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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Ausgaben</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/11/24/editorial-14/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Nov 2011 19:26:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 14]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[„Revolution!“ haben wir uns wieder einmal gedacht… und uns zun&#228;chst einmal an ein neues Layout f&#252;r das Magazin herangemacht. Was ihr nun in den H&#228;nden haltet ist also das langersehnte Ergebnis vieler – mit, &#252;ber den Xten Entw&#252;rfen zusammengehaltenen K&#246;pfen, gef&#252;hrten – Diskussionen und nicht zuletzt unz&#228;hliger &#220;berstunden unseres Grafikers Reinhard Lang (danke daf&#252;r!). Die treue Leser_innenschaft bemerkt sofort: es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Revolution!“ haben wir uns wieder einmal gedacht… und uns zun&#228;chst einmal an ein neues Layout f&#252;r das Magazin herangemacht. Was ihr nun in den H&#228;nden haltet ist also das langersehnte Ergebnis vieler – mit, &#252;ber den Xten Entw&#252;rfen zusammengehaltenen K&#246;pfen, gef&#252;hrten – Diskussionen und nicht zuletzt unz&#228;hliger &#220;berstunden unseres Grafikers Reinhard Lang (danke daf&#252;r!). Die treue Leser_innenschaft bemerkt sofort: es hat sich einiges ver&#228;ndert! Neben dem neuen Coverdesign sollen vor allem das aufpolierte Layout der Artikel, kleine Infoboxen oder etwa auch „bedienungsfreundlichere“ Fu&#223;noten das Lesen zu einem noch gr&#246;&#223;eren Genuss machen, als zuvor! Zudem bekommt die Bebilderung endlich den Platz, den sie sich unserer Meinung nach schon l&#228;nger verdient hat (n&#228;mlich mehr). Auch die Rezensionen wollen wir aufwerten. Schlie&#223;lich haben wir uns nach hitzigen Diskussionen daf&#252;r entschieden, die Anzahl der Artikel auf vier handverlesene St&#252;ck zu reduzieren… denn alles weitere – so unsere &#220;berlegung – findet ihr auf unserem neuen Blog unter: www.perspektiven-online.at .</p>
<p>„Revolution!“ haben wir uns dann gleich noch einmal gedacht und dem nicht nur Form, sondern auch Inhalt dieser Ausgabe gewidmet, wie Ihr unschwer auf dem Cover nachlesen k&#246;nnt. Und wer h&#228;tte sich das gedacht: war der Begriff bis vor einem Jahr – so scheint es – noch den Marketingabteilungen dieser Welt vorbehalten, wenn es um die Anpreisung neuer Handy-Modelle oder Hybrid-Motoren ging , so ist „Revolution“ pl&#246;tzlich auch wieder im politischen Diskurs pr&#228;sent. Hierf&#252;r sorgte nicht nur die Wieder-Aneignung dieses Kampfbegriffes durch die Besetzer_innen auf der Plaza Puerta del Sol und dem Syntagma-Platz oder der <em>Occupy Wallstreet-Bewegung</em>, sondern auch die Umst&#252;rze in Nordafrika. </p>
<p>Um einen dieser Umst&#252;rze geht es in <em>Von Tahrir zu Tat ’hir</em>. <em>Stefan Probst</em> und <em>Tyma Kraitt</em> zeigen, unter welchen Bedingungen sich das gesellschaftliche Potential dieser Proteste entwickelte, vergessen dabei niemals auf den Klassenkampf und f&#252;hren nebenher in revolutionstheoretische Begriffe ein.<br />
Wurde diesbez&#252;glich in &#196;gypten – bei allen Schwierigkeiten – also schon einiges erreicht, darf hierzulande noch im Konjunktiv diskutiert werden. Dazu hat <em>Perspektiven </em>mit <em>Lukas Oberndorfer</em> (Institut Solidarische Moderne) und <em>Elmer Flatschart </em>(<em>W.E.G., Theorieb&#252;ro/Schenke</em>) zwei sehr unterschiedliche linke Projekte zum Gespr&#228;ch mit <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Katharina Hajek</em> (<em>Perspektiven</em>) geladen, um &#252;ber Handlungsm&#246;glichkeiten der Linken in der Krise, lang- und kurzfristige Ziele, Subjekte aber auch die „Orte“ von Transformation zu diskutieren. Eben darum geht es nicht zuletzt, wenn <em>Hanna Lichtenberger</em> und <em>Julia Hofmann</em> der Frage nachgehen, welche Diskurse politischer Selbsterm&#228;chtigung sich von der Pariser Commune – als einem der historisch ersten Versuche breiter demokratischer Selbstverwaltung – &#252;ber die Aufst&#228;nde in Oaxaca bis zur Bewegung M15 in<br />
Spanien ziehen. Schlie&#223;lich – und au&#223;erhalb des Schwerpunktes – sind wir Euch noch den zweiten Teil von Harry Cleavers <em>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r?</em> schuldig. </p>
<p>Rezensiert wird in dieser Ausgabe zu so unterschiedlichen Themen wie Okzidentalismus, antimuslimischem Rassismus und der  queeren Multitude, wobei wir mit mit einem Kommentar zur Frauenfu&#223;ball-WM diesen Jahres sowie einer Rezension zum Thema Rapid im Nationalsozialismus auch noch einen kleinen – inoffiziellen – Ballsport-Schwerpunkt untergebracht haben.</p>
<p>Und jetzt alle zusammen: „one solution:…!“ …f&#252;r all die vielen Widerspr&#252;che, </p>
<p><strong>Eure Perspektiven-Redaktion!</strong></p>
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		<title>Klassen im Widerspruch</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Klassentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Marxistischen Klassentheorien wird h&#228;ufig vorgeworfen, sie w&#252;rden die Realit&#228;t vielf&#228;ltiger sozialer Identit&#228;ten und Konfliktlinien auf die einfache Gegen&#252;berstellung von Bourgeoisie und Proletariat reduzieren. Katherina Kinzel und Hanna Lichtenberger stellen dieser Kritik einen differenzierten Klassenbegriff entgegen, der die Debatten um das „Problem der Mittelklasse“ aufgreift und sich auf die Marxsche Methode st&#252;tzt.

„Hier bricht das Manuskript ab“, so Engels’ lakonischer Kommentar, wenige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Marxistischen Klassentheorien wird h&#228;ufig vorgeworfen, sie w&#252;rden die Realit&#228;t vielf&#228;ltiger sozialer Identit&#228;ten und Konfliktlinien auf die einfache Gegen&#252;berstellung von Bourgeoisie und Proletariat reduzieren. Katherina Kinzel und Hanna Lichtenberger stellen dieser Kritik einen differenzierten Klassenbegriff entgegen, der die Debatten um das „Problem der Mittelklasse“ aufgreift und sich auf die Marxsche Methode st&#252;tzt.<br />
<span id="more-1952"></span><br />
„Hier bricht das Manuskript ab“, so Engels’ lakonischer Kommentar, wenige Seiten nachdem Marx im dritten Band des <em>Kapital </em>explizit die Frage der Klassentheorie in den Raum stellt: „Die n&#228;chst zu beantwortende Frage ist die: Was bildet eine Klasse?“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Marx beantwortet diese Frage selbst nicht, auch wenn sich seine Arbeiten immer wieder um Klassenanalysen drehen und voll von den entsprechenden Begrifflichkeiten sind. So ist richtig, was der j&#252;ngst verstorbene franz&#246;sische Philosoph Daniel Bensaïd festh&#228;lt: „Klassenkampf steht im Zentrum des Marxschen Denkens“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>; die Bestimmungsversuche von Klassen, die theoretischen Instrumentarien, die dabei zum Einsatz kommen und die Analyseebenen, auf denen Klassen zum Gegenstand der Untersuchung werden, variieren innerhalb des Marxschen Werkes jedoch stark.<br />
In dem fr&#252;hen, zu Marxens Lebzeiten unver&#246;ffentlichten Werk <em>Die deutsche Ideologie</em> etwa, beschreibt Marx den Ursprung der Klassen in der Arbeitsteilung: „[…] durch die Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die in jedem derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle anderen beherrscht.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Au&#223;erdem h&#228;lt er darin fest, dass „[d]ie Individuen […] nur insofern eine Klasse [bilden], als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zu formieren haben“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>. Damit unterstreicht er, dass „Klasse“ eine relationale Kategorie ist – sie bezeichnet ein Verh&#228;ltnis, keinen f&#252;r sich existierenden Gegenstand. Weil die Bestimmung von Klassen &#252;ber die Arbeitsteilung auch f&#252;r Marx ungen&#252;gend ist, entwickelt er sp&#228;ter weitere Begrifflichkeiten wie Ausbeutung, die den Blick sch&#228;rfen sollen. Daher ist es zun&#228;chst wichtig, nach der Herangehensweise an eine Klassentheorie in Marx’ systematischer Analyse der kapitalistischen Produktionsweise in seinem Hauptwerk, <em>Das Kapital</em>, zu suchen.<br />
Wenn die Frage nach der Anwesenheit von Klassen im <em>Kapital </em>gestellt wird, so begegnet man jedoch einem Paradoxon: Klassen <em>sind </em>und <em>sind nicht</em> dessen Gegenstand. Einerseits sind sie Gegenstand des <em>Kapitals</em>, insofern die von Marx eingef&#252;hrten &#246;konomischen Begriffe auch stets soziale Begriffe sind. Nicht nur die Ausbeutung – zentrale Kategorie in der Bestimmung der ArbeiterInnenklasse – und der sich daraus ergebende fundamentale Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital, sondern auch die Dimensionen von Herrschaft und Kontrolle werden auf Basis einer Analyse der Struktur der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar. Andererseits l&#228;sst sich auf dieser Ebene nichts &#252;ber konkrete Klassenstrukturen und Dynamiken aussagen. Analysen konkreter Dynamiken von Klassenk&#228;mpfen finden sich eher in den politisch-strategischen Schriften Marxens, so etwa in <em>Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte</em>. Marx geht hier nicht nur auf den „horizontalen“ Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital ein, sondern widmet sich auch den Widerspr&#252;chen innerhalb der herrschenden Klasse und unterscheidet  wischen zahlreichen Fraktionen der Bourgeoisie (so etwa Gro&#223;grundbesitzer, Geldaristokratie, Kleinb&#252;rgertum, Industriebourgeoisie, Mittelklasse)<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und ihren unterschiedlichen Interessen. Statt einer eingehenden systematisch-theoretischen Auseinandersetzung mit diesen und anderen Begriffskategorien konzentriert sich Marx hier darauf, die komplexe Skizze einer historisch konkreten Gesellschaftsformation zu zeichnen. K&#228;mpfe zwischen den einzelnen Gruppen, ihr Verh&#228;ltnis zum Staat sowie die Ver&#228;nderungen im Staat durch die unterschiedlichen K&#228;mpfe werden beschrieben.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dieses ausdifferenzierte Bild verschiedener Klassen und Klassenfraktionen steht in deutlichem Kontrast zu der im <em>Manifest der Kommunistischen Partei </em>ausgesprochenen These einer zunehmenden Polarisierung: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei gro&#223;e feindliche Lager, in zwei einander direkt gegen&#252;berstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Kleinb&#252;rgerInnentum oder die Mittelklasse, die, so Marx, im Bonapartismus<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> „die St&#228;rke dieser b&#252;rgerlichen Ordnung ist“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, sei eine Art „historisches &#220;berbleibsel“ oder eben eine &#220;bergangsklasse. So h&#228;lt Marx dazu im dritten Band des <em>Kapitals </em>fest: „In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft in ihrer &#246;konomischen Gliederung am weitesten, klassischsten entwickelt. Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor. Mittel- und &#220;bergangsstufen vertuschen auch hier (obgleich auf dem Lande unvergleichlich weniger als in den St&#228;dten) &#252;berall die Grenzbestimmungen. Indes ist dies f&#252;r unsere Betrachtung gleichg&#252;ltig.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Auch wenn Marx an anderer Stelle schreibt, es g&#228;be eine Tendenz zum Wachstum der Mittelklasse<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, so bleibt unklar, wo diese gr&#246;&#223;er werdenden Mittelklassen in seiner Darstellung der Struktur der kapitalistischen Produktionsweise unterzubringen sind<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>: Hier scheint nur die Opposition von Arbeit und Kapital sichtbar zu sein.</p>
<p><strong>Systematische Probleme</strong><br />
Hinter den verschiedenen Bestimmungen und Analysen von Klassen in den Schriften Marxens steht nicht einfach theoretische Inkonsistenz. Vielmehr verweist dies auf ein systematisches Problem, das sich jedem Versuch, einen brauchbaren Klassenbegriff zu entwickeln, stellt. Im Werk Marxens selbst finden wir einerseits eine strukturelle Analyse der polaren Klassenpositionen, die sich aus der Struktur und Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise ergeben, andererseits aber konkrete Beschreibungen von Klassenk&#228;mpfen und den gesellschaftlichen Akteuren, die in diesen K&#228;mpfen auftreten. So stellt sich die Frage, in welchem Verh&#228;ltnis die abstrakt bestimmten Klassenpositionen zu den konkreten Mustern von Klassenformierung und Klassenk&#228;mpfen stehen. Marx selbst entwickelt keine Antwort auf die Frage, wie eine systematische Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen aussehen k&#246;nnte.<br />
In den klassentheoretischen Debatten der 1970er Jahre versuchte der marxistische Soziologe Erik Olin Wright, diese L&#252;cke durch eine Reihe von Unterscheidungen in den Griff zu bekommen. Tats&#228;chlich, so das Argument, haben wir es mit zwei unterschiedlichen, aber zusammenh&#228;ngenden Problemen zu tun: Erstens geht es um die Frage, wie sich eine Analyse der aus der Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse bestimmten Klassenpositionen zur Frage der Klassenformierung – sprich der Konstitution von Klassen als organisierte, handlungsf&#228;hige Kollektive – verh&#228;lt.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die „Leerstellen“, die in die Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse eingeschrieben sind, gehen nicht automatisch mit bestimmten Formen der kollektiven Organisierung von Klasse einher: „Die soziale Klassenstruktur  eterminiert nicht mechanisch politische Repr&#228;sentation und Konflikte.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Gleichzeitig aber bleiben Klassenstrukturen in den konkreten Formierungsprozessen gesellschaftlicher Akteure stets als deren Bedingungen anwesend. „In der Dynamik der Klassenverh&#228;ltnisse kann sich die Subjektivit&#228;t des Bewusstseins nicht arbitr&#228;r von der Struktur emanzipieren, ebenso wenig k&#246;nnen die objektiven Bedingungen passiv vom Bewusstsein abgespalten werden. Diese Problematik steht jeder mechanistischen Konzeption eines notwendigen &#220;bergangs vom ,an-sich‘ zum ,f&#252;r-sich‘ entgegen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Zweitens stellt sich das Problem der Verbindung zwischen den unterschiedlichen Abstraktionsebenen der Klassenanalyse: Der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital wird schon auf Ebene der <em>kapitalistischen Produktionsweise</em> – der Darstellung der Struktur und inh&#228;renten Dynamik gesellschaftlicher Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrem idealen Durchschnitt – sichtbar. Auf Ebene der <em>Gesellschaftsformation </em>treten hingegen auch andere Klassenlagen auf. Der Begriff der Gesellschaftsformation verweist auf Gesellschaft als spezifische Kombination verschiedener Produktionsweisen, die zueinander in hierarchischen Verh&#228;ltnissen stehen. Die Anwesenheit vorkapitalistischer Klassen innerhalb kapitalistischer Gesellschaften, aber auch die verschiedenen Organisationsformen kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse selbst, k&#246;nnen auf dieser Ebene in den Blick genommen werden. <em>Konjunkturelle </em>Analysen schlie&#223;lich m&#252;ssen die Vielfalt an historisch kontingenten Umst&#228;nden, institutionellen Gegebenheiten und ideologischen Faktoren sowie die Verh&#228;ltnisse zwischen Klassen und anderen, nicht-klassenf&#246;rmigen Herrschaftsverh&#228;ltnissen, wie Geschlechterverh&#228;ltnissen und Rassismen, mit einbeziehen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Es ist dies auch die Ebene, auf der sich das Problem der Klassenformierung erstmals konkret stellt. Auf Ebene der kapitalistischen Produktionsweise und der Gesellschaftsformation haben strukturelle Analysen ihren Ort. Die Frage, wie Klassen sich als Klassen organisieren und zu historisch handlungsf&#228;higen Akteuren werden, kann auf diesen Ebenen jedoch nicht beantwortet werden. Wie zuvor vermerkt, sind formierte Klassen nicht einfach Ausdruck von Strukturpositionen, sondern politische Subjekte, die sich in Konflikten konstituieren und dies in Abh&#228;ngigkeit von staatlich-institutionellen Verortungen, spezifischen politisch-ideologischen Konfigurationen, kurz- und l&#228;ngerfristigen B&#252;ndnisstrategien, etc. Will man zu einer Einsch&#228;tzung der dynamischen Prozesse der Klassenformierung in einer gegebenen gesellschaftlichen und politischen Situation gelangen, muss man also notwendigerweise die Abstraktionsebenen „hinunterwandern“. Aber wie?</p>
<p><strong>Methodische &#220;berlegungeny</strong><br />
Eine m&#246;gliche Antwort l&#228;sst sich aus methodischen &#220;berlegungen zum Kapital gewinnen. Marx verf&#228;hrt im Kapital nicht, indem er Definitionen oder Kriterien etwa daf&#252;r anf&#252;hrt, was „Mitgliedschaft“ in der ArbeiterInnenklasse bedeutet. Stattdessen holt er schrittweise eine Reihe von Bestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt ein.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Der oft zitierte Aufstieg „vom Abstrakten zum Konkreten“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> bezieht sich auf dieses Einholen von neuen Bestimmungen. Von den einfachen Begriffen Ware und Wert ausgehend n&#228;hern sich „die Gestaltungen des Kapitals […] schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfl&#228;che der Gesellschaft […] auftreten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> In der Einleitung zur Kritik der politischen &#214;konomie von 1857 erkl&#228;rt Marx, dass und warum das Konkrete notwendigerweise komplex ist: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Proze&#223; der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Louis Althusser hat darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Prozess schrittweiser Konkretion nicht um ein deduktives Ableitungsman&#246;ver handelt: „ganz fern von jeder Selbst-Herstellung der Begriffe“ verf&#228;hrt Marx im Kapital vielmehr „durch die Setzung eines Begriffs und die anschlie&#223;ende Erforschung (Analyse) des durch diese Setzung zugleich erschlossenen und geschlossenen (begrenzten) Raumes, usf.: Bis hin zur Konstitution theoretischer Felder eines &#228;u&#223;ersten Komplexit&#228;tsgrades.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Das Kapital stellt also einen mehrstufigen Analyseprozess dar, in dem bei jedem Schritt neue und komplexere Bestimmungen eingef&#252;hrt werden. Diese erlauben es, Sackgassen aufzul&#246;sen und theoretische Schwierigkeiten zu beheben, die in fr&#252;heren Phasen der Analyse aufgetreten sind. Die schrittweise Konkretion und Komplizierung der theoretischen Instrumentarien hat dabei auch zur Folge, dass bereits entwickelte Begriffe und Kategorien durch sp&#228;tere Analyseschritte modifiziert und mit neuer Bedeutung angereichert werden. Daniel Bensaïd argumentiert, dass dieser Prozess nicht k&#252;nstlich zu einem Schluss gebracht werden soll: das Kapital ist in gewisser Hinsicht ein „unendliches“ Buch, das &#252;ber die von Marx selbst in drei B&#228;nden behandelten Themen hinausweist. Dass Marx in seinem urspr&#252;nglichen Konzept f&#252;r Das Kapital weitere B&#228;nde, darunter einen zum Staat und einen zum Weltmarkt geplant hatte, weist in diese Richtung.</p>
<p><strong>Das Kapital: ein unendliches Buch</strong><br />
Bensaïd zeichnet nach, wie auch der Klassenbegriff auf der „langen Reise des Kapitals“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> einen Prozess schrittweiser Konkretion und Modifikation durchmacht. Im ersten Band des Kapitals wird das Ausbeutungsverh&#228;ltnis zwischen freier Lohnarbeit und Kapital analysiert. Die Ausbeutung stellt aber nur die erste und abstrakteste der Bestimmungen des Klassenverh&#228;ltnisses dar. Der Klassenbegriff ist kein statisches Konzept, denn Klassenverh&#228;ltnisse stehen im Zusammenhang mit der Akkumulationsdynamik des Kapitals. Das Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gewinnt im zweiten Band des Kapitals die zus&#228;tzliche Dimension des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft. „Das Kapitalverh&#228;ltnis w&#228;hrend des Produktionsprozesses kommt nur heraus, weil es an sich im Zirkulationsakt existiert, in den unterschiedlichen &#246;konomischen Grundbedingungen, worin K&#228;ufer und Verk&#228;ufer sich gegen&#252;bertreten, in ihrem Klassenverh&#228;ltnis.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der Klassenbegriff wird in Folge um die Begriffe der produktiven und indirekt produktiven Arbeit erweitert. Produktive Arbeit nimmt die Form des Mehrwerts an und wird in dieser Form vom Kapital angeeignet.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Diejenige Arbeit, die gegen Revenue<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> getauscht wird und keinen Mehrwert erzeugt, ist hingegen unproduktiv. Im dritten Band werden die bisherigen Bestimmungen in eine Analyse der Dynamik der Kapitalkonkurrenz, der Angleichung der Durchschnittsprofitraten und der Distribution der Revenue integriert. Vom Standpunkt gesamtgesellschaftlicher Reproduktion erscheinen Klassen nun nicht mehr alleinig &#252;ber Ausbeutung und produktive/indirekt produktive Arbeit bestimmt: Ausbeutungsverh&#228;ltnis, Lohnverh&#228;ltnis, Produktivit&#228;t und die Distribution von Revenuen im Prozess gesamtgesellschaftlicher Reproduktion treten als Bestimmungen zusammen. Es wird nun auch deutlich, dass das Ausbeutungsverh&#228;ltnis die Dynamik der Kapitalkonkurrenz, die Ausbildung einer Durchschnittsprofitrate und die Bestimmung gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit voraussetzt. Erst von diesem Standpunkt aus wird es m&#246;glich, dass „Klassen als etwas anderes [erscheinen], denn als eine Summe von Individuen, die eine &#228;hnliche gesellschaftliche Funktion erf&#252;llen.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es ist dies der Punkt, an dem sichtbar wird, dass der Klassenantagonismus nicht auf den Konflikt zwischen einzelnen ArbeiterInnen und KapitalistInnen am Arbeitsplatz reduzierbar ist. Aufgrund der Angleichung der Durchschnittsprofitraten ist der Mehrwert, den ein Einzelkapital einf&#228;hrt, stets Anteil des gesamtgesellschaftlich produzierten Mehrwerts. Auf diese Weise konstituiert sich das Kapital in seiner Gesamtheit &#252;ber die Reproduktionsdynamiken gegen die Gesamtheit der ArbeiterInnenklasse. „Aus dem Gesagten ergibt sich, da&#223; jeder einzelne Kapitalist, wie die Gesamtheit aller Kapitalisten jeder besondern Produktionssph&#228;re, in der Exploitation der Gesamtarbeiterklasse durch das Gesamtkapital und in dem Grad dieser Exploitation nicht nur aus allgemeiner Klassensympathie, sondern direkt &#246;konomisch beteiligt ist, weil, alle andern Umst&#228;nde, darunter den Wert des vorgescho&#223;nen konstanten Gesamtkapitals als gegeben vorausgesetzt, die Durchschnittsprofitrate abh&#228;ngt von dem Exploitationsgrad der Gesamtarbeit durch das Gesamtkapital.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Komplexe Bestimmungen</strong><br />
Eine bedeutende Konsequenz dieser Bestimmung ist, dass nun auch Arbeiten, die in vorangegangenen Stadien der Analyse als unproduktiv erschienen, als Teil des gesellschaftlichen „Gesamtarbeiters“ auftreten. Zu den bisher entwickelten Bestimmungen antagonistischer Klassenpositionen tritt das Kriterium der Einkommensquellen hinzu, welche sich im Fall der KapitalistInnen aus Revenuen, im Fall der ArbeiterInnen aus Lohnarbeit speisen. Wie Marx selbst vermerkt, darf aber die letztere Bestimmung von Klassenpositionen aus Einkommensquellen nicht verabsolutiert werden. „Indes w&#252;rden von diesem Standpunkt aus z.B. &#196;rzte und Beamte auch zwei Klassen bilden, denn sie geh&#246;ren zwei unterschiednen gesellschaftlichen Gruppen an, bei denen die Revenuen der Mitglieder von jeder der beiden aus derselben Quelle flie&#223;en.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> W&#228;ren Einkommensquellen das vorrangige und einzige Kriterium, so w&#252;rden sich Klassen in Status- und Berufsgruppen aufl&#246;sen. Stattdessen m&#252;ssen, wie Bensaïd vermerkt, die Bestimmungen, die in den drei B&#228;nden des Kapitals aufgezeigt wurden, in ihrer Einheit gefasst werden: „das Ausbeutungsverh&#228;ltnis, das den Mehrwert erkl&#228;rt, das Lohnverh&#228;ltnis, […] direkt und indirekt produktive Arbeit, die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Natur und H&#246;he des Einkommens“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> erzeugen erst in ihrem inneren Zusammenhang die Perspektive, von der ausgehend Klassen als dynamische, antagonistische Kr&#228;fte erfasst werden k&#246;nnen. Bensaïd argumentiert, dass damit die Bestimmung des Klassenbegriffs jedoch noch keineswegs abgeschlossen ist: „Bestimmt auf Ebene des Produktionsprozesses im Gesamten, k&#246;nnen Klassen immer noch neue Bestimmungen erhalten, von Analysen der Familie, Ausbildung, des Staates und des politischen Kampfes selbst.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Wenn die unterschiedlichen Abstraktionsebenen der Klassenanalyse aus Erik Olin Wrights Perspektive als durch tiefe Gr&#228;ben getrennt erscheinen, was eine gewisse Ratlosigkeit dar&#252;ber erzeugt, wie diese Gr&#228;ben denn systematisch zu &#252;berbr&#252;cken sind, so erscheint der Weg vom Abstrakten zum Konkreten bei Daniel Bensaïd als organischer Prozess des schrittweisen Einholens zus&#228;tzlicher Bestimmungen.<br />
Im Folgenden werden wir uns dem Problem der Bestimmung der Mittelklassen zuwenden und dies als Beispiel nutzen, um zu zeigen, was es bedeutet, die Abstraktionsebenen „hinunterzuwandern“. Die Frage der Mittelklassen ist nicht nur „essentiell, wenn die klassischen Anliegen des Marxismus – ein Verst&#228;ndnis der Entwicklung der Widerspr&#252;chedes Kapitalismus und der Voraussetzungen einer revolution&#228;ren Transformation kapitalistischer Gesellschaften – in rigoroser Weise analysiert werden sollen“, wie Wright festh&#228;lt.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Sie erfordert auch eine zunehmende Konkretion der Klassenanalyse. Unsere Darstellung theoretischer Positionen zur Einsch&#228;tzung der Mittelklassen wird notwendigerweise selektiv verfahren und bescheidener sein als Bensaïds Entwurf zunehmender Konkretion. Es ist aber sinnvoll, im Folgenden die Idee eines &#252;ber den Text des <em>Kapitals </em>hinausgehenden Bestimmungsprozesses im Kopf zu behalten und sich zu vergegenw&#228;rtigen, dass jede der zus&#228;tzlich eingef&#252;hrten Bestimmungen auch eine R&#252;ckfrage nach den zuvor bereits entwickelten Begriffen und Kategorien notwendig macht.</p>
<p><strong>Marx und die Mittelklassen</strong><br />
Marx und Engels gehen, wie bereits beschrieben, im <em>Manifest der Kommunistischen Partei</em> und im dritten Band des <em>Kapital </em>davon aus, dass es eine Tendenz zur Polarisierung der zwei Hauptklassen gibt, und dass der Widerspruch zwischen diesen sich immer deutlicher auspr&#228;gt. Eine systematische Bestimmung von Mittelklassen finden wir bei ihnen darum nicht vor – auch nicht im <em>18. Brumaire</em>, in dem Marx selbst den Begriff der Mittelklasse verwendet. Wenn das traditionelle Kleinb&#252;rgerInnentum, also die einfachen WarenproduzentInnen, eine historisch entstandene &#220;bergangsklasse aus dem Feudalismus ist und es eben eine Tendenz zur Polarisierung gibt, kann der Eindruck entstehen, als w&#252;rde eine Theorie der Mittelklasse im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus unn&#246;tig werden. Diese Prognose erwies sich jedoch als historisch inad&#228;quat. Auch ohne der b&#252;rgerlichen „Mittelstands“-Ideologie aufzusitzen, l&#228;sst sich die historische Ausdifferenzierung von Gesellschaftsschichten, Positionen und Interessenlagen vermerken, die weder in die Konzeption des Proletariats, noch in jene der Bourgeoisie passen. Marxistische Klassenanalysen wurden von b&#252;rgerlicher Seite oft dahingehend kritisiert, dass die Vorstellung eines bipolaren Klassenantagonismus aufgrund dieser Entwicklungen historisch &#252;berholt sei. Schon alleine als Defensivstrategie gegen solche Angriffe ist es notwendig, eine marxistische Bestimmung der Mittelklassen zu entwickeln, die mit der Diagnose vereinbar ist, dass der zentrale Interessenkonflikt in kapitalistischen Gesellschaften zwischen Arbeit und Kapital verl&#228;uft.<br />
Andererseits aber kann der Ruf nach einer klassentheoretischen „Einordnung“ der Mittelklassen misstrauisch machen, erinnert er doch stark an „positivistische“ Vorstellungen, welche den Klassenbegriff als Klassifikationsschema zur Zuordnung unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen gem&#228;&#223; ihrer „Eigenschaften“ missverstehen. Eine solche Auffassung des Klassenbegriffs ist oft genug – und zu Recht – kritisiert worden. Klassen sind keine Dinge, keine Berufs- oder Einkommensgruppen, sie existieren nicht au&#223;erhalb jener gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse, die sie konstituieren. Klassen gibt es nur in ihren Konfliktverh&#228;ltnissen zu anderen Klassen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Letztlich ist der Klassenbegriff auch nicht ein blo&#223;es Analyseschema zur Beschreibung der Struktur kapitalistischer Gesellschaften, sondern ein theoretisches Instrument, um soziale Konflikte und die Triebkr&#228;fte gesellschaftlicher Transformation fassen zu k&#246;nnen. Die klassentheoretische Analyse und Einsch&#228;tzung der Mittelklassen ist daher auch politisch relevant: Denn die Frage nach den Mittelklassen ist immer mit der Frage nach den Grenzen der ArbeiterInnenklasse und damit nach den politischen Voraussetzungen einer revolution&#228;ren Transformation kapitalistischer Gesellschaften verbunden. Eine Antwort auf das Problem der Klassenposition von jenen Gesellschaftsgruppen, die weder einfach der Bourgeoisie noch dem Proletariat zuordenbar sind, stellt also zugleich einen Beitrag zur Diskussion um politische B&#252;ndnisse und Strategien dar.</p>
<p><strong>Neue Klasse oder Neue ArbeiterInnenklasse?</strong><br />
In den 1970er und -80er Jahren versuchten verschiedene TheoretikerInnen Antworten auf die Problematik der „Mittelklasse“ bei Marx zu formulieren. Sie reagierten damit auch auf gesellschaftliche Transformationsprozesse im Fordismus, die eine quantitative Ausweitung von nicht eindeutig zuordenbaren Klassenpositionen bedeuteten, wie etwa hierarchische Funktionen (ManagerInnen, leitende Angestellte und andere &#220;berwachungs- und Verwaltungsaufgaben), Staatsangestellte, Scheinselbstst&#228;ndige, etc.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Unter den verschiedenen Konzeptionen zum Verst&#228;ndnis der Mittelklasse k&#246;nnen vier grundlegende Str&#228;nge ausgemacht werden. Erstens, das Konzept der <em>Neuen Klassen</em>. Beispielhaft f&#252;r die Theorie, wonach die Mittelklasse eine v&#246;llig neue Klasse mit eigenen Interessen ist, die weder mit jenen der Bourgeoisie noch denen der ArbeiterInnenklasse &#252;bereinstimmen, sind die &#220;berlegungen von Barbara und John Ehrenreich. Sie bezeichnen diese Neue Klasse als „Professional Managerial Class“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. In den Konzeptionen einer Neuen Klasse ist jedoch v&#246;llig unklar, ob „die recht unterschiedlichen Soziallagen, die unter dieser Flagge zusammengefasst sind, objektive Klasseninteressen teilen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Auch wenn TheoretikerInnen der Neuen Klasse den Aspekt der Kontrolle, etwa von Wissen, einbeziehen, so bleibt dies meist auf die Ebene des Produktionsprozesses beschr&#228;nkt, andere Dimensionen gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse, die Klassen konstituieren, fallen weg. Der griechisch-franz&#246;sische Marxist Nicos Poulantzas hat die Konzeption einer „ManagerInnenklasse“ daher als „f&#252;r die marxistische Theorie undenkbar“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> abgetan. Die Vorstellung, vom Zuwachs und steigenden Einfluss bestimmter Managementstrukturen lie&#223;e sich unmittelbar auf das Entstehen einer Neuen Klasse schlie&#223;en, hat dennoch immer wieder theoretische Konjunktur. So kann ein &#228;hnlicher Versuch in neogramscianischen Ans&#228;tzen innerhalb der Internationalen Politischen &#214;konomie ausgemacht werden, die im Anschluss an Robert Cox von einer „transnationalen ManagerInnenklasse“ sprechen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Ein zweiter analytischer Ansatz ist das Konzept der Neuen ArbeiterInnenklasse. Die Erweiterung des Begriffs der ArbeiterInnenklasse und die Konzeptualisierung eines Gro&#223;teils der gesellschaftlichen K&#228;mpfe als jene der ArbeiterInnenklasse wurde etwa vom Sozialphilosophen André Gorz, der alle Lohnabh&#228;ngigen ohne Verf&#252;gung &#252;ber Kapital zur ArbeiterInnenklasse z&#228;hlt<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, oder dem Soziologen Serge Mallet<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a><br />
vertreten. Auch diese Idee und die damit verbundene These, man habe es bei den Mittelklassen nicht mit „echten“ Zwischenlagen zu tun, sondern schlicht mit neuen Formen des Proletariats, gewinnt immer wieder neue theoretische Attraktivit&#228;t. Besonders deutlich wird dies in Ans&#228;tzen, welche die ArbeiterInnenklasse ausschlie&#223;lich &#252;ber das Kriterium der freien Lohnarbeit – also die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft am Markt feilzubieten – bestimmen. So findet sich ein Nachhall der These von der Neuen ArbeiterInnenklasse z.B. im post-operaistischen Konzept der Multitude, wie es prominent von Toni Negri und Michael Hardt entwickelt wurde. Gemein ist vielen dieser Konzeptionen die problematische Konsequenz, die gesamte Masse der Lohnabh&#228;ngigen als revolution&#228;res Subjekt anzurufen und dabei die gro&#223;en Interessensunterschiede innerhalb derselben zu verdecken.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Fruchtbarer als die Konzepte der Neuen Klassen und der Neuen ArbeiterInnenklasse erscheinen uns zwei weitere Ans&#228;tze, das Konzept des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums, das von Nicos Poulantzas vorgeschlagen wurde, sowie jenes der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen von Erik Olin Wright. Da uns beide Ans&#228;tze trotz gewisser Kritikpunkte politisch anschlussf&#228;hig erscheinen, m&#246;chten wir im Folgenden n&#228;her auf sie eingehen.</p>
<p><strong>Poulantzas und das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum</strong><br />
Poulantzas’ theoretische Ausgangs&#252;berlegung lautet, dass es nicht ausreicht, Klassen allein durch ihre &#246;konomische Verortung zu bestimmen. Es gehe vielmehr auch darum, „soziale Klassen durch ihre Stellung im Ganzen der gesellschaftlichen Praxis-Arten zu definieren“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> – also nicht nur durch ihre Stellung in der Arbeitsteilung, sondern auch &#252;ber politische und ideologische Verh&#228;ltnisse. Konkret versucht er, das Problem der Mittelklasse durch Erweiterung und Umdeutung der traditionellen Klasse des Kleinb&#252;rgerInnentums und ihrer inneren Differenziertheit zu l&#246;sen. Die &#246;konomischen Merkmale des traditionellen Kleinb&#252;rgerInnentums beschreibt Poulantzas als Einheit des Besitzes der Produktionsmittel und deren Verarbeitung: „[D]iese Kleinproduktion macht Profit aus dem Verkauf der Waren und durch die Beteiligung an der totalen R&#252;ckverteilung des Mehrwerts, presst aber nicht unmittelbar Mehrwert ab.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum hingegen bestehe aus den nichtproduktiven Lohnempf&#228;ngerInnen und MitarbeiterInnen des Staates und dessen Staatsapparate, „ihre Ausbeutung erfolgt durch direkte Absch&#246;pfung von Mehrarbeit und nicht durch die Produktion von Mehrwert.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Das Kleinb&#252;rgerInnentum sei der Ausbeutung nur in Form des Lohnes und der Konkurrenz ausgesetzt, nicht aber innerhalb des Produktionsprozesses. Laut Poulantzas f&#252;hrt dies zu einer Reihe von politischen und ideologischen Merkmalen, die das neue Kleinb&#252;rgerInnentum auszeichnet: „kleinb&#252;rgerlicher Individualismus“, Neigung zum Status Quo und Furcht vor der Revolution, „Mythos des gesellschaftlichen Aufstieges“ und Streben nach b&#252;rgerlichem Status<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> – sowie Vertrauen in einen neutralen, &#252;ber den Klassen stehenden Staat und die Bindung an bonapartistische Regierungsformen. In seiner Analyse anderer Klassen weist Poulantzas wiederholt auf die Inhomogenit&#228;t von Ideologie und Interessen hin. Ob sich auch die Ideologie des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums durch Widerspr&#252;che und Unterschiede auszeichnet, bleibt unklar und in seinen Schriften ambivalent. Wie auch in der ArbeiterInnenklasse und der Bourgeoisie lassen sich laut Poulantzas im Kleinb&#252;rgerInnentum bei genauer Betrachtung der politisch-ideologischen Divergenzen zahlreiche Fraktionen ausmachen. So h&#228;lt Poulantzas z.B. fest, „dass die kleinb&#252;rgerliche Fraktion der nicht-produktiven Lohnempf&#228;nger der Arbeiterklasse n&#228;her ist als die des traditionellen Kleinb&#252;rgerInnentums“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>. Weil Poulantzas Begriff des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums so breit gef&#228;chert ist und so viele verschiedene Lebensrealit&#228;ten umfasst, stellt sich hier die Frage, wie homogen die von ihm angenommene kleinb&#252;rgerliche Ideologie &#252;berhaupt sein kann.</p>
