh&#246;ht, das Problem der &#220;berakkumulation ist damit allerdings nicht verschwunden.</p>
<h3>Falsche &#214;konomie</h3>
<p>Die linken NeokeynesianerInnen glauben an die &#220;berwindung der Krisen des Kapitalismus durch richtige Regierungspolitik. Anders als Keynes wollen sie zus&#228;tzliche Nachfrage weniger auf dem Weg defizit&#228;rer Haushaltspolitik des Staates schaffen, als durch die Umverteilung von oben nach unten. Selbstverst&#228;ndlich sind Forderungen nach Erhalt sozialstaatlicher Leistungen, Mindestl&#246;hne, St&#228;rkung der Massenkaufkraft etc. zu unterst&#252;tzen – nicht zuletzt, weil sie zentrale Ideologeme neoliberaler Sachzwanglogik herausfordern. Aber es w&#228;re fatal, die Illusion der NeokeynesianerInnen zu teilen, dass auf diesem Weg die Stagnationskrise &#252;berwunden werden k&#246;nne. Genauso illusorisch ist die Hoffnung, Staat und Kapital k&#246;nnten „im Allgemeininteresse“ f&#252;r eine solche Politik gewonnen werden.<br />
Die Antwort auf den Neoliberalismus ist keine R&#252;ckkehr zu Keynes sondern ein Vorw&#228;rts mit Marx. Wir sollten nicht in der keynesianischen Mottenkiste nach Konzepten kapitalistischen Krisenmanagements suchen. Das Problem liegt eben nicht in falscher Regierungspolitik, sondern in einer „falschen &#214;konomie“.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Allerdings verweist die Tatsache, dass die Positionen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken in &#214;sterreich weit weniger &#246;ffentlich Geh&#246;r finden als etwa in Deutschland, auch auf die Schw&#228;che der antineoliberalen Kr&#228;fte.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Das gilt besonders auch f&#252;r die einflussreichen regulationstheoretischen &#220;berlegungen von Aglietta oder Lipietz. Vgl. Brenner, Robert/ Glick, Mark: The Regulation Approach. Theory and History, in: <em>New Left Review</em> 188 (1991), S. 45-119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Dass die Entwicklung der Profitraten in erster Linie auf die Kapitalzusammensetzung zur&#252;ckgef&#252;hrt werden muss konnte Anwar Shaikh zeigen. (Explaining the Global Economic Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 5 (1999), S. 103-144)<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Marx versucht im sogenannten „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate (TFPR) die grundlegenden Widerspr&#252;che der Kapitalakkumulation zu fassen. Marx geht es also – anders als das viele Marx-InterpretInnen behaupten – (zun&#228;chst) nicht um die empirische Voraussage notwendig fallender Profitraten, sondern um die Darstellung abstrakter, konfligierender Tendenzen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, die dessen immanente Krisenanf&#228;lligkeit zeigen sollen. (vgl. Fine, Ben/ Harris, Laurence: Rereading Capital, London 1979 und Fine, Ben/ Saad-Filho, Alfredo: Marx‘s Capital, London 42004) Zun&#228;chst abstrahiert Marx von allen Wertver&#228;nderungen au&#223;er jenen, die unmittelbares Ergebnis der Produktivkraftentwicklung sind. Diese Wertver&#228;nderungen, die Ausdruck ver&#228;nderter technischer Produktionsbedingungen sind, bezeichnet Marx mit dem Begriff der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Sie ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von konstantem zu variablem Kapital (c/v), d.h. von Aufwendungen f&#252;r Produktionsmittel und jenen, die f&#252;r L&#246;hne vorgeschossen werden. Die Effekte einer Steigerung der Produktivit&#228;t auf die Werte von c und v werden vorerst noch ignoriert. (vgl. Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx. Political Economy for Contemporary Capitalism, London 2002, Kapitel 6) Da produktivit&#228;tssteigernde Technologien zu ihrer Bearbeitung meist weniger Arbeitskr&#228;fte ben&#246;tigen steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals c/v. Die Folge der Produktivit&#228;tsentwicklung ist daher ein Fallen der Profitrate, denn diese ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von Mehrwert zur Summe aus konstantem und variablen Kapital: p’ = m/(c+v) = (m/v)/((c/v)+1). Das bedeutet nichts anderes, als dass die Produktivkraftentwicklung zu fallenden Profitraten f&#252;hrt, weil nur menschliche Arbeit Wert schafft. Das gilt allerdings nur, solange wir von den <em>indirekten </em>Auswirkungen einer wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, von Ver&#228;nderungen in der Ausbeutungsrate und den Effekten von Ver&#228;nderungen der Preise und L&#246;hne auf die Wertzusammensetzung des Kapitals abstrahieren. Das ist solange legitim, als wir uns nur auf die Produktionssph&#228;re konzentrieren, denn in der Produktion &#228;ndern sich die Warenwerte nicht. Sobald wir aber den Akkumulationsprozess in seiner Einheit von Produktion und Zirkulation betrachten m&#252;ssen wir diese Effekte ber&#252;cksichtigen. Erstens: Die Werte von c und v werden als Ergebnis der Produktivit&#228;tssteigerung sinken. Das bedeutet, dass auch das Verh&#228;ltnis von c/v nicht mehr dem entspricht, wie es sich bei „alten“ Werten dargestellt hat. Marx verwendet daf&#252;r den Begriff der Wertzusammensetzung des Kapitals, der sich von der organischen Zusammensetzung des Kapitals unterscheidet. Ob ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals auch einen Anstieg der Wertzusammensetzung des Kapitals nach sich zieht ist nun aber nicht von vornherein ausgemacht. Zweitens: Die Verbilligung der Elemente des variablen Kapitals, d.h. ein Sinken des Werts der Arbeitskraft, bedeutet eine Erh&#246;hung der Mehrwertrate bzw. Ausbeutungsrate m/v, was dem Fall der Profitrate entgegenwirkt. Diese Mechanismen bezeichnet Marx deshalb als „entgegenwirkende Tendenzen“. Zusammengenommen dr&#252;cken TFPR und die entgegenwirkenden Tendenzen die (widerspr&#252;chlichen) Effekte des Akkumulationsprozesses aus. Das „Gesetz“ sollte deshalb eigentlich besser „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate und seiner entgegenwirkenden Tendenzen“ hei&#223;en. Geert Reuten meint &#252;berhaupt, Marxens Bezeichnung TFPR sei irref&#252;hrend und schl&#228;gt vor, von „theory of the rate of the profit cycle“ zu sprechen. (Reuten, Geert: „<em>Zirkel vicieux</em>“ or Trend Fall? The Course of the Profit Rate in Marx’s <em>Capital III</em>, in: <em>History of Political Economy</em> 36:1 (2004), S. 163-186, hier S. 175)<br />
Festzuhalten bleibt, dass das „Gesetz“ vom TFPR nicht mehr, aber auch nicht weniger behauptet als die immanente M&#246;glichkeit kapitalistischer Krisen, die in der widerspr&#252;chlichen Einheit von „Tendenz“ und „Gegentendenzen“ angelegt sind. Ein Verst&#228;ndnis dieser Widerspr&#252;che ist f&#252;r eine marxistische Krisentheorie unabdingbar; um jedoch auf Grundlage dieses „Gesetzes“ l&#228;ngerfristige Tendenzen des Systems und die Dynamik von Krisen erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, muss eine Menge weiterer Faktoren ber&#252;cksichtigt werden, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen: etwa Zirkulationszeit, Umschlagszeit oder fixes Kapital. Nehmen wir letzteres als Beispiel. F&#252;r eine/n KapitalistIn wird die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals nicht unmittelbar wirksam, denn f&#252;r sie/ihn z&#228;hlt, wie viel zum Zeitpunkt der Anschaffung der Produktionsmittel daf&#252;r bezahlt werden musste und nicht, wie viel es jetzt kosten w&#252;rde, sie zu ersetzen. Wenn der technologische Fortschritt dazu f&#252;hrt, dass diese Investitionen weniger wert sind als vorher, dann m&#252;ssen die Kosten der Abschreibung eben aus dem Bruttogewinn bezahlt werden. “Was sie auf der einen Seite gewinnen, verlieren sie somit wieder auf der anderen.“ (Harman, Chris: Where is Capitalism Going? (Part I), in: <em>International Socialism</em> 58 (1993), S. 3-58) Gr&#246;&#223;e, Alter und Effizienz fixen Kapitals spielen somit eine wichtige Rolle f&#252;r die empirische Bewegung der Profitraten. Auf noch konkreterer Ebene m&#252;ssen wir auch die (institutionellen) Spezifika historisch sich entwickelnder kapitalistischer Gesellschaftsformationen ber&#252;cksichtigen. Die Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft setzt hier an: sie untersucht die besonderen Wirkungen der Nachkriegs-Konstellation auf den TFPR und begreift die R&#252;stungsausgaben als eine zu dieser Zeit wichtige wirksame „entgegenwirkende Tendenz“. (Callinicos, Alex: Capitalism, Competition and Profits: A Critique of Robert Brenner’s Theory of Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 4 (1999), S. 9-31, hier S. 28)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Kidron, Michael: R&#252;stung und wirtschaftliches Wachstum. Ein Essay &#252;ber den westlichen Kapitalismus nach 1945, Frankfurt 1971, S. 58f.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. ebd. und Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal, London 1999. Hier kann nur eine sehr vereinfachende Skizze dieses Mechanismus gegeben werden.<br />
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Kapitalien in Sektoren mit unterschiedlichen technischen Produktionsbedingungen, d.h. unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals – auch bei gleicher Mehrwertrate – bei unterschiedlichen Profitraten produzieren. Nun w&#252;rde aber in solchen Situationen Kapital aus Branchen mit niedrigerer Profitrate in solche mit h&#246;herer Profitrate abflie&#223;en. Dadurch sinkt das Warenangebot und steigen die Preise in der einen Branche und umgekehrt steigt das Warenangebot und sinken die Preise in der anderen. Als Ergebnis dieses Prozesses gleichen sich die Profitraten der einzelnen Sektoren zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate an. Die Preise (modifizierten Werte), zu denen eine solche Durchschnittsprofitrate erzielt wird entsprechen nun nicht mehr den monet&#228;ren Ausdr&#252;cken der Warenwerte. Marx bezeichnet sie als Produktionspreise.<br />
Die Differenzen zwischen Werten und Produktionspreisen bedeuten allerdings nicht, dass irgendwo neuer Wert geschaffen worden w&#228;re. Unterm Strich gleichen sich die durch die Produktionspreise repr&#228;sentierten Verzerrungen der Werte aus. Was sich ver&#228;ndert sind die <em>Anteile </em>der Einzelkapitalien in den unterschiedlichen Sektoren am <em>gesamtgesellschaftlich </em>produzierten Mehrwert.<br />
Auf dieser Grundlage k&#246;nnen wir weiter fragen, welche Effekte eine Erh&#246;hung der Kapitalzusammensetzung in den einzelnen Abteilungen hat.<br />
<em>Abteilung I</em>: Ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals f&#252;hrt (i) tendenziell zu einer geringen Profitrate in dieser Abteilung (unter Abstraktion bestimmter entgegenwirkender Faktoren; vgl. <a href="#anm4">Anmerkung 4</a>); (ii) eine neue Durchschnittsprofitrate bildet sich heraus, die nun unter der vorherigen liegt; (iii) in diesem Prozess sind jedoch die Preise in Abteilung I um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen II und III zusammengenommen gefallen sind; (iv) da jedoch die Preissenkungen in Abteilung III in einem neuen Produktionszyklus nicht wirksam werden (unproduktive Konsumtion) wird der Preisanstieg f&#252;r Produktionsmittel (die Produkte der Abteilung I) h&#246;her sein, als der Fall der Preise f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter (die Produkte der Abteilung II); (v) das dr&#252;ckt die Profitrate tendenziell noch weiter herab.<br />
<em>Abteilung II</em>: die Auswirkungen hier sind analog zu einem Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung I.<br />
<em>Abteilung III</em>: zun&#228;chst bedeutet auch ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung III eine verminderte Durchschnittsprofitrate. Dabei sind die Preise in Abteilung III um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen I und II gefallen sind. Da jedoch die Preissteigerung in Abteilung III keine weiteren Effekte in einem neuen Produktionszyklus hat sind im Ergebnis die Preise <em>sowohl </em>f&#252;r Produktionsmittel <em>als auch</em> f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter gefallen. Demzufolge wird die Profitrate tendenziell steigen.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Callinicos, Alex: Die revolution&#228;ren Ideen von Karl Marx, Frankfurt 1998, S. 269.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Brenner, Robert: Die weltwirtschaftliche Rezession beginnt: Eine Diagnose, in: <em>Sozialismus </em>2/2002, S. 11-19, hier S. 13.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Unger, Brigitte: &#214;sterreichs Wirtschaftspolitik. Vom Austro-Keynesianismus zum Austro-Neoliberalismus?, in: Tálos, Emmerich (Hg.): Zukunft der Sozialpartnerschaft, Wien 1999, S. 170.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Sandgruber, Roman: &#214;konomie und Politik. &#214;sterreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien 1995, S. 488.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Unger: a.a.O., S. 168.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Ostleitner, Herbert: Die Budgetpolitik des Austro-Keynesianismus, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 105-112, hier S. 106.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Butschek, Felix: Die &#246;sterreichische Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1985, S. 147.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Zus&#228;tzlich wirkte sich die Expansion des Dienstleistungssektors im Sinne einer „nachholenden Entwicklung“ positiv aus.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Weber, Fritz: Vorwort, in: ders./ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 7-11, hier S. 9.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Vranitzky, Franz: Der &#246;sterreichische Weg, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 12-14, hier S. 12.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Dass das keine gr&#246;beren sozialen Auseinandersetzungen provozierte (wie in anderen L&#228;ndern) lag in erster Linie am sozialparterschaftlichen Konfliktmanagement.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Seidel, Hans: Austro-Keynesianismus – revisited, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 145-149, hier S. 149.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Allerdings werden die schwachen Wirtschaften heute kaum in der Lage sein ein &#228;hnlich hohes Niveau an R&#252;stungsausgaben tragen zu k&#246;nnen wie in den 1950er Jahren.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Wenn im Folgenden von Neo- oder Linkskeynesianismus die Rede ist, dann ist damit keine bestimmte wirtschafts<em>theoretische</em> Weiterentwicklung der Positionen von Keynes gemeint, sondern wirtschafts<em>politische</em> Konzeptionen bezeichnet, die sich aus dem Fundus der keynesianischen Diskussion bedienen.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Meist kombiniert mit aus Gewinnsteuern finanzierten staatlichen Nachfrageimpulsen.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Katzian, Wolfgang/ Kral-Bast, Claudia: Globalisierung: L&#228;hmung des Sozialstaates statt Z&#228;hmung des Kapitalismus?, in: Greif, Wolfgang u.a. (Hg.): Alternativen zum Neoliberalismus. Sozial ins 21. Jahrhundert, Wien 1999, S. 231-238, hier S. 234.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Marterbauer, Markus: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven f&#252;r eine neue &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik, Wien 2007, S. 112f.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd., 12f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Vgl. zu Unterkonsumtionstheorien Bleaney, Michael F.: Underconsumption Theories. A History and Critical Analysis, New York 1976.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Vgl. Deutschmann, Christoph: Der linke Keynesianismus, Frankfurt 1973, online: http://www.mxks.de/files/other/Deutschmann.LinkerKeynes.html<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> MEW 20, S. 256.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Brenner, Robert: The Economics of Global Turbulence. The Advanced Capitalist Economies from Long Boom to Long Downturn, 1945-2005, London 2006, ders.: Boom &amp; Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, Hamburg 2003 und ders.: New Boom or New Bubble?, in: <em>New Left Review</em> 25 (2004), S. 57-100. Vgl. aber zur Kritik an den theoretischen Grundlagen der Arbeiten Brenners das Symposium in <em>Historical Materialism</em> 4 (1999) und 5 (1999), sowie Fine, Ben/ Lapavitsas, Costas/ Milonakis, Dimitris: Adressing the World Economy: Two Steps Back, in: <em>Capital &amp; Class</em> 67 (1999), S. 47-90.</p>
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		<title>Alternativen zur Alternativlosigkeit, Die neue Linke in Deutschland</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 15:50:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
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		<description><![CDATA[Anfang des Jahres fand in Frankfurt ein Studierendenkongress zur Gr&#252;ndung des bundesweiten Hochschulverbands der Neuen Linken in Deutschland statt. Das Hochschulnetzwerk soll den Kampf gegen Studiengeb&#252;hren und den neoliberalen Umbau der Universit&#228;ten unterst&#252;tzen und dabei in Anbindung an die neue Linkspartei stehen. Das Projekt Linkspartei, ein Zusammenschluss der PDS und WASG, stellt seit den letzten Bundestagswahlen eine linke Alternative zur Dritten-Weg-Sozialdemokratie dar. Wie das Projekt entstanden ist, welche neuen Herausforderungen seit der Wahl hinzugekommen sind und wie der Prozess der Verankerung auf den Universit&#228;ten voran geht, brachte <em>David Sagner</em> in Erfahrung, der <em>Klaus Henning</em>, Mitorganisator des Kongresses, Mitglied der WASG und aktiv bei Linksruck, am Rande der Veranstaltung f&#252;r Perspektiven interviewt hat.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anfang des Jahres fand in Frankfurt ein Studierendenkongress zur Gr&#252;ndung des bundesweiten Hochschulverbands der Neuen Linken in Deutschland statt. Das Hochschulnetzwerk soll den Kampf gegen Studiengeb&#252;hren und den neoliberalen Umbau der Universit&#228;ten unterst&#252;tzen und dabei in Anbindung an die neue Linkspartei stehen. Das Projekt Linkspartei, ein Zusammenschluss der PDS und WASG, stellt seit den letzten Bundestagswahlen eine linke Alternative zur Dritten-Weg-Sozialdemokratie dar. Wie das Projekt entstanden ist, welche neuen Herausforderungen seit der Wahl hinzugekommen sind und wie der Prozess der Verankerung auf den Universit&#228;ten voran geht, brachte <em>David Sagner</em> in Erfahrung, der <em>Klaus Henning</em>, Mitorganisator des Kongresses, Mitglied der WASG und aktiv bei Linksruck, am Rande der Veranstaltung f&#252;r Perspektiven interviewt hat.</p>
<p><span id="more-36"></span></p>
<p><em>Perspektiven: Wann war der Moment, als Mitglieder der SPD gesagt haben „Das ist nicht mehr unsere Partei“, vor allem auch langj&#228;hrige Mitglieder, die nach drei&#223;ig oder mehr Jahren mit ihrer politischen Heimat gebrochen haben?</em></p>
<p>Klaus Henning: Der Bruch in den unteren Ebenen der Gewerkschaftsb&#252;rokratie hat mit der Ank&#252;ndigung und dann der Durchf&#252;hrung der Hartz-IV-Reformen begonnen. Diese Ma&#223;nahme betrifft die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und deren Ersetzung durch eine F&#252;rsorgeleistung oder Sozialhilfe und hat damit Massen von arbeitslosen Menschen in die Armut gest&#252;rzt. Alle Statistiken verweisen darauf, dass die Hartz-IV-Reformen zu einer Verelendung gef&#252;hrt haben, zu Massenverelendung. Hinzu kommt, dass die Sozialdemokratie das durchgesetzt hat und nicht, wie man vielleicht erwartet, konservative Parteien wie beispielsweise in Gro&#223;britannien. Das hei&#223;t, dass die Sozialdemokratie in Deutschland den gr&#246;&#223;ten Angriff auf den Sozialstaat seit dem Faschismus gefahren hat. Die Sozialdemokratie hat damit die Wegsprengung des Sozialstaates &#252;bernommen. Und weil der Angriff so scharf war, waren die Reaktionen auch so klar: Entscheidende Teile der unteren Gewerkschaftsb&#252;rokratie sagten „Das k&#246;nnen wir nicht mehr mittragen“. Sie haben damit gedroht, dass sie auch den Weg gehen w&#252;rden eine eigene Partei zu gr&#252;nden, wenn die Hartz-IV-Reformen nicht zur&#252;ckgenommen werden. Aber am Anfang war das alles nur auf der Ebene der Drohung, mit der Illusion und der Hoffnung, die SPD wieder nach links zu ziehen. Das waren Leute wie zum Beispiel Thomas H&#228;ndel oder Klaus Ernst, heute der Vorsitzende der WASG [Wahlalternative f&#252;r Arbeit und soziale Gerechtigkeit], die langj&#228;hrige SPD-Mitglieder und Gewerkschaftsfunktion&#228;re waren. Sie versandten im M&#228;rz 2004 einen Aufruf per E-Mail zur Gr&#252;ndung der Initiative „Arbeit und Soziale Gerechtigkeit.“ Das Problem war, es kam zu keiner Kurs&#228;nderung der Sozialdemokratie, sondern eher zu einer Versch&#228;rfung. Thomas H&#228;ndel, Klaus Ernst und andere mit ihnen wurden ohne Anh&#246;rung aus der SPD ausgeschlossen. So hat dann eigentlich der Druck der Ereignisse dazu gef&#252;hrt, dass sich diese Leute selbst radikalisiert haben. Das f&#252;hrte dazu, dass aus der Drohung, einen neuen Wahlverein zu gr&#252;nden, Realit&#228;t werden musste.</p>
