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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr.10</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Eliten-Bildung</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 16:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und
Einfluss. Florian Reiter sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.

Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und<br />
Einfluss. Florian Reiter</em> sprach mit dem Soziologen <em>Michael Hartmann</em> &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.<br />
<span id="more-1599"></span><em><br />
Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven oder strukturellen M&#246;glichkeiten gibt es, den Einfluss von Eliten zu vermindern?</em></p>
<p>Der Einfluss der Eliten ist sehr gro&#223;, weil sie gesellschaftlich ma&#223;gebliche Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis treffen k&#246;nnen. Wenn beispielsweise das h&#246;chste Gericht entscheidet, dass Studiengeb&#252;hren zul&#228;ssig sind, bedarf es schon sehr massiver Proteste von unten – die viel schwerer zu organisieren sind als die kleinen Kreise oben – um das wieder zu Fall zu bringen. Das ist in der Wirtschaft sehr &#228;hnlich. Wenn bei Daimler entschieden wird, die Mercedes C-Klasse in den USA zu produzieren, dann kommt diese Entscheidung relativ schnell zustande, weil sich da nur ein paar Leute verst&#228;ndigen m&#252;ssen. Um diese Entscheidung wieder zu kippen, m&#252;ssten sich unten etliche tausend Besch&#228;ftigte organisieren. Das ist nicht unm&#246;glich, aber sehr viel schwieriger. Eliten k&#246;nnen sehr viel schneller und unmittelbarer entscheiden, so dass das in der Realit&#228;t dann auch schnell wirksam wird. Widerstand muss immer in der Breite organisiert werden, aber es gibt Beispiele, bei denen das erfolgreich funktioniert hat. Zum Beispiel konnten in Hessen die Studiengeb&#252;hren durch massive Proteste der Studierenden wieder abgeschafft werden. Damit hat niemand gerechnet, weil Studiengeb&#252;hren ein Lieblingskind der Eliten waren. In &#214;sterreich sind die Studiengeb&#252;hren ja auch wieder abgeschafft worden. Das hei&#223;t, es ist m&#246;glich, aber es ist schwer, weil man viele Menschen um ein bestimmtes Anliegen herum organisieren muss und der Widerstand auch eine gewisse Dauer haben muss. Wenn man das nur punktuell macht, dann lassen sich Eliten davon nicht beeindrucken. Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, Eliten etwas entgegenzusetzen: breite Teile der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen sich organisieren. Wie die Organisierung konkret aussieht, das ist h&#246;chst unterschiedlich. Das k&#246;nnen eher locker organisierte Bewegungen wie die Antikriegs- oder die Antikernkraftbewegung sein, das k&#246;nnen Gewerkschaften sein oder partei&#228;hnliche Strukturen. Oder auch eine Bewegung wie in &#214;sterreich bei den j&#252;ngsten Studierendenprotesten. Aber ohne organisierten Widerstand gibt es keine M&#246;glichkeit, den Einfluss von Eliten zu vermindern.</p>
<p><em>In ihrem Buch „Eliten und Macht in Europa“ definieren sie drei f&#252;r Europa zentrale Elitentypen, politische und &#246;konomische Eliten sowie Eliten der Justiz und der Verwaltung. Diese zeichnen sich Ihrer Meinung nach dadurch aus, „dass sie in der Lage sind, qua Position ma&#223;geblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.“ Woher kommen diese Eliten? Welche gesellschaftlichen Instanzen tragen zu ihrer Herausbildung oder Reproduktion bei?</em></p>
<p>Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass in den meisten L&#228;ndern die Wirtschafts- und die Justizelite in ihrer gro&#223;en Mehrheit aus b&#252;rgerlichen oder gro&#223;b&#252;rgerlichen Familien stammen. Bei der Justizelite gilt das mit Abstrichen sogar f&#252;r Skandinavien. Das ist bei der Verwaltungselite und bei der politischen Elite schon sehr viel unterschiedlicher. Bei der politischen Elite kann man traditionell bspw. in Frankreich feststellen, dass sie fast genau so zusammengesetzt ist wie die wirtschaftliche Elite (d.h. ein Anteil von mindestens drei Viertel an B&#252;rger- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkindern). Auch in Spanien und Portugal ist die Zusammensetzung sehr &#228;hnlich. Trotz weniger starker Auspr&#228;gung trifft das auch auf Gro&#223;britannien zu. Demgegen&#252;ber hatten die meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;nder zumindest bis Ende des letzten Jahrtausends politische Eliten, die eher aus kleinb&#252;rgerlichen Kreisen stammten. Das ist in &#214;sterreich noch immer zu beobachten und war typisch f&#252;r die Mehrzahl der europ&#228;ischen L&#228;nder. Bei der Verwaltungselite gab es eine Zweiteilung: Es gab ein paar gro&#223;e L&#228;nder, wie Frankreich oder Gro&#223;britannien, Deutschland und Spanien, in denen die Verwaltungselite auch eher b&#252;rgerlich oder gro&#223;b&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Es gab aber eine Mehrheit an L&#228;ndern wie Italien, &#214;sterreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, in denen die Verwaltungselite kleinb&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Das hat sich bei der politischen Elite in vielen L&#228;ndern in den letzten zehn bis 15 Jahren ge&#228;ndert. Die politische Elite, vor allem in Deutschland, ist sehr viel b&#252;rgerlicher geworden. Inzwischen ist sie fast so zusammengesetzt wie die anderen Eliten auch. Statt zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten, wie es in den f&#252;nf Jahrzehnten seit 1949 stets der Fall war, kommen die Mitglieder der aktuellen Bundesregierung zu zwei Dritteln aus dem B&#252;rgeroder Gro&#223;b&#252;rgertum.<br />
Die Instanzen, die zur Elitenbildung beitragen, sind europaweit sehr unterschiedlich. Es gibt drei Grundtypen. Der erste Typ, und das trifft auf Frankreich und Spanien zu, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es elit&#228;re Bildungsinstitutionen und/oder Eliteinstitutionen in der staatlichen Verwaltung gibt, von denen aus Karrieren in der Wirtschaft und in der Politik gestartet werden. Den zweiten Typ repr&#228;sentiert Gro&#223;britannien. Dort gibt es zwar Elitebildungsinstitutionen, aber keine Querverbindungen zwischen den Elitesektoren. Und der dritte Typ, das w&#228;ren alle anderen L&#228;nder. Diese kennen, bisher jedenfalls, keine Elitebildungseinrichtungen und es kommt nur in wenigen F&#228;llen zu einem Wechsel zwischen den verschiedenen Elitesektoren. Auch wenn in dieser Beziehung eine starke Zunahme festzustellen ist, vor allem in Deutschland, ist das entscheidende Kriterium f&#252;r die Homogenit&#228;t und damit auch die St&#228;rke der Eliten in diesen L&#228;ndern noch immer die soziale Herkunft.</p>
<p><em>Das Bildungssystem spielt ja eine zentrale Rolle bei der Herausbildung bzw. der Reproduktion von Eliten. Welche Aufgabe hat es hier prim&#228;r zu erf&#252;llen? Wie wichtig ist die Qualit&#228;t der Ausbildung? Wie wichtig die Herausbildung sozialer Netzwerke und das Erlernen eines klassenspezifischen Habitus?</em></p>
<p>Die zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen ist die Selektion. Das hei&#223;t, wenn man den Blick auf die Eliten richtet, geht es vor allem darum, einen m&#246;glichst kleinen Teil einer Generation aus der Masse herauszufiltern. Das passiert auf sehr unterschiedliche Weise. Am effektivsten ist sicherlich Frankreich, wo an den drei f&#252;hrenden <em>grandes écoles</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> nur knapp 1000 Personen aus einem Jahrgang aufgenommen werden, die dann f&#252;r jede h&#246;here Position in Frage kommen. Die Situation ist in Gro&#223;britannien durch die Eliteuniversit&#228;ten und die <em>public schools</em> &#228;hnlich, wenn auch die Gruppe, die in diese Institutionen aufgenommen wird, gr&#246;&#223;er ist als in Frankreich.<br />
In den meisten L&#228;ndern, wie in Deutschland oder in &#214;sterreich, geht es prinzipiell erstmal darum, dass diejenigen, die nicht studieren, praktisch keine Chance haben, in die Elite zu kommen. Das hei&#223;t die Entscheidung „Studium ja oder nein?“ ist eine wesentliche Selektionsentscheidung, aber es bleiben dadurch nat&#252;rlich noch immer mehr als genug Personen &#252;brig – viel mehr, als Elitepositionen zu Verf&#252;gung stehen. Daher gibt es dann weitere Selektionsmechanismen im sp&#228;teren Berufsleben. Es gibt in diesen L&#228;ndern zwar soziale Netzwerke, die unterst&#252;tzend wirken k&#246;nnen, aber die sind nicht besonders stark. In &#214;sterreich sind sie zwar etwas bedeutender als in Deutschland (v.a. weil das Land kleiner ist), aber eigentlich kann man nicht wirklich von effektiven Netzwerken reden. Die Qualit&#228;t von Netzwerken ist in der Regel daran gebunden, dass die entscheidenden Bildungsinstitutionen nicht zu gro&#223; sind. Daher gibt es sehr effektive Netzwerke in Frankreich und Gro&#223;britannien (wie bspw. die Etonians<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>). In den meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern existieren solche effektiven Netzwerke nicht, da die Massenuniversit&#228;ten daf&#252;r zu gro&#223; geworden sind.<br />
Auch die Herausbildung eines klassenspezifischen Habitus passiert in den meisten L&#228;ndern nicht an den Bildungsinstitutionen, da sie auch daf&#252;r zu heterogen sind. Selbst an einer Eliteuniversit&#228;t wie der LMU<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> in Deutschland sind &#252;ber 40.000 Studierende. Da l&#228;sst sich kein einheitlicher Habitus herausbilden, er kann nur erg&#228;nzt oder verfeinert werden. Das ist in L&#228;ndern wie Frankreich oder Gro&#223;britannien anders. Dort haben Bildungsinstitutionen sicherlich einen gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Habitus. Das gilt besonders f&#252;r Gro&#223;britannien, weil dort die Kinder in sehr fr&#252;hen Jahren schon in Internate kommen. Das f&#228;ngt an den <em>preparatory schools</em> ja schon mit sieben Jahren an, sp&#228;testens aber an den <em>public schools</em> mit dreizehn. Da pr&#228;gen die Schulen die Personen schon sehr stark.<br />
Die Qualit&#228;t der Ausbildung ist kein entscheidendes Kriterium. Es muss eine durchschnittliche Hochschulausbildung gew&#228;hrleistet werden, aber die Institutionen m&#252;ssen in ihrer Qualit&#228;t nicht herausragend sein, schon gar nicht in ihrer wissenschaftlichen Qualit&#228;t. Sieht man sich Frankreich an, so zeigt sich, dass die f&#252;r die zentralen Eliten wichtigen <em>grandes écoles</em> wissenschaftlich nicht &#252;berragend gut sind, aber darauf kommt es auch nicht an. Ihre Funktion ist es prim&#228;r, Eliten herauszubilden, und da sind andere Merkmale entscheidend als eine besonders gute fachliche Ausbildung. Die lernen an den franz&#246;sischen <em>grandes écoles</em> schlicht und einfach wie man in F&#252;hrungspositionen agiert, wie man schnell Entscheidungen trifft, etc. Das hat mit fachlicher Qualit&#228;t erstmal nichts zu tun.</p>
<p><em>Wie und wann lernen sich Kinder und Jugendliche als Eliten zu begreifen?</em></p>
<p>Das ist auch von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man in Gro&#223;britannien in relativ jungen Jahren nach Eton kommt, dann ist klar, dass man sp&#228;ter zur Elite geh&#246;rt. Einem Etonian ist das mit dreizehn Jahren schon bewusst. Das geschieht in Frankreich etwas sp&#228;ter, aber wenn man mit 18 oder 19 in eine <em>classe préparatoire</em> in einem ber&#252;hmten Pariser Gymnasium kommt, dann wei&#223; man auch, dass man es schon fast geschafft hat. Sp&#228;testens wenn sie dann an einer renommierten <em>grande école</em> aufgenommen werden. Also noch w&#228;hrend der Ausbildung. Das ist in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern nicht so. Da wird die Entscheidung, ob man dazugeh&#246;rt oder nicht, erst nach dem Abschluss der Ausbildung getroffen. Das hei&#223;t, dass das Bildungssystem nur eine grobe Vorentscheidung trifft. Wenn man beispielsweise in Deutschland oder &#214;sterreich das Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert hat, hat man eine Chance mal eine Eliteposition zu bekleiden, aber mehr auch nicht. Daf&#252;r gibt es einfach zu viele AbsolventInnen. Von daher begreifen sich Kinder und Jugendliche in L&#228;ndern mit ausgepr&#228;gten Elitebildungsinstitutionen sicherlich fr&#252;her als Elite. Was man in den letzten Jahren, unabh&#228;ngig vom Ausbildungssystem, beobachten kann, ist eine Homogenisierung von Wohnquartieren und Lebensmilieus, so dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend nur mehr mit ihresgleichen zu tun haben, und da kann man schon feststellen, dass sie in relativ fr&#252;hen Jahren ein Gesellschaftsverst&#228;ndnis haben, welches in etwa folgenderma&#223;en aussieht: Es gibt oben die „Leistungstr&#228;ger“ (das sind die Eliten und insgesamt die oberen zehn Prozent der Bev&#246;lkerung), dann die Mitte der Bev&#246;lkerung, und unten die „Nieten, Sozialschmarotzer oder Nicht-Leister“. Das hat es in Deutschland vor zwanzig, drei&#223;ig oder vierzig Jahren nicht gegeben, aber das gibt es jetzt auch schon bei 14-, 15-j&#228;hrigen, die ein Verst&#228;ndnis von einer quasi biologischen Unterteilung der Gesellschaft haben. Sie geh&#246;ren in diesem Bild eben zu denen, die oben sind, und das finden sie auch v&#246;llig normal.</p>
<p><em>K&#246;nnen Kinder aus Mittel- oder Unterschichtshaushalten &#252;berhaupt zur Elite werden? Wie sozial geschlossen sind Eliten als Gesellschaftsschicht?</em></p>
<p>Das ist schon m&#246;glich, vor allem in der politischen Elite. Da haben Angeh&#246;rige der Mittel- und Unterschichten die Mehrheit der Elite gestellt, weil man dort hinein gew&#228;hlt werden muss. Vor allem die gro&#223;en Volksparteien konnten, solange sie noch mitgliederstark waren, durch ihre relativ stabilen Basisstrukturen daf&#252;r sorgen, dass die Parteibasis einen erheblichen Einfluss auf die KandidatInnenaufstellung hatte. Wenn da jemand zu gro&#223;b&#252;rgerlich war, dann ist er einfach nicht aufgestellt worden. Das war bei den anderen Eliten schon schwieriger. Am ehesten gab es noch soziale Durchl&#228;ssigkeit in der Verwaltungselite, weil es da bis zu einem gewissen Grad formalisierte Aufstiegswege gab. Bei der Wirtschaftselite waren und sind das immer Ausnahmen geblieben, wenn man von Skandinavien absieht. In den meisten L&#228;ndern ist die Wirtschaftselite doch relativ geschlossen. Man muss jedoch dazu sagen, dass es da auch Besonderheiten gibt. In &#214;sterreich etwa mit der Raiffeisenbank: Das ist keine klassische Gro&#223;bank, sondern eine genossenschaftliche Struktur, und da gibt es auch andere Aufstiegswege. Genauso beim gesamten &#246;ffentlich-rechtlichen Sektor. Das hei&#223;t bei allen Wirtschaftsunternehmen, die sich mehrheitlich im Besitz von St&#228;dten, Bundesl&#228;ndern oder Staaten befinden, sind die Aufstiegswege anders als in der Privatwirtschaft, weil in diesen F&#228;llen politische Einfl&#252;sse eine zentrale Rolle spielen. Da haben ArbeiterInnenkinder oder Mittelschichtskinder eine gr&#246;&#223;ere Chance aufzusteigen.</p>
<p><em>Sie schreiben, dass &#214;sterreich hinsichtlich seiner politischen Eliten sozial eher durchl&#228;ssig ist und einen &#252;berproportional hohen Anteil an ArbeiterInnen an der politischen Elite hat. Was kann von ihnen tats&#228;chlich bewirkt werden? Entfernen sie sich nicht durch ihren Elitenstatus vom Bewusstsein ihrer sozialen Herkunft?</em></p>
<p>Sie m&#252;ssen sich sicherlich ein erhebliches St&#252;ck von ihrem Herkunftsmilieu entfernen. Aber das ist ein langer Prozess. Man wird ja nicht sofort Minister, sondern man entfernt sich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von der eigenen Herkunft. Das beste Beispiel ist in Deutschland Gerhard Schr&#246;der. Er ist nach seinem Ausscheiden aus der Politik in ein vollkommen anderes Milieu verschwunden und wird sich wahrscheinlich nur mehr in ein paar Punkten an seine Herkunft erinnern.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Entscheidend ist, wie gro&#223; die Anzahl der Personen ist, die aus einem anderen Milieu stammen. Wenn das einzelne Personen sind, werden sie sich in der Regel sehr stark anpassen. Das ist vor allem in der Wirtschaft zu beobachten. ManagerInnen, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben, sind meistens im Umgang mit Besch&#228;ftigten noch h&#228;rter als die anderen ManagerInnen.<br />
Wenn ein Milieu mehrheitlich durch AufsteigerInnen gepr&#228;gt wird, dann spielen die Erfahrungen, die diese mitbringen, noch eine gro&#223;e Rolle. Man kann z.B. grob sagen: Je h&#246;her der Anteil der Mittelschicht- und ArbeiterInnenkinder in den politischen Eliten oder generell in den Eliten ist, desto ausgeglichener sind die Einkommensverh&#228;ltnisse. Das hei&#223;t umgekehrt, je st&#228;rker B&#252;rgerInnen- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkinder die Eliten komplett dominieren, desto st&#228;rker dominieren auch ihre Interessen die Entscheidungen. Das hei&#223;t wiederum: Auch wenn sich die Personen ver&#228;ndern und von ihrer sozialen Herkunft entfernen, bleibt ein Teil ihres Herkunftsmilieus in den K&#246;pfen, solange ein gr&#246;&#223;erer Teil der Elite sozial aufgestiegen ist.</p>
<p><em>Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Elitenreproduktion?</em></p>
<p>Ja nat&#252;rlich, auch wenn das wieder nach L&#228;ndern unterschiedlich ist. Generell sind die Wirtschaftseliten die geschlossensten, was geschlechtsspezifische Reproduktion betrifft. Da bleiben M&#228;nner am ehesten unter sich. In Deutschland hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren f&#252;r die Frauen fast gar nichts positiv ver&#228;ndert, in Skandinavien dagegen sehr viel. Am offensten sind die politischen Eliten auch in dieser Frage, weil sie eben gew&#228;hlt werden m&#252;ssen. Wenn man sich in Deutschland nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern das Regierungskabinett ansieht, so kann man sagen, dass der Frauenanteil in der politischen Elite zwar nicht repr&#228;sentativ ist, aber Frauen doch gut ein Drittel dieser Positionen bekleiden. &#196;hnliches gilt auch in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Das ist in S&#252;deuropa noch nicht durchg&#228;ngig, aber im spanischen Kabinett ist zum Beispiel jede zweite Position von einer Frau besetzt. Also zusammenfassend: Die politische Elite ist mittlerweile geschlechtsspezifisch relativ durchl&#228;ssig, die wirtschaftliche Elite ist noch immer relativ geschlossen.</p>
<p><em>Werden denn auch in elit&#228;ren Familien Jungen noch immer mehr gef&#246;rdert als M&#228;dchen?</em></p>
<p>Das ist klassischerweise immer noch so. Die Familienmuster, vor allem in der wirtschaftlichen Elite, sind noch relativ traditionell gepr&#228;gt. Es gibt aber zunehmend mehr Familien, in denen die T&#246;chter dann F&#252;hrungspositionen &#252;bernehmen. So gibt es zum Beispiel mittlerweile in Deutschland immer mehr Frauen, die Unternehmen leiten. Das hat sich ver&#228;ndert gegen&#252;ber fr&#252;her, es funktioniert bisher in der Regel in der Wirtschaft aber nur dort, wo elit&#228;re Postionen &#252;ber famili&#228;re Beziehungen wie Heirat oder Erbe besetzt werden.</p>
<p><em>Inwieweit k&#246;nnen Kinder von Eliten ihre Eltern kritisch in Frage stellen und einen anderen Lebensweg w&#228;hlen? Wie viel Druck wird von Seiten den Eltern und dem sozialen Umfeld auf die Kinder ausge&#252;bt, auch Elite zu werden?</em></p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Abwendung ist gering. Es gab und gibt das zwar immer wieder, wie zum Beispiel bei den alten Klassikern Karl Marx und Friedrich Engels. Oder in der j&#252;ngeren Vergangenheit in &#214;sterreich bei Bruno Kreisky oder in Schweden bei Olaf Palme, also innerhalb der Sozialdemokratie. Es gibt immer wieder die Personen, die ihr Herkunftsmilieu kritisch betrachten, mehr oder minder stark, aber das bleiben Ausnahmen. Der Gro&#223;teil der Kinder, die in diesen Verh&#228;ltnissen aufw&#228;chst, &#252;bernimmt das Denken der Eltern. Diese Unterscheidung in Elite und Masse und die Weltsicht, die dazu geh&#246;rt – dass man f&#228;higer ist als andere Menschen und deswegen auch das Recht hat, die Entscheidung &#252;ber andere Menschen zu treffen – ist der Normalfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus diesem Muster ausbricht, liegt bei deutlich unter zehn Prozent.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich dazu entschieden, Elitenforschung zu machen? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Wie viel „Elitenpotenzial“ hatten Sie selbst?</em></p>
<p>Das ist eine Mischung aus Herkunft, politischen Interessen und Zufall. Herkunft deswegen, weil ich selber aus einem gutb&#252;rgerlichen Milieu komme und diese Kreise kenne. Das hei&#223;t, ich wusste schon sehr fr&#252;h, wie diese Menschen denken. Zweitens hat mich eigentlich nicht das Thema Eliten, sondern das Thema Macht interessiert, da ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr politisch aktiv bin. Macht in den verschiedensten Formen – in der Schule, bei der Justiz, in der Wirtschaft – und die Frage, wie Machtstrukturen funktionieren, das hat mich immer interessiert. Dadurch kommt man zur Frage der Eliten. Drittens, und das ist der Zufall, war ich f&#252;nf Jahre lang an der juristischen Fakult&#228;t t&#228;tig und habe ein Forschungsprojekt &#252;ber WirtschaftsjuristInnen durchgef&#252;hrt. Das hat mich dann wissenschaftlich auf dieses Thema gebracht. WirtschaftsjuristInnen sind ja eine klassische Gruppe der deutschen Elite und da hat sich in dem Zeitraum, als ich das untersucht habe – Ende der 1980er Jahre – relativ viel ver&#228;ndert. An dem Thema bin ich dann dran geblieben, weil sich das, was mich politisch interessiert – n&#228;mlich Macht – mit meiner wissenschaftlichen T&#228;tigkeit verbinden lie&#223;. Was ich damit erreichen will, ist eigentlich das, was auch Bourdieu immer als generelle Aufgabe von kritischer Wissenschaft bezeichnet hat: Mechanismen aufdecken, die oberfl&#228;chlich nicht erkennbar sind, und das sind die Mechanismen der Macht. Zu zeigen, wie die heutigen Gesellschaften funktionieren, wie diejenigen, die Macht haben, ihre Macht reproduzieren und diese Macht benutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Es geht darum, diese Mechanismen aufzudecken und dar&#252;ber hinaus auch zu zeigen, wo es m&#246;glich ist, von unten Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Das alles ist ja nicht naturgesetzlich. Es sind Menschen, die Geschichte machen, und solange Menschen Geschichte machen, kann man von Seite der Masse der Menschen auch Einfluss darauf nehmen.</p>
<p><em>Wie reagieren denn die Eliten selbst auf Ihre Forschung?</em></p>
<p>Das ist uneinheitlich. Die konservativen Medien und die Mehrzahl der Elitenangeh&#246;rigen stehen dem eher skeptisch bis ablehnend gegen&#252;ber. Bei der <em>FAZ </em>oder bei der <em>Welt </em>bekomme ich z.B. recht selten ein Interview. In der <em>FAZ </em>gab<br />
es sogar ein Portrait &#252;ber mich, das einen massiven pers&#246;nlichen Angriff beinhaltete, was meines Erachtens damit zusammenh&#228;ngt, dass Konservativen nicht gef&#228;llt, dass dieses f&#252;r sie selbst so wichtige Thema von einem Linken dominiert wird. Es gibt aber auch dort Kreise, die sich f&#252;r meine Forschungsergebnisse interessieren, entweder aus reiner Neugier oder aber weil sie sich davon erhoffen, ihre eigenen Kreise analytisch genauer kennenzulernen. Das ist aber eine Minderheit. Bei manchen Veranstaltungen bin ich einfach ein interessanter Gespr&#228;chspartner, den man sich mal anh&#246;rt, ohne dass das nennenswerte Konsequenzen f&#252;r das eigene Denken hat. Wenn es um wirklichen politischen Einfluss geht, z.B. beim Thema der Studiengeb&#252;hren, dann ist klar: da sto&#223;en Positionen aufeinander und dann wird auch versucht, meine Position m&#246;glichst weit am Rand zu halten, damit sie politisch keinen Einfluss gewinnt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><em>Michael Hartmann</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der Technischen Universit&#228;t Darmstadt und der bekannteste Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. 2002 ver&#246;ffentlichte er im Campus-Verlag <em>Der Mythos von den Leistungseliten</em>, 2007 ebendort <em>Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Die <em>grandes écoles</em> (dt.: gro&#223;e Schulen) sind auf einzelne F&#228;cher oder F&#228;chergruppen spezialisierte Hochschulen, an denen die Elite der franz&#246;sischen Politik und Wirtschaft ausgeblidet wird (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Etonians nennen sich die Absolventen (M&#228;dchen werden nicht zugelassen) der Eliteschule Eton College in England (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen wird im Rahmen der deutschen „Exzellenzinititative“ zur „St&#228;rkung der universit&#228;ren Spitzenforschung“ besonders gef&#246;rdert (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gerhard Schr&#246;der wuchs in &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen auf. Nach seiner Abwahl als deutscher Bundeskanzler ging er in die Privatwirtschaft und ist heute u.a. als Aufsichtsrat eines russischen Gaspipeline-Konsortiums, als Mitglied des Europa-Beirats der Rothschild-Investmentbank und als Berater f&#252;r das chinesische Au&#223;enministerium t&#228;tig (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;urkovi&#196; zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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		<item>
		<title>Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. Roland Atzm&#252;ller agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.

Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. <em>Roland Atzm&#252;ller</em> agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.<br />
<span id="more-1520"></span><br />
Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. Diese resultiert nicht zuletzt aus der Erosion der fordistischen Regulation<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> der Arbeitsverh&#228;ltnisse sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der Lohnabh&#228;ngigen, wie sie in den gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen um Prekarisierung oder immaterielle Arbeit erkennbar werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Zusammenhang zwischen der Krise des Wohlfahrtsstaates und den K&#228;mpfen um die Bildungssysteme ergibt sich aus der zentralen Funktion wohlfahrtsstaatlicher Systeme, die nach Claus Offe in der Verwandlung von Menschen in Arbeitskr&#228;fte und damit in der Sicherung und Vervielf&#228;ltigung der Tauschoptionen zwischen Lohnarbeit und Kapital zu verorten ist.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Die historisch und national spezifische Realisierung dieser Funktion des kapitalistischen Staates kann aber nicht aus der Kapitallogik abgeleitet werden, sondern konstituiert vielmehr eine Reihe von gesellschaftlichen Kampffeldern, die sich in den Auseinandersetzungen um z.B. soziale Rechte, Zugang zu &#246;ffentlichen Dienstleistungen, H&#246;he und Konditionalit&#228;t monet&#228;rer Transferleistungen usw. manifestieren. Das f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zentrale Element Arbeitskraft, deren Reproduktion aufgrund ihres fiktiven Warencharakters von der permanenten Ausdehnung der Akkumulationsprozesse tendenziell bedroht wird, kann nur durch die staatliche/&#246;ffentliche Organisation tempor&#228;rer Ausnahmen vom Zwang am Verwertungsprozess teilzunehmen – also durch partielle Dekommodifizierung – gesichert werden.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dies begr&#252;ndet die konstitutive Dialektik des Wohlfahrtsstaates, da die Funktionalit&#228;t der sozialpolitischen Apparate (Sozialversicherung, Gesundheitssystem, Bildungssystem etc) f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse nicht garantiert, sondern stets umk&#228;mpft ist, und dar&#252;ber hinaus die Institutionalisierung dekommodifizierter Bereiche der Gesellschaft zum Medium und Inhalt sozialer K&#228;mpfe um Emanzipation und alternative Vergesellschaftungsformen wird.<br />
Aus der Perspektive der Bildung des Arbeitsverm&#246;gens der Individuen realisierte sich die Widerspr&#252;chlichkeit der vom kapitalistischen Wohlfahrtsstaat institutionalisierten tempor&#228;ren Ausnahmen vom Zwang zur Lohnarbeit sp&#228;testens in der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre und den damit verbundenen Demokratisierungstendenzen des Zugangs zu h&#246;herer Bildung. In der b&#252;rgerlichen Gesellschaft war h&#246;here Bildung – konzipiert als „zweck“frei – lange Zeit nur auf Basis einer institutionellen und inhaltlichen Trennung von der beruflich orientierten Ausbildung f&#252;r die proletarisierten Schichten zu haben, wie sie in besonders rigider Form in den gegliederten Bildungssystemen der deutschsprachigen L&#228;nder zum Ausdruck kommt. „Freie Bildung“ konnte unter kapitalistischen Bedingungen bis weit in die fordistische Phase nur als Reproduktion der herrschenden Klassen und der staatlichen Eliten konstituiert werden, sodass die „reflexiv(en), offen(en) und kommunikativ(en), lernend(en), problemorientiert(en), kritisch(en) und fallibilistisch(en)“ F&#228;higkeiten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, die durch einen wissenschaftlich orientierten Bildungsprozess vermittelt werden k&#246;nnten, auf wenige marginalisierte, kritische Intellektuelle beschr&#228;nkt blieben.<br />
Wenn jedoch, wie Alex Demirovi&#196; schreibt, wissenschaftliche Bildung ein Wissen meint, das die Individuen dazu bef&#228;higt, ihre allt&#228;glichen Erfahrungen begrifflich zu erfassen, um durch reflexive Auseinandersetzungen mit der Inkoh&#228;renz des Alltagsverstandes diesen zu kritischen Denkprozessen und systematischer Forschung zu bef&#228;higen, die ihnen auch erm&#246;glicht, „gegen Konventionen und Tabus zu versto&#223;en“, dann wird nachvollziehbar, warum durch die Bildungsexpansion die Widerspr&#252;chlichkeit der wohlfahrtsstaatlichen &#214;ffnung der Bildungssysteme manifest wurde.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Durch diese Entwicklungen wird n&#228;mlich die in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft traditionell auf schmale Schichten beschr&#228;nkte F&#228;higkeit zur Analyse und Gestaltung komplexer gesellschaftlicher Prozesse und Abl&#228;ufe auf gr&#246;&#223;ere soziale Gruppen ausgedehnt. Da die Bildungssysteme wesentlich in die Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens und der damit verbundenen gesellschaftlich dominanten, wie auch m&#246;glichen Arbeitsteilungen eingebunden sind, stellen sie ein zentrales Feld der verschiedenen Zyklen der sozialen K&#228;mpfe seit 1968 dar.<br />
Durch die grundlegende Umgestaltung und Dynamisierung kapitalistischer Herrschaft in der krisenhaften Abl&#246;sung des Fordismus gelang es aber bis weit in die 1980er Jahre, die entstehenden Bildungsschichten als neues Kleinb&#252;rgerInnentum in die postfordistische Arbeitsteilungen einzugliedern.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Um die emanzipatorischen Anspr&#252;che der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre – zu denen auch eine Phase wiedererwachter ArbeiterInnenmilitanz geh&#246;rte – und  die demokratischen Impulse und Potenziale des in den sozialen K&#228;mpfen manifest gewordenen und erworbenen Wissens wieder einzuhegen, war eine weitreichende Reorganisation und Restrukturierung der Regulationsweise, wie auch der Produktionsapparate notwendig. Dies kommt insbesondere in den Ver&#228;nderungen der Regulation der Arbeit und dem Umbau des Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck.<br />
In den letzten Jahren wurden die Krise des Wohlfahrtsstaates und die damit verbundenen konflikthaften Prozesse der Rekonstitution der Ware Arbeitskraft und der Neuzusammensetzung des Arbeitsverm&#246;gens vor allem durch die „workfaristische“ und aktivierungspolitische Reorientierung der Sozialpolitik zu beantworten versucht.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dies hat auf spezifische Art und Weise auch den Umbau der Bildungssysteme massiv beeinflusst. Die Etablierung sogenannter Workfare-Staaten zielt auf einen weitgehenden R&#252;ckbau der dekommodifizierenden Elemente der wohlfahrtsstaatlichen Apparate, sodass die M&#246;glichkeiten gesellschaftlicher Integration &#252;ber legitime Formen der Nicht-Teilnahme an Erwerbsarbeit sukzessive eingeschr&#228;nkt werden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der politische und ideologische Gehalt von Workfare geht meines Erachtens weit &#252;ber die Durchsetzung des Arbeitsethos und Zwangs zur Lohnarbeit hinaus, wie sie meist anhand der Restrukturierung der Arbeitsmarktpolitik diskutiert werden, und verweist vielmehr auf die zentrale Bedeutung einer in Permanenz gestellte Reorganisation des Arbeitsverm&#246;gens f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, „(…) es gibt einen regulatorischen Imperativ, die Str&#246;me der ArbeiterInnen in die und aus der Lohnarbeit nicht nur quantitativ zu regulieren, sondern auch danach zu trachten, die ArbeiterInnen selbst umzuformen, ihre Einstellung zu Arbeit und Lohn, ihre Erwartungen zu Erwerbskontinuit&#228;ten und Aufstiegschancen, ihre &#246;konomische Identit&#228;t und so weiter“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist daher ein wesentliches Charakteristikum postfordistischer Regulation, gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und vor allem auch Krisenerscheinungen in p&#228;dagogische Fragen zu &#252;bersetzen und damit zu Problemen der Bildung- und Qualifizierung sowie der Lernf&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu machen. Auf diese Weise wird eine neue Form des „Krisenmanagements“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> etabliert, die die Bew&#228;ltigung von krisenhaften Entwicklungen auf die Individuen und deren F&#228;higkeiten der Anpassung verlagert und als Problem ad&#228;quater Lernbereitschaft und -f&#228;higkeit konstituiert: „Bildung wurde in das workfaristische Projekt integriert, welches das Bekenntnis des keynesianischen Staates zur Vollbesch&#228;ftigung unterminiert und deren Bedeutung zur Herstellung der Bedingungen f&#252;r Vollbesch&#228;ftigung betont. Die Verantwortung daf&#252;r, ‚anstellbar’ zu sein, wird auf die einzelnen Arbeitskr&#228;fte heruntergebrochen (…) Sie sollen weitgehend selbst daf&#252;r verantwortlich sein, indem sie als unternehmerische Individuen in ihr eigenes Humankapital investieren (&#8230;).“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Im Workfare-Staat wird die Re-Konstruktion des Arbeitsverm&#246;gens p&#228;dagogisiert und damit einem permanenten Zwang zur Anpassung und Ver&#228;nderung ausgesetzt. Die P&#228;dagogisierung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft ist jedoch nicht mehr am fordistischen Modell einer biographischen Sequenzierung von Bildung, Ausbildung und Erwerbsarbeit (unterbrochen durch Familiengr&#252;ndung) orientiert, ja in manchen Bereichen verschwimmen die Grenzen von Arbeit und Ausbildung zunehmend, sodass Lernen zu einer lebenslangen Anforderung an die Besch&#228;ftigten wird. Dies erkl&#228;rt die zentrale Rolle qualifikations- und ausbildungspolitischer Diskurse und Programme in den postfordistischen &#214;konomien und die Forderung nach permanenter Lern- und Ver&#228;nderungsbereitschaft der Individuen.</p>
<p><strong>Anpassung des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen </strong><br />
Da gegenw&#228;rtig unter den politischen Eliten mehr oder weniger ein Konsens dar&#252;ber herrscht, dass Nationalstaaten ihre eigenst&#228;ndigen wirtschaftspolitischen Handlungsm&#246;glichkeiten verlieren<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>, wird die Qualit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte zum wichtigsten „Standortfaktor“, der noch &#252;ber national verfasste Politiken zu beeinflussen ist. Durch die Verbesserung des Qualifikationsniveaus soll dem ruin&#246;sen Konkurrenzkampf mit Niedriglohn-L&#228;ndern ausgewichen, Lohndumping vermieden und die notwendige Restrukturierung der &#214;konomie forciert werden. Die relative Ortsgebundenheit der Besch&#228;ftigten, die in einem allein auf Kostenreduktion fokussiertem Wettbewerb gegen&#252;ber der Beweglichkeit der Kapitalstr&#246;me einen Konkurrenznachteil darstellt, muss daher durch die Verbesserung der Qualit&#228;t und Produktivit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte in einen Standortvorteil umgem&#252;nzt werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Dies entspricht der Theorie des Humankapitals, wie sie seit den 1960er Jahren u.a. von Gary Becker weiterentwickelt wurde, und die die Qualit&#228;ten und F&#228;higkeiten der Arbeitskr&#228;fte als „endogene Wachstumsfaktoren“ versteht.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Bedeutung der Qualifikationen der Arbeitskr&#228;fte und ihrer Lernf&#228;higkeit f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime ergibt sich aus einer Selbstkritik des Managements an den &#252;berkommenen tayloristisch-fordistischen Kontroll- und Informationsverarbeitungsstrategien, der Monopolisierung der Wissens- und Lernaktivit&#228;ten in der rational-b&#252;rokratischen Hierarchie und der damit verbundenen Dequalifikation der Arbeitskr&#228;fte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll daher nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dem passiven und quasi automatisierten, auf zerst&#252;ckelte Wissenselemente ausgerichteten Verst&#228;ndnis der Vermittlung und Aneignung von Wissen und F&#228;higkeiten des fordistisch-tayloristischen Produktionsmodells wird ein aktives, systematisches und integrales Lernkonzept gegen&#252;ber gestellt, das im wettbewerbsf&#228;higen Unternehmen des Postfordismus systematisiert und im gesamten Organisationsprozess verk&#246;rpert und materialisiert werden soll: „Aktives Lernen beinhaltet systemische institutionelle Arrangements, die Planung und Ausf&#252;hrung auf allen Ebenen eines Betriebs integrieren und existierendes Wissen und vorhandene F&#228;higkeiten &#252;ber Abteilungsgrenzen hinweg und entlang der Wertsch&#246;pfungskette eines Produkts synthetisieren und dadurch neues Wissen schaffen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Aktive Lernprozesse werden bspw. folgenderma&#223;en konzipiert: Sie sind zielgerichtet und beruhen auf der intrinsischen Motivation, dem Selbstbewusstsein und der W&#252;rde der Arbeitskr&#228;fte bzw. ihrer Neugier und Freude am Lernen und der Kreativit&#228;t, welche als Voraussetzungen verstanden werden, um aktiv in Ver&#228;nderungsprozesse eingreifen zu k&#246;nnen. Das hei&#223;t, Lernen wird als Anforderung an die Besch&#228;ftigten herangetragen und mit dem Versprechen verkn&#252;pft, dar&#252;ber eine Humanisierung der Arbeitswelt zu erreichen. Die Unterscheidung von Arbeit und Lernen im Innovationsprozess verschwimmt daher mehr und mehr.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Es ist klar, dass diese Ver&#228;nderungen f&#252;r die Unternehmen nicht nur eine Kostenreduktion bringen m&#252;ssen, sondern auch eine Reorganisation der Personalmanagementstrategien der Unternehmen erfordern, „wie zum Beispiel die Verbindung von Qualifizierung und Personalentwicklung, die Betonung von informellen Lernprozessen und die st&#228;rkere Verzahnung von Arbeiten und Lernen. Die Gestaltung des gesamten Arbeitsprozesses mit seinen personalen, organisatorischen und technologischen Bedingungen wird ins Verh&#228;ltnis zur qualifikatorischen Entwicklung der Mitarbeiter/innen gestellt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Nach Rolf Arnold und Philipp Gonon wird in diesen Prozessen der Betrieb immer mehr zum „eigentlichen Gestaltungsprinzip der beruflichen Entwicklung“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen wird zum „universellen Ver&#228;nderungsmodell“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und damit zu einem neuen Rationalisierungsmodus in der Suche nach einem dauerhaften Entwicklungspfad im &#220;bergang zum Postfordismus.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Lernen macht Rationalisierung zur Aufgabe der Besch&#228;ftigten, indem diese nicht nur Arbeits- und Produktionsprozesse, sondern zugleich sich selbst ver&#228;ndern m&#252;ssen, um die Profitabilit&#228;t des Unternehmens zu sichern. Aus Perspektive der Arbeitskr&#228;fte geht es dabei um die stets abrufbare F&#228;higkeit, aus der Rolle des Arbeitenden, der sich mit den materiellen und immateriellen Arbeitsaufgaben und Determinanten des Produktionsprozesse auseinandersetzen muss, in die des Lernenden zu schl&#252;pfen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen besteht demnach darin, die Qualit&#228;t der eigenen Arbeit aktiv zu erhalten und sie zum Gegenstand der Selbstbeobachtung und Reflexion zumachen. Die vieldiskutierte „Subjektivierung der Arbeit“ und die Rehabilitierung der Subjekte, die als Zwang zur Freiheit oder indirekte Steuerung gedacht werden<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, konkretisiert sich daher erst in der von den Individuen geforderten F&#228;higkeit zu lernen, sich selbst permanent zu adaptieren und die eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen zu modifizieren. Aus der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung wird damit ein p&#228;dagogisches Projekt, der Arbeitsprozess wird zugleich als (Selbst-)Erziehungs- und Bildungsprozess der Arbeitskr&#228;fte konzipiert. Die dem Kapitalverh&#228;ltnis zugrunde liegenden Widerspr&#252;che sollen sich durch eine P&#228;dagogisierung der sozialen Verh&#228;ltnisse auf Ebene der Produktion aufl&#246;sen.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die Relevanz der sozialen Auseinandersetzungen um die permanent notwendige Rekonstruktion des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen ergibt sich daher erst aus einer genaueren Diskussion wesentlicher Dimensionen des postfordistischen Akkumulationsregimes. Insbesondere Innovationsf&#228;higkeit wird als konstitutives Element des postfordistischen Kapitalismus gesehen, die in der Regel als besondere F&#228;higkeit von einzelnen Individuen und als zentrale Triebkraft kapitalistischer Dynamik dargestellt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aus gesellschaftskritischer Perspektive ist Innovation als spezifische Form des Prozessierens der sozialen Verh&#228;ltnisse im Kapitalismus, die sich nur in und durch Ver&#228;nderung reproduzieren k&#246;nnen, zu verstehen. Innovation ergibt sich dabei aus spezifischen Handlungspotenzialen der Produktionsagenten (LohnarbeiterInnen und Kapital), die in den sozialen Verh&#228;ltnissen (Produktionsverh&#228;ltnisse, politische und ideologische Verh&#228;ltnisse) erst entstehen, in denen die &#246;konomischen AkteurInnen eingebettet sind. Sie ist daher Medium und Ergebnis der Bewegungen ihrer Widerspr&#252;che, die als K&#228;mpfe um die Reproduktion des Kapitalismus aufzufassen sind. Nach Marx ist die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise daher von einer konstitutiven Instabilit&#228;t gepr&#228;gt, die aus der permanenten Umw&#228;lzung der Produktionsprozesse und -bedingungen resultiert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Dies bedingt eine vollst&#228;ndige Aufhebung aller „Ruhe, Festigkeit, Sicherheit der Lebenslage“ der ArbeiterInnen, da der permanente Wechsel der Arbeiten und damit die „absolute Disponibilit&#228;t der Menschen f&#252;r wechselnde Arbeitserfordernisse“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu einer &#220;berlebensfrage der Industrie wird. Im Kapitalismus ist Ver&#228;nderung daher eine Methode der Herrschaft und der damit verbundenen sozialen K&#228;mpfe.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Unter den Bedingungen neoliberaler Hegemonie bedeutet die F&#246;rderung von Innovationsf&#228;higkeit daher nicht einfach „Befreiung“ des UnternehmerInnentums und F&#246;rderung der metaphysisch &#252;berh&#246;hten F&#228;higkeit zur „kreativen Zerst&#246;rung“, sondern Transformation der Arbeits- und Produktionsverh&#228;ltnisse und ihrer Regulation/Reproduktion. Dies impliziert die Forderung an die Arbeitskr&#228;fte, mit Innovationsprozessen umgehen zu k&#246;nnen, ja diese sogar selbst hervorzubringen. Daraus resultiert die Anforderung, ihre F&#228;higkeit zur produktiven Arbeit stets aufs Neue anzupassen und selbst zu ver&#228;ndern – also zu lernen. Dabei r&#252;cken aufgrund der Unplanbarkeit und Kontingenz von Ver&#228;nderungsprozessen sowie dem sozialen Gehalt von Qualifizierungsprozessen insbesondere au&#223;erfachliche bzw. „gesellschaftliche“ Qualifikationen in den Vordergrund.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Lernen stellt die Form dar, in der die postfordistischen Arbeitskr&#228;fte die permanente Transformation ihres Arbeitsverm&#246;gens internalisieren. Durch den Versuch, die F&#228;higkeit der Individuen, sich und ihre Umwelt t&#228;tig zu ver&#228;ndern, im Sinne der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zu nutzen, wird Lernen einerseits zum Gegenbegriff von b&#252;rgerlicher, „zweck“freier Bildung und andererseits, mehr noch, aller Vorstellungen emanzipatorischer Bildung, deren „Zweck“ nicht in der Reproduktion von Herrschaftsverh&#228;ltnissen und der Aufrechterhaltung des Verwertungsprozesses, sondern in der kollektiven Gestaltung von Gesellschaft und individueller Entfaltung liegt. Die Forderung an die Besch&#228;ftigten, permanent zu lernen und ihr Wissen aktiv zu erneuern, um so zu Innovationsprozessen beizutragen, macht die Auseinandersetzungen um die Sicherung der Hegemonie des Kapitals &#252;ber die Produktionsverh&#228;ltnisse zu einem „p&#228;dagogischen Verh&#228;ltnis“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. Sie fordert die Bereitschaft der Besch&#228;ftigten ein, diese Hegemonie aktiv herzustellen, indem sie sie zugleich als m&#252;ndige und rationale Individuen/Subjekte anruft.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Regulation</strong><br />
Die skizzierten Entwicklungstendenzen des gesellschaftlich hegemonialen Qualifikationsverst&#228;ndnisses und der Bedeutung der F&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu lernen und sich neuen Bedingungen anzupassen oder gar selbst Neuerungen hervorzubringen, verbinden sich mit den sozialen Auseinandersetzungen um die Bildungs- und Erziehungssysteme im Kontext der workfaristischen Restrukturierung des Wohlfahrtsstaates. Die beschriebene Dynamik vollzieht sich in zweifacher Weise: „Das P&#228;dagogische wird zur Rationalisierung in die Betriebssysteme eingef&#252;hrt und die Rationalisierung mit betrieblicher Rationalit&#228;t wird ins P&#228;dagogische eingef&#252;hrt. Das bedeutet auch die Verbetrieblichung des P&#228;dagogischen“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Ziel der Reformen im Bildungsbereich ist die Organisation von Aus-/Bildung nach am Markt orientierten Effizienzkriterien. Die Privatisierung und Liberalisierung von Bildungssystemen, in denen Staaten das Monopol hatten und die nun f&#252;r eine Vielzahl von Anbietern ge&#246;ffnet werden, ist hier von zentraler Bedeutung und l&#228;sst heterogene M&#228;rkte (insbesondere in Weiterbildungs- und arbeitsmarktpolitischen Bereichen) entstehen, die massiven Prekarisierungstendenzen ausgesetzt sind. Der Kampf um verknappte Bildungsangebote f&#252;hrt dazu, dass zunehmende Restriktionen im Bildungssektor einhergehen mit wachsenden Anforderungen an die Bildungssysteme und den Ausbau derselben.<br />
Nach Bob Jessop k&#246;nnen diese Ver&#228;nderungen der Staatlichkeit entlang einer doppelten Bewegung charakterisiert werden. „Einerseits macht der Staat die Bedeutung von Bildung f&#252;r die Behauptung nationaler Interessen wieder geltend; andererseits gew&#228;hrt er den Bildungsinstitutionen gr&#246;&#223;ere Autonomie in Bezug auf die Mittel, um diesen Interessen zu entsprechen (&#8230;). Doch diese Autonomie wird im Kontext der Hegemonie der wissensbasierten Akkumulationsstrategie, der verst&#228;rkten Beteiligung der Tr&#228;ger dieser Strategie in der Ausarbeitung von Leitbildern im Bildungsbereich, und der zunehmenden finanziellen Abh&#228;ngigkeit der Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen von Drittmitteln, die weder der Staat noch die Studierenden bereitstellen, ausge&#252;bt.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Die Umbautendenzen der Bildungsinstitutionen und -prozesse zielen darauf ab, Bildung als Investition in das Humankapital und weniger als &#246;ffentliche Aufgabe bzw. &#246;ffentliche Dienstleistung erscheinen zu lassen. Dadurch geraten nicht direkt &#246;konomisierbare F&#228;higkeiten und Wissensinhalte massiv unter Druck, ihre Relevanz und Wettbewerbsf&#228;higkeit zu beweisen. Dies betrifft vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften und deren Anspruch, Vergesellschaftungsprozesse und gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge kritisch zu reflektieren, um sie im Sinne einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche den Mitgliedern der Gesellschaft transparent und kollektiv gestaltbar zu machen.<br />
Von wenigen Exzellenzprojekten und -universit&#228;ten abgesehen, werden die Gesellschaftswissenschaften entlang einer Reihe von Dimensionen mit dem workfaristischen Wohlfahrtsstaat und dem postfordistischen Kapitalismusmodell kompatibel gemacht. Dies verweist zugleich auf jene Arbeitsfelder, die den Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus noch zuerkannt werden. So zielen die angesprochenen Kompatibilisierungsprozesse sozial- und geisteswissenschaftlicher Studieng&#228;nge wesentlich darauf, den Studierenden die F&#228;higkeit zu vermitteln, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und aufzubereiten. Dazu geh&#246;rt au&#223;erdem die Kompetenz Kommunikationsprozesse – womit nicht der herrschaftsfreie Diskurs nach J&#252;rgen Habermas gemeint ist – zu organisieren und politische oder &#246;konomische Entscheidungstr&#228;ger zu beraten, um die kapitalistischen Zirkulationsprozesse und politische Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zu regulieren und zu dynamisieren. Auch die Vermittlung  sozialarbeiterischer und -therapeutischer Kompetenzen f&#252;r die wachsende Coaching-, Aktivierungs-, Weiterbildungs- und Armutsindustrie verweist auf ein Arbeitsfeld f&#252;r Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus, in dem die Anpassung und Integration der Individuen in die postfordistischen Wettbewerbsbeziehungen sichergestellt wird. Nicht zu vergessen in dieser groben und unvollst&#228;ndigen Aufz&#228;hlung jener Arbeitsbereiche, f&#252;r die die sozial- und geisteswissenschaftlichen Ausbildungsg&#228;nge unter postfordistischen Bedingungen vorbereiten sollen, ist die Produktion marktkompatibler Kultur („creative industries“) zur Sicherung der Verf&#252;gbarkeit und Aktualit&#228;t gesellschaftlichen Distinktionskapitals insbesondere f&#252;r die urbanen Mittelklassen.<br />
Dies bedeutet, dass die heftig umk&#228;mpften Reformen der universit&#228;ren Ausbildung zwar nicht darauf abzielen, die sozial- und geisteswissenschaftlichen Studien abzubauen; wohl geht es aber darum, die durch sie vermittelten F&#228;higkeiten und Kompetenzen so auszurichten, dass sie die f&#252;r die Reproduktion des postfordistischen Kapitalismus notwendige Vergesellschaftung und soziale Koh&#228;sion herstellen k&#246;nnen, ohne dass dies zu einer grundlegenden Infragestellung der vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen f&#252;hrt.<br />
Damit das gelingt, werden die Regulationsweisen im Bildungsbereich wie auch in weiterer Folge in den genannten T&#228;tigkeitsfeldern grundlegend neu organisiert. Die neoliberale Kommodifizierung der Ausbildungs- und Schulsysteme zielt demnach insgesamt nicht einfach auf einen Abbau derselben, als vielmehr darauf, die in den Bed&#252;rfnissen nach h&#246;herer Bildung zum Ausdruck kommenden Anspr&#252;che auf Selbstbestimmung und Subjektivit&#228;t zu entpolitisieren, zu individualisieren und letztlich soweit zu kodifizieren, dass sie auf neuer Basis mit den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen artikulierbar sind.<br />