<p><strong>Produktive und unproduktive Arbeit</strong><br />
Dar&#252;ber hinaus ergeben sich aus dem von Poulantzas getroffenen, zentralen Unterscheidungsmerkmal f&#252;r das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum, die unproduktive Arbeit, einige Probleme f&#252;r seine Klassentheorie. Die Debatte um produktive und unproduktive Arbeit ist eine wichtige Frage in der Marxschen politischen &#214;konomie. Ob Arbeit als produktiv oder unproduktiv bezeichnet wird, „h&#228;ngt nicht vom Charakter des produzierten Gebrauchswerts ab, sondern davon, ob die Ware, die ich produziere, […] zugleich Mehrwert enth&#228;lt“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> oder nicht. Poulantzas bezieht sich in seinen Analysen vor allem auf Marxens Definition von produktiver Arbeit im ersten Band des Kapitals: „Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. […] Steht es frei, ein Beispiel au&#223;erhalb der Sph&#228;re der materiellen Produktion zu w&#228;hlen, so ist ein Schulmeister ein produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderk&#246;pfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Dass letzerer sein Kapital in einer Lehrerfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik &#228;ndert nichts an dem Verh&#228;ltnis. Der Begriff des produktiven Arbeiters schlie&#223;t daher keineswegs blo&#223; ein Verh&#228;ltnis zwischen T&#228;tigkeit und Nutzeffekt, Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftlich, geschichtlich entstandenes Produktionsverh&#228;ltnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitalisten stempelt.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Daraus ergibt sich, dass f&#252;r Poulantzas etwa Lohnabh&#228;ngige an der Kasse eines Supermarktes in jedem Fall „unproduktive Arbeit“ leisten w&#252;rden und auch nach der hier von Marx dargelegten Definition, auf Grund der fehlenden Mehrwertproduktion, nicht zur ArbeiterInnenklasse geh&#246;ren. Im dritten Band des Kapitals analysiert Marx jedoch die Frage von produktiver und unproduktiver Arbeit in Bezug auf die „kommerziellen ArbeiterInnen“, und argumentiert hier gegen eine Bestimmung allein auf Grund der Mehrwertproduktion: „Wie die unbezahlte Arbeit des Arbeiters dem produktiven Kapital direkt Mehrwert schafft, schafft die unbezahlte Arbeit der kommerziellen Lohnarbeiter dem Handelskapital einen Anteil an jenem Mehrwert.“<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Deutlich wird hier, dass auch unproduktive Arbeit ausgebeutet wird: „Der kommerzielle Arbeiter produziert nicht direkt Mehrwert. Aber der Preis seiner Arbeit ist durch den Wert seiner Arbeitskraft, also deren Produktionskosten, bestimmt, w&#228;hrend die Aus&#252;bung dieser Arbeitskraft, als eine Anspannung, Kraftver&#228;u&#223;erung und Abnutzung, wie bei jedem anderen Lohnarbeiter, keineswegs durch den Wert seiner Arbeitskraft begrenzt ist. Sein Lohn steht daher in keinem notwendigen Verh&#228;ltnis zu der Masse des Profits, die er dem Kapitalisten realisieren hilft. Was er dem Kapitalisten kostet, und was er ihm einbringt, sind verschiedene Gr&#246;&#223;en. Er bringt ihm ein, nicht indem er direkt Mehrwert <em>schafft</em>, aber indem er die Kosten der Realisierung des Mehrwerts vermindern hilft, soweit er, zum Teil unbezahlte, Arbeit verrichtet.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Das hei&#223;t, auch „unproduktive“ Arbeit kann ausgebeutet werden, wenn sie zur Realisierung des (im strikten Sinne nicht von ihr produzierten) Mehrwerts betr&#228;gt. Poulantzas Begriff von produktiver Arbeit und die sich f&#252;r ihn daraus ergebende Definition der ArbeiterInnenklasse ist demnach zu eng gefasst.</p>
<p><strong>Neues Kleinb&#252;rgerInnentum und revolution&#228;re Politik</strong><br />
Die Einengung der ArbeiterInnenklasse auf produktive ArbeiterInnen, durch welche zugleich das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum zum Auffangbecken f&#252;r all jene Klassenpositionen wird, die nicht mehr in die Kategorie der ArbeiterInnenklasse passen, ist auch politisch hochgradig problematisch. Gerade im Hinblick auf die politischen Schlussfolgerungen einer Klassentheorie wirft Poulantzas aber durchaus interessante Fragen auf. Er legt den Schwerpunkt auf die ideologische und politische Verortung der Mittelklassen, im Bewusstsein, dass eine klassentheoretische Bearbeitung der Mittelklassen enorm wichtig f&#252;r die Frage politischer B&#252;ndnisse und Allianzen in revolution&#228;rer Perspektive ist.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Poulantzas erkennt, dass auch andere Klassen oder Klassenfraktionen als die ArbeiterInnenklasse selbst f&#252;r die Formierung eines transformativen politischen Projektes gewinnbar sind und letztlich in ein revolution&#228;res politisches Projekt eingebunden werden m&#252;ssen, soll dieses erfolgreich sein. Die Aufgabe der ArbeiterInnenklasse in B&#252;ndnissen sei es demnach, die Interessen der von ihm so genannten „Volksmassen“ zu beachten, aber auch die Widerspr&#252;che innerhalb dieser zu erkennen, ohne dabei das revolution&#228;re Ziel aus den Augen zu verlieren. Nur durch tempor&#228;re, von den gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngige B&#252;ndnisse komme die ArbeiterInnenklasse ihrem Ziel n&#228;her.<br />
Die Diagnose, dass ein revolution&#228;res Projekt nicht ohne B&#252;ndnispolitik auskommt, ist korrekt. Mit Poulantzas l&#228;sst sich allerdings nur schwer erfassen, wie sich gemeinsame Interessen und Zielvorstellungen zwischen der ArbeiterInnenklasse und bestimmten Fraktionen des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums herausbilden k&#246;nnen. Die Vorstellung einer gemeinsamen Ideologie der Mittelklassen scheint den von Poulantzas selbst geforderten B&#252;ndnissen geradezu entgegengesetzt. Auf Basis welcher geteilten Interessen solche B&#252;ndnisse m&#246;glich sind, bleibt in Poulantzas Konzeption vage.</p>
<p><strong>Theorie der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen</strong><br />
Erik Olin Wrights Klassenanalyse hat sich vor allem in der Auseinandersetzung mit Poulantzas und den Leerstellen innerhalb seines theoretischen Entwurfes herausgebildet. Mit dem Begriff objektiv widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen nimmt Erik Olin Wright eine Problemverschiebung vor, die wichtige politische Implikationen hat: Im Unterschied zu Poulantzas Konzeption und anderen Theorien der Mittelklassen, geht er nicht davon aus, dass alle sozialen Positionen einer einzigen Klasse zuordenbar sein m&#252;ssen. Statt nach der <em>Klassenzugeh&#246;rigkeit </em>von Gesellschaftsgruppen zu fragen, die sich schlecht in das bipolare Schema Bourgeoisie versus Proletariat einf&#252;gen lassen, versucht er auf Basis einer Analyse der ausdifferenzierten Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse eine „Landkarte“ m&#246;glicher <em>Klassenpositionen </em>zu gewinnen. Seine Hauptthese ist, dass sich in diesen Strukturen Klassenpositionen ausmachen lassen, die <em>widerspr&#252;chlich </em>sind – insofern, als sie sich teils mit Positionen der Bourgeoisie und teils mit Positionen des Proletariats &#252;berschneiden. Um diese widerspr&#252;chlichen Positionen zu erschlie&#223;en, ist es erforderlich, sich genauer mit den gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen, die Klassenverh&#228;ltnisse auf Ebene der Produktionsverh&#228;ltnisse konstituieren, auseinanderzusetzen. Die von Poulantzas eingef&#252;hrte Unterscheidung zwischen &#246;konomischem Eigentum und Besitz wird von Wright weiter ausdifferenziert. Wright argumentiert, dass es in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften zu einer Ausdifferenzierung von Kapitalfunktionen und zu einem Auseinandertreten dieser Funktionen gekommen ist, wodurch diese in Folge nicht mehr in den H&#228;nden einzelner Kapitaleigent&#252;merInnen konzentriert sind, sondern &#252;ber komplexe Management-Hierarchien aufgeteilt werden.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Zun&#228;chst unterscheidet Wright zwischen <em>juridischem Eigentum</em>, also dem formalen rechtlichen Titel auf Kapitaleigentum, der auch in Form von Aktienteilhabe bestehen kann, und <em>&#246;konomischem Eigentum</em>. Solange kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse in rechtliche Formen des Privateigentums eingebettet sind, stellt formales juridisches Eigentum eine notwendige Bedingung f&#252;r &#246;konomisches Eigentum dar. Es ist allerdings keine hinreichende Bedingung f&#252;r &#246;konomisches Eigentum.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Des Weiteren bedingt die Konzentration und Zentralisation von Kapital im Akkumulationsprozess ein Auseinandertreten von Funktionen des &#246;konomischen Eigentums und des <em>Besitzes</em>. W&#228;hrend &#246;konomisches Eigentum die Kontrolle &#252;ber Investitionen und Ressourcenallokation, vereinfacht ausgedr&#252;ckt, die Kontrolle dar&#252;ber <em>was </em>produziert wird, bezeichnet, bezieht sich Besitz auf die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess selbst, also dar&#252;ber, <em>wie </em>produziert wird. Die Konzentration von Kapital macht zugleich aber auch interne Differenzierungen und komplexe Hierarchien innerhalb der Dimension des Besitzes, also der Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess, erforderlich: Die Funktion der Kontrolle &#252;ber die <em>Produktionsmittel</em>, die von unterschiedlichen Ebenen des Managements &#252;bernommen wird und die Kontrolle &#252;ber die <em>Arbeit</em>, die von VorarbeiterInnen und anderen Aufsichtsorganen exekutiert wird, treten auseinander. F&#252;r die Bestimmung widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen sind drei Faktoren ausschlaggebend: Die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel (Besitz), die Kontrolle &#252;ber Arbeit (Besitz) und die Kontrolle &#252;ber Investitionen und Ressourcenallokation (&#246;konomisches Eigentum).<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a><br />
Erik Olin Wright argumentiert, dass der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit eine Polarisierung dieser drei Aspekte darstellt: Kapital und ArbeiterInnenklasse sind jeweils am entgegengesetzten Ende dieser Kontrollverh&#228;ltnisse angesiedelt. „KapitalistInnen kontrollieren den Akkumulationsprozess, bestimmen wie die materiellen Produktionsmittel verwendet werden sollen, und kontrollieren die Autorit&#228;tsstruktur innerhalb des Arbeitsprozesses. ArbeiterInnen hingegen sind von der Kontrolle &#252;ber Autorit&#228;tsverh&#228;ltnisse, die materiellen Produktionsmittel, und den Investitionsprozess ausgeschlossen. Diese zwei Kombinationsformen der drei Prozesse von Klassenverh&#228;ltnissen konstituieren die zwei grundlegenden antagonistischen Klassenpositionen in der kapitalistischen Produktionsweise.“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a></p>
<p><strong>Jenseits der Hauptklassen</strong><br />
Auf Ebene der Produktionsweise sind auch nur diese beiden Klassenpositionen sichtbar. Wenn man aber die Stufenleiter der Abstraktion „hinunterwandert“ und sich auf die Ebene von Gesellschaftsformationen begibt, taucht eine Vielzahl anderer Klassenpositionen auf. Wright nennt zwei Gr&#252;nde, warum sich das Spektrum m&#246;glicher Klassenpositionen erweitert:<br />
Erstens umfassen Gesellschaftsformationen mehr als nur eine einzige Produktionsweise. Mindestens eine zus&#228;tzliche Klasse tritt damit aufs Tapet der Analyse: das Kleinb&#252;rgerInnentum, das auf einfacher Warenproduktion als einer untergeordneter Produktionsweise beruht. Bauern/B&#228;uerinnen w&#228;ren weitere m&#246;gliche KandidatInnen f&#252;r „vorkapitalistische“ Klassen in kapitalistischen Gesellschaften.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Zweitens gehen die drei oben beschriebenen Dimensionen der Kontrolle nicht immer Hand in Hand. Kontrolle &#252;ber Arbeit impliziert nicht automatisch auch Kontrolle &#252;ber die Investitionsfl&#252;sse, und umgekehrt. Aus solchen Verwerfungen ergeben sich jene Positionen, die Erik Olin Wright als <em>widerspr&#252;chliche Klassenpositionen</em> bezeichnet: Diese weisen &#220;berschneidungen mit verschiedenen Klassen auf und sind quasi „zwischen ihnen“ angesiedelt. Zwischen den drei „Hauptklassen“ oder reinen Klassenpositionen in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften (Bourgeoisie, Proletariat, Kleinb&#252;rgerInnentum) macht Wright eine Reihe solcher widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen aus.<br />
1. Zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist ein ganzes Spektrum von Positionen angesiedelt, die entweder der Bourgeoisie oder dem Proletariat n&#228;her stehen: Top-ManagerInnen stehen der Bourgeoisie am n&#228;chsten, da sie zwar &#252;ber kein &#246;konomisches Eigentum an Produktionsmitteln verf&#252;gen, aber <em>Kontrolle </em>&#252;ber Arbeit und Produktionsmittel innehaben. Funktionen des mittleren Managements, „TechnokratInnen“ und Aufsichtsorgane haben ein Minimum an Kontrolle &#252;ber die eigene Arbeit und die von „Untergebenen“, &#252;ben aber kein Kommando &#252;ber den Produktionsprozess aus. Am anderen Ende des Spektrums, nahe der Position des Proletariats, sind VorarbeiterInnen angesiedelt, die zwar keine oder nur eine geringe Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel innehaben, allerdings Kontrolle &#252;ber Arbeit aus&#252;ben, wenn auch nur als Transmissionsriemen f&#252;r Anordnungen „von Oben“.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a><br />
2. Zwischen Kleinb&#252;rgerInnentum und Proletariat macht Wright die widerspr&#252;chliche Klassenposition der semiautonomen Lohnarbeit aus. Dies betrifft alle Gesellschaftsgruppen, die zwar lohnabh&#228;ngig sind, die jedoch in ihrer unmittelbareren Arbeitsumgebung eine zumindest minimale Kontrolle &#252;ber ihre Arbeitsbedingungen innehaben, also ein gewisses Ma&#223; an Entscheidungskapazit&#228;t dar&#252;ber, was und wie sie produzieren. Wright vermerkt, dass ein Gro&#223;teil der Angestellten – „white-collar workers“ – h&#246;chstens eine triviale Form der Kontrolle &#252;ber die eigene Arbeit aus&#252;bt und darum nicht der semi-autonomen Lohnarbeit, sondern dem Proletariat zuzurechnen ist.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a><br />
3. Zwischen Kleinb&#252;rgerInnentum und Bourgeoisie sind die KleinunternehmerInnen angesiedelt. Diese beuten zwar freie Lohnarbeit aus und verf&#252;gen &#252;ber die Kontrolle &#252;ber Arbeit und Produktionsmittel, leisten jedoch auch durch die eigene Arbeit einen Beitrag zum Mehrprodukt.<br />
Die Liste widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen w&#228;re sicherlich erweiterbar. Relevanter als die Frage, welche Gesellschaftsgruppen wie in Wrights Analyseschema eingeordnet werden k&#246;nnen, ist allerdings die, wie sich der von Wright gew&#228;hlte Fokus auf Funktionen der Kontrolle &#252;ber Arbeit, Produktionsmittel und Investitionen mit anderen Bestimmungen von Klasse, vor allem jenen, die &#252;ber das Ausbeutungsverh&#228;ltnis verlaufen, vereinen l&#228;sst. Erik Olin Wrights Ansatz wurde oft dahingehend kritisiert, dass er die Frage der Ausbeutung zu Gunsten einer Analyse von Kontrollfunktionen und Herrschaft aufgebe.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Ausgehend von Bensaïds methodischem Vorschlag, die schrittweise Einf&#252;hrung zus&#228;tzlicher Bestimmungen als Prozess zunehmender Konkretion und Komplexit&#228;t zu denken, l&#228;sst sich allerdings nach einer Perspektive suchen, von der aus die Einheit dieser Bestimmungen deutlich wird.</p>
<p><strong>Das Problem der Ausbeutung</strong><br />
Der britische Marxist Alex Callinicos weist mit seinen Anmerkungen zur „Neuen Mittelklasse“ in diese Richtung: er &#252;bernimmt Wrights Begriff der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen und setzt diesen zum Konzept der Ausbeutung in Beziehung. Callinicos argumentiert mit Wright, dass auch unproduktive Arbeit vom Kapital ausgebeutet werden kann, sofern Mehrarbeit extrahiert wird, die zwar nicht auf Kapitalseite als Mehrwert aufscheint, aber die Kosten f&#252;r die Realisierung des Mehrwerts f&#252;r das Kapital senkt.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Diese Analyse trifft laut Callinicos aber nicht auf jene widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen zu, die f&#252;r das Kapital Funktionen der Kontrolle &#252;ber Arbeit und Produktionsmittel &#252;bernehmen. „Das Ausma&#223;, in dem jene, die widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einnehmen, ihre Position von der Entscheidungsfreiheit erhalten, die ihnen das Kapital zuspricht, reflektiert sich im gro&#223;en Gef&#228;lle zwischen ihrem Einkommen und dem Einkommen von normalen Angestellten und ArbeiterInnen.“<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Das Einkommen von ManagerInnen und Aufsichtsorganen enth&#228;lt ein Element, das weit &#252;ber die Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft hinausgeht. Dieses Argument l&#228;sst sich aus Perspektive der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion zuspitzen: Das Einkommen, das InhaberInnen von Kontrollfunktionen beziehen, bemisst sich nicht am Wert der Ware Arbeitskraft, sondern an der Ausf&#252;hrung von Funktionen des Gesamtkapitals und speist sich direkt aus Revenuequellen. Das bedeutet, dass bestimmte Segmente der „Mittelklassen“ nicht ausgebeutet werden. Wie im dritten Band des Kapitals ausgef&#252;hrt, verweisen die Funktionen des Gesamtarbeiters und des Gesamtkapitals auch auf zwei verschiedene Einkommensquellen: W&#228;hrend die ArbeiterInnenklasse auf ein Einkommen durch Lohnarbeit angewiesen ist, speist sich das Einkommen der KapitalistInnen aus den Revenuen der Kapitalakkumulation. Die Widerspr&#252;chlichkeit von Klassenpositionen kann also auch in der Dimension von Einkommensquellen gedacht werden, wenn sich etwa das Einkommen bestimmter zwischen Bourgeoisie und Proletariat angesiedelten Klassenlagen sowohl aus Lohnarbeit, als auch aus Revenuequellen speist.<br />
Auch wenn diese Anmerkungen kursorisch bleiben, so geht aus ihnen doch hervor, dass die unterschiedlichen Elemente einer Bestimmung von Klassenverh&#228;ltnissen – Ausbeutungsverh&#228;ltnis, Lohnarbeitsverh&#228;ltnis, produktive/unproduktive Arbeit, Kontrollfunktionen, Einkommensquellen – nicht voneinander abgespalten und einzeln verabsolutiert werden d&#252;rfen, sondern erst in ihrer Einheit zu einer Bestimmung der Klassenstruktur entwickelter kapitalistischer Gesellschaften beitragen k&#246;nnen. Was in Erik Olin Wrights Analyse fehlt – und hier auch nicht geleistet werden kann – ist eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Staatsapparate und eine Ausdehnung der Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen auf Staatsangestellte und Reproduktionsarbeit. Dar&#252;ber hinaus wurde oft kritisiert, dass Wrights Ansatz auf die formale und statische Ausarbeitung einer „Landkarte“ von Strukturpositionen hinausl&#228;uft. Diese w&#228;re weder in der Lage, die historischen Prozesse, durch die bestimmte Klassenverh&#228;ltnisse geschaffen, aufrechterhalten oder transformiert werden, zu analysieren, noch k&#246;nne sie die konkreten Dynamiken der Klassenformierung erfassen.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Dass die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen dennoch bedeutende Implikationen f&#252;r den Versuch hat, zu einer Einsch&#228;tzung von Klassenformierungsprozessen und der Herstellung strategischer Klassenb&#252;ndnisse zu gelangen, wollen wir im Folgenden zeigen.</p>
<p><strong>Interessen, Erfahrungen, B&#252;ndnisse</strong><br />
Zun&#228;chst k&#246;nnen wir uns mit dem erweiterten Konzept der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen gegen einige problematische Tendenzen in der (marxistischen) Klassentheorie wenden:<br />
1. Die wohl bedeutendste Schlussfolgerung, die sich aus dem Vorkommen solcher widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen ziehen l&#228;sst, ist die, dass der Begriff der Mittelklassen im Grunde verfehlt ist: Die Mittelklasse stellt keine eigene Klasse dar, zumindest nicht in dem Sinne, in dem sich Bourgeoisie und Proletariat als Klassen konstituieren. Widerspr&#252;chliche Klassenpositionen weisen darum auch keine zusammenh&#228;ngenden Interessen auf. „ArbeiterInnen und KapitalistInnen haben jeweils eine ganz bestimmte und koh&#228;rente Menge von Interessen, die aus ihrer Position in den Produktionsverh&#228;ltnissen hervorgehen. Dies ist nicht der Fall f&#252;r die ‚Neuen Mittelklassen‘, gerade deshalb, weil sie widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einnehmen, die sie in zwei entgegengesetzte Richtungen ziehen – im Falle von ManagerInnen und Aufsichtsorganen weg von oder hin zu Bourgeoisie oder Proletariat, im Falle von semi-autonomen Angestellten weg von oder hin zum Kleinb&#252;rgerInnentum oder zum Proletariat.“<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Damit kann auch gegen Theorien argumentiert werden, die alle Lohnabh&#228;ngigen, ohne jede innere Differenzierung, als Teil der ArbeiterInnenklasse definieren.<br />
2. Umgekehrt haben wir versucht zu zeigen, dass die Theoretisierung der Ausbeutung und das Zusammendenken unterschiedlicher Bestimmungen von Klasse zentral ist, um der Reduktion der ArbeiterInnenklasse auf produktive ArbeiterInnen entgegentreten zu k&#246;nnen.<br />
3. Vom Begriff widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen ausgehend l&#228;sst sich auch Poulantzas’ These einer gemeinsamen Ideologie des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums neu bewerten: Einerseits scheint es unwahrscheinlich, dass sich die im Neuen Kleinb&#252;rgerInnentum undifferenziert zusammengeworfenen Positionen – von prekarisierten semi-autonomen LohnarbeiterInnen bis zu ManagerInnen – gemeinsam als Klasse mit einer distinkten Ideologie formieren. Andererseits steht dem nicht entgegen, dass es ideologische Faktoren und Elemente gibt, welche die Selbstwahrnehmung bestimmter Gesellschaftsgruppen (einschlie&#223;lich bestimmter Fraktionen der ArbeiterInnenklasse) und deren Selbsteinordnung in soziale Hierarchien mitbestimmen; so etwa die Trennung von manueller und kognitiver Arbeit, die Perspektive von Aufstiegsbiographien oder ein individualistischer Leistungsglaube. Diese Faktoren und Elemente erschweren eine gemeinsame Organisierung von ArbeiterInnen und InhaberInnen bestimmter, dem Proletariat nahestehender widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen.<br />
4. Zuletzt stellt sich die Frage, welchen Nutzen der Begriff widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen auf der „konkretesten“ Abstraktionsebene hat, also jener der historischen Konjunktur, auf der die Fragen von Gesellschaftsstruktur und Klassenformierung notwendigerweise ineinander &#252;bergehen. Der Begriff der Erfahrung wird hier zu einem zentralen Element politisch strategischer &#220;berlegungen. Wie zuvor ausgef&#252;hrt, weisen widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einerseits Interessen&#252;berschneidungen mit dem Kapital auf, andererseits aber lassen sich politisch Gemeinsamkeiten mit proletarischen Interessen herstellen, wobei die relative N&#228;he zu Positionen dieser beiden Klassen f&#252;r verschiedene widerspr&#252;chliche Positionen unterschiedlich ausf&#228;llt. Es ist freilich nicht ausreichend, bei einer Identifikation partieller Interessenkonvergenzen stehen zu bleiben. Objektive Interessen &#252;bersetzen sich nicht eins zu eins in konkrete politische Projekte. Interessenkonvergenzen lassen sich dort herstellen, wo geteilte Klassenlagen auch &#228;hnliche Erfahrungen bedingen. Dieselben gesellschaftlichen Strukturpositionen erzeugen der Tendenz nach &#228;hnliche Erfahrungen, so etwa jene, keine oder nur minimale Kontrolle &#252;ber den eigenen Arbeitsprozess inne zu haben, die Erfahrung sozialer und &#246;konomischer Unsicherheit, oder die Erfahrung in permanente Konkurrenzverh&#228;ltnisse gesetzt zu sein. Solche Erfahrungen ruhen auf &#228;hnlichen Lebensrealit&#228;ten auf und werden durch die eigene Positioniertheit in gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen geformt. Wie diese Erfahrungen aber erlebt, interpretiert, mit Bedeutung versehen und zu permanenten Haltungen – dem jeweiligen Selbst- und Weltverst&#228;ndnis – verdichtet werden, ist jedoch stets von gesellschaftlich verf&#252;gbaren Deutungsmustern und damit von politisch-ideologischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig. Die Erfahrung sozialer Unsicherheit etwa &#252;bersetzt sich darum nicht automatisch in ein emanzipatorisches politisches Projekt. Sie kann umgekehrt auch von rechts aufgegriffen mit z.B. Forderungen nach „Leistungsgerechtigkeit“ beantwortet werden. Im Kontext von Prozessen der Klassenformierung ist darum stets die ideologische Verarbeitung dieser Erfahrungen und die Entwicklung politischer Antworten auf dieselben ausschlaggebend.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wir haben in diesem Artikel argumentiert, dass Erik Olin Wrights Konzept der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen eine &#252;berzeugende Grundlage f&#252;r eine differenzierte marxistische Klassentheorie darstellt. Daf&#252;r sprechen ein theoretisches und ein politisches Argument.<br />
Das theoretische Argument, das wir ausgef&#252;hrt haben, geht von der &#220;berzeugung aus, dass das Problem der Mittelklassen nur im schrittweisen Durchlaufen von verschiedenen Abstraktionsebenen bearbeitet werden kann. Die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen erlaubt es einerseits an der Diagnose festzuhalten, dass der Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat – der auf der h&#246;chsten Abstraktionsebene, n&#228;mlich jener der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar wird – den f&#252;r die gesamtgesellschaftliche Dynamik zentralen Interessenkonflikt darstellt. Andererseits aber ist sie dazu in der Lage, die Komplexit&#228;t und konkrete Ausdifferenziertheit von Klassenpositionen in kapitalistischen Gesellschaften zu fassen. und ein politisches Argument.<br />
Das theoretische Argument, das wir ausgef&#252;hrt haben, geht von der &#220;berzeugung aus, dass das Problem der Mittelklassen nur im schrittweisen Durchlaufen von verschiedenen Abstraktionsebenen bearbeitet werden kann. Die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen erlaubt es einerseits an der Diagnose festzuhalten, dass der Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat – der auf der h&#246;chsten Abstraktionsebene, n&#228;mlich jener der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar wird – den f&#252;r die gesamtgesellschaftliche Dynamik zentralen Interessenkonflikt darstellt. Andererseits aber ist sie dazu in der Lage, die Komplexit&#228;t und konkrete Ausdifferenziertheit von Klassenpositionen in kapitalistischen Gesellschaften zu fassen.<br />
Das politische Argument basiert auf der Feststellung, dass widerspr&#252;chliche Klassenpositionen auch widerspr&#252;chliche Erfahrungs- und Interessenlagen bedingen.<br />
Es ist demnach eine zentrale politische Aufgabe, in konkreten Projekten, die Interessenkonvergenzen zwischen Proletariat und anderen Klassenpositionen als Grundlage gemeinsamer B&#252;ndnisse herauszustellen. Ein politisches Projekt, das an die gemeinsamen Interessen progressiver Teile der widerspr&#252;chlichen Klassenlagen ankn&#252;pft, muss dabei trotz der Pluralit&#228;t organisierter Positionen von working class politics ausgehen und die Interessen jener, denen die kapitalistische Klassengesellschaft die Kontrolle &#252;ber ihre eigene, lebendige Arbeit nimmt, ins Zentrum stellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 893<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Bensaïd, Daniel: Marx for Our Times. Adventures and Misadventures of a Critique. London: Verso 2002, S. 97<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 30<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Ebd., S. 52<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 111<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ebd.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Das Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, S. 463.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Als „Bonapartismus“ werden, im Anschluss an Marxens Analyse der Diktatur Louis Bonapartes („Napoleon III.“), autorit&#228;re Herrschaftsformen bezeichnet, die sich auf Basis eines Gleichgewichts der gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse durchsetzen. Sie stellen „Ausnahmeformen“ b&#252;rgerlicher Herrschaft dar, in denen „die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit gegen&#252;ber beiden [k&#228;mpfenden Klassen] erh&#228;lt“ (Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, S. 167). Vgl. Lichtenberger, Hanna/Duma, Veronika/Boos, Tobias: Hinter dem Faschismus steht&#8230; ?, in: Perspektiven Nr. 12 (2010), 28-37<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> MEW 8, S. 111<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> MEW 25, S. 892<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Wright, Erik Olin: Was bedeutet neo und was hei&#223;t marxistisch in der neomarxistischen Klassenanalyse?. in: Strasser, Hermann/ Goldthorpe, John H. (Hg.): Die Analyse sozialer Ungleichheit. Opladen: VS Verlag 1985, S. 238-266, hier: 240f.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Bensaïd: Marx for our Times a.a.O., S. 99<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Wright, Erik Olin: Classes. London: Verso 1985, S. 9-10<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Bensaïd: Marx for our Times a.a.O., S. 114<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ebd., S. 114f.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wright: Classes a.a.O. S. 10f.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Bensaïd: Marx for Our Times, a.a.O. S.97<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der politischen &#214;konomie, MEW 13,<br />
S.632<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> MEW 25, S.33<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> MEW 13, S. 632<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Althusser, Louis: Marx‘ Denken im Kapital; in: Prokla 50 (1983), S.130-147<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.111<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital Bd. II, MEW 24, S.37<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> MEW 23, S. 532<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Revenuequellen sind die Quellen eines jeden regelm&#228;&#223;igen Einkommens, das f&#252;r den Lebensunterhalt benutzt wird. In diesem allgemeinen Sinn ist auch der Lohn, den ArbeiterInnen beziehen, Revenue. KapitalistInnen entnehmen ihre Revenue dem am Markt realisierten Mehrwert. Der Begriff der Revenue wird bei Karl Marx (wie in der klassischen politischen &#214;konomie) aber auch in einer engeren Definition verwendet und mit dem Einkommen der KapitalistInnen gleichgesetzt. Wir &#252;bernehmen in diesem Artikel die Diktion von Marx: wenn von „Revenue“ ohne zus&#228;tzlicher Qualifikation die Rede ist, so ist damit das Einkommen aus Mehrwert gemeint.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.108<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> MEW 25, S.207<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd., S.893<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.111<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Wright: Classes a.a.O. S.13<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.100<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems. Hamburg: VSA-Verlag 2005, S. 133-134<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ehrenreich, Barbara/Ehrenreich, John: The Professional Managerial Class, in: Radical America 11 (1977), S. 7-31<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Wright: Was bedeutet&#8230;, a.a.O., S. 245<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Poulantzas, Nicos: Zum marxistischen Klassenbegriff. Berlin: Merve-Verlag 1973, S. 25<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Cox, Robert W.: Soziale Kr&#228;fte, Staaten und Weltordnungen. Jenseits der Theorie Internationaler Beziehungen, in: Opratko, Benjamin/Prausm&#252;ller, Oliver (Hg.): Gramsci global. Neogramscianische Perspektiven in der Internationalen Politischen &#214;konomie. Hamburg: Argument 2011 (i.E.); Cox, Robert W.: Production, Power and World Order. Social Forces in the Making of History. New York: Columbia University Press 1987, S. 359f.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Wright: Was bedeutet&#8230;, a.a.O., S. 244<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Mallet, Serge: Die neue Arbeiterklasse. Neuwied/Berlin: Luchterhand 1972, S. 16f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus!, in: Perspektiven Nr. 3 (2007), S. 10-17<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Poulantzas: Zum marxistischen Klassenbegriff, a.a.O., S. 7<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Ebd., S. 23<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Ebd., S. 24<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 25<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung. Stuttgart: Schmetterling 2004, S. 121<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> MEW 23, S. 532<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> MEW 25, S. 305<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> MEW 25, S. 311<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Poulantzas, Nicos: Zum marxistischen Klassenbegriff, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Wright, Erik Olin: Class, Crisis and the State. London: Verso 1979, S.68-70<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., S.69-79<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., S.73<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., S.73<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., S.74<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., S.75-79<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., S.81<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Vgl. z.B. Meiksins, Peter: A Critique of Wrights Theory of Contradictory Class Locations, in: Critical Sociology, 15(1) (1988), S. 73-82. Erik Olin Wright hat auf diese Kritiken selbst mit einem misslungenen Versuch geantwortet, die Ausbeutung als zentrales Verh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit wieder in den Blick zu bekommen. Allerdings fasst Wright den Ausbeutungsbegriff hier spieltheoretisch auf; Ausbeutung besteht ihm zu Folge dann, wenn der Reichtum einer Klasse kausal mit der Armut einer anderen Klasse verbunden ist. Indem Wright den Begriff der Ausbeutung auf Ebene der Distribution statt auf Ebene der Produktion ansiedelt, f&#228;llt er jedoch weit hinter die Marxschen Begrifflichkeiten zur&#252;ck (vgl. das Postskript von Wright in „Was bedeutet&#8230;“, a.a.O., 256ff.).<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Callinicos, Alex: The New Middle Class and Socialist Politics; in: ders./<br />
Harman, Chris: The Changing Working Class. Essays on Class Structure<br />
Today. London: Bookmarks 1987, S. 13-51, hier S.19-20<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O. S. 33<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O. S.29<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O.S.35</p>
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		<title>Uni-Revolten als Klassenk&#228;mpfe?</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? Benjamin Opratko fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.

Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten Akademie der Bildenden K&#252;nste in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? <em>Benjamin Opratko</em> fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.<br />
<span id="more-1953"></span><br />
Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten <em>Akademie der Bildenden K&#252;nste</em> in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung vervielfachten, waren – zumindest in &#214;sterreich – sicherlich die sichtbarsten und dynamischsten sozialen K&#228;mpfe der letzten Jahre. Retrospektiv l&#228;sst sich die <em>unibrennt</em>-Bewegung auch als Teil eines breiter verstandenen, neuen Kampfzyklus’ einordnen: Dieser k&#252;ndigte sich Anfang 2006 in den massenhaften Protesten gegen den CPE in Frankreich an<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und fand seinen j&#252;ngsten und wohl nicht letzten H&#246;hepunkt in militanten Aktionen w&#252;tender Studierender in London, die aus Protest gegen angek&#252;ndigte Erh&#246;hungen der Studiengeb&#252;hren das Hauptgeb&#228;ude der Konservativen Partei entglasten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Den K&#228;mpfen, die in &#228;hnlicher Form, rund um &#228;hnliche Themen, in ganz Europa und dar&#252;ber hinaus gef&#252;hrt wurden, ist gemein, dass sie sich rund um die Institution Universit&#228;t organisieren und ma&#223;geblich von Studierenden getragen werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Begriff „Studierendenbewegung“ – in der massenmedialen Verarbeitung meist als „Studentenbewegung“ – wurde dabei dem historisierenden Zugriff jener entzogen, die gerade noch das Jubil&#228;umsjahr 2008 zum Anlass genommen hatten, wahlweise nostalgisch oder als letzte Abrechnung die „68er“ zu beschw&#246;ren, und neu aufgeladen in das politische Vokabular der Gegenwart eingeschrieben. Auch wenn konkrete, politisch-legislative Erfolge bisher weitgehend ausblieben, m&#252;ssen die positiven Effekte dieser R&#252;ckkehr der Uni-Revolten herausgestrichen werden. Das Br&#252;chigwerden des neoliberalen Alltagsverstands, die Artikulation von politischem „Gegenfeuer“ (Bourdieu), die Diskussion um bildungspolitische Forderungen, die implizit &#252;ber den Kapitalismus selbst hinausweisen<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> und nicht zuletzt die praktischen Bewegungserfahrungen von Tausenden sind nur einige davon. Sie waren Grund genug f&#252;r viele AktivistInnen der Gruppe, die sich um dieses Magazin organisieren, und noch mehr seiner LeserInnen, sich an diesen Bewegungen aktiv zu beteiligen. Eine erste Runde der Reflexion f&#252;hrte zu Perspektiven Nr. 10, in der wir unsere Diskussionen und Einsch&#228;tzungen zu den „K&#228;mpfen um Bildung“ vorstellten. Dabei standen, noch ganz unter dem Eindruck der enormen Dynamik der Proteste, strategische und gegenwartsdiagnostische Gesichtspunkte im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. &#196;hnliches l&#228;sst sich von anderen, seither aus aktivistischen Zusammenh&#228;ngen entstandenen Publikationen sagen – exemplarisch seien die Beitr&#228;ge im Sammelband <em>Uni brennt </em>erw&#228;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Zugleich wurden im Zuge der Bewegung Lernprozesse zum Thema Bildung und Universit&#228;t angesto&#223;en, die sich auf sich auf Debatten und Forschungsergebnisse kritischer WissenschafterInnen beziehen, in denen meist die „&#214;konomisierung“ der Bildung, der mehr oder weniger direkte Zugriff des Kapitals auf Forschung und Lehre und die staatliche Zurichtung der Hochschulen auf die „Anforderungen des Arbeitsmarktes“ diskutiert und kritisiert werden.<br />
Dies sind wichtige und fortzuf&#252;hrende Debatten. Die studentischen Proteste der letzten Jahre werfen aber weitere Fragen auf, die dar&#252;ber hinaus reichen, n&#228;mlich: Welcher Art sind diese K&#228;mpfe, und wer sind diejenigen, die sie f&#252;hren? Welche Subjekte wehren sich hier? Diese Themen wurden bereits durch die am Beginn dieses Zyklus stehende Bewegung gegen das franz&#246;sische CPE ganz unmittelbar relevant, ging es hier doch nicht um Studienbedingungen oder Universit&#228;tsreformen, sondern um die Einf&#252;hrung neuer Arbeitsvertr&#228;ge, die den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r junge LohnarbeiterInnen de facto aufheben sollten. Die Bewegung wurde zwar ma&#223;geblich von Studierenden getragen und beinhaltete die Besetzung mehrerer Universit&#228;ten, die Studierenden f&#252;hlten sich jedoch „als ArbeiterInnen, nicht als Studierende angegriffen“, wie auf Flugbl&#228;ttern betont wurde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Rahmen der <em>Onda Anomale</em>, der Protestbewegung gegen die Bildungsreformen der Regierung Berlusconi im Herbst 2008, wurde das Thema von italienischen StudentInnen auf andere, und doch &#228;hnliche Weise aufgegriffen, indem sie sich als <em>WissensarbeiterInnen </em>verstanden und organisierten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Und an der besetzten Universit&#228;t in Berkeley, Kalifornien, entstand 2009 das <em>Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft</em>, in dem die Trennung zwischen Schule, Universit&#228;t und Arbeitsplatz analytisch wie politisch abgelehnt wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Es werden also in den Bewegungen Fragen aufgeworfen, die sich aus der undogmatisch marxistischen Perspektive, die dieses Magazin pr&#228;gt, auch theoretisch aufdr&#228;ngen: Wie verhalten sich diese „studentischen“, auf die Universit&#228;t bezogenen Proteste zum Konzept des „Klassenkampfs“? Welche Funktionen kommen Hochschulen in einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r die Potenziale und Grenzen studentischer K&#228;mpfe? Um einer Antwort n&#228;her zu kommen, werden im Folgenden einige Zug&#228;nge zu dieser Problematik diskutiert, die sich mehr oder weniger direkt auf Marx und die eine oder andere marxistische Tradition berufen, diese aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten.</p>
<p><strong>Warum Marx f&#252;r Studiengeb&#252;hren war</strong><br />
Marx selbst hatte zu Forderungen nach kostenloser h&#246;herer Bildung eine &#252;beraus deutliche Haltung. In seiner Kritik am „Gothaer Programm“ der SPD, in dem die deutschen SozialdemokratInnen sich f&#252;r „unentgeltliche[n] Unterricht“ aussprachen, erkl&#228;rte er: „Wenn in einigen Staaten [...] auch ‚h&#246;here’ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so hei&#223;t das faktisch nur, den h&#246;heren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuers&#228;ckel bestreiten.“ (MEW 19: 30) Wenn das Kapital also, so Marxens Argument, f&#252;r das eigene Bestehen auf eine Fraktion gut ausgebildeter Techniker, Juristen, Staatsbeamte usw.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> angewiesen ist, so hat es die Kosten f&#252;r deren Ausbildung gef&#228;lligst selbst zu &#252;bernehmen. Die ArbeiterInnenklasse hat von einem unentgeltlichen Hochschulstudium nichts zu gewinnen. Diese &#220;berlegung mag auf den ersten Blick paternalistisch und elit&#228;r erscheinen – wird hier nicht unterstellt, ProletarierInnen w&#252;rde das Bed&#252;rfnis oder die F&#228;higkeit f&#252;r h&#246;here Bildung abgehen? Tats&#228;chlich begriff Marx die Universit&#228;ten als das, was sie zu jener Zeit tats&#228;chlich waren: Reproduktionsapparate der herrschenden Klasse, die entsprechend, via Geb&#252;hren, aus den Kapital- und Renteneinkommen derselben finanziert werden sollten. Zwar stieg die Zahl der Studierenden in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts stark an – 1880 sprachen Kommentatoren in Deutschland gar von einer „Akademikerschwemme“ – dies betraf aber in erster Linie Studien der Medizin und Rechtswissenschaften, in welche die S&#246;hne der an Selbstbewusstsein gewinnenden deutschen Bourgeoisie str&#246;mten.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Aus Marxens Perspektive war eine &#214;ffnung der Universit&#228;ten f&#252;r ArbeiterInnen dar&#252;ber hinaus schon allein deshalb wenig erstrebenswert, weil das kritische, demokratische und sozialistische Wissen dort ohnehin keine Rolle spielte. Nat&#252;rlich war f&#252;r Marx und seine MitstreiterInnen die Teilhabe der ArbeiterInnenklasse an Wissen und Bildung nicht nur w&#252;nschenswert, sondern f&#252;r den Aufbau einer schlagkr&#228;ftigen sozialistischen Bewegung auch unabdingbar. Das daf&#252;r notwendige <em>kritische </em>Wissen wurde jedoch an anderen Orten entwickelt und vermittelt, n&#228;mlich in den Schulen, Bildungseinrichtungen und Publikationen der ArbeiterInnenbewegung selbst, eng gebunden an deren Parteien.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Dequalifizierung</strong><br />
Dass die Universit&#228;ten haupts&#228;chlich zur Reproduktion der herrschenden Klasse dienten lag auch daran, dass die Entwicklungsweise des Kapitalismus im 19. und fr&#252;hen 20. Jahrhunderts keinen Bedarf f&#252;r an Hochschulen ausgebildete LohnarbeiterInnen hatte.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sich etablierenden Industrien besch&#228;ftigten zum gr&#246;&#223;ten Teil ungelernte ArbeiterInnen bzw., nach der Einf&#252;hrung komplexerer Maschinen, FacharbeiterInnen, die im Betrieb ausgebildet wurden. Hinzu kamen Produktionsst&#228;tten, die zwar dem Kapitalverh&#228;ltnis untergeordnet waren und LohnarbeiterInnen besch&#228;ftigten, in denen der Arbeitsprozess aber weitgehend unver&#228;ndert „handwerklich“ blieb – was Marx als rein „formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ bezeichnete.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Unter den Bedingungen dieser spezifischen Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, der tendenziellen Trennung von planender Kopf- und ausf&#252;hrender Handarbeit sowie der in Form und Inhalt elit&#228;ren Universit&#228;ten gab es keine gesellschaftliche Impulse f&#252;r eine Ausweitung h&#246;herer Bildung. Mit der Herausbildung der „fordistischen“, auf Flie&#223;bandarbeit und wissenschaftlicher Betriebsf&#252;hrung beruhenden Entwicklungsweise des Kapitalismus ab den 1930er Jahren &#228;nderte sich dies kaum. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit wurde vielmehr noch versch&#228;rft. War in der Person des Facharbeiters zumindest noch das Wissen &#252;ber die technischen Abl&#228;ufe des Produktionsprozesses vereint, spaltete das neue Entwicklungsmodell dieses Wissen endg&#252;ltig? von den „MassenarbeiterInnen“ der fordistischen Fabrik ab. Das bedeutete freilich nicht, dass f&#252;r den tayloristisch-fordistischen Produktionsprozess der Faktor „Wissen“ unbedeutend gewesen w&#228;re; im Gegenteil waren f&#252;r diesen gerade die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die Einf&#252;hrung neuer, die Produktivit&#228;t der Arbeit enorm steigernder Technologien und die Professionalisierung der Kontrolle &#252;ber die lebendige Arbeit charakteristisch. Dieses neue und umfangreiche Wissen, das in den Produktionsprozess integriert wurde, war aber nicht in den ArbeiterInnen verk&#246;rpert, sondern in den Produktionsmitteln. Marx spekulierte bereits fr&#252;h &#252;ber diesen Prozess, in dem das gesellschaftliche Wissen als „<em>automatisches System der Maschinerie</em>“ im Produktionsprozess existiert. In den skizzenhafte Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk <em>Das Kapital</em>, die sp&#228;ter als <em>Grundrisse </em>ver&#246;ffentlicht wurden, schreibt er &#252;ber diese Tendenz des Kapitalismus: „Die T&#228;tigkeit des Arbeiters, auf eine blo&#223;e Abstraktion der T&#228;tigkeit beschr&#228;nkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgem&#228;&#223; als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewu&#223;tsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Integration von Wissen in fixes Kapital bei gleichzeitiger Reduktion der Bildungsund Qualifikationsanforderungen der lebendigen Arbeit sind, grob vereinfacht gesagt, f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus charakteristisch. Das „Modell der Massenproduktion“ war demnach auch verbunden mit der <em>Dequalifizierung </em>der ArbeiterInnen „durch die Zerlegung qualifizierter Arbeit in einfache Verrichtungen und den anschlie&#223;enden Einsatz von spezialisierten, automatischen Maschinen f&#252;r die vereinfachten Arbeitsgange“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Marx’sche Charakterisierung der Hochschulen als Reproduktionsorgane der herrschenden Klasse, und die damit verkn&#252;pfte Einsch&#228;tzung der sozialen Stellung jener, die an ihnen studierten, konnte als weithin g&#252;ltig angenommen werden.</p>
<p><strong>Reform und &#214;ffnung der Hochschulen</strong><br />
Dies &#228;nderte sich grundlegend erst, als das fordistische Modell in den 1960er Jahren begann, br&#252;chig zu werden. An dieser Stelle k&#246;nnen weder Ursachen noch Verlauf der globalen „Krise des Fordismus“ nachgezeichnet werden; f&#252;r unsere Zwecke sollen blo&#223; drei f&#252;r den Zusammenhang von Universit&#228;t und  Klassenverh&#228;ltnissen relevante Gesichtspunkte genannt werden.<br />
Erstens geriet der Nachkriegsboom, der dem Kapital au&#223;ergew&#246;hnliche Profite und den (m&#228;nnlichen Industrie-)Arbeitern – &#252;ber die korporative Einbindung der Gewerkschaften und die indirekte Beteiligung an den Gewinnen aus Produktivit&#228;tsfortschritten – historisch einmalige Wohlstandssteigerungen brachte, allm&#228;hlich an sein konjunkturelles Ende. Das fordistisch-tayloristische Paradigma der Technologisierung und Optimierung der Arbeitsprozesse n&#228;herte sich seiner Ersch&#246;pfung, was bereits Ende der 1950er Jahre in Diskussionen um eine „Innovationskrise“ vorweggenommen wurde. Als Bearbeitung der sich abzeichnenden Krise schlugen die weitsichtigeren unter den organischen Intellektuellen des Kapitals eine Ausweitung und Intensivierung der Investitionen in Forschung und Ausbildung vor, wobei auch und gerade die Hochschulen zum Ziel entsprechender Reformen erkl&#228;rt wurden. Sp&#228;testens ab den 1960er Jahren wurde in ganz Europa und in den USA &#246;ffentlich &#252;ber die Notwendigkeit von Bildungsreformen diskutiert, was in einen „tiefgreifenden Perspektivwechsel in der Bildungspolitik“ in Staat und Zivilgesellschaft m&#252;ndete.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Zentraler Bestandteil der Reformen war, bisher unerschlossene „Bildungsreserven“ anzuzapfen, d.h. bisher von h&#246;herer Bildung <em>de facto</em> ausgeschlossenen Fraktionen der Subalternen/ArbeiterInnenklasse den Besuch von h&#246;heren Schulen und  niversit&#228;ten nicht nur zu erm&#246;glichen, sondern diesen aktiv zu f&#246;rdern. Zweitens traf in den dazu entworfenen staatlichen Programmen, die von der Reform bestehender Hochschulstrukturen &#252;ber die Einf&#252;hrung von Stipendien und Beihilfen bis zu einem „Gr&#252;ndungsboom“ neuer Universit&#228;ten“ reichten, das Interesse der auf Innovation und Bildungsausweitung setzenden Kapitalfraktionen auf ein sozialdemokratisches Modernisierungsprojekt, das den individuellen „Aufstieg durch Bildung“ propagierte.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die zentrale Rolle, die Erziehung und Bildung in der Politik und Ideologie insbesondere der deutschsprachigen Sozialdemokratie spielte, hat eine lange Geschichte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Insbesondere in den 1970er Jahren wurden zentrale, die Universit&#228;ten &#246;ffnende Hochschulreformen von sozialdemokratisch gef&#252;hrten Regierungen – in &#214;sterreich unter Bundeskanzler Bruno Kreisky und Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg – durchgesetzt, wobei &#252;ber die Intentionen der Innovationsoffensive des Kapitals teilweise hinausgegangen wurde.<br />
Drittens schlie&#223;lich, und nicht weniger entscheidend, war die &#214;ffnung der Universit&#228;ten auch Effekt immer deutlicher ge&#228;u&#223;erter W&#252;nsche von ArbeiterInnen und anderen von Hochschulbildung ausgeschlossenen Subalternen. Der &#246;konomische Aufschwung des unmittelbaren Nachkriegsbooms verbesserte nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler „Arbeiterfamilien“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> dramatisch, sondern w&#228;lzte auch den Alltagsverstand weiter Teile des Proletariats um. Mit dem sozialen Aufstieg und der kulturell repr&#228;sentierten neuen Stellung „des Arbeiters“ als Teil des gemeinsam mit Unternehmern und Staat geschaffenen Wirtschaftswunders wuchsen auch dessen Anspr&#252;che, an Bildung und Kultur teilzuhaben.<br />
Kurz zusammengefasst kann die Transformation der Hochschulen also weder „funktionalistisch“ allein aus den Bed&#252;rfnissen und Initiativen des Kapitals, noch „politizistisch“ aus der Strategie der erstarkten Sozialdemokratie erkl&#228;rt werden. Es war gerade das historische Zusammentreffen von innovationsorientierten Kapitalstrategien, sozialdemokratischem Modernisierungsprojekt und dem Integrationsbegehren von Teilen der ArbeiterInnenklasse, die diese spezifische Konjunktur erm&#246;glichte. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der selten benannt wird, ist, dass diese Reformen mit einem enormen finanziellen Aufwand f&#252;r die staatlichen Haushalte verbunden waren; eine Voraussetzung f&#252;r ihre Durchsetzung war entsprechend, dass der „allgemeine Steuers&#228;ckel“, von dem Marx einst gesprochen hatte, gut gef&#252;llt war. Dies war nach den langen Jahren des Wirtschaftswunders der Fall – insofern kann die &#214;ffnung und Ausweitung der Bildungsanstalten als eine historische Episode gesehen werden, die nur vor dem Hintergrund des langen Nachkriegsaufschwungs stattfinden konnte.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Arbeit</strong><br />
In den 1970er Jahren wurde die f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus typische „Entwertung“ der Ware Arbeitskraft in Teilen der Linken unter dem Stichwort der „Dequalifizierungsthese“ diskutiert. Die Ersetzung von lebendiger Arbeit durch komplexe Maschinen ist schlie&#223;lich, in Marxscher Terminologie, gleichbedeutend mit einer Absenkung des Werts der Ware Arbeitskraft. Dieser bemisst sich an der im gesellschaftlichen Durchschnitt f&#252;r ihre (Re-)Produktion notwendige Arbeitszeit. Besser gebildete und h&#246;her qualifizierte Arbeitskraft ist in diesem Sinne „mehr wert“ und muss vom Kapital entsprechend h&#246;her entlohnt werden: „Jede zus&#228;tzliche Qualifikation erh&#246;ht den Wert der Ware Arbeitskraft und bildet so eine Verwertungsschranke f&#252;r das Kapital“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Hinzu kommt, dass die tayloristische Arbeitsorganisation ein effektives Mittel zur Kontrolle der ArbeiterInnen und zur Eind&#228;mmung von Widerstand darstellte, wie der US-amerikanische Betriebsaktivist Harry Braverman in seiner einflussreichen Studie argumentierte.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Aus dieser Perspektive erschien die Dequalifizierung der Arbeit nicht mehr als Spezifikum einer bestimmten Epoche, sondern als der kapitalistischen Produktionsweise inh&#228;rente Tendenz. Die „tayloristisch-fordistische Form der Organisation der kapitalistischen Arbeitsprozesse“ wurde, wie Roland Atzm&#252;ller es formuliert, „r&#228;umlich und zeitlich verallgemeinert und nicht als historisch konkrete Auspr&#228;gung das kapitalistischen Arbeitsprozesses erkannt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dies wurde mit der Durchsetzung neuer, „postfordistischer“ Arbeitsverh&#228;ltnisse ab den 1970er Jahren deutlich. Zwar verschwanden die tayloristisch zergliederten, stupiden und von planender Kopfarbeit abgetrennten Arbeitsformen nicht, es traten jedoch zunehmend neue, durch ein anderes Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit gepr&#228;gte Formen hinzu und – zumindest in den kapitalistischen Zentren – in den Vordergrund. Teile der Belegschaften wurden mit gr&#246;&#223;eren inhaltlichen Kompetenzen betraut, Prozesse der „Requalifizierung“ und „Reprofessionalisierung“ der Arbeit beobachtet; das Kapital setzte neue Management- und Personalf&#252;hrungsstrategien ein, die Projekt- und Gruppenarbeit an Stelle von direkter &#220;berwachung und individualisierter Arbeitsschritte f&#246;rderte; die formalen Anstellungsverh&#228;ltnisse wurden vervielfacht, sogenannte „atypische“, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zur neuen Norm gemacht; und nicht zuletzt wurden an die ArbeiterInnen neue Anforderungen wie Eigenverantwortung und die st&#228;ndige Arbeit am eigenen „Humankapital“ in Form von lebenslangem Lernen und permanenter Weiterbildung herangetragen. Gleichzeitig mit der Ausweitung der Hochschulbildung und der Entstehung der „Massenuniversit&#228;t“ in den 1970er Jahren etabliert sich also, was Roland Atzm&#252;ller die „P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse“ nennt: „&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll [...] nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden, f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.&#8221;<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Dieser neuerliche Schub der Verwissenschaftlichung kapitalistischer Produktionsprozesse unterscheidet sich also vom fordistischen Modell unter anderem dadurch, dass er nicht nur auf Produktivit&#228;tssteigerung durch neue, komplexe Maschinerie setzt, sondern die lebendige Arbeit selbst in eine neue Beziehung zu Wissen und Wissenschaft setzt.</p>
<p><strong>Kognitiver Kapitalismus?</strong><br />
Die hier nur grob skizzierte Entwicklung hin zu einem „postfordistischen“ Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit wurde in den letzten 40 Jahren aus verschiedensten Perspektiven kritisch analysiert. Eine Interpretation, die besonders um die letzte Jahrtausendwende popul&#228;r wurde, soll hier vorgestellt werden, da sie in den Debatten zu den „neuen Uni-Revolten“, insbesondere in aktivistischen Zusammenh&#228;ngen, wieder deutlich pr&#228;senter ist. Ausgehend von Theorien, die in Italien von sogenannten „post-operaistischen“ AktivistInnen und AutorInnen entwickelt wurden, verstehen sie die postfordistische Entwicklungsweise als „kognitiven Kapitalismus“, der sich vom Fordismus nicht nur durch ver&#228;nderte Organisationsformen des Arbeitsprozesses abhebt, sondern eine grundlegend neue Gesellschaftsformation bildet, die durch die zentrale Bedeutung von Wissen und Wissensarbeit gepr&#228;gt ist. Die prominentesten Vordenker dieser These sind zweifellos Michael Hardt und Toni Negri, deren Mega-Bestseller <em>Empire</em>, der Anfang der 2000er Jahre f&#252;r Aufsehen gesorgt hatte, mit <em>Commonwealth </em>j&#252;ngst seine zweite Fortsetzung erfahren hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Sie verwenden den Begriff der „immateriellen Arbeit“, um diesen historischen Bruch anzuzeigen – dass also im Zentrum des neuen Kapitalismus Arbeit steht, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Paolo Virno, ein weiterer „post-operaistischer“ Autor, setzt diese These explizit in Beziehung zu Marx’ Bemerkungen in den <em>Grundrissen</em>, die oben vorgestellt wurden. Dort – in dem Abschnitt, der sp&#228;ter als „Maschinenfragment“ bezeichnet wurde – spekuliert Marx ja, dass die Integration von gesellschaftlichem Wissen in die kapitalistische Maschinerie die ArbeiterInnen tendenziell auf blo&#223;e Anh&#228;ngsel der Produktionsmittel reduzieren w&#252;rde. Er geht aber noch einen Schritt weiter. Wenn dies der Fall w&#228;re, so seine &#220;berlegung, bedeute dies, dass das gesellschaftliche, <em>qua </em>Wissenschaft produzierte Wissen selbst „zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden“ sei.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Hier hakt Virno ein. Seine These ist, dass der Postfordismus „<em>die empirische Umsetzung des ‚Fragments &#252;ber Maschinen‘ von Marx</em>“ darstelle. „Das abstrakte Wissen“, so Virno, „[...] schickt sich an, nichts weniger als die grundlegende Produktivkraft zu werden“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dieses gesellschaftliche Wissen, das Marx <em>General Intellect</em> nennt, sei jedoch, anders als von Marx vorhergesehen, nicht im fixen Kapital, also v.a. in den Maschinen, verk&#246;rpert, sondern wird zum „Attribut der lebendigen Arbeit“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wenn Arbeitsprozesse nicht vom stumpfen Kommando bestimmt sind, sondern Kooperation, Teamarbeit, Kommunikation und gemeinsames Wissen beinhalten, &#228;ndert sich aus dieser Perspektive der Charakter der Arbeit – und der ArbeiterInnen – selbst grundlegend. Die „Gesamtheit der lebendigen postfordistischen Arbeit“ – und nicht blo&#223; die formal wissenschaftlich ausgebildeten Klassenfraktionen – sind f&#252;r Virno „intellektuelle Arbeitskr&#228;fte“, sind Massenintellektualit&#228;t“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Eine j&#252;ngere Generation von AktivistInnen und TheoretikerInnen hat in den letzten Jahren an diese &#220;berlegungen angeschlossen und sie seither f&#252;r die Interpretation der K&#228;mpfe um die Universit&#228;ten – und f&#252;r Interventionen in dieselben – weiter entwickelt. Dies geschieht aktuell besonders im Rahmen des <em>Edu-factory-</em>Kollektivs, das eine wichtige Rolle in den studentischen K&#228;mpfen in Italien spielt und j&#252;ngst eine internationale Konferenz zu den K&#228;mpfen an den Universit&#228;ten in Paris veranstaltet hat, an der auch zahlreiche AktivistInnen aus &#214;sterreich teilgenommen haben. In ihren Analysen gehen sie ebenfalls davon aus, dass das gesellschaftliche Wissen nunmehr, im kognitiven Kapitalismus, „unmittelbar produktiv“ sei. Gigi Roggero, einer der bekannteren Autoren der <em>Edu-factory</em>, formuliert fast wortgleich mit Hardt, Negri und Virno: „Der <em>General Intellect</em> vergegenst&#228;ndlicht sich [...] nicht mehr im toten Wissen [also in den Maschinen, Anm. B.O.], sondern bildet sich vornehmlich in der sozialen Kooperation und in der Produktion des lebendigen Wissens heraus.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die „Kognitivisierung“ der Arbeit f&#252;hre demnach dazu, dass alle Formen der Arbeit entlang einer „kognitiven Arbeitsteilung“ organisiert w&#252;rden, wobei sie einen „gemeinsamen Zug“ aufwiesen: „den Zweck und das Ziel, Wissen zu produzieren, permanente Innovation hervorzubringen und den technischen Fortschritt in &#246;konomischen Wert umzusetzen“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Die Hochschulreformen der letzten zehn, 15 Jahre, die auf EU-Ebene ma&#223;geblich durch den <em>Bologna-Prozess</em> angeschoben wurden, m&#252;ssten in diesem Zusammenhang begriffen werden: Es handelt sich um den Versuch, die Universit&#228;ten so umzugestalten, dass sie wie ein Konzern auf den globalen Wissens- und Bildunsm&#228;rkten konkurrieren k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Edu-factory</strong><br />
Aus dieser Diagnose leiten Roggero und die AktivistInnen um das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv eine Reihe von Thesen ab, die man so zusammenfassen k&#246;nnte.<br />
<em>Erstens</em>: Die Hierarchisierung und Segmentierung der ArbeiterInnenklasse wird auf globaler Ebene &#252;ber die Bewertung und Einteilung von „Wissen“ durchgesetzt. „‚Kognitiver Kapitalismus‘ [...] bedeutet auch, dass st&#228;ndig neue, k&#252;nstliche Ma&#223;einheiten geschaffen werden, um das lebendige Wissen auf abstraktes Wissen zu reduzieren (vom Copyright und Patenten bis zur in den Studienpl&#228;nen und Ausbildungsprogrammen festgelegten Bringschuld, den <em>Credits</em>; von der Akkumulation sozialen und humanen Kapitals bis zur ‚reference economy’ f&#252;r ForscherInnen und Studierende).“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Die ArbeiterInnenklasse wird in ein immer feineres, kleinteiligeres Raster segmentiert, dessen Koordination von dem Versuch aufgespannt werden, das Wissen der Arbeitenden zu messen und zu bewerten. Welche Schule besucht wurde, welche Fortbildungsma&#223;nahmen ergriffen oder wie viele ECTSPunkte gesammelt wurden, diese und &#228;hnliche Formen der „Kognitivisierung“ der Klassenverh&#228;ltnisse stellen aus dieser Perspektive die zentrale Momente, um „den Wert der kognitiven Arbeitskraft durch die Stratifizierung von <em>Skills </em>und intellektuelle Qualifikation k&#252;nstlich zu messen und zu regulieren.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
<em>Zweitens</em>: Die zentralen Orte, an denen diese Prozesse der Hierarchisierung und Segmentierung vollzogen werden, sind die Bildungseinrichtungen, und hier besonders die Universit&#228;ten. Die Universit&#228;t, so Roggero, kann „in diesem Rahmen als der privilegierte Ort betrachtet werden, um die Produktion des lebendigen Wissens zu untersuchen“.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die j&#252;ngsten K&#228;mpfe der Studierenden sind wesentlich K&#228;mpfe, die sich gegen die kognitive Segmentierung ihrer Arbeitskraft richten, in der sie „deklassiert“ werden, d.h. dass der Wert ihres Wissens, und damit ihrer Arbeitskraft, dequalifiziert wird. Denn in den Prozessen der Hierarchisierung z&#228;hlt nicht die Qualit&#228;t der Bildung, des Wissens oder der Qualifikation, die jemand erarbeitet hat, sondern formale Kriterien wie <em>Credit-Point</em>s, das Prestige einer Bildungseinrichtung oder die Akkumulation von unbezahlten Praktika. „<em>Déclassement </em>war in den letzten Jahren eines der zentralen Themen der K&#228;mpfe von Studierenden in aller Welt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
<em>Drittens</em>: In diesem kongnitiven Kapitalismus <em>sind Studierende selbst schon ArbeiterInnen</em>. Das ist die entscheidende Pointe, mit denen das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv in die K&#228;mpfe der Studierenden interveniert. Die Positon scheint den AutorInnen so selbstverst&#228;ndlich, dass sie nicht weiter ausgef&#252;hrt wird: Der oder die Studierende ist nicht l&#228;nger eine Arbeitskraft „in Ausbildung“, sondern „bereits ArbeiterIn, einE ProduzentIn von Wissen“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
<em>Viertens</em>: Die diesen Verh&#228;ltnissen entsprechende Strategie f&#252;r erfolgreiche K&#228;mpfe an den Universit&#228;ten muss darauf abzielen, eigene, autonome Formen der Wissensarbeit, der Aneignung, Weiterentwicklung und Vermittlung von Wissen zu schaffen, die sich weit &#252;ber die Grenzen der alten Universit&#228;t hinaus erstrecken. Das Ziel einer solchen Bewegung w&#228;re die Schaffung einer „globalen autonomen Universit&#228;t“ – so auch der Titel des Sammelbands, in dem der bisherige Diskussionsprozess des Kollektivs festgehalten wurde – auf den Ruinen der alten.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a></p>
<p><strong>Studierende als ArbeiterInnen?</strong><br />
Damit sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angekommen: Wer revoltiert hier eigentlich in den Uni-Protesten der letzten Jahre? Und wie verhalten sich diese Bewegungen zu dem Konzept der Klassenk&#228;mpfe? Die post-operaistische Antwort des <em>Edu-factory</em>-Kollektivs lautet: Es revoltieren Studierende als ArbeiterInnen gegen die Bewertung, Hierarchisierung und Dequalifizierung ihrer Arbeitskraft. Und diese K&#228;mpfe stellen selbst eine, und vielleicht die fortschrittlichste, Form der Klassenk&#228;mpfe unter den Bedingungen des kognitiven Kapitalismus dar. So naheliegend einige dieser Thesen manchen AktivistInnen scheinen m&#246;gen und so sympathisch die enge Verzahnung, ja Verschmelzung von theoretischer und aktivistischer Arbeit ist, die vom <em>Edufactory</em>-Kollektiv praktiziert wird, so bleibt doch grundlegende Skepsis gegen&#252;ber ihren Positionen angebracht. An dieser Stelle kann keine umfassende Kritik formuliert werden; teilweise l&#228;sst sich das Problematische an den Thesen direkt auf die theoretischen Grundlagen bei Hardt, Negri und Virno zur&#252;ckf&#252;hren (die an anderer Stelle ausf&#252;hrlicher kritisiert wurden).<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Einige zentrale Einw&#228;nde wurden in der aktuellen Debatte auch von sympathisierenden KommentatorInnen formuliert, etwa dass Begriffe wie „immaterielle“ oder „kognitive“ Arbeit so weit gefasst sind, dass „beinahe jede Form der Arbeit zu ‚kognitiver’ Arbeit wird“, was „beliebige Gleichsetzungen“ erzeuge.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Vor allem aber muss die zentrale These, nach der das gesellschaftliche Wissen, wie in Marx’ Maschinenfragment, zur wichtigsten, direkten Produktivkraft geworden ist, grunds&#228;tzlich bezweifelt werden. Niemand kann in Abrede stellen, dass wir es – zumindest im globalen Norden und in den „Zentren der Peripherie“ – aktuell mit einer hochtechnologisierten und verwissenschaftlichten Produktionsweise zu tun haben, in der Wissen, Kommunikation, Information und Kooperation zu zentralen Momenten der Organisationsform des Arbeitsprozesses geworden sind. Das bedeutet aber noch lange nicht, wie die post-operaistischen Thesen behaupten, dass alle Menschen, die Wissen, Information oder blo&#223; ein Gef&#252;hl erzeugen, auch Wert produzieren, also im Marx’schen Sinne „produktive ArbeiterInnen“ sind. Denn darauf baut das ganze Argument auf: „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“, so Hardt und Negri – und meinen damit, dass Produktion und die Ausbeutung nicht mehr an Arbeitszeiten gekn&#252;pft sind.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> An eben dieser Idee kn&#252;pft das <em>Edu-factory-</em>Kollektiv an, wenn es die Tatsache, dass Studierende Wissen produzieren und somit arbeiten (was zweifellos richtig ist) mit der Behauptung gleichsetzt, dies w&#228;re „unmittelbar produktive“ Arbeit auch aus der Perspektive des Kapitals (was nur unter sehr spezifischen Umst&#228;nden richtig ist, etwa wenn schlecht oder nicht bezahlte Arbeit von Studierenden in kommerzielle Forschungsprojekte o.&#228;. einflie&#223;t, was immer h&#228;ufiger der Fall ist). Dahinter steht die These, dass die zentrale Linie des Klassenkampfs im kognitiven Kapitalismus durch den Widerspruch zwischen dem kollektiv, erarbeiteten Wissen als „Gemeinsames“ oder <em>Common </em>und den Versuchen der Einhegung, Vereinnahmung und Verwertung dieses Wissens durch Staat und Kapital gezogen.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> An einer Stelle verweisen die <em>Edu-factory-</em>AktivistInnen zur Unterst&#252;tzung der Behauptung, Studierende w&#228;ren selbst schon ArbeiterInnen, auf eine Studie von Marc Bousquet.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Dieser zeigt in <em>How the University Works</em> detailliert und empirisch ges&#228;ttigt, dass so viele Studierende in den USA neben ihrem Studium einer Lohnarbeit nachgehen – teilweise direkt an den Universit&#228;ten bzw. am Campus, teilweise als Niedriglohnkr&#228;fte in umliegenden Dienstleistungsbetrieben – dass eine soziologische Unterteilung in „Studierende“ und „ArbeiterInnen“ kaum noch m&#246;glich ist.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dies betrifft in den USA rund zehn Millionen Menschen, die sich zum Gro&#223;teil selbst nicht als ArbeiterInnen einsch&#228;tzen, sondern als „Studierende, die arbeiten“ (und entsprechend wenig bereit sind, sich f&#252;r bessere Bezahlung oder Arbeitsbedingungen an ihrem „tempor&#228;ren“ Arbeitsplatz einzusetzen). Doch was Bousquet hier zeigt, ist gerade das Gegenteil davon, was die <em>Edu-factory</em>-AktivistInnen behaupten. Ja, die allermeisten Studierende sind auch LohnarbeiterInnen (&#252;brigens auch in &#214;sterreich, wo 61 Prozent aller Studierenden erwerbst&#228;tig sind).<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Sie sind Studierende und ArbeiterInnen, aber sie sind nicht ArbeiterInnen <em>als </em>Studierende. Tats&#228;chlich ist die widerspr&#252;chliche gesellschaftliche Position von studierenden ArbeiterInnen Grundlage f&#252;r zahlreiche, meist auf subjektiver Ebene bearbeiteter Konflikte. Das reicht von einer fragmentierten Identit&#228;t als ArbeiterInnen, die ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach „eigentlich“ StudentInnen sind, bis zur ganz praktischen Arbeits&#252;berlastung zwischen Studium und Abend- bzw. Nachtschicht-Job. Die Verkn&#252;pfung der Klassenposition als ArbeiterIn und jener als StudentIn kann politisch und in K&#228;mpfen hergestellt werden, wie das Ansatzweise in den Protesten gegen den CPE in Frankreich geschehen ist; sie ergibt sich aber nicht automatisch aus der Rolle von Studierenden als WissensarbeiterInnen. Die apodiktischen, das Fehlen theoretischer Stringenz oft hinter einer mit post-operaistischen Codew&#246;rtern durchsetzten Privatsprache versteckenden Formulierungen der <em>Edu-factory</em> sind f&#252;r die theoretische wie praktische Vermittlung von Uni-Revolten und Klassenk&#228;mpfen hier wenig hilfreich.<br />
Dabei spielen in den Uni-Revolten der letzten Jahre Aspekte, die von den Edu-factory-AktivistInnen hervorgehoben werden, eine durchaus nicht zu vernachl&#228;ssigende Rolle. Zweifellos ist es verk&#252;rzt, die neoliberale Transformation der Universit&#228;ten allein als Strategien der Privatisierung oder &#214;konomisierung zu verstehen. Hochschulen werden zwar nach dem Vorbild der Privatunternehmen neu strukturiert, direkt profitabel im Sinne von Gewinn abwerfend k&#246;nnen sie aber kaum gef&#252;hrt werden. Ihre Funktion im Sinne der Strategien des Kapitals besteht eher darin, wie das Edu-factory-Kollektiv betont, neue und feiner abgestufte Hierarchien und Segmentierungen innerhalb der besser ausgebildeten ArbeiterInnenklasse herzustellen. Auf nichts anderes l&#228;uft die Einteilung in Bakkalaureats- und Master-Abschluss, und die Einf&#252;hrung von Credit Points schlie&#223;lich hinaus. Die aktuelle Entwicklungsweise des Kapitalismus ist auf gro&#223;e Zahlen von relativ gut ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften angewiesen, und die Universit&#228;ten sind nun mal der Ort, an dem die „Inwertsetzung der Arbeitskraft“ konzentriert stattfindet.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Zugleich m&#252;ssen die Massen an den Hochschulen in f&#252;r das Kapital verf&#252;g- und verwertbare Form gebracht, m&#252;ssen m&#246;glich punktgenau an die Stellen im Produktionsprozess eingewiesen werden, an denen sie gebraucht werden. Daf&#252;r sind spezialisierte, in vergleichbaren Modulen organisierte und „praxisnahe“ Studieng&#228;nge n&#246;tig, wie sie an den Universit&#228;ten zur Zeit durchgesetzt werden. Und es m&#252;ssen institutionelle Barrieren eingezogen werden, um die Zahl jener, die &#252;ber eine fachliche Basisausbildung hinaus studieren, auf ein n&#252;tzliches Ma&#223; zu reduzieren, was durch Zugangsbeschr&#228;nkungen f&#252;r Masterstudien sichergestellt werden soll. Dass die Regierungen und Universit&#228;tsleitungen dabei auf Widerstand von Studierenden sto&#223;en, liegt nicht unbedingt daran, dass das Bewusstsein um diese Zusammenh&#228;nge unter Studierenden breit geteilt w&#228;re. Aber ein wesentliches Treibmittel f&#252;r den Unmut, der sich in Studierendenprotesten Bahn bricht, ist die konkrete Erfahrung, dass die hehren – letztlich Humboldt’schen – Bildungsideale, die weiterhin an Schulen, Unis und in Familien vermittelt werden (Bildung als Selbstbildung der Pers&#246;nlichkeit, interessegeleitetes Studieren etc.) sich permanent an verschulten Studienpl&#228;nen, &#252;berf&#252;llten H&#246;rs&#228;len und autorit&#228;ren B&#252;rokratien brechen. Ob und wie diese Erfahrungen politisiert werden, l&#228;sst sich aber nicht aus der gemeinsamen Lage als „WissensarbeiterInnen“ ableiten, sondern h&#228;ngt von den politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen in den Bewegungen ab.</p>