<p><em>Welche Konsequenzen haben die Mitglieder der SPD, die unzufrieden waren, gezogen? Kann man sagen, dass eine Mehrheit der unzufriedenen Mitglieder diesen Schritt mitgegangen ist? Oder gab es anfangs noch andere Konsequenzen in der SPD-Basis?</em></p>
<p>Die erste Reaktion war nat&#252;rlich oft, sich absolut aus der Politik zur&#252;ckzuziehen. Die SPD hat seit Jahren kontinuierlichen Mitgliederschwund erlebt, hat zehntausende Mitglieder verloren und allein schon die Ank&#252;ndigung der Hartz-IV-Reformen hat diesen Prozess noch mal extrem beschleunigt. Die erste Reaktion war, &#252;berhaupt nichts mehr zu machen und auch nicht mehr zur Wahl zu gehen. Ein einschneidendes Ereignis war die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2005, ein Bundesland im Westen Deutschlands, das immer sozialdemokratisch gepr&#228;gt war durch das ArbeiterInnenmilieu im Ruhrgebiet. Dort hat die SPD im Mai 2005 bei den Landtagswahlen so massiv an Stimmen verloren, dass die CDU – obwohl die auch Stimmen verloren hat, weil sie auch als eine Sozialabbau-Partei gesehen wurde – trotzdem gegen&#252;ber der SPD haushoch gewonnen hat, mit einer absoluten Mehrheit. Passivit&#228;t war die erste Reaktion der sozialdemokratischen W&#228;hlerInnenschaft.<br />
Wichtig ist, dass es davor schon Demonstrationen von Arbeitslosen gegen die Hartz-IV-Reformen gegeben hat und die hatten ihren Schwerpunkt in Ostdeutschland. Im Sommer 2004 war der H&#246;hepunkt der Demonstrationen, haupts&#228;chlich getragen von Arbeitslosenverb&#228;nden, die in Ankn&#252;pfung an die Montagsdemonstrationen 1989 in der DDR die Proteste ebenfalls „Montagsdemos“ genannt haben. Es ist zu einer spontanen Massenbewegung in Ostdeutschland gekommen, mit bis zu 200.000 TeilnehmerInnen. Das Problem war, dass die Gewerkschaften diese Proteste nicht aktiv mitgetragen haben. So ist die Bewegung dann auch im Sand verlaufen und konnte keine Kraft entwickeln. Das hat man sehr gut daran gesehen, dass die Bewegung ihren Schwerpunkt im Osten hatte, aber in den industriellen Zentren im Westen nichts gelaufen ist. Hier in Frankfurt zum Beispiel gab es zwar Solidarisierungsversuche von linken Gruppen, aber da waren maximal tausend Leute auf der Stra&#223;e. Es gab keine aktive Unterst&#252;tzung seitens der Gewerkschaften und das lag daran, dass diese nat&#252;rlich immer noch unter dem Einfluss der Sozialdemokratie standen und stehen. Es gibt da einen guten Film, „Die neue Wut“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Da wird der DGB-Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, zitiert, der das auch so sagt: „W&#228;re das gleiche [Hartz-IV-Reformen] unter einer CDU-gef&#252;hrten Koalition gelaufen, w&#228;ren die Proteste anders gewesen…Wenn wir mit der Macht, mit der wir den 3. April [2004] organisiert haben [eine halbe Million Menschen folgte dem Aufruf der Gewerkschaften und protestierte gegen Sozialabbau], die Montagsdemonstrationen begleitet h&#228;tten, dann w&#252;rden wir jetzt in einem anderen Land leben. Ob wir gewonnen h&#228;tten, das wage ich nach wie vor zu bezweifeln. Aber das h&#228;tte eine andere soziale Dimension gehabt…“</p>
<p><em>Welche Kr&#228;fte und AkteurInnen waren an der Entstehung der Wahlalternative f&#252;r Arbeit und soziale Gerechtigkeit, WASG, beteiligt? Das hei&#223;t, haben auch andere Kr&#228;fte au&#223;erhalb der Sozialdemokratie die Wahlalternative mit aufgebaut?</em></p>
<p>Na klar, die Bewegungen auf der Stra&#223;e, stellen den politischen Rahmen. Eine wichtige Quelle waren die Montagsdemonstrationen, die haupts&#228;chlich von Arbeitslosen getragen wurden. Aber die dynamischste Kraft bzw. die Kraft, die sich dann auch am weitesten radikalisiert hat, waren vor allem die gewerkschaftlich orientierten Kr&#228;fte aus S&#252;ddeutschland, vor allem der Gewerkschaft IG Metall, dort vor allem der gewerkschaftliche Mittelbau. Es gab sicher noch andere Kr&#228;fte. Nur, diese Bewegung h&#228;tte niemals so eine Dynamik entfalten und auch in die SPD hinein wirken k&#246;nnen, wenn die GewerkschafterInnen nicht mit dabei gewesen w&#228;ren. Das war entscheidend. Und dann gab es nat&#252;rlich auch linke Kr&#228;fte, die das Projekt von Anfang an mit unterst&#252;tzt haben, wie zum Beispiel Linksruck. Wir sind schon mit Schildern „F&#252;r eine neue Linkspartei“ aufgetreten, als die M&#246;glichkeit einer Wahlalternative noch in der Hartz-IV-Bewegung diskutiert wurde. Das war vor allem wichtig, als die PDS mit aufgesprungen ist und sich auch den Namen „Linkspartei“ gegeben hat. F&#252;r uns war es ganz praktisch, weil wir so Plakate und Schilder weiterhin verwenden konnten…(lacht). Die PDS ist eine aus der SED [ehem. Staatspartei der DDR] hervorgegangene Partei, die allerdings, gerade hier im Westen, nie die Funktion einer Alternative zur Sozialdemokratie &#252;bernehmen konnte. Ich denke, es ist auch ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass die GewerkschafterInnen, von denen ich vorhin gesprochen habe, sich bewusst entschieden haben, sich nicht nur der Linkspartei anzuschlie&#223;en, sondern gesagt haben, wir brauchen ein neues Parteiprojekt „WASG“. Dann kam die Ank&#252;ndigung nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen 2005, dass es vorgezogene Bundestagswahlen geben sollte, weil die Schr&#246;der-Regierung in der Krise war. Das f&#252;hrte zum Prozess der Vereinigung. Dieser Prozess wurde uns praktisch von der Regierung aufgezwungen. Oskar Lafontaine k&#252;ndigte an, die WASG im Falle eines gemeinsamen Antritts mit der PDS zu den vorgezogenen Bundestagswahlen zu unterst&#252;tzen. Zur Wahl mussten sich nun unterschiedliche linke Kr&#228;fte zusammenfinden. Die „WASG“ musste sich mit der „Linkspartei“ zusammentun und unter diesem Druck ist dann das Wahlprojekt entstanden. Das erfolgreiche Abschneiden bei den Bundestagswahlen hat dann auch dazu gef&#252;hrt, dass das ganze Projekt mehr Aufwind bekommen hat.</p>
<p><em>Die WASG gibt es mittlerweile schon zwei Jahre. Wie hat die Wahlalternative, abgesehen davon, dass es eine w&#228;hlbare Alternative gibt, die politische Landschaft in Deutschland ver&#228;ndert?</em></p>
<p>Das Entscheidende ist, dass das Projekt mit dem Verst&#228;ndnis initiiert wurde, wirklich etwas ver&#228;ndern zu wollen. Es geht nicht nur darum, eine parlamentarische Partei zu gr&#252;nden, das oberste Ziel ist es, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern. Es wird auch immer wieder betont, dass das nicht alleine &#252;ber das Parlament erfolgen kann. Dass eine enge Verbindung mit sozialen Bewegungen, vor allem mit gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen angestrebt werden muss, wird immer klarer. Ich glaube, der gr&#246;&#223;te Verdienst dieser Formierung ist, dass sie eine Wirkung auf die Klassenk&#228;mpfe hat. In den letzten Streikbewegungen wurde das sehr deutlich. Die Streiks im &#246;ffentlichen Dienst in Baden-W&#252;rttemberg letztes Jahr haben einen sehr radikalen Charakter angenommen. Die Wahlalternative hat eine entscheidende Rolle in diesen Auseinandersetzungen gespielt. Bernd Riexinger von der WASG war Streikf&#252;hrer in Stuttgart, der wichtigsten industriellen Region im S&#252;den Deutschlands. Er hat dort, in seiner Funktion als Gewerkschaftssekret&#228;r, die Streiks im &#246;ffentlichen Dienst gef&#252;hrt und gleichzeitig, in seiner Funktion als Vertreter der Wahlalternative, politisch in diese Auseinandersetzung interveniert. Die Politisierung dieser Streikbewegung ist viel weiter gegangen als bisher in vergleichbaren Situationen. In den letzten Jahren wurden Streiks immer wieder fr&#252;hzeitig abgew&#252;rgt, ehe die Auswirkungen voll zum Tragen gekommen sind.<br />
Die politische Landschaft ver&#228;nderte sich auch durch den Wahlerfolg bei den Bundestagswahlen 2005 [die Linkspartei erhielt 8,7% der Stimmen], mit dem dieses Projekt nat&#252;rlich an Anziehungskraft gewonnen hat. Es war dann in den Medien pr&#228;sent. Die jetzigen Entwicklungen finden aber eher versteckt statt. Betrachtet man genau was in den letzten zwei Jahren passiert ist, so kann eine langsame Erodierung des Einflusses der Sozialdemokratie in den Gewerkschaften ausgemacht werden. Der Mittelbau in den Gewerkschaften orientiert sich zunehmend an der Neue Linken und wartet jetzt darauf, dass sich die Linkspartei und die Wahlalternative zusammenschlie&#223;en. Wir sind jetzt im Parteienfusionsprozess und es ist entscheidend, dass wir das schaffen und zusammen wachsen. Es gibt nat&#252;rlich auch Probleme in diesem Prozess. Es gab einen wichtigen Kampf gegen Sektierertum; also den Versuch jener Kr&#228;fte, die sich lieber eine klar sozialistische und damit kleinere Organisation w&#252;nschen, das Projekt Neue Linke zum Scheitern zu bringen. Nat&#252;rlich hat die Neue Linke einen widerspr&#252;chlichen Charakter und ist nicht per se sozialistisch oder antikapitalistisch, sondern es wirken verschiedene Kr&#228;fte mit. Um gegen die Gewaltt&#228;tigkeit der Angriffe auch vorgehen zu k&#246;nnen, ist dieses breite B&#252;ndnis n&#246;tig. Das war ein wichtiger Kampf, den wir gef&#252;hrt haben. Nur so konnte und nur so kann die Neue Linke die Funktion erf&#252;llen, die wir brauchen, n&#228;mlich den sozialdemokratischen Einfluss in den Gewerkschaften zur&#252;ckzudr&#228;ngen. Ganz wichtig dabei war der Gewerkschaftstag letztes Jahr. Dort wurde der SPD-Bundesminister f&#252;r Arbeit und Soziales, Franz M&#252;ntefering, ausgepfiffen und Oskar Lafontaine, der dort die Neue Linke vorgestellt hat, bekam <em>standing ovations</em>. Ich denke, das war ein wichtiges Signal.</p>
<p><em>Die gro&#223;e Herausforderung ist jetzt der Fusionsprozess. Gibt es dar&#252;ber hinaus noch andere politische Herausforderungen f&#252;r die WASG, die zu gr&#246;&#223;eren Diskussionen innerhalb der Wahlalternative f&#252;hren?</em></p>
<p>Dieser Fusionsprozess hat nat&#252;rlich viele Facetten, es gibt viele inhaltliche Diskussionen. Was soll die Neue Linke f&#252;r ein Programm haben, wie soll sie ausgerichtet sein? Die wichtigste Frage ist f&#252;r mich nicht, wie das Programm aussieht, ob es ein knallhart sozialistisches Programm ist, sondern, welche Praxis die Neue Linke entwickelt. Ich denke, die gr&#246;&#223;te Herausforderung ist diese Vereinigung jetzt zustande zu bringen und darin f&#252;r eine aktivistische, klassenk&#228;mpferische Ausrichtung zu streiten. Danach wird jedoch die wichtigste Frage sein: welche Politik macht die Neue Linke?<br />
So stehen wir jetzt hier in Hessen vor einer Herausforderung: der Positionierung zu den Landtagswahlen 2008. Wir sind konfrontiert mit der Koch-Regierung [Roland Koch, CDU], eine konservative Regierung, die die absolute Mehrheit hat, hier mit absolut undemokratischen Mitteln regiert, Studiengeb&#252;hren eingef&#252;hrt hat usw. Die SPD versucht jetzt, eine Art Lagerwahlkampf zu starten, zwischen dem konservativen Koch und einer linken Form der SPD. Eigentlich haben wir jetzt eine Situation, in der die SPD in der Opposition ist und einen linken Wahlkampf macht und die Linke muss versuchen, eine nicht ausgrenzende Position dazu zu finden um eine Bewegung daraus zu machen die auch die linken Teile der Sozialdemokratie erfasst. Wir wollen das jetzt &#252;ber die Verfassungsklage gegen die Studiengeb&#252;hren, die wir mit den SozialdemokratInnen zusammen einbringen in die Wege leiten. Nat&#252;rlich sollte man keine Illusionen haben. Aber die Linke muss sich positionieren und sich auf die Seite der Linken in der SPD stellen. Ansonsten w&#252;rde sich die Neue Linke aus der politischen Landschaft rauskatapultieren und keinen Einfluss mehr auf den Prozess nehmen k&#246;nnen.<br />
Gleichzeitig sitzt die PDS im Osten Deutschlands in den L&#228;nderparlamenten. Dort ist die gro&#223;e Frage die Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Die stellt sich ganz extrem am Beispiel von Berlin, wo die Linkspartei in der Regierung sitzt und dort Sparma&#223;nahmen mit tr&#228;gt. Das prominenteste Beispiel sind die Laden&#246;ffnungszeiten. Das Gesetz, das den Ladenschluss regelte, wurde dort als erstes gekippt und durch ein extrem frauenfeindliches und extrem arbeiternehmerInnenfeindliches Gesetz ersetzt. Das ist eine scharfe Auseinandersetzung, die nat&#252;rlich auch die Gefahr in sich birgt, dass dieses Projekt der Vereinigung der Neuen Linken scheitert.</p>
<p><em>Wir sind hier auf dem Hochschulkongress der Neuen Linken. Vielleicht kannst du noch dar&#252;ber erz&#228;hlen, welche Rolle die Linke auf den Hochschulen spielt und auf die Idee des Hochschulverbandes eingehen, wie und warum der Verband entstehen soll?</em></p>
<p>Das ist eigentlich die spannendste Frage. Studierende spielen eine ganz entscheidende Rolle in den Auseinandersetzungen. Die StudentInnen haben, einfach weil sie mehr politischen Freiraum haben als ArbeiterInnen, die M&#246;glichkeit in Aktion zu treten. Und auch schneller in Aktion zu treten. Es ist kein Wunder, dass in Frankreich dieser gro&#223;e Massenaufstand gegen das CPE [Flexibilisierung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r junge ArbeitnehmerInnen] ma&#223;geblich von den Studierenden ausging, als Stra&#223;enprotest. Ich glaube, dass StudentInnen die Rolle eines Z&#252;ndfunkens gesellschaftlicher Auseinandersetzungen spielen k&#246;nnen, und dass sie diese Funktion auch immer mehr bekommen, weil der Charakter des heutigen Studierendendaseins immer st&#228;rker an das Arbeitsleben und damit an gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen angebunden ist. Siebzig Prozent der Studierenden m&#252;ssen neben dem Studium arbeiten um studieren zu k&#246;nnen, immer mehr StudentInnen aus ArbeiterInnenfamilien kommen an die Unis und die aktuelle Hochschulreform treibt das noch voran. Mit der Einf&#252;hrung von Bachelor- und Master-Studien wird zwar das Ziel verfolgt die Hochschulbildung zu entqualifizieren, aber es werden auch mehr Leute an die Unis geholt. Da gibt es mehr Potential. Die Neue Linke muss die Hochschulen ernst nehmen und braucht deshalb einen Hochschulverband, der in den politischen Auseinandersetzungen an Einfluss gewinnt. Wir hatten hier in Hessen eine starke StudentInnenbewegung gegen Studiengeb&#252;hren, die uns vor die Aufgabe stellt, einen handlungsf&#228;higen Verband zu gr&#252;nden, der sich auch in die Auseinandersetzungen einmischen kann. Die f&#246;derale Struktur des Bildungswesens in Deutschland ist ein gro&#223;es Problem. Studiengeb&#252;hren werden nur landesweit eingef&#252;hrt und daher nur auf Landesebene bek&#228;mpft. Die Proteste sind kaum vernetzt. Da ist es eine entscheidende Frage, wie eine bundesweite Perspektive geschaffen werden kann. Deswegen ist so ein Bundesverband wichtig. Die andere Frage ist eine politische Frage. Innerhalb der StudentInnenbewegung werden vor allem zwei Standpunkte vertreten. Einerseits gibt es Illusionen in sozialdemokratischen Reformismus, die Hoffnung durch Wahlen die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern und Studiengeb&#252;hren zu verhindern. Das ist die Position, die am st&#228;rksten vertreten ist. Andererseits haben einige Studierenden diese Illusion nicht mehr. Sie lehnen dagegen Parteien grunds&#228;tzlich ab und haben grunds&#228;tzlich die Hoffnung verloren, Mehrheiten f&#252;r eine anti-neoliberale Politik zu gewinnen. Sie stehen dem Parteiprojekt der Neuen Linken skeptisch gegen&#252;berstehen und setzen lieber auf radikale Aktionen. Wir haben das gestern in dem Film gesehen [„Kick it like Frankreich“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>]. Das sind nicht nur langj&#228;hrige AktivistInnen der autonomen Szene, sondern auch neue Leute, die eher eine Art voluntaristisches Herangehen haben und sagen, wir m&#252;ssen erst mal das Uni-Pr&#228;sidium oder das Wissenschaftsministerium besetzen, wenn auch nur mit f&#252;nf Leuten und wir rei&#223;en dadurch die Massen hinterher. Das hat aber nicht geklappt, das zeigt die Bewegung auch praktisch. Die Bewegung in Hessen hat sich nicht durch solche Aktionen einer Minderheit ausgeweitet, sondern es muss ein Weg gefunden werden, wie die Mehrheiten erreicht werden k&#246;nnen. Und das ist die Chance mit so einem Hochschulverband der Linken, der auch angebunden ist an das Parteiprojekt der Neuen Linken, die wiederum in Gewerkschaften und in die sozialen Bewegungen einwirkt. Das kann die Studierendenbewegung st&#228;rken, um da mehr Muskeln und mehr Einfluss &#252;ber die Universit&#228;t hinaus zu entwickeln.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>„neueWUT – Vereinzelte Proteste oder neue soziale Bewegungen“, Dokumentarfilm von Martin Ke&#223;ler, 90 Min. Mehr Infos und Bestell-M&#246;glichkeit auf http://www.neuewut.de/neuewut/index.html<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>„Kick it like Frankreich: Der Aufstand der Studenten“, ebenfalls von Martin Ke&#223;ler, Infos http://www.neuewut.de/kickit/index.html</p>
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		<title>&#214;kologie der Zerst&#246;rung</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 14:34:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit den Debatten um Klimawandel und Naturkatastrophen sind &#246;kologische Themen wieder ganz oben auf die politische Tagesordnung ger&#252;ckt. Dass die Zerst&#246;rung unseres Planeten nicht durch kosmetische Eingriffe zu verhindern ist, argumentiert <em>John Bellamy Foster</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit den Debatten um Klimawandel und Naturkatastrophen sind &#246;kologische Themen wieder ganz oben auf die politische Tagesordnung ger&#252;ckt. Dass die Zerst&#246;rung unseres Planeten nicht durch kosmetische Eingriffe zu verhindern ist, argumentiert <em>John Bellamy Foster</em>.</p>
<p><span id="more-34"></span></p>
<p>Ich m&#246;chte meine Analyse dessen, was ich die „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ nenne, mit einem Verweis of Gillo Pontecorvos Film „Burn!“ beginnen<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Pontecorvos epischer Film kann als politische und &#246;kologische Allegorie f&#252;r unsere Zeit gesehen werden. Er spielt im fr&#252;hen neunzehnten Jahrhundert auf einer imagin&#228;ren karibischen Insel, genannt „Burn“. Burn ist eine portugiesische Sklavenkolonie mit einer Zuckerrohr-Monokultur, abh&#228;ngig vom Export des Zuckers als „cash crop“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> auf dem Weltmarkt. In der Er&#246;ffnungssszene erfahren wir, dass die Insel ihren Namen erhielt, weil der einzige Weg f&#252;r die portugiesischen Kolonialherrscher, die indigene Bev&#246;lkerung zu besiegen, bedeutete, die ganze Insel anzuz&#252;nden und jeden Menschen darauf zu t&#246;ten. Danach wurden Sklaven aus Afrika importiert, um das neu gepflanzte Zuckerrohr zu schneiden.<br />
