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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 0</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Perspektiven – Ein Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis</em>. Dahinter steht der Anspruch, in einer Zeit, in der die etablierte Politik – sei es jene der &#246;sterreichischen Parteienlandschaft, der Europ&#228;ischen Union oder der Superm&#228;chte der Weltpolitik – in einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeitskrise steckt, eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Perspektiven – Ein Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis</em>. Dahinter steht der Anspruch, in einer Zeit, in der die etablierte Politik – sei es jene der &#246;sterreichischen Parteienlandschaft, der Europ&#228;ischen Union oder der Superm&#228;chte der Weltpolitik – in einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeitskrise steckt, eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.<br />
<span id="more-68"></span><br />
Die Gruppe Perspektiven will dazu einen Beitrag leisten. Die Form eines regelm&#228;&#223;ig erscheinenden Magazins – dessen „nullte“ Ausgabe Du in H&#228;nden h&#228;ltst – haben wir bewusst gew&#228;hlt, um den komplexen politischen Realit&#228;ten angemessenen Raum zu geben und dadurch in wichtige Debatten einzugreifen. Dazu ist es notwendig, realistische und theoretisch informierte Analysen aktueller Themen mit einem politischen Projekt zu verbinden, das auf eine grunds&#228;tzliche Umw&#228;lzung der herrschenden Ordnung zielt – Perspektiven eben.<br />
„Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Handelns“ nannte das der italienische Marxist Antonio Gramsci, und es ist kein Zufall, dass wir ihm einen Artikel in dieser Ausgabe widmen. (S. 34) Gramscis Maxime begleitet uns auch im thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe: Die Europ&#228;ische Union. „Pessimismus des Verstandes“ bedeutet hier Be-standsaufnahmen der EU auf dem Weg zur globalen Ordnungsmacht (Mario Becksteiner, Michael Botka und Karin H&#228;dicke &#252;ber die Entstehung eines „Europ&#228;ischen Imperialismus“, S. 8) und des neoliberalen Umbaus europ&#228;ischer Bildungssysteme (Maria Asenbaum und Barbara Brehmer: „Reclaim the Brain!“, S. 14) Den „Optimismus des Handelns“ liefern Kristina Botka und Ramin Taghian: sie zeigen, wie EU-Kritik jenseits von Standortnationalismus und Vaterlandsrhetorik formuliert werden kann (S. 4). Dies ist umso wichtiger, als die Diskussionen um die EU das Dilemma &#246;sterreichischer Politik geradezu exemplarisch darstellen: Weite Teile der Bev&#246;lkerung haben das Vertrauen in die Politik der Eliten verloren, politisch artikuliert wird diese Stimmung jedoch fast ausschlie&#223;lich von der extremen Rechten.<br />
Ein zweiter, „inoffizieller“ Schwerpunkt hat sich in den letzten Monaten geradezu aufgedr&#228;ngt. Die Meldungen aus Lateinamerika lassen linke Herzen und Hirne Samba tanzen: Evo Morales wurde mit seiner „Bewegung zum Sozialismus“ von einer Welle sozialer Bewegungen ins Amt gesp&#252;lt, und in Venezuela proklamiert Pr&#228;sident Hugo Chavez die „bolivarianische Revolution“ und den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. In zwei ausf&#252;hrlichen Artikeln widmen wir uns daher dem ehemaligen „Hinterhof der USA“, in dem aktuell linke Strategien dem Test der Praxis unterzogen werden: Benjamin Opratko und Philipp Probst werfen einen Blick auf die Politik hinter der Symbolfigur Chavez (S. 22), w&#228;hrend Stefan Probst und David Sagner die aktuellen Entwicklungen in Bolivien im Kontext der Erfahrungen der bolivianischen Revolution von 1952 analysieren (S. 28).<br />
Abgerundet wird die Ausgabe durch ein Interview zum drohenden B&#252;rgerkrieg im besetzten Irak, einen Beitrag &#252;ber das boomende Genre des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich und Rezensionen aktueller, interessanter B&#252;cher.<br />
Wir hoffen, mit Perspektiven Euer Interesse zu wecken und Diskussionen zu bereichern. Damit unsere Beitr&#228;ge aber nicht zu einem Monolog verkommen brauchen wir Euch! Kommentiert, lobt, kritisiert und bringt Euch ein unter kontakt@perspektiven-online.at!</p>
<p>Die Perspektiven-Redaktion</p>
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		<title>Richtig gegen EUropa &#8211; EU-Kritik jenseits von Standortlogik und Vaterlandsrhetorik</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:09:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<description><![CDATA[Die hiesigen Diskussionen um die Europ&#228;ische Union stellen das Dilemma &#246;sterreichischer Politik geradezu exemplarisch dar. Weite Teile der Bev&#246;lkerung haben das Vertrauen in die Politik der EU-Eliten verloren, politisch artikuliert wird diese Stimmung jedoch fast ausschlie&#223;lich von der extremen Rechten. Wie EU-Kritik mit Perspektiven formuliert werden kann, zeigen <em>Kristina Botka</em> und <em>Ramin Taghian</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die hiesigen Diskussionen um die Europ&#228;ische Union stellen das Dilemma &#246;sterreichischer Politik geradezu exemplarisch dar. Weite Teile der Bev&#246;lkerung haben das Vertrauen in die Politik der EU-Eliten verloren, politisch artikuliert wird diese Stimmung jedoch fast ausschlie&#223;lich von der extremen Rechten. Wie EU-Kritik mit Perspektiven formuliert werden kann, zeigen <em>Kristina Botka</em> und <em>Ramin Taghian</em>.<br />
<span id="more-69"></span><br />
Kritik an der EU ist heute ein weit verbreitetes Ph&#228;nomen. Wir k&#246;nnen das in allen EU-L&#228;ndern beobachten und auch in &#214;sterreich tritt diese Entwicklung verst&#228;rkt zutage. Die Eurobarometer-Herbst-Umfrage von 2005 zeigte f&#252;r ganz Europa steigenden Unmut gegen das Projekt EU. &#214;sterreich war dabei Schlusslicht in der Zustimmung zur Europ&#228;ischen Union. Nur 32% der &#214;sterreicherInnen sind der Meinung, die EU-Mitgliedschaft sei eine gute Sache und nur noch 24% meinen, die EU gebe ein gutes Bild ab.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Trotz oder gerade wegen dieser Welle von Kritik traut sich insbesondere die &#246;sterreichische Linke nicht &#252;ber eine unsichtbare Linie hin&#252;ber. Die Angst, mit der Rechten in einen Topf geworfen zu werden, dominiert. Der FP&#214;, die erfolgreich die EU-kritische Stimmung f&#252;r ihre Zwecke instrumentalisiert (etwa bei der Frage eines T&#252;rkei-Beitritts), wird hier das Feld &#252;berlassen. Die etablierte Linke versteht es nicht, das gesamte Projekt der EU als ein Projekt zu erkennen, welches dem Gro&#223;teil der Menschen mehr schadet als n&#252;tzt. EU-Kritik beschr&#228;nkt sich in diesem Fall auf die Reform europ&#228;ischer Politik und Institutionen. Damit wird allerdings nur an der Oberfl&#228;che gekratzt und &#252;ber eine Kritik an Symptomen wird nicht hinausgegangen.</p>
<p>Wir wollen daher in unserem Artikel folgendes diskutieren: Was ist der Charakter der EU und was sind die Ursachen ihrer Krise? Wie positionieren sich in &#214;sterreich relevante Kr&#228;fte kritisch zur EU und wie k&#246;nnen wir diese einsch&#228;tzen?<br />
Der zentrale Anspruch ist es schlie&#223;lich, Perspektiven f&#252;r eine progressive EU-Kritik zu entwickeln und uns dabei auf Erfahrungen erfolgreicher Bewegungen zu berufen.</p>
<h3>Die EU in der Krise</h3>
<p>Die EU ist in der Krise und jedeR wei&#223; es. Sp&#228;testens seit dem Non! und Nee! zur EU-Verfassung in Frankreich und Holland, in denen der neoliberalen Politik der EU eindeutig eine Absage erteilt wurde, ist dieser Umstand auch zu den letzten EU-OptimistInnen vorgedrungen. Diese Krise kann an zwei wesentlichen Bruchlinien klar gesehen werden:</p>
<p>Die erste Bruchlinie zeigt sich in den Widerspr&#252;chen des EU-Projekts selbst. Der gemeinsame Anspruch der europ&#228;ischen Regierungen und Interessensgruppen l&#228;sst sich so zusammenfassen:<br />
Die Schaffung und Vollendung eines europ&#228;ischen Binnenmarktes mit der Beseitigung von Handelshemmnissen und die Erleichterung des freien Waren-, Kapital- und Dienstleistungsverkehrs ist das wichtigste Anliegen der EU. Der „freie“ kapitalistische Wettbewerb wird zur zentralen Achse des EU-Projekts und „Wettbewerbsf&#228;higkeit“ zu seinem dominanten Begriff. Peter Sutherland, Mitglied des European Round Table of Industrialists<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> und BP-Chef, meinte dazu offen, die Idee des europ&#228;ischen Binnenmarktes sei nicht ein Projekt der Regierungen sondern der Konzerne gewesen.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Die wirtschaftliche Integration nach innen st&#228;rkt auch die Stellung des europ&#228;ischen Kapitals im internationalen Wettbewerb. Hilfreich ist dabei die gemeinsame W&#228;hrung sowie die damit verbundene Sicherheits- und Verteidigungspolitik, mit der immer mehr auch milit&#228;risch die europ&#228;ischen Interessen am Weltmarkt durchgesetzt werden k&#246;nnen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></p>
<p>Trotz dieses gemeinsamen Anspruches ist die EU keinesfalls ein Verein harmonisierender Nationalstaaten oder der Versuch nationalistische Interessen zu beseitigen. Die EU kann eher als eine Union der „verfeindeten Geschwister“ bezeichnet werden. Unterschiedliche Vorstellungen, wohin sich das Projekt EU weiterentwickeln soll, sowie die unterschiedlichen Interessenslagen zwischen den europ&#228;ischen Kapitalgruppen spielen eine wesentliche Rolle.<br />
In Wirtschaftskreisen wird vom „&#246;konomischen Patriotismus“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> gesprochen der sich zum Beispiel in protektionistischen Ma&#223;nahmen &#228;u&#223;ert. Anfang M&#228;rz wurde von der franz&#246;sischen Regierung die &#220;bernahme des franz&#246;sischen Energieunternehmens SUEZ durch den italienischen Konkurrenten ENEL verhindert, was Misst&#246;ne zwischen den beiden Regierungen verursachte. Dies ist nur ein Beispiel von Protektionismus aus der j&#252;ngeren Vergangenheit. Abgesehen davon, dass dieser Wirtschaftspatriotismus eine M&#246;glichkeit ist, sich gegen&#252;ber der Bev&#246;lkerung zu profilieren, zeigt es auch, dass &#246;konomische Nationalinteressen auch innerhalb der EU existieren und regelm&#228;&#223;ig Krisensituationen hervorrufen.<br />
Es gibt aber auch politische Differenzen &#252;ber den Charakter des EU-Projekts. Die Frage lautet: „Europa als wettbewerbsf&#228;hige Freihandelzone oder ehrgeiziges politisches Projekt“?<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Auf der einen Seite steht die Achse Berlin-Paris, die nach der marktorientierten Integration auch f&#252;r eine politische Integration der EU agitiert, d.h. gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik, gemeinsame Au&#223;enpolitik, Gegenpol zur US-Dominanz und EU als „Global Player“. Andere L&#228;nder wie Gro&#223;britannien wollen die EU auf eine Freihandelszone beschr&#228;nken und verfolgen andere politische Interessen. Dieser Konflikt f&#252;hrte zum Beispiel zu unterschiedlichen Positionen innerhalb der EU w&#228;hrend der Irak-Invasion.</p>
<h3>Legitimationskrise der EU</h3>
<p>Die zweite Bruchlinie betrifft das Verh&#228;ltnis zwischen den EU-Eliten und der Bev&#246;lkerung. Die EU hat sich schon seit einigen Jahren bei den Menschen unbeliebt gemacht. Mangelnde Demokratie, unsoziale neoliberale Politik und entt&#228;uschte Hoffnungen in der Arbeitsmarktpolitik sind Ursache der aktuellen Legitimationskrise der EU.<br />
Der deutlichste und bis jetzt folgenschwerste Ausdruck f&#252;r diese Legitimationskrise war die klare Ablehnung der EU-Verfassung in den Referenden von Frankreich und Holland. In Frankreich zeigte sich deutlich, dass die Wahlabgabe entlang von Klassengrenzen verlief. 80% der ArbeiterInnen und 70% der Angestellten w&#228;hlten mit Nein.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Diese Entscheidung ist ein linkes NEIN gegen den herrschenden neoliberalen Konsens und mangelnde Demokratie in der EU, auch wenn die Herrschenden und Teile der Medien, das Non und Nee als einen nationalistischen, unreflektierten und rechten Protest darzustellen versuchen.
</p>
<p class="MsoNormal">Das Projekt der Europ&#228;ischen Union erfuhr durch die Verfassungsreferenden einen massiven R&#252;ckschlag. Den Herrschenden Europas wurde klargemacht, dass sie Politik nicht schamlos &#252;ber die K&#246;pfe der Menschen hinweg machen k&#246;nnen.</p>
<h3>Zur EU-kritischen Diskussion in &#214;sterreich</h3>
<p><strong>EU Kritik der FP&#214;</strong></p>
<p>Im Fahrwasser der oben er&#246;rterten breiten EU-kritischen Stimmung, welche es in Europa und auch in &#214;sterreich gibt, sieht die FP&#214; eine Chance, durch Anti-EU-Propaganda bei den W&#228;hlerInnen einen Fu&#223; in die T&#252;r zu bekommen. Dass sie dabei in &#214;sterreich beinahe Monopolstellung erreicht hat, ist dem Versagen anderer Kr&#228;fte auf diesem Gebiet zuzuschreiben. In einer Zeit, in der die Arbeitslosenzahlen stetig steigen und Menschen im ganzen Land zu sp&#252;ren bekommen, dass die EU eine Politik gegen die Menschen durchf&#252;hrt, hat es diese Partei geschafft, die Stimmung f&#252;r sich zu n&#252;tzen.<br />
Aus diesem Grund ist es wichtig, die rechte EU-Kritik unter die Lupe zu nehmen und vor allem, ihr etwas entgegenzustellen.</p>
<p>Anfang M&#228;rz diesen Jahres fand das Anti-EU-Volksbegehren “&#214;sterreich bleib frei” der FP&#214; statt. In dieser Kampagne wurde an berechtigter Kritik der Menschen angekn&#252;pft, dass zum Beispiel in der EU das Geld f&#252;r die falschen Dinge ausgegeben wird. Der nationalistisch klingende Titel der Kampagne bezieht sich vor allem auf ein “frei bleiben” von der T&#252;rkei = vom Islam. Kopftuch tragende Frauen stehen wieder einmal mehr f&#252;r ein Sinnbild der Gefahr durch „den Islam“, welcher mit dem T&#252;rkei-Beitritt zur EU „unsere Werte“ in Bedr&#228;ngnis bringen w&#252;rde. Die FP&#214; forderte hierzu, es solle sich an „unsere Leitkultur” gehalten werden. Dabei ist von der christlichen, europ&#228;ischen „Leitkultur“ die Rede. Begr&#252;ndet wird dies damit, dass „wir“ in &#214;sterreich bzw. in Zentraleuropa fortschrittlicher und zivilisierter Natur sind. Das w&#252;rde im Umkehrschluss bedeuten, dass L&#228;nder au&#223;erhalb einer imagin&#228;ren Leitkulturgrenze r&#252;ckschrittlich und gef&#228;hrlich sind. Das nennen wir blanken Rassismus, den bekommen dann auch Menschen zu sp&#252;ren, wenn sie von „drau&#223;en“ zu „uns“ kommen m&#246;chten.<br />
Beim Anti-EU-Volksbegehren zeigte sich, dass f&#252;r die FP&#214; das Gegenst&#252;ck zu Br&#252;ssel Heimat und Vaterland bedeutet. Der scheinbar angestrebte Austritt &#214;sterreichs aus der EU, f&#252;r den etliche UnterzeichnerInnen dachten zu stimmen, wird auch von der FP&#214; abgelehnt. Nach FP&#214;-Ideal br&#228;uchten wir ein „Europa der Vaterl&#228;nder“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>, sowie „selbstbewusste Au&#223;enpolitik“ und „gemeinsame Sicherheitspolitik“.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p><strong>EU-Kritik der SP&#214;</strong></p>
<p>Zur EU-Kritik der SP&#214; muss zu allererst festgestellt werden, dass die SP&#214; nicht das Projekt der EU an sich kritisiert, sondern viel mehr auf einzelnen Gebieten Verbesserungen anstrebt. So konzentriert sich die Kritik auf die Punkte Arbeitslosigkeit, Sch&#252;ssels Unf&#228;higkeit und „Wachstum“.<br />
Dass die Arbeitsmarktpolitik von Sch&#252;ssel unter dem EU- Vorsitz eine verheerende ist und dass durch neue Gesetze der EU die Lage zum Beispiel auch der Jugendarbeitslosigkeit<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> immer schlechter statt besser wird, ist mit Sicherheit ein wichtiger Kritikpunkt.<br />
Doch in Teilen scheint die SP&#214; mit ihrer Kritik etwas hilflos, weil auch sie in die Logik des Konkurrenzdenkens hereinf&#228;llt. Das passiert etwa, wenn es darum geht, Arbeitspl&#228;tze europaweit zu verteilen. Eine sozialdemokratische Partei d&#252;rfte in Zeiten wie diesen nicht versuchen, das Bild zu erwecken, &#214;sterreich tr&#252;ge die „Hauptlast“ bei Asylgew&#228;hrungen und es bed&#252;rfe daher einem europaweiten Asylgesetz zur besseren Verteilung.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Wir k&#246;nnen uns vorstellen, wie ein europaweites Asylgesetz aussieht. Dazu brauchen wir nur an die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla denken, wo „Europa“ vor den afrikanischen Fl&#252;chtlingen „besch&#252;tzt“ wird (dazu gab es im vergangenen Herbst etliche Berichte aufgrund dramatisch ansteigender verzweifelter Versuche von Fl&#252;chtlingen, unter Lebensgefahr nach Europa zu gelangen). Das kann nicht der Vorstellung sozialdemokratischer Werte entsprechen.</p>
<p><strong>&#214;sterreichische ArbeiterInnenvertretung und die EU</strong></p>
<p>Gro&#223;teils wird auch von Seiten der ArbeiterInnenvertretung die EU nicht als Projekt der Herrschenden in Frage gestellt, sondern eben die Umsetzung wird bem&#228;ngelt. Die Gewerkschaften &#214;sterreichs kritisierten in j&#252;ngster Vergangenheit an der EU im Besonderen einzelne Arbeitsgesetze wie die Bolkestein-Richtlinie und argumentierten dabei gegen das „Herkunftslandprinzip“. Die Kritik dringt jedoch kaum zum grunds&#228;tzlichen Problem vor.</p>
<p>DienstleisterInnen, wenn sie aus anderen Staaten der EU kommen und in &#214;sterreich arbeiten wollen, k&#246;nnen die arbeits- und sozialrechtlichen Bedingungen ihres Heimatlandes anwenden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Wenn nun in Gewerkschaftskreisen dar&#252;ber diskutiert wird, welche Nachteile aus solchen Richtlinien entstehen, wird oft in die Standort-Konkurrenz-Logik-Falle getappt. Die Arbeiterkammer schreibt dazu: „Das hei&#223;t f&#252;r &#214;sterreichs Besch&#228;ftigte: Lohn- und Sozialdumping, weil ausl&#228;ndische Anbieter billiger anbieten k&#246;nnen. Tausende &#246;sterreichische Arbeitspl&#228;tze stehen auf dem Spiel.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Diese Argumentation scheint einfach nachvollziehbar. W&#246;rtlich wird zwar vor Lohn- und Sozialdumping gewarnt,<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> doch die AutorInnen ziehen hier schnell Verbindungen mit einer “Gefahr” durch ausl&#228;ndische ArbeiterInnen, anstatt etwa das niedrige Lohn- und Sozialsystem anderer L&#228;nder zu kritisieren. Es wird nicht das europ&#228;ische Problem der Arbeitslosigkeit mit den tiefer liegenden Ursachen er&#246;rtert und nach europaweiten Strategien dagegen gesucht. Dagegen werden nach dem Symptom-Abschw&#228;chungs-Prinzip strengere Gesetzen gefordert, welche uns vor den (ost-)europ&#228;ischen MitstreiterInnen zu sch&#252;tzen haben. Dass auch diese negative Auswirkungen von EU-Richtlinien zu sp&#252;ren bekommen, interessiert &#246;sterreichische ArbeiterInnenvertreterInnen scheinbar wenig. Dieses Nationalbewusstsein wird jedoch sp&#228;testens dann hinderlich werden, wenn es darum geht, sich auf EU-Ebene kollektiv gegen unsoziale Richtlinien zu wehren.</p>
<h3>Raus aus der EU?</h3>
<p>Die Spaltung der ArbeiterInnen und die Angst vor der Konkurrenz aus den benachbarten L&#228;ndern ist die Gefahr, welche den Fortschritt in Richtung Besserung von Sozialstandards bremst. Dieses Konkurrenzdenken sollte nicht von ArbeiterInnenvertretungen angekurbelt werden, wie es teilweise von Seiten der Gewerkschaft und Arbeiterkammer getan wird. Die EU ist es, die auf Konkurrenz und Wettbewerb aufbaut, dagegen sollten sich VertreterInnen unserer Interessen stellen. Doch dieses Konkurrenzsystem wurde nicht von „der EU“ erfunden, vielmehr ist es die Grundlage des gesamten Wirtschaftssystems.</p>
<p class="MsoNormal">So passiert der Abbau von sozialen Rechten und Leistungen schon viel l&#228;nger als es die EU gibt. Schon vor dem EU-Beitritt war &#214;sterreich in dieses System integriert. Mit oder ohne EU, die &#246;sterreichische Regierung ist die Vertreterin von Kapitalinteressen. Weil &#246;sterreichische Konzerne von der EU profitieren, h&#228;tten Bestrebungen f&#252;r einen EU-Austritt auf nationaler Ebene gro&#223;en Gegenwind. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Austritts &#214;sterreichs aus der EU er&#252;brigt sich auch f&#252;r uns, denn bisher konnte noch keine Regierung aus dem Kapitalismus aussteigen. Auch ohne EU w&#252;rden die Zw&#228;nge dessen bestehen bleiben.</p>
<h3>EU-Kritik mit Perspektiven</h3>
<p>Welche Perspektiven gibt es nun konkret, die tats&#228;chlichen Fortschritt gegen den R&#252;ckschritt bringen k&#246;nnen? Wir meinen, dass es dazu schon einige Beispiele gibt. Denken wir an die eingangs beschriebenen Kampagnen in Holland und Frankreich, an Proteste gegen die Bolkestein-Richtlinie oder gegen das HafenarbeiterInnengesetz.</p>
<p>So sind im Februar diesen Jahres in Stra&#223;burg ca. 50.000 AktivistInnen, vor allem GewerkschafterInnen, auf die Stra&#223;e gegangen, um sich gegen die Bolkestein-Richtlinie zu wehren. Auch aus &#214;sterreich waren ca. 700 GewerkschaftsaktivistInnen dabei. Es zeigte sich, dass mit kollektiver, europaweiter Mobilisierung einiges bewegt werden kann.<br />
Am Beispiel der beeindruckenden Proteste und Streiks der HafenarbeiterInnen im J&#228;nner wurde deutlich, wie erfolgreich gegen EU-Politik gek&#228;mpft werden kann. In Deutschland, Belgien, Griechenland, Frankreich und Spanien zeigten ArbeiterInnen, die Angst um ihre Arbeitspl&#228;tze hatten, dass sie tats&#228;chlich durch gemeinsame Streiks wirksam Druck gegen die Verhandelnden im Stra&#223;burger EU-Parlament machen konnten.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Durch den Streik von 40.000 HafenarbeiterInnen in 12 L&#228;ndern konnte die Liberalisierung des Hafenarbeitsgesetzes („Port Package II“) nicht umgesetzt werden!</p>
<p>Wir kehren am Ende nochmal zu den Erfahrungen der NON-Kampagne in Frankreich zur&#252;ck und wollen die Gr&#252;nde f&#252;r den Erfolg dieser Bewegung zusammenfassen, um Schlussfolgerungen f&#252;r die Etablierung einer linken EU-Kritik hier vor Ort zu ziehen.<br />
Das Besondere und Nachhaltige an der franz&#246;sischen Bewegung kann auf drei Ebenen gesehen werden: Erstens war sie lokal in der franz&#246;sischen Gesellschaft fest verankert. Tausende Menschen beteiligten sich, kamen in &#246;rtlichen Versammlungen zusammen und konnten eine m&#228;chtige Bewegung von unten ins Leben rufen. Zweitens konnte in Frankreich das aufbrechen alter starrer Politikstrukturen beobachtet werden. Die Kampagne war ein “coming-together” der verschiedensten Parteien, Gewerkschaften, Basisinitiativen und Organisationen. Die AktivistInnen formierten sich um diese Kampagne in lokalen Kommittees und brachten dadurch verschiedene politische Str&#246;mungen an einen gemeinsamen Tisch. Drittens war die NON-Kampagne eingebettet in einer viel gr&#246;&#223;eren sozialen Bewegung. Fragen nach sozialer Sicherheit, Privatisierungen, usw. waren schon lange vor dem Referendum Themen um die es heftige soziale K&#228;mpfe gegeben hatte. Diese K&#228;mpfe und die antikapitalistische Bewegung sch&#228;rften das Bewu&#223;tsein gegen Neoliberalismus und die Rolle der EU. Die Bewegung in Frankreich schaffte es so, dieses Thema den Rechten zu entreissen, welche vor der NON-Kampagne das Feld mit reaktion&#228;ren Argumenten beherrschten.</p>
<p>In &#214;sterreich haben wir im Moment noch eine andere Situation. Derzeit besitzt die FP&#214; eine Dominanz &#252;ber dieses Themenfeld und kann sich als die einzige EU-kritische Partei darstellen. Die &#246;sterreichische Linke muss sich ein Beispiel an der franz&#246;sischen Bewegung nehmen, die EU-Kritik der Rechten entlarven und dem “Europa der Vaterl&#228;nder” richtige internationalistische und soziale Perspektiven entgegensetzen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eurobarometer 64, Die &#246;ffentliche Meinung in der Europ&#228;ischen Union, Befragung: Oktober-November 2005. http://europe.eu.int/comm/public_opinion/archives/eb/eb64/eb64_first_de.pdf. Eine Umfrage im Auftrag der Europ&#228;ischen Kommission.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Der ERT ist Repr&#228;sentant der gr&#246;&#223;ten europ&#228;ischen multinationalen Konzerne und &#252;bt starken Einfluss auf die Politik der europ&#228;ischen Kommission in Br&#252;ssel aus.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Vgl. J&#246;rg Huffschmid, Das Scheitern der neoliberalen Integrationsstrategie. Attac (Hg.), Das kritische EU-Buch. Warum wir ein anderes Europa brauchen, Wien 2006, 75.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe dazu den Artikel zum EU-Imperialismus in dieser Zeitschrift.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Zitiert aus: http://www.europolitan.de/cms/?aid=1699&amp;tid=1&amp;, 20.03.2006.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> FAZ, 20. Juni 2005.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Inprekorr 406/407, Seite 40.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Siehe dazu Zitate von M&#246;lzer, Rosenkranz und Hofer in Publikationen auf http://www.fpoe.at/index.php?id=1741&amp;no_cache=1<br />
<a href="#anm_9" title="anm91" name="anm91">9</a> FP&#214;-Homepage<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Siehe dazu in der SP&#214;-Jugendzeitung „Trotzdem“, Dezember 05/ J&#228;nner 06, Seite 5.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Vgl. SP&#214;-Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrer Darabos in „SP&#214; Aktuell“, Nummer 7/ 06, Seite 13.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Franz Fischill und Carmen Janko in der &#214;GB-Zeitschrift „Solidarit&#228;t“, Nummer 889, M&#228;rz 2006, Seite 3.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Zeitung der Arbeiterkammer „F&#252;r Sie“ 02/ 06, Seite 8f.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> „Kompetenz“, 03/ 06, Seite 26f.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Siehe dazu http://www.attac.de/strasbourg/news/060117_portpackage2.php</p>
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		<title>Ein neuer Imperialismus? &#8211; Tendenzen und Widerspr&#252;che europ&#228;ischer Integration</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:07:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Europ&#228;ische Union ist kein Friedensprojekt und dient nicht der Verbesserung unserer Lebensbedingungen – sie war von Anfang an ein Projekt der herrschenden Klassen Europas zur Durchsetzung gemeinsamer &#246;konomischer und geostrategischer Interessen in der globalen Konkurrenz. Die Tendenz zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas ist jedoch keine glatt ablaufende Entwicklung. Kapitalzentralisation auf europ&#228;ischer Ebene und die Suche nach einer gemeinsamen milit&#228;rischen Strategie sind ein umk&#228;mpftes Feld, auf dem Akkumulationsstrategien, politische Kr&#228;fte, Konzerninteressen etc. aufeinanderprallen und in ein konfliktreiches Verh&#228;ltnis zueinander treten. <em>Mario Becksteiner</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Karin H&#228;dicke</em> untersuchen diesen widerspr&#252;chlichen Prozess der Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus.<br />
