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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 1</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:40:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Nach unserer erfolgreichen „Nullnummer“ gibt es jetzt endlich die offizielle <em>Perspektiven</em><span> Nr. 1. Diesmal widmen wir unseren Schwerpunkt einem ebenso nahe liegenden wie herausfordernden Thema: Perspektiven gegen die Neoliberalisierung &#214;sterreichs.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach unserer erfolgreichen „Nullnummer“ gibt es jetzt endlich die offizielle <em>Perspektiven</em><span> Nr. 1. Diesmal widmen wir unseren Schwerpunkt einem ebenso nahe liegenden wie herausfordernden Thema: Perspektiven gegen die Neoliberalisierung &#214;sterreichs.<br />
<span id="more-83"></span><br />
Ein hitziger Wahlkampf liegt hinter uns. Durch die Abwahl der Regierungsparteien wurde deutlich, dass die Menschen eine andere Politik wollen. Doch so erfreulich der Wahlsieg der SP&#214; auch ist, symbolisiert er doch keine echte Aufbruchstimmung. Die Menschen bleiben skeptisch, die Hoffnungen ged&#228;mpft. Und das aus gutem Grund. Erstens scheinen die wirtschaftlichen und ideologischen Ver&#228;nderungen der letzten sechs Jahre unter Schwarz-Blau-Orange nur schwer revidierbar. Sachzwanglogik und Standortkonkurrenz sind zum politischen Mainstream geworden. Einleitend analysiert dazu <em>Mario Becksteiner</em> die Entwicklung der <em>Neoliberalisierung &#214;sterreichs</em></span><span>. (S. 4) Zweitens agiert auch die offizielle Vertretung der ArbeitnehmerInnen &#228;u&#223;erst zaghaft. Sie sind gefangen in der Sozialpartnerschaft, und das seit der Gr&#252;ndung des &#214;GB 1945, erkl&#228;rt <em>Karin H&#228;dicke</em>. (S. 8)<o></o></span>
</p>
<p class="Fliesstext"><span>Die „no-alternative“ Haltung zu den aktuellen politischen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnissen versucht <em>Stefan Probst</em> in </span><em>Es geht auch anders</em><span> zu durchbrechen. Er zeigt konkrete politische Alternativen f&#252;r eine notwendige Offensive der sozialen Bewegungen. (S. 14)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span><o> </o></span></p>
<p>Unser zweiter Schwerpunkt besch&#228;ftigt sich mit dem weltpolitischen Brennpunkt Naher und Mittlerer Osten. Ausgehend von den Attacken auf den Libanon analysiert <em>Benjamin Opratko</em> die Strategien des israelischen Staates im Krieg an mehreren Fronten. (S. 20) <em>Behrouz Rahimi</em> zeichnet in <em>Der andere Iran</em><span> ein Bild der Islamischen Republik jenseits der Schreckensbilder von Atomkonflikt und Mullah-Diktatur und stellt jene sozialen Bewegungen ins Zentrum, die eine echte Chance auf Demokratie und Gerechtigkeit im Iran darstellen. (S. 26)<o></o></span></p>
<p>Da Fortschritte linker Bewegungen weltweit in den b&#252;rgerlichen Medien nur allzu gerne unter den Teppich gekehrt werden, starten wir in dieser Ausgabe unsere neue Serie <em>Was macht die Linke in…</em><span>, diesmal mit einem Bericht von <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em> &#252;ber das Entstehen einer neuen Linkspartei in Brasilien, die bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Oktober beachtliche Erfolge verzeichnen konnte. (S. 33)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Zum Anlass des 50. Jahrestages feiern wir unser Jubil&#228;um der Revolution in Ungarn. <em>Maria Asenbaum</em> zeigt, dass die Aufst&#228;nde im Herbst 1956 nicht die Restaurierung des Kapitalismus zum Ziel hatten, sondern in der Tradition des Sozialismus von unten stehen. (S. 42)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Unser Kulturartikel besch&#228;ftigt sich diesmal mit den historischen Wurzeln und den aktuellen Tendenzen im Reggae. (S. 36)<o></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Spannende politische Literatur, von der iranischen Weblogszene bis Leo Trotzkis Leben und Werk, stellen wir euch im Rezensionsteil vor.</span></p>
<p>Eure <em>Perspektiven</em>-Redaktion<o></o></p>
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		<title>Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.<br />
<span id="more-84"></span><br />
Der marktkonforme Umbau von Wirtschaft und Staat ist nat&#252;rlich kein auf &#214;sterreich beschr&#228;nktes Ph&#228;nomen, sondern kann nur im Zusammenhang der wirtschaftlichen Umw&#228;lzungen im Europa der letzten 30 Jahre verstanden werden. Die neoliberale Wende hat ihren Ausgangspunkt in der Stagnationskrise des kapitalistischen Systems seit Anfang der 70er Jahre. W&#228;hrend in den USA und in Gro&#223;britannien schon sehr fr&#252;h mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung begonnen wurde, setzte sich in Kontinentaleuropa die Ideologie des Neoliberalismus langsamer durch. Institutionell abgesicherte Sozialpartnerschaftsmodelle erwiesen sich als „tr&#228;ge“ gegen&#252;ber den Versuchen, neoliberale Reformen durchzuboxen. Die VerfechterInnen einer neoliberalen Politik mussten nach anderen Wegen suchen, wie sie diese umsetzen konnten. Der europ&#228;ische Einigungsprozess setzte daf&#252;r den geeigneten Rahmen. <o></o></p>
<h3>Die EU als Rammbock</h3>
<p>Auf der einen Seite war das Projekt EG und sp&#228;ter EU immer nach den Bed&#252;rfnissen der Wirtschaft ausgerichtet. Die Kapitalfraktionen, die am vehementesten f&#252;r eine europ&#228;ische Einigung pl&#228;dierten, versprachen sich von einem neoliberal umgestalteten Wirtschaftsblock einen Ausweg aus der Stagnationskrise und eine St&#228;rkung ihrer Position im internationalen Wettbewerb. Des Weiteren war die europ&#228;ische Ebene der Politik von jeher von einem starken Demokratiedefizit gepr&#228;gt. Die Europ&#228;ische Kommission unterliegt beinahe keiner demokratischen Kontrolle durch das Volk. Sie wurde so zur idealen Adressatin, um neoliberale Umstrukturierungsprojekte, vorbei an z&#228;hen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, einzuleiten. <o></o><br />
Au&#223;erdem war das einhellige Bekenntnis aller gro&#223;en politischen Parteien zu Europa der Angelpunkt f&#252;r eine ideologisch Offensive. Der Glanz, den die Idee eines vereinigten Europas ausstrahlte, verdeckte f&#252;r eine lange Zeit, was hinter den Kulissen geschah. Die Europ&#228;ische Union entwickelte sich immer mehr zu einem Rammbock, mit dessen Hilfe neoliberale Konzepte durchgesetzt wurden. Dies erfolgte allerdings nicht nur von Au&#223;en. Auch innerhalb der einzelnen Nationalstaaten formierten sich gesellschaftliche Bl&#246;cke, die sich dem Neoliberalismus verschrieben. Die politischen Konstellationen, die sich hier ergaben, waren in den L&#228;ndern h&#246;chst unterschiedlich, doch fast alle gro&#223;en Parteien waren bald auf Pro-EU-Kurs und trugen die neoliberalen Implikationen der EU Politik mit oder f&#246;rderten diese aktiv.</p>
<p>&#214;sterreich war daf&#252;r ein leuchtendes Beispiel. SP&#214; und &#214;VP f&#252;hrten im Verbund mit den Sozialpartnern eine Allianz an, die eine regelrechte Propagandawelle lostrat. Durch eine Mischung aus Katastrophenszenarien bei einem Nichtbeitritt und dem Versprechen gro&#223;er materieller Gewinne f&#252;r die Bev&#246;lkerung bei einem Beitritt, erhielt diese Allianz bei der Volksabstimmung 1994 breite Unterst&#252;tzung. <o></o></p>
<h3>Die rechtskonservative Wende</h3>
<p>Die durch den EU-Beitritt ver&#228;nderten Rahmenbedingungen erh&#246;hten den Druck die bereits in den 80ern begonnen Umstrukturierungen harsch durchzusetzen. Das Wort Reform wurde zu einer Floskel f&#252;r weiteren Sozialabbau, f&#252;r Sparpakete und Privatisierung. Als Regierungspartei trug die SP&#214; diesen Reformkurs mit, unter dem in erster Linie ArbeitnehmerInnen zu leiden hatten. An der Basis verloren sie damit zusehends an Vertrauen. Bei der Nationalratswahl 1999 zeigte sich, dass viele der ArbeiterInnen dieser Partei nicht mehr zutrauten, der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen etwas entgegenzusetzen. Entt&#228;uscht wandten sie sich ab und wechselten ins Lager der FP&#214;. <o></o><br />
Die &#214;VP ergriff die Chance und ging als drittst&#228;rkste Kraft daran, eine rechte Koalition zu schmieden. Die SP&#214;, die unter dem Druck der Forderungen ihrer Stammw&#228;hlerInnenschaft stand, war f&#252;r die Partei des Gro&#223;kapitals immer mehr zu einem Klotz am Bein geworden. Die neue Regierung, gekennzeichnet durch die explosive Kombination von konservativer Gesellschaftspolitik, einer an neoliberalen Leitbildern ausgerichteten Wirtschaftspolitik und extrem rechter Migrationspolitik, stellte einen qualitativen Bruch in der politischen Landschaft &#214;sterreichs dar. <o></o><br />
Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs ist seither gekennzeichnet durch die Ersetzung des sozialpartnerschaftlich gepr&#228;gten Wohlfahrtsstaates durch eine am internationalen Wettbewerb orientierten staatlichen, &#246;konomischen wie ideologischen Strukturierung. Diese wird &#252;ber drei zentrale Mechanismen umgesetzt: Die Privatisierung von &#246;ffentlichen Eigentum, die Privatisierung sozialer Risiken &#252;ber Sozialabbau und Deregulierung des Arbeitsmarkts und eine Umverteilungspolitik von unten nach oben.<o></o></p>
<h3>Privat statt Staat</h3>
<p>Schon unter den Gro&#223;en Koalitionen der 90er wurden etliche Betriebe aus &#246;ffentlichem Besitz teil- oder vollprivatisiert. Die Liste beginnt bei Semperit 1985, f&#252;hrt &#252;ber Teilprivatisierungen im Energiebereich (OMV) bis hin zu Privatisierungen renommierter &#246;sterreichischer Unternehmen wie AMAG oder Mobilkom. Kennzeichnend f&#252;r die Privatisierungen in den 90iger Jahren war eine starke Beteiligung der Gewerkschaften im Ver&#228;u&#223;erungsprozess. Zum einen wurden diese dadurch eingebunden und zum anderen konnten so teilweise die schlimmsten Folgen f&#252;r die ArbeitnehmerInnen etwas gemildert werden. Dass dies bei weitem nicht immer der Fall war, zeigt zum Beispiel der Verkauf von Semperit an den deutschen Continental Konzern, der die komplette Schlie&#223;ung des &#246;sterreichischen Produktionsstandortes mit sich brachte. Diese Einbindung der Gewerkschaften bei den Privatisierungen war zum gro&#223;en Teil der politischen Konstellation geschuldet. Die SP&#214; war stark an die m&#228;chtige sozialdemokratische Gewerkschaftsfraktion gebunden. Mit dem Regierungswechsel 2000 verloren die Gewerkschaften jeglichen Einfluss auf die Gestaltung der Regierungspolitik. Nun wurden auch gewerkschaftliche Hochburgen ins Visier genommen. Gegen den Willen des &#214;GB konnten so Betriebe wie Telekom Austria, VA Tech, VOEST oder B&#246;hler Uddeholm privatisiert werden.</p>
<p>Die Privatisierungspolitik der letzten sechs Jahre macht aber nicht beim Verkauf &#246;ffentlichen Eigentums halt. Dar&#252;ber hinaus zielte die Sch&#252;ssel-Regierung auf die Privatisierung &#246;ffentlicher Dienstleistungen und sozialer Risiken ab. Damit soll die Eigenverantwortung der Einzelnen gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Absicherung aufgewertet werden. Am augenscheinlichsten geschah dies im Bereich der Altersvorsorge.<o></o></p>
<h3>Pensionsreform</h3>
<p>2003 holte die Regierung zu einem gro&#223;en Schlag gegen ein Kernkonzept des Wohlfahrtsstaates aus. Die heilige Kuh der Pensionsleistung der gesetzlichen Sozialversicherung sollte geschlachtet werden. Als Ersatz f&#252;r die umfassende staatliche Pensionsleistung wurde ein Drei-S&#228;ulen-Modell vorgestellt. W&#228;hrend eine der drei S&#228;ulen weiterhin durch die gesetzliche Sozialversicherung finanziert wird, r&#252;cken zwei weitere tragende S&#228;ulen ins Zentrum: Die individuelle und die betriebliche Vorsorge. Leistungen die &#252;ber eine minimale Grundsicherung hinausgehen m&#252;ssen in Zukunft &#252;ber den Markt zugekauft werden. Diese Strategie erf&#252;llt langj&#228;hrigen Forderungen des European Round Table of Industrialists zur Schaffung eines Risikokapitalmarktes nach US-amerikanischem Vorbild, der ma&#223;geblich von den privaten Pensionsfonds gespeist wird. Diese Privatvorsorge wird in &#214;sterreich auch noch gef&#246;rdert, n&#228;mlich in Form einer staatlichen Pr&#228;mie von 9%. Dies l&#228;uft auf eine Entsolidarisierung und eine staatlich gef&#246;rderte Privatisierung hinaus. Damit werden im Sinne der Neoliberalen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das Zur&#252;ckdr&#228;ngen der sozialen Verantwortung des Staates und die Erschlie&#223;ung einer beinahe unersch&#246;pflichen Quelle an Risikokapital, dies alles staatlich gef&#246;rdert. Die „individuelle Zukunftsplanung“ entpuppt sich als Unterwerfung breiter Bev&#246;lkerungsschichten unter das Diktat des Marktes. Die Menschen unterliegen verst&#228;rkt der Disziplinierung durch die direkte Koppelung ihres zuk&#252;nftigen Einkommens oder der Pension an die Entwicklung der Finanzm&#228;rkte (Fonds) oder der Firma (Betriebsvorsorge).</p>
<h3>Umbau des Bildungssektors</h3>
<p>Auch die Bildungspolitik &#214;sterreichs wurde von der Sch&#252;sselregierung den privatwirtschaftlichen Verwertungspr&#228;missen unterworfen. Besonders deutlich wurde das im Hochschulbereich, mit dem Universit&#228;tsgesetz 2002. Dessen Kernst&#252;ck war dabei die Entlassung der Universit&#228;ten in die Schein-Autonomie, die es den Unis direkt erm&#246;glicht ihre Binnenstrukturen den Bed&#252;rfnissen des Marktes anzupassen. Verbunden damit ist das Prinzip des „Globalbudgets“, ein Finanzierungsprinzip, das sich nach einem reinen Input-Output-Modell richtet. Au&#223;erdem wurden Entscheidungsfindungsgremien in undemokratische Managementstrukturen umgewandelt, (siehe Organisationsplan der Uni Wien). Die Universit&#228;ten wurden finanziell augehungert und von privatwirtschaftlicher Finanzierung abh&#228;ngig gemacht. Mit Studiengeb&#252;hren, Zugangsbeschr&#228;nkungen und der bevorstehenden Anpassung an die Bologna-Studienarchitektur wird Hochschulbildung insgesamt elitisiert. Ein Gro&#223;teil der Studienwilligen soll hierbei m&#246;glichst bald am Arbeitsmarkt als Humankapital zur Verf&#252;gung stehen, nur eine kleine Elite den wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne der Marktverwertbarkeit vorantreiben und auch die herrschende Ideologie des Neoliberalismus weitergeben.</p>
<h3>Deregulierung des Arbeitsmarkts</h3>
<p>Das Konzept der Privatisierung geht mit der Aush&#246;hlung von regulierten Arbeitsm&#228;rkten einher: Die Anerkennung von Gewerkschaften als ma&#223;geblichen Verhandlungspartnerinnen f&#252;r Kollektivvertr&#228;ge, der Staat als Organisator von Umverteilung und die arbeitsrechtlichen Bestimmungen werden radikal in Frage gestellt.<br />
Schon seit Mitte der 90er Jahre k&#246;nnen wir in &#214;sterreich einen Trend beobachten, der als Ausfransen der Normalarbeitsverh&#228;ltnisse und des geregelten Arbeitsmarktes bezeichnet werden kann. Schritt f&#252;r Schritt wurden in immer mehr Bereichen der Arbeitswelt so genannte atypische Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse eingef&#252;hrt. Dazu z&#228;hlen geringf&#252;gige Besch&#228;ftigung, Teilzeitarbeit, Scheinselbstst&#228;ndigkeit und Leiharbeit. Das f&#252;hrt zu einer Segmentierung des Arbeitsmarktes, die ArbeiterInnen in zwei Klassen unterteilt. Besch&#228;ftigte die in Schl&#252;sselsektoren der &#246;sterreichischen Wirtschaft arbeiten (Metallindustrie, Hochtechnologiesektoren und mittlere Verwaltungsebenen im Bereich der Finanzdienstleistungen), behalten einen relativ sicheren Status, d.h. geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse, gewerkschaftliche Vertretung, Kollektivvertr&#228;ge usf. Der Rest wird in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abgedr&#228;ngt. Von UnternehmerInnenseite wird immer st&#228;rkerer Flexibilisierungsdruck ausge&#252;bt. Auch der Einstieg in die Arbeitswelt wird an privaten Aufopferungswillen, mit Aussicht auf ein fixes Dienstverh&#228;ltnis in unbestimmter Zukunft, gekoppelt. Damit versch&#228;rft sich der Trend, gesellschaftliche Problemstellungen wie Arbeitslosigkeit oder Einkommensfragen in den Bereich des Privaten abzuschieben.</p>
<p>Die Auswirkungen einer derartigen Flexibilisierung oder Privatisierung liegen auf der Hand.<br />
• Spaltung der Lohnabh&#228;ngigen in zwei Lager. Jene, die noch in besseren Arbeitsverh&#228;ltnissen stehen, sind st&#228;ndig bedroht durch Verlust ihres Arbeitsplatzes in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abzusteigen. Dieser disziplinierende Effekt wirkt sich auch negativ auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften aus und erm&#246;glicht es den UnternehmerInnen verst&#228;rkt Druck auf L&#246;hne und Sozialleistungen auszu&#252;ben.<br />
• Gleichzeitig muss sich der Rest der ArbeiterInnenklasse prek&#228;ren Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse unterwerfen. In den Augen Vieler erscheint die so geschaffene Masse an billigen Arbeitskr&#228;ften als Bedrohung.<br />
• Auch die M&#246;glichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Opposition zur neoliberalen Politik werden so eingeschr&#228;nkt. So wird die Gestaltung des Arbeitsmarktes zu einer wichtigen Bastion der Herrschaftssicherung neoliberaler Eliten in &#214;sterreich.<o></o></p>
<h3>Internationalisierungsstrategien</h3>
<p>In den Wirtschaftsberichten des Finanzministeriums und des Ministeriums f&#252;r Wirtschaft und Arbeit wird die Internationalisierung des &#246;sterreichischen Standorts gelobt. Die Segmentierung am heimischen Arbeitsmarkt und der Strategie der Expansion &#246;sterreichischen Kapitals sind eng verzahnt.<br />
Vier S&#228;ulen sind hier ausschlaggebend:<br />
1. Etablierung von Schl&#252;sselindustrien. Durch die gezielte F&#246;rderung von technologieintensiven Wirtschaftsbereichen soll die Positionierung der &#246;sterreichischen &#214;konomie gest&#228;rkt werden. Zentral hierbei ist die F&#246;rderung der Forschungs- und Entwicklungst&#228;tigkeit von Seiten der Unternehmen durch die Bundesregierung. Von insgesamt 6,24 Milliarden Euro f&#252;r Forschung und Entwicklung wurden 2006 45,8% von der privaten Wirtschaft in &#214;sterreich bereitgestellt. Dieser Trend steigt seit 2000 kontinuierlich an. Flankiert werden diese Ma&#223;nahmen durch den Umbau des &#246;sterreichischen Hochschulwesens hin zu einer verst&#228;rkten Orientierung an wirtschaftlicher Verwertbarkeit der Forschung.<br />
2. Ausbau der Humanressourcen. Der Mensch muss mit der technologischen Entwicklung mithalten. Nicht mehr die gesellschaftliche Lenkung der &#214;konomie garantiert einen Arbeitsplatz, sondern nur noch die individuelle Anpassungsf&#228;higkeit an die ver&#228;nderten Produktionsbedingungen. Der Staat kann in dieser Sichtweise nur noch ein F&#246;rderer der Humanressourcen sein, die Verantwortlichkeit f&#252;r den Arbeitsplatz liegt aber rein beim Individuum. Lebenslanges Lernen und Aneignung von Schl&#252;sselkompetenzen sind die Imperative neoliberaler Arbeitsmarktpolitik.<br />
3. Strategische F&#246;rderung von Auslandsinvestitionen. Arbeitsintensive Bereiche der &#246;sterreichischen Wirtschaft werden von der Bundesregierung in ihrem Ansinnen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, unterst&#252;tzt. Im Gegenzug sollen Auslandsdirektinvestitionen get&#228;tigt werden, die strategische Beteiligungen &#246;sterreichischen Kapitals in Hoffnungsm&#228;rkten unterst&#252;tzen.<br />
4. Head-Quater-Strategie. Durch finanzielle und infrastrukturelle Anreize wird versucht Hauptquartiere international agierender Konzerne nach &#214;sterreich zu locken. Diese sollen als Br&#252;ckenk&#246;pfe in mittel- und osteurop&#228;ische M&#228;rkte genutzt werden.</p>
<h3>Steuerpolitik</h3>
<p>Die Ausrichtung der Politik am Standortwettbewerb zeigt sich besonders deutlich in der Ausgestaltung der Steuerpolitik. Die Sch&#252;sselregierung setzte dabei auf zwei miteinander verbundene Strategien. Auf der einen Seite wurde die Steuerlast sukzessive auf Massensteuern umgew&#228;lzt. Gleichzeitig wurden Unternehmen massiv entlastet. Die Gewinne von Konzernen in &#214;sterreich stiegen zwischen 2000 und 2005 enorm. Schrieben die 33 an der Wiener B&#246;rse notierten Kapitalgesellschaften 2001 noch einen Gewinn von 1,9 Milliarden Euro, stieg dieser Wert bis 2005 auf 8,5 Milliarden Euro vor Steuern. Die Dividenden der Aktion&#228;rInnen verdoppelten sich von einer halben auf 1,1 Milliarden Euro. Dieser massive Anstieg bei den Gewinnen der Unternehmen spiegelt sich allerdings nicht in einem ad&#228;quaten Anstieg des Steueraufkommens von Unternehmensseite wider. Die Senkung der K&#246;rperschaftssteuer auf 25% (der zweitniedrigste K&#246;St-Steuersatz der 15 alten EU-Mitgliedsstaaten) kann als besonders deutliches Beispiel herangezogen werden. Die Einnahmen sanken von 3,9 im Jahr 2000 auf 3,6 Milliarden Euro im Jahr 2005. Die Lohnsteuer dagegen erh&#246;hte sich im selben Zeitraum von 14,8 auf 17 Milliarden Euro.<br />
Die unternehmerInnenfreundliche Steuerpolitik der schwarzblauorangen Regierung zeigt auch die im Rahmen der Steuerreform 2005 eingef&#252;hrte Gruppenbesteuerung – ein Liebkind der &#246;sterreichischen Industriellenvereinigung. Zweck der Gruppenbesteuerung ist es, das &#246;sterreichische Kapital f&#252;r die Internationalisierung fit zu machen. Verluste, die im Ausland gemacht wurden, k&#246;nnen nun in &#214;sterreich steuerlich abgeschrieben werden. Das bedeutet, dass Investitionsrisiken von UnternehmerInnen im Ausland auf alle SteuerzahlerInnen in &#214;sterreich abgew&#228;lzt werden k&#246;nnen.</p>
<h3>Umbau der Sozialversicherungstr&#228;ger</h3>
<p>Ein weiterer massiver Einschnitt wurde von Seiten der rechtskonservativen Regierung bei den Sozialversicherungstr&#228;gern vorgenommen. Formell standen sie immer unter der Kontrolle der BeitragszahlerInnen. Schon bald nach dem Entstehen der Sozialversicherungstr&#228;ger in der 2. Republik wurde die demokratische Kontrolle allerdings beschnitten. Mandatare wurden nicht mehr direkt gew&#228;hlt, sondern von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer in die Gremien bestellt. Diese erste Aush&#246;hlung einer demokratischen Grundstruktur war schon schlimm genug. Trotzdem behielten die Sozialversicherungstr&#228;ger in &#214;sterreich ihre Autonomie gegen&#252;ber der jeweiligen Bundesregierung.</p>
<p>Vorm Hintergrund der Aush&#246;hlung des Systems der solidarischen Beitragszahlungen setzte Sch&#252;ssel auch hier zu einem gro&#223;en Schlag an. Die f&#246;deralistisch oder berufsst&#228;ndisch organisierten Sozialversicherungen sind zusammengeschlossen in einem Dachverband, der relativ gro&#223;e sozialpolitische und organisatorische Handlungsspielr&#228;ume hatte. Die vormals weitgehende Autonomie wurde nun deutlich eingeschr&#228;nkt. Sch&#252;ssel &amp; Co mischten sich massiv in die Besetzung des Vorstandes dieses Dachverbandes ein. Hans Sallmutter, als Vertreter der ArbeitnehmerInnenseite, war das erste Opfer dieses schwarzblauen Postenschachers. Die Tragweite dieses Angriffs auf die Autonomie der Sozialversicherungstr&#228;ger wird besonders deutlich angesichts der Tatsache, dass diese rund die H&#228;lfte des<br />
&#246;sterreichischen Budgets verwalten.</p>
<h3>Koalition mit der extremen Rechten</h3>
<p>Die Politik der Sch&#252;ssel-Regierung ist integraler Bestandteil einer Strategie zur Erh&#246;hung der „Wettbewerbsf&#228;higkeit“ im europ&#228;ischen Rahmen. Eine Besonderheit der neoliberalen Offensive in &#214;sterreich war jedoch die Beteiligung rechtsextremer Parteien. Noch in den 90iger Jahren war es politischer Konsens, keine Zusammenarbeit mit einer Partei zu betreiben, die Ausl&#228;nderfeindlichkeit sch&#252;rt und ein mehr als gest&#246;rtes Verh&#228;ltnis zur NS-Zeit hat. Diese Isolationspolitik gegen&#252;ber der Rechten wurde von Sch&#252;ssel aufgebrochen.<br />
Viele &#246;sterreichische KommentatorInnen lobten Sch&#252;ssel f&#252;r sein mutiges Vorgehen. F&#252;r sie war es der erste Schritt zur Z&#228;hmung der extremen Rechten. Doch diese Z&#228;hmung blieb aus. Die FP&#214; und sp&#228;ter das BZ&#214; reihten sich zwar in die neoliberale Umstrukturierungspolitik ein, doch versetzten sie diese mit rechtspopulistischen Parolen. Das Ergebnis war letztlich, dass die reaktion&#228;ren Konzeptionen von FP&#214; und BZ&#214; salonf&#228;hig gemacht wurden. In der Migrationspolitik, in der Definition von Frauenpolitik als Familienpolitik und im Bereich der „inneren Sicherheit“ unterst&#252;tzte die &#214;VP nicht nur die sexistischen und rassistischen Positionen von Blau und Orange, sondern versuchte sogar, diese noch rechts zu &#252;berholen. Insgesamt verschob sich unter Sch&#252;ssel das politische Klima nach rechts. Der traurige H&#246;hepunkt war sicherlich die Zustimmung der SP&#214; im Nationalrat zu einem „Fremdenpaket“, das zu den restriktivsten in Europa z&#228;hlt. Keine der Parteien im Nationalrat konnte eine konsequente Antwort auf die rassistische Hetze formulieren.<br />
Die katastrophale Niederlage der Sch&#252;ssel-&#214;VP bei den Nationalratswahlen am 1. Oktober hat gezeigt, dass die Menschen in diesem Land einen politischen Kurswechsel wollen. Dennoch konnte die Sozialdemokratie von dieser Stimmung nicht wirklich profitieren. Vielmehr gewann die extreme Rechte weiter an Boden.<br />
Die Notwendigkeit einer glaubw&#252;rdigen antineoliberalen politischen Alternative ist heute offensichtlicher denn je.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Vgl. dazu Joachim Hirsch: Vom Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat. Berlin 1998.<o></o><br />
2 ERT: Lobby- und Elitenzirkel, der die Politik der EU-Kommission stark beeinflusst.<o></o><br />
3 Helmut Friessner: Demokratie im Fadenkreuz. Wien 2006. p288.<o></o><br />
4 Vgl. Maria Asenbaum, Barbara Brehmer: Reclaim the Brain!; in: <em>Perspektiven</em><span style="font-size: 8pt"> Nr. 0.<o></o></span><br />
5 Vgl. die „Lissabon-Strategie“, die Europa bis 2010 zum wettbewerbsf&#228;higsten auf Wissens&#246;konomie basierenden Wirtschaftsraum der Welt machen soll.<o></o></p>
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		<title>&#214;GB: Gefangen in der Sozialpartnerschaft?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:00:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.<br />
<span id="more-85"></span><br />
Der BAWAG-Skandal hat schonungslos die Widerspr&#252;che der Gewerkschaftsf&#252;hrung offen gelegt – auf der einen Seite der offizielle Anspruch, Interessensvertreterin der ArbeiterInnen zu sein, und auf der anderen Seite die Integration in das marktwirtschaftliche System und schlie&#223;lich der Versuch, selbst an den Spekulationen auf den Finanzm&#228;rkten mitzuprofitieren. Die Ereignisse rund um die BAWAG sind Anlass zu Fragen und Diskussionen &#252;ber die Ursachen der offensichtlich gewordenen Krise des &#214;GB, als auch &#252;ber notwendige Reformen. Forderungen nach mehr Demokratie und Transparenz in den Gewerkschaftsstrukturen wurden aufgestellt und verschiedene Initiativen versuchen, Einfluss auf die Diskussionen zu nehmen.</p>
<p>Die deutlichsten Antworten auf die Krise des &#214;GB findet jedoch immer noch die Gewerkschaftsf&#252;hrung. Die<br />
Ursache f&#252;r die Krise wird am verantwortungslosen Handeln von einzelnen Managern und Spitzenfunktion&#228;ren in Bank und Gewerkschaft festgemacht. Der Ausweg aus der Krise weist deshalb seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung nicht in eine grunds&#228;tzlich neue Richtung: Die Sozialpartnerschaft soll aufrechterhalten werden, was nichts anderes bedeutet als die Fortf&#252;hrung der Strategie „verhandeln statt k&#228;mpfen“. Genauso wenig wird die undemokratische Konzentration der Entscheidungskompetenz bei der Gewerkschaftsb&#252;rokratie grunds&#228;tzlich in Frage gestellt.</p>
<p>Doch kam das Desaster wirklich so &#252;berraschend? Einen Teil der Antwort liefert uns die Geschichte der Gewerkschaften, insbesondere die Zeit nach 1945, als der &#214;GB neu gegr&#252;ndet wurde. Gleichzeitig k&#246;nnen uns die Erfahrungen aus der Geschichte der &#246;sterreichischen Gewerkschafts-<br />
bewegung Anhaltspunkte geben, wie aus dem &#214;GB eine wirkliche k&#228;mpferische Interessensvertretung der ArbeiterInnen werden kann.</p>
<h3>ArbeiterInnenbewegung nach 1945</h3>
<p>Die Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist f&#252;r uns heute schwer vorstellbar. Inmitten von Hunger, Elend, Zerst&#246;rung musste das blo&#223;e &#220;berleben gesichert werden. Neue Strukturen, die das Zusammenleben und &#220;berleben regeln konnten, gab es nicht oder waren nicht gefestigt. Viele Entscheidungen wurden zun&#228;chst aus der Not heraus und spontan getroffen. Menschen machten die Erfahrung, dass sie sich ihre Strukturen selbst schaffen k&#246;nnen. Dr. Kurt Steyrer erinnert sich an die Anf&#228;nge im Rudolfspital in Wien: „Es herrschte Teamgeist im besten Sinne des Wortes, und jeder packte in gleicher Weise zu, ob nun Klinikvorstand, Gastarzt, Krankenpflegerin oder Reinigungspersonal … R&#252;ckblickend wird mir bewusst, dass wir damals – ohne daran zu denken und ohne dass dar&#252;ber viel geredet worden w&#228;re – eine wahrhaft demokratisch-menschliche Gesellschaft gebildet haben: ohne schriftliche Satzung oder Festlegung. Das war damals gar nicht notwendig, sondern selbstverst&#228;ndlich.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Weiters waren die vom deutschen Kapital errichteten Betriebe und Unternehmen 1945 sozusagen herrenlos. Die Produktion wurde von den ArbeiterInnen selbst in Gang gebracht und den Umst&#228;nden entsprechend koordiniert. Allein im Mai 1945 wurden in 6.000 Betrieben &#246;ffentliche Verwalter eingesetzt, da Manager und Betriebsdirektoren geflohen waren.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Diese Verwalter stie&#223;en dabei auf von ArbeiterInnen selbst geschaffene Strukturen (Betriebsr&#228;te u.&#228;.) und mussten zun&#228;chst „notgedrungen“ mit ihnen zusammenarbeiten. Gerade in diesen Betrieben lebten<br />