Sir William Walker (gespielt von Marlon Brando), ein britischer Agent des neunzehnten Jahrhunderts, wird geschickt, um die portugiesischen Herrscher der Insel zu st&#252;rzen. Er stiftet eine Revolte unter den zahlreichen schwarzen Sklaven an und arrangiert zur selben Zeit einen Aufstand der kleinen Klasse wei&#223;er Plantagenbesitzer, die nach Unabh&#228;ngigkeit von der portugiesischen Krone streben. Das Ziel ist es, die Sklavenrevolte zu nutzen, um Portugal zu besiegen, aber die eigentliche Macht den wei&#223;en Plantagenbesitzer zuzuspielen, die dann dem britischen Imperialismus als Kompradorenklasse dienen. Walker bew&#228;ltigt seine Aufgabe hervorragend. Er &#252;berredet die siegreiche Armee fr&#252;herer Sklaven und ihren Anf&#252;hrer, José Dolores, ihre Waffen niederzulegen, nachdem die Portugiesen besiegt wurden. Das Ergebnis ist eine Neokolonie, dominiert von wei&#223;en Plantagenbesitzern – aber eine in denen die de facto Herrscher, in &#220;bereinstimmung mit den Gesetzen des internationalen freien Handels, die britischen Zuckerunternehmen sind. Walker reist dann ab, um andere Spionageaufgaben f&#252;r die Briten durchzuf&#252;hren – diesmal an einem Ort namens Indochina. Zehn Jahre sp&#228;ter, 1848, f&#228;hrt der Film fort. Wieder ist eine Revolution unter der F&#252;hrung von José Dolores auf der Insel Burn ausgebrochen. Sir William Walker wird aus England als milit&#228;rischer Berater zur&#252;ckgeholt, aber diesmal als Angestellter der „Antilles Royal Sugar Company“, autorisiert von der Regierung Ihrer Majest&#228;t. Seine Aufgabe besteht darin, den neuerlichen Aufstand der ehemaligen Sklaven niederzuschlagen. Die herrschende Oligarchie der Insel sagt ihm, dass dies kein Problem darstellen sollte, da nur zehn Jahre vergangen sind und die Situation dieselbe sei. Er antwortet, dass die Situation vielleicht dieselbe sei, das Problem aber ein anderes. Mit Worten die an Karl Marx erinnern verk&#252;ndet er: „Zwischen einer historischen Epoche und der n&#228;chsten k&#246;nnen zehn Jahre sehr oft pl&#246;tzlich genug sein, um die Widerspr&#252;che eines ganzen Jahrhunderts zu enth&#252;llen.“ Britische Truppen werden hinzugezogen, um die Aufst&#228;ndischen zu bek&#228;mpfen, die einen erbitterten Guerillakampf f&#252;hren. Um sie zu besiegen, befiehlt Walker alle Plantagen der Insel niederzubrennen. Als die lokalen Vertreter der britischen Zuckerinteressen Einw&#228;nde erheben, erkl&#228;rt Walker: „Dies ist die Logik des Profits… Einer baut auf, um Geld zu machen, und um weiter Geld zu machen, oder mehr Geld zu machen, ist es manchmal n&#246;tig zu zerst&#246;ren“ Daher, erinnert er seinen Gespr&#228;chspartner, bekam die Insel Burn ihren Namen. Die Natur der Insel muss zerst&#246;rt werden, damit auf ihr Arbeitskr&#228;fte f&#252;r weitere hunderte Jahre ausgebeutet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Meine Intention ist hier nat&#252;rlich nicht, Pontecorvos au&#223;ergew&#246;hnlichen Film nachzuerz&#228;hlen, sondern einige wichtige Grunds&#228;tze dieser Allegorie herauszustreichen, die uns helfen, die Beziehung des Kapitalismus zur Natur zu verstehen. Joseph Schumpeter lobte einmal den Kapitalismus f&#252;r seine „kreative Zerst&#246;rung“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>. Doch dies k&#246;nnte besser als die zerst&#246;rerische Kreativit&#228;t des Systems bezeichnet werden. Das st&#228;ndige Streben des Kapitals nach neuen Absatzgebieten f&#252;r klassenbasierte Akkumulation ben&#246;tigt f&#252;r deren kontinuierliche Fortf&#252;hrung die Zerst&#246;rung, sowohl von vorher existierenden Naturbedingungen als auch von fr&#252;heren sozialen Beziehungen. Klassenausbeutung, Imperialismus, Krieg und &#246;kologische Zerst&#246;rung sind keine von einander unabh&#228;ngige Unf&#228;lle der Geschichte, sondern miteinander verbundene, immanente Eigenschaften der kapitalistischen Entwicklung. Dar&#252;ber hinaus bestand immer die Gefahr, dass die zerst&#246;rerische Kreativit&#228;t dazu wird, was István Mészáros die „zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit“ genannt hat, die das ultimative Schicksal des Kapitalismus ist. Die in die Profitlogik eingebaute Zerst&#246;rung w&#252;rde dann &#220;berhand nehmen und vorherrschen, und nicht nur die Bedingungen der Produktion, sondern die Bedingungen des Lebens selbst untergraben. Heute ist klar, dass solch eine zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft charakterisiert, und den Planeten als Ganzen umgreift.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></p>
<h3>Die Zerst&#246;rung des Planeten</h3>
<p>Heute, in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten f&#252;r imperialistische Kontrolle in der &#246;lreichsten Region der Welt k&#228;mpfen, erf&#228;hrt die &#214;kologie einen rapiden Verfall, am deutlichsten erkennbar an der globalen Erderw&#228;rmung. Indes untergr&#228;bt die neoliberale wirtschaftliche Umstrukturierung, ausgehend vom Monopol-Finanzkapital, nicht nur den &#246;konomischen Wohlstand eines Gro&#223;teils der Menschheit, sondern beseitigt in manchen Regionen die grundlegenden &#246;kologischen Bedingungen menschlicher Existenz, wie Zugang zu sauberer Luft, Trinkwasser und ausreichender Nahrung. &#214;kologInnen, die einmal vor der M&#246;glichkeit einer zuk&#252;nftigen Apokalypse warnten, bestehen jetzt darauf, dass das Desaster schon vor unserer T&#252;r steht.<br />
Bill McKibben, Autor von <em>The End of Nature</em>, erkl&#228;rte in seinem Artikel „The Debate is over“ in der <em>Rolling Stone</em>-Ausgabe vom 17. November 2005, dass wir jetzt in die „Oh, Shit“-&#196;ra der globalen Erw&#228;rmung eintreten. Zuerst, schreibt er, gab es die „Ich frag mich was passieren wird“-&#196;ra. Dann kam die „Kann das wirklich wahr sein?“-&#196;ra. Jetzt sind wir in der „Oh Shit“-&#196;ra. Wir wissen jetzt, dass es zu sp&#228;t ist die globale Erw&#228;rmung g&#228;nzlich abzuwenden. Alles was wir tun k&#246;nnen, ist das Ausma&#223; und die Intensit&#228;t einzuschr&#228;nken. Viele der Unsicherheiten haben damit zu tun, dass „die Welt…einige Fallt&#252;ren besitzt – Mechanismen, die nicht in einfacher Art funktionieren, sondern stattdessen schlimme Kettenreaktionen ausl&#246;sen.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>In seinem Buch, <em>The Revenge of Gaia</em>, ver&#246;ffentlichete der einflussreiche Wissenschaftler James Lovelock, bekannt als Begr&#252;nder der Gaia-Hypothese, eine trostlose Einsch&#228;tzung der Aussichten angesichts solcher Kettenreaktionen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lovelock &#228;u&#223;ert die Sorgen vieler Wissenschaftler, indem er Positive-Feedback-Mechanismen hervorhebt, die die Tendenz zur globalen Erw&#228;rmung beschleunigen k&#246;nnten – und seiner Meinung nach ziemlich sicher werden. Der zerst&#246;rerische Effekt der zunehmenden globalen Erw&#228;rmung auf Meeresalgen und tropische W&#228;lder (zus&#228;tzlich zur direkten Abholzung) wird, so wird bef&#252;rchtet, die Kapazit&#228;t der Meere und W&#228;lder zur CO<sub>2</sub>-Absorbtion vermindern und damit die globale Temperatur weiter erh&#246;hen. Das Freiwerden von Methangasen (einem Treibhausgas, 24-mal so wirksam wie CO<sub>2</sub>) durch das Auftauen des Dauerfrostbodens in der arktischen Tundra, ausgel&#246;st durch die globale Erw&#228;rmung, stellt eine weitere solche teuflische Spirale dar. Ebenso unheilvoll ist die verringerte Reflektivit&#228;t der Erde, wenn wei&#223;e Polkappen blauem Meereswasser weichen und die weltweiten Temperaturen weiter anheizen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Lovelocks unheilvoller Ansicht nach hat die Erde wahrscheinlich schon den „point of no return“ &#252;berschritten, und die Temperaturen werden schlussendlich in gem&#228;&#223;igten Zonen um bis zu 8˚C steigen. Die menschliche Spezies wird auf die eine oder andere Weise &#252;berleben, versichert er uns. Nichtsdestotrotz weist er auf „einen drohender Klimawandel hin, der zu einem Klima f&#252;hren kann, das leicht als H&#246;lle bezeichnet werden kann: so hei&#223;, so t&#246;dlich, dass nur eine Handvoll der Milliarden heute Lebender &#252;berleben werden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Er bietet als einzigen Teilausweg einen massiven technologischen Einsatz an: ein globales Programm zur weltweiten Ausbreitung von Atomkraftwerken als vor&#252;bergehenden Ersatz f&#252;r die auf CO2-aussto&#223;enden fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaft. Der Gedanke, dass solch ein Faustscher Handel sich seinen eigenen Weg in die H&#246;lle bahnen k&#246;nnte, scheint ihm kaum in den Sinn gekommen zu sein.<br />
Lovelocks &#196;ngste sind nicht leicht abzutun. James Hansen, der so viel getan hat, um das Problem der Erderw&#228;rmung in die &#246;ffentliche Aufmerksamkeit zu bringen, hat k&#252;rzlich seine eigenen Warnungen ver&#246;ffentlicht. In seinem Artikel „The Threat to the Planet“ (New York Review of Books, 13.Juli, 2006) betont Hanson die weltweite tierische und pflanzliche Artenmigration in Reaktion auf die globale Erw&#228;rmung – obwohl nicht schnell genug im Vergleich zum Wandel ihrer Umwelt – und dass alpine Arten vom „Planeten verdr&#228;ngt“ werden. Wir, so stellt er fest, stehen vor der M&#246;glichkeit eines Massenaussterbens auf Grund der steigenden globalen Temperaturen, vergleichbar mit fr&#252;heren Perioden der Erdgeschichte in denen 50 bis 90% der damals lebenden Arten ausgestorben sind.<br />
Die gr&#246;&#223;te unmittelbare Bedrohung f&#252;r die Menschheit durch den Klimawandel, argumentiert Hanson, ist verbunden mit der Destabilisierung der Eisdecke in Gr&#246;nland und der Antarktis. Ein wenig mehr als 1˚C unterscheidet das heutige Klima von den w&#228;rmsten zwischeneiszeitlichen Perioden in den letzten 500.000 Jahren, als der Meeresspiegel um 4,8 Meter h&#246;her war. Weiters k&#246;nnten Temperaturanstiege in diesem Jahrhundert um die 2,8˚C bei „business as usual“ zu einem nachhaltigen Anstieg des Meeresspiegels von bis zu 24 Meter f&#252;hren, gemessen daran was das letzte Mal geschah, als die Erdtemperatur solche Werte erreichte – vor 3 Millionen Jahren. „Wir haben“, sagt Hansen „h&#246;chstens zehn Jahre – nicht zehn Jahre, um zu entscheiden ob wir handeln, sondern zehn Jahre um die Entwicklungsrichtung von Treibhausgasemissionen zu &#228;ndern – wenn wir diese verheerenden Auswirkungen verhindern wollen bevor sie unausweichlich werden. In anderen Worten, eine entscheidende Dekade trennt uns von unwiderruflichen Ver&#228;nderungen, die eine sehr ver&#228;nderte Welt erschaffen w&#252;rden. Die Widerspr&#252;che des gesamten Holoz&#228;ns – die geologische Epoche in denen sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat – treten pl&#246;tzlich zum Vorschein.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><br />
In der „Oh Shit“-&#196;ra ist die Debatte vorbei, sagt McKibben. Es steht nicht mehr l&#228;nger in Zweifel, dass globale Erw&#228;rmung eine Krise von globalem Ausma&#223; darstellt. Doch es ist absolut essentiell zu verstehen, dass dies nur ein Teil von dem ist was wir <em>die</em> &#246;kologische Krise nennen. Die globale &#246;kologische Gefahr als Ganzes besteht aus einer Vielzahl von miteinander verbundenen Krisen und Problemen, die uns gleichzeitig konfrontieren. In meinem 1994 erschienenen Buch, „The Vulnerable Planet“, beginne ich mit einer kurzen Aufz&#228;hlung derselben, zu denen noch einige weitere hinzugef&#252;gt werden k&#246;nnten: &#220;berpopulation, Zerst&#246;rung der Ozonschicht, globale Erw&#228;rmung, Aussterben von Arten, Verlust an genetischer Diversit&#228;t, saurer Regen, radioaktive Verseuchung, tropische Abforstung, die Zerst&#246;rung von Bergw&#228;ldern und Moorl&#228;ndern, Bodenabtragung, W&#252;stenbildung, Fluten, D&#252;rren, Hungersnot, Austrocknung von Seen, Str&#246;men und Fl&#252;ssen, das Absinken und die Kontamination von Grundwasser, die Verschmutzung von K&#252;stengew&#228;ssern und Flussm&#252;ndungen, die Zerst&#246;rung von Korallenriffen, &#214;lkatastrophen, &#220;berfischung, gr&#246;&#223;er werdende Deponien, toxischer Abfall, die giftigen Effekte von Insektiziden und Herbiziden, Gefahrenaussetzung am Arbeitsplatz, urbane &#220;berbev&#246;lkerung, und die Ersch&#246;pfung nicht-erneuerbarer Ressourcen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><br />
Der Punkt ist, dass nicht nur die globale Erw&#228;rmung, sondern auch all die anderen Probleme zur globalen &#246;kologischen Krise beitragen. Heute befindet sich jedes gr&#246;&#223;ere &#214;kosystem der Erde im Verfall. Die Themen der Umweltgerechtigkeit werden immer wichtiger und dringender, wohin wir auch blicken. Dem liegt die Tatsache zugrunde, dass der Krieg der Klassen und Imperien, der den Kapitalismus als Weltsystem definiert und sein Akkumulationssystem bestimmt, ein Moloch ist, der keine Grenzen kennt. In diesem t&#246;dlichen Konflikt wird die nat&#252;rliche Welt als blo&#223;es Instrument f&#252;r die soziale Weltherrschaft gesehen. Damit erzwingt das Kapital durch seine eigene Logik eine Politik der verbrannten Erde. Die weltweite &#246;kologische Krise ist zunehmend allumfassend, ein Produkt der zerst&#246;rerischen Unkontrollierbarkeit der sich rasch globalisierenden kapitalistischen Wirtschaft, die keine Gesetze kennt als ihren Drang nach exponentialer Expansion.</p>
<h3>Jenseits von „business as usual“</h3>
<p>Die meisten Klimawissenschaftler, darunter Lovelock und Hansen, folgen dem IPCC (Inter-Governmental Panel on Climate Change) und basieren ihre Grundvorhersagen zur Erderw&#228;rmung auf ein sozio&#246;konomisches Szenario, das als „business as usual“ bezeichnet wird. Die beschriebenen Trends st&#252;tzen sich darauf, dass unsere fundamentalen &#246;konomischen und technologischen Entwicklungen und unser Grundverh&#228;ltnis zur Natur dieselben bleiben. Die Frage, die wir uns stellen m&#252;ssen, ist, was das „business as usual“ eigentlich ist? Was kann ver&#228;ndert werden und wie schnell? Da die Zeit davon l&#228;uft ist die Schlussfolgerung, dass es notwendig ist das „business as usual“ radikal zu ver&#228;ndern, um die Katastrophe abzuwenden oder zu mindern.<br />
Jedoch, die vorherrschende L&#246;sung – mit der herrschenden Ideologie, also der Ideologie der herrschenden Klasse verbunden – betont minimale Ver&#228;nderungen des „business as usual“, die uns irgendwie aus der Gefahrenzone bringen sollen. Nachdem wir auf die zunehmenden planetaren Bedrohungen durch Erderw&#228;rmung und das Artensterben aufmerksam gemacht werden, wird uns gesagt, dass die Antwort in geringerem Benzinverbrauch und besseren Emissionsstandards, der Einf&#252;hrung von wasserstoffbetriebenen Autos, dem Auffangen und Abscheiden von CO <sup>2</sup>, verbesserter Energiekonservierung und im freiwilligen Verzicht auf Konsum liege. Umweltbewusste PolitikwissenschafterInnen spezialisieren sich auf neue &#246;kologische Politiken, die staatliche und marktwirtschaftliche Regulierungen beinhalten. Umwelt&#246;konomInnen sprechen von handelbaren Verschmutzungszertifikaten und der Eingliederung aller Umweltfaktoren in den Markt, um deren effizienten Gebrauch zu sichern. Einige UmweltsoziologInnen (mein eigenes Feld) sprechen von &#246;kologischer Modernisierung: einem ganzen Spektrum an gr&#252;nen Steuern, gr&#252;nen Regulierungen und gr&#252;nen Technologien, sogar vom Begr&#252;nen des Kapitalismus selbst. ZukunftsforscherInnen beschreiben eine neue technologische Welt, in der das Gewicht der Nationen auf die Erde auf magische Weise leichter wird, als Ergebnis einer digitalen „Dematerialisierung“ der &#214;konomie. In all diesen Ansichten gibt es jedoch eine Konstante: der fundamentale Charakter des „business as usual“ wird nicht herausgefordert.<br />
Die Tatsache, der all diese Analysen absichtlich ausweichen, ist, dass „business as usual“ im grundlegenden Sinn kapitalistische &#214;konomie bedeutet – eine &#214;konomie, getrieben durch die Logik von Profit und Akkumulation. Dar&#252;ber hinaus wird selten erkannt oder auch nur wahrgenommen, dass der Hobbes’sche Krieg Jedes gegen Jeden, der den Kaptialismus charakterisiert, f&#252;r seine Erf&#252;llung einen universalen Krieg gegen die Natur ben&#246;tigt. In diesem Sinn k&#246;nnen neue Technologien das Problem nicht l&#246;sen, weil sie unausweichlich daf&#252;r verwendet werden, den Klassenkampf fortzusetzen und das Wachstum der Wirtschaft und dadurch die Ausbeutung der Umwelt, zu steigern. Immer dann, wenn die Produktion abflaut oder sozialer Widerstand die Expansion des Kapitals behindert, hei&#223;t die Antwort immer neue Wege zu finden, um die Natur noch intensiver auszubeuten. Um aus Pontecorvos „Burn“ zu zitieren: „das ist die Logik des Profits… Einer baut auf, um Geld zu machen, und um weiter Geld zu machen, oder mehr Geld zu machen, ist es manchmal n&#246;tig zu zerst&#246;ren.“<br />
Ironischerweise wurde das zerst&#246;rerische Verh&#228;ltnis des Kapitalismus zur Umwelt im 19.Jahrhundert wahrscheinlich besser verstanden – zu einer Zeit, als sich die AnalytikerInnen der Gesellschaft bewusst waren, dass revolution&#228;re Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise stattfanden und wie diese das Verh&#228;ltnis des Menschen zur Natur transformierten. Darum beziehen sich UmweltsoziologInnen vom radikaleren Schlag in den Vereinigten Staaten, wo die Widerspr&#252;che zwischen &#214;konomie und &#214;kologie heute besonders akut sind, stark auf drei miteinander verbundene Ideen, die auf Marx und die Kritik der politischen &#214;konomie aus dem 19.Jahrhundert zur&#252;ckgehen: (1.) die Tretm&#252;hle der Produktion, (2.) den zweiten Widerspruch des Kapitalismus und (3.) den metabolischen Spalt.<br />
Die <em>Tretm&#252;hle der Produktion</em> beschreibt den Kapitalismus als unaufhaltsame, sich beschleunigende Tretm&#252;hle, die st&#228;ndig das Ausma&#223; an verbrauchter Energie und Rohmaterialen in ihrem Drang nach Profit und Akkumulation erh&#246;ht, und dabei an die Grenzen der Absorptionsf&#228;higkeit der Erde st&#246;&#223;t. „Akkumuliert, akkumuliert!“ schrieb Marx, „Das ist Moses und die Propheten!“ f&#252;r das Kapital.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Der zweite Begriff, der <em>zweite Widerspruch des Kapitalismus</em>, ist die Idee, dass der Kapitalismus, zus&#228;tzlich zu seinem prim&#228;ren &#246;konomischen Widerspruch, der aus der Klassenungleichheit in der Produktion und Distribution herr&#252;hrt, auch die menschlichen und nat&#252;rlichen Bedingungen (d.h. Umweltbedingungen) der Produktion, auf denen der &#246;konomische Fortschritt letztendlich beruht, untergr&#228;bt. Zum Beispiel legen wir durch systematisches Abholzen von W&#228;ldern den Grundstock f&#252;r erh&#246;hte Knappheit in dieser Region – umso mehr als die Globalisierung diesen Widerspruch universal macht. Dies vergr&#246;&#223;ert die allgemeinen Kosten der &#246;konomischen Entwicklung und schafft eine &#246;konomische Krise, die auf der Einschr&#228;nkung der Produktion auf der Angebotsseite beruht.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a></p>
<p>Der dritte Begriff, der <em>metabolische Spalt</em> (<em>metabolic rift</em>), weist darauf hin, dass die Logik der Kapitalakkumulation einen Spalt in den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur schl&#228;gt, und damit grundlegende Prozesse der nat&#252;rlichen Reproduktion durchtrennt. Das wirft das Problem der nachhaltigen Entwicklung auf – nicht blo&#223; in Verbindung mit dem Ausma&#223; der &#214;konomie, sondern, noch wichtiger, auch in Form und Intensit&#228;t der Interaktionen zwischen Natur und Gesellschaft im Kapitalismus.<br />
Ich werde mich auf den dritten Begriff konzentrieren, den metabolischen Spalt, weil dieser der komplexeste der drei sozio-&#246;konomischen Konzepte ist und Fokus meiner eigenen Forschung in diesem Gebiet, besonders in meinem Buch <em>Marx’s Ecology</em>. Marx war stark durch die Arbeit des f&#252;hrenden agrarischen Chemikers seiner Zeit, Justus von Liebig, beeinflusst. Liebig hatte eine Analyse der &#246;kologischen Widerspr&#252;che der industriellen kapitalistischen Agrarwirtschaft entwickelt. Er argumentierte, dass solch eine industrialisierte Landwirtschaft, am weitesten fortgeschritten im England des 19. Jahrhunderts, ein r&#228;uberisches System war, das den Boden ersch&#246;pfte. Nahrung und Textilfasern wurden hunderte – in manchen F&#228;llen sogar tausende – Meilen weit vom Land in die Stadt transportiert. Das bedeutete, dass essentielle Bodenn&#228;hrstoffe, wie Stickstoff, Phosphor und Kalium ebenso wegtransportiert wurden. Anstatt wieder auf das Feld zur&#252;ckgef&#252;hrt zu werden, verschmutzten diese essentiellen N&#228;hrstoffe die Stadt und f&#252;hrten etwa zur Verschmutzung der Themse in London<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>. Die nat&#252;rlichen Bedingungen f&#252;r die Reproduktion des Bodens wurden daher zerst&#246;rt.<br />
Um den daraus folgenden Verlust an Fruchtbarkeit des Bodens zu kompensieren, pl&#252;nderten die Briten die Schlachtfelder der napoleonischen Kriege und die europ&#228;ischen Katakomben, um Knochen zum D&#252;ngen der englischen B&#246;den zu erhalten. Sie begannen, in gro&#223;en Mengen Guano<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> von den Inseln vor der K&#252;ste Perus zu importieren, gefolgt von Stickstoffimporten aus Chile (nach dem Pazifikkrieg in denen Chile Teile von Bolivien und Peru einnahm, die reich an Nitrat und Guano waren). Die Vereinigten Staaten sandten Schiffe aus, um weltweit nach Guano zu suchen, und nahmen schlie&#223;lich, zwischen 1856, als der Guano Island Act erlassen wurde, und 1903, 94 Inseln, Felsen und Archipele ein. 66 dieser Inseln wurden offiziell an die USA angeschlossen, von denen sich neun noch heute in Besitz der Vereinigten Staaten befinden.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Das spiegelte eine gro&#223;e Krise der kapitalistischen Agrarwirtschaft des 19. Jahrhunderts wider, die nur zum Teil durch die Erfindung synthetischer D&#252;ngemittel Anfang des 20. Jahrhunderts gel&#246;st wurde – und die schlie&#223;lich zur &#220;berd&#252;ngung mit stickstoffhaltigen D&#252;ngemitteln f&#252;hrte, was selbst zu einem gro&#223;en Umweltproblem wurde.<br />