<span id="more-70"></span><br />
Die Strukturen des europ&#228;ischen Kapitalismus unterliegen heute einer tiefgreifenden Ver&#228;nderung. An sich stellt das nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches dar, im Gegenteil ist es eine Notwendigkeit des Systems, sich st&#228;ndig zu restrukturieren, um nicht an den eigenen Widerspr&#252;chen zu zerbrechen. Dennoch bringen die aktuellen Tendenzen in Europa etwas qualitativ Neues mit sich. Wir sind heute ZeugInnen einer Entwicklung, die als politischer Ausdruck ver&#228;nderter &#246;konomischer Bedingungen charakterisiert werden kann: Der Prozess der Zentralisation von Kapital in Europa hat zur Bildung transeurop&#228;ischer Konzerne gef&#252;hrt. Politisch st&#252;tzt sich dieses „europ&#228;ische Kapital“ nicht mehr nur auf die Nationalstaaten, sondern findet und schafft sich eine Ebene gesamteurop&#228;ischer Politik, die es ihr besser erlaubt, ein Europa nach seinem Bild zu schaffen. Als Ergebnis der wachsenden wechselseitigen Verflechtung des Kapital und der nationalen &#214;konomien in Europa entsteht so ein Mehrebenensystem politischer Einflussnahme. Dieser Prozess kann die Basis f&#252;r die Herausbildung eines origin&#228;r europ&#228;ischen Imperialismus sein.<o></o></p>
<h3>Europ&#228;ische Einheit – keine neue Idee</h3>
<p>Schon lange vor der Europ&#228;ischen Union gab es Bestrebungen verschiedener Kr&#228;fte und AkteurInnen in Europa, sich &#252;ber die Grenzen des b&#252;rgerlichen Nationalstaates hinweg f&#252;r gemeinsame Interessen zu verb&#252;nden. Eine Besonderheit war dabei, dass diese Ideen immer dann in den Vordergrund traten, wenn es weltweit zu Krisenph&#228;nomenen des kapitalistischen Systems kam. So tauchte die Idee eines vereinten Europas nach dem 1. Weltkrieg auf und erh&#228;lt dieser Tage wieder Brisanz im Zeichen einer krisenhaften Entwicklung unter der Dominanz der neoliberalen Globalisierung.<br />
Deutschlands herrschenden Eliten schwebte in den 1940ern eine europ&#228;ische Gemeinschaft unter deutscher F&#252;hrung vor. Nach der Macht&#252;bernahme der Nationalsozialisten in Deutschland richtete die NSDAP die „Zentralstelle f&#252;r europ&#228;ische Gro&#223;raumwirtschaft“ ein: „…Deutschland, in der Mitte des europ&#228;ischen Kontinents gelegen, ist an erster Stelle verpflichtet, diese Aufgabe der Errichtung einer kontinental-europ&#228;ischen Gro&#223;raumwirtschaft nicht nur zu verk&#252;nden, sondern auch handelspolitisch-praktisch zu bet&#228;tigen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verantwortlich f&#252;r Europa.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Der Hintergrund war das Bed&#252;rfnis, einen &#228;hnlich gro&#223;en, homogenen Binnenmarkt wie in den USA zu schaffen, in dem die Akkumulation von Kapital erleichtert w&#252;rde und welcher die Basis zu weiterer Expansion darstellen sollte.<br />
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges r&#252;ckten diese Vorstellungen zun&#228;chst in weite Ferne. Die USA konnte durch ihre Dominanz – sowohl milit&#228;risch als auch wirtschaftlich – die Entwicklung in Westeuropa ihren Interessen unterordnen. Sie unterst&#252;tzten den Aufbau Westeuropas als Gegenmacht zu Osteuropa und konnten gleichzeitig ihren Produktionskapazit&#228;ten, welche nicht durch Zerst&#246;rungen des 2. Weltkrieges in Mitleidenschaft gezogen wurden, den dringend notwendigen Absatzmarkt beschaffen.</p>
<p class="MsoNormal">Die Ans&#228;tze europ&#228;ischer Staaten zur Kooperation fanden in den Nachkriegsjahren auf wirtschaftlichem Gebiet statt. Durch die Unterzeichnung der R&#246;mischen Vertr&#228;ge 1957 wurde die Europ&#228;ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegr&#252;ndet mit dem Ziel der Beseitigung von Handels- und Zollhemmnissen zwischen den einzelnen Staaten und der Gr&#252;ndung eines gemeinsamen Marktes. Gemeinsame au&#223;enpolitische oder gar milit&#228;rische Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen europ&#228;ischer Eliten au&#223;erhalb Europas konnte sich unter der US-Dominanz jedoch nicht entfalten bzw. wurde durch das transatlantische milit&#228;rische B&#252;ndnis der NATO den Interessen der USA untergeordnet.</p>
<h3>Union statt Kooperation</h3>
<p>Die Ver&#228;nderungen der wirtschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse – welche durch die erste Nachkriegskrise 1973 zum Ausdruck kamen – brachten dem Projekt Europ&#228;ische Union neue Aktualit&#228;t. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, die eine Weile durch den Nachkriegsaufschwung &#252;berdeckt wurde, stellte neue Herausforderungen.<br />
Ein wichtiger Schritt zur Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus war die Etablierung eines europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems (EWS).<br />
Ausgangspunkt war das Zusammenbrechen des Weltw&#228;hrungssystems von Bretton-Woods im Jahr 1973. Das Abkommen von Bretton-Woods war im Jahr 1944 mit dem Ziel geschlossen worden, die reibungslosere Abwicklung des Welthandels bei festen Wechselkursen zu garantieren. Ein gro&#223;er unbekannter Faktor bei der grenz&#252;berschreitenden Realisierung von Profit konnte so aus der Gleichung genommen werden. Mit der Freigabe der Wechselkurse nach dem Ende von Bretton-Woods kristallisierte sich deshalb f&#252;r einige gro&#223;e europ&#228;ische &#214;konomien eine instabile und unvorteilhafte Lage heraus. Das konnte kein Dauerzustand sein. Die Antwort war die Einf&#252;hrung des Europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems 1979. Dabei gab es unterschiedliche Ausgangssituationen. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:</p>
<h3>Deutschland</h3>
<p>Als wichtigste &#214;konomie Kontinentaleuropas befand sich die BRD unter einem enormen Druck. Die Deutsche Mark „drohte“ zu einer zweiten Leitw&#228;hrung zu werden. Die kontinuierliche Aufwertung der DM f&#252;hrte zur Verteuerung deutscher Exportg&#252;ter auf dem Weltmarkt und wirkte sich deshalb nachteilig auf die Konkurrenzf&#228;higkeit aus. Teilweise konnte dieser Nachteil durch Modernisierung der Produktivkr&#228;fte und technisch hochwertige Produkte ausgeglichen werden. Eine weitere Aufwertung der DM h&#228;tte trotzdem zur Folge gehabt, dass das „Modell Deutschland“ weiter starkem Druck ausgesetzt gewesen w&#228;re. Also war es das Interesse der Deutschen Bundesregierung, die DM aus der Rolle einer Weltleitw&#228;hrung herauszuhalten. Dies sollte durch eine st&#228;rkere Bindung der DM an die schw&#228;cheren europ&#228;ischen W&#228;hrungen erreicht werden.</p>
<h3>Frankreich</h3>
<p>Als zweite wichtige &#214;konomie in Europa war Frankreich ebenfalls treibende Kraft des EWS. Seine Ausgangslage gestaltete sich allerdings etwas anders. Die franz&#246;sische &#214;konomie hatte mit einem massiven Modernisierungsr&#252;ckstand zu k&#228;mpfen. Die Konkurrenzf&#228;higkeit franz&#246;sischer Produkte konnte nur aufrechterhalten werden, in dem sie durch die „k&#252;nstliche“ Abwertungspolitik des franz&#246;sischen Francs billig gehalten wurden. Das Problem war, dass so kein Anreiz f&#252;r die franz&#246;sische Industrie geschaffen wurde, den Modernisierungsr&#252;ckstand aufzuholen. Die Idee der konservativen Regierung Frankreichs war, durch eine st&#228;rkere Bindung des Francs an die DM die franz&#246;sische Industrie st&#228;rkerer Konkurrenz auszusetzen und sie so zu zwingen, sich dem Modernisierungsdruck des Marktes zu stellen. Im Grunde bedeutet dies, die Restrukturierung der &#214;konomie nicht mehr unter der Regie der Politik zu betreiben, sondern der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zu &#252;bergeben, die zwangsvermittelt die Konkurrenzf&#228;higkeit herstellen sollte.</p>
<p>Die engere finanzpolitische Zusammenarbeit kam den verschiedenen Ausgangssituationen entgegen. Die Einf&#252;hrung des EWS 1979 mit festen, jedoch anpassungsf&#228;higen Wechselkursen erm&#246;glichte eine Zone der W&#228;hrungsstabilit&#228;t zwischen den teilnehmenden L&#228;ndern. Diese Wechselkursregelung sollte den Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr zwischen den EG-L&#228;ndern vor Wechselkursrisiken bewahren.</p>
<p>Die Herausbildung des EWS zeigt, wie Ver&#228;nderungen in den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen eine konkrete Form von Politik – in diesem Fall die Finanzpolitik – annehmen, auch wenn diese scheinbar aus unterschiedlichen politischen Interessen angetrieben wird. Der Konservative Valéry Giscard d’Estaing war der wichtigste politische Akteur auf Seiten Frankreichs. Obwohl einem anderen politischen Lager zugeh&#246;rig als der sozialdemokratische Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, konnten beide sich auf einen gemeinsamen Weg zum EWS einigen. Aufbauend auf der Verallgemeinerung eines zentralen Bereichs wirtschaftspolitischer Einflussnahme, n&#228;mlich der Finanzpolitik, setzte sich in Europa eine Dynamik durch, die an einer gemeinsamen europ&#228;ischen Verwertungsstrategie orientiert war.<o></o></p>
<h3>Motoren politischer Integration</h3>
<p>Der Zusammenbruch des Ostblocks ver&#228;nderte die Rahmenbedingungen nochmals. Die UdSSR als zweite Supermacht hinterlie&#223; ein Machtvakuum, das die M&#246;glichkeit zur Neuaufteilung der Einflusssph&#228;ren bot.<o></o><br />
Die Expansion nach Osteuropa konnten die europ&#228;ischen Staaten jedoch nur politisch koordiniert und als gemeinsames imperialistisches Projekt angehen.<br />
In so genannten „Beitrittsverhandlungen“ wurden osteurop&#228;ische L&#228;nder in einen Wettlauf getrieben, der sie zwang, soziale Standards in unvorstellbarem Ausma&#223; abzubauen. Der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze durch westeurop&#228;ische Konzerne ging ein massiver Arbeitsplatzabbau voraus. Im Endeffekt flie&#223;en alle Investitionen, die in Osteuropa angelegt wurden, als Gewinne in Milliardenh&#246;he nach Westeuropa zur&#252;ck. Das Bank- und Versicherungswesen, industrielle Landwirtschaft und hochmoderne Produktionsketten sind in der Hand westeurop&#228;ischer Konzerne.<br />
Die Osterweiterung ist ein Beispiel f&#252;r internationalen Konkurrenzkampf um M&#228;rkte und Einflusszonen. Sie kann aber auch exemplarisch daf&#252;r stehen, welche Auswirkungen „Europ&#228;isierung“ auf Staaten hat. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks wurden von autorit&#228;ren Versorgungsstaaten zu Wettbewerbstaaten<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, deren Hauptaufgabe darin besteht, bestm&#246;glich Verwertungsbedingungen f&#252;r europ&#228;isches Kapital zu schaffen.</p>
<p>Der &#220;bergang von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, in der mehrere Machtbl&#246;cke wirtschaftlich und geopolitisch um Macht und Einfluss konkurrieren, forcierte auch die milit&#228;rische Hochr&#252;stung innerhalb Europas.</p>
<p class="MsoNormal">„Eine harte W&#228;hrung [Euro], die eine schwache Verteidigung hat, ist auf lange Frist keine harte W&#228;hrung”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – direkter kann der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsinteressen und Militarisierung kaum ausgedr&#252;ckt werden. Auch wenn weiterhin der Schwerpunkt der Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene liegt, f&#228;llt einer gemeinsamen milit&#228;rischen Politik eine gr&#246;&#223;ere Rolle zu.<br />
Auch hierf&#252;r musste eine politische Form gefunden werden. Die NATO, in der die USA die dominierende Kraft sind, war demnach nicht die geeignete Plattform. Die beginnenden Bestrebungen, sich auch milit&#228;risch weniger abh&#228;ngig von den USA zu machen, wurden unter anderem im „Vertrag &#252;ber die Europ&#228;ische Union“ festgehalten, der 1992 in Maastricht geschlossen wurde. Unter dem Schlagwort „Gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik“ (GASP) wurde festgelegt, dass zur EU „ …auf l&#228;ngere Sicht auch die Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik geh&#246;rt, die zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Verteidigung f&#252;hren k&#246;nnte.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Vertr&#228;ge allein reichen nicht, sondern die praktische Best&#228;tigung dieses Anspruches musste ebenfalls entwickelt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus spielt die Beteiligung von EU-Staaten bei der blutigen Zerschlagung von Jugoslawien eine wichtige Rolle. W&#228;hrend des Kosovo-Krieges 1999, den die USA gemeinsam mit EU-Staaten als NATO-Einsatz f&#252;hrte, wurde der Aufbau europ&#228;ischer Streitkr&#228;fte beschlossen, die zuk&#252;nftig unabh&#228;ngig von den USA in der Lage sein sollten, milit&#228;rische Interventionen durchzuf&#252;hren. Die Kriege am Balkan sind daher treffend als „europ&#228;ische Einigungskriege“ bezeichnet worden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Sie sollten dar&#252;ber hinaus den osteurop&#228;ischen Staaten die milit&#228;rische St&#228;rke Europas demonstrieren und sie so f&#252;r die sp&#228;tere Osterweiterung auf Linie bringen.</p>
<h3>Die &#246;konomische Basis f&#252;r einen EU-Imperialismus</h3>
<p>Begleitet wurden diese Anstrengungen von einem Prozess zunehmend engerer Verflechtungen und Zentralisationstendenzen des Kapitals, die die &#246;konomische Basis f&#252;r die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bildeten.<br />
W&#228;hrend in Zeiten guter wirtschaftlicher Konjunktur eine Konzentration von Kapital beobachtet werden kann, die sich in einem innerbetrieblichen Wachstum von Unternehmen ausdr&#252;ckt, verschiebt sich in Krisenzeiten die Entwicklung hin zur Zentralisation.
</p>
<p class="MsoNormal">Konzentration von Kapital beruht darauf, dass es profitable Verwertungsm&#246;glichkeiten des Kapitals gibt, d.h. dass der Profit gesteigert wird durch den Ausbau der Produktion in den Unternehmen selbst. Mit der sich versch&#228;rfenden Profitkrise in den 70ern wurden diese M&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt. Deshalb bekam die Zentralisation von Kapital eine gr&#246;&#223;ere Bedeutung, d.h. dass der Akkumulationsprozess nicht mehr haupts&#228;chlich &#252;ber Produktion, sondern durch das Zusammenf&#252;hren und Integrieren fremden Kapitals passiert. Fusionen und das Verschwinden kleinerer Unternehmen durch Aufkauf pr&#228;gen das Bild.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> <o></o></p>
<p>Der europ&#228;ische Binnenmarkt war Konsequenz aus diesen Zentralisationsprozessen. Der Binnenmarkt bietet f&#252;r das europ&#228;ische Kapital zwei M&#246;glichkeiten. Zum einen unterst&#252;tzt er den Zentralisationsprozess. Zum zweiten k&#246;nnen unterschiedliche soziale Standards dazu gen&#252;tzt werden, die Produktion wieder profitabler zu gestalten. Die Angleichung der Wettbewerbsbedingungen f&#252;hrt nicht zu einem „fairen“ Wettbewerb, sondern unterst&#252;tzt kapitalkr&#228;ftige Unternehmen darin, Fusionen durchzuf&#252;hren und Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Diese Art von Zentralisierung ist die &#246;konomische Basis f&#252;r einen Imperialismus, der sich mit der Europ&#228;ischen Union entwickelt.<br />
Die daraus entstandenen, in wichtigen Sektoren transnational orientierten Gro&#223;konzerne, brauchen die M&#246;glichkeit, &#252;ber nationale Grenzen hinweg politische Interessen zu formulieren und durchzusetzen.<br />
Die EU-Institutionen entstanden also vor allem durch die Interessen der Gro&#223;konzerne und haben den Vorteil, nicht durch nationalstaatliche Aufgaben wie die Regulierung der Sozialstandards eingeengt zu sein. Das hei&#223;t, „dass das Kapital den einzelnen Staaten flexibler gegen&#252;bertritt und sich wichtige Politikformulierungs- und -durchsetzungsprozesse auf die Ebene internationaler Organisationen verlagern.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a></p>
<h3>Die Nationalstaaten und die EU</h3>
<p>Dadurch verlagern sich jedoch auch die Konflikte zwischen den europ&#228;ischen Staaten in die Institutionen der Union. Die historisch gewachsenen unterschiedlichen Interessen und Anspr&#252;che einzelner Staaten und ihrer Eliten verhindern immer wieder einen reibungslosen Fortschritt der EU und brachten sie auch schon an den Rand des Scheiterns. Beispiele aus der j&#252;ngeren Geschichte sind die Ablehnung der Verhandlungen zur ersten EU-Verfassung Ende 2003 durch Polen oder der Streit um das EU-Budget 2005.<br />
Die beiden politischen Ebenen Nationalstaat und EU sollten jedoch nicht als konkurrierend betrachtet werden. Vielmehr sind beide dem massiven Druck der Optimierung der Wett-bewerbsbedingungen ausgesetzt. Das Kapital nutzt beide Ebenen, um f&#252;r sich bestm&#246;gliche Bedingungen herauszuholen. Je nach Situation und Einflussm&#246;glichkeit werden europ&#228;ische oder nationalstaatliche Institutionen bem&#252;ht.<br />
Weiterhin aufrecht bleibt die Konkurrenz der Konzerne der EU-Staaten untereinander. Fusionen und &#220;bernahmen sind hart umk&#228;mpft. Nationale Regierungen greifen ein, wenn in ihren L&#228;ndern beheimatete Konzerne aufgekauft werden sollen. Ein Wirtschaftsexperte im EU-Parlament illustriert die widerspr&#252;chliche Situation: “Man erkennt momentan in einigen Staaten eine gewisse Schizophrenie. Solange man im Ausland kaufen kann, sind die Nationalstaaten, die nationalen Politiken, zufrieden und sehen das auch als eigene St&#228;rke an. Sobald es aber umgekehrt kommt und jemand in diesen Markt m&#246;chte, greift man zu protektionistischen Mitteln, um dieses aufzuhalten nach dem Motto: Wir gehen auf Einkaufstour, aber nicht bei uns. … Das f&#252;hrt zu dieser absurden Situation, dass als jemand den Danone-Konzern aufkaufen wollte, die Spitzenpolitiker in Frankreich auf einmal Jogurt als ein nationales Kulturgut gekennzeichnet und hier eine entsprechende Abwehrschlacht vorbereitet haben.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Die Energiepolitik ist ein gutes Beispiel f&#252;r die widerspr&#252;chliche Rolle von Nationalstaaten innerhalb der EU-Institutionen. W&#228;hrend sich Deutschlands Regierungschefin Angela Merkel auf der einen Seite gegen protektionistische Tendenzen ausgesprochen hat – “Wir m&#252;ssen uns mit europ&#228;ischen Champions abfinden, statt national zu denken. Der Binnenmarkt funktioniert nur, wenn wir Strom ohne Grenzen durch die Union schicken k&#246;nnen, und auch Unternehmen nicht behindert werden.”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – wurde auf nationaler Ebene eine Konferenz mit den Energiekonzernen abgehalten, unter anderem mit Frau Merkel und Vorst&#228;nden der gro&#223;en Energiekonzerne. Dort wurde betont, dass es f&#252;r Deutschland darum gehe, eigene Konzepte zu entwickeln, um zu verhindern, dass die EU-Kommission auch nationale Zust&#228;ndigkeiten &#252;bernimmt. Ein SPD-Politiker bringt beide Anspr&#252;che zusammen: “Wir haben es mit einem bedeutenden Wirtschaftssektor zu tun. Wenn es Deutschland versteht, mit innovativen Techniken eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, hat unsere Wirtschaft sehr gute Ausgangsbedingungen nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern auch auf dem stark expandierenden Weltmarkt.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dieser scheinbare Widerspruch findet sich auch auf milit&#228;rischer Ebene. Es ist heute schwer vorstellbar, dass Nationalstaaten innerhalb der EU einen milit&#228;rischen Konflikt austragen w&#252;rden. Ebenso offensichtlich ist, dass die EU kein Nationalstaat ist. Innerhalb der EU-Grenzen verhindern politische Regularien und Vertr&#228;ge milit&#228;rische Auseinandersetzungen; Interessen werden abgestimmt und ausgeglichen, auch wenn dies nicht immer den Vorstellungen und W&#252;nschen aller Beteiligten entspricht. Die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus bedingt eben auch die innere Konstituierung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, auf deren Basis eine gemeinsame aggressive Au&#223;enpolitik errichtet werden kann.</p>
<h3>Politische Auswirkungen</h3>
<p>Wie bereits gezeigt, gibt es innerhalb der EU Tendenzen, die die &#246;konomische Basis f&#252;r einen genuin europ&#228;ischen Imperialismus legen. Die Herausbildung einer politischen Ebene, die eine gemeinsame imperialistische Strategie formulieren und durchsetzen k&#246;nnte, bleibt allerdings ein von Widerspr&#252;chen gepr&#228;gtes Projekt.<br />
Es ist gekennzeichnet durch enorme &#246;konomische St&#228;rke, aber noch zu geringem milit&#228;rischen Potential. Deshalb setzt die EU im internationalen Geflecht von Institutionen vor allem ihre wirtschaftliche Kraft zugunsten der europ&#228;ischen Konzerne durch. Dieses Mehrebenensystem<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> von internationalen Organisationen wie WTO und IWF erm&#246;glicht es imperialistischen Bl&#246;cken, ihren Interessen auch sehr stark &#252;ber marktvermittelte Strukturen Geltung zu verschaffen. Doch nicht nur durch internationale Organisationen passiert die Ausrichtung schw&#228;cherer &#214;konomien auf die Bed&#252;rfnisse der europ&#228;ischen Konzerne. Auch diverse Vertragswerke zwischen schwachen Staaten und der EU dienen in vielfacher Hinsicht diesem Zweck. So sind Schlagworte wie „gutes Regieren“ (good governance) in beinahe allen Vertragswerken zu finden. Mit „Gutem Regieren“ ist jedoch die Absicherung von europ&#228;ischen Investitionen rund um den Globus gemeint. Im Kern verfolgen solche Vertr&#228;ge die Ausweitung der Einflusssph&#228;re europ&#228;ischen Kapitals.</p>
<p>Der Eindruck eines „zivilgesellschaftlichen“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Imperialismus w&#228;re tr&#252;gerisch. Noch immer z&#228;hlt im Fall der F&#228;lle die milit&#228;rische Potenz. In diesem Bereich hinkt die EU hinterher, auch wenn es hier Aufholbestrebungen gibt. Die Konflikte am Balkan, der Alleingang der USA und Gro&#223;britanniens im Irak und der von den westlichen Staaten propagierte Kampf gegen den Terror waren wichtige Katalysatoren f&#252;r die milit&#228;rische Weiterentwicklung der EU. Die Dominanz der USA im bisher tonangebenden milit&#228;rischen B&#252;ndnis NATO stellte immer mehr ein Hindernis f&#252;r die milit&#228;rische Umsetzung europ&#228;ischer Interessen dar. Der Aufbau von eigenen milit&#228;rischen Kapazit&#228;ten r&#252;ckt deshalb mehr und mehr ins Zentrum der Bem&#252;hungen der europ&#228;ischen Eliten.<br />
Die Bildung gemeinsamer milit&#228;rischer Kommandostrukturen hat l&#228;ngst begonnen. Europ&#228;isch organisierte Einsatztruppen deuten auf eine weitere Integration und das Herausbilden gemeinsamer milit&#228;rischer Strategien hin. Auch ein gemeinsamer milit&#228;risch-industrieller Komplex befindet sich im Aufbau, dessen Aush&#228;ngeschild der R&#252;stungskonzern EADS und dessen Paradeprojekt der „Eurofighter“ ist.</p>
<p>Auch wenn die Herrschenden Europas optimistisch das Bild einer zuk&#252;nftigen „globalen Supermacht“ zeichnen, bleibt die Herausbildung eines europ&#228;ischen Imperialismus ein widerspr&#252;chlicher und konfliktreicher Prozess. Gerade deshalb ist die zentrale Herausforderung f&#252;r die Linke in Europa, diese Entwicklung ernst zu nehmen und den europ&#228;ischen Eliten konsequente antiimperialistische Politik entgegen zu stellen. „Der Widerstand gegen die Militarisierung und Hierarchisierung Europas ist nicht chancenlos, weil er sich auf die Interessen gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung an Frieden und sozialer Absicherung st&#252;tzen kann.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Hofbauer, Hannes: Osterweiterung. Vom Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration. Wien: Promedia 2003.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Hamburg: VSA 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> St&#252;tzle, Walther, zit. in Oberansmayer, Gerald: Auf dem Weg zur Supermacht. Die Militarisierung der Europ&#228;ischen Union. Wien: Promedia 2004.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> EUV, Artikel J.1.4.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Oberansmayer a.a.O. 36.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> nach Kisker, Klaus Peter: Kapitalkonzentration und die Rolle des Staates im Zeitalter der Globalisierung, in: Joachim Bischoff/Paul Boccara/Karl Georg Zinn u.a. (Hg.): Die Fusionswelle. Hamburg: VSA 2000. 78 ff.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hirsch, a.a.O.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Deutschlandfunk, 23.03.2006, dradio.de.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. im Standard, Ausgabe vom 23.03.06<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Pressemitteilung BMU vom 15.03.2006<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Das internationale Mehrebenensystem kann als Bearbeitungsversuch der sich zuspitzenden Widerspr&#252;che des globalisierten Kapitals verstanden werden. Die Macht der Organisationen entspringt dem stark international vernetzten kapitalistischen System. Haupts&#228;chlich dient es der strukturell vermittelten Durchsetzung &#246;konomischer Interessen der kapitalistischen Zentren. Es ist aber auch Konfliktfeld auf dem rivalisierende Strategien der kapitalistischen Bl&#246;cke aufeinanderprallen. <o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> In vielen Debatten um die Zukunft Europas wird heute fantasiert, Europa k&#246;nne zu einem Modell friedlicher Integration f&#252;r die Welt werden. Dabei werden st&#228;ndig die zivilgesellschaftliche Komponente und der kooperative Charakter der EU ins Feld gef&#252;hrt. Auf internationaler Ebene setzt die EU allerdings auch handfeste &#246;konomische Interessen durch.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Oberamsmayer a.a.O. 135.<o></o></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Reclaim the Brain! &#8211; Zur Produktion von Humankapital in der EU</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:02:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Bildung als &#246;konomische Ressource r&#252;ckt immer weiter ins Zentrum der politischen Diskussion in Europa. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Barbara Brehmer</em> untersuchen aktuelle Tendenzen der Bildungspolitik innerhalb der Europ&#228;ischen Union und sto&#223;en dabei auf einen klassischen 2*5-Jahresplan: die Lissabon-Strategie.