Ans&#228;tze lebendiger ArbeiterInnenbewegung auf – einschlie&#223;lich Protesten und Streikaktionen.</p>
<p>Dieser Teil der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung &#214;sterreichs wird oft ausgeklammert, denn die politisch und wirtschaftlich M&#228;chtigen hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein Interesse an der Neuformierung einer k&#228;mpferischen ArbeiterInnenbewegung. Im Gegenteil: der &#214;GB sollte die Lohnabh&#228;ngigen f&#252;r den Aufbau eines<br />
marktwirtschaftlichen Systems in &#214;sterreich gewinnen.</p>
<h3>Neugr&#252;ndung des &#214;GB</h3>
<p>Die Neugr&#252;ndung des &#214;GB als &#252;berparteilicher Gewerkschaftsbund fand bereits am 15. April 1945 – also noch vor der Republiksgr&#252;ndung – statt und wurde am Rei&#223;brett, in Abstimmung mit den Parteizentralen von SP&#214;, &#214;VP und KP&#214;, nach den Vorstellungen der k&#252;nftigen F&#252;hrung entworfen. Es sollte eine &#252;berparteiliche Einheitsgewerkschaft aufgebaut werden, „die alle ArbeiterInnen und Angestellte, unbeschadet ihrer Weltanschauung, soweit sie demokratisch ist, und die sich zu &#214;sterreich bekennen, umfasst“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Im Vordergrund stand unmittelbar nach Kriegsende der kapitalistische Wiederaufbau der &#246;sterreichischen Wirtschaft. &#214;GB-Vorsitzender Johann B&#246;hm formulierte 1949 als vorrangiges Ziel der Gewerkschaft die „Steigerung der Produktion und Produktivit&#228;t“, und dies bed&#252;rfe einer gemeinsamen Anstrengung der Interessensorganisationen der ArbeiterInnen und UnternehmerInnen, die „ganz gut ein St&#252;ck Weges gemeinsam gehen“ k&#246;nnten.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die &#214;GB-Spitze war von der „Verantwortung gegen&#252;ber der Wirtschaft als Ganzem“ &#252;berzeugt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Im Gr&#252;ndungsaufruf des &#214;GB hei&#223;t es: „Wir wollen uns geloben, unsere ganze Kraft dem heiligen Ziele, dem Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes zu widmen und unabl&#228;ssig daf&#252;r zu arbeiten, dass es in k&#252;rzester Zeit erreicht werde.“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Der &#214;GB sollte demnach ein Instrument f&#252;r klassen&#252;bergreifende Zusammenarbeit im nationalen Interesse werden – was in letzter Konsequenz Aufgabe des Klassenkampfes bedeutete.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><o></o></p>
<p>Es ist klar, dass sich dieses neue Selbstverst&#228;ndnis nicht ohne weiteres durchsetzen konnte und so wurden Strukturen geschaffen, die die Organisation fest im Griff haben und Initiativen von ArbeiterInnen unterdr&#252;cken k&#246;nnen, die noch nicht eingesehen haben, dass Klassenkampf jetzt nicht mehr im Ma&#223;nahmenkatalog des &#214;GB steht.</p>
<p>Die Strukturen wurden zentralisiert und als alleinige Entscheidungstr&#228;ger ausgebaut, „statt sich an den W&#252;nschen der ArbeitnehmerInnen in den Betrieben zu orientieren, breite Diskussionen innerhalb der Mitgliederschaft zu provozieren und zu f&#246;rdern“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm betonte 1947: „&#220;ber Gesetze kann man nicht in Massenversammlungen beraten. Die Mitglieder des &#214;GB werden durch die Ver&#246;ffentlichungen in den Fachbl&#228;ttern &#252;ber den Verlauf der Verhandlungen informiert.“ Unliebsame KritikerInnen wurden schnell in die N&#228;he der KP&#214; ger&#252;ckt. Das Auftreten der russischen Besatzungsmacht – Abbau von Produktionsanlagen, r&#252;cksichtsloses Verhalten gegen&#252;ber der Zivilbev&#246;lkerung – verst&#228;rkte noch die Vorurteile gegen&#252;ber dem so genannten „Kommunismus“, so dass die antikommunistische Propaganda leichtes Spiel hatte. Der &#214;GB war also von Anfang an nicht als eine demokratische Institution aufgebaut.</p>
<p>Wie die undemokratischen Strukturen des &#214;GB K&#228;mpfe beeinflussen und abw&#252;rgen konnten, zeigt die Reaktion auf die Proteste der ersten Nachkriegsjahre, insbesondere gegen die f&#252;nf Lohn-Preis-Abkommen (LPA) ab 1947.</p>
<p>Diese waren als erstes Ergebnis der harmonischen Klassenkooperation zwischen der F&#252;hrung der Gewerkschaftsbewegung und dem &#246;sterreichischen Kapital ausverhandelt worden und sollten die drohende Inflation eind&#228;mmen: Wenn sich die Wirtschaft zu Preissenkungen bereit erkl&#228;rte, w&#252;rde die Gewerkschaft im Gegenzug auf Lohnforderungen verzichten. Tats&#228;chlich jedoch bedeutete jedes LPA massive Reallohnverluste f&#252;r die ArbeiterInnenschaft, die ohnehin bereits am Rand des Existenzminimums lebte. Ende 1947, nach Abschluss des ersten LPA, res&#252;mierte ein Vertreter der Unternehmer triumphierend: „Es ist uns gegl&#252;ckt, ohne Streiks, ohne irgendwelche Unruhen, ohne Ausschreitungen das Preis- und Lohnabkommen, das wir im Sommer<br />
beschlossen haben, zu verl&#228;ngern. … obwohl die Lebenskosten um etwas mehr als 15 Prozent gestiegen waren … haben die Arbeiter auf Lohnerh&#246;hungen verzichtet.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o></o></p>
<p>W&#228;hrend die Gewerkschaftsspitzen die Angriffe auf die<br />
ArbeiterInnenklasse mittrugen und als eiserne Notwendigkeiten verkauften, wurden in den Betrieben die K&#252;rzungen jedoch nicht kampflos akzeptiert. Gegen die ungerechte Verteilung von Lebensmitteln gab es so genannte „Kalorienstreiks“ im Herbst 1946. Im Mai 1947 demonstrierten 20.000 Menschen in Wien vor dem Bundeskanzleramt gefolgt von Streiks in Wien und Umgebung. Im Juli 1948 forderten 2.000 B&#246;hler-ArbeiterInnen in Kapfenberg eine Lohnerh&#246;hung, im August 1948 gab es Warnstreiks bei VOEST in Linz. In Donawitz streikten 3.000 ArbeiterInnen f&#252;r eine 25%ige Lohnerh&#246;hung. Am 24. August 1948 streikten wieder 4.000 ArbeiterInnen in Kapfenberg. Im gleichen Jahr streikten 4.750 SchuharbeiterInnen &#252;ber 5 Wochen, weil die UnternehmerInnen sich weigerten, die 44-Stunden-Woche anzuerkennen. Im Mai 1949 demonstrierten 200.000 in Wien gegen das dritte LPA.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung distanzierte sich von diesen Aktionen und suchte sie zu verhindern. Durch die Zentralisierung ihrer Strukturen besa&#223;en sie die Kontrolle &#252;ber die Streikgelder. Der &#214;GB gab eine Erkl&#228;rung heraus, wonach „Streiks und Demonstrationen nur auf ausdr&#252;ck-<br />
liche Anordnung des Gewerkschaftsbundes oder der zust&#228;ndigen Gewerkschaft zu erfolgen haben. … die Betriebsr&#228;te haben nur Weisungen der zust&#228;ndigen Gewerkschaft<br />
entgegenzunehmen. Leute, die unter Missbrauch des Namens des Gewerkschaftsbundes zu Aktionen aufrufen, sind zur Verantwortung zu ziehen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> &#220;ber Aktionen und Proteste wurde wenn, dann nur zusammenhanglos berichtet, wodurch eine breite und koordinierte Bewegung verhindert wurde. Gewerkschaftsf&#252;hrung und SP&#214; warnten vor Ausweitung dieser Streiks und Proteste mit dem Argument, dass dann die russischen Besatzungstruppen l&#228;nger im Land verbleiben und der „Kommunismus“ unausweichlich w&#252;rde.<o></o></p>
<p>Die Ank&#252;ndigung des 4. LPA im September 1950, das weitere Reallohnverluste zwischen 10 und 15 Prozent bedeutet h&#228;tte, brachte das Fass schlie&#223;lich zum &#220;berlaufen. Ende September und Anfang Oktober streikten mehr als 200.000 ArbeiterInnen in ganz &#214;sterreich. Es war der erste landesweite Massenstreik der Zweiten Republik. Am 25. September legten zuerst die Besch&#228;ftigten der VOEST in Linz die Arbeit nieder. Betriebe in Steyr, Donawitz und Wien folgten, bis sich am H&#246;hepunkt der Auseinandersetzung 40 Prozent der IndustriearbeiterInnenschaft an Streikaktionen beteiligten.</p>
<p>Der &#214;GB verweigerte jegliche Unterst&#252;tzung und begann im Gegenteil unverz&#252;glich, die Niederschlagung des Streiks zu organisieren. W&#228;hrend Polizei und Gendarmerie Betriebe besetzten und Betriebsr&#228;te verhafteten, mobilisierte die Bau-Holz-Gewerkschaft mit finanzieller Unterst&#252;tzung der Industriellenvereinigung 2.000 Schl&#228;ger, die gewaltsam gegen die Streikenden vorgingen.</p>
<p>Dem endg&#252;ltigen Ende des Streiks am 6. Oktober folgten S&#228;uberungswellen in Betrieben und Gewerkschaft: hunderte Betriebsr&#228;te wurden entlassen und unliebsame Elemente aus dem &#214;GB entfernt. Der Gewerkschaftsbund festigte sich als undemokratischer Apparat, der seine Aufgabe in der Sicherung des „sozialen Friedens“ und der Regulation des Klassenkampfes sah.</p>
<h3><span>Gab es eine Alternative?</span></h3>
<p>Im Nachhinein ist es schwer nachvollziehbar, warum sich nicht alle an Aktionen beteiligten ArbeiterInnen zusammengetan haben, um eine andere Art von Gewerkschaft zu gr&#252;nden, die ihren Mitgliedern nicht in den R&#252;cken f&#228;llt. Fehlende Erfahrungen mit Klassenauseinandersetzungen sowie die Fragmentierung der K&#228;mpfe waren sicherlich ein Grund daf&#252;r. Mindestens genauso wichtig war jedoch die unangefochtene Hegemonie der Sozialdemokratie innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Das bedeutete, dass die Stimmen, die nicht Klassenkooperation und den „gemeinsamen Kraftakt Wiederaufbau im nationalen<br />
Interesse“ betonten, wenig geh&#246;rt wurden. F&#252;r viele ArbeiterInnen klang es somit zumindest auf den ersten Blick plausibel – gerade nach den Erfahrungen des Austrofaschismus und Nationalsozialismus – nun noch st&#228;rker als zuvor auf „Stabilit&#228;t“ und die Wahrung des „sozialen<br />
Friedens“ zu setzen.</p>
<p>Genau diese politische Strategie hatte jedoch schon vor 1934 fatale Konsequenzen und f&#252;hrte letztlich in die Katastrophe. Erinnert sei nur an die Politik des „Burgfriedens“ w&#228;hrend dem Ersten Weltkrieg. Sie bedeutete, dass „im Interesse des Vaterlandes“ seitens der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften der Klassenkampf aufgehoben wurde; d.h. Einstellung aller Lohnverhandlungen, Aufhebung der sozialpolitischen Gesetze, Verl&#228;ngerung der Arbeitszeit, milit&#228;rische Disziplinargewalt f&#252;r kriegswichtige Betriebe.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><o></o></p>
<p>In der Ersten Republik wurde dieser Kurs fortgesetzt und von den austromarxistischen TheoretikerInnen der Sozialdemokratie legitimiert. Folge der inkonsequenten Politik war fortw&#228;hrendes Stillhalten und Zur&#252;ckweichen, das den Aufstieg des Faschismus in &#214;sterreich nicht aufhalten konnte. Dass es im Februar 1934 trotzdem tagelangen bewaffneten Widerstand gegen den Austrofaschismus gegeben hat, zeigt sowohl das Potential und die St&#228;rke der ArbeiterInnenbewegung in &#214;sterreich, als auch ihre tragische Schw&#228;che, das Fehlen einer konsequenten klassenk&#228;mpferischen Kraft, die der katastrophalen Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung eine Alternative h&#228;tte entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<p>Aus der Niederlage 1934 wurden unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen. Ein Teil der GenossInnen versuchte einen radikalen Bruch mit der bisherigen Politik und gr&#252;ndete die Revolution&#228;ren Sozialisten. Einig waren sich die Beteiligten in ihrer Abgrenzung zu den „reformistischen Illusionen“ der Sozialdemokraten. Allerdings trugen die schwierigen Verh&#228;ltnisse – die Arbeit in der Illegalit&#228;t – dazu bei, dass die Auseinandersetzung mit der Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung nicht mit der n&#246;tigen Konsequenz gef&#252;hrt und gemeinsame Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Sie erlagen zum Teil der Illusion, dass 1945 die sozialdemokratische Partei unter radikaleren Vorzeichen als sozialistische Einheitspartei wieder aufgebaut werden k&#246;nnte und untersch&#228;tzten v&#246;llig die St&#228;rke der alten Funktion&#228;re, die ihre 1934 unterbrochene Politik des Klassen-kompromisses nach dem Krieg fortsetzen wollten. Zum Teil resignierten sie und lie&#223;en sich wieder in den Parteiapparat integrieren oder sie wurden unter dem Vorwurf, Verb&#252;ndete der Kommunisten zu sein, aus der Partei gedr&#228;ngt.</p>
<p>Der rechte Fl&#252;gel der Sozialdemokratie dagegen zog v&#246;llig kontr&#228;re Lehren. Das Problem in der Niederlage 1934 bestand ihrer Meinung nach nicht in der Inkonsequenz der Auseinandersetzung, sondern in der Auseinandersetzung selbst – also darin, dass nicht konsequent genug<br />
„kooperiert“ wurde. Die ehemals verfeindeten Lager m&#252;ssten sich nun am „runden Tisch“ zusammensetzen und gemeinsam den Aufbau b&#252;rgerlich-kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Angriff nehmen. Zu diesem Fl&#252;gel, der sich nach 1945 durchsetzte, geh&#246;rte auch Karl Renner, der Staatskanzler der Ersten Republik. Statt den Kampf gegen den Austrofaschismus zu organisieren, suchte er 1934 bis zum Schluss unter allen Umst&#228;nden einen Kompromiss mit den konservativen Kr&#228;ften auszuhandeln. Die Zeit des Faschismus verbrachte er in seiner Villa in Gloggnitz, w&#228;hrend seine GenossInnen emigrierten, in Konzentrationslager gebracht wurden oder in der Illegalit&#228;t weiter arbeiteten. Rechtzeitig zu Kriegsende biederte er sich Stalin an und wurde prompt Staatskanzler der ersten provisorischen Regierung – eine gute Ausgangsposition, um die politischen Verh&#228;ltnisse nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen.</p>
<h3>Der Weg zur Sozialpartnerschaft</h3>
<p>Die Folgen der von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsf&#252;hrung nach 1945 verfolgten Strategie des sozialpartnerschaftlich institutionalisierten Klassenkompromisses wurden mit den Lohn-Preis-Abkommen bereits angedeutet.</p>
<p>Neben den Lohn-Preis-Abkommen war auch die Verstaatlichung ein wichtiges Projekt. Seitens der SP&#214; wurden dabei radikale Argumente vorgebracht, die an die Tradition der Austromarxisten erinnern – Otto Bauer war f&#252;r die schrittweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel – und an die aktuellen Forderungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pften, die gerade die Industrieproduktion wiederaufbauten und die sich nat&#252;rlich fragten, auf welchem Weg die Produktion am besten im Interesse der ArbeiterInnen angeeignet werden k&#246;nnte. Der damalige Erste Sekret&#228;r der Arbeiterkammer Pittermann: „Den Weg zur &#220;berwindung des kapitalistischen Systems weist uns der marxistische Sozialismus… Wir Sozialisten machen daher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die planm&#228;&#223;ige Lenkung der Erzeugung zu einer Frage der Gegenwartspolitik.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><br />
Diesen Aussagen konnten Betriebsr&#228;te und ArbeiterInnen nur zustimmen, allerdings wurde hier bewusst Vergesellschaftung mit Verstaatlichung verwechselt, denn wie Friedrich Engels schreibt: „Das ist ja gerade der wunde Punkt, dass, solange die besitzenden Klassen am Ruder bleiben, jede Verstaatlichung nicht eine Abschaffung, sondern nur eine Formver&#228;nderung der Ausbeutung ist.“ Der F&#252;hrung des &#214;GB war dies durchaus klar und die &#214;VP hatte im Grunde nichts gegen die Verstaatlichung von Grundstoffindustrie oder Transport- und Nachrichtenwesen, die erst aufgebaut werden mussten. Die Bourgeoisie profitierte schlie&#223;lich davon, dass die Mittel zum Wiederaufbau vom Staat aufgebracht wurden und die Produkte billig f&#252;r andere Industriezweige zur Verf&#252;gung gestellt wurden.</p>
<p>Genauso wurde der Marshallplan<sup>13</sup> vom &#214;GB begr&#252;&#223;t. Obwohl er nicht den ArbeiterInnen zugute kam – die Unterst&#252;tzung erfolgte in Sachg&#252;tern, die verkauft und deren<br />
Einnahmen f&#252;r die F&#246;rderung der Privatwirtschaft verwendet wurden – wurde er als Erfolg der Klassenzusammenarbeit gewertet.</p>
<p>Eine weitere gro&#223;e Entt&#228;uschung war das Betriebsr&#228;tegesetz, das die Mitbestimmung der ArbeiterInnen in den Betrieben regeln sollte. Die starke Position von Betriebsr&#228;ten, die sich bald nach Kriegsende gr&#252;ndeten, wurde mit dem Gesetz ausgehebelt. Z.B. wurde das Mitspracherecht bei Einstellung und Entlassung auf eine „Informationspflicht“ seitens des Unternehmers reduziert. Ebenso wurden Klauseln eingef&#252;gt, die es erm&#246;glichten, gew&#228;hlte Betriebsr&#228;te zu entlassen. Das Betriebsr&#228;tegesetz war somit ein einziges Zugest&#228;ndnis an die Unternehmer.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung hingegen verkaufte all das als Etappensiege und verteidigte die Strategie sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements. Am Gewerkschaftskongress 1948 wurde betont: „Alle bisher erflossenen Gesetze wurden ausschlie&#223;lich mit den Mitteln der<br />
Verhandlungsmethode erreicht, kein einziger Streiktag musste daf&#252;r angewendet werden. Allerdings gibt es Kollegen unter uns, die gerne sehen w&#252;rden, wenn man auf den<br />
Verhandlungsweg verzichten und bei jedem Anlass zum letzten Mittel, zum Streik, greifen w&#252;rde. Dieser Forderung ist der Gewerkschaftsbund nicht nachgekommen… Er hat es verstanden, ohne die Mitglieder jede Woche in einen anderen Streik zu f&#252;hren, soziale Gesetze zu erwirken, die mindestens so gut sind wie in jenen L&#228;ndern, in denen die Streikparolen immer wieder verwirklicht wurden.“</p>
<p>Die Politik der SP&#214; wurde in den Gewerkschaften rigoros umgesetzt und daf&#252;r institutionelle Vorraussetzungen geschaffen. Der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter geh&#246;rt jedes Gewerkschaftsmitglied an, das auch gleichzeitig SP&#214;-Mitglied ist. Diese Fraktion hatte gro&#223;es Gewicht bei den Entscheidungen und durch die Fraktionsdisziplin wurden radikale Beschl&#252;sse, die nicht im Sinne der Sozialpartnerschaft waren, verhindert.</p>
<p>Der Widerstand gegen die Sozialpartnerschaft fand mit dem Oktoberstreik 1950 ein vorl&#228;ufiges Ende. Es war das letzte gro&#223;e Aufb&#228;umen gegen die sozialpartnerschaftliche Regulierung des Klassenkampfs. Die tats&#228;chliche Institutionalisierung der „Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft“<br />
erfolgte – nach der vor&#252;bergehenden Aufl&#246;sung der Akkordierung im Bereich der Lohn- und Preispolitik nach Abschluss der Wiederaufbauphase – zwar erst in den sp&#228;ten 50er und fr&#252;hen 60er Jahren, als die partnerschaftliche Zusammenarbeit f&#252;r die Unternehmer wegen der Verdichtung der wirtschaftlichen Probleme (Inflationstendenzen, anstehende wirtschaftliche Integration in Europa, Anzeichen einer Wachstumsschw&#228;che, Arbeitskr&#228;fteknappheit und<br />
gestiegener Lohndruck) wieder interessant wurde – die Weichen daf&#252;r wurden aber bereits in den ersten Jahren der Zweiten Republik gelegt. In den folgenden Jahr-zehnten wurden Konflikte erfolgreich „von der Stra&#223;e, den Versammlungss&#228;len, den Betrieben in die Verhandlungs-<br />
zimmer und Konferenzs&#228;le verlegt.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Klassenzusammenarbeit oder Sozialpartnerschaft – es ist wichtig zu erkennen, dass eine solche Partnerschaft nicht bedeutet, dass es faire „Zusammenarbeit“ gibt, wo jede Seite zufrieden ist mit den jeweiligen Zugest&#228;ndnissen. In einer solchen Partnerschaft sind die ArbeiterInnen immer die Benachteiligten.</p>
<h3><span>Wege aus der Sozialpartnerschaft</span></h3>
<p>Der &#214;GB heute hat seinen Ursprung in den Jahren nach 1945. Das Selbstverst&#228;ndnis, &#252;ber die Institutionalisierung der Sozialpartnerschaft ein geeignetes Mittel gefunden zu haben, das Vorteile f&#252;r beide Seiten – Unternehmer und ArbeiterInnen – bringt, ist bis jetzt erhalten geblieben. Das Wirtschaftswachstum mit seinen Spielr&#228;umen f&#252;r soziale Reformen in den 50er und 60er Jahren verst&#228;rkte diese Position. Bundeskanzler Kreisky meinte noch auf dem SP&#214;-Parteitag 1976, „dass vor allem durch das Wirken sozialdemokratischer Sozialminister der &#246;sterreichische Wohlfahrtsstaat in den siebziger Jahren weitgehend seiner Vollendung entgegen gef&#252;hrt worden sei“.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Mit den 80ern jedoch wuchs der &#246;konomische Druck fallender Profitraten auch in &#214;sterreich – die darauf folgenden Umstrukturierungen, st&#252;ckweise Abbau des Sozialstaates, steigende Arbeitslosigkeit und Erh&#246;hung der Armut spielten sich gr&#246;&#223;tenteils unter einer Rot-Schwarzen Koalition ab. Der &#214;GB setzte dieser Entwicklung nichts entgegen – der b&#252;rokratische Apparat war &#252;berall verankert, tr&#228;ge geworden und konnte sich immer noch auf den gut organisierten Teil der ArbeiterInnenklasse in den zum Teil immer noch verstaatlichten Gro&#223;betrieben st&#252;tzen. Die ver&#228;nderte Situation weltweit, die Durchsetzung des Neoliberalismus und damit einhergehende Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitbesch&#228;ftigung) und der Abbau des Wohlfahrtstaates, konnte eine zeitlang systematisch ignoriert werden. Die Quittung gab es 1999 bei Nationalratswahlen, als etliche von der Rot-Schwarzen Politik Entt&#228;uschte die FP&#214; w&#228;hlten und die darauf folgenden Koalitions-<br />
verhandlungen der SP&#214; klarmachten, dass sie nicht mehr in der Regierung gebraucht wird. Die Klasseninteressen der &#246;sterreichischen Bourgeoisie waren nun mit einer rechts-<br />
konservativen Regierung wesentlich besser durchzusetzen. Heute dienen die &#220;berreste sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements eigentlich nur mehr dazu, den Lebensstandard der ArbeiterInnen „geordnet“ zu senken.</p>
<p>Trotz allem, was in den letzten Jahren an offensiven K&#252;rzungen im Pensions- und Bildungsbereich durchgef&#252;hrt wurde und trotz der offensichtlichen Krise der Gewerkschaft nach dem BAWAG-Finanzskandal wird von Teilen der Gewerkschaftsf&#252;hrung immer noch die Sozialpartnerschaft herbeigeredet. Selbst die GPA, die sich noch am ehesten f&#252;r die Interessensvertretung von prek&#228;r Angestellten interessiert und versucht, neue Wege zu gehen, argumentiert f&#252;r die Sozialpartnerschaft. In der Juni-Ausgabe 2006 ihrer Zeitschrift “Kompetenz” darf sogar die Pr&#228;sidentin der Wirtschaftskammer &#214;sterreichs, Brigitte Jank, die Sozialpartnerschaft feiern.</p>
<p>Es w&#228;re aber falsch, sich resignierend abzuwenden. In den letzten Jahren gab es auch Ans&#228;tze und Versuche, innerhalb der Gewerkschaften etwas zu ver&#228;ndern. 2002 mobilisierten Gewerkschaften gemeinsam mit der globalisierungskritischen Bewegung zum ersten Europ&#228;ischen Sozialforum nach Florenz. 500 AktivistInnen aus den unterschiedlichsten Zusammenh&#228;ngen und Hintergr&#252;nden fuhren gemeinsam im Sonderzug der EisenbahngewerkschafterInnen nach<br />
Florenz – ein inspirierendes Zusammenkommen. 2003 sch&#252;rten der Streik gegen die Pensionsreform und der Streik der EisenbahnerInnen neue Hoffnung, dass es m&#246;glich ist, sich gegen die Dem&#252;tigungen und Erniedrigungen der rechtskonservativen Regierung erfolgreich zu wehren. Die Hoffnungen wurden entt&#228;uscht, denn jahrzehntelang ge&#252;bte Praxis der Sozialpartnerschaft lassen sich nicht so einfach &#252;ber Bord werfen.</p>
<p class="Fliesstext"><span>Ver&#228;nderungen in der Gewerkschaftsarbeit sind deshalb notwendig. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist, sich endlich von der Illusion einer „freundschaftlichen Packelei“ zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu l&#246;sen – k&#228;mpfen statt verhandeln ist angesagt! Eng damit verkn&#252;pft ist die Frage der Demokratisierung der Gewerkschaften. Wohin es f&#252;hrt, wenn Entscheidungen nur in den F&#252;hrungsgremien gef&#228;llt werden &#8211; ohne Kontrollm&#246;glichkeiten &#8211; zeigt der Fall Verzetnitsch.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Es m&#252;ssen Strukturen geschaffen werden, in denen die Gewerkschaftsmitglieder selbst Beschl&#252;sse fassen k&#246;nnen, an die die Gewerkschaftsf&#252;hrung gebunden ist und an denen ihre Arbeit gemessen werden kann.</span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Franz Danimann, Hugo Pepper (Hg.): &#214;sterreich im April ’45. Die ersten Schritte der Zweiten Republik. Wien: Europaverlag 1985.<o></o></p>
<p><a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> T&#228;tigkeitsbericht des &#214;GB 1945-47; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Der &#214;GB und die Weichenstellung 1945-1950. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;sterreichische Gewerkschaftsbund 1945-1959; in: Wolfgang Maderthaner (Hg.): Auf dem Weg zur Macht. Integration in den Staat, Sozialpartnerschaft und Regierungspartei. Wien: L&#246;cker Verlag 1992. pp73-105, hier: p76.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Emmerich Tálos: Sozialpolitik und Arbeiterschaft 1945 bis 1950; in: Michael Ludwig/ Klaus Dieter Mulley/ Robert Streibel: Der Oktoberstreik 1950. Ein Wendepunkt der Zweiten Republik. Wien: Picus <sup>2</sup>1995. pp25-40, hier: p36.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Arbeit und Wirtschaft (&#214;GB/AK-Zeitschrift)<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p81.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm pr&#228;gte daf&#252;r das Bild der „Astgemeinschaft“: „Der wirtschaftliche Zusammenbruch, den der Krieg mit sich gebracht hat, die so weitgehende Entg&#252;terung unseres Landes hat uns wohl beiden [Interessensvertretungen der UnternehmerInnen und der ArbeiterInnen] gezeigt, dass wir, m&#246;gen wir noch so viele Differenzen miteinander haben, zum Teil vielleicht auch eingebildete, doch auf einem Ast sitzen, von dem wir beide – wenn einer von uns ihn durchs&#228;gt – herunterfallen m&#252;ssen.“<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Hans Prader: Probleme kooperativer Gewerkschaftspolitik; zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p74.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;GB und der „Oktoberstreik“ 1950. Aspekte gewerkschaftlicher Politik im Nachkriegs-&#214;sterreich; in: Michael Ludwig<span>  </span>et al.: a.a.O. pp41-52, hier: p44.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Solidarit&#228;t, Mai 1947, Nr. 32; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. p10.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Zit. in: Geschichte der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung. p93 (Brosch&#252;re)<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (ERP) war das wichtigste wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg dem zerst&#246;rten Westeuropa zugute kam. Mit dem Marshallplan sollte der Einfluss der Sowjetunion einged&#228;mmt und Absatzm&#228;rkte f&#252;r die amerikanische &#220;berproduktion aufgebaut werden. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Fritz Klenner, &#214;GB-Zentralsekret&#228;r und &#214;GB-Haus-und-Hof-Historiker.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Emmerich Tálos (Hg.): Der geforderte Wohlfahrtsstaat. Traditionen – Herausforderungen – Perspektiven. Wien: L&#246;cker Verlag 1992.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Fritz Verzetnitsch, ehemaliger Vorsitzender des &#214;GB. Musste 2006 zur&#252;cktreten, weil er den Streikfond des &#214;GB f&#252;r dubiose Finanzgesch&#228;fte verpf&#228;ndete.<o></o></p>
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		<title>Es geht auch anders!</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 09:15:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<description><![CDATA[Sachzwanglogik und Standortwettbewerb sind heute zu unhinterfragbaren Pr&#228;missen der politischen Auseinandersetzung geworden. Mehr denn je ist es n&#246;tig, wieder &#252;ber radikale politische Alternativen zum neoliberalen Einheitsdenken zu diskutieren. Von <em>Stefan Probst</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sachzwanglogik und Standortwettbewerb sind heute zu unhinterfragbaren Pr&#228;missen der politischen Auseinandersetzung geworden. Mehr denn je ist es n&#246;tig, wieder &#252;ber radikale politische Alternativen zum neoliberalen Einheitsdenken zu diskutieren. Von <em>Stefan Probst</em>.<br />
<span id="more-86"></span><br />
Neoliberale Argumentationsmuster sind heute quer durch das Parteienspektrum hegemonial. Zurecht schrillen deshalb bei vielen Menschen die Alarmglocken, wenn PolitikerInnen „Reformen“ einfordern. Denn wenn etwas „gr&#252;ndlich reformiert“ geh&#246;rt bedeutet das meist Sozialabbau, Privatisierung usw. „Reform“ ist zum Codewort f&#252;r die konsequente Ausrichtung auf die Erfordernisse des Marktes mutiert.<br />
Die Neoliberalen freilich behaupten die eiserne Notwendigkeit, ja Unumg&#228;nglichkeit solcher Ma&#223;nahmen angesichts steigenden „Kostendrucks“ aufgrund der versch&#228;rften Konkurrenz am Weltmarkt. Die angef&#252;hrten Sachzw&#228;nge, die den Legitimationsdiskurs des Neoliberalismus strukturieren, werden als quasi-naturgesetzlich angenommen und lassen folglich keine politischen Alternativen zu. Mit Vehemenz wird auf die „Probleme“ zu hoher Lohn- und Sozialstaatskosten sowie „unflexibler“ Arbeitsm&#228;rkte und „sozialer H&#228;ngematten“ verwiesen. „Der Markt“ fordere Senkung von Sozialleistungen, Deregulierung des Arbeitsmarkts und Privatisierung &#246;ffentlicher Dienste.<br />