Marx reflektierte &#252;ber diese Krise der kapitalistischen Agrarwirtschaft und &#252;bernahm das Konzept des Stoffwechsels (oder Metabolismus, A. d. &#220;.), das im 19.Jahrhunderts von Biologen und Chemikern, einschlie&#223;lich Liebig, eingef&#252;hrt wurde und wandte es auf sozio&#246;kologische Beziehungen an. Jedes Leben basiert auf metabolischen Prozessen zwischen Organismen und deren Umwelt. Organismen f&#252;hren einen Austausch von Energie und Materie mit ihrer Umgebung durch, der integriert ist mit ihren eigenen internen Lebensprozessen. Es ist nicht weit hergeholt zu sagen, dass ein Vogelnest Teil des metabolischen Prozesses eines Vogels ist. Marx definierte ausdr&#252;cklich den Arbeitsprozess als „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>. In Bezug auf das &#246;kologische Problem sprach er von einem irreparablen Spalt in den Prozessen des gesellschaftlichen Stoffwechsels, wobei die Bedingungen f&#252;r die notwenige Reproduktion des Bodens andauernd aufgel&#246;st werden, und damit der metabolische Kreislauf gebrochen wird. „Die kapitalistische Produktion“, schreibt er, „entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergr&#228;bt: die Erde und den Arbeiter.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><br />
Marx sah diesen Spalt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in Bezug auf den Imperialismus. Er schrieb: „[Man] vergesse […] nicht, da&#223; England seit 1 1/2 Jahrhunderten den Boden von Irland indirekt exportiert hat, ohne seinen Bebauern auch nur die Mittel zum Ersatz der Bodenbestandteile zu g&#246;nnen.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><br />
Dieses Prinzip des metabolischen Spalts hat nat&#252;rlich sehr vielf&#228;ltige Anwendungen und wurde von UmweltsoziologInnen in den letzten Jahren auf Probleme wie die globale Erw&#228;rmung und den &#246;kologischen Verfall der Weltmeere angewandt.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Was selten erkannt wird ist jedoch, dass Marx unmittelbar von einer Konzeption des metabolischen Spalts zur Notwendigkeit einer <em>metabolischen Wiederherstellung</em> &#252;berging: „Aber [die kapitalistische Produktionsweise] zwingt zugleich durch die Zerst&#246;rung der blo&#223; naturw&#252;chsig entstandnen Umst&#228;nde jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung ad&#228;quaten Form herzustellen.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die Realit&#228;t des metabolischen Spalts zeigt auf die Notwendigkeit der Restauration der Natur durch nachhaltige Produktion.<br />
Es ist dieses dialektische Verst&#228;ndnis des sozio&#246;kologischen Problems, das Marx zu der vielleicht radikalsten Konzeption von sozio&#246;kologischer Nachhaltigkeit f&#252;hrte. So schrieb er im „Kapital“: „Vom Standpunkt einer h&#246;hern &#246;konomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigent&#252;mer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznie&#223;er, und haben sie als boni patres familias [gute Familienv&#228;ter] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
In anderen Worten konnte f&#252;r Marx das aktuelle Verh&#228;ltnis der Menschen zur Erde unter privater Akkumulation mit Sklaverei verglichen werden. So wie „das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen“ nicht l&#228;nger als akzeptabel erachtet wird, so muss Privateigentum von Menschen (oder ganzen L&#228;ndern) an der Erde/Natur &#252;berwunden werden. Das Verh&#228;ltnis des Menschen zur Natur muss reguliert werden, um es „den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ Sein Bezug zum Begriff des „guten Familienvaters (Haushaltsvorstand)“ geht auf den alten griechischen Begriff f&#252;r Haushalt, <em>oikos</em>, zur&#252;ck, aus dem sowohl „&#214;konomie“ (oikonomia, oder Haushaltsmanagment) und „&#214;kologie“ (von oikologia oder Haushaltsstudie) hervorgehen. Marx wies auf die Notwendigkeit einer radikaleren, nachhaltigeren Beziehung zwischen Menschen und der Produktion hin, in &#220;bereinstimmung mit Auffassungen, die wir heute eher als &#246;kologisch denn als &#246;konomisch betrachten w&#252;rden. „Freiheit in diesem Gebiet“, dem Bereich der nat&#252;rlichen Notwendigkeiten, „kann nur darin bestehen, da&#223; der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen […] ihn mit dem geringsten Kraftaufwand […] vollziehen“.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
Die zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit des Kapitalismus, die von dem dualen Charakter des Systems als Klassenausbeutung/imperialistischer Ausbeutung und als Versklaver/Zerst&#246;rer der Erde selbst ausgeht, wurde von Marx gut verstanden. In Bezug auf den Film <em>Burn!</em> sahen wir wie die Ausbeutung menschlicher Wesen in enger Verbindung mit der Zerst&#246;rung der Erde stand. Beziehungen der Dominanz hatten sich ge&#228;ndert, doch die Antwort blieb dieselbe: die Insel niederzubrennen, um den Klassenkampf/imperialen Krieg zu gewinnen. Heute geh&#246;rt ein paar hundert Personen zusammengenommen mehr Reichtum als das Einkommen von Milliarden von Menschen. Um dieses System der globalen Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten, wurde ein System der Repression entwickelt und dauerhaft in Bewegung gesetzt. Und mit ihm haben sich eine Reihe neuer Systeme der zerst&#246;rerischen Ausbeutung der Umwelt entwickelt, wie das moderne Agrarbusiness.</p>
<h3>Soziale Revolution und Metabolische Wiederherstellung</h3>
<p>Pontecorvos Film <em>Burn!</em> &#252;ber die Revolution in der Karibik erreicht ihren H&#246;hepunkt im Jahr 1848, einem revolution&#228;ren Jahr in der realen Weltgeschichte. 1848 bemerkte Marx in seiner ber&#252;hmten Rede &#252;ber den freien Handel: „Sie glauben vielleicht, meine Herren, da&#223; die Produktion von Kaffee und Zucker die nat&#252;rliche Bestimmung von Westindien sei. Vor zwei Jahrhunderten hatte die Natur, die sich nicht um den Handel k&#252;mmert, dort weder Kaffeeb&#228;ume noch Zuckerrohr gepflanzt.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Vieles, was wir als nat&#252;rlich hinnehmen ist ein Produkt des Kapitalismus. Tats&#228;chlich werden wir im Glauben erzogen, kapitalistische Marktbeziehungen w&#228;ren nat&#252;rlicher, unanfechtbarer als irgendetwas in der Natur. Es ist diese Art zu denken mit der wir brechen m&#252;ssen, wenn wir unsere Beziehung zur Erde wiederherstellen wollen: wenn wir den metabolischen Spalt umkehren m&#246;chten. Die einzige Antwort auf die &#214;kologie der Zerst&#246;rung im Kapitalismus ist, die Produktionsverh&#228;ltnisse so zu revolutionieren, dass eine metabolische Wiederherstellung m&#246;glich wird. Das erfordert einen Bruch mit dem kapitalistischen System der „soziometabolischen Reproduktion“, d.h. der Profitlogik.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Solch ein revolution&#228;rer Bruch mit dem heutigen „business as usual“ ist nat&#252;rlich keine Garantie, sondern nur die M&#246;glichkeit f&#252;r eine soziale und &#246;kologische Transformation durch das Entstehen einer nachhaltigen, egalit&#228;ren (und sozialistischen) Gesellschaft. Lovelocks „Rache der Gaia“ – was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert die „Rache“ der Natur nannte, jetzt in globalem Ausma&#223; – wird nicht automatisch allein durch einen Bruch mit der Logik des existierenden Systems abgewendet werden.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Doch dieser Bruch ist der erste notwendige Schritt jedes rationalen Versuchs, die menschliche Zivilisation zu retten und voranzubringen. „Burn“ ist nicht l&#228;nger eine Insel; sie steht f&#252;r die gesamte Welt, die sich vor unseren Augen aufheizt.<br />
Am Ende des Films von Pontecorvo wird José Dolores get&#246;tet, aber sein revolution&#228;rer Geist lebt weiter. Die Strategie der Zerst&#246;rung von Natur, um die Menschen zu versklaven, wird nicht f&#252;r immer funktionieren. Heute erwacht in Lateinamerika der revolution&#228;re Geist von Bolívar und Ché – ein Geist der nie verschwand. Aber wir wissen jetzt – was wir selten zuvor verstanden haben – dass eine revolution&#228;re Transformation der Gesellschaft auch eine revolution&#228;re Widerherstellung unseres metabolischen Verh&#228;ltnisses zur Natur sein muss: Gleichheit und Nachhaltigkeit m&#252;ssen sich zusammen entwickeln, wenn eines der beiden erfolgreich sein will. Und wenn wir &#252;berleben wollen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>Der verstorbene italienische Filmemacher Gillo Pontecorvo (1919–2006) war Marxist und Antiimperialist; er wurde ber&#252;hmt als Regisseur des klassischen Films des revolution&#228;ren Aufstands, „Die Schlacht von Algier“ (1966). „Burn!“ wurde als Antwort auf Vietnam und als Allegorie auf den Krieg gedreht – doch eine, die zu einer Kritik des Kapitalismus selbst ausgebaut wurde.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>„Cash Crop“ bezeichnet Agrarprodukte, die f&#252;r den Export bestimmt sind und meist in Monokulturen angebaut werden. Sie werden vor allem in den ehemaligen Koloniall&#228;ndern S&#252;damerikas und Afrikas angebaut und dienen nicht der Selbstversorgung (<em>Food Crops</em>) des Landes. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Stuttgart 2005 (1942).<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>Mészáros, István: Socialism or Barbarism, New York 2001.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>McKibben, Bill: The Debate is Over, in: <em>Rolling Stone</em>, 17. November 2005, S. 79-82.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Die quasi-religi&#246;se Gaia-Hypothese, die behauptete, dass das Leben auf der Erde die Oberfl&#228;chenbedingungen des Planeten immer g&#252;nstig f&#252;r das Ensemble der Organismen h&#228;lt, widerspricht der Darwinschen Evolution und wurde in ihrer urspr&#252;nglichen Form inzwischen auch von Lovelock selbst verworfen. Sie inspirierte jedoch die Entwicklung einer mehr holistisch angelegten Wissenschaft vom Erdsystem durch eine Reihe von WissenschafterInnen, die versucht, die Erde als ein einzelnes selbstregulierendes System zu verstehen, in dem Biosph&#228;re und Geosph&#228;re eine dialektische Einheit bilden. Lovelock vertritt nun die von ihm so genannte „Gaia-Theorie“, die mit den wesentlichen Grunds&#228;tzen der Wissenschaft vom Erdsystem &#252;bereinstimmt, aber trotzdem teleologisch an der Idee festh&#228;lt, dass das „Ziel“ der kontinuierlichen Reproduktion von g&#252;nstigen Bedingungen des Lebens irgendwie eine „emergente“ Eigenschaft des lebenden Erdsystems ist. Die „Rache der Gaia“ ist eine Rache an der Zivilisation, die bedroht ist, wenn Gaia pl&#246;tzlich in ein neues Gleichgewicht kippt, in Reaktion auf von Menschen erzeugte Erderw&#228;rmung. Vgl. Lovelock, James: The Revenge of Gaia, New York 2006, S. 23-25, 147, 162.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Lovelock: a.a.O., S. 34-35; Atcheson, John: Ticking Time Bomb, in: <em>Baltimore Sun</em>, 15. Dezember 2004.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Lovelock: a.a.O., S. 55-59, 147; McKibben, Bill: How Close to Catastrophe?, in: <em>New York Review of Books</em>, 16. November 2006, S. 23-25.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>Hansen, Jim: The Threat to the Planet, in: <em>New York Review of Books</em>, 13. Juli 2006, S. 12-16; Goddard Institute for Space Studies: NASA Study Finds World Warmth Edging Ancient Levels, 25. September 2006, www.giss.nasa.gov<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>Foster, John Bellamy: The Vulnerable Planet, New York 1994, S. 11.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>MEW 23 (Das Kapital Bd. I), S. 621. Die Theorie der „Tretm&#252;hle der Produktion“ wurde im Werk von Allan Schnaiberg entwickelt. Vgl. Schnaiberg, Allan: The Environment. From Surplus to Scarcity, Oxford 1980; Foster, John Bellamy: The Treadmill of Accumulation, in: <em>Organization &amp; Environment</em> 18:1 (M&#228;rz 2005), S. 7-18.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>Die Theorie des zweiten Widerspruchs geht auf den marxistischen Polit&#246;konomen James O’Connor zur&#252;ck. Vgl. O’Connor, James: Natural Causes, New York 1998. F&#252;r einige Grenzen dieses Begriffs vgl. Foster, John Bellamy: Marx’s Ecology: Materialism and Nature, New York 2000; vgl. auch Burkett, Paul: Marxism and Ecological Economics, Boston 2006, S. 204-207, 292-293.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>Vgl. MEW 25 (Das Kapital Bd. III), S. 110.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>D&#252;ngemittel, meist aus Exkrementen von Seev&#246;geln hergestellt (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>Skaggs, Jimmy M.: The Great Guano Rush, New York 1994.<br />
<a href="#anm_16" title="anm1" name="anm1">16</a>„Die Arbeit ist zun&#228;chst ein Proze&#223; zwischen Mensch und Natur, ein Proze&#223;, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (MEW 23, S. 192) (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>MEW 23, S. 529f. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>MEW 23, S. 730. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Clark, Brett/ York, Richard: Carbon Metabolism: Global Capitalism, Climate Change and the Biospheric Rift, in: <em>Theory and Society</em> 34:4 (2005), S. 392-428; Clausen, Rebecca/ Clark, Brett: The Metabolic Rift and Marine Ecology: An Analysis of the Oceanic Crisis within Capitalist Production, in: <em>Organization &amp; Environment</em> 18:4 (2005), S. 422-444.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>MEW 23, S. 528. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>MEW 23, S. 784. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>MEW 25, S. 828.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Marx, Karl: Rede &#252;ber die Frage des Freihandels, MEW 4, S. 456.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>Die Analyse des Kapitals als System „sozio-metabolischer Reproduktion“ wurde entwickelt in Mészáros, István: Beyond Capital, New York 1955, S. 39-71.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen &#252;ber die Natur. F&#252;r jeden solchen Sieg r&#228;cht sie sich an uns.“ Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 452.</p>
<p><em>Erstmals erschienen in Monthly Review Vol 58:8 (Februar 2007)</em><br />
<em>&#220;bersetzung: Philipp Probst<br />
</em><em>Mit freundlicher Genehmigung von Monthly Review</em></p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230; Mexiko?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 13:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.</p>
<p><span id="more-33"></span></p>
<p>Im letzten Jahr ersch&#252;tterten zahlreiche soziale und politische Bewegungen die Gesellschaftsordnung Mexikos. Die Aufst&#228;nde stellten nicht nur korrupte und repressive Herrschaftsstrukturen in Frage, es wurden auch alternative Wege, wie eine „andere“ Gesellschaft organisiert und gestaltet sein k&#246;nnte sichtbar und sogar m&#246;glich. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit partizipativer Massendemokratie und die Auseinandersetzung mit dem repressiven Staatsapparat wurden Bestandteil des allt&#228;glichen Lebens von Millionen.</p>
<p>Im April 2006 streikte die Belegschaft <em>Villaceros</em>, einem der gr&#246;&#223;ten Stahlwerke Mexikos. Zwei Arbeiter wurden w&#228;hrend der erfolgreichen Abwehr eines Polizeiangriffs ermordet. Nach vier Monaten konnten die Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden Sieg &#252;ber die Gesch&#228;ftsleitung vorweisen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Auch die Zapatistas lie&#223;en im letzten Jahr &#252;ber die Grenzen von Chiapas hinaus wieder von sich h&#246;ren. Schon Ende 2005 wurde eine neue politische Initiative vorgestellt – L’Otra Campana, die „Andere Kampagne“, deren Ziel die landesweite basisdemokratische Vernetzung aller au&#223;erparlamentarischen linken Kr&#228;fte Mexikos sowie die Einigung auf eine gemeinsame Vorgehensweise ist. Mit ihrer klaren Abgrenzung zum politischen Parteiensystem und den 2006 stattgefundenen Pr&#228;sidentschaftswahlen schlie&#223;t sich die Kampagne einer Entwicklung an, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Seitdem tourt eine Delegation der Zapatistas mit Subcommandante Marcos an der Spitze, unterst&#252;tzt von etlichen SympathisantInnen, durch Mexiko.<br />
Dem gegen&#252;ber stand die Wahlkampagne des linksreformistischen ehemaligen B&#252;rgermeisters von Mexiko-City Andrés Manuel López Obrador (PRD). In seinen Wahlkampf konnte sich Obrador auf die Hoffnung von Millionen der untersten Schichten Mexikos auf eine linke Trendwende und die Abwahl der neoliberalen Wirtschaftspolitik st&#252;tzen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die Wahl Anfang Juli brachte ein knappes Ergebnis zugunsten Obradors Kontrahenten, Felipe Calderón von der rechts-konservativen PAN. Dieser Ausgang war aber &#228;u&#223;erst umstritten. Unz&#228;hlige Berichte von doppelt gez&#228;hlten Stimmen (f&#252;r Calderón), in Stra&#223;engr&#228;ben gefundenen versiegelten Wahlboxen aus armen Regionen und andere Formen von Wahlbetrug wurden bekannt. Die PRD reagierte mit Massenmobilisierungen, Stra&#223;enblockaden und gr&#252;ndete die <em>Convencion Nacional Democratica</em>, Nationale Demokratische Versammlung, welche in einer Massenveranstaltung, mit mehr als eine Millionen Anwesenden, Obrador am 16. September zum „echten“ Pr&#228;sidenten k&#252;rte.</p>
<p>Anfang Mai revoltierten B&#228;uerInnen in Atenco<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, einer Stadt nahe Mexiko-City, gegen Ma&#223;nahmen zur Unterbindung des illegalen Stra&#223;enhandels. Der Staat reagierte mit massiver Polizeirepression, im Zuge derer mindestens zwei Menschen ermordet, hunderte verletzt und verhaftet wurden.<br />
Noch im gleichen Monat streikten die LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca. Wieder gingen die Beh&#246;rden brutal gegen die Streikenden vor. Diesmal sollte sich die Bewegung jedoch nicht einsch&#252;chtern lassen. Ihr Kampf entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Aufstand zur Absetzung des korrupten und illegitimen PRI-Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz. Das neue organisatorisches Zentrum der K&#228;mpfe, die <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em> – Volksversammlung der Bev&#246;lkerung Oaxacas (APPO) wurde zu einer politischen Struktur basisdemokratischer Kontrolle und Gegenmacht, die die bestehende Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage stellte.</p>
<h3>Avanti Zócalo</h3>
<p>Der Aufstand von Oaxaca nahm seinen Anfang Mitte Mai mit den Streiks der LehrerInnen und der Besetzung des Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca-Stadt. Die traditionell militante Sektion 22 der Nationalen LehrerInnengewerkschaft (SNTE)<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> spielte dabei die f&#252;hrende Rolle. Obwohl die 70.000 LehrerInnen Oaxacas im Vergleich zum Rest der Bev&#246;lkerung relativ gut gestellt sind und zur „staatlichen Mittelklasse“ gez&#228;hlt werden k&#246;nnen, wurde ihr Kampf zum Ausdruck der sozialen Widerspr&#252;che in der Provinz Oaxaca.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>Der Protest und die Besetzung des Zócalo durch die LehrerInnen ist f&#252;r sich allein genommen noch nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches. Seit 26 Jahren kommen die LehrerInnen regelm&#228;&#223;ig im Mai zu einem „live-in“ am Zócalo zusammen, um gegen die neoliberale Bildungspolitik und f&#252;r Gehaltserh&#246;hungen zu protestieren und so ihre Position in Verhandlungen mit der Regierung zu st&#228;rken. Entgegen der neoliberalen Grunds&#228;tze des Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz forderten die LehrerInnen eine allgemeine Erh&#246;hung des Mindestlohns, Gehaltserh&#246;hungen, die Verbesserung der schulischen Infrastruktur sowie die Befriedigung grundlegender Bed&#252;rfnisse der Sch&#252;lerInnen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Die LehrerInnengewerkschaft ist die einzige demokratisch organisierte Kraft mit einer fl&#228;chendeckenden kommunalen Verankerung im ganzen Bundesstaat Oaxaca. Die besondere Rolle die den LehrerInnen folglich zukam, resultierte aus ihrer organisatorischen St&#228;rke und Vernetzung. Sie identifizieren sich auch mit den prek&#228;ren sozialen Bedingungen in ihren Gemeinden und sind somit nicht nur K&#228;mpferInnen in der eigenen Gewerkschaft, sondern oft auch SprecherInnen f&#252;r die sozialen Forderungen ihrer Gemeinden.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Anfang Juni fanden zwei Massendemonstrationen in Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen statt, an denen sich jeweils ca. 100.000 Menschen beteiligten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Bereits in dieser Phase schlossen sich andere Gruppen mit ihren eigenen Forderungen an.<br />