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Bildung als &#246;konomische Ressource r&#252;ckt immer weiter ins Zentrum der politischen Diskussion in Europa. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Barbara Brehmer</em> untersuchen aktuelle Tendenzen der Bildungspolitik innerhalb der Europ&#228;ischen Union und sto&#223;en dabei auf einen klassischen 2*5-Jahresplan: die Lissabon-Strategie.<br />
<span id="more-71"></span><br />
„…Auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs im M&#228;rz 2000 in Lissabon hat sich die EU ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Europa soll bis 2010 zum wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt werden.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><br />
Damit die Europ&#228;ische Union im internationalen Wettlauf um Profite bestehen kann, ist es f&#252;r sie einerseits wichtig bestehende Hindernisse zu beseitigen, z.B. durch „Wirtschaftsreformen f&#252;r einen vollendeten und einwandfrei funktionierenden Binnenmarkt“, andererseits sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern und weiter zu entwickeln, z. B. durch die „Schaffung eines europ&#228;ischen Raums f&#252;r Forschung und Entwicklung“. Die sogenannte „Lissabon-Strategie“ setzt einen allgemeinen Rahmen f&#252;r konkrete Reformen in den Staaten der Europ&#228;ischen Union. Im Einzelnen betreffen die Ziele der 2005 neu adaptierten Lissabon Strategie vor allem die folgenden Bereiche:<br />
- Investitionen in den Bereichen Forschung, Bildung und Innovation sollen besonders gef&#246;rdert werden.<br />
- Die Flexibilisierung der Arbeitsm&#228;rkte soll vorangetrieben werden. Die Sozialsysteme sollen mehr Anreize f&#252;r Besch&#228;ftigung bieten. <o></o><br />
- Die Dienstleistungsm&#228;rkte in Europa sollen weiter ge&#246;ffnet werden.<o></o><br />
- DieUnternehmen sollen von B&#252;rokratie entlastet werden.<br />
[...] <o></o><br />
Diese Strategie bezieht sich also nicht ausschlie&#223;lich auf den Bildungsbereich, sondern greift auch tief in arbeitsrechtliche und sozialrechtliche Fragen ein. Die Produktion von Humankapital, im Sinne gut ausgebildeter und sozial angepasster Arbeitskr&#228;fte steht aber ganz weit oben auf der Agenda. Es ist an der Zeit, das „intellektuelle Potential Europas“ zu mobilisieren, meinen die neoliberalen VordenkerInnen. Das hei&#223;t aber f&#252;r sie: Bildung zum Zweck wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu optimieren, im Sinne eines Input-Output-Modells.<br />
Der folgende Artikel legt ein Hauptaugenmerk auf die Ver&#228;nderungen in der Bildungspolitik, sowohl auf ihre Strukturen und Institutionen, als auch auf das dahinter stehende Menschenbild. Exemplarisch wird hier meistens auf den Hochschulbereich eingegangen. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass die Prinzipien der Umstrukturierung analog auch in anderen Institutionen zu beobachten sind und dass die Ver&#228;nderungen weit &#252;ber den formellen und informellen Bildungsbereich hinaus wirksam sind.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a></p>
<h3>Die neuen Denkfabriken…</h3>
<p>In der heutigen Gesellschaft werden Universit&#228;ten als Schl&#252;sselinstitutionen der Wissensproduktion angesehen. Ihre allgemeinen Funktionen in diesem System bestehen in der Produktion von Wissen und Innovationen f&#252;r den wirtschaftlichen Fortschritt im Sinne der Profitmaximierung (Forschung), dem Weitergeben dieses Wissen und dieser Kompetenzen (Lehre) und nicht zuletzt einer allgemeinen Reproduktion der existierenden gesellschaftlichen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse, vermittelt durch Struktur und Inhalt der Lehre. So waren Universit&#228;ten auch bisher kein Ort freier Wissensvermitt-lung. Der aktuelle Diskurs fokussiert aber weitaus st&#228;rker auf Kapital und Konkurrenz als Ausgangspunkt und Ziel von Bildung. Wissen wird kommodifiziert und im Wettbewerb gegen Andere eingesetzt.<br />
Die Lissabon-Strategie, genauer gesagt das Programm zur „Allgemeinen und beruflichen Bildung 2010“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> ver&#228;ndert s&#228;mtliche Bildungsinstitutionen. Schulen, Universit&#228;ten und Einrichtungen f&#252;r die berufliche Bildung m&#252;ssen der Wirtschaft zug&#228;nglicher gemacht werden, in dem sie wie Konzerne gef&#252;hrt werden und deren Produkte erforschen bzw. entwickeln.</p>
<h3>„Autonomie“ ist das Um und Auf</h3>
<p>Jede Bildungsst&#228;tte soll regional, personell und finanziell unabh&#228;ngig sein und daran m&#252;ssen die Verwaltungsstrukturen angepasst werden. An den Schulen wurden 2005 die gesetzlichen &#196;nderungen zum Ausbau der Standortautonomie vorbereitet, heuer sollen diese Pl&#228;ne zum Gro&#223;teil umgesetzt werden. Das bedeutet, dass sich der Staat so weit wie m&#246;glich aus diesem Bildungsbereich zur&#252;ckzieht und dass jede Schule dann selbst entscheiden kann, wann („optimierte Nutzung der Schuljahreslernzeit“), wie lange (Unterrichtszeit) und was sie unterrichtet („Unterrichtsgarantie der Schulen“).</p>
<h3>Tough Management</h3>
<p>In vielen Strategie- und Diskussionspapieren wird an erster Stelle die altmodische und langsame Entscheidungsfin-dung der verschiedenen Bildungseinrichtungen bem&#228;ngelt. Stattdessen soll dort das sogenannte New Public Management Einzug finden und die Steuerung zentral gestaltet werden (wie Aufsichtsr&#228;te von Konzernen). An den Universit&#228;ten haben diese Verwaltungsanpassungen zu einem Demokratieabbau gef&#252;hrt.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Es gibt nur noch einen zentralen Entscheidungstr&#228;ger („Diktatur des Rektorats“), alle anderen Interessensvertretungen nehmen den Stellenwert von beratenden Organen ein.<br />
An den Schulen wurde ein internes Qualit&#228;tsmanagement (Q.I.S) eingef&#252;hrt, dessen Schwerpunkte u.a. die St&#228;rkung der Entscheidungsverantwortung auf lokaler/institutioneller Ebene, die Evaluation der Wirksamkeit der neuen Ver&#228;nderungen und die &#220;berwachung der Dezentralisierung der Bildungsfinanzierung sind.</p>
<h3>Kreative Finanzierung</h3>
<p>Bildung muss „vielf&#228;ltig finanziert“ werden. Erkl&#228;rt wird das durch den steigenden Bedarf an Ressourcen und die h&#246;heren Anforderungen an den verschiedenen Bildungseinrichtungen, den die staatliche Hand nicht mehr decken kann. Hier bei&#223;t sich die Katze selbst in den Schwanz, denn wer stellt diese h&#246;heren Anforderungen? Deshalb ist es wichtig festzuhalten, dass die sogenannte Drittmittelfinanzierung eine h&#246;chst politische Strategie ist und nichts mit Pragmatismus zu tun hat. Bildung steht damit immer mehr im Dienste der Wirtschaft, andere Interessen werden ausgeblendet.<br />
Universit&#228;ten und Konzerne sollen zusammenwachsen: Die Hochschulen forschen f&#252;r die Unternehmen und werden daf&#252;r von ihnen finanziert. Dadurch wird aber die Unabh&#228;ngigkeit der Forschung und Lehre zerst&#246;rt.</p>
<h3>Verwertbare Inhalte</h3>
<p>Kurz gesagt: Gelehrt und erforscht wird das, was der Sponsor sich w&#252;nscht.<br />
„Profilbildung“5 und „Standortbereinigung“ sind da die wichtigsten Schlagworte: Jede Hochschule soll durch Spezialisierung auf einen bestimmten Forschungsbereich m&#246;gliche StudentInnen, Lehrende und die dazu passenden Unternehmen als finanzielle F&#246;rderer anziehen. Nat&#252;rlich m&#252;ssen deshalb die unrentablen Studienrichtungen abgeschafft werden. In dem Begriff der Profilbildung steckt auch noch ein anderer Aspekt: N&#228;mlich ein Menschenbild, in dem Studierende zu (zahlenden!) KundInnen degradiert werden, um die es auf einem freien Markt zu werben gilt.<br />
Auch der Bereich Schule wird in &#214;sterreich diesbez&#252;glich kr&#228;ftig erneuert und „verbessert“. Die Lehrpl&#228;ne der 5.-12.Schulstufe werden gestrafft und auf einen Kern- und einen Erweiterungsbereich („autonomer Gestaltungsraum“) aufgeteilt. Die Lehrzeit der unprofitablen F&#228;cher wird gek&#252;rzt.</p>
<h3>Exkurs “Centers of Excellence”<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></h3>
<p>Ein Hauptziel der Lissabonstrategie ist es, sogenannte „Pole der Exzellenz“ zu schaffen. F&#252;r die kommenden 10 Jahre sind f&#252;r &#214;sterreich voraussichtlich 3 Exzellenzzentren im Bereich der Grundlagenforschung bzw. der experimentellen Entwicklung und 5-7 Eliteuniversit&#228;ten in der angewandten Forschung geplant. Seit Sommer 2005 liegt das Konzept f&#252;r ein „Austrian Institute of Advanced Science and Technology“ vor.<br />
In anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern wird auch eifrig an der Errichtung von Exzellenzzentren gearbeitet. Frankreich hat mit dem Zusammenschluss der beiden Hochschulen, der Wirtschaftuniversit&#228;t HEC Paris und der Ingenieurshochschule Ecole Polytechnique, zum Institute d’Economie et Finance gewaltig auf sich aufmerksam gemacht.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Durch die so gewonnen Ressourcen konnten schon international bekannte Manager als zuk&#252;nftige Lehrende abgeworben werden, z.B. von Shell. Die so reduzierte innerstaatliche Konkurrenz schafft zudem bessere Bedingungen im internationalen Wettbewerb zu bestehen. &#196;hnliche Ideen existieren auch f&#252;r &#214;sterreich: Ein weiteres Exzellenzzentrum, bestehend aus der heutigen Wirtschaftuniversit&#228;t und der Technischen Universit&#228;t, k&#246;nnte in Aspern stationiert werden.<br />
Zus&#228;tzlich hat ein anderer Wettlauf, n&#228;mlich der um internationale Au&#223;enstellen von Eliteuniversit&#228;ten, begonnen: So hat die Essec Business School in Paris k&#252;rzlich einen eigenen Campus in Singapur er&#246;ffnet. Neben der Internationalisierung wird auch die Spezialisierung der Exzellenzzentren (siehe Profilbildung) immer wichtiger: Die Essec Business School konzentriert sich z.B. vorrangig auf das Management von Luxusg&#252;tern.<br />
Das Problematische an dieser Entwicklung ist, dass durch die Schaffung von Exzellenzzentren, automatisch auch “zweitklassige” Hochschulen entstehen. An diesen werden sich die StudentInnen tummeln, die nicht mehr in die von den europ&#228;ischen Regierenden kalkulierten 0,6% an europ&#228;ische Elite hineinpassen.<br />
Nachdem Schulen durch die Lissabon-Strategie nun selber entscheiden k&#246;nnen, in welcher Ausf&#252;hrlichkeit sie bestimmte Inhalte vermitteln, wird es wahrscheinlicher, dass Eliteschulen besucht werden m&#252;ssen, um die Aufnahme auf ein terti&#228;res Exzellenzzentrum zu schaffen. Daher schafft die Bildung von Eliteuniversit&#228;ten nicht nur zweitklassige Hochschulen, sondern treibt auch die Spaltung der Gesellschaft voran – n&#228;mlich in den Teil der Gl&#252;ck hat, weil das Elternhaus die Ressourcen f&#252;r ein Studium zur Verf&#252;gung stellen kann und den Teil der eben Pech hat, weil er nicht diese Ausgangslage vorweisen kann.</p>
<h3>…und ihre Produkte</h3>
<p>Aber nicht nur Bildungseinrichtungen m&#252;ssen im Rahmen der Lissabonstrategie rund erneuert werden, auch der Mensch muss sich fit f&#252;r diese Ver&#228;nderung machen. Zusammengefasst wird dieser Prozess unter dem Schlagwort der „Schl&#252;sselkompetenzen“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Die europ&#228;ischen B&#252;rgerinnen und B&#252;rger sollen sich mit diesen Kompetenzen ausstatten, damit sie „den vielf&#228;ltigen Neuerungen mit konstruktiver Teilnahme und Innovationsgeist begegnen“ und u.a. auf die flexiblen Arbeitsmuster vorbereitet sind. Besitzt man diese Eigenschaften, gilt man als “besch&#228;ftigbar” und kann so selber seiner Arbeitslosigkeit vorbeugen. Hat man diese Kompetenzen aber nicht, wird von den ArbeitnehmerInnen zunehmend erwartet, dass sie sich au&#223;erhalb der Arbeitszeit und auf eigene Kosten privat weiterbilden, um “besch&#228;ftigbar” zu blei-ben. Der h&#228;ufig strapazierte Begriff des „Lebens-langen Lernens“ impliziert dabei, dass der/die ArbeitnehmerIn &#252;ber die gesamte Lebensspanne allein daf&#252;r verantwortlich ist, sich den Bed&#252;rfnissen des Marktes anzupassen. Wem daf&#252;r Zeit, Geld oder pers&#246;nliche Ressourcen fehlen, der/die bleibt auf der Strecke.<br />
Diese Entwicklung hat vor allem einen immensen Einfluss auf die Neukonzipierung der Schulbildung: Die zu den Kompetenzen passenden Schulf&#228;cher (wie im Bereich EDV und Fremdsprachen) werden verst&#228;rkt unterrichtet und gef&#246;rdert, indem den demnach unwichtigen F&#228;chern, wie Bildnerische Erziehung, die Ressourcen gek&#252;rzt werden.<br />
Andererseits sollen Fertigkeiten angeeignet werden, die &#252;ber das rein Fachliche hinausgehen. Unter interpersoneller Kompetenz wird z.B. Anpassungsf&#228;higkeit, „…Toleranz gegen&#252;ber Anderen und gegen&#252;ber Autorit&#228;t“ verstanden. Der Mensch wird als eine nicht-hinterfragende, aber kreativ und innovativ arbeitende Arbeitsbiene gesehen.<br />
&#220;ber das Festlegen der Kompetenzen hinaus ist die so genannte „Vereinheitlichung von Qualifikationen“ ein weiteres Kernst&#252;ck der Lissabonstrategie.</p>
<p class="MsoNormal">Vor allem in der terti&#228;ren Bildung w&#252;nschen sich die ArbeitgeberInnen mehr „Transparenz“. &#220;ber den so genannten Bologna-Prozess sollen Ausbildungen (und mehr soll an Universit&#228;ten im Bereich Lehre auch in Zukunft nicht angeboten werden) vereinheitlicht werden. Umgesetzt wird das Ganze derzeit &#252;ber die Umstellung von Diplomstudien in ein zweigliedriges Bakkalaureats- und Masterstudium. Hiermit wird eigentlich das Folgende bezweckt:<o></o></p>
<p>- Das Bakkalaureat als einfache, praxisnahe Ausbildung f&#252;r die arbeitswilligen Massen, mit anschlie&#223;endem Master, der dann allerdings den Eliten vorbehalten ist, die dann Forschung und Innovation vorantreiben. So werden Zugangsbeschr&#228;nkungen durch die Hintert&#252;r eingef&#252;hrt.<o></o><br />
- Verschulte, unflexible Studienpl&#228;ne, die jegliche Wahlfreiheit und individuelle Schwerpunktsetzung verhindern.<o></o><br />
- Die Vereinheitlichung von learning-outputs, gemessen an ECTS-Punkten.<o></o><br />
Hier steht nicht, wie so oft behauptet die erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r Studierende international zu agieren im Vordergrund, sondern es soll UnternehmerInnen im gesamten europ&#228;ische Raum erm&#246;glicht werden, genau nachzuvollziehen, mit welchen Kompetenzen eine potentielle ArbeitnehmerIn ausgestattet ist.<br />
So sind bereits Projekte angelaufen, die das Ziel der Vereinheitlichung von Lebensl&#228;ufen verfolgen. Im sogenannten „EUROPASS“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> werden Referenzen &#252;ber Lebenslauf, Sprachkenntnisse, Auslandsaufenthalt und im Studium erworbenen Kompetenzen nach einheitlichem Schema abgetragen. Der Slogan „Was ich kann, steht im Europass.“ wirkt dabei gleichzeitig zynisch und be&#228;ngstigend. Aber hier bleibt das Projekt noch nicht stehen. Denn es werden in Zukunft nicht nur fachliche, sondern auch so genannte „informelle“ Kompetenzen genau durchleuchtet. Der „YOUTH PASS“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> soll Auskunft &#252;ber bisherige Aktivit&#228;t in Jugendgruppen oder im sozialen Bereich geben, nat&#252;rlich nur wenn diese in der richtigen Organisationen geleistet werden.</p>
<h3>Du bist Lissabon!</h3>
<p>Ein nicht unwesentlicher, aber bisher kaum erw&#228;hnter Aspekt, der auch essentiell f&#252;r die Umsetzung der Lissabon-Ziele erscheint, ist der ideologische. So wird z. B. im &#214;sterreichischen Fortschrittsbericht 2005 immer wieder auf die Wichtigkeit der Zustimmung und aktiven Beteiligung der Bev&#246;lkerung an der Umsetzung der Lissabon-Ziele hingewie-sen „…Dar&#252;ber hinaus muss versucht werden, die Koordinierungs- und Reformprozesse vom reinen ExpertInnenlevel zu l&#246;sen und eine breitere &#214;ffentlichkeit f&#252;r die Umsetzung der Europ&#228;ischen Ziele zu gewinnen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Schlagworte wie B&#252;rgerInnenn&#228;he und Partizipation erhalten einen zentralen Stellenwert. In die ideologische Ausrichtung werden offenbar viele Ressourcen gesteckt, wie uns diverse Medienkampagnen („Was hat uns die EU eigentlich gebracht?“ u. a.) zeigen. Zur Erreichung ihrer Ziele brauchen die Herrschenden, diesmal mehr denn je die freiwillige Unterwerfung der Betroffenen. Die neuen Denkfiguren von Unternehmertum und Konkurrenzlogik m&#252;ssen sich als hegemonial<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> etablieren.<br />
Am Beispiel der Umstrukturierung von Universit&#228;ten soll dies n&#228;her erl&#228;utert werden. Hier wird in diversen Strategiepapieren immer wieder die Wichtigkeit der Verbreitung „unternehmerischen Geistes“ unter den Universit&#228;tsangeh&#246;rigen betont. So schrieb z. B. der neoliberale Vordenker Burton Clark 1998: “Unternehmerische Universit&#228;ten entwickeln, genau wie Firmen, eine Kultur, die sich f&#252;r Ver&#228;nderung begeistert. Diese neue Kultur beginnt mit einer einfachen, institutionellen Idee &#252;ber die Ver&#228;nderung, die sich sp&#228;ter zu einem elaborierten Glaubensset entwickelt, das &#252;ber das akademische Kernland zu einer universit&#228;tsweiten Kultur verbreitet wird…“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Hier wird also offensichtlich nicht nur an der Akzeptanz von Reformen gearbeitet, sondern die Betroffenen selbst sollen zu AkteurInnen im Verbreiten eines &#252;berm&#228;chtig erscheinenden Konsens werden. Das hat teilweise pragmatische Gr&#252;nde. Wissenschaftlicher Fortschritt, auch im Sinne der Profitmaximierung, kann nicht nur &#252;ber undemokratische Entschei-dungen realisiert werden. Forschen k&#246;nnen schlie&#223;lich nicht die RektorInnen allein. So wird versucht, &#252;ber die Lehrenden, das akademische „heartland“, eine neue Ideologie zu propagieren, die bis zu den Studierenden hin, alle gl&#252;cklich machen soll, weil sie sich mit ihrem Institut und dessen Philosophie identifizieren. Dieser zweite Aspekt geht &#252;ber praktische Aspekte hinaus. Der unternehmerische Geist soll das Image einer fortschrittlichen, zukunftsweisenden Denkart bekommen. „Alles andere ist Steinzeit“ oder so &#228;hnlich. Gerade im Hochschulbereich, in dem die zuk&#252;nftigen Eliten herangez&#252;chtet werden sollen, muss die richtige Attit&#252;de vermittelt werden. Dies geschieht &#252;ber Lehrinhalte, elit&#228;ren Habitus an den Universit&#228;ten und &#252;ber verbreitete Praktiken im Umgang miteinander und mit der Wissenschaft. Denn wie Clark weiter richtig schreibt: „…starke Kulturen basieren auf starken Praktiken.“<br />
Die Ideologie des unaufhaltsamen Fortschritts, bei dem zwar nicht alle gewinnen, aber jede/r selbst dran schuld ist wenn er oder sie auf der VerliererInnenseite steht, muss l&#252;ckenlos sein. Risse oder Br&#252;che in dem ideologischen Konzept k&#246;nnen den Raum er&#246;ffnen f&#252;r kritisches Denken und alternative Ans&#228;tze. Das kann wiederum die gesamte Strategie ins Wanken bringen. Schlie&#223;lich steckt im Wort Humankapital immer noch dieser menschliche Unsicherheitsfaktor. So &#252;berm&#228;chtig diese Strategie auch erscheint, es sind die Menschen an denen alles scheitern k&#246;nnte.<o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> http://europa.eu.int/comm/education/policies/2010/et_2010_de.html<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. mit den &#196;nderungen im Bereich „Schule“ ist auch ein neues LehrerInnendienstrecht verbunden, das u.a. eine „Neuverteilung des aktiven Lebenseinkommens“ und leistungsbezogene Abgeltungen vor sieht.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> „Allgemeine und berufliche Bildung 2010” integriert alle Aktionen im Bildungsbereich auf europ&#228;ischer Ebene, einschlie&#223;lich der beruflichen Bildung (Kopenhagen-Prozess). Auch der Bologna-Prozess, der 1999 initiiert wurde, ist zu erw&#228;hnen. Er spielt eine wichtige Rolle f&#252;r die Entwicklung eines europ&#228;ischen Hochschulraumes. Beide Prozesse tragen aktiv dazu bei, die Lissabon-Ziele zu erreichen und sind deshalb eng mit dem Programm ‚Allgemeine und berufliche Bildung 2010” verkn&#252;pft worden.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> An der Uni Wien umgesetzt mit dem Organisationsplan 2003 und dem Hochsch&#252;lerInnenschaftsgesetzt (HSG) 2004 <o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Nachzulesen im UG 02:<span>  </span>„Konzept zur Abstimmung von Profilentwicklung und strategischen Zielen …: hier werden die l&#228;ngerfristige Verteilung und der Ausbau universit&#228;tsspezifischer Ressourcen beschrieben, die zur geplanten Profilbildung und zur Zielerreichung beitragen sollen.“<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Umsetzung des Arbeitsprogramms „Allgemeine und berufliche Bildung 2010“, Br&#252;ssel Dezember, 2005<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>„Die Konkurrenz wird europ&#228;isch“,<span>  </span>Handelsblatt vom 3/4/5. M&#228;rz 2006 <o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die &#246;sterreichische EU-Ratspr&#228;sidentschaft 2006. „Schwerpunkte der &#246;sterreichischen Pr&#228;sidentschaft im Bereich Bildung“<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> http://www.europass-info.at/<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> www.salto-youth.net/youthpass/<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Umsetzung des Arbeitsprogramms „Allgemeine und berufliche Bildung 2010“, Br&#252;ssel Dezember, 2005<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. den Artikel zu Gramsci in dieser Zeitschrift<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Clark, B. R. Creating Entrepreneurial Universities: Organizational Pathways of Transformation. IAU Press, 1998<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> http://www.labournet.de/diskussion/arbeitsalltag/bildung/sudeduc.html<o></o></p>
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		<title>Besatzung und B&#252;rgerkrieg im Irak</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:55:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im gewaltigen Chaos des Irak scheint sich das Horrorszenario eines B&#252;rgerkriegs immer deutlicher abzuzeichnen. Bilder von brennenden schiitischen Moscheen und gemeuchelten sunnitischen Bauernfamilien werden von den Besatzungsm&#228;chten benutzt, um einen R&#252;ckzug in die fernste Zukunft zu verlegen – man habe schlie&#223;lich einen B&#252;rgerkrieg zu verhindern. Die Autorin <em>Haifa Zangana</em> und der Sozialwissenschafter <em>Sami Ramadani</em>, beide Fl&#252;chtlinge des Regimes Saddam Husseins und vertraut mit den j&#252;ngsten Ereignissen in ihrer Heimat, beantworten Fragen zu religi&#246;ser Gewalt und der M&#246;glichkeit eines B&#252;rgerkriegs im Irak.<br />
<span id="more-72"></span></p>
<p><em>Ich w&#252;rde gerne mit der Frage der Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen MuslimInnen beginnen. Wie seht ihr dieses Problem?</em></p>
<p>Haifa Zangana: Diese Identifikation von Menschen, je nachdem ob sie SunnitInnen oder SchiitInnen sind, ist etwas, das es zu Beginn der 1980er Jahre nicht gegeben hat. Es existierte nicht in der Gesellschaft, nicht im Journalismus, nicht in der Geschichtsschreibung oder in der Literatur. Es w&#228;re sehr schwierig, ein Fachbuch zu finden, das sich mit IrakerInnen besch&#228;ftigt, indem es sie in religi&#246;se „Sekten“ einteilt.</p>
<p><em>Oft treffen wir auf die Vorstellung, dass fr&#252;her SunnitInnen die Regierung dominierten. W&#252;rdet ihr sagen, dass das ein falsches Bild ist?</em></p>
<p>HZ: Ich denke, es ist v&#246;llig k&#252;nstlich; wenn wir das auf Gro&#223;britannien &#252;bertragen und nach dem Hintergrund einzelner Personen forschen w&#252;rden – ist er Protestant, Katholik, Anglikaner – w&#252;rden wir auf bestimmte Muster der Machtverteilung sto&#223;en, die bequem von einem selektiven Prozess aufgegriffen werden k&#246;nnten.<br />
Wenn man sich 52 Spielkarten ansieht, auf denen die Ba’ath-F&#252;hrer abgebildet sind, die von den USA gleich nach dem Fall von Bagdad gesucht wurden, findet man heraus, dass 38 dieser 52 F&#252;hrer Schiiten sind. Also, wer hat den Irak beherrscht? Ich denke, dass diese Idee komplett an den Haaren herbei gezogen ist, sie wurde bewusst produziert und kann auf die Zeit zu Beginn der 1980er zur&#252;ck gef&#252;hrt werden, der Zeit des Iran-Irak-Kriegs</p>
