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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 11</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Thesen zur Wien-Wahl 2010</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:54:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
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		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Wien-Wahl ist keine Wahl wie jede andere.</strong></p>
<p>Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig. Gleichzeitig verfolgt die FP&#214; – als <em>der</em> Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich – explizit die Strategie, &#252;ber einen (Achtungs-)Erfolg in Wien die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in ganz &#214;sterreich weiter nach rechts zu verschieben. F&#252;r Bundes- und Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache ist es sogar erkl&#228;rtes Ziel, das Amt des Wiener B&#252;rgermeisters zum Ausgangspunkt f&#252;r eine erfolgreiche Bundeskanzler-Kandidatur zu machen. Infolgedessen wird der von Strache ausgerufene „Kampf um Wien“ zum wichtigen Pr&#252;fstein f&#252;r die Schlagkraft linker, antifaschistischer und antirassistischer Politik.</p>
<p><strong>Die Sozialdemokratie befindet sich in einer strukturellen Krise.<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Die europaweite Neoliberalisierung sozialdemokratischer Parteien in Gestalt des so genannten Dritten Weges hat auch vor der SP&#214; nicht halt gemacht. Folglich ist sie mit dem gleichen strukturellen Widerspruch konfrontiert, der sozialdemokratische Politik in ganz Europa seit Jahren pr&#228;gt: Hier die Interessen der ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder als soziale Basis der Sozialdemokratie; und dort neoliberale Politiken, welche die soziale Situation fortw&#228;hrend verschlechtern. Das Ergebnis ist eine tiefgreifende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise sowie ideologische Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie. Ihren Ausdruck findet diese Krise in ausbleibenden Wahlerfolgen, Austrittswellen und dem Fehlen personeller Alternativen. Diese Problematik offenbart sich, wenngleich in abgeschw&#228;chter Form, auch mit Blick auf die Wiener SP&#214;: In Bereichen wie Wohnen, Versorgung, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung verfolgt die Partei auch hier eine neoliberale Politik, die sich negativ auf die soziale Situation vieler BewohnerInnen der Stadt auswirkt. Gleichzeitig versucht sie mit Slogans wie „Wien ist anders“ oder dem st&#228;ndigen Verweis auf die Tradition des Roten Wien sich ihrer sozialen und politischen Basis zu versichern – jedoch mit m&#228;&#223;igem Erfolg.</p>
<p><strong>Die FP&#214; profitiert ma&#223;geblich von der Politisierung der sozialen Frage.</strong></p>
<p>Zwei Jahrzehnte neoliberaler Klassenkampf von oben haben die gesellschaftlichen Ungleichheiten in &#214;sterreich massiv versch&#228;rft. Da die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise – einer der schwersten der letzten 100 Jahre – zunehmend auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigen abgew&#228;lzt werden, kommt es zu einer tiefgreifenden sozialen Verunsicherung. Unter dieser Voraussetzung kann der parteif&#246;rmige Rechtsextremismus v. a. deshalb &#252;ber seinen deutschnationalen Kern hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen, weil er in jene Repr&#228;sentationsl&#252;cke st&#246;&#223;t, welche die Krise der Sozialdemokratie hinterl&#228;sst. Indem die FP&#214; die soziale als nationale Frage politisiert, kann sie an den realen Erfahrungen breiter Bev&#246;lkerungsschichten anschlie&#223;en und so die massenhafte Zustimmung zu rechtsextremen Inhalten organisieren. Forderungen wie „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger! – &#214;sterreicher zuerst“ oder „Arbeitspl&#228;tze f&#252;r unsere Wiener!“ – statt f&#252;r „Gastarbeitslose“ sind beispielhaft f&#252;r diese Strategie. Indem sie Themen wie steigende Lebenshaltungskosten (Strom, Gas, Miete etc.), Kinderbetreuungspl&#228;tze, urbane Gro&#223;projekte, sozialen Wohnbau oder den Alltag im Gr&#228;tzel offensiv thematisiert, versucht die FP&#214; sich auch stadtpolitisch als soziale Alternative zur SP&#214; zu positionieren. Dass dieser Selbstdarstellung als „soziale Partei“ de facto eine wirtschaftsliberale, wohlfahrtsstaatsfeindliche Politik gegen&#252;bersteht, zeigt unter anderem die freiheitliche, wirtschaftspolitische Ausrichtung an den Interessen von Gro&#223;unternehmen und mittelst&#228;ndischen Betrieben.</p>
<p><strong>Wo es an Abgrenzung sowie einem antirassistischen und antifaschistischen Grundkonsens mangelt, wird die extreme Rechte gest&#228;rkt.</strong></p>
<p>Der Aufstieg der FP&#214; zu einer politisch relevanten Kraft ist nicht zuletzt der fehlenden inhaltlichen und personellen Abgrenzung von Seiten anderer Parteien und gesellschaftlicher Kr&#228;fte geschuldet. Wo der Themensetzung der extremen Rechten entsprochen und rassistische Inhalte in die eigene Politik aufgenommen werden oder die FP&#214; als realer oder potentieller politischer Verb&#252;ndeter und Koalitionspartner hofiert wird, kommt es zur Normalisierung und Legitimierung von Rechtsextremismus und Rassismus. Die politischen Koordinaten verschieben sich weiter nach rechts. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auf diesem Weg ebenso (wieder) salonf&#228;hig geworden wie ein revanchistischer Sicherheitsdiskurs, in dem sich Forderungen nach mehr Polizei und st&#228;rkerer &#220;berwachung des urbanen Raums mit rassistischen Klischees von „osteurop&#228;ischen Bettelbanden“ verbinden. Das Fehlen eines antirassistischen Grundkonsenses macht sich auch dort bemerkbar, wo die allt&#228;gliche rassistische Polizeigewalt samt ihrer t&#246;dlichen Folgen unkommentiert bleibt. Wird demgegen&#252;ber von antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Gruppen versucht, Rassismus zu politisieren und, wie etwa beim WKR-Ball, dem selbstbewussten und offenen Auftreten rechtsextremer und nazistischer Kr&#228;fte entschlossen entgegenzutreten, wird dem mit scharfer Repression begegnet. Die notwendige, auch finanzielle und infrastrukturelle, Unterst&#252;tzung solcher Projekte und Initiativen durch die Stadt bleibt aus.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die FP&#214; muss demaskiert, isoliert und marginalisiert werden.</strong></p>
<p>Die Aff&#228;re um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur von Barbara Rosenkranz zeigt auf, welche M&#246;glichkeiten entstehen, wenn die FP&#214; ideologisch entlarvt und somit in Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsnot gebracht wird. Die Demaskierung von Rosenkranz trug zu einer Schw&#228;chung ihres politischen Auftretens bei und machte einen offensiven Wahlkampf f&#252;r sie schwieriger. Daher ist es entscheidend, neben dem rassistischen und rechtsextremen Charakter der FP&#214; auch die historisch-ideologischen Wurzeln der Partei zu benennen. Diese zeigen sich etwa in ihrer Entstehungsgeschichte aus dem <em>Verband der Unabh&#228;ngigen</em> (VdU), der als Auffangbecken nationalsozialistischer Kader nach 1945 gilt, ihrer aktiven Verbindung zu au&#223;erparlamentarischen rechtsextremen Gruppierungen und in der engen Verkn&#252;pfung ihrer Funktion&#228;rInnen mit dem Lager der deutsch-nationalen Burschenschaften. Gleichzeitig ist es essenziell, eine breite Gegen&#246;ffentlichkeit zur FP-Ideologie und ihrer Pr&#228;senz in Politik und Gesellschaft zu mobilisieren. Ein gro&#223;es, antifaschistisches B&#252;ndnis gegen die FP&#214; und die mit ihr verbundenen rechtsextremen Kreise treibt ihre politische Isolierung voran. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Mobilisierungen gegen FP&#214;-Auftritte im Kleinen (auf Bezirksebene, bei Infost&#228;nden usw.) wie im Gro&#223;en (durch Demonstrationen, Konzerte oder Blockaden) zu ihrer Demoralisierung und Marginalisierung beitragen. Der &#246;ffentliche Raum darf nicht der extremen Rechten &#252;berlassen werden!</p>