<p><strong>Klassenk&#228;mpfe von oben</strong><br />
Um den Zusammenhang von Studierendenbewegungen und Klassenk&#228;mpfen zu diskutieren, k&#246;nnen aber auch andere, sich ebenfalls auf Marx berufende theoretischer Zug&#228;nge, hilfreiche Hinweise liefern. In der akademischen Debatte der kritischen „Internationalen Politischen &#214;konomie“ wird seit vielen Jahren &#252;ber die Transformation des Bildungssystems unter dem Neoliberalismus diskutiert. Dabei wird die Ausgangsthese (post-)operaistischer Theorien, wonach Klassenk&#228;mpfe immer als Revolten „von unten“ ihren Ausgang nehmen und das Kapital zur Reaktion zwingen, abgelehnt. Vielmehr wird die aktive Rolle der verschiedenen Kapitalfraktionen und der mit ihnen organisch verbundenen „Intellektuellen“ betont, die ihre Verwertungsinteressen l&#228;ngerfristig durch die Formulierung und Durchsetzung von „hegemonialen Projekten“ durchsetzen und absichern. Dabei muss zwar zumindest teilweise auf Interessen und Begehren der beherrschten Klassen kompromisshaft eingegangen werden, letztlich haben wir es aber mit Formen des gesellschaftlichen Klassenkampfs „von oben“ zu tun. Die Durchsetzung des Neoliberalismus als globales politisches Projekt zur Disziplinierung der ArbeiterInnenklasse und zur Erschlie&#223;ung neuer gesellschaftlicher Bereiche f&#252;r die kapitalistische Akkumulation kann unter diesem Gesichtspunkt verstanden werden.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Klassenkampf ist aus dieser Perspektive nichts rein „&#246;konomisches“, sondern bezeichnet die vielf&#228;ltigen gesellschaftlichen Strategien von Klassenakteuren zur Durchsetzung ihrer Interessen. Der Politikwissenschaftler Kees van der Pijl etwa unterscheidet zwischen drei Ebenen der Klassenauseinandersetzungen. Neben den K&#228;mpfen in Phasen der „sogenannten urspr&#252;nglichen Akkumulation“, in denen es um die Durchsetzung von Lohnarbeit und kapitalistischer Produktion geht, und K&#228;mpfen innerhalb und um die Produktion um Lohnh&#246;he und Arbeitsbedingungen, besteht eine dritte, laut van der Pijl f&#252;r den neoliberalen Kapitalismus besonders virulente Form des Klassenkampfs in Auseinandersetzungen um die <em>Reproduktion </em>der Arbeitskraft selbst.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Damit meint er, dass bislang nicht der kapitalistischen Logik unterworfene gesellschaftliche Bereiche, in denen ArbeiterInnen sich sich im weitesten Sinne regenerieren, als potenzielle Akkumulationsfelder identifiziert werden – von der Familie &#252;ber &#246;ffentliche Dienstleistungen bis hin zur Natur selbst. Zu diesen Prozessen geh&#246;ren auch Konflikte um die Form und Organisation von Schulen und Hochschulen. Die Reformen der letzten Jahre zielen letztlich auch darauf ab, Bildung als &#246;konomischen „Sektor“ zu etablieren, der als potenziell profitables Anlagefeld f&#252;r das Kapital funktioniert. Daf&#252;r m&#252;ssen Universit&#228;ten „unternehmerisch“ gef&#252;hrt werden: es werden Konkurrenzmechanismen innerhalb und zwischen den Hochschulen eingef&#252;hrt, der Wettbewerb um „Drittmittel“ zur Finanzierung von Forschung und Lehre hergestellt und autorit&#228;re, den Vorst&#228;nden und Aufsichtsr&#228;ten gro&#223;er Konzerne nachempfundene F&#252;hrungsstrukturen implementiert.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Dies auch dann, wenn – wie es bei den gro&#223;en Massenuniversit&#228;ten der Fall ist – die einzelne Institution gar nicht profitabel gef&#252;hrt werden kann. Es geht um die politische Herstellung eines Bildungs-Marktes, in dem dann einzelne Segmente (z.B. globale Elite-Universit&#228;ten, berufsbegleitende Weiterbildung etc.) als rentable Anlagefelder identifiziert werden k&#246;nnen. Wenn wir diese „Reformen“ als Bestandteile eines Klassenkampfs begreifen, der von oben um die Herstellung neuer M&#246;glichkeiten zur Kapitalakkumulation, d.h. f&#252;r die Unterwerfung weiterer gesellschaftlicher Bereiche unter die Logik von Profit und Konkurrenz, gef&#252;hrt wird, dann erhalten auch die K&#228;mpfe der Studierenden, die sich genau dagegen wehren, eine Dimension des Klassenkampfs – ohne, dass wir die Studierenden deshalb gleich kollektiv zu Bestandteilen der ArbeiterInnenklasse erkl&#228;ren m&#252;ssen. Ob diese „Dimension des Klassenkampfs“ in den Protesten auch artikuliert wird, h&#228;ngt letztlich von den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in den Bewegungen selbst ab: In diesen geht es darum, welche Kampfformen wir annehmen, was und wen wir zum politischen Gegner oder zum potenziellen Verb&#252;ndeten erkl&#228;ren, und, nicht zuletzt, als was wir uns selbst verstehen und definieren. Denn wenn Studierende sich als Subjekte in einem Klassenkampf verstehen, der nicht nur gegen sie gef&#252;hrt wird, l&#228;sst sich auch die Frage nach gemeinsamen Interessen und darauf aufbauenden Allianzen anders aufwerfen und in der Verbindung verschiedener anti-neoliberaler K&#228;mpfe m&#246;glicherweise etwas politisch Gemeinsames herstellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ein &#220;berblick zu den K&#228;mpfen gegen den CPE findet sich hier: http://www.labournet.de/internationales/fr/cpe.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine erste Sammlung von Berichten und Einsch&#228;tzungen zu den Protesten in<br />
Gro&#223;britannien findet sich in Hancox, Dan: Fight Back! A Reader on the Winter of<br />
Protest, London (2011): OpenDemocracy, online: http://www.opendemocracy.net/ourkingdom/ourkingdom/fight-back-reader-on-winter-of-protest<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Caffentzis, George: University Struggles at the End of the Edu-Deal, in: Mute<br />
Magazine, 2 (16), S. 72-77<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Probst, Stefan et al.: Utopia?! Alternative Formen der Wissensproduktion und –aneignung, in: Perspektiven Nr. 10 (2010), S. 16-21<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Heissenberger, Stefan et al. (Hg.): Uni brennt. Grunds&#228;tzliches – Kritisches – Atmosph&#228;risches, Wien (2010): Turia+Kant.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. http://www.prol-position.net/nl/2006/07/cpe-leaflet<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Benino, Andrea: Die perfekte Welle&#8230;, in: kulturrisse 2/2009, S. 24-27.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Research &#038; Destroy: Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft, in: grundrisse Nr. 32 (2009), S. 22-30.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Frauen wurde in Deutschland und &#214;sterreich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts die Immatrikulation an Universit&#228;ten erlaubt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Demirovi&#196;, Alex: Kritische Gesellschaftstheorie und ihre Bildungsbedingungen, in: Kurswechsel 4/2005, 13-27, hier: 18f.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd.: 19<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation in<br />
Deutschland und &#214;sterreich, bleiben notwendig kursorisch und in mancherlei Hinsicht vereinfachend; die beschriebene Entwicklung kann jedoch, so meine ich, zumindest in der Tendenz auf die Gesellschaften des kapitalistischen Nordwestens ausgeweitet werden.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> MEW 23: 533<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> MEW 42: 593<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Sabel, Charles: Struktureller Wandel der Produktion und neue Gewerkschaftsstrategien,in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 41-60, hier: S. 41.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> von Osten, Marion: reformpause! Zur Genealogie aktueller Bildungsreformen,<br />
Wien (2009), edition PROLLpositions, S. 11<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> ebd. Obwohl die Konstellation in &#214;sterreich sich von jener Deutschlands etwas<br />
unterschied und eher durch Prozesse der verz&#246;gerten und nachholenden Entwicklung gepr&#228;gt war, lassen sich bereits ab 1963, mit der Einf&#252;hrung eines Studienbeihilfengesetzes, &#228;hnliche Tendenzen erkennen. Vgl. Reithmayer, Thomas: Kritisch studieren an &#214;sterreichs Universit&#228;ten, in: Perspektiven Nr. 8, S. 32-39, hier S. 34.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a>Vgl. f&#252;r &#214;sterreich Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: Sozialismus in einer Stadt, in: Perspektiven Nr. 11, S. 12-19.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Das fordistische Entwicklungsmodell beruhte ma&#223;geblich auf einem spezifischen<br />
Geschlechter- und Familienregime, das Frauen auf ihre Rolle als unbezahlte und untergeordnete Haushaltsarbeiterinnen reduzierte. Der Mann war als Alleinverdiener zugleich „Familienoberhaupt“, womit das ehemals b&#252;rgerliche Modell der patriarchalen Kleinfamilie universalisiert wurde – auch und gerade in „Arbeiterfamilien“. Vgl. Hajek, Katharina/Opratko, Benjamin: Wessen Wirtschaft, welche Krise?, in: Perspektiven Nr. 9, S. 22-31.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Kapfinger, Emanuel/Sablowski, Thomas: Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus, in: Unbedingte Universit&#228;t (Hg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universit&#228;t, Z&#252;rich (2010): Diogenes, S. 249-275, hier: 256.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess, Frankfurt/M.<br />
(1977): Campus; an Bravermans Thesen schloss sich eine breite, kontrovers gef&#252;hrte Diskussion unter dem Label der Labor Process Debate an. F&#252;r einen kritischen &#220;berblick vgl. Wood, Stephen: Neue Technologien, Arbeitsorganisation und Qualifikation: die britische Labor-Process-Debatte, in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 74-104.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Atzm&#252;ller, Roland: Qualifikationsanforderung und Berufsbildung im Postfordismus, in: Prokla Nr. 137 (2004), S. 587-605, hier S. 588.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven Nr. 10, 22-28, hier: 24f.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Die Thesen von Hardt und Negri habe ich an anderer Stellen ausf&#252;hrlich kritisert: Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus, in: Perspektiven Nr. 3, S. 10-17.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Hardt, Michael/Negri, Antonio: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M. (2004): Campus, S. 126.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> MEW 42: 602, Herv. i. O.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der<br />
General Intellect, Wien (2005): Turia+Kant, S. 140, Herv. i. O.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 149.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 153.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Roggero, Gigi: Was das lebendige Wissen vermag, http://eipcp.net/transversal/0809/roggero/de<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> De Nicola, Alberto/Roggero, Gigi: Vom Leben in einer Ruine, in: Kulturrisse<br />
2/2008, S. 24-27, hier: 24.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> The Edu-factory Collective: All Power to Self-Education!, in: dies.: Toward a Global Autonomous University. Cognitive Labor, The Production of Knowledge and Exodus from the Education Factory, New York: Autonomedia, S. 0-15, hier: S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Roggero: Was&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Do, Paolo/Roggero, Gigi: We Won’t Pay for Your Crisis: Italian Struggles Against Education Reform, in: Mute Magazine (2009), http://www.metamute.org/en/content/we_won_t_pay_for_your_crisis_italian_struggles_against_education_reform<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Do/Roggero: We Won’t Pay&#8230;, a.a.O.; vgl. Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Ashram, Vidya: The Global Autonomous University, in: The Edu-factory Collective, Towards&#8230;, a.a.O., S. 165-170.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Opratko, Benjamin: Sei spontan&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Caffentzis, George/Federici, Silvia: Arbeit im Schatten der Kognitivit&#228;t, in: kulturrisse 2/2009, S. 10-15, hier: S. 13.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Hardt/Negri: Multitude, S. 130.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Gigi Roggero schreibt etwa: „Produktivit&#228;t [entsteht] nicht durch den Umstand, ob man f&#252;r seine T&#228;tigkeit bezahlt wird oder nicht, sondern durch die konfliktuale Beziehung zwischen der Produktion des Gemeinsamen und dessen Vereinnahmung“ (Roggero: Was&#8230;, a.a.O.)<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10 (Fn 9); Bousquet, Marc: How the<br />
University Works. Higher Education and the Low-Wage Nation, New York: New York<br />
University Press<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Bousquet: How&#8230;, a.a.O., S. 146ff.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Unger, Martin et al: Studierenden-Sozialerhebung 2009, Wien: IHS, S. 133ff.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Raunig, Gerald: Im Modus der Modulation, in: Unbedingte Universit&#228;ten: Was passiert?, a.a.O., 55-63, hier: 63.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Vgl. Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich (2007): Rotpunkt.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Van der Pijl, Kees: Transnational Classes and International Relations, London (1998): Routledge, S. 38ff.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Vgl. Demirovi&#196;, Alex: Die Transformation der Staatlichkeit von Hochschulen, in: Das Argument Nr. 272 (2007), S. 531-545; Zeuner, Bodo: Die Freie Universit&#228;t Berlin vor dem B&#246;rsegang? Bemerkungen zur &#214;konomisierung der Wissenschaft, in: Prokla Nr. 148 (2007), S. 325-350.</p>
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		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
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		<item>
		<title>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. Harry Cleaver, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. <em>Harry Cleaver</em>, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand versteht. Der zweite Teil des Artikels erscheint in <em>Perspektiven Nr. 14</em>.<br />
<span id="more-1962"></span><br />
W&#228;hrend der letzten zehn Jahre hat der Marxismus an den US-amerikanischen Universit&#228;ten eine beachtliche Stellung erlangt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dies gilt insbesondere f&#252;r die Wirtschaftswissenschaften, wo die Diskussionen zu Marx und der marxistischen Tradition bis vor kurzem haupts&#228;chlich auf Seminare zur Geschichte des &#246;konomischen Denkens oder der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte beschr&#228;nkt war. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Aufstieg eines akademischen Marxismus beruht meines Erachtens auf zwei Faktoren. Zum einen haben die K&#228;mpfe der Studierenden im Kontext der sozialen Aufst&#228;nde der sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahre Zeit und Raum daf&#252;r geschaffen, dass politisch aktive Studierende sich mit dem Marxismus als Teil radikaler Wirtschaftswissenschaften, rebellischer Soziologie usw. auseinandersetzen konnten. <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zum anderen waren die Universit&#228;tsverwaltungen und die von ihnen &#252;blicherweise vertretenen Wirtschaftsinteressen gegen&#252;ber der Ausbreitung marxistischer Forschung &#252;berraschend tolerant. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Reaktion auf studentische Forderungen ist nicht einfach ein Fall von „repressiver Toleranz“, die Marcuse so eindringlich beschrieben hat. <a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Vielmehr ist diese gegenw&#228;rtige Toleranz auf das Bed&#252;rfnis nach neuen Ideen zur&#252;ckzuf&#252;hren, das die Wirtschaft in der aktuellen &#246;konomischen und sozialen Krisenperiode hat. <a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die lange Geschichte der kapitalistischen Aneignung marxistischer Ideen unterst&#252;tzt diese Behauptung. <a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Mehr noch: Die zahlreichen Versuche der letzten Jahre, in der Wirtschaftspresse und in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften radikalen Ideen Raum zu geben und aktuelle marxistische Forschung zur &#214;konomie zu besprechen, demonstrieren das anhaltende Interesse der Wirtschaft und ihrer IdeologInnen an der M&#246;glichkeit, von Marx etwas Neues zu lernen. Nirgendwo war diese Toleranz offensichtlicher als im Bereich marxistischer Krisentheorie.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diese Bereitschaft der Wirtschaft, sich marxistische Ideen anzueignen und f&#252;r eigene Zwecke zu nutzen, wurde von marxistischen KrisentheoretikerInnen bislang gr&#246;&#223;tenteils ignoriert. Wieder und wieder haben diese ihre Theorien in einer Art und Weise formuliert, die eine solche Aneignung erleichtert.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Dies muss jedoch nicht notwendigerweise der Fall sein. Es gibt eine Lesart von Marx und eine Entwicklung marxistischer Theorie, die sich dieser Art der Aneignung nicht ausliefert.<br />
In diesem Essay geht es mir um zwei Dinge. Erstens zeige ich anhand einer Reihe von Beispielen, wie in der Geschichte marxistischer Krisentheorie viele TheoretikerInnen den revolution&#228;ren Inhalt des Marx’schen Werks vergessen und sich dadurch der Gefahr kapitalistischer Aneignung ausgesetzt haben. Zweitens schlage ich einen alternativen Zugang zur Marx’schen Krisenanalyse vor, der ihren politischen und revolution&#228;ren Inhalt explizit macht und sie daher st&#228;rker gegen eine Aneignung immunisiert.</p>
<p><strong>Einige Probleme marxistischer Krisentheorie</strong><br />
Angesichts des offensichtlichen Interesses von Mainstream- &#214;konomInnen und der Wirtschaftspresse an marxistischer Wirtschaftswissenschaft und im Wissen um die M&#246;glichkeiten einer kapitalistischen Aneignung unserer Ideen sollten wir erkennen, dass einige der &#246;konomietheoretischen Arbeiten innerhalb des Marxismus schwere M&#228;ngel aufweisen. Im Versuch, ein alternatives &#246;konomisches Paradigma zu entwickeln, das innerhalb der akademischen Community salonf&#228;hig ist, haben zu viele marxistische Studierende und &#214;konomInnen die „Wirtschaft“ &#252;berbetont und dabei Marx verloren. Krisentheorie war immer ein zentraler Bestandteil marxistischer Theorie und nicht zuletzt von Marx’ eigenem Werk. Er war sowohl an zyklischen Krisen – oft Konjunkturzyklen genannt – als auch an jenen grundlegenden s&#228;kularen Trends interessiert, welche die langfristige &#220;berlebensf&#228;higkeit des Systems untergraben. Dass dieser Aspekt der Marx’schen Forschung von der Wirtschaftspresse am engsten verfolgt wurde, liegt sicherlich daran, dass wir uns gegenw&#228;rtig inmitten einer tiefen Systemkrise befinden. Nur weil einige MarxistInnen ihre Krisentheorie auf eine Art und Weise formuliert haben, die mit b&#252;rgerlichen Theorien vergleichbar ist, kann die Wirtschaft &#252;berhaupt darauf hoffen, Erkenntnisse und Gebrauchswert aus deren Arbeit zu ziehen.<br />
In Marx’s eigener Forschung gehen Theorie und empirische Studien Hand in Hand. Der wahrscheinlich wichtigste Durchbruch in seinem Denken zu diesem Thema ereignete sich w&#228;hrend der Krise von 1857, als er w&#228;hrend langen, durchgearbeiteten N&#228;chten versuchte, seine empirischen Beobachtungen durch die Entwicklung eines neuen theoretischen Rahmens zusammenzufassen. Die Ergebnisse dieser Periode umfassen sowohl seine Zeitungsartikel als auch die Notizen, die als <em>Grundrisse </em>bekannt wurden. In diesen Artikeln und Notizen findet sich eine bunte Mischung historischer und theoretischer Beobachtungen zu unterschiedlichen Aspekten kapitalistischer Krisen. Einige dieser Beobachtungen integrierte Marx sp&#228;ter in <em>Das Kapital</em> und die <em>Theorien &#252;ber den Mehrwer</em>t. In dieser F&#252;lle von Material k&#246;nnen wir erkennen, wie Marx darum k&#228;mpfte, eine politische Analyse von Krisen auszuarbeiten, aus der er strategische Lehren f&#252;r die ArbeiterInnenbewegung gewinnen konnte.<br />
In der Geschichte des Marxismus seit Marx hat die Entwicklung von Krisentheorien bis heute jedoch entt&#228;uschende Ergebnisse gezeitigt. Dabei k&#246;nnen wir mindestens zwei eklatante M&#228;ngel identifizieren. Der erste ist die Tendenz, den Fokus auf eine enge Auswahl des Marx’schen Werkes zu legen. Diese Tendenz, die, wie Peter Bell zeigt, einseitige, monokausale Theorien hervorbringt, kann die volle Reichweite von Marx‘ Arbeiten zu Krisen nicht ad&#228;quat fassen und hat zu endlosen marxologischen Debatten gef&#252;hrt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So ist beispielsweise die Debatte zwischen jenen MarxistInnen, die sich auf Marx’ Kommentare zur Unterkonsumption st&#252;tzen, und jenen, die auf seine Diskussion des tendenziellen Falls der Profitrate bauen, seit mehr als 40 Jahren im vollen Gange und von einer L&#246;sung doch meilenweit entfernt.<br />
Der zweite Mangel marxistischer Krisentheorie – und jener, den ich hier untersuchen m&#246;chte – betrifft die Tendenz, Krisen als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften zu denken und dabei Analysemethoden anzuwenden, die denen der Mainstreamwissenschaften sehr &#228;hnlich sind. Diese Tendenz bringt MarxistInnen nicht nur dazu, den politischen Inhalt ihrer Kategorien und Theorien zu vergessen, sondern macht es kapitalistischen IdeologInnen auch einfach, diese Theorien f&#252;r ihre eigenen Zwecke zu pr&#252;fen und anzueignen. Um diese Tendenz zu veranschaulichen, werde ich einige Beispiele aus der Geschichte marxistischer Krisentheorie betrachten.</p>
<p><strong>Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals</strong><br />
Rosa Luxemburg war eine der brillantesten MarxistInnen des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Ihr revolution&#228;res Verst&#228;ndnis von Marx machte sie zur Erzfeindin der SozialdemokratInnen der Zweiten Internationale, und ihre enge Bindung an die ArbeiterInnenklasse veranlasste sie zu heftiger Kritik an Lenins Elitismus. Als sie sich jedoch daran versuchte, eine Akkumulations- und Krisentheorie auszuarbeiten, tat sie, was so viele MarxistInnen oft tun – sie stellte ihren politischen Scharfsinn zur&#252;ck und verlor sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart von <em>Das Kapital</em>.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist weithin bekannt, dass Luxemburg ihre Theorie auf Marx’ Analyse der Reproduktion im zweiten Band von <em>Das Kapital</em> basierte. Sie konzentrierte sich auf die Marx’schen Reproduktionsschemata, analysierte deren zeitliche Entwicklung und kam zum Schluss, dass das notwendige Gleichgewicht zwischen den beiden Abteilungen<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> unter realistischen Annahmen unm&#246;glich zu erhalten sei, da die Warenproduktion die Aufnahmef&#228;higkeit der M&#228;rkte &#252;berfordern w&#252;rde. Daraus leitete sie ab, dass Krisen notwendig entstehen, und dass ein „externer Sektor“ (z.B. Kolonien) existieren m&#252;sse, in welchem die &#252;bersch&#252;ssigen Produkte abgesetzt werden k&#246;nnen.<br />
Ihre Analyse stellte einen Moment in einer langen Debatte zu den Krisentendenzen des Kapitalismus unter MarxistInnen dar, in der die Marx’schen Reproduktionsschemata als Ausgangspunkt dienten. Diese Debatte begann mit Tugan-Baranowsky, der Theorien der Unterkonsumption angriff und stattdessen eine „Theorie begrenzter Disproportionalit&#228;t“ zwischen den Abteilungen vorschlug.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Luxemburgs Arbeit war zum Teil ein Angriff auf Tugan-Baranowsky, und teilweise ein Versuch, die Basis sowohl einer Krisentheorie wie auch einer Imperialismustheorie zu entwickeln. Auf Luxemburgs Buch folgten Arbeiten von Nikolai Bucharin, Otto Bauer, Henryk Grossman und anderen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> All diese AutorInnen hatten bez&#252;glich der Reproduktionsschemata einen &#228;hnlichen Zugang wie Luxemburg: Diese wurden als Grundlage f&#252;r eine Krisenanalyse gesehen, die Bedingungen ihres Gleichgewichts sollten von WirtschaftswissenschafterInnen analysiert werden. In moderner Begrifflichkeit lie&#223;e sich sagen, dass diese AutorInnen die Marx’schen Reproduktionsschemata als ein aus zwei, manchmal drei Sektoren bestehendes Wachstumsmodell betrachteten.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Luxemburg erforschte, wie andere auch, Bedingungen der Stabilit&#228;t. Viele Jahre sp&#228;ter, nachdem Leontiefs Adaption dieser Schemata ihren Niederschlag in makro&#246;konomischen Modellen gefunden hatte, haben kapitalistische PlanerInnen &#228;hnliches unter Zuhilfenahme multisektoraler Wachstumsmodelle getan. Doch w&#228;hrend Luxemburg und die anderen MarxistInnen sich mit der Beobachtung zufrieden gaben, dass das Modell automatisch Widerspr&#252;che und damit Krisen hervorbringt, die daher im Kapitalismus unvermeidbar sind (oder eben nicht), benutzten die PlanerInnen das Modell um herauszufinden, welche Vorkehrungen zu treffen waren, um einer fortgesetzten erfolgreichen Akkumulation den Weg zu ebnen.<br />
Auf den ersten Blick mag diese Verwendung der Marx’schen Schemata zur Analyse von Krisen manchen als Geniestreich erscheinen. Hatten diese MarxistInnen damit nicht das Werk von Marx fortgef&#252;hrt? Marx entwickelte die Reproduktionsschemata w&#228;hrend seiner Arbeit an den <em>Grundrissen</em>. Sie waren Teil seiner &#220;berlegungen zu einigen der Faktoren, die zu einer Unterbrechung der Akkumulation f&#252;hren k&#246;nnten. Dahin gesto&#223;en wurde er durch die Untersuchung der Probleme des Kapitals hinsichtlich der Reproduktion seiner gesellschaftlichen Totalit&#228;t. Wie Mario Tronti in seinem Buch <em>Arbeiter und Kapital</em> zeigt, stellen die Reproduktionsschemata einen Zugang zur Untersuchung des „gesellschaftlichen“ Kapitals dar, wobei gesellschaftliches Kapital nicht nur die Summe einzelner Kapitale meint, sondern auch die Produktion und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse sowie die damit verbundenen K&#228;mpfe.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Diese Perspektive behandelte die Schemata nicht allein im Sinne von Str&#246;men zwischen einzelnen Industrien, sondern als Zugang zu einer politischen Totalit&#228;t.<br />
Dies findet sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart des dritten Abschnitts des zweiten Bandes von <em>Das Kapital</em> jedoch nicht wieder. Luxemburg und andere behandelten „Reproduktion“ in der gleichen Weise wie heutige WachstumstheoretikerInnen – aus einer verengten und fetischisierten „&#246;konomischen“ Perspektive, die soziale und politische Verh&#228;ltnisse unber&#252;cksichtigt l&#228;sst und den Marxschen Zugang auf ein Problem abstrakter, quantitativer Proportionalit&#228;ten reduziert. Was folgt daraus? Ich behaupte, dass die ArbeiterInnenklasse aus diesem Teil ihrer Analyse wenig Nutzen ziehen kann, abgesehen von einem formalen Argument &#252;ber die Unabwendbarkeit des Imperialismus.</p>
<p><strong>Paul Sweezys Theorie kapitalistischer Entwicklung und Monopolkapital</strong><br />
Beinahe 30 Jahre lang, zwischen den fr&#252;hen 1940ern und den sp&#228;ten 1960ern, war Paul Sweezy zusammen mit Paul Baran der bekannteste Marxist der Vereinigten Staaten. Seine B&#252;cher und sein Magazin <em>Monthly Review</em> bildeten eine Generation von marxistischen WirtschaftswissenschafterInnen, die in den 1960er Jahren aufwuchsen und heute an den Universit&#228;ten, Schulen und in Betrieben &#252;berall in den USA lehren. Anders als Rosa Luxemburg, die vor allem politische Aktivistin war und sich Marx im Zuge ihrer politischen Praxis angeeignet hatte, war Sweezy zuvorderst ein Wissenschafter und &#214;konom. Ausgebildet in Harvard von Alvin Hansen, einem der wichtigsten Wirtschaftswissenschafter im Gefolge Keynes’, entwickelte Sweezy eine Krisentheorie, die deutlich die Spuren seiner Profession und seiner Biografie tragen. Dass marxistische Krisentheorie heutzutage vor allem eine Theorie &#246;konomischer Krisen zu sein scheint, ist nicht zuletzt seinem Einfluss geschuldet.<br />
Ich will an dieser Stelle nur drei Aspekte von Sweezys Ausf&#252;hrungen zur Krisentheorie diskutieren. Der erste betrifft Luxemburg und anderen MarxistInnen, die sich auf die Marx‘schen Reproduktionsschemata bezogen. Der zweite betrifft seine Ablehnung des tendenziellen Falls der Profitrate. Der dritte betrifft seine Betonung jener Kommentare, in denen Marx die Grenzen des Konsums der ArbeiterInnenklasse als validen Kern der Krisentheorie darstellt. In seiner <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung</em> evaluiert und kritisiert Sweezy die Theorien Luxemburgs und anderer, oben genannter AutorInnen in deren eigenen Begriffen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Er pr&#228;sentiert mathematische Berechnungen zu den Reproduktionsschemata und nennt in guter &#246;konomischer Tradition pr&#228;zise die Bedingungen f&#252;r ein Gleichgewicht. Otto Bauer wird von Sweezy explizit in die Form eines mathematischen Wachstumsmodells &#252;bersetzt. Sweezy bewertet die Arbeit dieser AutorInnen stets blo&#223; durch eine Befragung ihrer Annahmen oder argumentativer Details, hinterfragt jedoch nie den Rahmen eines ausschlie&#223;lich &#246;konomischen Zugangs. Wie bei den meisten WirtschaftswissenschafterInnen ist Akkumulation auch bei Sweezy eng und quantitativ als Zuwachs an Geld, Produktionsmitteln, Lohnarbeit und Waren definiert. Daher kann er mit der Sprache und den Formen arbeiten, die auch von Leontief oder Harrod-Domar akzeptiert werden.<br />
Das Marx‘sche „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ interpretiert Sweezy auf typisch &#246;konomische Art und Weise. Damit meine ich, dass er annimmt, dass sich die Theorie auf Kr&#228;fte bezieht, die sich direkt auf die monet&#228;r messbare Profitrate auswirkt. Zudem behandelt er auch die Wertkategorien, also variables Kapital (v), konstantes Kapital (c), Mehrwert (m), die Mehrwertrate (m/v) und die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v), nach Art der Wirtschaftswissenschaften als mathematische, formal umwandelbare Gr&#246;&#223;en. Daher schreibt er, dass, wenn der Z&#228;hler und der Nenner der Profitrate m/(c+v) durch v dividiert wird, wir als Ergebnis (m/v)/[(c/v)+1] erhalten. Er tut dies, weil die Profitrate auf diese Weise durch jene Kategorien ausgedr&#252;ckt werden kann, mit denen Marx sich besch&#228;ftigt: Die Mehrwertrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals. Auf Basis dieses Ausdrucks argumentiert er, dass das „Gesetz“ ung&#252;ltig sei, da zwar c/v schneller wachsen k&#246;nne als m/v, wenn v durch c ersetzt wird, dies aber keinesfalls a priori sicher sei, da die steigende Produktivit&#228;t, die mit Investitionen in c verbunden ist, sowohl den Wert von c wie auch von v fallen l&#228;sst und es nicht m&#246;glich sei vorherzusagen, welcher st&#228;rker fallen w&#252;rde. <em>Voilà!</em> Soviel zu dem „Gesetz“, das Marx als das fundamentalste und wichtigste der kapitalistischen Entwicklung ansah.<br />
Ein Resultat von Sweezys These war eine beinahe endlose Flut von Artikeln, die ihn in dieser Frage angriffen oder verteidigten. Seine prominentesten Gegner waren Paul Mattick, Mario Cogoy und David Yaffe, die alle die Zentralit&#228;t und G&#252;ltigkeit des Gesetzes verteidigten.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die meisten dieser Kritiken beinhalteten einen Versuch, das Gesetz in anderer mathematischer Form zu formulieren, um es zu retten. Verteidigungen von Sweezys Ablehnung kamen w&#228;hrend der gesamten Nachkriegszeit von ihm selbst, aber auch von anderen, gest&#252;tzt auf theoretische<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> oder empirische<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Grundlagen.<br />
Was sind nun die zentralen Punkte in der Debatte zwischen all diesen MarxistInnen? Handelt es sich um politische Argumente? Wohl kaum, es sind nicht einmal polit&#246;konomische. Sie sind zum gr&#246;&#223;ten Teil mathematisch und formalistisch. In seiner Zusammenfassung der Debatte schreibt Herb Gintis, dass „amerikanische MarxistInnen im Allgemeinen die mathematische Theorie, auf der die Vorhersage der fallenden Profitrate basiert, gr&#252;ndlich untersucht haben und zum Schluss gekommen sind, dass eine derartige Tendenz nicht existiert.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Was sollen wir zu einem derartigen Marxismus sagen? Jedenfalls ist die &#196;hnlichkeit dieser Debatte mit jener, die im Mainstream &#252;ber dasselbe Thema gef&#252;hrt wird, frappant.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sollte es sich hierbei um Marx’sche Wirtschaftswissenschaften handeln, liegt die Betonung sicherlich auf Wirtschaftswissenschaften, nicht auf Marx. Wir haben es hier mit einem sterilen Seminarraummarxismus zu tun, der seines politischen Inhaltes und seines Klassenhasses beraubt wurde. Es ist ein Marxismus, den Mainstream&#246;konomInnen verstehen und in ihrer eigenen Begrifflichkeit auswerten k&#246;nnen. Dass nicht mehr solcher sich auf Marx beziehender WirtschaftswissenschafterInnen auf Lehrst&#252;hle berufen werden, kann nur daran liegen, dass entweder der Mainstream deren Arbeit f&#252;r nicht produktiv h&#228;lt, oder dass, wie im Falle Luxemburgs, ihr politisches Handeln in anderen Bereichen militanter ist als ihre Theorie.<br />
Der letzte Aspekt von Sweezys Werk, den ich untersuchen will, hat eine ganze Str&#246;mung gegenw&#228;rtiger marxistischer Krisentheorie hervorgebracht: Seine Interpretation der Marx‘schen Kommentare hinsichtlich der Grenzen der Konsumtion der ArbeiterInnenklasse. Sweezys Lesart der Kommentare passt gut zu den keynesianischen Interpretationen von Hansen zur Problematik der inad&#228;quaten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und der Ansicht sowohl von Hansen und Steindl &#252;ber die Stagnationstendenzen des Kapitalismus.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Dieses unterkonsumtionistische Verst&#228;ndnis von Marx ist abermals sehr stark in der wirtschaftswissenschaftlichen Tradition verankert. Von Malthus, welchen Marx studierte, &#252;ber Hobson im Hintergrund bis zu Keynes im Zentrum des Mainstreams war die Frage nach der ad&#228;quaten Nachfrage zur Herstellung und Erhaltung von &#246;konomischem Output-Wachstum ein zentrales Thema. Doch w&#228;hrend Marx die kapitalistischen Versuche, das Einkommen der ArbeiterInnenklasse und deren steten Kampf um h&#246;here L&#246;hne (und k&#252;rzere Arbeitszeiten) einzud&#228;mmen, als einen wichtigen Klassenwiderspruch analysierte, findet Sweezy darin eine Rechtfertigung f&#252;r eine Art pessimistischen Keynesianismus, in der die Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse zur Krise f&#252;hrt. Sweezy ist derart vertieft in die Untersuchung der &#196;hnlichkeiten zwischen Marx und Keynes, dass er seinem Buch einen Essay von Shigeto Tsuru beif&#252;gte, in dem dieser explizit Marx‘sche und Keynes‘sche Makrokategorien zusammenf&#252;gt.<br />
Zwanzig Jahre sp&#228;ter, als Sweezy zusammen mit Paul Baran sein Buch <em>Monopolkapital </em>ver&#246;ffentlichte, vertrat er im Wesentlichen immer noch dieselbe Position. Dieses Mal war sein Marxismus jedoch wenig mehr als die rhetorische Bem&#228;ntelung eines Buchs, das sonst auch als das Werk eines liberalen Mainstream&#246;konomen in der Tradition neoklassischer Synthesen h&#228;tte eingeordnet werden k&#246;nnen. Der analytische Kern von Sweezys und Barans Darstellung war eine Mischung aus neoklassischer Betriebswirtschaftslehre und keynesianischer Makrotheorie. Der Titel verweist auf ihr zentrales Anliegen, die gegenw&#228;rtige Phase des Kapitalismus in Begriffen der Struktur der kapitalistischen M&#228;rkte zu definieren – die als monopolistisch, im Gegensatz zu einem fr&#252;heren Stadium des Wettbewerbskapitalismus, gefasst werden. Ihre Diskussion der „Absorption des Surplus“ stellte eine Wendung der keynesianischen Problematik der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dar. Die Marx‘schen, auf der Arbeitswerttheorie aufbauenden theoretischen Kategorien waren fast v&#246;llig aus der Analyse verschwunden. Statt Mehrwert finden wir „Surplus“; statt dem Problem der Abpressung von Mehrwert finden wir das seiner Entsorgung. W&#228;hrend es sich bei der <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung </em>wenigstens der Form nach um marxistische Theorie handelte, nahm <em>Monopolkapital </em>sowohl Form als auch Inhalt der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft an (obschon mit dem den Autoren eigenen kritischen Zug&#228;ngen). Nur in den abschlie&#223;enden Kapiteln legen sie die Wirtschaftswissenschaft beiseite und behandeln Konzepte der Kritischen Theorie, wie die historische Vernunft und die Irrationalit&#228;t des Kapitalismus, wenngleich diese Aspekte der Marx’schen Tradition eher auf Hegel denn auf Marx zur&#252;ckzuf&#252;hren sind.<br />
Als andere MarxistInnen begannen, Sweezy anzugreifen, waren seine Abkehr von Marx und seine Verwendung einer keynesianischen, auf unzureichender Nachfrage basierenden Krisentheorie eine der ersten Ausgangspunkte.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
In seinen Repliken darauf ruderte Sweezy zur&#252;ck und formulierte seine Unterkonsumtions-Theorie einmal mehr in Marx‘schen Begriffen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es sind aber nicht die Details der Debatte die mich hier interessieren. Es ist eher die Art, wie in Sweezys Thesen und in der ganzen davon beeinflussten Literatur die Marx‘schen Gedanken in die Sprache der Wirtschaftswissenschaften &#252;bersetzt wurden. Es sollte uns also nicht &#252;berraschen, dass in den sp&#228;ten 1960er Jahren viele radikale WirtschaftswissenschafterInnen es als ihr vordringlichstes Problem ansahen, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften so zu adaptieren, dass sie zur Analyse jener Gegenst&#228;nde betragen konnten, die sie interessierten. Viele betrachteten es als das Erbe von Marx (den die meisten noch gar nicht studiert hatten), Probleme identifiziert zu haben, die der Mainstream &#252;bersehen hatte, statt als Ausgangspunkt f&#252;r eine andere theoretische Herangehensweise. Und wenn sie sich doch direkt mit Marx besch&#228;ftigten, nachdem sie von Baran und Sweezy gepr&#228;gt worden waren und die marxistischen Debatten zur Krisentheorie, die in ihrer Form, und in bestimmtem Grad sogar in ihrem Inhalt, den Debatten der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften glichen, verfolgt hatten, sollte es uns nicht zu sehr verwundern, dass sie Marx als &#214;konomen lesen. Auch sollte es uns nicht &#252;berraschen, dass ein guter Teil der gegenw&#228;rtigen marxistischen Krisentheorie diesem Pfad folgt.</p>
<p><strong>Die Profit Squeeze-Debatte<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></strong><br />