Begleitet wird diese „Neoliberalisierung“ der Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse durch einen frontalen ideologischen Angriff: „Es geht darum, die sozialen Sicherungsbed&#252;rfnisse als ‚Vollkaskomentalit&#228;t’ nachhaltig zu diskreditieren und durch permanente und lebenslange Flexibilisierungsanforderungen zu ersetzen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>In wesentlichen Z&#252;gen hat diese Argumentation auch die Sozialdemokratie &#252;bernommen. Die „Vernunft“ gebiete das „Notwendige“ und vorgeblich „Realistische“. Weil der Markt den Rahmen dessen absteckt, was politisch m&#246;glich ist, k&#246;nnen die klassischen Forderungen der ArbeiterInnenbewegung nur mehr als naive Utopie erscheinen.</p>
<p>Deutlich wurde das im 1999 von Schr&#246;der und Blair vorgelegten Strategiepapier<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, einem Manifest der neoliberal gewendeten europ&#228;ischen Sozialdemokratien. Die hier pr&#228;sentierten „realit&#228;tstauglichen Antworten auf neue<br />
Herausforderungen in Gesellschaft und &#214;konomie“ geben sich durchgehend unternehmerfreundlich: Aufgabe der Politik sei es in erster Linie, „die Steuerungsfunktion von M&#228;rkten“ zu verbessern; das soziale Netz m&#252;sse „in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung“ umgewandelt werden; Werte wie „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“, die „zu h&#228;ufig … hinter universelles Sicherungsstreben zur&#252;ckgestellt wurden“, m&#252;ssten gef&#246;rdert werden.<br />
Von der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie wurde dieses Programm ausdr&#252;cklich begr&#252;&#223;t. Andreas Rudas, damaliger Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrer, meinte, das Papier entspreche bis auf wenige Detailfragen voll der Linie der Partei und dem „prinzipiellen Willen der SP&#214;, sich zu erneuern“. Vieles sei ohnehin schon im Parteiprogramm verankert.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Bereits jetzt sind die Auswirkungen dieser Politik katastrophal: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten Jahren in &#214;sterreich deutlich ge&#246;ffnet. W&#228;hrend die Unternehmensprofite wachsen sind mehr und mehr Menschen von Armut und Existenzunsicherheit betroffen. Das gilt nicht allein f&#252;r die wachsende Zahl Erwerbsloser und „atypisch“ Besch&#228;ftigter (Teilzeit, Leiharbeit, Scheinselbst&#228;ndigkeit etc.), sondern in immer gr&#246;&#223;erem Ausma&#223; auch f&#252;r Vollzeitarbeitende.</p>
<p>Die zuk&#252;nftige Entwicklung wird diese Trends nur versch&#228;rfen. Hartz IV in Deutschland und das CPE in Frankreich sind Vorboten dessen, was mit der Lissabon-Strategie zu<br />
gesamteurop&#228;ischer Politik erhoben wurde. Dort ist nicht nur vorgesehen, bis 2010 das Pensionsalter auf 67 Jahre anzuheben, privat finanzierte Pensions- und Gesundheitssysteme weiter auszubauen, sondern auch die Senkung der unteren L&#246;hne um 20-30 Prozent, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose sowie die Beseitigung der sozialen Absicherung, wo sie ein „Hindernis f&#252;r die Wiederaufnahme von Arbeit“ ist. Die Zielvorgabe<br />
einer Erwerbsquote von 70% (M&#228;nner) bzw. 65% (Frauen) soll durch den konsequenten Ausbau von Niedriglohnsektoren und prek&#228;rer Besch&#228;ftigung erreicht werden.</p>
<h3>Gegenfeuer</h3>
<p>Angesichts der Tatsache, dass Prekarit&#228;t und Flexibilit&#228;tsanforderungen zur Normalit&#228;t des 21. Jahrhunderts gemacht werden sollen, erh&#228;lt der Kampf um das Recht auf soziale und existenzielle Absicherung einen zentralen Stellenwert gegenw&#228;rtiger Auseinandersetzungen.<br />
Das setzt einen radikalen Bruch mit der vorgeblichen Alternativlosigkeit des herrschenden neoliberalen Einheitsdenkens, der Sachzwang- und Standortlogik, voraus.<br />
Folgende f&#252;nf Punkte – im Wesentlichen alte Forderungen der Gewerkschaftsbewegung und von Erwerbsloseninitiativen – sollten, als <em>Mindest</em>programm, Orientierungspunkte f&#252;r eine politische Trendwende sein.</p>
<p><strong>(i) Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich</strong><br />
Neoliberale Wirtschaftswissenschaft und Politik propagieren als K&#246;nigsweg zum Abbau der Arbeitslosigkeit den Ausbau von Niedriglohnsektoren. Ursache der Arbeitslosigkeit seien zu hohe L&#246;hne und zu wenig scharfe Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose. Das eigentliche Problem seien demnach die Arbeitskr&#228;fte selbst, die an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes nicht angepasst sind: weil zu teuer, oder &#252;berqualifiziert, usw.<br />
In dieselbe Kerbe schlagen auch die Vorschl&#228;ge der Dritte-Wegs-Sozialdemokratie: „Der Arbeitsmarkt braucht einen Sektor mit niedrigen L&#246;hnen… Teilzeitarbeit und geringf&#252;gige Arbeit sind besser als gar keine Arbeit“, erkl&#228;ren Schr&#246;der und Blair.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die strukturelle Arbeitslosigkeit soll dazu dienen, den Arbeitsdruck zu erh&#246;hen und die L&#246;hne weiter zu senken.<br />
Das ist v&#246;llig inakzeptabel. Mehr als 250.000 Menschen sind in &#214;sterreich erwerbslos, w&#228;hrend die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 44,1 Stunden betr&#228;gt. Unternehmen fahren Rekordgewinne ein, w&#228;hrend die Reall&#246;hne kontinuierlich fallen. Wir meinen, dass die Produktivit&#228;tsfortschritte allen zu gute kommen sollen. Deshalb: radikale Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit auf max. 30 Stunden<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> bei vollem Lohn- und Personalausgleich.</p>
<p>Leider scheinen die Gewerkschaften diesen Slogan l&#228;ngst verabschiedet zu haben. Man begn&#252;gt sich mit:„Arbeitspl&#228;tze schaffen!“. Aber eine Strategie, die auf die Losung „Hauptsache Arbeit“ setzt, bef&#246;rdert tatkr&#228;ftig den Verfall der L&#246;hne und spielt so den Neoliberalen in die H&#228;nde.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Selbst eine radikale Verk&#252;rzung der Arbeitszeit w&#252;rde ohne Lohnausgleich erst recht zu Flexibilisierung und dem Zwang f&#252;r Einzelne f&#252;hren, l&#228;nger zu arbeiten, um am Monatsende auf ein ausreichendes Einkommen zu kommen.</p>
<p><strong>(ii) Gesetzlicher Mindestlohn</strong><br />
F&#252;r 253.000 <em>working poor</em> ist das Arbeitseinkommen nicht mehr existenzsichernd.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Deshalb: gesetzlicher Mindestlohn, und zwar nicht pro Stunde sondern pro Monat – nur so kann das Elend des wachsenden Teilzeitproletariats aufgegriffen werden. Ein Mindestlohn von mindestens 1.500 Euro pro Monat (brutto) w&#228;re eine untere Schranke gegen die Tendenz, die L&#246;hne mit wachsender Arbeitslosigkeit immer mehr unter die Armutsgrenze zu dr&#252;cken und gegen die schleichende Aush&#246;hlung der Kollektivvertr&#228;ge (Leiharbeit etc.).<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><o :p></o><br />
Allerdings darf dies nicht durch &#246;ffentliche Lohnsubvention – einem sog. Kombilohn – realisiert werden, wie etwa die deutsche Regierung zur Zeit diskutiert. Wenn ein Min-destlohn aus Massensteuern finanziert wird w&#228;re das nichts anderes als ein neoliberales trojanisches Pferd: den unteren Einkommensschichten bleibt unterm Strich erst recht weniger und die Konzerne w&#228;ren zus&#228;tzlich entlastet.</p>
<p><strong>(iii) Grundsicherung</strong><br />
In Zeiten struktureller Arbeitslosigkeit wird auch die Frage der existenziellen Absicherung der Erwerbslosen zunehmend wichtig. Bislang hat sich die Gewerkschaftsbewegung kaum oder nur unzureichend um deren Anliegen gek&#252;mmert.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>Es gibt jedoch einen inneren Zusammenhang zwischen K&#252;rzungen des Arbeitslosengelds und der Sozialhilfe sowie versch&#228;rften Zumutbarkeitskriterien und Bed&#252;rftigkeitspr&#252;fungen auf der einen Seite und Lohndumping und erh&#246;htem Druck auf abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte auf der anderen. Dar&#252;ber hinaus spaltet die Ideologie des „Faulenzers“ und „Schmarotzers“ die Klasse und somit auch die Kampfkraft der Gewerkschaften.<br />
Deshalb: bedarfsorientierte Grundsicherung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, also ein Mindesteinkommen f&#252;r Erwerbslose. Nach dem Modell der Eurom&#228;rsche soll ein Mindesteinkommen individuell ausgezahlt werden (d.h. PartnerInneneinkommen werden nicht angerechnet); garantiert sein (Rechtsanspruch); ausgedr&#252;ckt werden in einem Anteil am gesellschaftlichen Reichtum (50% des BIP pro Kopf); nicht an Arbeitszwang gebunden sein.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Idee der Grundsicherung richtet sich somit vehement gegen die neoliberalen Vorstellungen einer „aktivierenden Arbeitsmarktpolitik“ mitsamt ihren dem&#252;tigenden Schikanen beim Bed&#252;rftigkeitsnachweis, ihren Disziplinierungsma&#223;nahmen (Zumutbarkeit von Stellenvorschl&#228;gen, Meldepflichten, verpflichtende Umschulungskurse usw.), sowie der Leistungsk&#252;rzung bei l&#228;ngerer Erwerbslosigkeit, die den Zwang zur Annahme von Billigst-Jobs versch&#228;rfen.</p>
<p><strong>(iv) Ausbau einer sozialen Infrastruktur</strong><br />
Der Trend zur Privatisierung &#246;ffentlicher Dienste – was David Harvey treffend als „Akkumulation durch Enteignung“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> bezeichnet – muss gestoppt werden. Deshalb: umfassender Ausbau &#246;ffentlicher G&#252;ter und Dienstleistungen, die allen Menschen unentgeltlich zur Verf&#252;gung gestellt werden m&#252;ssen. Dies reicht von Bildung und Ausbildung &#252;ber Gesundheitsvorsorge bis hin zu Wohnen und Verkehr.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p><strong>(v) Verm&#246;genssteuer und Wertsch&#246;pfungsabgabe</strong><br />
Die Neoliberalen werden nun einwenden, das m&#246;gen ja alles gutgemeinte Vorschl&#228;ge sein, nur: das Geld ist nicht da. Die „Politik der leeren Kassen“ zieht freilich nur so lange, als Konzerngewinne und die Verm&#246;gen der Million&#228;re nicht angetastet werden. Dem neoliberalen Diskurs des Mangels halten wir entgegen: das Geld ist da, wir m&#252;ssen es uns nur holen. Deshalb: deutliche Erh&#246;hung der Gewinn- und Verm&#246;genssteuern sowie Einf&#252;hrung einer Wertsch&#246;pfungsabgabe.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Auf Basis der genannten Forderungen kann eine offensiv ausgerichtete gemeinsame Kampfperspektive von Erwerbslosen, prek&#228;r Besch&#228;ftigten und sog. NormalarbeiterInnen hergestellt werden.<br />
Uns muss jedoch klar sein, dass – so wenig radikal diese Forderungen f&#252;r manche klingen m&#246;gen – ihre Durchsetzung auf erbitterten Widerstand des Kapitals sto&#223;en wird. Der wahre Kern des neoliberalen Sachzwangarguments ist die Stagnationskrise des Kapitalismus, die den Konzernchefs immer weniger Spielraum f&#252;r Zugest&#228;ndnisse erlaubt. Insofern sind die obigen Forderungen mit den Imperativen der Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert nicht kompatibel.</p>
<h3>Kapitalismus und Gerechtigkeit</h3>
<p>Aus diesem Grund ist jede erk&#228;mpfte Reform st&#228;ndig davon bedroht, wieder &#8220;Rationalisierungsma&#223;nahmen“ zum Opfer zu fallen. „Die grundlegenden Merkmale des Kapitalismus – seine Abh&#228;ngigkeit von der Ausbeutung der Lohnarbeit und seine Dynamik der konkurrenzgetriebenen Akkumulation einerseits und die institutionellen Strukturen, die als Folge sozialer Konflikte wie auch von Klassenkompromissen seinen Spielraum einschr&#228;nken, andererseits“ stehen in einem permanenten Spannungsverh&#228;ltnis zueinander.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Deshalb ist es notwendig, die Debatte um grundlegende politische Alternativen und Visionen, die die neoliberale „Dampfwalze des Machbaren und der Sachzw&#228;nge“ so erfolgreich zur&#252;ckgedr&#228;ngt und „in den Bereich des Wunschdenkens und M&#228;rchenerz&#228;hlens“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> verwiesen hat, wieder auf die Tagesordnung zu setzen.<o :p></o><br />
Die „globalisierungskritische“ Bewegung seit 1999 hat mit ihrem Slogan „Menschen statt Profite“ die Frage, ob wir wirklich in der „besten aller m&#246;glichen Welten“ leben wieder aufgeworfen und damit eine neue Debatte um systemische Alternativen, um gesellschaftliche „Utopien“ angesto&#223;en. Das gilt es aufzugreifen und mit Inhalt zu f&#252;llen.</p>
<p><em>Ein</em> solcher Vorschlag ist der eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE):<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Jeder Mensch soll <em>bedingungslos</em>, d.h. ohne, dass Arbeitsleistung oder Arbeitsbereitschaft daf&#252;r verlangt wird, und unabh&#228;ngig von anderen Einnahmequellen (z.B. aus Lohnarbeit), ein Einkommen (vom Staat) erhalten, das ihm/ihr ein Leben in W&#252;rde garantiert.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Begr&#252;ndet wird diese Forderung mit dem „<em>uneingeschr&#228;nkte[n] Recht</em> auf eine angemessene &#246;konomische Lebensgrundlage f&#252;r alle“ <a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a></p>
<p>In diesem Sinn geht das Konzept des BGE weit &#252;ber die im vorigen Abschnitt angef&#252;hrten Punkte hinaus, denn die Forderung nach Ausweitung politischer Rechte zu sozialen Grundrechten ber&#252;hrt die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Das System der Lohnarbeit beruht auf dem „Recht auf Ausbeutung zu jedem marktnotwendigen Preis“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a>; Lohnersatzleistungen werden nur unter der Beding-<br />
ung der „unbedingten und vollst&#228;ndigen Verf&#252;gbarkeit f&#252;r den Arbeitsmarkt“ gezahlt. Ein soziales Grundrecht auf ein Einkommen, das ein Leben in W&#252;rde erm&#246;glicht <em>unabh&#228;ngig</em> vom Zwang, daf&#252;r zu arbeiten, – eben ein garantiertes Grundeinkommen – steht in grunds&#228;tzlichem Widerspruch zur kapitalistischen Verwertungslogik und Profitmaximierung.</p>
<p>Das BGE zielt somit ins Herz des herrschenden Gesellschafts- und Menschenbilds. Wenn gefordert wird, allen Menschen die gleichen M&#246;glichkeiten zu geben, „das Leben zu f&#252;hren, das <em>sie</em> – als bestimmte Individuen mit einem eigenen Profil von F&#228;higkeiten, Lebensgeschichte, kulturellem Hintergrund und Bed&#252;rfnissen – Grund haben zu sch&#228;tzen“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a>, so sind diese Gerechtigkeitsprinzipien mit kapitalistischen Priorit&#228;ten nicht kompatibel. Nicht zuf&#228;llig hat der neoliberale Vordenker Hayek &#252;berhaupt bestritten, dass an den Kapitalismus Gerechtigkeitsma&#223;st&#228;be angelegt werden k&#246;nnten.<br />
Ein Grundeinkommen ist deshalb solange „utopisch“, als die kapitalistischen Zw&#228;nge die gesellschaftlichen M&#246;glichkeiten vorgeben. Die Tatsache, dass die Durchsetzung des BGE unter kapitalistischen Vorzeichen nicht m&#246;glich sein wird, wirft folglich weitergehende Fragen auf, wie eine egalit&#228;re Gesellschaft politisch und &#246;konomisch organisiert werden sollte.</p>
<p>Am wichtigsten scheint mir: Die Einf&#252;hrung eines Grundeinkommens m&#252;sste Hand in Hand gehen mit der gesellschaftlichen Aneignung der Verm&#246;gen und produktiven Ressourcen und deren demokratischer Verwaltung durch die Bev&#246;lkerung. Erst dann w&#228;re die Verteilung des Reichtums entlang der Gerechtigkeitsprinzipien, die die Idee des Grundeinkommens leiten, verwirklichbar.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Auch wenn sich die meisten ProponentInnen des BGE nicht als AntikapitalistInnen verstehen, ist die Forderung somit zumindest <em>normativ</em> antikapitalistisch – und genau das macht ihre<br />
soziale Sprengkraft aus.<br />
Freilich soll das BGE kein Ersatz f&#252;r jene Forderungen sein, wie sie im ersten Abschnitt formuliert wurden. Im Gegenteil ist der Kampf um Arbeitszeitverk&#252;rzung, Mindestlohn usw. viel unmittelbarer notwendig und m&#246;glich.</p>
<p>Das BGE kann jedoch eine Debatte &#252;ber alternative Werte und Priorit&#228;ten einer „anderen Welt“ jenseits kapitalistischer Verwertungslogik er&#246;ffnen, und helfen, die normativen Grundlagen einer solchen egalit&#228;ren Gesellschaft zu begr&#252;nden. Dabei stellen die Prinzipien des BGE auch heute schon allgemeine Orientierungspunkte f&#252;r die gesellschaftliche Auseinandersetzung dar.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a></p>
<p>1. Das Grundeinkommen kn&#252;pft sozialpolitische Forderungen <em>nicht</em> an das Wohlergehen „der Wirtschaft“. Das bedeutet, dass die Logik der Profitmaximierung und die Budgetpolitik der Staaten auch nicht als eine „quasi nat&#252;rliche, un&#252;berwindliche Schranke f&#252;r die Perspektive des politischen Handelns erachtet und als solche auch nicht akzeptiert wird.“</p>
<p>2. W&#228;hrend die Politik die Sicherung der grundlegenden Lebensbedingungen zunehmend in die Eigenverantwortung jedes isolierten Einzelnen entl&#228;sst, stellt sich das Konzept des Grundeinkommens prinzipiell gegen jede Form der Privatisierung gesellschaftlicher Aufgaben.</p>
<p>3. Der Vorschlag der Entkoppelung von Einkommen und Lohnarbeit impliziert, dass auch die Bedeutung nicht-erwerbsf&#246;rmiger Arbeiten gesellschaftlich anerkannt wird: Kinderbetreuung und -erziehung, Pfleget&#228;tigkeiten, Beratungseinrichtungen, politische soziale und k&#252;nstlerische Initiativen, NGOs etc.</p>
<p>4. Die Rolle des Staates beschr&#228;nkt sich im Konzept des Grundeinkommens darauf, „allen BezieherInnen des Grundeinkommens dieses p&#252;nktlich zu &#252;berweisen.“ Das impliziert sowohl die Ablehnung jeglicher kontrollierenden, &#252;berwachenden und disziplinierenden staatlichen Ma&#223;nahmen, als auch die Betonung, dass der Kampf um eine gerechte Gesellschaft von den Menschen selbst organisiert werden muss und nicht an staatliche Instanzen delegiert werden kann.</p>
<h3>Politik des „Unm&#246;glichen“</h3>
<p>Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat die heutige Politik treffend als „Post-Politik“ bezeichnet, weil sie „echte Politik“, “die Kunst des <em>Unm&#246;glichen</em>”, ausschlie&#223;t, die<br />
„gerade die Parameter dessen, was in der existierenden Konstellation als ‚m&#246;glich’ betrachtet wird“ ver&#228;ndert.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Politik als „Kunst des Unm&#246;glichen“ bedeutet demnach, nicht zu akzeptieren, dass die kapitalistische Marktwirtschaft den Horizont m&#246;glicher Ver&#228;nderung definiert. Es bedeutet auch, konkret &#252;ber „Utopien“ einer egalit&#228;ren Gesellschaft nachzudenken.<br />
Schon Lenin, von dem man das wohl am wenigsten erwarten w&#252;rde, betonte: „Wir m&#252;ssen tr&#228;umen!“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Allerdings d&#252;rften Traum und Wirklichkeit nicht unverbunden nebeneinander stehen. Den „Zwiespalt“ zwischen beiden zu &#252;berwinden sei Aufgabe politischer Strategie. Deshalb ist jede normative Kritik an den herrschenden Zust&#228;nden unvollst&#228;ndig ohne anzugeben, wie und von wem die ungerechten Verh&#228;ltnisse ge&#228;ndert werden k&#246;nnen. Die Debatte um das Ziel einer egalit&#228;ren Gesellschaft muss folglich in den konkreten K&#228;mpfen im hier und heute verankert werden.<br />
Eine anti-neoliberale Bewegung sollte Massenproteste um Ma&#223;nahmen organisieren, „die sowohl unmittelbare Verbesserungen bieten als auch beginnen, eine andere gesellschaftliche Logik einzuf&#252;hren.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen k&#246;nnte eine M&#246;glichkeit daf&#252;r sein.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Hauer, Dirk: Anmerkungen zur Prekarit&#228;t; in: SiG 43. p19-20; hier: p19.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard 1999: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair; online: http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Volksstimme 26/99.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Schr&#246;der/Blair: a.a.O.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> 30 Wochenstunden sind freilich noch eine relativ moderate Forderung. Christian Felber (ATTAC) bspw. schl&#228;gt, angesichts der Produktivit&#228;tsentwicklung, eine Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden vor. (Felber, Christian: 50 Vorschl&#228;ge f&#252;r eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus. Wien: Deuticke 2006. p254ff)<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> vgl. Eurom&#228;rsche: Der Ansatz der Europ&#228;ischen M&#228;rsche gegen Erwerbslosigkeit, ungesch&#252;tzte Besch&#228;ftigung und Ausgrenzung. 2004.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Armutskonferenz (http://www.armutskonferenz.at/armut_in_oesterreich_workingpoor.htm)<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Allerdings muss eine gewerkschaftliche Kritik am gesetzlichen Mindestlohn ernst genommen werden, n&#228;mlich, dass dadurch die Kollektivvertragshoheit ausgeh&#246;hlt w&#252;rde. Vgl. dazu Hermann, Christoph: Mindestl&#246;hne in &#214;sterreich; online: http://www.forba.at/files/download/download.php?_mmc=czo2OiJpZD0xNDUiOw sowie den Aufsatz von Kurt Nikolaus et al. im Sammelband Einkommen zum Auskommen. Von bedingungslosem Grundeinkommen, gesetzlichen Mindestl&#246;hnen und anderen Verteilungsfragen. Hamburg: VSA 2004. 94-110.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Gauper, Ortrun 2006: Wir m&#252;ssen uns &#246;ffnen; in SoZ Juli 2006. p5; online: http://members.aol.com/sozabc/060705.htm<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Vgl. Tálos, Emmerich (Hg.): Bedarfsorientierte Grundsicherung. Wien: Mandelbaum 2003; Eurom&#228;rsche: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Allerdings ist die Grundsicherung an die Bereitschaft zur Annahme „zumutbarer Arbeiten“ gekn&#252;pft. Was als „zumutbar“ gilt, unterscheidet sich selbstverst&#228;ndlich grundlegend von den Vorstellungen von Industriellenvereinigung &amp; Co. (vgl. Tálos: a.a.O.) Dennoch liegt hier eine potentielle Schwachstelle der Grundsicherungsmodelle.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Harvey, David 2005: Der neue Imperialismus. Hamburg: VSA.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Vgl. Hirsch, Joachim/ Steiner, Heinz: Gibt es eine Alternative zum neoliberalen Sozialstaatsabbau? Umrisse eines Konzepts von Sozialpolitik als Infrastruktur; http://www.links-netz.de/K_texte/K_links-netz_sozpol.html<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Wertsch&#246;pfungsabgabe: die Bemessung der Sozialabgaben der „Arbeitgeber“ nach Lohnsumme durch die Heranziehung der gesamten Wertsch&#246;pfung im Produktionsprozess ersetzen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Callinicos, Alex: Ein Anti-Kapitalistisches Manifest. Hamburg: VSA 2004. p129f.<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Reitter, Karl: Garantiertes Grundeinkommen jetzt!; in: Grundrisse 12 (2004); online: http://www.unet.univie.ac.at/~a9709070/grundrisse12/12karl_reitter.htm<o :p></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Der Vorschlag eines Grundeinkommens wurde in den 1980ern von Sozialminister Dallinger aufgegriffen und wird heute auch in den Gewerkschaften diskutiert. vgl. Gauper: a.a.O. und Dallinger, Alfred (Hg.): Basislohn/Existenzsicherung. Garantiertes Grundeinkommen f&#252;r alle? Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr. 16. Wien: BM f. Arbeit und Soziales 1987.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Tats&#228;chlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Grundeinkommenskonzepte. Die ProponentInnen des BGE sind sich dabei sowohl &#252;ber Inhalt als auch &#252;ber Durchsetzbarkeit und Implikationen der Forderung uneins. Sogar Kombilohnmodelle und Vorschl&#228;ge einer negativen Einkommenssteuer werden unter dem Begriff Grundeinkommen diskutiert. Ich verzichte hier auf eine Kritik dieser Modelle und bringe die Grundeinkommensforderung im Folgenden in der Art und Weise in die Diskussion ein, wie sie mir sinnvoll und fortschrittlich erscheint. Mir ist bewusst, dass sich dies von vielen anderen Vorschl&#228;gen abhebt. (Zur Geschichte der Grundeinkommensforderung vgl. Van Parijs, Philippe/ Vanderborght, Yannick: Ein Grundeinkommen f&#252;r alle? Geschichte und Zukunft eines radikalen Vorschlags. Frankfurt: Campus 2005 und F&#252;llsack, Manfred: Leben ohne zu arbeiten? Zur Sozialtheorie des Grundeinkommens. Berlin: Avinus 2002; zur Kritik vgl. z.B. Roth, Rainer: http://www.gegen-sozialabbau.de/downloads/bge_rr.pdf)<o :p></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Reitter, Karl: Garantiertes Grundeinkommen jetzt!, a.a.O. (m.Hv.)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Im Prinzip wird damit nicht mehr gefordert, als das, was die b&#252;rgerliche Gesellschaft seit jeher versprochen hat, aber nie konsequent einl&#246;sen konnte: Freiheit und Gleichheit werden nur als formale politische Rechte gew&#228;hrt, die &#214;konomie bleibt ausgenommen. In der Grundeinkommensdiskussion geht es dagegen genau um die materiellen Grundlagen von Freiheit und Gleichheit. Dieckmann meint daher treffend: „Wenn man so will, bringt die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen eine b&#252;rgerliche Utopie gegen die real existierende b&#252;rgerliche Gesellschaft ins Spiel.“ (Dieckmann, Martin: Der Grund der Rechte. Kontroversen &#252;bers „bedingungslose Grundeinkommen“; http://www.linksnet.de/artikel.php?id=2209)<o :p></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Klein, Angela: Das Leben in W&#252;rde und der Kapitalismus; in: SiG 43. p16-17.<o :p></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Callinicos: a.a.O. p121. <o :p></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> D.h., dass ein bedingungsloses Grundeinkommen eine wichtige Ma&#223;nahme einer sozialistischen &#220;bergangsgesellschaft darstellen kann, in der zwar die Lohnform tw. noch besteht, deren Bedeutung jedoch durch die kontinuierliche Erh&#246;hung eines Grundeinkommens mehr und mehr abgeschw&#228;cht wird. Diese Formulierung unterscheidet sich von demjenigen von van Parijs, der im Rahmen eines Modells der <em>evolution&#228;ren</em> Transformation des Kapitalismus die allm&#228;hliche Erh&#246;hung eines Grundeinkommens selbst schon als „schrittweise Entwicklung hin zum Kommunismus“ auffasst. (van Parijs/Vanderborght: a.a.O., p90) Einen &#228;hnlichen Gedanken entwickelt, wenn ich ihn richtig verstehe, auch Reitter auf Basis der Konzeption einer „dualen Wirtschaft“. (http://homepage.univie.ac.at/Karl.Reitter/grundeinkommen.htm)<o :p></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Das Folgende nach Reitter, Karl: Dimensionen des garantierten Grundeinkommens. Eine Antwort auf popul&#228;re Einw&#228;nde; http://homepage.univie.ac.at/Karl.Reitter/grundeinkommen.pdf, p14.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Žižek, Slavoj: Die T&#252;cke des Subjekts. Frankfurt: Suhrkamp 2001. p274.<o :p></o><br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Lenin, Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung; in: Werke Bd. 5, p355-549; hier p529.<o :p></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Callinicos, a.a.O. p141.<span lang="EN-GB"><o :p></o></span></p>
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		<title>Der andere Iran</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 07:05:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der aktuelle Atomkonflikt sowie das Bild der Islamischen Republik unter der Herrschaft des konservativen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinedschad als mittelalterliches Regime dominiert die westliche Berichterstattung &#252;ber den Iran. Die US-Regierung stilisiert das Land als Terrorstaat, der nur mit milit&#228;rischen Mitteln bezwungen werden kann. Tats&#228;chlich aber gibt es eine lange Geschichte von Widerstand gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung durch despotische Herrscher und deren westliche Verb&#252;ndete. Diese Tradition ist im heutigen Iran immer noch lebendig. Von <em>Behrooz Rahimi</em>.<br />
<span id="more-88"></span><br />
Der Iran unterlag im 20. Jahrhundert einer langen Periode ausl&#228;ndischer Kontrolle und Ausbeutung. Grund daf&#252;r war die geostrategische Lage als Br&#252;cke zwischen der Arabischen Welt, Europa und Asien sowie dessen Reichtum an Erd&#246;l.</p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir uns &#252;ber die aktuelle Situation der „Islamischen Republik“ klar werden wollen, m&#252;ssen wir zu den Wurzeln der Entstehung dieses Systems zur&#252;ckkehren. Diese liegen in einem der gr&#246;&#223;ten sozialen und politischen Umbr&#252;che, der den Mittleren Osten im 20. Jahrhundert ersch&#252;tterte, der iranischen Revolution von 1978/79.</p>
<h3>Shahdiktatur und Revolution</h3>