Das hei&#223;t, es geht nicht so sehr um den R&#252;ckzug des Staates als um eine grundlegende Ver&#228;nderung der Steuerungsmechanismen in diesen Bereichen – z.B. Vollrechtsf&#228;higkeit, Auslagerung, <em>Outputrelated Pay</em> etc. – und der damit verbundenen Zugriffsm&#246;glichkeiten auf die Subjekte. Beispielsweise werden Rechte der Individuen zur Inanspruchnahme &#246;ffentlicher Dienstleistungen wieder st&#228;rker an bestimmte Bedingungen (Aufnahmekriterien, Studiengeb&#252;hren) gebunden und auf die Vorbereitung f&#252;r die Teilnahme am Arbeitsmarkt reduziert.<br />
Die Lernenden – und auch die Lehrenden – werden zunehmend elaborierten Bewertungs- und Zertifizierungssystemen unterworfen, die eine vielgliedrige hierarchische Strukturierung der Gesellschaft durchsetzen helfen, die sie meritokratisch<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> legitimieren und damit als Ergebnis individueller Leistungsbereitschaft  und -f&#228;higkeit erscheinen lassen. Dadurch verschleiern sie nicht nur den Klassencharakter von Bildungsprozessen, sondern auch ihre Artikulation mit rassistisch und patriarchal strukturierten Vergesellschaftungsprozessen. Bildung wird dabei entpolitisiert und „entgesellschaftlicht“, was sich in Prozessen der Invidualisierung manifestiert, die als St&#228;rkung der Eigenverantwortung, die auf Kostenbewusstsein, Effizienz und KonsumentInnenverhalten in der Beziehung der Lernenden zu den Bildungsinstitutionen setzt, gefeiert wird. Entlang der F&#228;higkeit und Bereitschaft zu lernen, entstehen jedoch neue Polarisierungen und Klassenspaltungen im &#220;bergang zu einem postfordistischen Entwicklungsmodell.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Martin Baethge spricht in diesem Kontext von der Erweiterung der Zone der prek&#228;ren Bildung bis weit in hochqualifizierte Segmente der Arbeitskr&#228;fte hinein.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dies bedeutet, dass es immer schwieriger wird, erworbene Bildungsabschl&#252;sse und -zertifikate in stabile Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und Erwerbsbiographien zu transformieren, sodass die &#220;berg&#228;nge zwischen Bildungs- und Besch&#228;ftigungssystem l&#228;nger und labiler werden.</p>
<p><strong>Schlu&#223;folgerungen</strong><br />
In der „learning economy“ des postfordistischen Kapitalismus soll der Interessengegensatz zwischen den Lohnabh&#228;ngigen, die eine Reduktion ihres Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auf Arbeitskraft durch die umfassende Entwicklung und Realisierung ihrer Potenziale verhindern wollen, und den Unternehmen, die m&#246;glichst produktive Arbeitskr&#228;fte einsetzen wollen, aufgehoben werden, in dem ersteres zur Voraussetzung des letzteren gemacht wird. Angelehnt an die gesellschaftlichen Utopien vieler Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft wird behauptet, dass durch diese Ver&#228;nderungen die in den Diskussionen der P&#228;dagogik immer wieder kritisierte Trennung von allgemeiner und zweckfreier, in der gesellschaftlichen Realit&#228;t bestimmten Klassen vorbehaltener Bildung und einer an &#246;konomischen Zwecken und der Arbeitskr&#228;ftenachfrage der Unternehmen orientierten Ausbildung, die der ArbeiterInnenklasse vorbehalten bleibt, durch die gesellschaftlichen Entwicklungen &#252;berwunden wird, sodass Emanzipations- und Selbstverwirklichungsanspr&#252;che der Individuen als Ergebnis der gesellschaftlichen Evolution quasi naturw&#252;chsig Realit&#228;t werden.<br />
Im Kontext einer emphatischen Bezugnahme auf die Subjektivit&#228;t und das souver&#228;ne Selbst der Besch&#228;ftigten in den postfordistischen Produktionsverh&#228;ltnissen, deren Ma&#223;stab nicht mehr eine aus kritischer Reflexion und kollektiv organisierter Praxis gewonnene individuelle Emanzipation, sondern der individuelle Erfolg auf dem Arbeitsmarkt, die Profitabilit&#228;t des jeweiligen Betriebes im globalisierten Wettbewerb und die Sicherung des nationalen Standortes darstellt, wird lebenslanges Lernen und Weiterbildung quasi zum Selbstzweck, also zum „neuen Geist des Kapitalismus“, die zwar die individuelle Reproduktion nicht garantieren kann, aber deren Voraussetzung darstellt. Durch die Verallgemeinerung selbstorganisierter lebenslanger Lern- und Weiterbildungspraxen entsteht eine neue Polarisierungslinie der Entwertung der Arbeitskr&#228;fte und ihrer F&#228;higkeiten und Kompetenzen. Es sind nun die Lohnabh&#228;ngigen selbst, die sich permanent selbst prek&#228;r machen, da in den Lernprozessen das einmal erworbene B&#252;ndel an F&#228;higkeiten und Kompetenzen immer wieder zur Disposition gestellt wird und nur durch permanente Weiterbildung und lebenslanges Lernen &#252;berhaupt so etwas wie eine Biographie entstehen kann. Je mehr die kontinuierliche Anpassung der eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen als notwendige Voraussetzung f&#252;r individuelle Reproduktionschancen der Arbeitskr&#228;fte auf den postfordistischen Arbeitsm&#228;rkten erscheint, desto st&#228;rker wird der Druck, Lernprozesse auch in die Freizeit zu verlagern, die Grenzen von Arbeit, Lernen und Leben verschwimmen zu lassen und sich individuell auch an den Kosten der Weiterbildungsprozesse zu beteiligen.<br />
Die Regulation individueller Lebensl&#228;ufe bzw. Biographien, wie sie etwa im Fordismus und den damit verbundenen hegemonialen Lebensweisen durchgesetzt werden konnten (zentrale Bedeutung des Berufes!), wird dadurch in zunehmenden Ma&#223;e prek&#228;r und unter ein konstantes Weiterbildungs- und <em>Lifelong Learning</em>-Postulat gestellt. Identit&#228;tsangebote und -konstrukte, wie sie mit der fordistischen Ordnung der Berufe verbunden waren, verlieren an Bedeutung. Lebensverl&#228;ufe, welche auf der Basis der Unterwerfung unter die Erfordernisse fordistischer Produktion eine gewisse Stabilit&#228;t und vielen auch Aufstiegsm&#246;glichkeiten (von der Lehre zum Werkmeister zum Management) bieten konnte, werden durcheinander gewirbelt – Planbarkeit von Biographie erscheint als historische Ausnahme. Gleichzeitig wird sichtbar, dass in den angedeuteten Reregulationsprozessen der Bildung den Zertifizierungssystemen und -institutionen, und damit der Verst&#228;rkung meritokratischer Logiken der Legitimation von Klassenstrukturen, eine wachsende Bedeutung zukommt. Empirische Untersuchungen deuten folgerichtig darauf hin, dass sich der Einfluss von Bildung auf soziale Mobilit&#228;t und Schlie&#223;ung und die (geschlechtsspezifische und vor allem ethnische) Strukturierung der Klassenverh&#228;ltnisse im Postfordismus verst&#228;rkt.<br />
Meines Erachtens weisen diese Tendenzen auf eine neue Phase der Transformation von Menschen in Arbeitskr&#228;fte hin, die als soziale K&#228;mpfe um die Rekonfiguration des Gebrauchswertes der Ware Arbeitskraft, wie sie in den gesellschaftlichen Bildungsapparaten verdichtet werden, aufzufassen sind. Die sozialen K&#228;mpfe um Bildung und in den Bildungsinstitutionen sind daher wesentlicher Aspekt der krisenvermittelten &#220;berg&#228;nge in postfordistische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><em>Roland Atzm&#252;ller</em> leitet die Abteilung „Arbeit, Geschlecht, Politik“ an der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) Wien. 2009 gab er, zusammen mit Christoph Hermann, den Sammelband „Die Dynamik des ‚&#246;sterreichischen Modells‘. Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten im Besch&#228;ftigungs- und Sozialsystem“ heraus (Edition Sigma, Berlin).</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Als fordistische Regulation wird, im Anschluss an die Regulationstheorie, die spezifische politische, &#246;konomische und kulturelle Konstellation im Nachkriegskapitalismus des globalen Nord-Westens bezeichnet, die zur relativen Stabilit&#228;t dieser „Entwicklungsweise“ des Kapitalismus beigetragen hat. Sie beinhaltete u.a. die Verallgemeinerung von Massenproduktion und Massenkonsum, die korporatistische Einbindung von Organen der ArbeiterInnenbewegung (z.B. in &#214;sterreich in der Sozialpartnerschaft), relativ hohe, an Produktivit&#228;tssteigerungen gebundene L&#246;hne (vor allem f&#252;r M&#228;nner als „Familienern&#228;hrer“) und wohlfahrtsstaatliche Arrangements. Vgl. Lipietz, Alain: Akkumulation, Krisen und Auswege aus der Krise: Einige methodische &#220;berlegungen zum Begriff „Regulation“, in: Prokla 58, 1985, 109-137, sowie Becker, Joachim: Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion der franz&#246;sischen Regulationstheorie, Marburg 2002 (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Karl Marx schreibt im ersten Band des „Kapital“: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsverm&#246;gen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen F&#228;higkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Pers&#246;nlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“ (MEW 23, S. 181). Dieses Arbeitsverm&#246;gen muss nicht nur individuell und im (Familien-)Haushalt, sondern – besonders um den Anforderungen in entwickelten, arbeitsteiligen Klassengesellschaften zu entsprechen – auch gesellschaftlich (re-)produziert werden (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Vgl. Pelizzari, Alessandro: Prekarisierte Lebenswelten. Arbeitsmarktliche Polarisierung und ver&#228;nderte Sozialstaatlichkeit, in: Beerhorst, Joachim/Demirovi&#196;, Alex/Guggemoos, Michael (Hg.): Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main 2004, 266-288; sowie Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire, Harvard 2000.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>Vgl. Offe, Claus: Contradictions of the Welfare State, hg. von John Keane, London 1993, sowie ders.: Arbeitsgesellschaft. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven, Frankfurt/New York 1984.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Offe 1993, a.a.O.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Demirovi&#196;, Alex: Wissenschaft oder Dummheit. Die Zerst&#246;rung der wissenschaftlichen Rationalit&#228;t durch Hochschulreform, in: PROKLA 136, 2004, S. 497-514, hier S. 500.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebd., S. 501.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Vgl. Poulantzas, Nicos: Klassen im Kapitalismus heute, Studien Klassenanalyse 5, Hamburg 1975.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Peck, Jamie: Workfare states, New York/London 2001, sowie Jessop, Bob: The Future of the Capitalist State, Cambridge/Oxford/Malden 2002.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Ver&#228;nderung des Staates – Staat der Ver&#228;nderung. Innovationsf&#228;higkeit und Workfare im postfordistischen Staat, in: Dimmel, Nikolaus/Schmee, Josef (Hg.): Die Gewalt des neoliberalen Staates. Vom fordistischen Wohlfahrtsstaat zum repressiven &#220;berwachungsstaat, Wien 2008, S. 42-60</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Unter „Akkumulationsregime“ versteht die Regulationstheorie eine auf spezifische Technologien gest&#252;tzte, stabilisierte Form der Produktions- und Arbeitsorganisation in bestimmten Phasen oder „Entwicklungsweisen“ des Kapitalismus. Vgl. Lipietz 1985, a.a.O., sowie Becker 2002, a.a.O. (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Peck 2001, a.a.O., S. 58.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Vgl. Offe, Claus: „Krise des Krisenmanagements“: Elemente einer politischen Krisentheorie, in: J&#228;nicke, Martin (Hg.): Herrschaft und Krise. Beitr&#228;ge zur politikwissenschaftlichen Krisenforschung, Opladen 1973, S. 197-223.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 165.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. dazu exemplarisch Jessop 2002, a.a.O.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wie David Coates argumentiert, korrespondiert diese Argumentation mit den Versuchen einer Erneuerung sozialdemokratischer politischer Projekte seit den 1990er Jahren, die den polarisierenden Tendenzen neoliberaler Transformationsstrategien unter Bedingungen des internationalen Standortwettbewerbs eine an individueller Chancengleichheit und sozialer Inklusion orientierte, wettbewerbsf&#228;hige Alternative entgegensetzen wollen. Vgl. Coates, David: Models of Capitalism. Growth and Stagnation in the Modern Era, Cambridge/Oxford/Malden 2000.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Die Humankapitaltheorie blendet die Widerspr&#252;chlichkeit der Produktionsverh&#228;ltnisse und der sie pr&#228;genden sozialen Konflikte aus und kann den behaupteten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Qualifikationsniveau letztlich nicht begr&#252;nden. Vgl. Becker, Gary: Der &#246;konomische Ansatz zur Erkl&#228;rung menschlichen Verhaltens, T&#252;bingen 1993; kritisch dazu: Ribolits, Erich: Humanressource – Humankapital, in: Dzierzbieka, Agnieska/Schirlbauer, Alfred (Hg.): P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, Wien 2006, S. 135-145, sowie ders.: Die Arbeit hoch? Berufsp&#228;dagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, Wien 1995.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. dazu exemplarisch Jin, D.R./Stough, R.R.: Learning and learning capability in the Fordist and post-Fordist age: an integrative framework, in: Environment and Planning A, 30:7, 1998, S. 1255-1278.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Vgl. K&#252;hnlein, Gertrud/Paul-Kohlhoff, Angela: Integration von Bildung und Arbeit: Ein neuer Typ betrieblicher Weiterbildung, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (HgDeregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, Opladen 2001, S. 263-277, sowie Dehnbostel, Peter: Lernen am Arbeitsplatz in der modernen Produktion – eine Frage der Strukturation, in: Clement, Ute/Lacher, Michael (Hg.): Produktionssysteme und Kompetenzerwerb. Zu den Ver&#228;nderungen moderner Arbeitsorganisation und ihren Auswirkungen auf die berufliche Bildung, Stuttgart 2006, S. 133-146.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> K&#252;hnlein/Paul-Kohlhoff 2001, a.a.O., S. 267.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Arnold, Rolf/Gonon, Philipp: Einf&#252;hrung in die Berufsp&#228;dagogik,  Opladen/Bloomfield Hills 2006, S. 237.</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Gei&#223;ler, Karlheinz A./Orthey, Frank Michael: Betriebliche Bildungspolitik, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.): Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 75-92.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O.</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gei&#223;ler, Harald: Berufsbildungstheorie als Bildungstheorie der Arbeit und ihrer Organisation, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.) : Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 29-49, hier S. 45.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. Moldaschl, Manfred/Vo&#223;, G&#252;nter G. (Hg.): Subjektivierung von Arbeit, Arbeit, Innovation und Nachhaltigkeit, Bd. 2, M&#252;nchen/Mering 2002.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Das Kapital erwirbt im Arbeitsvertrag nur das Recht das Potenzial der Ware Arbeitskraft zu nutzen, steht dann aber vor dem Problem, wie die Arbeitskr&#228;fte dazu gebracht werden k&#246;nnen, dieses durch tats&#228;chliche Arbeitsleistung zu realisieren und ob sie &#252;berhaupt die F&#228;higkeiten und Kompetenzen dazu haben. </p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Vgl. Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsproze&#223;, Frankfurt a. M. 1985</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl. Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23.</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 511f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Vgl. Negri, Antonio: Interpretation of the Class Situation today, in: Bonefeld, Werner/Gunn, Richard/Psychopedis, Kosmas (Hg.): Open Marxism. Vol. II. Theory and Practice, London/Boulder 1992, S. 69-105.</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl. Offe, Claus: Bildungssystem, Besch&#228;ftigungssystem und Bildungspolitik – Ans&#228;tze zu einer gesamtgesellschaftlichen Funktionsbestimmung des Bildungssystems, in: Roth,Heinrich/Friedrich, Dagmar (Hg.), Bildungsforschung. Probleme – Perspektiven – Priorit&#228;ten, Stuttgart 1975, 217-252 sowie ders.: Berufsbildungsreform. Eine Fallstudie &#252;ber Reformpolitik, Frankfurt a. M. 1975.</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 6, Hamburg/Berlin 1994, S. 1335</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O., S. 87.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 167.</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Meritokratisch bedeutet, dass gesellschaftliche Ungleichheit durch angeblich unterschiedliche „Leistung“ erkl&#228;rt und legitimiert wird (An. d. Red.).</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. dazu exemplarisch Vester, Michael: Die gefesselte Wissensgesellschaft, in: Bittlingmayer, Uwe H./Beuer, Ullrich (Hg.): Die „Wissensgesellschaft“. Mythos, Ideologie oder Realit&#228;t, Wiesbaden 2006, S. 173-219.</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Vgl. Baetghe-Kinsky, Volker/Kupka, Peter: Ist die Facharbeiterausbildung noch zu retten? Zur Vereinbarkeit subjektiver Anspr&#252;che und betrieblicher Bedingungen in der Industrie, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (2001): Deregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, S. 166-182.</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Pfeiffer, Sabine: Arbeitsverm&#246;gen. Ein Schl&#252;ssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung, Wiesbaden 2004.</p>
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		<title>Aufstand ist (k)ein Kinderspiel!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:18:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.<br />
<span id="more-1523"></span><br />
Seit M&#228;rz 2009 haben wir als eine anfangs kleine, doch st&#228;ndig wachsende Gruppe<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von Kin-dergartenp&#228;dagogInnen und BetreuerInnen durch &#246;ffentlichen Protest, Publikationen und Interviews auf unsere prek&#228;re Arbeitssituation hingewiesen &#8211; nicht zuletzt auch durch die Soli-darisierung mit den BesetzerInnen an den Universit&#228;ten. Wir agieren und politisieren unter dem Namen „Kollektiv Kindergartenaufstand“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir setzen uns f&#252;r grundlegende Ver&#228;nde-rungen im Elementarbildungsbereich ein und haben damit einen Arbeitskampf begonnen, der nicht nur die Rahmenbedingungen in &#246;sterreichischen Kinderg&#228;rten ver&#228;ndern will, sondern gleichzeitig das Image der „Kindergartentante“ auf den Kopf stellt.</p>
<p><strong>Kindergartenp&#228;dagogik und Hegemonie</strong><br />
Die Kindergartenp&#228;dagogik und die Organisation des Kindergartens in &#214;sterreich muss im Kontext des gesamten Bildungssystems und als Teil eines Staates anerkannt werden, in dem Bildung ein machtvolles Instrument ist. Die oft zitierte „Gesellschaft von Morgen“ wird hier (aus)gebildet, um je nach Form der Bildung dazu beizutragen, sich entweder in ein System einzuordnen oder selbstbestimmt und kreativ zu handeln. In diesem Sinne ist Bildung immer politisch, da sie entweder dazu beitr&#228;gt, die bestehende gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, oder Kinder in ihrer Subjektwerdung unterst&#252;tzt, die zu einer Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse beitragen kann. Wir beziehen uns hierbei vor allem auf Antonio Gramsci, in dessen Hegemonieverst&#228;ndnis<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> die erzieherische Dimension eine zentrale Rolle spielt. F&#252;r ihn ist „jedes Verh&#228;ltnis von ‚Hegemonie’ […] notwendigerweise ein p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis [...]“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das auch als Umkehrung nachvollziehbar bleibt: Jedes p&#228;dagogische Verh&#228;ltnis ist ein von Hegemonie gepr&#228;gtes Verh&#228;ltnis; die „erziehende“ Person reproduziert hegemoniale Vorstellungen durch erzieherische Ma&#223;nahmen.<br />
Insofern sind die gesellschaftlichen Institutionen der Erziehung und Bildung, zu denen auch der Kindergarten geh&#246;rt, „ideologisches Terrain“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf welchem sich Individuen ihr Bewusst-sein erarbeiten, sich Weltdeutungen aneignen und diese ausgestaltet werden, bestehende Herr-schaftsstrukturen auch hinterfragt und zur&#252;ckgewiesen werden k&#246;nn(t)en.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dabei wird ein Verst&#228;ndnis des Menschen deutlich, in dem dieser nur im Kontext des gesell-schaftlichen Ganzen zu analysieren ist. Gramsci fasst den Menschen als einen „geschichtlichen Block“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Hier findet Gramscis Verst&#228;ndnis von Pers&#246;nlichkeitsentwicklung ihren Ausdruck: „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Damit ist einerseits gemeint, dass das Individuum in der Pers&#246;nlichkeitsentwicklung von den sozialen Umst&#228;nden und deren historischer Gewachsenheit gepr&#228;gt ist, es aber gleichzeitig auf diese aktiv zur&#252;ckwirkt.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das bedeutet, dass durch die Beteiligung an progressiven Bewegun-gen oder durch das Mitwirken von Kindern an der Entwicklung alternativer Weltanschau-ungskonzepte wiederum ihr Selbst- und Weltverst&#228;ndnis ver&#228;ndert werden kann. Die Forde-rung, Kinder ganzheitlich zu erziehen und eine Pers&#246;nlichkeitsbasis zu f&#246;rdern, die eine indi-viduelle Weiterentwicklung erm&#246;glicht, bedeutet auch eine geschlechterunspezifische, stereo-typenfreie Erziehung. Dazu muss Kindern aber erst einmal die M&#246;glichkeit gegeben werden und P&#228;dagogInnen brauchen eine entsprechende Ausbildung.<br />
Andererseits steckt in dem Zitat ein p&#228;dagogisches Verst&#228;ndnis, dessen Bildungsziel die Ver-wirklichung einer umfassenden und nicht unmittelbar zweckgebundenen Bildung f&#252;r Kinder (der ArbeiterInnenklasse), als erzieherische Selbsterm&#228;chtigung (der revolution&#228;ren Klasse) ist. Der Bildungsprozess soll also die Bedingungen sowie M&#246;glichkeiten der Freiheit und der Entwicklung der Menschen aufzeigen und ein Bewusstsein von menschlichen Entwicklungs- und Lebensperspektiven schaffen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gramsci vertritt eine P&#228;dagogik vom Standpunkt der Ler-nenden aus. Hierbei sind freiwillige und spontane Lernprozesse, die unmittelbar an kollektive politische Praxis und Erfahrungen der sozialen Bewegungen angebunden sind, essenziell.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Daraus leitet sich f&#252;r die P&#228;dagogInnen eine zentrale Aufgabe ab: die Kinder in ihren sozialen Erfahrungen innerhalb der Gruppe zu beobachten, darauf aufbauend an ihren Erfahrungen anzusetzen und Unterst&#252;tzung bei der selbstst&#228;ndigen Bew&#228;ltigung von sich stellenden Lernaufgaben zu bieten.<br />
Dieses Aufgabenverst&#228;ndnis wird auch in der Ausbildung von Kindergartenp&#228;dagogInnen vermittelt, wo das Spiel als zentrale Lernform von jungen Kindern im Mittelpunkt aller p&#228;da-gogischen und didaktischen &#220;berlegungen steht.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die Funktion der Kindergartenp&#228;dago-gin/des Kindergartenp&#228;dagogen ist mit Gramsci als die einer freundschaftlichen Anleite-rin/eines freundschaftlichen Anleiters<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> zu sehen. Das Bild der/des „Erzieherin/Erziehers“ hingegen ist abzulehnen. Zwar gibt es auch nach seiner Vorstellung die Notwendigkeit von erzieherischem Eingreifen, um auf die Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit hinzuf&#252;hren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Betonung liegt hierbei jedoch auf der Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit im Gegensatz zu einer Erziehung, die um die Anpassung an die bestehenden Verh&#228;ltnisse bem&#252;ht ist.<br />
Dabei ist ein zweiter Aspekt mit Blick auf die Funktion der P&#228;dagogInnen zentral: Mit Gramsci kommt der Intellektuellengruppe der „Lehrkr&#228;fte vom Volksschulalter bis zu den Universit&#228;tsprofessoren“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> – wobei Kindergartenp&#228;dagogInnen wohl ebenso zu den „p&#228;dago-gischen Fachintellektuellen“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> gez&#228;hlt werden k&#246;nnen – eine zentrale Rolle als VermittlerInnen hegemonialer Verh&#228;ltnisse zu.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Daraus ergibt sich eine direkte Verantwortung der P&#228;da-gogInnen, nicht nur f&#252;r die Lernprozesse der Kinder, sondern f&#252;r die Gestaltung der Gesell-schaft an sich. Denn die Rolle und Funktion die einE P&#228;dagogIn im Lernprozess der Kinder einnimmt, das Gesellschaftsverst&#228;ndnis das sie dabei vermittelt und ihr eigenes Handeln im Alltag reproduziert entweder herrschende Verh&#228;ltnisse oder unterst&#252;tzt Kinder dabei, eine Auffassung der Wirklichkeit zu erlangen, die sich aus Erfahrungen und sozialen K&#228;mpfen ihrer Zeit entwickelt. Aus Sicht der P&#228;dagogIn beinhaltet dies nicht zuletzt eine Zur&#252;ckwei-sung hegemonialer Wissens- und Lernpraxen<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> und die Entwicklung eigener Lernziele.</p>
<p><strong>Der Kindergarten als Schule der Zweigeschlechtlichkeit</strong><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Dieses Verst&#228;ndnis der Bedeutung fr&#252;hkindlicher P&#228;dagogik steht in krassem Widerspruch zum g&#228;ngigen Bild des Kindergartens als Ort der einfachen Versorgung. Oft m&#252;ssen sich P&#228;-dagogInnen Aussagen gefallen lassen, wie „Sei doch froh, dass du f&#252;rs Spielen bezahlt wirst!“ oder „Was machst du denn schon? So ein paar Kinder h&#252;ten kann doch nicht so schwer sein!“<br />
Hier kann auf die vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnisse r&#252;ckgeschlossen werden. Nancy Fraser betont, dass „selbstverst&#228;ndlich […] die Rolle des/der Kinderbetreuers/betreuerin im klassischen Kapitalismus – wie anderswo auch – eine ganz offenkundig weibliche Rolle [ist].“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dies l&#228;sst sich anhand von Statistiken zur Kinderbetreuungssituation in &#214;sterreich schnell belegen: In &#214;sterreich sind Kinder bis zum dritten Lebensjahr haupts&#228;chlich zu Hause und werden dort von der Mutter<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> betreut. Im Jahr 2006 waren nur 10,8 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren in institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen untergebracht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Kinderbetreuung erf&#228;hrt im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Achtung. Belegt wird die gesellschaftliche Geringsch&#228;tzung von Erziehungsarbeit in erster Linie dadurch, dass sie gro&#223;teils unbezahlt verrichtet wird. Werden Kinder au&#223;erh&#228;uslich betreut, ist die Entlohnung f&#252;r die P&#228;dagogInnen stets gering und Kinderbetreuung in &#214;sterreich wird als ein „typischer Frauenberuf“ angesehen. Von der Geburt an &#252;ber die ersten Lebensjahre zu Hause und weiter &#252;ber die p&#228;dagogische Betreuung in Kinderkrippen, Kinderg&#228;rten und bis zur Volksschule werden Kinder – von wenigen Ausnahmef&#228;llen abgesehen – von weiblichen Personen betreut. Im Kindergartenjahr 2006/2007 arbeiten in ganz &#214;sterreich 26.014 weibliche und 283 m&#228;nn-liche Personen in den Kinderg&#228;rten – das macht einen Anteil weiblicher Arbeitskr&#228;fte von 98,92% aus.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Aus der oben diskutierten hegemonietheoretischen Sicht auf Bildung bedeutet diese „Vergeschlechtlichung“ des Kindergartens f&#252;r Kinder, in geschlechtsstereotypen Le-bensrealit&#228;ten aufgezogen zu werden. Die Institution f&#252;gt sich damit in die gesamtgesell-schaftliche Ordnung der Sph&#228;rentrennung von m&#228;nnlich/weiblich ein, da selbst in der au&#223;er-h&#228;uslichen Betreuung von Kindern die Betreuungsarbeit weibliche Arbeit bleibt.<br />