<p>Letztendlich ist es auch wichtig, den institutionell-politischen Einfluss der FP&#214;, z.B. ihren Zugang zu Parteienf&#246;rderung, zu beschneiden. Deshalb macht es auch Sinn, gegen Rechts w&#228;hlen zu gehen, um die Pr&#228;senz von Rassismus und Rechtsextremismus im Rahmen der repr&#228;sentativen Demokratie zur&#252;ckzudr&#228;ngen. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die soziale Frage von links stellen.</strong></p>
<p>Wenn die FP&#214; ernsthaft und nachhaltig konfrontiert werden soll, muss auch das zentrale Element ihres Erfolges ausgehebelt werden, also ihre F&#228;higkeit, die soziale Frage nationalistisch und rassistisch zu beantworten und damit Hoheit &#252;ber die Tagesthemen zu beanspruchen. Die Notwendigkeit linker Antworten auf soziale Fragen wird im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der Krise der SP&#214; noch akuter. Es bedarf eines aktiven Agendasettings von links, bei dem auch die bundesweiten Diskussionen aufgegriffen werden m&#252;ssen. Brennende Themen sind z.B. die Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und in diesem Sinne die Forderung einer Umverteilung von oben nach unten (Verm&#246;genssteuern, Refinanzierung der Universit&#228;ten, bedingungsloses Grundeinkommen, usw.). Andererseits bedarf es auch einer progressiven Thematisierung stadt- und bezirkspolitischer Fragen, wie des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, der zunehmenden (Neo-) Liberalisierung der st&#228;dtischen Sozialpolitik oder von Gentrifizierungstendenzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(Un-)M&#246;gliche politische Alternativen – Eine Neue Linke ist n&#246;tig.</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, ob Die Gr&#252;nen angesichts des Versagens der SP&#214; als linke, soziale Kraft und des Aufstiegs der FP&#214; eine Alternative darstellen k&#246;nnen. Auch wenn Die Gr&#252;nen die einzige politisch relevante Partei in &#214;sterreich ist, die so etwas &#196;hnliches wie ein antirassistisches und antifaschistisches Profil besitzt, muss die Frage nach ihrem Potential als linke Alternative verneint werden. Ihre fehlende Verankerung in der ArbeiterInnenklasse und ihre Konzentration auf liberal-b&#252;rgerliche Forderungen sowie ihre Unf&#228;higkeit, antirassistisches Engagement mit einer Diskussion um tats&#228;chliche soziale Alternativen zu verbinden, disqualifiziert sie als ernsthafte linke Kraft, die das existierende politische Vakuum f&#252;llen k&#246;nnte.</p>
<p>Die Wien-Wahl demonstriert dementsprechend erneut die Notwendigkeit des Aufbaus einer Neuen Linken in &#214;sterreich. Diese m&#252;sste antirassistisches Engagement und Konfrontation der extremen Rechten mit der Politisierung der sozialen Frage von unten verbinden und in weiterer Konsequenz auch bei Wahlen eine reale politische Alternative zu rechter Sozialdemagogie und Klassenkampf von oben darstellen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<title>Prek&#228;r, aber allein?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:34:27 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60

Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60<br />
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Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und der industrielle Sektor (Forschung und Entwicklung in der Elektroindustrie). Es ist interessant zu erw&#228;hnen, dass nicht nur Interviews mit WissensarbeiterInnen, sondern auch mit Betriebsr&#228;tInnen gef&#252;hrt wurden,. Die Aufarbeitung der Untersuchungsfelder kann daher als empirisch ges&#228;ttigt und dicht beschrieben werden.</p>
<p>Die unterschiedliche Strukturiertheit der drei Untersuchungsfelder bringt die AutorInnen gleich zum zentralen Problem in der Besch&#228;ftigung mit Wissensarbeit: der Begriff Wissensarbeit an sich. Laut den AutorInnen versperrt sich das Feld Wissensarbeit einem Zugriff &#252;ber einen fordistisch gepr&#228;gten Arbeitsbegriff. Zentral f&#252;r ihre Definition von Wissensarbeit ist die Abgrenzung gegen&#252;ber routinisierten Arbeiten, die zwar ohne spezifische Kenntnisse nicht zu bewerkstelligen, aber nicht explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgelegt sind. Wissensarbeit ist f&#252;r sie daher eine T&#228;tigkeit, die &#252;berwiegend und explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgerichtet ist. Mit der Bedeutungszunahme von Wissen als „nicht-endlichem“ Rohstoff in der neuen wissensbasierten &#214;konomie r&#252;ckt laut den AutorInnen eine generalisierbare, explizite Form des Wissens gegen&#252;ber implizitem Wissen in den Vordergrund. Diese Prozesshaftigkeit versuchen sie mit organisationssoziologischen Konzepten zu erfassen. Entgegen anderslautender Argumente halten die AutorInnen fest, dass mit der Transformation zu einer wissensbasierten &#214;konomie keinesfalls der Charakter einer Klassengesellschaft aufgehoben wird. Es verschieben sich lediglich die Konfliktlinien, sie werden bis zu einem gewissen Grad neu gezogen.<br />
Gerade diese Annahme bringt die AutorInnen dazu, auf klassische Konzepte der Arbeits- und Industriesoziologie zur&#252;ckzugreifen, um die Durchsetzungsf&#228;higkeit von (Wissens-)ArbeiterInnen und Gewerkschaften n&#228;her bestimmen zu k&#246;nnen: Zentral ist f&#252;r sie das Machtressourcen-Konzept von Beverly J. Silver und Erik O. Wright, bei dem zwischen struktureller Macht (Produktionsmacht und Marktmacht) und Organisationsmacht unterschieden wird. Aufgegriffen wird auch das Konzept der institutionellen Machtressourcen, das von WissenschafterInnen der Universit&#228;t Jena entwickelt wurde und darauf abzielt, der institutionellen Eingebundenheit von ArbeiterInnenorganisationen in staatlich-korporatistische Strukturen (insbesondere in Deutschland, &#214;sterreich und den skandinavischen Staaten) Rechnung zu tragen.<br />
Mit Hilfe dieses hier nur grob skizzierten analytischen Handwerkszeugs werden von den AutorInnen die unterschiedlichen Untersuchungsfelder systematisch aufgearbeitet. Im weiteren Verlauf m&#246;chte ich mich insbesondere auf den Bereich der Universit&#228;t beziehen, da – trotz der positiven Aspekte des Buches – auch einige Kritikpunkte angebracht sind, die anhand ihrer Untersuchungen und Schlussfolgerungen bez&#252;glich der universit&#228;ren Landschaft besonders deutlich herausgearbeitet werden k&#246;nnen.<br />
Die Analyse des universit&#228;ren Feldes beginnt mit einer ausf&#252;hrlichen Darstellung der Verbetriebswirtschaftlichung der &#246;sterreichischen Universit&#228;ten. Dabei werden sowohl die Aspekte des Universit&#228;tsorganisationsgesetzes (UOG) 1993 als auch die Ver&#228;nderungen durch das Universit&#228;tsgesetz (UG) 2002 miteinbezogen. Besonders betont wird hierbei der inneruniversit&#228;re Abbau von demokratischer Mitbestimmung und die B&#252;rokratisierungstendenzen im Zuge des Bologna-Prozesses sowie der neuen Studienarchitektur. Ein weiterer Teil der Analyse widmet sich der Diversifizierung der Anstellungsverh&#228;ltnisse an der Universit&#228;t und dem Ph&#228;nomen der Prekarisierung gro&#223;er Teile der Universit&#228;tsangestellten, insbesondere der Drittmittelangestellten und der wachsenden Zahl sogenannter „externer“ LektorInnen.<br />
Des Weiteren beleuchten die AutorInnen die verschiedenen, mehr oder weniger institutionalisierten Vertretungsstrukturen an den Universit&#228;ten (Betriebsratsorgane, Interessensvertretungen wie die IG Externe LektorInnen usw.) und deren fraktionelle Untergliederungen. Einen wichtigen Teil der Aufarbeitung der universit&#228;ren Landschaft nimmt das Selbstverst&#228;ndnis der WissensarbeiterInnen ein. Wenig &#252;berraschend kommen die AutorInnen zum Schluss, dass die in unterschiedlichen Arbeitsverh&#228;ltnissen stehenden Besch&#228;ftigten sehr heterogene Interessen vertreten. Diese artikulieren sich meist auch eher auf einer individuellen Ebene, da Universit&#228;ten keinen einheitlichen Produktionszusammenhang darstellen, sondern eher einer Ansammlung vieler kleiner Wissenswerkst&#228;tten gleichen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich auch die betriebsr&#228;tliche und gewerkschaftliche Arbeit an Universit&#228;ten. Betriebsr&#228;tInnen werden nur selten als wichtige AnsprechpartnerInnen gesehen; auch Gewerkschaften spielen nur eine marginale Rolle.<br />