<p>Sami Ramadani: Auf kommunaler Ebene, auf der Stra&#223;e, gibt es keine scharfen Trennungen zwischen den Menschen. Die Leute gehen nicht los und t&#246;ten andere, weil sie auf der falschen Seite der religi&#246;sen oder gar nationalen Teilung stehen. Die Kriege gegen die kurdische Bev&#246;lkerung, zum Beispiel, waren keine kommunalen Kriege, in denen hunderttausende AraberInnen die KurdInnen bek&#228;mpft haben, sondern der Akt eines repressiven Staats, der einen chauvinistischen Krieg gegen das kurdische Volk f&#252;hrte; es war der Staat gegen das Volk. Fortschrittliche AraberInnen aus dem S&#252;den flohen damals nach Kurdistan, das ein sicheres Gebiet war, um den Kampf gegen das Regime zu f&#252;hren. Am H&#246;hepunkt der Kriege etwa flohen tausende Soldaten zu den kurdischen Kr&#228;ften.<br />
Saddams Regime hatte nat&#252;rlich relig&#246;s-sektiererische Dimensionen, besonders nach dem Aufstand von 1991, dessen Zentrum sich im S&#252;den befand, und nachdem der Gro&#223;teil des S&#252;dens schiitisch ist, schien die Kampagne (des irakischen Regimes gegen die Aufst&#228;ndischen, A.d.&#220;.) sich gegen die Shia zu richten. Irak ist keine Apartheid-Gesellschaft und war auch nie eine. Saddams Regime beruhte auf sozialen Schichten und Sicherheitskr&#228;ften verschiedener religi&#246;ser und nationaler Zugeh&#246;rigkeit. Saddams Regime h&#228;tte den S&#252;den oder Kurdistan nicht beherrschen k&#246;nnen, ohne dass Menschen aus dem S&#252;den und aus Kurdistan mitgemacht h&#228;tten. Es gab also eine soziale Basis – eine schmale soziale Basis nat&#252;rlich – die dieses Modell unterst&#252;tzt hat, aber es war eine soziale Basis, die sich aus allen Konfessionen, Religionen und Nationalit&#228;ten zusammengesetzt hat.<br />
Die Stadt Falluja ist ein gutes Beispiel. Sie war eine starke Bastion der Anti-Saddam-Bewegung, denn im Jahr 1996 gab es einen Putschversuch, den Saddam auf Leute in Falluja zur&#252;ckf&#252;hrte, und 1998 befahl er den Imamen der Moscheen in Falluja, ihn zu verherrlichen und f&#252;r ihn zu beten. Sie weigerten sich, und er begann die EinwohnerInnen Fallujas zu bestrafen. Und bis heute ist Ba’ath in Falluja sehr schwach – das ist der Grund daf&#252;r, dass der Widerstand dort vor allem von religi&#246;sen Kr&#228;ften angef&#252;hrt wird. Der wichtige Punkt ist, dass Saddam jede Quelle der Opposition zerschlagen hat, ohne R&#252;cksicht auf Sekten, Religion oder Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Denkt ihr, dass die Besatzungsm&#228;chte versucht haben, religi&#246;s-sektiererische Spaltungen zu produzieren, und wenn ja, wie haben sie das getan?</em></p>
<p>SR: Allgemein gesprochen haben sie das bereits vor der Besatzung gef&#246;rdert, indem sie mit irakischen Oppositionskr&#228;ften bei Vor-Kriegs-Konferenzen in London und anderswo immer st&#228;rker auf Basis von „wer ist Kurde“, „wer ist Araber“, „wer ist Schiit“, „wer ist Sunnit“, „wer ist Turkmene“, „wer ist Christ“ und so weiter umgegangen sind. Und sie haben bewusst versucht, das zu f&#246;rdern – das war recht offensichtlich. Nach der Besatzung haben sie das weitergef&#252;hrt, in noch gr&#246;&#223;erem Ausma&#223;. Jede Institution, bei deren Aufbau sie ihre Hand im Spiel hatten, musste nach religi&#246;s-sektiererischen Kriterien aufgeteilt werden. Sogar die Armeeeinheiten h&#228;tten auf dieser Basis entstehen sollen. Paul Bremer’s Irakischer Regierungsrat<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> ist ein gutes Beispiel daf&#252;r, wie sie IrakerInnen spalten wollten.<br />
Eine so genannte „Balance“ zwischen den verschiedenen Communities beinhaltet im Prinzip sehr strenge religi&#246;se und ethnische Spaltungen, bis hinab zu Treffen und Komitees auf den niedrigsten Ebenen. All das ist den Jahrhunderte alten Traditionen des Landes v&#246;llig fremd.</p>
<p>HZ: Der „Hohe Rat f&#252;r die Islamische Revolution im Irak“, SCIRI, repr&#228;sentiert zum Beispiel eine bestimmte Klasse von SchiitInnen. Muqtada al-Sadr repr&#228;sentiert eine andere Klasse – die &#196;rmsten der Armen. SCIRI steht mehr oder weniger f&#252;r die Mittelklasse und die Menschen, die die heiligen St&#228;tten &#252;berwachen. Ich sehe es mehr als einen Klassenkampf als etwas anderes, schlie&#223;lich ist es eine Religion, der Islam. Es gibt kaum Unterschiede, was die Schriften betrifft – was wichtig ist, ist wer was kontrolliert. Es handelt sich um politische Parteien, die diese oder jene religi&#246;se Gruppe benutzen. Diese auf religi&#246;sem Sektierertum basierenden Parteien sind etwas Neues.<br />
Wenn man ihre ganzen Programme liest, sind sie letztlich alle gleich, sie k&#252;mmern sich sehr um das irakische Volk, nationale Einigkeit, sind gegen religi&#246;ses Sektierertum und so weiter. Leute aus dem Irak erz&#228;hlen uns, dass das Innenministerium in drei Stockwerke unterteilt ist – jedes Stockwerk geh&#246;rt einer politischen Partei, und sie sprechen nicht miteinander. Vor kurzem wurde entdeckt, dass 167 IrakerInnen im Geb&#228;ude des Ministeriums gefangen gehalten wurden, und jede politische Partei beschuldigt die andere, weil sie nicht einmal wissen, wer verhaftet und wer foltert. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Verhaftungen und die Milizen, sondern auch die Vergabe von Arbeitspl&#228;tzen. Um etwa einen Job im Verteidigungsministerium zu bekommen, oder im Sozialministerium, oder in irgend einem anderen Ministerium, musst du den Kriterien des Ministers entsprechen – je nachdem, welche Partei er repr&#228;sentiert. Wenn er in der PUK (Patriotische Union Kurdistans) ist, musst du auch PUK-Mitglied sein, sonst kannst du es vergessen. Mit deinen Qualifikationen hat das nichts zu tun.</p>
<p>SR: Es existiert ein gewisser Grad an Toleranz in der irakischen Gesellschaft, der das Existieren verschiedener religi&#246;ser Gruppen, Religionen und Nationalit&#228;ten erlaubte. Das hat sich sozial in gemischten Familien und gemischten Nachbarschaften ausgedr&#252;ckt. So leben etwa mehr KurdInnen in Bagdad als in irgendeiner Stadt in Kurdistan. Es gibt schiitische Communities &#252;berall im Irak. Ein Viertel der Bev&#246;lkerung Basras ist sunnitisch. Das sind Zeichen f&#252;r die allgemeine Durchmischung in dem Land, die nun aktiv aufgebrochen wird.</p>
<p><em>In den Medien hei&#223;t es oft, dass viele SchiitInnen die Besatzung unterst&#252;tzen und viele SunnitInnen sie ablehnen.</em></p>
<p>SR: Ich w&#252;rde nicht sagen, dass der Gro&#223;teil der schiitischen Community die Regierung unterst&#252;tzt. Ich denke, es gibt offensichtlich schiitische Massenorganisationen wie SCIRI oder die Da’wah-Partei, die Teil der Regierung sind, und die in den s&#252;dlichen St&#228;dten und in Teilen Bagdads stark sind. Aber sie repr&#228;sentieren – meiner Einsch&#228;tzung nach – keinesfalls die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten. Die Sadr-Bewegung, die stark gegen die Regierung und gegen die Besatzung auftritt, ist zum Beispiel sehr beliebt. Muqtada al-Sadr spielt eine sehr komplexe Rolle – w&#228;hrend er einerseits eine sehr feindliche Haltung gegen&#252;ber der Besatzung und der Politik der Regierung einnimmt, l&#228;sst er seine Unterst&#252;tzer andererseits f&#252;r die Wahlen kandidieren. Doch seine j&#252;ngste Entscheidung, einige seiner Unterst&#252;tzer der offiziellen Liste der „Irakischen Nationalen Koalition“ beitreten zu lassen, hat unter seinen Leuten gro&#223;e Diskussionen ausgel&#246;st – manche sind komplett dagegen, manche sagen „Wenn wir uns schon den Wahlen stellen, sollten wir es allein machen, oder uns zumindest mit anderen Anti-Besatzungs-Kr&#228;ften verbinden, die auch an den Wahlen teilnehmen k&#246;nnten“.</p>
<p><em>Versuchen die Besatzungskr&#228;fte, das Land in mehrere Teile aufzubrechen?</em></p>
<p>SR: Ich denke nicht, dass sie gekommen sind, um das Land in einen B&#252;rgerkrieg zu st&#252;rzen. Sie sind gekommen, um den Irak und sein Erd&#246;l auszubeuten und um das Land in eine strategische Basis im globalen Kontext zu verwandeln. Doch wegen des Ausma&#223;es an Opposition gegen ihre Anwesenheit und dem raschen Aufschwung des bewaffneten Widerstands im ganzen Irak (mit Ausnahme Kurdistans) wurde aus der Politik, Menschen entlang religi&#246;s-sektiererischer und ethnischer Grenzen zu trennen, ein Schema, um Unfrieden und Gewalt zwischen den Communities zu schaffen. Das ist die einzige M&#246;glichkeit einer Kolonialmacht – oder jeder anderen Macht – die eine andere Gesellschaft beherrscht, um mit dieser Situation zu Recht zu kommen, und zwar ganz spontan. Wenn du einen Feind hast, versuchst du ihn zu spalten, und die IrakerInnen haben &#252;berw&#228;ltigend bewiesen, dass sie – in unterschiedlichem Ausma&#223; – gegen die Besatzung sind. Die Reaktion der BesatzerInnen war, Differenzen auszunutzen, und Organisationen, die religi&#246;s-sektiererische  Gewalt predigen und aus&#252;ben, zu ignorieren oder gar aufzustacheln.</p>
<p>HZ: Wenn du eineN IrakerIn auf der Stra&#223;e fragst: „Willst du von Schiiten oder Sunniten regiert werden?“, wird die Antwort kommen: „Der Teufel kann uns regieren, solange er erstens ein Iraker ist, uns zweitens Sicherheit bringt, und drittens erm&#246;glicht, dass wir ein mehr oder weniger normales Leben f&#252;hren k&#246;nnen – alles andere ist uns egal“. Sogar als Talabani zum Pr&#228;sidenten ernannt wurde, h&#246;rte ich keineN IrakerIn sagen; „Dieser Talabani ist Kurde, deswegen wollen wir ihn nicht“. Sie k&#246;nnen dir eine lange Liste an Gr&#252;nden geben, warum sie Talabani hassen: Er ist korrupt; er ist verantwortlich f&#252;r den Tod vieler KurdInnen&#8230; Es geht also um Wirtschaft und Politik.</p>
<p><em>Das ist ein ganz anderes Bild als jenes, das wir von den Medien pr&#228;sentiert bekommen. Die allgemeine Sicht ist, dass der Irak geteilt ist in die KurdInnen im Norden, den SunnitInnen im „sunnitischen Dreieck“ und den SchiitInnen im S&#252;den. Ist das ein falsches Bild?</em></p>
<p>SR: Absolut. Aber dieses Bild hat sich leider stark festgesetzt, weil es so oft wiederholt wurde, dass es nun als selbstverst&#228;ndlich gilt. Die Macht der modernen Medien geht so weit, dass dieser Mythos in den K&#246;pfen der Menschen au&#223;erhalb des Irak zur Realit&#228;t wird. Im Irak selbst hat es Einfluss in intellektuellen Kreisen und unter bestimmten politischen Organisationen. Aber bei Menschen von der Stra&#223;e und in den Communities hat es sich noch nicht durchgesetzt.</p>
<p><em>Aber mit den Milizen und bewaffneten Banden hat es doch etwas auf sich?<br />
</em><br />
HZ: Es gibt tats&#228;chlich Milizen – jene von Ahmed Chalabi ist etwa noch sehr stark. Es gibt die Badr-Brigaden der SCIRI, die ber&#252;chtigt sind – und von denen wir wissen, dass sie im Iran aufgebaut wurden und mit der Partei selbst in den Irak kamen, ohne Verwurzelung in der irakischen Gesellschaft. Dann gibt es die Peshmerga (kurdische Milizen), die von den Besatzungsm&#228;chten in Najaf und Falluja benutzt wurden.<br />
Wenn wir von politischen Parteien sprechen, existiert es tats&#228;chlich. Aber wenn wir von den Menschen sprechen, ist das Gegenteil wahr. Als zum Beispiel hunderte Menschen auf der Jisr al-Imma-Br&#252;cke in Bagdad zu Tode getrampelt wurden, kamen alle Menschen, um ihnen zu helfen. W&#228;hrend der Belagerung Fallujas spendeten Menschen aus den verschiedensten Teilen des Irak Blut und Lebensmittel. Es gibt also eine feste Einigkeit, und ich denke, dass sie das Herz des Irak darstellt. Aber wie lange wird diese Einigkeit &#252;berleben, wenn sie t&#228;glich von PolitikerInnen und den Medien angegriffen wird – innerhalb wie au&#223;erhalb des Irak?</p>
<p>SR: Nat&#252;rlich ist es wichtig, die Vergangenheit zu betrachten, obwohl es keinen logischen Grund gibt, dass die historische Kontinuit&#228;t nicht auch durch die j&#252;ngsten Ereignisse gebrochen werden k&#246;nnte. Es gibt eine echte Gefahr, und je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto gegens&#228;tzlicher werden die Spaltungen werden. Die Besatzung ist nicht mehr ein externer Faktor in der irakischen Gesellschaft. Sie befindet sich in der irakischen Gesellschaft. Sie baut Armeetruppen und Sicherheitskr&#228;fte auf; sie kolonisiert den Staat; sie arbeitet mit recht gut organisierten politischen Kr&#228;ften zusammen; sie hat ihre Tentakel in alle Organisationen der Gesellschaft ausgebreitet; sie hat tausende ausl&#228;ndische S&#246;ldnerInnen und zehntausende von „geheimen“ Privatarmeen, die das Land &#252;berziehen.<br />
Ich denke, man m&#252;sste den Slogan von der Gefahr des B&#252;rgerkriegs im Irak umdrehen und sagen, dass je l&#228;nger die Besatzung andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Konflikt ausbrechen wird. Je schneller sie sich zur&#252;ckziehen,  desto wahrscheinlicher ist es, dass der Irak sich wieder in Richtung des relativ starken Zusammenhalts entwickeln wird, der zwischen den verschiedenen Communities existiert hat. Deine Politik war im Irak immer wichtiger als deine Religion oder deine Nationalit&#228;t.</p>
<p><em>Das Interview wurde von </em><em>Anne Ashford</em> f&#252;r das International Socialism Journal gef&#252;hrt. Das ganze Interview ist auf Englisch abrufbar unter:</p>
<p>http://www.isj.org.uk/index.php4?id=159&amp;issue=109.</p>
<p>Anmerkungen<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eine von den Besatzungsm&#228;chten eingerichtete und besetzte „Regierung“, die bis zu den Wahlen im Amt war.</p>
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		<item>
		<title>Alle(s) f&#252;r den Hugo? &#8211; Perspektiven der Bolivarianischen Revolution in Venezuela</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischen-revolution-in-venezuela/</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:40:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Che Guevara und Salvador Allende hat kein lateinamerikanischer Politiker st&#228;rker die Hoffnungen der Linken in aller Welt repr&#228;sentiert als Hugo Chávez. Doch die Strahlkraft Chávez’ und der weit verbreitete Enthusiasmus f&#252;hrt nur zu oft dazu, die Entwicklungen in Venezuela als Projekt eines Mannes zu betrachten und auf die Frage „Wer ist/was will Chávez?“ zu reduzieren. „Chávez ist ein Symbol f&#252;r uns“, meint der venezolanische Gewerkschaftsaktivist Roland Denis, „unsere Herausforderung ist es, ein Symbol nicht mit Politik zu verwechseln.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><span>  </span><em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em> versuchen diese Verwechslung zu vermeiden und analysieren Errungenschaften und Probleme der „bolivarianischen Revolution“.<br />
<span id="more-73"></span><br />
Ein fl&#252;chtiger Blick auf die Geschichte Venezuelas zeigt Muster, die sich kaum von jenen anderer lateinamerikanischer Staaten unterscheiden. Blutig erk&#228;mpfte Unabh&#228;ngigkeit vom Kolonialismus, eine extrem reiche und politisch einflussreiche Schicht von Gro&#223;grundbesitzern die den armen Massen gegen&#252;bersteht sind weithin bekannte Eckpunkte. Was aber Venezuela in erster Linie von seinen Nachbarstaaten unterscheidet ist sein Reichtum an fossilen Rohstoffen. Seit den 1920er Jahren macht der Export von Erd&#246;l knapp 90 Prozent des Staatseinkommens aus. Die Auswirkungen waren und sind gravierend: Zwar prosperierte die Wirtschaft Venezuelas &#252;ber weite Teile des 20. Jahrhunderts konstant, sodass das lateinamerikanische Land in den 1950er Jahren ein beliebtes Ziel s&#252;deurop&#228;ischer MigrantInnen war – der Reichtum aus den &#214;lexporten kam aber nur einer schmalen Schicht zugute. Caracas, die Hauptstadt Venezuelas, ist ein Monument dieser Entwicklung: W&#228;hrend die zentralen Bezirke von modernistischen Betonbauten ges&#228;umt sind, ziehen sich Ringe von Slumvierteln –„Barrios“ – die Caracas umschlie&#223;enden Bergh&#228;nge hinauf. Die ProfiteurInnen der Erd&#246;lwirtschaft – in erster Linie UnternehmerInnen und die obere Mittelschicht der Hauptstadt – brachten es zu beachtlichem Wohlstand, sodass in den 1960er Jahren, am H&#246;hepunkt des Erd&#246;lbooms, die Lebenserhaltungskosten in Caracas h&#246;her als jene in Chicago waren, w&#228;hrend die BewohnerInnen der Barrios sozial und &#246;konomisch ausgegrenzt blieben.<o :p></o></p>
<h3>Grenzen des Korporatismus</h3>
<p>Der 1958 geschlossene „Punto-Fijo-Pakt“, der die Kollaboration der zwei gr&#246;&#223;ten Parteien Venezuelas<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> institutionalisierte, sorgte &#252;ber mehrere Jahrzehnte f&#252;r relative politische Stabilit&#228;t. Die &#214;lindustrie Venezuelas wurde ebenfalls in den 1950er Jahren zusammengefasst und lie&#223; die Profite aus dem &#214;lexport in die Taschen der Eliten und der oberen Mittelschicht flie&#223;en. Die „Stabilit&#228;t“ des Systems beruhte in erster Linien auf diesen Profiten und einer Mischung aus Patronage (die zwei Prozent der Besch&#228;ftigten, die in der &#214;lindustrie arbeiteten, genossen hohe L&#246;hne und privilegierten Sozialstatus), Repression und vereinzelter sozialer Inklusion. Im Rahmen einer Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> (und auf Druck der Linken) wurde unter anderem die so wichtige Erd&#246;lindustrie zur PDVSA<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> verstaatlicht und stetig kleine Teile der bis in die 1970er Jahre buchst&#228;blich sprudelnden Gewinne in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsprogramme gesteckt die, gemeinsam mit den im Punto-Fijo-Pakt integrierten Gewerkschaften, die armen Massen ruhig halten konnten. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass diese Politik keineswegs zu einer Angleichung der Lebensstandards gef&#252;hrt hat. Im Gegenteil war das Resultat der Politik des „Puntofijoismo“ eine enorme Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums – so befindet sich seit damals praktisch die gesamte Medienlandschaft in den H&#228;nden von vier Industriellenfamilien<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> – und die zunehmende Armut der BewohnerInnen der Barrios.<br />
In den 1980er Jahren, als die Regierung Venezuelas als Reaktion auf den Absturz des &#214;lpreises und die weltweite Rezessionskrise (und auf Druck des Internationalen W&#228;hrungsfonds IWF) immer sch&#228;rfere neoliberale Reformen durchf&#252;hrte<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, konnte das alte korporatistische System die soziale Sprengkraft der sich zunehmend versch&#228;rfenden Ungleichheiten kaum noch eind&#228;mmen. Der gro&#223;e Ausbruch kam im Jahr 1989, als Proteste gegen die Verdoppelung der Preise f&#252;r &#246;ffentliche Busse in Caracas sich zu einem gewaltigen Aufstand gegen die sozialdemokratische AD-Regierung entwickelten. Die Armen der Barrios st&#252;rmten von den H&#228;ngen in das Stadtzentrum und pl&#252;nderten die luxuri&#246;sen H&#228;user und Gesch&#228;fte der superreichen BewohnerInnen des Zentrums. Die herrschende Klasse reagierte, indem sie Milit&#228;r und Polizei mit Waffengewalt gegen die Protestierenden vorgehen lie&#223;. Nach zwei Tagen heftiger K&#228;mpfe und mehreren tausend Toten mussten sich die DemonstrantInnen wieder in die Barrios zur&#252;ckziehen. Doch die Regierung hatte einen Pyrrhussieg errungen. Zwar konnte sie mit Gewalt und Repression ihre Herrschaft vor&#252;bergehend sichern – der Preis daf&#252;r war jedoch der endg&#252;ltige Verlust an Konsens und Vertrauen in breiten Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung. Das zentrale Moment b&#252;rgerlicher Machtaus&#252;bung – die Organisierung von aktiver oder passiver Zustimmung unter der Mehrheit der Unterdr&#252;ckten – war damit abhanden gekommen.<o :p></o></p>
<h3>Auftritt Hugo Chávez</h3>
<p>Der als „Caracazo“ in die Geschichte eingegangene Aufstand von 1989 wirkte als Initialz&#252;ndung f&#252;r die Widerstandsbewegungen Venezuelas. Auf lokaler Ebene entstanden Netzwerke und Basisinitiativen, die sich auf k&#228;mpferische Traditionen der Barrios beriefen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und von alternativen Radiosendern &#252;ber Stadtteilversammlungen bis zur Unterst&#252;tzung von seit den 1960ern existierenden Guerillatruppen reichten. Gleichzeitig gewannen linke, nicht in den Staat integrierte politische Parteien wie „La Causa R“, die ab 1993 den B&#252;rgermeister von Caracas stellte, mehrere Regionalwahlen. Und schlie&#223;lich regte sich immer st&#228;rkerer Widerstand im Milit&#228;r, wo nicht zuletzt die Ereignisse des „Caracazo“ viele davon &#252;berzeugt hatten, dass das zutiefst korrupte Regime gest&#252;rzt und die immer gr&#246;&#223;ere Teile der Gesellschaft in Armut sto&#223;ende neoliberale Politik beendet werden musste.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><o :p></o><br />
Die Kombination aus massenhafter Unzufriedenheit mit den Herrschenden, vielf&#228;ltiger Organisierungsformen an der Basis und dem glaubw&#252;rdigen politischen Projekt des „Movimiento Quinta República“ (MVR), in dem sich progressive Milit&#228;rs mit Teilen der politischen Linken gegen das korrupte System des Puntofijismo und die neoliberale Politik der Regierung verbanden, sp&#252;lte schlie&#223;lich bei den Wahlen von 1998 den seit den Putschversuchen von 1992 popul&#228;ren Offizier Hugo Chávez f&#246;rmlich ins Pr&#228;sidentenamt. Anfangs noch bedacht, soziale Reformen durchzusetzen und den Kampf gegen die korrupte B&#252;rokratie des Puntofijismo aufzunehmen, ohne das Gro&#223;b&#252;rgertum Venezuelas allzu sehr zu verprellen, wurde Chávez bald klar, dass dessen Bereitschaft zur Kooperation mit der neuen Regierung kaum vorhanden war. Dies war kaum &#252;berraschend – schlie&#223;lich versprach Chávez nicht weniger als die komplette Neugestaltung der venezolanischen Gesellschaft im Rahmen der „bolivarianischen Revolution“, die den Staatsapparat komplett transformieren will, ohne dabei die Bahnen des b&#252;rgerlich-demokratischen Rechtsstaates zu verlassen.<o :p></o><br />
Der Name des legend&#228;ren Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfers Lateinamerikas, Simon Bolivar, dient Chávez dabei als Symbol f&#252;r dieses politische Projekt. Was genau den „Bolivarianismus“, die „bolivarianische Revolution“ ausmacht, dar&#252;ber sind sich nicht nur die politischen KontrahentInnen in Venezuela uneinig, auch im Lager von Hugo Chávez und dessen weltweiten SympathisantInnen bleiben die Begrifflichkeiten oft eher Projektionsfl&#228;chen eigener Vorstellungen – was nicht zuletzt ein Geheimnis der globalen Popularit&#228;t des Bolivarianismus ist. Hugo Chávez selbst gibt in einem Interview aus dem Jahr 1996 – also vor seiner Wahl zum Pr&#228;sidenten, einige Hinweise auf die Grundlagen seiner Politik:<br />
„Die bolivarianische Bewegung wurde vor 15 Jahren in den Baracken geboren, als eine Gruppe von Soldaten erkannte, dass der Feind nicht der Kommunismus, sondern der Imperialismus war. Viele Jahre lang arbeiteten wir vorsichtig und schrittweise an der Entwicklung einer nationalistischen, patriotischen Bewegung mit einer Hand in den Baracken und einer in den Stra&#223;en (&#8230;) In unserem Modell von Demokratie (&#8230;) muss es direkte Demokratie, eine Regierung des Volkes mit Volksversammlungen und –kongressen geben, wo die Menschen das Recht aus&#252;ben, ihre gew&#228;hlten Delegierten abzuw&#228;hlen, zu nominieren, zu sanktionieren und abzusetzen.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">In diesem Zitat l&#228;sst sich die Essenz des Bolivarianismus erkennen: Einerseits ein „progressiver Nationalismus“, der den gesellschaftlichen Reichtum der Nation gerecht auf die gesamte Bev&#246;lkerung verteilen will – im Kontext des Erd&#246;l-Staates Venezuelas hei&#223;t das in erster Linie „die Verteidigung der Souver&#228;nit&#228;t &#252;ber die Ressourcen, von deren Ausbeutung und Exporten in die Industriestaaten das Land lebt“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a>; Souver&#228;nit&#228;t vor allem gegen&#252;ber den &#246;konomischen Interessen der gro&#223;en US-amerikanischen und multinationalen Konzerne. Andererseits eine Vorstellung von Demokratie, die mit den traditionellen Repr&#228;sentationsmustern des Parlamentarismus – ein Kreuz alle x Jahre – bricht und an deren Stelle ein System der direkten Demokratie von unten setzen will. Der R&#252;ckgriff auf Bolivar scheint dabei in erster Linie ein symbolisches Reservoir zu &#246;ffnen, das gro&#223;en Teilen der venezolanischen Bev&#246;lkerung eine direkte, affektive Identifikation mit dem Projekt der Regierung Chávez erm&#246;glicht.<o :p></o></p>
<h3>Der Hass der Bourgeoisie</h3>