Demgegen&#252;ber w&#252;rde ein Bildungsverst&#228;ndnis, dass der individuellen, selbstbestimmten Freiheit im Lernprozess durch eigenes Handeln und Erkennen Rechnung tr&#228;gt, auch ein Re-flektieren von Verhalten m&#246;glich machen und damit dazu beitragen, die herrschenden Ge-schlechterverh&#228;ltnisse in Frage zu stellen. So k&#246;nnten etwa die eigenen Erfahrungen von M&#228;dchen und Buben jenen der hegemonialen Vorstellungen &#252;ber Geschlechter gegen&#252;berstehen<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>. Wenn nun eine kritische Verallgemeinerung gef&#246;rdert wird, so k&#246;nnte dies bedeuten, dass Kinder feststellen, dass gesellschaftliche zweigeschlechtliche Sph&#228;renteilung zu hinter-fragen und zu ver&#228;ndern ist. Die daf&#252;r notwendigen Identifikationsm&#246;glichkeiten mit m&#246;glichst vielf&#228;ltigen und unterschiedlichen Frauen- und M&#228;nnerbildern sind in der derzeitigen Situation allerdings nicht gegeben. Dies dr&#252;ckt sich eben auch im gesellschaftlichen Stellenwert dieses „Frauenberufs“ aus. Insofern ergibt sich als zentrale Forderung, dass Kleinkinder-erziehung nicht l&#228;nger als vorrangig unbezahlte, folglich wenig wertvolle, privatisierte, nicht als Arbeit angesehene T&#228;tigkeit gesellschaftlich (un-)behandelt bleiben darf, sondern den Status eines gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsbereichs erhalten muss.</p>
<p><strong>Neoliberale Bildungsanspr&#252;che</strong><br />
Das gesellschaftlich nach wie vor dominante Verst&#228;ndnis von P&#228;dagogInnen als „Spieltanten“ und das Verst&#228;ndnis von Kinderg&#228;rten als blo&#223;e Bewahrungsanstalten ist eng verkn&#252;pft mit einem verschulten Lernbegriff. Soziale Prozesse zu begleiten, Kinder dabei zu unterst&#252;tzen, die eigene Reflexions- und Kritikf&#228;higkeit zu entfalten und sich darin zu &#252;ben, in Alternativen zu denken, sind Arbeitsformen bzw. Lernprozesse, die nicht an Bastelarbeiten oder Arbeits-bl&#228;ttern zu messen sind. Sie haben daher oftmals geringen gesellschaftlichen Stellenwert und werden nicht als „gew&#252;nschtes“ Lernen wertgesch&#228;tzt.<br />
Gleichzeitig ist das Bild vom Kindergarten als Verwahrungsanstalt in Ver&#228;nderung begriffen. Dabei gibt es eine widerspr&#252;chliche Entwicklung, die einerseits dazu beitr&#228;gt, dass der Kin-dergarten von immer mehr Menschen (vor allem Eltern) als Bildungseinrichtung anerkannt wird. Andererseits folgt diese Entwicklung den Tendenzen einer &#214;konomisierung von Bil-dung, die auch vor dem Kindergarten nicht halt macht. Der neue Bildungsanspruch, der mit den Erwartungen an den Kindergarten oft einher geht, ist n&#228;mlich eben kein erm&#228;chtigender, sondern entspricht der neoliberalen Vorgabe, dass Kinder m&#246;glichst fr&#252;h „Verwertbares“ ler-nen sollen, um ihr potenzielles Humankapital zu steigern und so Startvorteile gegen&#252;ber den AlterskollegInnen in der weiteren Bildungslaufbahn und dann ultimativ am Arbeitsmarkt zu haben. Das Spiel als wichtigste Lernform junger Kinder wird ersetzt durch Forderungen nach verschultem, messbarem Ausbildungs-Lernen, bei dem sich die Kinder m&#246;glichst fr&#252;h, m&#246;g-lichst viel vorgefertigtes Wissen aneignen. Krassestes Beispiel daf&#252;r sind Englischkurse nach Schema (in den USA ist es eben dann Mandarin) ab dem zweiten Lebensjahr, die von immer mehr Kinderg&#228;rten angeboten werden um „am Markt bestehen zu k&#246;nnen“. Aber auch Schreib&#252;bungen, die Einf&#252;hrung von Stundenpl&#228;nen und Sitztraining sind Teil der neolibera-len Zurichtung. Sie bef&#246;rdert ein Konkurrenzdenken, das nicht die Selbstpotenzierung der Kinder in den Mittelpunkt r&#252;ckt sondern deren bestm&#246;gliche Verwertung in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Zwar ist &#252;ber diese Entwicklung der &#214;konomisierung die Bedeutung des Kindergartens ge-sellschaftlich gestiegen, auf der Strecke bleiben bei einer derartigen Ausrichtung aber die freie Pers&#246;nlichkeits- und die emotionale Entwicklung der Kinder. Wir befinden uns also nicht nur in einer Auseinandersetzung um die Arbeits- und Rahmenbedingungen im Kindergarten, son-dern auch &#252;ber dessen inhaltliche, ideologische Ausrichtung, sprich dem Lernverst&#228;ndnis und der Lernkultur.</p>
<p><strong>Kinderg&#228;rten in &#214;sterreich</strong><br />
Die politische Ausgestaltung der Rahmenbedingungen f&#252;r die gesellschaftliche Institution des Kindergartens spielt eine zentrale Rolle f&#252;r die Art der Bildung, die darin stattfinden kann. Auff&#228;lligstes Charakteristikum in diesem Zusammenhang ist, dass es in &#214;sterreich so gut wie keine einheitlichen Rahmenbedingungen gibt. Dies resultiert daraus, dass die gesetzliche Re-gelung von Kinderg&#228;rten, Horten und Kinderkrippen in &#214;sterreich seit 1962 unter die Zust&#228;n-digkeit der Landesregierungen f&#228;llt, weshalb neun verschiedene Landeskindergartengesetze existieren, anstatt eines Bundesrahmengesetzes. Dennoch sind die „Eckpfeiler“ &#228;hnlich; es gibt kein Bundesland, wo der Beruf tats&#228;chlich gut bezahlt wird oder die Gruppengr&#246;&#223;en stark variieren. Die f&#246;derale Regulierung des Kindergartenwesens hat  auch dazu gef&#252;hrt, dass es trotz einheitlicher Ausbildungs- und Qualifizierungsstrukturen viele unterschiedliche Tr&#228;ge-rInnenorganisationen und damit ArbeitgeberInnen f&#252;r die P&#228;dagogInnen gibt. Das bedeutet in weiterer Folge, dass je nach ArbeitgeberIn auch die gewerkschaftliche Vertretung der P&#228;da-gogInnen variiert. Da es weder ein einheitliches Bundesrahmengesetzt gibt, noch einen Kol-lektivvertrag f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogInnen, unterscheiden sich mitunter auch die Arbeitsbe-dingungen. Wir werfen hier einen exemplarischen Blick nach Wien, wo ca. die H&#228;lfte aller P&#228;dagogInnen bei der Gemeinde Wien angestellt ist und daher von der <em>Gewerkschaft der Gemeindebediensteten</em> (GDG) vertreten werden. F&#252;r sie gilt das Gehaltsschema der Gemeinde Wien, das Signalwirkung f&#252;r die anderen ArbeitgeberInnen hat, aber nicht zwingend &#252;bernommen wird. Die andere H&#228;lfte der P&#228;dagogInnen arbeitet bei privaten Tr&#228;gerInnen und wird daher von der <em>Gewerkschaft der Privatangestellten- Druck, Papier, Journalismus</em> (GPA-djp) vertreten. So entsteht das Problem,  dass es kein einheitliches Dienstrecht oder einen ge-meinsamen Kollektivvertrag gibt.<br />
In der Regel ist einE P&#228;dagogIn in Wien alleine f&#252;r die Erziehung und Bildung von 25 Kin-dern in einer Gruppe zust&#228;ndig, wobei grunds&#228;tzlich eine unausgebildete Hilfskraft als Unterst&#252;tzung, meist aber f&#252;r organisatorische T&#228;tigkeiten, zur Verf&#252;gung steht.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Au&#223;erdem stehen P&#228;dagogInnen in Wien zumeist vier von 40 Stunden f&#252;r Vorbereitungen zur Verf&#252;gung. Je nach ArbeitgeberIn m&#252;ssen in dieser Zeit aber auch Elternarbeit, Teamsitzungen und &#228;hnliches stattfinden, wodurch die Zeit f&#252;r tats&#228;chliche Planung und Vorbereitung der Bildungsarbeit, deren verpflichtende schriftliche Reflexion sowie f&#252;r Einzelf&#246;rderung minimal ist und viele P&#228;dagogInnen diese unbezahlt in ihrer Freizeit erledigen, um ihrem eigenen p&#228;dagogischen Anspruch auch nur halbwegs gerecht werden zu k&#246;nnen. Die momentane Arbeitssituation ist f&#252;r immer mehr Kindergartenp&#228;dagogInnen derart belastend<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, dass die einzige M&#246;glichkeit, den Beruf so gut wie m&#246;glich auszu&#252;ben darin liegt, von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit umzusteigen. Allgemein herrscht in Wien Personalmangel, denn jede dritte Abg&#228;ngerin einer BAKIP<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>  ergreift ein Studium, weil die Arbeitsbedingungen die sie in den Kinderg&#228;rten er-warten unattraktiv sind. Dadurch wird es in Wiens Kinderg&#228;rten immer schwieriger, die schon aufgrund der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schlechte Kindergartenstruktur mit ausreichend qualifiziertem Personal aufrecht zu erhalten, geschweige denn auszubauen. Dies macht es wiederum den P&#228;dagogInnen immer schwieriger, den eigenen Standards, aber auch den Rahmengesetzen gerecht zu werden. Der Personalmangel f&#252;hrt dazu, dass Zeit zur knappen Ressource wird, die ben&#246;tigt wird um auf Kinder individuell einzugehen, Konflikte aufzugreifen und gemeinsam zu l&#246;sen, Kinder zu beobachten und dann darauf abgestimmte Bildungsangebote zu setzen. Es braucht aber auch Zeit eine anregende und herausfordernde Umgebung zu schaffen, in der Kinder vielf&#228;ltige Lernm&#246;glichkeiten vorfinden und sich dem eigenen Tempo entsprechend darin zu Recht finden k&#246;nnen. Ein Beispiel: Die Zeit, bei Strei-tigkeiten auf selbst gew&#228;hlte L&#246;sungsstrategien der Kinder zu setzten (Handlungsalternativen durchdenken, Einf&#252;hlungsverm&#246;gen trainieren etc.) gibt es nicht, statt dessen werden die Kin-der oftmals schnell gema&#223;regelt und so daran gehindert, F&#228;higkeiten zur Konfliktl&#246;sung zu entwickeln. Dies entspricht zumeist aber nicht dem Verst&#228;ndnis der P&#228;dagogInnen von der eigenen Arbeit und dem Stellenwert dieser wichtigen sozialen Lernprozesse.<br />
Statt dem Personalmangel in Wiens Kinderg&#228;rten durch Verbesserung der Arbeitsbedingun-gen Abhilfe zu schaffen, um ausgebildete P&#228;dagogInnen in den Beruf zu locken, wurde einer-seits versucht, das Problem m&#246;glichst von der &#214;ffentlichkeit fern zu halten, was sich in ge-steigertem Arbeitsdruck f&#252;r die P&#228;dagogInnen ausdr&#252;ckt. Andererseits mussten AssistentIn-nen, die in vielen Einrichtungen P&#228;dagogInnen als Unterst&#252;tzung zur Seite gestellt werden, aber selbst &#252;ber keine p&#228;dagogische Ausbildung verf&#252;gen (daher auch weniger verdienen), in den letzten Jahren vermehrt Zeit alleine in der Gruppe verbringen und diese beaufsichtigen. Sie &#252;bernehmen dabei immer mehr Aufgaben von Kindergartenp&#228;dagogInnen, ohne &#252;ber de-ren Qualifizierung zu verf&#252;gen, oder f&#252;r diese Mehrarbeit entsprechend entlohnt zu werden. Die verpflichtete Besetzung der Gruppen von zumindest einer P&#228;dagogIn und einer Assisten-tIn konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Bei Kindergartenp&#228;dagogInnen, aber auch bei AssistentInnen mehrt sich nun die &#220;berbelastung, bis hin zum Burnout-Syndrom. F&#252;r die Kinder hei&#223;t dies oft, von Erwachsenen betreut zu werden, die &#252;berarbeitet sind und keine Zeit haben, auf ihre individuellen Bed&#252;rfnisse und F&#228;higkeiten einzugehen. Die  Rahmenbe-dingungen lassen oftmals nicht mehr als ein blo&#223;es Beaufsichtigen und das Verhindern von Verletzungen zu. Ganz abgesehen von dem L&#228;rmpegel, dem Kinder und Erwachsene ausge-setzt sind, wenn am Nachmittag Gruppen zusammen gelegt werden m&#252;ssen, weil nicht gen&#252;-gend Personal vorhanden ist, wodurch in manchen Berichten von bis zu 50 Kindern pro Gruppe die Rede ist.</p>
<p><strong>Schwierige Voraussetzungen f&#252;r Widerstand</strong><br />
Angesichts dieser Situation steigt der Frust unter den P&#228;dagogInnen laufend, und hinter vor-gehaltener Hand fragen sich Viele schon l&#228;nger, „warum denn niemand etwas tut“ und sich das alle gefallen lassen. Einzelpersonen haben zwar immer wieder versucht sich zu wehren, sind mit ihrem individuellen Widerstand aber meist an den betriebsinternen Strukturen und Hierarchien gescheitert. In Wien sind die Besch&#228;ftigten nun mit einer besonders schwierigen Situation konfrontiert, denn es besteht eine enge Verbindung der verschiedenen &#246;ffentlichen wie privaten Tr&#228;gerorganisationen mit politischen Parteien. So gibt es seit Jahren eine SP&#214;-Alleinregierung in der Stadt, wodurch die Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die Kinderg&#228;rten der Gemeinde Wien seit langem in H&#228;nden der SP&#214; liegt und die zust&#228;ndigen Stadtr&#228;tInnen ArbeitgeberIn-nenfunktionen wahrnehmen. Im privaten Bereich gibt es drei gro&#223;e ArbeitgeberInnen: Die Erzdi&#246;zese Wien, <em>Kinderfreunde und Kinder in Wien</em> (KIWI). Die Kinderfreunde verorten ihre Herkunft nicht nur in der ArbeiterInnenbewegung und berufen sich in ihrem Leitbild auf sozialdemokratische Werte, sondern sind auch personell eng mit der SP&#214; verbunden.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> KIWI entstand aus dem ehemaligen, &#214;VP-nahen <em>Wiener Kinderrettungswerk</em> und ist nach wie vor personell eng mit der &#214;VP verbunden. So hat etwa die aktuelle Gesch&#228;ftsf&#252;hrerin von KIWI auch f&#252;r die &#214;VP einen Sitz im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Daneben gibt es nat&#252;rlich noch andere ArbeitgeberInnen, wie selbstorganisierte Elterngruppen und &#228;hnliches, die Mehrheit der P&#228;-dagogInnen arbeitet aber bei einem der vier Tr&#228;gervereine <em>Gemeinde Wien, Erzdi&#246;zese, Kinderfreunde</em> und KIWI.<br />
Damit ist jede Auseinandersetzung in und um Kindergarten in mehrfacher Weise (partei-) politisch. So n&#252;tzte etwa die FP&#214; die Kritik an der Situation der Wiener Kinderg&#228;rten f&#252;r ihre rassistische Propaganda gegen die SP&#214; im Rahmen des Gemeinderatswahlkampfes 2010.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Hinzu kommt, dass innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften Parteifraktionen eine gro&#223;e Bedeutung einnehmen. Oftmals gibt es enge personelle Verbindungen zwischen Gewerk-schaftsfunktion&#228;rInnen und Parteien. So sitzt der derzeitige Vorsitzende der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten zugleich f&#252;r die SP&#214; im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Dass es dabei zu Interessenskonflikten zwischen den verschiedenen Funktionen kommen muss, liegt nahe. Neben den Gewerkschaften gibt es noch die Berufsgruppe der Kindergarten- und Hortp&#228;dagogInnen, die sich als Interessensvertretung sieht. Allerdings steht auch ArbeitgeberInnen die Mitgliedschaft offen und im Vorstand sitzen diese mittlerweile zahlreich vertreten – Interessenskonflikte sind also auch hier absehbar.<br />
Bisher gab es daher keine einheitliche Vertretung bzw. einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle P&#228;dagogInnen organisieren konnten. Dies f&#252;hrte zu einer Vereinzelung der P&#228;dagogInnen in den Kinderg&#228;rten. Zwischen letzteren gibt es kaum Kommunikation, was Tr&#228;gerorganisati-onen insofern zugute kommt, als hier Konkurrenz zu anderen Einrichtungen aufgebaut wird bzw. die P&#228;dagogInnen verunsichert und gegeneinander ausgespielt werden („denen geht es ja noch schlechter als uns…“).<br />
Obwohl zurzeit eine prinzipielle „Marktmacht“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> der P&#228;dagogInnen gegeben ist, da sie eine Qualifizierung besitzen, die dringend nachgefragt wird, konnte diese bisher nicht als Macht-potential aktiviert werden – auch weil durch die Vereinzelung die kollektive Macht von den Betroffenen nur schwer wahrgenommen werden kann.</p>
<p><strong>Well behaved women rarely make history!</strong><br />
Im Jahr 2009 kam Bewegung in die &#246;ffentliche Debatte um Kinderg&#228;rten, als die Bundesre-gierung die Einf&#252;hrung des Gratiskindergartens &#252;berlegte. Die Aussicht auf die nun bevorste-hende noch h&#246;here Belastung durch die totalen Gruppenauff&#252;llungen brachte in den Kinder-g&#228;rten das Fass zum &#252;berlaufen. Viele P&#228;dagogInnen bef&#252;rchteten, dass diese, von ihnen unter gesellschaftspolitischen und feministischen Gesichtspunkten an sich positiv gesehenen Ma&#223;nahme, zu einer Versch&#228;rfung der bereits untragbar gewordenen Situation f&#252;hren w&#252;rde, wenn nicht zeitgleich eine umfassende Verbesserung der Rahmenbedingungen erfolgt. Auf-grund  des Personalmangels in Wien war dies jedoch kaum zu erwarten.<br />
Bereits im Fr&#252;hling 2009 hatte eine anfangs kleine Gruppe von P&#228;dagogInnen, die nicht mehr bereit war, die untragbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen, begonnen, sich zu treffen um Strategien f&#252;r eine Verbesserung im Kindergartenbereich zu diskutieren. Die Streiks der Er-zieherInnen in Deutschland in den vergangen Jahren – und die Erfolge im Sommer 2009 – dienten als Vorbild. Kaum eine P&#228;dagogin/ein P&#228;dagoge hat den Arbeitskampf der KollegIn-nen im Nachbarland nicht gespannt verfolgt.<br />
So wurde  das <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> gegr&#252;ndet. Nachdem am 28. M&#228;rz die von sehr vielen Organisationen getragenen Proteste unter dem Titel <em>Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a>  bevorstanden, wurde f&#252;r die Demonstration in Wien ein Kindergarten-Block geplant.<br />
Auch die Debatte um das Missverh&#228;ltnis von milliardenschweren Rettungspaketen f&#252;r die Banken und gleichzeitiger Unterbezahlung im Sozialbereich trug dazu bei, dass innerhalb von etwa zwei Wochen ein Block mit etwa 70 Leuten f&#252;r den <em>Kindergartenaufstand </em>mobilisiert werden konnte. Auf der Demonstration wurden E-Mail-Adressen gesammelt, Kontakte ge-kn&#252;pft, Erfahrungen ausgetauscht und neue MitstreiterInnen gefunden. Am Beginn standen dabei vor allem zwei Aspekte im Mittelpunkt der Bem&#252;hungen: die &#214;ffentlichkeit auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen und der Zersplitterung etwas entgegenzusetzen. In diesem Sinne wurde nach den positiven Erfahrungen der Demonstration vom 28. M&#228;rz ein Wienweites Vernetzungstreffen geplant. Denn, so waren sich alle im Kollektiv einig, „nur wenn wir uns alle vernetzen, als Betroffene gemeinsam auftreten und uns auch in manchen Punkten, die uns vielleicht nicht so stark betreffen, mit anderen solidarisieren anstatt nichts zu unternehmen, k&#246;nnen wir etwas ver&#228;ndern.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
An diesem ersten Vernetzungstreffen der P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen nahmen an die 70 Arbeitende aus verschiedensten Kinderg&#228;rten Wiens, und auch einige aus Nieder&#246;sterreich teil, um in angeregten Diskussionen festzustellen, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit &#252;berall gleich schlecht sind und gleichzeitig in der Auseinandersetzung den ersten Schritt aus der Vereinzelung heraus zu machen. Dabei wurde klar, dass die meisten sich keine Hoffnun-gen auf eine baldige Verbesserung machten, weil weder kollektive gewerkschaftliche Vertre-tung noch andere k&#228;mpferische Strukturen im Kindergartenbereich bestanden. Zahlreiche Kindergartenp&#228;dagogInnen stellten zum ersten Mal fest, dass es doch sehr viel Unmut nicht nur im eigenen Betrieb, sondern fl&#228;chendeckend gibt, und andererseits die Gruppe derer, die Handlungsbedarf und -willen hat, gr&#246;&#223;er ist, als gedacht. Das „Ergebnis“ des ersten gro&#223;en Vernetzungstreffens war neben der gemeinsamen Erstellung von Forderungen (wie Reduzie-rung der Kinderanzahl pro Gruppe, Erh&#246;hung der Vorbereitungszeit und des Personalschl&#252;s-sels, h&#246;here Geh&#228;lter, ein Kollektivvertrag und damit eine einheitliche gewerkschaftliche Ver-tretung und ein Bundesrahmengesetzt), eine „Flashmobgruppe“, eine „Elterninfogruppe“ so-wie viele neue Kontakte und Ideen. Auf den folgenden regelm&#228;&#223;igen Vernetzungstreffen besprachen P&#228;dagogInnen, von denen viele vorher noch nie politisch aktiv waren, das weitere gemeinsame Vorgehen, die strategischen Positionierungen, verfassten politische Texte und planten erste Aktionen.<br />
Es gab innerhalb der ersten Monate eine st&#228;ndige Mailflut von begeisterten KollegInnen zu bew&#228;ltigen, die sich engagieren wollten, M&#252;tter und V&#228;ter schrieben Solidarisierungen und die Interviewanfragen von diversen aufmerksam gewordenen Medien zeigten, dass hier ein heikles Thema in der &#246;sterreichischen Politik angegriffen wurde – und das im „roten Wien“!<br />
Im Juni gab es im Museumsquartier den ersten „Flashmob“, an dem sich etwa 200 Menschen beteiligten und der bereits in vielen Medien publik gemacht wurde. Wie bei den Treffen zu-vor, stand auch bei dieser Aktion die Vernetzung der Basis und der Betroffenen sowie die St&#228;rkung nach Innen im Vordergrund. Der Vereinzelung wurde durch solche Aktionen ein eindrucksvolles Bild der Solidarit&#228;t entgegengesetzt. Das hat viele P&#228;dagogInnen ermutigt, weiter f&#252;r eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu k&#228;mpfen. Aufgrund der engen Ver-kn&#252;pfung von ArbeitgeberInnen und politischen Parteien, aber auch durch die gesellschafts-politische Bedeutung von Kinderg&#228;rten, richteten sich die Proteste und Aktionen vor allem an die &#214;ffentlichkeit, die Bundes- und Landesregierung und vorerst weniger gegen die Arbeitge-berInnen im Einzelnen. Dennoch folgten auf die Proteste auch Auflagen von ArbeitgeberIn-nenseite, nicht mit der Presse zu sprechen und das Kollektiv wurde von besorgten KollegIn-nen kontaktiert, welche sich aufgrund der Reaktionen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin nur „anonymisiert“ an Aktionen beteiligen wollten. Selbst die Angstmache von Oben konnte die Wut, die durch die nun neu erfahrene St&#228;rke in Engagement umschlug, nicht mehr unterdr&#252;-cken. Die AktivistInnen wurden mehr und wurden offensiver. LeiterInnen solidarisierten sich, Lehrende an BAKIPs verteilten Informationen an ihre Sch&#252;lerInnen&#8230;<br />
An den zwei Demonstrationen, die vom Kindergartenaufstand teils initiiert, teils im Rahmen des B&#252;ndnis „SOS Kindergarten – Aktion Aufschrei“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> mitgetragen wurden, haben in den letzten Monaten insgesamt etwa 6000 P&#228;dagogInnen, BetreuerInnen, KindergartenleiterInnen, Eltern und Solidarische teilgenommen. Auch die Vernetzung mit anderen Protesten – wie mit der <em>Uni brennt-</em>Bewegung – war ein wichtiger Schritt in Richtung einer breiten Bildungsbe-wegung: kaum ein Bericht &#252;ber die Unibesetzung kam ohne eine Nennung der Proteste im Kindergartenbereich aus. Gleich am ersten Tag der Studierendenproteste entschloss sich das Kollektiv, sich zu solidarisieren. So wurde klargemacht, dass das Bildungssystem in &#214;ster-reich bereits an der Wurzel fault.<br />
Abseits der &#246;ffentlichen Aktionen des Kollektivs wurde am Aufbau von l&#228;ngerfristigen Struk-turen gearbeitet. Der Anspruch des Kollektivs war es, keine internen Hierarchien aufzubauen und daher auch auf SprecherInnen, VertreterInnen ect. zu verzichten. Stattdessen wurde nach M&#246;glichkeiten gesucht, auf breiter Basis Entscheidungen zu treffen und trotzdem handlungs-f&#228;hig zu bleiben. Die P&#228;dagogInnen organisierten sich den Anforderungen entsprechend in Arbeitsgruppen. Diese kollektive Organisationsform sorgte bei den anderen AkteurInnen in diesem Feld (wie der Berufsgruppe oder manchen Gewerkschaftsteilen sowie VertreterInnen der Presse) f&#252;r gro&#223;e Unruhe. F&#252;r die P&#228;dagogInnen des Kollektivs stand aber im Vordergrund, dass alle selbst ExpertInnen ihres Arbeitslebens sind und dementsprechend jedeR f&#252;r ihre/seine Anliegen sprechen kann. So gab es auch im Kollektiv immer wieder strategische Debatten: Wie sollte mit politischen Parteien umgegangen werden? Wer ist Zielgruppe f&#252;r welche Art von Protest? Wie sollte im eigenen Betrieb mit der politischen Aktivit&#228;t umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Was haben wir von den GewerkschaftsvertreterInnen zu erwarten?</p>
<p><strong>Kindergartenaufstand und gewerkschaftliche Reaktionen</strong><br />
Durch den regen Zuspruch der Basis wurde die Kontaktaufnahme zu den anderen AkteurInnen im Kindergartenbereich wichtiger. Dies betraf vor allem einzelne, in den verschiedenen Gewerkschaften t&#228;tige Menschen und Gruppen, wie KIV<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, die innerhalb der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GDG) arbeitet, oder work@social<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> der GPA-djp. Dort wurde unsere Initiative freudig aufgenommen und bei gemeinsamen Diskussionen auf den Vernet-zungstreffen des Kollektivs eine Zusammenarbeit vor allem f&#252;r eine erste gro&#223;e Demonstration im Herbst 2009 in Aussicht gestellt.<br />
Andererseits, und f&#252;r KennerInnen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftslandschaft vielleicht wenig &#252;berraschend, mussten die im <em>Kindergartenaufstand </em>organisierten P&#228;dagogInnen erfahren, dass die dominierenden Gruppen innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften wenig vom selbst organisierten „wilden“ Aktionismus der Basis halten<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> und entgegen den Erwartungen vieler engagierten P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen, die teilweise schon jahrelang Gewerkschaftsmitglieder waren, wurde auch bis zuletzt nicht von der Gewerkschaft auf die AktivistInnen zugegangen oder aktive Unterst&#252;tzung im vermeintlichen gemeinsamen Kampf angeboten.<br />
Zugleich gelang es den dominanten Teilen der Gewerkschaften nicht, die Basisorganisierung der P&#228;dagogInnen zu ignorieren. Dazu beigetragen haben etwa die oben genannten Gewerkschaftsgruppen, aber auch Einzelpersonen, die mit unerm&#252;dlichen Engagement und Courage innerhalb der Gewerkschaftshierarchien f&#252;r die Zusammenarbeit mit der Basis k&#228;mpften.<br />