Mit dieser Analyse zeichnen die AutorInnen ein sehr d&#252;steres Bild. Aufbauend auf ihren Erkenntnissen – WissensarbeiterInnen verweigern sich an den Universit&#228;ten einer klassischen Repr&#228;sentation durch die institutionalisierten Kan&#228;le – kommen sie zu dem Schluss, dass Gewerkschaften oder andere Organe der Interessensvertretung ihre Serviceleistungen st&#228;rker individualisieren m&#252;ssen.<br />
F&#252;r mich war dies eine etwas &#252;berraschende Schlussfolgerung, hei&#223;t es doch im Titel des Buches Perspektiven einer kollektiven Interessensvertretung. Die Schlussfolgerung der AutorInnen hat meiner Meinung nach mehrere Ursachen: Erstens basiert ihre Analyse sehr stark auf der Individualisierungsthese, die sie durch die Ergebnisse ihrer Interviews zu st&#252;tzen versuchen. In diesen wurde von den InterviewpartnerInnen immer wieder betont, dass Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen bei Problemen an der Universit&#228;t nicht als AnsprechpartnerInnen gesehen werden. Die AutorInnen ziehen daher den Schluss, dass die kollektive Interessensartikulation aufgrund der Individualisierung im Bereich der universit&#228;ren Wissensarbeit schlichtweg nicht m&#246;glich w&#228;re. Man sollte sich hierbei allerdings fragen, was die Voraussetzungen f&#252;r eine kollektive Interessensartikulation sind. Diese kommt doch nicht automatisch, quasi nur aufgrund des Vorhandenseins von Problemen, zustande. Vielmehr muss der kollektiven Artikulation ein Organisierungsprozess vorausgehen. Die bisherige Arbeitsweise von Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen an der Universit&#228;t war nie auf einen derartigen Organisationsprozess ausgerichtet. Deshalb finde ich es fatal, wenn ein Organisierungsversuch erst gar nicht empfohlen, sondern als Schlussfolgerung vorgeschlagen wird, sich schlichtweg den desorganisierenden Tendenzen einer Individualisierung anzupassen.<br />
Zweitens liegt diese pessimistische Perspektive auch in der theoretischen Herangehensweise begr&#252;ndet. Obwohl die AutorInnen sich auf den Machtressourcen-Ansatz von Beverly J. Silver und Erik O. Wright beziehen, bleiben sie in ihrer Untersuchung sehr stark an einer einzelnen Machtressource orientiert, n&#228;mlich der Marktmacht. Unter Marktmacht versteht man die Bedingung, unter der Lohnabh&#228;ngige ihre Arbeitskraft verkaufen k&#246;nnen. Die AutorInnen konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die rechtlichen und &#246;konomischen Rahmenbedingungen, unter denen WissensarbeiterInnen ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese &#246;konomistische und legalistische Sichtweise m&#252;ndet meines Erachtens in ein Verst&#228;ndnis von passivierten ArbeiterInnen, die ihr Schicksal hinnehmen oder nur auf individueller Ebene versuchen, „es sich zu richten“. Dabei w&#252;rde der Machtressourcen-Ansatz noch viele andere Perspektiven er&#246;ffnen: Gerade die Frage der Produktionsmacht von ArbeiterInnen, also ihrer F&#228;higkeit, den Produktionsprozess oder die Funktionslogik eines Unternehmens oder einer Institution zum Erliegen zu bringen, vernachl&#228;ssigen die AutorInnen vollkommen. Sie reproduzieren damit einen paternalistischen Zugang zum Thema der Interessensvertretung und verbleiben dabei in den ausgetretenen und immer weniger durchsetzungsf&#228;higen Pfaden einer serviceorientierten Gewerkschaftskultur. Zudem reproduziert diese Herangehensweise in Bezug auf WissensarbeiterInnen auch einen Opferdiskurs. Sie versperrt den Blick auf deren aktives, dissidentes oder offen widerst&#228;ndiges Handeln, insbesondere an der Universit&#228;t.<br />
Drittens erw&#228;hnen die AutorInnen zwar die b&#252;rokratisch-hierarchische Organisationsstruktur der Universit&#228;ten als Hindernis f&#252;r gewerkschaftliche Organisierung, doch belassen sie es bei dieser Feststellung. Meine eigene Besch&#228;ftigung an der Universit&#228;t und die Auseinandersetzung mit dem Thema „Organisierung von WissensarbeiterInnen“ zeigen aber, dass diese b&#252;rokratisch-herrschaftsf&#246;rmige Zurichtung der Universit&#228;t mannigfache Momente der Dissidenz und des Widerstandes hervorbringt. Von Institutsleitungen, die versuchen, die rigiden b&#252;rokratischen Vorgaben zu umgehen, von Lehrenden, die gewisse Reglements umschiffen bis hin zu „externen“ LektorInnen, welche die Betreuung von Diplomarbeiten bestreiken, gibt es ein kleines Multiversum von abweichenden, dissidenten und widerst&#228;ndigen Praxen. Nicht zuletzt die Universit&#228;tsproteste der letzten Monate haben gezeigt, dass auch WissensarbeiterInnen f&#228;hig sind, kollektiv aufzutreten.<br />
Eine Perspektivenverschiebung in Richtung dieser t&#228;tigen Elemente im Machtressourcen-Ansatz h&#228;tte noch vollkommen andere Potentiale von Organisierung offen gelegt. Es gilt, genau diese Dissidenz und Widerst&#228;ndigkeit, die oft im Verborgenen existiert, zu verallgemeinern und einen Organisierungsprozess in Gang zu bringen.<br />
Die St&#228;rke dieses Buches besteht in der detaillierten, strukturellen Analyse der gegenw&#228;rtigen Arbeitsbedingungen von WissensarbeiterInnen. Doch genau diese St&#228;rke der strukturellen Analyse ist auch die Schw&#228;che des Buches. Die &#220;berbetonung der strukturellen Momente l&#228;sst keinen Platz mehr f&#252;r bereits vorhandene Formen des Widerstandes und der Dissidenz. Das verstellt auch den Blick auf alternative Methoden von Interessenvertretung, die eben nicht paternalistische Tendenzen einer Serviceorientierung reproduzieren, sondern die Selbstt&#228;tigkeit der Subjekte in den Vordergrund stellen.</p>
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		<title>Verordnete Ordnungen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70

Im Florida Film hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die Experimental Prototype Community of Tomorrow als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70<br />
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Im <em>Florida Film</em> hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die <em>Experimental Prototype Community of Tomorrow</em> als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t und Desorganisation moderner Gro&#223;st&#228;dte entstehen: ein Prototyp einer vern&#252;nftigen sozialen Ordnung. Zwar wurde Disneys Utopie nie verwirklicht, sie verweist aber auf ein Ordnungsdispositiv, das – mit Vorl&#228;ufern im sp&#228;ten 19. Jahrhundert – zwischen den 1920er und 1960er Jahren seine Hochbl&#252;te erlebte.<br />
W&#228;hrend der erste Weltkrieg selbst als Laboratorium f&#252;r Modelle technokratischer Steuerung ganzer Gesellschaften gedient hatte, verdeutlichte sein Ende drastisch die „Gefahren“ sozialer Desintegration. Als Reaktion auf die diagnostizierte Krise erarbeiteten ExpertInnen mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie und auf Grundlage der wissenschaftlichen Erfassung der Bev&#246;lkerung umfassende Ordnungspl&#228;ne, die jeweils darauf zielten, „sozial&#246;kologische Umwelten“ zu schaffen und auszugestalten, welche die von sozialen und politischen Verwerfungen durchzogene Gesellschaft in „organische Gemeinschaften“ zu re-integrieren suchten.<br />
Einsatzpunkt dieser Ordnungsprojekte war die Strukturierung von Wohn-, Verkehrs-, Betriebs- und st&#228;dtischem Raum sowie die Rationalisierung und Effektivierung der Alltagspraktiken der Menschen, auf deren Grundlage die kontrollierte Steuerung gesellschaftlicher Stabilit&#228;t und Entwicklung erm&#246;glicht werden sollte.<br />
Diese Kombination von Sozialtechnologien, bestimmter sozialer Ordnungsmodelle und einem dezidierten Gestaltungsimperativ wird im von Thomas Etzem&#252;ller herausgegebenen Sammelband unter dem Schlagwort <em>social engineering</em> diskutiert. Dabei geht es zun&#228;chst um eine Systematisierung und Pr&#228;zisierung des meist sehr unspezifisch verwendeten Begriffs. Anhand von zw&#246;lf empirischen Untersuchungen wird dieser dann in weiterer Folge konkretisiert.<br />