<p>W&#228;hrend der 60er und 70er Jahre fanden im Iran massive &#246;konomische und soziale Ver&#228;nderungen statt. Durch die Profite aus den &#214;lgesch&#228;ften konnte in westliche Technologie, Industrialisierung und eine begrenzte Verbesserung der Gesundheits- und Bildungssituation investiert werden. Der Pahlavi-Staat<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, unterst&#252;tzt vom Westen, war dabei die Hauptkraft in der Akkumulation von Kapital. Doch nur eine kleine Minderheit konnte von diesen Entwicklungen profitieren. Die von den USA und dem Westen unterst&#252;tzte Shah-Regierung verhalf einer kleinen Oberschicht von Kapitalisten, Gro&#223;grundbesitzern und Staatsb&#252;rokraten zu Reichtum, w&#228;hrend die Mehrheit der IranerInnen in wachsender Armut leben musste. Obwohl das Bruttonationaleinkommen pro Kopf 1978 bei mehr als 2.000 Dollar lag, hatten 87% der D&#246;rfer keine Schule, nur 1% besa&#223; medizinische Einrichtungen, die Preise stiegen kontinuierlich und 40-50% des Budgets wurden f&#252;r Milit&#228;rausgaben verwendet.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Durch die Einf&#252;hrung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in die iranische Landwirtschaft konnten viele Menschen gegen die Konkurrenz nicht mehr bestehen. Sie wanderten in die St&#228;dte, wo sie in Wellblechst&#228;dten und Armut leben mussten. Gleichzeitig verloren auch die traditionell privilegierten Klassen an Einfluss und Wohlstand. Die Geistlichkeit b&#252;&#223;te einen gro&#223;en Teil ihres Gro&#223;grundbesitzes nach den Bodenreformen des Shahs ein und die <em>Bazaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute der Bazare) litten unter der Konkurrenz in der kapitalistischen Marktwirtschaft. Diese &#246;konomischen und sozialen Verh&#228;ltnisse wurden von einem massiven Repressionsapparat gesichert.</p>
<p>Die Revolution von 1978-79 war das Resultat enormer Unzufriedenheit mit wachsenden sozialen und &#246;konomischen Disparit&#228;ten, einer Wut gegen die brutale politische Repression und dem Ausschluss der Mehrheit aus dem politischen System des Shahs. Die Bewegung gegen diese politische und soziale Unterdr&#252;ckung wurde von ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen sowie nationalen und religi&#246;sen Minderheiten getragen. Sie brachten eines der brutalsten vom Westen unterst&#252;tzten Regime im Mittleren Osten zu Fall.<br />
Der Kampf der iranischen ArbeiterInnen war neben der StudentInnen- und Frauenbewegung ein wesentliches Element der Revolution. Sie hatten durch ihren Generalstreik der alten Ordnung den letzten Sto&#223; verpasst und eine selbstbewusste radikale Wandlung durchgemacht. Sie begannen sich in ArbeiterInnenr&#228;ten (<em>Shoras</em>) zu organisieren und &#252;bernahmen, nachdem die alten Manager und Bosse geflohen waren, die Kontrolle &#252;ber die Produktion in den Fabriken.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Die Entwicklung der Islamischen Republik</h3>
<p>Die nach dem Sturz des Shah-Regimes erk&#228;mpfte politische Freiheit erm&#246;glichte es sozialen Gruppen, Parteien und Initiativen zum ersten Mal seit 26 Jahren sich frei zu organisieren. Das Streben nach politischer Partizipation und sozialer Gerechtigkeit pr&#228;gten diese Zeit. Obwohl die Geistlichen durch die Unterst&#252;tzung der st&#228;dtischen verarmten Massen und der religi&#246;sen Mittelschicht die F&#252;hrung in der Revolution gewinnen konnten, war ihre Macht noch nicht gefestigt. Allerdings f&#252;hrte das Versagen der linken und s&#228;kularen Kr&#228;fte<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> dazu, dass sie diese immer weiter ausbauen konnten. Als Vehikel zur Massenverankerung der islamischen Bewegung dienten die sogenannten <em>Komiteh</em> (politische Gremien), die aus den Moscheen heraus die administrativ-politischen Aufgaben &#252;bernahmen. Damit verbunden entstand die <em>Basidji</em>-Organisation, eine Art Volksmiliz mit dem Ziel, die Menschen f&#252;r die Islamische Revolution zu mobilisieren.</p>
<h3>Machtkonsolidierung</h3>
<p>Die 80er Jahre standen zun&#228;chst im Zeichen materieller Zugest&#228;ndnisse an die Basis der Islamischen Bewegung. Das vom Shah und seinen Verb&#252;ndeten konfiszierte Verm&#246;gen und Eigentum wurde durch Islamische Stiftungen (<em>Bonjad</em>) verwaltet und umverteilt. Die religi&#246;se Mittelklasse, die st&#228;dtischen SlumbewohnerInnen und ArbeiterInnen, die den Islamischen Staat unterst&#252;tzen, wurden bei Anstellungen und Bildungsm&#246;glichkeiten beg&#252;nstigt. Dieses Vorgehen erkl&#228;rt den R&#252;ckhalt des Regimes in den &#228;rmeren iranischen Schichten. Dies war jedoch verbunden mit der Konsolidierung der Macht der islamischen Eliten. Schleichend wurden die Strukturen von unten, welche sich w&#228;hrend der Revolution etabliert hatten, ausgeh&#246;hlt. Zum Beispiel wurden die ArbeiterInnenschoras wieder aufgel&#246;st und die Kontrolle &#252;ber die Betriebe ging in die Hand „islamischer Manager“ &#252;ber.</p>
<p>Der zweite Aspekt auf dem Weg zur Festigung der Macht war die Instrumentalisierung au&#223;enpolitischer Krisen. Der vom Irak 1980 angezettelte Krieg gegen den Iran war hier ein entscheidender Schritt. „Der Krieg verschleierte die schwere wirtschaftliche Krise und konnte au&#223;erdem f&#252;r die Nichteinl&#246;sung so mancher Versprechen der Revolution verantwortlich gemacht werden.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Au&#223;erdem wirkte er wie ein neuerlicher Mobilisierungsschub f&#252;r die Islamische Republik. „Denn selbst die Iraner, die eigentlich gegen die Islamische Republik waren, wechselten im Zuge der Verteidigung gegen die ausl&#228;ndischen Aggressoren in Khomeinis<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lager.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> In dieser Situation konnten die Reste der linken und nationalistischen Opposition ausgeschaltet werden. S&#228;kulare Frauen- und StudentInnenorganisationen wurden brutal verfolgt und durch islamische Organisationen ersetzt.</p>
<p>Der Iran-Irak Krieg endete 1988 mit Tausenden Toten und massiver Zerst&#246;rung von Infrastruktur sowie wichtiger wirtschaftlicher Sektoren. Die dramatischen Auswirkungen des Krieges schw&#228;chten den R&#252;ckhalt der islamischen F&#252;hrung in der Bev&#246;lkerung.</p>
<h3>&#214;konomische Liberalisierung</h3>
<p>Das Ende des Krieges brachte eine Verschiebung der Machtverh&#228;ltnisse in der islamischen F&#252;hrung und im Zuge dessen eine wirtschaftliche Neuausrichtung mit sich. Der unangefochtene Revolutionsf&#252;hrer Ayatollah Khomeini hatte es bis dahin noch geschafft, die verschiedenen Fraktionen der islamischen Bewegung zu vereinen. Mit seinem Tod 1989 und neuer politischer und &#246;konomischer Rahmenbedingungen zerbrach dieses B&#252;ndnis und es setzte sich ein wirtschaftsliberaler Kurs unter dem einflussreichen Geistlichen Haschemi Rafsanjani<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> durch. Der Wirtschaftswissenschaftler Mahdy Farhadian beschreibt die Neuausrichtung der Islamischen Republik: „Nach einem Jahrzehnt der aktiven Interventionen des Staates in die Wirtschaft verschob sich die <em>balance of power</em> innerhalb der Wirtschaft, weg von den mostasaffin, den Unterdr&#252;ckten, und hin zur Bourgeoisie und ihrer verb&#252;ndeten Mittelklasse. Dieser Trend wird verst&#228;rkt durch die Deregulierung der Preise auf Lebensmittel und andere G&#252;ter sowie Dienstleistungen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Dazu kam, dass die Privatisierung von nicht rentablen Staatsbetrieben zu einer sch&#228;rferen Situation am Arbeitsmarkt beitrug. Dieser neue Kurs war in der Bev&#246;lkerung unpopul&#228;r, und selbst innerhalb des islamischen Lagers nicht unumstritten. Es kam in dieser Situation zu einem wachsenden Spalt zwischen einer korrupten geistlichen Oberschicht und der verarmten Bev&#246;lkerung<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>, als auch zu immer deutlicheren Differenzen zwischen Radikalislamisten, Konservativen, Wirtschaftsliberalen und Islamischen Reformern.</p>
<p>Viele prominente Geistliche<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> und ehemalige Islamische Revolution&#228;re begannen aufgrund anhaltender politischer Repression offene Kritik an der konservativen F&#252;hrung zu &#228;u&#223;ern und manche sogar die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> in Frage zu stellen.</p>
<h3>Reformbewegung von oben</h3>
<p>Auch in der iranischen Bev&#246;lkerung wuchs die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen – Proteste wurden lauter. Diese Stimmung f&#252;hrte 1997 zur Wahl des reformfreundlichen Geistlichen Khatami<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, welcher vor allem mit den Stimmen der Frauen und Jugendlichen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt wurde. Die neue Regierung bot der Bewegung von unten den Rahmen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Pressezensur wurde nach und nach ausgeh&#246;lt und es entwickelte sich eine breite, von den neuen Medien und sozialen Gruppen getragene, &#246;ffentliche politische Debatte. Es kam zu Protesten und Auseinandersetzungen f&#252;r eine politische Liberalisierung. Trotz Redaktionsschlie&#223;ungen von Reformzeitungen, Verhaftungen von AktivistInnen und politischer Morde lie&#223; sich die Bewegung nicht einsch&#252;chtern.<br />
Ab der zweiten Amtsperiode Khatamis spitzte sich die wirtschaftliche Situation weiter zu. Das Wirtschaftsprogramm sah weitreichende Privatisierungen<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, weitere Deregulierung des Marktes und Einschnitte in das Sozialsystem vor. Die allgemeinen Lebensbedingungen sanken aufgrund der Reduktion sozialer Leistungen. Die Arbeitslosigkeit unter der seit den 80er Jahren rasch anwachsenden Bev&#246;lkerung stieg. All dies f&#252;hrte zu sozialer Unzufriedenheit und gro&#223;er Entt&#228;uschung mit der reformistischen Regierung.<br />
Ein erster Bruch zwischen der Reformbewegung auf der Stra&#223;e und der reformistischen Regierung manifestierte sich mit den StudentInnenprotesten 1999. Khatami stellte sich offen auf die Seite des Systems und verurteilte die Proteste. Das war f&#252;r die StudentInnen, die auf Khatami vertraut hatten, ein Schlag ins Gesicht – die Regierung hatte sich von der Bewegung distanziert.<br />
Auch innerhalb der herrschenden Klasse konnten sich die Reformisten immer schlechter durchsetzten. Ihre Anstrengungen das politische System zu reformieren stie&#223;en auf den Widerstand noch m&#228;chtigerer Instanzen wie zum Beispiel Revolutionsf&#252;hrer Khamenei<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und W&#228;chterrat. Die Bem&#252;hungen f&#252;r eine institutionelle Reform scheiterten am Widerstand der konservativen Kr&#228;fte und an der kompromissbereiten und z&#246;gernden Strategie der Regierung.<br />
Mit ihrer neoliberalen unsozialen Politik konnte die Regierung die verarmten Bev&#246;lkerungsschichten nicht mehr f&#252;r sich mobilisieren. Auch die von vielen erhofften politischen Reformen kamen nicht zustande.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>Das Fehlen von Antworten f&#252;r die soziale Problematik im Land erm&#246;glichte es den Radikalislamisten mit Sozialdemagogie eine z&#246;gernde Unterst&#252;tzung unter den &#196;rmsten zu gewinnen.</p>
<h3>Der Machtwechsel zu den Radikalislamisten</h3>
<p>Viele der Radikalislamisten stammten aus den st&#228;dtischen und l&#228;ndlichen Unterschichten und hatten sich w&#228;hrend der Iranischen Revolution in Hoffnung auf materielle und politische Verbesserungen den <em>Basidjis</em> angeschlossen. Diese „Fu&#223;soldaten“ der Islamischen Republik „waren diejenigen, die zu Beginn der Revolution die Demonstrationen und Kundgebungen organisierten, diejenigen, die w&#228;hrend des achtj&#228;hrigen Krieges gegen den Irak an vorderster Front k&#228;mpften, diejenigen, die sich um die Niederschlagung oppositioneller Gruppen k&#252;mmerten – mit einem Wort, sie waren diejenigen, die die Drecksarbeit verrichteten, w&#228;hrend die &#228;lteren Herren die Fr&#252;chte ernteten.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Radikalislamisten waren von der Korruption und Bereicherung ihrer geistigen F&#252;hrung entt&#228;uscht und sahen einen Verrat an den ideologischen und sozialen Wurzeln der Islamischen Republik. Durch den Sieg der Reformisten Ende der 90er Jahre gewannen die islamistischen <em>Basidji</em>-Milizen und Revolutionsw&#228;chter im Lager der Konservativen wieder an Gewicht. Sie wurden wieder vermehrt zur Niederschlagung der Opposition sowie zur Mobilisierung der islamistischen Basis eingesetzt, welche durch die Sozialwerke der Islamischen Stiftungen an der Stange gehalten wurden.<br />
Am 27. Februar 2004 schafften es die Konservativen wieder die Kontrolle &#252;ber das Parlament zu &#252;bernehmen und im letzten Jahr gewann Mahmud Ahmadinedschad, ein Vertreter der Radikalislamisten im Iran, die Pr&#228;sidentschaftswahl. Damit hat die Reform&#228;ra von oben ein nicht unerwartetes Ende genommen. Dem Wahlgang war ein langer Prozess politischer Machtk&#228;mpfe zwischen den islamischen Fraktionen sowie Repressionswellen gegen Oppositionelle und reformfreundliche Zeitungen vorangegangen. Bei den Parlamentswahlen 2004 als auch bei den Pr&#228;sidentenwahlen 2005 wurden tausende von Bewerbern und sogar 87 bereits gew&#228;hlte Parlamentsmitglieder durch den W&#228;chterrat von den Wahlen ausgeschlossen, was den Konservativen von vornherein die Staatsmacht sicherte. Aus diesem Grund boykottierten viele IranerInnen die Wahlen.<br />
Die Pr&#228;sidentenwahl von 2005, wo sich Ahmadinedschad gegen den ehemaligen Pr&#228;sidenten Rafsanjani durchsetzte, zeigte aber auch die Konflikte in der Machtelite der Islamischen Republik. Ahmadinedschad gab sich als K&#228;mpfer gegen Korruption und Vetternwirtschaft.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Seine Sozialdemagogie sprach das Bed&#252;rfnis der benachteiligten IranerInnen nach Sicherung ihrer materiellen Existenz erfolgreich an. Er wurde nicht wegen seiner religi&#246;sen Rhetorik sondern in erster Linie wegen seiner sozialen Versprechen von den Armen gew&#228;hlt. Dies zeigt das Scheitern der Reformer auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit. Es gab unter den f&#252;hrenden Reformkr&#228;ften kaum jemanden, der eine Alternative zum konservativen Sozialislamismus Ahmadinedschads darstellen konnte. Die Wahl Ahmadinedschads war eine Protestwahl mancher Sektionen der Unterschichten gegen die neoliberale reformistische F&#252;hrung.<br />
Die neue iranische Regierung wird ihre sozialen Versprechungen f&#252;r die &#196;rmsten nicht in die Tat umzusetzen. Noch dazu fehlt ihr die Unterst&#252;tzung der Mehrheit der IranerInnen und, was nicht minder wichtig ist, die Unterst&#252;tzung eines erheblichen Teils des konservativen Lagers. Deshalb trat sie die Flucht nach vorne an: Konflikte auf die Spitze treiben, (au&#223;enpolitische) Krisen erzeugen, die Armen mit populistischen Parolen mobilisieren, die Gegner denunzieren und Feindbilder aufstellen. Mit dieser Methode gelang es ihr, zumindest ein geringes Ma&#223; an Unterst&#252;tzung zu sichern.</p>
<h3>Aktuelle Bewegungen: Arbeitsk&#228;mpfe</h3>
<p>Die AktivistInnen der Reformbewegung waren vom Scheitern der reformistischen F&#252;hrung desillusioniert und wandten sich von ihr ab. Doch das Versagen der Reformbewegung von oben zeigte den ArbeiterInnen, Frauen, StudentInnen und Jugendlichen die Grenzen und Widerspr&#252;che der Islamischen Republik und verursachte einen hohen Politisierungsgrad.<o></o></p>
<p>Die Islamische Republik bezog ihre Legitimation aus der Unterst&#252;tzung der <em>Mostasaffin</em>, den Armen und ArbeiterInnen. Die Verbindung zwischen dieser Basis und der islamischen Oberschicht ging wegen der wirtschaflichen Neuausrichtung in die Br&#252;che. Anfang der 90er intensivierten sich aufgrund der schlechter werdenden Lebensbedingungen die sozialen Auseinandersetzungen. 1995 kam es gegen die Verdopplung der Buspreise zu gewaltsamen Ausschreitungen in Islamshahr, einem ArbeiterInnenviertel von Teheran. Die Proteste endeten in einem Blutbad.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Aufst&#228;nde wurden zwar niedergeschlagen, aber sie markierten eine Wende im Grad der sozialen Auseinandersetzung. Die Bev&#246;lkerung, besonders die &#228;rmeren Schichten, war von nun an bereit auch zu radikaleren Mitteln zu greifen.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a><br />
In den letzten Jahren gab es speziell in der Frage nicht ausbezahlter L&#246;hne sowie der Angst vor Arbeitsplatzverlust zahlreiche Streikaktionen von ArbeiterInnen in verschiedensten Wirtschaftszweigen. Au&#223;erdem treibt die massive Inflation die Preise in die H&#246;he und verursacht zus&#228;tzliche Wut gegen die Profiteure der Islamischen Republik an den Schalthebeln der Macht. Die Abneigung der einfachen Bev&#246;lkerung gegen die Geistlichen und deren Verb&#252;ndete zeigt sich im allgemeinen Stra&#223;enbild der iranischen Gro&#223;st&#228;dte. Mullahs m&#252;ssen am Stra&#223;enrand lange ausharren, bis ein Fahrer der zahlreichen Sammeltaxis sich dazu erbarmt sie mitzunehmen. Andere Fahrg&#228;ste weigern sich oft aufgrund der tiefen Abneigung vor dieser korrupten Elite mit einem Mullah im Taxi zu fahren.<br />
Ein weiteres Kampffeld f&#252;r die iranischen ArbeiterInnen ist die Etablierung von unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Der aktuellste Kampf war der Busarbeiterstreik in Tehreran. Die Gewerkschaft der Busarbeiter wurde in den 80er Jahren verboten, aber 2004 reanimiert. Sie setzt sich f&#252;r das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung ein und k&#228;mpft f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung durch die Forderung nach Kollektivvertr&#228;gen. Daf&#252;r wurden am 22. Dezember 2005 zw&#246;lf ihrer Anf&#252;hrer verhaftet, woraufhin ein Streik der Busarbeiter zur Befreiung einsetzte. Die Auseinandersetzung zwischen den ArbeiterInnen und dem Staatsapparat intensivierte sich in den folgenden Monaten. Hunderte Busfahrer, ihre Familienmitglieder und studentische SymphatisantInnen wurden dabei verhaftet, mussten aber bald wieder freigelassen werden.<br />
Trotz der massiven Repression und der Einsch&#252;chterungen, zeigt der Arbeitskampf die Aktivit&#228;t und Entschlossenheit der iranischen ArbeiterInnen. Sie fordern den theokratischen Staat auf ihre Weise heraus, indem sie gegen die ungerechte Verteilung von Reichtum und die politische Repression k&#228;mpfen.</p>
<h3>Frauenbewegung</h3>
<p>„Frauen im Iran haben trotz ideologischer Herrschaft und struktureller Beschr&#228;nkungen, im Kontext des schiitischen Islams, ein erstaunliches Engagement, Mut und Vorstellungskraft bewiesen um f&#252;r ihre Geschlechterinteressen, Menschenrechte und Demokratie zu k&#228;mpfen.“ Die Geschlechterkonstruktion, diktiert von den patriarchalen Institutionen wie Staat, Familie, Bildungsystem, Arbeitswelt, Medien und Parlament werden von ihnen aktiv konfrontiert und in Frage gestellt.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Die ideologischen und sozialen Entwicklungen im Iran der letzten 25 Jahre produzierten widerpsr&#252;chliche Tendenzen f&#252;r Frauen in der Gesellschaft. Auf der einen Seite wurde von der Islamischen F&#252;hrung versucht, (besonders s&#228;kulare) Frauen aus den offiziellen Sph&#228;ren gesellschaftlichen Lebens auszuschlie&#223;en und auf ihre reproduktive Rolle innerhalb der Familie zu beschr&#228;nken. Frauen wurden auf dem Arbeitsmarkt und vor dem Gesetz stark benachteiligt und ihr Leben repressiven Kontrollen unterworfen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Doch gleichzeitig waren religi&#246;se Frauen der Unterschichten ein wichtiges Element im Aufbau der Islamischen Republik gewesen. Diese relgi&#246;sen Frauen waren im modernen s&#228;kularen Pahlavi-Staat aufgrund ihrer Religi&#246;sit&#228;t marginalisiert und ideologisch vom Zugang zu s&#228;kularer Bildung und Arbeit ausgeschlossen gewesen. Der Islamische Staat erm&#246;glichte ihnen nun den Zugang zu materiellen und ideologischen Ressourcen und verlieh ihnen eine beschr&#228;nkte Macht. Paradoxerweise gab die patriarchale Ordnung religi&#246;sen Frauen aus traditionellen Familien zum ersten Mal die M&#246;glichkeit, ihre famili&#228;ren Zw&#228;nge zu verlassen und in Politik und Gesellschaft aktiv zu werden. Diese neu erworbene aktive Pr&#228;senz in der Gesellschaft gab religi&#246;sen Frauen ein noch nicht dagewesenes Selbstbewusstsein. Die wachsende Berufst&#228;tigkeit und der sozialpolitische Aktivismus von Frauen f&#252;hrte dazu, dass ihr Bewusstsein f&#252;r frauenspezifische Interessen stieg und sie die Schranken der staatlichen Geschlechterideologie in Frage stellten.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a></p>
<p>S&#228;kulare und islamische Frauen hatten in der iranischen Revolution und beim Sturz des Shah eine wichtige Rolle gespielt. Doch in den 80er Jahren gab es einen Bruch zwischen der islamischen und der s&#228;kularen Frauenbewegung &#252;ber die Frage der Gr&#252;ndung der Islamischen Republik. S&#228;kulare Frauenorganisationen wurden im Zuge der Islamisierung aus den Institutionen verdr&#228;ngt und durch staatliche islamische Frauenorganisationen ersetzt. Tats&#228;chlich folgte die Mehrheit der Iranerinnen den islamischen Feministinnen. Doch bereits in den 80er Jahren wandelte sich das Verh&#228;ltnis vieler islamischer Feministinnen zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen und dem Islamischen Staat, den sie unterst&#252;tzt hatten. Auf der Seite s&#228;kularer Feministinnen erkannten einige, dass Frauenunterdr&#252;ckung nicht allein auf die islamische Ideologie reduziert werden kann. Themen wie Scheidung, das Sorgerecht f&#252;r Kinder und andere Familiengesetze betreffen die &#246;konomische und soziale Rolle aller Frauen genauso wie Armut, Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit. In den 90er Jahren entwickelten sich daher aufgrund des steigenden &#246;konomischen Drucks gemeinsame Aktivit&#228;ten religi&#246;ser und s&#228;kularer berufst&#228;tiger Frauen und sie legten ihre Meinungsunterschiede, zum Beispiel &#252;ber das Tragen des Hejab (das islamische Kopftuch), beiseite. In Frauenzeitschriften durch Journalistinnen, im Parlament durch weibliche Abgeordnete oder Juristinnen wurde f&#252;r die Verbesserung der Situation iranischer Frauen in der Gesellschaft gek&#228;mpft.<br />
W&#228;hrend der Pr&#228;sidentenwahlen kandidierten 89 Frauen, um gegen die Verfassung zu protestieren, welche Frauen verbietet Pr&#228;sidentin zu werden. Im Zuge dessen gab es mehrere Demonstrationen und Sit-Ins von Demokratie- und FrauenaktivistInnen gegen diese Diskriminierung. Am 9. Juni 2005 st&#252;rmten mehrere hundert junge Frauen das Azadi-Fu&#223;ballstadion und widersetzten sich somit dem Verbot f&#252;r Frauen Fu&#223;ballspiele besuchen zu d&#252;rfen. Gleichzeitig praktizieren insbesonders Frauen in den St&#228;dten die Strategie des zivilen Ungehorsams gegen die islamischen Kleidervorschriften. Die Kopft&#252;cher r&#252;cken immer weiter nach hinten und die Gew&#228;nder werden enger. Die iranische Frauenbewegung hat trotz einer harten repressiven Politik immer wieder mit Ausdauer, Kreativit&#228;t und Radikalit&#228;t die Regeln der Islamischen Republik konfrontiert um ihrem Recht nach Gleichberechtigung und Freiheit Nachdruck zu verleihen.<br />
Die Frauenbewegung war und ist ein entscheidender Teil der Demokratiebewegung auf der Stra&#223;e. Frauen waren auch die entscheidende Stimme in der Wahl des reformfreundlichen Pr&#228;sidenten Khatami. Es konnten in den 90er Jahren tats&#228;chlich begrenzte Reformen im Familien-, Scheidungs- und Arbeitsrecht f&#252;r Frauen erk&#228;mpft werden. Dies war durch das selbstbewusste Engagement zahlreicher Frauenaktivistinnen am Arbeitsplatz, Universit&#228;t, in der Politik und Justiz erm&#246;glicht worden.</p>
<h3>StudentInnenproteste</h3>
<p>In der Islamischen Republik gab es in den 90er Jahren eine breite Bildungsoffensive. Im ganzen Land wurden Universit&#228;ten und Schulen gebaut um dem Versprechen nach „unentgeltlicher Ausbildung f&#252;r das Volk“ nachzukommen.<br />
Damit wurde eine Dynamik freigesetzt, die dem Regime gef&#228;hrlich geworden ist. „Die Erziehungspolitik der Republik ist verantwortlich daf&#252;r, dass die Kinder der Revolution hervorragend ausgebildet und politisiert wurden und sie, weil sie schon mit 16 Jahren das Wahlrecht erhalten, die Ersten waren, die ihrer Unzufriedenheit mit dem Regime Ausdruck verliehen.“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die h&#246;here Bildung f&#252;r einen gro&#223;en Teil der Bev&#246;lkerung erh&#246;ht auch die Erwartungen der (jungen) IranerInnen auf Gleichberechtigung vor dem Gesetz, gleicher politischer Partizipation, Recht auf Gesundheit, Bildung, Arbeit und das Frauenrecht, selbst entscheiden zu k&#246;nnen, den islamischen <em>Hejab</em> zu tragen oder nicht. Da diese Widerspr&#252;che in der Islamischen Republik nicht gel&#246;st werden k&#246;nnen, w&#228;chst die Unzufriedenheit der Jugend immer weiter.<br />
Die StudentInnenbewegung ist von Anfang an ein Herzst&#252;ck der Reform- und Demokratiebewegung gewesen. Die gelockerte Pressezensur Ende der 90er Jahre gab den Studiernden die M&#246;glichkeit, Ideen auszutauschen und eigene politische Zeitschriften zu publizieren. Die gr&#246;&#223;ten politischen Unruhen seit der iranischen Revolution fanden im Juli 1999 unter diesen Umst&#228;nden statt. Die Proteste richteten sich gegen die Schlie&#223;ung der reformistischen Zeitung „Salam“. In Reaktion darauf &#252;berfielen in der Nacht zum 9. Juli bewaffnete paramilit&#228;rische Einheiten die Studierendenschlafs&#228;le der Universit&#228;t Teheran. Dabei kam mindestens ein Student ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Im Verlauf der n&#228;chsten Tage fanden im ganzen Land Demonstrationen und Unruhen sowie zahlreiche Verhaftungen statt. Der 9. Juli gilt seitdem als wichtiger Bezugspunkt f&#252;r die StudentInnenbewegung und der Jahrestag wird mit Protesten gefeiert.<br />
2003 enz&#252;ndete das Vorhaben des Regimes, die StudentInnenwohnheime sowie andere universit&#228;re Dienstleistungen zu privatisieren und die Studiengeb&#252;hren zu erh&#246;hen, eine neuerliche Protestwelle. Die Studierenden lieferten sich &#252;ber zehn Tage lang n&#228;chtliche Stra&#223;enschlachten mit den Basidjis. Die Proteste politisierten sich sehr schnell und fordertem die Herrschenden insgesamt heraus. Die StudentInnenunruhen fanden in der Bev&#246;lkerung eine breite Zustimmung. In den Armenvierteln brachen selbst Unruhen aus und w&#228;hrend dieser zehn Tage ert&#246;nten Tausende von Autohupen in den Stra&#223;en Teherans und anderer gro&#223;er St&#228;dte um Solidarit&#228;t mit den Protestierenden zu zeigen. Die Aufst&#228;nde konnte zwar niedergeschlagen werden, markierten aber aufgrund der direkten Kritik gegen die herrschende Geistlichkeit eine neue Qualit&#228;t politischer Auseinandersetzungen.</p>
<h3>Perspektiven der iranischen Bewegungen</h3>
<p>Der Kampf um Demokratie und Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil der iranischen Gesellschaft. In den letzten Jahren haben wichtige Auseinandersetzungen stattgefunden. Wenn sie auch nicht gewonnen werden konnten, zeichnet sich das Bild einer dynamischen k&#228;mpferischen und weitverzweigten Demokratiebewegung ab, welche den undemokratischen Islamischen Staat und dessen Institutionen konfrontiert.<br />
Widerstand gegen das repressive Regime findet auch im Alltagsleben vieler IranerInnen seinen Ausdruck. Durch vielf&#228;ltige Strategien – das Brechen von konservativen Geschlechterrollen, aktive Nicht-Kooperation mit dem Islamischen Staat und dessen Vertretern, die Nutzung von nicht-staatlichen illegalen Medien (Satellitenfernsehen, Internet<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a>) – wird die ideologische Legitimit&#228;t der Islamischen Republik unterh&#246;hlt.<br />