Obwohl bisher nicht viel Ver&#228;nderung in der Kommunikation zueinander bewirkt werden konnte, wurde im Herbst 2009 offensichtlich, wie sehr die Basis Druck auf die Gewerkschaft ausge&#252;bt hat: Nach anfangs z&#246;gerlichen Unterst&#252;tzungsbeteuerungen von Seiten der Gewerkschaft, &#252;bernahm schlie&#223;lich sogar die GPA-djp unsere Forderungen und sicherte uns Unterst&#252;tzung f&#252;r eine gro&#223;e Demonstration zu. Und sp&#228;testens bei der zweiten gro&#223;en Demonstration sah sich auch die GDG gezwungen, die Proteste der P&#228;dagogInnen in den Medien zu unterst&#252;tzen. Diese Unterst&#252;tzung hat sich aber nicht in einer tats&#228;chlichen Zusammenarbeit ausgewirkt. Dass aber gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung in Arbeitsk&#228;mpfen wichtig ist, davon sind auch die AktivistInnen des Kindergartenaufstands &#252;berzeugt und kann nicht zuletzt durch die Erfahrungen bei den Streiks der ErzieherInnen in Deutschland belegt werden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Kurz vor dem Jahreswechsel gab der GdG-Vorsitzender Meidlinger<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> bekannt, eine Lohnerh&#246;hung und mehr Vorbereitungszeit f&#252;r alle P&#228;dagogInnen der Gemeinde Wien verhandelt zu haben. Die Verhandlungsergebnisse der GdG streifen nur einen kleinen Teil der vielen Forde-rungen des Kollektivs, aber sie sind ein Anfang. Sie zeigen vor allem, dass die AktivistInnen damit Recht behalten, den schlechten Zustand des Kindergartens nicht mehr mitzutragen, sondern sich zu wehren.<br />
Die Ergebnisse der Gehaltsverhandlungen der GdG, die mit J&#228;nner 2010 in Kraft treten, setzen nun die privaten ArbeitgeberInnen unter Druck, vergleichbare Verbesserungen mit der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) auszuverhandeln. Doch insgesamt &#228;ndert dies wenig an den Arbeitsbedingungen &#246;sterreichweit.</p>
<p><strong>Heute ist nicht alle Tage…</strong><br />
Ein dreiviertel Jahr Aktivit&#228;t des <em>Kollektivs Kindergartenaufstand</em> hat nicht nur die &#246;sterrei-chische Gewerkschaftslandschaft wie oben beschrieben durcheinander gewirbelt. Wir haben viel &#252;ber politische Organisierung gelernt. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Organisationen hat zur Bildung eines Netzwerks innerhalb des Sozialarbeitsbereiches gef&#252;hrt. Diskussionen &#252;ber den Umgang mit Parteien<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> und Gewerkschaften, Besch&#228;ftigung mit Arbeits-k&#228;mpfen von KollegInnen in anderen L&#228;ndern sowie die Auseinandersetzung mit deren gewerkschaftlicher Vertretung fanden statt, und nicht zuletzt wurde die eigene Sicht auf den ausge&#252;bten Beruf st&#228;ndig reflektiert. Die Aktivit&#228;ten haben sich schon nach den ersten Monaten f&#252;r alle Beteiligten als riesengro&#223;er Pool von Lernm&#246;glichkeiten erwiesen. Das ist – neben den real erk&#228;mpften Verbesserungen – schon ein echter Sieg.<br />
Ein gro&#223;es Ziel haben wir auf jeden Fall schon erreicht, n&#228;mlich, das Image der lieben, stets freundlichen und alles hinnehmenden Kinderg&#228;rtnerin anzugreifen. Bilder von k&#228;mpferischen P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen wurden ver&#246;ffentlicht, und durch die gef&#252;hrten K&#228;mpfe hat sich das Selbstbild ver&#228;ndert.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Ver&#228;nderung des Blicks auf einen Frauenberuf ist in Gange und damit wurde auch eine neue Identifikationsm&#246;glichkeit f&#252;r die M&#228;dchen und Buben in den Kinderg&#228;rten geschaffen.<br />
Klar ist aber auch, dass mit einer Lohnerh&#246;hung oder einer Verkleinerung der Gruppengr&#246;&#223;en um einige Kinder nicht das Ideal einer Elementarbildungseinrichtung erreicht sein wird, auch wenn dadurch ein Arbeitskampf gewonnen w&#228;re. Die Anspr&#252;che an die Institution Kindergarten im heutigen neoliberalen Bildungsverst&#228;ndnis, demzufolge die Entwicklung der Kleinkinder bereits als M&#246;glichkeit gesehen wird, sie f&#252;r den Markt konform zu trainieren, werden damit nicht von alleine aufgel&#246;st.<br />
Nur Kinder, die nicht alle Antworten schon wissen m&#252;ssen, bevor sie sich Fragen stellen, werden selbst neugierig und entwickeln Interesse an ihrer Welt. Kinder, f&#252;r deren Gedanken und ihr Weltbild Platz, Zeit und Interesse da ist, lernen, sich in die Gesellschaft einzubringen und sich die Welt selbst anzueignen.</p>
<p><em>Kontaktadresse</em>: <a href="kindergartenaufstand@gmx.at">kindergartenaufstand@gmx.at</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Derzeit z&#228;hlen etwas &#252;ber 200 in diesem Bereich in Wien t&#228;tige P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen zum Kollek-tiv. </p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> www.kindergartenaufstand.at</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Als Hegemonie bezeichnet Gramsci einen Herrschaftstyp, „…der im Wesentlichen auf der F&#228;higkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen.“ Brand/ Scherer 2003:3. </p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 6, Philosophie der Praxis, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle, Gerhard Kuck. Hamburg/Berlin 1994, S. 1335.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Ebd, S. 1264.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Merkens, Andreas 2004 (Hg.): Antonio Gramsci. Erziehung und Bildung. Gramsci-Reader. Hamburg 2004, S. 29.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Gramsci 1994, a.a.O.,S. 1341.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd, S. 1341f.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 31.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 2, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz, Hamburg, Berlin 1991, S. 32. </p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl Ebd., S. 22.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Insofern besteht auch ein Widerspruch zwischen dem vermittelten Wissen in der Ausbildung und den Rah-menbedingungen, die im Arbeitsalltag vorgefunden werden und die eine solche Bildung erschweren.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1996, S. 1519.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 43.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 8, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1998, S. 1980.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Merkens 2004, a.a.O., S. 39.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Ebd., S. 7.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Ebd, S. 34.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Botka, Kristina: Staat und Geschlechterverh&#228;ltnisse. Eine theoriegeleitete Untersuchung des &#246;sterreichischen Kindergartens. Univ. Wien, 2009. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht. Frankfurt am Main 1994, S. 192.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Siehe dazu Statsitik Austria 2006: Kinderbetreuungsgeldbezieherinnen und -bezieher nach Erwerbsstatus und Geschlecht 2006. Siehe: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/familienleistungen/020121.html, abgerufen am 13. 03. 2008: Die Betreuungsperson w&#228;hrend des Tages ist hier, gemessen am Bezug des Kinderbetreuungsgeldes, in rund 98% der F&#228;lle die Mutter, wenn das Kind bis zu zwei Jahre alt ist. Sp&#228;ter steigt der Anteil an Betreuung durch V&#228;ter geringf&#252;gig. Im Jahr 2006 Jahr waren 98,8% der Kinderbetreuungsgeldbe-ziehenden bei Kindern im ersten Lebensjahr die M&#252;tter, bei Kindern im zweiten Lebensjahr waren es zu 97,9% die M&#252;tter. Der V&#228;teranteil unter den Karenzgeldbeziehenden war somit bei bis zu Einj&#228;hrigen 1,2% und bei bis zu Zweij&#228;hrigen 2,1%. Bei den Kindern zwischen zwei und drei Jahren waren im Beobachtungszeitraum 90,6% der Betreuungsgeldbeziehenden die M&#252;tter und 9,4% die V&#228;ter. </p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Statistik Austria 2007: Kinderbetreuungsquoten nach Altersgruppen 1995 bis 2006. Siehe:<br />
http://www.statistik.at/web_de/static/kinderbetreuungsquoten_nach_altersgruppen_1995_bis_2006_021659.pdf abgerufen am 07.04.2008</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Siehe dazu Ebd., S. 71ff. Zahlen zu anderen Kinderbetreuungseinrichtungen finden sich im Bericht ebenso. </p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Wenn M&#228;dchen etwa gut im Bauen sind und Jungen gerne Verkleiden spielen oder &#196;hnliches. </p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Es gibt durchwegs positive Erfahrungen damit, Kindern in der entsprechenden „sensiblen Phase“ ihrer Ent-wicklung die M&#246;glichkeit des Spracherwerbs zus&#228;tzlich zur Erstsprache anzubieten, etwa durch zweisprachig gef&#252;hrte Gruppen. Dies widerspricht aber der Idee vom verschulten Lernen abpr&#252;fbarer Inhalte. </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Passend daher der Spruch auf einem Schild bei den Demonstrationen: „1:25 – wie viel individuelle F&#246;rderung bleibt da f&#252;r ein Kind?“</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Diese Belastung ist sowohl psychisch als auch physisch. Zahlreiche P&#228;dagogInnen klagen &#252;ber k&#246;rperliche Beschwerden, es gibt in &#214;sterreich allerdings keine Erhebung zu den tats&#228;chlichen k&#246;rperlichen Auswirkungen der Arbeitsbedingungen. Von manchen Betriebsratsgruppen wird nun eine solche Erhebung angedacht.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> BAKIP: Bundesanstalt f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogik. Die Ausbildung zum/r Kindergartenp&#228;dagogIn dauert f&#252;nf Jahre und schlie&#223;t mit der Matura ab. Sie z&#228;hlt in &#214;sterreich, wie die Ausbildung an einer HTL, zur Schulform der berufsbildenden h&#246;heren Schule, der BHS.</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> In anderen L&#228;ndern w&#252;rde eine solche Situation zu immensen Protesten von Seiten der Eltern f&#252;hren, siehe D&#228;-nemark: Wenn in D&#228;nemark Eltern auf die Strasse gehen , Kinderg&#228;rten blockieren, KindergartenleiterInnen den Schl&#252;ssel zum Kindertagesheim abgeben, um auf die verh&#228;renden Einsparungsma&#223;nahmen aufmerksam zu machen, die sich im Kindergartenwesen in D&#228;nemark abzeichnen – es wird eine von drei P&#228;dagogInnen pro 15 k&#246;pfiger Kindergruppe eingespart – dann zeigt das, dass Verantwortlichkeit dem eigenen Arbeitsanspruch und dem F&#246;rderbedarf der Kinder gegen&#252;ber also keine Utopie, sondern Alltag ist. Siehe http://www.berlingske.dk/koebenhavn/det-er-svaert-faa-oeje-paa-boernenes-koebenhavn oder </p>
<p>http://www.facebook.com/pages/Kobenhavns-Foraeldreorganisation/134122139911?ref=mf</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl.: http://kinderfreunde.at/index.php?action=Lesen&#038;Article_ID=2265 am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl: http://klub.wien.oevp.at/10021/ , http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20000310_OTS0084 und http://www.kinderinwien.at/team.php?cat=GF alle am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eine Reaktion/Distanzierung des Kollektiv Kindergartenaufstands findet sich unter http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl.: http://www.wien.spoe.at/christian-meidlinger am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion von Machtpotentialen der ArbeitnehmerInnen siehe Brinkmann, Ulrich et. al. (Hg.): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung. Umrisse eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008; sowie Silver, Beverly J.: Forces of labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin/Hamburg 2005; Wright, Eric Olin: Working class power. Capitalised class interests and class compromize, in: American Journal of Sociology, 105 (4), 957-1002. 2000; Becksteiner, Mario/Boos, Tobias/ Pire, Ako (2009): Doppelkrise der Gewerkschaft,  in: Perspektiven Nr. 8, http://www.perspektiven-online.at/?p=483 am 22.10.2009.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> http://www.28maerz.at/</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Kollektiv Kindergartenaufstand: Flyer zum Vernetzungstreffen am 28.05.2009</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> F&#252;r weitere Informationen zu den Demo und den B&#252;ndnispartnern siehe http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=8&#038;Itemid=9</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> KIV: Konsequente Interessensvertretung, http://kivblog.blogspot.com/</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> www.gpa-djp.at/social</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> „Die Demonstration des Kollektivs bezeichnete der Chef der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Christian Meidlinger (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter, FSG), gegen&#252;ber der Tageszeitung &#214;sterreich als „nicht von uns gedeckt“. F&#252;r ihn ist die Vorgehensweise des Kollektivs „falsch“. Meidlinger klingt ver&#228;rgert, wenn er &#252;ber den Kindergartenaufstand spricht. „Uns &#252;ber die Medien auszurichten, dass sie jetzt streiken, ist nicht sinnvoll“, sagt er. Auch wenn die Kinderg&#228;rtnerinnen bislang freilich nur demonstriert und nicht gestreikt haben. Die Gewerkschaft bem&#252;he sich sehr wohl, Verbesserungen zu erreichen, aber „mit Verhandlungen, nicht mit Streiks“. Siehe http://www.datum.at/0909/stories/auf-zum-letzten-gefecht/</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> http://www.focus.de/panorama/vermischtes/kita-streik-massenhafte-kita-streiks-in-sechs-bundeslaendern_aid_410336.html</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> http://www.gdg.at/servlet/ContentServer?pagename=C01/Page/Index&#038;n=C01_0.a&#038;cid=1260990022818 am 31.12.09</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe Kommentar zur FP&#214;-Kindergartenmisere: http://www.kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“ Gramsci 1994, a.a.O., S. 1341f.</p>
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		<title>„Eine Haltung suchen, die anders sein will“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Daniel Fuchs und Benjamin Opratko sprachen mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronen &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.

Die Zeit hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den <em>Goldenen Zitronen</em> &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.<br />
<span id="more-1527"></span></p>
<p>Die Zeit <em>hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ eigentlich aus?</em></p>
<p>Ted Gaier: Glaubst du etwa der Zeit?! </p>
<p><em>Nicht unbedingt – aber das Attribut „links“ ist ja eines, das ihr auch f&#252;r euch selber benutzt, oder nicht?</em></p>
<p>Schorsch Kamerun: Das kann schon sein, aber das klingt dann auch schon wieder wie so ein Labelling – immer diese Beschreibungen, um etwas irgendwie festhalten zu m&#252;ssen&#8230; Lass uns doch besser dar&#252;ber reden, was ihr meint, was „links“ bedeuten k&#246;nnte, vielleicht findet man dann ja einen Weg. Aber das blo&#223; zu best&#228;tigen oder abzulehnen finde ich einen Vorgang, der so gar nicht n&#246;tig ist.</p>
<p>TG: Das lustige ist ja, dass der Autor dieses „Zeit“-Artikels mir dazu eine Mail geschrieben hat, auf die ich geantwortet habe, dass ich locker ohne die Begriffe „Punk“ und „Links“ auskomme&#8230;</p>
<p>SK: Ich &#252;brigens auch.</p>
<p>TG: &#8230;aber diese Antwort kam im Artikel dann gar nicht vor, weil der Journalist halt seine These verbreiten wollte. Das ist mir mit <em>Robespierre</em>, einer anderen Band in der ich spiele, auch schon so gegangen. Ich meine: Klar sind wir eine linke Band, aber das nur auf dieser Ebene zu verhandeln, f&#252;hlt sich irgendwie etwas fade an. </p>
<p>SK: Die Beschreibung „links“ mag ja stimmen, aber man wird des Attributs dann doch etwas m&#252;de. Man muss das doch sofort &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>TG: Die Frage, die sich da anschlie&#223;t, ist ja: Was ist denn eine linke Band?</p>
<p><em>Das ist es ja, was wir ansprechen wollten. Vielleicht k&#246;nnen wir das anders formulieren. Am N&#228;hesten l&#228;ge es, das anhand der Texte zu verhandeln – gerade bei euch, die ihr euch in euren Texten auch stets mit aktuellen Verh&#228;ltnissen auseinandersetzt. Dann dr&#228;ngt sich aber die Frage auf, wie es mit dem Verh&#228;ltnis von Text und Musik aussieht. Es gibt in der j&#252;ngst erschienenen Dokumentation von Peter Ott<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber euch eine Stelle, an der ein ehemaliges Bandmitglied sagt, dass er manchmal das Gef&#252;hl hatte, dass </em>Die Goldenen Zitronen<em> nur noch etwas Musik rund um die Texte bauen wollen. Das ist ja ein Problem: Einerseits will man aus einer kritischen Perspektive Leute mit seinen Texten erreichen, andererseits will man auch in der Form eine gewisse Radikalit&#228;t entwickeln.</em></p>
<p>TG: Das ist genau das Paradoxe daran. Einerseits machen wir so was wie Chansons oder Songwriting, wo die Texte total wichtig sind, und dann sind wir so etwas wie ein improvisierendes Kollektiv, wie eine Band, die auch ohne Texte ausk&#228;me. Das ist unser Anspruch und Antrieb. Bei unseren letzten beiden Platten, <em>Lenin </em>und <em>Die Entstehung der Nacht</em>, hatten wir die Songs erstmal ohne Text komplett fertig, und haben dann angefangen, Texte dazu zu schreiben. Die Musik ist also v&#246;llig ohne Einfluss davon, was sie textlich abbilden soll, entstanden – was etwa bei der <em>Das bisschen Totschlag</em>-Platte noch ganz im Vordergrund stand. Das ist also ein Paradox, das wir auch nicht wirklich geregelt kriegen. Und nat&#252;rlich springt man gerade im deutschsprachigen Raum immer gleich auf die Texte an. Die sind dann die Hauptwahrnehmung, und die Musik f&#228;llt gerne mal ein bisschen unter den Tisch. Und nat&#252;rlich ist das eine Einheit, wobei es Bands gibt, bei denen Texte nicht so wichtig waren – wie zum Beispiel <em>Can</em>, oder <em>Faust</em>. Bei uns ist das aber so komisch, wir wollen immer zwei Sachen gleichzeitig. Wir behaupten, dass die Musik ein Eigenleben hat. F&#252;r <em>Das bisschen Totschlag </em>gilt: Wir hatten eine klare Vorstellung davon, was gesagt werden muss, und wir wollten, dass sich das auch in der Musik abbildet: in der wilden Orgel, in der wilden Gitarre, in den wilden Beats, damit das wie so ein Klumpen wird. Und heute versuchen wir das eher auseinanderzunehmen und manchmal auch vielschichtigere Rhythmen zusammenzubringen.</p>
<p>SK: Ich glaube, dass wir uns bei all diesen Sachen, wenn wir uns selbst &#252;berpr&#252;fen, &#252;ber eine Haltung definieren. Das machen wir nat&#252;rlich &#252;ber die Texte, das kann man ja auch ablesen, und in der Musik funktioniert das eher in einer dehnbareren Form, da kann man mehr auslegen. Aber auch wenn wir musizieren, versuchen wir explizit nach einer Haltung zu suchen, die „anders“ sein will, und das gelingt uns vielleicht auch. Wenn man singt, macht es ja auch etwas aus, <em>wie </em>man etwas singt, um noch etwas reinzulegen. Oder wie wir auf die B&#252;hne gehen, wie wir uns da hinstellen, dass das Rotationsprinzip auf der B&#252;hne stattfindet, das ist immer eine Art der Haltungs&#252;berpr&#252;fung, bei allem was wir so tun. </p>
<p><em>Wie geht ihr denn damit um, dass ihr auch Teil von Popkultur seid, wie reflektiert ihr das?</em></p>
<p>SK: Popkultur ist ja auch so ein wahnsinnig dehnbarer Begriff – alles will ja irgendwie Popkultur sein&#8230;</p>
<p><em>Aber es gibt doch gewisse popkulturelle Konzepte wie Leads&#228;nger, Popstar&#8230;</em></p>
<p>SK: Und genau die versuchen wir ja st&#228;ndig zu thematisieren. Zum Beispiel bei Fotos, wo sonst immer der S&#228;nger nach vorne soll, wie das eben so ist. Man sieht bei den Fotos, die es von uns gibt, dass da auch noch andere Leute mit drauf sind, mal in der &#214;ffentlichkeit fotografiert wurde oder man einfach Bekannte mit dazu nimmt, damit man den Kreis da immer erweitert und nicht so genau sagen kann: Das sind die Positionen in dieser Gruppe. Nun verwenden wir ja zum Teil auch Kost&#252;me, oder wie man das nennen soll. Bei der letzten Platte waren das die Lederjacken mit diesen &#252;berzogenen Slogans drauf, diesmal ist es wieder was anderes – das ist dann auch wieder Teil unserer Sprache: dass die Gruppe ein Gesamtbild abgibt. Da ist es nicht so, dass ein Typ im Vordergrund steht, sondern du musst das Ganze sehen. Das haben wir auch schon bei den Fotos davor gemacht, wo wir als Superhelden in verschiedensten Richtungen aufgetreten sind. Das kann dann ein Bauherr sein, oder ein Proll, oder Napoleon und so weiter. Da kann man also schon dr&#252;ber nachdenken, wie man da was aushebelt.</p>
<p><em>Es gibt ja auch Diskussionen innerhalb der Band dar&#252;ber, wie die Zusammenarbeit geregelt wird.</em></p>
<p>SK: Muss ja!</p>
<p><em>Stellt sich da auch die Frage, wie eine Band selbst demokratisch strukturiert sein kann?</em></p>
<p>SK: Genau, wobei wir die Sachen, &#252;ber die wir gerade sprechen, schon vor langer Zeit angelegt haben, als wir angefangen haben, innerhalb von Popkultur die Dinge zu begreifen, was etwa das Labelling angeht oder bestimmte Beschreibungsformen. Ob das nun Abbildungen sind, Fotos, wie das auf der B&#252;hne wahrgenommen wird, wie wir als Gruppe musizieren, wer da noch mit reinkommen kann – das kann man schon aufweichen.</p>
<p><em>Seit Anfang der 1990er und </em>80.000.000 Hooligans<em> ist eure Musik, gerade textlich, immer auch so was wie eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. 2006, bei </em>Lenin<em>, waren die Themen, die herausgestochen sind, Prekarisierung, Verunsicherung und erzwungene Flexibilit&#228;t. Auf der neuen Platte schreibt sich das weiter – bei Songs wie </em>Blo&#223; weil ich friere<em> zum Beispiel; andererseits ist auf der Platte aber auch die Krise als gro&#223;er Bruch erkennbar. Was hat sich denn eurer Ansicht nach in den Jahren, die zwischen diesen beiden Platten vergangen sind, tats&#228;chlich ver&#228;ndert?</em></p>
<p>TG: Das erste Problem ist ja schon mal, dar&#252;ber zu reden. Da geht’s einem nicht anders als dem Rest der Linken. Es scheint ja &#252;berhaupt nicht m&#246;glich, zu fassen, was das eigentlich soll, und diese Ratlosigkeit ist ja auch allumfassend. Deshalb versucht der Text da auch nicht schlauer zu sein als er ist. Es ist nat&#252;rlich einfacher, nach Rostock-Lichtenhagen1 eine Position zu haben und zu sagen „Hey ihr Arschgeigen, das habt ihr gemacht und so ist das gelaufen!“ Diese Art der Berichterstattung war damals letztendlich einfach, weil man ja nur die Zeitungsnachrichten und die eigenen Erfahrungen zusammensammeln musste und dann konnte man gleich eine Anklageschrift formulieren. Jetzt merken wir alle ja, dass wir total drau&#223;en sind. W&#252;rde diese Krise, so wie sie gelaufen ist, in den 1970er Jahren stattgefunden haben, dann w&#228;ren die Eliten an den Universit&#228;ten irgendwelche Leute, die vom Marxismus eine Ahnung haben, und der Sozialismus w&#228;re sowieso gerade eine Option gewesen. Dann h&#228;tte das eine ganz andere Sprengkraft und es w&#252;rde ein ganz anderes in-die-Situation-Treten geben, weil es genug Leute g&#228;be, die sagen w&#252;rden „Nein, jetzt machen wir es aber ganz anders!“. Die Akzeptanz daf&#252;r, dass nicht diejenigen, die den Karren in den Dreck gefahren haben, ihn wieder rausholen m&#252;ssen, w&#228;re geringer. Und ich wei&#223; nicht, wie’s euch geht, aber mir kommt es so vor, dass wir gar nicht wirklich viel &#252;ber diese Krise wissen, und dass – was wei&#223; ich – Angela Merkel auch nicht mehr dar&#252;ber wei&#223;. Das ist nat&#252;rlich eine absurde Situation. Da fiel mir jedenfalls auf, dass wir im Kampf in der Kultur schon viel erreicht haben, in den Styles, in den Codes, in der Theorie, im emanzipatorischen Diskurs – aber aus dem &#246;konomischen Diskurs ist man komplett drau&#223;en. Jemand wie Robert Kurz<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> hat’s zwar schon seit 15 Jahren gesagt, aber der kann jetzt auch nur sagen: „Ich hab’s euch ja gesagt!“</p>
<p><em>Wie schl&#228;gt sich das dann in der Alltagserfahrung nieder? W&#252;rdet ihr sagen, dass sich diese Prekarisierungstendenzen, die ihr auf dem Album </em>Lenin<em> beschreibt, und das Thema Verunsicherung/Sicherheit, mit der Krise weiter verst&#228;rkt haben?</em></p>
<p>SK: Also die Verunsicherung, die war ja insgesamt gesellschaftlich da. Ich meine, was da ins Wanken geraten ist, das findet ja nicht in pers&#246;nlichen Bereichen statt – das hat es sowieso schon davor gegeben, au&#223;er dass vielleicht der ein oder andere jetzt Angst hat, dass das, was er auf seinem Konto hatte, jetzt irgendwie verschwindet. Aber ansonsten – ich meine, das System fand man ja m&#246;glicherweise auch vorher schon faul. </p>
<p>TG: Zumindest was die tagespolitische Debatte in Deutschland angeht, war meiner Meinung nach realpolitisch die Verunsicherung viel gr&#246;&#223;er als die <em>Hartz IV-Gesetze </em>eingef&#252;hrt wurden. Da haben Leute wirklich gemerkt, dass das jetzt ein Einschnitt ist, der etwas radikal ver&#228;ndert, der nach unten etwas aufmacht. Die Verunsicherung und der Unmut waren da viel sp&#252;rbarer als jetzt, wo das ja auch durch die Politik der Regierung abgefedert wird.</p>
<p>SK: Man merkt ja, dass es einfach nur um Versprechen geht. Es reicht eigentlich aus, das Versprechen, die Blase, die da geplatzt ist, durch eine neue zu ersetzen, die dann wieder Hoffnung gibt. Wenn die Regierung sagt, „Okay, wir fangen euch dann auf“, ist das auch erst mal nur eine Behauptung, und die kann sofort au&#223;er Kraft gesetzt werden, wenn es nicht alle „glauben“. Das ist ja auch ein bisschen das Problem von jemandem wie Obama. Bei dem sp&#252;rt man ja, dass es in den meisten F&#228;llen gar nicht unbedingt darum geht, was er faktisch verbessern kann, sondern erstmal um die Frage: „Glauben wir dem denn?“. Also immer nur um Versprechen, immer nur um etwas Imagin&#228;res. Und das hat man ja auch ganz deutlich bei der &#246;konomischen Krise gesp&#252;rt. Die trifft nat&#252;rlich trotzdem real die Leute, aber auch wenn es jetzt wieder „in Ordnung ger&#228;t“, hat man das Gef&#252;hl, dass die &#196;ngste eigentlich nur ein St&#252;ck h&#246;her geschraubt, noch mal erweitert werden. Du kannst entweder glauben oder nicht glauben, und das ist alles, weil der Rest geht einfach so weiter. </p>
<p><em>Eine Reaktion auf diese &#196;ngste, die ihr in dem Song Aber der Silbermond beschreibt, ist so ein neo-biedermeierlicher R&#252;ckzug ins Private. Da geht es um ein Lied der Band Silbermond, in dem sich die S&#228;ngerin „nur ein kleines bisschen Sicherheit“ w&#252;nscht. Beobachtet ihr, dass als Reaktion auf Verunsicherung und Prekarisierung so eine Sehnsucht nach Heimeligkeit festzustellen ist?</em></p>
<p>SK: Ja, und ich w&#252;rde schon sagen, dass das nat&#252;rlich ein verst&#228;ndlicher Reflex ist, wenn man meint, kaum eine M&#246;glichkeit zu haben, sich irgendwie zu verorten. Aber wahrscheinlich auch der falsche, weil man damit ja auch ein Instrument abgibt. Ich glaube, Cocooning kann es irgendwie nicht sein. </p>