Etzem&#252;ller konturiert in seiner programmatischen Einleitung <em>social engineering</em> als vielschichtiges Ph&#228;nomen. Grundlegend handle es sich um „Verhaltenslehren“, die nicht &#252;ber Verordnungen operierten, sondern &#252;ber eine subtile P&#228;dagogik der Normalisierung und &#252;ber r&#228;umliche Strukturierung Gemeinschaften „neuer Menschen“ schaffen wollten: den taylorisierten Industriebetrieb als Gemeinschaft der ArbeiterInnen, die Familie als Kameradschaft der EheparterInnen und Kinder, Nachbarschaften als st&#228;dtische Gemeinschaften, samt Kontrolle der Bewegungen im Raum, von der K&#252;che bis zur Nation. So sollte z.B. die r&#228;umlich-funktional differenzierte Wohnung unerw&#252;nschte Verhaltensweisen (wie die als moralisch und hygienisch problematisch angesehene Vermischung von Schlafen, Kochen und K&#246;rperhygiene) verhindern, und zugleich den BewohnerInnen rationale, effiziente Praktiken antrainieren, die durch die Struktur des Wohnraums selbst nahegelegt wurden. Die K&#252;che konnte dann etwa als Symbiose von Hausfrau und Technik imaginiert werden.<br />
„Ordnung“ gilt hier zugleich als Zielvorstellung und als permanenter Prozess der Adjustierung, angeleitet von ExpertInnen einer verwissenschaftlichten Politik, die aus der als Krise wahrgenommenen Gegenwart die Pflicht zur Intervention ableiteten. Die Spannbreite des <em>social engineering</em> reicht folglich von sozialstaatlichen Techniken bis zu totalit&#228;ren Experimenten und umfasst Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung ebenso wie die Regulation von Wohnraum oder Konsumverhalten sowie die sozialeugenischen Visionen und Praktiken der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts. In zw&#246;lf empirischen Studien, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen, wird dieses Spektrum sozialplanerischer Ordnungstechniken auf spannende Art und Weise verdeutlicht. Die Zusammenschau der Beitr&#228;ge zeigt zudem auch, welche neuen Perspektiven eine „Problemgeschichte“ des <em>social engineering</em> als „spezifischer Modus der Problematisierung der Moderne“ auf eine Geschichte des 20. Jahrhunderts – jenseits der Erz&#228;hlung des „Zeitalters der Extreme“ – er&#246;ffnen kann.<br />
Anselm Doering-Manteuffel vertieft diese &#220;berlegungen in einem zweiten programmatischen Einleitungsaufsatz, der anhand unterschiedlicher Semantiken von „Ordnung“ drei sich &#252;berlagernde „Zeitschichten“ seit ca. 1880 differenziert. W&#228;hrend in der ersten Phase, die bis in die 1940er Jahre reicht, die liberale Fortschrittsidee von der Suche nach „nat&#252;rlichen, ewigen Ordnungen“ abgel&#246;st wurde, wird in einer zweiten Phase zwischen 1929 und den 1980er Jahren die Fortschrittsidee als planbarer und planungsbed&#252;rftiger Fortschritt aktualisiert. Diese Phase modernisierungstheoretischer Ordnungsentw&#252;rfe sei im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre wiederum durch ein neues Ordnungsparadigma ersetzt worden. Dieses behaupte nicht mehr die Planbarkeit von Gesellschaft, sondern die Immanenz permanenter Gegenw&#228;rtigkeit: Politik reduziert sich darin von technokratischer Sozialplanung auf technisches Mikromanagement.<br />
Auch wenn die Praktiken und Techniken des <em>social engineering</em> seit den 1960er Jahren aufgrund der Erfahrung, dass Pluralisierung nicht notwendig mit sozialer Desintegration einhergeht, massiv an &#220;berzeugungskraft eingeb&#252;&#223;t haben, lebt dessen Erbe auch heute, unter den ver&#228;nderten Bedingungen der von Doering-Manteuffel als „poststrukturalistisch“ bezeichneten sozialen Konfiguration fort. Ordnungsentw&#252;rfe und biopolitische Regulation kreisen heute zwar nicht mehr um die Frage der Reintegration in „organische Gemeinschaften“, zielen aber ebenfalls auf die Regulation der Alltagspraktiken &#252;ber Lernprozesse, die den Menschen vermitteln, sich selbst, ihre Ern&#228;hrung, ihre K&#246;rper, ihr Verhalten „in Form zu bringen“. Nicht zuletzt, weil der Sammelband Kontinuit&#228;ten und Br&#252;che gegenw&#228;rtiger Ordnungsvorstellungen historisch zu verorten hilft, ist <em>Die Ordnung der Moderne</em> uneingeschr&#228;nkt zu empfehlen.</p>
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		<title>Psychologie mit gro&#223;em K</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:29:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Markard, Morus: Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie, Hamburg: Argument Verlag 2009, 319 Seiten, € 18,40

Mit der 2009 erschienen Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie legt Morus Markard eine umfassende und systematische Aufarbeitung der Holzkamp´schen Lehre vor. Durchaus mit Blick auf ein j&#252;ngeres, psychologisch nicht unbedarftes Publikum &#246;ffnet er einen Zugang zur Kritischen Psychologie (die „orthodoxere“ Variante mit gro&#223;em K), die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Markard, Morus: Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie, Hamburg: Argument Verlag 2009, 319 Seiten, € 18,40<br />
<span id="more-1588"></span><br />
Mit der 2009 erschienen <em>Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie</em> legt Morus Markard eine umfassende und systematische Aufarbeitung der Holzkamp´schen Lehre vor. Durchaus mit Blick auf ein j&#252;ngeres, psychologisch nicht unbedarftes Publikum &#246;ffnet er einen Zugang zur Kritischen Psychologie (die „orthodoxere“ Variante mit gro&#223;em K), die bislang – vor allem wegen ihrer Sperrigkeit im Original – nicht selten in den Regalen kritisch interessierter LeserInnen verstaubt ist. Zu Unrecht, wie Markard in seinem Buch zeigt.<br />
Markard verortet die Ursprungsintention Kritischer Psychologie in den wissenschafts-kritischen Debatten der 1960er/70er an verschiedenen sozialwissenschaftlichen Fakult&#228;ten im deutschsprachigen Raum, allen voran an der FU Berlin. Im Zuge von Fakult&#228;tsbesetzungen und dem Aufbau alternativer Lehrpl&#228;ne standen sich Gruppierungen, die die Psychologie als Herrschaftswissenschaft zerschlagen wollten, und solche, die sie als Teil kritischer Sozialwissenschaften umfunktionieren wollten – um zun&#228;chst einmal die Rolle dieser Art von Herrschaftssicherung n&#228;her zu untersuchen – gegen&#252;ber. Vor diesem Hintergrund entwickelte der gerade erst habilitierte Professor Klaus Holzkamp seine zun&#228;chst noch eher vorsichtig formulierte wissenschaftstheoretische Kritik am psychologischen Experiment, dessen Repr&#228;sentanz, der Norm-Versuchsperson und dem Verh&#228;ltnis vom Konkreten zum Abstrakten in der Mainstream-Psychologie. Ebenso wichtig f&#252;r den Aufbau und die Verankerung der Kritischen Psychologie waren die strukturellen Umw&#228;lzungen an der FU Berlin.1969 spaltete sich das Institut f&#252;r Psychologie aufgrund politischer Auseinandersetzungen; Holzkamp und seinen MitarbeiterInnen war es dadurch bis in die 1980er Jahre m&#246;glich, kritische Theoriearbeit und Forschung, unbehelligt von der liberalen Mainstream-Psychologie, an einem eigenen Institut zu betreiben.<br />
Nach einem kurzen „Zwischenschritt“ zur Psychologiekritik widmet Markard den Gro&#223;teil seiner Einf&#252;hrung der inhaltlich, thematischen Auseinandersetzung mit Holzkamps Kritischer Psychologie, wobei methodische und inhaltliche Fragen nie vollst&#228;ndig voneinander getrennt dargestellt werden (k&#246;nnen). So gilt die Gegenstandsad&#228;quatheit der Methoden als zentrales Kriterium Kritischer Psychologie. Und Gegenstand ist in diesem Fall das Psychische, dessen Charakteristika Holzkamp &#252;ber den Ansatz historischer Kategorialanalyse zu fassen versucht. In seiner <em>Grundlegung der Psychologie</em> (1983), die &#252;ber mehrere Kapitel Hauptreferenzpunkt von Markards Ausf&#252;hrungen bleibt, erarbeitet Holzkamp eine Art emanzipatorische Evolutionsgeschichte, in der er dem Darwin´schen Begriff der Anpassung den der Aneignung gegen&#252;berstellt, um zentrale Qualit&#228;ten des Psychischen, wie Orientierung, Emotionalit&#228;t und Kommunikation, als etwas gesellschaftlich Gewordenes darzustellen (S.121). Im krassen Gegensatz zur Mainstream-Psychologie steht hier das Individuum nicht isoliert vor gegebenen Bedingungen, sondern die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse werden – als von Menschen entwickelte und ver&#228;nderbare Dynamik – mit in den Blick genommen. Auch hinsichtlich der individuellen Lerngeschichte und der darin enthaltenen M&#246;glichkeiten und Einschr&#228;nkungen des Handelns und der Kooperation betont Holzkamp die „gesellschaftliche Natur des Menschen“ und stellt sich Markard zufolge sowohl gegen biologistische als auch gegen klassisch freudianische Konzeptionen, die „die Natur der Menschen“ als etwas von der Gesellschaft zu B&#228;ndigendes auffassen (S.142).<br />