Doch die aktuelle au&#223;enpolitische Lage stellt die iranische Demokratiebewegung vor ein gro&#223;es Problem. Die Attacken des Westen wegen der Urananreicherung Irans st&#228;rken die Position des Regimes. Die Mehrheit der IranerInnen unterst&#252;tzt trotz aller Kritik an der eigenen F&#252;hrung ihr Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie. Schlie&#223;lich hat der Iran eine lange Geschichte im Kampf f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit und Selbstbestimmung und diese ist im Bewusstsein der IranerInnen noch immer tief verwurzelt. Ahmadinedschad nutzt aber den „Feind von au&#223;en“ um den Nationalismus aufzupeitschen und die repressiven Apparate noch weiter zu st&#228;rken. Die iranischen Bewegungen stehen im Kreuzfeuer. Solange diese Situation anh&#228;lt existiert die M&#246;glichkeit, dass sich das Regime, welches nach wie vor unter Druck einer schwindenden Basis steht und sich gewisse Ma&#223;nahmen nicht mehr leisten kann, wieder festigt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kampf der internationalen Antikriegsbewegung gegen die Offensive der USA und EU gegen den Iran eine wichtige Voraussetzung um der iranischen Opposition den R&#252;cken frei zu halten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> 1953 putschte Mohammad Reza Schah Pahlavi mit Hilfe von Teilen des Milit&#228;rs und der CIA gegen die demokratisch gew&#228;hlte Regierung des Nationalisten Mohammad Mossadegh. Siehe dazu: Stephen Kinzer, All the Shah’s Men. An American Coup and the Roots of Middle East Terror, New Jersey 2003.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Maryam Poya, Women, Work &amp; Islamism. Ideology and Resistance in Iran, London 1999, p48.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Siehe zur Geschichte der Shoras: Maryam Poya, Iran 1979 – Lang lebe die Revolution! Lang lebe der Islam? http://www.linksruck.de/zeitung/archiv/geschich/mp_i1979.htm#kap3<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe dazu: Maziar Behrooz, Rebels with a Cause. The failure of the left in Iran, London 1999.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Rasoul Fadil, Irak-Iran: Ursachen und Dimensionen eines Konflikts, Wien 1987, p113.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini (1900-1989) war Geistliches Oberhaupt und Revolutionsf&#252;hrer der Islamischen Republik von 1979 bis zu seinem Tod 1989.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005, p84.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Rafsanjani ist einer der m&#228;chtigsten und reichsten Geistlichen des Iran. Er galt schon zu Khomeinis Zeiten als seine Rechte Hand und besetzte w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft die Schalthebel der Macht mit ihm getreuen Technokraten. Der Rafsanjani-Clan geh&#246;rt zu den reichsten Familien des Iran mit weitverzweigten wirtschaftlichen Aktivit&#228;ten.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p95, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Es leben heute gesch&#228;tzte 12 Millionen IranerInnen unter der Armutsgrenze. Ca. 80% des nationalen Verm&#246;gens liegt in den H&#228;nden der religi&#246;sen und politischen Elite. Diese Eliten waren aber weiterhin, wegen des Drucks von unten gezwungen, begrenzte materielle Zugest&#228;ndnisse in Form von Sozialleistungen zu machen.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Gro&#223;ayatollah Montazeri, einst der zweite Mann in der Islamischen Republik nach Khomeini und dessen potentieller Nachfolger, ist ein leuchtendes Beispiel daf&#252;r. 1988 begann er die Massenhinrichtungen von Oppositionellen offen zu kritisieren und wurde daraufhin aus der Macht ausgeschlossen und bis zum Jahr 2003 unter Hausarrest gestellt. Heute geh&#246;rt er zu den sch&#228;rfsten Kritikern der Islamischen Republik und genie&#223;t ein hohes Ansehen in der Bev&#246;lkerung.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>Velayath-e faghih</em>) ist ein Grundelement der Islamischen Republik und garantiert die politische Macht des Klerus.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Mohammed Khatami (1943 geboren) war der f&#252;nfte Staatspr&#228;sident des Irans. 1981 wurde er Minister f&#252;r islamische Kultur, galt aber bereits als gem&#228;&#223;igt. 1992 trat er wegen Differenzen mit der konservativen F&#252;hrung von diesem Posten zur&#252;ck.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Bei den Privatisierungen spielten die halbstaatlichen <em>Bonjads</em>&lt; (Islamischen Stiftungen) eine aktive Rolle. Sie sind nach dem Staat die m&#228;chtigsten Wirtschaftseinheiten im Iran. Urspr&#252;nglich mit der Aufgabe betraut den &#228;rmsten Schichten soziale Dienste bereitzustellen, entwickelten sie sich in den 90er Jahren zu kapitalistischen Konzernen. Die <em>Bonjads besitzen gro&#223;e industrielle Unternehmungen, sind im Geldgesch&#228;ft und im Schwarzmarkt t&#228;tig.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Ayatollah Seyyed Ali Khamenei (geboren 1939) war, nachdem er von 1981 bis 1989 Staatspr&#228;sident des Iran war, der Nachfolger von Khomeini als Geistliches Oberhaupt. Seine Ernennung zum Ayatollah (hoher schiitischer geistlicher Rang) war mit seinem Staatsamt verbunden und von vielen schiitischen Geistlichen nur widerwillig angenommen worden.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Stattdessen wurde die Pressezensur wieder gestrafft und die Gef&#228;ngnisse f&#252;llten sich mit politischen H&#228;ftlingen.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Bahman Nirumand, Iran &#8211; Die drohende Katastrophe, p108.<o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Dies war somit auch ein direkter Angriff auf seinen Kontrahenten Rafsanjani, der bekanntlich zu den reichsten und korruptesten Lenkern der Islamischen Republik z&#228;hlt und ein Symbol f&#252;r die iranische Obrigkeit ist.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> http://www.wildcat-www.de/wildcat/wc_krieg_2003/wk3irana.htm <o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Mahdy Farhadian, Der wirtschaftliche Wiederaufbau Irans: von monarchistischer Modernisierung zu sozio-islamischem Liberalismus, Diss., Universit&#228;t Regensburg 2002, p214f, http://www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2002/117/.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Maryam Poya, Women and Work in Iran, http://www.stateofnature.org/womenAndWork.html.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Dies &#228;nderte sich aufgrund der &#246;konomischen Entwicklung, die die (unter- oder unbezahlte) Frauenarbeit im &#246;ffentlichen Sektor erforderte und w&#228;hrend des Iran-Irak Kriegs Frauen an der Heimatfront eine wichtige mobilisierende und soziale Rolle spielten.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Maryam Poya, Women, Work and Islamism. Ideology and Resistance in Iran, pp135-138.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Aufgrund der anhaltenden Repression und fehlenden M&#246;glichkeit Meinungen frei auszutauschen, hat in den letzten Jahren das Internet als Meinungsplattform insbesonders f&#252;r junge IranerInnen eine wachsende Bedeutung erhalten. Siehe dazu: Nasrin Alavi, Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs – die junge persische Weglog-Szene, K&#246;ln 2005. Vgl. Rezensionsteil dieser Ausgabe.<o></o></em></p>
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		<title>Israels permanenter Krieg</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:20:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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		<description><![CDATA[Israels Krieg gegen den Libanon war nur ein Ausschnitt des Konflikts, der seit 60 Jahren den Nahen Osten in Blut ertr&#228;nkt. <em>Benjamin Opratko</em> analysiert die Strategien hinter Israels Rhetorik der „Selbstverteidigung“ und verfolgt die Frontlinien dieses permanenten Kriegs.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Israels Krieg gegen den Libanon war nur ein Ausschnitt des Konflikts, der seit 60 Jahren den Nahen Osten in Blut ertr&#228;nkt. <em>Benjamin Opratko</em> analysiert die Strategien hinter Israels Rhetorik der „Selbstverteidigung“ und verfolgt die Frontlinien dieses permanenten Kriegs.<br />
<span id="more-87"></span><br />
In der deutschen Ausgabe seines Standardwerks zum Nahost-Konflikts schreibt Noam Chomsky, er stehe oft vor dem Problem, Titel oder Thema f&#252;r seine Vortr&#228;ge schon Jahre vorher benennen zu m&#252;ssen. „Eins kann man, wie ich gemerkt habe, mit Sicherheit immer angeben: ‚Die gegenw&#228;rtige Krise im Nahen Osten.’ Wie sich diese Krise entwickeln wird, l&#228;sst sich nicht genau sagen, aber dass es sie geben wird, unterliegt keinem Zweifel“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> So zynisch diese Feststellung scheinen mag, so brutal wurde uns ihre Richtigkeit in den letzten Monaten vor Augen gef&#252;hrt. Mit dem Angriff auf den Libanon, der mehr als Tausend tote LibanesInnen – der gr&#246;&#223;te Teil davon ZivilistInnen – forderte und das halbe Land in Schutt und Asche legte, ist der seit bald sechzig Jahren ungel&#246;ste Konflikt zwischen Israel und den AraberInnen wieder ins politische Rampenlicht ger&#252;ckt. Doch w&#228;hrend sich im weltweiten Medienzirkus in einer un&#252;berschaubaren Zahl an Kommentaren, Reportagen, Leitartikeln, Talkshows, Interviews und Diskussionsforen jedeR sich berufen F&#252;hlende &#252;ber den j&#252;ngsten „Selbstverteidigungsakt“ Israels und seine Folgen auslassen durfte, traten die Stimmen jener, deren Ged&#228;chtnis weiter als bis zur Entf&#252;hrung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah zur&#252;ck reichte, in den Hintergrund. Dass alles darauf hinweist, dass der Krieg gegen den Libanon kein spontaner Akt der Selbstverteidigung angesichts der Entf&#252;hrungen, sondern vielmehr eine lange vorbereitete Kampagne war, wird kaum erw&#228;hnt. Das weit verbreitet Bild, das Israels Operationen auf mehr oder wenige spontane Reaktionen auf &#252;berall lauernde, gar „existenzbedrohende“ &#228;u&#223;ere Gefahren reduziert, tut dabei nicht nur dem strategischen und politischen Geschick der M&#228;chtigen in Israel Unrecht, sondern verhindert auch eine halbwegs angemessene Analyse des gesamten Konflikts.</p>
<h3>Das Ende eines Mythos</h3>
<p>Wie auch immer sich die Situation im Libanon weiter entwickelt, so kann doch nun, da zumindest vorl&#228;ufig die Waffen schweigen, ein erstes Res&#252;mee des israelischen Kriegs gegen den Libanon gezogen werden. Die wichtigste Erkenntnis ist: Israel hat den Krieg verloren. Nach einem Monat israelischer Angriffe gelang es zwar, den Libanon „um 20 Jahre zur&#252;ck zu bomben“, wie es der Chef der Luftwaffe und oberste milit&#228;rische Verantwortliche, Dan Halutz, formulierte. Das eigentliche Ziel der israelischen Armee war jedoch, die Hisbollah zu vernichten – und das ist ordentlich schief gegangen. Die Zustimmung zur Waffenruhe und der R&#252;ckzug der israelischen Truppen aus weiten Teilen Libanons wurde Israel von der &#228;u&#223;erst effektiv und erfolgreich k&#228;mpfenden Hisbollah aufgezwungen. Die libanesische Guerilla hat gegen die am besten ausger&#252;stete und ausgebildete Armee der Region gewonnen. Das war nur m&#246;glich, weil die Hisbollah massenhafte Unterst&#252;tzung aus der libanesischen Bev&#246;lkerung erhalten hat, &#252;ber alle konfessionellen Grenzen hinweg – eine bemerkenswerte Leistung in einem Land, das vor nicht allzu langer Zeit noch vom B&#252;rgerkrieg zerrissen war. Was die Rhetorik der Kriegstreiber in Israel und anderswo gerne verschweigt, ist, dass Hisbollah keineswegs eine terroristische Organisation nach dem Vorbild Al-Qaidas ist. Sie entstand als Reaktion auf den israelischen Krieg von 1982 und die folgende Besetzung des Libanon durch israelische Truppen. In den Jahren nach 1982 entwickelte sich die Hisbollah von einer kleinen schiitischen Guerillatruppe mit St&#252;tzpunkten im S&#252;den Libanons, den armen Vororten Beiruts und dem Bekaa-Tal, zur wichtigsten politischen, sozialen und milit&#228;rischen Kraft im Libanon. Als karitative Organisation betreibt sie auch f&#252;r verarmte Menschen leistbare Schulen, Kinderg&#228;rten, Kranken- und Waisenh&#228;user. Ihre Verankerung in der libanesischen Gesellschaft zeigt auch, dass Hisbollah und Verb&#252;ndete das gr&#246;&#223;te einzelne Kontingent im libanesischen Parlament stellen.</p>
<p class="MsoNormal">Das Ergebnis des israelischen Kriegs ist ein Desaster f&#252;r die israelische Regierung. Die Hisbollah ist politisch st&#228;rker als je zuvor – mehr noch als im Jahr 2000, als die israelische Armee sich wegen des anhaltenden Widerstands der Hisbollah aus dem gr&#246;&#223;ten Teil der seit 1982 besetzten Gebiete im S&#252;d-Libanon zur&#252;ckzog, wird die Organisation als Befreierin des Libanon gefeiert. Die Niederlage ist aber nicht nur von regional-strategischer Bedeutung – sie zerst&#246;rt auch den seit 1948 existierenden Mythos von der Unbesiegbarkeit Israels. Seit dessen Gr&#252;ndung hat die IDF jede Auseinandersetzung mit ihren arabischen Feinden gewonnen. Besonders der Krieg von 1967 hat der israelischen Armee diesen Nimbus verliehen. Er hei&#223;t aus gutem Grund Sechs-Tage-Krieg, nach nicht einmal einer Woche waren die Armeen des &#228;gyptischen Pr&#228;sidenten Gamal Abdel Nasser vernichtend geschlagen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Konstante der israelischen Strategie war stets die mili-<br />
t&#228;rische Abschreckung. Seitdem der israelische Staat auf den Ruinen pal&#228;stinensischer D&#246;rfer und St&#228;dte aufgebaut wurde, setzten dessen verschiedene Regierungen, ob von der Arbeiterpartei oder dem rechten Likud-Block gef&#252;hrt, auf milit&#228;rische Dominanz, um sich gegen die Anspr&#252;che der vertriebenen Bev&#246;lkerung und ihrer arabischen Verb&#252;ndeten durchzusetzen. Der Preis, den Israel daf&#252;r zahlen musste, war eine Existenz als Handlanger imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte. In den ersten Jahren war es Gro&#223;britannien, dessen Wohlwollen die Etablierung des Staates Israel erst erm&#246;glicht hatte<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, dann Frankreich, das Israel als Verb&#252;ndeten gegen die Befreiungsbewegungen in den eigenen Kolonien nutzen wollte. Ab den 1960er Jahren entstand dann die bis heute andauernde „Special Relationship“ zwischen Israel und den sich als wichtigste imperiale Macht etablierenden USA. Im Juni 1966 erkl&#228;rte ein Sprecher des israelischen Au&#223;enministers: „Die Vereinigten Staaten sind zu der Auffassung gelangt […], dass sie sich auf regionale M&#228;chte und auf das Abschreckungspotential einer freundlichen Macht st&#252;tzen m&#252;ssen, um Amerikas direkte Beteiligung abzufangen. Israel ist der Meinung, dass es diesen Anforderungen entspricht“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Seitdem entwickelte sich aus dem „besonderen Verh&#228;ltnis“ zwischen Israel und den USA ein strategisches B&#252;ndnis. Die israelische Strategie der milit&#228;rischen Abschreckung wurde und wird durch massive milit&#228;rische und finanzielle Unterst&#252;tzung der USA erm&#246;glicht. Im Jahr 2005 verkauften oder verschenkten die USA Waffen im Wert von rund 5,4 Milliarden US-Dollar an Israel – rund ein Drittel der gesamten US-Auslandshilfe.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Das Wissen um einen sicheren Verb&#252;ndeten im Nahen und Mittleren Osten ist der US-Politik dieser Aufwand wert.<br />
Trotz dieser enormen milit&#228;rischen &#220;bermacht und obwohl die israelische Armee nicht z&#246;gerte, ihr gesamtes Arsenal an konventionellen Waffen gegen den Libanon einzusetzen (einschlie&#223;lich der international verbotenen Cluster-Bomben), konnte der Krieg nicht gewonnen werden. Der ganzen Welt (und besonders der arabischen) wurde vor Augen gef&#252;hrt, dass Israel sich nicht mehr auf eine scheinbar allm&#228;chtige Armee verlassen kann, um seine Interessen in der Region durchzusetzen. Dass die Strategie der milit&#228;rischen Abschreckung in eine Sackgasse gef&#252;hrt hat, ist die tats&#228;chliche Z&#228;sur des Sommer 2006.</p>
<h3>Krieg an drei Fronten</h3>
<p>Die israelische Politik l&#228;sst sich jedoch nicht allein auf die au&#223;enpolitische Dimension der milit&#228;rischen Abschreckung reduzieren. Um vergangene und aktuelle Strategien des israelischen Staates verstehen zu k&#246;nnen muss ein entscheidender historischer Aspekt in Betracht gezogen werden: Als kolonialer SiedlerInnenstaat durch die Vertreibung gro&#223;er Teile der einheimischen Bev&#246;lkerung 1948 gegr&#252;ndet<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, hatte Israel stets ein allen anderen Interessen &#252;bergeordnetes Ziel. Entsprechend dem politischen Programm des Zionismus soll der Staat in einer spezifischen Form aufrecht erhalten werden, in der Juden/J&#252;dinnen die Bev&#246;lkerungsmehrheit stellen, exklusive Privilegien genie&#223;en und der vertriebenen (arabischen) Bev&#246;lkerung historisches Recht verwehrt wird. Aus dieser Pr&#228;misse ergibt sich f&#252;r Israel ein permanenter Krieg, der an drei Fronten gef&#252;hrt werden musste und bis heute gef&#252;hrt wird.<br />
Die erste Front ist jene, die der j&#252;ngste Libanonkrieges ins Rampenleicht gestellt hat: Hier geht es um die Kriege gegen umliegende arabische Staaten, die – sei es auf Grund des Drucks aus der eigenen Bev&#246;lkerung, sei es um den Zorn unzufriedener Untertanen abzulenken – die pal&#228;stinensische Bewegung unterst&#252;tzen. Eine weitere Front verl&#228;uft quer durch den israelischen Staat selbst und betrifft die arabische Minderheit, die innerhalb der Grenzen Israels lebt; die dritte Front schlie&#223;lich betrifft die 1967 besetzten Gebiete im Westjordanland und im Gaza-Streifen.</p>
<h3>B&#252;rgerInnen dritter Klasse</h3>
<p>Als die zionistischen SiedlerInnen 1948 den Staat Israel gr&#252;ndeten, wurden nicht alle Pal&#228;stinenserInnen in die Flucht getrieben. Rund 150.000 von ihnen blieben innerhalb der „Gr&#252;nen Linie“, die den neuen Staat nach dem Krieg von 1948/49 begrenzte. Diese „1948-Pal&#228;stinenserInnen“ und ihre Nachkommen z&#228;hlen heute rund eine Million oder 17 Prozent der israelischen Bev&#246;lkerung. Die Pr&#228;senz dieser gro&#223;en arabischen Minderheit stellte die israelischen Eliten vor das Problem, wie der Staat mit ihr umgehen sollte. Einerseits verstand man sich als demokratischer Staat, der jedem/r B&#252;rgerIn volle Gleichheit unabh&#228;ngig von ethnischer oder religi&#246;ser Zugeh&#246;rigkeit zugestehen sollte. Gleichzeitig war Israel jedoch nicht nur ein Staat von Juden/J&#252;dinnen, sondern ein exklusiv j&#252;discher Staat, der die seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgef&#252;hrte Kolonisierung Pal&#228;stinas konsolidieren und ausbauen sollte. Die praktische L&#246;sung dieses Widerspruchs bedeutete, dass die meisten der 1948-Pal&#228;stinenserInnen zwar die israelische Staatsb&#252;rgerschaft erhielten, ihnen durch eine Reihe politischer Ma&#223;nahmen jedoch viele Rechte, die diese Staatsb&#252;rgerschaft f&#252;r Juden/J&#252;dinnen garantiert, verwehrt wurden.<br />
Der erste und grundlegende Unterschied, den der israelische Staat zwischen j&#252;dischen und nicht-j&#252;dischen B&#252;rgerInnen macht, dr&#252;ckt sich im sogenannten „R&#252;ckkehrrecht“ aus. Dieses Gesetz besagt, dass Israel der Staat aller J&#252;dinnen und Juden weltweit ist; wenn ein Jude/eine J&#252;din israelischen Boden betritt, wird er/sie automatisch israelischeR Staatsb&#252;rgerIn. Jenen Menschen, die durch die Staatsgr&#252;ndung 1948/49 fl&#252;chten mussten, wird dieses Recht jedoch verweigert. Die Definition Israels als exklusiv j&#252;discher Staat ist in den Gr&#252;ndungsdokumenten festgeschrieben. Endg&#252;ltig formalisiert wurde diese Entscheidung mit einem Zusatz zum Wahlgesetz 1985, in dem Parteien und KandidatInnen von Wahlen ausgeschlossen werden, wenn sie „die Existenz des Staates Israel als den Staat des j&#252;dischen Volkes“ nicht anerkennen.</p>
<p>Bis 1966 wurden israelische Pal&#228;stinenserInnen durch eine separate Milit&#228;radministration „verwaltet“ – offiziell, um das „Sicherheitsrisiko“, das die pal&#228;stinensische Bev&#246;l-<br />
kerung angeblich darstellte, zu minimieren. Tats&#228;chlich hatte die Milit&#228;radministration jedoch zwei andere Haupt-ziele.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Erstens sollte der Zugang arabischer Menschen zu Arbeitspl&#228;tzen verhindert oder reduziert werden. Schon vor der Staatsgr&#252;ndung war die „Eroberung durch Arbeit“ – d.h. die Vertreibung und Ausgrenzung arabischer Arbeitskr&#228;fte – ein zentrales Element der kolonialen Strategie des Zionismus. Das zweite Ziel war, den Transfer von Land, das noch in pal&#228;stinensischen H&#228;nden verblieben war, zu staatlichen oder halb-staatlichen Organisationen zu sichern. Vor allem die Eroberung des Landes blieb auch nach der Aufhebung der Milit&#228;rverwaltung eine zentrale Aufgabe des Staates. Bis heute wurden etwa zwei Drittel des Landes, das nach 1948 noch in Besitz von Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft war, zu Gunsten des israelischen Staates enteignet. Waren vor der Staatsgr&#252;ndung 7 bis 8 Prozent des Landes in j&#252;dischem Besitz, so kontrolliert oder besitzt der israelische Staat heute 93 Prozent des Landes innerhalb der „Gr&#252;nen Linie“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Das offensichtlichste Beispiel f&#252;r die bis heute andauernde rechtliche Diskriminierung ist, dass Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft in rund 80 Prozent des Staatsgebiets kein Land kaufen oder pachten d&#252;rfen. Die Landfrage ist dabei nur eine von vielen Dimensionen dieser Politik der Ausgrenzung. Arabische Gemeinden bekommen deutlich geringere staatliche Budgets, im seit 1953 getrennten Schulsystem sind pal&#228;stinensische Schulen weit schlechter ausgestattet, und eine Reihe von Sozialleistungen werden Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer<br />
Staatsb&#252;rgerschaft vorenthalten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Das Ergebnis ist, dass in allen sozio-&#246;konomischen Parametern wie Haushaltseinkommen, Ausbildungsstatus, beruflicher Status, Alphabetisierung oder Kindersterblichkeit Pal&#228;stinenserInnen deutlich schlechter gestellt sind als ihre j&#252;dischen Mitb&#252;rgerInnen.</p>
<p>Der israelische Soziologe Oren Yiftachel bezeichnet diese Form des Staates als „Ethnokratie“ – eine Staatsform, die zwar formal demokratisch organisiert ist, einen signifikanten Teil der B&#252;rgerInnen jedoch systematisch von Rechten ausschlie&#223;t und diskriminiert.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Die Strategie der systematischen Unterdr&#252;ckung und Ausgrenzung der arabischen Bev&#246;lkerung in der so genannten „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ wurde seit der Staatsgr&#252;ndung in verschiedenen Varianten und in unterschiedlicher Intensit&#228;t angewendet. In den letzten Jahren wurde etwa unter dem Schlagwort der „demographischen Zeitbombe“ auf die „Gefahr“ hingewiesen, dass die hohen Geburtenraten von Pal&#228;stinenserInnen mit israelischer Staatsb&#252;rgerschaft die j&#252;dische<br />
Mehrheit in Israel bedrohen w&#252;rden. Eine der Reaktionen der Regierung war, die Familienzusammenf&#252;hrung von Pal&#228;stinenserInnen in Israel zu verbieten, die bis dahin enge Verwandte aus den besetzten Gebieten zu sich holen konn-ten.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Dass diese und &#228;hnliche diskriminierende Ma&#223;nahmen den grundlegenden Widerspruch der „Ethnokratie“ Israels nicht l&#246;sen k&#246;nnen, scheint offensichtlich. Doch Israels Krieg an der „stillen Front“ des permanenten Kriegs gegen die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung dauert weiter an.</p>
<h3>Das Post-67-Dilemma</h3>
<p>Als Israel nach dem vernichtenden Sieg gegen die arabischen Armeen im Juni 1967 auch den in arabischen H&#228;nden verbliebenen Rest des historischen Pal&#228;stinas besetzte, trat das Dilemma der „Ethnokratie“ in einem neuen, noch gr&#246;&#223;eren Ma&#223;stab zu Tage. Die IDF hatte innerhalb von sechs Tagen das Westjordanland und den Gaza-Streifen, die bis dahin von Jordanien bzw. &#196;gypten verwaltet worden waren, unter israelische Kontrolle gebracht – und damit fast eine Million Pal&#228;stinenserInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a>. Eine vollst&#228;ndige Annexion der besetzten Gebiete, und damit die Erreichung des lange propagierten Ziels eines „Gro&#223;-Israel“ vom Mittelmeer bis zum Jordan, war dadurch kaum m&#246;glich. Eine „ethnische S&#228;uberung“, wie sie von manchen Politikern der Rechten gefordert wurde, stie&#223; auf Ablehnung. H&#228;tte man der pal&#228;stinensischen Bev&#246;lkerung, wie es 1948 praktiziert wurde, die israelische Staatsb&#252;rgerschaft verliehen, w&#228;re die j&#252;dische Mehrheit im Staat Israel in Gefahr gewesen.<br />
In den strategischen Debatten, die auf den gewonnenen Krieg folgten, setzte sich zun&#228;chst ein Plan durch, der vom stellvertretenden Ministerpr&#228;sidenten Ygal Allon vorgestellt wurde. Allon, ein Veteran der regierenden Arbeiterpartei und prominenter General, erkl&#228;rte angesichts des „Post-67-Dilemmas“: „Wenn es notwendig ist, zwischen einem de facto binationalem Staat mit gr&#246;&#223;erem Territorium und einem j&#252;dischen Staat mit kleinerem Territorium zu entscheiden, pl&#228;diere ich f&#252;r die zweite Variante, vorausgesetzt, er hat Grenzen, die verteidigt werden k&#246;nnen“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das bedeutete freilich nicht, ganz auf die Besiedelung der besetzten Gebiete zu verzichten. Im Gegenteil sollte dies geplant und konzentriert passieren, um die politischen Pr&#228;missen des Zionismus nicht zu gef&#228;hrden. Durch die strategische Besiedelung eines Streifens entlang des Jordantals sollte eine Grenze geschaffen werden, die, gemeinsam mit der Annexion Ost-Jerusalems und seiner &#246;stlichen Vororte, das pal&#228;stinensische Gebiet in zwei H&#228;lften teilen w&#252;rde. Gleichzeitig sollte auf die Besiedelung jener Gebiete, die dicht von Pal&#228;stinenserInnen bev&#246;lkert sind, verzichtet werden. Diese Teile des Westjordanlands k&#246;nnten etwa an Jordanien zur&#252;ckgegeben werden. Die Vorteile dieser Strategie lagen auf der Hand, meinte Allon: „Diese defensive Anordnung k&#246;nnte einer modernen Armee standhalten. Sie ist dazu geeignet, das Land zu sch&#252;tzen, nicht nur vor seinen direkten Nachbarn, sondern auch vor der gesamten Region im Osten (…). Sie schafft auch ein Hinterland, das Jerusalem und seine Umgebung vor den Gefahren des Guerillakriegs sch&#252;tzen, und gibt uns die M&#246;glichkeit der Besiedelungen in halbverlassenen Gebieten. Ich f&#252;ge hinzu, dass die Territorien, die wir zur&#252;ckgeben, demilitarisiert sein werden, und dass dadurch, dass wir uns an der Flanke der Bev&#246;lkerung des Westjordanlands aufstellen, wir in jedem Fall ihr offensives Potential neutralisieren“.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Es war eine pragmatische Strategie, die ideologisch motivierte Gro&#223;-Israel-Phantasien hintan stellte, aber trotzdem die weitere Kolonisierung Pal&#228;stinas zulie&#223; und die Pal&#228;stinenserInnen in leicht kontrollierbaren Enklaven einschloss.</p>
<p>Dass dieser Plan nie in vollem Umfang umgesetzt und schlie&#223;lich g&#228;nzlich aufgegeben wurde, h&#228;ngt ma&#223;geblich mit politischen Umbr&#252;chen in Israel zusammen. Anfang der 1970er Jahre verlor der Block um die Arbeiterpartei, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts die hegemoniale Kraft im Yishuv (der Gemeinschaft der zionistischen SiedlerInnen in Pal&#228;stina) und sp&#228;ter in Israel war, zunehmend an Einfluss. Die Ideologie der traditionellen Eliten, durch niemanden klarer verk&#246;rpert als den israelischen &#220;bervater David Ben Gurion, war f&#252;r die neue, in Israel geborene Generation nicht mehr attraktiv. Diese ideologische und politische Leerstelle wurde vom Lager der Nationalreligi&#246;sen besetzt, die einen radikalen religi&#246;sen Messianismus mit kompromisslosen anti-arabischen Positionen der zionistischen Rechten verbanden. Besonders f&#252;r die von den Eliten des „Arbei-terzionismus“ stets verachteten „Mizrahim“ (Juden/J&#252;dinnen aus arabischen oder muslimischen L&#228;ndern) waren die Nationalreligi&#246;sen ein Anlaufpunkt. Mit der Gr&#252;ndung des „Gush Emunim“ („Block der Getreuen“) 1974 und der &#220;bernahme der Regierung durch den rechten Likud-Block 1977 wurden alle strategischen Beschr&#228;nkungen hinsichtlich der Besiedelung in den besetzten Gebieten hinf&#228;llig. Die radikale SiedlerInnenbewegung, f&#252;r die ganz „Erez Israel“ von AraberInnen „befreit“ werden muss, konnte seither erfolgreich ein Netz von Siedlungen aufbauen, das sich durch das gesamte Westjordanland erstreckt. Der Likud versuchte zudem seit Beginn der 1980er Jahre, weitere j&#252;dische Israelis zur Besiedelung der besetzten Gebiete zu bewegen, indem unterprivilegierten Familien massive finanzielle Anreize versprochen wurden. Der unter Menachem Begin 1981 vorgestellte „Einhunderttausend-Plan“ war der erste konzertierte Versuch, die demographischen Verh&#228;ltnisse in den besetzten Gebieten zu Gunsten der Juden/J&#252;dinnen zu verschieben. Indem „hochwertige H&#228;user mit Land zu niedrigen Preisen“ garantiert wurden, sollte die j&#252;dische Bev&#246;lkerung im Westjordanland verf&#252;nffacht werden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Kombination der Besiedelungsstrategien – „Sicherheitspuffer“ entlang des Jordantals, Ausnutzen und Anheizen von religi&#246;sem Fanatismus, finanzielle Anreize – wurde seither von allen<br />
Regierungen, ob von Likud oder der Arbeiterpartei gef&#252;hrt, mit unterschiedlicher Gewichtung durchgef&#252;hrt. Sie hat es Israel erm&#246;glicht, die Kontrolle &#252;ber 42 Prozent des gesamten Westjordanlands zu erhalten.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></p>
<h3>„Friedensprozess“ und R&#252;ckzug</h3>
<p>Nachdem die pal&#228;stinensische Wut &#252;ber die unertr&#228;glichen Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten sich in den Aufst&#228;nden von 1987, der Intifada, entladen hatte, wurde auch einigen israelischen Strategen klar, dass der Status Quo nicht mehr ohne weiteres aufrechterhalten werden konnte. Die gegenseitige Anerkennung von Israel und PLO und erste zaghafte Friedensbem&#252;hungen im Rahmen der Madrider Konferenz 1991 lie&#223;en viele vermuten, dass die israelische F&#252;hrung tats&#228;chlich die Kolonisierung Pal&#228;stinas gegen Frieden eintauschen k&#246;nnte. Als dann der israelische Ministerpr&#228;sident Yitzhak Rabin und Yassir Arafat H&#228;nde sch&#252;ttelnd auf dem Rasen vor dem Wei&#223;en Haus standen, schienen sich diese Hoffnungen zu erf&#252;llen. Heute, 13 Jahre nach dem Osloer Abkommen, ist all das in weite Ferne ger&#252;ckt. W&#228;hrend Israels Regierung sich offiziell zum so genannten Friedensprozess bekannte, setzte sie ihre Strategie der Besiedelung unvermindert fort. Zwischen 1993, als die „Grundsatzerkl&#228;rung“ des Friedensabkommens unterzeichnet wurde, und dem Ausbruch der zweiten Intifada 2000, stieg die Zahl der SiedlerInnen in den besetzten pal&#228;stinensischen Gebieten von 116.400 auf 195.000 an. Das Ziel war offensichtlich, Fakten zu schaffen, die auch ein Abkommen mit der PLO nicht mehr r&#252;ckg&#228;ngig machen konnten.<br />