Anstatt die Verhandlungen fortzusetzen und einen Kompromiss auszuhandeln, versuchte die Regierung Oaxacas die streikenden LehrerInnen mit Polizeigewalt mundtot zu machen. In der Nacht des 14. Juni st&#252;rmten tausende Polizisten das Camp, verbrannten das Eigentum der LehrerInnen, verletzten etwa hundert Personen und schossen Tr&#228;nengas aus Polizeihelikoptern. Die Berichte &#252;ber mehrere Todesopfer wurden offiziell nie best&#228;tigt. Wie gegen die B&#228;uerInnen in Atenco versuchte der Staatsapparat mit purer Gewalt die Bewegung zu unterdr&#252;cken und ein Exempel an ihr zu statuieren. Diese Strategie zur Demobilisierung ging in Oaxaca nicht auf. Diesmal konnten sich die LehrerInnen nach stundenlangen K&#228;mpfen gegen die Polizei durchsetzen und eroberten den Platz zur&#252;ck.<br />
Die harten Auseinandersetzungen wirkten wie ein Dammbruch f&#252;r die Bewegung. Zwei Tage sp&#228;ter fand eine Demonstration mit 400.000 Menschen statt. Diesmal ging es nicht nur um Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen, „Fuera Ulises!“ – Ulises Raus!, der Sturz des korrupten Gouverneurs war nun die zentrale Forderung.</p>
<p>Die weit verbreitete Diskreditierung der herrschenden Eliten und der massive Bruch der politischen Bewegungen mit der Regierung, liegen vor allem in der dominanten Rolle der PRI in Mexiko begr&#252;ndet. Mittels Klientelismus und Korporativismus &#252;bte die Partei seit der mexikanischen Revolution ein effizientes Kontrollsystem auf die sozialen Kr&#228;fte aus, welches jedoch nach dem neoliberalen Paradigmenwechsel der PRI in den 80er Jahren und der Orientierung auf Freihandel und Deregulierung zerbrach. Seitdem steht die ehemalige „Staatspartei“ in wachsendem Widerspruch zu den sozialen Bewegungen und den verarmten Massen.</p>
<h3>Gegenmacht</h3>
<p>In Oaxaca weiteten sich die K&#228;mpfe aus und hinter den Barrikaden wurde eine neue politische Macht geboren – <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em>, APPO. Die erste Versammlung der APPO fand bereits drei Tage nach dem Sieg der LehrerInnen &#252;ber die Polizei auf dem wieder besetzten Zócalo statt und 170 Personen von 85 Organisationen nahmen daran teil.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Im weiteren Verlauf kamen 350 Gruppen zusammen und formierten sich zu einem qualitativ als auch quantitativ neuen Organ der Bewegung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die beteiligten Gruppen in der APPO geeinigt hatten war der Sturz des „illegitimen“ Gouverneurs Ulises. Die Strategie der APPO war es, den Beh&#246;rden die Unregierbarkeit Oaxacas vor Augen zu f&#252;hren. Mit gezielten Aktionen des zivilen Ungehorsams sollte die Illegitimit&#228;t des etablierten politischen Systems vorgef&#252;hrt werden. Provinzregierungsgeb&#228;ude wurden von APPO-AktivistInnen blockiert, Stra&#223;en die zum Zócalo f&#252;hren mit Barrikaden gepflastert und Radio- und Fernsehstationen besetzt und &#252;bernommen. Die APPO erkl&#228;rte sich zum einzigen rechtm&#228;&#223;igen politischen Organ in Oaxaca.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>So wurde die APPO zum Vehikel f&#252;r die angesammelte Wut jahrelanger Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung – Korruption, Wahlbetrug und teils massive Gewalt gegen Gemeinden und die politische Opposition. Fortschreitende soziale Polarisierung zwischen den ProfiteurInnen des Tourismus-Booms in Oaxaca und den VerliererInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> sowie die Durchsetzung neoliberaler Projekte – der Plan Puebla Panama (PPP) ist hier als eines der gr&#246;&#223;ten transnationalen Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte prim&#228;r zu nennen<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> – bilden den Rahmen f&#252;r den Bruch mit der alten und der Entstehung einer neuen sozialen und politischen Ordnung.<br />
Die StudentInnen der Universit&#228;t Oaxacas spielten im Aufstand ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite stellten sie viele der AktivistInnen bei der Besetzung von Blockaden, usw. auf der anderen Seite bot die Universit&#228;t eine wichtige Infrastruktur f&#252;r die Bewegung. Das <em>Radio Universidad</em> entwickelte sich zu einem offiziellen Organ der APPO und bot rund um die Uhr Informationen zum Aufstand. Die StudentInnen stehen dabei in einer, bis in die 70er Jahre reichenden Tradition der Vernetzung mit B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen sowie der aktiven und radikalen Beteiligung an Bewegungen.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der APPO war auch der Besuch der Otra Campaña, unter Leitung Subcommandante Marcos im Februar. Hier wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der progressiven Kr&#228;fte besonders deutlich. Es galt eine gemeinsame Stimme zu finden und die Isolierung und Rivalit&#228;t der zahlreichen kleineren und gr&#246;&#223;eren Gruppen zu &#252;berwinden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Genau dieser Punkt war bei der Etablierung der APPO eines der gr&#246;&#223;ten Anliegen: Die APPO soll eine „alternative partizipative Demokratie“ sein an der jeder und jede teilnehmen kann und keine politische Partei oder sonstige Gruppe dominieren darf. Die verschiedenen Ideologien oder politischen Visionen durften dem Funktionieren dieses Organs der Demokratie von unten nicht im Weg stehen. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen &#252;ber die Transformation der Gesellschaft wurden alle durch den Willen zum gemeinsamen Handeln auf partizipativ-demokratischer Basis vereint. Dieses Verst&#228;ndnis hat seine Wurzeln auch in einer langen Tradition indigenen Widerstands und kommunaler Organisierung.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> So wird zum Beispiel die basisdemokratische konsensorientierte Entscheidungsfindung und die Wahl von Delegierten im Stil der Zapatista nun auch bei der APPO praktiziert. Sie basiert die APPO auf dem indigenen Prinzip des <em>mandar obedeciendo</em> („gehorchend befehlen“), in dem Entscheidungen zuerst von der Basis diskutiert und gef&#228;llt werden, um dann von Delegierten wie beschlossen umgesetzt werden. Die APPO ist somit ein Versuch der Revitalisierung einer bestimmten oaxacanesischen Tradition kommunaler Organisierung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung, die sich an den traditionellen <em>usos y costumbres</em> (Gewohnheiten und Br&#228;uche) orientiert und in der politische Parteien abgelehnt werden. Seit Jahrzehnten versucht die PRI diese Formen gewohnheitsrechtlicher Praktiken zu unterbinden.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a></p>
<p>Anfang Juli erkl&#228;rte sich die APPO zur neuen regierenden K&#246;rperschaft in Oaxaca und nahm den alten Regierungspalast am Zócalo<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> in einer symbolischen Geste f&#252;r die „alternative Regierung“ in Besitz.</p>
<p>So entwickelte sich die APPO zu einer Art Embryo einer grunds&#228;tzlich anderen Gesellschaftsordnung. Die Regierungsinstitutionen verloren immer mehr an Autorit&#228;t, w&#228;hrend die Versammlungen der APPO zu einem Instrument der basisdemokratischen Kontrolle wurde. Nach und nach &#252;bernahmen immer mehr D&#246;rfer im ganzen Bundesstaat dieses Prinzip demokratischer Selbstverwaltung. Die Gemeindeh&#228;user wurden besetzt und PRI-Funktion&#228;re entmachtet. Gemeindedelegierte kamen trotz Geld- und Transportproblemen nach Oaxaca-Stadt um an den gro&#223;en APPO-Versammlungen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></p>
<p>Diese Entwicklungen stellten eine massive Gefahr, nicht nur f&#252;r die Eliten Oaxacas sondern ganz Mexikos dar. Dazu kam, dass zeitgleich eine weitere Bewegung den mexikanischen Herrschenden Kopfschmerzen bereitete.</p>
<h3>Parlamentarische Parallelgefechte</h3>
<p>Im Sommer organisierte die PRD Massendemonstrationen gegen den Wahlbetrug des konservativen Pr&#228;sidentschaftskandidaten Calderón (PAN). Trotz der potentiell explosiven Mischung mehrerer gleichzeitiger K&#228;mpfe kamen diese nicht zusammen. Die PRD hielt sich bei allen anderen politischen Auseinandersetzungen wie in Oaxaca, Atenco und Chiapas, weitgehend im Hintergrund, trotz ihrer Massenverankerung in den &#228;rmsten Bev&#246;lkerungsschichten des Landes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Unterst&#252;tzung blieb meistens bei verbalen Verurteilungen der polizeilichen Repression und der R&#252;cktrittsforderung an Ulises stehen.<br />
Die z&#246;gerliche Politik der PRD hat historische Wurzeln. Die PRD erlangte politische Relevanz in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre, im Zuge der Neoliberalisierung der PRI. Ihre urspr&#252;ngliche Basis waren mehrere kleine Linksgruppierungen, Elemente der Kommunistischen Partei Mexikos (PCM) sowie linksreformistische DissidentInnen aus der PRI,<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> welche sich gegen die neoliberale Entwicklung der PRI wendeten und ein Zur&#252;ck zu der staatsorientierten Wirtschaftsstrategie der Vergangenheit anstrebten.<br />
Die PRD ist also ein Sammelbecken unterschiedlicher linker reformistischer Projekte und leidet daher regelm&#228;&#223;ig unter fraktionellen K&#228;mpfen. Die konstante politische Migration von ehemaligen PRI-Funktion&#228;ren zur PRD, oft aus karrieristischen Gr&#252;nden, verw&#228;sserte die politische Linie zus&#228;tzlich. Eine aktive Unterst&#252;tzung der Aufst&#228;nde in Oaxaca w&#252;rde die Spaltung zwischen den linken und rechten Fraktionen innerhalb der PRD provozieren und die Gefahr des Kontrollverlusts &#252;ber die Parteibasis mit sich bringen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Adolfo Gilly, radikaler mexikanischer Autor und bekanntes Mitglied der PRD, setzt mit seiner Kritik an Obrador genau hier an.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> W&#228;hrend Hundertausende von der PRD gegen den Wahlbetrug in wochenlangen Protesten mobilisiert werden konnten, bem&#252;hte sich Obrador nicht, seiner Kritik am Vorgehen der PRI und PAN und seiner verbalen Solidarit&#228;t mit den Menschen in Oaxaca auch auf dieser Ebene einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Isolation in der sich der Aufstand Oaxacas aufgrund der Passivit&#228;t der mexikanischen Massenbewegungen befand, wurde so zu einem der wesentlichen Stolpersteine f&#252;r die Bewegung.</p>
<h3>Die letzte Schlacht…</h3>
<p>Die Rechte Mexikos bereitete sich unterdessen auf den Gegenschlag vor. Bis Oktober zeichnete sich ein B&#252;ndnis zwischen der PAN-Regierung und dem in die Ecke gedr&#228;ngten PRI Gouverneur von Oaxaca ab. Beide waren aufeinander angewiesen. Ulises brauchte Bundesunterst&#252;tzung f&#252;r die Niederschlagung des Aufstands in Oaxaca und Calderón ben&#246;tigte die PRI-Unterst&#252;tzung in der Auseinandersetzung um die Pr&#228;sidentschaftswahl. Daraufhin wurden die von Ulises lange angeforderten Bundespolizeieinheiten (PFP) nach Oaxaca entsandt.<br />
Dies war aber nur der H&#246;hepunkt einer Hetz- und Repressionswelle gegen die APPO. Bereits &#252;ber den ganzen Sommer hinweg wurden zahlreiche APPO-SprecherInnen von ZivilpolizistInnen oder PRI-Anh&#228;ngerInnen ermordet. Bewaffnete M&#228;nner fuhren auf nicht gekennzeichneten Pick-Ups durch die Stadt und lie&#223;en regelm&#228;&#223;ig Mitglieder der APPO verschwinden. Die APPO beschloss daraufhin noch mehr Barrikaden zu errichten und diese<span>  </span>st&#228;rker zu besetzen. Trotzdem tappte sie nicht in die Falle, sich auf eine milit&#228;rische Auseinandersetzung einzulassen. Zwei gef&#228;hrliche Szenarien bestanden f&#252;r sie: Das erste ist, die APPO zu provozieren, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Damit h&#228;tte sie sich in das politische Aus katapultiert und ein milit&#228;risches Vorgehen des Staates erm&#246;glicht. Das zweite beschreibt er als den Gang durch die Institutionen, welcher die APPO zu genau dem gemacht h&#228;tte, was sie urspr&#252;nglich bek&#228;mpft hatte – einen Teil des politischen Systems. Die APPO lie&#223; sich auf beides nicht ein und das ist auch der Grund, weshalb trotz massiver Repression der Kampf in den letzten Monaten weitergef&#252;hrt werden konnte.<br />
Ende November f&#252;hlte sich der Staat stark genug, um die direkte Konfrontation mit der APPO zu suchen. Ausgangspunkt war ein friedlicher Massenprotest am 25. November, der von bewaffneten PRI-Anh&#228;ngerInnen und Polizeieinheiten angegriffen wurde. In stundenlangen Auseinandersetzungen gewann die Polizei nach und nach die Oberhand und die letzten Barrikaden fielen. Hunderte Verhaftete und Verletzte waren das Resultat. Die APPO-F&#252;hrung wurde in den Untergrund gedr&#228;ngt.<br />
Die Bev&#246;lkerung Oaxacas musste f&#252;r ihre Herausforderung der Staatsmacht mit Blut bezahlen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres schufen ein neues kollektives Bewusstsein, welches mit schierer Polizeirepression nicht einfach gel&#246;scht werden kann.</p>
<h3>…gewinnen wir!</h3>
<p>Die oft gezogene historische Parallele zwischen den Ereignissen in Oaxaca und der Kommune von Paris 1871 ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. In beiden F&#228;llen entstanden aus den politischen und organisatorischen Notwendigkeiten einer Massenbewegung Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, die eine tats&#228;chliche Gegenmacht zum b&#252;rgerlichen Herrschaftsapparat darstellten. Die Frage nach der Macht in der Gesellschaft musste nicht bewusst gestellt werden, sondern dr&#228;ngte sich aufgrund der Herausforderung von selbst auf. Die Alternative „die Welt zu ver&#228;ndern ohne die Macht zu ergreifen“, wurde in dieser Situation obsolet.<br />
Auch die Niederlagen der Kommunen in Paris und Oaxaca haben gemeinsame Ursachen. Die fehlende &#252;berregionale Vernetzung, zum Beispiel mit der Massenbewegung von Obrador, f&#252;hrte durch Isolation zum vorl&#228;ufigen Ende dieses Experiments einer Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen. Doch der Prozess ist noch lange nicht beendet. Noch immmer sind zahlreiche Gemeinden in Oaxaca in Verbindung zur APPO selbstverwaltet. Die APPO hat sich nach einer massiven Repressionswelle und der R&#252;ckkehr des Staatsapparats Ende November wieder neu formieren k&#246;nnen und formulierte bereits ihr weiteres Vorgehen. Zentrale Herausforderung ist es nun, den Kampf auf eine nationale Ebene zu heben – das schlie&#223;t eine noch radikaler ausformulierte Kritik an den Institutionen und dem Machtgef&#252;ge der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit ein.</p>
<p>Der Aufstand in Oaxaca und die Formierung der APPO stehen im Kontext einer Entwicklung, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Poder popular ist der Slogan sowohl in den Bewegungen in El Alto und Cochabamba, Bolivien, als auch in der bolivarianischen Revolution in Venezuela.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Die Kommune von Oaxaca ist damit ein weiterer Baustein des Projekts eines Sozialismus im 21. Jahrhundert.</p>
<p><em>Vielen Dank an Lukas Hammer und Stephanie Deimel f&#252;r die Diskussion und die Unterst&#252;tzung bei der Recherche.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Es wurden 6 Prozent Gehaltserh&#246;hung, 2 Prozent mehr Zusch&#252;sse und sogar die Nachzahlung der L&#246;hne f&#252;r die Zeit des Streiks erk&#228;mpft. Siehe dazu: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2006-08/artikel-6883884.asp.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Dabei wurde auf den Erfolg sozialer Bewegungen und die Wahl von linken Pr&#228;sidenten wie in Bolivien (Evo Morales) und Venezuela (Hugo Chávez) Bezug genommen.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Atenco ist seit dem Kampf der Bev&#246;lkerung gegen ein Flughafen-Gro&#223;projekt 2001 ein Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Die gro&#223;e und m&#228;chtige SNTE war in den letzten 70 Jahren stark mit der regierenden PRI verbunden. Entgegen ihrer hierarchischen Organisationsstruktur war die Sektion 22 lange Zeit die Bastion der demokratischen Fraktion in der Gewerkschaft. Siehe: Carlsen, Laura: Oaxaca Fights Back, 8. November 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3688.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>Salzman, George: From Teachers’ Strike Towards Dual Power. The Revolutionary Surge in Oaxaca, 30. August 2006, http://www.counterpunch.org/salzman08302006.html.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Navarro, Luis Hernández: Lessons from the Teachers. Repression and Resistance in Oaxaca, 21. November 2006, http://www.counterpunch.org/navarro11212006.html.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Das waren die bisher gr&#246;&#223;ten Proteste in Oaxaca, die sich aber in den n&#228;chsten Monaten noch mehrmals verdoppeln sollten. Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Davies, Nancy: Oaxaca Teachers Organize “Popular Assembly” to Oppose the State Government. Talks with Federal Negotiators Cancelled as Teachers’ Strike Dedicates Itself to Ousting the Governor, 21. Juni 2006, http://www.narconews.com/Issue42/article1928.html.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Tourismus, ein Segen f&#252;r die Kassen der Reichen und der oberen Mittelschicht Oaxacas, hat daf&#252;r gesorgt, dass die Preise in den letzten Jahren stark anstiegen w&#228;hrend die Geh&#228;lter bei weitem nicht mitziehen haben k&#246;nnen. Das sch&#246;n herausgeputzte Kolonialidyll der Stadt Oaxaca steht somit in einem krassen Gegensatz zu verfallenden Schulgeb&#228;uden und Armut insbesonders in den indigenen l&#228;ndlichen Regionen.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Der Plan <em>Puebla Pananma</em> umfasst fast den gesamten Mittelamerikanischen Raum. Er f&#252;hrt zur Enteignung von ehemals indigenem Land f&#252;r Infrastrukturprojekte zur Verbesserung des Zugriffs der Multinationalen Konzerne und des Tourismus auf die Region. Durch den PPP wird die „Maquiladorisierung“ des S&#252;dens angestrebt, dessen dramatische soziale Auswirkungen bereits seit den 80er Jahren im Norden Mexikos an der US-Grenze zu beobachten sind.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>1972 wurde die COCEO (<em>Coalición de Obreros, Campesions, y Estudiantes de Oaxaca</em> – Koalition der Arbeiter, Bauern und Studenten) gegr&#252;ndet. Ihr Einfluss reichte weit &#252;ber die Universit&#228;t hinaus und schuf Verbindungen zu ruralen und urbanen Gruppen. Au&#223;erdem war die Koalition an der Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften beteiligt. Bereits Mitte der 70er Jahre, im Zuge der oft radikalen K&#228;mpfe um Land und soziale Gerechtigkeit, wurde die korrupte Herrschaft der PRI massiv kritisiert. Letztlich wurde die Bewegung jedoch blutig niedergeschlagen. Siehe dazu: Murphy, Arthur D./ Stepick, Alex: Social Inequality in Oaxaca. A History of Resistance and Change, Philadelphia 1991, S. 120.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Davies, Nancy: In The Wake of the Otra: Because We are all Prisoners, 7. M&#228;rz 2006, http://narcosphere.narconews.com/story/2006/3/7/115248/3372.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> 70 Prozent der 3,5 Millionen EinwohnerInnen des Bundesstaates Oaxaca sind Indigenas. &#220;ber die H&#228;lfte von ihnen lebt in Armut mit schlechter sozialer Infrastruktur und in 46% der Haushalte gibt es mindestens eine Person die in die USA migrieren musste weil ihre Gemeinde&#246;konomien durch die neoliberalen Reformen der Regierung zerst&#246;rt oder einfach nicht mehr lebenserhaltend waren. Siehe dazu: Gause, Rochelle: Toward dual power. People’s alternatives in Oaxaca, in: <em>Left Turn</em> 23 (J&#228;nner/Februar 2007), S. 22.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Seit den 70er Jahren findet ein Kampf um die Restoration solcher kommunaler Formen der Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und Identit&#228;t statt. Siehe dazu: Davies, Nancy: Oaxaca Initiates Alternative Government: Popular Assembly Reclaims Government Palace for the People, 7. Juli 2006, http://narconews.com/Issue42/article1964.html; Carlsen: a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Ulises verlegte 2005 den Regierungssitz vom Zócalo nach au&#223;erhalb der Stadt – aus Angst vor Protesten und um eine stabile Regierungst&#228;tigkeit zu erm&#246;glichen. Siehe in: Davies: Oaxaca Initiates Alternative Government, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Tatsache ist, dass Obrador durch Infrastrukturprogramme, reale soziale Verbesserungen f&#252;r die &#196;rmsten und einem Schuss Populismus eine Massenverankerung in den mexikanischen Unterschichten, besonders in Mexiko-City gewinnen konnte. Schlie&#223;lich bekam Obrador in der Pr&#228;sidentschaftswahl am 2. Juli die Stimmen von (wahrscheinlich mehr als) 15 Millionen MexikanerInnen.</p>