&#220;ber seine historischen Analysen und in Anlehnung an die Marx´sche Methode zur Untersuchung der &#214;konomie entwickelt Holzkamp Kategorien aus der Genese des Psychischen, die dann in aktual-empirischen Analysen angewendet werden k&#246;nnen.<br />
Neben der historischen Gewordenheit stellt aber auch die G<em>esamtgesellschaftliche Vermitteltheit der menschlichen Existenz</em> eine unabdingbare Referenz zur Untersuchung menschlicher Handlungen dar. Das Individuum stehe in einer doppelten Beziehung zu seinen/ihren Lebensbedingungen und -mitteln: Einerseits sind diese Voraussetzung seiner/ihrer Existenz, andererseits tr&#228;gt er/sie zu deren Schaffung, Erhaltung und Entwicklung bei (S.147). Die konkreten Lebensbedingungen/Produktionsverh&#228;ltnisse k&#246;nnen daher nicht einfach, wie in die Mainstream-Psychologie &#252;blich, ausgeblendet werden. Einerseits bedeutet dies f&#252;r die Kritische Psychologie stets ein aktives Verh&#228;ltnis zur Gesellschaftstheorie, andererseits auch eine Kategorieentwicklung, die gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse nicht nur mitber&#252;cksichtigt, sondern auch an der &#220;berwindung ebendieser Verh&#228;ltnisse (d.h. kapitalistischer Verh&#228;ltnisse) arbeitet. Eine solche zentrale Kategorie ist die der restriktiven versus verallgemeinerten Handlungsf&#228;higkeit, wobei erstere f&#252;r die individuell-unmittelbare Bed&#252;rfnisbefriedigung und letztere f&#252;r die gemeinsame Erweiterung der gesellschaftlichen Lebensm&#246;glichkeiten steht (S.181).</p>
<p>Anhand dieser und anderer essentieller Begrifflichkeiten der Kritischen Psychologie pr&#228;sentiert Markard auch eigene Forschungsarbeiten zu den Themen Entwicklung, Bildung und Erziehung. Im abschlie&#223;enden Kapitel geht er nochmals fokussierter auf die Prinzipien Kritisch-psychologischer Forschung ein, um so zur <em>Reinterpretation</em>, zum Erkenntnisprinzip der Einheit von Kritik und Weiterentwicklung (S.299), anzuregen. Wichtig ist ihm dabei, dass in psychologischer Forschung nicht Subjekt-Objekt-Beziehungen wie in den Naturwissenschaften vorherrschen, sondern die Betroffenen selbst am Forschungsprozess partizipieren. Au&#223;erdem soll menschliches Handeln – im Gegensatz zum blo&#223;en Verhalten – in einem Begr&#252;ndungsdiskurs reflektiert, statt in einem statischen Bedingungsgef&#252;ge gepr&#252;ft werden. Die aktive Lebensgestaltung von Menschen wird damit zum eigentlichen Forschungsgegenstand, dem durch eine geeignete Methodologie Rechnung zu tragen ist, anstatt, wie in der heutigen psychologischen Forschung &#252;blich, jegliche individuelle „Verhaltensabweichung“ als St&#246;rvariable auszuschlie&#223;en.<br />
Insgesamt ist Morus Markards <em>Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie</em> eine sehr gelungene Aufbereitung der Holzkamp´schen Hinterlassenschaften und deren Weiterentwicklungen. Die Einbettung in die inhaltlichen und strukturellen Rahmenbedingungen des Entstehungsprozesses der Kritischen Psychologie, sowie die aktuellen Bez&#252;ge und plastisch geschilderten Beispiele stellen eine echte Bereicherung zur klassischen Lesart dar. Markard versucht auf alle Themen systematisch hinzuf&#252;hren und sie ausreichend zu kontextualisieren. Trotzdem bleibt es dem/der LeserIn nicht erspart, die wesentlichen Passagen im Mittelteil sehr konzentriert und teilweise mehrmals zu lesen, weil hier auch wissenschaftstheoretisch relativ komplexe Sachverhalte thematisiert werden. Diese Einf&#252;hrung ist keine leichte Lekt&#252;re, deshalb erscheint auch ein gemeinsames Lesen und Diskutieren sehr sinnvoll. Wenn Markard mit diesem Buch dazu anregen kann, im studentischen Umfeld wieder Kritisch-psychologische Inhalte zu diskutieren, so ist ihm bereits viel gelungen.</p>
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		<title>Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:26:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010

Das Wien Museum am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010<br />
<span id="more-1586"></span><br />
Das <em>Wien Museum</em> am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext von Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Armut.  Die Ausstellung faszinierte vor allem durch eine Vielzahl von Originalen aus den 1930er Jahren. Eine unglaubliche F&#252;lle an Plakaten und Photos, aber auch einiger f&#252;r die damalige Zeit typischer oder neuartiger Gegenst&#228;nde wie Zapfs&#228;ulen, Leuchtreklamen oder Radios vermittelte der/m BesucherIn das Gef&#252;hl, in die Wiener 1930er Jahre einzutauchen.<br />
Wie so oft jedoch, wenn politische Inhalte in einem b&#252;rgerlichen Rahmen vermittelt werden, war dies f&#252;r ein politisch „vorbelastetes“ Publikum auch im vorliegenden Fall mit einigen Abstrichen verbunden. Am besten war die Ausstellung zu genie&#223;en, wenn man m&#246;glichst alle politischen Erwartungen und Ansichten hinten anstellte und sich „einfach“ unvermittelt auf das Pr&#228;sentierte einlie&#223; – was bei diesem Thema zugegeben nicht so einfach ist.<br />
Den historischer Rahmen der Ausstellung stellte einerseits das Rote Wien mit den bekannten Bildern von Massenaufm&#228;rschen, wehenden roten Fahnen und Menschen voller Hoffnung auf eine neue Zeit dar. Anderseits wurde die zunehmende Macht der Konservativen, Katholiken, des Adels, der Heimwehren und der Nazis thematisiert, also all jener, die vom „Weg in den Sozialismus“ nichts wissen wollten bzw. alles dagegen unternahmen, dass dieser eingeschlagen w&#252;rde. Deren regelm&#228;&#223;ige Aufm&#228;rsche und Kr&#228;ftedemonstrationen sowie die Provokationen der Heimwehren brachten damals zwar die sozialdemokratische Basis zum Kochen, wurden seitens der sozialdemokratischen F&#252;hrung jedoch nur mit Z&#246;gern und Ignoranz beantwortet. Auseinandersetzungen mit Schwerverletzten und Toten standen auf der Tagesordnung.<br />
F&#252;r politisch Interessierte hielt diese Darstellung der Ereignisse der damaligen Zeit keine Neuigkeiten bereit. Die Ausstellung fokussierte jedoch ohnehin eher auf die Menge sozialer und technischer Ver&#228;nderungen, in welche die K&#228;mpfe zwischen Rot und Schwarz beziehungsweise Braun eingebettet waren. Der gesamte &#246;ffentliche Raum wurde rund um 1930 neu gestaltet und belebt. Der sich stark ver&#228;ndernde und rasant zunehmende Verkehr sorgte f&#252;r eine vollkommene Umgestaltung des Lebens auf der Stra&#223;e. Das Tempo erh&#246;hte sich und in Konsequenz auch die Gefahren; der L&#228;rm und der Geruch nahmen zu. Auch brachte etwa der neuartige Einsatz von Leuchtreklamen und den – gerade erst aufgekommenen – &#246;ffentlichen Lautsprechern gro&#223;e Ver&#228;nderungen des Alltags der damals lebenden Menschen mit sich.<br />
Bei vielen R&#252;ckblicken auf die 1930er Jahre werden diese tiefgreifenden Ver&#228;nderungen h&#228;ufig kaum bedacht. Diese Auslassung leistete sich<em> Kampf um die Stadt</em> nicht – vielmehr stand das Alltagsleben im Wien der 1930er Jahre im Zentrum der Ausstellung. Durch diesen Fokus wurde angenehmerweise auch der in der Geschichtsschreibung verbreitete Fehler vermieden, nur die Geschichte der Herrschenden zu erz&#228;hlen.<br />
Gerade weil aber der behandelte Zeitraum derart von Widerspr&#252;chen und K&#228;mpfen gepr&#228;gt war, h&#228;ngt die Darstellung des Alltags sehr wohl auch davon ab, auf welcher „Seite“ man stand. Da es nicht im Interesse der KuratorInnen sein konnte, die subjektive Lebenssituation der aufkommenden Nazis oder des an Bedeutung schwindenden Adels nachvollziehbar zu machen, w&#228;re es naheliegend gewesen, die Ereignisse aus den Augen eines/r gl&#252;henden Sozialdemokraten/in nachzuzeichnen. Eine Ahnung von der massiven Aufbruchsstimmung bekam man in der Ausstellung aber nur durch den Anblick der sozialdemokratischen (Wahl-)Plakate. Die angebotenen, von einem gelangweilten Ton getragenen F&#252;hrungen durch die Ausstellung arbeiteten demgegen&#252;ber einer emphatischen Betrachtung der Ereignisse eher entgegen. Sie f&#252;gten sich durch entpolitisierte Ausf&#252;hrungen und den Erz&#228;hlstil des „Experten“ nur zu gut in das gesamte Muster der Ausstellung.<br />