Die bekanntesten Beitr&#228;ge zur <em>Profit Squeeze</em>-Debatte stammen von Andrew Glyn, Bob Sutcliffe und ihren Anh&#228;ngerInnen in Gro&#223;britanien<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> sowie von Ray Boddy und James Crotty in den Vereinigten Staaten.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Kurz gesagt handelt es sich um eine Art marxistischer Krisentheorie, die sich explizit oder implizit auf Marx’ Arbeiten zur Rolle des Lohns bei Krisen bezieht, d.h. unter anderem auf Kapitel 25 des ersten <em>Kapital</em>-Bandes sowie die Analysen in <em>Lohn, Preis und Profit</em>. Der Grundgedanke besteht darin, dass ArbeiterInnen durch ihre K&#228;mpfe ihr Einkommen so weit in die H&#246;he treiben k&#246;nnen und dies historisch auch getan haben, dass der kapitalistische Profit bzw. der kapitalistische Anteil am Nationaleinkommen ausgeh&#246;hlt wird. Manchmal wird dieses Argument auf L&#246;hne bezogen, manchmal auf alle Einkommen (L&#246;hne plus Sozialleistungen, plus &#246;ffentliche Dienstleistungen, etc.). In den meisten F&#228;llen wird die Theorie durch empirische Studien abgest&#252;tzt, welche zeigen, dass dies w&#228;hrend der aktuellen Krise tats&#228;chlich eingetreten ist.<br />
Im Unterschied zu den schon genannten Theorien beinhaltet diese ein explizit politisches Moment des Klassenkampfes. Unterkonsumptionistische Theorien sind implizit klassenk&#228;mpferisch – der kapitalistische Versuch, L&#246;hne niedrig zu halten – obwohl dies in seiner &#252;blichen Interpretation ziemlich einseitig gefasst wird. Im <em>Profit Squeeze</em>-Ansatz wurde demgegen&#252;ber der Klassenkampf – fast zum ersten Mal in der Geschichte des akademischen Marxismus – anerkannt und ihm ein Platz zwischen &#246;konomischen Modellen und mathematischen Formalismen zuerkannt. Dies ist fraglos eine erfrischende Abweichung von jenen &#246;konomischen Krisentheorien, die wir bisher diskutiert haben. Dennoch bleiben im Rahmen dieses Ansatzes zwei Probleme bestehen. Das erste besteht in der Tendenz, die Krisenanalyse auf die Zirkulationssph&#228;re zu beschr&#228;nken, ohne zu erkennen, wie die Forderung nach h&#246;heren L&#246;hnen und Einkommen zugleich ein Angriff auf die Strukturierung des Lebens rund um die Arbeit ist. Kurzum, die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen haben es zumeist vers&#228;umt, die Revolte gegen die Arbeit und die Krise in der Produktion zu analysieren. Wo die Auflehnung gegen die Arbeit erkannt wurde, hat man sie als Rebellion gegen die erniedrigenden Arbeitsbedingungen im Kapitalismus interpretiert; es fehlt jedoch an Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wie die zunehmende Weigerung der Menschen, auf blo&#223;e ArbeiterInnen reduziert zu werden, eine grunds&#228;tzliche Unterminierung der kapitalistischen Ordnung darstellt.<br />
Zweitens formulieren die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen, indem sie die Krisenanalyse auf einen Verteilungskampf um den Output beschr&#228;nken, die Krisenproblematik &#228;hnlich wie die Mainstream-Diskussion um Einkommensverteilung. Dies ist ein sehr altes reformistisches Diskursfeld, auf dem die Verteilung des Outputs diskutiert, eine Debatte um die &#220;berwindung des Lohnsystems selbst jedoch vermieden wird. Im Rahmen dieses Diskurses reagieren konservative, pro-kapitalistische &#214;konomInnen und KommentatorInnen (wie jene, die mit der Reagan-Administration verbunden sind) auf den R&#252;ckgang der Unternehmensgewinne, indem sie eine Umverteilung fordern – durch einen Angriff auf L&#246;hne und Sozialleistungen. Liberale, pro-kapitalistische &#214;konomInnen (etwa Neoliberale wie Thurow) schlagen eine Lohnpolitik vor, welche die Unternehmensgewinne zu Gunsten des Kapitals stabilisieren, ohne den Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse v&#246;llig zu zerst&#246;ren. Radikale KritikerInnen sehen die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Surplus f&#252;r Investitionen und Wachstum, wollen aber eine gr&#246;&#223;ere Mitbestimmung der ArbeiterInnen hinsichtlich solcher Investitionen. Sie wollen mehr „Wirtschaftsdemokratie“ – eine Parole und eine Politik, die zum Schlachtruf heutiger SozialdemokratInnen geworden ist.<br />
Dementsprechend f&#228;llt die <em>Profit Squeeze</em>-Variante der Marxschen Krisentheorie ebenfalls in den Bereich der Mainstream-Debatten, wenn auch am sozialistischen Rand. Ist dies das Beste, was der Marxismus anzubieten hat? Sind diese Krisentheorien, formuliert in der Sprache und im Stil der Wirtschaftswissenschaften, alles was man von Marx lernen kann? Ist der Marxismus am Ende nur eine Unterabteilung der Wirtschaftswissenschaften? Gl&#252;cklicherweise lautet die Antwort nein; dies ist nicht alles – nicht einmal im Bereich der Krisentheorie, ganz zu schweigen von den &#252;brigen Aspekten des Marxismus. Es gibt einen anderen Weg, Marx und seine Krisentheorien zu lesen, und dieser f&#252;hrt zu g&#228;nzlich anderen Ergebnissen.</p>
<p><strong>Marx, der Revolution&#228;r</strong><br />
Die Alternative zur &#246;konomischen Interpretation von Marx, die ich f&#252;r die sinnvollste halte, ist die Deutung seiner Konzepte und Theorien als Momente seiner politischen Analyse des Kapitalismus als Klassenkampf. Dies nenne ich eine politische Lekt&#252;re von Marx. Die Grundlagen und die Entwicklung dieser politischen Lesart habe ich in der Einleitung meines Buches <em>Reading Capital Politically</em> skizziert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zu den bekanntesten AutorInnen, die diesem Ansatz zugerechnet werden k&#246;nnen, z&#228;hlen C.L.R. James, Raya Dunayevskaya, Martin Glaberman, Cornelius Castoriadis und Claude Lefort (in den 1950ern), Raniero Panzieri, Mario Tronti (in den 1960ern), Mariarosa Dalla Costa, Selma James und Antonio Negri.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Diese Herangehensweise weist all diejenigen „&#246;konomischen“ oder „polit-&#246;konomischen“ Analysen explizit zur&#252;ck, welche Marx’ Arbeiten als auf die &#214;konomie fokussiert verstehen, wenn „&#214;konomie“ im gew&#246;hnlichen Sinne als die Sph&#228;ren der Produktion, Zirkulation und Distribution umfassend verstanden wird. Sie besteht darauf, dass das, was &#252;blicherweise die &#246;konomische Sph&#228;re genannt wird, sich aus Momenten eines politischen Ganzen zusammensetzt: dem Klassenkampf.<br />
Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass der Gegenstand der Marx’schen Untersuchungen, und der einzig angemessene Gegenstand f&#252;r jede/n Revolution&#228;rIn, der Klassenkampf ist. Lasst uns deutlich sein, diese Position bestreitet die Autonomie des Politischen– es gibt keine &#246;konomische Sph&#228;re hier und eine politische dort. Wir argumentieren, dass es vom Standpunkt der ArbeiterInnen, die den Kapitalismus st&#252;rzen wollen, nur einen Bezugspunkt geben kann: die Strukturen ihrer Machtbeziehungen zum Kapital. Alles muss in Bezug auf das Verh&#228;ltnis zu diesem zentralen politischen Aspekt interpretiert werden. Es ist nicht so, dass der Klassenkampf zu einem neuen Zentrum innerhalb der Theorie erkl&#228;rt oder, im Fall der „Krisentheorie“, der Klassenkampf als „Ursache“ f&#252;r die Krise angesehen w&#252;rde. Klassenkampf ist weder Ursache noch Effekt. Er ist das Ganze, und Marx’ Analyse wird verstanden als die Erforschung der Kr&#228;fte, die innerhalb dieses Ganzen wirken. Deshalb ist Marx’ Krisenanalyse, wie die Akkumulationstheorie im Allgemeinen, eine Theorie der Dynamik des Klassenkampfes. Wenn Marx im <em>Kapital </em>sagt, dass Akkumulation zuallererst die Akkumulation der Klassen ist, m&#252;ssen wir anerkennen, dass dies notwendigerweise die Akkumulation der Konflikte und K&#228;mpfe der Klassenverh&#228;ltnisse bedeutet. Akkumulation beinhaltet nat&#252;rlich die erweiterte Reproduktion des Geldkapitals, des Warenkapitals, des produktiven Kapitals usw., aber diese d&#252;rfen nicht als Dinge verstanden werden, sondern als Momente des grundlegenden Klassenverh&#228;ltnisses.<br />
Diese politische Lesart von Marx nimmt dessen wiederholte Hinweise ernst, dass das Kapital vor allem ein soziales Verh&#228;ltnis ist. Sie nimmt auch die elfte Feuerbachthese ernst, wonach es darauf ankommt, die Welt zu ver&#228;ndern, weshalb jede Theorie, welche die Bezeichnung „marxistisch“ verdient, nicht nur die Klassenverh&#228;ltnisse zum Ausdruck bringen, sondern auch eine selbstbewusste und explizite Rolle im Kampf f&#252;r Transformation spielen muss.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Was diesen Ansatz von den meisten anderen Versionen des Marxismus unterscheidet, ist die Art, wie er das Kapital betrachtet. F&#252;r die meisten MarxistInnen, ob orthodox oder revisionistisch, ist das „Kapital“ die Gesamtheit der KapitalistInnen und deren Kapital. Die Dynamik des Kapitals wird aus dessen „innerer Logik“, wie sie es gerne nennen, abgeleitet. Die treibende Kraft hinter dieser „Kapitallogik“ ist ihnen zufolge der Konkurrenzkampf zwischen den KapitalistInnen. In diesem Bild erscheinen ArbeiterInnen als &#228;u&#223;erliche Faktoren, die f&#228;hig sind, Widerstand gegen die Logik des Kapitals zu leisten und die es sogar grunds&#228;tzlich st&#252;rzen k&#246;nnen, deren K&#228;mpfe aber reaktiv sind und der aus sich selbst angetriebenen Entwicklung des Kapitals nur Hindernisse in den Weg stellen k&#246;nnen.<br />
Ruft man sich die drei Beispiele zur Krisentheorie nochmals in Erinnerung, wird deutlich, dass diese Charakterisierung allgemeine G&#252;ltigkeit hat. Luxemburg, Sweezy, ihre Unterst&#252;tzerInnen und KritikerInnen, und sogar die<em> Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen sehen die Entwicklung des Kapitalismus durch seine eigenen „inneren Bewegungsgesetze“ bestimmt. Ob wir die Dynamik der Unterkonsumption, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate oder die Profitklemme betrachten, immer sehen wir den Kampf der ArbeiterInnenklasse als der Logik des Kapitals &#228;u&#223;erlich. Unterkonsumption nimmt im Kern eine Grenze des Verm&#246;gens der ArbeiterInnen an, die L&#246;hne anzuheben. Bezogen auf den tendenziellen Fall der Profitrate wird &#252;blicherweise angenommen, dass die Tendenz zur Erh&#246;hung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ihre Ursache im Wettbewerb hat. Und im Falle des<em> Profit Squeeze</em>-Arguments erscheint der Kampf der ArbeiterInnenklasse, der die Akkumulation untergr&#228;bt, als eine exogene Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Entwicklung.<br />
Innerhalb des alternativen Rahmens, den ich hier vorstelle, hei&#223;t Krise immer Krise des Klassenverh&#228;ltnisses. Allgemein ist deshalb eine kapitalistische Krise eine Krise der kapitalistischen Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenklasse. Die so genannten inneren Bewegungsgesetze des Kapitals m&#252;ssen also als die allgemeinen Charakteristika des Klassenkampfes verstanden werden. Gleicherma&#223;en haben die Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie den Zweck, die Muster und Logiken dieses Kampfes aufzudecken. In diesem Rahmen wird Marx zuallererst als militanter Theoretiker des Subjekts, oder pr&#228;ziser, zweier politischer und historischer Klassensubjekte gesehen: der KapitalistInnen und der ArbeiterInnenklasse. Die von Marx beschriebenen „Bewegungsgesetze“ sind die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die das Kapital gegen die K&#228;mpfe des antagonistischen Widerparts durchsetzen kann. Die beiden historischen Subjekte sind dabei in ihrem Charakter fundamental voneinander unterschieden, und dieser Unterschied bildet den Kern ihres Antagonismus. Kapital ist eine bestimmte Weise, das Leben von Menschen zu organisieren. In der kapitalistischen Gesellschaft sind die meisten Menschen Mitglieder der ArbeiterInnenklasse. Sie sind dem endlosen und k&#252;nstlichen Zwang zur Arbeit unterworfen, wobei sie Mehrwert produzieren, den die KapitalistInnen entweder konsumieren oder, was noch wichtiger ist, reinvestieren, um noch mehr Arbeit zu schaffen. Die KapitalistInnen, ob reiche M&#252;&#223;igg&#228;ngerInnen oder moderne Unternehmens-ManagerInnen, sind wesentlich das, was Marx „Funktion&#228;rInnen“ des Kapitals, nannte, im Sinne einer die Gesellschaft organisierenden Kraft. Das hei&#223;t ihre Arbeit besteht darin, den Prozess der Kapitalakkumulation zu organisieren, in der Produktions-, der Zirkulations- oder der Reproduktionssph&#228;re. Wie orthodoxe MarxistInnen oft sagen, reproduziert sich das Kapital selbst, aber nur in dem Sinne, dass es die sozialen Verh&#228;ltnisse wiederherstellt, in denen die meisten Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen um zu &#252;berleben. Deshalb ist die Arbeitsethik zentral f&#252;r die kapitalistische Ideologie, und zwar weil sie die lebenslange Freiheitsstrafe der harten Arbeit, welche das Kapital uns allen auferlegen m&#246;chte, rechtfertigt.<br />
Aber die ArbeiterInnenklasse, die Klasse derjenigen, die zur Arbeit gezwungen werden, bricht regelm&#228;&#223;ig mit den ideologischen und sozialen Kontrollen des Kapitalismus und k&#228;mpft gegen diese Zumutung. ArbeiterInnen bilden als historisches Subjekt, in Marxens Worten, nur dann eine wirkliche Klasse f&#252;r sich, wenn sie solche K&#228;mpfe ausfechten. Und doch gibt es etwas anderes, noch fundamentaleres, wodurch sich das ArbeiterInnen-Subjekt auszeichnet und das den Antagonismus erkl&#228;rt, der jeden Moment des Kapitals und jede Kategorie bei Marx durchzieht. Es ist die grundlegende F&#228;higkeit zu Kreativit&#228;t und Ver&#228;nderung, die ArbeiterInnen als menschliche Wesen besitzen und f&#252;r deren Befreiung sie k&#228;mpfen. Dies k&#246;nnte man als die positive Seite der K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse bezeichnen. Sie wenden sich nicht nur gegen die Unterordnung ihres Lebens unter die kapitalistische Arbeit, sondern k&#228;mpfen zus&#228;tzlich f&#252;r ihre autonome Entwicklung oder, mit Toni Negri gesprochen, ihre Selbst-Verwertung.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Und weil diese Entwicklung autonom ist und jeglichen Zwang von au&#223;en ablehnt, tendiert sie dazu, sich den Bem&#252;hungen des Kapitals, sie in seine eigene Formen zu zwingen, zu entziehen. Das Kapital in diesem Sinne, als eine bestimmte Lebensform, ist gefroren oder tot, wie Marx sagt. Es versteht allein seine eigenen Kreisl&#228;ufe. Es wei&#223; nur, wie man die gleichen Formen wiederholt und dieselben Inhalte aufzwingt, immer und immer wieder. Wie ein Vampir kann es seine Energie und sein Leben nur von Anderen beziehen. Es versucht, die spontane Energie und Kreativit&#228;t von Menschen nutzbar zu machen, indem es deren Autonomie begrenzt, sie zu ArbeiterInnen in seinen Fabriken und B&#252;ros und zu Funktion&#228;rInnen seines eigenen Bestehens macht. AutorInnen der Kritischen Theorie haben diese Wahrheit begriffen. Ihr Fehler lag darin, dass sie nicht gesehen haben, dass Marxens Werk Elemente enth&#228;lt, die sie selbst nicht begreifen oder ausarbeiten konnten: Eine Theorie der Autonomie der ArbeiterInnenklasse gegen das Kapital und f&#252;r ihre eigene Selbstentwicklung.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die meisten MarxistInnen, die an einer Krisentheorie arbeiten, sehen weder die Autonomie der ArbeiterInnenklasse, noch das kapitalistische Erfordernis, sich diese zunutze zu machen. Sie lesen Marxens Kategorien wie sie die Variablen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft lesen, und sie spielen die gleichen Spielchen mit ihnen. Aber wir m&#252;ssen das nicht tun. Stattdessen k&#246;nnen wir diese Kategorien<br />
nehmen, langsam, erst eine nach der anderen, dann alle zusammen, und herausfinden, wie sie Kategorien der Klassenverh&#228;ltnisse und Klassenk&#228;mpfe begr&#252;nden. Wir k&#246;nnen sie „politisch lesen“, um ihre Bedeutung f&#252;r die jeweiligen Klassen zu entdecken. Und indem wir das tun, k&#246;nnen wir Marx’ &#220;berlegungen zur Krise wiederbeleben, und vielleicht sogar einige jener Theorien, die von unseren marxistischen &#214;konomInnen erarbeitet wurden.<br />
Dies ist ein Projekt, das bereits im Gange ist. Seine historischen und politischen Urspr&#252;nge habe ich in der Einleitung zu meinem Buch <em>Reading Capital Politically</em> skizziert. Dort habe ich eine Neuinterpretation der grundlegenden Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie unternommen, um zu zeigen, wie sie als Kategorien des Klassenkampfes &#252;ber die Organisation der Gesellschaft rund um Arbeit gelesen werden k&#246;nnen. Ein j&#252;ngerer Beitrag beinhaltet eine erste, systematische Interpretation der Marx’schen Schriften zur Krise als Beobachtungen und Theorien dar&#252;ber, wie ArbeiterInnenk&#228;mpfe den Akkumulationsprozess unterbrechen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Weitere Materialien und Bemerkungen zur Krisentheorie, die in diesem inhaltlichen Rahmen erarbeitet wurden, k&#246;nnen in den Zeitschriften <em>Zerowork </em>und <em>Midnight Notes</em> sowie in <em>Red Notes, Semiotext(e)</em> und bei Antonio Negri gefunden werden.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Rahmen dieses Essays werde ich mich auf die Diskussion zweier Gesichtspunkte dieses Zugangs zur marxistischen Krisentheorie beschr&#228;nken. Der erste Aspekt betrifft die F&#228;higkeit dieses Ansatzes, eine alternative Lesart jener Konzepte Marxens anzubieten, die bisher &#246;konomisch interpretiert wurden und die als Grundlage &#246;konomischer Krisentheorien dienten. Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass eine solche Interpretation weniger anf&#228;llig f&#252;r jene kapitalistische Instrumentalisierung ist, vor der oben gewarnt wurde.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt im n&#228;chsten Heft (Perspektiven Nr. 14).</em></p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Isabella Amir, Benjamin Opratko, Ako Pire, Nicolas Schlitz, Felix Wiegand</em></p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>Harry Cleaver.</em></p>
<p>Harry Cleaver ist Professor f&#252;r Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas at Austin und u.a. Autor von <em>Reading Capital Politically</em> (1. Auflage 1979, Austin: University of Texas Press; 2. Auflage 2000, Oakland: AK Press; online unter <a href="http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver">http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver</a>).</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieser Artikel wurde urspr&#252;nglich verfasst f&#252;r das Centennial Symposium on Marx, Schumpeter and Keynes an der University of Colorado in Denver, 20. bis 22. August 1983. Erstmals erschienen in Helburn, Suzanne W./Bramhall, David F. (Hg.): Marx, Schumpeter and Keynes: A Centenary Celebration of Dissent, Armonk (1986): M.E. Sharpe, S. 121-146. Manche der zeitdiagnostischen Bemerkungen – besonders jene zur Ausbreitung marxistischer Theorien an Universit&#228;ten und wirtschaftswissenschaftlichen Instituten – m&#246;gen 25 Jahre sp&#228;ter fast skurril erscheinen. Dies tut dem theoretischen Argument Cleavers f&#252;r eine „politische“ Lekt&#252;re der Marx’schen Krisentheorie jedoch keinen Abbruch. Wir drucken hier die erste H&#228;lfte des Artikels ab, Teil zwei erscheint in Perspektiven Nr. 14 (Sommer 2011) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Der Einzug des Marxismus in amerikanische Universit&#228;ten schien derart umfassend, dass Ollman und Vernoff ihn als „Kulturrevolution“bezeichneten und in einem Sammelband dokumentierten. Vgl. Ollman, Bertell/Vernoff, Edward (Hg.): The Left Academy, New York (1982): Mc-Graw-Hill. Im Sinne von Thomas Kuhns Paradigmabegriff hat der Marxismus in den letzten Jahren alle f&#252;r ein Paradigma notwendigen Komponenten anerkannter akademischer Legitimit&#228;t hervorgebracht: Spezialisierte Zeitschriften, professionelle Organisationen, etablierte ProfessorInnen und Pr&#228;senz in Studieng&#228;ngen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Unter WirtschaftswissenschafterInnen hat die Diskussion um die Marx’sche Arbeitswerttheorie, den theoretischen Kern der meisten seiner „&#246;konomischen“ Werke, schon vor langer Zeit aufgeh&#246;rt. Am Beginn der marxistischen „Kulturrevolution“ in den fr&#252;hen 1960er Jahren gab es nur einen bekannten und etablierten marxistischen Wirtschaftwissenschafter in den Vereinigten Staaten, Paul Baran in Stanford. Da dieser 1964 verstarb, hat sich die derzeitige Generation von MarxistInnen ihr Wissen &#252;berwiegend eigenst&#228;ndig angeeignet.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> In ihrer Einleitung zu The Left Academy schreiben Ollman und Vernoff dass „sich in den Universit&#228;ten ein Raum f&#252;r kritisches Denken ge&#246;ffnet hat“. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O., S.2. Dabei m&#252;ssen wir uns gewahr bleiben, dass wir es waren, die diesen Raum erk&#228;mpft haben und dass dieser sich vor dem Hintergrund ausbleibender K&#228;mpfe auch wieder dramatisch verkleinern kann. Was der Geschichte marxistischer Forschung bisher noch abgeht, ist eine ernsthafte Evaluation sowohl der Strategien, die sich als n&#252;tzlich in der Durchsetzung dieses Raumes erwiesen wie auch jener, die es nicht waren.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Der Einfluss von Unternehmensinteressen auf die Struktur und den Inhalt des amerikanischen Erziehungswesens geh&#246;rt zu den am gr&#252;ndlichsten von radikalen marxistischen Studierenden und ProfessorInnen untersuchten Ph&#228;nomen &#252;berhaupt. Vor dem Hintergrund dieser Omnipr&#228;senz der Verwertungsinteressen sollten wir uns die Frage stellen, warum explizit antikapitalistische marxistische Lehre in den Universit&#228;ten eine derartige Toleranz erf&#228;hrt. Vgl. Bowles, Samuel/Gintis, Herbert: Schooling in Capitalist America, New York (1975): Basic Books; Spring, Joel H.: Education and the Rise of the Corporate State, Boston (1972): Beacon; Carnoy, Martin: Education as Cultural Imperialism, New York (1974): David McKay.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Teil von Marcuses Analyse der „repressiven Toleranz“ ist die These, dass etablierte Kr&#228;fte Differenz zum Zweck der Domestizierung und Neutralisierung tolerieren, um sie in den Universit&#228;ten und fern von den Stra&#223;en zu halten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Notwendigkeit neuer Ideen hat ihren Ausgang in der Krise jener Theorie, die Teil der gegenw&#228;rtigen &#246;konomischen Krise des Systems ist. Auf &#246;konomischer Ebene betrifft dies v.a. die Krise des keynesianischen Paradigmas, welches die Inhalte sowohl der Politik wie auch der &#214;konomielehrb&#252;cher<br />
der letzten 30 Jahre dominierte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ein bedeutender Versuch, Marx zur Planung kapitalistischer Akkumulation zu gebrauchen, findet sich in den 1920ern, als sowjetische &#214;konomInnen anhand der Marx’schen Reproduktionsschemata der erweiterten Reproduktion Modelle f&#252;r die sowjetische Wirtschaftspolitik entwickelten. Ein derartiger Versuch von Feldman war interessant genug, um das Interesse des bekannten westlichen Wachstumstheoretikers Evsey Domar auf sich zu ziehen. Im Westen gab es eine parallele Geschichte dieser Art der Marxrezeption. Der Beginn liegt dabei in der Entwicklung des input/output Modells durch Vassili Leontief, der sich zum Teil auf Marx’ Werk bezog. Domar, Evsey D.: Essays in the Theory of Economic Growth. New York (1957): Oxford University Press; Leontief, Wassily (1938): The Significance of Marxian Economics for Present Day Economic Theory, in: American Economic Review 28(1) (1938), S. 1-9; Horowitz, David (Hg.): Marx and Modern Economics. New York (1968): Monthly Review Press; Kuhne, Karl: Economics and Marxism. New York (1979): St. Martin’s Press.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Ab 1970 schuf die American Economic Association auf ihren j&#228;hrlichen Kongressen Raum f&#252;r Papers radikaler WirtschaftswissenschafterInnen und f&#252;r Diskussionen &#252;ber die Entwicklung marxistischer &#214;konomik. Der/die geneigte LeserIn braucht nur die j&#228;hrliche Maiausgabe der American Economic Review zu begutachten, welche das Programm des j&#228;hrlichen Kongresses beinhaltet, um diese Pr&#228;senz des Radikalen f&#252;r sich selbst zu best&#228;tigen. Vgl. auch Bronfenbrenner, Martin: Radical Economics in America: A 1970 Survey, in: Journal of Economic Literature 8 (3) (1970), S. 747-766; sowie die Debatte um Gurley, John G.: The State of Political Economics, in: American Economic Review 61 (2) (1971), S. 53-62. Zwei Betrachtungen marxistischer Arbeiten in der Wirtschaftspresse finden sich in der Businessweek vom 23. Juni 1975 und im Wall Street Journal vom 5. Februar 1975.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Die M&#246;glichkeiten der Aneignung einer Theorie durch das Kapital h&#228;ngen von zwei Aspekten ab: Von ihrem Inhalt und von ihrer Form. Fokussiert eine Theorie inhaltlich auf dieselben Probleme wie b&#252;rgerliche Theorien, definiert sie die Forschungsfrage in derselben Weise wie b&#252;rgerliche AutorInnen, werden Vergleich und Evaluation einfach. Wenn Fokus und Fragestellung jedoch verschieden sind, ist die Relevanz f&#252;r letztere weniger offensichtlich. In &#228;hnlicher Weise machen es eine &#228;hnliche Form der Analyse, der Sprache und der Methoden selbst bei unterschiedlichen Konzepten (z.B. hinsichtlich des Wertes) den BeobachterInnen des Mainstreams es einfach, den Argumenten zu folgen und daraus neue Einblicke f&#252;r ihr eigenes Schaffen zu gewinnen.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Bell, Peter: Marxist Theory, Class Struggle and the Crisis of Capitalism, in: Schwartz, Jesse (Hg.): The Subtle Anatomy of Capitalism, Santa Monica, CA (1977): Goodyear Publishing.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke, Bd. 5, (1975 [1913]), S. 5-411.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Im zweiten Band von Das Kapital unterscheidet Marx zwischen der Produktion von Produktionsg&#252;tern (Abteilung I) und jener von Konsumg&#252;tern (Abteilung II) (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Sweezys Zusammenfassung von Tugans Positionen in: Sweezy, Paul: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Eine analytische Studie &#252;ber die Prinzipien der Marx’schen Sozial&#246;konomie, Frankfurt/M. (1988 [1942]): Suhrkamp, Frankfurt/M.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. Sweezys Skizzierung der Debatte in Sweezy: Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Feldmans Modell wurde untersucht und neuformuliert von Evsey Domar. Vgl. Domar: Essays&#8230;, a.a.O., Kap. 9. Dieser Artikel ist paradigmatisch daf&#252;r, wie b&#252;rgerliche WirtschaftswissenschafterInnen von Zeit zu Zeit versuchen von MarxistInnen zu lernen. „Es scheint mir“, so Domar, „dass eine Untersuchung eines Wachstumsmodells auf marxistischer Basis, auch in modifizierter Weise, und eine Darstellung seiner Verbindung zu einem keynesianischen sich als wertvoll erweisen kann. Es k&#246;nnte n&#252;tzlich sein um einige R&#228;tsel der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte zu entschl&#252;sseln und ein besseres Verst&#228;ndnis sowjetischer Wirtschaftswissenschaft zu gewinnen. Auch erwachsen daraus einige allgemeine Fragen zur Wirtschaftsentwicklung“, ebd. S. 228.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Tronti, Mario: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M. (1974 [1966]), Verlag Neue Kritik.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sweezy, Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Mattick, Paul: Marxism and Monopoly Capital, in: Progressive Labor 7/8 (1969), S. 34-49; Ogoy, Mario: The Fall in the Rate of Profit and the Theory of Accumulation, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists II/7 (1973); Yaffe, David: Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists (1972), S. 5-58.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Roemer, John E.: The Effect of Technical Change on the Real Wage and Marx’s Falling Rate of Profit, in: Australian Economic Papers 17 (30) (1978), S. 152-166; ders.: Continuing Controversy on the Falling Rate of Profit: Fixed Capital and Other Issues, in: Cambridge Journal of Economics 3 (4) (1979), S. 379-398; ders.: Analytical Foundations of Marxian Economic Theory. Cambridge (1981): Cambridge University Press.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Weiskopf, Thomas: Marxian Crisis Theory and the Rate of Profit in the Post-War U.S. Economy, in: Cambridge Journal of Economics, 3 (4) (1979), S. 341-378.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Okun, Arthur/Perry, George L.: Notes and Numbers on the Profits Squeeze, in: Brookings Papers on Economic Activity 3 (1970), S. 466-473; Nordhaus, William et al.: The Falling Share of Profits, in: Brookings Papers on Economic Activity 1 (1974), 169-217.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hansen, Alvin: Full Recovery or Stagnation, New York (1938): Norton; ders.: Fiscal Policy and Business Cycles, New York (1941): Norton; Steindl, Josef: Maturity and Stagnation in American Capitalism, Oxford (1952): Blackwell.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Mattick: Marxism&#8230;, a.a.O.; Cogoy: The Fall&#8230;, a.a.O.; Yaffe: Marxian Theories&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Sweezy, Paul: Monopoly Capital and the Theory of Value, in: Monthly Review 25 (8) (1974), S. 31-2.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Cleaver verwendet im englischen Original den Begriff „Relative Shares“; seither hat sich die Bezeichnung Profit Squeeze f&#252;r diesen Ansatz der Krisentheorie durchgesetzt, die deshalb auch in dieser &#220;bersetzung verwendet<br />
wird (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Glyn, Andrew/Sutcliffe, Bob: British Capitalism, Workers and the Profits Squeeze, Harmondsworth (1972): Penguin Books. Deutsch: Die Profitklemme. Arbeitskampf und Kapitalkrise am Beispiel Gro&#223;britanniens. Berlin (1974): Rotbuch.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Boddy, Ray/Crotty, James: Class Conflict and Macro Policy: The Political Business Cycle, in: Review of Radical Political Economics 7 (1) (1975), S. 1-19; Crotty, James/Rapping, Leonard: Class Struggle and Macropolicy, in: American Economic Review (December 1975).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Cleaver, Harry: Reading Capital Politically, Austin (1979): University of Texas Press.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> F&#252;r weitere Hinweise zu den AutorInnen und Arbeiten, die mit dieser Herangehensweise an Marx assoziiert werden, verweise ich auf die Fu&#223;noten in meiner Einleitung zu Reading Capital Politically, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu ver&#228;ndern.“, Marx, Karl: Thesen zu Feuerbach, MEW 3, S. 533.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Negri, Antonio: Marx Beyond Marx, South Hadley, MA (1984): Bergin and Garvey.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Siehe zur Kritik der Kritischen Theorie umfangreicher Cleaver, Harry: Reading&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Cleaver, Harry/Bell, Peter: Marx’s Crisis Theory as a Theory of Class Struggle, in: Research in Political Economy, 5 (1982), S. 189-261.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Red Notes (1980) und Semiotext(e) (1980) sind beide Sammlungen &#252;bersetzter Artikel des „autonomen“ Fl&#252;gels des italienischen Marxismus. Negri: Marx&#8230;, a.a.O., ist eine &#220;bersetzung seines Buches Marx Oltre Marx, welches aus einer Vorlesungsreihe zu den Grundrissen besteht.</p>
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		<title>Bolívar in Bogotá: Die „neue Linke“ in Kolumbien</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumbien]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Guerillataktik der letzten Jahrzehnte in Kolumbien scheint gescheitert. Die unglaubliche staatliche und parastaatliche Repression aber auch eigene Fehler zwingen die gesamte Linke zu neuen Strategien. Dass diese neuen Formierungsversuche nur vor dem spezifischen historischen Hintergrund verst&#228;ndlich werden, argumentieren Sebastian Muhr, Julia Hofmann, Tobias Zortea und Tobias Boos.

Die Diskussionen rund um die „Neue Linke“ in Lateinamerika sind in den letzten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Guerillataktik der letzten Jahrzehnte in Kolumbien scheint gescheitert. Die unglaubliche staatliche und parastaatliche Repression aber auch eigene Fehler zwingen die gesamte Linke zu neuen Strategien. Dass diese neuen Formierungsversuche nur vor dem spezifischen historischen Hintergrund verst&#228;ndlich werden, argumentieren <em>Sebastian Muhr, Julia Hofmann, Tobias Zortea</em> und <em>Tobias Boos</em>.<br />
<span id="more-1960"></span><br />
Die Diskussionen rund um die „Neue Linke“ in Lateinamerika sind in den letzten Jahren zu einem wichtigen Bezugspunkt der europ&#228;ischen Linken geworden. Dabei drehten sich die Debatten vor allem um die beiden Paradebeispiele linker Regierungsprojekte in Venezuela und Bolivien. W&#228;hrend in den b&#252;rgerlichen Medien die Projekte und vor allem deren <em>líder </em>Morales und Chavez h&#228;ufig verteufelt wurden, zeigte sich bei Teilen der Linken eine Tendenz zur &#220;berromantisierung.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> L&#228;nder wie Kolumbien, in denen die Rechte seit Jahren stark autorit&#228;r regiert, werden hingegen selten beachtet. Ebenso wenig wird die Vorgehensweise, mit der die Rechte diese Politik durchsetzt, au&#223;erhalb von Lateinamerika thematisiert.<br />
Dabei stellt sich der Fall Kolumbien aus zwei Gr&#252;nden als besonders spannend dar: Einerseits gab es zu Hochzeiten der kolumbianischen Linken vor ca. 20 Jahren reale Hoffnungen auf positive Ver&#228;nderungen. Andererseits existieren, trotz der starken Repression, noch immer progressive K&#228;mpfe und Projekte im Land. Aus diesem aktuellen Beispiel autorit&#228;rer Politiken l&#228;sst sich daher auch f&#252;r die hiesigen Verh&#228;ltnisse viel lernen.<br />
Der Artikel wird sich zun&#228;chst mit dem Niedergang der kolumbianischen Linken im Verlauf des 20. Jahrhunderts besch&#228;ftigen, um in einem weiteren Schritt ihre neuen Strategien zu beleuchten. Hierbei wird sich zeigen, dass diese – vor allem auf politische Institutionen abzielende – Strategien, nur durch die Einbeziehung des spezifisch-historischen Hintergrunds verstanden und analysiert werden k&#246;nnen. Abschlie&#223;end werden die skizzierten gesellschaftspolitischen Entwicklungen anhand der Region Apartadó konkretisiert.</p>
<p><strong>Historische Entwicklung und Krise</strong><br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es, ausgel&#246;st durch einen Wirtschaftsboom, zu einer zunehmenden Industrialisierung Kolumbiens. Im Zuge dieser formierten sich neben den traditionellen Parteien (in Kolumbien v.a. die Konservativen und Liberalen), neue (und/oder) antagonistische soziale Kr&#228;fte, die sich zum Gro&#223;teil unter dem Schirm der <em>Partido Socialista Revolucionario</em> (PSR) versammelten. Diese begriff sich explizit – in Abgrenzung zu den KPs – als Bewegungspartei und b&#252;ndelte somit die unterschiedlichen aufkommenden sozialen Bewegungen. Gerade am Land organisierten sich gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung. Es kam zur Gr&#252;ndung zahlreicher Kommunen. Ihr trauriges Ende erreichten diese Entwicklungen jedoch 1928, als die Armee zahlreiche streikende ArbeiterInnen der <em>United Fruit Company</em> massakrierte. Interessant sind hierbei die personellen Kontinuit&#228;ten: Viele Verwandte der ermordeten Kommunenanf&#252;hrerInnen spielten sp&#228;ter eine gewichtige Rolle bei den Gr&#252;ndungen von Guerillas.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Nach diesen Vorkommnissen kam es zu einer massiven Repressionswelle, durch die progressive au&#223;erparlamentarische Kr&#228;fte f&#252;r lange Zeit fast g&#228;nzlich von der Bildfl&#228;che verschwanden. Erst 1948 traten linke Kr&#228;fte wieder in Erscheinung: Zur Pr&#228;sidentschaftswahl kandidierte der aus der liberalen Partei kommende Linkspopulist Jorge Eliecer Gaitán f&#252;r die von ihm gegr&#252;ndete <em>Unión Nacional Izquierdista Revolucionaria</em> (UNIR). Als jedoch deutlich wurde, dass sein bevorstehender Wahlsieg den herrschenden Eliten gef&#228;hrlich werden w&#252;rde, lie&#223;en diese ihn kurzerhand erschie&#223;en. Die aufgebrachte Bev&#246;lkerung zog daraufhin wutentbrannt durch Bogotá und &#252;berfiel staatliche Einrichtungen. Auf den <em>Bogotazó </em>– wie dieser spontane Aufstand in Kolumbien genannt wird – folgten b&#252;rgerkriegsartige Zust&#228;nde. In der Episode, die als <em>la violencia</em> (die Gewalt) in die kolumbianische Geschichte eingegangen ist, bek&#228;mpften sich vor allem der kolumbianischen Staat und die Konservativen auf der einen und die soziale Basis der Liberalen auf der anderen Seite.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> 1964–66 entstanden schlie&#223;lich die <em>Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia</em> – <em>Ejército del Pueblo</em> (FARC-EP) sowie die guevaristische <em>Ejército de Liberación Nacional</em> (ELN). Wie bereits erw&#228;hnt, gab es zwischen den aufst&#228;ndischen Bauern der 1920er Jahre und der FARC personelle Verbindungen, so dass sich viele der Guerilla anschlossen. Zudem begriff diese sich explizit als Selbstverteidigungsorganisation, womit sie an die Tradition der <em>Autodefensas Campesinas</em> (Bauernselbstverteidigungsorganisationen) ankn&#252;pfte.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche andere Guerillagruppen, die unterschiedliche territoriale Verankerungen besa&#223;en und verschiedene politische Strategien vertraten. Es kann hier nicht im einzelnen auf die unterschiedlichen Gruppen eingegangen werden, jedoch stellte deren Uneinigkeit sicherlich einen Grund daf&#252;r dar, dass es nicht gelang, breitere Allianzen zu bilden. So konnte auch in der Krise der <em>frente nacional</em>, dem seit 1958 institutionalisierten B&#252;ndnis zwischen der liberalen und konservativen Partei, und nach deren endg&#252;ltigem Zusammenbruch 1974 wenig erreicht werden.<br />
Hoffnung keimte erst wieder zu Beginn der Pr&#228;sidentschaft Betancours Anfang der 80er Jahre auf. Dieser hatte vielversprechende Reformen angek&#252;ndigt. Es kam zu Gespr&#228;chen zwischen der Regierung, der FARC und weiteren Guerillaorganisation, so dass 1984 ein Waffenstillstand ausgehandelt werden konnte. Dieser wurde allerdings bereits 1985 wieder aufgek&#252;ndigt, nachdem die Regierung den aufkommenden sozialen Bewegungen (die zunehmend Verbindungen zu der <em>guerilla </em>aufbauten) erneut mit einer Welle der Repression entgegentrat. Im selben Jahr gr&#252;ndete ein B&#252;ndnis von GewerkschafterInnen, sozialen Bewegungen, sozialistischen und kommunistischen Parteien und Teilen der FARC Guerilla die <em>Unión Patriótica </em>(UP).</p>
<p><strong>Das Massaker an der UP</strong><br />