<p>Die Heftigkeit, mit der die alten Eliten auf die Politik Chávez’ reagierten, zeigte sich erstmals im April 2002, als die Opposition im B&#252;ndnis mit rechten Milit&#228;rs und den m&#228;chtigsten Medienunternehmen einen Putschversuch organisierten. Chávez wurde kurzzeitig entf&#252;hrt, und der Vorsitzende der Arbeitgeberorganisation erkl&#228;rte sich kurzerhand zum neuen Pr&#228;sidenten. Gerettet wurde Chávez von jenen, die ihn bereits 1998 zu seinem Wahlsieg verholfen hatten: Wie w&#228;hrend des Caracazo st&#252;rmten die Armen zu hunderttausenden aus den Barrios und forderten die Wiedereinsetzung von Chávez und seiner Regierung. Gro&#223;e Teile der Armee solidarisierten sich darauf hin mit Chávez und die Putschisten mussten aufgeben. Auch zwei weitere Versuche, Chávez zu st&#252;rzen, scheiterten: Als die Teile der UnternehmerInnenschaft und insbesondere die B&#252;rokratInnen der PVDSA in einen „Managerstreik“ traten – also die Betriebe schlossen und die Maschinen anhielten – reagierten ArbeiterInnen, indem sie die &#214;lproduktion selbst organisierten; und 2004 versuchte die Opposition einen Passus der unter Chávez ausgearbeiteten und implementierten „Bolivarianischen Verfassung“, der die M&#246;glichkeit der Abwahl von PolitikerInnen durch ein Referendum nach der H&#228;lfte der Amtszeit vorsieht, gegen den Pr&#228;sidenten zu nutzen, konnte aber trotz massiven Einsatzes aller gro&#223;en Medien keine Mehrheit gegen Chávez erreichen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Diese enorme und nachhaltige Unterst&#252;tzung f&#252;r das Projekt des Pr&#228;sidenten – von den letzten Pr&#228;sidentschaftswahlen noch einmal unterstrichen – kann nur im Zusammenhang mit den konkreten Reformen verstanden werden, die von der Regierung Chávez seit ihrem Amtsantritt 1998 durchgef&#252;hrt wurden.</p>
<h3>Strategien gegen Neoliberalismus&#8230;</h3>
<p>Die meisten Projekte werden &#252;ber so genannte misiónes (Missionen) verwirklicht, deren KoordinatorInnen von Chávez ernannt und ihm direkt verantwortlich sind. Durch die Programme Robinson I und II wurde 1,4 Millionen Menschen aus den &#228;rmeren Bev&#246;lkerungsschichten erstmals Lesen und Schreiben gelehrt, wodurch die Analphabetismusrate in Venezuela laut UNESCO-Studie auf nahezu null gesenkt werden konnte. Zus&#228;tzlich zur Grundausbildung wurde weiterbildende und h&#246;here Bildung erm&#246;glicht: Seit 1999 haben f&#252;nf neue „Bolivarianische Universit&#228;ten“ er&#246;ffnet, bis Ende 2006 sollen noch weitere hinzukommen. Im Moment sind etwa 275.000 Menschen in diversen universit&#228;ren Programmen eingeschrieben. Im Gegensatz zur Zeit vor Chávez ist Bildung von Grundschule bis Universit&#228;t frei zug&#228;nglich und gratis.<br />
Es gibt eine Reihe von Initiativen um freie, umfassende und qualitative hochwertige Gesundheitsversorgung f&#252;r die Bev&#246;lkerung zug&#228;nglich zu machen. Mehr als 500 medizinische Zentren wurden errichtet. Mit Hilfe von 20.000 kubanischen &#196;rztInnen konnte eine Vielzahl neuer Krankenh&#228;user betrieben werden. 70% der venezolanischen Bev&#246;lkerung erhielten dadurch erstmals Zugang zu freier medizinischer Versorgung, die &#252;ber einfachste Behandlungen weit hinaus geht und etwa auch Zahnmedizin umfasst.</p>
<p>Die misión „Vuelvan Caras“ ist ein Programm zur administrativen und technischen Ausbildung von ArbeiterInnen, um ihnen die F&#228;higkeiten f&#252;r zuk&#252;nftige Jobs zu geben. Ziel ist es, dass viele dieser ArbeiterInnen in den neu gegr&#252;ndeten und von der Regierung unterst&#252;tzten Kooperativen arbeiten. Diese Kooperativen werden als zentrale Komponente eines neue &#246;konomischen Models gesehen, das auf „gemeinschaftliches Wohlergehen statt Kapitalakkumulation“ zielt. Derzeit werden etwa 700 Unternehmen &#252;berpr&#252;ft, die nach dem Unternehmerstreik von 2002/2003 nicht mehr produzieren. Diese sollen enteignet (allerdings nicht ohne den Eigent&#252;merInnen Entsch&#228;digungen zu zahlen), von ArbeiterInnen &#252;bernommen und als Kooperativen weitergef&#252;hrt werden. 49% des Betriebes sind dann in der Hand der ArbeiterInnen, w&#228;hrend die restlichen 51% in Staatshand wandern. Diese Art des Ko-Managements soll partizipative Demokratie in der Arbeitswelt verankern. Zurzeit gibt es acht Fabriken, die von ArbeiterInnen &#252;bernommen worden sind, doch erst bei zwei ist der juristische Prozess abgeschlossen. Auch die in Lateinamerika traditionell enorm wichtige Frage der Landverteilung wird von der Regierung Chávez angegangen. Im Rahmen der „Leyes Habilitantes“ wird geregelt dass Land, das von armen Bauern und B&#228;uerinnen als Anbau- oder Wohnfl&#228;che genutzt wird, rechtm&#228;&#223;ig in deren Besitz &#252;bergehen kann, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Land gar nicht oder zu wenig von seinen Eigent&#252;merInnen genutzt wird.<o :p></o></p>
<p>Die M&#246;glichkeit diese misiónes und Sozialprogramme zu finanzieren, h&#228;ngen stark von den Einnahmen der &#214;l-Industrie ab. Venezuela ist der f&#252;nftgr&#246;&#223;te Erd&#246;lexporteur der Welt, mit den gr&#246;&#223;ten Reserven an normalem &#214;l der Westlichen Hemisph&#228;re. Der starke Anstieg des &#214;lpreises seit 2002 f&#252;hrte zu einem Wirtschaftswachstum von 17% im Jahr 2004 und &#252;ber 9% in 2005. Durch die Erh&#246;hung der Abgaben auf Erd&#246;l, die ausl&#228;ndische Erd&#246;lkonzerne an den venezolanischen Staat zu liefern haben, von 1% auf 16,66% seit Januar 2005, sind die Nettoeink&#252;nfte Venezuelas aus dem Erd&#246;lexport von 46 Millionen Dollar auf &#252;ber 750 Millionen Dollar im Jahr 2005 gestiegen. Der Staatshaushalt f&#252;r 2006 betr&#228;gt ca. 33 Mrd. Euro, wovon 41% in soziale Programme flie&#223;en sollen. Damit sind die &#246;ffentlichen Ausgaben seit 1998 verdreifacht worden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Bolivarianische Projekt hat es geschafft Millionen bisher randst&#228;ndiger Menschen Hoffnung zu geben und in das politische und gesellschaftliche Leben mit einzubeziehen. Dennoch die Menschen in Venezuela sind noch weit davon entfernt alle Aspekte ihres Landes selbst zu kontrollieren. Der Gro&#223;teil der Industrie ist noch in privater Hand. Gro&#223;grundbesitzerInnen heuern Schl&#228;ger an, um Bauern und B&#228;uerinnen von ihren Grundst&#252;cken zu vertreiben, w&#228;hrend die Regierung zu langsam ist, die Anerkennung des unbenutzten Landes zu regeln.<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal">Trotz Versuchen und Ma&#223;nahmen den Staat zu demokratisieren, wie die M&#246;glichkeit gew&#228;hlte Kandidaten nach der H&#228;lfte ihrer Amtszeit abzuw&#228;hlen, bleibt die Staatsmaschinerie und B&#252;rokratie gr&#246;&#223;tenteils in Takt. Chávez’ Regierung deregulierte das venezolanische Finanzsystem, was dazu f&#252;hrte, dass spanische Banken sehr stark darin involviert sind. Die Stromversorgung wurde privatisiert, Medien und die gro&#223;en Dienstleistungsindustrien bleiben nach wie vor in privater Hand. Es gibt Hindernisse bei der Einf&#252;hrung des Ko-Managements von Fabriken, wichtige Industriezweige wie die &#214;lindustrie und wichtige Dienstleistungssektoren (etwa im Bereich Telekommunikation) werden von der Mitverwaltung der ArbeiterInnen ausgeschlossen.<o :p></o></p>
<p>Angesichts dieser Probleme wird auch unter jener Mehrheit der Bev&#246;lkerung Venezuelas, die auf der Seite der „Bolivarianischen Revolution“ steht, Kritik an der Umsetzung des revolution&#228;ren Prozesses laut. So kam es bei Gemeindewahlen zu Auseinandersetzungen zwischen BasisaktivistInnen der „chavistischen“ Partei und f&#252;hrenden Parteimitgliedern, weil die BasisaktivistInnen die vorgegebene KandidatInnenliste nicht akzeptieren wollte. Viele Menschen sind skeptisch gegen&#252;ber der Regierung und dem b&#252;rokratischen Apparat rund um Chávez. „Es ist wichtig, dass es einen Druck von der Basis gibt. Und es gibt ganze Schichten wie die B&#252;rgermeister, die &#252;ber den Raum, der den Massen gegeben wird, beunruhigt sind, und nahe dran sind ihn zur&#252;ck nehmen zu wollen. Sie wollen das Erreichte umdrehen. Deswegen gibt es einen Kampf der Basis gegen die B&#252;rokratisierung und die Korruption.“, berichtet ein Aktivist einer Gemeinde. Roland Denis, Aktivist eines Netzwerks von GewerkschafterInnen, spricht das Problem direkt an: „Das Problem ist nicht nur die B&#252;rokratie, sondern auch die Korruption. B&#252;rokratie und Korruption werden zu einer furchtbaren Maschine, die den revolution&#228;ren Prozess in Venezuela zu zerst&#246;ren droht. Eine Menge Geld wird &#252;ber den &#214;l-Export eingenommen, doch nur wenig kommt zu den Massen. Ein Gro&#223;teil geht verloren in den Sozialprogrammen, die eine direkte Verbindung zur Regierung haben. Doch bis jetzt hat nur ein Viertel der Bev&#246;lkerung davon profitiert.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>&#8230; und Imperialismus</h3>
<p>Auf internationaler Ebene geht es Chávez in erster Linie um die Verteidigung der „bolivarianischen Revolution“ und ein von den gro&#223;en Bl&#246;cken USA, Europa, und Japan unabh&#228;ngiges Lateinamerika. &#214;l-Lieferungen an Kuba und Argentinien im Austausch gegen kubanische &#196;rztInnen, und argentinische Agrarprodukte sind einige von mehreren Ans&#228;tzen, eine st&#228;rkere Zusammenarbeit zwischen den lateinamerikanischen Staaten zu erreichen.<o :p></o><br />
Zus&#228;tzlich arbeitet Chávez an der Verwirklichung der „Bolivarianischen Alternativen Handelszone“ (ALBA) als Gegengewicht zu der von den USA dominierten Freihandelszone f&#252;r Amerika (FTAA/ALCA).</p>
<p>Das Ziel der ALBA soll sein, eine umfassende Integration Lateinamerikanischer Staaten zu erreichen, die „auf den Grunds&#228;tzen der Solidarit&#228;t, der Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Respekt f&#252;r jede Nation frei von Kontrolle andere Nationen und Konzerne“ aufbauen soll. Dieser Plan umfasst den Aufbau von drei regionalen Organisationen. Neben der Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarkts soll „Petrosur“ die einzelnen &#214;lindustrien zusammenfassen und mit „Bansur“ eine gemeinsame Bank entstehen, die die nationalen Reserven zusammenfassen und dadurch Kredite unabh&#228;ngig von IMF bzw. der Weltbank und deren Zinsen vergeben k&#246;nnte. Die Umsetzbarkeit dieser Strategie scheint aber mehr als fraglich, angesichts der von links-liberalen Regierungen in Lateinamerika verfolgten Politik. F&#252;r Petrosur zum Beispiel m&#252;sste Argentinien die &#214;lindustrie wieder verstaatlichen, was eher unwahrscheinlich ist.</p>
<p>Chávez nimmt in allen wichtigen Fragen eine gegen&#252;ber den USA kontr&#228;re Haltung ein.<o :p></o><br />
Neben einigen verbalen Angriffen gegen die USA und George Bush im besondern, den er als „Mr. Danger“ bezeichnete, sprach er sich vehement gegen den so genannten „Krieg gegen Terror“ in Afghanistan und im Irak aus. 2005 spendierte Venezuela 1,15 Millionen Gallonen Billigheiz&#246;l, das tausenden ArbeiterInnenfamilien und Armen in sieben US-Bundesstaaten an der Ostk&#252;ste zugute kam, was besonders nach der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans auf gro&#223;e Sympathie stie&#223;. Gleichzeitig sucht sich Chávez seine anti-imperialistischen Partner sehr undifferenziert. Die Abh&#228;ngigkeit der bolivarischen Revolution vom Erd&#246;l zwingt ihn &#252;berall Partner zu suchen. Nach seiner letzten Frankreichreise meinte Chávez, dass Venezuela eine verl&#228;sslicher und langfristiger &#214;l- und Gaslieferant Europas werden will. Mit China wurden Handelsvereinbahrungen &#252;ber Technologieaustausch beschlossen und selbst der Iran wird als potentieller Partner genannt. Die immer st&#228;rkere Verkn&#252;pfung mit potenten kapitalistischen Partnern, wie Europa oder China, hindert Chávez an klaren Positionierungen zu Auseinandersetzungen in diesen L&#228;ndern. W&#228;hrend die imperialistische Politik der USA zu Recht kritisiert wird, fehlen Stellungnahmen zu Protesten gegen neoliberale Reformen in Europa, zur Kriegspolitik der EU oder der Menschenrechtssituation in China.<o :p></o></p>
<h3>El pueblo unido?</h3>
<p>Ein Blick auf die Politik hinter dem „Symbol Chávez“ ist ein Blick auf eine h&#246;chst komplexe und widerspr&#252;chliche politische Situation. Innerhalb des „bolivarianischen Projekts“ entstehen Elemente eines echten demokratischen Sozialismus von unten – in Form von selbstverwalteten Betrieben, Netzwerken der sozialen Bewegungen und lokalen Organisationsformen, etwa im Rahmen der misiónes. Gleichzeitig verbleiben weite Bereiche des politischen Systems in den H&#228;nden der staatlichen B&#252;rokratie – die zu gro&#223;en Teilen noch aus pr&#228;-Chávez-Zeiten stammt, und die ArbeiterInnen-Verwaltung bleibt zumindest bisher auf einige Betriebe beschr&#228;nkt und muss selbst dort, wo sie existiert, Zugest&#228;ndnisse an die Staatsb&#252;rokratie machen. In der Au&#223;enpolitik trifft ein zumindest verbal radikaler Antiimperialismus auf Versuche, durch die Ann&#228;herung an andere lateinamerikanische Staaten sowie Kooperationen mit L&#228;ndern wir Russland, China oder dem Iran einen alternativen Wirtschaftsblock aufzubauen, der keineswegs mit den Spielregeln der globalen Marktwirtschaft brechen will.<br />
Wohin sich die bolivarianische Revolution bewegt, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob ihre soziale Basis erfolgreich politischen Druck nach oben aus&#252;ben kann. Der kometenhafte Aufstieg von Chávez wurde von der verarmten Bev&#246;lkerung der Barrios getragen. Sie waren es, die ihren Pr&#228;sidenten vor dem Putschversuch der Opposition sch&#252;tzten, indem sie in Massen nach Caracas st&#252;rmten, und sie sind es auch, die mit Nachbarschaftsversammlungen, lokalen politischen Netzwerken (etwa zur Durchf&#252;hrung der misiónes) und sozialen und kulturellen Projekten das politische Vakuum f&#252;llten, das die Implosion der alten Parteien und die Ablehnung der traditionellen Formen der Politik hinterlie&#223;en. Die physische Mobilisierung der armen Bev&#246;lkerung konnte die bolivarianische Revolution zwar in der Vergangenheit verteidigen, die soziale Basis des Projekts bleibt damit allerdings fragil. Wie oft noch k&#246;nnen die BewohnerInnen der Barrios so auf die zweifellos wiederkehrenden Angriffe der Opposition reagieren? Die zwei Standbeine des Bolivarianismus – die fortschrittlichen Teile des Milit&#228;rs und die verarmte Bev&#246;lkerung, „die Baracken und die Stra&#223;e“, werden eine dritte, entscheidende St&#252;tze brauchen, um sich erfolgreich zu behaupten: die ArbeiterInnen und Angestellten als ProduzentInnen des gesellschaftlichen Reichtums Venezuelas. Ein gewaltiger Schritt in diese Richtung wurde im Managerstreik von 2002 getan, als ArbeiterInnen in Eigenregie die Produktion aufnahmen – insbesondere in der zentralen &#214;lindustrie, deren traditionell privilegierte Angestellte bis dahin als Bollwerk der Opposition galten. Die Politik des Ko-Managements, in deren Rahmen immer mehr Betriebe von ArbeiterInnen verwaltet werden, setzte diese Dynamik fort und integrierte sie in das bolivarianische Projekt. Eine wichtige Entwicklung ist dabei auch die Entstehung eines neuen Gewerkschaftsverbands, nachdem sich die alte, seit dem Punto-Fijo-Pakt mit den traditionellen Eliten verbandelte CTV offen auf die Seite der Opposition geschlagen hat. Heute z&#228;hlt die neue Gewerkschaft UNT bereits mehr Mitglieder als die CTV.<o :p></o></p>
<h3>Reformierte Marktwirtschaft oder demokratischer Sozialismus?</h3>
<p>Die „Bolivarianische Revolution“ ist ein Prozess mit offenem Ende. In der venezolanischen Regierung und der UNT k&#228;mpfen verschiedene Kr&#228;fte um ihre Politik. Manche von ihnen propagieren eine „solidarische“ Marktwirtschaft und die Einbindung der KapitalistInnen in das bolivarianische Projekt. Die chilenische Journalistin und enge Beraterin von Chávez, Martha Harnecker, meinte etwa in einem Interview, dass „um die Armut zu beseitigen, es unter anderem notwendig ist, produktive Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, und die Reaktivierung des privaten Sektors war die Hauptquelle der Arbeitspl&#228;tze im Land“.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Gleichzeitig aber argumentieren wachsende politische Str&#246;mungen f&#252;r eine Vertiefung und Ausweitung der bolivarianischen Revolution: „Chávez sagt, wir m&#252;ssen den Menschen Macht geben. Nun, Macht bedeutet, Kontrolle &#252;ber deine Fabrik, deine Community, die Menschen die du w&#228;hlst auszu&#252;ben“, meint etwa Stalin Pérez Borges, Vorsitzender der UNT und Mitbegr&#252;nder der PRS, einer neuen Partei, die f&#252;r eine sozialistische Perspektive des Bolivarianismus eintritt.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
„Bolivarianismus“ ist somit weniger ein koh&#228;rentes politisches Projekt als eine Art begrifflicher &#220;berbau, der unterschiedliche und teilweise gegens&#228;tzliche politische Strategien zumindest vorl&#228;ufig zusammenh&#228;lt. F&#252;r den konservativeren „Mainstream“ der „bolivarianischen Revolution“ ist das Ziel ein staatskapitalistisches Entwicklungsregime, das die Einnahmen aus dem Erd&#246;lexport via Sozial- und Bildungsprogrammen breiteren Bev&#246;lkerungsschichten zug&#228;nglich macht und begrenzte Reformen zur St&#228;rkung partizipativer Demokratie durchsetzt. Bei allen positiven Ver&#228;nderungen, die dadurch m&#246;glich w&#228;ren, sind diesem Projekt doch enge Grenzen gesetzt: Die Weltmarkt-Interessen Venezuelas zwingen zu B&#252;ndnissen mit neoliberalen Regierungen, die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktions- und Distributionsformen degradiert die ArbeiterInnenmitbestimmung letztlich zu einer Art von Selbstausbeutung und Demokratisierung macht vor den Entscheidenden Bereichen der Gesellschaft – den Produktionsst&#228;tten – halt.<br />
Gleichzeitig gibt es wichtige Kr&#228;fte innerhalb des Bolivarianismus, die aus der „bolivarianischen“ eine tats&#228;chliche soziale und politische Revolution machen wollen. Dazu m&#252;ssten die existierenden und entstehenden demokratischen Basisstrukturen – in den Betrieben, den Stadtteilen, Schulen usw. – den Anspruch stellen, tats&#228;chlich die politische und &#246;konomische Kontrolle zu &#252;bernehmen. Das Projekt des Bolivarianismus hat es erm&#246;glicht, den Kampf um die Macht „von unten“ zu f&#252;hren. Daraus sollte aber nicht geschlossen werden, dass ein „glatter“, gradueller &#220;bergang von einem kapitalistischen Staat zu einem demokratischen Sozialismus geben kann.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Die venezolanische Bourgeoisie hat schlie&#223;lich bereits angesichts der Reformen der Regierung Chávez gezeigt, dass sie ihre Machtposition nicht kampflos abgibt.<br />
Letztlich wird es von der erfolgreichen politischen Organisierung der &#246;konomischen, sozialen und kulturellen Initiativen, unabh&#228;ngig von staatlichen Strukturen, abh&#228;ngen, ob im Namen der Bolivarianismus ein altes System rot angestrichen, oder die &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle durch demokratische Strukturen von unten erm&#246;glicht wird. An ihnen liegt es, ob sich die radikale Rhetorik Chávez’ tats&#228;chlich in Politik umsetzen l&#228;sst. Der hat schlie&#223;lich in seiner w&#246;chentlichen TV-Show „Álo Presidente“ verk&#252;ndet: „Ich bin &#252;berzeugt, dass der Weg in eine neue, bessere Welt nicht der Kapitalismus ist. Der Weg ist der Sozialismus.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Zit. nach Harman, Chris: Revolution in the Revolution; in: Socialist Review, February 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Der Pakt umschloss die sozialdemokratische „Acción Democratica“ (AD) und die christlich-b&#252;rgerliche COPEI.<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Importsubsituierende Industrialisierung (ISI) war eine in den 1950er und 1960er Jahren weit verbreitete Entwicklungsstrategie peripherer Staaten. Ziel der ISI ist es, durch den Aufbau einer eigenst&#228;ndigen nationalen Industrie und die tempor&#228;re Abschottung der Inlandsm&#228;rkte, langfristig den Import von Konsumg&#252;tern durch eigene Produkte zu ersetzen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> „Petroleo de Venezuela S.A.“, meist ausgesprochen „Pédevésa“.<o :p></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> F&#252;r die der venezolanische Volksmund die Bezeichnung „die vier Reiter der Apokalypse“ kennt.<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zwischen 1983 und 1989 fielen die Reall&#246;hne um ein F&#252;nftel, der Armutsanteil der Bev&#246;lkerung stieg von zehn Prozent Ende der 1970er bis 1991 auf 68 Prozent. (Zelik, Raul: Venezuelas „bolivarianischer Prozess“. Mit Gilles Deleuze in Caracas; in: Prokla 142, 1/2006. 26ff)<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Diese Traditionen werden wohl am besten vom Barrio-Bezirk „23 de Enero“ repr&#228;sentiert, der nach dem Datum eines Aufstands seiner BewohnerInnen gegen den Diktator Jimenez im Jahr 1958 benannt ist.<o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die progressiven Teile des Milit&#228;rs, organisiert in losen „Bolivarianischen Zirkeln“, organisierten 1992 zwei Putschversuche, die zwar fehlschlugen, ihrem charismatischen Kopf Hugo Chávez aber zu enormer Popularit&#228;t verhalfen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Zit. nach Gonzales, Mike: Venezuela: Many steps to come; in: International Socialism Journal 104, Autumn 2004.<o :p></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Melcher, Dorothea: Venezuelas Erd&#246;l-Sozialismus; in: Das Argument 262, 4/2005. 506.<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zum Referendum siehe ausf&#252;hrlicher: Gonzales a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Herrman, Jan Peter: Ein Modell f&#252;r eine andere Welt?; in: Argumente 8, November 2005.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Harman a.a.O.<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harnecker, Martha: In the laboratory of the revolution. An interview with Martha Harnecker; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Pérez Borges, Stalin: The Party of Revolution and Socialism. Interview with Stalin Pérez Borges; in: International Socialism Journal 109, Winter 2006.<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Diese falsche Vorstellung eines graduellen &#220;bergangs tritt in zwei Formen auf. Einerseits wird aus der zunehmend radikaleren Rhetorik von Hugo Chávez eine revolution&#228;r-sozialistische Orientierung der F&#252;hrung des Bolivarianismus abgeleitet. Andererseits meinen TheoretikerInnen wie John Holloway, die Entstehung von molekularen Formen von Demokratie und Solidarit&#228;t in den „Rissen im Gewebe der kapitalistischen Herrschaft“ mache die Frage nach der Macht obsolet. (Holloway, John/Negri, Toni: Die Revolution hat bereits begonnen. Interview; in: ak – Analyse &amp; Kritik, M&#228;rz 2006)<o :p></o></p>
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		<title>Bolivien: Revolution Reloaded?</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:30:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<description><![CDATA[Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur in der internationalen Linken, auch innerhalb der sozialen Bewegungen Boliviens gehen die Meinungen &#252;ber Evo Morales auseinander. W&#228;hrend die einen im neuen Pr&#228;sidenten Boliviens einen zweiten Chávez sehen und das Land am Weg zur Bolivarianischen Revolution Vol. II, warnen andere vor Illusionen in Morales’ „Andenkapitalismus“ und die „realpolitische“ Orientierung der MAS-Regierung. Die kontroversiellen Einsch&#228;tzungen verweisen auf grundlegende strategische Debatten in den bolivianischen Bewegungen. <em>David Sagner</em> und <em>Stefan Probst</em> analysieren Herausforderungen und Perspektiven der K&#228;mpfe und zeigen, dass die historischen Erfahrungen der bolivianischen Revolution 1952 auch f&#252;r die aktuellen Debatten noch relevant sind.<br />
<span id="more-74"></span></p>
<h3>Eine neue Bewegung</h3>