<p><a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>Camp, Roderic Ai: Politics in Mexico. The Democratic Consolidation, New York 2007, S. 233. Der popul&#228;rste PRI Dissident war Cuauhtémoc Cárdenas, der in der Pr&#228;sidentschaftswahl 1988 der PRD-Kandidat war und sich wahrscheinlich nur wegen Wahlmanipulation nicht gegen den PRI-Kandidaten Salinas hat durchsetzten k&#246;nnen. Siehe dazu: Giordano, Al: Mexico‘s Presidental Swindle, in: <em>New Left Review</em> 41 (2006), S. 5-27<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>Cárdenas kritisierte Obrador bereits f&#252;r seine respektlose Haltung gegen&#252;ber den mexikanischen politischen Institutionen. Ebd.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Gilly, Adolfo: Solitary in Flames, in: <em>La Jornada</em>, 1. November 2006, Englische &#220;bersetzung: http://www.narconews.com/Issue43/article2257.html.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Vgl. die Artikel zu Bolivien und Venezuela in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
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		<title>Sexy Sexismus</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 12:21:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.</p>
<p><span id="more-32"></span></p>
<h3>Starke Frauen, ein bisschen verspielt</h3>
<p>„You can bang your head against the wall and try and find a relationship or you can say <em>screw it</em> and go out and have sex like a man.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> So bewirbt Kim Catrall alias Samantha Jones die erste Staffel von „Sex and the City“, die 1998 erstmals in den USA ausgestrahlt wurde und als „die erste Kom&#246;die &#252;ber Sex und Liebe aus der weiblichen Perspektive”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> gefeiert wird. Bemerkensweit erscheint dabei allerdings, dass die Hauptdarstellerinnen wie Models aussehen, st&#228;ndig Modemagazine lesen und Schuhe kaufen und am Ende der Serie jede doch ihre „wahre Liebe“ findet.<br />
„Tell me what you think about me, I buy my own diamonds and I buy my own rings, Only ring your cell-y when I’m feelin lonely, When it’s all over please get up and leave…“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, singen Destinys Child im Song „Independent Women“. Das Lied geh&#246;rt zum Soundtrack von „Charlie’s Angels“, einem Remake der 70er Jahren TV-Serie „Drei Engel f&#252;r Charlie“, mit Farrah Fawcett. „Der Erfolg der Serie beruhte sicherlich mehr auf der Attraktivit&#228;t ihrer drei Hauptdarstellerinnen als auf der Originalit&#228;t der Drehb&#252;cher“, behauptet Wikipedia. Auch in den 2000 und 2003 gezeigten Kinoversionen ist der Plot wenig originell, daf&#252;r sind die Engel als knapp bekleidete Geishas, Heidis und in anderen stereotypisierenden Minikleidern zu sehen. Der emanzipatorische Fortschritt im Laufe von drei&#223;ig Jahren ist hier schwer auszumachen.<br />
Die neuesten Sexsymbole der Popindustrie sind die „Pussycat Dolls“, die sowohl in den Songtexten als auch in der erotischen Optik eine neue qualitative Stufe darstellen. Auf ihrer Homepage, auf der &#252;brigens die neuen „Don’t-cha“-Tank-Tops und andere <em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">must-haves</span></em><span> k&#228;uflich zu erwerben sind, erkl&#228;rt Lead-S&#228;ngerin Nicole Scherzinger die Philosophie der K&#228;tzchen: „Wir sind zwar stark, aber wir wollen manchmal auch einfach nur spielen. Diese Zeile in ‚Don’t Cha’ &#8211; sie lautet ‚don’t cha wish your girlfriend was hot like me’ –, sie soll unsere Zuh&#246;rer zum Beispiel best&#228;rken. Denn es geht uns bei The Pussycat Dolls um mehr als nur um das hei&#223;e Aussehen – wir wollen auch echte Gef&#252;hle transportieren.“. Robin Antin, die Gr&#252;nderin des „Tanzensembles“ formuliert noch enthusiastischer: „Es geht darum, vor dem Spiegel zu singen und zu tanzen und einfach Spa&#223; dabei zu haben“, denn: „In jeder Frau steckt eine Pussycat Doll“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></span></p>
<h3>Das Spiel hat Folgen</h3>
<p>Was hier danach klingt, Spa&#223; mit dem eigenen sexuellen Experimentieren zu haben, nach frechen Frauen mit Selbstbewusstsein und „wir k&#246;nnen alles haben“ hinterl&#228;sst bei genauerer Betrachtung trotzdem ein komisches Gef&#252;hl – intuitiv zweifeln wir an den emanzipatorischen Inhalten hinter Carries Kolumne und den stets nur in schwarzer Lackunterw&#228;sche „echte Gef&#252;hle“ transportierenden Katzenp&#252;ppchen (wobei „Pussy“ bekannter Weise ja nicht ausschlie&#223;lich kleine Katzen bezeichnet).<br />
Auch von der Mainstream Wissenschaft wird erkannt, dass das so genannte Spielen mit Klischees von Sexiness im Kontext sich epidemieartig ausbreitender Essst&#246;rungen und anderer psychischer Probleme junger Frauen zum bitteren Ernst werden kann. Die „American Psychological Association“ (APA) ver&#246;ffentlichte 2007 einen Bericht der Task Force „Sexualisation of Girls“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, der diesen Zusammenhang genauer untersucht. In diesem Bericht wird Sexualisierung definiert als (1) der Wert einer Person wird aus der sexuellen Ausstrahlung abgeleitet, unter Ausschlie&#223;ung anderer Merkmale (2) eine Person wird einem eng definierten Attraktivit&#228;tsstandard angepasst um sexy sein (3) eine Person wird zum sexuellen Objekt, einem Ding mit sexuellem Wert, und/oder (4) Sexualit&#228;t wird unangemessener Weise auf eine Person projiziert, besonders in Bezug auf Kinder.<br />
Zun&#228;chst wird eine Reihe wissenschaftlicher Studien aufgelistet, die Sexualisierungsmechanismen aufzeigen. Die Ergebnisse k&#246;nnen folgenderma&#223;en zusammengefasst werden. Sexualisierung von Frauen gibt es in fast allen Medien: Fernsehserien, Werbung, Magazine, Internet, Videospiele uvm. (z. B. Gow, 1996, Blauwkamp &amp; Wesselink, 2001) Frauen werden weitaus &#246;fter als M&#228;nner sexualisiert und verdinglicht (Ansager &amp; Roe, 1999). Die Sexualisierung fokussiert sich auf junge Frauen, wobei h&#228;ufig das Ph&#228;nomen verschwimmender Altersgrenzen beobachtet wurde (Cook &amp; Kaiser, 2004). Beispielsweise gibt es Tanga-Slips f&#252;r 7-10 j&#228;hrige M&#228;dchen mit der Aufschrift „wink-wink“, oder umgekehrt werden bei Unterw&#228;sche-Modenschauen erwachsene Models als kleine M&#228;dchen angezogen, usw. Die Sexualisierung manifestiert sich auch in interpersonellen Beziehungen. Eltern vermitteln ihren T&#246;chtern, dass Attraktivit&#228;t das Wichtigste f&#252;r ein M&#228;dchen ist (Nichter, 2000) und ermutigen teilweise zu Sch&#246;nheits-Operationen. Freundinnen wenden konformierende Standards von D&#252;nn-Sein und Sexy-sein aufeinander an (Thorne, 1999). Buben bel&#228;stigen und sexualisieren ihre Mitsch&#252;lerinnen (Lindberg, Grabe &amp; Hyde, 2007). Das interessanteste Ergebnis der Untersuchungen ist in diesem Zusammenhang, wie M&#228;dchen sich selbst sexualisieren. Die psychologische Forschung erkennt die Selbstverdinglichung (<em>self-objectification</em>) dabei als Schl&#252;sselprozess, d. h. M&#228;dchen behandeln ihre eigenen K&#246;rper als Objekte der Begierde Anderer (Frederikson &amp; Roberts, 1997). Die Psychologie spricht von der Internalisierung der Beobachter-Perspektive, wobei die M&#228;dchen vor allem ihr Aussehen bewerten und es mit einem eng definierten Attraktivit&#228;ts- und Sexiness-Standard vergleichen.<br />
Im zweiten Teil des APA-Reports geht es um die Folgen dieser Sexualisierung. Eine der dramatischsten Auswirkungen ist dabei der Anstieg an diagnostizierten Essst&#246;rungen (vor allem Anorexie und Bulimie) bei M&#228;dchen zwischen 10 und 19 Jahren. Einige ForscherInnen berichten, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem &#252;ber die Medien vermittelten Sch&#246;nheitsideal und dem Verbreitungsgrad dieser Krankheiten gibt (Lucas, Beard, O´Fallon und Kurland, 1991). So zeigt z.B. eine Studie auf den Fidschi-Inseln, dass sich dort drei Jahre nachdem das westliche Fernsehen eingef&#252;hrt wurde, die Essgewohnheiten und die Einstellungen junger M&#228;dchen zu ihrem K&#246;rper dramatisch ver&#228;nderten (Becker, 2004). Eine weitere offensichtliche Auswirkung ist die Nachfrage nach Sch&#246;nheitsoperationen. Die Daten der American Society of Plastic Surgeons<sup>6</sup> belegen im Zeitraum 2000-2005 einen Anstieg der j&#228;hrliche Rate an Botox-Injektionen um 388%, der Fettabsaugungen um 115% und der Po-Liftings um 283%. Aber nicht alle Folgen der Sexualisierung sind &#228;u&#223;erlich sichtbar. So zeigen mehrere Studien Korrelationen zwischen medial vermittelter Sexualisierung und niedrigem Selbstwert, negativer Stimmung und depressiven Symptomen (z. B. Durkin &amp; Paxton, 2002). Au&#223;erdem zeigen M&#228;dchen, die h&#228;ufiger Bildern von idealisierten K&#246;rpern ausgesetzt sind, oft Anzeichen von &#196;ngstlichkeit, Scham- und Ekelgef&#252;hlen gegen&#252;ber dem eigenen K&#246;rper (z. B. Slater &amp; Tiggermann, 2002). Interessant ist auch, dass M&#228;dchen, die viele Musikvideos und Magazine konsumieren, bei denen es um ein bestimmtes Stereotyp von Sexualit&#228;t geht, von ihren eigenen sexuellen Erfahrungen h&#228;ufiger entt&#228;uscht sind und auch ihrer Gesundheit dabei weniger Beachtung schenken (Impett, Schooler und Tolman, 2006), Safe-Sex ist oft nicht mehr die erste Priorit&#228;t, was auch mit den Verschlechterungen in der Aufkl&#228;rungsarbeit an amerikanischen Schulen in Verbindung gebracht werden kann.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Als gesellschaftliche Folgen f&#252;hrt der Bericht die Zunahme von Sexismus, sexueller Bel&#228;stigung und Gewalt, sowie von Kinderpornographie an.</p>
<p>PsychologInnen haben verschiedene Theorien entwickelt, warum Frauen und M&#228;dchen sich den Sexualisierungs-Normen anpassen. Die meisten thematisieren pers&#246;nliche oder gesellschaftliche Verst&#228;rkungsmechanismen, die bestimmte Bilder und Verhaltensweisen von M&#228;dchen belohnen bis diese internalisiert werden. Diese Bilder entstehen aber in der sozialen Auseinandersetzung. Die Darstellung von Frauenk&#246;rpern ist nicht zuletzt ein umk&#228;mpftes Feld.</p>
<h3>Der Kampf um Sexuelle Befreiung</h3>
<p>In Verbindung mit den politischen und sozialen Auseinandersetzungen rund um das Jahr 1968 entstand auch eine eigenst&#228;ndige Bewegung die sich f&#252;r Frauenrechte und Emanzipation einsetzte. Die Frauenbewegung der sp&#228;ten 60er und fr&#252;hen 70er Jahre war gepr&#228;gt vom Kampf um sexuelle Befreiung, um (sexuelle) Selbsterfahrung und Selbstbestimmung. Es ging um ein Aufbrechen des konservativ-restriktiven Zugangs zu Sexualit&#228;t. Die Darstellung nackter K&#246;rper(teile), etwa auf den Titelbl&#228;ttern linker StudentInnenzeitungen, sollte die spie&#223;b&#252;rgerliche Verklemmtheit provozieren. Sexualit&#228;t, vor allem weibliche Sexualit&#228;t wurde gefeiert. Das Nach-au&#223;en-Tragen des Sexes war Teil des Kampfes um Autonomie und Identit&#228;t.<br />
Tats&#228;chlich konnte die Frauenbewegung im Lauf der 70er und fr&#252;hen 80er Jahre einige Ziele erreichen – von &#196;nderungen in der Gesetzgebung bis zu einer gesellschaftlichen Verschiebung des Frauenbildes und der &#196;chtung frauenfeindlicher Praktiken. In der theoretischen Weiterentwicklung der Bewegung, r&#252;ckten in dieser Zeit der Zusammenhang von struktureller Gewalt und dem scheinbar individuellen Leiden vieler Frauen und M&#228;dchen in den Vordergrund. Bisher tabuisierte Aspekte der Beziehung zwischen M&#228;nnern und Frauen, wie Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Bel&#228;stigung und Kindesmissbrauch, standen nun im Mittelpunkt des Interesses der Frauenbewegung und trugen viel zum Verst&#228;ndnis der Machtverh&#228;ltnisse zwischen den Geschlechtern bei.<br />
Der Differenzierungsprozesse innerhalb der Frauenbewegungen spitzten sich zu, als sich die Gewalt-Debatten vermehrt auch um die Ablehnung von Pornographie drehten. Die zwei zentralen Zug&#228;nge wurden einerseits von so genannten „sexpositiven“ und andererseits von „antipornografischen“ FeministInnen vertreten. Die Ersteren bezogen sich auf die in der Gesellschaft ohnehin schon eingeschr&#228;nkte weibliche Sexualit&#228;t und auf das Bestreben der sexuellen Befreiung. Dagegen argumentierte Andere „Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>. Besonders als in Anti-Porno-Kampagnen B&#252;ndnisse mit nach Zensur lechzenden Konservativen geschlossen wurden und auch Prostituierte ins Schussfeld gerieten, befand sich dieser Teil der Bewegung f&#252;r viele Frauen im Abseits<sup>9</sup>. Diese Entwicklungen, die Spaltung der Frauenbewegung, die Konzentration der FeministInnen auf einzelne Aspekte des sexuellen Ausdrucks in den 1970er und 1980er Jahren kann nur im Kontext des allgemeinen Niedergangs der „68er-Bewegung“ verstanden werden.</p>
<h3>Post-Feminismus und <em>Raunch Culture </em></h3>
<p>Das Klischee der sexfeindlichen Birkenstock-Emanze hat sich bis heute erhalten. „Wenn wir Worte wie Emanzipation, Geschlechterkampf und Feminismus laut aussprechen, dann kommen wir uns vor, als ob wir einen dicken D&#246;ner mit ordentlich Tsatsiki gegessen h&#228;tten. Es m&#252;ffelt &#252;bel, abgestanden, unappetitlich, peinlich“, schreibt die Autorin Katja Kullmann in ihrem Bestseller „Generation Ally“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><br />
Heute wird oft von der &#196;ra des „Postfeminismus“ gesprochen, in der <em>scheinbar</em> auf die urspr&#252;nglichen Ideale freier Sexualit&#228;t rekurriert wird. „&#8230;Es ist die post-sexuelle-Revolution, post-Frauenbewegungs-Generation, welche jetzt in ihren Zwanzigern und fr&#252;hen Drei&#223;igern steht – es wird auch weitergehen mit den Generationen, die ihnen folgen – sie haben einfach einen erwachseneren, angenehmeren, nat&#252;rlichen Zugang zu Sex und Sexiness, der mehr in die Richtung geht, wie M&#228;nner es Generationen zuvor erlebt haben&#8230;<sup>&#8220;</sup><a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Mit einer besonders verdrehten Art des Postfeminismus, dem so genannten <em>raunch feminism</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> besch&#228;ftigt sich Ariel Levi in ihrem neuen Buch „Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>. Diese Str&#246;mung versucht sich selbst in die Tradition des Kampfs um sexuelle Befreiung<span>  </span>zu stellen, hat aber bei n&#228;herer Betrachtung damit herzlich wenig zu tun.<br />
Ein Beispiel f&#252;r dieses Missverst&#228;ndnis ist die Frauen-Organisation CAKE<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, mit dem Verst&#228;ndnis, dass „die neue sexuelle Revolution dort ist, wo sich sexuelle Gleichberechtigung mit Feminismus trifft“. Auf den ber&#252;hmten CAKE-Parties in New York und London kann „weibliche Sexualit&#228;t erobert“ und „Feminismus in Aktion“ erlebt werden: Striptease von und mit Frauen f&#252;r Frauen, Pornos, Life-sex-streams, … Weibliche G&#228;ste laufen oft nur in sexy Unterw&#228;sche herum, M&#228;nner, die zwar nur in Begleitung einer CAKE-Frau Einlass finden, bleiben dabei nat&#252;rlich angezogen. Die Stripperinnen entsprechen in K&#246;rperform und Bekleidung dem &#252;blichen Klischee. Levi fragt zu Recht: Warum ist das der neue Feminismus und nicht das, wonach es aussieht, der alte Sexismus? Die CAKE-Erfinderinnen, Emily Kramer and Melinda Gallagher, fr&#252;her aktiv in der Frauenbewegungen, sehen das nat&#252;rlich ganz anders. Sie zelebrieren mit CAKE den „modernen Feminismus“. Levi meint dazu „CAKE ist ein Beispiel f&#252;r die seltsame Art und Weise, in der Leute die Widerspr&#252;che der Vergangenheit ignorieren und so tun, als ob sie nie existiert h&#228;tten. Sie mischen einfach verschiedenste und durchaus widerspr&#252;chliche Ideologien zusammen und kreieren damit die inkoh&#228;rente Marke <em>raunch feminism</em>.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Von der andren Seite her, gelingt es Firmen wie <em>Playboy</em> oder diversen Stripclubs ihr Image scheinbar so zu ver&#228;ndern, dass sogar ehemalige Frauenbewegungsaktivistinnen sie als fortschrittlich und emanzipatorisch bezeichnen. Einige Frauen glauben, den Spie&#223; umzudrehen, indem die Produkte der Sex-Industrie selbst konsumieren. Oft spielen bei diesem Image-Wandel weibliche F&#252;hrungskr&#228;fte eine zentrale Rolle. So erkl&#228;rt z. B.Christie Hefner, Tochter des Playboy-Erfinders Hugh Hefner und eine der Leiterinnen des Playboy-Konzerns: „Das H&#228;schensymbol stellt sexy Spa&#223; und ein bisschen Rebellion dar, so wie Bauchnabel-Piercings etwa – oder tief geschnittene Jeans… Es zeigt mehr <em>ich habe Kontrolle dar&#252;ber, wie ich aussehe und welches Statement ich mache</em> im Gegensatz zu <em>es ist mir peinlich oder ich f&#252;hle mich unwohl damit</em>…auff&#228;llig, schrill, aber nicht ganz ernst gemeint…verspielt ist wohl die beste Bezeichnung“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die neue Trendsportart Strip-Aerobic, inklusive Poledancingstange f&#252;r zuhause<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a>, die Mode der mehr oder weniger offiziell bezeichneten „Nuttenstiefel“ oder die T-Shirts mit der Aufschrift „Porn-Star“, sollen in dieser Denkart ein Anzeichen f&#252;r die endlich erreichte sexuelle Befreiung sein. „An die Stelle des Kampfes gegen sexuelle Bel&#228;stigung ist der Kampf f&#252;r sexuelle Befriedigung getreten“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> meint z. B. ein m&#228;nnlicher Besucher einer CAKE-Party.</p>
<p>Die ehemalige Pornodarstellerin Traci Lords bringt es gut auf den Punkt: „Als ich noch im Gesch&#228;ft war, war Porno etwas f&#252;rs dunkle Hinterzimmer. Heute ist er &#252;berall!“ <a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a>Ist damit das Ziel befreiter Sexualit&#228;t erreicht?</p>
<h3>K&#252;nstliche K&#246;rper, <em>fake sex</em></h3>
<p>Die heute omnipr&#228;senten Bilder von Sex und Sexiness wirken auf Frauen aber nicht befreiend, in Gegenteil. Der soziale Druck sich den Schablonen anzupassen, kann sich in weiterer Folge sogar pathologisch auswirken kann (siehe APA-Report). Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es bei <em>Raunch Culture</em> weder um echte Befreiung noch um echten Sex geht. Die K&#246;rperbilder, sind nicht nur stereotypisiernde, verdinglichende Schablonen, sie sind auch schlicht weg nicht real. Die Models sind operiert und geschminkt und die Fotos werden im Nachhinein bearbeitet. Hier wird ein Ideal produziert, das so nicht existiert. Digitale Medien verst&#228;rken diesen Trend und es kommt zu &#220;berg&#228;ngen zu virtuellen Idealen. Beispielsweise hat Pro Sieben zur TV-Show „Germanys Next Topmodel 2“ ein Online Spiel herausgebracht, bei dem die Teilnehmerinnen in die Rolle eines potentiellen Topmodels (dargestellt mit den Gesichtern der Kandidatinnen aus dem Fernsehen) schl&#252;pfen und diese nach dem „Sims“-Prinzip aufbauen m&#252;ssen, d.h. ins Fitness-Center gehen, Laufsteg-Training absolvieren, sich richtig ern&#228;hren usw. Nat&#252;rlich gibt es auf der Homepage<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> auch Tipps, wie M&#228;dchen diese Dinge im realen Leben am besten machen. Aber auch mit der eisernsten Disziplin, niemand kann jemals so aussehen wie die Computer Figuren.<br />