<p>TG: Obwohl dieser Trend  nicht unmittelbar mit der Krise zusammenh&#228;ngt&#8230;</p>
<p>SK: Man kennt das aus der Soziologie schon ganz lange: der „flexible Mensch“, &#252;ber den Richard Sennett zum Beispiel ohne Ende geschrieben hat. Oder eben das Subjektivierungs-Thema, das ist ja jetzt nichts ganz Unbekanntes. Das wirkt eben auf Leute und es ist v&#246;llig verst&#228;ndlich, finde ich. Aber es darf meiner Ansicht nach nicht dazu kommen, dass man als einzige M&#246;glichkeit so eine Art Aussteigertum sieht, in dem es wirklich nur darum geht, zuzumachen.<br />
Man kann das jetzt ganz gut an dem <em>Silbermond</em>-Text festmachen, finde ich, oder an dem Video zu deren Song. Da geht es um Protest, wenn du so willst: Es beschwert sich jemand, macht das in diesem Video aber in einem Raum, in dem es um eine Demonstration geht, und sagt eigentlich „Ich will diese Demonstration nicht, weil die bringt es jetzt irgendwie auch nicht. Lasst es lieber bleiben!“. Und das ist schon ein Paradox, ein Widerspruch in sich, wenn man so will. Das ist denen, die das Video gemacht haben, aber nicht klar gewesen, glaube ich.</p>
<p>TG: Wobei, dass das da explizit einander gegen&#252;ber gestellt wird, ist schon fast wieder politisch. Das ist schon fast eine Form von Bewusstsein.</p>
<p>SK: Aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass man da etwas missverstanden hat, dass man diesen Song gemacht hat und sich dann &#252;berlegt hat, was denn zu diesem Lied passt. Und dann machen sie einfach so ein Video.</p>
<p><em>Ist dieses Thema der Sicherheit und der Sehnsucht nach Sicherheit auch etwas, was dich, Schorsch, bei deinem Projekt f&#252;r die </em>Wiener Festwochen<em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> besch&#228;ftigt hat?</em></p>
<p>SK: Klar, das war ein Teil davon. Aber es ging da ja um sehr viel, etwa um die ganze &#220;berwachungsthematik. Ich habe ja auch ein paar lustige Sachen herausgefunden, wie die Z-Schl&#252;ssel-Geschichte, die unheimlich komisch ist. Man hat mir jetzt auch einen geschickt [lacht]  – ich bin jetzt im Besitz eines Z-Schl&#252;ssels! Ich habe zur Vorbereitung zwei Mal eine Konferenz besucht, das eine Mal in M&#252;nchen, da waren dann eher die Spezialisten, die sich im Feinsten auskennen, und dann war ich hier, in Simmering, wo sich die Polizei hingestellt und erkl&#228;rt hat, was man alles machen muss, um sich zu sch&#252;tzen, welche Schl&#246;sser es gibt und welche Olive so ein Schloss haben muss, mit all den Fachbegriffen. Die Leute dort waren begeistert. Und dann kriegst du irgendwie mit, dass man mit einem Z-Schl&#252;ssel in jedes zweite Haus in Wien reinkommt. Das war schon k&#246;stlich. Und die Polizisten da waren nicht schei&#223;e, sondern haben zum Beispiel gesagt, „Ok Leute, bitte keine Knarre zu Hause, weil das kann nur schief laufen“. Die haben also nicht die B&#252;rger aufgestachelt, sondern eher de-eskaliert, weil da waren Typen, die wollten nur dar&#252;ber reden, welche Waffen sie sich zulegen sollten und was f&#252;r eine sie schon zu Hause haben. Zum Schluss kam noch ein Bulle, ging zu so einem hin und meinte, „Sagen Sie mal, ich m&#246;chte Sie doch noch fragen, haben Sie denn &#252;berhaupt einen Waffenschein?“. [Lacht] </p>
<p><em>Eine Abschlussfrage noch, weil uns das als Theoriemagazin auch irgendwie nahe liegt: Welche Rolle spielt politische Theorie in eurer Arbeit, vor allem in eurer Textproduktion? </em></p>
<p>SK: Zun&#228;chst mal &#252;ber Selbstbildung und Interesse, w&#252;rde ich sagen. Das ist ganz unterschiedlich.</p>
<p><em>Was lesen denn die </em>Goldenen Zitronen<em> gerade? Was liegt am Nachttisch?</em></p>
<p>SK: Also ich habe jetzt gerade zwei Werke zur Bayrischen R&#228;terepublik gelesen, weil ich damit zu tun hatte. Also wirklich toll fand ich <em>Wir sind Gefangene</em> von Oskar Maria Graf<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das hat mich unheimlich ger&#252;hrt. Und dann noch <em>Eine Jugend in Deutschland</em> von Ernst Toller<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf eine ganz andere Weise, weil mit einer anderen Ernsthaftigkeit geschrieben. Die beiden Wege dieser zwei Leute fand ich interessant. Der eine, Toller, ist politisch wesentlich dezidierter, im Krieg Pazifist geworden, und hat dann als Revolution&#228;r irgendwann eingesehen: Okay, man h&#228;tte vielleicht doch Opfer bringen m&#252;ssen, weil du kannst die Revolution sonst nicht durchsetzen. Das ist schon krass, und Toller ist ja daran auch f&#252;r sich gescheitert und hat sich irgendwann umgebracht. Und dann jemand wie Oskar Maria Graf, der aus einem sehr autorit&#228;ren Umfeld kommt und irgendwann, wie er schreibt: „als das Blut brach“, meinte „ich habe es nicht mehr ausgehalten“, und sich anarchistisch politisiert hat. Das fand ich schon  sehr aufregend: Der eine, der &#252;ber eine fast moralische Ernsthaftigkeit an die Dinge herangeht, und der andere, der einfach nur meint „Hey, was ist los?“ und „Ich bin dabei, wenn was losgeht!“. Da sieht man, wie verschieden solche Dinge laufen k&#246;nnen. Gerade in der R&#228;terepublik war das Spannende, welche Rolle unterschiedliche Lebensmodelle in der Gesellschaft spielen k&#246;nnen. Jeden Abend stand da jemand in einem gro&#223;en Bierkeller und hat ein anderes Lebensmodell behauptet, und jedes war irgendwie eine Richtung, die man h&#228;tte wirklich einschlagen k&#246;nnen – was ja heute sozusagen undenkbar ist. Heute greift man so im Kleinen herum und kann das trotzdem kaum fassen, man kann kaum Hebel ansetzen. Und man muss ja auch zugeben, wie das mit Psychologie zusammenh&#228;ngt: mit einem Werdegang, mit einer Herkunft, mit einer Pr&#228;gung und so weiter, und eben mit dem Sozialisieren von Werdeg&#228;ngen. Oder auch wirklich oft mit etwas sehr Subjektivem, also mit welcher St&#228;rke gehe ich da ran, was kann ich da leisten und welche &#196;ngste dr&#252;cken sich da aus. Das darf man einfach nie ausblenden, glaube ich.</p>
<p>TG: Das Interessanteste an Toller ist, dass er es irgendwie gewusst hat… Seine Einsch&#228;tzung war ja richtig, dass man das nicht wuppen6 konnte, diese R&#228;terepublik. Aber es war eben so, dass die Arbeiter in M&#252;nchen und Augsburg gerade gesagt haben „Wir machen jetzt aber Revolution!“. Und Toller hat dann gesagt „Ja, okay. Das ist das erste Mal, dass die Arbeiter aufstehen – dann machen wir das. Auch wenn wir eine Niederlage einstecken, wir m&#252;ssen den historischen Moment nutzen“. Das hat mich immer total fasziniert.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> &#220;briggebliebene Ausgereifte Haltungen, Dokumentarfilm von Peter Ott, erschienen auf der Doppel-DVD <em>Die Goldenen Zitronen</em> Material (Buback/Indigo 2008).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Robert Kurz ist Journalist, Autor des <em>Schwarzbuch Kapitalismus</em> und Mitbegr&#252;nder von <em>Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft.</em><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Im Rahmen der <em>Wiener Festwochen</em> 2009 realisierte Schorsch Kamerun <em>Bei aller Vorsicht!</em>, einen als Performance inszenierten „Sicherheitsrundgang“ durch den zweiten Wiener Gemeindebezirk.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, M&#252;nchen 1981.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Reinbek 1978.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Wuppen: etwas Schweres im Handumdrehen erledigen.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Krise durchdenken – in Memoriam Chris Harman</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/die-krise-durchdenken-in-memoriam-chris-harman/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 7. November starb Chris Harman, revolution&#228;rer Sozialist, marxistischer Theoretiker und f&#252;hrender Aktivist der englischen Socialist Workers Party. Philipp Probst widmet sich seiner kurz zuvor erschienenen Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise.

Angesichts der Banken- und Finanzkrise, die 2007 ausbrach, sprachen immer mehr &#214;konomInnen von „Zombie-Banken“ – Banken, die an sich wertlos sind und nur noch mit Hilfe staatlicher Kredite am Leben gehalten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 7. November starb <em>Chris Harman</em>, revolution&#228;rer Sozialist, marxistischer Theoretiker und f&#252;hrender Aktivist der englischen <em>Socialist Workers Party</em>. <em>Philipp Probst</em> widmet sich seiner kurz zuvor erschienenen Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise.<br />
<span id="more-1529"></span><br />
Angesichts der Banken- und Finanzkrise, die 2007 ausbrach, sprachen immer mehr &#214;konomInnen von „Zombie-Banken“ – Banken, die an sich wertlos sind und nur noch mit Hilfe staatlicher Kredite am Leben gehalten werden. Derart „untot“, erf&#252;llen sie „keine positive Funktion, stellen aber eine Gefahr f&#252;r alles andere dar“(12). Chris Harman spinnt diese Metapher weiter. Anlehnend an Marx, der den fr&#252;hen Kapitalismus mit einem Vampir verglich, der „sich nur vampyrm&#228;&#223;ig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr [er] davon einsaugt“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, bezeichnet er das ganze System als Zombie-Kapitalismus. Ein System, in dem das Tote &#252;ber das Lebende herrscht, die Produkte menschlicher Arbeit das Leben der Menschen und folgender Generationen beherrschen. Ein hirnlos wankender, zerst&#246;rerischer Zombie, „der scheinbar tot ist, wenn es darum geht, menschliche Ziele zu erreichen und auf menschliche Gef&#252;hle anzusprechen, aber f&#228;hig zu spontanen Ausbr&#252;chen von Aktivit&#228;t, die rundherum Chaos verbreiten“ (12).<br />
<em>Zombie Capitalism</em> ist Harmans letztes Buch. Er starb im November 2009, w&#228;hrend der <em>Socialist Days Conference</em> in Kairo an einem Herzinfarkt. Mit ihm ging der sozialistischen Bewegung nicht nur ein gro&#223;er Theoretiker, sondern auch ein langj&#228;hriger Aktivist verloren. Aktiv seit seiner Schulzeit, war es die Besetzung der <em>London School of Economics</em> 1967, in deren Rahmen er als Mitglied der <em>International Socialists</em> (IS) – die sp&#228;tere <em>Socialist Workers Party</em> (SWP) – und Organisator der Besetzung zu einer wichtigen Pers&#246;nlichkeit in der britischen 68er-Bewegung wurde. Er verstand es, Theorie und Praxis geschickt zu verbinden und formte er das theoretische Fundament der IS-Tradition ma&#223;geblich mit. Es war, wie sein Genosse Kevin Ovenden es formulierte, seine „seltene F&#228;higkeit, eine politische Position und ein komplexes Konzept in wenigen klaren Worten zu formulieren“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, die es ihm erm&#246;glichte, marxistische Theorie einem breiteren Publikum zug&#228;nglich zu machen. Neben seiner T&#228;tigkeit als Herausgeber des <em>Socialist Worker</em> (der Wochenzeitung der SWP), der Monatszeitschrift <em>Socialist Review</em> und, in seinen letzten Lebensjahren, des <em>International Socialism Journal</em> (einem viertelj&#228;hrlich erscheinenden Theoriemagazin), verfasste Harman eine Reihe von Publikationen, die sein Interesse an einer F&#252;lle von Themen – &#214;konomie, Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie – widerspiegeln. So analysierte er 1988 in <em>Class struggle in Easter Europe</em> die Staatskapitalismen der Ostblockstaaten oder ging im 1997 erschienenen <em>Die verlorene Revolution</em> dem Scheitern der Revolution in Deutschland 1918–1923 auf den Grund. In <em>The prophet and the proletariat</em> pr&#228;sentierte er bereits 1999 – zwei Jahre vor „9/11“ – eine Analyse des Politischen Islam und dessen sozialer Kontexte. Und im 700 Seiten starken, erst j&#252;ngst vom Verlag <em>Verso </em>neu aufgelegten <em>A people’s history of the world</em> zeichnet Harman die Menschheitsgeschichte vom Entstehen erster Klassengesellschaften bis zur zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts aus Perspektive sowohl der unterdr&#252;ckten als auch der herrschenden Klassen nach.<br />
In <em>Zombie Capitalism</em> widmet sich Harman marxistischer &#214;konomietheorie. Anders als von ihm zun&#228;chst geplant, r&#252;ckte der Fokus des Buches vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise von der Prognose zur Erkl&#228;rung ebendieser Krise. Sowohl neoklassische &#214;konomInnen und WirtschaftsberaterInnen als auch einige marxistische TheoretikerInnen hatten zuvor die These vertreten, der Kapitalismus h&#228;tte zu langandauernder Stabilit&#228;t gefunden und w&#252;rde einen neuen langen Aufschwung erleben. Harmans Ziel, gegen diesen Irrglauben zu argumentieren und die inh&#228;rente Krisenhaftigkeit des Kapitalismus aufzuzeigen, aktualisiert Fragestellungen, denen sich Harman bereits in seinem in den 1970ern erschienenen Buch <em>Explaining the crisis</em> widmete: Warum brechen Krisen aus, und welche krisenhaften Tendenzen werden sich in Zukunft durchsetzen? Die Beantwortung dieser Fragen, an denen Mainstream-KommentatorInnen regelm&#228;&#223;ig scheitern, erm&#246;glicht es auch, die gegenw&#228;rtige Krise im weiteren Kontext allgemeiner Entwicklungen der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren.<br />
Zombie Capitalism ist in vier Abschnitte unterteilt: Der erste Abschnitt ist eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen &#246;konomischen Theorien und neueren marxistischen Ans&#228;tzen im Anschluss an Marxens Kritik der politischen &#214;konomie. Teil zwei und drei behandeln die Entwicklungen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert bis zum Ende des Nachkriegsbooms sowie Ver&#228;nderungen infolge der Globalisierung und der gest&#228;rkten Rolle des Finanzsystems. Der letzte und k&#252;rzeste Abschnitt stellt die Frage nach den &#246;kologischen Grenzen des kapitalistischen Systems, wie sie sich in der Bedrohung durch Klimawandel und Nahrungsmittelkrisen &#228;u&#223;ern. Daran anschlie&#223;end wird im letzten Kapitel die Frage aufgeworfen, wie dieses System &#252;berwunden werden kann – und durch wen.<br />
Zun&#228;chst stellt Harman grundlegende marxistische Konzepte<br />
dar. W&#228;hrend die Einf&#252;hrung in marxistische Begriffe im ersten Kapitel zentrale Termini verst&#228;ndlich erl&#228;utert, sind die n&#228;chsten Kapitel besonders wertvoll, weil Harman hier neoklassische Theorie entkr&#228;ftet und kapitalistische Krisenhaftigkeit in klarer und einfacher Sprache erkl&#228;rt.<br />
Neoklassische &#214;konomik analysiert die kapitalistische Wirtschaftsweise als ein sich im Gleichgewicht befindliches – oder zumindest auf ein Gleichgewicht zustrebendes – System. Laut dem von Jean Baptiste Say postulierten Gesetz gleichen sich Angebot und Nachfrage automatisch aus. M&#228;rkte regulieren sich selbst und forcieren Wachstum. Die Realit&#228;t sah freilich von jeher anders aus: Periodische Krisen ersch&#252;tterten in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden kapitalistisches Wachstum und brachten neoklassische &#214;konomInnen in Erkl&#228;rungsnotstand. Trotzdem wurde und wird an der Idee eines selbstregulierenden, auf ein Gleichgewicht zustrebenden Marktsystems festgehalten. Kleinere St&#246;rungen sind demnach Teil eines „Gesch&#228;ftszyklus“, w&#228;hrend gr&#246;&#223;ere Krisen lediglich auf externe Faktoren, wie z. B. falsche institutionelle Regelungen und staatliche Eingriffe oder gar, wie von Jevons<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptet, auf den Einfluss von Sonnenflecken, zur&#252;ck zu f&#252;hren sind. Marxistische Analysen gehen demgegen&#252;ber von der durch die Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalien angetriebenen zeitlichen Dynamik und Br&#252;chigkeit kapitalistischer Prozesse aus: „Marx’ eigener Ansatz war es, … die individuellen Elemente des Systems zu analysieren und dann zu zeigen, wie sie dynamisch interagieren und sich gegenseitig in diesem Prozess ver&#228;ndern. Sobald diese Verbindungen &#252;bersehen werden, wird die ganze Dynamik des Systems &#252;bersehen. F&#252;r Marx waren die Kategorien, die er entwickelte, bedeutend, weil sie es erm&#246;glichen, das System als in sich widerspr&#252;chliche Totalit&#228;t zu sehen, die sich in einem st&#228;ndigen Transformationsprozess befindet – eine Transformation, die die Kategorien der Analyse selbst beeinflusst.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die ungeplante Produktion der miteinander konkurrierenden Kapitalien ist eben kein reibungslos verlaufender Prozess, wie neoklassische &#214;konomen behaupten.<br />
Harman f&#252;hrt zwei marxistische Erkl&#228;rungsmuster f&#252;r Krisenprozesse detaillierter aus: (1) die generelle Tendenz zu &#220;berproduktionskrisen und (2) den tendenziellen Fall der Profitrate.<br />
Die M&#246;glichkeit von Krisen ist demnach in der generellen Tendenz zur &#220;berproduktion angelegt. KapitalistInnen versuchen unter dem Druck der Konkurrenz sowohl ihren Output als auch ihre Profite zu erh&#246;hen, indem sie L&#246;hne dr&#252;cken. Weil ein essentieller Bestandteil der Waren aber von L&#246;hnen gekauft wird, kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen dem produzierten Output und den tats&#228;chlich gekauften G&#252;tern. In der modernen Industrie sind Produktion und Endverbrauch durch lange, ineinander verwobene Wertsch&#246;pfungsketten verbunden. Zwei Bedingungen m&#252;ssen dabei erf&#252;llt werden: Erstens hat der Produktionsprozess eine physische Dimension: Die Produktionsmittel m&#252;ssen den physikalischen, chemischen und biologischen Anforderungen der zu verarbeitenden Produkte gerecht werden. Gleichzeitig muss jeder Produktionsprozess die Wertmenge auf Seiten der Eigent&#252;merInnen des jeweiligen Beitriebs erh&#246;hen. Die physische Organisation der Produktion von Gebrauchswerten muss daher irgendwie mit der kapitalistischen Bestimmung von Preisen (durch ihre Werte) korrespondieren. Diskrepanzen zwischen diesen beiden Anforderungen bedeuten, dass Produktionsprozesse unweigerlich auf Engp&#228;sse in der Rohstoffversorgung sto&#223;en, was zu Preissteigerungen f&#252;hrt, was wiederum eine Verringerung der Profite bei manchen Kapitalien und eine Umverteilung des produzierten Mehrwerts zur Folge hat. Die individuellen KapitalistInnen werden ihre Investitionsentscheidungen daran ausrichten, ob sie in der Konkurrenz zu anderen bestehen und zumindest die durchschnittliche Profitrate erzielen k&#246;nnen. Deshalb m&#252;ssen st&#228;ndige technologische Weiterentwicklungen und Umstrukturierungen im physischen Produktionsprozess get&#228;tigt werden, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Durch den Produktivit&#228;tszuwachs erh&#246;ht sich auch die Quantit&#228;t an produzierten G&#252;tern, w&#228;hrend deren Wert sinkt. Der fortlaufende Wechsel in der Produktivit&#228;t schl&#228;gt sich damit auf den Wert fr&#252;her get&#228;tigter Investitionen in konstantes Kapital (Maschinen, Ausr&#252;stung, etc.) und damit letztlich auch auf die Profiterwartungen nieder. Investitionen bleiben aus und die Nachfrage nach G&#252;tern anderer Sektoren sinkt. Die erzielten Profite fallen, ArbeiterInnen werden entlassen oder L&#246;hne gek&#252;rzt und eine Phase der Kontraktion setzt ein. Diese dauert solange an, bis Investitionen wieder rentabel werden, weil Produktionsmittel g&#252;nstig – unter ihrem Wert – einzukaufen sind. Neue Investitionen sind wieder lohnend und eine neue Akkumulationswelle setzt ein.<br />
Der „Gesch&#228;ftszyklus“ ist also kein Gleichgewichtsprozess, sondern ein st&#228;ndiges „oszillieren“ der Preise unter oder &#252;ber ihrem Wert. Der Punkt ist, dass Krisen nicht das Resultat schlechter Managemententscheidungen, sondern momentane, zerst&#246;rerische Antworten auf bestehende Widerspr&#252;che darstellen. Kredit und Finanzmechanismen k&#246;nnen diese Tendenz zur &#220;berproduktionskrise noch versch&#228;rfen.<br />
F&#252;r Harman sind &#220;berproduktionskrisen fixer Bestandteil kapitalistischer Produktionsprozesse. Um langfristige Dynamiken zu analysieren, legt er sein Augenmerk jedoch vor allem auf Marxens „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ (TFPR), das jener als das „in jeder Beziehung wichtigste Gesetz moderner politischer &#214;konomie“ bezeichnete. Marx versucht in diesem sogenannten „Gesetz“ die grundlegenden Widerspr&#252;che der Kapitalakkumulation auf abstrakter Ebene zu fassen und deren immanente Krisenanf&#228;lligkeit zu zeigen. Kurz gesagt geht es dabei um die organische Zusammensetzung des Kapitals, d. h. um das Verh&#228;ltnis von konstantem (Produktionsmittel) zu variablem (Arbeitskraft) Kapital. Produktivit&#228;tssteigernde Technologien ben&#246;tigen meist eine geringere Anzahl von Arbeitskr&#228;ften. Die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt tendentiell an. Da aber nur menschliche Arbeit Wert schafft (Maschinen geben ihren Wert im Zeitraum ihres Einsatzes lediglich an die Produkte weiter), ist die Folge der Produktivit&#228;tsentwicklung ein Fallen der Profitrate. Denn diese ist ja gerade bestimmt als das Verh&#228;ltnis von Mehrwert zur Summe aus konstantem und variablem Kapital. Dieses „Gesetz“ gilt allerdings nur, solange wir von einer Reihe von Faktoren abstrahieren. Sobald wir den Akkumulationsprozess in seiner Einheit von Produktion und Zirkulation betrachten, m&#252;ssen wir auch „entgegenwirkende Tendenzen“ ber&#252;cksichtigen. Zusammengenommen dr&#252;cken TFPR und die entgegenwirkenden Tendenzen die (widerspr&#252;chlichen) Effekte des Akkumulationsprozesses aus.<br />
In diesem Zusammenhang sind &#246;konomische Krisen von gro&#223;er Bedeutung. Sie erm&#246;glichen es, dass die Preise von konstantem Kapital infolge von Firmenbankrotten und der Zerst&#246;rung von G&#252;tern sinken und die Profitraten in Folge wieder steigen k&#246;nnen, da die &#252;berlebenden KapitalistInnen in der Lage sind, ihre Investitionen billiger zu t&#228;tigen. Der TFPR und seine gegenl&#228;ufigen Tendenzen dr&#252;cken die Profitrate also nicht reibungslos rauf und runter. Die Tendenzen sind in st&#228;ndigem Widerspruch zueinander: Ein Widerspruch, der sich explosionsartig in Krisen ausdr&#252;ckt.<br />
Harman bleibt in der Folge nicht bei den von Marx entwickelten Konzepten stehen, sondern widmet sich in den n&#228;chsten Kapiteln den theoretischen Weiterentwicklungen nach dessen Tod. Rudolf Hilferdings 1910 erschienenes „Das Finanzkapital“ zeigt die Entstehung von Monopolen aufgrund der Konzentration und Zentralisation von Kapital nach Krisen auf. Diese &#220;berlegungen wurden in Bukharins und Lenins Imperialismustheorien vertieft: Die gr&#246;&#223;ere Interdependenz zwischen Unternehmen und Staaten f&#252;hrt demnach zu einer weiteren Ebene der Konkurrenz: milit&#228;rische Konkurrenz. Diese besteht nicht mehr nur zwischen einzelnen Firmen, sondern auf geopolitischer Ebene zwischen Staaten um den Zugang zu und die Kontrolle &#252;ber Ressourcen.<br />
Eine Analyse der Verbindung zwischen Staaten und Unternehmen und der Rolle, die Staaten durch Staatsausgaben und geopolitische Durchsetzung von Interessen in der kapitalistischen Entwicklung spielen und spielten, ist f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der (&#246;konomischen) Dynamiken des letzten Jahrhunderts entscheidend – nicht nur in Bezug auf „westliche“ Staaten, sondern auch auf Staatskapitalismen im Osten.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Nach den theoretischen Ausf&#252;hrungen des ersten Teils werden diese Konzepte in den n&#228;chsten zwei Abschnitten auf konkreter Ebene in unterschiedlichen historischen Kontexten angewandt. Je nach den institutionellen Spezifika der historisch sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaftsformationen &#228;ndern sich sowohl die Art, in der sich der tendenzielle Fall der Profitrate und die gegenl&#228;ufigen Tendenzen auswirken, als auch die Rolle von Staaten, Finanzinstituten etc.<br />
Nach einer Analyse der Ursachen f&#252;r die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre – dem heiligen Gral der &#214;konomie – ist vor allem die Auseinandersetzung mit dem Nachkriegsboom, den „Goldenen Jahren“ des Kapitalismus, spannend. Das Jahrzehnte andauernde Wirtschaftswachstum war lange Zeit das entscheidende Argument daf&#252;r, dass der Kapitalismus seine Krisen &#252;berwinden k&#246;nne, wenn staatliche Institutionen durch regulierende Politik eingriffen. Harman zeigt, dass die nachfrageseitigen Ma&#223;nahmen, die dem Keynsianismus zugeschrieben wurden, in den 1950er und 1960er Jahren nie so stark zum Tragen gekommen sind, wie das retrospektiv dargestellt wurde. Andererseits versagte genau diese Politik, als in den 1970ern versuchte wurde, solche Ma&#223;nahmen zur Krisenbew&#228;ltigung ins Feld zu f&#252;hren. Um sowohl den langen Boom als auch dessen Ende verstehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen Erkl&#228;rungsmodelle jenseits institutioneller Regulierungsmechanismen gesucht werden. Harman f&#252;hrt hier die von Mike Kidron entwickelte Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft weiter. Angetrieben durch milit&#228;rische Konkurrenz zwischen UdSSR und den USA wurden enorme Summen an Staatsausgaben in die R&#252;stungswirtschaft gepumpt. Diese Umleitung von ansonsten produktiv wirkenden Investitionen in – im Marxschen Sinne – unproduktive Wirtschaftszweige wirkte als gegenl&#228;ufige Tendenz und konnte den tendenzielle Fall der Profitrate verlangsamen und so Krisen bis in die 1970er Jahre aufschieben.<br />
Die folgenden Krisen der 1980er, 1990er und 2000er Jahre hatten nicht den reinigenden Effekt, der Krisen in der Fr&#252;hphase des Kapitalismus zukam. Die Profitabilit&#228;tskrise, in der die Wirtschaft seit den 1970er Jahren steckt, konnte bis jetzt nicht &#252;berwunden werden. Obwohl es in diesen Jahren zu gro&#223;en Umstrukturierungen der Industrien kam, lie&#223; die Gr&#246;&#223;e gewisser Firmen, die „too big to fail“ (zu gro&#223; zum Scheitern) sind, eine kreative Zerst&#246;rung durch Krisen nicht mehr zu. Denn das Scheitern solcher Firmen w&#252;rde das ganze System bedrohen. Regierungen sind daher gezwungen, gro&#223;e Konzerne in Krisen finanziell zu unterst&#252;tzen, um Schlimmeres zu verhindern. Neue Absatzm&#228;rkte in Zeiten der Globalisierung, die Angriffe auf ArbeiterInnen im Zuge neoliberaler Umstrukturierungen und die Erweiterung und Entwicklung neuer Finanzinnovationen konnten die versteckten Probleme der Realwirtschaft, die in einer tendenziell fallenden Profitrate liegen, jedoch nicht aufl&#246;sen. Harman zeigt, sich auf eigene Berechnungen sowie empirisches Material von Robert Brenner, Fred Moseley und Gerard Duménil st&#252;tzend, dass sich die Profitraten zwar seit den 1980er Jahren etwas erholt haben, sie aber weit von dem Niveau entfernt sind, welches sie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten aufwiesen. Die Asienkrise und die Japankrise in den 1990ern und das Platzen der New Economy-Blase zeigen, dass kurzfristige Booms immer wieder in sich zusammenfielen.<br />