<p>Morales wurde von den Bewegungen der letzten Jahre f&#246;rmlich an die Macht getragen. Nach 15 Jahren neoliberaler Strukturanpassungsprogramme, einer Welle von Privatisierungen und R&#252;ckzugsgefechten der ArbeiterInnenbewegung markierten die Proteste gegen die Privatisierung der Wasserversorgung 2000 in Cochabamba den Wendepunkt und Startschuss einer neuen Periode sozialer Auseinandersetzungen. Nach jahrelangen getrennten K&#228;mpfen von isolierten Teilen der Gesellschaft, formierte sich in Cochabamba eine Bewegung, deren Qualit&#228;t in jeder Hinsicht neu war, nicht nur aufgrund der Einheit und Koordination der beteiligten Kr&#228;fte; die wachsende Politisierung fand gr&#246;&#223;tenteils au&#223;erhalb der etablierten Organisationen, auch jenen der Linken, und den diskreditierten Institutionen des politischen Systems statt. Strategische Entscheidungen w&#228;hrend der f&#252;nfmonatigen Mobilisierung wurden von den AktivistInnen gemeinsam in Nachbarschafts- und Stadtversammlungen getroffen. Politik war nicht mehr nur Sache professioneller Politiker, wie Oscar Olivera, Sprecher der<em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic"> Coordinadora de Defensa del Agua</span></em>, betont: „Mehr als alles andere lernen wir uns politisch selbst zu repr&#228;sentieren, indem wir unsere eigenen Pl&#228;ne entwickeln und umsetzen – indem wir uns gegenseitig ermutigen zu sagen, wie wir die Dinge haben wollen, und dann f&#252;r diese Vision zu k&#228;mpfen.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Die Proteste in Cochabamba waren auch mehr als defensive Gefechte f&#252;r die R&#252;cknahme eines Privatisierungsgesetzes. Die Forderung nach Nationalisierung der Wasserversorgung zielte nicht einfach auf deren Wiederverstaatlichung. Olivera erkl&#228;rt: “Das wirkliche Gegenteil der Privatisierung ist die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Bev&#246;lkerung, selbst-organisiert in kommunalen Verwaltungsstrukturen, in Nachbarschaftsversammlungen, in Gewerkschaften, an der Basis.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> <o></o></p>
<h3>Die MAS zwischen Radikalismus und Realpolitik</h3>
<p>Der erfolgreiche Kampf der Cochabambinas gab in den folgenden Monaten auch anderen Bewegungen neues Selbstvertrauen: den <em>cocaleros</em>, die f&#252;r die Legalisierung des Kokaanbaus k&#228;mpfen; den Organisationen der Aymara und Quechua, die f&#252;r ihre Rechte als Indigenas protestierten; usw.; schlie&#223;lich der Bewegung f&#252;r die Nationalisierung des Erdgas, die all diese Kr&#228;fte zusammenf&#252;hrte.<o></o><br />
Im Sog dieser Bewegungen wurde die MAS bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2002 beinahe an die Macht katapultiert. Mit 21 Prozent der Stimmen unterlag Morales nur um eineinhalb Prozent gegen Sánchez de Lozada, einen der Architekten der neoliberalen Schocktherapie Boliviens Mitte der 1980er.<br />
Das Ergebnis kam selbst f&#252;r die MAS &#252;berraschend. Erst 1999 als „politisches Instrument“ der Kokabauerngewerkschaften gegr&#252;ndet, besa&#223; die Partei weder interne Strukturen noch landesweite Verankerung; vielmehr handelte es sich bei der MAS um „eine Koalition flexibler sozialer Bewegungen, die ihre Aktionen auf die Wahlebene ausgeweitet haben.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <o></o><br />
Der &#220;berraschungserfolg von 2002 schien nun einen Sieg bei den n&#228;chsten Wahlen 2007 in greifbare N&#228;he zu r&#252;cken und lie&#223; damit das Projekt einer „graduellen, institutionellen Transformation des bolivianischen Staates“ als realistische Perspektive erscheinen. Diesem Ziel hat Morales seither die Politik der MAS untergeordnet.<br />
Nicht nur zur traditionellen Linken wurden engere Kontakte gekn&#252;pft, vor allem auch Intellektuelle und professionelle Politiker wurden f&#252;r die Partei rekrutiert, die keine organische Verwurzelung in den sozialen K&#228;mpfen hatten, aber der MAS helfen sollten, “die Mittelklassen und mit dem internen Markt verbundene Unternehmer anzuziehen”.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Heute besteht die MAS – neben Morales selbst – im Kern aus dieser kleinen Gruppe Parteiintellektueller, die versucht einen Kurs zwischen den Forderungen der sozialen Bewegungen, der Oligarchie Boliviens, transnationalem Kapital, dem US-Imperialismus und separatistischen Tendenzen im Land zu man&#246;vrieren.<o></o><br />
Dies hatte freilich eine z&#246;gerliche und oft widerspr&#252;chliche Politik zufolge.<br />
So unterst&#252;tzte die MAS im Oktober 2003, nachdem eine Massenbewegung gegen den Ausverkauf bolivianischen Erdgases Pr&#228;sident Lozada gest&#252;rzt hatte, dessen ebenso neoliberalen Nachfolger Carlos Mesa, als dieser die Entscheidung &#252;ber die Nationalisierung des Erdgas auf Juli 2004 (also neun Monate sp&#228;ter!) vertagte und so die Bewegung demobilisieren konnte. Mitte 2005, als die indigenen Bewegungen, Gewerkschaften, die Organisationen der <em>cocaleros</em> und die MAS einen Einheitspakt zum Sturz Mesas beschlossen, zerbrach dieser rasch wieder, da sich die MAS mit einer 50-prozentigen Besteuerung des Erdgas zufrieden geben wollte, w&#228;hrend die anderen Organisationen an der Forderung nach entsch&#228;digungsloser Nationalisierung festhielten. Und als im Juni 2005 die Bewegungen Mesa zu Fall brachten, die &#214;lfelder und Flugh&#228;fen des Landes besetzten, die Stra&#223;en blockierten und f&#252;r kurze Zeit die politische Kontrolle der Gesellschaft nicht mehr in der Hand des b&#252;rgerlichen Staatsapparats sondern der Selbstverwaltungsstrukturen der Bewegungen lag, setzte die MAS alles daran, die revolution&#228;re Krise wieder in konstitutionelle Bahnen zu lenken. Morales einigte sich schlie&#223;lich mit Interimspr&#228;sident Rodriguez auf Neuwahlen im Dezember.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im Wahlkampf griff die MAS zwar viele der Forderungen der sozialen Bewegungen auf (Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, Nationalisierung der Gasvorkommen, Legalisierung des Kokaanbaus), warb aber gleichzeitig f&#252;r das Modell eines „Andenkapitalismus“, ein staatskapitalistisches Entwicklungsprojekt, dessen Architekt – der Soziologe und nunmehrige Vizepr&#228;sident Álvaro García Linera – offen seine Bewunderung f&#252;r die europ&#228;ische Sozialdemokratie erkl&#228;rt. Der Balanceakt zwischen sozialer Bewegung und „Realpolitik“ f&#252;hrte zu so paradoxen Situationen, wie jene, als Morales gegen die ALCA demonstrierte w&#228;hrend gleichzeitig García Linera verk&#252;ndete, bilaterale Verhandlungen &#252;ber ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten seien keineswegs ausgeschlossen. Unmittelbar nach den Wahlen gab Morales gr&#252;nes Licht f&#252;r die Privatisierung von Mutún, einem der gr&#246;&#223;ten Eisen- und Magnesiumvorkommen der Welt, die erst nach der Intervention der Gewerkschaften wieder auf Eis gelegt wurde.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Und w&#228;hrend die Sozialministerien in der neuen Regierung an AktivistInnen der Bewegung gingen, wurden die &#246;konomischen Schl&#252;sselministerien mit Technokraten besetzt, die Verbindungen zur alten Ordnung unterhalten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p class="MsoNormal">Bei einigen Organisationen der sozialen Bewegungen h&#228;lt sich das Vertrauen auf Morales und die MAS deshalb verst&#228;ndlicherweise in Grenzen. Der Dachverband der Stadtteilkomitees (FEJUVE) von El Alto bspw. hat der MAS eine 90-Tage-Frist gesetzt, die Nationalisierung des Erdgases umzusetzen. Auch Felipe Quispe (MIP), Jaime Solares (COB) und Oscar Olivera (Coordinadora) bleiben auf kritischer Distanz. Die Einsch&#228;tzung innerhalb dieser Organisationen ist jedoch selbst gespalten. Die Mehrheit der sozialen Bewegungen hat sich f&#252;r die strategische Unterst&#252;tzung der MAS-Regierung entschlossen. Viele zentrale AktivistInnen sind nun selbst Mitglieder der Regierung – wie etwa Abel Mamani von der FEJUVE –, was die Mobilisierungsf&#228;higkeit dieser Kr&#228;fte zur Zeit entscheidend einschr&#228;nkt.<o></o></p>
<p class="MsoNormal"><o> </o></p>
<p class="MsoNormal">Die Kernfrage der strategischen Debatten innerhalb der bolivianischen Linken ist die um das Verh&#228;ltnis der Bewegungen zu b&#252;rgerlichem Staat und politischer Macht. Die Diskussion bewegt sich dabei zwischen zwei (idealisierten) Extrempolen: Transformation der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats, oder Aufbau von Selbstverwaltungsorganen als politische Machtstrukturen jenseits b&#252;rgerlicher Staatlichkeit. Solche Fragen stellen sich in der bolivianischen Geschichte nicht zum ersten Mal: in vielerlei Hinsicht sind die historischen Erfahrungen der Revolution von 1952 ein zentraler Bezugspunkt f&#252;r die aktuellen Debatten.<o></o></p>
<h3>The Fire Last Time</h3>
<p>Im Zentrum und an der Spitze der sozialen Bewegungen im Bolivien der 1930er und 1940er Jahre waren die Minenarbeiter, die <em>mineros</em>, gestanden.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der Zinnbergbau war seit der Wende zum 20. Jahrhundert zum bedeutendsten Sektor der bolivianischen Wirtschaft aufgestiegen – mehr als ein Viertel des BIP wurde in den Zinnminen erwirtschaftet – und bis in die 1920er schuf das stabile Wachstum der Zinnindustrie die materielle Basis f&#252;r eine Periode au&#223;ergew&#246;hnlicher politischer Stabilit&#228;t. Nicht nur der politische und &#246;konomische Einfluss der wenigen Unternehmen, die den Zinnbergbau monopolisierten (die <em>rosca</em>), sondern auch deren ideologische Hegemonie in der Gesellschaft war relativ unumk&#228;mpft.<o></o></p>
<p>Als jedoch mit der Weltwirtschaftskrise 1929 Nachfrage und Preise f&#252;r Zinn am Weltmarkt rasant fielen, brach dieses Setup rasch zusammen. Heftige K&#228;mpfe in den 1930ern waren die Folge, die von den Regierungen mit wachsender Brutalit&#228;t niedergeschlagen wurden.<br />
Auch im Mittelstand formierte sich in den 1930ern, als sich die Illusion, die Profite aus dem Zinnexport w&#252;rden die Mittel f&#252;r die &#246;konomische und politische Modernisierung des Landes bereitstellen, zusehends in Luft aufl&#246;sten<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>, eine Bewegung, die ihre Inspiration u.a. aus den kleinb&#252;rgerlich-nationalistischen Strategien der APRA<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> in Peru zog. Als Zusammenschluss dieser Kr&#228;fte wurde 1941 die MNR gegr&#252;ndet.<br />
Der MNR gelang es in den 1940ern, schrittweise auch unter ArbeiterInnen eine solide Verankerung aufzubauen. Die bislang hegemoniale Kraft in der Gewerkschaftsbewegung, die stalinistische PIR, verweigerte den K&#228;mpfen die Unterst&#252;tzung, schlie&#223;lich hatte die KomIntern als oberste Maxime die Unterst&#252;tzung der Alliierten und der Sowjetunion im Krieg ausgegeben, und das hie&#223;, v.a. billigen Zinnexport zu garantieren. In das ideologische Vakuum, das der Bankrott der PIR hinterlie&#223;, konnte die MNR vorsto&#223;en. Nur in einigen radikaleren Minen konnte zu dieser Zeit auch die trotzkistische POR Fu&#223; fassen.<br />
Die politische Strategie der MNR orientierte allerdings nicht auf Massenbewegungen von unten. Vielmehr kn&#252;pfte die MNR Kontakte zu einer Fraktion nationalistischer Armeeoffiziere um General Villarroel. Als sich dieser im Dezember 1943 an die Macht putschte trat die MNR in die Regierung ein.<o></o><br />
Die Koalition MNR/Villarroel stand von Beginn an sowohl von au&#223;en (US-Imperialismus) als auch von innen (<em>rosca</em>) unter Druck. Die korporatistische Integration der Gewerkschaften in den Staat wurde deshalb entscheidend f&#252;r das &#220;berleben des Regimes. So wurde dann auch 1944 die erste nationale Gewerkschaft der Minenarbeiter (FSTMB) auf ma&#223;gebliche Initiative der MNR gegr&#252;ndet.<o></o><br />
Das B&#252;ndnis mit der ArbeiterInnenbewegung war jedoch keineswegs permanent und stabil. Die Durchsetzung des &#246;konomischen Programms der Regierung, eines staatskapitalistischen Entwicklungsmodells in Anlehnung an „milit&#228;rsozialistische“ Experimente der 1930er<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>, musste fr&#252;her oder sp&#228;ter auf eine Konfrontation mit den ArbeiterInnen hinauslaufen. Die Spannungen brachen schlie&#223;lich aus, als der neue Finanzminister Paz Estenssoro ein restriktives Programm zur Stabilisierung der W&#228;hrung ank&#252;ndigte, das nur mit harter Repression durchgesetzt werden konnte. Auf ihrem dritten Kongress im M&#228;rz 1946 entzog die FSTMB der Villarroel-Regierung die Unterst&#252;tzung und bereitete sich auf die unausweichlich scheinende Konfrontation vor.<o></o><br />
Juan Lechín, Gewerkschaftsf&#252;hrer der FSTMB und Mitglied der MNR, versuchte unterdessen, den wachsenden Einfluss radikalerer Kr&#228;fte wie der trotzkistischen POR unter den <em>mineros</em> und die Kontrolle der MNR &#252;ber die Bewegung gegeneinander auszubalancieren. Lechín, selbst Mitglied der Partei, die in Regierungsverantwortung die Angriffe organisierte, ging es darum, die Gewerkschaftsbewegung als Hebel zu nutzen, um dem Regime Reformen abzutrotzen. Zwar war er daf&#252;r bereit, die Forderungen der POR teilweise zu unterst&#252;tzen und die Regierung samt MNR-Ministern unter Druck zu setzen; vor einer echten Offensive schreckte Lechín aber zur&#252;ck.<o></o><br />
Auch nachdem Villarroel im Juli 1946 von einer unheiligen Allianz aus Milit&#228;rs und Stalinisten gest&#252;rzt worden war, wurde dieser Kurs im Wesentlichen beibehalten. Zwar beschloss die FSTMB auf ihrem au&#223;erordentlichen Kongress im November 1946 mit den „Thesen von Pulacayo“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> ein Programm, das zurecht als eines der radikalsten Dokumente der bolivianischen ArbeiterInnenbewegung bezeichnet worden ist: darin wurden nicht nur Lohnerh&#246;hungen und die Gr&#252;ndung einer nationalen Gewerkschaftsf&#246;deration gefordert, sondern auch die Strategie einer grundlegenden Transformation der bolivianischen Gesellschaft entworfen. Pl&#228;ne zur Besetzung der Minen wurden vorbereitet, eine Taktik, die in der &#220;bernahme der politischen Macht gipfeln sollte. Das Problem war nur, dass die <em>mineros</em> zur Implementierung der Thesen auf die Gewerkschaftsf&#252;hrung um Lechín vertrauten – und diese z&#246;gerte.<o></o><br />
Es verwundert deshalb kaum, dass auch der Umsturz im April 1952 zun&#228;chst ohne aktive Beteiligung der ArbeiterInnen geplant wurde. Die MNR hatte den Kommandeur der paramilit&#228;rischen Polizei Seleme f&#252;r einen Putschversuch gewonnen; wie 1943 sollte das Milit&#228;r den <em>coup d’etat</em> organisieren, w&#228;hrend die MNR die Unterst&#252;tzung der Massen sicherstellen w&#252;rde.<o></o><br />
Die Aktion begann am 9. April: MNR-Kommandos und Einheiten der paramilit&#228;rischen Polizei &#252;bernahmen die wichtigsten Geb&#228;ude der Hauptstadt. Entgegen der Erwartungen blieb die Armee jedoch loyal zum Regime; am Abend des ersten Tages schien die Situation aussichtslos und Seleme fl&#252;chtete aus dem Land, nachdem er zuvor in einer Radioansprache die F&#252;hrung des Aufstandes an die Zivilbev&#246;lkerung &#252;bergeben hatte. Die Initiative ging so auf die <em>mineros</em> &#252;ber – und mit deren Mobilisierung wendete sich das Blatt. Bewaffnete ArbeiterInnen besetzten die Bahnh&#246;fe, beschlagnahmten Munitionsz&#252;ge und schnitten den Nachschub der Truppen nach La Paz ab – was als traditioneller <em>coup d’etat</em> begann wurde so in einen Massenaufstand transformiert. Am 11. April, nach drei Tagen heftiger K&#228;mpfe, gab sich die Armee geschlagen. ArbeiterInnenmilizen kontrollierten die Stra&#223;en; die Macht lag effektiv in den H&#228;nden des Proletariats.<br />
Die neue Regierung sah sich nun mit einer Situation konfrontiert, die so nicht vorgesehen war: statt in einer Koalition mit den Milit&#228;rs fand sich die MNR in einem B&#252;ndnis mit den <em>mineros</em> wieder, wobei das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in den ersten Wochen nach dem April-Umsturz eindeutig auf Seiten der ArbeiterInnenbewegung lag. Der am 17. April gegr&#252;ndete erste nationale Gewerkschaftsdachverband COB war f&#252;r einige Zeit das einzige relevante Machtzentrum im Land, denn „im gesellschaftlichen Zusammenbruch und Chaos nach dem 9. April war die COB der Fokus, um den sich ArbeiterInnen organisieren konnten. Sie war die einzige Kraft mit der St&#228;rke und Geschlossenheit, Entscheidungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch umzusetzen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Nicht zuletzt, weil mit Lechín, Butron und Angel Cromez auch drei prominente Gewerkschaftsf&#252;hrer in der neuen Regierung sa&#223;en, konnten in den Monaten nach dem April 1952 weitreichende Reformen durchgesetzt werden: ein allgemeines Wahlrecht wurde eingef&#252;hrt, die Zinnbergwerke wurden nationalisiert und die FSTMB erhielt zwei von sieben Sitzen in der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL. In den Minen wurde die Betriebsleitung von Delegierten der ArbeiterInnen beaufsichtigt. Am Land eigneten sich die Bauern und B&#228;uerinnen das Eigentum der Gro&#223;grundbesitzer an – was mit der im August 1953 verabschiedeten Landreform rechtlich legitimiert wurde. Die Revolution hatte also zu einer dramatischen und permanenten Restrukturierung der bolivianischen Gesellschaft gef&#252;hrt: die kleine Elite, die Jahrhunderte lang an der Macht gewesen war, war gest&#252;rzt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeit, diese Reformen durchzusetzen, war ma&#223;geblich vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig. Die F&#252;hrung der COB, allen voran Lechín, beschr&#228;nkte sich jedoch darauf, m&#246;glichst gro&#223;en Einfluss innerhalb der Institutionen des b&#252;rgerlichen Staats zu sichern, statt den Prozess der revolution&#228;ren Transformation der Gesellschaft weiterzutreiben, die begonnene Entwicklung in Richtung einer genuin sozialen Revolution, d.h. der &#220;bernahme der politischen und &#246;konomischen Kontrolle der gesamten Gesellschaft durch Selbstverwaltungsstrukturen der ArbeiterInnen, auszuweiten und zu vertiefen. So sollte sich die ArbeiterInnenkontrolle in den Betrieben auf die &#220;berwachung der Betriebsleitung beschr&#228;nken und am Land „sollten nur unproduktive <em>haciendas</em> enteignet werden und Grundbesitzer, die dem Reformprogramm zustimmten, w&#252;rden Arbeitsvertr&#228;ge f&#252;r Landarbeiter erhalten“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o><br />
Auch die POR sa&#223; der Illusion auf, dass die dominante Position der COB in der Regierung die revolution&#228;re Entwicklung von selbst garantieren w&#252;rde und verzichtete auf weitere Mobilisierung. Dies sollte sich als fatal erweisen: sobald die Bewegung demobilisiert war und das Regime fest im Sattel sa&#223;, wurden die Zugest&#228;ndnisse sukzessive entsch&#228;rft oder zur&#252;ckgenommen, w&#228;hrend die POR mittels b&#252;rokratischer Man&#246;ver aus der COB verdr&#228;ngt wurde. Lechín diente der Regierung dabei nur als linkes Feigenblatt, bis sich die Situation wieder beruhigt hatte. 1956 f&#252;hlte sich das MNR-Regime schlie&#223;lich stark genug, zur Durchsetzung der &#246;konomischer „Modernisierungspolitik“ auch ihre ehemaligen Partner in den Gewerkschaften frontal anzugreifen.<o></o></p>
<h3>Revolution Reloaded?</h3>
<p>Sowohl der gesellschaftliche Kontext als auch die politischen AkteurInnen haben sich seit 1952 stark ver&#228;ndert. In gewissem Sinn wurde die politische Kontinuit&#228;t in Bolivien mit der neoliberalen Wende Mitte der 1980er gebrochen. Als die Minen privatisiert und auf einen Schlag 30.000 <em>mineros</em> entlassen wurden, wurde damit auch das politische Gewicht der Gewerkschaften massiv geschw&#228;cht. Auch in den l&#228;ndlichen Gebieten Chapares und im <em>altiplano</em> hat die zunehmende Kapitalisierung der Landwirtschaft viele Bauern und B&#228;uerinnen in prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse in die St&#228;dte gezwungen. Heute arbeiten 68 Prozent der 3,5 Mio. Lohnabh&#228;ngigen im „informellen Sektor“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur ein F&#252;nftel sind gewerkschaftlich organisierte Vollzeitbesch&#228;ftigte.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> El Alto ist Ausdruck dieser strukturellen Ver&#228;nderungen in der bolivianischen Gesellschaft: 1950 noch ein Dorf mit wenigen tausend EinwohnerInnen ist El Alto heute ein Vorstadt-Slum von La Paz, in dem mehr als einer Million Menschen lebt, die meisten von ihnen schlagen sich mit prek&#228;ren Jobs in der Hauptstadt durch.<br />
Die Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung und die damit einhergehende soziale Atomisierung bedeuteten auch ver&#228;nderte Formen politischen Bewusstseins. Traditionen von Klassensolidarit&#228;t, die ihre Wurzeln in den Minen hatten, wurden seit den 1980ern ausgeh&#246;hlt und ein diffuser indigener Nationalismus sowie kommunalistische Widerstandsformen konnten in den 1980ern und 90ern stark an Einfluss gewinnen. Das soll nicht bedeuten, dass die Organisationen der ArbeiterInnen in den K&#228;mpfen der letzten Jahre bedeutungslos waren, geschweige denn, dass sie in den kommenden Auseinandersetzungen keine Rolle spielen werden m&#252;ssen. Die Konf&#246;deration der FabriksarbeiterInnen in Cochabamba war haupts&#228;chliche Impulsgeberin der Proteste 2000; die Regionalgewerkschaften COR, die vor allem die prek&#228;r Besch&#228;ftigten organisieren, sind insbesondere in El Alto eine wichtige Kraft der K&#228;mpfe; und f&#252;r die Zukunft wird die Organisierung der GasarbeiterInnen im Osten des Landes, wo die Bewegung seit 2000 am wenigsten verwurzelt ist, eine zentrale Herausforderung sein. Trotzdem fehlt der Bewegung heute eine koordinierende und zentralisierende Kraft, wie sie die COB bis in die 1980er darstellen konnte.<o></o><br />
Politische Strategien in Bolivien m&#252;ssen dieser ver&#228;nderten Situation Rechnung tragen. Die historischen Erfahrungen der Revolution 1952 sind deshalb nicht direkt und unmittelbar auf die heutige Situation &#252;bertragbar. Dennoch ist ein Verst&#228;ndnis des letztlichen Scheiterns der Revolution auch f&#252;r die aktuellen Debatten relevant:<br />
1. Das politische Programm der MAS ist ein Kompromissprojekt, das es sowohl den sozialen Bewegungen als auch dem urbanen Mittelstand, der nationalen Bourgeoisie und selbst internationalem Kapital gleichzeitig recht machen will.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Nicht allein aufgrund der Tatsache, dass der parlamentarische Spielraum der MAS selbst begrenzt ist (die MAS h&#228;lt zwar die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, nicht aber im Senat, und kontrolliert au&#223;erdem nur drei von neun Regionalregierungen), ist die Durchsetzung radikaler Forderungen deshalb weiterhin vom Druck von der Stra&#223;e abh&#228;ngig, um Morales so an seine Versprechen zu binden. Wie fatal das Vertrauen in einen geschichtlichen Automatismus und eine Abwartehaltung gegen&#252;ber linken Regierungen enden kann, haben die Ereignisse nach April 1952 deutlich gezeigt. Weil die COB auf weitere Aktionen von unten verzichtete konnte sich letztlich die Politik des „rechten“ Fl&#252;gels der MNR durchsetzen.<br />
2. Im Prozess der Mobilisierung gilt es, den Aufbau selbstverwalteter politischer Machtstrukturen jenseits und als Alternative zum b&#252;rgerlichen Staat auszuweiten und zu vertiefen. Eine solche Orientierung zeigten im Ansatz die Asamblea Nacional in El Alto und die Revolution&#228;re Volksversammlung in Cochabamba im Juni 2005. Gleichzeitig jedoch existierte in der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer eine andere Dynamik, die auf die Wahlen und die Macht im Staat orientierte – es war letztere, die sich vorerst durchsetzen konnte. Derselbe Konflikt verbirgt sich heute unter dem Label der f&#252;r Juli 2006 angesetzten Konstituierenden Versammlung, deren Funktion von den politischen AkteurInnen sehr unterschiedlich definiert wird. Sie k&#246;nnte sich auf der einen Seite als reiner Trick erweisen, deren einziges Ziel die Konsolidierung der Macht der MAS im Staat ist.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Auf der anderen Seite k&#246;nnte die Konstituierende Versammlung aber auch Startschuss f&#252;r einen Prozess demokratischer Selbstorganisierung sein, als Koordinationsstruktur eines Netzwerks von Basisstrukturen.<br />