Die UP konnten 1986 bei ihrer erstmaligen Teilnahme an den Wahlen enorme Erfolge verzeichnen und erhielt so viele Stimmen wie nie zuvor eine linke Partei in Kolumbien. Landesweit konnte sich die UP als drittst&#228;rkste politische Kraft etablierten. 1986 stellte sie 14 Kongressabgeordnete und 335 Abgeordnete in 187 Gemeinder&#228;ten.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ihre Verankerung besa&#223; sie vor allem auf lokaler Ebene. Die Partei wurde zum Anziehungspunkt f&#252;r zahlreiche Bewegungen und Initiativen. Es bestand die Hoffnung, dass im Rahmen des angesto&#223;enen nationalen Dialogs ernsthafte Ver&#228;nderungen in die Wege geleitet w&#252;rden. Die Wahlerfolge der UP und die immer breiter werdende Zustimmung der Bev&#246;lkerung rief allerdings erneut die Eliten auf den Plan.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Es begann die systematische Ausl&#246;schung der  UP-Mitglieder. Die interamerikanische Kommission f&#252;r Menschenrechte (<em>Comisión Interamericana de Derechos Humanos</em>) spricht in ihrem Bericht aus dem Jahre 1993 von 630 Morden in den Jahren 1985–88 und bezeichnet dies als politischen Genozid.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Andere gehen von &#252;ber 3500 Morden im Zeitraum zwischen 1985 und 1993 aus.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Unter den Toten waren auch die UP-Pr&#228;sidentschaftskandidaten aus den Jahren 1986 und 1990, Jaime Pardo Leal und Bernando Jaramillo.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Die Vorkommnisse sorgten daf&#252;r, dass die FARC endg&#252;ltig von der Strategie der <em>combinación de todas formas de luchas</em> (Kombination aller Kampfformen) zu einer rein milit&#228;rischen Strategie &#252;berging. Um diese zu finanzieren, f&#252;hrt die FARC bis heute zahlreiche Entf&#252;hrungen durch. Dieses Vorgehen, aber vor allem auch ihre Involvierung in den Coca-Anbau und Drogenhandel waren jedoch ein Grund daf&#252;r, dass der gesellschaftliche R&#252;ckhalt der FARC schwand und sie zunehmend isoliert wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a></p>
<p><strong>Parastaatliche Repression</strong><br />
Neben der staatlichen Armee waren die zentralen Akteure bei der Ermordung der UP-Mitglieder die Paramilit&#228;rs.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Der Ursprung dieser in den 1980ern aufkommenden Gruppen kann in der MAS-Kampagne (<em>Muerte a Secuestradores</em>/Tod den Entf&#252;hrern) gesehen werden: Im Dezember 1981 verk&#252;ndeten f&#252;hrende Personen der Drogenkartelle, dass Unterst&#252;tzerInnen der Guerillas ab sofort von einer durch sie aufgestellten Privatarmee hingerichtet w&#252;rden. Auch wenn der Initiator der Aktion, Fabio Ochoa, ein Mitglied des Medellín-Kartells war, gab es von Beginn an eine enge Kooperation mit staatlichen Stellen.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die MAS-Kampagne muss dabei im Kontext eines systematischen, staatlich gest&#252;tzten Aufbaus der Paramilit&#228;rs gesehen werden. Zu Beginn der 1980er unterst&#252;tzte der kolumbianische Staat den Aufbau sogenannter <em>autodefensas </em>(Selbstverteidigungsgruppen), die – so die Argumentation – dem Schutz der Bev&#246;lkerung vor der Guerilla dienen sollten. Dabei wurden viele der Strukturen sogar staatlich legalisiert. In der Realit&#228;t beschr&#228;nkten diese sich aber nicht auf die Auseinandersetzungen mit der Guerilla, sondern bek&#228;mpften auch die legale politische Linke sowie die Gewerkschaften.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Auch wenn die Paramilit&#228;rs ein wichtiges Instrument des kolumbianischen Staates waren und sind, um unliebsame Gegner zu beseitigen, muss davor gewarnt werden, sie auf diese Rolle zu reduzieren. Deutlich wird dies am Beispiel der Castaño-Br&#252;der und der Geschichte der <em>Autodefensas Unidas de Colombia</em> (AUC). In den 1980er Jahren arbeiteten diese eng mit Pablo Escobar und dem Medellín-Kartell zusammen. 1989 wurden die <em>autodefensas </em>jedoch staatlich verboten. Zudem verrieten die Castaño-Br&#252;der Escobar an den Staat. Dadurch kam es zu einer grundlegenden Neuformierung der Paramilit&#228;rs.<br />
Nur f&#252;nf Jahre nach dem Verbot erlie&#223; der neue Pr&#228;sident Cesar Gaviria jedoch das ber&#252;hmte Dekret 354, das den Aufbau paramilit&#228;rischer Strukturen erneut legalisierte. Der daraufhin vorangetriebenen Sicherheitskooperative CONVIVIR<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> kam hierbei laut Raul Zelik eine Art „Scharnierfunktion zwischen Milit&#228;rs und illegalen Paramilit&#228;rs“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> zu. 1997 gr&#252;ndete Carlos Castaño dann die bereits erw&#228;hnten AUC, welche die verschiedenen paramilit&#228;rischen Bl&#246;cke koordinieren sollte. Hierbei wurden viele der CONVIVIR-„Selbstverteidigungsmilizen“ direkt eingegliedert. In den Folgejahren bem&#252;hte sich die AUC um die Etablierung und Selbstdarstellung als eigenst&#228;ndiger politischer Akteur.</p>
<p><strong>Uribes Politik der „demokratischen Sicherheit“</strong><br />
Nach Álvaro Uribes Wahlsieg im Jahr 2002 startete dieser unter dem Namen <em>Seguridad Democrática</em> (demokratische Sicherheit) eine neue Sicherheitsdoktrin. Deren Eckpfeiler waren die Aufstockung des Milit&#228;rbudgets (bei gleichzeitigen K&#252;rzungen &#246;ffentlicher Ausgaben im Bereich Bildung und Gesundheit), die staatliche Kontrolle des gesamten kolumbianischen Territoriums, die milit&#228;rische Zerschlagung der Guerilla, die Demobilisierung der Paramilit&#228;rs sowie eine Intensivierung des <em>War on Drugs</em>. Der Zeitpunkt f&#252;r solch eine Sicherheitspolitik konnte wohl nicht vorteilhafter sein. Uribes Vorg&#228;nger Andrés Pastrana (1998–2002) erkl&#228;rte am Ende seiner Amtsperiode die Friedensverhandlungen mit der Guerilla-Organisation FARC-EP f&#252;r gescheitert. Zuvor verabschiedete die US-amerikanische Regierung unter Clinton im Jahr 2000 den <em>Plan Colombia</em> zur milit&#228;rischen Unterst&#252;tzung Kolumbiens im Kampf gegen den Drogenhandel. Nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 stand die ganze Welt im Schatten des „Kriegs gegen den Terror“. Unter diesen Bedingungen konnte Uribe erfolgreich eine enorme Militarisierung des Landes vorantreiben. Zwischen 2000 und 2009 verdoppelte sich die Schlagkraft des kolumbianischen Milit&#228;rs auf ca. 500.000 Streitkr&#228;fte und die milit&#228;rischen Ausgaben verdreifachten sich auf rund 12 Milliarden US-Dollar.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die milit&#228;rischen Erfolge der kommenden Jahre sollten Uribe schlie&#223;lich die Wiederwahl im Jahr 2006 bescheren. Doch der Preis daf&#252;r war hoch: Die Zivilbev&#246;lkerung wurde mit Hilfe von InformantInnen-Systemen in den „Krieg gegen den Terror“ eingebunden. Zwischen 2002 und 2009 fl&#252;chteten etwa 2,4 Millionen Menschen in Kolumbien vor der Gewalt. Laut dem Forschungsinstitut CODHES wurden im Zuge der Kriegshandlungen &#252;ber 900 ZivilistInnen von der kolumbianischen Armee ermordet und als Guerilla-K&#228;mpferInnen pr&#228;sentiert (so genannte <em>falsos positivos</em>).<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Im Jahr 2003 trat die kolumbianische Regierung unter Alvaro Uribe dann in Verhandlungen mit der AUC. Es war der Beginn eines Demobilisierungsprozesses, der 2006 f&#252;r beendet erkl&#228;rt wurde und bei dem – nach offiziellen Zahlen – 31.671 Paramilit&#228;rs ihre Waffen aush&#228;ndigten. F&#252;r die Regierung war das Kapitel Paramilitarismus in Kolumbien damit abgeschlossen. Oder, wie Alvaro Uribe es 2009 formulierte „En Colombia se acabaron los grupos paramilitares.“ (frei: „Die paramilit&#228;rischen Gruppen sind in Kolumbien gegessen.“)<br />
Trotzdem mordeten bestimmte Gruppen, teilweise unter neuen Namen wie z.B. <em>Aguilas Negras</em>, weiter. Von nun an war in der &#214;ffentlichkeit nicht mehr von paramilit&#228;rischer Gewalt die Rede, sondern es trieben pl&#246;tzlich „kriminelle Banden“ ihr Unwesen. Zu einer Zeit, als zahlreiche Regierungsmitglieder wegen Verbindungen zu Paramilit&#228;rs vor Gericht standen, kam diese Neuinterpretation paramilit&#228;rischer Gewalt der Regierung Uribe nicht ungelegen. Zum einen ist der Begriff „kriminelle Banden“ eine entpolitisierte Worth&#252;lse, die davon ablenken will, dass paramilit&#228;rische Gewalt politisch selektiv in eine Richtung zielt – nicht umsonst nennt sich eine der neuen „kriminellen Banden“<em> Ejercito Revolucionario Popular Anticomunista de Colombia</em>. Die Opfer sind fast immer <em>líderes comunitarios</em> (Gemeindef&#252;hrerInnen), GewerkschafterInnen, Mitglieder linker Parteien, MenschenrechtsaktivistInnen oder kritische JournalistInnen. Zum anderen unterschl&#228;gt der Diskurs der „kriminellen Banden“ die Verbindung zwischen Staat und Paramilit&#228;rs.<br />
Noch einmal sei daher die Frage gestellt, welche Funktion den Paramilit&#228;rs zukam und bis heute zukommt? Zelik hebt in diesem Zusammenhang zwei Punkte hervor: Einerseits handle es sich bei ihnen um eine Art <em>outsourcing </em>staatlicher Gewalt.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Andererseits erm&#246;glichten diese eine Re-Symmetrierung des Konfliktes. Dessen soziale und &#246;konomische Dimension trat in den Hintergrund, stattdessen erschient er als sicherheitspolitische Frage: Der Staat konnte hierdurch als Opfer und neutraler Vermittler zwischen zwei Extremen – der Guerilla und den Paramilit&#228;rs – positioniert werden.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Trotz dieser Zusammenh&#228;nge d&#252;rfen die Eigeninteressen der Paramilit&#228;rs nicht vergessen werden. So eigneten sie sich bspw. zahlreiche L&#228;ndereien durch systematische Vertreibungen an.</p>
<p><strong>Strategien der Linken</strong><br />
Mitte der 1990er Jahre war also aufgrund der systematischen Ausl&#246;schung von der kolumbianischen Linken nicht mehr viel &#252;brig. Rodríguez-Garavito zufolge wurde jedoch Ende der 1990er Jahre durch &#246;konomische, politische und soziale Faktoren das Fenster f&#252;r linke Politik wieder zunehmend ge&#246;ffnet. Linke Ideen konnten insbesondere durch den Niedergang der traditionellen politischen Parteien (also der Liberalen und der Konservativen Partei), das Wiederaufleben sozialer Bewegungen sowie die &#246;konomische Krise (1999-2002) an Einfluss gewinnen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Vor dem Hintergrund des Paramilitarismus, des starken autorit&#228;ren Regimes, des politisch-strategischen Wandels Uribes sowie der gescheiterten Strategie der Guerilla, mussten die linken Kr&#228;fte allerdings ihre Strategien massiv &#228;ndern, um wieder an Einfluss in der Bev&#246;lkerung zu gewinnen. Dieser Wandel vollzog sich konkret auf vier Ebenen: (1) Eine soziale Revolution von unten als langfristiges Ziel linker Politik wurde (vorerst) aufgegeben. Stattdessen konzentrieren sich linke Kr&#228;fte in Kolumbien nun vermehrt darauf, entweder auf institutionellem Weg oder &#252;ber au&#223;erinstitutionelle Mobilisierung Reformen zu fordern und in Gang zu setzen. (2) Damit teilweise einhergehend gewann der Diskurs um Gewaltfreiheit – im Sinne einer Abgrenzung gegen&#252;ber den Strategien der Guerilla – innerhalb der Linken zunehmend an Bedeutung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> (3) Anstelle von Klassenwiderspr&#252;chen werden gegenw&#228;rtig vermehrt andere Diskriminierungsformen – wie jene von Frauen oder Indigenen – hervorgehoben. (4) Es wird versucht, gegen Uribes autorit&#228;res Projekt den Demokratiebegriff zu st&#228;rken. Damit einhergehend wurde der (Menschen-)Rechtsdiskurs innerhalb der Linken gest&#228;rkt.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Dieser Wandel der Strategien er&#246;ffnet der Linken in Kolumbien neue M&#246;glichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Wie der Strategiewechsel sich konkret auswirkt, soll im Folgenden anhand von drei Beispielen gezeigt werden: dem Linksparteib&#252;ndnis <em>Polo Democrático</em> (PDA), dem Niedergang der verfolgten Gewerkschaften sowie dem Aufstieg der sozialen Bewegungen.</p>
<p><strong>Ein wackliges Linksb&#252;ndnis</strong><br />
Das PDA ist ein B&#252;ndnis von radikalen und reformistischen Parteien, Personen, Gewerkschaften und Bewegungen, das im Dezember 2005 anl&#228;sslich der Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 gebildet wurde. Bei diesen Wahlen gewann zwar Uribe um L&#228;ngen (62% der Stimmen) – der PDA-Kandidat Gaviria war mit 22% der Stimmen aber sein sch&#228;rfster Gegner.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Noch nie zuvor erhielt ein linksorientierter Kandidat bei Pr&#228;sidentschaftswahlen im Kolumbien so viel Unterst&#252;tzung.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Das PDA kann als linksreformistisches Parteiprojekt verstanden werden. Um sich von der Guerilla abzugrenzen, betont es immer wieder die Wichtigkeit gewaltfreien politischen Handelns.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Schon seit seiner Gr&#252;ndung ist das B&#252;ndnis jedoch im Inneren mit gro&#223;en politischen Problemen konfrontiert, die auch den aktuellen Zustand des PDA erkl&#228;ren: Das <em>Polo Democrático</em> entstand n&#228;mlich vor allem aus der Zusammenarbeit des zentralistischen, an der <em>Portal do Partido dos Trabalhadores</em> (PT) des ehemaligen brasilianischen Pr&#228;sidenten Lula orientierten <em>Polo Demócratico Independiente</em> (PDI) mit dem linken B&#252;ndnis <em>Alternativa Demócratica</em> (AD). W&#228;hrend PDI-Anh&#228;ngerInnen sich klar f&#252;r eine Regierungsbeteiligung aussprachen, betonte die <em>Alternativa Demócratica</em> vor allem ihre Kritik am herrschenden System und ihren Kampf gegen Korruption und f&#252;r die Durchsetzung von Menschenrechten.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Schaffte es das PDA, diese Unterschiede hinsichtlich strategischer Einsch&#228;tzungen und politischer Positionierungen f&#252;r die Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 noch hinten anzustellen, so brechen die Widerspr&#252;che seither immer wieder auf und schw&#228;chen das B&#252;ndnis. Indigene und VertreterInnen anderer sozialer Bewegungen haben sich mittlerweile eigenen Projekten wie der <em>Minga </em>(siehe unten) zugewendet. Seit der „pragmatischen Neuausrichtung“ des PDA – ein Versuch, die Heterogenit&#228;t der politischen Ansichten innerhalb des B&#252;ndnisses einzud&#228;mmen – wenden sich auch die Gewerkschaften und linke Einzelpersonen vermehrt vom PDA ab: „Das PDA jedenfalls hat an Glaubw&#252;rdigkeit verloren und es scheint nicht einmal sicher, ob sich die Differenzen zwischen den verschiedenen Str&#246;mungen &#252;berhaupt &#252;berwinden lassen. Konnte man in den letzten Jahren noch feststellen, dass die kolumbianische Linke erstmals gemeinsam auftrat und damit als Alternative zur Rechtsregierung Uribes Erfolg hatte, ist dies jetzt ganz offensichtlich nicht mehr der Fall.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem er&#246;ffnet das PDA bis heute neue M&#246;glichkeiten f&#252;r linke Politik in Kolumbien, kann es doch als Versuch gesehen werden, in dem autorit&#228;r regierten Land eine handlungsf&#228;hige Linke zu formieren.</p>
<p><strong>Die verfolgten Gewerkschaften</strong><br />
Gewerkschaften haben es in Kolumbien besonders schwer. Gegen sie wird, wie bereits erw&#228;hnt, seit Ende der 1980er Jahre ein „Vernichtungsfeldzug“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> gef&#252;hrt. Der <em>International Labour Organisation</em> (ILO) zufolge geh&#246;rt Kolumbien zu jenen 20 L&#228;ndern, in denen Arbeitsrechte weltweit am meisten verletzt werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Laut Rodolfo Vecino Acevedo, einem Mitarbeiter der Gewerkschaft der Erd&#246;larbeiter [sic!], wurden „seit der Wahl Uribes 462 Gewerkschafter und soziale Aktivisten ermordet. Im Schnitt wird jeden dritten Tag ein politischer Mord begangen.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die Logik, die hinter diesen konsequenten Eliminierungsversuchen steht, ist, anders als die b&#252;rgerliche Medien gerne glauben machen wollen, jedoch nicht in der allgemeinen Gewaltsituation im Land, sondern in der Durchsetzung neoliberaler Politiken zu suchen. Politisierte GewerkschafterInnen, die sich gegen Privatisierungsma&#223;nahmen zur Wehr setzen, werden mit Hilfe staatlicher Kriminalisierungsma&#223;nahmen und durch die Paramilit&#228;rs verfolgt.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ein kolumbianisches Sprichwort bringt es treffend auf den Punkt: „Du willst zur Gewerkschaft? Tritt lieber der Guerilla bei, das ist ungef&#228;hrlicher!“ Trotz dieser massiven Repression existieren die zentralen Gewerkschaften in Kolumbien bis heute und f&#252;hren den Kampf um Arbeitsrechte und weitergehende soziale Rechte fort.</p>
<p><strong>Der Kampf sozialer Bewegungen</strong><br />
Seit den 1990er Jahren gewinnen soziale Bewegungen in Kolumbien zunehmend an Sichtbarkeit und St&#228;rke. Im Gegensatz zu den <em>indigenas</em>-Bewegungen in Ecuador und Bolivien oder den <em>piqueteros </em>in Argentinien sind die sozialen Bewegungen in Kolumbien allerdings weit weniger offensiv. Das zentrale Ziel aller sozialen Bewegungen in Kolumbien ist die Einhaltung der (progressiven) Verfassung von 1991 sowie die Durchsetzung von B&#252;rgerInnen- und Menschenrechten. Damit wird versucht, dem „liberal-demokratisch“ angehauchten Diskurs von Uribe ein wahrheitsgetreues Bild der realen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse entgegenzuhalten. Menschenrechte sind keineswegs durchgesetzt; unter dem Deckmantel der Demokratie wird die autorit&#228;re Herrschaft Uribes nur weiter stabilisiert. Neben menschenrechts- und demokratiepolitischen Fragen stellen viele soziale Bewegungen insbesondere Forderungen auf, die sich auf materielle Anspr&#252;che der Zivilbev&#246;lkerung beziehen, insbesondere das Recht auf Land.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Weitergehende Forderungen werden meist eher z&#246;gerlich formuliert. Zwar l&#228;sst sich, laut Rodríguez-Garavito, ein Wandel in den Forderungen hin zu genuin politischen Fragen – wie der Ablehnung des neoliberalen Systems – erkennen. Ein weiterf&#252;hrender politischer Kampf steht jedoch eher nicht auf ihrer Tagesordnung.<br />
Generell haben es (unter allen linken Initiativen) die sozialen Bewegungen trotz der widrigen Umst&#228;nde am besten geschafft, im Land eine Art Gegenmacht aufzubauen. W&#228;hrend sie einerseits mithilfe von selbstverwalteten Kooperativen versuchen, in der Gesundheits- und Trinkwasserversorgung sowie im Transport- und Schulwesen eine Infrastruktur f&#252;r die Zivilbev&#246;lkerung zu erhalten<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a>, schaffen es vor allem die indigenen Bewegungen, durch eine Kombination von Protesten, direkten Aktionen und Teilnahme an Wahlen – mit ethnischen Parteien – an Einfluss zu gewinnen.</p>
<p><strong>Minga de Resistencia und San José de Apartadó</strong><br />
Eine wichtige Initiative ist die <em>Minga de Resistencia Social y Comunitaria</em>. Sie hatte ihren Ausgangspunkt im Gebiet Cauca und wird derzeit von den beiden Indígena-Dachverb&#228;nden ACIN (<em>Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca</em>) und CRIC (<em>Consejo Regional Indígena del Cauca</em>) koordiniert. Anfangs als ein lokales Widerstandsprojekt der indigenen Gemeinden Caucas gedacht, weitete sie sich rasch aus und dient heute vor allem als landesweite Koordinationsstelle unterschiedlichster sozialer K&#228;mpfe. Das Wort „Minga“ bedeutet so viel wie „gemeinschaftliche Arbeit“. Im Mittelpunkt der politischen Forderungen stehen daher die Gr&#252;ndung gemeinschaftlicher Arbeitskooperativen nach dem Modell einer „solidarischen &#214;konomie“, eine Autonomie der Gemeinden vom Staat sowie der Informationsaustausch und die Koordination mit anderen sozialen K&#228;mpfen. Die Minga war insbesondere 2003 gegen das von der Regierung gef&#246;rderte Referendum zur Durchsetzung neoliberaler Reformen sowie des Freihandelsabkommens mit den USA erfolgreich aktiv.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Ein konkretes Widerstandsprojekt, das &#252;ber die Grenzen Kolumbiens hinaus f&#252;r gro&#223;es Aufsehen gesorgt hat, war die Gr&#252;ndung der Friedensgemeinde San José de Apartadó. Im Jahr 2007 wurde die Gemeinde unter anderem mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet und internationale Menschenrechtsorganisationen aus Europa und den USA organisieren regelm&#228;&#223;ig Solidarit&#228;ts- oder Menschenrechtsbeobachtungsreisen in die Gemeinde. Oft &#252;berwiegen Interpretationen, die das Projekt aus dem historischen Entstehungskontext herausrei&#223;en und als neutrale und depolitisierte Friedensmission darstellen. Deshalb lohnt sich ein kurzer Blick auf die Geschichte der Linken in der Region Apartadó, welche sich als ein Brennglas der kolumbianischen Geschichte darstellt.</p>
<p><strong>Die politische Geschichte Apartadós</strong><br />
Die Region Apartadó wurde im Zuge des bereits erw&#228;hnten B&#252;rgerkriegs <em>la violencia</em> im Jahr 1949 besiedelt, aber erst 1968 offiziell anerkannt. Es befindet sich im n&#246;rdlichen Departamento Antioquia in der Region Urabá. Letztere ist seit jeher von den riesigen Bananenplantagen gepr&#228;gt und wird in Kolumbien als „zona bananera“ bezeichnet. Mit dem Aufstreben der Bananenwirtschaft stieg gleichzeitig die Kapitalkonzentration. In den 1960er Jahren war es insbesondere die lokale Bourgeoisie, wie die Br&#252;der Henríquez Gallo, die riesige L&#228;ndereien akkumulierte, um sie sp&#228;ter an Unternehmen aus den Gro&#223;st&#228;dten Bogotá und Medellín oder an transnationale Konzerne zu verkaufen. F&#252;r Schlagzeilen sorgte in den letzten Jahren die Firma <em>Chiquita Brands International</em>, die mit ihrem Tochterkonzern <em>Banadex S.A.</em> vor Ort angesiedelt ist. Zwischen 1997 und 2004 hatte der Konzern paramilit&#228;rische Gruppen bezahlt, um Privateigentum von Chiquita zu sch&#252;tzen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Neben diesen „legalen“ Kapitalfraktionen spielen auch die „illegalen“ Kapitalinteressen der Drogen&#246;konomie eine gewichtige Rolle. Schlie&#223;lich befindet sich Apartadó genau in jener Region, in der einst Pablo Escobar mit dem Medellín-Kartell zum meist gesuchten Drogenboss der Welt aufstieg.<br />
Gleichzeitig galt die Region schon in den 1980er und 1990er Jahren als „linke Bastion“ f&#252;r soziale Bewegungen und Gewerkschaften. Insbesondere der Ort San José de Apartadó konnte als „kommunistische Hochburg“ gesehen werden. So entfielen in San José de Apartadó bei den Wahlen 1980 fast alle Stimmen auf die kommunistische Partei, in den 1990er Jahren feierte dann die UP gro&#223;e Erfolge.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> Historisch nahmen jedoch nicht nur die parteipolitischen Organisationsstrukturen, sondern auch die ersten bewaffneten Selbstverteidigungsgruppen der kommunistischen Partei ihren Ausgang in Apartadó. Das l&#228;ndliche Leben war von einer eng verflochtenen Gesellschaftsstruktur gepr&#228;gt. Gro&#223;familien lebten auf Basis von Subsistenzwirtschaft, mit Hilfe von Kooperativen entstand ein System solidarischer Gemeinschaftsarbeit. Somit waren viele Programmpunkte der kommunistischen Partei anschlussf&#228;hig an die allt&#228;gliche Lebensrealit&#228;t der Bev&#246;lkerung. Die politische St&#228;rke der kommunistischen Partei war allerdings auch zu dieser Zeit insofern keineswegs grenzenlos, als den prokommunistischen Provinzregierungen die m&#228;chtigen Gro&#223;grundbesitzer der Bananenindustrie (sog. „bananeros“) und deren politische Repr&#228;sentantin, die liberale Partei, gegen&#252;berstanden. Konflikte zwischen der Lokalregierung und &#246;konomischen Eliten blieben somit nat&#252;rlich nicht aus. So setzten die Bananen-Gro&#223;grundbesitzer bspw. f&#252;r einige Jahre ihre Steuerzahlungen an die Gemeinden aus, was den &#246;ffentlichen Finanzhaushalt schwer belastete.<br />
In den ersten Jahren der Bananenwirtschaft in Apartadó war die gewerkschaftliche Organisation der PlantagenarbeiterInnen sehr schwach. Ein Gro&#223;teil der BananenarbeiterInnen blieb in der liberalen Gewerkschaft organisiert. Dies f&#252;hrte dazu, dass die kommunistische Partei zwar die politische Mehrheit der Region stellte, in der gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnenschaft aber nur eine untergeordnete Rolle spielte.<br />
Das lag zum einen an den repressiven Strategien der Unternehmen, die Gewerkschaftsgr&#252;ndungen niederschlugen, und zum anderen an den Migrationsstr&#246;men der ArbeiterInnen selbst, welche eine l&#228;ngerfristige Organisierung erschwerten. So agierten die ersten Gewerkschaften in Apartadó im Untergrund oder waren stark marginalisiert. Erst Mitte der 1980er Jahre ver&#228;nderte sich die Situation. Die Gewerkschaften SINTAGRO und SINTRABANANO erhielten einen so starken Zustrom, dass nach einer Studie von Fernando Botero im Jahr 1987 85% aller PlantagenarbeiterInnen in der Bananenregion Urabás gewerkschaftlich organisiert waren.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Nach der Gr&#252;ndung der UP im Jahr 1985 entwickelten sich besonders in Apartadó fl&#228;chendeckende UP-Strukturen wie Arbeitskooperativen oder Rechtsbeistand f&#252;r GewerkschafterInnen. Die sp&#228;ten 1980er Jahre waren von Arbeitsk&#228;mpfen und Generalstreiks gepr&#228;gt, innerhalb derer die Guerilla erbittert um politischen Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung k&#228;mpfte. W&#228;hrend SINTAGRO sich an der maoistischen EPL Guerilla orientierte, erlangte die FARC zunehmend Einfluss in der Gewerkschaft SINTRABANANO. Der Konflikt zwischen den Guerilla-Organisationen um die Kontrolle von Territorien und Gewerkschaften spitzte sich immer mehr zu und m&#252;ndete schlie&#223;lich 1987 in einem Massaker, bei dem FARC K&#228;mpfer eine Gruppe von Mitgliedern der EPLnahen Gewerkschaft auf ihrer Vollversammlung ermordete. Ab 1987 tauchten verst&#228;rkt paramilit&#228;rische Gruppen in der Region auf und ver&#252;bten Massaker an organisierten ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen. Bereits 1988 attackierten Paramilit&#228;rs Gewerkschaftsversammlungen in den Orten Fincas Honduras, La Negra und Punta Coquitos, bei denen etwa 55 Personen ermordet wurden. Die Reaktion der Linken war ein mehrt&#228;giger Generalstreik und die verschiedenen Bananengewerkschaften schlossen sich zur Organisation SINTRAINAGRO zusammen.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Im Jahr 1995 erkl&#228;rte Carlos Castaño offiziell, die Region Urabá mit dem paramilit&#228;rischen Block ACCU (<em>Autodefensas Campesinas de Córdoba y Urabá</em>) zu kontrollieren. Daf&#252;r konnte er von Anfang an auf die Unterst&#252;tzung der kolumbianischen Armee zur&#252;ckgreifen. Der General Rito Alejo del Río der Brigade XVII wurde beispielsweise „Papa der Autodefensas“ genannt, weil er Paramilit&#228;rs uniformierte und ihnen logistische und milit&#228;rische Unterst&#252;tzung zukommen lie&#223;.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> 1995 wurde Alváro Uribe, der sieben Jahre sp&#228;ter Pr&#228;sident von Kolumbien werden sollte, zum Gouverneur von Antioquia gew&#228;hlt. W&#228;hrend seiner Amtszeit unterst&#252;tzte er rigoros die Gr&#252;ndung der CONVIVIR-Sicherheitskooperativen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Die paramilit&#228;rische Gewalt stieg ins unermessliche. Die Gewerkschaft SINTRAINAGRO wurde, wie die UP, systematisch ausgel&#246;scht.</p>
<p><strong>Die Friedensgemeinde San José de Apartadó</strong><br />
Vor dem Hintergrund der steigenden Gewalt wurde die Forderung nach Frieden und Gewaltfreiheit zu einem zentralen Bezugspunkt der Linken in der Region und m&#252;ndete schlie&#223;lich in die Gr&#252;ndung der Friedensgemeinde San José de Apartadó. Im M&#228;rz 1997 erkl&#228;rte sich die Gemeinde von allen bewaffneten Akteuren des Konflikts – d.h. Guerilla, Paramilit&#228;rs sowie kolumbianische Armee und Polizei – unabh&#228;ngig und verweigerte jegliche Kooperation mit diesen Gruppen. Im Gr&#252;ndungsprozess spielten sowohl Teile der Linken aus dem Umfeld der UP, als auch kirchliche Organisationen und humanit&#228;re NGOs eine wichtige Rolle. So zum Beispiel die ehemalige UP-B&#252;rgermeisterin von Apartadó, Gloria Cuartas, oder der jesuitische Pfarrer Padre Javier Giraldo, welche die Gemeinde noch heute begleiten. Die Bev&#246;lkerung organisiert sich auf Basis gemeinschaftlicher, solidarischer Arbeitskooperativen, die noch auf Zeiten der UP zur&#252;ckgehen. Die Strukturen der Entscheidungsfindung gleichen einem R&#228;tesystem, ebenfalls aufbauend auf der UP-Vergangenheit. Gleichzeitig haben internationale NGOs wie die <em>Brigadas de Paz</em> ein System permanenter Menschenrechtsbeobachtung aufgebaut, um die Bev&#246;lkerung vor &#220;bergriffen zu sch&#252;tzen. Diese Neuzusammensetzung von Akteuren und Strategien hat einiges f&#252;r sich: Massaker an der Zivilbev&#246;lkerung k&#246;nnen nicht mehr still und heimlich durchgef&#252;hrt werden und die Lebenssituation vieler wurde durch den Schutz von Menschenrechten real verbessert. Allerdings bringt die neue Allianz zwischen linken, kirchlichen und Menschenrechtsorganisationen auch politische Probleme mit sich. So sieht die Basis der Friedensgemeinde, derzeit repr&#228;sentiert durch den gew&#228;hlten Vertreter Jesus Emilio, die Gefahr einer Entpolitisierung des Projekts durch manche internationale Organisationen. Eine klare politische Positionierung werde zudem durch die Regierung Uribe dadurch erschwert, dass Mitglieder der Friedensgemeinde in &#246;ffentlichen Stellungnahmen regelm&#228;&#223;ig als FARC SympathisantInnen verunglimpft wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Ausblick</strong><br />
Kolumbiens neuer Pr&#228;sident Juan Manuel Santos, der im Juni 2010 die Wahlen gewann, ist kein unbeschriebenes Blatt. Sein Gro&#223;onkel Eduardo Santos war von 1938 bis 1942 Pr&#228;sident, die Familie Santos besitzt Kolumbiens gr&#246;&#223;te Tageszeitung <em>ElTiempo</em>, sein Cousin Francisco Santos war in der Regierung Uribe Vize-Pr&#228;sident und er selbst hatte unter Uribe das Amt des Verteidigungsministers inne. Santos trat bei den Wahlen f&#252;r Uribes <em>Partei Partido de la U</em> an und versprach den Weg der <em>Seguridad Democrática</em> weiter zu f&#252;hren. All jene, die in Santos eine Art „kolumbianischen Medwedew“ sahen, wurden nach den Wahlen jedoch zun&#228;chst &#252;berrascht. Santos pr&#228;sentierte sich als „Pr&#228;sident der nationalen Einheit“ und ernannte Angelino Garzón als Vizepr&#228;sidenten. Garzón war in den 1980er Jahren kommunistischer Gewerkschafter, Mitglied der <em>Unión Patriótica</em> und sp&#228;ter Parteiangeh&#246;riger der<em> Alianza Democrática-M-19</em>. Au&#223;enpolitisch beendete Santos den Konflikt mit Venezuela und setzte sich f&#252;r die R&#252;ckgabe von .paramilit&#228;risch enteignetem Land ein. Doch der rhetorische Schwenk von Santos ist mit Vorsicht zu genie&#223;en. Durch das B&#252;ndnis der „nationalen Einheit“ &#252;bersteigt Santos‘ Einfluss im Kongress sogar die absolute Mehrheit seines Amtsvorg&#228;ngers Uribe. Zus&#228;tzlich verf&#252;gt er &#252;ber beste Verbindungen zu Medien, Gro&#223;konzernen und dem Milit&#228;r.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Neben der versprochenen Intensivierung des „Kriegs gegen den Terror“ wird er die von seinem Vorg&#228;nger vorangetriebene neoliberale Politik fortsetzen. Welche neuen Herausforderungen sich f&#252;r die Linke in Kolumbien dadurch ergeben bleibt abzuwarten. Doch es sieht ganz danach aus als m&#252;sse die Linke sich nicht mehr von Uribe mit F&#252;&#223;en treten lassen, sondern vielmehr Santos‘ rhetorischer Umarmung entkommen. Letztendlich &#252;berwiegt die Kontinuit&#228;t nach dem Motto „más de lo mismo“.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. Opratko, Benjamin/ Probst, Philipp: Alle(s) f&#252;r den Hugo?<br />
Perspektiven der Bolivarianischen Revolution in Venezuela, in: PERSPEKTIVEN<br />
Nr. 0 (2007), unter: http://www.perspektiven-online.<br />
at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischenrevolution-<br />
in-venezuela/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zelik, Raul: Kolumbien. Gro&#223;e Gesch&#228;fte, staatlicher Terror und<br />
Aufstandsbewegung. Karlsruhe: Neuer ISP Verlag 2000, S. 50ff.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wichtig f&#252;r die heutige Einordnung der verschiedenen Konfliktakteure<br />
erscheint der Hinweis Zeliks auf den Unterschied der fr&#252;hen Tradition<br />
der Bauernselbstverteidigung und den heutigen Paramilit&#228;rs, die<br />
unter &#228;hnlichen Namen firmieren. Der zentrale Unterschied liegt darin,<br />
dass es sich bei ersteren um Organisationsversuche von unten gegen die<br />
Gro&#223;grundbesitzerInnen handelte, letztere hingegen handeln h&#228;ufig in<br />
deren Auftrag um unbequeme Kleinb&#228;uerInnen, GewerkschafterInnen<br />
etc. loszuwerden (vgl. Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 55).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Camposa Zornosa, Yezid: El baile rojo. Bogotá: Random House 2008.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Jahrzehnte zuvor hatten die Eliten sich die politische Macht untereinander<br />
aufgeteilt. Beschrieben wird dieses Charakteristikum Kolumbiens<br />
mit dem Begriff des bipartidismo. Gemeint ist laut Zelik eine<br />
„vertikale Spaltung der Gesellschaft“, das hei&#223;t „die Trennlinie verl&#228;uft<br />
nicht entlang sozialer Widerspr&#252;che, sondern zwischen Parteilagern, die<br />
in ihrer sozialen Zusammensetzung weitgehend identisch sind [...]“ (Zelik:<br />
Kolumbien, a.a.O., S. 49).<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Campos Zornosa, Yezid: El Baile Rojo, a.a.O., S. 225-233.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Zelik, Raul: Die kolumbianischen Paramilit&#228;rs .„Regieren ohne<br />
Staat?“ oder terroristische Formen der Inneren Sicherheit. M&#252;nster: Westf&#228;lisches<br />
Dampfboot 2009, S. 235.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Sehr zu empfehlen ist die Dokumentation zum gleichnamigen Buch<br />
„El baile rojo“. Sie ist frei und mit englischen Untertiteln unter folgendem<br />
Link verf&#252;gbar: http://video.google.com/videoplay?docid=89813048680<br />
98159223#docid=3833186377925394599<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Zelik, Raul: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Diese Form der Kooperation zwischen staatlichen und parastaatlichen<br />
Akteuren hat in Kolumbien eine weit zur&#252;ckreichende Tradition in der<br />
bereits erw&#228;hnten la violencia, zu deren Zeiten Pr&#228;sident Laureano Gómez<br />
die sogenannten pájaros systematisch aufbaute. Bereits hier zeigte<br />
sich die Funktionalit&#228;t dieser Kooperation, indem diese gemeinsam unliebsame<br />
GegenspielerInnen aus dem Weg r&#228;umten oder auch ganze D&#246;rfer<br />
niedermetzelten, in denen der Stimmenanteil oppositioneller Parteien<br />
besonders hoch war.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 78.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 93ff.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> CONVIVIR ist der Eigenname der Kooperative, das Verb selber bedeutet<br />
aber zynischerweise „zusammenleben“.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S.116.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Isacson, Adam/ Poe, Abigail: After Plan Colombia. Evaluating “Integrated<br />
Action”, the next phase of US. Assistance, in: International Policy<br />
Report, Center of International Policy 2009.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> CODHES Informa: Salto estratégico o salto al vacío? Boletín informative de la Consultoría para los Derechos Humanos y el Desplazamiento,<br />
No. 76, Bogotá 2010, S. 1-43.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 121f.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 114f.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia. The New Left: Origins, Trajectory and Prospects, in: Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: The New Latin American Left. Utopia Reborn. London: Pluto Press 2008, S. 133ff.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: Utopia reborn? Introduction to the study of the new Latin American left, in: dies.: The New Latin American Left. Utopia Reborn. London: Pluto Press 2008, S. 16f.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S. 129ff.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ling, Martin: Die soziale Ungerechtigkeit ist das Grund&#252;bel, in: Lateinamerika<br />
Nachrichten, Nr. 394 (2007), unter: http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/1097.html<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Das liegt insbesondere daran, dass in den 1980er und 1990er Jahren linke Pr&#228;sidentschaftskandidaten vor den Wahlen umgebracht wurden, z.B.: Luis Carlos Galán, der vor seiner Ermordung als Favorit f&#252;r das Pr&#228;sidentInnenamt gehandelt wurde und innerhalb der kolumbianischen Bev&#246;lkerung hohe Popularit&#228;tswerte zu verzeichnen hatte.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: Utopia reborn?, a.a.O., S.16f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S. 140ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Alke, Jenss: Das kolumbianische Linksb&#252;ndnis Alternativer Demokratischer Pol erlebt eine Zerrei&#223;probe, in: Lateinamerika Nachrichten, Nr. 426 (2009), unter: http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/3733.html<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Zelik, Raul: Gewerkschaftssterben in Kolumbien, labournet.de (2003), unter: http://www.labournet.de/internationales/co/zelik.html<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Henkel, Knut: Regierungen und Investoren wissen Bescheid, in: Jungle World Nr. 21 (2009), unter: http://jungle-world.com/artikel/2009/21/34879.html<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Neuber, Harald: Alle drei Tage ein politischer Mord, in: Portal Amerika21.de (2009), unter: http://amerika21.de/nachrichten/inhalt/2009/okt/vecino-926373-interview<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Zelik: Gewerkschaftssterben in Kolumbien, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S.136f.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zelik, Raul: Mit, im und gegen den Staat. Kooperativen im Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela, 2004, unter: http://www.raulzelik.net/textarchiv/kolumbien/kooperativen.htm<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Delegation Kolumbien: Congreso de los Pueblos und die Minga des Widerstandes, 2010, unter: http://kolumbien.blogsport.de/2010/09/07/congreso-de-los-pueblos-und-minga-des-widerstands/<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Colectivo de abogados José Alvear Restrepo, 2008, unter: http://www.colectivodeabogados.org/CHIQUITA-BOARD-MEMBERS-TOTAL<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ortiz Sarmiento, Carlos Miguel: Urabá. Pulsiones de vida y desafíos de muerte. Medellín: La Carreta Editores 2007, S. 69f.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Botero, Fernando: Urabá: colonización, violencia y crisis del Estado, Medellín: Universidad de Antioquia 1990.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 188-192.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Comisión Colombiana de Juristas: Colombia: La metáfora del desmantelamiento de los grupos paramilitares. Bogotá: Opciones Gráficas Editores 2010, S.156f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zu den genaueren Verbindungen der Familie Uribe und den Paramilit&#228;rs sowie Drogenkartellen vgl. Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 127-133.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Die Informationen &#252;ber die Friedensgemeinde beruhen auf pers&#246;nlichen Gespr&#228;chen mit den BewohnerInnen aus dem Jahr 2010.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Reis, Bettina: Ein superm&#228;chtiger Pr&#228;sident. Kolumbien: Von 2010 bis 2014 will Juan Manuel Santos als „Pr&#228;sident der nationalen Einheit“<br />
regieren, in: Quito ila 337 Juli / August 2010.</p>
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		<title>N&#252;chterne Rebellion</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. Philipp Probst und Stefan Probst &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.