Besonders deutlich war dies anhand einer Installation zu sehen, bei der in einem etwas verdunkelten Raum kurze Ausschnitte aus zeitgen&#246;ssischen politischen Reden im Originalton zu h&#246;ren waren. Dabei sollten die verschiedenen Redestile von Politikern anschaulich gemacht und gegen&#252;ber gestellt werden: der alte, die Massen &#252;berschreiende Stil im Gegensatz zum neuen, ruhig ins gerade erst aufkommende Mikrophon Sprechende. Dies ist zwar kein uninteressantes Ph&#228;nomen, jedoch war der „technische“ Fokus allein auf den Redestil gelegt – es wurde nicht thematisiert, ob der Redner „Tod allen Juden!“ oder „Es lebe das Proletariat!“ schreit. Ein weiteres Beispiel f&#252;r die entpolitisierte Herangehensweise der KuratorInnen. Insgesamt vermittelten die Darstellung und Aufbereitung der Themen und Ereignisse den Eindruck, als w&#228;re zwischen den reaktion&#228;r-faschistischen und den linken und antifaschistischen Kr&#228;ften kein Unterschied zu machen.<br />
Auch der Versuch, die gesellschaftlichen Entwicklungen in einzelne, sauber von einander getrennte Themenbereiche und Ausstellungsr&#228;ume zu unterteilen, wirkte aus einer politischen Perspektive nicht gegl&#252;ckt, lassen sich doch gerade in einer so bewegten Zeit gesellschaftliche Themen nicht isoliert voneinander betrachten. Zudem herrschte die bedenkliche Tendenz vor, die Sozialdemokratie und die konservativ-reaktion&#228;ren Kr&#228;fte in diesen R&#228;umen anhand eines Schlagwortes auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – um sie dann erst innerhalb dieses vage vorgegebenen Rahmens auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen. Nat&#252;rlich musste in der Gestaltung der Ausstellung wohl ein Kompromiss zwischen der detaillierten Darstellung der K&#228;mpfe – auch in ihren Widerspr&#252;chen – und einer massentauglichen Aufbereitung der Inhalte gefunden werden.<br />
Trotzdem war es bei der F&#252;hrung manchmal zuviel des Guten: So endete diese im Raum zur „politischen Gewalt“.  Als der Experte, der durch die Ausstellung f&#252;hrte, schlie&#223;lich bei der Schilderung der Ereignisse rund um den Brand des Justizpalastes anmerkte, dass dies wohl die gewaltt&#228;tigste Aktion „bis dato“ war, sank die Lust, den Ausf&#252;hrungen weiter zu lauschen, stark ab: „War da nicht kurz vorher ein Weltkrieg?“ Noch eine kurze Geschichte zu einem Einschussloch in einem Pokal musste man &#252;ber sich ergehen lassen, und es war &#252;berstanden. Im kurzen Schlagabtausch mit einer anderen Besucherin dar&#252;ber, ob und wie entpolitisiert man diese Ereignisse darstellen darf/kann, bzw. wie sehr BesucherInnen mit gewissen Darstellungsweisen „indoktriniert“ oder doch eher nur „konfrontiert“ werden, wurde indes klar, dass die gew&#228;hlte Darstellungsweise der Ausstellung durchaus auch ihr Publikum hat.<br />
Das Buch zur Ausstellung hingegen ist jeder/m nur w&#228;rmstens zu empfehlen. Darin enthalten sind nicht nur die Fotos aller(!) Ausstellungsst&#252;cke – was besonders aufgrund der gro&#223;en Anzahl von Plakaten und Fotos imponiert – sondern auch eine Menge an Text in Form von Erkl&#228;rungen, Erz&#228;hlungen, Berichten und Statistiken. Auf knapp 600 Hochglanzseiten findet die/der Interessierte eine Unmenge an Material zum gem&#252;tlichen Schm&#246;kern, Studieren und Wundern vom Sofa aus&#8230; ganz ohne langweilige Expertisen, im Weg stehende Menschen und Rauchverbot. Nicht zuletzt wird hier auch abseits aller politischen Nivellierungen der Ausstellung die bremsende und kalmierende Rolle der sozialdemokratischen F&#252;hrung im Kampf gegen die aufkommenden FaschistInnen aktiv thematisiert. </p>
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		<title>„Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). Franziskus Forster sprach mit den FilmemacherInnen Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel sowie mit Ashraf und Mne, zwei der ProtagonistInnen des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm <em>When the Mountain meets its Shadow</em> (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). <em>Franziskus Forster</em> sprach mit den FilmemacherInnen <em>Romin Khan, Alexander Kleider</em> und <em>Daniela Michel</em> sowie mit <em>Ashraf </em>und <em>Mne</em>, zwei der ProtagonistInnen des Films, &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln rund um Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
<span id="more-1584"></span></p>
<p><em>Wie kam es zu diesem Filmprojekt und was ist der Grundgedanke Eures Films?</em> </p>
<p>Alexander: Normalerweise verfolgen wir immer das Ziel, Dokumentarfilme &#252;ber sozialkritische Themen oder  – vor allem in letzter Zeit – &#252;ber die Auswirkungen des Neoliberalismus auf einzelne Menschen zu machen. Romin Khan, der auch bei dem Film beteiligt war, hat ein Jahr in Kapstadt studiert und mir von den dort vorherrschenden sozialen Umst&#228;nden erz&#228;hlt. Das war der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass wir uns dazu entschieden haben, „S&#252;dafrika“ als Projekt in Angriff zu nehmen. </p>
<p><em>Ihr habt euch ja bewusst das Medium „Film“ ausgesucht. Welche Erwartungen habt ihr damit verbunden?<br />
</em><br />
Daniela: Unser Ziel ist es, Erfahrungsr&#228;ume zu schaffen, in denen man sich austauschen kann. F&#252;r uns war und ist vor allen Dingen die Filmtour sehr wichtig, da wir dadurch den Film in vielen verschiedenen Kinos oder Veranstaltungsr&#228;umen zeigen k&#246;nnen und die M&#246;glichkeit haben, mit Leuten zu diskutieren.<br />
Ashraf: Wir versuchen Leuten zu vermitteln, wie es ist, in Armut zu leben. Unsere Filme sollen die Menschen aufr&#252;tteln, damit sie sehen, dass die Ursachen f&#252;r Armut in der weltpolitischen Lage und in der neoliberalen Politik liegen. Ich bin mir zwar sicher, dass die Menschen das im Grunde genommen wissen, aber es ist notwendig, diese Missst&#228;nde immer und immer wieder aufzuzeigen. </p>
<p><em>Plant ihr den Film beispielsweise auch in Brasilien oder Indien zu zeigen? </em></p>
<p>Romin: Wir wollen nat&#252;rlich, dass der Film so oft wie m&#246;glich in der ganzen Welt gezeigt wird. Gerade weil die Probleme ja an verschiedenen Orten relativ &#228;hnlich sind, w&#228;re es, aus unserer Sicht, sehr wichtig, dass die Menschen &#252;ber diesen Film zusammenkommen. <em>Im Schatten des Tafelberges</em> ist in Deutschland und der Schweiz schon ziemlich pr&#228;sent. In Kiew und Vancouver l&#228;uft der Film auch schon auf diversen Dokumentarfilmfestivals. Wir hoffen nat&#252;rlich, dass er sich weiter in die verschiedenen Teile der Welt verbreitet, er also auch in Brasilien oder Indien gezeigt wird.</p>
<p><em>Glaubt ihr, dass die Fu&#223;ballweltmeisterschaft euer Projekt weiter st&#228;rkt?</em></p>
<p>Romin: Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit f&#252;r den Film im Kontext der Fu&#223;ballweltmeisterschaft gestiegen ist und noch weiter steigen wird. In den Medien wird immer der positive Einfluss der Weltmeisterschaft auf S&#252;dafrika betont – viele Menschen haben daher keine Ahnung davon, dass dieser „&#246;konomische Gewinn“ den Armen in S&#252;dafrika nicht zugute kommt. Der Film soll ihnen daher zeigen, wie die soziale Situation in Kapstadt wirklich aussieht und warum die Weltmeisterschaft diese sogar noch verschlechtern kann. </p>
<p><em>Mne, Ashraf, ihr seid ja direkt von den Auswirkungen der Weltmeisterschaft betroffen. Was passiert gerade in Kapstadt? Wen treffen die Umw&#228;lzungen am meisten?</em></p>
<p>Mne: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft betreffen in erster Linie die Armen und diejenigen, die gewerblich in der (Innen-)Stadt zu tun haben. Alte Geb&#228;ude werden abgerissen, um neue, den „westlichen Standards“ entsprechende Geb&#228;ude zu errichten. Dadurch m&#252;ssen viele Menschen ihre L&#228;den oder Wohnungen r&#228;umen und sie werden aus ihren „communities“ vertrieben. Fu&#223;ball ist an sich ein beliebter Sport in S&#252;dafrika – durch die Auswirkungen der Weltmeisterschaft &#228;ndert sich das jetzt allerdings zunehmend.<br />