1952 wurde der Staat radikal umgebaut, aber kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse und der b&#252;rgerliche Staatsapparat selbst blieben intakt. Die COB hielt in den Wochen nach dem April-Umsturz die politische Macht in der Hand; die Durchsetzung echter ArbeiterInnenkontrolle &#252;ber Produktion und Distribution w&#228;re m&#246;glich gewesen; stattdessen optierte die F&#252;hrung der COB f&#252;r eine Koalitionsregierung mit der MNR und beschr&#228;nkte sich auf zwei Sitze in der frisch verstaatlichten Bergbaugesellschaft. Dieses Arrangement mit den herrschenden Verh&#228;ltnissen sollte ihr letztlich selbst auf den Kopf fallen.<br />
Heute ziehen einige Organisationen der Bewegungen radikalere Schl&#252;sse aus den Erfahrungen der K&#228;mpfe der letzten Jahre. Die Coordinadora in Cochabamba schrieb &#252;ber die revolution&#228;re Krise im Juni 2005:<br />
„In dieser Mobilisierung haben wir zwei Dinge gesehen. Auf der einen Seite, dass wir, die verschiedenen sozialen Bewegungen, das gesamte Land lahmlegen und die Man&#246;ver der Unternehmer und Politiker zur&#252;ckschlagen k&#246;nnen. Auf der anderen Seite haben wir es nicht geschafft, unsere eigenen Entscheidungen und Ziele durchzusetzen… Basierend auf diesen zwei &#220;berlegungen haben wir in allen Nachbarschaften und Communities in Cochabamba und im ganzen Land eine breite Debatte &#252;ber die Notwendigkeit er&#246;ffnet, Schritt f&#252;r Schritt unsere eigenen Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen und daf&#252;r in den n&#228;chsten Mobilisierungen zu k&#228;mpfen. Wir haben die St&#228;rke und Kreativit&#228;t, unsere Beschl&#252;sse jenseits der offiziellen Institutionen und traditionellen politischen Parteien umzusetzen… Dieses Mal haben wir die &#214;lt&#252;rme, die Gasfelder und die Raffinerien besetzt. In Zukunft m&#252;ssen wir auch in der Lage sein, sie in unserem Eigeninteresse einzusetzen.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Olivera, Oscar: ¡Cochabamba! Water War in Bolivia. Cambridge/MA: South End Press 2004. 21.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ebd. 156f.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Exclusive Interview with MAS’ Vice-Presidential Candidate; online unter: http://americas.irc-online.org/am/2987.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> García Linera, Álvaro: State Crisis and Popular Power; in: New Left Review 37 (2006). 73-85; hier: 85.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Petras, James: Evo Morales/Bolivia: Populist gestures and neo-liberal substance; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=25142 und ders.: New Winds from the Left or Hot Air from a New Right; online unter: http://www.rebelion.org/noticia.php?id=28333.<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. Petras, James: A Bizarre Beginning in Bolivia. Inside Morales’s Cabinet; online unter: http://www.counterpunch.org/petras02042006.html<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Hinzu kam, dass der “Chaco-Krieg” gegen Paraguay, den Salamanca vom Zaun gebrochen hatte, um die innere Krise im Land in einem „nationalen Schulterschluss“ zu &#252;berwinden, in einer verheerenden Niederlage endete.<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Alianza Popular Revolucionaria Americana (APRA): 1924 von Haya de la Torre gegr&#252;ndete kleinb&#252;rgerlich-nationalistische Sammlungsbewegung in Peru, deren Ideen in ganz Lateinamerika einflussreich wurden.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> „Milit&#228;rsozialismus“ nannten die Milit&#228;rregimes in der zweiten H&#228;lfte der 1930er ihr Projekt eines autorit&#228;r-korporatistischen Staats.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Die Thesen online: http://www.pt.org.uy/textos/temas/pulacayo.htm.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Lora, Guillermo: A History of the Bolivian Labour Movement, 1848-1971. Cambridge: Cambridge UP 1977. 281.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Kohl, James V.: Peasant and Revolution in Bolivia, April 9, 1952-August 2, 1953; in: Hispanic American Historical Review 58:2 (1978). 238-259; hier: 248.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> García Linera: a.a.O. 79; vgl. auch Nicholls, Peter: Bolivia: between a rock and a hard place; in: Capital &amp; Class 81 (2003). 9-15; hier: 12.<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Olivera: a.a.O. 124.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Darauf weist u.a. auch hin, dass am Tag der Konstituierenden Versammlung auch das Referendum &#252;ber die Autonomie der erdgasreichen Region Santa Cruz stattfinden wird, das seit der revolution&#228;ren Krise letzten Sommer von der Rechten in Bolivien gefordert wird. Das Ergebnis des Referendums soll f&#252;r die Konstituierende Versammlung bindend sein.<o></o></p>
<p><a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Zit. n. Gonzales, Mike: Bolivia: the Rising of the People; in: International Socialism 108 (2005). 73-101; hier: 73.<o></o></p>
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		<title>Herrschaft durch Konsens &#8211; Macht und Politik bei Antonio Gramsci</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:29:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?<br />
<span id="more-75"></span><br />
Fragen solcher Art dr&#228;ngten sich dem Marxisten Antonio Gramsci auf, als er in den 1930er Jahren analysierte, wie die Revolution 1917 in Russland erfolgreich sein konnte, w&#228;hrend sie in Westeuropa – etwa in Deutschland, den L&#228;ndern der zerfallenden Habsburgermonarchie oder in Gramscis Heimat Italien – scheiterte, wo doch unterdr&#252;ckerische Verh&#228;ltnisse hier wie dort gegeben waren. Im Zuge dieser Untersuchungen entdeckte er, dass im „Westen“ trotz der &#246;konomischen und politischen Krisen des etablierten Systems, nach wie vor Herrschaft sichernde Verh&#228;ltnisse vorhanden waren. Obwohl hier wie dort die repressive Macht des Staates mehr oder weniger zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden konnte und demokratische R&#228;testrukturen entstanden, konnte der Staat mit Hilfe anderer, nicht-repressiven Mechanismen seine Macht schneller wieder erlangen. Der Schl&#252;sselbegriff hierzu war, wie Gramsci argumentiert, Hegemonie. „Ganz grob k&#246;nnen wir Hegemonie“, so der britische Marxist Terry Eagleton, „als eine ganze Reihe praktischer Strategien definieren, durch die eine herrschende Macht den von ihr Regierten Zustimmung entlockt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> <o></o></p>
<p>Im Unterschied zu jenen Elementen des Staates, welche durch Polizei, Armee und Justiz, also mittels Zwang, das kapitalistische System aufrecht zu erhalten trachten, sichert eine andere Ebene von Herrschaft, jene der „produzierten Zustimmung“, das System, selbst wenn die Zwangsapparate durchbrochen wurden. „Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Sch&#252;tzengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag“, schrieb Gramsci &#252;ber dieses Ph&#228;nomen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Die robuste Kette von Befestigungswerken, die Gramsci erkannte, ist jene der Hegemonie, als deren Produktions- und Wirkungsfeld er die società civile (meist als „Zivilgesellschaft“ oder „b&#252;rgerliche Gesellschaft“ &#252;bersetzt<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>) identifizierte. <o></o><br />
Der entscheidende Unterschied zwischen West- und Osteuropa war also die Auspr&#228;gung eines komplexen Netzwerks der Zivilgesellschaft, das im Bereich der Ideen, der Kultur, der Erziehung, des Glaubens etc. Herrschaft durch Zustimmung organisieren konnte: „Im Osten war der Staat alles, die b&#252;rgerliche Gesellschaft [=Zivilgesellschaft; Anm.] steckte in ihren Anf&#228;ngen, und ihre Konturen waren flie&#223;end. Im Westen herrschte zwischen Staat und b&#252;rgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verh&#228;ltnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kr&#228;ftige Struktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> <o></o></p>
<p>Zivilgesellschaft und Staat legte Gramsci als die „zwei gro&#223;e[n] ‚Ebenen’“ des „&#220;berbaus“, also der politischen Formen kapitalistischer Ausbeutung, fest. Wobei er die Zivilgesellschaft als Gesamtheit jener „Organismen“ bezeichnete, wodurch „die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft“ Hegemonie aus&#252;bt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dazu z&#228;hlt er etwa b&#252;rgerliche Parteien, die Kirche, Vereine, Schulen bzw. Universit&#228;ten, Medien und sogar Gewerkschaften.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Diese „Organismen“ – wir k&#246;nnen im Anschluss an Louis Althusser, der rund 40 Jahre sp&#228;ter Gramscis &#220;berlegungen zur Hegemonie aufgriff, von hegemonialen „Apparaten“ sprechen – pr&#228;gen und strukturieren das Leben der Bev&#246;lkerung, indem durch sie Vorstellungen davon, was richtig oder falsch, m&#246;glich oder unm&#246;glich, erw&#252;nscht oder unerw&#252;nscht ist, produziert und reproduziert werden. Hegemonie bildet so das Ferment der herrschenden Ordnung, indem es ihr erlaubt, als Teil allt&#228;glicher Denk- und Handlungsweisen, zu einem Selbst- und Weltverst&#228;ndnis der Gesellschaft zu werden. Oder, wie Eagleton schreibt: „Der b&#252;rgerliche Staat greift auf Gewalt zur&#252;ck, wenn er dazu gezwungen ist, aber er riskiert damit auch einen drastischen Verlust an ideologischer Glaubw&#252;rdigkeit. F&#252;r die Macht ist es besser, unsichtbar zu sein, sich im ganzen Gewebe des sozialen Lebens auszubreiten und damit in Form von Gebr&#228;uchen, Gewohnheiten, spontanen Praxen ‚naturalisiert’ zu sein.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Die Produktion und Reproduktion von b&#252;rgerlicher Hegemonie ist jedoch kein subjektloser Automatismus. Sie ist angewiesen auf „traditionelle Intellektuelle“, die organisch mit der herrschenden Klasse verbunden sind. Diese schaffen nicht nur auf „&#246;konomischem, sondern auch auf sozialem und politischem Gebiet Homogenit&#228;t.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><span>  </span>Sie sind sozusagen die konkreten ProduzentInnen b&#252;rgerlicher Hegemonie.<o></o></p>
<p>Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft – also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates, zusammengefasst in der Formel „Staat = Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Die analytische Trennung von Hegemonieapparaten einerseits und Gewaltapparaten andrerseits, bedeutet aber nicht, dass diese auch tats&#228;chlich so scharf voneinander abgegrenzt existieren. So ist auch der Staat im engeren Sinne, mit dem wohl m&#228;chtigsten Hegemonieapparat, dem demokratisch gew&#228;hlten Parlament, f&#252;r die Hegemonieproduktion verantwortlich. Umgekehrt k&#246;nnen auch typisch „zivilgesellschaftliche“ Institutionen mit Gewalt Herrschaft sichernd eingreifen, etwa in Form von „B&#252;rgerwehren“. Wir k&#246;nnen aber zusammenfassen, dass der Staat mit seinen Gewaltapparaten in erster Linie die b&#252;rgerliche Herrschaft mittels Gewalt sichert, w&#228;hrend Hegemonieapparate in erster Linie Zustimmung zum herrschenden System produzieren.<o></o></p>
<h3>Widerspr&#252;chliches Bewusstsein und Alltagsverstand</h3>
<p>W&#252;rde das Konzept der Hegemonie nur eine besonders gefinkelte, weil allt&#228;gliche Form von Herrschaft beschreiben, w&#228;ren die Aussichten f&#252;r eine Ver&#228;nderung oder &#220;berwindung dieser Verh&#228;ltnisse eher d&#252;ster. Tats&#228;chlich sind Hegemonie und Zivilgesellschaft f&#252;r Gramsci aber keine „Einbahnstra&#223;en der Macht“, sondern im Gegenteil, Austragungsort „hegemonialer K&#228;mpfe“ zwischen unterschiedlichen, reaktion&#228;ren oder fortschrittlichen Kr&#228;ften. Damit warf er bis dahin im Marxismus vorherrschende Konzepte des „Bewusstseins“ der unterdr&#252;ckten Klasse der ArbeiterInnen um. Bisher haben MarxistInnen, die Zustimmung zum herrschenden System relativ undifferenziert betrachtet, folgend Marxens Aussage: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende <em>materielle</em> Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende <em>geistige</em> Macht.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Das Bewusstsein der ArbeiterInnen wurde demnach, weil es nicht ihr eigenes Bewusstsein war, sondern ein von der herrschenden Klasse „geborgtes“, als „falsches Bewusstsein“ bezeichnet<o></o></p>
<p>Gramscis Hegemoniebegriff beinhaltet eine v&#246;llig andere Vorstellung. Nach ihm entsteht Bewusstsein einerseits aus dem Zusammenhang von Konzepten, die sich aus der Ideologie und den Interessen der Herrschenden speisen und in den Apparaten der Zivilgesellschaft produziert werden. Diese sind kein „Fremdk&#246;rper“ im Bewusstsein der ausgebeuteten Klasse, den es blo&#223; abzusch&#252;tteln gilt, um das „richtige“ Bewusstsein zu entdecken, sondern organischer Bestandteil eines komplexen und widerspr&#252;chlichen Sets von Ideen, Vorstellungen und Handlungen, das von Gramsci als „Alltagsverstand“ („senso commune“) bezeichnet wird. Dass der Alltagsverstand ein widerspr&#252;chliches Bewusstsein ist und b&#252;rgerliche Hegemonie nicht blo&#223; gleichgeschaltete Lemminge produziert, liegt daran, dass sich im Alltagsverstand auch konkrete Erfahrungen aus den Lebensrealit&#228;ten einer ausgebeuteten Klasse ablagern. Erniedrigungen am Arbeitsplatz oder in Ausbildungsst&#228;tten, niedrige L&#246;hne bei langen Arbeitstagen oder geistige Abstumpfung durch ewig gleiche, monotone Arbeitsschritte geh&#246;ren dazu ebenso wie Erfahrungen der Solidarit&#228;t, Elementen von Selbstorganisation (und sei es nur im Freizeitverein) oder Traditionen von Gemeinschaftlichkeit. Jenen fortschrittlichen, instinktiv &#252;ber die b&#252;rgerliche Hegemonie hinausweisenden Teil des Alltagsverstands benennt Gramsci mit dem (nur schwer &#252;bersetzbaren) Begriff „buon senso“. Dieser gewinnt vor allem an Bedeutung, wenn Ausgebeutete sich als Klasse gegen das ausbeuterische System zur Wehr setzen, etwa in Streiks. Dieser Umstand “deutet darauf hin, dass die benannte soziale Gruppe wirklich ihr eigenes Konzept von der Welt besitzt, auch wenn nur embryonal entwickelt; ein Konzept, welches sich in Aktion manifestiert, aber gelegentlich und blitzartig – wenn diese Gruppe als organische Totalit&#228;t handelt.”<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Das bedeutet zusammengefasst, dass im Alltagsverstand des Proletariats zwei verschiedene Formen von Bewusstsein miteinander als ein „widerspr&#252;chliches Bewusstsein“ koexistieren. Der Alltagsverstand ist aber nicht einfach ein leerer Beh&#228;lter, in den Ideen, Konzepte, Praxen etc. von au&#223;en „eingef&#252;llt“ werden, sondern ein umk&#228;mpftes Terrain, das von den konkreten Lebenserfahrungen als Teil einer sozialen Klasse gepr&#228;gt wird. Um b&#252;rgerliche Herrschaft &#252;berwinden zu k&#246;nnen, muss der Alltagsverstand zum „buon senso“, dem fortschrittlichen Element im Alltagsverstand, ausgeweitet werden. Das in der Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse implizite praktische Bewusstsein muss die alten geerbten Elemente verdr&#228;ngen und zu einem neuen theoretischen Bewusstsein der praktischen Aktivit&#228;t werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o></p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir davon ausgehen, dass Ideen nicht abgekoppelt von ihren Tr&#228;gerInnen durch die Gesellschaft schweben, stellt sich nun die Frage, wer denn nun die KombattantInnen am hegemonialen „Kampffeld“ sind. Hier spielt bei Gramsci der bereits erw&#228;hnte Begriff der „Intellektuellen“ eine entscheidende Rolle. Genauso wie die herrschende bringt auch die beherrschte Klasse Intellektuelle hervor, die mit ihr organisch verbunden sind. Diese Intellektuellen sind aber nicht solche, die von einem Elfenbeinturm aus die Interessen der ArbeiterInnenklasse herabpredigen, oder die Massen aufkl&#228;ren w&#252;rden. Im Gegenteil. Gramsci begreift alle Menschen als zumindest potenzielle Intellektuelle, denn:<o></o></p>
<p>“letzten Endes entfaltet jeder Mensch au&#223;erhalb seines Berufs irgendeine intellektuelle T&#228;tigkeit, er ist sozusagen ein ‚Philosoph’, ein K&#252;nstler, ein Mensch mit Geschmack, er vertritt eine Weltanschauung, er hat eine bewu&#223;te moralische Haltung, er tr&#228;gt also dazu bei, eine Weltanschauung zu unterst&#252;tzen oder zu ver&#228;ndern, das hei&#223;t, neuen Denkweisen zum Durchbruch zu verhelfen.”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<p>Aber nicht alle Menschen haben die Funktion von Intellektuellen.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Damit die Intellektuellen der ArbeiterInnenklasse ihre Funktion aus&#252;ben k&#246;nnen, muss sie eigene Strukturen schaffen, durch die der „buon senso“ zu einem koh&#228;renten politischen Projekt weiterentwickelt werden kann. In diesem Prozess ist die revolution&#228;re Organisation von gro&#223;er Bedeutung.<o></o></p>
<h3>Revolution&#228;re Organisation</h3>
<p>Die Entwicklung des Klassenbewusstseins der ArbeiterInnenklasse h&#228;ngt bei Gramsci einerseits von mehr oder minder spontan auftretenden Klassenk&#228;mpfen ab, wo der den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen zugrunde liegende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu Tage tritt. Durch die Erfahrungen gemeinsamer K&#228;mpfe – etwa um bessere Arbeitsbedingungen, h&#246;here L&#246;hne, aber auch um politische Forderungen – k&#246;nnen Elemente des „buon senso“ spontan an Bedeutung gewinnen. Um aber nicht immer wieder an den „Befestigungsanlagen und Kassematten“ der Zivilgesellschaft zu zerschellen, muss der kontinuierliche Kampf um die „Hearts and Minds“ der ausgebeuteten Bev&#246;lkerung gef&#252;hrt werden. Dazu bedarf es einer Organisation, die die Interessen der ArbeiterInnen artikuliert und in den Kampf um gesellschaftliche, politische, kulturelle Hegemonie eintritt. „Organische Intellektuelle“ haben die Aufgabe, theoretische Konzepte zu entwickeln und Argumente in politischen Debatten zu liefern, die die allt&#228;gliche Logik b&#252;rgerlicher Macht herausfordern. Die revolution&#228;re Organisation muss also nicht mehr „nur“ die historischen und internationalen Erfahrungen der ArbeiterInnen verallgemeinern, wie Marx es im Kommunistischen Manifest schrieb, sie muss dar&#252;ber hinaus das Ged&#228;chtnis der ArbeiterInnenklasse sein und der Ort, wo der in der Praxis implizite „buon senso“ expliziert und artikuliert wird.<br />
Diese Erweiterung des Leninschen Konzepts von der revolution&#228;ren Partei als „Avantgarde der ArbeiterInnenklasse“ bedeutet, dass diese, hergeleitet vom Doppelcharakter der b&#252;rgerlichen Herrschaft &#252;ber Hegemonie und Zwang, ebenfalls beide Elemente in sich vereinigen muss. In revolution&#228;ren Zeiten muss die ArbeiterInnenklasse in ihrer Strategie vor allem eine offensive schnelle Bewegung zur Gewinnung der Macht organisieren und die b&#252;rgerlichen Machtzentren zerschlagen. Gramsci nannte diese Strategie, &#252;bernommen aus seinen Beobachtungen des Ersten Weltkriegs, Bewegungskrieg. Gleichzeitig ist aber eine langfristige, kontinuierliche, geduldige und systematische Auseinandersetzung in Form eines „gegenhegemonialen Projekts“ n&#246;tig. Dieser „Stellungskrieg“ findet im allt&#228;glich umk&#228;mpften Feld der Hegemonie – im Kampf um Ideen – in der Zivilgesellschaft statt. Jeder und jede bezieht hier Stellung, jede und jeder macht hier einen Unterschied. In diesem Sinne appelliert Gramsci:<br />
„Lernt, denn wir werden eure ganze Intelligenz brauchen. Agitiert, denn wir werden all euren Enthusiasmus brauchen. Organisiert euch, denn wir werden eure ganze St&#228;rke brauchen!“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<h3><em>Gramscis Leben als Revolution&#228;r</em></h3>
<p>Antonio Gramsci wurde 1891 in Ales auf Sardinien geboren. Mit 20 Jahren zog er nach Turin, um Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Jura und Philosophie zu studieren. Schon zu dieser Zeit war Turin das Zentrum der italienischen ArbeiterInnenbewegung. Gramsci trat 1913 der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) bei. Rasch wurde er Redaktionsmitglied der Parteizeitung Avanti („Vorw&#228;rts“) und der Il Grido del popolo („Der Ruf des Volkes“).</p>
<p>1917/18 war er einer der wichtigsten ProtagonistInnen der Turiner R&#228;tebewegung, die, inspiriert von der russischen Oktoberrevolution, gegen die italienische Beteiligung am Ersten Weltkrieg und f&#252;r eine revolution&#228;re Umgestaltung der Gesellschaft k&#228;mpfte. Nach der blutigen Niederschlagung der Bewegung und der Unt&#228;tigkeit der PSI stand Gramsci den Positionen der PSI immer kritischer gegen&#252;ber. 1919 gr&#252;ndete er mit Mitstreitern die Tageszeitung L’Ordine Nuovo („Die neue Ordnung“). Die Gruppe um diese Zeitung spaltete sich schlie&#223;lich von der PSI ab und gr&#252;ndete die Kommunistische Partei Italiens (PCI). Nach der Macht&#252;bernahme der Faschisten 1922 wurden linke Parteien in die Illegalit&#228;t gedr&#228;ngt und Oppositionelle verhaftet. So wurde auch Gramsci 1926 zu zwanzig Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt, an deren Folgen er 1937 starb.</p>
<p>W&#228;hrend der Zeit in Mussolinis Kerker besch&#228;ftigte er sich intensiv mit aktuellen Problemen marxistischer Theorie. Gramscis Hauptwerk sind 2848 handschriftliche Seiten, die sp&#228;ter als „Quaderni del Carcere“ – „Gef&#228;ngnishefte“ – ver&#246;ffentlicht wurden. Sie entstanden unter schwierigsten Bedingungen, Gramsci hatte kaum Zugang zu aktueller Literatur und er musste seine Analysen in einer Art Geheimsprache verfassen, um sie an den faschistischen Zensoren vorbei zu bringen. So „versteckte“ er beispielsweise seine Analyse der nachrevolution&#228;ren Situation Russlands in Aussagen zur b&#252;rgerlichen Revolution in Frankreich im 19. Jahrhundert, und „Marxismus“ umschreibt er in den Gef&#228;ngnisheften als „Philosophie der Praxis“.</p>
<p>Gramsci gilt als einer der innovativsten marxistischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Die Verbindung von undogmatischer Analyse und revolution&#228;rer &#220;berzeugung machte ihn f&#252;r viele Generationen nach ihm zu einem wichtigen Ankn&#252;pfungspunkt kritischer politischer Theorie.</p>
<h3>Anmerkungen<o></o></h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einf&#252;hrung. Stuttgart: Metzler 2000. 137.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Gramsci, Antonio: Stellungskrieg und Bewegungskrieg oder Frontalangriff. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1934<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Beide &#220;bersetzungen sind problematisch. „Zivilgesellschaft“ hat in den Debatten der letzten Jahre oft eine ausschlie&#223;lich positiv besetzte Konnotation als Ort progressiver, nicht-staatlicher Politik (NGOs etc.) erhalten. „B&#252;rgerliche Gesellschaft“ wiederum wird in marxistischer Literatur oft schlicht synonym f&#252;r die gesamte kapitalistische Gesellschaft gebraucht. Eingedenk dieser Problematiken und mangels brauchbarer Alternativen verwenden wir in Folge die gebr&#228;uchlichste Form – „Zivilgesellschaft“.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Gramsci: Stellungskrieg und Bewegungskrieg…<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Gramsci, Antonio: [Die Herausbildung der Intellektuellen]. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932,<span>  </span>http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci5.html<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft –also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“ – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton a.aO. 137<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> MEW 3. 46<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Callinicos, Alex: Making History. Agency, Structure, and Change in Social Theory. Leiden/Boston: Brill 2004. 175.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. Rees, John: The Algebra of Revolution. The Dialectic and the Classical Marxist Tradition. London/New York: Routledge 1998. 241.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Gramsci, Antonio: Intellektuelle. Traditionelle. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932, http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci6.html<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Carl Boggs, der als einer der Ersten Gramsci in die englischsprachige Debatte einf&#252;hrte, betont diese Besonderheit des Konzepts des „Intellektuellen“: „Der Begriff „Intellektueller“ bedeutete f&#252;r Gramsci keine bestimmte individuelle, sondern vielmehr eine universelle Funktion – ein Set von Aktivit&#228;ten, weitgehend „moralischen“ Inhalts, die bestimmte Weltanschauungen untergraben oder voran treiben k&#246;nnen.“ (Boggs, Carl: Gramsci’s Marxism, London: Pluto Press 1976. 75 f.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Motto der Ordine Nuovo. Zit. nach Vasenthien, Christian: „Die versteinerten Verh&#228;ltnisse zum Tanzen bringen“. In Linksruck: Argumente, Heft Nr. 6, Februar 2005.<o></o></p>