1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band Teen Idles den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. <em>Philipp Probst</em> und <em>Stefan Probst</em> &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.<br />
<span id="more-1957"></span><br />
1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band <em>Teen Idles</em> den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. Dessen Lyrics waren zwar offensichtlich nicht ganz bierernst gemeint, aber trotzdem nur halb als Scherz gedacht: „I drink milk / I drink milk / I drink milk / I drink milk / I don’t care what people say, I drink milk everyday!“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ian MacKaye, Bassist und Textschreiber der Band, hat in sp&#228;teren Interviews den Hintergrund des Songs erl&#228;utert: „In den 1970er Jahren machten sich meine Mitsch&#252;lerInnen und meine FreundInnen dauernd dar&#252;ber lustig, dass ich keinen Alkohol trank. Als ich in die Punk-Szene eintauchte, war es genau dasselbe. Ich konnte immer nur denken: ‘Hey, ich bin einfach, wie ich bin!’ Schlie&#223;lich sagte ich nie zu irgendwelchen Leuten, dass sie bescheuert waren, weil sie Alkohol tranken – trotzdem wurden meine Entscheidungen dauernd in Frage gestellt.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Zunehmend frustriert von den Erwartungshaltungen einer drogenzentrierten Kultur, die der Punk offensichtlich mit dem Mainstream teilte, schrieb MacKaye 1981 schlie&#223;lich mit der Nachfolgeband der <em>Teen Idles, Minor Threat</em>, einen Anti-Drogen-Song, in dem er seinen &#196;rger, sich st&#228;ndig f&#252;r seine Abstinenz rechtfertigen zu m&#252;ssen, aggressiver auf den Punkt brachte: <em>Straight Edge</em>. Die Lyrics lassen an Deutlichkeit nichts vermissen:<br />
„I’m a person just like you / But I’ve got better things to do/ Than sit around and fuck my head / Hang out with the living dead / Snort white shit up my nose / Pass out at the shows / I don’t even think about speed / That’s something I just don’t need / I’ve got the straight edge […]. Always gonna keep in touch / Never want to use a crutch / I’ve got the straight edge“.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Straight Edge soll dabei zum Ausdruck bringen, mit einem n&#252;chternen, klaren, eben straighten Kopf einen Vorteil zu haben (<em>to have an edge on you</em>). Es war dieses Grundprinzip eines klaren Kopfes, das die Bewegung vereinte – jenseits der jeweils zeitlich, regional und individuell spezifischen Ausdeutungen dessen, was mit einer Straight-Edge-Identit&#228;t bezeichnet sein soll. Wieder war es ein <em>Minor Threat</em>-Song, der gemeinhin als Gr&#252;ndungsmanifest dieser Prinzipien steht: In <em>Out of Step</em> schreit Ian MacKaye: „(I) Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck / At least I can fucking think.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
W&#228;hrend diese „drei einfachen Worte“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> niemals als fixes Regelwerk f&#252;r eine Bewegung gedacht waren, wurden sie zum Startschuss f&#252;r einen Gedanken, der in den unterschiedlichsten Interpretationen Teile der Punkszene und Jugendkultur &#252;ber die n&#228;chsten Jahrzehnte pr&#228;gte.</p>
<p><strong>American Hardcore</strong><br />
Die Entwicklung der Straight Edge (sXe) Bewegung muss im Kontext der entstehenden Hardcore-Punk-Szene betrachtet werden – als dessen organischer Teil und als kritische Intervention in diese.<br />
Hardcore-Punk entwickelte sich in den sp&#228;ten 1970er Jahren als schnellere, direktere, aggressivere Variante des Punk, die diesen auf seinen harten Kern reduzierte. Die Songs waren kurz, intensiv, auf den Punkt, <em>in-your-face</em> und ohne Umschweifen; alles andere als die zu dieser Zeit dominierende Diskomusik und Stadionrock. Die Texte waren schnell, oft unverst&#228;ndlich rausgeschrien, sich gegen gesellschaftliche Normen richtend. Ganz im Sinne von „You don’t understand a word we say, You don’t listen to us anyway.”<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ausschweifende Gitarrensolos oder &#228;hnliches waren verp&#246;nt. Entsprechend physisch und roh wie die Musik waren die Shows. Sie dr&#252;ckten die Ablehnung gegen&#252;ber einer vorgegaukelten heilen Welt und der Fassade des suburbanen Utopia aus. „Die Musik, die wir spielten, die Texte, die wir schrieben hatten nichts mit H&#228;nde-halten, L&#228;cheln und Sonnenunterg&#228;ngen zu tun.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Wesentlich ging es f&#252;r die Jugendlichen (oft 13 bis 16 Jahre alt!) darum, in einer Gesellschaft, die nichts als Perspektivlosigkeit, Langeweile und Konformit&#228;tsdruck zu bieten hatte, Frust abzulassen. Musik von Kids f&#252;r Kids, die die ganze amerikanische Gesellschaft nur mehr anfuckte und die Zuflucht und Energie im Hardcore Punk suchten. „Die Musik mit der die meisten von uns in den 1970ern aufwuchsen, war Musik von &#228;lteren Menschen und handelte von Partys und Cruisen – alles Dinge, zu denen wir keinen Bezug hatten, alles Dinge, die wir in unserem Leben nicht f&#252;hlten.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Etwas direkter beschrieb Keith Morris von den <em>Circle Jerks</em> das Gef&#252;hl der Ablehnung einer ganzen Gesellschaft, das den Hardcore von Beginn an pr&#228;gte; einer Gesellschaft, in der sich die Hardcoreszene zu dem Raum entwickelte, in dem Jugendliche sich ausleben konnten, sie selbst sein konnten. „Ich hasse meinen Boss, ich hasse die Menschen mit denen ich arbeite, ich hasse meine Eltern, ich hasse all diese Autorit&#228;tsfiguren, ich hasse Politiker, ich hasse Menschen in der Regierung, ich hasse die Polizei, wei&#223;t du, jeder zeigt mit dem Finger auf mich, jeder stochert in mir rum, jeder hatte etwas an mir auszusetzen, und jetzt hab ich hier eine Gruppe von Menschen, die wie ich sind, und wir haben die Chance abzugehen; und das ist es, was es im Prinzip war.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Zwei wesentliche Entwicklungen scheinen f&#252;r die Herausbildung einer eigenst&#228;ndigen Hardcore-Kultur in den fr&#252;hen 1980er Jahren relevant: zum einen das gesellschaftspolitische Klima in den USA um 1980, das in den Worten des sp&#228;teren <em>Black Flag</em>-S&#228;ngers Henry Rollins von „Rezession und Repression“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> gepr&#228;gt war; zum anderen die zunehmende Kommerzialisierung, &#196;sthetisierung und Internalisierung der Punk-Rebellion in den Mainstream. Besonders deutlich wurde das in der Dominanz des New Wave im Punk, der die Radikalit&#228;t dieses Genres als subkulturellem Ausdruck jugendlicher Rebellion zunehmend unscharf werden lie&#223;. „Mitte 1979 waren die einzigen Menschen, die noch Punkmusik spielten, diejenigen, die auch wirklich dabei sein wollten. Es gab einen gro&#223;en Bruch, der bedeutete, dass Punk in den <em>underground </em>ging, intensiver, reiner – was gut und schlecht war – und mehr hardcore wurde.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Reagan’s In!</strong><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
„Nichts bringt eine Musikszene so in Fahrt, wie Repression gepaart mit Rezession.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die Wahl des ehemaligen Hollywood-Schauspielers Ronald Reagan zum 40. Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten 1981 war so etwas wie die Triebkraft hinter der Entwicklung des Hardcore. Er stellte den „Feind von Kunst, von Minderheiten, von Frauen, Schwulen, Liberalen, Obdachlosen, ArbeiterInnen, der Innenstadt, usw. dar. Jeder ‚Au&#223;enseiter’ war sich darin einig, ihn zu hassen.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Reagans Amtszeit pr&#228;gte in paradigmatischer Weise das gesellschaftspolitische<br />
Leben der Vereinigten Staaten. Es war die Zeit des Aufstiegs der Neuen Christlichen Rechten und der &#246;konomischen Krise. Der Abbau sozialer Sicherungssysteme unter dem neoliberalen Schlagwort der <em>Reagonomics </em>und der massive Ausbau des Polizei- und &#220;berwachungsapparats traf besonders die Jugendlichen aus proletarischen und proletarisierten Mittelschichts-Haushalten, f&#252;r die Reagans Wahlkampf-Slogan „It’s Morning Again“ wie reiner Hohn klingen musste. Die Reagan-Administration versuchte, ein Gef&#252;hl der R&#252;ckkehr zu Recht und Ordnung durchzusetzen, zu einem guten, konservativen, geregelten – und wei&#223;en – Amerika. Vic Bondi, S&#228;nger der Hardcoreband <em>Articles of Faith</em> und sp&#228;ter linker Songwriter, dr&#252;ckte das Gef&#252;hl der herrschenden Schicht in den fr&#252;hen 1980er Jahre so aus: „Wei&#223;t du, dieses Weichei Jimmy Carter sprach &#252;ber Frieden und Menschenrechte und all die Schei&#223;e. Und es gab die Feministinnen und die Schwarzen, ‚die aufm&#252;pfig gegen uns wurden, deshalb werden wir die Ordnung wiederherstellen‘; Also ging das ganze Land in Richtung dieser wirklich kindlichen F&#252;nfziger Jahre-Fantasie, wo sie alle diese Strickjacken und so trugen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Konservatismus und law-and-order-Kurs sollten eine auseinanderfallende Gesellschaft auf Linie bringen. Die Vorstellung eines neuen Morgens in Amerika, einer R&#252;ckkehr zum goldenen Zeitalter, spie&#223;te sich aber mit der gef&#252;hlten und realen Hoffnungslosigkeit eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung. „Es ist schwer f&#252;r irgendjemand, vor allem f&#252;r Jugendliche, irgendetwas zu haben, an das man glauben kann. All die Dinge mit denen wir aufwuchsen: die Regierung, das Familiensystem, der amerikanische Traum, dieses ganze religi&#246;sen Ding, das Amerika so bestimmt – das alles funktioniert einfach nicht mehr. Alles f&#228;llt zusammen, wir sehen es jeden Tag, es gibt nichts, woran wir glauben k&#246;nnen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
W&#228;hrend Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Jugendlicher bestimmte, lie&#223;en anhaltende Wirtschaftskrise, Sparma&#223;nahmen und steigende Inflation die Kluft zwischen (neuen) Reichen und Armen weiter anwachsen. Die Antwort der Regierung lautete: steigende Repression und Polizeigewalt.<br />
Die <em>Dead Kennedys</em> thematisierten diese Situation einer in Reiche und Armen gespaltenen Gesellschaft in ihren Songs. Im satirischen <em>Kill the Poor</em> singt Jello Biafra vom fiktiven Standpunkt der Herrschenden aus: „Behold the sparkle of champagne. / The crime rates gone, feel free again. / O’ life’s a dream with you, Miss Lily White. / Jane Fonda on the screen today / Convinced the liberals it’s okay, / So let’s get dressed and dance away the night, / While they / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor: Tonight!“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p><strong>They take the rights away from all the kids<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></strong><br />
Die Polizeibrutalit&#228;t traf Au&#223;enseiterInnen der Gesellschaft besonders hart. Vor allem in Gro&#223;st&#228;dten wie Los Angeles und New York lie&#223; die Polizei keine Gelegenheit aus, Jugendliche zu jagen und zu verpr&#252;geln. Im Gegensatz zu Gangmitgliedern stellten Hardcorekids, wie Pat Dubar von <em>Uniform Choice</em> im Buch <em>American Hardcore</em> erz&#228;hlt, perfekte, leichte Ziele dar. Oft handelte es sich um von daheim Weggelaufene, sie kamen aus kaputten Familien oder sie hatten Eltern, die sich um nichts k&#252;mmerten – und sie konnten sich nicht wehren. Daher hatte polizeiliche Gewalt in den meisten F&#228;llen keine Konsequenzen f&#252;r die Beh&#246;rden. Im Gegenteil, die Polizei setzte alles daran, die aufkommende neue jugendliche Gegenkultur im Keim zu ersticken. „Heute w&#252;rde das, was die Polizei damals gemacht hat, als Bel&#228;stigung oder <em>racial profiling</em> bezeichnet werden – sie st&#252;rmten Shows, sammelten Beweise, speicherten Akten. Die Machthaber erkannten die Gefahr, real oder eingebildet, wenn Bands wie <em>Black Flag </em>und<em> Dead Kennedys</em> spielten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nicht umsonst waren viele Hardcore-Texte gepr&#228;gt von der erlebten Repression und dem Hass auf die Polizei. Die Band <em>MDC</em>, deren Abk&#252;rzung unter anderem f&#252;r <em>Million of Dead Cops</em> stand, sang in <em>Dead Cops/America’s So Straight</em>: „Dead Cops / Watcha gonna do / The Mafia in blue / Huntin’ for queers / Niggers and you.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Angesichts der staatlichen &#220;bermacht und der Repression gegen die Jugendlichen, herrschte Resignation und Kampfgeist oft gleichzeitig vor. W&#228;hrend <em>Black Flag</em> in ihrem Song <em>Police Story</em> von einem Kampf sprachen, „den wir nicht gewinnen k&#246;nnen“ („They hate us / we hate them, we can’t win / no way!“)<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, sprach der K&#252;nstler Winston Smith davon, wie sich die Grundhaltung breit machte „k&#228;mpfend unterzugehen, wenn wir verlieren m&#252;ssen, aber sie nicht damit davonkommen zu lassen.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Doch nicht nur die Polizei hatte es auf die Kids abgesehen. Rocker, Rednecks und Jocks<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> verpr&#252;gelten sie in den Highschools und zogen in Banden durch die Viertel auf der Suche nach Punks.<br />
Die fast t&#228;gliche Erfahrung von Gewalt spiegelte sich in der Szene wieder. Die Shows waren gepr&#228;gt von <em>violent dancing</em>, einem Tanzstil der viel K&#246;rperkontakt mit sich bringt und bei dem der Unterschied zu handfesten Pr&#252;geleien manchmal schwer auszumachen ist. Allerdings bedeuteten diese Shows f&#252;r viele die M&#246;glichkeit, kurzzeitig die herrschenden gesellschaftlichen Normen hinter sich zu lassen und die Gewalt, mit der sie st&#228;ndig konfrontiert waren, verarbeiten zu k&#246;nnen. Die Szene wurde zugleich zur wichtigsten Verteidigung gegen die t&#228;glichen &#220;bergriffe<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und einer Community, die Au&#223;enseiterInnen ein Ventil f&#252;r ihre Wut und Langeweile bot. Im Song <em>Fight </em>der f&#252;r die Szene in Washington DC ma&#223;geblichen Band <em>Scream </em>wird deutlich, dass <em>Fight </em>(Kampf) sowohl ein Mittel gegen Frustration war, als auch f&#252;r <em>Unity </em>(Gemeinschaft) stand. “Look at me, I look at you / What the fuck you gonna do? / I feel boxed in, well, I just wanna fight / Through the problems in the night / Fight / Hey, all ye crunchcloths, we all say / Fight for the united way / Fight together, fight as one / Fight forever till we’ve won / Fight (to unite)<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Die Community bot Platz, eigene Projekte und eigene Ideen in die Tat umzusetzen. In diesem Sinne &#252;bernahm die Hardcore Variante des Punk wesentliche Charakteristika des 1970er Jahre Punks, den eine Mischung aus Selbstorganisierung, Eigenst&#228;ndigkeit und eine „Scheissauf-Alles“-Attit&#252;de charakterisierte. In der Hardcore-Szene spiegelte sich der politische Radikalismus des Amerikas der fr&#252;hen 1980er wider.</p>
<p><strong>Do-It-Yourself and Think for Yourself!</strong><br />
Neben der radikalen Ablehnung vorherrschender Werte und Ziele der Mainstream-Gesellschaft war eine der positivsten Eigenschaften die klare <em>Do-It-Yourself</em>-Ethik (DIY). Vollkommen unabh&#228;ngig von g&#228;ngigen Distributionskan&#228;len und Kommunikationsmedien baute die Hardcore-Kultur &#252;ber Fanzines, Bandkontakte und selbst gegr&#252;ndete Labels ein subkulturelles Netzwerk auf, das bald die gesamten USA &#252;berspannte. Wichtig in diesem Kontext sind beispielsweise die Bem&#252;hungen der von Mitgliedern der Punk-Band Youth Brigade gegr&#252;ndete Better Youth Organization, die &#252;ber die DIY-Ethik versuchte, dem Punk eine positive Richtung zu geben. Mittels <em>grassroot organizing</em> konnten st&#228;ndig neue Konzertorte gefunden und Jugendzentren etabliert werden. Die eigene Community aufzubauen war eine der wesentlichen S&#228;ulen der Hardcore-Kultur. Im Gegensatz zur vorherrschenden Ideologie einer individualisierten Ellbogengesellschaft lautete das Motto „wir gemeinsam, statt alles f&#252;r mich und fuck the rest“.<br />
Diese DIY-Ethik und das Bekenntnis zu Community-Building – von Kids f&#252;r Kids – bedeutete auch, die Trennung zwischen Band und Publikum bei Shows zu &#252;berwinden. Alle konnten und sollten Musik machen. Der Sound war einfach und aggressiv, niemand musste die Instrumente wirklich beherrschen. Niemand wartete darauf, dass jemand etwas f&#252;r einen machte, sondern ging es gemeinsam mit anderen an.<br />
Ian MacKaye erz&#228;hlt in einem Interview, dass er in seiner Zeit auf einer staatlichen Highschool vor allem eins lernte: „Wenn du etwas machen willst, kannst du nach Erlaubnis fragen, doch dann wird die Antwort sicher ‚Nein‘ sein. Darum frag am besten gar nicht, sondern mach es einfach.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Aus dieser DIY-Ethik entwickelte sich ein politischer Anspruch, bei dem sich der Gro&#223;teil der Bands auf<em> personal politics </em>konzentrierte, wobei es wichtig war, dass ein direkter Zusammenhang mit der Community und der Nachbarschaft bestand. Das dr&#252;ckte sich auch in der Ablehnung der etablierten Politik aus: „Wir wollten nicht eure Politik, wir waren interessiert an pers&#246;nlicher Politik; wir sind interessiert an dieser Musik, an dieser Community, an dieser Szene.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem fanden sich auch immer wieder die Themen Kapitalismus, schei&#223; Arbeitsbedingungen und der Zynismus der Herrschenden in den Texten wieder: „Ronald laughs as millions starve / And profits forever increase / Your stenching farts as they smile / They say they try to please / Plastic chairs and fake shakes / To help it all go down / Polluting your children with their lies / And trying to destroy your mind“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>Go BOOM!</strong><br />
Sowohl im 1970er Jahre Punk als auch im HC-Punk fanden sich also auch explizit politische, gesellschaftskritische Bands. Dennoch erbte der Hardcore zum Teil auch die selbstdestruktiven <em>no-future</em>-Tendenzen des 1970er Jahre Punks: „Get fucked and fuck shit up!“. Zwar versuchten Bands wie Bad Brains mit ihrer propagierten <em>positive-mental-attitude</em> immer wieder, dieser <em>live-fast-die-young-attitude</em> in der Community positive Impulse entgegenzusetzen. Dennoch artikulierte sich bei vielen Jugendlichen die Wut auf die vorherrschenden Werte und Erwartungshaltungen der Gesellschaft in destruktiver Anti-Haltung, ohne selbst eine Vorstellung von Ver&#228;nderung zu entwerfen. <em>Black Flag</em>, eine der ersten Hardcore-Bands aus den suburbanen Gebieten Kaliforniens, hat dies 1980 in ihrem Song <em>No Values</em> auf den Punkt gebracht: „I don’t care what you think / I don’t care what you say / I’ve got nothing to give you / Why don’t you just go away? / I’ve got no values / Nothing to say / I’ve got no values / Might as well blow you away / […] Don’t you try pretendin’ / Telling me it’s all right / I might start destroyin’ / Everything in my sight! / No values“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Die Frustbew&#228;ltigung &#252;ber Gewalt, die bei den pubertierenden m&#228;nnlichen Jugendlichen in den Suburbs an der Westk&#252;ste zumindest anfangs viel ausgepr&#228;gter war als etwa in DC, wurde zunehmend zum Problem. Die H&#228;rte der Stra&#223;e erkl&#228;rt zwar die Reaktion und macht diese verst&#228;ndlich, allerdings wurden dadurch mehr und mehr Leute angezogen, die allein wegen der Gewalt kamen. Jello Biafra beschreibt, dass HC-Punks oft „Surfer waren, Skateboarder waren, und manchmal waren sie einfach sehr gewaltt&#228;tige Surfer und Skateboarder.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Dar&#252;ber hinaus ist es nur eine leichte &#220;bertreibung, wenn behauptet wird, dass sich Frust und Perspektivlosigkeit nicht zuletzt in Destruktivit&#228;t gegen sich selbst ausdr&#252;ckten. Drogen waren ein ernsthaftes Problem im fr&#252;hen Hardcore, und zwar nicht nur Alkohol, sondern vor allem Speed und Kokain, die die Stra&#223;en der USA &#252;berschwemmten.<br />
Es war dieser Kontext, in dem sich die ersten Straight Edge-Bands formierten. Frustriert von den selbst-zerst&#246;rerischen Verhaltensweisen der Punk-Szene nahmen sie eine Anti-Drogen-Haltung ein. Die Straight Edge-Bands kritisierten, dass „Punks zwar ihre Individualit&#228;t hervorhoben, aber eine eigene Art der Konformit&#228;t verst&#228;rkten, die die Fixierung der Jugendkultur auf die Einnahme von Substanzen reflektierte. Weiters f&#252;hlten Straight Edge-Kids, dass Punks ihr eigenes Potential zur Rebellion verringerten, indem sie in einem Drogen- und Alkoholdunst lebten.“ Die fr&#252;he Straight Edge-Jugend sah die hedonistische Rebellion des Punk als &#252;berhaupt nicht rebellisch, da sie in vielerlei Hinsicht „den bet&#228;ubten Lebensstil der Mainstreamkultur in einer irokesenschnittigen Lederjackenverkleidung“ reproduzierten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
W&#228;hrend sich Menschen, die Straight Edge lebten, positiv auf die Hardcore Kultur – mit all ihren Widerspr&#252;chlichkeiten – bezogen, und vor allem den Community-Gedanken und die Rebellion gegen die Mainstreamkultur hoch hielten, propagierten sie zugleich, wie wichtig es war, daf&#252;r einen klaren Kopf zu haben. Straight Edge wurde so zu einer Gegenstr&#246;mung innerhalb der jugendlichen Gegenkultur.</p>
<p><strong>Trinitarische Formel?</strong><br />
Der f&#252;r die Entwicklung des sXe pr&#228;gendste Song war sicherlich <em>Out of Step</em> von <em>Minor Threat</em>. Es sollte bereits klar geworden sein, dass die viel zitierte Textzeile „(I) Don’t Drink / Don’t Smoke / Don’t Fuck / At least I can fucking think!“ weder als verbindliches Regelwerk, Gr&#252;ndungsmanifest einer Bewegung oder &#252;berhaupt als etwas anderes denn als pers&#246;nliche Befindlichkeitserkl&#228;rung von <em>Minor Threat</em>-S&#228;nger MacKaye gemeint war. Jene, die die Idee aufgriffen, interpretierten den Song aber zu Recht auch als positive Intervention gegen die selbstzerst&#246;rerischen Dynamiken der Szene. Sie versuchten den Grundgedanken des Punk und der DIY-Ethik wieder stark zu machen: <em>Think for yourself</em>, und das mit einem klaren Kopf. Und das sollte selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r die von manchen als ‚Three-Step-Formula‘ interpretierte Zeile in <em>Out of Step</em> gelten. Folglich bauten <em>Minor Threat</em> in der zweiten Aufnahme des Songs eine zus&#228;tzliche Erkl&#228;rung ein, die klarstellen sollte, dass jeder und jede f&#252;r sich selbst entscheiden m&#252;sse, was der Text f&#252;r sie bedeuten sollte: „H&#246;rt zu, dies sind keine Verhaltensregeln! Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt!“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Zun&#228;chst verstanden tats&#228;chlich auch jene, die die Message des Songs postitiv f&#252;r sich selbst &#252;bersetzten konnten, Straight Edge weder als eigene Bewegung noch als Identit&#228;tsclaim, sondern in erster Linie als konstruktiven Impuls f&#252;r die HC-Szene: die Community m&#252;sse offen sein – oder offener werden – auch f&#252;r jene, die Milch statt Bier trinken wollen. Der <em>peer pressure</em> dominanter Jugendkulturen sollte im HC eben gerade keinen Platz haben. Die Szene sollte aber gleichzeitig f&#252;r jene offen sein, die zumindest legal gar keinen Alkohol konsumieren durften. Dies war insbesondere in Washington DC ein eminent praktisches Problem, insofern die meisten Shows in Clubs stattfanden, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. So hat sich eben auch das zentrale Symbol des (sp&#228;teren) Straight Edge, das X, aus der &#220;berzeugung heraus entwickelt, dass Hardcore-Shows f&#252;r <em>all ages</em> offen sein m&#252;ssen. Um den Problemen mit Club-Besitzern aus dem Weg zu gehen, schlugen minderj&#228;hrige Jugendliche vor, sich ein dickes schwarzes X auf den Handr&#252;cken zu malen. Damit zeigten sie, dass sie keinen Alkohol konsumieren w&#252;rden und konnten die Show besuchen. Urspr&#252;nglich stand das X also weniger f&#252;r sXe und Abstinenz, sondern f&#252;r Jugend.<br />
Besondere Aufmerksamkeit verdient schlie&#223;lich noch der so oft, auch im sXe selbst, falsch verstandene Ausdruck „Don’t Fuck“. F&#252;r viele SkeptikerInnen wird genau hier die Anschlussf&#228;higkeit des sXe an reaktion&#228;re christliche Enthaltsamkeits-Sekten deutlich. F&#252;r Ian MacKaye, der sich schon oft f&#252;r diese Formulierung rechtfertigen musste, war die ganze Aufregung trotzdem relativ unverst&#228;ndlich: „Glaubst du, dass Menschen bei ‘Don’t Drink’ jemals sagen w&#252;rden: ‚Aha, er will, dass niemand mehr irgendein Getr&#228;nk oder irgendeine Fl&#252;ssigkeit zu sich nimmt?‘ Aber wenn das Wort ‚fuck‘ ins Spiel kommt, werden sofort andere Schl&#252;sse gezogen. Ich verstand das nie. Es war doch klar, dass es um Missbrauch, Manipulation und Eroberung ging, also um die Instrumentalisierung von Sex, die auf Befindlichkeiten von Menschen keine R&#252;cksicht nimmt.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Me, You, Youth Crew</strong><br />
Die Idee des Straight Edge wurde in den fr&#252;hen 1980er Jahren ziemlich schnell von Bands wie <em>SSD </em>und <em>DYS </em>in Boston, <em>Uniform Choice</em> in Kalifornien oder <em>7 Seconds</em> in Reno aufgegriffen. Dave Smalley von <em>DYS </em>erkl&#228;rt: „Es sprach eine ganze Generation von Kids an, die gerade die 1970er Jahre erlebt hatten, und sie haben Kids gesehen, die in den Highschools dreimal t&#228;glich kiffen und <em>wasties </em>in einem tragisch jungen Alter werden.”<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Diese Bands sind ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung einer kollektiven sXe-Identit&#228;t verantwortlich. Dennoch entwickelte sich sXe vor allem infolge einer Band zu einer im HC einflussreichen Bewegung: <em>Youth of Today</em>. Der Bewegungscharakter von sXe liegt darin, dass sXe als „allgemein w&#252;nschenswerter Lebensstil propagiert wurde“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ray Cappo, S&#228;nger von <em>Youth of Today</em> erl&#228;utert: „Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> W&#228;hrend die Betonung bei fr&#252;hen Bands wie <em>Minor Threat</em> vor allem auf der Offenheit der HC-Community und der Verteidigung einer pers&#246;nlichen Lebensentscheidung lag, verstanden diese neuen Bands sXe weniger als Intervention in die Szene, sondern selbst als Community-Projekt. Zwar blieb die positive Grundhaltung eines klaren Kopfs, sXe besch&#228;ftigte sich aber zunehmend mit sich selbst.<br />
Besonders in den Song-Texten f&#228;llt diese isolationistische Dynamik auf: man schw&#246;rt sich, „true till death“ zu sein, und exkommuniziert Leute, „who have broken the edge“, „sold out“, „stabbed us in the back“. Die ‚Don’t Drink, Don’t Smoke, Don’t Fuck‘-Formel wird zum neuen Katechismus und identit&#228;ren Grundprinzip. Besonders in den militanteren Szenen wie in Boston kommt auch ein selbstgerechter Moralismus und ein maskulinistischer Selbstentwurf der sXe-Szene als Brotherhood hinzu.<br />
W&#228;hrend Straight Edge urspr&#252;nglich organischer Teil einer offenen Hardcore-Punk-Szene sein wollte, setzte sich Straight Edge seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend als abgrenzender Identit&#228;ts-Claim durch. Auch wenn oft die „open minds and open hearts“ betont wurden, sah die Praxis meist anders aus: sXe wurde zum neuen Konformismus. Um nicht falsch verstanden zu werden: die sogenannte Youth-Crew Zeit der sp&#228;ten 1980er Jahre hat gro&#223;artige Bands und Songs hervorgebracht. Dennoch hatten sich die HC-Szene insgesamt und der sXe im Besonderen im Vergleich zu den fr&#252;hen Jahren entscheidend ver&#228;ndert.<br />
Mitte der 1980er Jahre hatten sich die meisten Bands der ersten Hardcore-Welle aufgel&#246;st. Die Wiederwahl Ronald Reagans wurde bei vielen als herbe Entt&#228;uschung erfahren. Und schlie&#223;lich schien der Hardcore selbst musikalisch zu stagnieren, w&#228;hrend in der Szene Gewalt einen immer zentraleren Stellenwert einnahm. &#220;berspitzt, aber auch nicht vollkommen falsch, hat Stephen Blush – HC-Chronist und Autor von <em>American Hardcore</em> – deshalb behauptet, der Hardcore sei 1984 gestorben.<br />
Tats&#228;chlich gingen einige pr&#228;gende Bands der ersten Welle ab Mitte der 1980er Jahre musikalisch und/oder politisch neue Wege. In Washington DC begr&#252;ndeten Bands wie <em>Rites of Spring</em> oder <em>Embrace </em>in Reaktion auf die <em>tough-guy</em>-Mentalit&#228;t der Szene jene Musikrichtung, die heute etwas ungl&#252;cklich als Emotional Hardcore, kurz Emocore bekannt ist. In Reno gr&#252;ndete sich 1984 um Mitglieder der Band <em>7 Seconds</em> die <em>Positive Force</em> Initiative als Versuch der expliziten Politisierung der Szene. Und 1985 gilt in DC ohnehin als „Revolution Summer“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>.<br />
Die HC-Kultur im engeren Sinn wurde nun von einer Generation dominiert, die kaum mehr mit den Punk-Wurzeln des HC in Ber&#252;hrung gekommen war. Tonangebend war vor allem die Szene in New York – der sogenannte New York Hardcore – wo sich unter die progressiven Punk-Ideale zunehmend auch dumpfer Patriotismus, Machismo und Homophobie mischten. Ray Cappo hat die New Yorker Szene r&#252;ckblickend so beschrieben: „wei&#223;t du, in der Highschool gabs immer diesen einen Raufbold, nur einen, Psycho-Schl&#228;ger, der dich schikanieren w&#252;rde. Die Hardcore Szene in New York war als ob du jeden Raufbold in Amerika nehmen und in diese verr&#252;ckte kleine Community stecken w&#252;rdest.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a></p>
<p><strong>Ausdeutungen</strong><br />
Die Schwierigkeit, das Ph&#228;nomen Straight Edge auf den Punkt zu bringen, besteht nicht zuletzt darin, dass die jeweiligen Ausdeutungen dessen variieren, was mit sXe &#252;berhaupt gemeint sein soll: von einer pers&#246;nlichen Lebenseinstellung zu einer propagierten Ideologie, von puritanischem Asketismus zur Vorstellung eines klaren Kopfs als bessere Voraussetzung f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung, von maskulinistischer Wolfpack- und Crew-Mentalit&#228;t zur Betonung einer offenen, partizipativen Community. Straight Edge ist deshalb ein weder per se fortschrittliches, noch reaktion&#228;res Ph&#228;nomen. Sicher, wer den verr&#252;ckteren Ausw&#252;chsen des sXe in den fr&#252;hen 1990er Jahren die haupts&#228;chliche Aufmerksamkeit schenkt, wird entweder die Stirn runzeln – etwa &#252;ber den mysteri&#246;sen Boom straighter Krishna-Core-Bands – oder sich von der selbstgerechten Militanz, gew&#252;rzt mit einer kr&#228;ftigen Prise Pro-Life und Ablehnung vorehelichen Sex, von 1990er-sXe-Bands wie <em>Vegan Reich</em> angewidert abwenden. Dass gleichzeitig offen kommunistische Bands wie <em>ManLiftingBanner</em> ebenfalls eine sXe-Identit&#228;t f&#252;r sich beanspruchen, macht die Sache dann aber doch kompliziert.<br />
So wie jede subkulturelle Bewegung steht n&#228;mlich auch der sXe in einem widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zu den hegemonialen Verh&#228;ltnissen und Vorstellungen. Diese Spannung soll im Folgenden beispielhaft anhand von Sexismus und Homophobie innerhalb der sXe-Szene durch diskutiert werden.</p>
<p><strong>Machismo, Emancypunx</strong><br />
Der vom sXe propagierte Verzicht auf Alkohol und Drogen steht zum einen quer zu Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen der Mainstream-Jugendkultur, insbesondere aber auch hegemonialen Konstruktionen jugendlicher M&#228;nnlichkeit. F&#252;r sXer sind Saufen und sexuelle Eroberung gerade keine Zeichen von St&#228;rke und Maskulinit&#228;t, sondern im Gegenteil Schw&#228;chen, die &#252;berwunden werden sollten.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> sXe ermutigte jugendliche M&#228;nner, sich maskulinistischen Anrufungen zu entziehen und Sexismus auf pers&#246;nlicher Ebene zu bek&#228;mpfen.<br />
Zudem war der sXe von Anfang an auch auf den Aufbau offener drogenfreier R&#228;ume bedacht, in dem sich Frauen, ohne sexuell bel&#228;stigt zu werden, bewegen konnten. Tats&#228;chlich wird die Szene von vielen Mitgliedern als Raum wahrgenommen, in dem sie weniger Druck versp&#252;ren, traditionellen Geschlechterkonstruktionen entsprechen zu m&#252;ssen.<br />
Dennoch werden diese propagierten Bem&#252;hungen um progressive Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse – zumindest in der Szene – in der Praxis best&#228;ndig durchkreuzt. W&#228;hrend viele in der sXe-Bewegung betonen, Geschlecht spiele in der Szene keine Rolle, so bleibt der sXe doch, genauso wie die Hardcore-Szene &#252;berhaupt, ein &#252;berwiegend m&#228;nnlich dominierter Kontext.<br />
Offensichtlich ist das bei den Shows selbst der Fall: sowohl auf der B&#252;hne als auch im Publikum finden sich meist fast ausschlie&#223;lich Typen. Ebenso klar ist, dass die zunehmende physische Rohheit (aka Gewalt) beim Tanzen nicht gerade zu einer offenen Community beitrug. MacKaye erinnert sich: „die Sache wurde immer verr&#252;ckter, immer gewaltf&#246;rmiger. Und ich begann diese Ver&#228;nderung wahrzunehmen – Frauen, die von ganz vorne bei der B&#252;hne immer weiter nach hinten abgedr&#228;ngt wurden, und schlie&#223;lich &#252;berhaupt ganz hinaus.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Ebenso sind aber die Begriffe, in denen das Bekenntnis zur Abstinenz – vor allem seit den sp&#228;ten 1980er Jahren – gerahmt wird, eindeutig solche, die traditionell als m&#228;nnlich konnotiert gelten: (Selbst-)Disziplin, St&#228;rke, Ehre. Entsprechend ist die beschworene sXe-Community eben immer auch die m&#228;nnliche <em>brotherhood</em>, in der k&#246;rperliche Fitness und <em>toughness </em>wesentlich dazugeh&#246;ren. Und dass die Netzwerke des DIY oftmals eben M&#228;nnernetzwerke mit entsprechenden Gatekeepern sind, sollte auch nicht &#252;berraschen.<br />
Einige dieser Tendenzen begleiten die Hardcore-Szene seit ihren Anf&#228;ngen. Andere wiederum sind spezifischer f&#252;r den sXe, wobei bestimmte hypermaskulinistische sXe-Anrufungen sich erst im Kontext der allgemeinen Depolitiserung, Isolierung und relativen Abl&#246;sung der HC-Szene von ihren Punk-Wurzeln durchsetzen konnten. Bei allen eigenen Schw&#228;chen hatte der Punk n&#228;mlich immer eine androgyne Schlagseite und war oftmals spielerischer im Umgang mit Geschlecht. Initiativen wie jene um das Warschauer Label <em>Emancypunx Records</em>, die auf der Compilation<em> X The Sisterhood X</em> ausschlie&#223;lich <em>all-girl</em> Straight Edge-Bands von Argentinien bis Wei&#223;russland versammelten und versuchen, den Aufbau unabh&#228;ngiger Netzwerke von Frauen im Hardcore-Punk voranzutreiben, bleiben in der Szene leider immer noch die Ausnahme.</p>
<p><strong>Taking the Straight out of Straight Edge</strong><br />
&#196;hnliches gilt auch f&#252;r den Umgang mit Homosexualit&#228;t. Zwar gab es immer offen schwule Bands im HC, etwa <em>MDC </em>oder die gro&#223;artigen<em> Limp Wrist</em>: „Hey we’re the kids we’re here to set the score / We’re tired of fucking hiding we don’t do it no more / Come out of the closet and into the pit / Boy on boy contact, you know it’s the shit.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Dennoch blieben die homophoben Aspekte der HC-Kultur im Allgemeinen – etwa bei den <em>Bad Brains</em> nach ihrem Rastafari-Turn – und im sXe im Besonderen unterthematisiert. Nach <em>Limp Wrist</em>-S&#228;nger Martin Sorrondeguy hat das nicht zuletzt mit dem Ausschluss von Fragen der Sexualit&#228;t aus der sXe-Szene zu tun, die sich auf eine fundamentalistische Interpretation des „Don’t Fuck“ zur&#252;ckgezogen habe.<br />
Das Wort Straight in Straight Edge enth&#228;lt eben auch Konnotationen, die einer exklusiv heterosexuellen Erfahrungswelt entspringen. Nick Riotfag h&#228;lt fest: „Schwule m&#228;nnliche sexuelle Kultur hei&#223;t ‚Gelegenheits-‘ oder Promiskuit&#228;tssex aus verschiedenen Gr&#252;nden gut, von denen viele problematisch und andere politisch bewusster sind, nicht aber der heterosexuellen Eroberungskultur entstammen, die MacKaye und andere sXer kritisierten.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Manche haben daher einen unvers&#246;hnlichen Widerspruch zwischen einer queeren Punk-Identit&#228;t und der Straight Edge-Bewegung behauptet. Bei <em>Screeching Weasel</em> hei&#223;t es im Song<em> I Wanna Be A Homosexual</em>: „Call me a butt loving fudge packing queer / I don’t care cause it’s the straight in straight edge / that makes me wanna drink beer.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dennoch kann, wie Nick Riotfag betont, Straight Edge gerade auch als Ausgangspunkt f&#252;r eine kritische Reflexion &#252;ber spezifische Formen gesellschaftlicher Heteronormativit&#228;t dienen. Die wichtige Rolle, die Alkohol und Drogen in vielen <em>queer cultures</em> spielen, verweise n&#228;mlich nicht nur auf die Tatsache, dass „die sozialen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse oft Gef&#252;hle der Depression, Angst, Einsamkeit, Scham und Selbst-Hass produzieren“, die mit Alkohol und Drogen leichter bew&#228;ltigbar erscheinen. Auch zeigen sie auf, dass fast alle „Orte, an denen man sich sicher treffen kann, um Alkohol zentriert sind“.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Straight Edge bedeute deshalb auch, „die Bedingungen der Unterdr&#252;ckung zu zerst&#246;ren, die Abstinenz f&#252;r viele Queers so schwierig machen.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a></p>
<p><strong>Lifestyle und/oder Politik?</strong><br />
Viele der Schattenseiten des sXe-HC haben sich seit den 80ern noch verst&#228;rkt. Im Zuge dessen ist bei vielen sXern die urspr&#252;ngliche Motivation des Straight Edge vollkommen aus dem Blick geraten: einen klaren Kopf zu haben – aber wof&#252;r? Eine Community, f&#252;r die Abstinenz als Lebensstil zum Selbstzweck geworden ist? Jenseits von vagen Affirmationen von Unity und Youth gibt es hier keine politischen Perspektiven progressiver Ver&#228;nderung mehr. Im schlimmsten Fall bleiben dann Maskulinismus, Gewalt, Intoleranz und Abstinenz-Moralismus in &#228;rgster puritanischer Tradition. Sympathischer ist da schon jene <em>lifestyle</em>-Politik, die von der Vorstellung ausgeht, die Ver&#228;nderung der eigenen Lebenspraxis sei f&#252;r sich genommen bereits ein politisches Statement: die Summe individueller Entscheidungen w&#252;rde sich zu kollektiver Ver&#228;nderung zusammenf&#252;gen, die mehr Offenheit, Toleranz und <em>positivity </em>in der Szene und in der Gesellschaft insgesamt bringe. <em>Good Clean Fun</em> singen etwa: “This is the new revolution / we’re building a brand new society / It’s about time we find a solution / and not let it slip away / It’s time that we all work together / This little thing we call unity / has the power to make it all better / And that is why / We’ll all be on the streets / Saving the scene / From the forces of evil / Side by side, living our dreams / All the positive people”<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>.<br />
Sicherlich ist das mit einer geh&#246;rigen Portion Augenzwinkern zu genie&#223;en, als gesellschaftspolitische Strategie klingt der unersch&#252;tterliche Optimismus des Posi-Core letztlich aber reichlich naiv. Dennoch gab und gibt es, wie Gabriel Kuhn betont, immer auch eine radikalere, politisch bewusste Straight Edge-Kultur, die ihre pers&#246;nliche Entscheidung eines straighten Lebens als Ausgangspunkt grunds&#228;tzlicher gesellschaftlicher Ver&#228;nderung begreift.</p>
<p><strong>Red Edge</strong><br />
Interessanterweise etablierte sich vor allem au&#223;erhalb Nordamerikas eine viel politischere Straight Edge-Tradition, die stark mit linken Positionen verkn&#252;pft war und ist.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Wegweisend war hier die holl&#228;ndische Band <em>L&#228;rm</em>, die den politischen <em>edge </em>in Europa, aber auch in gro&#223;en Teilen Lateinamerikas pr&#228;gte.<br />