Ashraf: In nur wenigen Monaten wurden – nicht nur in unmittelbarer N&#228;he zum Stadion – 800 R&#228;umungen vorgenommen. Insgesamt betrifft das 420.000 Menschen. Man sieht ganz deutlich, dass die Regierung die Weltmeisterschaft den Menschen vorzieht. Sie nimmt f&#252;r kurzfristige Profite und globale Anerkennung zunehmende Obdachlosigkeit und Armut in Kauf. Wie Mne bereits angedeutet hat, ist es so, dass die armen Leute zunehmend die M&#246;glichkeit verlieren, Handel zu treiben, weil sie pl&#246;tzlich keine Gesch&#228;ftslokale mehr haben. Das hei&#223;t wiederum, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete oder ihr Essen zu zahlen. </p>
<p><em>Was hat es mit der Anti-R&#228;umungskampagne auf sich? Wie und in welchem historischen Kontext ist sie entstanden?</em></p>
<p>Ashraf: Durch den politischen Wandel 1994<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> erwarteten alle, dass sich vor allem f&#252;r die Armen die Situation verbessern w&#252;rde. Stattdessen wurde der &#246;ffentliche Sektor, unter anderem der Wohnungsbau und viele Bildungseinrichtungen, privatisiert. Die Lage der Armen in Kapstadt und also auch unsere eigene Situation ist dadurch nat&#252;rlich noch prek&#228;rer geworden. Auch wenn wir keine Kriminellen sind, wurden und werden wir st&#228;ndig kriminalisiert.<br />
Um diese Situation zu &#228;ndern, formierte sich nach 1994 vor allem in strukturschwachen <em>communities </em>die Anti-R&#228;umungskampagne. Wir gr&#252;ndeten eine Plattform, deren Ziel es war, gemeinsam f&#252;r unsere Rechte zu k&#228;mpfen. Die Situation ist heute zwar noch immer nicht viel besser; die Kampagne ist allerdings in den <em>communities </em>ziemlich bekannt. Die Menschen wissen genau, wer wir sind und was wir tun. Sie kommen auch immer &#246;fter mit ihren Problemen zu uns. Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert. Die Protestformen haben sich seit dem Ende der Apartheid allerdings stark gewandelt. Da die Politik wei&#223;, wie sie mit traditionellen Protestformen umgehen muss, um sie ins Leere laufen zu lassen, versuchen wir neue, kreative Protestformen zu entwickeln. Die direkte Aktion ist ein Beispiel daf&#252;r. Wenn beispielsweise von staatlichen oder privaten Organen Wasserleitungen durchtrennt werden, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, fixieren wir sie einfach wieder. Wir gehen auch gemeinsam in Kliniken und versuchen Gratisbehandlungen f&#252;r arme Menschen zu erzwingen. Wir wollen unmittelbare Erfolge sehen und versuchen daher direkte Aktionen durchzuf&#252;hren, anstatt Diskussionen zu f&#252;hren.<br />
Die Anti-R&#228;umungskampagne hat in vielen Stadtgebieten, in denen es soziale Probleme gibt, Anlaufstellen er&#246;ffnet, die gemeinsam mit den <em>communities </em>entscheiden, was unmittelbar getan werden muss und kann. Unsere Ideologie kann daher als <em>communitism </em>bezeichnet werden: Wir versuchen die <em>communities </em>zu st&#228;rken und eigenst&#228;ndig zu machen, anstatt &#8211; wie eine Beh&#246;rde – Sachen f&#252;r sie zu erledigen.</p>
<p><em>Ein gro&#223;es Problem eurer K&#228;mpfe scheint das Verh&#228;ltnis zum </em>African National Congress (ANC)</em> bzw. die Geschichte des ANC zu sein. Es wirkt von au&#223;en so, als ob es eine Art Kampf darum g&#228;be, wer der/die „legitime“ StellvertreterIn der Armen sein darf. Ihr versucht ja &#252;ber eure Kampagne die Legitimation des ANC herauszufordern.<br />
</em><br />
Ashraf: Der ANC ist eine politische Partei und l&#228;ngst keine revolution&#228;re Bewegung mehr. Die Mitglieder der politischen Elite innerhalb des ANC m&#246;gen zwar Ex-Revolution&#228;rInnen sein, aber jetzt sind sie eben Million&#228;rInnen – wir wissen also, dass sie die Interessen der armen Leute nicht (mehr) vertreten.<br />
Unser Ziel ist es nicht, Legitimation zu erk&#228;mpfen. Wir sind gegen jede politische Partei, egal ob das der ANC, die <em>Democratical Alliance</em>, die <em>Inkatha Freedom Party</em>, das <em>United Democratic Movement</em>, die <em>African Christians</em> oder die <em>National Party</em> ist. Einer unserer Grunds&#228;tze aus dem Jahr 2004 besagt: „Kein Land, kein Haus – keine Wahl“. D.h. wir sagen unseren Leuten, sie sollen nicht w&#228;hlen gehen, sondern am Tag der Wahl lautstark protestieren. Am 27. April ist beispielsweise der sogenannte <em>Freedom Day </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir von der Anti-R&#228;umungskampagne „feiern“ an diesem Tag den <em>Unfreedom Day</em> und weisen damit auf die schlechte Situation und die herrschenden Umst&#228;nde hin.</p>
<p><em>Versucht ihr auch &#252;ber offizielle, rechtliche Wege, beispielsweise durch Berufung auf die Verfassungsgrunds&#228;tze, etwas zu ver&#228;ndern? </em></p>
<p>Ashraf: Ja, 2002 haben wir einen Koordinierungsausschuss gegr&#252;ndet, dessen Ziel es war, die Stadt Kapstadt zu verklagen und das Kappen von Wasserleitungen als verfassungswidrig zu deklarieren. Wir wollten so etwas eigentlich nie tun, aber weil wir gesehen haben, dass die Abgeordneten des ANC nicht uns, sondern den Staat unterst&#252;tzen, haben wir uns dazu entschieden, den offiziellen Weg zu gehen. Mittlerweile hat sich die Arbeit des Koordinierungsausschusses auch ausgeweitet. Wir versuchen beispielsweise die Armen vor einer Verurteilung zu bewahren, wenn sie im Falle von R&#228;umungen gezwungen werden, vor Gericht zu gehen – wenn jemand n&#228;mlich nicht vor Gericht geht und einfach in das Haus zur&#252;ckkehrt, in dem er/sie unter Umst&#228;nden 30 Jahre gelebt hat, wird er/sie wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Wir haben desweiteren in Durban<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gegen ein Gesetz geklagt, das die BewohnerInnen einer unserer <em>communities </em>zu SlumbewohnerInnen erkl&#228;rt h&#228;tte, d.h. die Orte, an denen sie lebten, sollten zu Slums erkl&#228;rt werden. Dies h&#228;tte es der Politik erlaubt, ohne gerichtliches Verfahren jederzeit alles r&#228;umen zu lassen. Das Gesetz ist zwar noch nicht verhindert, aber wenigstens steht es jetzt wieder zur Diskussion.<br />
Eigentlich wollen wir &#252;berhaupt nicht vor Gericht gehen, aber weil die Politik und die Wirtschaft es machen, machen wir es auch. Wir sind andererseits aber auch davon &#252;berzeugt, dass der rechtliche Kampf nur wenig bewirkt und dass Widerstand auf vielen, anderen Ebenen geleistet werden muss. </p>
<p><em>Versucht ihr auch mit anderen sozialen Bewegungen, z.B. der Landlosenbewegung zusammenzuarbeiten?</em></p>
<p>Ashraf: Ja nat&#252;rlich! 2002 sind wir als <em>community </em>im Rahmen der Anti-R&#228;umungskampagne zum Weltkongress f&#252;r Nachhaltige Entwicklung gefahren. Allerdings stehen wir einigen NGOs auch kritisch gegen&#252;ber. Wir haben im Laufe der Jahre leider erfahren m&#252;ssen, dass sich beispielsweise die <em>South African National NGO Coalition</em> (SANGOCO) all unsere Ressourcen aneignen wollte, weshalb wir uns 2002 von den NGOs verabschiedeten und das <em>Netzwerk sozialer Bewegungen in S&#252;dafrika</em> (SMI) gr&#252;ndeten. Das SMI institutionalisierte sich jedoch relativ rasch und wurde zu einer wichtigen NGO S&#252;dafrikas. Als wir 2006 zur – j&#228;hrlich stattfindenden Konferenz – des SMI gingen, mussten wir erfahren, dass diese NGOisierung das SMI komplett ver&#228;ndert hatte. Das Netzwerk sprach &#252;ber die Interessen der Armen – also &#252;ber unsere Interessen – ohne mit uns zu reden, ohne uns einzubinden.<br />
Neben dem SMI haben wir uns auch an der Gr&#252;ndung anderer Bewegungen und Netzwerke beteiligt. Ein Beispiel ist die <em>Shacklessness</em>-Bewegung, also eine Bewegung von und mit Menschen, die in Baracken wohnen. Desweiteren sind wir auch in der <em>Action Alliance</em> aktiv, in der verschiedene soziale Gruppierungen und Personen zusammenarbeiten. Durch diese Action Alliance haben wir Kontakte zu anderen, k&#228;mpfenden communities gekn&#252;pft, insbesondere zu der Landlosenbewegung und zum <em>Rural Network</em>. Mit diesen haben wir die <em>Poor People Alliance of South Africa</em> gegr&#252;ndet.<br />
Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, wir versuchen st&#228;ndig uns mit anderen sozialen Bewegungen zusammenzuschlie&#223;en. Unser n&#228;chstes Ziel ist die Vernetzung mit Leuten und Bewegungen aus Europa, um eine <em>Poor People Alliance of the World</em> zu gr&#252;nden. </p>
<p><em> Wie k&#246;nnte eine solche Allianz zwischen europ&#228;ischen und s&#252;dafrikanischen sozialen Bewegungen aussehen?</em> </p>
<p>Ashraf: In S&#252;dafrika besitzen gro&#223;e, multinationale Konzerne – darunter auch viele europ&#228;ische Firmen – fast alles und mischen sich in Angelegenheiten, die uns betreffen, ein. Wir denken daher, dass die Kooperation mit sozialen Bewegungen in Europa besonders wichtig ist, weil sie ihre eigenen Regierungen anprangern k&#246;nnen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, aufzuzeigen, dass es nicht nur „arme AfrikanerInnen“ auf der einen und „reiche Europ&#228;erInnen“ auf der anderen Seite gibt, sondern dass wir alle mit denselben Problemen zu k&#228;mpfen haben. W&#228;hrend die politische Klasse weltweit von diesem System profitiert, leiden in allen Gebieten der Erde Menschen unter dessen Auswirkungen. Ein gemeinsames Ziel k&#246;nnte beispielsweise die Forderung nach einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen f&#252;r alle sein. Zwischen sozialen Bewegungen in Europa und (S&#252;d-) Afrika sollte eine gleichberechtige Beziehung hergestellt werden, ein Geben und Nehmen, und nicht ein „Wir“ und „Ihr“. Wir glauben zudem eher an Solidarit&#228;t durch Aktionen und nicht an Solidarit&#228;t durch &#246;konomische Unterst&#252;tzung. Wir w&#228;ren um einiges schlagkr&#228;ftiger, wenn wir uns &#252;ber gemeinsame Aktionen zusammenschlie&#223;en und definieren w&#252;rden. Sowohl in S&#252;dafrika als auch in Europa gibt es viele Orte, die f&#252;r Aktionen in Anspruch genommen werden k&#246;nnen. </p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r eure interessanten Ausf&#252;hrungen!</em></p>
<p><em>Romin Khan</em> forscht zu S&#252;dafrika und ist Mitherausgeber des Bandes S&#252;dafrika. Die Grenzen der Befreiung (Assoziation A, Berlin/Hamburg)</p>
<p><em>Alexander Kleider</em> ist Autor, Ressigisseur und Kameramann sowie Mitbegr&#252;nder der Filmkooperative DOKWERK.<br />
<em><br />
Daniela Michel</em> ist Autorin, Regisseurin und Produzentin sowie Mitbegr&#252;nderin der Filmkooperative DOKWERK.</p>
<p><em>Ashraf Cassiem</em> und <em>Mncedisi Twalo</em> sind Aktivisten der Anti-R&#228;umungskampagne Kapstadt.</p>
<p><em>Franziskus Forster</em> studiert Internationale Entwicklung und ist aktiv bei attac.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> 1994 wurden in S&#252;dafrika die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Apartheid-Regimes abgehalten. Der African National Congress (ANC) gewann die Wahlen und Nelson Mandela wurde Pr&#228;sident. Die Partei ist seit 1994 durchgehend an der Macht.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>Der 27. April 1994 ist der Tag der ersten freien Wahlen und daher in S&#252;dafrika Nationalfeiertag.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Durban ist eine Gro&#223;stadt an der Ostk&#252;ste S&#252;dafrikas.</p>
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		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a name="anm_1"></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a name="anm_2"></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a name="anm_3"></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a name="anm_4"></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a name="anm_5"></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a name="anm_6"></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a name="anm_7"></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a name="anm_8"></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a name="anm_9"></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a name="anm_10"></a> „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden.</p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a name="anm_11"></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a name="anm_12"></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a name="anm_13"></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a name="anm_13"></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a name="anm_15"></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a name="anm_16"></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a name="anm_17"></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a name="anm_18"></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird.</p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a name="anm_19"></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe.</p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a name="anm_20"></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a name="anm_21"></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a name="anm_22"></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a name="anm_23"></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a name="anm_24"></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a name="anm_25"></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a name="anm_26"></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a name="anm_27"></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a name="anm_28"></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a name="anm_29"></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a name="anm_30"></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a name="anm_31"></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a name="anm_32"></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a name="anm_33"></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a name="anm1"></a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a name="anm2"></a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a name="anm3"></a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a name="anm4"></a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a name="anm5"></a> Ebd., S.219ff.<br />
<a name="anm6"></a> Ebd.<br />
<a name="anm7"></a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a name="anm8"></a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a name="anm9"></a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a name="anm10"></a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a name="anm11"></a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a name="anm12"></a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a name="anm13"></a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a name="anm14"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a name="anm15"></a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a name="anm16"></a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a name="anm17"></a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a name="anm18"></a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a name="anm19"></a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a name="anm20"></a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a name="anm21"></a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a name="anm22"></a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a name="anm23"></a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a name="anm24"></a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a name="anm25"></a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a name="anm26"></a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a name="anm27"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a name="anm28"></a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a name="anm29"></a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a name="anm30"></a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a name="anm31"></a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a name="anm32"></a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a name="anm33"></a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
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		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
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