Dementsprechend gestaltete sich das „Interimsabkommen“ von 1995, das aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen einen pal&#228;stinensischen „Fleckerlteppich“ machte. Die neu gegr&#252;ndete Pal&#228;stinensische Autonomiebeh&#246;rde (PA) kontrollierte danach ganze 3,5 Prozent der Territorien („Zone A“), weitere 420 Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer durften zwar von der PA zivil verwaltet werden, die &#252;bergreifende Verantwortung und Sicherheit verblieb jedoch bei Israel („Zone B“). Im restlichen Teil des Westjordanlands – die 73 Prozent des Landes umfassende „Zone C“ – blieb alles, wie es war.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Alle wirklich kritischen Punkte – die j&#252;dischen Siedlungen, der Status Jerusalems, das Schicksal der pal&#228;stinensischen Fl&#252;chtlinge – wurden auf sp&#228;tere Verhandlungen verschoben, die nie stattfanden. Dass auf dieser Basis – die seither die Grundlage aller „Friedenspl&#228;ne“, nicht zuletzt George W. Bushs „Roadmap“, war – keine friedliche L&#246;sung zustande kommen konnte, verwundert nicht. Der israelische Politikwissenschafter Ilan Pappé brachte es auf den Punkt: „Eine Heimat nach dem Konflikt kann nicht auf der Grundlage geschaffen werden, dass die gemeinsame vorgestellte Heimat auf die denkbar unfairste Art geteilt wird: 78 Prozent ein j&#252;discher Staat und 22 Prozent eine Art pal&#228;stinensisches Protektorat. Dies ist als L&#246;sung noch weniger denkbar, wenn das Angebot auf der internationalen Agenda sogar die 22 Prozent weiter aufteilt“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Aufschrei der pal&#228;stinensischen Bev&#246;lkerung, die sich dagegen wehrten, wie ihre F&#252;hrung sich von Israel &#252;ber den (Verhandlungs-)Tisch ziehen lie&#223;, war die zweite Intifada von 2000.</p>
<p>Profitieren konnte von dieser Situation die israelische Rechte. Ariel Sharon, der 1983 wegen seiner Beteiligung am Massaker von Sabra und Shatila als Verteidigungsminister zur&#252;cktreten hatte m&#252;ssen, wurde als Vorsitzender des Likud 2001 Regierungschef. Anfangs noch ein Verfechter der klassischen radikal-rechten, kompromisslosen Positionen der Siedlerbewegung, setzte er 2003 einen entscheidenden strategischen Schwenk in der israelischen F&#252;hrung durch. Seine Entscheidung, die israelische Armee aus dem Gaza-Streifen abzuziehen und die dortigen Siedlungen aufzul&#246;sen, &#252;berraschte nicht nur die israelischen Eliten, sondern BeobachterInnen in aller Welt. Seither ist sein Werdegang vom „Falken“ zur „Friedenstaube“ Teil der internationalen Nahost-Folklore. Als er zu Beginn dieses Jahres ins Koma fiel, lie&#223;en die politischen Nachrufe vermuten, der von uns Scheidende w&#228;re als historische Pers&#246;nlichkeit zwischen Mutter Teresa und Mahatma Gandhi anzusiedeln. Tats&#228;chlich k&#246;nnte dieses Urteil &#252;ber ihn und seinen Nachfolger und langj&#228;hrigen Vertrauten, Ehud Olmert, falscher nicht sein. Eine genauerer Blick zeigt, dass Sharon und die Politik, f&#252;r die er in seinen letzten Jahren gestanden hat, sowohl einen Bruch, als auch eine Kontinuit&#228;t israelischer Strategien bedeutet. Tats&#228;chlich hat sich Sharon von der kompromisslosen Strategie der radikalen Rechten verabschiedet, die erbittert um jeden Quadratzentimeter heilige W&#252;ste k&#228;mpft. Der hochdekorierte General hat erkannt, dass das von Allon formulierte Dilemma noch immer nicht gel&#246;st ist. Es musste eine Balance gefunden werden zwischen einem territorial m&#246;glichst gro&#223;en Staat Israel, der gleichzeitig seinen exklusiv j&#252;dischen Charakter beh&#228;lt. Der Gaza-Streifen war ein kleiner Preis, der f&#252;r diese Balance zu zahlen war: Von insgesamt 241.000 SiedlerInnen in den besetzten Gebieten lebten bis zum Abzug 2004 ganze 8.195 oder 3,5 Prozent im Gaza-Streifen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Was die israelische Regierung daf&#252;r erh&#228;lt, ist trotz des R&#252;ckzugs maximale Kontrolle &#252;ber das Territorium bei gleichzeitig minimaler Verantwortung f&#252;r dessen nicht-j&#252;dische Bev&#246;lkerung. Der Autor Darryl Li beschreibt den Gaza-Streifen nach dem Abzug als „Laboratorium“ f&#252;r israelische Kontrolltechniken. Durch Ausgangssperren, Zerst&#246;rung von Infrastruktur, die &#220;berwachung des Luftraums und gezielte T&#246;tungen oder Verhaftungen pal&#228;stinensischer PolitikerInnen und AktivistInnen<sup>19</sup> wird der Gazastreifen zum gr&#246;&#223;ten Freiluftgef&#228;ngnis der Welt gemacht. Die Massenunterst&#252;tzung f&#252;r die Hamas und ihre milit&#228;rischen Operationen in Gaza erkl&#228;rt sich nicht zuletzt aus der verheerenden humanit&#228;ren Lage in Israels “Laboratorium”.<br />
Gleichzeitig wurde die Siedlungst&#228;tigkeit im Westjordanland verst&#228;rkt, so dass die gesamte Zahl der SiedlerInnen sich seit dem „R&#252;ckzug“ aus dem Gazastreifen sogar noch erh&#246;ht hat. Die Strategie &#228;hnelt dem Allon-Plan von 1967: Durch die gezielte F&#246;rderung von Siedlungen in strategisch wichtigen Gebieten und die Aufgabe kleinerer, unwichtiger Stellungen wird versucht, das pal&#228;stinensische Land in kleine Fragmente aufzuteilen. Pal&#228;stinensische Bantustans sind die Folge, die komplett von israelischer Infrastruktur abh&#228;ngig sind. Die von Sharon in Auftrag gegebene und t&#228;glich weiter gebaute Mauer, die sich quer durch pal&#228;stinensisches Gebiet zieht und mehrere gro&#223;e Siedlungsbl&#246;cke de facto an Israel annektiert, ist ein wichtiges Element dieser Strategie. Die Kolonialisierung Pal&#228;stinas setzt sich damit weiter fort.</p>
<h3>Einfach, aber schwer</h3>
<p>Die Aussicht auf einen gerechten Frieden ist heute d&#252;ster. Was die Analyse der Strategien Israels in seinem permanen-ten Kriegs zeigt, ist dass alle drei Fronten dieses Konflikts untrennbar miteinander verwoben sind. Solange Israel an der obersten Maxime der zionistischen Bewegung festh&#228;lt – der Aufrechterhaltung einer exklusiv j&#252;dischen „Ethnokratie“ – sind Bem&#252;hungen zu einem dauerhaften Frieden wohl zum Scheitern verurteilt. Dass die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung einem faulen Kompromiss nicht leicht zustimmen wird, hat sie mit der Wahl der Hamas, die sich als kompromisslose Alternative zur korrupten und opportunistischen Fatah-Elite dargestellt hat, einmal mehr gezeigt. Eine L&#246;sung des Konflikts ist das, was Brecht einst &#252;ber den Kommunismus gedichtet hat: Das Einfache, das schwer zu machen ist. Das hei&#223;t in diesem Falle, ein gemeinsamer, demokratischer Staat all seiner B&#252;rgerInnen, der sich von seiner kolonialistischen Vergangenheit und Gegenwart lossagt und sich nicht mehr als Kettenhund der USA missbrauchen l&#228;sst. Solange dieser – heute wohl noch in weiter Ferne liegende – Weg nicht gemeinsam beschritten wird, muss bef&#252;rchtet werden, dass Noam Chomskys Spruch seine G&#252;ltigkeit behalten und der Angriff auf den Libanon im Sommer 2006 nicht der letzte israelische Angriffskrieg bleiben wird.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Chomsky, Noam 2002: Offene Wunde Nahost. Israel, die Pal&#228;stinenser und die US-Politik, Hamburg: Europa Verlag. p11.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Gro&#223;britannien war nach dem Ersten Weltkrieg Mandatsmacht in Pal&#228;stina und unterst&#252;tzte das zionistische Projekt der Kolonisierung Pal&#228;stinas seit der ber&#252;hmten „Balfour-Erkl&#228;rung“ von 1917.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Aruri, Naseer H. 2003: Dishonest Broker. The U.S. Role in Israel and Palestine, Cambridge: South End Press. p19.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Berrigan, Frida/Hartung, William D. (2006) Who’s arming Israel?, in: Foreign Policy In Focus, 26. Juli 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3387<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Die ausf&#252;hrlichste Aufarbeitung der Vertreibung und teilweise Ermordung der Pal&#228;stinenserInnen im „Unabh&#228;ngigkeitskrieg“ liegt mit Benny Morris’ Standardwerk „The Birth of the Palestinian Refugee Problem“ vor, das auf in den 1980er Jahren erstmals zug&#228;nglichem, reichhaltigen Archivmaterial beruht (Morris, Benny 2004: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited, Cambridge: Cambridge University Press).<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Shafir, Gershon, Yoav Peled 2002: Being Israeli. The Dynamics of Multiple Citizenship, Cambridge: Cambridge University Press. p112.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Yiftachel, Oren 1999: „Ethnocracy“: The Politics of Judaizing Israel/Palestine, in: Constellations, Volume 6, 3/1999, pp364-391, http://www.geog.bgu.ac.il/members/yiftachel/new_papers_eng/Constellations-print.htm<o></o></p>
<p><a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Shafir/Peled: a.a.O. pp110–136. Dies meist dadurch, dass Pal&#228;stinenserInnen der Zugang zum israelischen Milit&#228;r verwehrt ist. Viele Sozialleistungen sind jedoch an die Ableistung des Wehrdienstes, der f&#252;r alle j&#252;dischen Israelis (M&#228;nner wie Frauen) verpflichtend ist, gekn&#252;pft (ebd. p126).<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Yiftachel, Oren 1998: Democracy or Ethnocracy: Territory and Settler Politics in Israel/Palestine, in: Middle East Report, Nr 207, 2/1998, http://www.merip.org/mer/mer207/yift.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Peled, Yoav 2006: Zionist Realities. Debating Israel-Palestine, in: New Left Review, II/38: pp21-36.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Laut der ersten israelischen Z&#228;hlung vom Dezember 1967 waren es 604.494 Pal&#228;stinenserInnen im Westjordanland und 380.800 im Gaza-Streifen (http://www.palestinecenter.org/cpap/stats/dist_pop_67.html).<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> zit. nach Achcar, Gilbert 2004: Eastern Cauldron. Islam, Afghanistan, Palestine and Iraq in a Marxist Mirror, London: Pluto Press. p211.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> zit. nach ebd. p212.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Shafir/Peled: a.a.O. p172f.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> B’Tselem, Israeli Information Center for Human Rights in the Occupid Territories 2006: Land Expropriation and Settlements, http://www.btselem.org/English/Settlements/<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Watzal, Ludwig 2001: Bilanz und Kritik des Osloer „Friedensprozesses“, in: Edlinger, Fritz (Hg.): Befreiungskampf in Pal&#228;stina. Von der Madrid-Konferenz zur Al-Aqsa-Intifada, Wien: Promedia, pp29-44. p 31.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Pappé, Ilan 2003: “The Post-Territorial Dimensions of a Future Homeland in Israel and Palestine”, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East, Volume 23, 1&amp;2/2003: pp224 – 233. p232.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> B’Tselem a.a.O.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Li, Darry 2006: “The Gaza Strip as Laboratory. Notes in the Wake of Disengagement”, in: Journal of Palestine Studies, XXXV/2, Winter 2006: pp38-55.</p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230;Brasilien?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:10:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Brasilien]]></category>
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		<description><![CDATA[Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.<br />
<span id="more-89"></span><br />
Als Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, am 1. J&#228;nner 2003 das Pr&#228;sidentschaftsamt antrat, galt er als gro&#223;e Hoffnung der Linken, der Armen und Ausgebeuteten Brasiliens. Schlie&#223;lich war die von ihm gef&#252;hrte ArbeiterInnenpartei PT (Partido dos Trabalhadores) 1979 von GewerkschaftsaktivistInnen, linken Intellektuellen und VertreterInnen sozialer Bewegungen gegr&#252;ndet worden, und Lula selbst hatte sich als Chef der MetallarbeiterInnengewerkschaft den Ruf als kompromissloser K&#228;mpfer erarbeitet. Als Sozialist war er bei breiten Teilen der Bev&#246;lkerung angesehen, die Rechte der Arbeitenden und der Armen standen f&#252;r ihn an oberster Stelle.</p>
<h3>Vom linken Hoffnungstr&#228;ger zum neoliberalen Vork&#228;mpfer</h3>
<p>Doch – kaum im Amt – entpuppte sich der sozialistische Hoffnungstr&#228;ger schnell als neoliberaler Handlanger des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF), der ebenso kompromisslos wie fr&#252;her gegen die Konzerne nun im Interesse des Kapitals den radikalen Umbau der brasilianischen Gesellschaft vorantrieb. Bereits unmittelbar nach seiner Wahl gab Lula zu verstehen, dass er den unter Fernando Henrique Cardoso eingeleiteten neoliberalen Kurs fortsetzen werde. Insbesondere w&#252;rde er die Verpflichtungen des hochverschuldeten Landes gegen&#252;ber dem IWF, d.h. die neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme“, anerkennen. Der politische Kurswechsel der PT hatte sich freilich bereits vor den Wahlen 2002 angek&#252;ndigt. Seit den 1990ern orientierte sich die Partei zunehmend auf die Eroberung der Macht in den Institutionen des brasilianischen Staates. Dabei entfernte sich Lulas Programm immer weiter von den radikalen Wurzeln der PT. Der Kern der neuen Strategie gr&#252;ndete auf der Zusammenarbeit mit Konservativen und Unternehmern zur Wahrung sozialer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> In Regierungsverantwortung wurde diese Tendenz weitergef&#252;hrt und versch&#228;rft, und die wirtschaftspolitischen Kernressorts sowie das Landwirtschaftsministerium wurden mit neoliberalen Vordenkern besetzt.</p>
<p>Lula versuchte mehr und mehr auch bei Industriellen Sympathie zu erlangen, um f&#252;r ausl&#228;ndische InvestorInnen „seri&#246;s“ zu wirken. Dadurch konnte sich Lula bereits vor den Wahlen die Unterst&#252;tzung des IWF sichern, der auch bald riesige Kredite an Brasilien vergab. Im Gegenzug versprach Lula die Ausrichtung seiner Politik auf die Erfordernisse des Marktes. Kernprojekt war eine Steuer- und eine Pensionsreform, v.a. zu Lasten der arbeitenden Bev&#246;lkerung und der Armen Brasiliens. Nach nicht einmal einem Jahr hatte Lula damit seine Anh&#228;ngerInnenschaft zum ersten Mal verraten. 400.000 &#246;ffentlich Bedienstete sahen sich gezwungen, gegen die Pensionsreform der Regierung zu streiken.<br />
Wichtige Unterst&#252;tzerInnen der PT, wie die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), mussten ebenso herbe Entt&#228;uschungen erfahren. Die MST stellt in Brasilien, wo die Landkonzentration extrem polarisiert ist, eine wichtige Organisation dar. Rund 10 Prozent der Gro&#223;grundbesitzenden geh&#246;rt etwa 80 Prozent des gesamten Landes, w&#228;hrend 4,5 Millionen Bauernfamilien kein eigenes Land besitzen. Im Wahlkampf 2002 hatte Lula noch versprochen, an eine Million dieser Familien Land zu verteilen. Bei Regierungsantritt war schon nur mehr von einer halben Million die Rede, seitdem wird die Zahl immer kleiner, weil der Schuldenabbau f&#252;r die Regierung h&#246;here Priorit&#228;t genie&#223;t.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Insgesamt wurde seit 2003 Land an 25.000 Familien pro Jahr verteilt – das ist gerade einmal die H&#228;lfte dessen, was selbst Lulas neoliberaler Vorg&#228;nger Cardoso umgesetzt hatte.</p>
<p>Aufgrund dieser Entwicklungen beendete die MST ihre Schonfrist f&#252;r die Regierung Lula und nahm ihre Proteste und Landbesetzungen wieder auf. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen, denen das Land oft nur zu Spekulationszwecken dient, begannen nun ihr Land mit privaten Sicherheitsdiensten, den „Pistoleiros“, militant zu verteidigen. Dabei wurden in den letzten Jahren viele AktivistInnen der MST get&#246;tet, doch die Medien kriminalisieren die BesetzerInnen. Auch Lula verurteilte die Landbesetzungen als „illegal“, statt die ungerechten Agrarverh&#228;ltnisse zu bek&#228;mpfen: f&#252;r viele Millionen Menschen stellt in Brasilien Landbesitz eine Chance dar, dem Leben als Tagel&#246;hnerInnen oder st&#228;dtische Obdachlose zu entfliehen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Landbesitz w&#252;rde f&#252;r sie ein menschengerechtes Leben bedeuten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die Aufst&#228;nde der Landlosen sind aber nur ein Teil der Proteste gegen Lulas Politik. Auch Frauenorganisationen, Studierende und einflussreiche linkskatholische Organisationen kritisierten den Regierungskurs. KonsumentInnensch&#252;tzerInnen protestierten gegen die Erh&#246;hung von Energie- und Telefonkosten, sowie gegen die Schlie&#223;ung freier Radios. Die Linke in Brasilien musste also erfahren, dass sie im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung nicht mehr auf die ArbeiterInnenpartei PT setzen konnte. Lulas Reaktionen auf die Forderungen der Bewegungen klangen bald nicht mehr viel anders als in konservativ regierten L&#228;ndern. Die AktivistInnen wurden verh&#246;hnt, als kriminelle Gewaltt&#228;terInnen bezeichnet und selbst als es zu politischen Morden kam, schritt er nicht ein.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Auch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Korruptionsvorw&#252;rfe und die in den letzten Wochen fast t&#228;glich neuen Meldungen &#252;ber Bestechungsgelder an ParlamentarierInnen verst&#228;rkten das Misstrauen gegen den Pr&#228;sidenten. So musste etwa erst am 19. September ein Sonderberater Lulas wegen dem Vorwurf der Schmiergeldzahlung in H&#246;he von 770.000 US-Dollar zur&#252;cktreten, am 24. September folgte ihm Lulas Wahlkampfleiter, er soll auch in den Fall verwickelt sein.</p>
<p>Au&#223;enpolitisch hat sich Lula ebenfalls als Handlanger des Kapitals und imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte erwiesen. So f&#252;hren brasilianische Truppen die von der UNO autorisierte Besatzung Haitis an, wo der demokratisch gew&#228;hlte Pr&#228;sident Aristide 2004 in einem von den USA und Frankreich gest&#252;tzten Putsch gest&#252;rzt wurde.<br />
Gegen&#252;ber der linken Regierung von Evo Morales in Brasiliens Nachbarland Bolivien hat Lula in den letzten Monaten ebenfalls den Druck erh&#246;ht, die Nationalisierung des Erd&#246;l und Erdgas abzuschw&#228;chen – schlie&#223;lich w&#228;re der brasilianische &#214;lkonzern Petrobras einer der Hauptverlierer bei Morales’ Verstaatlichungsprogramm.</p>
<h3>Eine Neue Linke</h3>
<p>Der langaufgestaute Frust &#252;ber die Politik Lulas, auch und gerade innerhalb der PT, erforderte die Gr&#252;ndung einer neuen Organisation, die sich wieder den Grunds&#228;tzen verschreibt, mit denen Lula gebrochen hat.<br />
AktivistInnen und Abgeordnete aus Lulas PT wie Heloísa Helena, Mitglied der Tendenz Sozialistische Demokratie (DS), Luciana Genro von der Bewegung der sozialistischen Linken (MES) und João Batista Oliveira de Araujo, von der Sozialistischen Arbeiterstr&#246;mung (CST) konnten die neoliberalen „Reformen“ der PT nicht mehr ertragen. Und sie waren nicht die Einzigen. Wegen ihrer Kritik an Lulas Pensionsreform wurden sie 2003 aus der Partei ausgeschlossen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gemeinsam gr&#252;ndeten sie daraufhin die Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit PSOL.<br />
Die Mehrheit der PT-Linken setzte aber nach 2003 den Kampf f&#252;r einen Kurswechsel innerhalb der Partei fort. Sie traten als „regierungstreue Opposition“ f&#252;r die Erneuerung der PT und die Neuausrichtung der Regierungspolitik ein, fanden sich dadurch jedoch in der widerspr&#252;chlichen Situation, zwar anti-neoliberal zu argumentieren, sich aber gleichzeitig hinter Lula und dessen Regierung zu stellen. Dass die innerparteiliche Opposition die Regierungspolitik nicht grundlegend ver&#228;ndern konnte, zeigte sich in den Folgejahren. Seit Bekanntwerden des Korruptionsskandals im Sommer 2005 traten schlie&#223;lich immer gr&#246;&#223;ere Teile der Parteilinken aus der PT aus und schlossen sich der PSOL an.<br />
Im September letzten Jahres schaffte es die PSOL, die notwendigen 438.000 Stimmen zur Anerkennung als w&#228;hlbare Partei zu sammeln. Es schien, als h&#228;tten viele BrasilianerInnen nur darauf gewartet. Schon in den ersten Tagen nach der offiziellen Gr&#252;ndung der neuen linken Partei gab es Meldungen &#252;ber einige bis dahin sogar f&#252;hrende PT-Mitglieder oder ganze Str&#246;mungen (zum Beispiel die sozialistische Einheitsbewegung), welche bisher die PT unterst&#252;tzt hatten und nun zur PSOL wechselten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Auch bekannte linke GewerkschafterInnen, wie aus der Beamtengewerkschaft, linke ChristInnen und viele Einzelne von der PT entt&#228;uschten AktivistInnen, entschlossen sich, die neue Partei zu unterst&#252;tzen. Es gibt unz&#228;hlbare Berichte &#252;ber regionale PT-Gruppen, die geschlossen &#252;bertraten, da sie weiterhin, aber in einer vertrauensw&#252;rdigeren Partei, f&#252;r ihre Belange k&#228;mpfen wollen. Der Bruch mit Lulas Politik hat ihnen neue Energie gegeben.<br />
Auch au&#223;erhalb Brasiliens unterst&#252;tzen soziale Bewegungen die Entwicklung einer neuen linken Alternative. So haben mehr als 350 prominente AktivistInnen der globalisierungskritischen Bewegung, wie Noam Chomsky oder Ken Loach, Anfang September diesen Jahres eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Spitzenkandidatin Heloísa Helena unterzeichnet.<br />
In der Erkl&#228;rung f&#252;r die Kandidatin hei&#223;t es, Helena vertrete heute die Interessen der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen, der Armen und der Unterdr&#252;ckten. Die Regierung Lulas habe dagegen Millionen von Menschen entt&#228;uscht, die ihn im Jahr 2002 „in der Hoffnung auf einen sozialen Wandel und eine radikale Politik“ gew&#228;hlt hatten. Ebenso gehe es Menschen aus aller Welt, die sich von Lula einen „neuen Impuls f&#252;r den antiimperialistischen Kampf“ erhofft h&#228;tten. Im Gegensatz zu Lula seien „Heloísa Helena und ihre GenossInnen dem urspr&#252;nglichen antiimperialistischen und sozialistischen Programm der ArbeiterInnenpartei treu geblieben“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Deutlich wurde das in den Forderungen der PSOL im Pr&#228;sidentschaftswahlkampf. Die Kernpunkte waren: radikale Agrarreform; Suspendierung der Zahlung der Auslandsschulden; radikale Reduzierung der Arbeitszeit ohne Einkommenseinbu&#223;en; Ablehnung der Amerikanischen Freihandelszone ALCA/FTAA und Unterst&#252;tzung f&#252;r ALBA, die Bolivarianische Amerikanische Allianz (Venezuela, Bolivien, Kuba).</p>
<p>Die Wahl Anfang Oktober hat gezeigt, dass dieses Programm von mittlerweile mehr als sechs Millionen Menschen unterst&#252;tzt wird. Das ist mehr als ein Achtungserfolg, zumal die F&#252;hrung der Gewerkschaftsdachorganisation CUT, genauso wie die Sprecher der MST sich – wenn auch kritisch im Detail – f&#252;r die Wahl Lulas ausgesprochen hatten. Dass 6,9 Prozent mit der Illusion, dass die PT das „kleinere &#220;bel“ darstelle, und Lula wieder zu seinen politischen Wurzeln zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nne, gebrochen haben, zeigt die M&#246;glichkeiten f&#252;r den Aufbau einer konsequent anti-neoliberalen und anti-imperialistischen linken Alternative in Brasilien.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. zur Entwicklung der PT z.B. Gonzales, Mike: „Brazil in the eye of the storm“; in: International Socialism 98 (2003)<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Pablo Ortellado: What happened to the left? In: Znet, August 08, 2003<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Wahl, Joachim: Die Regierung Lula nach ihrem ersten Jahr. In: Utopie kreativ, September 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. François Sabado: Krise und Neuformierung der Linken in Brasilien. in: Inprekorr, Februar 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. www.zeit.de am 05.09.06</p>
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		<title>Reggae: Roots of Resistance</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 05:42:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
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		<description><![CDATA[Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.<br />
<span id="more-90"></span><br />
Die Geschichte des Reggae ist stark mit der Geschichte Jamaikas verbunden, einer Geschichte von Sklaverei und Kolonialherrschaft, von Rassismus und Unterdr&#252;ckung, von wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit und Ausbeutung. Reggae ist das Produkt „der Erfahrungen von AfrikanerInnen in der Karibik… Der Geist und Inhalt des Jazz und Blues in Afro-amerika, und des Reggae in<span>  </span>Jamaika zeigen dieselbe Botschaft – eine Reaktion auf die Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung in der Neuen Welt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>„Do you remember the days of slavery“</h3>
<p>„I would rather die pon your gallows than live in slavery“ Sam Sharpe 1832</p>
<p>&#220;ber 15 Millionen AfrikanerInnen wurden w&#228;hrend der Sklaverei von Afrika in die „neue Welt“ verschleppt, w&#228;hrend zus&#228;tzlich noch mal dieselbe Zahl bei der SklavInnenjagd und der &#220;berfahrt gestorben sein d&#252;rften. Etwa eine Million SklavInnen wurden nach Jamaika deportiert, von denen am Ende der Sklaverei nur ca. 323.000 &#252;berlebt hatten. F&#252;r Europa legte der Handel mit SklavInnen als billigen Arbeitskr&#228;ften den Grundstock f&#252;r die Entwicklung des aufstrebenden Kapitalismus.<br />
Die Erinnerung an die Erfahrungen der Sklaverei brachten Bob Marley und die Wailers in dem Song „Catch a fire“ zum Ausdruck:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“Slave driver, the table is turning,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">catch a fire so you can get burn…<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Everytime I hear the crack of the whip<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">My blood runs cold,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">I remember on the slave ship<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">How they brutalised my very soul.<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">They say that we are free<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">The only thing that change is poverty”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">Um den Widerstand der Versklavten zu brechen, die Erinnerungen an das freie Leben in Afrika auszul&#246;schen, setzten die Plantagenbesitzer und die herrschende Klasse jedes Mittel ein. Gleich bei der &#220;berfahrt wurden die SklavInnen, die aus verschiedenen Teilen Afrikas kamen, so aufgeteilt, dass auf Grund von Sprachbarrieren schwer Kommunikation zustande kommen konnte und erschwerte somit einheitliche Aufst&#228;nde der SklavInnen. Afrikanische Riten wurden weitgehend verboten und das „drum-law“ verhinderte, dass sich jamaikanischen SklavInnen versammelten und trommelten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Doch die versklavten AfrikanerInnen fanden kreative Wege des Widerstands. Von Sabotageakten, „langsamen Arbeiten“ bis zum Vergiften des SklavInnenhalters durch den versklavten Koch reichten die Widerstandsformen. Durch das Nach&#228;ffen der wei&#223;en Herrscher konnte gemeinsam Frust und Aggression abgebaut werden. Sowohl Unzufriedenheit mit der derzeitigen Situation als auch Erfahrungen von Aufst&#228;nden flossen in Gesang, Tanz, Musik, Spottgedichten und Geschichten ein. Der kulturelle Widerstand, der sich in langsamer Art und Weise entwickelte, st&#228;rkte die Solidarit&#228;t untereinander und den Willen zur Rebellion &#8211; und explodierte in SklavInnenaufst&#228;nden. Es kam in der Zeit der Sklaverei zu mehr als vier hundert Aufst&#228;nden, und zu gr&#246;&#223;eren Zusammenst&#246;&#223;en 1729-31, 1760, 1831. Zwei der wichtigsten Widerstandsk&#228;mpfe, deren Erinnerung und Erfahrungen sich heute noch in Reggaetexten wiederfinden, waren die Aufst&#228;nde der Maroons und der Aufstand 1865 unter Paul Bogle.</p>
<p>Die Maroons waren eine Gruppe von SklavInnen, die von den Spaniern zur&#252;ckgelassen wurden, nachdem Jamaika von den Briten 1655 erobert wurde. Sie warteten nicht auf die neuen Eroberer, sondern zogen sich in die jamaikanischen H&#252;gel zur&#252;ck und gr&#252;ndeten freie Gemeinschaften. Da die Maroons entflohene SklavInnen in ihre Gemeinschaft aufnahmen, kamen sie mit der britischen Kolonialherrschaft in Konflikt. Jahrelang wurde brutal gegen die Maroons vorgegangen, doch spezialisiert auf Guerillataktiken leisteten die Maroons Widerstand. In der Nacht attackierten die sie die Plantagen, um Nahrung und anderes zu erhalten, w&#228;hrend sie sich am Tag zur&#252;ckzogen. Die Lebensweise der Maroons war gepr&#228;gt von Arbeitsteilung und gemeinschaftlichem Zusammenleben. Gr&#246;&#223;ere SklavInnenaufst&#228;nde 1673 und 1685 lie&#223; die Zahl der Maroons weiter anwachsen. 1731 begann der erste „Maroon Krieg“. Die britische Armee konnte die Maroonk&#228;mpferInnen nicht besiegen und musste einen Friedensvertrag abschlie&#223;en. Den Maroons wurden einige Zugest&#228;ndnisse gemacht, z.B. bekamen sie f&#252;nf gr&#246;&#223;ere St&#228;dte, jedoch war es der letzte Punkt des Vertrags, der den Widerstand der Maroons in Folge schw&#228;chen w&#252;rde. Sie mussten sich bereit erkl&#228;ren, keine weiteren entflohenen SklavInnen mehr aufzunehmen. Damit verloren sie die Unterst&#252;tzung der schwarzen Bev&#246;lkerung und konnten fast<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> g&#228;nzlich zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden. Trotzdem wurden sie wegen ihrer Lebensweise und ihrem Kampf gegen die Kolonialherren zum Vorbild f&#252;r die Rastafari, die sp&#228;ter eine wichtige Kraft in Jamaika und f&#252;r die Entwicklung des Reggae werden sollten.</p>