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		<title>Bewegte Bilder &#8211; Zur Politik des &#246;sterreichischen Dokumentarfilms</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:25:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
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		<description><![CDATA[Ukrainische KohlebergarbeiterInnen, s&#252;dspanische Tomatenplantagen und erschreckend gro&#223;e Fische im ugandischen Viktoriasee haben seit letztem Jahr etwas gemeinsam. Sie sind einige der ProtagonistInnen einer bemerkenswerten Entwicklung, die in j&#252;ngster Zeit &#214;sterreichs Kinos erfasst hat. <em>Reinhard Lang</em> und <em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber das Ph&#228;nomen des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ukrainische KohlebergarbeiterInnen, s&#252;dspanische Tomatenplantagen und erschreckend gro&#223;e Fische im ugandischen Viktoriasee haben seit letztem Jahr etwas gemeinsam. Sie sind einige der ProtagonistInnen einer bemerkenswerten Entwicklung, die in j&#252;ngster Zeit &#214;sterreichs Kinos erfasst hat. <em>Reinhard Lang</em> und <em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber das Ph&#228;nomen des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich.<br />
<span id="more-76"></span><br />
Sp&#228;testens seit der Oscar-Nominierung von Hubert Saupers Studie &#252;ber Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung auf das Leben an der Binnenseek&#252;ste Tansanias, „Darwin’s Nightmare“, ist ein Trend offensichtlich geworden, der mit einer Reihe weiterer Filme &#246;sterreichischer RegisseurInnen verbunden ist. Michael Glawoggers „Workingman’s Death“ und Erwin Wagenhofers „We feed the World“ geh&#246;ren dazu ebenso wie die deutlich kleineren Produktionen „Operation Spring“ von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber oder die Arbeit von Thomas Korschil und Eva Simmler &#252;ber die brisante Debatte um zweisprachige Ortstafeln in K&#228;rnten, „Artikel 7 – unser Recht“, deren Ausstrahlung der ORF wohl aus politischen Gr&#252;nden in letzter Sekunde verweigerte. Bemerkenswert ist nicht allein die Tatsache, dass diese Filme produziert werden – sie sind auch noch au&#223;ergew&#246;hnlich erfolgreich und begeistern KinobetreiberInnen, Publikum und KritikerInnen gleicherma&#223;en. „Workingman’s Death“ wurde unter anderem bei der Biennale in Venedig gezeigt, war nominiert f&#252;r den Europ&#228;ischen Filmpreis und gewann Preise bei Festivals in Leipzig, London, Gijon und Toronto. Ebenso international hochgelobt ist „We feed the World“, der mit derzeit 180.000 BesucherInnen erfolgreichste &#246;sterreichische Dokumentarfilm aller Zeiten; und „Darwin’s Nightmare“ hat es bekanntlich bis in die ehrw&#252;rdigen Hallen des Kodak Theatre in Hollywood geschafft (auch wenn er sich dort der erstaunlich belanglosen „Reise der Pinguine“ geschlagen geben musste). Vielleicht am wichtigsten – jedenfalls aber f&#252;r uns interessant –, ist die Tatsache, dass diese Filme Eingang in &#246;ffentlichen Debatten gefunden haben oder solche erst losgetreten haben. Es sind Filme, die explizit politische Themen aufgreifen, die Stellung beziehen, und die diskutiert werden. Grund genug, sich mit dem „Ph&#228;nomen politischer Dokumentarfilm“ n&#228;her zu besch&#228;ftigen. <o></o></p>
<h3>Globale Br&#252;che…</h3>
<p>Wir wollen nicht aus den Augen verlieren, dass es sich dabei nicht nur um ein „&#246;sterreichisches“ Ph&#228;nomen handelt. Seit einigen Jahren erregt das Genre der „Politdokus“ – politische und im besten Sinne „parteiische“ Dokumentarfilme – international Aufmerksamkeit. Prominentestes Beispiel ist sicherlich Michael Moore, der mit seinen provokativen Arbeiten &#252;ber den Zustand US-amerikanischer Politik und Gesellschaft – vor allem „Bowling for Columbine“ und der oscarpr&#228;mierte „Fahrenheit 9/11“ – zum gefeierten Helden der globalen Linken aufstieg. Ebenso global wie die Filme und ihr Publikum sind auch die Entstehungsbedingungen dieser Filme. Sp&#228;testens seit Ende der 1990er Jahre ist der Post-1989-Konsens, der die Menschheit in der „besten aller m&#246;glichen Welten“ vermutete und das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) beschwor, br&#252;chig geworden. Bald wurde immer offensichtlicher, dass die existentiellen politischen Probleme von der gegenw&#228;rtigen Weltordnung nicht nur nicht gel&#246;st, sondern im Gegenteil noch versch&#228;rft werden. Die Hoffnung auf eine &#196;ra des Friedens wurde unter Schutt- und Leichenbergen im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Ruanda und anderswo begraben. Bilder von verhungernden Kindern und ganzen Landstrichen, die von AIDS entv&#246;lkert werden sind heute ebenso Teil des Alltagssinns gro&#223;er Teile der Weltbev&#246;lkerung wie die Zerst&#246;rung der Umwelt, globale Erderw&#228;rmung und Knappheit an Trinkwasser inklusive. Und schlie&#223;lich sind es auch die &#246;konomischen und sozialen Krisen in den „entwickelten“ L&#228;ndern des reichen Nordens, die Armut und Arbeitslosigkeit zu realen Bedrohungsszenarien machen, w&#228;hrend Gro&#223;konzerne Rekordgewinne schreiben und die Geh&#228;lter von CEOs und TopmanagerInnen sich in astronomische Sph&#228;ren bewegen.<o></o></p>
<h3>…produzieren &#214;ffentlichkeit</h3>
<p>Diese globalen Entwicklungen haben die politische Landschaft &#252;berall auf der Welt nachhaltig ver&#228;ndert. W&#228;hrend noch in der 1980er Jahren b&#252;rgerliche IdeologInnen die „gro&#223;en Erz&#228;hlungen“ am Ende w&#228;hnten und Politik auf das Management konkurrierender Individuen reduzierten, konnte eine Dekade sp&#228;ter festgestellt werden: Die „Big Issues“, die gro&#223;en Themen der politischen Debatte sind zur&#252;ck! Zwei Ereignisse stehen stellvertretend f&#252;r den Beginn dieser Bewegung: Der Aufstand der Zapatistas 1994 in Chiapas/Mexiko, deren Aufschrei gegen die neoliberale Globalisierung um die Welt ging; und die Gro&#223;demonstration in Seattle 1999 gegen das Treffen der Welthandelsorganisation WTO, wo eine bis dahin undenkbare Allianz aus jungen AktivistInnen, die sich gegen Umweltzerst&#246;rung, Rassismus, die Ausbeutung der „Dritten Welt“ oder Sexismus engagieren, Teilen der radikalen Linken und organisierten ArbeiterInnen die HerrscherInnen der Welt &#252;berraschte. Seitdem findet bekanntlich kein Treffen der globalen Eliten – ob WTO, IWF, Weltbank, NATO, G8 oder EU – ohne Gegenveranstaltungen statt, bei Sozialforen auf globaler, kontinentaler, nationaler und regionaler Ebene wird regelm&#228;&#223;ig &#252;ber Politik und Strategien der Bewegung diskutiert, die sich den Slogan „Eine andere Welt ist m&#246;glich!“ auf die Fahnen geschrieben hat, und die Proteste gegen den Irak-Krieg im Fr&#252;hjahr 2003 zeigten auf beeindruckende Weise, dass Millionen Menschen in aller Welt von den Entwicklungen der letzten Jahre politisiert wurden. Wenn auch &#252;ber die konkreten Erfolge und Misserfolge der einzelnen Bewegungen noch diskutiert werden muss, ist ein Produkt dieser globalen Entwicklung doch offensichtlich: eine globale, kritische &#214;ffentlichkeit, die Politik weder &#246;konomischen Eliten noch SpitzenpolitikerInnen &#252;berlassen will, f&#252;r die die „gro&#223;en Fragen“ der Politik heute wieder auf der Tagesordnung stehen, und die politische Debatten in alle Bereiche der Gesellschaft tr&#228;gt. Vor diesem Hintergrund muss der politische Dokumentarfilm diskutiert werden. Es sind genau die „gro&#223;en Fragen“ der Politik, die von diesen Filmen angesprochen werden, es ist die neue kritische &#214;ffentlichkeit, die den Filmen ihr Publikum gibt, und es sind die Ver&#228;nderungen im allt&#228;glichen Bewusstsein, die den Resonanzraum schaffen, in dem die Filme und ihre Themen diskutiert werden – auch in &#214;sterreich. Ein Blick auf die drei prominentesten Beispiele aktueller politischer Dokumentarfilme aus &#214;sterreich zeigt deutlich deren globale Perspektiven und Anspr&#252;che.<o></o></p>
<h3>Workingman’s Death: Arbeit einst, jetzt und dann?</h3>
<p>In seinem Film „Workingman’s Death“ wollte Michael Glawogger eigentlich ein Kapitel den Linzer Stahlwerken der VOEST widmen. Doch das Management wollte nicht, weg vom Schwerarbeiter-Image war die Begr&#252;ndung. Glawogger stellt die bezeichnende Frage nach dem Verschwinden der Sichtbarkeit manueller Arbeit. Arbeit, die an die k&#246;rperliche Substanz geht, die jeden Muskel des K&#246;rpers fordert und kaputt macht. Somit auch jene Form der Arbeit, die als Mythos einer Klasse, der Klasse der ArbeiterInnen, gilt. Die erste der sechs Episoden dreht sich entsprechend um den Mythos des Aleksej Stachanov. Dieser holte angeblich 1935 im gr&#246;&#223;ten Kohleabbaugebiet der Welt das 14-fache der vorgegebenen Arbeitsnorm der Sowjets. Einst der Stolz der stalinistischen Weltmacht, heute Teil der Ukraine und einer der devastiertesten Flecken Erde in Europa ist Donbass heute heruntergekommen und verlassen, doch abgebaut wird noch immer. L&#228;ngst aufgegeben von Staat und Wirtschaft sch&#252;rfen Menschen autark und auf sich allein gestellt in 30 cm hohen Sch&#228;chten nach Kohle f&#252;r ihr t&#228;gliches &#220;berleben. Mit denselben Mitteln wie zu Stachanovs Zeiten.<br />
In Indonesien begleitet Glawogger Schwefelarbeiter, die t&#228;glich den Vulkan Kawa Ijen besteigen, umh&#252;llt von giftigen D&#228;mpfen Schwefelplatten aus dem Krater schlagen um anschlie&#223;end jeweils 70 – 120 kg dieser Brocken zu Tale zu tragen. Die Arbeiter sind Teil der touristischen Attraktion geworden, wer den Vulkan besucht will auch die Schwefelarbeiter sehen. Maschinen kommen nicht zum Einsatz, die Kosten-Nutzen-Rechnung spricht dagegen.<br />
In zwei weiteren Kapiteln widmet sich Glawogger einem riesigen Schlachthof in Port Harcourt (Nigeria) sowie einer pakistanischen Werft, in der gigantische, ausrangierte westliche Tanker zerlegt werden. Vier mal entf&#252;hrt und fesselt Workingman’s Death mit einer filmerisch beeindruckenden &#196;sthetik ans Ende der Welt, an Orte der Trostlosigkeit und Arbeit wie sie in unserer Gesellschaft nur mehr in den Geschichtsb&#252;chern zu finden ist. Doch wie schaut die Zukunft aus? Hier wirft der Film zun&#228;chst einen Blick ins aufstrebende China. In den Stahlwerken in Anshan h&#228;lt die Moderne Einzug. Technologie l&#246;st reine Muskelkraft ab. Kapitalismus fordert Entlassungen. Ein China im Aufbruch verbunden mit dem Glauben an eine wunderbare Zukunft, vergleichbar mit dem Boom in Nachkriegs-Deutschland. Nach Deutschland f&#252;hrt uns auch die abschlie&#223;ende Episode. Der „Epilog“ zeigt das ehemalige H&#252;ttenwerk Duisburg-Meidrich im Ruhrgebiet. Hier wurde eins Stahl erzeugt, heute ist es ein Freizeitpark. Workingman’s Death spielt mit der Arbeiter&#228;sthetik l&#228;ngst vergangener Zeiten., sucht Arbeit die in dieser Form f&#252;r uns fremd und skurril erscheint, als Relikt vergangener Zeiten und stellt dabei die brandaktuelle Frage nach der Zukunft des „bewussten Stoffwechsels mit der Natur“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>We Feed the World und Darwin’s Nightmare: Viel Fisch, viel Fleisch</h3>
<p>Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie w&#228;chst unser Gem&#252;se auf? Sind unsere Hendlhaxen wirklich gl&#252;cklich? Gibt es noch „Landwirtschaft“ oder ist sie nicht schon Teil einer Industrie, in der Nahrung genauso produziert wie in einer Fabrik oder abgebaut wie in einem Bergwerk wird? Das sind die Fragen, denen der Film „We feed the world“ auf den Grund gehen m&#246;chte. Das Ergebnis ist eine Irrfahrt durch europ&#228;ische Schaupl&#228;tze und bis zu Soja Bauern in Brasilien, wo Kinder Hunger leidend neben f&#252;r europ&#228;ische Viehzucht bestimmten Sojafeldern aufwachsen, die nach Greenpeace Sch&#228;tzungen zu 60% aus genmanipulierten Organismen bestehen. In Rum&#228;nien erkl&#228;rt Karl Otrok von Pioneer, dem weltgr&#246;&#223;ten Saatgut-Konzern, zwischen Melanzanifeldern: „Wir sollten uns damit anfreunden, dass es eigentlich keine Lebensmittel mehr gibt, die gentechnik-frei sind.“ In der Steiermark begleitet man den generalstabsm&#228;&#223;ig geplanten achtw&#246;chigen Zyklus zur Aufzucht unserer Speiseh&#252;hner, in Spanien taucht man ein in unendliche Weiten von Gew&#228;chsh&#228;usern, Tomaten das ganze Jahr und f&#252;r ganz Europa. Die Devise lautet &#252;berall gleich: Profit ist alles, Geschmack ist nichts. Der Film dagegen hinterl&#228;sst Geschmack: intensiv bitter bleibt er auch lange nachdem man etwa erfahren hat, dass in Wien t&#228;glich soviel Brot vernichtet wird, wie eine Stadt der Gr&#246;&#223;e von Graz t&#228;glich ben&#246;tigt.</p>
<p>In Hubert Saupers „Darwin’s Nightmare“ beginnt alles mit einem wissenschaftlichen Experiment. In den 1960er Jahren wurde in den Victoria See eine fremde Fischart eingesetzt, der Nilbarsch. Nach drei Jahrzehnten sind die urspr&#252;nglichen 400 Fischarten ausgerottet und die Filets des Fremdlings der Exportschlager in alle Welt. Die Konsequenzen sind vielf&#228;ltig, der Fisch wird exportiert w&#228;hrend Hunger herrscht, Flugzeuge holen den Fisch ab und kommen aus Europa mit Waffen f&#252;r die Kriege Afrikas. „Darwin’s Nightmare“ k&#246;nnte ich in Sierra Leone erz&#228;hlen, nur w&#228;re der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak, schwarzes &#214;l.”, so Hubert Sauper. Der Film zeigt so exemplarisch, wie die Abh&#228;ngigkeit der Peripherie vom Zentrum funktioniert, nach den Spielregeln des globalisierten Kapitalismus.<o></o></p>
<h3>Was kann die Doku? Film und Politik</h3>
<p>Die Filme greifen lebendige und relevante Debatten auf: Verschwindet die ArbeiterInnenklasse? Woher kommt die Hungerkrise? Wie wird der afrikanische Kontinent systematisch „unterentwickelt“? Die Form des Dokumentarfilms bietet dazu eine M&#246;glichkeit zur Intervention mit Vor- und Nachteilen. „Meiner Meinung nach ist es so, dass der Spielfilm mit dem arbeitet, wie das Leben sein k&#246;nnte. Und der Dokumentarfilm arbeitet mit dem, wie das Leben ist“, meint „We feed the World“-Regisseur Erwin Wagenhofer. Dokumentarfilm ist damit der Versuch eines Abbildes von Realit&#228;t, damit aber auch immer Reduktion, Zurichtung der Realit&#228;t. Ein Bild hat immer eineN AutorIn, der Blick ist immer jener des/der FilmemacherIn. Darin liegen die Schw&#228;chen und St&#228;rken des Dokumentarfilms. „Wie das Leben ist“, dazu gibt es verschiedene Perspektiven und Meinungen, Dokumentarfilm leistet einen Beitrag zu diesen Debatten und bereichert sie. Einerseits wird so grunds&#228;tzlich Aufmerksamkeit geschaffen, auf Themen fokussiert und Ansto&#223; zur Debatte gegeben. Die in den Filmen aufgegriffenen Argumente werden diskutiert, im Alltag und in Medien, aber auch die FilmemacherInnen stellen sich der Auseinandersetzung – beispielsweise bei Podiumsdiskussionen. Die gro&#223;e St&#228;rke des Dokumentarfilms liegt wohl w&#246;rtlich in den m&#246;glichen neuen Sicht-Weisen auf Themen, in der Macht des Bildes. Andrerseits l&#228;sst der Dokumentarfilm den/die BetrachterIn mit den gezeigten Missst&#228;nden alleine. Im Aufzeigen von Perspektiven und L&#246;sungsans&#228;tzen weisen sich die Schwachpunkte des Mediums, dies ist somit auch nicht der Anspruch, der an politischen Dokumentarfilm gestellt werden sollte. Die M&#246;glichkeiten, Perspektiven aufzuzeigen verschwinden zur G&#228;nze (wie bei „Workingman’s Death“ und „Darwin’s Nightmare“) oder beschr&#228;nken sich zumeist auf verbale Mittel – wobei die Frage, wer zu Wort kommen darf, dabei stets heikel bleibt.<o></o><br />
Die M&#246;glichkeiten und Beschr&#228;nkungen des politischen Dokumentarfilms stecken somit die Grenzen der Rezeption der Filme ab. Sie k&#246;nnen und sollen als Interventionen in politische Debatten verstanden und diskutiert werden. Das bedeutet auch, Argumente der Filme – ob explizit ausgesprochen oder implizit vorhanden – kritisch zu &#252;berpr&#252;fen und zu kommentieren. In „We Feed the World“ nimmt beispielsweise Jean Ziegler, linksliberaler Intellektueller und UN-Sonderberichterstatter f&#252;r das Menschenrecht auf Nahrung, die Rolle des Kommentators ein – und f&#252;llt sie eher mit leeren Phrasen als echten Handlungsperspektiven. „Workingman’s Death“ muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen &#228;sthetisierenden Bildern Drecksarbeit zu romantisieren und Distanz zu stachanowschen Mythen vermissen zu lassen, oder durch die Anordnung der Episoden eine logische Entwickling hin zu einer „schwerelosen“ &#214;konomie zu suggerieren: Den peripheren Orten, wo Menschen noch physisch schuften m&#252;ssen, weist das chinesische Stahlkombinat den Weg in die Zukunft – den ChinesInnen wiederum der Duisburgische Vergn&#252;gungspark. Hier steckt die Politik, die Botschaft in der &#196;sthetik – auch dorthin muss politische Kritik zielen. Gleichzeitig aber kann der Anspruch an Dokumentarfilme – und gleiches gilt f&#252;r Spielfilm, Literatur, Musik oder bildende Kunst – nicht sein, politische Programme zu formulieren. Stattdessen ist es notwendig, Politdokus als Teil der gesellschaftlichen Debatten zu begreifen, die zu aktiver Politik und der Ver&#228;nderung der von ihm dargestellten Gegenwart f&#252;hren k&#246;nnen. Filme wie jene von Glawogger, Wagenhofer und Sauper und viele kleinere Produktionen k&#246;nnen so die ernsthafte Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen und zeigen, dass auch am kleinen, ruhigen &#214;sterreich die globale Dynamik nicht spurlos vor&#252;berzieht.<o></o></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Die Arbeit ist zun&#228;chst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (Karl Marx: Das Kapital I, MEW 23: 192)<o></o></p>
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		<title>Zwei Logiken der Macht</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:22:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: David Harvey: Der neue Imperialismus, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 23,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sp&#228;testens seit Bushs <em>War Against Terrorism</em> erleben wir ein Revival marxistischer Imperialismustheorien, die versuchen, die neuen Kriege, die Instabilit&#228;ten und Widerspr&#252;che im globalen Kapitalismus zu Beginn des neuen Jahrtausends zu erkl&#228;ren. Mit <em>Der neue Imperialismus</em> hat David Harvey, marxistischer Geograph und f&#252;hrender Vertreter eines „historisch-geographischen Materialismus“, einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte geleistet.<o></o><br />
Harvey definiert den kapitalistischen Imperialismus als widerspr&#252;chliche Verschmelzung von zwei Logiken der Macht: einer territorialen (geopolitischen) und einer kapitalistischen (&#246;konomischen). Das Verh&#228;ltnis zwischen beiden ist weder funktionell noch einseitig. Weder operieren Staaten und Imperien immer aus kapitalistischen Motiven, noch werden die &#246;konomischen Prozesse von Staaten und Imperien gelenkt. Kapitalistische und territoriale Machtlogik sind als voneinander verschieden zu begreifen, aber gleichzeitig „auf komplexe und widerspr&#252;chliche Weise miteinander verwoben“. (36)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Aus Perspektive der kapitalistischen Logik geht es bei imperialistischen Praktiken darum, die ungleichen geographischen Bedingungen, die notwendig aus kapitalistischen Tauschbeziehungen entstehen, auszunutzen, w&#228;hrend es Hauptaufgabe des Staates ist, „die asymmetrische Struktur des r&#228;umlichen Tauschs, die sich zu seinem Vorteil auswirkt, zu erhalten.“ (38)<o></o></p>
<p>Staatliche Aktivit&#228;t ist auch zentral bei der L&#246;sung der regelm&#228;&#223;igen &#220;berakkumulationskrisen im Kapitalismus, entweder durch massive Entwertung oder Erschlie&#223;ung neuer Verwertungsm&#246;glichkeiten im Inneren, oder durch geographische Expansion nach au&#223;en und die Umstrukturierung r&#228;umlicher Beziehungen. Hier kommt das ins Spiel was Harvey „Akkumulation durch Enteignung“ nennt. Der Kapitalismus ben&#246;tigt stets einen Vorrat an Verm&#246;genswerten au&#223;erhalb seiner selbst, um dem Druck der &#220;berakkumulation zu entgehen. Der Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ bei Marx – „die Kommodifizierung und Privatisierung des Bodens…, Umwandlung verschiedener Formen von Eigentumsrechten (&#246;ffentlich, kollektiv, staatlich usw.) in exklusive Eigentumsrechte; Kommodifizierung der Arbeitskraft und die Unterdr&#252;ckung alternativer (traditioneller) Formen der Produktion und des Konsums; koloniale, neokoloniale und imperialistische Prozesse der Aneignung von Verm&#246;genswerten…“ (143) – ist f&#252;r Harvey deshalb nicht nur ein Ph&#228;nomen in der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, sondern „eine wichtige und anhaltende Kraft in der historischen Geographie der Kapitalakkumulation durch Imperialismus“. (141)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Insbesondere seit der Welt-wirtschaftskrise 1973 wurde die „Akkumulation durch Enteignung“, als Kompensation f&#252;r die chronischen Probleme der &#220;berakkumulation, immer wichtiger. Hauptvehikel dieser Entwicklung war die Finanzialisierung und die effektive Abstimmung eines internationalen Finanzsystems, das bestimmten Gebieten oder auch ganzen L&#228;ndern – gest&#252;tzt auf internationale Institutionen – brutale Entwertungsrunden auferlegen konnte. (154) Dies ist nach Harvey das zentrale Kennzeichen des neuen, „neoliberalen Imperialismus“; die Hegemonie der USA in dieser Konstellation spiegelte sich in ihrer F&#252;hrungsrolle in den internationalen Finanzinstitutionen („Wall-Street-US-Finanzministerium-IWF-Komplex“).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Die Bush-Administration f&#252;hrt diese Politik fort. Jedoch zeichnet den „neokonservativen Imperialismus“ im Unterschied zum neoliberalen aus, dass er verst&#228;rkt mit Zwang statt mit Konsens operiert. Die Ursachen daf&#252;r sieht Harvey in der schwindenden Dominanz des US-Kapitals nicht nur in der Produktion sondern auch im Finanzsektor. Der neokonservative Imperialismus versucht, die Schw&#228;chen der wirtschaftlichen Grundlagen seiner geopolitischen Macht zu kompensieren, indem er sich auf den einzigen Bereich st&#252;tzt, in dem die USA noch absolut dominieren: den milit&#228;rischen. Die Sicherung der &#214;lreserven im Mittleren Osten soll ihnen die Mittel in die Hand geben, „um auf jede innerhalb der Weltwirtschaft drohende – wirtschaftliche oder milit&#228;rische – Machtverschiebung zu antworten“ und die US-Dominanz in den n&#228;chsten 50 Jahren sichern. (80)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey betont jedoch die Widerspr&#252;che in dieser Strategie: die Unvereinbarkeit der heute vorherrschenden wirtschaftlichen Bedingungen, der kapitalistischen Machtlogik, mit der spezifischen durch den neokonservativen Imperialismus angestrebten territorialen Logik. Bspw. treiben die Kosten des Irakkriegs das Haushaltsdefizit der USA weiter in die H&#246;he. Hinzu kommt die prek&#228;re internationale Lage der US-&#214;konomie: die private und staatliche Auslandsverschuldung macht die US-Wirtschaft au&#223;erordentlich verwundbar f&#252;r Kapitalflucht, je mehr das Vertrauen in die US-Regierung sinkt. Die Gefahr der „imperialen &#220;berdehnung“ ist st&#228;ndig pr&#228;sent; „die kapitalistische Logik der Macht“ k&#246;nnte „die territoriale Logik, der man jetzt folgt, in St&#252;cke rei&#223;en“. (84)<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Harvey gelingt es, komplexe Theorien und Sachverhalte klar und in einfacher Sprache zu erkl&#228;ren. Die deutliche Unterscheidung zwischen neoliberalem und neokonservativem Imperialismus hat sich zwar in den letzten Monaten relativiert und Harveys politisches Pl&#228;doyer f&#252;r einen „neuen New Deal“ als „einzig m&#246;gliche, wenn auch befristete Antwort“ (202) auf die Probleme wird kaum jemand &#252;berzeugen k&#246;nnen. Dennoch: Mit <em>Der neue Imperialismus </em>ist Harvey ein Buch gelungen, das Wert ist, gelesen und diskutiert zu werden. Empfehlung.<o></o></p>
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