Die Entwicklungen im Finanzsystem pr&#228;gen den Kapitalismus gegenw&#228;rtig entscheidend. Harman widmet sich diesen Ver&#228;nderungen im letzten Kapitel des dritten Abschnitts. Durch einen sogenannten „privatisierten Keynsianismus“ und durch die freiz&#252;gige Vergabe von Krediten konnte sowohl der Konsum aufrecht, als auch L&#246;hne niedrig gehalten werden. &#220;berakkumulationskrisen wurden so hinausgez&#246;gert. Gleichzeitig erm&#246;glichten riskante Finanzinnovationen KapitalistInnen, Investitionen mit hohen kurzfristigen Gewinnaussichten zu t&#228;tigen, ohne in produktive Bereiche investieren zu m&#252;ssen. Diese Mechanismen bleiben sehr instabil und k&#246;nnen nur auf kurze Dauer wirken. Sobald die Blase platzt, schlagen die Probleme auch in der so genannten Realwirtschaft wieder durch.<br />
W&#228;hrend viele &#214;konomInnen falsches Management, mangelhafte Regulierungen oder individuelles Fehlverhalten f&#252;r Krisen verantwortlich machen, schafft es Chris Harman durch theoretische Auseinandersetzung mit marxistischer &#214;konomie sowie viel empirischem Material, zu zeigen, dass die Krisen im letzten Jahrhundert in Prozessen und Tendenzen im kapitalistischen System selbst wurzeln. Um die grundlegenden Dynamiken des Kapitalismus zu verstehen und die Konsequenzen der jetzigen Wirtschaftskrise einsch&#228;tzen zu k&#246;nnen, ist das Buch <em>Zombie Capitalism</em> daher Gold wert.</p>
<p>Harman, Chris: Zombie Capitalism, London: Bookmarls 2009, 400 Seiten, € 19,99, in englischer Sprache.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 247.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Birchall, Ian: Chris Harman: a life in the struggle, in: International Socialism 125, 2010, http://www.isj.org.uk/index.php4?id=610&#038;issue=125 am 25.01.2010.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> William Stanley Jevons (1853–1882) ist einer der wichtigsten fr&#252;hen neoklassischen &#214;konomen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Harman, Chris: Mandel’s ‘Late Capitalism’, in: International Socialism 1, 1978, S. 80f.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zur Theorie des b&#252;rokratischen Staatskapitalismus siehe Duma, Veronika/Probst, Stefan: Kapitalismus nach Plan, in: Perspektiven Nr. 8, S.50–60.</p>
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		<title>Welcome Back – Unless You’re Black</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:11:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb. M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro

Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: <em>Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.</em> M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro<br />
<span id="more-1531"></span><br />
Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 Mrd. Euro betragen haben. Besonders die Stadt New Orleans wurde schwer getroffen: Drei von vier BewohnerInnen mussten evakuiert werden, &#252;ber 180.000 wollten oder konnten nach dem Sturm nicht mehr in die Stadt zur&#252;ckkehren.<br />
Das Buch von Christian Jakobs und Friedrich Schorbs widmet sich insbesondere den Fragen, wer von den Sch&#228;den, die Katrina verursacht hat, am h&#228;rtesten betroffen war/ist und wie die Naturkatastrophe von politischen und &#246;konomischen AkteurInnen ausgenutzt wurde, um lange geplante, st&#228;dtebauliche Ver&#228;nderungen in Gang zu setzen. Die beiden Soziologen lassen in ihrem Buch die Betroffenen – gr&#246;&#223;tenteils vertriebene, afroamerikanische SozialmieterInnen –, B&#252;rgerrechtlerInnen sowie die politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen (wie ManagerInnen von Immobilenfirmen oder Stadtr&#228;tInnen) sprechen und zeigen hierdurch auf, wie im Namen des „Wiederaufbaus“ eine Politik der Vertreibung und eine Unterwerfung der Wohnpolitik unter die Prinzipien des (Wohnungs-)Marktes durchgesetzt wurde.<br />
Im ersten Teil des Buches wird anhand empirischer Daten gezeigt, dass die Viertel von New Orleans, die von Armen und Minderheiten bewohnt wurden, &#252;berproportional stark von der Flut betroffen waren. Auch „die meisten der 1800 Todesopfer von Katrina waren Menschen, die kein eigenes Auto besa&#223;en und sich daher nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten“ (40). Viele Arme – und das sind in New Orleans vor allem AfroamerikanerInnen – wurden, so die beiden Autoren, auch effektiv daran gehindert die Stadt zu verlassen bzw. in sichere Gebiete von New Orleans zu fl&#252;chten: Teile der Polizei und wei&#223;e B&#252;rgerwehren „blockierten die Br&#252;cken und verhinderten mit Gewehren, dass sich die Flutopfer in Sicherheit bringen konnten“ (22). Mit dieser Feststellung richten sich Jakob und Schorb insbesondere gegen die in der Wissenschaft so popul&#228;r gewordene These einer Weltrisikogesellschaft nach Ulrich Beck. Diese besagt, dass die postmoderne, globalisierte Gesellschaft in eine Phase eingetreten ist, in der alle gleicherma&#223;en von Risiken betroffen sind, egal in welcher sozio&#246;konomischen Lage sie sich befinden oder in welcher Region sie leben. F&#252;r die beiden Autoren sind Naturkatastrophen stattdessen „unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen in erster Linie soziale Katastrophen“ (213), die zu einer dauerhaften Versch&#228;rfung der sozialen Ungleichheit beitragen.<br />
Doch nicht nur Katastrophen an sich sind sozial und politisch gepr&#228;gt, auch der Umgang mit ihnen offenbart die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse einer Gesellschaft: Nach Katrina wurden die vier gr&#246;&#223;ten<em> Public Housing Projects </em>(PHPs) der Stadt – staatlich gef&#246;rderte Gro&#223;wohnanlagen f&#252;r Familen in der <em>Extremely Low Income</em>-Kategorie – von der st&#228;dtischen Wohnungsbeh&#246;rde <em>HANO </em>unter dem Vorwand der Schimmelbelastung und des Schutzes vor Pl&#252;nderungen abgeriegelt. Ohne dass die ehemaligen BewohnerInnen jemals wieder ihre Wohnungen betreten konnten, entschied die Stadtpolitik sie abzurei&#223;en und auf dem neu gewonnenen Land moderne <em>Mixed-Income</em>-Wohnbauten zu errichten. F&#252;r Jakob und Schorb sowie f&#252;r die von ihnen befragten ehemaligen BewohnerInnen der PHPs ist diese Ma&#223;nahme als gezieltes politisches Kalk&#252;l zu verstehen: „Was sie wollen, ist wertvolles Land in der Innenstadt zu nehmen, das im Moment von Armen und Schwarzen bewohnt wird. Diese wollen sie loswerden, das Land bebauen, aufwerten und darauf Wohnraum f&#252;r die Mittelklasse schaffen“ (34). New Orleans l&#228;sst sich diese Sanierung 700 Millionen Dollar kosten. Das ist weit mehr als die Renovierung der PHPs gekostet h&#228;tte. Profitieren werden von dieser Stadterneuerung insbesondere private Immobilienfirmen, doch die Stadtpolitik argumentiert, dass eben diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen „f&#252;r beide Seiten befruchtend“ sein k&#246;nnen: Die Stadt k&#246;nne ihr Image aufbessern und der Kriminalit&#228;t entgegenwirken und den Armen w&#252;rden sich „neue Perspektiven“ er&#246;ffnen. Dass diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen nicht genug Platz bieten f&#252;r alle ehemaligen BewohnerInnen der PHPs und viele von ihnen nun nicht mehr nach New Orleans zur&#252;ckkehren k&#246;nnen, dass sie die Verbundenheit der &#252;ber Jahrzehnte gewachsenen PHP-Gemeinschaften zerst&#246;ren und dass die „SozialmieterInnen nicht in einem Schloss, sondern in einem goldenen K&#228;fig“ (210) leben w&#252;rden, wird von den lokalen PolitikerInnen mit keinem Wort erw&#228;hnt bzw. konsequent ignoriert.<br />
Im zweiten Teil des Buches zeigen Jakob und Schorb, dass die Vertreibung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung nicht als eine einmalige Aktion zu sehen ist, sondern historische Tradition hat und bis an die Anfangszeit der Unterwerfung des amerikanischen Kontinentes durch die europ&#228;ischen Kolonialm&#228;chte zur&#252;ckzuverfolgen ist. Die Geschichte des Bundesstaates Louisiana (und damit die Geschichte New Orleans) ist die Geschichte einer konsequenten Diskriminierung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung. Die Ausbeutung der afrikanischen SklavInnen hat massiv dazu beigetragen, dass New Orleans Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer der reichsten St&#228;dte des Kontinents aufsteigen konnte (109ff.). Einige der damaligen  Ausbeutungsmethoden, wie das sogenannten <em>convict lease system</em>, werden bis heute angewandt: „Tausende Gefangene, &#252;berwiegend AfroamerikanerInnen, &#252;bernehmen Arbeiten in der Landwirtschaft oder reinigen in sogenannten „Chain Gangs“, an den F&#252;&#223;en aneinander gekettet, die Stra&#223;en von Unrat“ (123). Von diesem „ultramobilen und v&#246;llig rechtslosen Arbeitskr&#228;ftereservoir“ (124) profitiert neben den lokalen Sheriffs besonders die lokale &#214;konomie. Katrina hat der Durchsetzung dieser rassistischen Politik „nur“ neue M&#246;glichkeiten er&#246;ffnet.<br />
Um zu zeigen, dass die Eliminierung der<em> Public Housing Projects</em> in New Orleans jedoch nicht nur eine historische Kontinuit&#228;t darstellt, sondern auch als Teil eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik (und damit auch in der Wohnungspolitik) zu verstehen ist, widmen sich Jakob und Schorb im letzten Teil ihres Buches der Entwicklung des amerikanischen Sozialstaates seit Mitte des 20. Jahrhunderts. W&#228;hrend in den 1960er Jahren unter dem Deckmantel der „Grand Society“ der amerikanische Sozialstaat (auf paternalistische Art und Weise) massiv ausgebaut wurde, kam es im Zuge der 1970er Jahre zum &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden zum strafenden Staat“ (135). Die damit einhergehende ideologische Verschiebung in der Einsch&#228;tzung der Ursachen von Armut und sozialer Unsicherheit zeigte sich besonders deutlich in der Idee einer „culture of poverty“. Diese wurde durch die Arbeiten des amerikanischen Sozialanthropologen Oscar Lewis angeregt. Er beobachtete in den 1940er Jahren die „urban poor“ in Mexiko und Puerto Rico und kam zu dem Schluss, dass Armut in erster Linie selbstverschuldet und charakterbedingt sei, sowie dass die Armen eine „Parallelkultur“ aufbauen w&#252;rden, die nur marginale Verbindungen zur Mainstream-Gesellschaft aufweise. Die Gr&#252;nde f&#252;r Armut werden nicht l&#228;nger in der sich versch&#228;rfenden strukturellen und materiellen Ungleichheit, sondern in tats&#228;chlichen und zugeschriebenen Verhaltensweisen der Armutsbev&#246;lkerung gesucht“ (134). Dies &#228;nderte auch das generelle Bild auf Sozialbauten: „Die Identifikation der Sozialbauten mit Arbeitsscheu, Kriminalit&#228;t und Promiskuit&#228;t ist in den USA ‚Common Sense’“ (142). Auf Basis dieses Paradigmenwechsels wurden zahlreiche wohnpolitische Ma&#223;nahmen (wie HOPE IV) ergriffen, die dazu f&#252;hrten, dass viele Sozialbauten abgerissen wurden und durch Wohnungsanlagen mit geringeren Bebauungsdichte ersetzt wurden (und somit viele ehemalige BewohnerInnen nicht mehr in ihre Quartiere zur&#252;ckkehren konnten): „HOPE VI sei letztlich dazu benutzt worden, um die Unterschichts-Dominanz in bestimmten Innenstadtgebieten zur&#252;ck zu dr&#228;ngen. Die hierf&#252;r n&#246;tige Vertreibung sei mit dem Vorwand der Kriminalit&#228;tsbek&#228;mpfung gerechtfertigt worden“ (150).<br />
Jakob und Schorb schlie&#223;en ihr Buch mit der Analyse, dass Katrina zwar „Katalysator f&#252;r die Umwandlung der Sozialbauquartiere gewesen sei, aber nicht der Ausl&#246;ser“ (185). Was sich von Katrina jedoch lernen lasse, sei folgendes: „Naturkatastrophen fordern nicht nur die meisten Todesopfer und den gr&#246;&#223;ten Verlust an Eigentum bei den &#196;rmsten, sondern sie ver&#228;ndern auch das soziale Gef&#252;ge und sorgen f&#252;r eine dauerhafte Versch&#228;rfung sozialer Ungleichheit. In New Orleans f&#252;hrte Katrina dazu, dass die Stadt f&#252;r Arme teurer wurde und dass sich nun viele ihrer &#228;rmsten BewohnerInnen eine R&#252;ckkehr nicht leisten k&#246;nnen. Katrina hatte zur Folge, dass die Zahl der Obdachlosen in die H&#246;he geschnellt ist, die &#246;ffentliche Infrastruktur wie kommunale Schulen und Krankenh&#228;user geschlossen bleiben oder privatisiert werden“ (213).<br />
<em>Soziale S&#228;uberung</em> ist ein Buch, das beim Lesen in erster Linie w&#252;tend macht. In den Interviews mit den politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen fallen S&#228;tze wie dieser: „We finally cleaned up public housing in New Orleans. We couldn’t do it, but God did” (50).  Oder: „Das, was in den Public Housing Projects in New Orleans stattfindet ist Teil dieses Krieges gegen die Armen. Wir k&#246;nnen die Armut nicht loswerden – also werden wir eben die Armen los“ (159). Die zahlreichen Interviews mit den Betroffenen, aber auch mit den Verantwortlichen zeigen auf, wie mit Hilfe von Klimakatastrophen konsequente (Vertreibungs-)Politik gemacht wird. Auf Basis der Analysen von Naomi Klein, Mike Davis und Loic Wacquant gelingt es Jakob und Schorb die Ereignisse in New Orleans nicht f&#252;r sich stehen zu lassen, sondern in einen gr&#246;&#223;eren Kontext einzubetten und als Teil der Geschichte der Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung in den USA sowie als Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik zu fassen. Die beiden Soziologen bleiben in ihren Schlussfolgerungen allerdings weit hinter ihren Analysen zur&#252;ck, wenn sie argumentieren, dass „man &#252;ber den Abriss der Housing Projects von New Orleans keine eindeutigen Urteile f&#228;llen (kann). Die Behauptung, reiche wei&#223;e M&#228;nner w&#252;rden arme afroamerikanische Familien aus ihren Wohnungen jagen, wird den Verh&#228;ltnissen jedenfalls nicht gerecht. Die Verantwortlichen f&#252;r den Abri&#223; der Quartiere (&#8230;) sind […] Afroamerikaner.“ (210) Auch wenn einzelne Akteure nicht dem Bild des „wei&#223;en, m&#228;nnlichen, amerikanischen Kapitalisten“ entsprechen, so muss man doch die von ihnen durchgesetzte Politik als Teil eines „Projektes der sozialen S&#228;uberung“ verstehen. Trotz dieser politisch eher problematischen Schlussfolgerungen, ist <em>Soziale S&#228;uberung</em> auf alle F&#228;lle ein lesenswertes Buch, das, folgt man den Analysen in Naomi Kleins „Schockstrategie“, in den n&#228;chsten Jahren traurige Aktualit&#228;t behalten wird. </p>
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		<title>M&#228;chte und M&#228;rkte im globalen Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:10:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €

Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €<br />
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Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ der Internationalen Politischen &#214;konomie – kurz IP&#214; – hat sich insbesondere im Zuge der sogenannten „Globalisierungsdebatten“ seit den 1990er Jahren an diesem Zusammenhang abgearbeitet und dabei Aufmerksamkeit auch &#252;ber ein wissenschaftliches Fachpublikum hinaus erregt. Dabei werden Einsichten aus Soziologie, Humangeographie, Geschichts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften verkn&#252;pft, um die zunehmenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen, globale Dynamiken der Liberalisierung und De-Regulierung sowie die daraus entstehenden Konflikte und Problemlagen zu analysieren. Der vorliegende Sammelband will nun eine Bestandsaufnahme der kritischen IP&#214; im deutschsprachigen Raum bieten.<br />
Was das Adjektiv „kritisch“ in diesem Zusammenhang bedeuten soll und dass es keine Tautologie darstellt, macht <em>Hans-J&#252;rgen Bieling</em> in seinem &#228;u&#223;erst n&#252;tzlichen, orientierenden Beitrag deutlich. Er zeigt erstens, dass die IP&#214; eine l&#228;nger zur&#252;ckreichende Historie besitzt als gemeinhin angenommen; und zweitens, dass sie auch eine weitere theoretische Bandbreite aufweist, als dies die meisten Darstellungen vermuten lassen. Schlie&#223;lich wurde die internationale Dimension bereits von den „Klassikern“ der Politischen &#214;konomie – wie Adam Smith oder David Ricardo – ebenso wie in deren Kritik durch Karl Marx ber&#252;cksichtigt; und auch die, an letzteren anschlie&#223;ende, „klassische“ imperialismustheoretische Debatte – gef&#252;hrt u.a. von Rosa Luxemburg, Nikolai Bucharin, Karl Kautsky, Vladimir Lenin und dem von Bieling unterschlagenen Leo Trotzki – hat sich letztlich mit Fragen besch&#228;ftigt, die sp&#228;ter unter dem Label IP&#214; diskutiert werden sollten. Auch in der zweiten H&#228;lfte des vergangenen Jahrhunderts wurden Neo-Imperialismus-, Dependenz- und Weltsystem-Theorien prominent diskutiert.<br />
Kapitalismuskritische Perspektiven haben in der IP&#214; also eine Tradition, die vor den Disziplinenbegriff selbst zur&#252;ckreicht. Seit die IP&#214; sich in den 1970er Jahren auch akademisch-institutionell verankern konnte, kam es jedoch zur Ausbildung einer „neuen Orthodoxie“, die sich fernab jedes kritischen Paradigmas mit Fragen der politischen Stabilit&#228;t im internationalen System besch&#228;ftigt. Die Existenz dieser, insbesondere im angels&#228;chsischen Raum dominanten, neu-orthodoxen IP&#214;, die zumeist positivistisches Wissenschafts- mit neoliberalem Politikverst&#228;ndnis verkn&#252;pft, wird in der deutschsprachigen Debatte gerne &#252;bersehen und von Bieling daher zu Recht betont. Aktuelle kritische oder „heterodoxe“ Perspektiven in der IP&#214; wurden zun&#228;chst vor allem als Abgrenzung von dieser neuen Orthodoxie entwickelt und stellen weniger ein gemeinsames Forschungsprogramm als ein breites und durchaus widerspr&#252;chliches sozialwissenschaftliches Feld dar.<br />
Als Gemeinsamkeiten kritischer IP&#214; k&#246;nnen nach Bieling vier Aspekte genannt werden. <em>Erstens </em>eine umfassende Perspektive, die sich nicht auf die Analyse von Markt und Staat beschr&#228;nkt, sondern auch Produktions- und Reproduktionsverh&#228;ltnisse, kulturelle und ideologische Gesichtspunkte auf inter- und transnationaler Ebene als Teil ihres Untersuchungsgegenstands versteht. <em>Zweitens </em>die kritische Hinterfragung von dominanten Problemwahrnehmungen und -darstellungen durch polit-&#246;konomische AkteurInnen wie Mainstream-Analysen. Dies betrifft insbesondere das Verh&#228;ltnis von Markt und Staat, das aus kritischer Perspektive nicht als einander &#228;u&#223;erliche Beziehung gedacht wird, sondern als „integral verschr&#228;nkt“ (31). Der Illusion vom sich selbst regulierenden Markt wird ein Verst&#228;ndnis von M&#228;rkten als politisch konstituierte Beziehungsgeflechte entgegen gestellt, der Illusion vom entlang rein politischer Logiken handelnden Nationalstaat ein Verst&#228;ndnis der Bedeutung welt&#246;konomischer Ungleichheiten. <em>Drittens </em>wird die Frage gestellt, warum sich die herrschenden kapitalistischen Verh&#228;ltnisse durch Krisen und Turbulenzen hindurch letztlich doch relativ stabil reproduzieren. Dies impliziert einerseits einen Fokus auf unterschiedliche Perioden und Varianten des Kapitalismus, andererseits auch eine normativ-politische &#220;berwindungsperspektive. Die Hegemonietheorie Antonio Gramscis ist f&#252;r viele AutorInnen der kritischen IP&#214; hier ein zentraler Bezugspunkt. <em>Viertens </em>schlie&#223;lich grenzt sich die heterodoxe IP&#214; vom empirisch-positivistischen Selbstverst&#228;ndnis der Orthodoxie ab und legt gr&#246;&#223;ere Aufmerksamkeit auf die Selbstreflexion und -kritik der eigenen Analyseinstrumente und theoretischen Vorannahmen.<br />
&#220;ber diese Bestimmungen hinaus vereint die Bezeichnung „kritische IP&#214;“ ein weites Feld durchaus heterodoxer Ans&#228;tze. Die HerausgeberInnen verstehen diese Breite als begr&#252;&#223;enswerte Vielfalt, ohne zu unterschlagen, dass die in diesem Band versammelten Beitr&#228;ge „sich nicht nur gegenseitig erg&#228;nzen, sondern sich durchaus kritisch voneinander abgrenzen“ (10).<br />
Im Wesentlichen finden sich hier drei Arten von Texten. Die meisten Aufs&#228;tze konfrontieren den aktuellen Stand der kritischen IP&#214;-Debatte mit anderen Theoriestr&#228;ngen, die den AutorInnen zufolge bisher zu wenig Beachtung erhalten haben bzw. die offene Fragen und „Baustellen“ in der IP&#214; zu bearbeiten helfen sollen. Dazu z&#228;hlt <em>Petra Purkarthofers</em> Beitrag, der die Bedeutung Postkolonialer Theorien f&#252;r die Aufdeckung und m&#246;gliche &#220;berwindung eurozentristischer Haltungen in der IP&#214; darstellt; der &#220;berblicksaufsatz von <em>Friederike Habermann </em>und <em>Aram Ziai</em> zu feministischen Perspektiven in der IP&#214;; und der Vorschlag von <em>Joachim Hirsch</em> und <em>John Kannankulam</em>, die Argumente der sogenannten „Staatsableitungsdebatte“ der 1970er Jahre, zur F&#252;llung staatstheoretischer L&#252;cken in die IP&#214; zu integrieren.<br />
Zwei Autoren widmen sich den ontologischen und epistemologischen Grundannahmen, also den Fragen, wie die Welt, mit der sich die IP&#214; besch&#228;ftigt, beschaffen ist, und welche Art von (wissenschaftlichen) Aussagen wir &#252;ber diese treffen k&#246;nnen. <em>Joscha Wullweber</em> beantwortet diese Fragen aus einer diskurstheoretischen, den „post-marxistischen“ Thesen von Erneso Laclau und Chantal Mouffe folgenden Perspektive, w&#228;hrend Bob Jessop ein kritisch-realistisches Weltverst&#228;ndnis stark macht, das ein nicht-positivistisches, nicht-deterministisches Verh&#228;ltnis von Kausalit&#228;t – von ihm „kontingente Notwendigkeit“ genannt – beinhaltet.<br />
Schlie&#223;lich setzen drei Beitr&#228;ge an konkreteren Fragen der kritischen Zeitdiagnose an. <em>Bernd R&#246;ttger</em> analysiert die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung entlang historisch unterschiedlicher Formen des Klassenkampfs. <em>Ulrich Brand</em> schl&#228;gt vor, die Bedeutungszunahme internationaler politischer Institutionen in der neoliberal-imperialen Globalisierung mit den Konzepten des „internationalisierten Staates“ und der „Verdichtung zweiter Ordnung“ theoretisch auf den Begriff zu bringen. Und <em>Eva Hartmann</em> bearbeitet das in IP&#214;-Debatten oft vernachl&#228;ssigte Feld des Rechts und zeigt, dass ein „instrumentelles“ Verst&#228;ndnis, nach dem Recht „einfach ein weiteres Instrument der M&#228;chtigen“ ist (250), die spezifischen Funktionen und Effekte der „Rechtsform“ in der Internationalisierung von Politik und &#214;konomie nicht angemessen begreifen kann.<br />
Die vielf&#228;ltigen theoretischen Kontroversen, die sich durch all diese Beitr&#228;ge ziehen, bilden beispielhaft den <em>State of the Art</em> der aktuellen IP&#214;-Diskussion im deutschsprachigen Raum ab. Auf sie im Einzelnen einzugehen l&#228;sst der Raum einer Rezension nicht zu. Es sollen aber zwei Themen aus dem Band herausgegriffen werden, welche die politische Bedeutung der kritischen IP&#214; deutlich und die Relevanz dieses Forschungsgebiets auch f&#252;r die nicht-akademische Linke nachvollziehbar macht. So muss man den theoretischen &#220;berlegungen von Joachim Hirsch und John Kannankulam zur „politischen Form des Kapitalismus“ nicht vollinhaltlich folgen, um die von den Autoren im Anschluss daran formulierte Frage nach der Stabilit&#228;t des gegenw&#228;rtigen politischen Institutionensystems f&#252;r hoch aktuell zu halten. Sie argumentieren, dass die aktuelle Dynamik der Internationalisierung des Staates – womit die (Selbst-)Beschr&#228;nkung nationalstaatlicher Gestaltungsr&#228;ume, die Privatisierung von politischen Entscheidungsstrukturen, die wachsende Bedeutung internationaler Organisationen, die Internationalisierung des Rechts sowie die Konstituierung einer „internationalen Managerklasse“ gemeint ist (198-201) – dazu f&#252;hrt, dass die kapitalistische Gesellschaft „insgesamt instabiler und krisenhafter“ wird. Die Machtaus&#252;bung <em>qua </em>Hegemonie – also durch die kompromisshafte Einbeziehung weiter Teile der ArbeiterInnenklasse – weicht, so die These, zunehmend autorit&#228;ren, gewaltf&#246;rmigen, ent-demokratisierten und des-integrierenden Formen poltischen Herrschaft (205f.).<br />
Als zweites hervorzuheben ist der Beitrag von Bernd R&#246;ttger, der auf beispielhafte Weise einl&#246;st, was die kritische IP&#214; verspricht: Die Verkn&#252;pfung von theoretischer Analyse, empirischer Untersuchung <em>und </em>der Entwicklung politischer Schlussfolgerungen f&#252;r eine antikapitalistische Linke. Nachdem er mit Karl Marx und Antonio Gramsci das grunds&#228;tzliche Spannungsverh&#228;ltnis gewerkschaftlicher Klassenk&#228;mpfe als „widerst&#228;ndiges Handeln der subalternen Arbeiterklassen im Kampf <em>im </em>und <em>gegen </em>das Lohnverh&#228;ltnis“ (95f.) charakterisiert, zeichnet er am bundesdeutschen Beispiel die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung nach. Von deren Einbindung in den fordistischen Korporatismus, in dem sie sich auf den Kampf <em>im </em>Lohnverh&#228;ltnis beschr&#228;nkte, &#252;ber ihre „Neokonditionierung“ durch die neoliberale Konterrevolution, durch die GewerkschafterInnen zu „Spezialisten f&#252;r sozialvertr&#228;glichen Besch&#228;ftigungsabbau“ umgelernt wurden (106, Fn.), bis zu den aktuellen, zaghaften Versuchen gewerkschaftlicher Erneuerung. Diese Entwicklungen werden mit den Br&#252;chen in der Politischen &#214;konomie im Weltma&#223;stab verkn&#252;pft. Der Beitrag profitiert von der langj&#228;hrigen empirischen Forschungsarbeit in Betrieben und Gewerkschaften ebenso wie vom explizit gemachten politischen Standpunkt des Autors. Plausibel ist seine begr&#252;ndete Einsch&#228;tzung, dass nur eine gewerkschaftliche „Erneuerung von unten“ (114) den aktuellen Tendenzen, Gewerkschaften unter Bedingungen der Krise wieder verst&#228;rkt als „‚Erf&#252;llungsgehilfen’ f&#252;r den Bestand der kapitalistischen Eigentumsordnung“ (118) in die Pflicht zu nehmen, wirksam etwas entgegen setzen kann. R&#246;ttgers Pl&#228;doyer f&#252;r eine kritische IP&#214;, die es als ihre Aufgabe versteht „dem verstreuten Widerstand gegen eine kapitalistische Restauration in der Krise eine Sprache zu geben“ und die „kein akademisierter Marxismus“, sondern eine „an der geschichtlichen Praxis der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung orientierte Kritik, die die Widerst&#228;ndigkeit der lebendigen Arbeit ernst nimmt“ (119) sein sollte, kann der Rezensent nur vorbehaltlos zustimmen. M&#246;ge sein Apell im Fortlauf der weiteren Debatte zur Internationalen Politischen &#214;konomie, zu deren Entwicklung der vorliegende Sammelband einen wichtigen Beitrag darstellt, nicht ungeh&#246;rt verklingen.</p>
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		<title>Catastrofuck!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.

Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.<br />
<span id="more-1537"></span><br />
Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig machen und ihnen so jegliches Interesse daran verg&#228;llen k&#246;nnte – und setzt so stillschweigend Parteipolitik mit jeglicher Form von Politik gleich. Alastair Campbell ist auch nicht besonders davon &#252;berzeugt, dass in diesem Film die Geschehnisse rund um das Kabinett Tony Blairs, die schlussendlich zum Irak-Krieg f&#252;hrten, besonders treffend oder auch nur ansatzweise realistisch wiedergegeben wurden.<br />
Das alles ist nur wenig verwunderlich, schlie&#223;lich war Alistair Campbell eine zentrale Figur von New Labour in der &#196;ra Blair gewesen – zuerst als dessen Wahlkampfmanager, dann als Pressesprecher und quasi inoffizieller Vizekanzler.  Als solcher war er auch in eines der gr&#246;&#223;eren Politikdesaster der letzten Jahre verwickelt, spielte er doch eine zentrale Rolle bei der Verfassung des September Dossier der britischen Regierung &#252;ber Iraks Potential zur Herstellung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen – Campbell lie&#223; den Bericht auf Linie mit den USA trimmen und Zweifel an der Existenz dieser Waffen aus dem Bericht verschwinden. Das Dossier war so einerseits einer der Ecksteine der argumentativen Aufbereitung des bevorstehenden Irakkrieges und f&#252;hrte andererseits zu einem der gr&#246;&#223;ten Polit-Skandale der britischen Nachkriegsgeschichte: David Kelly war Experte f&#252;r Biowaffen, der Informationen &#252;ber die Ver&#228;nderungen des Berichts geliefert hatte und schlussendlich aufgrund massiven Drucks durch die Blair-Regierung als BBC-Informant genannt wurde. Zwei Tage nachdem er vor dem britischen Parlament dazu vernommen worden war, wurde er mit offenen Pulsadern in einem Waldst&#252;ck aufgefunden.<br />
Armando Ianuccis Satire In the Loop endet jedoch mit der Ver&#228;nderung des Berichts und dessen Pr&#228;sentation bei einer UN-Konferenz, auf der weitere Ma&#223;nahmen gegen einen ungenannten Staat im Nahen Osten beschlossen werden sollen. Das Setting f&#252;r diesen Film &#252;bernimmt Ianucci, umtriebiger Satiriker und Drehbuchautor in der britischen Medienlandschaft, weitgehend von der BBC-Satire-Serie The Thick of it, die um einen unf&#228;higen Kabinettsminister sowie einen zynischen Pressesprecher und Sekret&#228;r des Ministerpr&#228;sidenten kreist. In the Loop als Spin-Off von The Thick of it greift diese Konstellation auf: Malcolm Tucker, ein Berserker von einem Pressesprecher, der in seinen furiosen Fluchorgien selbst einen Fuhrknecht besch&#228;men k&#246;nnte (Alastair Campbell stand f&#252;r ihn Modell) muss sich st&#228;ndig mit den verbalen Fauxpas des „Minister of International Development“, Simon Foster herumschlagen.<br />
So beginnt das Chaos denn auch, als Foster zum Abschluss eines Interviews auf die Frage, ob denn ein Krieg im Nahen Osten bevorstehen w&#252;rde, diesen mehr versehent- als willentlich als „unforeseeable“ deklariert. Beim Versuch, sich von diesem Statement wieder zu distanzieren und seine absolute Meinungslosigkeit zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen, entschl&#252;pft Foster dieses sprachliche Kleinod: „Look, all sorts of things that actually are very likely, are also unforseeable. For the plane in the fog, the mountain is unforeseeable, but it is then suddenly very real and inevitable. The mountain in the metaphor is a completely hypothetical mountain that could represent anything. […] To walk the road of peace, sometimes we need to be ready to climb the mountain of conflict.&#8221;<br />
Aufgrund seiner flexiblen Meinung wird er nun zum Spielball zweier amerikanischer Regierungsbeamten: Linton Barwick,  US Assistant Secretary for Policy, der den Krieg vorbereitet und Karen Clarke, US Assistant Secretary for Diplomacy, die diesen verhindern will. Zum Verh&#228;ngnis wird ihm allerdings nicht nur seine Inkompetenz, die Parteilinie in Interviews wiederzugeben, sondern auch die losen Steine seiner Gartenmauer, die immer weiter Richtung Nachbarsgarten abrutscht und in den Medien allm&#228;hlich zum Gespr&#228;chsthema Nummer eins avanciert. Und fehlt einmal der erste Stein in der Mauer ist der Durchbruch – oder in diesem Fall das Desaster –  nahe, sodass sogar noch der eigene R&#252;cktritt zur Katastrophe ger&#228;t.<br />
<em>In the loop</em> ist eine unheimlich rasante Satire voller gro&#223;artiger Einzeiler und <em>inventive swearing</em> („Catastrofuck!“). F&#252;r Tempo sorgen dabei einerseits die staccatoartigen Dialoge und zahlreichen Settings, wie auch die sehr umtriebige Kameraf&#252;hrung, die das Agieren der ProtagonistInnen weniger glamour&#246;s, sondern eher dokumentarisch portraitiert. Was vielleicht so besonders gef&#228;llt an <em>In the Loop</em> ist die Diskrepanz in der Sprachverwendung der MeinungsprofessionalistInnen in dieser Satire: einerseits derb und schmutzig, aber auch eindeutig, wenn inoffiziell, dagegen weichgesp&#252;lt, inhaltsleer und manipulativ nach au&#223;en. Iannuccis Satire funktioniert sogar so gut, dass man sich manchmal w&#252;nscht, sie w&#228;re etwas weiter von der ihr zugrunde liegenden Realit&#228;t entfernt, um befreiter lachen zu k&#246;nnen. Denn jede gute Satire ist immer auch schmerzhaft, wenn sie den Aberwitz der Realit&#228;t im Spiegel des Humors zeigt, so auch<em> In the Loop.</em> </p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:08:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[
Die gr&#246;&#223;te und dynamischste soziale Bewegung in &#214;sterreich seit zumindest einem Jahrzehnt hat eine un&#252;berschaubare Menge an Analysen, Berichten, Kommentaren und Beitr&#228;gen zur Bildungspolitik produziert. Hervorheben wollen wir hier drei besonders gelungene Publikationen: Das 16 Seiten starke Special Protest-Wissenschaft der Wiener Monatszeitschrift Malmoe, die erste Ausgabe von andiamo!, der Mobilisierungszeitung zum Bologna-Gipfel im M&#228;rz 2010, und die Textsammlung Jenseits von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1539"></span><br />
Die gr&#246;&#223;te und dynamischste soziale Bewegung in &#214;sterreich seit zumindest einem Jahrzehnt hat eine un&#252;berschaubare Menge an Analysen, Berichten, Kommentaren und Beitr&#228;gen zur Bildungspolitik produziert. Hervorheben wollen wir hier drei besonders gelungene Publikationen: Das 16 Seiten starke Special <em>Protest-Wissenschaft</em> der Wiener Monatszeitschrift <em>Malmoe</em>, die erste Ausgabe von <em>andiamo!</em>, der Mobilisierungszeitung zum Bologna-Gipfel im M&#228;rz 2010, und die Textsammlung <em>Jenseits von Humboldt</em>. In allen drei F&#228;llen schreiben AktivistInnen der unibrennt-Bewegung und ihr solidarisch Verbundene. Im <em>Jenseits von Humboldt-Reader</em> werden radikale Alternativen zum vorherrschenden  Wissenschaftsbetrieb aus der Perspektive einer „solidarischen &#214;konomie des Wissens“ diskutiert. <em>andiamo!</em> #1 widmet sich Bildungsprotesten in &#214;sterreich und international aus aktivistischer Perspektive. Und <em>Malmoe </em>vereint Analysen der Bewegung, die noch in deren Hochphase entwickelt wurden, mit strategischen Vorschl&#228;gen und grundlegender Kritik an der Bildungspraxis der neoliberalisierten Hochschulen. </p>
<p>Auch wir PerspektivistInnen waren publizistisch nicht unt&#228;tig: Mario Becksteiner hat zu Streikperspektiven an Universit&#228;ten (im erw&#228;hnten <em>Malmoe-Special</em>) geschrieben und Thesen zu sich ver&#228;ndernden Subjektivierungsformen in den Uni-Protesten formuliert (in der Gewerkschaftszeitschrift <em>Arbeit &#038; Wirtschaft</em>). <em>Benjamin Opratko</em> hat Entstehung, Zusammensetzung und Perspektiven der Bewegung in <em>analyse + kritik</em> sowie in <em>lunapark21 </em>diskutiert. Und schlie&#223;lich haben wir als Gruppe Perspektiven eine Kritik an der reaktion&#228;ren<br />
und verleumderischen Haltung der <em>unique </em>– der Zeitung der &#214;sterreichischen Hoch&#252;lerInnenschaft an der Uni Wien – zu den Uni-Protesten formuliert, die auf unserer Homepage nachzulesen ist.</p>
<p>Das Jahr 2010 begann jedoch gleichzeitig auch auf &#228;hnlich tragische Weise, wie 2009 geendet hat. In der letzten <em>Perspektiven</em>-Ausgabe haben wir noch auf die Interviews mit Giovanni Arrighi und Peter Gowan verwiesen, die jene kurz vor ihrem Ableben der Zeitschrift <em>New Left Review</em> gaben. Seither sind gleich mehrere prominente Theoretiker und Aktivisten verstorben, deren scharfsinnige Analysen und entschlossene politischen Interventionen der radikalen Linken abgehen werden. Zuletzt traf es den franz&#246;sischen Philosophen, langj&#228;hrigen Aktivisten der LCR (Ligue Communiste Révolutionnaire) und Mitbegr&#252;nder der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA), <em>Daniel Bensaïd</em>, der im Januar 2010 nach langer Krankheit an Aids starb. Zwar sind die meisten seiner Publikation weiterhin nur auf  franz&#246;sisch verf&#252;gbar, eine Auswahl an Artikeln in englischer &#220;bersetzung findet sich aber im <em>Marxists Internet Archive</em>. Eine echte Empfehlung: <em>Leaps, Leaps, Leaps!</em>, ein 2002 erschienener Aufsatz, in dem Bensaïd sich auf originelle und erfrischend undogmatische Weise mit der politischen Theorie und Praxis Lenins besch&#228;ftigt, um Argumente f&#252;r eine<br />
revolution&#228;re Strategie und Politik im 21. Jahrhundert zu entwickeln. </p>
<p><em>Chris Harman</em>, dessen letztes Buch, <em>Zombie Capitalism</em>, von Philipp Probst in dieser Ausgabe von Perspektiven besprochen wird, war bis zu seinem pl&#246;tzlichen Tod im November 2009 Herausgeber des <em>International Socialism Journal</em>. Dessen aktuelle Ausgabe widmet ihm einen Heftschwerpunkt, in dem nicht nur Erinnerungen an den langj&#228;hrigen Genossen versammelt werden, sondern auch Beitr&#228;ge zur Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise von <em>Guglielmo Carchedi</em> und Harman selbst.</p>
<p>Die Krise war in den letzten Jahren auch f&#252;r <em>J&#246;rg Huffschmid</em>, der im Dezember 2009 verstorben ist, zentraler Untersuchungsgegenstand. Er war &#252;ber Jahrzehnte der profilierteste marxistische &#214;konom im deutschsprachigen Raum und pr&#228;gte den Begriff des „Finanzmarktkapitalismus“ f&#252;r jene Entwicklungsweise der Marktwirtschaft,<br />
die gerade so eindrucksvoll gegen die Wand gefahren ist. Dass sowohl die marktschreierische Verk&#252;ndung eines raschen Wiederaufschwungs, als auch apokalyptische Endzeiterwartungen von Teilen der ver&#246;ffentlichten Meinung wenig wahrscheinliche Szenarien sind, hat Huffschmid in einem zweiteiligen Artikel f&#252;r die Tageszeitung <em>Junge Welt</em> erkl&#228;rt.</p>
<p>Wie die Krise das politische Terrain f&#252;r gewerkschaftliche K&#228;mpfe aktuell pr&#228;gt, haben <em>Mario Becksteiner, Tobias Boos</em> und <em>Ako Pire</em> in <em>Perspektiven</em> Nr. 8 am Beispiel &#214;sterreichs analysiert. Als weiterf&#252;hrende  Lekt&#252;re bietet sich hier die j&#252;ngste Ausgabe von <em>Das Argument</em> an. Darin beleuchten <em>Bernd R&#246;ttger</em> und <em>Mario Candeias</em> die bisherigen Versuche deutscher Gewerkschaften, ihren Machtverlust durch eine neue k&#228;mpferischere Gewerkschaftspraxis entgegenzuwirken. Im Angesicht der Krise drohe jedoch eine Reintegration der Gewerkschaften in ein restauratives Krisenregime. Spannend ist auch der Artikel von <em>Rainer Berger</em> und <em>Malte Meyer</em>, der das oft gehypte Konzept des „Organizing“ in den US-Gewerkschaften kritisch diskutiert. Sie zeigen, dass letztere durch Organizing-Strategien keineswegs einen linearen Zuwachs an Durchsetzungsmacht verzeichnen, sondern insbesondere unter Obama und angesichts der Auswirkungen der Krise vor vielen ungel&#246;sten strategischen und organisatorischen Problemen stehen. </p>
<p>Seit <em>Perspektiven </em>Nr. 3 (Pun Ngai zum „Schlafsaalkapitalismus in Shenzhen“)<br />
besch&#228;ftigen wir uns mit den Entwicklungen der Klassenk&#228;mpfe in China. Daran anschlie&#223;end m&#246;chten wir die erste Ausgabe des im Netz frei zug&#228;nglichen <em>Global Labour Journal</em> empfehlen, in der sich eine interessante Sammlung von Texten findet, die sich der Analyse neoliberaler Globalisierungsprozesse sowie der Organisierung und den K&#228;mpfe von ArbeiterInnen in China und Indien widmen.</p>
<p>Dann wollen wir eure Aufmerksamkeit noch auf zwei Artikel zur Protestbewegung im Iran lenken, die <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 analysiert hat. <em>Zib Mir-Hosseini</em> beschreibt im <em>Middle East Report Online</em>, wie die „gr&#252;ne Bewegung“ Geschlechterstereotype und sexuelle Tabus in Frage stellt und die „Kultur der Ehre“ br&#252;chig macht. Und <em>Jasmin Ramsey</em> widmet sich jenen poltischen Kr&#228;ften, die noch vor kurzem f&#252;r eine Milit&#228;rintervention und Sanktionen gegen den Iran argumentierten und sich nun als besonders entschlossene Unterst&#252;tzerInnen der iranischen Widerstandsbewegung darstellen. Der auf dem <em>Pulse</em>-Blog erschienene Beitrag schlie&#223;t unmissverst&#228;ndlich: „The new-found affinity the Right has found for the Iranian protestors is neither genuine nor worthy of praise and should be pointed out as such especially when they combine it with calls to war on the same people they claim their readers should now support.“ Zwar last sich im deutschsprachigen Raum diese sonderbare Kombination aus Bellizismus und Solidarit&#228;t mit den potentiellen Zielen westlicher Bombenteppiche eher bei AkteurInnen der selbsternannten Linken – etwa bei den AktivistInnen der kurios betitelten Kampagne „Stop the Bomb“ – finden. <em>Ramseys </em>Argumente sind aber auch in diesem Zusammenhang hilfreich.</p>
<p>Und schlie&#223;lich: wer Zeit und Geld hat, um sich drei oder vier Jahre in eine Bergh&#252;tte mit W-Lan zur&#252;ck zu ziehen, um die wichtigsten politischen und theoretischen Debatten der westdeutschen Linken von Anfang der 1970er Jahre bis heute nachzulesen, kann das mit Hilfe des soeben online gegangenen Volltext-Archivs der <em>Prokla </em>tun. Deren neue, schicke Homepage bietet mit Ausnahme der jeweils drei letzten Jahrg&#228;nge alle Ausgaben seit 1971 (als der Titel noch f&#252;r <em>Probleme des Klassenkampfs</em> stand) als pdf-Files zum Download. Wem die EinsiedlerInnenoption nicht zusagt, kann sich per Volltextsuche durch die eigenen Interessengebiete klicken oder die „Brennpunkte“, heft&#252;bergreifende Zusammenstellungen von Artikeln zu aktuellen Themen wie Krise, Naturverh&#228;ltnisse oder Stadtforschung durchst&#246;bern. Da k&#246;nnen einige Sch&#228;tze gehoben werden – zum Beispiel<em> Anwar Shaiks</em> Artikel zu marxistischen Krisentheorien aus dem Jahre 1978, der allerhand R&#252;stzeug f&#252;r die polit-&#246;konomischen Debatten im Krisenjahr 2010 bietet.</p>
<p>Zum Nachlesen:<br />
Schwerpunkt Protest-Wissenschaft, Malmoe Nr. 48, Dezember 2009, S. 17-32.</p>
<p>andiamo! #1, Dezember 2009, erh&#228;ltlich &#252;berall wo AktivistInnen sind, und unter http://bildungsstreik.at/andiamo/andiamo1.pdf</p>
<p>Plattform Massenuni (Hg.): Jenseits von Humboldt. Von der Kritik der Universit&#228;t zur globalen Solidarischen &#214;konomie des Wissens. Workshop, Dokumentation &#038; theoretische Hintergr&#252;nde – eine Textsammlung, erh&#228;ltlich &#252;ber massenuni@gmx.at.</p>
<p>Becksteiner. Mario: Streikperspektiven an den Universit&#228;ten. Erste Schritte f&#252;r einen Plan, in: Malmoe Nr. 48, Dezember 2009, S. 23. </p>
<p>Ders.: Es brodelt in der Uni. Thesen eines besetzenden Lehrenden zu den aktuellen<br />
Protesten an den &#246;sterreichischen Universit&#228;ten, in: Arbeit &#038; Wirtschaft, S. 35-35.</p>
<p>Opratko, Benjamin begin_of_the_skype_highlighting     end_of_the_skype_highlighting: Hurra, hurra, die Uni brennt!, in: analyse + kritik Nr. 544, S. 19.</p>
<p>Ders.: Bologna im Wiener Audimax. Bildungsproteste in &#214;sterreich werden zum Fl&#228;chenbrand, in: lunapark 21 Nr. 8, Winter 2009/2010, S. 20-21.</p>
<p>Gruppe Perspektiven: Anti-unique. Zur Verleumdung der unibrennt-Bewegung durch die Zeitung der &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft Wien, http://www.perspektiven-online.at/?p=636</p>
<p>Daniel Bensaïd Archive, http://marxists.org/archive/bensaid/index.htm.</p>
<p>Bensaïd, Daniel: Leaps! Leaps! Leaps!, in: International Socialism Journal Nr. 95, Summer 2002, S. 73-86, http://pubs.socialistreviewindex.org.uk/isj95/bensaid.htm.</p>
<p>Birchall, Ian: Chris Harman: a life in the struggle; Choonara, Joseph: Another side of Chris Harman; Harman, Chris: Not all Marxism is dogmatism: a reply to Michael Husson; Durgan, Andy: A whiff of tear gas; </p>
<p>Carchedi, Guglielmo: Zombie Capitalism and the origin of crises, in: International Socialism Journal Nr. 125, Winter 2010, http://isj.org.uk/index.php4?s=contents&#038;issue=125</p>
<p>Huffschmid, J&#246;rg: Neue Quellen des Profits. Nach der Krise: Das Ende des Finanzmarktkapitalismus? Teil I: Die Akteure auf den internationalen Kapitalm&#228;rkten und ihre bisherigen Hauptstrategien, in: Junge Welt, 19. Mai 2009, http://www.axel-troost.de/serveDocument.php?id=1118&#038;file=6/6/1159.pdf</p>
<p>Ders.: Keine Wende in Sicht. Nach der Krise: Das Ende des Finanzmarktkapitalismus? Teil II: Der Charakter des gegenw&#228;rtigen Abschwungs und seine politischen Dimensionen, in: Junge Welt, 22. Mai 2009, http://www.axel-troost.de/serveDocument.php?id=1117&#038;file=6/0/b17.pdf</p>
<p>Candeias, Mario/R&#246;ttger, Bernd: Ausgebremste Erneuerung? Gewerkschaftspolitische<br />
Perspektiven; Berger, Rainer/Meyer, Malte: US-Gewerkschaften im Jahr ein nach Lehman: From bad to worse?, in: Das Argument Nr. 284, 894-904 und 916-925.</p>
<p>Global Labour Journal, Special Issue on Globalization(s) and Labour in China and India, Vol. 1, No. 1, 2010, http://digitalcommons.mcmaster.ca/globallabour/Mir-Hosseini, Ziba: Broken Taboos in Post-Election Iran, in: Middle East Report Online, 17. Dezember 2009, http://www.merip.org/mero/mero121709.html</p>
<p>Ramsey, Jasmin: On the Right’s Newfound Affinity for the „Iranian People“, http://pulsemedia.org/2009/12/28/onthe-rights-new-found-affinity-for-theiranian-people/<br />
Prokla-Online-Archiv: http://www.prokla.de/jahrgange/</p>
<p>Shaikh, Anwar: Eine Einf&#252;hrung in die Geschichte der Krisentheorien, in: Prokla Nr. 30, 1978, S. 3-42.</p>
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