Auch die Sexualit&#228;t, die uns gezeigt wird ist „fake sex“. So gibt es Aussagen von Poledancing-Turnerinnen, die als Nachteil dieser Form der sportlichen Ert&#252;chtigung die blauen Flecken anf&#252;hren, die das Tanzen an der Stange hinterlassen oder Berichte von Teilnehmerinnen von „Girls gone Wild“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die das Herumknutschen mit ihren (heterosexuellen) Freundinnen als weniger prickelnd empfanden und damit nur klischeehafte M&#228;nnerphantasien befriedigen. Bei der neuen Sexiness geht es um das Vort&#228;uschen von Lust, eine Frau die wirklich sexuell erregt ist, macht ganz andere Gesichtsausdr&#252;cke als Christina Aguilera in ihren Videos. Das Ph&#228;nomen <em>Raunch Culture</em> bringt nicht einfach ans Tageslicht, was sich tats&#228;chlich „in den Schlafzimmern“ abspielt, es zeigt uns ein ganz bestimmtes irreales und unerreichbares Bild von Sex und K&#246;rperlichkeit. Hier gibt es keinerlei Kontinuit&#228;t zur sexuellen Befreiung der 68er Bewegung.</p>
<h3>K&#246;rperbilder und Neoliberalismus</h3>
<p>Das spezifische K&#246;rperideal, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist also kein Abbild real existierender K&#246;rper. K&#246;rpererleben ist von der Kultur, als Teil eines herrschenden Systems, vermittelt. Es gibt kein „nat&#252;rliches“ K&#246;rperempfinden. Gesellschaftliche Machtstrukturen sind in die jeweils vorherrschenden K&#246;rperideale eingeschrieben<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a>. Der Neoliberalismus, als Rekonfiguration des Kapitalismus modifiziert auch die K&#246;rperbilder nach seinen Idealen.K&#246;rperlichkeit erf&#228;hrt im Neoliberalismus eine Aufwertung. Es geht um perfekte, um bearbeitete K&#246;rper. Diese Pr&#228;misse enth&#228;lt mehrere Aspekte.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Funktionalit&#228;t und Konformit&#228;t<o></o></span></p>
<p>Die K&#246;rper m&#252;ssen funktionieren. In einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit und Unsicherheit darf der K&#246;rper keine Funktionsdefizite aufweisen. Au&#223;erdem darf er auch in der Erscheinungsform nicht von einer bestimmten Norm abweichen. In dieser Norm sind Selbstdisziplin und Eigenoptimierung verk&#246;rpert. Wer sich nicht engagiert einem K&#246;rperideal nachzueifern, ist einfach kein eifriger Mensch. Wer sich weigert, sich der Konformit&#228;t der K&#246;rperkultur unterzuordnen, kann sich nirgends unterordnen. Und wer sich bem&#252;ht und es trotzdem nicht schafft, der schafft vielleicht &#252;berhaupt nichts im Leben.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">K&#246;rper und Sex als Kapital<o></o></span></p>
<p>„Dein K&#246;rper ist dein Kapital.“ sagt Heidi Klum, eines der erfolgreichsten Models der Welt und Autorin des Buches „Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life)“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a><br />
. In diesem Stadium des Kapitalismus, in dem das Erschlie&#223;en neuer M&#228;rkte die wichtigste Herausforderung geworden ist, ist einfach alles k&#228;uflich. K&#246;rper sind f&#252;r viele Frauen zur Investition geworden. Sie stecken Geld und Arbeit hinein und hoffen auf gute Ertr&#228;ge, sowohl am Arbeits-, als auch am Beziehungsmarkt. Klar ersichtlich ist dieses Prinzip bei Internet Single-B&#246;rsen. Jede hofft „einen guten Schnitt zu machen“, sich nicht „unter Wert zu verkaufen“, usw.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Wettbewerbslogik und K&#246;rperklassen</span><span><o></o></span></p>
<p>Nat&#252;rlich geht es auch bei den K&#246;rperlichkeiten um Superlative. Wer den sch&#246;nsten, schlanksten, sexisten K&#246;rper hat entscheidet scheinbar einzig und allein der freie Wettbewerb. Eine Reihe von TV-Formaten, à la „Germany’s Next Topmodel“ zeigen es vor. Jede kann es schaffen vom Cover der n&#228;chsten Cosmopolitan zu strahlen. Die Konkurrenz ist nat&#252;rlich. Es kann nur Eine geben. Aber wer gewinnt, entscheiden die, die schon auf der Gewinnerseite stehen. Nat&#252;rlich muss auch beachtet werden, dass das perfekte Aussehen Geld kostet. Fitness-TrainerInnen, Ern&#228;hrungsberaterInnen und Sch&#246;nheitschirurgInnen sind nicht f&#252;r jede leistbar. Menschen in diesen Berufen m&#252;ssen auch an sich arbeiten, sie machen vor dass es funktioniert (z. B. die Ern&#228;hrungsberaterin von „Du bist was du isst“ auf ATV), es braucht nur den Willen und das n&#246;tige Kapital.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Pseudo-Wahlfreiheit<o></o></span></p>
<p>Es gibt noch etwas, das frau wissen muss, bevor sie sich in den Kampf wirft: DU musst dich daf&#252;r entscheiden. Angeblich haben wir die Wahl, niemand zwingt dich gut auszusehen. Es gibt keine Bekleidungsvorschriften mehr, angeblich ist auch in der Mode jetzt alles erlaubt, aber warum sehen dann nicht nur die Frauen in den Modemagazinen, sondern auch die auf der Stra&#223;e alle so verdammt gleich aus? In vielen Magazinen gibt es die Dos and Don’t Seiten, wer sich auf der don’t Seite findet ist zumindest &#228;u&#223;erst peinlich ber&#252;hrt. Blo&#223;stellen statt sanktionieren. Angeblich k&#246;nnen sich Frauen heute frei entscheiden, f&#252;r Beruf, Familie, Beziehungskonstellation, Produkte die sie kaufen, usw. Aber bei genauerer Betrachtung ist die Wahlfreiheit gar nicht so gro&#223; und hinterl&#228;sst nur das Gef&#252;hl, selbst schuld zu sein, wenn der gew&#228;hlte Weg keinen Spa&#223; macht. Und keinen Spa&#223; zu haben ist auch keine Option.</p>
<h3>Kapitalismus schluckt und spuckt</h3>
<p>Wir k&#246;nnen also sagen, dass jene Fortschritte der sexuellen Befreiung, die bereits erk&#228;mpft waren zu vielen Teilen wieder von der kapitalistischen Kultur zur&#252;ckerobert wurden sind. Dabei handelt es sich aber nicht einfach um einen konservativen Backlash. Mainstream-Kultur und kritische Auseinandersetzung stehen in einem dynamischen Verh&#228;ltnis zueinander. Ein Beispiel dazu ist etwa auch die „Riot-Grrrl“-Bewegung in den 1990ern. Ausgehend von Wut gegen die Unterdr&#252;ckungsmechanismen des (patriarchalen) Systems mit seinen konservativen Werten wurde von jungen Frauen eine Bewegung gegr&#252;ndet, die sich auf ironische Weise eine eigene Weiblichkeit gr&#252;ndete. Bisherige Frauenbilder wurden &#252;bertrieben inszeniert, frauenfeindliche Ausdr&#252;cke (chicks, bitch, &#8230;) aufgenommen um den konstruierten Charakter von Weiblichkeit aufzuzeigen, indem er l&#228;cherlich gemacht wurde. Damit einhergehend entstanden neue M&#246;glichkeiten ein eigenes Weiblichkeitsbild zu finden, das sich nicht an den gesellschaftlichen Erwartungen orientierte. Der Refrain eines Punksongs lautete etwa: „Die Leute sagen, kleine M&#228;dchen soll man sehen und nicht h&#246;ren. Aber ich sag …Steckt euch die Fesseln in den Arsch!“<br />
Bald erweckte die Riot-Grrrl-Bewegung das Interesse der Medien. Das Bem&#252;hen der Aktivistinnen, nicht kommerzialisiert zu werden, blieb erfolglos. Massenmedien gelang es, aus der emanzipatorischen Protestbewegung den „Girlie-Style“ zu extrahieren, der nat&#252;rlich keine politischen Inhalte transportierte. Die von den jungen Frauen ironisch &#252;bertriebene „Weiblichkeit“ fand sich in Popkan&#228;len wie MTV als s&#252;&#223;er Modestil wieder. „Girl-Power“ konnte nun in den Gesch&#228;ften erstanden werden, Protest und Selbstfindung war nicht mehr n&#246;tig. Die „Girlies“ fanden sich einmal mehr als m&#228;nnliche Projektion im Lolita-Kleidchen wieder: klein, frech, anh&#228;nglich und vor allem sexuell anziehend.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Diese Aufnahme und Umdeutung fortschrittlicher Ideen ist kein auf das „Frauen-Thema“ isoliertes Ph&#228;nomen. In einem anderen Zusammenhang theoretisieren Boltanski und Chiapello (1999)<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> die Tendenz im Kapitalismus, dass progressive Forderungen und Kritik in den herrschenden Diskurs aufgenommen werden: „Auch wenn der Kapitalismus nicht ohne eine Allgemeinwohlorientierung als Quelle von Beteiligungsmotiven auskommen kann, ist er aufgrund seiner normativen Unbestimmtheit doch nicht dazu im Stande, den kapitalistischen Geist aus sich selbst heraus zu erzeugen. Er ist auf seine Gegner angewiesen, auf diejenigen, die er gegen sich aufbringt, und die sich ihm widersetzen, um die fehlende moralische St&#252;tze zu finden und Gerechtigkeitsstrukturen in sich aufzunehmen, deren Relevanz er sonst nicht einmal erkennen w&#252;rde.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Erg&#228;nzend soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es dem Kapitalismus vor allem dann gelingt sich kritische Ans&#228;tze einzuverleiben, wenn diese Kritik nicht (mehr) im Kontext realer politischer Auseinandersetzungen steht. Wenn Begriffe zu leeren Worth&#252;lsen ohne (klassen)k&#228;mpferischen R&#252;ckhalt werden, ist es umso leichter sie von der anderen Seite her zu besetzen und umzuinterpretieren.</p>
<h3>Wessen K&#246;rper ist das hier?</h3>
<p>In einer Zeit, in der vieles sich schnell ver&#228;ndert, nix fix zu sein scheint und wir oft das Gef&#252;hl der Ohnmacht empfinden, liegt es nahe, den K&#246;rper als das letzte Eigene, Unber&#252;hrte und Vertraute zu verstehen. Wie in diesem Artikel aber gezeigt wurde ist K&#246;rperlichkeit in unterschiedlichen Facetten lange nicht mehr die letzte freie Bastion ohne kapitalistischen Zugriff – im Gegenteil, was wir essen und wie viel, wie wir aussehen, was wir gut und ansprechend finden und wie wir unsere Sexualit&#228;t leben ist offenbar auch Teil kapitalistischer Verwertungslogik.<br />
Als Konklusion und Ausblick schreibt Ariel Levi &#252;ber die Sexuelle Befreiung, die wir meinen: „Frauenbefreiung und Emanzipation sind Begriffe, die Feministinnen verwendeten, um Grenzen aufzubrechen und Gleichberechtigung zu fordern. Wir haben diese Begriffe pervertiert. Die Freiheit, sexuell provokativ oder promiskuitiv zu sein ist nicht genug Freiheit; es ist nicht die einzige „Frauen-Frage“ die Aufmerksamkeit verdient. Und wir sind nicht mal im sexuellen Bereich frei. Wir haben nur eine neue Norm &#252;bernommen, wir spielen die Rolle der munteren vollbusigen Exhibitionistin. <em>Wir k&#246;nnen uns anders entscheiden</em>. Wenn wir uns wirklich sexuell befreien wollen, m&#252;ssen wir Raum schaffen f&#252;r eine Bandbreite von M&#246;glichkeiten so unterschiedlich wie das menschliche Begehren selbst. Wir m&#252;ssen uns die Freiheit nehmen herauszufinden, was wir wirklich von Sex wollen, statt die Sexiness-Vorgabe der Popkultur zu imitieren. Das w&#228;re sexuelle Befreiung.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a><br />
K&#246;nnen wir das, uns einfach anders entscheiden? Oder handelt es sich dann nicht wieder nur um die weiter oben beschriebene Pseudo-Wahlfreiheit? Zentral an diesem Satz von Ariel Levi ist f&#252;r uns weniger das <em>entscheiden</em> als das <em>wir</em>. Um zu verhindern, dass der Kapitalismus unsere Kritik schluckt, m&#252;ssen wir Viele sein. Damit die neoliberalen K&#246;rperbilder nicht als das einzig Sch&#246;ne erscheinen, m&#252;ssen wir laut sein. Isoliert k&#228;mpfen f&#252;hrt in die Sackgasse. In dieser Hinsicht muss das scheinbar Private wieder politisch werden.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Du kannst gegen die Wand rennen, um einen Beziehungspartner zu finden, oder einfach losziehen und Sex haben wie ein Mann.“<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> http://www.sexandthecity.de/<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> „Sag mir, was du von mir h&#228;ltst, ich kauf mir meine eigenen Diamanten und meine eigenen Ringe, ruf dich nur an, wenn ich mich einsam f&#252;hle, und wenn´s dann vorbei ist, bitte steh auf und geh…“<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> http://artists.universal-music.de/pussycat_dolls/<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> American Psychological Association, Task Force on the Sexualization of Girls: Report of the APA Task Force on the Sexualization of Girls, Washington 2007, www.apa.org/pi/wpo/sexualization.html<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>American Society of Plastic Surgeons: 2000, 2004, 2005 national plastic surgery statistics: Cosmetic and reconstructive procedure trends, 2006, www.plasticsurgery.org<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Die amerikanischen ForscherInnen sprechen von einer r&#252;ckl&#228;ufigen Entwicklung bei der Verwendung von Kondomen unter Jugendlichen. In &#214;sterreich ist die Quote in den letzten Jahren ungef&#228;hr gleich bleibend. N&#228;here Angaben: Kromer, Ingrid: Jugendsexualit&#228;t in der empirischen Forschung, 2002, https://www.wien.gv.at/who/jugendgb/2002/doc/jugendsexualitaet.doc<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Morgan, Robin: Going Too Far: The Personal Chronicle of a Feminist, 1974, zit. nach Levi, Ariel: Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture, London 2005, S. 61.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>Literatur dazu etwa McElroy, Wendy: A Woman’s Right to Pornography, New York 1995 oder MacKinnon, Catharine A.: Feminism Unmodified: Discourses on Life and Law, Cambridge 1987.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>Kullmann, Katja: Generation Ally – Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein, Frankfurt 2002.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Christie Hefner im Gespr&#228;ch mit Ariel Levi. Levy: a.a.O., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a><em>raunchy</em> = dreckig, schl&#252;pfrig, scharf.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>Levi: a.a.O. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>Die Gr&#252;nderinnen Emily Kramer and Melinda Gallagher nannten die Organisation so, weil es ist ein Slang Ausdruck f&#252;r das weibliche Genital sei und nach „klebrig, s&#252;&#223;, lecker und sexy“ klingt. Aus einem Interview f&#252;r 20/20 auf ABC.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>Levi: a.a.O., S. 74.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>Ebd., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Siehe z.B. <em>New York Times</em>: „No Longer Taboo, Pole Dancing Unleashes Suburbia’s Wild Side“, 5.M&#228;rz, 2007.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>http://www.neon.de/kat/fuehlen/sex/1270.html<o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Levy: a.a.O., S. 5.<o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>http://www.prosieben.de/lifestyle_magazine/topmodel/index.php<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>US-Dokumentation diverser StudentInnenparties, z. B. Spring Break, bei denen die M&#228;dchen f&#252;r ein „Girls-Gone-Wild-Tank-Top“ vor der Kamera sexuelle Handlungen zeigen. Die Videos werden dann h&#228;ufig im Internet zum Verkauf angeboten. Der rechtliche Hintergrund ist fraglich, n&#228;hre Infos dazu http://www.ftc.gov/opa/2003/12/girlsgonewild.htm<o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Vgl. Kreisky, Eva: Neoliberale K&#246;rpergef&#252;hle: Vom neuen Staatsk&#246;rper zu profitablen K&#246;rperm&#228;rkten. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Br&#252;che – Geschlecht – Gesellschaft: Leibes/&#220;bungen“ des Gender-Kollegs der Universit&#228;t Wien, 15. Mai 2003.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life), auf Deutsch erschienen als „Heidi Klum. Nat&#252;rlich erfolgreich“, 2005 im Kr&#252;ger Verlag. Co-Autorin ist Alexandra S. Postman, Mitautorin eines Buchs &#252;ber plastische Chirurgie.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>Vgl. Hahn, Christine: Die Geschichte von Riot-Grrrl-Revolution, in: <em>Wir Frauen. Das feministische Blatt</em>, 21:4 (2002), S. 6 f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>Boltanski, Luc/ Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 1999.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>Ebd., S. 68.<o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>Levi: a.a.O., S. 200.<o></o></p>
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		<title>Klasse, K&#228;mpfe!</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 11:38:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[(Post-)Operaismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Martin Birkner/ Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Stuttgart:Schmetterling 2005. 10,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Martin Birkner/ Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Stuttgart:Schmetterling 2005. 10,30 €</p>
<p><span id="more-30"></span></p>
<p>„In gemeinsamer Arbeit mit den Protagonisten des Kampfes der arbeitenden Klassen selbst die Ziele und die Formen suchen, mit denen der aktuell gef&#252;hrte Kampf selbst die Richtung auf die bewusste Verwirklichung eines sozialistischen Systems nehmen kann“ (18).<br />
„Das In-den-Vordergrund-R&#252;cken des Intellekts als solchen, die Tatsache, dass die allgemeinsten und abstraktesten sprachlichen Strukturen zu Instrumenten werden, die das eigene Verhalten auszurichten erlauben, stellt meines Erachtens eine der Hauptbedingungen, die die zeitgen&#246;ssische Multitude bestimmen, dar.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><br />
Zwischen diesen beiden S&#228;tzen liegen etwas mehr als drei&#223;ig Jahre und, so scheint es, politische Welten. Dass und was sie trotzdem miteinander zu tun haben, zeigen Martin Birkner und Robert Foltin, Redakteure der in Wien erscheinenden Zeitschrift „grundrisse“, in ihrer Einf&#252;hrung in den „(Post-)Operaismus“.<br />
Aus dem Versuch, im Italien der 1960er marxistisch orientierte Theorie und Praxis aus dem t&#246;dlichen W&#252;rgegriff der stalinistischen KPI zu entwinden, entwickelte sich eine eigenst&#228;ndige, lebendige Tradition. „Operaistische“ AktivistInnen stellten die konkreten K&#228;mpfe der Lohnarbeiter (weit seltener auch jene der Arbeiterinnen) ins Zentrum ihrer Politik. Dazu wurde das Instrument der „Mituntersuchung“ („conricerca“; auch als „militante Untersuchung“ &#252;bersetzt) entwickelt: In den Fabriken selbst wurden wissenschaftliche Untersuchungen zur Lage der ArbeiterInnen durchgef&#252;hrt, die gleichzeitig als Agitation f&#252;r den Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung dienten. Erfasst werden sollte die „Klassenzusammensetzung“, d.h. jener Prozess, in dem ArbeiterInnen „ihren Zusammenhang als Arbeitskr&#228;fte als organisatorischen Ausgangspunkt ihres Kampfes nutzen“ (30). Als in den riesigen Automobilfabriken Norditaliens Anfang der 1960er zehntausende ArbeiterInnen in den Streik traten und sich Stra&#223;enschlachten mit der Polizei lieferten, fand die fr&#252;he operaistische Theorie ihr konkretes revolution&#228;res Subjekt: Der „Massenarbeiter“ („operaio massa“) war geboren: „An den Flie&#223;b&#228;ndern der norditalienischen Gro&#223;fabriken arbeitend und in den Schlafsiedlungen der Gro&#223;st&#228;dte wohnend, sollte er bald zur zentralen Figur der autonomen Klassenk&#228;mpfe werden“ (20).<br />
„Autonom“ waren die K&#228;mpfe vor allem gegen&#252;ber den etablierten Parteien der Linken – der stalinistischen KPI und der sozialdemokratischen SPI. Hier liegen auch die Wurzeln f&#252;r eines der (bis heute) wichtigsten Charakteristika operaistischer Theorie und Praxis: die radikale Ablehnung „etablierter“ Gewerkschaftsstrukturen. Die Erfahrung des Verrats der KPI-dominierten Gewerkschaftsf&#252;hrung in den K&#228;mpfen der 1960er und 1970er Jahre wurde theoretisiert verarbeitet in der f&#252;rderhin axiomatischen Vorstellung, die Gewerkschaften w&#228;ren per se die „Agenten der Bourgeoisie in den Reihen des Proletariats“.<br />
Insgesamt sah die Hochphase operaistisch inspirierter ArbeiterInnenmilitanz in den 1970ern bis zum „historischen Ort 1977/79“, als der italienische Staatsapparat den Terror der Roten Brigaden zum Vorwand nahm, mit milit&#228;rischer Gewalt und massiven Verhaftungswellen gegen die Bewegung vorzugehen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, auch die Entstehung der innovativsten theoretischen Arbeiten des Operaismus. Die Thesen von AktivistInnen wie Mario Tronti, Sergio Bologna oder Toni Negri sowie feministische Interventionen wie jene Mariarosa Dalla Costas wurden nicht nur angeregt diskutiert, sondern waren organisch mit den K&#228;mpfen von Lohn- und Hausarbeitenden und Studierenden verkn&#252;pft. Als einende theoretische Pr&#228;misse diente den verschiedenen Str&#246;mungen des Operaismus eine Lesart der polit&#246;konomischen Werke von Marx, die der „lebendigen Arbeit“ das absolute Primat im Produktionsverh&#228;ltnis zugesteht. Die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise wird also als angetrieben von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnen begriffen. Die andere Seite des Verh&#228;ltnisses, das Kapital, ist gleichsam eine nachgeordnete Instanz, deren Bewegungen letztlich als Reaktionen auf die Aktionen der lebendigen Arbeit erkl&#228;rbar sind. Diese These ist es auch, die – wenn auch in unterschiedlicher Form – den Bogen spannt vom italienischen Operaismus der 1960er/70er Jahre zum „Postoperaismus“ der Jahrtausendwende.<br />