Die Nachfolge-Band von <em>L&#228;rm</em>, <em>ManLiftingBanner</em> versuchte wenig sp&#228;ter, dezidiert einen straighten Lebensstil mit kommunistischen Ideen zu verbinden. Auf ihrem in Anspielung auf John Reeds Buch &#252;ber die russische Revolution <em>Ten Inches That Shook the World</em> genannten Album mischten sie Zitate von Lenin, Trotzki und Luxemburg und die Hoffnung auf Revolution in ihre Songtexte:<br />
“Sometimes I clench my fists / because the fight was waged / but the battle had been pitched / when I look at the past / I hold one dream / a new october 1917”<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
In Skandinavien ist es Mitte der 90er Jahre die vegane Straight Edge-Band <em>Refused</em>, die mit ihrem musikalischen Projekt politische Ziele und einen Straight Edge-Lebensstil zusammenzudenken versuchte. Die Begegnung mit der depolitisierten HC-Szene in den USA war f&#252;r <em>Refused </em>sichtlich verst&#246;rend: „Wir waren dort in einer Szene gefangen, die &#252;berhaupt nicht so war, wie unsere. Alles woran die interessiert waren, war die ‚Hardcore Szene‘ und ihre Politik ging niemals weiter als die Forderung, dass ‚alle miteinander auskommen sollen‘.“ <em>Refused </em>sahen dagegen Straight Edge als Basis f&#252;r ihre politischen Ideen, die sie so explizit wie wenig andere in ihren Texten ausdr&#252;ckten: “This union that made us powerless is talking over our heads / Claiming prosperity in a downward spiral plan / This power that made us unionless is taking out of our hands / Cheapest labour at our expensive cost, auctioned our lives away / Stuck by the deadly rhythm of the production line / We consume our lives like we are thankful / For what we are being forced into”<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Auch die Betonung eines individuellen Lebensstils wurde von den politischeren sXe-Bands immer kritisch betrachtet. Frederico Freitas von den brasilianischen <em>Point of No Return</em> merkt an: „Was mir klar scheint ist, dass Gesellschaftsver&#228;nderung niemals nur eine Frage von individueller Ver&#228;nderung ist. Es gibt einige Ebenen der Gesellschaft, die auf gr&#246;&#223;eren Strukturen beruhen, und die auch nur kollektiv angegangen werden k&#246;nnen. Sonst &#228;ndert sich nichts. Eine liberale kapitalistische Gesellschaft hat ihren Platz f&#252;r individuelle Au&#223;enseiter wie uns.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Trotz positiver Ankn&#252;pfungspunkte zu progressiven Inhalten innerhalb der Straight Edge-Tradition bleibt die Frage offen, inwieweit Politik und Straight Edge wirklich mit einander verbunden sind. Fast prototypisch sind die zwei Standpunkte von ehemaligen Mitgliedern von <em>ManLiftingBanner</em>. F&#252;r den ehemaligen S&#228;nger und derzeitigen International Socialist Michiel Bakker waren kommunistische Politik und der dem Straight Edge inh&#228;rente Moralismus fr&#252;her oder sp&#228;ter nicht mehr vereinbar. „In einer revolution&#228;ren Organisation ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten, das bedeutet aber nicht, st&#228;ndig von Alkohol und Drogen Abstand nehmen zu m&#252;ssen, wenn der Wunsch danach da ist. Es ist unm&#246;glich ein reines Leben – was immer das auch hei&#223;t – innerhalb des Kapitalismus zu leben. Du bist Teil des Systems, sie hassen dich und wollen dich zerst&#246;ren, und du kannst nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche als Revolution&#228;r parat stehen.“ Allerdings streicht der jetzige S&#228;nger von <em>Seein‘ Red</em> Paul van der Berg die destruktive Wirkung von Drogen in so vielen proletarischen Haushalten weltweit hervor. Zudem seien nicht wenige politische Bewegungen vom Staat im ‚War Against Drugs‘ aufgerieben worden.<br />
Insofern stellt sich auch f&#252;r politische Bewegungen die Frage nach einem bewussten Umgang mit (legalen wie illegalen) Drogen. Zum einen, weil informelle Diskussionen in politischen Zusammenh&#228;ngen, die ohnehin demokratiepolitisch bedenklich sind, eben oft bei Bier und Tschick stattfinden und damit zus&#228;tzlich exkludierend sind. Zum anderen hat zum Beispiel die abendliche Degeneration der Audimax-Besetzung im letzten Jahr in eine wilde Party die Notwendigkeit aufgezeigt, die Rolle von Alkohol und Drogen in sozialen Bewegungen zu thematisieren und zu politisieren. Jedenfalls ist und bleibt ein klarer, n&#252;chterner Kopf Voraussetzung der eigenen politischen Handlungsf&#228;higkeit. Ob das die Entscheidung f&#252;r oder gegen ein drogenfreies Leben impliziert, bleibt freilich jeder und jedem selbst &#252;berlassen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Schlie&#223;lich sollte Straight Edge nichts mit Normierung, Kontrolle und Ma&#223;regelung individuellen Konsumverhaltens zu tun haben, sondern mit der Politisierung der sozialen Konsequenzen von Alkohol und Drogen – in der Punk/HCSzene, in Bewegungen, in der Gesellschaft.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wahrscheinlich bringt es Frederico Freitas am besten auf den Punkt, wenn er meint, dass das Problem mit Straight Edge irgendwann dazu wurde, dass man nichts mehr au&#223;er sXe war. Die Frage, wof&#252;r der klare Kopf denn da sein sollte au&#223;er vagen Anrufungen an einen <em>change</em>, blieb oft unbeantwortet. Ob und wie politisch Straight Edge war, hing immer von der Politisierung des Kontexts und der jeweiligen Szene ab. W&#228;hrend die fr&#252;he Hardcore-Kultur durchwegs politisch war, ging mit deren Niedergang auch eine Depolitisierung der Straight Edge-Bewegung einher. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die politischsten HC-Bands in den USA in den 1990er Jahren eben nicht im CBGBs in New York zu finden waren, sondern in den Latino-Communities.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a><br />
So war die Betonung eines drogenfreien Lebensstils nie automatisch auch politisch progressiv. Allerdings stellte die urspr&#252;ngliche &#214;ffnung der Szene einen wichtigen Schritt dar, um auch die Menschen aufnehmen zu k&#246;nnen, die sich dem allgegenw&#228;rtigen Konsumzwang entziehen wollten. Die Hardcore-Szene und die damit verbundene Straight Edge-Bewegung waren und sind in erster Linie Ausdruck einer w&#252;tenden Jugend, die versuchte, ihr Leben in die eigenen H&#228;nde zu nehmen. Die positiven Aspekte, wie Community-building, Rebellion und Ver&#228;nderungswille, aber gerade auch das im Straight Edge gef&#246;rderte Hinterfragen von eingefahrenen gesellschaftlichen wie szeneinternen Normen und Regeln, birgt dabei immer das Potential f&#252;r weitere gesellschaftsver&#228;ndernde Anspr&#252;che und Perspektiven. Das letzte Wort beh&#228;lt deshalb <em>ManLiftingBanner</em>:<br />
Commitment / Commitment / Commitment to Communism!<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> „Ich trink’ Milch / Ich trink’ Milch / Ich trink’ Mich / Ich trink’ Milch / Mich k&#252;mmert’s nicht, was andere denken / Ich trink’ Milch jeden Tag!“ Teen Idles: I drink milk, auf: Flex Your Head Compilation, Dischord 1982.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kuhn, Gabriel: Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung, M&#252;nster 2010, S. 8.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Ich bin so wie du / aber ich hab’ Besseres zu tun / als rumzusitzen und mich zuzudr&#246;hnen /mit lebenden Toten rumzuh&#228;ngen / Ich denk’ nicht mal an Speed / das ist, was ich einfach nicht brauch’ / ich hab‘ straight edge […] werde immer klar sein / will niemals eine Kr&#252;cke verwenden / Ich hab’ straight edge.“ Minor Threat: Straight Edge, auf: 7, Dischord 1981.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> “(Ich) rauch‘ nicht / trink nicht / fick nicht / zumindest kann ich denken.” Minor Threat: Out of Step, auf Out of Step, Dischord 1983.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Minor Threat: Straight Edge, a.a.O.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> „Du verstehst kein Wort von dem, was wir sagen, du h&#246;rst eh nicht zu!“ Big Boys: Fun, Fun, Fun, auf: Fun, Fun, Fun, Moment Productions 1982.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Keith Morris, Circle Jerks, in: American Hardcore (DVD), 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS), 1984.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Keith Morris; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Henry Rollins, Black Flag; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Jello Biafra, in: Punk: Attitude, auf: Shout!, Factory 2005.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Titel des Debut Album von Wasted Youth, 1981 erschienen.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vic Bondi, Articles of Faith, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS).<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> „Schau das Sprudeln des Champagners / Die Kriminalit&#228;tsraten fallen, f&#252;hl’ dich wieder frei / Oh, das Leben ist ein Traum, Miss Lily White / Jane Fond ist heute wieder am Schirm / Die Liberalen &#252;berzeugt, dass es o.k. ist / Also werfen wir uns in Schale und tanzen dem Morgen entgegen / w&#228;hrend sie / die Armen t&#246;ten: Heut’ Nacht!“ Dead Kennedys: Kill the Poor, auf: Fresh Fruit For Rotting Vegetables, Alternative Tentacles 1980.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> „Sie nehmen allen kids die Rechte weg.“ Black Flag: Police Story, auf: Damaged, SST 1981.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Pat Dubar, Uniform Choice, in: Stephen Blush: American Hardcore. A Tribal History. Port Townsend 2010.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Tote Bullen / Was werdet ihr machen / Mafia in Blau / Jagt Queers / Schwarze und dich.“ MDC: Dead Cops, auf: Millions of Dead Cops, Alternative Tentacles 1982.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> „Sie hassen uns – wir hassen sie, wir k&#246;nnen nicht gewinnen – auf keinen Fall.“ Black Flag: Police Story, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Winston Smith ist bekannt f&#252;r die Gestaltung der Dead Kennedy Platten.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Rednecks (deutsch: „Rotnacken“) bezeichnet in abf&#228;lliger Weise ein spezifisches wei&#223;es und reaktion&#228;res Milieu des S&#252;dstaaten-Proletariats der USA. Jocks ist ein Ausdruck f&#252;r Sportler. Meist sind damit gro&#223;e, bullige Footballtypen gemeint, die gerne Angeh&#246;rige so genannter Minderheiten verpr&#252;geln.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ian MacKaye erz&#228;hlt wie sie seinen kleinen Bruder oft scheinbar allein durch die Stra&#223;en gehen lie&#223;en, bis er angegriffen wurde. Die in der N&#228;he lauernden Punks griffen dann dementsprechend die Angreifer an. American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Schau mich an, ich schau dich an / Was verdammt wirst du machen? / Ich f&#252;hl mich eingesperrt, tja, I will nur k&#228;mpfen / Durch die Probleme in der Nacht / K&#228;mpfen / Hey, all ihr crunchcloths, wir sagen es alle / K&#228;mpfen f&#252;r den gemeinsamen Weg / K&#228;mpfen zusammen, k&#228;mpfen als eins / K&#228;mpfen f&#252;r immer bis wir gewonnen haben / K&#228;mpf (zusammen).“ Scream: Fight/American Justice, auf: Still Screaming, Dischord 1982.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ian MacKaye; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ian MacKaye, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution. Hardcore, Punk, Straight Edge and Radical Politics, Oakland 2010, S. 27.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> „Ronald lacht w&#228;hrend Millionen verhungern / und Profite steigen / Deine stinkenden Furze w&#228;hrend sie lachen / Sie sagen, sie versuchen zu gefallen / Plastikst&#252;hle und falsche Shakes / Damit alles zugrunde geht / Vergiften deine Kinder mit ihren L&#252;gen / Und versuchen deinen Verstand zu zerst&#246;ren.“ MDC: Corporate Deathburger, auf: Million of Dead Cops, a.a.O.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> „Mir ist egal, was du denkst / Mir ist egal, was du sagst / I hab’ dir Nichts zu geben / Warum gehst du nicht einfach weg? / Ich hab’ keine Werte / nichts zu sagen / Ich hab’ keine Werte / K&#246;nnte dich genauso gut wegblasen / … Versuch’ nicht vorzut&#228;uschen / und mir zu sagen, alles ist o.k. / Ich k&#246;nnte anfangen, alles zu zerst&#246;ren was ich sehe! / Keine Werte.“ Black Flag: No Values, auf: Jealous Again EP, SST 1980.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Jello Biafra; in: Punk: Attitude (DVD), 2011.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ross Haenfler: Rethinking Subcultural Resistance. Core Values of the Straight Edge Movement, in: Journal of Contemporary Ethnography 33: 4 (2004), S. 406-436, S. 409.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 11.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> American Hardcore (DVD)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Revolution Summer bezeichnet den Versuch von HC-Bands aus Washington D.C., aus den typischen hardcore-Mustern auszubrechen und neue politische und musikalische Wege – melodischer, abwechslungsreicher etc. – einzuschlagen. Wichtige Bands daf&#252;r waren v.a. jene des Dischord Labels: Rites of Spring, Embrace, Dag Nasty und Gray Matter.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ray Cappo: A Time We’ll Remember (CD)<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ross Haenfler: Manhood in Contradiction. The Two Faces of Straight Edge, in: Men and Masculinities 7 (2004), S. 77-99, S. 88.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zit. n. Beth Lahickey: All Ages. Reflections on Straight Edge, Huntington Beach 1997, S. 107f.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> „Hey wir sind die kids / Wir sind da, um die Stimme zu erheben / Wir wir sind das verfickte Verstecken leid, wir werden es nicht mehr tun / Komm’ raus aus (comeing out of the closet ist eine Redewendung f&#252;r outing) auf die Tanzfl&#228;che / Boy an Boy Kontakt, du wei&#223;t, das ist der Schei&#223;.“ Limp Wrist: Limp Wrist, auf: The Official Discography.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Nick Riotfag: My Edge Is Anything But Straight: Towards a Radical Queer Critique of Intoxication Culture, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution, a.a.O., S. 203<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> „Nenn mich einen Arsch-liebenden Arschficker / Ist mir egal, weil es ist das straighte in Straight Edge / das mich dazu bringt, Bier trinken zu wollen“<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd., S. 204.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 207.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> „Das ist die neue Revolution / Wir bauen eine brandneue Gesellschaft / Es ist an der Zeit, dass wir eine L&#246;sung finden / und sie nicht verpassen / Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammenarbeiten / Dieses kleine Ding, das wir Gemeinschaft nennen / hat die Kraft, alles besser zu machen / Und deswegen/ Sind wir auf der Stra&#223;e / Retten die Szene / vor den Kr&#228;ften des B&#246;sen / Unsere Tr&#228;ume Seite an Seite lebend / Alle positiven Menschen.“ Good Clean Fun: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, auf: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, Phyte Records, 2000.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Kurz erw&#228;hnen sollte man vielleicht, dass in den letzten Jahren auch eine rechtsradikale Str&#246;mung, v.a. in Deutschland entstand. Der tats&#228;chliche Einfluss dieser Bands ist allerdings umstritten.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> „Manchmal balle ich mein F&#228;uste / Weil der Kampf gef&#252;hrt wurde / Aber die Schlacht wurde geschlagen / Wenn ich in die Vergangenheit schau / Habe ich einen Traum / Ein neuer Oktober 1917.” ManLiftingBanner: New October, auf: Ten Inches that shook the world, Crucial Response 1992.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Diese Gewerkschaft/Einheit, die uns machtlos machte, redet &#252;ber unsere K&#246;pfe hinweg / Reichtum beanspruchend billigste Arbeit auf unsere hohen Kosten, unsere Leben versteigert / Gefangen vom t&#246;dlichen Rhythmus des Flie&#223;bands / Wir leben unser Leben als ob wir dankbar sind / Wozu wir gezwungen werden.“ Refused: Deadly Rhythm, auf: Songs to fan the flames of discontent, Victory 1994.<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Frederico Freitas, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution, a.a.O., S. 89.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Selbst Lenin war, entgegen gel&#228;ufiger Behauptungen, nicht vollkommen Straight Edge. Vgl. Carter Elwood: What Lenin Ate, in: Revolutionary Russia 20:2 (2007), S. 137-149.<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Vgl. die Dokumentation von Sorrondeguy, Martin : Beyond The Screams. A US Latino Hardcore Punk Documentary, unter: http://video.google.com/videoplay?docid=5497590837696631389#<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> ManLiftingBanner: Commitment, Ten Inches…, a.a.O.</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rosinenpicken]]></category>

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		<description><![CDATA[Kein Rosinenpicken ohne Krisenartikel! Diesmal empfehlen wir eine Analyse der Krisenentstehung und -dynamik in Island. Bisher allgemein bekannt als Land der Vulkane, Geysire und Gletscher (und vielleicht noch f&#252;r Bj&#246;rk und Sigur Rós), lenkte erst die besondere Krisenbetroffenheit des Landes die Aufmerksamkeit b&#252;rgerlicher Medien auf den „Schuldenstaat“. Robert Wade und Silla Sigurgeirsdottir analysieren in New Left Review Nr. 65 Ursachen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kein Rosinenpicken ohne Krisenartikel! Diesmal empfehlen wir eine Analyse der Krisenentstehung und -dynamik in Island. Bisher allgemein bekannt als Land der Vulkane, Geysire und Gletscher (und vielleicht noch f&#252;r Bj&#246;rk und Sigur Rós), lenkte erst die besondere Krisenbetroffenheit des Landes die Aufmerksamkeit b&#252;rgerlicher Medien auf den „Schuldenstaat“. <em>Robert Wade</em> und <em>Silla Sigurgeirsdottir</em> analysieren in <em>New Left Review</em> Nr. 65 Ursachen und Auswirkungen der Krise, skizzieren die politischen und &#246;konomischen Entwicklungen Islands seit seiner Unabh&#228;ngigkeit von D&#228;nemark, um danach die Krisenanf&#228;lligkeit des Landes durch den neoliberalen Turn in den 1990er Jahren zu erkl&#228;ren. Die Durchsetzung neoliberaler Programme durch eine beinahe noch feudalistisch organisierte Elite, im Verbund mit internationalen „FinanzexpertInnen“, verhalf Island zwar zu kurzfristiger wirtschaftlicher Prosperit&#228;t, machten es allerdings besonders anf&#228;llig f&#252;r die Krisen des „Casino-Kapitalismus“. Ein spannendes Lehrst&#252;ck, das den Zusammenhang von Korruption, Neoliberalismus und Krise verdeutlicht und weit &#252;ber das Fallbeispiel Islands hinaus Relevanz besitzt.</p>
<p>In <em>Perspektiven Nr. 11</em> berichteten FilmemacherInnen und AktivistInnen aus S&#252;dafrika im Interview &#252;ber die Selbstorganisation von Slum-BewohnerInnen in der so genannten Anti-R&#228;umungskampagne. Dass die st&#228;dtischen Armen in Johannesburg, Durban oder Kapstadt keineswegs dem h&#228;ufig pr&#228;sentierten Bild der passiven Opfer entsprechen, sondern entschlossen und selbstbewusst um bessere Lebensbedingungen k&#228;mpfen, l&#228;sst sich nun auch in der aktuellen, dem Schwerpunkt „Die Stadt in der Revolte“ gewidmeten Ausgabe von <em>Das Argument</em> nachlesen. In seiner „Wortmeldung aus S&#252;dafrika“ stellt <em>Richard Pithouse</em> nicht nur die Bewegung <em>Abahlali baseMjondolo</em> („Menschen, die in Slums wohnen“) vor, sondern setzt sich anhand der Pogrome gegen MigrantInnen vom Fr&#252;hjahr 2008 auch mit der Krise der politischen Repr&#228;sentation im Post-Apartheid-Regime und den Gefahren reaktion&#228;rer Mobilisierung „von unten“ auseinander. Obwohl nicht jedes seiner politischen Argumente vollst&#228;ndig &#252;berzeugt, handelt es sich um einen lesenswerten Text, vermittelt er doch einen guten &#220;berblick &#252;ber die Bedingungen, Erfolge und Schwierigkeiten st&#228;dtischer K&#228;mpfe in S&#252;dafrika. Weil dieses Fazit auch f&#252;r die anderen Beitr&#228;ge des Schwerpunkts zutrifft (u.a. zu den urbanen Aufst&#228;nden in Thailand, Griechenland und Frankreich), l&#228;sst sich diese <em>Argument</em>-Ausgabe nur empfehlen.</p>
<p>&#196;hnliches gilt f&#252;r die vorletzte Ausgabe von <em>Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung</em>, in der nach dem Zusammenhang von „Stadt und Krise“ gefragt wird. Die naheliegende Verbindung zum Thema urbane Aufst&#228;nde und Revolten muss man leider erst selbst herstellen, von sozialen Bewegungen, K&#228;mpfen oder strategischen &#220;berlegungen ist in den sehr Deutschland- und staatsfixierten Beitr&#228;gen leider kaum die Rede. Dass die Lekt&#252;re des Schwerpunkts dennoch lohnenswert ist, liegt zum einen daran, dass die entlang der Themen „Die neoliberale Stadt“ sowie „Krise der Kommunalfinanzen“ geordneten Texte &#252;beraus detailreich, faktenges&#228;ttigt und fundiert sind. Zum anderen ist positiv hervorzuheben, dass viele AutorInnen versuchen, &#252;ber eine blo&#223;e Kritik vermeintlich falscher Politik hinauszugehen und grunds&#228;tzliche Widerspr&#252;che neoliberaler bzw. kapitalistischer Urbanisierung offen zu legen. Beispielhaft ist hierf&#252;r neben <em>Bernd Belinas</em> anspruchsvoller Kurz-Einf&#252;hrung in David Harveys polit&#246;konomisch-krisentheoretische Konzeption „gebauter Umwelt“ insbesondere <em>Hans-Dieter von Frielings</em> Auseinandersetzung mit den Zeitdiagnosen des Mainstreams kritischer Stadtforschung. Gegen die reformistischen und reaktion&#228;ren Beikl&#228;nge von beliebten soziologischen Konzepten wie „Exklusion“ und gegen die Tendenz, &#252;ber die Kritik am Neoliberalismus jene am Kapitalismus zu vergessen, betont von Frieling den systemischen, d.h. kapitalistischen Charakter von sozialer Polarisierung und Ungleichheit sowie staatlicher Repression in den St&#228;dten. Damit stellt sein Text ein wichtiges Korrektiv in den aktuellen Debatten innerhalb der kritischen Stadtforschung dar.</p>
<p>Die Diskussion um <em>Degrowth</em>, also negatives, r&#252;ckl&#228;ufiges Wachstum der Wirtschaftsleistung als L&#246;sung f&#252;r die globalen Umweltprobleme wird diejenigen interessieren, die schon den Artikel „Grenzen des Wachstums? Ja, nat&#252;rlich!“ von Philipp Probst in <em>Perspektiven </em>Nr. 7 spannend fanden. <em>John Bellamy Foster</em> diskutiert in <em>Monthly Review</em> die reformistischen Zug&#228;nge der <em>Degrowth</em>-Anh&#228;ngerInnen und setzt der Vision eines gez&#228;hmten &#214;ko-Kapitalismus eine revolution&#228;re Perspektive entgegen. Wer tiefer in die diesen Debatten zugrunde liegenden Konzepte, wie gesellschaftlicher Stoffwechsel und &#246;kologische &#214;konomik, eintauchen will, wird seine Freude an einem Zweiteiler in den Ausgaben 159 und 160 der Zeitschrift <em>Prokla </em>haben. Abermals ist es <em>John Bellamy Foster</em>, der hier gemeinsam mit <em>Paul Burkett</em> die oft wiederholte Behauptung widerlegt, wonach Marx und Engels thermodynamische Gesetze und &#246;kologische Fragestellungen ignoriert h&#228;tten. Sie zeigen &#252;berzeugend, wie fruchtbar Marx‘ &#246;konomische &#220;berlegungen f&#252;r theoretische Untersuchungen und L&#246;sungsans&#228;tze &#246;kologischer und energetischer Probleme sein k&#246;nnen.</p>
<p>Erg&#228;nzend zur Analyse der politischen Linken in Kolumbien in diesem Heft kann die Januar-Ausgabe der Zeitschrift <em>Latin American Perspectives</em> gelesen werden. Sie widmet sich ganz den sozialen Bewegungen Lateinamerikas in Zeiten des Neoliberalismus und behandelt K&#228;mpfe in Venezuela, Ecuador, Argentinien, Mexiko und Brasilien. Besonders empfehlenswert: José Daniel Benclowicz &#252;ber das Verm&#228;chtnis der argentinischen <em>Piquetero</em>-Bewegungen.</p>
<p>Last, aber sicherlich nicht least: die <em>Perspektiven</em>-Autoren <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Stefan Probst</em> haben f&#252;r die j&#252;ngste Ausgabe der Zeitschrift <em>grundrisse</em>, die dem Thema „Organisieren“ gewidmet ist, einen Artikel beigesteuert. Darin werden nicht nur theoretische Thesen zu Form und Funktion linker Organisierung vorgestellt, sondern auch aktuelle, strategische Vorschl&#228;ge f&#252;r eine „Neue Linke“ in &#214;sterreich. Lest und diskutiert das!</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Wade, Robert/Sigurgeirsdottir, Silla: Lessons from Iceland, in: New Left Review 65, S. 5-29</p>
<p>Pithouse, Richard: Das Aufbegehren der Slums: Eine Wortmeldung aus S&#252;dafrika, in: Das Argument Nr. 289, 6/2010, S. 816-825</p>
<p>Belina, Bernd: Krise und gebaute Umwelt. Zum Begriff des „sekund&#228;ren Kapitalkreislaufs“ und zur Zirkulation des fixen Kapitals, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 83, September 2010, S. 8-19 </p>
<p>von Frieling, Hans-Dieter: &#220;berfl&#252;ssig, gentrifiziert, ausgegrenzt, kontrolliert – soziale Lagen in der neoliberalen Stadt, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 83, September 2010, S. 20-34</p>
<p>Bellamy Foster, John: Capitalism and Degrowth. An Impossibility Theorem, in: Monthly Review 62 (8), January 2011, <a href="http://monthlyreview.org/110101foster.php">http://monthlyreview.org/110101foster.php</a>.</p>
<p>Burkett, Paul/Bellamy Foster, John: Stoffwechsel, Energie und Entropie in Marx‘ Kritik der Politischen &#214;konomie, Teil 1 in: Prokla 159, Juni 2010, S. 217-240; Teil 2 in Prokla 160, September 2010, 417-436.</p>
<p>Benclowicz, José Daniel: Continuities, Scope, and Limitations of the Argentine Piquetero Movement: The Cases of Tartagal and Mosconi, in: Latin American Perspectives 38 (1), January 2011, S. 74-87.</p>
<p>Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: &#196;quivalenzketten und &#220;berraschungseier. Zu Form und Funktion linker Organisierung, in: grundrisse Nr. 36, Winter 2010, S. 34-42; online: <a href="http://www.grundrisse.net/grundrisse36/aequivalenzketten_und_ueberrasch.htm">http://www.grundrisse.net/grundrisse36/aequivalenzketten_und_ueberrasch.htm</a></p>
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		<title>Altes und neues der Feministischen Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90

„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90<br />
<span id="more-1965"></span><br />
„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an der Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen ge&#228;ndert hat.“ (41) Mit diesem Statement von Gabriele Wilde im ersten Beitrag von Staat und Geschlecht ist die Notwendigkeit des Bandes schnell belegt.<br />
Die Beitr&#228;ge der zw&#246;lf Autorinnen – einleitend wird betont, dass dies der erste Band der Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ ist, in dem nur Frauen publizieren, was die gegenw&#228;rtige Arbeitsteilung in der Staatstheorie abbildet, geht es doch um „Geschlecht“ und damit um eine „Frauenangelegenheit“ – bieten eine Zusammenschau zentraler Grundlagen feministischer Staatstheorie und -kritik der vergangenen 30 Jahre bis heute. Eva Kreisky und Marion L&#246;ffler erkl&#228;ren also etwa einmal mehr den Begriff des Maskulinismus im Staat, Gundula Ludwig das hegemonie- und gouvernementalit&#228;tstheoretische Staatsverst&#228;ndnis und die Folgen f&#252;r die Frage des Subjekts. Auch werden Themen wie die Debatte um den Geschlechtervertrag (Nichtregulierung des „Privaten“), Recht und Staat (Verb&#252;ndete im Bem&#252;hen um Gleichstellung?), Gewalt (Birgit Sauer pl&#228;diert f&#252;r einen „weiten Gewaltbegriff […] um die Vielf&#228;ltigkeit geschlechtsspezifischer Bedrohungs- und Unsicherheitslagen von Frauen […] in den Blick zu bekommen“ [62]) und die Transformation von Staatlichkeit diskutiert.<br />
Der zweite Teil des Buches, „Aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie“ betitelt, behandelt viele im geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontext noch wenig ber&#252;cksichtigte Felder, und hier wird es auch f&#252;r bereits in die Materie Eingelesene spannend: Feministische &#214;konomie, europ&#228;isches Regieren, transnationale Frauenbewegungen, Entwicklungen von Wohlfahrtsstaaten, Fortpflanzungspolitik und schlie&#223;lich Staatlichkeit und Intersektionalit&#228;t bieten einen breiten Zugang, welcher die Vielschichtigkeit feministischer Staatstheorie sehr pr&#228;gnant demonstriert und konkreten Aktualit&#228;tsbezug herstellt. Die von den Herausgeberinnen getroffene Auswahl der Autorinnen verspricht nicht zuviel: G&#252;lay Caglar etwa arbeitet zu „Gender und Globalisierung“ an der Berliner Humboldt Universit&#228;t, es findet sich eine Rechtsphilosophin neben einigen Politikwissenschafterinnen, Susanne Schultz ist Redakteurin beim Gen-ethischen Netzwerk e.V. Berlin mit Schwerpunkt Humangenetik und Friederike Habermann ist politikwissenschaftliche &#214;konomin und Historikerin.<br />
Besonders positiv hervorzuheben ist der Beitrag von Susanne Schultz, „Zwischen Eugenik, Demografie und dem Management reproduktiver Biographien: spannungsreiche staatstheoretische Zug&#228;nge zu Fortpflanzungspolitik“. Darin werden K&#246;rperpolitiken einer politikwissenschaftlichen Analyse unterzogen, die bisher vernachl&#228;ssigt wurde, obwohl die Macht des Staates &#252;ber den K&#246;rper bzw. der Einfluss des Staates bis hin zum subjektiven K&#246;rper eigentlich kein g&#228;nzlich neues Terrain darstellen. Der Beitrag behandelt ein gerade wieder durch die parlamentarische Debatte um Pr&#228;implantationsdiagnostik aufflammendes Thema und stellt zugleich neue Zug&#228;nge dar, um die trotz aller Kritik an der Trennung des „privaten“ Lebens und des „&#246;ffentlichen“, sprich „politischen“ Bereiches auch in der feministischen Politikwissenschaft anzutreffende Gewichtung in traditionelle und unkonventionelle Themen zu unterlaufen. Schultz zeigt auf, dass feministische Staatskritik „mehr kann“ als die immer gleichen Kritikpunkte an der Arbeit von Frauengruppen in internationalen Institutionen darzustellen oder die oft get&#228;tigten Vergleiche von Wohlfahrtsstaaten und deren Geschlechterpolitik neu aufzurollen. „Um einerseits die Strukturiertheit staatlicher Biopolitik als Ganzes und andererseits die Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit der K&#228;mpfe auf staatlichem Terrain analysieren zu k&#246;nnen“ (187), schl&#228;gt Schultz zwei staatstheoretische Optiken vor: „Eine Optik versucht, die K&#228;mpfe um Fortpflanzungspolitik in ihrem Prozess und mit den unterschiedlichen Positionen und AkteurInnen und somit deren Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit in den Blick zu bekommen. Und eine erfasst […] aufs Ganze blickend [und mit hegemonie- und diskurstheoretischen Werkzeugen ausgestattet], wie SprecherInnenpositionen im Feld des Staates Sinn ergeben, konstituiert sind und sich in ein hegemoniales Projekt einf&#252;gen“ (ebd.). Mit dieser Herangehensweise beschreibt Schultz drei staatstheoretische Str&#228;nge: erstens behandelt sie die biopolitische Grundstruktur moderner Staatlichkeit, wobei sie das Verh&#228;ltnis zwischen der Verwaltung von Bev&#246;lkerungen als biopolitische Makroebene und der Politik der Beeinflussung individueller K&#246;rper und deren reproduktives Verhalten als biopolitische Mikroebene beschreibt. Letztere bedeutet etwa Politik um „das individuelle oder im heteronormativen Kleinfamilienmodell paarf&#246;rmig organisierte reproduktive Verhalten“ (186). „Der zweite Zugang besch&#228;ftigt sich mit der Analyse unterschiedlicher Regime der Fortpflanzungspolitik“ (ebd.), und in der dritten Herangehensweise stellt sich die Frage: „Welche Selbsttechnologien, in unserem Fall welches ‚reproduktive Verhalten‘, wird auf der mikrobiopolitischen Ebene staatlich gef&#246;rdert, gefordert und durchgesetzt?“ (187). Hier wird die Macht von Wissensordnungen und F&#246;rdermechanismen dargestellt, aber auch empirisch, soziologisch, ethnologisch oder kulturwissenschaftlich nach Aneignungsformen und Uminterpretationsstrategien der Individuen geforscht. Musterhaft zieht die Autorin Beispiele staatlicher Politik aus Deutschland zwischen 1995 und 2008 heran. Im Schlusssatz betont Schultz die Bedeutung von sozialen Bewegungen im Kampf um politische Verhandlungen, welche hier „schon lange vor akademischen Diskussionen &#252;ber Biopolitik die[se] komplexen Verschr&#228;nkungen der Fortpflanzungspolitik analysiert haben“ (195). Im Editorial des Buches wird der Anspruch betont, dass die Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ des Nomos Verlages vor allem Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften ansprechen soll. Bei Staat und Geschlecht handelt es sich allerdings um Literatur f&#252;r jene, die im universit&#228;ren Umfeld noch nicht allzuviel &#252;ber feministische Staatskritik geh&#246;rt haben und wissen wollen, was diese in den vergangenen 30 Jahre geleistet hat. Wer in akademische Feminismen bereits eingelesen ist, wird zu Beginn des Buches kaum neuen Thesen begegnen – &#220;berraschung wird aber, um fair zu bleiben, auch nicht als Zielsetzung der Herausgeberinnen f&#252;r den ersten Teil genannt. Vielmehr soll hier auf zentrale „Begriffe, Theoreme und Problemstellungen feministischer Staatstheorie“ fokussiert werden (19). Der zweite Teil des Bandes stellt demgegen&#252;ber einige neue Themenkomplexe vor, die Lust auf eine tiefer gehende Besch&#228;ftigung machen. Eine solche kann Staat und Geschlecht mit den maximal sechzehnseitigen Beitr&#228;gen eindeutig nicht bieten. Es lohnt sich also, die jeweiligen Literaturlisten genauer durch zu schm&#246;kern.</p>
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		<title>Der neoliberale Leviathan</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Wacquant, Loïc: Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen: Verlag Barbara Budrich 2009, 359 Seiten, € 30,80

In seinem Buch Bestrafen der Armen geht der franco-amerikanische Soziologe Loïc Wacquant der Frage nach, warum das Gef&#228;ngnis als Bestrafungsund Disziplinierungsinstrument in den letzten Jahrzehnten so stark an Zuspruch gewonnen hat. Wurde bis in die 1970/80er Jahre immer wieder versucht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Wacquant, Loïc: Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen: Verlag Barbara Budrich 2009, 359 Seiten, € 30,80<br />
<span id="more-1967"></span><br />
In seinem Buch <em>Bestrafen der Armen</em> geht der franco-amerikanische Soziologe Loïc Wacquant der Frage nach, warum das Gef&#228;ngnis als Bestrafungsund Disziplinierungsinstrument in den letzten Jahrzehnten so stark an Zuspruch gewonnen hat. Wurde bis in die 1970/80er Jahre immer wieder versucht, alternative Formen der Bestrafung zu finden, wird der Ausbau der Gef&#228;ngnisse seither massiv in Gang gesetzt, konstatiert Wacquant. Der Soziologe erkl&#228;rt sich dieses Comeback des Gef&#228;ngnisses mit dessen integrativer Rolle f&#252;r den neoliberalen Staat. Entgegen klassischer Annahmen w&#252;rde der Neoliberalismus n&#228;mlich keinen schlanken, sondern einen strafenden Staat ben&#246;tigen, vor allem um die Opfer, die er selbst produziert, in Zaum zu halten.<br />
Wacquant zufolge besteht eine enge Verkn&#252;pfung zwischen bestimmten Phasen kapitalistischer Entwicklung und der zu dieser Zeit dominanten sozial- und innenpolitischen Linie. Diese Verkn&#252;pfung ist jedoch nicht rein polit&#246;konomisch zu verstehen. Aufgabe von Sozial- und Innenpolitik ist es zwar einerseits, f&#252;r die Regulierung und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse zu sorgen, jedoch andererseits auch, diese zu disziplinieren und „in unw&#252;rdige und w&#252;rdige ArbeiterInnen“ (16) zu spalten. Um dieses politische Argument auch theoretisch zu begr&#252;nden, empfiehlt Wacquant eine Integration materialistischer Ans&#228;tze, die dem Verh&#228;ltnis von Produktions- und Strafssystem nachgehen, mit symbolischen Ans&#228;tze, welche die Rolle von sozialen Demarkationslinien besonders betonen: „[Wir] m&#252;ssen den Bruch mit der eng materialistischen Sicht der politischen &#214;konomie des Strafens vollziehen, um die nachhaltigen Wirkungen des Systems der Strafjustiz als kultureller Motor und Ursprung von sozialen Grenzziehungen, gesellschaftlichen Normen und moralischen Aufwallungen erfassen zu k&#246;nnen.“ (17) In den vier Haupteilen des Buches („Elend des Wohlfahrtsstaates“, „Gr&#246;&#223;e des Strafrechtsstaates“, „Prim&#228;re Zielgruppen“ und „Europ&#228;ische Deklinationen“) versucht Wacquant diesem Integrationsanspruch gerecht zu werden. Der Wandel des amerikanischen Wohlfahrtstaates vom f&#252;rsorgenden zum strafenden Staat wird daher beispielsweise einerseits auf die notwendigen &#246;konomischen Anpassungen im &#220;bergang vom Fordismus zum Postfordismus zur&#252;ckgef&#252;hrt, sowie andererseits auf seine symbolische Kontroll- und Sanktionsfunktion in Zeiten wachsender sozialer Unsicherheit.<br />
Spannend ist Wacquants konsequentes<br />
Zusammendenken von sozial- und innenpolitischen Ma&#223;nahmen. <em>Prisonfare </em>und <em>workfare </em>sind f&#252;r ihn nur zwei Seiten derselben Medaille. Beide sind Instrumente des neoliberalen Staates zur Wiederherstellung von sozialer Ordnung. Beide zielen auf die gleiche Gruppe von Personen ab: auf die vom neoliberalen System Ausgesto&#223;enen. Zwar ist dieser Gedanke, Wacquant zufolge, gar nicht so neu. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Gef&#228;ngnis seit dem 16. Jahrhundert daf&#252;r da war, die Nicht-Besitzenden und Vagabunden unter Kontrolle zu halten, doch wurde seit dem 18. Jahrhundert konsequent versucht, Sozial- und Innenpolitiken auseinander zu dividieren. Gerade der moderne Wohlfahrtsstaat zielte in seiner Sozialpolitik ja auch auf andere Teile der Bev&#246;lkerung ab, als das moderne Bestrafungssystem. Durch den Neoliberalismus f&#228;llt jedoch ein gr&#246;&#223;erer Teil der Bev&#246;lkerung aus der Zone der sozialen Integration hinaus. Diese gilt es aus Sicht der Herrschenden nun zu disziplinieren und zu bestrafen. (61ff.)<br />
Das Buch sticht insbesondere durch seinen Reichtum an empirischem Material hervor. Wacquant hat sich die 4800 Strafanstalten des amerikanischen Gef&#228;ngnissystems genau im Hinblick auf den Verlauf der H&#228;ftlingspopulationen, der Arten der Strafen sowie der sozialen Zusammensetzung der H&#228;ftlinge angesehen. Er beobachtet seit den 1970er Jahren nicht nur eine Strafversch&#228;rfung (bei gleichbleibender Kriminalit&#228;t), sondern auch eine zunehmende strafrechtliche &#220;berwachung au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnisse. Besonders afroamerikanische Jugendliche werden von der Polizei vermehrt &#252;berwacht. Wie andere Gef&#228;ngnisforscherInnen betont auch Wacquant die Rolle von privatisierten Gef&#228;ngnissen f&#252;r die US-Wirtschaft. Weniger die Resozialisierung der H&#228;ftlinge ist die Funktion der Gef&#228;ngnisse, sondern die Bereitstellung billiger Arbeitskr&#228;fte. (131ff.) Hinsichtlich der Zielgruppen amerikanischer Gef&#228;ngnisse identifiziert Wacquant zwei als zentral: das (vorwiegend afroamerikanische) Subproletariat der urbanen Ghettos sowie Sexualstraft&#228;ter. Wacquant argumentiert, dass das Gef&#228;ngnissystem daher wohl die Aufgabe hat, die „aufgeweichte Kastenspaltung zwischen Wei&#223;en und Schwarzen neu zu zementieren“ (207). Gegen Sexualstraft&#228;ter wird Wacquant zufolge deswegen so stark vorgegangen, weil die Beschw&#246;rung ihres Gefahrenpotentials die moralische Geschlossenheit der puritanischen Mehrheitsgesellschaft best&#228;rken hilft.<br />
Die F&#252;lle an empirischem Material kann aber nicht &#252;ber das gro&#223;e Manko von <em>Bestrafen der Armen</em> hinwegt&#228;uschen. Wacquant kann auf die an seine Untersuchungen anschlie&#223;enden politischen Fragen keine Antwort geben. Politischer Widerstand gegen die rassistische, auf eine Spaltung der ArbeiterInnenklasse abzielende Bestrafungs- und Disziplinierungspolitik, wie beispielsweise in Form von Gef&#228;ngnisrevolten oder Antirepressionskampagnen, wird in diesem Buch ebenso wenig thematisiert wie Strategien grundlegender politischer Ver&#228;nderung. Gerade in Zeiten von zunehmender &#220;berwachung, <em>Zero-Tolerance</em>-Politiken und wachsenden Sicherheitsdiskursen ist Bestrafen der Armen trotzdem ein absolut aktuelles und lesenswertes Buch.</p>
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