<p>Im Jahre 1834 wurde die Sklaverei nach einem gro&#223;en SklavInnenaufstand 1831 offiziell abgeschafft. Doch die SklavInnen wurden nur formal frei. Den ehemaligen Sklavenhaltern und Plantagenbesitzern wurde von der britischen Kolonialmacht 20 Millionen an Entsch&#228;digung gezahlt, w&#228;hrend den ehemaligen SklavInnen jeder Landbesitz verwehrt wurde und sie vier weitere Jahre f&#252;r ihre ehemaligen Herren arbeiten mussten. Ohne Land und Job konnten sie sich nur entscheiden zu verhungern oder weiter f&#252;r die ehemaligen Besitzer zu arbeiten. Das bedeutete einen direkten &#220;bergang von Sklavenarbeit zu Lohnarbeit. 1860 war die Situation der schwarzen Bev&#246;lkerungsschicht kaum besser als zu Zeiten der Sklaverei. Sie trugen die Hauptlast der Steuern, waren durch hohe Entgelte praktisch von Wahlen ausgeschlossen, die L&#246;hne wurden gek&#252;rzt, es gab Hunger und Krankheit.<br />
Diese desolaten Zust&#228;nde f&#252;hrten 1865 zur Morant Bay Rebellion unter Paul Bogle. Bogle war baptistischer Priester und Anf&#252;hrer der freien Dorfgemeinschaft Stony Gut, deren Land von der baptistischen Kirche gekauft und den freien SklavInnen zur Verf&#252;gung gestellt wurde.<br />
Nach einem kleinen Aufstand sollten die Anf&#252;hrer festgenommen werden. Doch die BewohnerInnen von Stony Gut waren vorbereitet und verjagten die Polizei. Das Gerichtsgeb&#228;ude, das Symbol der Unterdr&#252;ckung, wurde zerst&#246;rt. Tausende schlossen sich Bogle an und zogen durch die umliegenden D&#246;rfer, begleitet von Trommeln und dem Slogan „Cleave to black“. Drei Tage war ein Gebiet von etwa 30 Meilen rund um Morant Bay unter Kontrolle der schwarzen Bev&#246;lkerung, bevor die britische Armee mit &#228;u&#223;erster Brutalit&#228;t gegen die Aufst&#228;ndischen und alle, die mit ihnen sympathisierten, vorging. Bogles Kampf, die Morant Bay Rebellion und der Leitspruch „Cleave to black“ legten den Grundstein f&#252;r die Entwicklung des „Black Nationalism“ in der jamaikanischen Gesellschaft.</p>
<h3>Marcus Garvey – „Africa for the Africans at home and abroad”</h3>
<p>Obwohl die Sklaverei abgeschafft war, existierte sie f&#252;r viele in einer „kultivierteren“ Form weiter. So forderte Bob Marley in seinem Redemption Song: <o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Emancipate yourselves from mental slavery<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">None but ourselves can free our minds&#8230;”<sup>5</sup><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p>Die Welt wurde bombardiert mit Bildern der wei&#223;en &#220;berlegenheit. Pseudowissenschaftliche und biblische Rechtfertigungen sowie Filme wie Tarzan, der Tiere und Schwarze gleicherma&#223;en z&#228;hmte, zeigten das Bild des „kultivierten“ Wei&#223;en gegen&#252;ber der/dem „zu kultivierenden“ Schwarzen. Die Ideen des Rassismus, die sich w&#228;hrend der Sklaverei gebildet hatten, wurden von den Kolonialm&#228;chten weltweit als Rechtfertigung f&#252;r ihre Herrschaft eingesetzt.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Schwarzen wurden Grundrechte wie Versammlungsrecht, Wahlrecht, Recht auf Gewerkschaftsorganisierung verweigert. Das Bewusstsein der schwarzen Bev&#246;lkerung, der ArbeiterInnen, kleinen B&#228;uerInnen und Arbeitslosen, war gepr&#228;gt von rassistischer Unterdr&#252;ckung und der &#246;konomischen Ausbeutung. Dadurch wurde die Suche nach einer Identit&#228;t in der afrikanischen Vergangenheit gen&#228;hrt. Es ist vor diesem Hintergrund der generellen Verunglimpfung von schwarzer Kultur und Verweigerung von B&#252;rgerInnenrechten, dass Ideen des Pan-Afrikanismus an Bedeutung gewannen. Die „United Negro Improvement Association“ unter der F&#252;hrung von Marcus Garvey wurde zur gr&#246;&#223;ten pan-afrikanischen Organisation und hatte gro&#223;en Einfluss auf den „Black Nationalism“ in den US, auf Malcolm X und die Black Panthers. Garvey predigte schwarzes Selbstbewusstsein und Identifikation mit der afrikanischen Heimat. Nach Ansicht Garveys sollten alle Schwarzen die L&#228;nder des westlichen Systems, das er in Anlehnung an die Bibel Babylon nannte, verlassen und in das gelobte Land Zion zur&#252;ckkehren. Ziel Garveys war die Repatriation, die Zur&#252;ckf&#252;hrung aller Schwarzen in die Heimat Afrika, aus der sie, so wie die biblischen Israeliten, verschleppt wurden, genauer gesagt in das einzige nie kolonialisierte Land Afrikas, &#196;thiopien. </p>
<h3>Rastafari</h3>
<p>Aus den verschiedenen Einfl&#252;ssen, der Erinnerung an den Widerstand und die kommunale Lebensweise der Maroons, dem sich verbreitenden Panafrikanismus von Garvey und dem Glauben an &#196;thiopien als dem gelobten Land entwickelten sich die Rastafari. Als 1930 in &#196;thiopien Ras Tafari zum K&#246;nig Haile Selassie I gekr&#246;nt wurde, sahen viele darin die Erf&#252;llung der Prophezeiung, dass in Afrika der K&#246;nig der K&#246;nige (Ras of Ras) gekr&#246;nt werden w&#252;rde. In der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung f&#252;hrte die Kr&#246;nung eines afrikanischen K&#246;nigs, der sich auf die Bibel berufen konnte und ein direkter Nachfahre von K&#246;nig Salomon sei, zu einem neuen Glauben, der den wei&#223;en K&#246;nig und den wei&#223;en Gott mit einem schwarzen K&#246;nig und Gott ersetzte. Die eigentlich religi&#246;se Bewegung wurde mit dem Angriff des faschistischen Italien auf &#196;thiopien 1936 politisiert. Der antifaschistische Widerstandskampf des &#228;thiopischen Volks wurde zur Inspiration f&#252;r Schwarze weltweit. Vor allem die unter der kolonialen Herrschaft leidenden Schwarzen der Karibik und Jamaikas identifizierten sich mit dem antikolonialen Kampf. Der Mythos des Haile Selassie als schwarzem Gott und die spirituellen, politischen, und kulturellen Verbindungen zwischen Afrika und den jamaikanischen ArbeiterInnen wurden gest&#228;rkt.</p>
<p>Die Ideologie der Rastafari war immer verwoben mit einer Kritik an der sozialen Ordnung und deshalb sind auch die Symbole der Rastafari eng mit Symbolen des Widerstands verkn&#252;pft. Die Symbole der Flagge (Rot f&#252;r das Blutvergie&#223;en der Sufferers seit den Tagen der Sklaverei, Gold f&#252;r den Reichtum der den Sufferers gestohlen wurde und gr&#252;n f&#252;r das gelobte Land in Afrika), der L&#246;we, die Trommel, die Dreadlocks, und die eigene Sprache reflektieren eine Art von Widerstand. So entstanden die Dreadlocks als sich die Rastas mit den K&#228;mpferInnen der Land and Freedom Army (Mau Mau) in Kenia<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> identifizierten, die ihre Haare nat&#252;rlich wachsen lie&#223;en und sie in „locks“ trugen.</p>
<p>Der bewaffnete Widerstand des &#228;thiopischen Volks st&#228;rkte den Willen der Schwarzen in der Karibik, sich gegen den Kolonialismus aufzulehnen und f&#252;hrte zu gewaltsamen Aufst&#228;nden in der ganzen Region, 1935 in St.Vincent und Guayana, sp&#228;ter in Trinidad und Antigua und schlie&#223;lich 1938 in Jamaika. An der Situation von Schwarzen in Jamaika hatte sich nach der formalen Abschaffung der Sklaverei nicht viel ge&#228;ndert, so wurde der Masse der Menschen hundert Jahre sp&#228;ter noch immer derselbe Lohn, ein Shilling pro Tag, f&#252;rs Zuckerrohr schneiden bezahlt. Die verarmten Menschen, die „sufferers“, nahmen diese Ausbeutung nicht mehr l&#228;nger hin. 1938 kam es zu Massenstreiks. Hafenarbeiter und Arbeitslose solidarisierten sich und &#252;bernahmen f&#252;r eine kurze Zeit die Stadt Kingston. Die Aufst&#228;nde ebbten erst ab, als es zu Verbesserungen bei den L&#246;hnen und Legalisierung der Gewerkschaften kam.</p>
<p>Die Konzentration auf die Losung „Zur&#252;ck nach Afrika“ hinderte die Rastafari daran, eine zentrale Rolle in den lokalen Aufst&#228;nden einzunehmen. Obwohl ihre Ideen unter den „sufferers“ Zustimmung erhielten, blieben sie zun&#228;chst ein kleiner religi&#246;ser Kult. Rastafari war durch ihren Widerstand gegen Ausbeutung Schwarzer eine Inspiration, doch die religi&#246;sen Aspekte der Rastafari, die Mystifizierung Haile Selassie und die Hoffnung auf Erl&#246;sung in &#196;thiopien unter einem schwarzen K&#246;nig und die Verlagerung des Kampfs um Befreiung nach Afrika schnitt sie von den in Jamaika k&#228;mpfenden „sufferers“ ab. Erst die gr&#246;&#223;ten Vertreibungen in Jamaika seit der Sklaverei f&#252;hrten dazu, dass die Rastafari in den F&#252;nfzigern regen Zulauf hatten und an Einfluss gewannen. Zwischen 1942 und 1970 wurden 560.000 l&#228;ndliche Menschen von Bauxitfirmen von ihrem Land vertrieben und flohen in die St&#228;dte, wo sie in Barackenst&#228;dten, den Shantytowns, vergeblich nach Jobs suchten. Die Vertreibungen lie&#223;en den Ruf nach R&#252;ckkehr in die Heimat Afrika lauter werden und gaben dem Garveyismus und den Rastafari Aufschwung. Diese nutzten das Medium des Rasta Songs, des Reggae, um ihre Botschaft zu verbreiten und pr&#228;gten damit die musikalische und kulturelle Landschaft Jamaikas.</p>
<h3>Sound of Resistance – „Do the Reggay“</h3>
<p>Die Entwicklung der jamaikanischen Musik – des Reggae wie auch seiner Vorg&#228;nger Ska und Rocksteady &#8211; war immer stark von den sozio&#246;konomischen Rahmenbedingungen beeinflusst. </p>
<p>Der jamaikanische Ska entstand in den Shantytowns. Die Hoffnung der jamaikanischen verarmten Bev&#246;lkerung, dass die politische Unabh&#228;ngigkeit, die Jamaika 1962 erlangte, einen radikalen Wechsel bringen w&#252;rde, spiegelte sich in dem tanzbaren Upbeat-Rhythmus des Ska wider. Weil die verarmte Bev&#246;lkerung sich keine Platten oder Plattenspieler leisten konnte, und die Radiostationen nur wei&#223;en Rock ‘n’ Roll von Elvis Presley u.a. spielten, bildeten sich die Sound Systems. DJs bauten Anlagen auf den Stra&#223;en auf und begannen jamaikanische Musik zu spielen. Die Soundsystems wurden zu Stra&#223;enfesten der ArbeiterInnenklasse und armen Bev&#246;lkerungsschicht und f&#252;llten die Stra&#223;en Jamaikas mit Tanz und Musik. Rico Rodriguez, einer der besten Posaunisten des fr&#252;hen Ska: „People who don’t suffer like us can’t perform that sound – it’s a sufferers sound; it’s a ghetto sound we play out of the instruments, real suffering ghetto sound. It is happy, yes, for it’s relief!”<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Das Toasting, der rhythmische Sprechgesang &#252;ber Musik, wurde zur Ausdrucksform vieler Jugendlichen und beeinflusste die sp&#228;tere Rapszene in den USA.<o :p></o></p>
<p>Doch die Euphorie &#252;ber die Unabg&#228;ngigkeit hielt nicht lang. Massenarbeitslosigkeit und Armut pr&#228;gten das Leben in den Shantytowns und die Unabh&#228;ngigkeit brachte nicht die erhofften Verbesserungen. US und kanadische Unternehmen hatten die schw&#228;cheren britischen ersetzt und beuteten die gro&#223;en Bauxitressourcen des Landes aus. Der Ganja und Waffenhandel wuchs und die Shantytowns wurden mit wachsender Polizeibrutalit&#228;t, Korruption und den um den Ganjahandel k&#228;mpfenden Gangs konfrontiert. Die wachsende Polizeigewalt wird in Linton Kwesi Johnson’s „Sonny’s Lettah“ beschrieben:<br />
:”&#8230; out jump tree policemen/ de whole a dem carryin baton/ dem walk straight up to me and Jim/ one adem hold on to Jim/ &#8230; Jim tell him fi leggo a him/ for him nah do nottin/ &#8230; Dem thump him in him belly and it turn to jelly&#8230;”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o :p></o></p>
<p>In diesem Milieu entwickelte sich die Subkultur der Rude Boys. Die arbeitslosen Jugendlichen suchten auf der Stra&#223;e nach Selbst- und Anerkennung und sahen in Gangs und Kriminalit&#228;t den einzigen Ausweg. Desmond Dekker beschrieb in seinen Hits „007 (Shantytown)“ und „Israelites“ die Lebensumst&#228;nde der Rude Boys in den Baracken.<br />
„Them a loot, them a shoot, them a wail, at shantytown, the rude boy deh poh probation, Then rude boy a bomb up the town“ (007 Shantytown)<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o :p></o><br />
und<br />
„Get up in the morning, slaving for bread, sir, so that every mouth can be fed. Poor me the Israelites” (Israelites)<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Die Musik wurde langsamer, die Texte politischer und verarbeiteten die Erfahrungen der Rude Boys. Der Rocksteady war geboren. Das Leben in den Shantytowns pr&#228;gte immer mehr Individualismus und Konkurrenzdenken. Die Wailers machte in ihrem Song „Man to Man“ darauf aufmerksam:</p>
<p>“Man to trust is so unjust,<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">You don’t know who to trust<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your worse enemy may be your best friend,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your best friend may be your worse enemy,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Some will sit and drink with you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Then behind dem soo soo pon you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Only your best friend know your secret<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">And only he can reveal it<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Who the cap fits, let him wear it”<a href="#anm1" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Das Erstarken der Rastafari in dieser Zeit h&#228;ngt stark mit der wirtschaftlichen Situation Jamaikas zusammen. Die neokolonialistischen Strukturen f&#252;hrten dazu, dass der Gro&#223;teil des Reichtums ins Ausland floss, die Bauxitindustrie in die Krise schlitterte und die Arbeitslosenrate 1972 auf 23 Prozent anstieg. Die arbeitslosen Jugendlichen konnten sich immer mehr mit den Rastas identifizieren, die aus dem Konkurrenzkampf und dem Individualismus ausbrechen wollten, die die ganze kapitalistische Gesellschaft durchzogen.<br />
Der wachsende Einfluss der Rastafari machte sich in der Musik bemerkbar. Die Musik wurde nochmals verlangsamt und mehr Wert auf die Texte und die Basslinie gelegt. So wie Chuck D (Public Enemy) Hip-Hop als “ghetto CNN” bezeichnete, wurde Reggae zu der Informationsquelle der Menschen aus den Shantytowns: „If you listen to Reggae music, you don’t need to buy the paper. Reggae music tells you everything wha’ happen in Jamaica” (Roy Cousins). Polizeigewalt, Hunger, Kritik an lokalen Regierung, Erinnerungen an die Sklavenzeit, wurden &#252;ber den Reggae angesprochen. Ein Hauptthema blieb der Angriff auf das westliche System, auf Babylon:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“</span><st1 :city></st1><st1 :place><span lang="EN-GB">Babylon</span></st1><span lang="EN-GB"> system is the vampire<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the children day by day<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say: de Babylon system is the vampire, falling empire,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the blood of the sufferers<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Building church and university<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Deceiving the people continually<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say them graduatin’ thieves and murderers;<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Look out now: they suckin’ the blood of the sufferers”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Bob Marley &#8211; Babylon system)<o :p></o></p>
<p>Die Black Power und B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der 60er, das Aufkommen der antikapitalistischen 68er-Bewegung, die kubanische Revolution und die Antivietnamkriegsbewegung beeinflussten den Reggae und umgekehrt. Reggaek&#252;nstlerInnen wie Bob Marley und die Wailers lie&#223;en vermehrt Themen aus aktuellen K&#228;mpfen in Afrika in ihre Texte einflie&#223;en und nutzten Reggae als Mittel zur Motivation und Inspiration f&#252;r AktivistInnen weltweit. W&#228;hrend der Unabh&#228;ngigkeitsfeier in Simbabwe gab Bob Marley ein Konzert f&#252;r Zehntausende, die seinen Ruf nach Freiheit aufnahmen. „So Africa unite unite unite. You’re so right let’s do it” Bob Marley’s Unterst&#252;tzung f&#252;r die afrikanischen Befreiungsbewegungen wurde auch in seinem Lied „War“, dessen Worte aus einer Rede Haile Selassies stammen, deutlich: “Until the philosophy which hold one race superior and another inferior is finally and permanently discredited and abandoned; Until there are no longer first class and second class citizens of any nation;(…); And until the ignoble and unhappy regimes that hold our brothers in Angola, in Mozambique, and in South Africa in sub-human bondage have been toppled and destroyed; Everywhere is war, me say war”<br />
Auch au&#223;erhalb Afrikas wurde Reggae zur Musik des Widerstands. Chinesische StudentInnen sangen „Get Up Stand Up“ von den Wailers w&#228;hrend den Tienanmen Square Demonstrationen 1989. Jimmy Cliff’s „Vietnam“ war ein eindringlicher Protest gegen den Vietnamkrieg und verband Reggae mit der antiimperialistischen Bewegung. In Gro&#223;britannien wurde Ska von jugendlichen wei&#223;en ArbeiterInnen aufgenommen. Schwarze ArbeiterInnen in Europa, die selbst st&#228;ndig die Erfahrung von Rassismus, Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung machten, identifizierten sich mit Reggaetexten. </p>
<h3>„I don’t wanna be involved in politricks“</h3>
<p>Doch nachdem die Black Power Bewegung in den USA zu Ende gegangen war, die Hoffnungen in die in den 70ern regierende sozialdemokratische Partei, PNP, entt&#228;uscht wurden, die wirtschaftliche Lage Jamaikas unter dem Druck der Weltbank<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> immer katastrophaler und Haile Selassie I wegen seiner r&#252;cksichtslosen Herrschaft durch die Revolution 1974 gest&#252;rzt wurde, waren viele aus den verarmten Schichten desillusioniert und wollten nichts mehr mit Politik zu tun haben. Die Texte des neuen Reggaegenres Dancehall spiegelten immer noch die harschen Bedingungen der Ghettos wider. Im Gegensatz zu dem Reggae der 60er und 70er zeigten sie aber kaum die Hoffnung auf Verbesserung und den Willen zum Widerstand. Sie waren dominiert von der sogenannten „slackness“, von Gewalt, sexuellen Bildern, Drogen und Kriminalit&#228;t und die negativen Komponenten der Rastafari- und Reggaekultur kamen vermehrt zum Vorschein. „Dancehall-Musik ist heute selten mehr als einfacher Eskapismus und im schlimmsten Fall spiegelt sie die reaktion&#228;re Ideologie wider, die die jamaikanische Gesellschaft erstickt.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Rastafari als Religion unterliegt immer verschiedenen Interpretationen und zeigt die Widerspr&#252;chlichkeit religi&#246;ser Bewegungen. W&#228;hrend einerseits Widerstand und starke Militanz Teil der Rastakultur sind und der Glaube ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Selbstbewusstseins der schwarzen Bev&#246;lkerung war, wurden auch reaktion&#228;re oder die Passivit&#228;t f&#246;rdernde Aspekte aufgenommen. Die Befreiung des unter der schwarzen Bev&#246;lkerung weit verbreiteten christlichen Glaubens von einem wei&#223;en Gott, war ein wichtiger Schritt f&#252;r die Emanzipation der Schwarzen von der wei&#223;en Vorherrschaft. Doch brachte die Verkn&#252;pfung mit dem Christentum auch deren reaktion&#228;re Ansichten mit sich. Sowohl Homophobie als auch Diskriminierung von Frauen wird von vielen Rastafari, durch Bezug auf die Bibel, gerechtfertigt. Diese Inhalte flossen in den Reggae ein und sind bis heute ein Bestandteil der Musik und Kultur. So rufen Reggaes&#228;nger wie TOK oder Capelton in ihren Texten dazu auf, gewaltt&#228;tig gegen Homosexuelle vorzugehen. Frauen werden bei den Rastafari h&#228;ufig nur &#252;ber den Mann definiert und mit „Rastaman’s woman“ angesprochen. Sie gelten w&#228;hrend ihrer Periode als unrein und ihnen ist verboten, an vielen Ritualen der Rastas teilzunehmen oder obere R&#228;nge in den Gemeinden zu erhalten. Diese Diskriminierungen sind Teil eines gr&#246;&#223;eren Problems der Unterdr&#252;ckung von Frauen und Homosexuellen in der jamaikanischen Gesellschaft. Homosexualit&#228;t ist seit der Kolonialzeit per Gesetz verboten. Die Arbeitslosenrate von Frauen ist doppelt so hoch wie die von M&#228;nnern und Frauen werden als Hausfrau und Mutter in die Familienstrukturen gedr&#228;ngt. Viele Dancehallartists spiegeln in ihren Texten diese Diskriminierungen wider und reproduzieren sie aktiv.<br />
Die Widerspr&#252;chlichkeit der Reggaekultur, zwischen reaktion&#228;rer Ideologie und Kampf gegen Unterdr&#252;ckung, wird bei Artists wie Buju Banton deutlich. W&#228;hrend Buju Banton in seinem Lied „Boom Bye Bye“ davon singt, homosexuelle M&#228;nner umzubringen, ist sein Song „Murderer“ ein Aufruf, die Gewalt in den Stra&#223;en zu beenden.</p>
<p>Im Reggae dr&#252;cken Artists Ideen und Vorstellungen aus, die von emanzipatorisch &#252;ber„love and peace“ bis zu reaktion&#228;r reichen. Wichtig ist zu betonen, dass es auch im heutigen Reggae K&#252;nstlerInnen gibt, die sich den diskriminierenden Tendenzen entgegenstellen, wie beispielweise Rita Marley, Judy Mowatt oder Sister Caroll .</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Why treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">just because we’re only woman?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Don’t treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Just because we’re only woman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’re not weak; We are strong<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’ve held back; Far too long…”<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Judy Mowatt &#8211; Only Woman)<o :p></o></p>
<p>Die Entpolitisierung des Reggae nach den Siebziger Jahren wurde noch verst&#228;rkt durch die gr&#246;&#223;ere werdende Kommerzialisierung. W&#228;hrend K&#252;nstler, wie die Wailers, trotz weltweiter Vermarktung nichts an den politischen Inhalten in ihren Texten ge&#228;ndert hatten, zeigte sich in nachfolgenden Jahren ein Wandel in den Lyrics. Die gro&#223;e Popularit&#228;t des Reggae &#246;ffnete einen neuen Markt und das Bild des sonnigen Urlaubsparadieses Jamaika und des „sunshine“ Reggae wurde verkauft. Die Kommerzialisierung bewirkte ein Abkoppeln von Teilen der Reggaekultur von ihren politischen Wurzeln und den realen Lebensumst&#228;nden in Jamaika. Reggaek&#252;nstlern, wie Shaggy oder Sean Paul, wurden weltber&#252;hmt ohne den widerst&#228;ndischen Charakter der Texte von Bob Marley oder auch nur einen Bezug auf die sozialen Probleme Jamaikas.<br />
Trotz aller Widerspr&#252;che bleibt Reggae f&#252;r viele ein Mittel des Widerstands und ein Weg, um auf die Zust&#228;nde in den jamaikanischen Ghettos aufmerksam zu machen. So singt Damian Marley im 2005 erschienenen „Welcome to jamrock“:</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Welcome to Jamrock, poor<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">people dead at random<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Political violence can be done<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Old men to pickney, so wave<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">one hand if you with me<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">To see the sufferation sicken me”<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Reggae ist nicht nur Sprachrohr der verarmten Bev&#246;lkerung Jamaikas, sondern auch Inspiration f&#252;r AktivistInnen, die weltweit gegen Rassismus, Krieg und Ausbeutung k&#228;mpfen.<br />
Mit den Worten von Linton Kwesi Johnson: </p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Now tell mi something, mista govahment man…how long yu really feel yu coulda keep wi andah heel..? <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista police spokesman…how long yu really tink we woodah tek you batn lick..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista ritewing man … how long yu really feel we woodah grovel an squeal..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">It is noh mistri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we mekin histri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">it is noh mistri,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we winnin victri”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Patrick Hylton, in: Horace Campbell: Rasta and Resistance. From Marcus Garvey to Walter Rodney. Africa World Press 1987.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> „Sklaventreiber, das Blatt wendet sich, fang Feuer um zu brennen…Jedesmal wenn ich den Schlag der Peitsche h&#246;r, gefriert mir das Blut in den Adern, ich erinnere mich, wie sie meine Seele folterten am Sklavenschiff. Sie sagen wir sind frei, doch das einzige das sich &#228;nderte ist die Armut.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Durch die unterschiedlichen Sprachen war das Trommeln ein wichtiger Teil in der Kommunikation und der Bildung einer Gemeinschaft unter den SklavInnen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Kleine Maroon-Gemeinden existieren bis heute, haben aber wenig Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Jamaika<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> “Befreie dich von der geistigen Sklaverei; Nur wir selbst k&#246;nnen unser Denken befreien.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Horace Campbell: Rasta and Resistance.<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Die „Mau Mau“ k&#228;mpften gegen die britische Kolonialherrschaft in Kenia <o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> „Menschen die nicht leiden k&#246;nnen diese Musik nicht spielen. Es ist die Musik der sufferers. es ist Ghettosound, den wir mit unseren Instr. spielen, echter leidender Ghettosound; Er ist unbeschwert, ja, weil er befreit!“<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> “…drei Polizisten springen hervor, alle tragen sie Kn&#252;ppel, kommen direkt auf mich und Jim zu, einer von ihnen h&#228;lt Jim fest, Jim sagt sie sollen ihn gehen lassen, er hat nichts gemacht,…sie schlagen ihn in den Bauch und er wird zu Brei…“<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> „Sie pl&#252;ndern, sie schie&#223;en, sie klagen, in Shantytown, der „rude boy“ auf Bew&#228;hrung l&#228;sst die Stadt hochgehen.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> „Steh auf in der Fr&#252;h, schufte f&#252;r Brot, damit jeder satt wird. Wir arme Israeliten.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> „Jmd. trauen ist ungerechtfertigt, wei&#223;t nicht wem du vertrauen kannst, dein schlimmster Feind k&#246;nnte dein bester Freund, dein bester Freund dein schlimmster Feind sein. Manche sitzen und trinken mit dir und &#252;berfallen dich dann von hinten; nur dein bester Freund wei&#223; dein Geheimnis und nur er kann es verraten.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> „Das Babylonsystem ist der Vampir, saugt die Kinder aus, Tag f&#252;r Tag. Das Babylonsystem ist der Vampir, fallendes Imperium, saugt das Blut der sufferers, baut Kirchen und Universit&#228;ten, um uns zu t&#228;uschen, bilden Diebe und M&#246;rder aus. Pass auf: Sie saugen das Blut der sufferers.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Jamaika musste mehrere Kredite aufnehmen. Die Auswirkungen sind in dem Film Life and Debt zu sehen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Brian Richardson, Bob Marley: Roots Revolutionary, aus Socialist Review, J&#228;nner 2005<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> „Warum behandelt ihr uns unmenschlich, nur weil wir Frauen sind? Behandelt uns nicht unmenschlich nur weil wir Frauen sind. Wir sind nicht schwach, wir sind stark; Wir haben uns viel zu lang zur&#252;ckgehalten…“<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Willkommen zum Jamrock, arme Menschen sterben durch Willk&#252;r, politische Gewalt, deshalb Alte und Junge, erhebt eure H&#228;nde wenn ihr mit mir seid und euch das Leid krank macht“<o :p></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> „Sag mir Minister…wie lang hast du geglaubt, kannst du uns unterdr&#252;cken? sag mir Polizeisprecher…wie lang hast du gedacht, nehmen wir deinen Schlagstock hin? Sag mir Rechtsradikaler, wie lang hast du geglaubt werden wir kriechen und schreien? Es ist kein Geheimnis, wir machen Geschichte, es ist kein Geheimnis wir werden siegen.“</p>
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		<title>Revolution im &#8220;falschen Kommunismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 03:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.<br />
<span id="more-91"></span><br />
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der imperialistischen Neuaufteilung Europas fiel Osteuropa unter russische Kontrolle. Der so genannte Kommunismus der sich in L&#228;ndern wie Polen, Tschechien, Rum&#228;nien, Bulgarien und Ungarn etablierte, war weder durch soziale noch politische Revolutionen von unten erk&#228;mpft, sondern von externen Kr&#228;ften eingef&#252;hrt worden. Die kommunistischen Parteien in diesen L&#228;ndern hatten bis dahin nicht zwangsl&#228;ufig eine wichtige Rolle gespielt.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sie verbreiteten ihre Macht in den Nachkriegsjahren nicht durch politischen Zuspruch aus der Bev&#246;lkerung, sondern &#252;ber den Aufbau eines b&#252;rokratischen Verwaltungs-Apparates, gest&#252;tzt durch sowjetische Milit&#228;r-Pr&#228;senz. Es entstand eine neue Klassenstruktur in Osteuropa. Die wirtschaftliche Umverteilung, die nat&#252;rlich in erster Linie russischen Interessen diente, erm&#246;glichte innerhalb der L&#228;nder eine gewisse soziale Mobilit&#228;t. ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen konnten durch eine Mitgliedschaft in den wachsenden kommunistischen Parteien in privilegierte Stellungen aufsteigen. Die stalinistische Ideologie wurde &#252;berall verbreitet und wurde Teil des Alltagslebens der Menschen. Doch all das konnte die Tatsache nicht verschleiern, dass das wirtschaftliche und politische Schicksal dieser L&#228;nder von nun an von Moskau aus diktiert wurde, ein Umstand gegen den sich die betroffen Menschen mehr als ein Mal zur Wehr setzten.</p>