Die Lichtgestalt des Postoperaismus ist zweifellos Toni Negri, Autor des gefeierten Weltbestsellers „Empire“. Er war in den 1980er Jahren vor der italienischen Klassenjustiz ins franz&#246;sische Exil geflohen und traf dort auf eine intellektuelle Landschaft, die sich deutlich von jener der radikalen Linken Norditaliens unterschied. Die poststrukturalistischen Theorien Michel Foucaults, vor allem aber jene Gilles Deleuzes und Felix Guattaris, pr&#228;gten seine Versuche, operaistische Theorie weiter zu entwickeln. Besondere Bedeutung hatten philosophische R&#252;ckgriffe auf Nietzsche und besonders Spinoza. Negri wandte sich gegen die hegelianische Tradition im Marxismus, „gegen Humanismus, Historizismus/ Teleologie und Dialektik“ (56), und setzte ihr entgegen: das Denken von Macht und Gesellschaft als molekulare Netzwerke („Rhizome“ in der Diktion von Deleuze/Guattari); die Betonung des singularen, schlagenden Ereignisses („Kairós“ bei Hardt und Negri); sowie die „Immanenz“ als Alternative zum Begriff der Dialektik. „Immanenzdenken“ geht auf Spinoza, den radikalen Aufkl&#228;rungsphilosophen des 17. Jahrhunderts, zur&#252;ck: „Marxistisch gewendet verabschiedet spinozistisches Denken jede M&#246;glichkeit einer Trennung von &#246;konomischer Basis und politischem &#220;berbau, von Produktion und Demokratie, die ja selbst zentrale Elemente der b&#252;rgerlichen Gesellschaftskonstitution sind“ (57). Die Kontinuit&#228;t zu operaistischen Thesen liegt dabei vor allem in der radikalen Betonung des „Lebendigen“, die das Kapital letztlich auf ein („parasit&#228;res“) Anh&#228;ngsel der lebendigen Arbeit reduziert, als Teil eines immanenten Ganzen statt eines dialektischen Widerspruchs. In „Empire“ und „Multitude“ verkn&#252;pfen Negri und Hardt ihre philosophischen Thesen mit einer Zeitdiagnose der „postmodernen“ Welt und gelangen dadurch zu ihren vieldiskutierten Argumenten.<br />
Birkner und Foltin beschr&#228;nken sich jedoch nicht auf den Superstar Negri, sondern diskutieren im Abschnitt zum Postoperaismus auch die Werke zweier anderer Autoren: John Holloway und Paolo Virno. W&#228;hrend der Teil zu Virno eher knapp gehalten ist und nicht ganz schl&#252;ssig erkl&#228;rt, wie die aktuellen Thesen des italienischen Philosophen an die Theorietradition des Operaismus r&#252;ckgekoppelt werden k&#246;nnen<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, ist die Diskussion zum Theoretiker des Zapatismus Holloway ausf&#252;hrlich und interessant. Die Autoren zeigen, wie auch ein nicht-spinozistischer Ansatz wie jener Holloways am (Post-)Operaismus ankn&#252;pfen kann, indem er die Unmittelbarkeit des Widerstands und der K&#228;mpfe betont. Holloways These der „Anti-Macht“ als treibende Kraft des Kapitalismus ist daf&#252;r ein glaubw&#252;rdiger Beleg, ebenso wie sein Pl&#228;doyer f&#252;r das „Hier und Jetzt“ der Revolte, das sich fast nahtlos an Negris Versuch einer Alternative zu einem mechanisch-teleologischen Geschichtsbild f&#252;gt.<br />
Um es vorweg zu nehmen: die Rundschau ist gelungen. Der schmale Band erm&#246;glicht Nichteingeweihten ebenso einen relativ problemlosen Einstieg in die Geschichte und Weiterentwicklung des Operaismus, wie er jene LeserInnen, die sich schon durch Negri und Konsorten geackert haben, eine fundierte Diskussion zentraler Themen und Probleme bietet. Die Herausforderung, die oftmals esoterische Sprache der PostoperaistInnen in auch f&#252;r „EinsteigerInnen“ verst&#228;ndliches Deutsch zu &#252;bersetzen, wurde fast immer bravour&#246;s bew&#228;ltigt. Und bis auf wenige Ausnahmen gelingt es dem Buch auch, trotz der oftmals weiten Streifz&#252;ge durch die politische Philosophie Europas (Spinoza! Machiavelli! Heidegger!) den roten Faden des Operaismus nicht zu verlieren.<br />
Dies gesagt, m&#252;ssen jedoch zwei Kritikpunkte genannt werden. Der erste betrifft die letztlich doch recht in sich geschlossene Diskussion. Postoperaistische TheoretikerInnen werden wenn, dann meist nur von anderen PostoperaistInnen kritisiert. Der im Buch pr&#228;sentierte Teil der Debatte verbleibt damit im eigenen „Forschungsprogramm“. Kritik aus nicht-operaistischer linker Perspektive wird oftmals mit einem polemischen Nebensatz vom Tisch gefegt, um sogleich alle Aufmerksamkeit auf theorieinterne Spitzfindigkeiten zu lenken. Kritik von Autoren wie Alex Callinicos (an Negri) oder Daniel Bensaïd (an Holloway) kurzerhand als „Wiederkehr des immergleichen trotzkistischen Mantras“ (146) abzutun, ist einer fruchtbaren Debatte &#252;ber „Schulgrenzen“ hinweg jedenfalls sicherlich nicht zutr&#228;glich. Zumal beide Autoren einige wichtige Einw&#228;nde gegen die Konzepte Negris und Holloways formulieren, die in dem vorliegenden Buch schlicht ignoriert werden.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Die zweite Kritik zielt sowohl auf das Buch, als auch auf den Postoperaismus selbst. Dessen gro&#223;es Problem seit den Tagen der „Diaspora“ in den 1980ern war die Entkopplung von Theorie und politischer Praxis. Nach der italienischen Niederlage von 1979 blieb die Weiterentwicklung der operaistischen Theorie durch Negri und andere weitgehend isoliert von K&#228;mpfen oder gar Organisationen der Linken. Dies wird jedoch im Buch nicht problematisiert, schlimmer noch: die Entkopplung von Theorie und Praxis schl&#228;gt sich teilweise auch bei den Autoren selbst nieder.<br />
Der letzte Teil des Buches, „Bewegung &amp; Organisierung“, ist nicht zuf&#228;llig der mit Abstand k&#252;rzeste. Was Fragen der konkreten K&#228;mpfe betrifft, haben sowohl Negri als auch Holloway nicht allzu viel zu sagen. Das Vorstellen von vier (post-)operaistisch inspirierten Bewegungsprojekten bleibt leider genau das: eine Vorstellung. Die Gelegenheit, die im Buch vorgestellten Theorien anhand dieser praktischen Projekte auf den Pr&#252;fstand der Praxis zu legen, wurde leider vers&#228;umt.<br />
Der Operaismus steht in der Tradition des „Sozialismus von unten“, eines undogmatischen Marxismus, der das Diktum von der Befreiung des Proletariats, die nur die Sache des Proletariats selbst sein kann, ernst nimmt. F&#252;r eine ebenso notwendige wie ernsthafte (aber nicht freudlose) Auseinandersetzung mit operaistischen Theorien ist der vorliegende Einf&#252;hrungsband Gold wert (und zu diesem Preis auch &#228;u&#223;erst wohlfeil). Der durchaus erfrischende Grundton des Buches macht die Vorbemerkung der Autoren, dass ihnen „Kampf gegen Herrschaft und Ausbeutung gleicherma&#223;en Lebensfreude und Notwendigkeit ist“, glaubw&#252;rdig. Ausf&#252;hrliche Kritik an (post-)operaistischer Theorie und Praxis sollte jedoch an anderer Stelle nachgelesen werden.</p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect, Wien 2005, S. 46.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Die politische Niederlage des Operaismus kann jedoch – was im vorliegenden Band leider nicht ausreichend diskutiert wird – nicht allein aus der brutalen Repression seitens des italienischen Staatsapparats erkl&#228;rt werden. Blinder Voluntarismus, die Militarisierung der K&#228;mpfe und die Weigerung, sich auf breitere B&#252;ndnisse einzulassen, m&#252;ssen bei einer Erkl&#228;rung der Ereignisse von 1977/79 in den Blick genommen werden. F&#252;r eine ausgezeichnete (selbst-)kritische Analyse aus operaistischer Perspektive siehe Wright, Steve: Den Himmel st&#252;rmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Virno kommt selbst aus der Tradition des italienischen Operaismus. Seine aktuellen Arbeiten – v.a. die „Grammatik der Multitude“ – kn&#252;pfen ebenso wie Negri an Spinoza an, enthalten aber nur noch hom&#246;opathische Dosen operaistischen Denkens.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe Calliniocs, Alex: Toni Negri in Perspective, in: International Socialism 92 (2001), S. 33-61; Bensaïd, Daniel: On a recent book by John Holloway, in: Historical Materialism 13:4 (2005), S. 169-192.<o></o></p>
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		<title>Poulantzas verstehen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 11:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/ Ingo St&#252;tzle: Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie. Hamburg: VSA 2006. 21,40 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/ Ingo St&#252;tzle: Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie. Hamburg: VSA 2006. 21,40 €</p>
<p><span id="more-29"></span></p>
<p>Der Sammelband „Poulantzas lesen“ ist eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung mit dem Werk des griechisch-franz&#246;sischen Marxisten Nicos Poulantzas. 1936 in Athen geboren und ab Anfang der 60er Jahre in Frankreich t&#228;tig, besch&#228;ftigte er sich zu Beginn seiner akademischen Laufbahn vor allem mit Fragen des Rechts. Bald jedoch, inspiriert vor allem von Louis Althusser (aber auch anderen Theoretikern – etwa Michel Foucault) entwickelte er intensive Forschungst&#228;tigkeiten zu den Fragen des Staates und der Klassen in kapitalistischen Gesellschaften, die er bis zu seinem vorzeitigen Tod 1979 fortsetzte.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Das f&#252;r viele wichtigste Werk von Poulantzas ist das 1978 erschienene „L’Etat, Le Pouvoir, Le Socialisme“ („Der Staat, die Macht, der Sozialismus“ – auf Deutsch 2002 schlicht als „Staatstheorie“ neu aufgelegt). Marx folgend war seine wichtigste Erkenntnis, dass der Staat die materielle Verdichtung gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse sei. Damit stellte er sich klar gegen deterministische Verk&#252;rzungen, die den Staat in einem starren Basis-&#220;berbau-Schema zu fassen versuchten. Poulantzas verwarf diese Auffassungen und entwickelte ein Verst&#228;ndnis des Staates, das der Widerspr&#252;chlichkeit staatlicher Politik und den Gegens&#228;tzen der im Staat vertretenen Klassen und Klassenfraktionen Rechnung tr&#228;gt. <o></o></p>
<p class="MsoNormal">Poulantzas lieferte scharfsinnige marxistische Analysen zu einer Zeit, in der sich die fordistischen Gesellschaften in einer tiefen Krise befanden. „Er thematisierte die Aufl&#246;sungserscheinungen der fordistischen Entwicklungsweise, bevor es infolge des Bruchs von 1989 zu tektonischen Verschiebungen innerhalb linker Diskurse kam“ (8). Nach den dunklen Dekaden der 1980er und 1990er Jahren haben heute marxistische Debatten wieder Eingang gefunden in breitere gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge. Im Zuge der antikapitalistischen Bewegung r&#252;cken auch die Fragen von Staat und gesellschaftlichen Herrschaftsverh&#228;ltnissen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der vorliegende Diskussionsband tr&#228;gt diesem neuen Interesse Rechnung. Er bietet eine hervorragende und kritische Auseinandersetzung mit Poulantzas’ Werk.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der erste Teil des Buches besch&#228;ftigt sich mit methodischen und erkenntnistheoretischen Fragen. Poulantzas’ Schaffen wir dabei innerhalb der marxistischen Tradition in der N&#228;he Louis Althussers verortet, es wird aber auch aufgezeigt inwiefern Poulantzas &#252;ber den klassischen marxistischen Strukturalismus hinausgeht. Clyde W. Barrow etwa zeichnet in seinem Beitrag die theoretische Entwicklung von Poulantzas nach und betont dabei seine N&#228;he zum „historischen Strukturalismus“ (32-47). In einem weiteren Beitrag dieses ersten Teils wird das Verh&#228;ltnis von Poulantzas’ Staatstheorie zur deutschen „Staatsableitungsdebatte“ n&#228;her erl&#228;utert. Dabei wird versucht, zwei marxistische Ans&#228;tze zur Fassung des kapitalistischen Staates einander n&#228;her zu bringen. W&#228;hrend Poulantzas auf Ebene der Formbestimmung laut Hirsch und Kannankulam einige L&#252;cken aufweist, die mit Hilfe der Staatsableitung geschlossen werden k&#246;nnen, kann der Ansatz von Poulantzas die hohe Abstraktionsebene der Staatsableitung relativieren (65-81).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im zweiten Abschnitt wird zun&#228;chst diskutiert, wie nach Poulantzas Macht und Herrschaft mit dessen Klassen- und Strukturanalysen gedacht werden k&#246;nnen (Koch, 120-136). Im Anschluss daran konfrontieren die AutorInnen Poulantzas mit anderen theoretischen Str&#246;mungen und versuchen, ihn in einer konstruktiven Auseinandersetzung etwa mit feministischen Theorien (Nowak, 137-153), Michel Foucault (Lindner, 154-170) oder den Rechtstheoretikern Franz Neumann und Eugen Paschukanis (Buckel, 171-187) zu positionieren. <o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im dritten Teil werden die Dimensionen Raum und Zeit f&#252;r den kapitalistischen Staat behandelt. So zeigt Hans J&#252;rgen Bieling in seinem Beitrag, dass Poulantzas f&#252;r die Fassung des europ&#228;ischen Integrationsprojekts einen wichtigen Beitrag liefern kann, besonders in der Frage von Verdichtung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen jenseits von Nation (223-239).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im letzten Teil wird ein sch&#228;rferer Blick auf die Konzeptionen von (Staatlichkeits-) Krise und Transformation sowie auf die sich daraus ableitenden politischen Strategien geworfen. Peter Thomas diskutiert in seinem Beitrag (307- 322) Poulantzas‘ Gramsci-Rezeption und dessen Kritik an Gramscis Strategiebegriff, den Poulantzas im Leninschen Konzept der „Doppelherrschaft“ gefangen sieht. Dass Poulantzas und Gramsci in Fragen der Strategie jedoch gar nicht so weit auseinander liegen, wie es scheinen mag, unterstreicht Thomas, indem er die Gemeinsamkeiten des strategisch-relationalen Denkens von Poulantzas und Gramsci in Bezug auf den Begriff des integralen Staates betont.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">An diesem Buch Kritik zu &#252;ben ist wahrlich kein leichtes. Einerseits gibt es einen hervorragenden Einblick in das Schaffen von Nicos Poulantzas, gleichzeitig ist es f&#252;r den/die LeserIn beinahe unm&#246;glich, sich die Texte zu erschlie&#223;en, wenn nicht schon ein gewisses Vorwissen vorhanden ist. Das Buch ist dezidiert kein EinsteigerInnenbuch, und wer sich eine leicht verdauliche Einf&#252;hrung in das Werk von Poulantzas erwartet, wird sicherlich entt&#228;uscht. Des Weiteren ist klar zu erkennen, dass die meisten AutorInnen einen bundesdeutschen akademischen Hintergrund haben. Durch den gesamten Band ziehen sich immer wieder Anmerkungen und Referenzen die sehr stark von der spezifischen deutschen Debatte rund um die „Staatsableitung“ (vgl. die Rezension zu Joachim Hirsch: Materialistische Staatstheorie, in: Perspektiven Nr. 1) gepr&#228;gt sind. Dies ist sicherlich spannend, erleichtert allerdings das Lesen nicht gerade f&#252;r jemanden, der/die sich noch nicht mit der Marxschen Formanalyse besch&#228;ftigt hat. Was allerdings nicht unbedingt ein Nachteil sein muss – der Band ist ohne Zweifel eine gro&#223;e Anregung zum Weiterlesen. Nicht nur, um sich intensiver mit Nicos Poulantzas zu besch&#228;ftigen, sondern auch um in andere Bereiche marxistischer Theoriebildung vorzusto&#223;en.</p>
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		<title>Umverteilen!</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 10:22:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Markus Marterbauer: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven einer neuen &#246;sterreichischen<o></o> Wirtschaftspolitik. Wien: Zsolnay 2007.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Markus Marterbauer: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven einer neuen &#246;sterreichischen Wirtschaftspolitik. Wien: Zsolnay 2007.<br />
<span id="more-28"></span>In Zeiten der scheinbaren Alternativlosigkeit neoliberaler Politikkonzepte kommt ein Buch &#252;ber die Frage „Wem geh&#246;rt der Wohlstand?“ gerade recht. Markus Marterbauer, Wirtschaftsforscher am Wiener WIFO, verschafft hiermit dem fast vergessenen linken Fl&#252;gel innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften Geh&#246;r und zeigt (keynesianistische) Alternativen zur momentan herrschenden Politik in &#214;sterreich auf.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Als zentrales Problem sieht Marterbauer das Zur&#252;ckbleiben der heimischen Nachfrage hinter den in den letzten Jahren get&#228;tigten Investitionen und den erzielten Gewinnen. Wirtschaftswachstum bedeute immer auch ein Wachstum an Arbeitspl&#228;tzen. „Es gibt kein ,Jobless Growth’“, postuliert er. Im Schnitt rechnet Marterbauer, dass bei einem Wirtschaftswachstum von &#252;ber zwei Prozent die Arbeitslosigkeit zu sinken beginnt. Doch das starke Wachstum des Exports in &#214;sterreich bewirkt dies nicht. Die hohen Gewinne der Unternehmen der letzten Jahre wurden nicht an die ArbeiterInnen in Form von h&#246;heren L&#246;hnen, welche die Kaufkraft st&#228;rken w&#252;rden, weitergegeben, und zus&#228;tzliche Investitionen wurden nicht in ausreichendem Ma&#223; get&#228;tigt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Argumentation liegt ein linkskeynesianistisches Theorem zugrunde. UnternehmerInnen, Marterbauer spricht vom oberen Einkommensdrittel, erh&#246;hen mit ihrem zus&#228;tzlichen Einkommen weniger die Nachfrage, weil sie ihre Bed&#252;rfnisse schon gedeckt wissen und oft keinen Sinn darin sehen sich einen zweiten oder dritten Wochenendjet zu leisten. Das f&#252;hrt dazu, dass sie ihr zus&#228;tzliches Einkommen vermehrt sparen oder in Aktien und anderen Wertpapieren anlegen. Dies f&#252;hrt zu einem Anstieg des spekulativen, nicht produktiven Finanzkapitals. ArbeiterInnen, oder hier das untere Einkommensdrittel, hingegen w&#252;rden dadurch, dass sie mit ihrem niedrigen Einkommen kaum oder gerade mal das Auslangen finden, ein h&#246;heres Einkommen zur individuellen Bed&#252;rfnisbefriedigung vermehrt auf den Markt tragen. Die erh&#246;hte Nachfrage schafft ihrerseits Bedarf an mehr Produktion, somit mehr Arbeitspl&#228;tze.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Marterbauer zieht die logische Konsequenz und fordert staatliche Eingriffe zugunsten der unteren Einkommen (die Netto-Realeinkommen je unselbstst&#228;ndig Besch&#228;ftigtem/r sind die letzten 10 Jahre stagniert, w&#228;hrend das gesamte Einkommen der Volkswirtschaft um 25% gewachsen ist). Besch&#228;ftigungspolitik und Budgetpolitik seien hier geeignete Instrumente. F&#252;r erstere fordert Marterbauer eine Arbeitszeitverk&#252;rzung auf eine 35 Stundenwoche bei kostenneutralem Lohnausgleich (der Lohnausgleich erfolgt im Ausma&#223; der Produktivit&#228;tssteigerung), eine Reduktion geleisteter &#220;berstunden, mehr M&#246;glichkeiten f&#252;r Karenz (Kinder und Bildung) und den Einsatz der Gewerkschaft f&#252;r absolute Lohnerh&#246;hungen, um die faktisch niedrigeren Einkommen von Frauen relativ st&#228;rker zu erh&#246;hen.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">In der Budgetpolitik teilt er gleich zu Beginn Budgetdefizite in „gute“ und „schlechte“. Schlechte seien solche, die Unternehmen bei einigerma&#223;en ausreichendem Wirtschaftswachstum beg&#252;nstigen, w&#228;hrend gute jene seien, die die Umverteilung von oben nach unten vorantreiben. In diesem Sinn schl&#228;gt Marterbauer die Wiedereinf&#252;hrung der Verm&#246;genssteuer, die Erh&#246;hung (statt der aktuell geschehenen Abschaffung) der Erbschaftssteuer und die gezielte Besteuerung von Stiftungen, die nicht dem Allgemeinwohl dienen, vor. Staatliche Investitionen in Bildung (ohne Zugangsbeschr&#228;nkungen), Gesundheit und Mobilit&#228;t sollen die Produktivit&#228;t zus&#228;tzlich erh&#246;hen.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Marterbauer kritisiert zu Recht die falsche Politik der letzten sechs Jahre, die das genaue Gegenteil dessen war, was er als L&#246;sungsvorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt vorstellt. Sein Buch ist ein willkommener Anlass, die wichtige Frage der Umverteilung von oben nach unten neu zu diskutieren. Doch auch wenn er sich bewusst ist, dass einer aktiven Umverteilungspolitik „starker Widerstand gewiss“ (120) ist, &#252;bersch&#228;tzt er letztlich doch die M&#246;glichkeiten des kapitalistischen Staates, angesichts langfristiger &#246;konomischer Stagnation im Weltma&#223;stab Krisen nachhaltig zu verhindern. Dass die Hoffnungen, die davon gen&#228;hrt werden, auf theoretischen Fehlschl&#252;ssen aufsetzen, kann im Artikel zu „Kreisky und Keynes“ im vorliegenden Heft (12-17) nachgelesen werden.<o></o><br />
<o></o></p>
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