<h3>Polen – Widerstand und Repression</h3>
<p>Die polnische Bev&#246;lkerung litt in den 50er Jahren schwer unter der sowjetischen Ausbeutungspolitik. Der Lebensstandard der polnischen ArbeiterInnen fiel zwischen 1949 und 1955 um zehn Prozent. Vierzig Prozent der nationalen Produktion wurde f&#252;r die Gro&#223;industrie verwendet, anstatt den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung zu dienen. Auch der strategische Kurswechsel der sowjetischen Eliten im Jahr 1953 bedeutete f&#252;r die Menschen keine tats&#228;chliche Verbesserung ihrer Lebenssituation.<br />
Das Jahr 1953 war ein Wendepunkt f&#252;r die Kommunistische Partei Russlands. Unter dem Druck der Revolten in Ostdeutschland und erm&#246;glicht durch den Tod Stalins wurde in vielen der so genannten „Volksdemokratien“ eine liberalere Politik eingef&#252;hrt. In Polen waren die wirtschaftlichen Zugest&#228;ndnisse eher halbherzig und oft erst erreicht, wenn die ArbeiterInnen selbst daf&#252;r eintraten. So gab es gegen die sinkenden L&#246;hne und die steigende Arbeitszeit immer wieder kleinere Streiks, wie in Danzig und Warschau. Politisch wurden allerdings durch die Lockerung der Zensur neue Spielr&#228;ume f&#252;r kritische Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik er&#246;ffnet. Mitte der 50er traten Studierende, JournalistInnen und sozialistische AutorInnen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> eine Welle der Kritik am Regime los. Im Zentrum der kritischen Debatten stand eine Gruppe, die sich als „Oktober Linke“ bezeichnete. Die studentische marxistische Wochenzeitschrift <em>Po Prostu</em>, die bis zu 90.000 LeserInnen erreichte, wurde in Polen zum wichtigsten Medium der Kritik gegen das Regime. Viele Artikel behandelten den chaotischen Zustand der Industrie und die Probleme, die offiziell nicht existierten (z.B. 300.000 Arbeitslose), aber sie portraitierten auch die unglaublichen Privilegien der herrschenden B&#252;rokraten-Klasse und kontrastierten diese mit der Lebenssituation der ArbeiterInnen.<br />
Auch in den Betrieben wurden die Unmuts&#228;u&#223;erungen immer lauter. Die Arbeitsbedingungen hatten sich zunehmend verschlechtert. Am 28. Juni 1956 entlud sich die angestaute Wut der ArbeiterInnen in Posen. 16.000 FabriksarbeiterInnen mit selbst angefertigten Bannern zogen durch die Stra&#223;en und skandierten “Wir wollen Brot!”, “Wir wollen niedrigere Preise und h&#246;here L&#246;hne!”. Leute aus den umliegenden Fabriksgeb&#228;uden und Gesch&#228;ften schlossen sich der Demonstration an. Bald hatte sich ein Drittel der gesamten Stadtbev&#246;lkerung vor dem Rathaus versammelt und forderte: “Wir wollen Freiheit!”, “Nieder mit dem falschen Kommunismus!”, “Nieder mit den Russen!”.<br />
Die spontane Massendemonstration entwickelte immer mehr Dynamik. Ein Teil der Demonstration marschierte weiter zum Stadtgef&#228;ngnis, um dort politische Gefangene zu befreien, die Waffen der W&#228;rter wurden konfisziert. Ein anderer Teil der Menge &#252;bernahm die Radiostation. Die gesamte Machtstruktur wurde pl&#246;tzlich herausgefordert.<br />
Die Regierung in Warschau antwortete mit Spezialeinheiten der Armee. Bis zum Abend &#252;bernahmen diese mit ihrer &#252;berlegenen Bewaffnung wieder die Kontrolle &#252;ber die Stadt. Der Aufstand, auch wenn teilweise am n&#228;chsten Tag noch weiter gek&#228;mpft wurde, war in den sp&#228;ten Stunden niedergerungen. Am n&#228;chsten Tag erst konnte der Rest der polnischen Bev&#246;lkerung direkt aus der offiziellen Parteizeitung erfahren was geschehen war:<br />
“Feindliche Agenten haben erfolgreich Unruhen provoziert. Die Geschehnisse gingen so weit, dass &#246;ffentliche Geb&#228;ude attackiert wurden, Todesopfer waren die Folge … Die Organisatoren dieser Aktion, eine breit und sorgf&#228;ltig vorbereitete Provokation, werden die volle H&#228;rte der Gesetze zu sp&#252;ren bekommen. … Die Provokation in Posen war von Feinden unseres Vaterlandes organisiert.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Doch ein wachsender Teil der herrschenden Klasse sah in Posen eine Warnung. Weitere Aufst&#228;nde w&#228;ren sicher nicht wieder so einfach niederzuschlagen. Der reformistische Fl&#252;gel innerhalb der Regierung wurde durch den Aufstand in Posen gest&#228;rkt. Der Widerspruch jedoch zwischen Reformern und jenen, die Reformen verabscheuten, spitzte sich immer weiter zu – bis im Oktober 1956 sogar ein B&#252;rgerkrieg drohte. Doch am 18. Oktober rollten russische Panzer in Polen ein um genau diesen zu verhindern und die Macht der Anti-Reformer zu st&#228;rken.</p>
<h3>Ungarn – die Revolution bricht aus</h3>
<p>W&#228;hrend die Unzufriedenheit in Polen 1956 dahinbrodelte, kochte sie in Ungarn &#252;ber. Um die Situation in Ungarn 1956 zu erkl&#228;ren, m&#252;ssen erst die zuvor liegenden, von Moskau gelenkten, Regierungsman&#246;ver betrachtet werden, die letztendlich zu einer Fraktionierung der politisch herrschenden Klasse Ungarns f&#252;hrten. Bis 1953 wurde der 5-Jahresplan Stalins in Ungarn unbarmherzig umgesetzt. Die Schwerindustrie wuchs um 210%, w&#228;hrend der Lebensstandard der Bev&#246;lkerung kontinuierlich sank. Exekutiert wurde diese harte Wirtschaftspolitik bis zum Jahr 1953 durch die Regierung um Mátyás Rákosi<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dann leitete Chruschtschow auch in Ungarn einen Kurswechsel ein. Die neue politische Leitfigur war Imre Nágy mit seiner Idee des „nationalen und menschlichen Sozialismus“. Er sollte Unruhen vorbeugen und so kam es zu einigen Reformen, im Sinne der arbeitenden Bev&#246;lkerung: ArbeiterInnen sollten h&#246;here Bez&#252;ge erhalten und die Wirtschaftspl&#228;ne weniger &#252;berspannt werden, den Bauern wurden die Strafen f&#252;r nicht-vollbrachte Zwangsablieferungen gestrichen und Partei und Staatsapparat sollten st&#228;rker getrennt werden. Ungarn erlebte 1953 den Beginn einer neuen Epoche – eine Epoche des „Neuen Kurs“. Die Gruppe um Imre Nágy setzte diese Reformen jedoch nicht ohne Widerstand aus der eigenen Partei um. Rákosi lehnte diese strikt ab. Auch das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau war alles andere als ein homogener Block. Nicht einmal zwei Jahre nach der Einf&#252;hrung dieser Reformen schwang das ZK der KPdSU nach einem Besuch Rákosis in Moskau um und Rákosi wurde der R&#252;cken gest&#228;rkt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Mitte 1956 konzentrierte sich die Diskussion in ganz Ungarn auf die Politik der Diktatur der KP. Das Zentrum der Kritik stellte der so genannte Pet&#246;fi-Kreis<sup>6</sup> dar. Das war vorerst ein studentischer Diskussionszirkel, der sich mit Fragen marxistischer Philosophie und Realpolitik besch&#228;ftigte. Bald wurden aber immer gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen organisiert und die Themen wurden immer brisanter: der wirtschaftspolitische Kurs Ungarns, Demokratie, Pressefreiheit, uvm. Die TeilnehmerInnen waren RegierungskritikerInnen, vor allem aus privilegierten Milieus, wie Universit&#228;t, Verwaltungsapparat oder Armee. Mit diesem Zirkel formierte sich ein zweites politisches Zentrum in Ungarn, welches die Politik des Zentralkomitees der MDP (kommunistische Partei Ungarns) herausforderte.<br />
Im Juli 1956 musste Rákosi aufgrund der immer st&#228;rkeren Opposition, nicht zuletzt bedroht durch die Entwicklungen in Polen, zur&#252;cktreten. Der ehemalige Chef der Staatsschutzbeh&#246;rde (AVH) und Mitstreiter Rákosis Ern&#246; Ger&#246; nahm seinen Posten ein. Doch die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch in den Betrieben begannen die ArbeiterInnen nach und nach Fragen zu stellen. Die Stimmung unter den Intellektuellen und unter den ArbeiterInnen heizte sich auf.</p>
<h3>Massenaufstand in Budapest</h3>
<p>Am 22. Oktober riefen einige StudentInnengruppen zu einer Demonstration in der Hauptstadt auf, um ihre Solidarit&#228;t mit “unseren polnischen Br&#252;dern” auszudr&#252;cken. Vielleicht w&#228;re es auch bei einem friedlichen Zeichen der Solidarit&#228;t geblieben, w&#228;ren die Menschen nicht gleich mit der Willk&#252;r ihrer eigenen herrschenden Klasse konfrontiert worden, die die Demonstration zun&#228;chst erlaubte und diese Erlaubnis kurz danach wieder entzog. Trotzdem, oder gerade deswegen, versammelten sich 100.000 Menschen am Platz vor der Statue von Josef Bem<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. In flammenden Reden wurden Reformen gefordert. Reformen, wie eine eigene, von Russland unabh&#228;ngige Politik, auf Basis sozialistischer Prinzipien. Betriebe sollten von ArbeiterInnen selbst gef&#252;hrt werden. Gewerkschaften sollten zur echten Repr&#228;sentantin der Interessen der ungarischen ArbeiterInnenklasse werden. Und nat&#252;rlich die Forderung nach freien Wahlen.<br />
Der Protestmarsch schien schon vor&#252;ber zu sein. Die Kundgebungen gehalten. Doch die Menschen wollten sicher gehen, dass ihre Forderungen tats&#228;chlich erf&#252;llt werden. Langsam bewegte sich die Menge weg vom Platz der Bem-Statue hin Richtung Parlament. Die Demonstration radikalisierte sich. “Raus mit den Russen!”, “Nieder mit Rákosi!”, “Freie und geheime Wahlen!”, “Nágy an die Macht!”. Die Demonstration schwoll immer mehr an. &#220;ber Radio sprach Ger&#246; zu den Menschen. Seine Rede machte klar, dass die Gruppe um ihn keinen Politikwechsel vorhatte.<br />
Zum Gef&#252;hl der Solidarit&#228;t und St&#228;rke kam nun auch das Gef&#252;hl der Bitterkeit, der Wut. Ein gro&#223;er Teil der Demonstration marschierte im Anschluss weiter zur Radiostation, um Ger&#246; zu antworten. Ein anderer Teil marschierte zum Stadtpark und riss die Stalin-Statue nieder. Ein weiteres verhasstes Symbol der Diktatur stellte sich den Menschen bei der Radiostation entgegen. 500 Soldaten der Staatsschutzbeh&#246;rde AVH bewachten sie. Es kam zu erbitterten Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den sich spontan bewaffnenden DemonstrantInnen. In diesem Moment begann in Ungarn die Revolution. Entgegen den Beteuerungen der Propaganda waren nicht einzelne Individuen am Werk, sondern ein gro&#223;er Teil der Budapester Bev&#246;lkerung.<br />
Ein Reporter aus Jugoslawien beschreibt die Situation folgenderma&#223;en:<br />
„Tausende Menschen eigneten sich Waffen an, indem sie Soldaten entwaffneten. Einige dieser Soldaten solidarisierten sich mit den erbittert k&#228;mpfenden Massen. Es wird berichtet, dass sie in Baracken eingebrochen und die Waffenfabrik Budapests eingenommen haben. Auf den Stra&#223;en tauchten Maschinengewehre und sogar leichte Infanterie auf. Gem&#228;&#223; den Augenzeugenberichten sind die Beh&#246;rden handlungsunf&#228;hig, es ist ihnen nicht m&#246;glich die blutigen Auseinandersetzungen zu beenden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Der ungarische Staatsapparat drohte v&#246;llig zusammenzubrechen. Am 23. und 24. Oktober geriet die Budapester F&#252;hrung derma&#223;en in Panik, dass einige in die Untergrundbunker flohen, die f&#252;r die ArbeiterInnen nicht zug&#228;nglich waren. Die regul&#228;re Polizei war machtlos und in Budapest liefen 1.200 Offiziere angef&#252;hrt vom Polizeichef Sandor Kopasci zu den DemonstrantInnen &#252;ber.</p>
<h3>Doppelherrschaft</h3>
<p>Die Herrschenden mussten reagieren. Am n&#228;chsten Morgen verk&#252;ndete Ger&#246; die Bildung einer neuen Regierung mit Imre Nágy als Ministerpr&#228;sident, was einer Forderung der Aufst&#228;ndischen entsprach. Die Auseinandersetzungen gingen jedoch auch unter der neuen Regierung weiter.<br />
Am dritten Tag der K&#228;mpfe, am 26. Oktober, begannen die Menschen Strukturen zu schaffen, um ihrer neuen Macht Ausdruck zu verleihen und effizienter zu agieren. Sie formierten “Revolution&#228;re R&#228;te” in den St&#228;dten und Stadtvierteln, in den D&#246;rfern, in Zeitungsb&#252;ros und in Schulen, auf Bauernh&#246;fen und in den Fabriken. Die R&#228;te organisierten die Revolution und das Alltagsleben. Sie waren die Koordinationspunkte um Kampfstrategien weiterzuentwickeln, aber sie organisierten auch die Arbeit in den Fabriken und die Verteilung von Lebensmitteln und anderen G&#252;tern. Sie waren der Ausdruck von Demokratie und Selbstverwaltung in dieser revolution&#228;ren Phase, sie zeigten das Potenzial der ArbeiterInnenklasse, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<br />
Die R&#228;te machten klar, dass es den Menschen in der ungarischen Revolution um eine tats&#228;chliche Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ging, mit dem zentralen Punkt der Kontrolle der ArbeiterInnen &#252;ber die Produktion. So wurde bei einer Versammlung von 24 R&#228;ten aus Budapest eine Resolution verabschiedet, die unter anderem folgende Punkte enthielt:<br />
- Die Fabriken sind Eigentum der ArbeiterInnen.<o></o><br />
- Die Kontrolle &#252;ber ein Unternehmen wird von dem demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenrat ausge&#252;bt.<br />
- Die Rechte der ArbeiterInnenr&#228;te werden folgenderma&#223;en definiert:<br />
o Die Zustimmung und Ratifizierung aller Projekte, die das Unternehmen betreffen<br />
o Die Festlegung des Lohnniveaus<o></o><br />
o Die Entscheidungsbefugnis &#252;ber alle Vertr&#228;ge im Export-Bereich<o></o><br />
o Finanzierungsentscheidungen<o></o><br />
o Einstellungs- und Entlassungspolitik<o></o><br />
o Die Ernennung eines Leiters des Unternehmens, der dem Rat gegen&#252;ber                                 verantwortlich ist.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Netz der R&#228;testrukturen wurde immer gr&#246;&#223;er und ihre Forderungen radikaler. In solch einer Situation konnte die Regierung auf zwei Arten reagieren: Entweder sie versuchte, den Aufstand und die daraus entstandenen Strukturen blutig niederzuschlagen, oder durch gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse auf die Forderungen der Masse einzugehen und damit die revolution&#228;re Krise zu entsch&#228;rfen. Die Regierung entschied sich f&#252;r zweiteres. Am 30. Oktober verk&#252;ndete Nágy: “Das Kabinett wird das Ein-Parteiensystem abschaffen und die Regierung auf die Basis demokratischer Kooperation der Parteien von 1945 stellen.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Die ArbeiterInnenr&#228;te, so wurde versprochen, sollten offiziell eingebunden werden. Bis Anfang November wurden immer mehr der popul&#228;ren Figuren der Revolution in die Regierung integriert. In den R&#228;ten selbst stellte sich nun die Frage, ob man dieser neuen Regierung vertrauen, oder eine eigene, in Form eines zentralen ArbeiterInnenrats, gr&#252;nden sollte. W&#228;hrend in den Revolution&#228;ren R&#228;ten noch diskutiert wurde, wurde von Moskau aus bereits die Konter-Revolution vorbereitet.</p>
<h3>Verrat und Konterrevolution</h3>
<p>Am 4. November r&#252;ckten russische Panzer in Budapest ein. Die ungarische Regierung wollte sich den Invasoren nicht kampflos ergeben. Imre Nágy verk&#252;ndete:<br />
“Heute im Morgengrauen haben sowjetische Kr&#228;fte begonnen unsere Hauptstadt anzugreifen, um offensichtlich die legale, demokratische ungarische Regierung zu st&#252;rzen. Unsere Truppen k&#228;mpfen. Die Regierung ist im Amt.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Aber wenige Stunden sp&#228;ter hatte die russische Armee alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt eingenommen. Nágy und die anderen Minister mussten fliehen. Doch in ganz Ungarn griffen die ArbeiterInnen zu den Waffen und stellten sich der einr&#252;ckenden russischen Offensive entgegen. In Csepel, Újpest, in Pécs, in Miskolc und in Dunapentele – &#252;berall str&#246;mten Menschen auf die Stra&#223;en um die Revolution zu verteidigen.<br />
Die russische Armee setzte ihren Angriff ohne Gnade fort. In ihrer Verzweiflung baten die Aufst&#228;ndischen den Westen um Hilfe. Doch sie hatten keine Unterst&#252;tzung zu erwarten. Der westlichen herrschenden Klasse war klar, dass diese Revolution, auch wenn gegen ihren Feind den Stalinismus gerichtet, nicht in ihrem Interesse war. Au&#223;erdem h&#228;tten sie damit eine Eskalation des Konflikts zwischen den gro&#223;en imperialistischen Bl&#246;cken riskiert.<br />
Als Russland die Kontrolle nach schweren K&#228;mpfen und mehr als 20.000 Toten wieder erlangte, &#252;bergaben sie sie an die neue ungarische Regierung unter Ministerpr&#228;sident János Kádár. Trotzdem war der Widerstand noch nicht gebrochen. Die Industrieproduktion war gestoppt, es gab keine Elektrizit&#228;t, die Nahrungsvorr&#228;te neigten sich dem Ende zu und das Telefonnetz und die Post funktionierten nur dann, wenn die ArbeiterInnen es wollten. Auch wenn sie milit&#228;risch geschlagen waren, ihre m&#228;chtigste Waffe gaben die ArbeiterInnen Ungarns nicht so schnell aus der Hand. Sie organisierten einen Generalstreik. Die Organisation des Streiks war weitaus schwieriger in dieser Situation. Viele der ArbeiterInnen hatten die Hoffnung auf einen Sieg l&#228;ngst aufgegeben. Nun war es wichtig die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln, wenn doch noch etwas erreicht werden sollte. Am 8. November fand ein Koordinationstreffen der Budapester ArbeiterInnenr&#228;te statt und ein Zentraler ArbeiterInnenrat wurde gegr&#252;ndet. Man einigte sich auf die folgenden Forderungen: Die Betriebe sollten Eigentum der ArbeiterInnen unter der Kontrolle der R&#228;te werden, die Macht der R&#228;te sich auch auf die wirtschaftlich, soziale und kulturelle Sph&#228;re ausweiten, eine eigene Miliz sollte geschaffen werden und ein Mehr-Parteien System auf sozialistischer Basis etabliert werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass diese Forderungen nicht zur G&#228;nze umgesetzt werden k&#246;nnten. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich aufgrund ihrer milit&#228;rische &#220;berlegenheit schon weit zugunsten der herrschenden Klasse verschoben. So begannen nun die Verhandlungen zwischen der Kádár-Regierung und VertreterInnen des Zentralen ArbeiterInnenrates. R&#252;ckblickend erscheint das Verhalten der ehemaligen Revolutionsf&#252;hrerInnen etwas naiv. Denn w&#228;hrend noch &#252;ber die formale Annerkennung der R&#228;te verhandelt wurde, wurden mehr und mehr ihrer Mitglieder verhaftet, verschleppt und wie sich sp&#228;ter herausstellte, exekutiert. Die Regierung wollte und konnte die Macht der R&#228;te niemals akzeptieren. So wurde am 11. Dezember 1956 – 30 Tage seit seinem Bestehen – der Zentrale ArbeiterInnenrat von Gro&#223;budapest zur G&#228;nze verhaftet. Am 15. Dezember wurde die Todesstrafe f&#252;r wilde Streiks eingef&#252;hrt. Die ehemaligen Anf&#252;hrer der R&#228;te, wie Janoz Soltezs oder Josef Dudas wurden verhaftet und ermordet. Gleichzeitig wurden Lohnerh&#246;hungen f&#252;r die Mehrheit der ArbeiterInnen eingef&#252;hrt. Es wurde alles daran gesetzt den Arbeitsalltag wieder herzustellen. Am 6. J&#228;nner l&#246;ste sich der letzte ArbeiterInnenrat selbst auf.</p>
<h3>Sozialismus von unten</h3>
<p>Es stellt sich die Frage, warum ein System, das sich „Kommunismus“ oder „ArbeiterInnenstaat“ nennt, von ArbeiterInnen derart herausgefordert werden kann. In dieser Geschichte wird deutlich, dass der “real existierende Sozialismus” seit dem Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun hatte. Es wurden weder Produktion noch Verteilung unter der demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen organisiert. Die Kontrolle wurde durch einen repressiven b&#252;rokratischen Staatsapparat ausge&#252;bt.<br />
Worin liegt dann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ArbeiterInnenr&#228;te: Die Tatsache, dass sie gegen einen so genannten sozialistischen ArbeiterInnenstaat aufgebaut und von demselben wieder zerst&#246;rt wurden, zeigt, dass Ungarn weder vor noch nach 1956 in irgendeiner Weise sozialistisch war. Dass die R&#228;te die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel &#252;bernahmen, zeigt auch, dass das Problem nicht die politische Degeneration an der Spitze war, sondern ein System, das ArbeiterInnen politisch und &#246;konomisch unterdr&#252;ckt. „Die Kommunisten verstaatlichten alle Fabriken und &#228;hnliche Unternehmen mit dem Slogan: Das sind eure Fabriken – ihr arbeitet f&#252;r euch selbst. Aber das genaue Gegenteil war der Fall“, betonte ein Arbeiter aus Csepel.</p>
<p>Aus diesem Grund wird der “real existierende Sozialismus” von uns als „b&#252;rokratischer Staatskapitalismus“ analysiert. Was die ArbeiterInnenr&#228;te dagegen geschaffen haben, n&#228;mlich der Ansatz einer demokratischen selbstverwalteten Gesellschaft, steht f&#252;r uns in der Tradition des “Sozialismus von unten”.<br />
„Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen H&#228;nden ergreifen, die sich “von unten” in einen Kampf werfen, um die Kontrolle &#252;ber ihr Schicksal zu &#252;bernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der B&#252;hne der Geschichte.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> In Ungarn, Polen und Rum&#228;nien waren die kommunistischen Parteien vor und w&#228;hrend dem Krieg verschwindend klein nur in Tschechien hatten sie etwas mehr Bedeutung mit 240.00 Mitgliedern.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. Adam Wazyk, der bereits vor dem Krieg Anh&#228;nger der Kommunistischen Partei war und dann bekannter Vertreter „sozialistischen Realismus“ wurde<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-1983. London: Bookmarks 1988. p98.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Mátyás Rákosi war bereits vor dem 2. Weltkrieg, den er gro&#223;teils im russischen Exil verbrachte, Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihm wird die „Sowjetisierung“ Ungarns zugeschrieben, er baute die AVH auf und bezeichnete sich selbst als „Stalins bester Sch&#252;ler“.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Varga, Gy&#246;rgy T.: Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution 1956. p73.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Die Pet&#246;fi-Zirkeln entstanden aus einer Untergruppe der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Ungarns.<br />
Benannt wurden sie nach dem Dichter und Held des ungarischen Freiheitskampfs 1848 Sándor Pet&#246;fi.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Josef Bem, urspr&#252;nglich aus Polen stammenden Helden im ungarischen Aufstand von 1848.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p131.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council. http://www.marxists.de/statecap/nagy/budapest.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p138.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zit. n. ebd.: p159.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Draper, Hal: Die zwei Seelen des Sozialismus. http://www.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm<o></o></p>
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		<title>St&#228;ndige Unruhe</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 02:38:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Beverly J. Silver: Forces Of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2005. 18,00 €<br />
<span id="more-92"></span><br />
Wir befinden uns, schenken wir dem wissenschaftlichen und medialen Mainstream zum Thema Glauben, in einem v&#246;llig neuen Zeitalter. Die „Globalisierung“ hat uns ihre ehernen Naturgesetze aufgezwungen, die fortschrittliche Politik praktisch unm&#246;glich machen. Die von internationalen Konzernen ausgeh&#246;hlten Nationalstaaten, hei&#223;t es da, m&#252;ssen gegeneinander um die Gunst des Kapitals buhlen, das, einem scheuen Reh gleich, aus unwirtlichem Gebiet schneller abhaut, als man „Lohndumping“ sagen kann. Und die ArbeiterInnenbewegung? Die gibt es kaum noch, und wenn doch, so ist sie angesichts der Herausforderungen des Weltmarktes hilf- und orientierungslos.<br />
Diesem weit verbreiteten Mythos h&#228;lt Beverly Silver eine auf reichhaltigem empirischen Material und wohl&#252;berlegtem theoretischen Fundament basierte Studie entgegen. In „Forces of Labor“ untersucht sie verschiedene Formen des Widerstands von ArbeiterInnen – so genannte „Arbeiterunruhen“ – seit 1870, die in der einzigartigen Datenbank der „World Labor Group“ erfasst sind und zeigt, dass vieles, was uns heute als Eigenschaften einer v&#246;llig neuen und unvergleichlichen &#196;ra pr&#228;sentiert wird, im gro&#223;en historischen Rahmen keineswegs ungew&#246;hnlich ist.<br />
<span>Silvers recht komplexer theoretischer Rahmen orientiert sich dabei an der Tradition des Operaismus, an den Weltsystem-Analysen von Immauel Wallerstein und Giovanni Arrighi (Co-Autor anderer B&#252;cher von Silver) und an &#220;berlegungen des marxistischen Wirtschaftsgeographen David Harvey. In „Forces Of Labor“ zeigt sie, wie „Arbeiterunruhen“ zu zyklischen Krisen f&#252;hren, auf die das Kapital mit einer Reihe von Bew&#228;ltigungsstrategien reagiert. Diese Strategien nennt Silver, anschlie&#223;end an David Harvey, „fixes“. Der Begriff „fix“ ist in seiner Doppeldeutigkeit un&#252;bersetzbar: Einerseits bedeutet er, dass Kapital an eine andere Stelle verlagert, also dort „fixiert“ wird; gleichzeitig bedeutet „to fix“ auch, einen Schaden zu beheben – die „Reparatur“ bleibt jedoch nie endg&#252;ltig, da das grundlegende Problem damit nur zeitlich oder r&#228;umlich hinausgeschoben wird. Der erste von Silver behandelte „fix“ ist ein heute wohl bekannter: mit dem „r&#228;umlichen fix“ versucht das Kapital, durch geographische Verschiebungen bessere Standortbedingungen zu finden. Die Verlagerung von Produktionsst&#228;tten nach Ostasien oder in Maquiladora-Industrien sind daf&#252;r aktuelle Beispiele. Eine zweite Strategie ist der „technologische fix“, der durch technische oder arbeitsorganisatorische Innovationen Vorteile f&#252;r das Kapital bietet, wie das aktuell mit „Just-In-Time“-Produktion oder der massenhaften Schaffung von prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen passiert. Die Verlagerung in andere, profitablere Produktionsbereiche wird mit dem Begriff „Produkt-fix“ bezeichnet, w&#228;hrend der „finanzielle fix“ die laut Silver wichtigste Strategie der letzten Jahrzehnte bezeichnet. Hier werden gro&#223;e Teile des Kapitals ganz aus unproduktiven Sektoren in Produktion und Handel abgezogen, um sich in Finanz und Spekulation zu fl&#252;chten.<br />
Der entscheidende Punkt, den Silver macht, ist, dass all diese „fixes“ blo&#223; provisorische Behelfe sind, die letztlich trotzdem wieder die Bedingungen produzieren, vor denen man fliehen wollte. Sie beschreibt am Beispiel der Autoindustrie, wie eine Reihe von „r&#228;umlichen fixes“ seit den 1930er Jahren – von Nordamerika &#252;ber (S&#252;d-)Europa bis in sich schnell industrialisierende L&#228;nder der 1980er und 90er Jahre wie S&#252;dafrika, Brasilien oder S&#252;dkorea, dazu gef&#252;hrt hat, dass Arbeiterunruhen, Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und soziale Bewegungen die Industrie immer wieder „einholten“: „Wohin das Kapital auch geht, die Konflikte gehen mit“ (64). Das Argument ist deshalb so wichtig, weil es der These der Ohnmacht der ArbeiterInnen angesichts eines „Wettlaufs nach unten“ in Sachen Arbeits- und Sozialstandards Wind aus den Segeln nimmt.<br />
„Forces of Labor“ analysiert Schritt f&#252;r Schritt die oben vorgestellten „fixes“ und kommt zum Schluss, dass die j&#252;ngsten Ver&#228;nderungen der Weltwirtschaft durchaus ihre historischen Entsprechungen in der Geschichte des Kapitalismus haben. Die Epizentren der „Arbeiterunruhen“ verschieben sich zwar, ihr Verschwinden ist aber bei weitem nicht in Sicht. Ob die St&#228;rke der ArbeiterInnen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anwachsen kann, h&#228;ngt dabei nicht nur von den strukturellen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus ab, sondern auch und besonders davon, ob neue und angemessene Formen der Organisierung von ArbeiterInnen gefunden werden k&#246;nnen.<br />
Problematisch an „Forces Of Labor“ ist jedoch, dass oft unklar bleibt, ob und wie diese Dynamik von “Arbeiterunruhe” und “fixes” durchbrochen werden k&#246;nnte. Die Betonung der „Zyklen“ des Widerstands und das (von Polanyi &#252;bernommene) Argument, dass der Weltkapitalismus sich in Pendelbewegungen zwischen regulierten und unregulierten Formen des Marktes bewegt, l&#228;sst die Geschichte oft als ewige Wiederkehr des Gleichen erscheinen. Silvers Pl&#228;doyer f&#252;r „eine internationale Ordnung, die den Profit tats&#228;chlich der Existenzsicherung aller unterordnet“ (224) erh&#228;lt so wenig Unterf&#252;tterung. Nichtsdestotrotz: Der Wert dieses Buchs f&#252;r die Debatten um die Zukunft der ArbeiterInnenbewegung wird auch von seinen – wenigen – Schw&#228;chen nicht wirklich geschm&#228;lert.<o></o></span></p>
<p><em>Eine ausf&#252;hrliche Sammlung von Texten, Materialien und Rezensionen zu „Forces Of Labor“ gibt es unter http://www.wildcat-www.de/dossiers/forcesoflabor/fol_dossier.htm</em></p>
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